Von fern ist das Meer niemals nah.(4)

Hier finden Sie den ersten, zweiten und dritten Teil der Geschichte.

Sie steht am Bahnhof noch immer mit kalten Händen. Die Urne ihres Vaters wiegt schwer in der Tasche. Zum ersten Mal steht ihr Vater nicht neben ihr. Nicht einmal mehr als Schatten, zu schwer wiegt die Asche an ihrer linken Hüfte. Der Tod vertreibt die Phantasie, verschluckt die Erinnerungen, ihr Vater trägt keine blaues Hemd mehr, wechselt im Zug nach Brighton nicht mehr von den schwarzen Schnürschuhen in die Sandalen, breitet nie wieder die Arme aus: „Mädchen, riechst du das Meer?“

Stickig und veratmet ist die Luft im Zug. Eine Schuklasse, eine Junggesellenabschiedsgruppe. Rosa Tutus über ihren Jogginghosen, bubenhafte Gesichter, aber ein harter Zug darin eingegraben schon jetzt. „We are gettin pissed“ schreien sie, als würde man es ihnen nicht ansehen. „Willst du mal was Großes sehen, grölt einer der Männer zu ihr herüber. Sie schweigt, dann kommt der Schaffner, mehr Menschen drücken in den Zug, ein Mann will ihr die Handtasche abnehmen, bietet ihr an, sie in die Gepäckablage zu legen, sie umklammert mit beiden Händen den Lederriemen. „Lassen Sie das“, sagt sie und er schüttelt empört den Kopf. „Bloody people.“ Als sie ein Kind war, da schlief sie auf dem Schoß ihres Vaters während der Fahrt ans Meer. Aber nur noch die Urne mit der Asche ist übrig, eng in ihre Rippen gepresst, sie sieht aus dem Fenster. Goldfische im Glas, denkt sie, Goldfische im Glas sind wir alle. Die Junggesellen rülpsen Lieder.

Kühl ist es in Brighton als sie aussteigt. Eine Hand ist ihr eingeschlafen während der Fahrt. Kribbelnde Fingerspitzen, ein tauber Fuß. Zerknittert hängt ihr Mantel über dem Arm. Sie kennt den Weg, kennt ihn besser als andere Wege, wie oft ist die Straße zum Meer hinuntergehüpft, hinuntergerannt, heruntergerollert, auf hohen goldenen Sandalen zum ersten Mal heruntergeschritten. Eine Königin aus Southall, 16 Jahre, ihr Vater hielt sie fest, damit sie nicht vor den Augen aller, die Balance verlor. Sie muss schlucken. Die goldenen Sandalen liegen noch immer in einer mintgrünen Kiste unter ihrem Bett im Haus ihres Vaters. Der Weg hinunter zum Strand ist ihr zäh und lang, trist der Weg und viel länger als sonst, zieht sich immer nur weiter und weiter dahin. Sie bleibt stehen. „Wie begräbt man einen Vater?“ Sie hat keine Antwort, nicht auf diese Frage. Eine Unre voll Asche im Meer, kann nicht mehr sein als es ist, ein grauer Moment in der blauen Unendlichkeit. Für eine ganze Weile sitzt sie auf einer grünen Bank und starrt auf ihre Schuhe. Praktisch und blau, comfy, murmelt sie, keine Spur mehr von Glitzer und Gold. Wieder beginnt es zu regnen, ihr Mantel hat dunkle Flecken und sie steht auf, und geht die Straße hinunter, die Straße führt ans Meer.

