Verschiebungen

In der Nacht seltsame und verrätselte Träume. Ein Schwanenpaar fährt langsam rudernd über den See. Das Boot aber liegt schief, ist leck und schließlich verschwinden die Schwäne unter einer großen Wolke von Tauben, die sich erst über die Schwäne, das Boot und den See legen. Die Zukunft des Bootes, der Schwäne, ja selbst die des Sees erschien mir ungewiss. Mit Schüttelfrost aufgewacht.

Auch im Büro klebte noch immer die seltsame Nacht an mir. Ein Maler mit Leiter, Farbeimern und Folie, klopfte an meine Tür.

„Ich soll hier die Wand streichen“, sagt er.
 
„Wir haben keinen Maler bestellt“, sage ich.

„Die Wand hier soll ich streichen“, wiederholt er.

„Hier soll nirgendwo eine Wand gestrichen werden“, wiederhole ich.

Er beginnt in ein Telefon zu schreien. Ich sehe durch alle Kalender befrage die Auszubildende und rufe die J. an. Niemand hat einen Maler bestellt, niemand weiß etwas von einem Maler, keine Wand soll neue Farbe bekommen.

Der Maler steht breitbeinig vor mir und wiederholt sein Anliegen auf grobe und gröbere Weise, die Packung mit der Folie fällt um. Ich beharre darauf keinen Maler bestellt zu haben, der Maler spuckt mir vor die Füße. „Verschwinden Soe“, sage ich und der Maler geht fluchend zur Tür heraus. Aus seinen Schuhen fallen grobe Mörtelbrocken. „Müssen Maler nicht saubere Schuhe haben?“, frage ich mich und denke dabei doch: was für eine dumme Frage das ist. Die Auszubildende heiße ich einen Kehrbesen holen und einmal tut sie etwas ganz ohne Gemaul.

„Ob es wohl wirklich falsche Maler gibt?“, frage ich mich, frage es die J., frage es schließlich die Polizei, der Beamte mahct sich unablässig Notizen.“ Man werde den Fall prüfen“, sagt er. Ich nicke und gehe davon. Wieder ist mir als gurrten die Tauben spöttischer als sonst. Ein Mann spricht vertieft mit einem Ahornbaum.

Das Institut riecht noch immer nach dem Maler, der Farbe und seinem sauren Atem. Ich mache die Fenster auf. Sofort frieren die Auszubildende, die Fellows, nur der Schriftsteller macht Atemübungen am Fenster.

Früher nach Haus als gewöhnlich. Erleichtert endlich einmal das Dorf wenigstens im letzten Tageslicht zu sehen. Sonst gehe ich vor der Dämmerung und komme mit der Dunkelheit heim. Ich setzte mich auf das Fensterbrett, sehe auf das Meer hinaus und als der Tee fast trinkbar ist, klingelt das Telefon.

„Mädchen?“, sagt der Tierarzt bist du daheim?“

„Ja“, sage ich und lege den Kopf auf meine Knie. Den Tierarzt kann ich kaum verstehen, es rauscht und gurgelt am anderen Ende des Telefons. Aber dann höre ich ihn doch, oder anders ich höre, dass ich kommen soll. Warum verstehe ich nicht. Ich borge mir das Auto des Priesters, ziehe mir Gummistiefel an und fahre um Kurven und Ecken, durch andere Dörfer, tiefer in das Land hinein, lasse das Meer hinter mir, eine Tannenschonung, Koppeln, Weiden, auf einem Hof steht der alte Volvo des Tierarztes. Neben dem Tierarzt steht ein alter Mann: „Ich habe sie geliebt“, sagt er und ich frage den Tierarzt: „Was ist passiert?“ Ein Kuh habe sich erschrocken, sagt er und zeigt auf den Weiher, ausgegeglitten sei die Kuh auf der in der Nacht überfrorenen Weide schließlich eingebrochen im dunklen Teich und käme nicht mehr heraus. Er und der Bauer seinen zu schwach und zu alt, um die Kuh aus dem Teich heraus zu befördern. Der Tierarzt schämt sich seiner Schwäche, der alte Bauer sieht auf seine müden Hände, ich wundere mich, ob nicht zwei Schwäne über dem Teich aufsteigen, dann verwerfe ich das Bild und wir gehen hinüber zur brüllenden Kuh. Die Kuh erscheint mir größer als gewöhnliche Kühe, so als hätte das Wasser die Kuh aufgeschwemmt, ein groteskes verzogenes Spiegelbild und ich fürchte mich vor der Kuh und dem dunklen Teich. Der Bauer redet auf die Kuh ein und der Tierarzt und ich überlegen wie wir wohl eine Arte Seilwinde um die Kuh bekämen, der Tierarzt steigt in den Teich hinein und vor meinen Augen verwandelt sich die Kuh in den lecken Kahn meiner Träume. Der Tierarzt kehrt mit blutigen Händen zurück. Irgendwann muss einmal ein Pflug im Teich versenkt worden sein, jetzt aber ist das rostige Metall zum Verhängnis der Kuh geworden. Die Kuh hat aufgehört zu brüllen und die Kuh ist tot. Wir steigen zu dritt in den schlammigen Weiher und schleifen die Kuh ans Ufer. Blutgetränkt und Schlammverschmiert. Die Kuh nicht mehr zu unterscheiden vom dunklen Ufer, wir nicht mehr zu unterscheiden von der Kuh. Der Bauer ruft den Abdecker, der Abdecker ist eigentlich ein Tierkörperverwertungs-Unternehmen. Ich fürchte mich vor unseren Spiegelbildern. Der Bauer gibt mir Sachen seiner toten Frau. Die Sachen riechen nach Mottenpulver, Tieren und der toten Frau. Der Bauer umarmt den Tierarzt, mich und nach vielen Papieren fahren wir endlich nach Hause, ich fahre dem roten Volvo hinterher. „Danke Priester“, sage ich und dann lege ich die Sachen der toten Frau sorgfältig zusammen. Warmes Wasser, kaltes Wasser, ich krieche in einen Tierarztpullover, der Tierarzt wickelt sich in meinen Schal. Der Tierarztpullover ist dunkelblau, der Schal ist gelb, der Tierarzt schiebt seine Finger zwischen meine Rippen. Der Tee ist lange schon kalt, das Haus ist kalt und ich stelle die Heizung an. Leises Gluckern, ein Kahn der leck schlägt denke ich, sehe noch einmal die Schwäne, die Tauben und den dunklen See. Dann schlafe ich ein.

