Suppentage

Es gibt sone Tage und solche Tage. An solchen Tagen schickt die Auszubildende, trotz fester Vereinbarung- am Morgen eine SMS mit: ’sick, w’nt come in. Sry‘ und ich stehe allein vor einer ziemlich großen Ausgabe, die zu zweit kein Problem ist, allein aber sehr, sehr mühselig, vor allem wenn sich für später Handwerker angesagt haben. Die beste Chefin der Welt ist ja immer noch krank. An solchen Tagen klingelt das Telefon unablässig und niemals sind die Anrufe in zwei Sätzen abzuhandeln. An solchen Tagen, ich ziehe gerade den Mantel an ruft der Tierarzt an-Donnerstage sind Zootage und an Zootagen treffen der Tierarzt und ich uns zu einer gemeinsamen Mittagsstunde. Aber gerade an solchen Tagen klingelt eben das Telefon und der Tierarzt sagt: „Mädchen,die Kinofreundin zieht um und hat doch kein Auto.“ „Das soll heißen Du machst ihr den achten Umzug in zwei Jahren,ja?“, sage ich und das Schweigen am anderen Ende ist an solchen Tagen bleiern und schwer und ich lege auf. An solchen Tagen machen Kolleginnen in der Teeküche meinen Akzent nach und fallen vor lauter Kichern fast in das Spülbecken, an solchen Tagen vergisst sogar die liebe C., das wir auf einen Anruf verabredet waren, Schwesterchen hat zu einem gemeinsamen Wochenende genau die Freundin eingeladen, mit der ich keine halb Stunde verbringen und an solchen Tagen lese ich einen Text, den ich geschrieben habe und möchte ihn in viele, kleine Fetzen zerreißen.

Solche Tage sind eigentlich Aobaba  Tage, aber das Aobaba ist auch recht weit vom Institut entfernt und mir hängen doch die Handwerker im Nacken und so renne ich lieber ins Bun Cha. Denn das Bun Cha ist an solchen Tagen ein echter Lichtblick. Im Bun Cha lacht sie niemand aus, im Bun Cha lächelt man sie an. Im Bun Cha treten sie an den Tresen und suchen sich eine Suppe aus. Man sieht sie an und im Bun Cha sieht man genau, dass heute ein solcher Tag ist und man bedeutet ihnen sich hinzusetzen. Wenig später nähert sich eine dampfende Schüssel und sie umfängt der tröstliche Duft einer heißen Hühnerbrühe. Auch im Bun Cha reicht man Limetten zur Suppe und die Suppe ist keine Suppe, sondern ein kleiner Eimer Trost. Sie schlürfen friedlich ihre Suppe und sehen ihr Telefon gar nicht an. Zu den weiteren Vorzügen des Bun Cha gehört die Musikauswahl: im Bun Cha laufen die aktuellen vietnamesischen und chinesischen   Pophits während ich die hervorragenden Pilze aus der Suppe angle und da bin ich mir sehr sicher, wird in den Liedern mit Tierärzten, die Fräuleins versetzen abgerechnet, blau machende Auszubildende geschmäht, tomatige Schwestern als solche benannt und überhaupt wippt man nach ein paar Minuten mit dem Fuß mit, summt beim dritten Lied mit und gibt mehr Chili in die Suppe, denn die Suppe muss heiß und scharf sein, denn die Welt ist schon kalt genug.

Die Suppe lässt im Bun Cha nichts zu wünschen übrig. Im Bun Cha gibt es neben sehr, sehr guten Suppen, der besten Musikwahl und sehr frischen Frühlingsrollen auch den weltbesten Zuckerrohrsaft, allerdings kann ich Zuckerrohrsaft nicht an solchen Tagen trinken, denn immer wenn ich nach Indien komme, dann trinke ich bei Fräulein Janivapati, die einen Zuckerrohrsaftstand an der Nizamuddin Bahnstation ein großes, kaltes Glas Zuckerrohrsaft und erst dann bin ich zurück in Indien. Obwohl der Zuckerrohrsaft im Bun Cha so köstlich ist, soll man auf solche Tage nicht auch noch Heimweh legen. Das Bun Cha aber ist vor allem ein freundlicher Ort,  im Bun Cha essen Familien mit Kinder, Bauarbeiter aus Rumänien, Friseurinnen aus dem Tschad und ziemlich oft auch ein ziemlich niedergeschlagenes Fräulein. Das Bun Cha aber verlässt man stets aufgerichtet und mit einem warmen Suppenbauch und trifft man später auf den Tierarzt und seine Kinofreundin, die irgendwas von Kaffee um die Ecke murmeln, so zuckt man nur mit den Schultern, hebt etwas spitzig das Kinn, schüttelt die Shetlandponyhaare und sagt mit einer leichten Handbewegung: „Ach geht ihr nur, ich hatte Suppe im Bun Cha.“

Was? Bun Cha , Dublin

Wo? 11 Moore Street , Dublin 1 , Dublin , Ireland

Wie viel? Eine Suppe, die auch einen sehr hungrigen Riesen oder ein Fräulein an solchen Tagen satt macht, kostet zwischen 7, 50 und 9,50 Euro.

Wie stets gilt: Selbstgegessen, Selbstgeknipst, Selbstbezahlt und Selbstgeschrieben ist es auch.

