Woanders ist es auch schön

Frau Arboretum hört ein Lied und erinnert sich. Ein Lied ist ja niemals nur ein Lied und Erinnerungen sind niemals nur Erinnerungen.

Es gibt ein Bild  von Oskar Maria Graf, da steht er in den Krachledernen mit einer Tasche auf dem Flughafen und es ist eines jener Bilder des Exils, die sich mir unauslöschlich eingeprägt haben. Den Versuch sich die Heimat als Mantel und Hose um die Beine und Schultern zu legen, so vergeblich, so verzehrend und ich kann es Ihnen nur ans Herz legen, lesen Sie seine Bücher, die allesamt von der Heimat erzählen, ohne sich dem Schwindel der Sentimentalität hinzugeben.

Der Spiegel hat eine Reportage über eine Mutter deren Ambitionen und das gesellschaftliche Dilemma der Mutter an sich gemacht, und auch wenn ich glaube, dass ein viel größeres Dilemma ist, dass der Spiegel seit Jahr und Tag die gleichen Geschichten erzählt und niemals die Geschichten der Mütter, die dem Zwang unterliegen vom ALDI Gehalt zwei Kinder großzuziehen, hat Frau Excellensa einen klugen Kommentar dazu verfasst, dass die größten Feinde der Mütter immer noch die Verachtung der anderen Mütter und Frauen ist.

Die Rolling Stones kommen nach Hamburg und die Freude hält sich in Grenzen.

Christina Dongowski besucht Ernst Jüngers Haus in Wilfingen und ich habe nicht nur gelernt, dass Jünger ein rosa Badezimmer hatte. Was für ein fantastischer Text.

Gauri Lankesh eine indische Journalistin ist erschossen worden- bei sich zu Hause, denn die Dementoren sind wirklich keine Erfindung eines Kinderbuches, sondern grässliche und traurige Realität.

In Irland ist Tee eine sehr ernste Angelegenheit und es gibt Familien, die sich nicht über die unmögliche Schwiegertochter oder das Kreuzerl auf dem Wahlzettel zerbrachen, sondern über die Teemarke oder die Definition des Schlückchens Milch. Das Lied und das Video der Rusangano Family ist nicht nur deshalb  sehr großartig.

Woanders ist es auch schön.

Liisa fliegen die Herzen zu.

In Irland geht so schnell nichts verloren.

Der Sommer kommt ganz bestimmt. Ich bin mir sicher. Bis es soweit ist, hilft warmer Tee und Gedichte helfen sowieso.

Ein Morgen am See.

Ich habe ja gar keine digitale Agenda- außer meinem festen Vorsatz:“ ich schreibe das Internet einfach voll“- aber das disqualifiziert wohl eher, die Kaltmamsell aber berichtet von Ihren Eindrücken auf der re:publica .

Ich bin auf zu vielen schauderhaften Hochzeiten gewesen und zu viele Ehepaare haben Ihr Ja-Wort an meinem Küchentisch in viele, kleine Splitter zerlegt als das ich „Ja“ flüstern wollen würde, aber Anne Hufnagl ist immer dann dabei, wenn rosa Herzen und weiße Tauben fliegen. ( Jedenfalls bis zur nächsten Runde: „Nie hörst du mir zu.“ )

Bekanntlich höre ich dem Tierarzt gern beim Singen zu und der Tierarzt lässt sich nicht lange bitten. Karmacloud können Sie zudem getrost auf jeder Hochzeitsfeier zwischen Cork und Coburg spielen.

Woanders ist es auch schön.

Die kluge und wunderbare Kiki macht sich Gedanken über das Essen, das Leben und weiß etwas über das große Glück des Butterbrotes.

Madame Modeste besucht Brecht und findet alte Träume.

Bei der Travelling Lady wackeln wackeln die Wände.

Der Mai kommt hier nicht mit weißem Flieder, sondern mit einem Feuer daher.

Doron Rabinovici erinnert an Daliah Lavi. Das Lied zum Text gibt es hier.

Irland ist nicht nur Joyce, Beckett und Seamus Heany, sondern es gibt so viele und so viele unterschiedliche Stimmen. Eine gehört Sally Rooney.