Der große und der kleine Zeiger.

Die Sonne scheint. In Irland ist das immer ein Ereignis. Ich rufe also: „Tierarzt, Katze, Hund, die Sonne scheint.“ Die Katze dreht sich auf den Bauch, der Hund bringt mir einen Schuh, der Tierarzt gurgelt Unverständliches aus dem Badezimmer. Ich schleppe zwei Stühle nach draußen, reiße alle Fenster auf und reiche dem man of the house, eine dampfende Teetasse an und blinzle in die Sonne. Dann blinzeln wir gemeinsam in die Sonne und lesen die Zeitung nach. Bis auf leises Blätterrascheln hört man nichts. Dann aber fällt es mir ein: „Tierarzt, wir müssen die Uhr umstellen.“

Der Tierarzt sieht mich zögernd an: „Mädchen, müssen wir die Uhr jetzt umstellen?“

Ich sehe den Tierarzt an: „Es sind die kleinen Dinge, Tierarzt sage ich: „Stellt man die Uhr nicht mehr um, dann ist das nur die Spitze eines viel größeren Eisberges, der nicht aus gefrorenem Wasser, sondern der Nachlässigkeit besteht: gibt man erst nach, dann schraubt man die Zahnpastatube nicht mehr zu, am nächsten Tag putzt man sich die Zähne nicht mehr, am dritten Tag schiebt man ein gefrorenes Auftaugericht in die Mikrowelle, am vierten Tag kauft man gleich nur noch Zigaretten und drückt die Kippen in den Blechassietten aus, am sechsten Tag raucht man im Bademantel und nagt an kalten Pizzarinden und am siebten Tag stolpert man über die gestapelten Müllbeutel mit den Fertiggerichten in der Küchentür, die fauligen Essensreste laufen über die Fliesen, man glitscht aus und bricht sich das rechte Schienbein und die Sanitäter finden einen mit ungeputzten Zähnen und man hat ja auch die Uhr nicht umgestellt, schreiben Sie die falsche Uhrzeit in den Aufnahmebogen.

Der Tierarzt sieht mich lange an und sagt: Mädchen, warum hast du eigentlich keine Logikprofessur?“

„Lenk nicht ab“, sage ich und ziehe den Tierarzt in die Diele, wo die alte Standuhr steht. Tick-Tock macht die Standuhr und der Tierarzt seufzt: „Dieses störrische Biest.“ Leider hat der Tierarzt Recht. Die alte Standuhr ist wirklich sehr störrisch, das Glasfenster lässt sich nur schwer öffnen und man muss eine Feder an eine Vorrichtung klemmen, um die Zeiger zu bewegen, aber oft springt die Feder ab oder der Stundenzeiger klemmt, es gilt das Pendel zu justieren und so krempelt der Tierarzt die Ärmel hoch.

Tierarzt (T ): Auf geht’s . Der Tierarzt lehnt die Uhr nach vorn, ich halte die Uhr und der Tierarzt öffnet sehr vorsichtig das Uhrenkastel

Ich: YES.

