Auf einer anderen Seite.

Mein Vater spricht fast nie über Politik.

Die liebe C. lächelt immer dann, wenn Patienten mit ihr über Politik sprechen.

Schwesterchen interessiert sich nicht für Politik.

Mein Vater hat zwei Tageszeitungen abonniert.

Die liebe C. und ich beginnen den Tag mit den frühen Nachrichten. Die frühen Nachrichten reichen wir immer an Schwesterchen weiter.

Mein Vater wählt FDP, weil sich die FDP auch nicht für Politik interessiert.

Niemand ist so gut über Politik informiert wie mein Vater.

Desinteresse kann auch Vorsicht sein. Vielleicht.

Mein Vater, schon als meine Schwester und ich noch klein waren, klopfte an die Tür bevor er eintrat.

„Störe ich?“, fragt mein Vater und noch immer klopft mein Vater so an die Tür und ich nehme die Zeitung vom Sessel und mein Vater spricht lange über die Verbannung Ovids nach Tomi, das Ende von Seneca oder einen der vielen römischen Kriege.

„Wie übersetzt Du das?, fragt mich mein Vater, manchmal spät Abends. Er im Sessel und ich auf einem bunten Kissen in der Fensterbank. Mein Vater käme Nachts niemals und fragte mich: „Wen wählst Du oder was hältst du von?“ Mein Vater fragt mich oft nach der Bedeutung des Wortes otium oder einem merkwürdig gebrauchten Ablativ.

Ich wähle nicht in Deutschland. Mein Vater wählt wieder in Deutschland. Mein Vater war lange Staatenloser, mein Vater hat sich des unerlaubten Grenzübertrittes schuldig gemacht, mein Vater geht niemals ohne seinen Pass aus dem Haus. Wir alle, die wir uns Nachts treffen, in einem Zimmer, in der Küche, in der Diele oder im Treppenhaus, wir alle haben mehr als einen Pass. Aber niemals sprechen wir über die Pässe und nur einmal hat meine Schwester ihren Vater gefragt, ob er sich als Flüchtling gefühlt hätte, damals. Mein Vater antwortete erst viel später, er sei davongekommen, sagte er und das war alles, was er sagte, dann sprach er lange und schnell über das Ende Roms oder Augustus, mein Vater spricht selten über die Gegenwart und verwundert, fragt mein Vater seine Frau manchmal, was er antworten sollte, fragten die Leute ihm, was es denn Neues gäbe.
Als Erstes fiele ihm vielleicht eine Ovid Übersetzung ein. Wir ähneln uns nicht, nicht in der Nacht und auch nicht am Tag, wir schließen die Türen, wir teilen von unseren Geschichten, nur Ecken, Spiegelkanten, wir haben immer nur für eine Nacht miteinander gelebt und uns immer von fern gesehen, geschrieben, aber in einem ähneln wir uns, wir alle lächeln. Wir haben keine Knoten im Taschentuch, wir legen uns die Knoten in die Mundwinkel hinein.

Unter den Augen des Kaisers geschah alles, was in Rom geschah. Was hat der Kaiser denn nicht gesehen? Jerusalem war auch einmal Rom und Ovid schrieb wieder und wieder. Er schrieb vergeblich, vielleicht nicht weniger vergeblich als wir.

Kommen Gäste, dann wollen die Gäste über Politik reden und nicht über Ovid. Die Gäste, die kommen, wollen uns erklären, dass wir naiv seien, auch dumm, leichtsinnig, wir sind noch unangenehmer als die Bahnhofsklatscher, die doch schließlich wieder nach Hause gingen. Die Gäste sagen: „Das bringt doch alles nichts.“ Sie sagen es in Richtung meines Vaters, der lieben C. und mir. Mein Vater legt Kuchen auf die Teller, die liebe C. stellt die Blumen in die Vase, ich frage: „Tee oder Kaffee?“. Die Gäste wären überrascht, wüssten Sie, das bei uns niemand jemals das Wort Flüchtling gebraucht und als ich die Aufklärungssprechstunde begann, da nickte mein Vater, und als mein Vater mir erzählte, dass am Montag E. käme zum Deutsch Lernen, da nickte ich, es klang nicht anders als der D., der am Mittwoch kommt zur Latein Nachhilfe.

