Franz Kafka. Der ganze Prozess.

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Am späten Vormittag gehe ich die Stufen hinauf. Martin-Gropius Bau, einen Steinwurf entfernt vom Potsdamer Platz und im Treppenaufgang hängt ein Plakat: Kafka. Der ganze Prozess. Der Martin Gropius Bau ist wie alles in Berlin ironisch gebrochen, denn man soll ja merken, dass man hier in Berlin ist und in Berlin ist immer alles ironisch gebrochen und deswegen gibt es immer irgendwo Neonröhren und Sinnsprüche, die immer einen doppelten Boden haben sollen und natürlich auch ironisch sind. Die Deutschen haben ein Bewusstsein und es ist ein historisches Bewusstsein und immer auch ironisch. Deswegen erklären die Deutschen mir immer, dass Auschwitz wirklich schlimm gewesen sei und dann erklären die Deutschen mir, was an Israels Politik alles falsch ist. Das ist der einzige Moment, wenn die Deutschen nicht mehr ironisch sind, sondern sehr ernst und ich als Jude bin ja sowieso insbesondere in Berlin-Mitte ein ewiger Vorwurf. So ist das nämlich und immer flackern die Installationen ein bisschen nervös. So viele Juden kommen aber gar nicht mehr nach Berlin-Mitte und wenn dann eher selten in den Gropius-Bau, aber man weiß ja nie und besser die Ironie ist schon einmal da. Ironie auf Rezept sozusagen und dann stehe ich in einem dunklen Raum und der Raum hat 18 Grad, das sagt das Schild, denn hier wird Papier konserviert und dann steht man einfach so vor den Manuskriptseiten und es ist Franz Kafka, der da vor einem liegt, Franz Kafkas Prozess, lauter eng beschriebene Seiten, gelblich schon ist das Papier. Allein bin ich nicht. Eine Schulklasse ist mit mir im Raum und die Schulklasse findet das alles sehr öde. Warum sollen sie hier stehen in einem dunklen Raum voller Papier. Die Lehrerin macht immer psst und pscht. Und dann: „Ruhe jetzt“ und „Benehmt euch“ und das alles ist gar nicht ironisch und die Lehrerin ist nervös, denn so viel Papier und noch dazu eng beschrieben, ist doch eine Zumutung und museumspädagogisch aufbereitet ist das alles auch nicht. Da sind einfach Vitrinen und dann ist da dieser Text. „Scheiße“ ruft ein Schüler und sein Käppi fällt runter und das ist auch blöd und die Schrift kann keine Sau lesen und die Lehrerin will doch endlich, dass Ruhe ist und im Nebenraum läuft ein Film. Der heißt auch „Der Prozess“, aber der Film ist in schwarz-weiß und niemand auch die Lehrerin nicht, kennt Orson Wells und die Schüler kennen Jeanne Moreau nicht und der Film ist auf Englisch und die deutschen Untertitel sind nicht ganz synchron und der Film ist überhaupt unverständlich und auch blöd und die Lehrerin rennt zwischen den Vitrinen und dem Filmvorführraum hin-und her und schreit: „Aber Schluss jetzt“ und „Ruhe“ und „pscht.