T: Argh.

Ich: A little bit more left.

T: I can feel it.

Ich: You’re nearly there.

T: That’s so damn tight.

Ich: Your fingers are so…

T: Yes…..

Ich: Smooth. Elegant. Strong.

T: Don’t flatter me.

T: G*d I never got in so deep.

Ich: Just a tiny bit more. Can you feel it?

T: Ah. Ah. I don’t want to loose my grip.

Ich: I hold you down. You need to push a tiny bit harder.

T: That’s good. That’s so good.

Ich: You are so close.

T: I am coming closer still.

Ich: That must be it. One last tiny push.

T: Oh yes, yes, yeeeeeees. Here I go. Here I come. Oh yeah.

Ich: Hell yeah.

T: I can still hold it. Can you hold it?

Ich: I can.

T: I let go now. Oh, that’s so good. So damn good.

Ich: You nailed it.

T: I so do. That’s just the right spot. Oh my!

Ich: You do fantastic.

T: I never lasted for so long, didn’t I?

Ich: You really never did. Simply amazing. Yor fingers are so good.

T: G*d. I just did it. That feels so, so good.

Der Tierarzt verschließt das Gehäuse der alten Uhr und sehr vorsichtig kippen wir die Uhr gegen die Wand. Die Uhr macht Tick-Tack-Tock. Ich strahle den Tierarzt an. Der Tierarzt strahlt zurück. Die Uhr glitzert im Sonnenschein. Die Sonne scheint durch die weit geöffneten Fenster. Vor dem Fenster stehen die Frau des Krämers und ihre Tochter. Die beiden Damen kehren so eben vom Kirchgang zurück. Die Frau des Krämers ist kalkweiß. Ihre Tochter ist krebsrot. Sie starren uns an. Der Tierarzt rollt sich die Hemdärmel wieder herunter. „Morgen die Damen Krämer, ruft er herüber, haben Sie schon die Uhren umgestellt. Der Tierarzt zwinkert ihnen zu und hebt neckisch den Zeigefinger: „Nicht, dass Sie noch zu spät kommen.“

Die Damen Krämer eilen wortlos davon. „Die wissen auch nie was Sie wollen“, sagt der Tierarzt kopfschüttelnd. Mädchen, fährt er fort, die Sonne scheint, kommst du mit zu Kälbchen?“ „Klar“, sage ich.

 

Im Wind

Der Sturm kommt und die Universität schließt ihre Tore. Schließt die Universität ihre Tore, so gilt dies auch für das Institut. Die Universität verschickt mehr als eine E-Mail, es gibt das alles auch in kürzer auf Twitter und Facebook, ich schicke eine Email an das gesamte Institut, natürlich alles auch noch einmal in kürzer auf Twitter und Facebook und dann fange ich an die Emails der Fellows zu beantworten:

„Ist das Institut geschlossen?“ ( Ja ) , Ist das Institut WIRKLICH geschlossen. ( Ja). Warum ist das Institut verschlossen? ( Ein Sturm namens Ophelia zieht über Irland.) Bei mir vor dem Fenster weht gar kein Wind, kann ich ins Institut kommen? ( Nein.) Wann fängt das Yoga heute an? (Die Auszubildende).
Ich habe meine Lieblingstasse/ mein Schnuffeltuch / meinen Zettel mit der Weltformel im Institut vergessen, kann ich das abholen? ( Nein ). Kannst du mir die Dinge bringen? ( Nein ). Das ist ungerecht/ eine bodenlose Frechheit / ich bestehe auf dem freien Willen ( Kant !!!!!) wie komme ich ins Institut. ( Gar nicht. Die Universität und Institut sind vernagelt.) Ich werde mich beschweren. Ganz oben. Es ist mein gutes Recht ( Tausend Ausrufezeichen.) Dann fällt der Strom aus und ich finde, ich habe ohnehin genug Fragen beantwortet. Das Dach des kleinen windschiefen Hauses wackelt, aber es hält. Die Kirchglocken St Sylvesters aber schlagen laut und unermüdlich, der Priester kommt vom Meer zurück: „Fräulein Read On“, sagt er, da sind Leute mit Surfbrettern auf dem Wasser.

