Eine Banane

Immer am Montag kaufe ich bei der Frau des Krämers eine große Staude Bananen. Der Tierarzt nämlich hat sich überzeugen lassen, dass Bircher-Müsli mit zergatschter Banane eine feine Sache ist und wie Sie alle wissen: beim Tierarzt zählt jede Kalorie. Der Tierarzt löffelt also bananenversetztes Birchermüsli und ich werfe morgens eine Banane zum Apfel in die Tasche. Diese Woche sind die Bananen besonders gelb und saftig und weder grassgrün noch bräunlich angedellt. Wenn Sie so wollen: Bilderbuchbananen.

Heute Mittag ging ich mit der D. essen. Wir löffelten eine ziemlich bescheiden schmeckende Tomatensuppe und führten so Kollegengespräche:

Hast Du schon gehört?

Also wirklich ausgerechnet die G.

Ach, wenn das doch nur vom Tisch wäre.

Dann zog ich meine Banane aus der Manteltasche. „Magst Du die Hälfte als Nachtisch haben, D?“ Die D. aber sah mich an als hätte ich ihr eine Lösegelderpressung vorgeschlagen. „Bananen“ sagt die D. mit vor Empörung zitternder Stimme „würde sie seit schon Jahren nicht mehr essen.“ Bananen stopften und seien überhaupt wahre Kalorienbomben, ein Stück Torte sei ja nichts im Vergleich mit einer Banane, die den Stoffwechsel hemme und einem die Kalorienbilanz in dergestalte Höhen triebe, dass man sich davon nie wieder erhole.“ Ich starre die D. an und wie so oft denke ich an Indien. In Indien sind Bananen sehr billig ein Kilo Bananen kostet etwa 45 Rupien, was in etwa 60 Cent entspricht. Bananen sind billig und machen satt und so ist eine der Standardfragen in der kleinen Slumklinik: Tumne khane me kya khaya aaj? Was haben Sie heute gegessen und nahezu immer antworten diejenigen vor uns auf dem Stuhl: Ek banana. Eine Banane.

Das meint immer: eine Banane für den ganzen Tag. Ob sie als Bauarbeiter, oder Näherin arbeiten oder am Straßenrad bügeln, Schuhe reparieren, den Müll nach Brauchbarem sortieren, Straßen bauen, Schächte ausheben, oder die Kloake reinigen, die Menschen, Rikscha fahren und die im Slum leben, haben meistens Berufe die mit schwerer körperlicher Arbeit verbunden sind, und in ihrem Budget ist Platz für eine Banane. Das ist alles. Das was an Budget übrig ist, wird immer in Nahrung für die Kinder investiert oder in sauberes Wasser, das es im Slum nicht gibt. Unter- und Mangelernährung ist neben Erkrankungen durch verseuchtes Wasser die größte Herausforderung und eine Haupttodesursache.

Eines Tages kam ein junges Mädchen in die Sprechstunde. 14 Jahre, schwanger und dünn wie ein Strich, ihr Mann ebenso dünn und 16 Jahre alt. Sie konnte vor Krämpfen kaum noch stehen: Tumne khane me kya khaya aaj? Was haben Sie heute gegessen? Ek banana. Wie sich herausstellte hatte sie in der gesamten Schwangerschaft niemals mehr und nichts anderes als zwei Bananen am Tag gegessen. Ihr Mann hingegen nur eine Banane. Die zweite Banane war für Frau und Kind. Der Mann sammelte Nägel und Schrauben aus den Brackwassern des Slums,unter den Ärmsten der Armen ist die Rangordnung ja ebenso diffizil wie unter der Superreichen und selbst im Slum in dem der Durchschnittsverdienst bei einem Dollar liegt, zählte jener Mann zu denen, die an guten Tagen vielleicht 50 Cent verdienen.
In Europa sind die Überlebenschancen für Frühgeburten ab der 23. Woche gut, aber der 28. Woche sehr  gut und in Indien in einem Slum in beiden Fällen aber extrem schlecht. Das gilt auch für unsere Klinik, denn Frühgeburten verlangen einen Ressourcenaufwand den wir nicht leisten können und den wir intensivmedizinisch nicht tragen können. Die meisten Frühgeburten also sterben in den Armen ihrer Eltern. Das ist Indien.