“ Ich stehe noch immer vor der ersten Vitrine und der Junge mit dem Käppi, sagt: „Ey voll die Scheiße, ey“und „die Kack Schrift“ und dann stehe ich da und sehe auf die Buchstaben und dann lese ich einfach vor, diesen Satz, den ich schon so oft gelesen habe, aber noch nie von diesem Blatt Papier, da vor mir in der Vitrine. „Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne daß er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet. Der Junge mit dem Käppi starrt mich an und ich lese einfach weiter, denn da liegt ja jener Text, dieser Text, den ich nie vergessen kann, dieser Text dem ich nicht ausweichen kann und der für mich niemals Ironie war und ich lese: Die Köchin der Frau Grubach seiner Zimmervermieterin, die ihm jeden Tag gegen acht Uhr früh das Frühstück brachte, kam diesmal nicht. Der Junge mit dem Käppi ruft: „Ey Serkan, Aylin, Timo, ey Leute kommt ma rüber, die kann das echt lesen“- und die Schulkollegen kommen und wir stehen vor den Vitrinen und ich lese von K. der nicht weiß wie ihm geschieht an diesem Morgen und die alte Nachbarin vom Fenster gegenüber und dann sind die Fremden in der Wohnung und Josef K. weiß nicht wie ihm geschieht und schon ist die erste Seite gelesen und fast synchron rücken wir weiter, denn das Mädchen neben mir, sagt: „voll krass, das alles.“ Und hat sie nicht Recht, denn Josef K. wird ja wirklich verhaftet an diesem Morgen und dann sucht K. seine Legitimationspapiere und findet in der Eile nur seine Radfahrlegitimation und ich überlege ob ich den Mädchen und Jungen neben mir wohl erklären muss, was Legitimationspapiere eigentlich sind, aber die Schüler sind ganz still und dann sagt der Junge mit dem Käppi: „Mein Freund hier hat auch keinen Pass.“ Der Freund auf den das zutrifft, ist ein blasser, dünner Junge und starrt auf das Papier in der Vitrine. Und nichts ist ironisch und gar nichts ist gut, hier in Berlin, 2017 und da hier vor uns ist Franz Kafka und das ist der ganze Prozess und Kafka, nein, den muss man nicht erklären, der ist immer völlig klar. Josef K. kann nicht beweisen, dass er unschuldig ist und die Schüler drängen mich weiter, ich soll weiterlesen, denn jetzt nämlich gehört ihnen diese Geschichte, diese Blätter da gelb und eng beschrieben in der Vitrine und ich lese vor und lese immer weiter und einmal wandern wir gemeinsam um die Vitrinen herum und die Schüler sind atemlos, weil die Geschichte einen aus den Fugen hebt, das ist Kafka, dieser Franz Kafka, der Jude Kafka, dem es immer ernst war und dann sind wir angekommen am Ende, an dem die Geschichte abbricht: „Wie ein Hund!“ sagte er, es war, als sollte die Scham ihn überleben.“ Die Schüler klatschen, aber nicht für mich, sondern für Franz Kafka, der ja da vor uns liegt und schrieb, wer hat denn je so um sein Leben geschrieben wie Franz Kafka? Und die Schüler applaudieren jenem Franz Kafka und die Lehrerin kommt und die Lehrerin ruft: Psst! Und „Ruhe jetzt“ und der Schüler mit dem Käppi sagt: „Die Frau kann das alles lesen.“ Die Lehrerin sieht mich an und will sich entschuldigen, dabei weiß ich nicht einmal wofür, denn Texte sind ja dazu da, dass man sie liest, wozu denn sonst und die Schüler reden ja schon über diesen Text den sie eben nur nicht lesen konnten. „Ihr sei Kafka immer zu ironisch gewesen, sagt sie und dann sagt sie: eben kafkaesk. „Gerade nicht, sage ich“ und sie sieht mich erstaunt an.