Den D. lässt mein Vater Coca-Cola deklinieren, das merkt sich leichter hat mein Vater irgendwann einmal herausgefunden als die bemühten Beispielvokabeln und der D. der immer schon auf einen Latein-Sechser abonniert war, hat einen Zweier geschrieben in der Latein-Probe und mein Vater lächelte, denn mein Vater leitet aus einem Sechser nichts weiter ab, als das jemand noch nicht in die Schönheit lateinischer Prosa fiel.

An den Montagen aber mit der E. aber hat mein Vater nicht das Alphabet mit ihr gepaukt oder Buchstabenkarten gemalt, sondern für die E. gesungen, wie er heute für die Enkelkinder singt. Der Mond ist aufgegangen, sang die E. ganz leise und damit war es geschehen, die E. hatte in die deutsche Sprache gesehen, hineingesehen, damit war der Großteil der schon geschafft, sagte mein Vater, dann muss man nur noch üben, so kommt die E. zum Deutsch Üben am Montag und mein Vater begeistert sich Woche für Woche mit der E. an römisch-somalischer Beziehung von vor 2000 Jahren und so sprach mein Vater mit der E. darüber was ein Bürger sei und nicht so sehr darüber, dass Mimi ein Auto hat und Paul ein Fahrrad.

„Was ist ein Bürger?“, fragt mein Vater die E. und auch sich.

„Was wollen die hier?“, fragen die Gäste.

Mein Vater, der noch einmal davonkam, hat mit dem Blumenwürfel Hebräisch gelernt, damals in Jerusalem.

Mein Vater und ich wir sprechen kein Deutsch miteinander.

Die Gäste fragen: „Warum sprecht ihr kein Deutsch miteinander?“

Mein Vater sagt: „Es hat sich noch nicht ergeben.“

Dann lache ich, so ist mein Vater. Mein Vater klopft an, an der Tür in der Nacht. Seine Mutter und ich sprachen Deutsch und mein Vater will noch immer unser Gespräch nicht stören.

Mein Vater malt die Gesichter der Gäste auf die Servietten. Die Gäste streiten über Politik und wir lächeln und hören zu. Wir selbst wissen nichts beizutragen, wir sehen die Welt von unterschiedlichen Rändern aus. Man ist vorsichtig an den Rändern.

Spätabends klopft mein Vater an die Tür. Die Gäste sind gegangen.

„Störe ich Dich?“ „Nein“, sage ich, komm doch herein und mein Vater sitzt im Sessel und ich auf der Fensterbank.

„Es war nicht genug, nur zu sagen, civis romanus sum“ sagt mein Vater und dann legt er den Kopf zur Seite und lächelt mir zu. „Merkwürdig nicht wahr, sagt er, dass alle über etwas reden und bestimmen wollen, obwohl wir noch nicht einmal für die Vergangenheit wissen, was das bedeutet, ein Bürger zu sein und eine Kultur zu haben, so als sei nicht alles auch immer umgekehrt möglich und dann schüttelt mein Vater den Kopf.
„Nachtgeschwätz“, sagt er, aber ich erinnere mich noch an eine andere Nacht, da spielte ich die Mondscheinsonate, diesen Fingeraufwärmer und mein Vater, der wie wir alle, niemals über Politik sprach, neigte den Kopf zur Seite und sagte ist es nicht merkwürdig, dass die Deutschen damals den Angriff auf Coventry Operation Mondscheinsonate nannten? Damals wie heute nickte ich, denn alles, wirklich alles lässt sich auch in sein Gegenteil verkehren. Alles kann immer auch schon anders sein.

Aber dann gähnt mein Vater, die Kirchturmuhr schlägt zwei Uhr und mein Vater entschuldigt sich: „Dich so lange wachzuhalten“ und schon ist er aus der Tür verschwunden, so still und leise, wie er kam, denn eigentlich sprechen wir nicht über Politik und wenn dann doch nur ganz ausversehen, zufällig und unfallhaft.