Die Stunde des Sturms aber ist die Stunde des großen Triumphes der Frau des Krämers. Die großen Supermärkte, erst Dunnes, dann aber auch Tesco schließen, aber ihr Laden trotzt allen Gewalten und der Krämer zurrt ein großes: „We are open“-Schild an einem Baum fest. Die Schlangen vor dem Geschäft werden immer länger und die Frau des Krämers hat gerötete Wangen vor Aufregung und deklariert den Laden zur Sturmversorgungsnotzentrale. Deswegen heißen die sausage rolls, dann auch emergency rolls und kosten 50 Cent mehr als sonst. Die Touristen sind begeistert und die Frau des Krämers herrscht ihre Tochter an, doch schneller zu sein mit dem Nachfüllen der Milchpackungen, der Kekstüten und belegten Brote. „Ich dachte der Laden sei schon zwanzig Jahren pleite“, sagt ein Mann und erntet einen Todesblick der Frau des Krämers, die finster knurrt: „nur über meine Leiche.“ Er bekommt die unverkäuflichen, steinharten Haferkekse, ein Experiment der Frau des Krämers, welches fehlschlug, aber nicht fehl genug, um es dem dreisten Städter nicht einmal so richtig zu zeigen. „Have a very good day“, schnalzt sie als der Mann mit den Haferkeksen und der Milch den Laden verlässt. Dann rüffelt sie ihre Tochter, die zu verschwenderisch mit dem Einwickelpapier für die “Emergency Rolls“ umgeht. Vor der Tür verkauft der Krämer Kaminholzscheite und Kohlenbriketts, dann wirft eine heftige Windböe den Tisch und die Frau des Krämers schilt auch ihn geschäftsschädigenden Verhaltens, kann aber mir ihrer Schimpftirade nicht fortfahren, denn der Sturm knickt den Baum mit dem „We’re open“ Schild einfach um.

Der Tierarzt indes erklärt einer Gruppe unverschämt gutaussehender, amerikanischer Touristinnen, die ihm an den Lippen kleben, auch er sei in einer Sturmnnacht geboren. Die wunderschönen, blondgelockten Frauen seufzen und der Tierarzt- wehendes Haar und wehender Mantel- fügt hinzu: in der Nacht also, in der ich geboren wurde, da schwammen die Fische auf den Straßen als sei es das Meer. Die blonden Sirenen sind der Ohnmacht nahe, nur leider komme eben auch ich die Straße hinunter und sage: „Na Heathcliffe, bist du soweit?“ Die Damen sehen fassungslos zu mir herüber: warum ein Beau sich wohl mit einem Shetlandpony abgibt, fragen sie sich und sie fragen ihn: „Heathcliffe, what an extraordinary name?“ Der Tierarzt schüttelt den Kopf: „Mädchenhumor.“ „There was no possibility of taking a walk that day“ , sage ich und rate den schönäugigen Damen ihre Dorf und Tierarztbetrachtung doch an einem anderen Tag fortzusetzen. Die Damen heben Stöcke und Äste auf. „We survived a hurricane.“ Es fängt an zu regnen.

Später, dann stehen der D. und ich im Wind und wir werden für viele Stundne im Wind stehen und Notversorgung organisieren, über Baumstämme schlittern und müsste ich mich nicht so konzentrieren, so streckte ich der Ballettlehrerin, die mich damals als aus dem Kurs warf: „Das ist Ballett kein Elefantenzirkus“ die Zunge heraus, denn die Bäume sind glitschig und dennoch irgendwie kommt man herüber auf die andere Seite und dann machen wir das, was wir eben machen, seit so vielen Jahren schon. Später, so viel später, als wir zurückfahren, nach langen Stunden, da denke ich an den B. Der B. war ein Mann für den Englisch das Wort hunk erfunden hat, ein Baumstamm von einem Mann, Mountain Rescue, einer von jenen, die nicht mehr zurückkamen, damals aber, in einer anderen Nacht, einem anderen Land, wir bauten Zelte auf, da sah er, zu mir herüber und sagte: Feuer bringt die Menschen näher zusammen, Wasser aber verdrängt, aber Wind, Wind Read On, der Wind zerrt an den Nerven der Menschen, lässt sie schneller die Nerven verlieren als sonst. „Wind Read On makes humans snappy“, nimm Dich in Acht vor dem Wind, über dem Wind verliert man den Verstand. Damals sah ich ihn verwundert an, denn dort wo wir Zelte aufbauten, da war doch der Krieg. Aber er sollte Recht behalten, und als ich spät am Abend wieder zurückkehre in das kleine Dorf, da ist das Dorf rastloser als sonst, und auch der Tierarzt, der Sturmgeboren, der niemals die Ruhe verliert, ist unruhiger als sonst, steht wartend am Fenster und endlich dann vergraben unter dicken Decken, der Sturm schüttelt noch immer an den Wänden des kleinen, windschiefen Hauses, ich ahne wie Recht der B. hatte, der Sturm zehrt an einem, fährt einem unter die Haut, versteckt sich in den Knochen und am Ende des Tages sind drei Menschen tot und am anderen Morgen noch immer 245, 000 Haushalte in Irland ohne Strom.