Die extreme Mangelernährung der Frau hatte zu einer Plazentainsuffizienz geführt und wir holten das Kind. 28. Woche. Ein Kind so groß wie eine Banane ein winzige Hand zur Faust geballt, ein entschlossenes Gesicht und der Vater stand vor seinem Kind und weinte vor Liebe und Angst um das Kind. Ja, auch in Indien lieben Eltern ihre Kinder mit der gleichen Entschlossenheit und Unbedingtheit wie in Radebeul oder Bonn.
Damals aber hatten wir gerade ein gebrauchtes Röntgengerät angeschafft und hatten kein Geld. Nichts. Der S. sah auf das winzige Wesen und sagte: „Das ist eine Kämpferin.“ Ich rief die C. an und bat zum ersten Mal in meinem Leben jemanden um Geld. „Ja“, sagte die C. und wir fuhren mit dem winzigen Wesen in eine teure Klinik. 4.000 Euro legte ich auf den Tisch und der Arzt lächelte ein bisschen amüsiert über diesen Notgroschen.

Zum ersten Mal bettelten der S. und ich. Hemmungslos. Klagend, Weinend und der S. „Wir als Kollegen…“ und dann nahm der Arzt das Mädchen und seine Mutter auf. Der Vater schlief im Blumenbeet vor der Klinik. Das Mädchen nannten sie Amita: Kennt keine Grenzen. Jeden Tag kamen wir in die Klinik und Amita ballte ihre winzig, kleine Faust, jeden Tag ein bisschen entschlossener. Amita hielt durch und Frau Rajasthani kochte für Amitas Mutter und ihren Mann, kochte mit der gleichen Besessenheit mit der wir den Arzt überzeugten dieses eine Mädchen auf der Welt zu halten. Und Amita blieb auf der Welt.

Als Amita zurück nach Hause kam, war sie etwa so groß wie normal entwickelte Kinder in der 28. Woche und der ganze Slum hielt Amita am Leben. Damals obwohl wir doch gerade das Röntgengerät angeschafft hatten und ich nun einen Batzen Schulden bei meiner lieben C. hatte, beschlossen wir, dass sich etwas ändern müsste und seitdem liegen in der Schublade des Klinikschreibtisches, kleine gefaltete, braune Papiertüten mit Geld für eine richtige Mahlzeit. Und wenn die Patienten auf die Frage: Tumne khane me kya khaya aaj?, mit: Ek Banana antworten, dann gibt es eine Mahlzeit auf Rezept. Eine Banane macht nicht satt. Vor zwei Jahren hatten wir endlich genug Geld um für alle Kinder und werdende Mütter zweimal in der Woche ein Frühstück zu organisieren: Milch, Bananen und Samosas an jedem Mittwoch und Sonntag. Jede Kalorie zählt und der Hunger ist ein großer, ein hartnäckiger, ein verbissener Gegner, und die Kinder haben vor der 40. Woche eigentlich keine Chance. Und auch in der 40. Woche ist die Chance noch immer ein Vielfaches geringer als in Europa. Noch immer ist der Geburtstag der indischen Kinder im Slum oft auch ihr Todestag. So ist das in Indien und deswegen sind wir ja auch dort.

Zwei Jahre später Amita rannte vergnügt und jagte Straßenhunde hatte ich 4000 Euro gespart und lud meine liebe C. zum Essen ein. „Danke“, sagte ich und dachte an den Abend an dem Amita auf die Welt kam. Die C. nahm das Geld und zwei Tage später hatte ich 4,000 Euro auf dem Konto: Betreff: Alles Banane.

In der Praxis meiner lieben C. hängt ein Bild von Amita und mir: Sie verschlingt ihre Frühstücksbanane und erklärt mir sie sei ein Tiger, aber einer der nur Bananen möge und ich sage: „Ich weiß, Mäuschen, ich weiß“ und sehe ihre kleine entschlossene Faust wie damals als sie auf die Welt kam und immer wenn ich vor dem Bild stehe und sentimental schniefe, kommt die liebe C. küsst mich auf die Nasenspitze und lacht: „So ist das wenn man Kinder hat.“

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Die D. steht noch immer neben mir und erklärt mir warum die Banane die Abnehmsünde sei. Aber ich drehe mich um und sage: „Ich will das wirklich nicht mehr hören.“ Dann drehe ich mich um und esse die wirklich sehr gute Banane, nicht zu grün und auch noch nicht braun angedellt. Eine Banane. Ek banana.