Die Qual der Wahl

„Mädchen“, sagt der Tierarzt. „Tierarzt“, sage ich und sehe vom Computer auf. Der Tierarzt ist tief über die Zeitung gebeugt. „Sag mir doch Mädchen, was hat es mit den deutschen Parteien auf sich? Was Mädchen, sind die Unterschiede zwischen CDU und SPD? Was wollen die Grünen und wer ist Herr Lindner? Und erst die AfD! und dann noch die Linken?

Ich hole tief Luft:

Die SPD lieber Tierarzt ist die alte Tante unter den deutschen Parteien, stolz verwahrt man die Uhr August Bebels und auch sonst ist die SDP eine Partei, die etwas aus der Zeit gefallen scheint. SPD-Politiker sprechen noch immer exakt genau so als gäbe es noch Zechen im großen Stil, und Stahlwerke mit glühenden Öfen und auch der Kapitalist an sich hat bei ihnen noch immer etwas von Manchester, Wollspinnereien und feisten Herren mit dicken Zigarren. ( Dabei vergessen die SPD Politiker gern, dass auch ihresgleichen gern bei den Mächtigen Schnäpse trinken.) Die SPD träumt noch immer von einer Welt aus Reihenhaussiedlungen, Laubenpiepern, ehrlicher Arbeit, und einem VW Passat. Frische Luft und Ganztagsschulen und etwas diffus auch: Gerechtigkeit will die SPD zum Glück der Welt erklären. Oft ist die SPD dann enttäuscht, dass der ehrliche Arbeiter lieber auch einen SUV hätte, sich nach einem Eigenheim mit Kinokeller verzehrt und den Fabrikdirektor nicht über den Jordan jagt, sondern sich zu Weihnachten eine Kiste Wein schenken lässt. Die SPD, lieber Tierarzt ist am meisten über sich selbst gerührt. Worte wie Angestellter und Fachabitur, Kumpel und Zukunftsqualifikation röten die Augen eines jeden Genossen und wie auch die ältlichen Tanten lutscht die SPD gern Werther-Bonbons und liefert darüber etwas lustlose Analysen zur Lage der Welt.

Die GRÜNEN dagegen waren lange die schwarzen Schafe in der Politikfamilie. Doch die sockenstrickenden Frauen, die mit tränenerstickter Stimme nach Mutter Erde riefen und die Wollsocken tragenden Lehrer mit ihrer Gitarre und Venceremos Gesängen sind lange passé. Niemand will mehr Geschichten über die Kommune hören und längst tragen die Grünen gut geschnittene Anzüge und wissen wo es das Beste Vitello Tonnato gibt. Die GRÜNEN aber glauben noch immer an ihnen läge es die Welt zu befreien nämlich von Dieselmotoren, den gutmütigen Onkels von der SPD und allen Anderen, die nicht so recht wissen, ob man Chia Samen eigentlich essen kann. Die GRÜNEN aber stolpern über das eigene Wohlgefallen und auch darüber, dass ihre Wähler nicht so sehr über Vollkorn, sondern Steuernachteile für ihre selten kleinen Autos grübeln. Konzepte haben die GRÜNEN nur selten, dafür Emotionen und damals wie heute verdrehen nicht nur die Schüler beim Venceremos die Augen.

Die FDP hingegen, lieber Tierarzt, ist die Partei der Immobilienmakler und Bootsclubmitglieder. Der FDP-Wähler ordert einen Latte-Macchiato und ist auch schon einmal auf Bali gewesen. Das lässt er jeden, ob nun gewollt oder nicht auch spüren und trotzdem der Liberale hadert mit der Welt, wie auch der Immobilienmakler, die Augen verdreht, will eine Familie ein Haus beziehen, das auch sein Start-Up Cousin schon ins Auge fasste. Der Liberale ist im steten Wettbewerb, Payback-Punkte, Business-Class-Upgrades und ein Superior-Zimmer, daran misst er die Welt. Oft will der Liberale weltgewandt und großzügig sein, doch niemals wollen Wille und Wirklichkeit so ganz zusammenpassen. Die FDP schwärmt von Moet-Chandon, um dann doch Prosecco bei ALDI zu kaufen und missgestimmt, die Etiketten abzunibbeln. Schuld daran, aber sind niemals die Liberalen selbst, sondern immer nur die, von denen die FDP vermutet, das man ihnen das Glück nicht gönnt. Groteskerweise sind das alleinerziehende Mütter, Rentner und quasi alle Menschen, die ohne MacBook leben.