Ausreißer

Es regnet. Es regnet sogar sehr. Der Wind klappert gegen die Fensterläden und ich mache mir ein Marmeladenbrot. Der Hund jaunelt, weil er kein Marmeladenbrot abbekommt und die Katze lacht über den Hund, denn wenn die Katze ein Marmeladenbrot will, dann würde sie sich eines machen, nur sie will eben keines. Sie hat ja Prinzipien. Die Uhr zeigt 9.05 Uhr und dann klopft es an der Tür. „Fräulein Read On, Fräulein Read On“, ruft der Nachbar atemlos auf dessen Weide Kälbchen Obdach gefunden hat: „Kälbchen ist ausgerissen.“ Ich verfluche den Tag an dem der Tierarzt Kälbchen anschleppte, dann springe ich in Gummistiefel, und stopfe mir die Jackentaschen voller Karotten und renne los. Der Tierarzt, ist aushäusig und ich verfluche einen Orang-Utan mit Zahnweh, der für diesen Zustand verantwortlich ist. Kälbchen hat zwar feuchte Kälbchenaugen und tut als sei es die Unschuld selbst, aber vor allem hat Kälbchen herausgefunden, wie man das Weidegatter öffnet und wenn der Tierarzt nicht so kommt, wie Kälbchen sich das vorstellt, dann macht Kälbchen sich eben selbst auf die Suche und geht spazieren. Nur spaziert eben nicht nur Kälbchen auf der Straße entlang, sondern es biegen Autos um die Ecke, Rennradfahrer heizen die Straße entlang und dann und wann tuckert ein Traktor vorbei und man kann sich alles mögliche vorstellen, nur ein zerdrücktes, zerquetschtes, überfahrenes Kälbchen, dass möchte man sich wirklich nicht vorstellen. Ich renne zur Weide herunter und schreie die anderen Kühe an: „Welche Richtung, los sagt mir  schon welche Richtung!“ Die Kühe sehen mich langsam wiederkäuend an, drei Kühe wedeln mit dem Schwanz: eine nach links, zwei nach rechts.  Dann starren sie wie ich finde impertinent und verschlagen zu mir herüber und kauen stumm weiter. „Sehr hilfreich, vielen Dank auch“, murre ich und renne den vermatschten Weg hinter der Weide entlang, ich rufe: „Käääääääälbchen“ und „Kälbchen, komm zu Read On“. Zwei Spaziergänger starren mich an als sei ich einer Anstalt entlaufen, aber es hilft ja nichts. Ich renne und rufe und renne und rufe und renne, immer weiter in Richtung Wasser, denn Kälbchen weiß nicht nur, wie man das Gatter aufbekommt, sondern auch, dass von dort ein Weg Richtung Oberland, sprich zum Tierarzt führt. Und tatsächlich Kälbchen steht vor einer Pfütze und schlürft Wasser und patscht mit den Hufen im Schlamm. Ich atme durch. Ich habe Seitenstechen und meine Stiefel sind schlammbedeckt. Es regnet ja auch schon seit gestern Abend. „Kälbchen“, rufe ich! Kälbchen dreht mir sein Hinterteil zu. „Hör mal Kälbchen“ rufe ich und dann sage ich jenen Satz, den ich als Kind gehasst habe: „sieh mich gefälligst an, wenn ich mit dir rede.“ ( Funktioniert aber ). Vielleicht hat aber Kälbchen auch nur die Karotten in meiner Jacke erspäht und jetzt gilt es taktisch klug vorzugehen, ich halte also eine Mohrrübe in Richtung Kälbchen und gehe rückwärts in Richtung Heimatweide davon. Für 500 Meter glaube ich zu triumphieren: Kälbchen läuft willig der Mohrrüber hinterher. Dann verfängt sich mein Gummistiefel in einer Schlingpflanze und ich knalle rückwärts in eine Pfütze: „PLATSCH“. Als Moorleiche richte ich mich wieder auf. Kälbchen grinst und knuspert eine Möhre, die mir aus der Tasche fiel. Ich mache Kalbsschnitzel aus dir, rufe ich und Kälbchen grinst, marschiert an mir vorbei, verfällt in einen leichten Trab und die Spaziergänger rufen: „Oh ein Kälbchen, wie süüüüüß.“ Dann fällt ihr Blick auf die hinter Kälbchen herhetzende Moorleiche. Ihre Blicke sprechen Bände. Ich starre finster zurück. Kälbchen blökt und die Spaziergänger rufen: „Geben Sie gut auf Kälbchen acht.“ Ich unterdrücke mühsam den Ruf nach Kalbsgulasch und renne weiter. Vor der Weide lässt Kälbchen sich eine weitere Mohrrübe reichen und dann schnappt es mit dem Maul nach dem Torriegel und stolziert zurück zu den anderen Kühen. Ich zisches Böses und der Nachbar sichert das Tor mit einem Fahrradschloss. Dann wanke ich zurück nach Hause. Dort ist inzwischen auch der Tierarzt eingetroffen.