02. Juli 2017: Ich bin sehr gerührt und sehr dankbar für all Ihren Zuspruch und Ihre überwältigende Hilfsbereitschaft! Nun ist es mit Spenden eine gar nicht so einfach Sache, sondern eine rechtliche und auch strukturelle Herausforderung. Ich werde überlegen, ob und wie und welche Möglichkeiten es gibt und melde mich dann hier an alter Stelle. Aber ich bin unendlich dankbar vor allem dafür, dass Sie Anteil nehmen. Es gibt Dinge, die sind in Geld und Gold niemals aufzuwiegen. Danke. Von Herzen. Immer Ihr Fräulein Read On.

Die Sache mit den Zahnbürsten

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Zahnbürsten mit Kappen für den Slum 

Neulich las ich einem jener Magazine in denen sehr gut aussehende Menschen davon berichten, wie Fehler sie zu stärkeren, besseren und immer erfolgreicheren Menschen gemacht hätten. Die Frauen, die da berichteten waren alle blond, trugen Perlenketten und sind heute CEO von irgendeiner Tech Company im Silicon Valley und die schlimmsten Fehler vermeidet wahrscheinlich ein Personal Assistant aus Harvard. Ich bin natürlich neidisch, denn ich bin nicht blond, Perlen sehen an mir selten gut aus und ich bin kein CEO von irgendwas, Fehler habe ich dafür schon so viel gemacht, dass selbst ein Harvard Graduate die Finger davon ließe und schöner, glücklicher und gelassener hat mich keiner der vielen Fehler gemacht. Angestrengt, und ausgelaugt haben mich die Fehler, die Fehler haben mich ängstlicher, verdrießlicher und verzagter gemacht, und oft war ich kurz davor alles hinzuwerfen. Ich Versager, ich ewiger. Einer dieser Fehler war die Sache mit den Zahnbürsten.

Damals als der S. und ich die kleine Slumklinik in einem sehr großen Slum in Indien gründeten fiels uns auf, dass nahezu alle Kinder nur noch verfaulte Zähne im Mund hatten und wenn dann auch die bleibenden Zähne nur noch schwarze Stümpfe waren, bekamen die Kinder, wenn sie Glück hatten eine Prothese, ein schauderhaftes, schweres Ding, das weder an den kindlichen Kiefer noch an die Lebensrealität der Kinder ( kein sauberes Wasser um die Prothese zu reinigen ) angepasst war. Wenn Sie Pech hatten, dann kauten sie eben auf verfaulten Zahnstümpfen. Der erste Fehler, den wir machten, war zu glauben, wir könnten die Kinder ohne die Eltern erreichen. Sprich, wir verteilten Zahnbürsten an die Kinder und erklärten wie man die Zähne putzt. Die Kinder waren stolz auf die in Cellophan eingeschweißten Zahnbürsten und wie Sonntagsschuhe bewahrten die Familien, die Zahnbürsten auf. Zähne geputzt wurden damit nicht. Nicht ein einziges Mal. Wir schlugen die Hände über dem Kopf zusammen. Dann wandten wir uns doch an die Eltern. In jeder einzelnen Sprechstunde führten wir vor, wie man sich die Zähne putzt. Die Eltern waren begeistert und nahmen die Zahnbürsten mit. Wir dachten, die Dinge würden schon ihren Gang nehmen. Die Dinge bewegten sich nicht.