Am Strand aber stehen dicht gedrängt mehr Menschen als an jedem sonnigen Sommertag. Ein Rettungswagen. Polizisten, gelbes Absperrband und knisternde Funkgeräte. Dumpfer Regen, und alles durchdringenden Feuchtigkeit. Nein, sie denkt nicht an Kurta, Kurta den Hund, den Mann, dessen Namen sie verloren hatte, dafür wiegt die Asche an ihrer Hüfte zu schwer. „Was ist das?, fragt sie einen Mann mit zerdrücktem Hut neben sich. Ist das ein Surfwettkampf heute? Sie überlegt, wie sie ihren Vater wohl gehen lassen kann, inmitten all dieser Menschen, die auf das Meer starren, einige haben sogar Ferngläser dabei. Eine Frau steht zu ihrer Linken, einen Bademantel über die Frotteehosen gezogen, eine Tasse mit Instantkaffee in der Hand. Auf der Tasse ein Plüschbär mit Pflaster über dem Ohr. Ihr wird übel von dem Geruch, der säuerliche Kaffee und das süßliche Parfüm der Frau. Sie kann sich nicht mehr erinnern, wann sie etwas gegessen hatte. Der Mann mit dem zerdrückten Hut schüttelt den Kopf: „ Nein, kein Sport“, sagt er, ein Mann ist ins Meer gegangen. Er sagt es so wie: Ein Mann ist Zigaretten holen gegangen. Ein Mann ist zur Arbeit gegangen. Ein Mann ist in den Park Ball spielen gegangen. Nur eben: „Ein Mann ist ins Meer gegangen.“ „Ein Mann ist ins Meer gegangen wiederholt sie stockend.“ Der Mann nickt. „Einer wie Sie.“ Sagt er mit einem feixendem Grinsen. „Einer wie ich?“, fragt sie. Er grinst noch immer, feixend wohl um seine Verlegenheit zu überspielen. „Ein Dunkler halt“, sagt er dann dreht er sich weg, zieht seinen zerdrückten Hut vom Kopf nach vorn und winkt Bekannten. Die Frau im Bademantel bietet ihr eine Zigarette an: „Machen Sie sich nicht draus, seine Frau ist ihm abgehauen mit einem Paki.“ Sie starrt die Frau an. Die Frau starrt zurück. Dann drängt sie sich weiter nach vorn, vorbei am Mann mit dem zerdrückten Hut und seinen Bekannten bis zum gelben Absperrband. Das Band flattert im Wind, grauer Regen und das Meer eine kalte, graue, eine harte Mauer aus Beton und Salz. Ein Polizist schreit in das Funkgerät, Satzfetzen aber keinen davon kann sie entziffern. Eine Polizistin hält ein Bündel Kleider in den Armen. Pullover, T-Shirt, Hose, Socken, ein Paar Schuh, sorgfältig zusammengelegt, ordentlich gefaltet, fast so als sei er frisch gebügelt. „Kein Telefon“, schreit die Polizistin, die Schuhe fallen herunter und sie will die Schuhe aufheben, ordentlich nebeneinander stellen, so als würde das schon reichen, so als würde die Ordnung der Welt durch die exakt gelegten, gefalteten und sortierten Kleidungsstücke wieder hergestellt. Sie starrt auf den Pullover. Sie sieht seinen Rücken hastig, an ihr vorbeirennen in Richtung Bahnhof. Sie schließt die Augen.

Der Regen wird stärker, die Menschen gehen zurück in die Häuser, der Mann zieht sich den zerdrückten Hut tief ins Gesicht, das gelbe Absperrband flattert losgerissen im Wind. Die Polizisten warten im Auto, sie öffnet die Augen und dann sitzt sie im nassen Sand, die Feuchtigkeit kriecht ihr über die Schultern, ihre Handtasche liegt neben ihr im Sand. Sie starrt auf das Wasser, schäumend und wild, grau-schwarz, tief und unendlich, eine schwarze Welle leckt an ihren Füßen. Das ist nicht mehr das Meer meiner Kindheit denkt sie, aber eigentlich denkt sie nichts mehr, starrt nur noch auf das kalte, rasende Meer. „Komm zurück“, rief sie ihm nach. „Kurta, Komm doch zurück.“ Dann wird ihr schwindlig und das ist alles was sie noch weiß. Später, wie viel später weiß sie nicht, beugt sich eine Frau über sie: „Wake up Luv’, sagt sie, und das erste was sie sieht, ist die Tasse mit dem Teddybären. „You have to get up’,sagt die Frau und wieder hält sie ihr die Tasse hin, ihr Bademantel riecht nach Zigaretten, Parfüm und Einsamkeit. Dann erst sieht sie den Hund.
„Sit“, sagt die Frau zu einem kleinen Terrier, schwarz, braun, gepunktet, der nach den Riemen ihrer Handtasche schnappt.“ Der Hund der Frau leckt über ihre Hand. „Er heißt Johnny“, sagt die Frau im Bademantel und zündet sich eine Zigarette an.