DIE LINKE ist ähnlich unzufrieden, aber auf eine Art, die wohl schon Karl Liebknecht peinlich gewesen wäre: dann nehmen wir es den Reichen eben weg, geht den Linken noch immer allzu leicht über die Lippen. Die Linken haben etwas vom Hochstapler, an sich kein unangenehmer Mensch, aber in seinen Hosentaschen ist eben auch immer ein Loch. Wie das Geld verdient werden soll, dass die LINKE schon auszugeben wüsste, weiß niemand so genau. Während die SPD noch immer von Arbeitervolksschulheimen träumt, so hat auch die LINKE eine oft etwas unangenehme Beziehung zur Vergangenheit. Wäre, um bei deinem Lieblingsthema, den Hundewägelchen zu bleiben, Tierarzt, die Linke sicher dafür, dass jeder Hund ein Wägelchen gleicher Bauart bekäme und die Doggenbesitzer zahlten für den Spitz der alten Frau aus dem 3. Stock mit, so bezahlten alte Kader der Linken wohl doch noch Katzen als Spione und so haftet der LINKEN immer auch etwas Uneindeutiges und wohl auch Zweifelhaftes an.

Die CDU hinegegen lieber Tierarzt war immer die Partei der Sparkassendirektoren und Schützenkönige, eine Partei der Stammtische und festen Reden, und nie so ganz sicher, wie man sich denn nun eigentlich zur Moderne verhalte. Gut findet die CDU auf jeden Fall Autos und findige Tüftler, ansonsten aber wird alles Neue mit Argwohn bestaunt, denn im Grunde steht die Welt nur den Schützenkönigen und ihren Kindern offen. Dass auch Kinder mit Eltern aus Izmir Klassensprecher werden oder Frauen Konzerne leiten behagt dem CDU’ler niemals ganz und darauf einen Kräuterschnaps beim Stammtisch. Die CDU glaubt an gemähte Rasen, polierte Karossen, aber inzwischen auch an das eigene Heizkraftwerk im Keller, Solarpanele auf dem Dach und, dass die Mia nun lieber mit Lia knutscht, als mit Hans-Peter, ist schwer aber dennoch verdaulich. 12 Jahre Merkel gehen auch am ordentlichen CDU-Wähler nicht spurlos vorbei und wenn beim Stammtisch auch noch von den Zeiten geschwärmt wird, wo man im Büro ein Gespusi hatte, so ist die CDU doch weltverhaftet, und wenn nicht innovativ, so doch behaglich eingerichtet.

Die AfD aber Tierarzt sage ich, träumt nicht von einer Welt in der es nur einigermaßen gerecht und geordnet zuginge, sondern die Afd gefällt sich in der Rolle des ungehörigen Bruders, der mit dem Taschenmesser den Käfern die Beine abschnitt und später der Freundin mit Ohrfeigen drohte, die AfD ist die Wiedergeburt von Diederich Heßling, dem brutalen, deutschen Spießer. Die AfD will eine Welt zurück in der Opa ruhig mal erzählt und zwar mit Stolz und den alten Orden der SS an der Brust, wie es war damals als es hieß: „Jeder Russ, ein Schuss!“ Wenn Hans die Grete nachts im Park überfällt, hat sie es nicht anders gewollt und wenn die Ehefrau sich eine fängt, so hat sie es nicht anders verdient. Wenn der AfD-Wähler über den Pastor schimpft, die Behinderten verlacht, die Ausländer verachtet und die Juden wie die Muslime hasst, so ist es sein gutes Recht, aber wehe der AfD’ler soll sich mäßigen müssen, dann schreit er Vaterlandsverrat und Zeter und Mordio, wie damals als Vatern ihn durch den Garten jagte, als er Bonbons aus dem Zuckerglas stahl. Das Lügen aber hat ihm schon immer gelegen, und nur wer Böses will, würde sagen, dass er hat von Opa gelernt.