Die Zahnbürsten waren Sonntagsschuhe: sorgsam gelagert und wann immer die Familien uns sahen oder wir Hausbesuche machten, führte man uns stolz die originalverpackten Zahnbürsten vor. Der S. und ich starrten verzweifelt an die Wand. Vor unseren Augen, vor Kartons voller Zahnbürsten, verfaulten also die Zähne der Kinder. Ich rief verzweifelt meine Großmutter an. Ich glaube 30 Sekunden für 7 Euro ( 14 DM!!):“Zahnbürsten wie Sonntagschuhe“ rief ich und sie antwortete: „Mach aus Sonntagsschuhen alte Latschen.“ Der S. und ich sahen auf die Berge voller Zahnbürsten vor uns auf dem Tisch. Dann endlich verstanden wir was der Fehler war. Wir hatten nicht begriffen, dass man Sonntagsschuhe eben nicht im Alltag benutzt und dann begannen der S. und ich allerlei Dinge im Slum einzusammeln, die den Menschen vertraut waren, angebrochene Kämme, Holzreste, all das was in Europa unter dem Wort Müll gefasst wird, aber dort im Slum sind es gebrauchte und benutzte Alltagsgegenstände. Am Küchentisch von Frau Rajasthani sägten wir die nagelneuen Zahnbürsten entzwei bohren eine Schraube unter den Zahnbürstenkopf und schraubten und leimten die Zahnbürstenköpfe auf die Holzstiele und Plastikkammenden. Frau Rajasthani schlug die Hände über den Kopf zusammen. Herr Rajasthani verzog das Gesicht und schämte sich der primitiven Armen im Slum. Aber vor allem schämten sich S. und ich, dass wir geglaubt hatten, es reiche schon etwas zu verteilen und schon sei alles erklärt. Immer erst, wenn etwas nicht funktioniert, realisiert man wie spezifisch Kulturtechniken einfach sind und wenn mir jemand ein Neem-Blatt hinhielte, wüsste ich noch lange nicht, wie ich mir damit die Zähne reinigte. Wir verteilten diesmal an Eltern und Kinder, die umgerüsteten Zahnbürsten, die jetzt nach Alltag und nicht mehr niegelnagelneu aussahen. Schließlich hatten wir auch verstanden, dass Zähne putzen nur mit sauberem Wasser Sinn macht und seitdem putzen die Kinder in der kleinen Klinik die Zähne. Wenn die Zahnbürsten dann lange genug in Gebrauch waren, begannen wir eine nach der anderen gegen die neuen Zahnbürsten aus den Kartons auszutauschen und schließlich wurden die Zahnbürsten so normal wie andere Alltagsgegenstände im Slum.

Eines Tages, als ich frühmorgens in die Klinik kam, fiel mir auf, dass in den Zahnbürsten lauter, kleine schwarze Insekten saßen und das die Zahnbürsten alsbald nachdem sie in Benutzung waren, unschöne, braune Stockflecken bekamen, die keineswegs gut für Kindermünder sein konnten und wieder hatten wir einen Fehler gemacht, denn in einem ohnehin extrem humiden Klima, Zahnbürsten offen stehen zu lassen, ist dem Erhalt von Zahnbürsten kaum zuträglich. Aber unser Budget reichte und reicht nicht aus, um für jedes der vielen Kinder, eine eigene Schachtel anzuschaffen. Wieder saßen wir mit über dem Kopf zusammengeschlagenen Armen da und wussten nicht weiter. Über den vielen Fehlern, waren viele Zahnbürsten und mehrere Jahre ins Land gegangen, da putzte ich mir auf einer Flughafentoilette in Rom die Zähne und neben mir stand eine Frau, die ebenso ihrer Zähne polierte und die nachdem sie sich den Mund ausspülte, auf den Kopf ihrer Zahnbürste ein formidables Plastikkästchen schnappen ließ. Ich schluckte grünen Colgate Schaum herunter und die Frau schrieb mir auf, wo sie eine solche Zahnbürste erstanden hatte. Ich tanzte über den römischen Flughafen und der S., der tanzte mit. Seitdem also bestellen wir Zahnbürsten mit Plastikkappen und weil Kinder auch in einem Slum in Neu-Delhi genau so Dinge verlieren wie ihre Altersgenossen in Darmstadt oder Berlin, beauftragten wir eine Frau, die seitdem für uns die Plastikkappen so an die Zahnbürsten anbringt, das sie nicht sogleich wieder verloren gehen. Seitdem putzen die Kinder im Slum morgens wie abends mal mehr oder weniger murrend, die Zähne. Seit Jahren schon haben die Kinder nicht mehr schwarze Löcher dort wo eigentlich Zähne sind und die Kinder können genauso herzhaft in einen Apfel beißen, wie anderswo.

Es hat fast drei Jahre gedauert, uns an den Rand der Verzweiflung getrieben, wir haben uns so oft vor Eltern wie Kindern die Zähen geputzt, das uns vom Geruch von Zahnpasta fast übel wurde und wir haben sehr viel Geld ( selbstverdient ) in verfaulende oder niemals verwendete Zahnbürsten gesteckt, bis wir verstanden hab wo der Fehler lag. Versager, ewiger dachte ich immer wenn ich vorführte, wie das geht mit der Zahnbürste und die Zahnbürsten, doch immer weiter nur Sonntagsschuhe blieben. Gelernt haben der S. und ich vor allem, das wir uns auch in der größten Verzweiflung nicht gegenseitig erwürgen wollen, sondern irgendwie gemeinsam weitermachen. Manchmal fragen uns Leute, ob wir nicht endlich einmal fertig seien mit unserer Slum-Klinik, dann schütteln wir den Kopf. „ Wir fangen gerade erst an, sagen wir dann, inklusive aller, unserer Fehler.“ Die Leute gehen dann lieber schnell weiter. Außerhalb des Silicon Valley’s nämlich sind Fehler nicht sexy, tragen keine Perlenketten und CEO wird man mit Zahnbürsten auch nicht.