Dies ist der vierte und letzte Teil meines Beitrags zu Kiki’s #SepteMeer

Von Fern ist das Meer niemals nah (3)

Hier finden Sie den ersten ersten und zweiten Teil der Geschichte.

Er steht mit dem Rücken zur Tür. Noch immer schlägt der Regen gegen die Fenster, die Straße. Regenschatten liegen über Southall. Kalt ist die Tür gegen seinen Rücken, aber er dreht sich nicht um. Der Laden ist seit Jahren schon der gleiche, selbst in der Dämmerung, kennt er den Laden, wie nicht einmal sich selbst. Eine halbhohe Anrichte mit der Kasse, Kaugummis in zehn Geschmacksrichtungen und das Bild eines Gurus. Er weiß schon seit Jahren nicht mehr, ob dieser Gesundheit oder Geldsegen versprach. Zwei Kühltheken zu seiner Rechten. Cola, Limonaden, Wasser, Milch, Orangensaft in Zwei-Liter Packungen und immer hat eine Packung ein Leck. Jeden Abend, bevor er den Laden zusperrt, wischt er eine Pfütze mit Orangensaft auf. Regale in der Mitte des Ladens. Instant-Nudeln in weißen Bechern, Kekse, klebrige Jalebis in bunten Kartons, Schokolade, Putzmittel, Einwegrasierer, Konservendosen, Lipton-Tea, Backpulver und Sirup. Beutel mit roten Linsen, Kichererbsen, Reis und Öl. Im Lager mehr Säcke, mehr Reis, immer noch mehr Linsen und Kichererbsen, Tüten mit Chilipulver und Pefferkörnern, Lutscher, die den Kindern eine blaue Zunge machen. Das Wasser tropft auf seine Füße, eine Wasserlache auf dem Boden, wie der Orangensaft läuft er leck. „„Du bist Kurta, Kurta der Hund““ hört er sie sagen. Eine weiche Stimme, das harte r von Kurta, das steht ihrer Zunge, „Du bist Kurta, Kurta der Hund“, sagte sie und er verschluckt sich an ihren Worten. „Ist es nicht merkwürdig, denkt er, dass jeder in Southall mich Kurta, den Hund nennt und ich zucke nicht einmal mit den Schultern?“ Und dann steht sie da, sie die Frau an die ich mich kaum noch erinnere und sagt „Du Hund zu mir.“ Und alles ist wieder, wie damals als zum ersten Mal die Kinder mit dem Finger auf mich zeigten und lachten: „Da kommt Kurta, Kurta, der Hund.“
Dann hält er sich die Hand vor den Mund als fürchte er sein Gesicht ein zweites Mal zu verlieren, auch wenn niemand außer ihm im stillen Laden ist, der Frau auf der Straße sieht nur seinen Rücken. Er presst sich die Hände gegen den Mund und die Tür ist kalt gegen seinen Rücken.

„Good morning“, sagt der Radiosprecher, it is 5.20 AM, this is the BBC and now the Shipping Forecast issued by the Met office.“ Viking North 5 to 7, das ist was er behält und Showers at first. Jeden Morgen hört er die Shipping Forecast, dabei hat er noch niemals das Meer gesehen, ein Boot bestiegen, die Füße ins Wasser gehalten und noch niemals auch nur ein einziges Wort der Shipping Forecast verstanden. Nach der Shipping Forecast kommt das Milchauto, das ist sein einziger Grund für Radio BBC 4, das kleine Transistorradio steht hinter der Kasse auf einem schmalen Bord. Er dreht das Radio aus, die Tür ist beschlagen und er sieht nicht, dass die Frau noch immer auf der Straße steht mitten im Regen. Er löscht das Licht und nimmt den Schlüssel vom Haken. Das Closed Schild hängt noch immer an der Tür und heute zum ersten Mal in viel zu vielen Jahren, dreht er es nicht um.