Der Junge mit dem Käppi schwenkt sein Telefon und hat den Prozess heruntergeladen und dann kommt er zu mir und sagt: „Das ist mein erstes eigenes Buch.“ Ich gratuliere und versichere ihm, dem strahlenden, jungen Mann, dass es kein besseres, erstes Buch gäbe, als den Prozess und dass ich mir vorstellen könnte, dass ihm auch das Schloß gefiele und er lächelt und fängt an zu lesen.

Ich lächle mit und noch einmal stehe ich vor der Vitrine und sehe mich, ein bisschen jünger war ich, als die Schüler, da schickte mir meine Großmutter ein Buch ins Land A., „Franz Kafka, Der Prozess“ und alles veränderte sich und ich war eine Andere geworden.

Alle Zitate aus: Franz Kafka, Der Proceß, Frankfurt am Main 2002, S.7 und S. 312.

Woanders ist es auch schön.

Liisa fliegen die Herzen zu.

In Irland geht so schnell nichts verloren.

Der Sommer kommt ganz bestimmt. Ich bin mir sicher. Bis es soweit ist, hilft warmer Tee und Gedichte helfen sowieso.

Ein Morgen am See.

Ich habe ja gar keine digitale Agenda- außer meinem festen Vorsatz:“ ich schreibe das Internet einfach voll“- aber das disqualifiziert wohl eher, die Kaltmamsell aber berichtet von Ihren Eindrücken auf der re:publica .

Ich bin auf zu vielen schauderhaften Hochzeiten gewesen und zu viele Ehepaare haben Ihr Ja-Wort an meinem Küchentisch in viele, kleine Splitter zerlegt als das ich „Ja“ flüstern wollen würde, aber Anne Hufnagl ist immer dann dabei, wenn rosa Herzen und weiße Tauben fliegen. ( Jedenfalls bis zur nächsten Runde: „Nie hörst du mir zu.“ )

Bekanntlich höre ich dem Tierarzt gern beim Singen zu und der Tierarzt lässt sich nicht lange bitten. Karmacloud können Sie zudem getrost auf jeder Hochzeitsfeier zwischen Cork und Coburg spielen.

Zwischen den Seiten

Jeden Abend wenn ich in den Zug steige, sehe ich die mir unbekannte Frau. Genau wie ich, steht sie im Mittelgang des Zuges der Dublin erst mit den Vororten und dann mit den weiter entfernt liegenden Dörfern und Städten verbindet. Voll ist der Zug, stickig und verbraucht ist die Luft schon beim Einstiegen. Die Lehrerinnen, Bankangestellten, die Mütter mit Kinderwagen, die Rentner und Bauarbeiter sie alle sehen müde aus und oft auch geschafft. Der Zug gleitet anders als ein ICEnicht lautlos durch die Landschaft, sondern rumpelt so vor sich hin und bleibt oft auf der Strecke länger stehen als an den eigentlichen Bahnhöfen. Die Züge und Gleise der Iarnród Éireann, der irischen Bahn sind veraltet und wie der gesamte öffentliche Sektor natürlich chronisch unterfinanziert. Wohl auch deswegen stehen die Frau und ich jeden Abend fast parallel zueinander im Mittelgang. Auffällig ist die Frau dabei nicht. Blass ist sie auf eine Weise, die man im 19. Jahrhundert anämisch genannt hätte, verbunden mit der Aufforderung doch auf ein paar Wochen einen Lungensanatorium aufzusuchen. Aber diese Zeiten sind unwiederbringlich vorbei. Heute trug  die Frau einen schwarzen Rock aus einem mich irritierendem weil nicht zu identifizierendem schwarzen Stoff und ein blaues Shirt mit angedeutetem weißen Bubi-Kragen,fest geflochten sind ihre fast farblosen Haare und nur zwei kleine hellgrüne Ohrringe nehmen ihrem Gesicht die Strenge. Die Frau liest. Sie steht mit den Füßen ineinander verhakt an einen Sitz gelehnt und liest. Aber nein, sie liest nicht nur, sie ist versunken in eine andere Welt. Sie lächelt vorsichtig und fein, wenn vielleicht ein Liebesbrief endlich doch den richtigen Empfänger bekommt, ich habe sie aber auch schon missmutig auf die Unterlippe beissen sehen, wenn möglicherweise ein liebgewonnener Held etwas besonders Dummes gesagt haben mag, manchmal aber sehe ich sie tief seufzen, weil es doch anders gekommen ist, als sie es vielleicht erwartet hat. Genauso gut aber, habe ich die Frau schon kichern sehen als eine Geschichte wohl Fahrt aufnahm und sich auf einmal alles drehte. Manchmal aber blättert die Frau so hastig durch die Seiten, verschlucken sich ihre Augen fast an den Wörtern, so dringend und so ansichtig ihr Wunsch doch zu erfahren, wie es wohl weitergeht auf der nächsten und übernächsten Seite. Traurig blickte die Frau schon manches Mal ins Leere und packte das Buch in die schwarze Handtasche, die sie bei sich trägt, manchmal sieht sie beschwingt durch das schlierige Fenster bevor sie das Buch weglegt und aussteigt. Immer wieder während jeder Fahrt jedoch muss ich von meinem Buch aufsehen und sie ansehen. Fast schon ehrfürchtig staunend, sehe ich ihr Gesicht hinter dem Buch, das mitfühlt und mitleidet, das hofft und staunt und klagt , dem das Herz schwer wird und das Lachen in den Mundwinkeln zuckt, ihr Gesicht das ganz und gar mit den Figuren lebt, das sich aufhellt und verdunkelt mit den Seiten, das ganz und gar aufgeht im Lesen und ankommt in den Welt die hinter sechsundzwanzig Buchstaben liegt und in jedem Buch auf ein Neues beginnt. Wunderschön ist die Frau, die da mit mir im Mittelgang des Zuges steht, heute ganz staunend versunken in „My brilliant friend“ von Elena Ferrante, und seien Sie versichert, auch wenn sie nicht von Dublin aus weit in die Landschaft fahren, bestimmt gibt es auch in Ihren Zügen eine Leserin ganz unverkennbar wie sie.