Dafür lächeln sehr viele Kinder, sehr breit, sehr frei und mit lauter , gesunden Zähnen im Mund.Ich ärgere mich nur manchmal, an einem Sonntag im Mai zum Beispiel über den Fehler mit den Zahnbürsten

Delhi Diary-In numbers

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One toilet for more than 10.000 people.

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One house for a family of seven. No door, just a curtain.

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Uncountable electricity lines.

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Six pairs of white trainers.  200 people under the roof.

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A mountain of cookies multiply by many, many more. Day after day.

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A river of milk, multiply by many, many more canisters. Day after day.

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Every girl, every child, every woman, every man counts.

Delhi Diary-Click, Click, Click

Tired feet. A tired heart. Tired is no feeling, no? It is just a description, nothing more, nothing less. The rain fills the well in the slum and the water with all its sewage floods inside the huts. Cleaning and cleaning and again cleaning up, the effect is not much visible. A puppy, chocolate brown got electrocuted and I do not even know, why the death of a stray dog upsets me so much. Probably I am just too tired. Sometimes a group of visitors comes to the slum. Slum tours seem to be the new big thing. They all wear white t-shirts with a silly inscription printed on top. I don’t know what they are afraid of, that they got lost without their T-shirt? They stare and when they do not stare, they get out their big and expensive cameras. Click, click, click, you hear them before you see them and when they are already gone, you still hear their click, click, click. Mechanical, I think and wonder if back home, they tell with a shudder of the unbearable conditions of „that place“. They hold their cameras very firmly. They are always afraid that the people living here will steal them. They don’t get the point. The people are living here and they are wandering through their living-rooms. They are never wondering if they are stealing anything. Sometimes the visitors ask me. They always ask questions as if they find themselves in a horror movie. „Are there many homocides?“ „Do people die here from the bubonic plague?“ „How many people die of Dengue fever?“ Do the men rape their women?“No, no, no, no, I say. Sometimes I wish I could shout and shout at them that the people here are just dying from diarrhoea, because there are no toilets and the water is contaminated. You understand? It is as simple as that. Death is simple and frequent here. The visitors are clearly disappointed. Then they are gone but the rain is still here and we fill more and more buckets with muddy water till I forget my name and just remember that I am tired. So very, very tired.