Der Tierarzt putzt sich die Zähne, gießt die Blumen und streichelt die Katze zu diesem Lied. Das freut die Zähne, die Blumen und die Katze sowieso.

Und sonst so Read On? Ach, viel Neues gibt es nicht zu berichten, nur die Schafe, die im Dorf bekanntlich verbriefte Rechte besitzen, wandern gemessenen Schrittes die Straße entlang. Dieses Wochenende nämlich trifft man sich und singt gemeinsam Frühlingslieder.

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Read On.

Woanders ist es auch schön.

Bekanntlich war ich berüchtigte Katastrophenschülerin und Lehrer warfen mir von jeher nur diesen speziellen Blick zu, den sie im Lehrerseminar ausführlich trainieren und der sagt: „Niemals wird dich auch nur jemand zum Blumen gießen beschäftigen Du Taugenichts, Du.“ Ich kenne diesen wirklich Blick sehr gut. Der Biologieunterricht indes, den über Jahre eine ältliche Matrone gab ausgezehrt von langen Jahren hinter dem Katheder, und dem ausgestopften Wiesel hinter ihr, zeigte in endloser Abfolge Dias von Insekten auf einem schnarrenden Apparat, der oft heißlief und die Dias anschmorte. Dann musste der Physiklehrer kommen und helfen. Der Physiklehrer nannte den Dia- Apparat ’sein schönes Mädchen‘ und die Biologie-Lehrerin errötete. Wir schüttelten uns und niemand von uns wagte zu auch auch nur davon zu träumen, dass in einem anderen Land und in einer anderen Schule eine Lehrerin wie Frau Croco, die Würmer  zu den Schülern bringt und das ist schon sehr, sehr gut und unvergesslich und lernen können auch noch Katastrophenschülerinnen wie ich etwas. (Ich bin mir sicher Frau Crocos Postfach im Lehrerzimmer ist voller Liebesbriefe.)

Berlin hat viele Seiten und leider auch einen Möbelstrich  Oy vey.

Als nunmehr allerletzter Mensch der Welt habe auch ich Didier Eribons Buch „Rückkehr nach Reims“ gelesen. In die Magengrube fährt einem dieses Buch, denn es ist unversöhnlich und nur sehr wenigen Menschen gelingt wohl der Blick des Chirurgen auf seine Eltern. Hier gibt es eine mich sehr nachdenklich gestimmt habende Rezension  und auch das schon ältere Interview mit Eribon ist schon sehr lesenswert, denn es zeigt, dass auch Eribon im Grunde nicht weiß, warum seine Mutter Front National wählt und es ist sicher an der Zeit die liebgewordenen Gewissheiten der französischen Linken, dass es so schlimm schon nicht kommen werde, mit der Realität abzugleichen.

Henrietta Street ist eine Straße in Dublin, die direkt ins 18. Jahrhundert führt, selten legt sich die Geschichte so wie dort wie ein Mantel um die Schultern und wie diese Vergangenheit aussah und warum es Erinnerungsorte braucht, will dieses Museum zeigen.

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Henrietta Street, Dublin

Dieses Gedicht wieder und wieder und noch einmal gelesen.

„Wirklich“ sagt Schwesterchen zu mir am Telefon. Du kannst nicht immer nur völlig erratische Musikstücke empfehlen. Niemand will ständig Rachmaninoff hören.“Ach so, sage ich“ und sage es schnippisch und mit hochgezogener Augenbraue, die Schwesterchen leider nicht sehen kann. Schwesterchen ist ungerührt. Erinnerst Du dich noch wie Du damals dem B. der übrigens wirklich in dich verliebt war, Schumann ans Herz gelegt hast? „Habe ich nicht, sage ich, „sondern ich habe dem B. damals eine Debussy Bearbeitung von Debussy ans Herz gelegt. „Und sagt Schwesterchen, hat er dich noch einmal angerufen?“ Ich schüttle den Kopf. „Siehst Du“ triumphiert Schwesterchen und lacht. Dann pfeift sie doch tatsächlich dieses Lied. „Ich dich auch, Schwesterchen, ich dich auch“, sage ich und lege auf.