Das Glück ist eine Suppenschüssel

Es gibt missliche Tage und besonders missliche Tage. An besonders misslichen Tagen, da versuchen sie in aller Früh die Katze davon abzuhalten ihre Schnürsenkel zu zerbeißen und sogleich vergräbt die Katze ihre Zähne tief in ihren Arm. Der Tierarzt sitzt an solchen misslichen Tagen mit festzusammengepressten Lippen am Tisch und keift: Dieses Porridge ess ich nicht und überhaupt will ich nie, nie, nie wieder etwas essen. An besonders misslichen Tagen ruft ihr Vater sie an und sagt: „Süße, ich weiß gar nicht, wie ich es dir sagen soll, aber ich habe alle Chanukkah-Kerzen auf die Geburtstagstorte deiner Schwester getan und wie soll ich es sagen, die Torte war sehr gut und deine Schwester hat alle Kerzen auf einmal ausgeblasen, aber jedenfalls sind die Kerzen jetzt alle weg.“ An besonders misslichen Tagen ist es auf dem kleinen Dorf, in dem ich lebe, eisig kalt, in Dublin aber schwül und warm und noch dazu lacht die Stadt höhnisch und gießt Sprühregen über unseren Köpfen aus, jedenfalls schwitzen sie in den dicken Wollstrumpfhosen und hangeln sich gerade in Feinstrumphosen, da klopft es und sie schreien: „Nein jetzt nicht“, aber die Auszubildende reißt natürlich unbekümmert die Tür auf und vor ihnen steht der Chef eines verfeindeten Instituts und sie stehen in Snoopy-Unterhosen, Bluse und einem Bein in der Strumpfhose da. Oh, diese Auszubildende!

An derart misslichen Tagen, empfiehlt es sich dringend zur mittäglichen Stunde das Aobaba aufzusuchen. Das Aobaba ist nämlich auch an besonders misslichen Tagen eine so derart wohlgeordnete Welt, dass man auf der Stelle ruhiger wird, tritt man an den Tresen und alles was es zu entscheiden gilt, ist ob man die Pho, eine vietnamesische Nudelsuppe mit Rind, Huhn oder Tofu haben will und während man seinen Wunsch über den Tresen ruft, so tönt es gleich hinterher: „Small oder large.“ Hier gilt es auf jeden Fall large zu rufen, dann erhält man ein weißes Papierzettelchen mit einer Nummer und setzt sich an ein Tischen und wenn die Damen sich mit dampfenden Schüsseln nähern, gilt es zu winken und zu rufen, denn das Aobaba ist eng und verwinkelt, die Tische sind dicht besetzt und die Schüsseln groß wie heiß. Das Aobaba wird allein von Frauen geführt- in den drei Jahren in denen ich im Aobaba Suppe schlürfe, habe ich noch niemals einen Mann im Aobaba walten sehen, umsichtig sind die Frauen, niemals verlieren sie ein Wort über unnütze Dinge. Oft ist es im Aobaba voll und man muss einen Moment anstehen, bevor man zu Tisch und Suppe kommt, einmal da begann ein Mann ungeduldig zu werden und plärrte über die Schlange hinweg etwas was verdächtig nach: „Dalli, Dalli“ klang. Eine der Aobaba Damen rief zu ihm herüber: „Soup or no soup“ und damit war alles geklärt, alles gesagt und lammfromm stand der Mann in der Schlange bis er an der Reihe war und so ist die Welt im Aobaba eine vortrefflich geordnete und deutlich unterschieden von der misslichen Außenwelt.Sollte das Matriarchat eines Tages Wirklichkeit werden, so hoffe ich sehr, dass den Damen des Aobaba dort eine Führungsrolle zukommt, denn sie haben lange schon verstanden, dass sich die Übel der Welt nicht ohne einen Teller Suppe lösen lassen.

Die Suppen kommen in großen, weißen Schüsseln, und immer gibt es Zitrone und frisches Chili dazu. ( Auf den Tischen steht zudem sriracha Soja Bohnen Paste, Fischsauce und Töpfe mit minced chilli.) Die Brühe ist so stark wie heiß, dabei niemals ölig, das Huhn ist nicht zäh und auch nicht pappweich, der Koriander ist niemals zu stark, dass alles im Koriander ertrinkt, der Bambus ist knackig und die Nudeln sind ein einziges, langes Glück, die Nudeln sind perfekt zum zuzeln und niemand im Aobaba nimmt Anstoß am schlürfenden Suppengenuss. Aber nicht nur für die Suppen lohnt sich ein Besuch: die vietnamesischen Pfannkuchen sind exzellent und die Frühlingsrollen unübertroffen. Hat man die Suppe ausgeschlürft, so kehrt man gestärkt in die Welt zurück, versöhnter noch mit den misslichsten Tagen und versehen mit der Pho der Damen Aobaba greift man sogar zum Telefon um bei der A. in Jerusalem der Channukka-Kerzen vorzusprechen und auch ihr schroffes und höhnisches Lachen: „Diaspora-Juden“, kann mich nicht weiter schrecken. Auch an misslichen oder schönen Tagen übrigens lohnt sich ein Besuch im Aobaba sehr.

Aobaba,6A Capel St, North City, Dublin 1, Täglich von 12 Uhr- 10 Abends geöffnet.Eine große Schüssel Pho Bo und alle anderen Pho Variationen, wie man mich zu Recht berichtigt, kosten 7,80 Euro.

Wie immer gilt: selbstgeschrieben, selbstgeknipst und selbstbezahlt ist es auch.Das Aobaba spricht für sich.