Delhi Diary- As an exception in German: Über den Horizont hinaus

Als ich ein kleines Mädchen war, verbrachte ich die langen Sommerferien bei meiner Großmutter in Deutschland. Einmal aber hatte meine Großmutter andere Pläne und so kam ich für eine Woche zu Yehuda Schechter. Wie alle Bekannten meiner Großmutter zählte auch er zu jenem Kreis der „Auschwitzer“ und zu dem noch viel kleineren Teil der im Osten Deutschlands lebenden Juden. Yehuda Schechter hatte keine Kinder und eigentlich auch nie Kinderbesuch. Als ich siebenjährig vor seiner Tür stand, sah er mich misstrauisch an. Nichts anfassen, war sein erster Satz. Sehr misstrauisch saßen wir uns gegenüber auf tiefen, dunklen, moosgrün bezogen Sesseln. Er sah mich an. Ich sah auf den Fußboden und bohrte meine Fußspitzen in den Teppichboden. Yehuda Schechter räusperte sich. Dies ist zu unterlassen sagte er und ich musste lange überlegen, was das wohl heißen solle. Drei Tage lang saßen wir uns mehr oder weniger stumm gegenüber. Yehuda Schechter war auf der Suche nach einem Thema, das ihm kindgerecht erschien und ich war auf der Suche nach möglichst wenig Dingen, die den furchterregenden Satz: „Dies ist zu unterlassen nach sich zog.“ Am vierten Tag kippte ich ein Glas Milch um und Yehuda Schechter war so entsetzt, dass er mich unvermittelt fragte, ob ich denn Fahrrad fahren könnte? Ich konnte es nicht. Yehuda Schechter schüttelte traurig den Kopf: „Was können die Kinder überhaupt noch?“ Dann verließ er die Wohnung. Am nachmittag kam er zurück. Mit ihm kam ein Fahrrad, kein Kinderfahrrad, sondern ein kleines Damenrad und Yehuda Schechter und ich gingen auf den Hof. Bevor ich auf das Rad steigen durfte, zeigte mir Yehuda Schechter wie man eine Kette wechselt, unterwies mich in der Benutzung des kleinen Ölfläschchens und so lange bis ich es konnte, übte er mit mir den richtigen Gebrauch des Dynamos. Dann endlich setzte er mich aufs Rad und schob mich langsam über den Hof. Er sagte: Jetzt treten, nein, bremsen, lenken, lenken, lenken und immer hielten mich seine Hände bei den Schultern, dann ließ er los, er rief zwar immer noch, lenken, lenken, bremsen, bremsen und langsam, Kind, langsam, aber ich fuhr mit dem Fahrrad über den Hof, ganz allein, eine kleine Königin glaube ich hätte sich nicht größer und glücklicher fühlen können als ich. Zum ersten Mal habe ich an jenem Sommerabend im Innenhof Yehuda Schechter lächeln sehen. Jeden Tag stiegen Yehuda Schechter und ich von nun an auf unsere Räder und fuhren erst durch den Park, dann durch die Straßen und irgendwann hinaus aus der Stadt ins Freie hinein. Oft pausierten wir auf einer Wiese unter einem großen Baum, dann gab es Limonade und Yehuda Schechter trank bedächtig Malzkaffee aus einer alten, metallenen Kanne. Warte hier Kind, sagte er dann, nur für einen kleinen Moment. Dann stieg er noch einmal auf sein Fahrrad, beugte sich leicht über den Lenker und warf sich mit aller Kraft in die Pedalen und wurde schnell und schneller, bis er schließlich mit dem Horizont zu einem kleinen, schwarzen Punkt verschwamm. Kind sagte er, wenn er zurückkam, außer Atem, sieh, ich fahre mit dem Wind um die Wette. Ich nickte, auch wenn ich nicht wusste warum. Zwei Sommer später aber nahm sich Yehuda Schechter das Leben, ein Fahrradunfall sei es gewesen, schrieb mir meine Großmutter. Schon damals klang das schal in meinen Ohren, jemand der Rennen mit dem wind fährt, fällt nicht unvermittelt vom Rad.

Viele Jahre später, vor einigen Wochen also, sage ich zu Herrn Rajasthani: “ Herr Rajasthani, ich brauche ein Kinderfahrrad für eins meiner Kinder, im Slum. Herr Rajasthani grummelte, Herr Rajasthani murmelte etwas von: unmöglichen Straßen und überhaupt. Gestern aber, stand auf dem Balkon, kein Kinderrad sondern ein kleines Damenfahrrad, silber und dunkelblau. Neben dem Fahrrad,ein sichtbar stolzer Herr Rajasthani. Und weil Herr Rajasthani nicht Herr Rajasthani wäre, brachte er das Rad und mich heute in den Slum. K. ist sieben, vielleicht aber auch acht oder neun Jahre alt, so genau weiß man es nicht, sie nicht, ich nicht und ihre Eltern auch nicht. K. ist sportlich, ungewöhnlich sportlich, K. möchte Rad fahren lernen. Jeden Morgen in den vergangenen sechs Wochen fragt sie mich, ob sie heute Rad fahren lernen könne. Heute sieht sie das Rad und mich. Für eine Stunde versteckt sie sich, dann klopft es zaghaft und wir gehen hinunter auf die Straße. Ich zeige K. wie man die Kette wechselt, gebe ihr ein kleines Fläschchen Öl und übe mit ihr das Schloss richtig und sicher zu befestigen. Dann sitzt K. auf dem Rad und ich schiebe sie an. Jetzt treten sage ich, lenken, lenken, langsam, bremsen, bremsen, bremsen rufe ich und dann traut K. sich doch in die Pedalen zu treten und ich renne ihr die Hand noch immer an den Schultern hinterher. Aus dem Weg, Straßenhunde, würde ich rufen hätte ich genug Atem, seht ihr nicht, hier kommt eine Radfahrerin, aus dem Weg Rikschafahrer, Gemüsehändler, aus dem Weg ihr Kartenspieler und auch ihr, ihr Frauen mit den Wäschebergen, wir haben jetzt keine Zeit, wir müssen an euch vorbei. K, fährt, sie fährt, und ich renne und laufe und dann lasse ich ihre Schultern los und sie fährt, fährt stolz wie eine kleine Königin, fährt mit dem Wind, furchtlos und schnell, und ahnt wohlmöglich etwas von jenem vollkommenen Glück, das nur der kennt, der dem Horizont entgegen fährt, weiter und weiter, ein ganzes Leben lang.