„Bitte“, sagt sie, bitte warte doch, bitte, es tut mir Leid.“ Ihr fällt ein, dass sie seinen eigentlichen Namen nicht mehr weiß. „Kann jemand seinen Namen verlieren?“, fragt sie sich, wie einen Schlüssel? „Aber wir haben ihn ja verloren“, sagt sie sich, der Regen ist ein nasses Tuch über ihren Schultern. „Warte doch“, ruft sie wieder und wieder. Ihm fällt ein wie schnell er laufen kann, er läuft an ihr vorbei, schneller noch, immer noch schneller, er läuft vor ihr davon, er rennt die Straße hinunter, noch immer hält er sich die Hand vor dem Mund, aber seine Beine sind schneller und schneller, schon ist er im Bahnhof. Southall steht auf dem Schild und Transport for London. Sie sieht ihm nach, dann kommt das Milchauto, biegt um die Ecke, fährt durch eine Pfütze, das schlammbraune Wasser spritzt hoch, eine Welle Pfützenwasser läuft über sie hinweg. Um 5.25 Uhr steht sie unter der Dusche und das Wasser das in den Abfluss läuft, ist schwarz. Sie sieht den Milchliferanten, er klopft gegen die Tür des Geschäftes, doch keiner wird öffnen, dass er im Bahnhof verschwindet, sieht sie nicht, als er die erste Stufe des Bahnhofs erreicht, da schließt sie den letzten Knopf ihrer Bluse.

Er kauft eine Fahrkarte. Brighton, sagt der Automat, als er auf B… tippt. Brighton bestätigt er zweimal, steckt Geld in den Schlitz. Gelb und rot ist die Fahrkarte. Ein dünner Streifen Papier ist genug um ans Meer zu kommen, wundert er sich. Platform 5 steht auf der Fahrkarte, und die U-Bahn von Southall nach Paddington ist leer. Ein Liebespaar ist müde von der Nacht und ein alter Mann liest eine alte Zeitung. Eine Werbetafel verspricht, dass das Glück an den Stränden der Karibik wartet, er dreht den Fahrschein in seinen Händen. „Viking North to Five“ flüstert er, in Paddington wechselt er in eine Linie nach London Victoria und auf dem Bahnhof kauft er eine Flasche Orangensaft, ein Sandwich mit Käse und einen grünen Apfel. „The 6.37 train to Brighton via Clapaham Junction, East Croydon, London Gatwick, Hassocks“, leaves from platform 5, sagt die Lautsprecherstimme und er fasst vorsichtig in seine Hosentasche. Aber der Fahrschein ist noch immer da. „Nach Brighton?“, sagt er zum Schaffner, der raucht vor dem Zug und nickt. Er zieht sein Telefon aus der Hosentasche. Sein Vater hat ihm eine Nachricht hinterlassen: „Kurta, wo zur Hölle bist du?“, schreit die Stimme seines Vater blechern vom Anrufbeantworter. Er wirft das Telefon in einen Mülleimer. Er braucht es nicht mehr.

Das Abteil ist noch leer, der Schaffner trinkt Kaffee und nickt ihm zu. „Brighton, ja?“ „Last stop of the train“, sagt er. Er sieht aus dem Fenster, der Orangensaft hinterlässt einen Fleck und er reibt mit einem Daumen über die nasse Stelle. In Croydon setzt sich eine Frau zu ihm ins Abteil. Blasse rötliche Haare, ein rosa Schal, locker um den Hals gelegt, Sommersprossen auf der Nasenspitze. Lange wühlt sie in ihrer Handtasche, dann seufzt sie. „Wenn ich mir ein Brot liege, lasse ich es liegen“, sagt sie, wenn ich mir kein Brot mache, vergesse ich auf dem Bahnhof eine Croissant zu kaufen“ sagt sie zu niemand Bestimmten. Er hört es trotzdem. Er reibt mit dem Ärmel über den Apfel und hält ihn ihr hin. Sie wird rot und für zwei Stunden hört sie nicht mehr auf zu reden. Kurz bevor der Zug in Brighton hält, unterbricht sie sich selbst: „Wie heißen Sie?“, sagt sie und er muss sich räuspern, und zweimal verschluckt er sich fast: Pargat Singh, sagt er mein Name ist Pargat Singh. „Es hat mich sehr gefreut Pargat Singh“, sagt sie und dann hält der Zug. Sie winkt und er winkt zurück.

