Dunkle Briefe

Dies ihr ist ein kleines und persönliches Blog. Dieses Blog will niemanden etwas verkaufen, es hat keine politische Agenda, es gehört keiner Partei an, kein Verlag schreibt diesem Blog etwas vor, keine Agentur bewirbt hier Saftkartons, Knöpfe oder Kaugummis mit Einhorngeschmack.
Dieses Blog gibt es weil ich meist ziemlich spät am Abend ein Word-Dokument auf einem alten Notebook tippe, dann gähne, mir die Zähne putze und ins Bett gehe. Ich sollte natürlich die Kommata überprüfen oder die Rechtschreibung oder endlich anfangen Absätze in die Texte einzubauen. Aber fast immer bin ich schon zu müde. Dieses Blog hat keinen Redaktionsplan. Manchmal hat dieses Blog einen gelben Klebzettel: „Kälbchen wieder sehr frech“, Schwesterchen-Maske-Hochzeit D., aber dann schreibe ich doch wieder etwas ganz anderes auf. Dieses Blog will nichts, ich sehe alle halbe Jahre in die Statistik und habe anderntags die Zahlen schon wieder vergessen. Sie, die Sie hier lesen sind eingeladen zum Lesen, zum Lachen und Weinen, Sie können sich hier ärgern oder freuen. Sie können sagen: „Oh, dieses Fräulein Read On wieder“, Sie können den Text ausdrucken und die Kommafehler korrigieren oder aus den Texten ein Papierboot falten. Wenn es ihnen hier nicht gefällt, das Internet ist ein großer Ort, sie können lange Aufsätze über die Kanari-Zucht oder Maschinenbau lesen. Ich habe nachgesehen: dieses Blog hat seit seinem Beginn genau 5,878 Kommentare erhalten ( Danke für jeden Einzelnen ), 23 Kommentare habe ich nicht freigeschaltet.

Der Grund ist einfach: es sind Morddrohungen und ein langer Brief einer Organisation, die sich Schwarze Sonne nennt. Ich schätze alle, die hier kommentieren sehr. Viele Kommentare erlauben neue Blickwinkel, machen mich lachen und über viele Kommentare denke ich lange nach. Nicht immer schaffe ich es allen zu antworten. Das ärgert mich, manchmal kommen sie miteinander ins Gespräch, das freut mich besonders. Wenn einer von Ihnen lange nicht kommentiert, dann mache ich mir- denn ich kann nicht anders- Sorgen, aber niemals käme ich auf die Idee, die Email-Adressen, die Sie hier angeben, aufzuspüren, nachzuprüfen oder das zu tun, was man auf gut Deutsch als zu nahe treten bezeichnet. Das Blog gehört seinen Lesern, es verändert sich mit ihnen wächst, verwächst, schlängelt sich in eine andere Richtung, wie auch mein Leben, denn dies ist ja noch immer ein persönlicher Blog sich verändert mit den Jahren. Es oszilliert zwischen Ländern und Menschen, packt aus, zieht um, kauft ein paar neue Schuh, die Haare werden länger oder kürzer, nur die Abneigung gegen Sellerie wird wohl immer bleiben. Ich erzähle hier persönliche Geschichten, das ist ein Risiko, denn wer Persönliches preisgibt ist angreifbar, muss sich anfragen lassen, riskiert sogar, dass der Verein der Selleriefreunde, Protestnoten schreibt, Fräulein Read On ist nicht mein Passfoto, aber im Spiegelbild würden wir uns immer erkennen, das Fräulein und ich. Nicht zuletzt, weil wir immer ein Stück Nussschokolade in der Rocktasche tragen.

Die Geschichten, die Sie hier lesen können, aber nicht lesen müssen, sind meine persönliche Sicht auf die Welt, manchmal ein Ausschnitt, manchmal ein Versuch Gedanken zu ordnen, aber das was dieses Blog wirklich ist, ist der Versuch das Gespräch mit meiner Großmutter nicht abreißen zu lassen, denn Deutsch ist meine Großmuttersprache. Vier Jahre lang habe ich so geschrieben und heute erreichte mich dieser Brief. Der Brief kommt, aber wer weiß das schon von einer Frau, die im Brustton der Überzeugung befindet, hier würde gelogen, das sich die Balken biegen und sie würde mich nun enttarnen- zu meinem eigenen Schutz wohlgemerkt, denn Indien, die Aufklärunsgsprechstunde, die jüdische Großmutter sei alles Lüge, nichts als Lüge, und sie die edle Rittern und Retterin auf hohem Schimmel, besorgt um die Wahrheit selbst. Deswegen hätte sie diesen Blog auch gleich bei den „Goldenen Bloggern“ als nicht authentisch gemeldet und wünsche mir, denn die Dame ist von großzügiger Gesinnung: „Alles Gute.“