Nicht vergessen werden aber soll über all dem die CSU. Die CSU hat ein Programm und das Programm heißt: Bayern. Dass was Trump Amerika versprach, ist in Bayern schon immer der Fall und so ließe sich wohl in einem bayerischen Biergarten unter Kastanien, die Wahl am Besten verfolgen, denn Mia san Mia, das ist dort Gesetz.

„Yikes“, sagt der Tierarzt und ich wende mich wieder dem Schreibtisch zu.

Besuch bei Frau Guo

„Mädchen, sagt der Tierarzt, Dir ist ja immer noch so kalt!“

Ich sitze nämlich am Samstag Nachmittag zitternd im Büro und schüttle ich den Kopf, so fallen Eiskristalle aus den Shetlandponyhaaren und meine Hände sind kalte Eisblöcke und von meine Füßen will ich gar nicht erst anfangen.

„So geht das nicht Mädchen, fährt der Tierarzt fort, wir gehen zu Frau Guo.“

Zustimmend klappere ich mit den Zähnen: „Tierarzt, das ist eine sehr gute Idee.“

„Könnte von Kälbchen sein, die Idee!“, stimmt der Tierarzt mir freudig zu. Ich denke an Kälbchen, das diese Woche den ebenfalls auf der Weide lebenden Esel so getriezt hat, dass dieser nur noch mit erhobenem Huf über die Weide hoppelt und schweige lieber zu diesem Thema. Besser ich packe meinen Kramuri in die Tasche und dann gehen wir durch den kalten Regen zu Frau Guo. Frau Guo’s Familie betreibt das Orient Paradise, den Supermarkt der Stadt, in dem es Okra, Hühnerfüße und wirklich niemals Sellerie zu kaufen gibt. Im Supermarkt betreibt Frau Guo einen Imbiss und als ich nach Irland kam und Frau Guo’s Laden ausfindig machte, da wurde mir Irland ein klein wenig heimatlicher. Damals noch ohne Tierarzt trat ich an die Theke und sagte: „Einmal Rindfleisch extra scharf bitte!“ und Frau Guo musterte mich eingehend. „Extra-scharf?“, fragte sie und ich nickte und zeigte auf die grünen Chillies und klapperte ähnlich wie heute mit den Zähnen. Seit jenem kalten Novembertag sind Frau Guo und ich alte Scharfesser-Freunde und schon als wir den Supermarkt betreten, winkt sie mir zu. „Fräulein Read On, sie waren lange nicht da.“ Ich bekenne mich gleich schuldig und Frau Guo häuft Huhn und Gemüse zu einem Berg und ich nicke: „extra-scharf, bitte! Frau Guo lässt sich nicht lange bitte und sehr viel grüne Chilli landet auf dem Gemüsehühnerberg. Der Tierarzt aber bekommt von Frau Guo eine Schüssel heißer Suppe vorgesetzt, ähnlich wie meine liebe C. duldet Frau Guo kein“Nein, das esse ich nicht“, sondern klopft dem Tierarzt aufmunternd auf die Schultern und hört nicht weiter auf sein Nein, Nein, sondern sagt: „Spezialsuppe für Tierarzt!“ Ich indes schwelge in Huhn und scharfen Champignons und in der linken Hand halte ich eine grüne Chilli, in die ich beherzt hineinbeiße. „Fantastisch“, huste ich und langsam tauen meine Füße wieder auf. Frau Guo strahlt. Zwei Kunden schielen auf die tierärztliche Suppe, aber Frau Guo schüttelt den Kopf: „Suppe Spezial“, sagt sie „für den Tierarzt.“ Der Tierarzt löffelt eifrig und ich greife nach der zweiten Chili und nage mit tränenden Augen an einem Hühnerknochen. Hinter mir hängt Herr Guo Enten in den Bräter und Tochter Guo wiegt Fisch ab, im Hintergrund läuft eine Soap aus Korea und dann setzt sich Frau Guo mit einem Teller voller Hühnerfüße zu uns und ich beiße in die dritte Chili. „Read On“, sagt Frau Guo. „Elections in Germany“ Ich nicke, denn wie der Tierarzt so ist auch Frau Guo eine innige Bewunderung des Landes der Dichter und Denker. Frau Guo und ihr Mann waren nämlich vor zwei Jahren in Frankfurt und die Liebe war so groß wie absolut. „Wie Shanghai, sagt Frau Guo, nur so sauber, so ordentlich, und die Frankfurter wahre Himmelsmenschen.“ Frau Guo und ihr Mann saßen nämlich in Frankfurt in einem Heurigen und schlürften Äppelwoi aus tönernen Krügen und als Frau Guo die Toilette des Heurigen aufsuchte, so hing dort an den Kacheln ein Putzplan mit Zeiten und Unterschrift und auch wenn Frau Guo des Deutschen nicht mächtig ist, so verstand sie gleich: hier herrschen Glanz und Gloria und ( wahrscheinlich auch Chlor). „Ein Toilettenzertifikat“, sagt Frau Guo staunend und ist neidisch auf die Deutschen, die in einem so keimfreien, wie ordentlichen Land leben dürfen. Das ist natürlich Wasser auf des Tierarztes Mühlen, der sofort einstimmt und schon ist der Orientparadies angefüllt mit: „Blumeninseln!“, „Ausflugsdampfern“,“Fußgängerzonen“, der Tierarzt weiht Frau Guo in die Magie der Wauziwägelchen ein und Frau Guo lauscht seinen Berichten mit ungläubigem Staunen. Ich gieße derweil Sojasauce über mein Gemüse. Deutschlandexperten soll man nicht stören und mit verhangenen Augen beschwören Tierarzt wie auch Frau Guo, Deutschland als ein lange verloren geglaubtes Paradies. Die Deutschen ist man sich einig sind wohlerzogen, haben Tischmanieren, gepflegte Vorgärten und 11.000 Sorten Brot. Nächstes Jahr plant Familie Guo eine Moselreise und das der Tierarzt mich belauert, wann wir wohl nach Berlin zurückkehren, sei nur der Vollständigkeit halber angemerkt.