„Wie komme ich zum Meer?“, fragt er an einem Schalter. Ein rotes Schild: Information. Die Frau gibt ihm einen Stadtplan. Zum Meer führt eine Kugelschreiberblaue Linie. Dann geht er los, seine Beine sind schneller als er, dort liegt das Meer, grauer Nieselregen, die Straße schon riecht nach Salz und Tang und endlich, endlich ist da, das Meer. Das Meer ist blau, trotz des grauen verhangenen Himmels, blau ist das Meer, so wie der Himmel des Punjab, kurz vor Anbruch der Nacht. Vor einem Papierkorb randalieren die Möwen, er geht nach links, der Sand bohrt sich durch die Sohlen in seine Füße hinein. Das Meer ist so weit wie blau und wenn er jemand anders wäre, das weiß er einfach so, könnte er hier lange sitzen und dem Meer zuhören, aber er zieht sich schon den Pullover über den Kopf, legt das weiße T-Shirt sorgfältig zusammen, kickt die Schuhe und Socken von den Füßen, zieht die Hosen aus, legt sie in eine Mulde Sand und dann kommt er dem Meer entgegen. Das Meer hat weiche, weite Arme und gierig ist das Meer, keine schüchterne englische Rose, das Meer zieht ihn die Arme ,weiter und tiefer hinein lässt er sich tragen vom Meer. „Man kann nicht als Hund leben“, denkt er und das Meer reckt sich, komm unter meine Arme flüstert das Meer und das Meer ist so blau, so blau wie der Punjab am Abend, es verschluckt den grauen Himmel und hinter dem Himmel ertrinkt die Sonne, hinter dem Meer ist es hell, will er noch rufen, doch das Meer liegt ihm in den Armen, eisig und tief und dann denkt er nichts mehr und schließt die Augen mitten im Sinken, mitten im Meer.

In Southall verpackt eine Frau eine Urne, es ist ihr Vater, die Asche ihres Vater, ihre Hände sind kalt, die Handtasche lässt sich nicht mehr schließen.“ Nach Brighton“, sagt sie am Fahrkartenschalter. „8. 37 Uhr geht der nächste Zug“, sagt die Frau am Fahrkartenschalter.

Der dritte Teil dieser Geschichte ist ein Beitrag zu Kikis #SepteMeer und der vierte und letzte Teil der Geschichte folgt hier am nächsten Samstag.  

Von Fern ist das Meer niemals nah (2)

Den ersten Teil der Geschichte finden Sie hier.