So sitzt man dann da mit dem Schreiben der Lügnerin, die einen selber Lügnerin heißt und das ist das perfide an den Lügnern in allen Formen und Farben: ihr schleichendes Gift, ihre stolz vorgetragenen Behauptungen, ihre Schamlosigkeit über ein fremdes Leben herzufallen, sich als Retter der Wahrheit zu inszenieren, denn die Lügner wissen schon was sie tun und wissen auch: immer bliebt irgendetwas kleben. Perfide Erzählfiguren beschwört sie da herauf: den Deutschen, der vom Jude-Sein träumt, die Rassistin, die arabische Männer untenrum erzieht, die eiskalte Geschichtenklauerin, die psychisch gestörte Bloggerin, der man doch helfen müsste und sich selbst inszeniert sie als „Schlimmeres“ Verhindern, eine beliebte, eine bequeme Figur und fühlt sich sich sicher stolz und stark, hier so erfolgreich als Detektivin tätig geworden zu sein und ein kleines Blog enttarnt zu haben, um sich nun selbst wichtig zu machen und groß zu tun. Lügner aber haben ein schlechtes Gedächtnis, denn ich habe natürlich einen Kommentar von ihr veröffentlicht.

Der Lügner hat kein Gedächtnis und auch kein Gewissen, für ihn gelten keine Grenzen, er schnüffelt und stöbert, er fragt nicht, er platzt hinein, er macht auch wohlmeinend und ist doch bösartig, er ist süßlich und klebrig aber niemals offen. Der Lügner ist hochmütig, sieht sich der Kritik enthoben und klopft sich noch auf die Schultern, der Lügner zweifelt nicht, er liebt Gerüchte und hat sich eingeschlossen in einem Zimmer, in dem nur er selbst sich Antworten auf falsche Fragen gibt.

Wer sich dann fragt, warum das Internet kein Ort mehr ist, um persönliche Geschichten zu erzählen, um zu erinnern, um zwecklos ein Thema anzustoßen, um zu plaudern, um Leser auf einen Tee zu bitten, um ohne langes Zögern die eigene Adresse herauszugeben, um manchmal Bilder und manchmal Töne hier hineinzulegen, der findet dann hier die Antwort. Weil die Angriffe, die Verschwörungstheorien, die Verleumdungen und das Geschmähe nicht länger mehr nur professionelle Journalisten trifft, oder große Verlagshäuser, sondern ein kleines, privates Blog mit Geschichten, die eben auch mein Leben sind. Das Leben anderer Menschen anzugreifen, zu verhöhnen und zu verleumden, ist nämlich keine Spielerei, kein Tändeln und die jüdische Erfahrung sagt: die Lüge und die Verleumdung ist niemals Spaß, sondern immer bitterer Ernst.

Wie man angesichts solcher Briefe weiterschreibt, das ist wie so vieles, eine schwierige und keineswegs leicht zu beantwortende Frage.

Da die Dame- so Sie denn eine ist- bitter beklagt, dass Ihre mich entlarvenden und bloßstellenden, kritischen Kommentare nicht freigeschaltet sind, so sei dieser ihr Brief hier unverändert abgebildet.