Auch Herr Guo ruft nun vom Hackbrett herüber, dass die Würste in Frankfurt vortrefflich geschmeckt hätten, das Bier nicht einmal lauwarm gewesen und ein ehrlicher Bäcker hätte ihm 25 Cent herausgegeben, dabei hätte er gar nicht gemerkt, dass er zu viel bezahlt habe. „Ja, so sind Sie die Deutschen“, sagt der Tierarzt mit glühendem Blick und hat darüber seine Suppenschüssel leer geschlürft.

„Merkel for Chancellor“ ruft Frau Guo mit erhobener Hühnerkralle und seufzt. „Chancellor Merkel very realist“, sagt sie und der Tierarzt nickt. Ich glaube der Tierarzt nimmt an, dass Angela Merkel selbst, hinter der Erfindung der Hundewägelchen steht. Physiker sind ja bekanntlich zu allem fähig. „Merkel for Chancellor“ ruft auch der Tierarzt und Herr Guo ruft es auch.( Sollte Frau Merkel je genug davon haben mit Tomaten beworfen zu werden, hier bekäme sie nicht nur scharfes Huhn, sondern auch Extra-Lob. Dann beklagt der Tisch den Zustand der irischen Politik. „Lazy“ ruft Frau Guo, „rotten“ ruft der Tierarzt, „ swindlers“ knurrt Herr Guo und das Beil trifft einen Knochen. Die koreanische Soap ist zu Ende und ein Nachrichtensprecher informiert über chinesische Dinge. „You know Read On“, sagt Frau Guo, we don’t have any politicans in China. Only gangsters.“ „Criminals“, pflichtet Herr Guo ihr bei. Dann seufzen sie beide.

„The Germans are very lucky.“, sagt Frau Guo.

„The Germans and their dogs are very lucky“, sagt der Tierarzt.