Ganz sicher bin ich, ich schwöre, als ich lachend und mit Seitenstechen schließlich  stehen bleibe, an eine Hauswand gelehnt und nach Atem schöpfend, das für einen Moment, auch Yehuda Schechter an der Kreuzung steht, lächelnd, wie einstmals, sagend: Das Kind kann fahren, das Kind ist auf dem richtigen Weg.

Delhi Diary-„Down there“

Every Saturday morning the older girls of the slum are coming to me. They bring scented candles I find so very hard to stand for longer than 30 seconds, I offer tea and sweets and my notebook. Fifteen girls between 13 and 17 years old are cuddling on the chairs, the floor and on my desk. They giggle and are watching their favorite Bollywood music clips on YouTube. They dance  Two of them are fiddling with my hair and while I am wearing a louse violet shirt they giggle even louder when they spot one of my bra straps. They love to paint their nails and are excited when I admire their colorful toes. They are young and full of life. They are all about to marry in the next few months. When I look at them I remember the first of such a Saturday session I ran in    a different slum in a different country a few years ago. I showed a picture similar to this one and 30 seconds later the room was empty. But the problem is still the same. The questions are still the same. The topics are still the same. The girls are getting to be married and it still is nearly impossible for them to talk about the sexual part of those marriages. Addressing such issues is the same thing as having ‚bad thoughts‘ and who would be the one to confess? But sometimes in this room on a Saturday morning with tea and giggles it becomes possible to go „down there.“ Maybe because the room is sch an outer space to the world they come from, maybe because I am such an outsider but not more than ten years older than them and maybe because they can come across my bra straps, pushing it back and giggle as loud as they want. Maybe its the scented candles. I do not know. But on most Saturdays at a certain moment they gather around my desk, sit on my lap and try to ask questions. It is not easy to get „down there“, and not only because my Hindi lacks in the ability to express such issues, but in the mere fact that the girls have no words themselves for the issues they want to talk about. None of the girls is able to name their own private parts or the respective male one. Introducing terms such as „penis“ or „vagina“ is a challenge of its own. „Down there“ is a dark, sinful and dirty place that causes embarrassment and shame and in respective to men: fear. Again and again I try to explain that the penis does not consist of a bone and therefore is and will never be: hard as iron or steel. You can see them breathing out. Sex and especially the first night after marriage is nothing shared in private but part of a social pattern.  The girl has to prove she entered the marriage as a virgin and I am always asked with eagerness: „How much blood will appear?“ The expectations are high and they stare at me in disbelief when I try to make clear that the rupture of the hymen is comparable to a pin-prick and not to a bottle of ketchup spilled over the table. Some girls want to know: „How much does it hurt?“ I always want to tell them that they should talk to the man they will be with, making their first sex for themselves as pleasurable as possible, but this is not going to happen. I try not over exaggerate. I try to explain that it is not that easy as widespread legs and man on top suggest but I have the feeling I always fail.  No I say, eating papaya/ pineapple/ tomatoes does not help to prevent pregnancy. No, dripping lemon juice onto the vagina after sex does not prevent pregnancy either. No, till you do an ultra-scan it is not possible to know the sex of your baby. I look into stunned faces. No, no won’t ever happen. i often try to encourage them to talk with their men after their married about their concerns, about themselves. But they look embarrassed and I stop. Girls I say, I make some more tea, tikke? Tikke,ok they say and turn their heads back to the music on my laptop. While waiting for the water to boil, I think of the many Saturday girls sessions I did between Dhaka and Delhi, trying to answer always the same questions. But still I makes me very sad that all questions concerned with „down there“ are full of fear and suspicion, of shame and disgust and never, not even once a girl asked me if sex can be something pleasant, intimate or desirable. None of the girls ever told me a phantasy or a wish, nor oral sex or an orgasm. None of the girls in no language ever spoke of making-love.