DIyoUTlXcAAgeni.jpg-large

Von wegen Idylle

„Mädchen, sagt er, warum bist du so schlammbedeckt?

„Tierarzt, warum hast Du Kälbchen nicht besser erzogen?“, knurre ich.

„Mädchen, Kälbchen so jung verwaist, so anhänglich, so zart, und so klug, braucht eben besonders viel Liebe und Nachsicht. Der Tierarzt hat feuchte Augen.

„Tierarzt rufe ich und ziehe vergeblich an einem verschlammten Stiefel: Kälbchen braucht klare Regeln, eine strenge Hand, Konsequenz, klassische Musik zur Beruhigung, eine Aufgabe und KONSEQUENZ, KONSEQUENZ UND NOCHMAL KONSEQUENZ.“ Dann endlich ist der Stiefel vom Fuß.

Der Tierarzt lacht schallend: KONSEQUENZ, KONSEQUENZ, KONSEQUENZ und das ausgerechnet von Dir Mädchen?“ Weißt Du noch als Du Moos gesammelt hast, damit die Igel im Garten wohler ruhen und dass Su deine alte Freundin Wildtaube mit Rosinen aus dem Bioladen fütterst? Der Tierarzt quietscht vor Lachen und japst nach Luft.

„Ungeschwefelte Rosinen“, sind halt besser und gesünder“, schnarre ich und reiße am anderen Stiefel und außerdem hat mich die alte Freundin Wildatube noch niemals in Schlammbäder verwickelt.

Der Tierarzt lachtkreischt wie eine Hyäne: U-N-G-E-S-C-H-W-E-F-E-L-T-E Rosinen. Ich schleudere den zweiten Stiefel in den Flur und mache ein vertrotztes Gesicht:

„Sehr witzig, Tierarzt.“  Du bist so witzig“. Der Tierarzt schnappt nach Luft. Ich werfe die verschlammten Hosen, das nasse T-Schirt und die eingesaute Jacke in die Waschmaschine, der Tierarzt kichert wie wildgeworden, hinter ihm hopst die Katze auf den Küchentisch und beißt herzhaft in das Marmeladenbrot. Der Hund jaunelt, ich stapfe die Treppe hinauf und schließe vor dem Badezimmerspiegel die Augen. In meinen Haaren kleben Schlammbrocken, ich drehe das Wasser auf und eine braune Brühe läuft an meinen Beinen herunter. Selbst durch das rauschende Wasser hindurch kann ich das wiehernde Gelächter des Tierarztes hören: Konsequenz, kichert er, Konsequenz. Kalbskotelett murmele ich, ganz bestimmt, schon bald, wenn ich wieder trocken bin.

Woanders ist es auch schön

Glück ist auch ein Weizenmeer. #rügen #ostsee #weizenfeld #hintermhaus #weizenmeer #feldein #glück

A post shared by FräuleinReadOn (@mademoisellereadon) on

 

Der Tierarzt und ich gondeln heute mit dem Oldsmobile zurück nach Berlin. Wenn Sie aber noch in einem rot-weiß gestreiften Liegestuhl in die Sonne blinzeln und alle Bücher schon ausgelesen sind, ist vielleicht Phileas Empfehlung etwas für Sie? 

Ein lesenswertes Gespräch mit Emilia Smichowski über das Selbst, die Anderen und Integration als etwas sehr Privates.

Der Titel ist mindestens so großartig wie der Text und überhaupt das ganze Blog ist eine Schatzkiste. 1. FC Huhn.

Frau Brüllen ist einer jener Menschen mit denen sich auch die Apokalypse noch als ein heiterer Spaziergang gestalten ließe. Große Liebe auch für den Bettenwechsel.

Julia rettet die Bienen. Gar nicht so einfach.

Die Nachrichten sind voll davon, dass China erfolgreich Apple und Co. dazu gebracht hat VPN Player aus ihren Angeboten zu nehmen, weniger hört man darüber, dass in Vietnam kritische Bloggerinnen zu langen Haftstrafen verurteilt wurden. 

Wasser auf meine Mühlen.

Musik gibt es auch im Oldsmobile und so fahren wir singend auf das Festland zurück.