Die Deutschen wissen nicht viel über das Glück, denke ich, aber ich sage nichts, denn Frau Guo zieht ihr Telefon aus der Tasche und zeigt dem Tierarzt das deutsche Toilettenzertifikat. Liebende soll man nicht stören.

Telefonat mit Wien

Die Mali-Tant, war eine der liebsten Freundinnen meiner Großmutter. Wie meine Großmutter scheiterte die Mali-Tant an Israel. Die beiden Damen waren sich einig: die Hitze, der Staub, das schlechte Theater, die barbarische Sprache, die seichten Opern, da könne man trotz allem also auch nicht bleiben. Meine Großmutter ging zurück nach Deutschland und die Mali-Tant zog zurück in ihre Geburtsstadt Wien. Damals also im 1950er Jahr sagten die Nachbarn zur Mali-Tant: “Wir dachten die Juden sind alle durch den Rauchfang gegangen.” „Ja, sagte die Mali-Tant damals, das habt ihr euch wohl so gedacht.“ Die Nachbarn haben nicht widersprochen. Die Mali-Tant aber ist geblieben und noch immer, noch heute lebt die Mali-Tant in Wien. Jeden Samstag seit vielen Jahren also, rufe ich die Mali-Tant an.

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Symbolbild: Das Spinnenorakel ist noch unschlüssig.

Ich lehne in einem alten Polstersessel, auf meinen Knien ein wollenes Plaid, in der Hand die liebe blaue Teetasse und wie mein Großvater vor vielen Jahren zu sagen pflegte als meine Großmutter die Mali-Tant anrief, telefoniere ich mit Wien.

Ich: Guten Abend, Mali-Tant, hier ist Read On.

Mali-Tant: Servus Mädi. Geht’s dir wohl?

Ich: Ah geh Mali-Tant, es geht sich schon aus. Und bei dir? Ist das Ziehen im Kreuz besser geworden?

Mali-Tant: Ah geh Mädi, irgendein Ungemach hat man immer. Es geht sich schon aus.

Wir wechseln weitere Bemerkungen über das Wetter, das Leben, die Gerti ( die Tochter der Mali-Tant, Schwesterchen und dies und das.) Dann sage ich:

Ich: Sag Mali-Tant, wie wird die Wahl morgen gehen?

Mali-Tant ( schnauft empört): Ah geh, eine Schand ist es diese Wahl. Am Donnerstag auf dem Weg zum Greißler hat mir so ein Hofer-Burschi einen Apfel hingehalten und irgendwas von der ganzen Süße Österreichs schwadroniert. No, hab i zu dem Burschi gesagt, im Dezember hat es wohl kaum süße Äpfel in Österreich. Richtig schiach is da der Burschi worden und hat eine Keiferei angefangen. Dass er satt habe mit den ganzen Vernaderern, die ihm sein schönes Österreich madig machten. So a Zwiderwurzn! Nur weil ich ihm hab sagen müssen, dass sein Hofer-Apfel aus Argentinien ist und net aus dem Tirol.

Gestern dann, auf dem Weg zum Friseur stand scho wieder so ein Gelackter auf der Straße und hielt mir ein Zuckerl hin. Für van der Bellen! Ah geh, hab i dem Lackafferl gesagt, ich bin doch kein Zirkuspferd, dem man ein Zuckerl gibt. Ganz geschnappig war der Gelackte da gleich und hat angefangen auf die alten Leut zu schimpfen, die die Faschisten groß machen. Geh, habe ich dem gesagt, was wissen Sie denn scho von den Faschisten? Dann bin ich gegangen.

Ich: Ach Mali-Tant, dass ist nicht Recht.

Mali-Tant: Kannst nix machen gegen die Großkopferten. Heut in der Früh bin ich nochmal beim Greißler gewesen. Wegen der Eier. Sollst doch halt auch Vanillekipferl und Makronen kriegen, wenn i dir schon zur Last fall zu Weihnachten.

Ich: Mali-Tant, jetzt lass aber gut sein, noch nie bist du mir lästig geworden.