Read On mag Mosebach

Manchmal passiert es ganz beiläufig und fast unbemerkt. Aus einem Buch fällt ein Foto heraus oder in einer Dose liegt noch immer eine schon längst nicht mehr duftende Rosenblüte. Ein anderer dreht dann das Photo in den Händen herum oder dreht die schon fast zerfallende Blüte in den Händen und fragt: Wie war das eigentlich bevor wir uns kannten?“ Eine heikle Frage ist das, eine jener Fragen die fast schon zu unschuldig ist und nicht nur deshalb kaum zu beantworten ist. Der Erzähler dieses Buches aber nimmt die Herausforderung an. Und uns nimmt der Erzähler mit. Auch wir stehen in einem Zimmer, das sich für kurze Zeit nur in Licht verwandelt, auf einer Zugfahrt aber nur von Ferne, aus den Augenwinkeln lernen wir die Frau nicht kennen, nein das nicht, aber sehen sie doch mit den Augen desjenigen der mit ihr fuhr. Aber die Geliebte allein ist es nicht, um dies es geht: schließlich gibt es ja immer auch noch die anderen, ein Ehepaar, dass sich ganz ausgesprochen nicht mehr liebt, aber doch sehr erfolgreich ein gemeinsames Leben repräsentiert, einen Patriarchen, der in der Zurückstufung seines Sohnes das größte und wohl auch einzige Vergnügen findet, wir besuchen eine Erbtante, die der Liebe nachtrauert, die es wohl so nie gab. Einem nimmermüden Geschäftsmann sehen wir ganz kurz in die Karten, der enttäuschende Sohn verläuft sich- aber nur fast in Cairo und löst nur fast in Italien einen Waldbrand aus, seine Ehefrau trinkt zu viel und bleibt uns doch als ewig heiter und keineswegs betrunken in Erinnerung. Über weite Strecken liebt man sich ganz ausgesprochen nicht, auf einer Fahrt im Schnee kommt manches ins Rollen, wenn auch ganz anders als Thomas Mann sich das anderswo einmal dachte. Am Ende trennt man sich wieder, die einen bitterer als die Anderen. Schließlich öffnet sich auch die Tapetentür zur eingangs beschriebenen Wohnung noch einmal- den schließlich liebt man nie umsonst in Frankfurt sondern ist stets auch eingebunden in die ökonomischen Zirkel, die doch die Welt zusammenhält. Über allem aber wacht ein Kakadu, ihm und seinem scharfen Schnabel kommt im Geschehen einen nicht unerhebliche Rolle zu. Das alles liest sich so leicht, so flirrend, so fantasievoll und schön, so heiter und leicht erscheint noch der dümmste Zufall und die widrigste Begebenheit, dass man sich am Ende doch leise fragt ob vielleicht alles auch ganz anders gewesen sein mag von dem was davor geschah. So klug und so leuchtend aber ist die Frage: „Wie war das eigentlich bevor wir uns kannten?“ noch selten beantwortet wurden, wenn sich auf diese Frage denn überhaupt antworten lässt.

Martin Mosebach, Was davor geschah, München 2010, Taschenbuch, 9, 90 Euro.