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Ein Lied im Rücken

Früh ist es, denn früh ist es ja immer. Noch aber ist die Wärmflasche an meinen Füßen warm genug. Noch gluckert das Wasser in der Heizung nicht, noch nicht einmal das Milchauto ist durchs Dorf gefahren, noch ist der Tag noch gar nicht da. Der Tierarzt aber ist schon auf, denn im Bad rauscht leise Wasser. Der Tierarzt, der doch selten spricht und ungern überhaupt vor Mittwoch den ersten Satz sagt, singtOh don’t be sorry, boy, it’s easy/Yes, you can release me/ Gotta lay it on the line /Feeling pretty fine now. Ein leises Summen erst, denn ich stecke mit dem Kopf noch tief im Federbett. Aber ganz eindeutig und nicht zu überhören: der Tierarzt singt. Saving all my time now /Love’s no friend of mine. Der Tierarzt singt hell und mit warmen Ton. Das erste Mal habe ich den Tierarzt für ein krankes Lamm singen hören. Ein Schlaflied für das weiße Bündel Fell in seinen Armen und warte ich manchmal vor einem Stall auf ihn, bin ich mir sicher der Tierarzt singt noch ein Trostlied für die Kühe. Selbst schlafschwer muss ich mein Herz festhalten, singt der Tierarzt, der doch in der Stille zu Hause ist. I do it on my own/And I’m ready to go. Endlich aber wickle ich mich aus dem Federbett in den Bademantel, putze die Zähne, ordne mein wildes Haar, setze den Teekessel auf und suche nach den Haferflocken. Indes sitzt die Katze auf den Treppenstufen vor dem Badezimmer und die Katze, wippt ganz eindeutig und sehr rhythmisch mit der Schwanzspitze: I just think of all that I could do /No more need to fight, right? Nicht einmal das Rascheln der Tüte kann die Katze locken. Der Porridge quillt und ich klappe das Notebook auf. Siebzehn Männer schickten mir eine Email in der sie mich zu überzeugen versuchen, dass ihr Penis zwei Meter lang/ hart wie Stahl/ da zu da sei, es mir einmal richtig zu besorgen. Sie bemühen sich vergeblich. Die Bilder, die sie schicken sind von obskurer Traurigkeit. Im Hintergrund ihrer heruntergelassenen Hosen liegt Müll, steht eine zerschlissene Couch, oder hängt eine fleckige Gardine. In einem Bild, so scheint mir steht ein Schatten in der Tür. Ist das dann die Ehefrau, die sich wundert oder auch nicht, warum ihr Mann mit heruntergelassenen Hosen vor dem Computer steht? Eine elegante Pose ist das ja nicht und vor allem nicht zu dem Demonstrationszweck geeignet, den sie mir in groben Worten ankündigen. I survived way worse before /And all these words ain’t got me chokin‘ singt der Tierarzt und ich antworte fünf Männern. „Sehr geehrter Herr XYZ, bitte suchen sie schnellstmöglich einen Facharzt für Geschlechtskrankheiten auf. Ihre Erkrankung ist akut behandlungsbedürftig und meldepflichtig.“ Wenn man immer vorher wüsste, was einem Lebensthema würde. Die restlichen Bilder lösche ich. Cause my heart it ain’t that broken /And I can’t hear you I’m like I won’t be missing, be missing you. Der Porridge ist schließlich auch längst fertig, Bananen, Nüsse, Zimt und Zucker und Honig müssen angerichtet, der Tisch gedeckt, die Zeitung herein und die Katze herausgelassenen werden. Endlich tanzt auch der Tierarzt die Treppe hinunter und zieht mich sich in seine Arme: Love can be like magic/ What we had was tragic/ Do it baby, set me free, singt der Tierarzt in mein Ohr und wir die doch so traurigen Kinder tanzen im Morgengrauen. There’s no need to wonder und du lachst heiser in mein kaltes Ohr. „Was machst du mit mir?“ sagst du. Help, help me Rhonda /Get your hook right off me, sagt das Lied und ich lehne mich an dir an. Der Tierarzt würgt am Porridge, die Katze will immer noch mehr, ich nun endlich auch unter die Dusche, denn das Ticken der Uhr schreckt auch vor Gesang nicht zurück. Als ich endlich in Kleid und Jacke die Treppe hinunterlaufe, wäscht der Tierarzt ab. Schon hupt der Priester, der mich heute mit in die Stadt nimmt dreimal, ich winke dem Tierarzt, schnappe Tasche und Bananenbrot und laufe hinaus. Morgen Fräulein Read On, sagt der Priester und nimmt das Bananenbrot gerne an. Morgen Priester sage ich, der Tierarzt winkt mit dem Geschirrhandtuch: ‚Cause my heart it ain’t that broken/I survived way worse before /And all these words ain’t got me chokin‘/Cause my heart it ain’t that broken. „Ist das der Tierarzt, der da singt“, fragt der Priester, da fahren wir schon die Dorfstraße hinunter, zu unserer Rechten das Meer eisblau und spiegelglatt und schon wird das Dorf im Spiegel kleiner und kleiner, doch das Lied bleibt uns im Rücken.Ich nicke „Ja, sage ich, das ist der Tierarzt der da singt“ und der Priester und ich lächeln uns zu. Cause my heart it ain’t that broken/ Cause my heart it ain’t that broken.

Leslie Clio, „My Heart Ain’t That Broken“