Sie steht am Fenster und ihre Hände sind kalt. Der Wind fährt durch die Fensterscheiben, mögen die Fenster auch noch so fest geschlossen sein, immer dringt der Wind durch die Ritzen und presst seine Arme gegen das dünne Glas. Seit zehn Jahren ist sie nicht mehr hier gewesen. Southall der Name klingt fremd in ihren Ohren und sie sagt ihn langsam, so als wäre sie hier nicht aufgewachsen und stünde nicht im Zimmer ihrer Kinderjahre, sondern als sei sie fremd hier, der Name liegt ihr schwer auf der Zunge, ihre Fingerspitzen liegen kühl an ihren Schläfen. Kalt ist der Boden unter ihren Füßen und doch steht sie regungslos am Fenster, sieht hinaus auf die stille Straße, die Uhr ein Mickey Maus Plastik Wecker ist stehen geblieben, dreiviertelzwölf zeigt die Uhr, aber dort unten auf der Straße hält ein Lieferwagen. Zeitungsbündel auf dem Trottoir. Die Kälte lässt ihre Füße nicht los, klebt ihr an den Händen. „Geh, Mädchen“, geh fort von hier“, sagte ihr Vater. Ihr Vater ist tot und Leute auf der Straße sprechen sie an. Murmeln Verlegenheitsgrüße und irgendetwas mit Beileid. Sie hat ihren Vater beim Wort genommen und ging. Einmal im Jahr trafen sie sich, aber niemals in Southall. Ihr Vater schüttelte den Kopf. Das letzte Mal, dass sie sich sahen in Brighton, der Wind ähnlich hart und kalt wie heute, aber ihr Vater bestand auf der Sichtweite zum Meer. Marseille. Mumbai. Sogar Venedig. Immer wieder aber Brighton. Ihre Hände sind kalt, ein Jahr ist es her, da verschwand seine Hand noch einmal in ihrer, die Hand ihres Vaters warm und rau, fast zierlich, die Hände ihrer Mutter erinnert sie nicht. Immer eine 99 Cone mit Flake, Vanilleeis in seinem Bart, die Waffel für die Möwen und seine Hand hielt ihre Hand. Die Wellen schlugen hart an den Strand, ihr Vater schloss seine Augen, aber ihre Hand ließ er nicht los. Jetzt ist ihre Hand kalt und leer, fährt über den Fensterrahmen abgesplitterte Farbe, im Augenwinkel die Gurudwara, der unausweichliche Schatten Southalls. Ihr Vater öffnete die Gardinen immer erst am Abend. Er sei Kommunist sagten die Nachbarn, denn ihr Vater verweigerte sich Hochzeitsfeiern, Beerdigungen und der jährlichen Reise nach Punjab. „Kommunist“ flüsterten die Nachbarn und schüttelten den Kopf. Die Kälte zieht über ihren Rücken bis in den Nacken hinauf. „Was ist dein Vater?“, fragte sie der Mann, den sie heiraten wollte, noch vor drei Wochen, rötlich blondes Haar neben ihr auf dem weißen Kissen. „Busfahrer“ sagte sie und er lachte. „Niemand ist doch mehr Busfahrer“ sein Lachen wollte kein Enden finden. Er strich mit dem Daumen über die Unterseite ihrer Brust, milchweiße Finger, à la anglaise auf ihrer dunklen Haut. „Dass dachte ich sei exotisch“, sagte er, noch immer lachend, „aber Busfahrer, proper working class people“,sein Akzent dick und falsch wie immer wenn upper class Söhne Busfahrerväter imitieren. Seine Hand lag kalt auf ihrer Haut. Eine Woche später schickte sie ihm den Ring zurück. Der Umschlag aus schwerem Büttenpapier.

Drei Wochen später war ihr Vater tot. „Streu meine Asche ins Meer Mädchen“, sagte er einmal in Brighton, Sommerlicht, Vanilleis an seiner Nasenspitze, seine Hand fest in ihrer. „Ich habe niemals schwimmen gelernt, Mädchen, aber der Tod, wird mich schon tragen.“ Ihre Antwort erinnert sie nicht mehr. Auf dem Küchentisch steht seine Urne. Sie legt ihre Stirn gegen die kalte Fensterscheibe. Unten auf der Straße die Zeitungsständer. Sie liest:

„ WORLD SEXIEST WEATHER GIRL ( SUN )

PRINCESS ANNE: WE SHOULD EAT HORSE ( DAILY MIRROR )

TIME ON THE COUCH HELPED POPE TO DEAL WITH PRESSURE ( LONDON TIMES )

„BREXIT-ON-SEA“ ( GUARDIAN )

Ein Mann verschliesst den Zeitungsständer mit einem Fahrradschloss. Ein schmaler Rücken, ein verwaschenes blaues Hemd, ein abgetragener Sweater, eine alte fadenscheinige Jeans, ausgetretene Schuhe. Die Fensterscheibe beschlägt, kalter Atem, mit einem Ärmel wischt sie über das Glas. Der Mann aber ist schon wieder im Laden verschwunden. Punjabi Resort“ steht auf dem Schild über dem Laden, rote Buchstaben auf gelbem Grund, zwei Palmen links und rechts, etwas verwaschen schon, blaue Wellen lecken an den roten Buchstaben, am T. des Resort, hängt eine Ankerkette, den Anker selbst sieht man nicht mehr. Was für ein alberner Name denkt sie.