 

Feste feiern

Große Ereignisse werfen auch in einem kleinen, irischen Dorf ihre Schatten voraus. Die Frau des Krämers nämlich hat bald Geburtstag. Natürlich weiß niemand- wohl nicht einmal der Krämer selbst- wie alt sie ist. Denn eine Frau wie die Frau des Krämers altert nicht wie wir Normalsterblichen, sondern gewinnt mit den Jahren nur an Würde und Macht. Unzweifelhaft ist nämlich auch: nicht die Frau des Krämers feiert ihren Geburtstag, sondern wir das Dorf feiern den Geburtstag der neben den Schafen mächtigsten Person des Dorfes. Die Frau des Krämers ist nämlich gleichzeitig auch die inoffizielle Bürgermeisterin des Ortes. Zwar trägt sie keine keine goldenen Kette und der Dorfladen ist auch kein Rathaus mit kupfernen Zinnen und einer Kettenbrücke, aber unmissverständlich ist es die Frau des Krämers die über Wohl und Wehe des Dorfes befindet. Die Frau des Krämers kennt jeden und weiß alles. Ihr Gedächtnis reicht bis in das 8. Jahrhundert zurück, und wem die Gilden des Mittelalters als strenge Institutionen sozialer Kontrolle erschienen, der hat niemals versucht einen Kuchen, der nicht auf der von der Frau des Krämers geführten Liste erschien, auf dem Kuchenbasar der Kirchgemeinde zu verkaufen. Die Frau des Krämers vergisst nichts und über jeden Dorfbewohner, da bin ich mir sicher führt sie mit strenger Feder Buch, mag anderswo gegen die Vorratsspeicherung demonstriert werden, hier werden geöffnete Briefe über den Ladentisch gereicht, denn hier ist der Absolutismus das, was er niemals war.
Und so nickte ich eines schönen Frühlingstages als ich nach dem Schwimmen in der eisig kalten Irischen See zwei ofenwarme Himbeerscones für das Frühstück einholte g’ttergeben als die Frau des Krämers mit Händen in die Hüften gestemmt verkündete: Fräulein Read On, wie Sie wissen mein Geburtstag naht und natürlich sind Sie und der Tierarzt eingeladen.“ Ich dankte artig. Aber die Frau des Krämers war noch nicht fertig: „Aber zusammen können sie nicht sitzen, das schickt sich nicht.“ Ihr Tischherr wird der Priester sein, und der Tierarzt sitzt natürlich neben meiner Tochter.“ Ich nickte noch einmal, denn das die Frau des Krämers inständig darauf hofft der Tierarzt würde sein Köfferchen nehmen, vor der Tochter der Frau des Krämers mit Diamantring auf die Knie fallen und noch am gleichen Tag würde Hochzeit gehalten, ist eine solch unumstößliche Tatsache, dass es nicht lohnt darüber auch nur ein Wort zu verlieren. Der Tierarzt sieht das naturgemäß anders und jammert und klagt über sein Schicksal. Der Tierarzt nämlich kann die Tochter des Hauses nicht ausstehen, dabei ist die Tochter der Königin ein wie die Mali-Tant sagen würde „Armes Hascherl“, aber der Tierarzt knurrte Böses und ich ging meiner Wege. Dann aber vor ein paar Tagen, ich stapelte gerade Zwiebeln, Salat und Honig auf die Ladentheke, warf die Frau des Krämers sich erneut in die Brust: „Fräulein Read On“ rief sie, mein Geburtstag nähert sich, wie sie vielleicht wissen.“ Aber Frau des Krämers“ erwiderte ich, „wie könnte ich Ihren Fest- und Ehrentag vergessen?“
Die Frau des Krämers nickte befriedigt. „Ich dachte mir“ fuhr sie fort, sie könnten ein wenig Klavier spielen“ ( es folgte eine sieben Meter lange Liste mit Titeln, die von den Beatles bis zu „It’s a long way to Tipperary alles umfasste, was die Frau des Krämers an Musikstücken kennt. ) „Der Priester jedenfalls“ sagte sie und lächelte in der ihr eigenen spöttisch- majestätischen Weise auf mich herab „findet sie klimperten doch ganz schön.“ Ich lächelte siebensüß zurück: „Nun übertreiben Sie aber wirklich, Frau des Krämers.“ Aber sagte ich weiter: „Ich habe hier kein Klavier.“ Die Frau des Krämers winkte ab. „Der Elektriker ( der ihrer Tochter den Hof macht ) kümmert sich.“ Ich wankte nach Haus und hängte die Liste an den Kühlschrank. Der Tierarzt suchte im Internet nach Häusern in anderen Dörfern und murmelte: „fort, nur fort von hier.“ Ich ging meinen Dingen nach und über der Liste hingen bald Briefmarken, Rezepte und ein Bild von Kälbchen. Gestern aber, ich hatte mich nach einer langen Nachtschicht gerade ins Bett gelegt, klopfte es an der Tür und der Tierarzt, der hartnäckig wiederholte: „Das Mädchen schläft aber!“, scheiterte am „Papperlapp“ der Frau des Krämers, die schon an die Schalfzimmertür bollerte: „Fräulein Read On, Aufgestanden!“ Das Klavier ist da.“ Der Elektriker schleppte ein schwarzes Ungetüm über die Schwelle. „Ebay, 30 Euro!“ „Was ist das?“ fragte ich und die Frau des Krämers schüttelte ob meiner Begriffsstutzigkeit den Kopf: „Na ein prima Klavier.“ Das Ungetüm entpuppte sich als Keyboard. „Das ist kein Klavier“, sagte ich zur Frau des Krämers. Selbige bebte vor Empörung und in ihrem Blick war sehr deutlich: „Sie undankbare Kröte“ zu lesen. Dann ging ich zurück ins Bett und zog mir die Decke bis über die Ohren. Am Abend kam der Priester, er darf die Fest- und Lobrede auf die Frau des Krämers halten- herüber und besah sich das Ungetüm. Bei näherer Betrachtung stellte sich das Monstrum als ein defektes Keyboard heraus. Diesen schauderhaften Geräten nämlich sind vorgefertigte Tonkonserven beigefügt, in diesem Falle ein blechern schepperndes „Muhahahaha“ oder ein die Töne verzerrendes „Ghost Theme“, während sich dies bei funktionierenden Geräten wohl abstellen oder zumindest einstellen lässt, ist dieses bei diesem Schnäppchen nicht vorgesehen und als ich „A yellow subamrine“ zu klimpern begann, durchbrach ein gellendes Konservengelächter das Stück.
Der Priester verschluckte sich am kalten Braten, der Tierarzt hielt sich die Ohren zu, der Hund heulte und die Katze, sonst nur schwer vom Sessel zu bewegen, verzog sich umgehend in den Oberstock. Ich machte mir erst einmal ein Käsebrot. Nach dem Stand der Dinge also werde ich wohl auf der Geburtstagsfeier der Königin wie Kaiserin unseres kleinen Dorfes fern von den Toren der großen Stadt „A long way to Tipperary“ unterlegt mit wieherndem Konservengelächter spielen. „Es darf so die Frau des Krämers“ heute morgen als ich Milch und Scones einholte mir getanzt werden.“ Natürlich sei es selbstverständlich, dass der Tierarzt ihr Töchterchen um den ersten Tanz bitte. „Sie sind ja ohnehin am Klavier verhindert.“
Der Tierarzt aber googelt energisch Immobilienangebote und der Priester, der die Rede auf die Frau des Krämers in Reimen vortragen soll, hat nach Rom geschrieben, ich aber backe einen Kuchen und lese ganz zufällig ein Buch, das sich mit Palastrevolutionen befasst.