Mali-Tant: Wir oiden Leut sind immer lästig. Scho recht. Jedenfalls bin i nunter zum Greißler der Eier wegen und da hat der Greißler, i kenn den schon, da ist der noch a Lehrbub gewesen, getönt, dass jetzt wieder Ordnung einzieht in Österreich und dabei ist der selbst Jahr und Tag schwarz hackeln gegangen. War eh klar, dass dann auch die Prokol in die Greißlerei geschlichen kam mit ihrem Gered vom mit dem Besen das Land einmal richtig auszukehren. So a Blunzen! Den andern Tag hat sie noch bei der Marktfrau getönt, dass ihre Eltern scho immer Antifaschisten waren und jeden Tag in der Woch’ hatten sie einen anderen Juden unter dem Bett versteckt. Die Mali-Tant seufzt.

Ich: Ach, Mali-Tant.

Mali-Tant: Weißt Mädi, ich würd so gern in der Zeitung mal wieder was über die Oper lesen.

Dann sprechen die Mali-Tant und ich über den Quarkstollen den meine Großmutter in der kühlen Speisekammer lagerte und immer erst am Weihnachtsabend anschnitt, ihren Vater der wie sie die Oper liebte, über die Zugreservierungen Wien-Berlin, denn das alte Österreich in dem die Mali-Tant und mein Urgroßvater geboren wurden gibt es schon lange nicht mehr, auch nicht wenn die einen es beschwören und die anderen nicht mehr wissen, was sie eigentlich verdammen.

Vor dem Schuss

Haben denn diese Menschen, frage ich mich, keine Blumen zu gießen oder Kinder zu gärtnern? Gibt es keine Schwester die auf einen Anruf wartet oder einen Bruder, der Hilfe bei der Autoreparatur braucht? Warum haben sie so wenig Phantasie im Leben? Und warum zur Hölle studieren sie nicht Zahnmedizin, werden Mechatroniker oder von mir aus Spielhallenbesitzer? Gibt es nicht tausend andere Dinge die einem an einem Donnerstagnachmittag oder Sonntagabend einfallen können? Einen Teich anlegen, Kuchen backen, Fußball sehen, Fußball spielen, in die Schwimmhalle fahren, sich ein Tattoo stechen lassen, sich an der Bushaltestelle so richtig verlieben, in die Sauna zu gehen, ein Geburtstagsgeschenk für die Großmutter kaufen, endlich ein Paar neue Schuhe besorgen, sich mit Freunden auf ein Bier, oder auch zwei oder drei verabreden, den Keller aufräumen, ein Buch lesen, die Stereoanlage so laut aufdrehen bis die Nachbarn mit dem Besenstiel kommen? Wo zum Himmel nehmen sie denn ihr zementiertes Weltbild her, in dem die Anderen kein Recht auf gar nichts haben und nur sie allein wissen was das Ganze sei. Haben sie denn wirklich niemals Zweifel? Verschlucken sie sich eigentlich nie an einer ihrer hasserfüllten Reden? Erschrecken sie sich wirklich nicht sehen sie beim Zähne putzen in den Spiegel?

Warum träumen sie eigentlich nie von lichten und heiteren Dingen, von einer Hochzeit am Strand oder sieben Kindern, die im Garten Fußball spielen? Gibt es denn wirklich niemanden, nicht einen einzigen Menschen, dem sie beim Leben zusehen wollen? Und warum zur Hölle wenn sie schon so am Vaterland hängen, gründen sie keinen Verein, der Bäume in öden Straßen pflanzt, Kinder die das Meer nicht kennen zum Strand fährt oder englische, iranische oder turkmenische Lieder studiert? Warum wenn sie doch G*ttes Namen immerzu im Munde führen, warum singen sie nicht im Kirchenchor oder backen Kekse für den Anbau einer neuen Moschee? Warum haben sie kein anderes Ventil für ihre schäumende Wut? Fitnesstudio, Box-AG, Crosslauf, Schafe scheren oder so laut gegen den Wind anbrüllen, bis sie schließlich heiser werden. Und warum geht ihnen bevor sie mit der Pistole oder dem Messer vor jemanden stehen, keine dieser Fragen durch den Kopf und bewegt sie innerzuhalten, durchzuatmen und zu Sinnen zu kommen, bevor der erste Schuss fällt?