Sie fährt noch einmal mit dem Ärmel über das Fensterglas. Selbst durch das geschlossene Fenster hört sie das Glöckchen des Ladens. Dann beginnt es zu regnen, schwere dicke Tropfen prasseln gegen die Fensterscheiben. Ihr Vater zog sie heraus in den Garten, als sie ein Kind war, so viele Jahre ist das jetzt schon her. Ganz gleich war es ihm ob der Regen eisig und hart über den Garten fegte, oder seltener eben als leichter Sommerregen über den Zaun tropfte und lief, ihnen über die Füße, die Arme das Gesicht, denn ihr Vater zog sie heraus in den Regen, hielt sein Gesicht in den Regen, atmete ein, atmete aus und sagte: Das Meer bringt den Regen mein Mädchen.“ Sie hielt seine Hand. „Kommunisten“ sagten die Nachbarn, die nicht verstanden, warum ein Punjabi, ein Nachbar in Southall zudem das Gesicht in den Regen hielt, als würde er sonst verdursten. Sie sieht in den Regen, der Regen fällt hart gegen das Fenster. Sie läuft die Treppe hinunter, die Treppenstufen sind ausgetreten, die Schlafzimmertür ihres Vaters ist angelehnt. Am Schlafzimmerschrank hängt die Busfahrerunifom ihres Vaters noch klebt die Folie der „Snow White Dry Cleaner Company“ an der Uniform. Ihr Vater ist tot, schon seit drei Wochen, sie zieht die Tür zu, ihr Vater ist eine Urne voll Asche auf dem Küchentisch. Eine schwarz-weiß umrandete Todesanzeige: Transport for London“ weiter kann sie nicht lesen, ihr Vater war Busfahrer. Sie öffnet die Tür, nicht in den Garten sondern zur Straße hinaus und stellt sich hinein mitten in den kalten Regen, der Regen schlägt ihr ins Gesicht, kalte, harte Tropfen. Sie schließt die Augen. „Mädchen, das Meer bringt den Regen“, flüstert sie mit geschlossenen Lippen, der Regen fällt und fällt. Von fern hört sie das „Glökchen des Ladens und bevor sie ihn sieht, riecht sie Druckerschwärze, den scharfen Geruch einer Chili, aber vor allem riecht sie Brighton, den Strand, die salzige Luft. Sie öffnet die Augen. Er sagt: „Sie werden ganz nass.“ Seine Stimme ist eine ferne Erinneurng. 9. Klasse, vielleicht, ein dünner Junge, ein schmales Lächeln, einen Cricket Ball in der Hand, die gleichen Augen wie der Mann vor ihr. „Sie werden ganz nass sagt er, zieht sich seine Fleece-Jacke aus, abgetragene Ecken am Kragen, will sie ihr über die Schultern legen, Regentropfen in den Wimpern. „Du bist Kurta, Kurta der Hund“, sagt sie und hält sich die Hand vor den Mund, will sich die Worte zurückholen, will sich verschlucken an ihnen. Er dreht sich um. „Ja, sagt er ich bin Kurta, der Hund. Er geht über die Straße, das Glöckchen des Ladens ist silberhell, sie steht im Regen, seine Jacke liegt schwer auf ihren Schultern, ihre Hände sind kalt und sie beißt sich auf die Lippen, salzig und bitter liegt das Meer unter ihrer Zunge. Kalte Hände greifen nach der Jacke auf ihren Schultern. „Komm doch zurück“ ruft sie, der Mann im Laden aber lehnt mit dem Rücken gegen die Tür. Die Tür ist beschlagen. Ein schwarzer Schatten nur gegen die Tür, aschgrau ist der Regen, grau schlägt das Meer gegen ihr Gesicht, drei Wochen ist ihr Vater tot, eine Urne mit grauer Asche steht auf dem Küchentisch.

Der zweite Teil dieser Geschichte ist ein Beitrag zu Kikis #SepteMeerund Teil 3 der Geschichte folgt hier am nächsten Samstag.