Delhi Diary-As an exception in German: Rosenblüte

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„Rosenblüte“, sagt Herr Salman, Sie kommen heute aber spät. Ich ächze und nicke, denn natürlich hat Herr Salman Recht. „Heute, bin ich wirklich noch weniger Rosenblüte, als sonst, Herr Salman, vielmehr ähnle ich einer zerknickten Nelke vom Straßenrand“, sage ich und seufze. Ich sehe wirklich zerfleddert aus.“ Rosenblüte“, sagt Herr Salman, Sie sollten nicht so viel arbeiten. Nun nicke ich und Herr Salman lächelt leise. Als ich Herrn Salman’s Geschäft, dass Sie sich nicht als vollklimatisierten Supermarkt mit Regalen, Kühltruhen und, sondern als langen, schlauchartigen, reichlich dämmrigen Raum vorstellen müssen, zum ersten Mal betrat, da fiel ich über einen in der Tür lehnenden Stapel Pappkartons und fluchend wie ein Bierkutscher krachte ich gegen die Ladentheke hinter der Herr Salman jeden Tag steht. „Rosenblüte, sagte daraufhin Herr Salman, haben Sie sich weh getan?“ Wehgetan hatte ich mir nicht, Rosenblüte aber bin ich geblieben. Jeden Tag gehe ich in der Mittagspause zu Herrn Salman. Ich kaufe Erdnussbutter, Erdbeermarmelade, ich nehme Schachteln voller Horlicks Kekse, ich kaufe Parle-G Kekse, ich kaufe Zahnbürsten, Zahnpasta, Hände voll Kaugummi, ich kaufe Seife in allen Formen und Farben, ich kaufe salzige Cracker und Käse in Dosen, ich kaufe Kakaopulver und Buntstifte, Wassermalfarben und buntes Papier. Am Dienstag und Donnerstag: neun Stauden Bananen. Ich kaufe Abziehbilder mit Superhelden und Abziehbilder die glitzern. „Rosenblüte, sagt Herr Salman, Sie und ihre Kinder.“ Ich nicke und lege noch mehr Seifenstücke auf den Tresen. Auf einem Notizblock rechnet Herr Salman alles zusammen und verpackt das Viele in immer genau so viel Tüten, dass ich sie bequem herumtragen kann. Rosenblüte, sagt Herr Salman, wie kommt es das Sie auf Arabisch fluchen können? Eine alte Gewohnheit sage ich und Herr Salman fragt nicht weiter. „Herr Salman sage ich, sind Sie aus Delhi?“ Gujarat, sagt Herr Salman und ich frage nicht weiter. 2002, sei er nach Delhi gekommen und für einen Moment wird das dunkle Ladengeschäft noch schattiger, noch dunkler als es ohnehin schon ist, so als würde das Licht mit der Erinnerung verschwinden. Wir nicken uns zu,Herr Salman hinter der Ladentheke und ich mit meinen Tüten vor ihm. Herr Salman greift wie jeden Tag hinter sich in das deckenhohe Regal, zwei Schachteln mit süßer Baklava oder Pistazienkonfekt oder süße Kugel aus Kardamom holt er herunter, nur um mit der anderen Hand, tief in das Bonbonglas zu fahren und den Inhalt so als sei es nichts weiter in meine Tüten gleiten zu lassen. „Herr Salman, protestiere ich wie jeden Tag, Sie sollen doch nicht!“ Aber Herr Salman lächelt nur leise, “ Es ist doch für die Kinder, Rosenblüte, sagt er für die Kinder.“ „Kinder sind doch wunderbar“ Danke, Herr Salman, rufe ich ihm zu, während mir sein Sohn die Tür aufhält. Bis morgen, Herr Salman! Bis morgen, Rosenblüte, bis morgen!

Zurück, drei Straßen weiter, stehen A., N. und P. schon in der Tür.“ Sie kommen spät, Read On“, sagen Sie und haben natürlich Recht. „Warum, fragt die N. mich später, nachdem alle Kinder, auf Marmeladenbroten, Keksen oder Bananen kauen, kaufen Sie eigentlich bei Herrn Salman ein?“ „Ich mag ihn und sein Geschäft“, antworte ich und sehe sie an. „Aber sagt N. und zögert schon, er ist doch ein Muslim. Gewiss, sage ich und weiter?“ und gucke dabei nicht einmal von meinen Notizen hoch. Ich weiß auch so, dass N. rot und verlegen zu mir herüber sieht. „N. sage ich ziemlich bestimmt, Sie kommen morgen mit zu Herrn Salman zum Einkaufen und laufe aus dem Zimmer, hinaus in den Hof, wo 200 Kinder, Bonbons lutschen, kichern, hopsen und schreien. „Sehen Sie Rosenblüte würde Herr Salman sagen, es sind doch wunderbare Kinder“ und streckte seine Hand noch viel tiefer, leise lächelnd in das Glas voller süßer Bonbons.