Überraschungsgast

17155577_10208316964351518_5953971405994211505_n

Besuchskälbchen

Alle Tage sind gleich lang, aber meine Montage sind länger ( und breiter ) als alle anderen Tage. Um halb sechs Uhr steige ich in den Zug nach Dublin und erst wenn die Bahnhofsuhr des Dorfes vor dem kleinen Dorf auf viertel vor Neun steht, steige ich wieder aus dem Zug und laufe zurück nach Haus. Ich habe eine kalte Nasenspitze, einen schweren Bücherbeutel und Hunger. Tomatensuppe beschließe ich und freue mich des Camemberts in meiner Tasche, denn frischgebackenes Brot ist auch daheim. Ich winke der Frau des Krämers, die den Laden abschließt und freue mich, dass der klapperige alte Volvo des Tierarztes vor dem Haus steht. In der Küche ist Licht. Das wundert mich, denn der Tierarzt benutzt in der Küche nur die Waage. Magersüchtige wiegen alles. Blaubeeren, Selleriestangen, Knäckebrot und würde ich nicht so oft Kuchen backen, ich hätte die Küchenwaage längst abgeschafft.
Ich klopfe dreimal gegen die Tür, aber niemand öffnet, und so krame ich seufzend nach dem Schlüssel , streife die Schuh von den Füßen und stecke den Kopf durch die Tür. Zu meiner Verwunderung springt der Hund des Tierarztes nicht vor meine Füße, von der Katze indes erwarte ich schon lange kein begrüßendes Miauen mehr, aber nun auch der Hund? „Haaaaalllo“, rufe ich und strecke den Kopf nun auch zur Küchentür herein. Der Tierarzt steht mit dem Rücken zum Küchenschrank und mir ist als klapperte etwas hinter ihm. „Read On“ sagt der Tierarzt. „Tierarzt“ sage ich und sehe den Tierarzt erwartungsvoll an. Der Tierarzt sieht schräg zur Seite. „Man würde doch ganz gern geküsst werden“, sage ich. Der Tierarzt sieht verlegen auf seine Füße und bewegt sich vorsichtig vom Buffet zur Küchentür, die ins Wohnzimmer führt und stellt sich in die Türöffnung. „Versteckst du eine nackte Frau im Wohnzimmer?“, frage ich den Tierarzt und der Tierarzt bekommt tatsächlich rote Ohren und betrachtet äußerst eingehend seine Zehenspitzen. ( Verehrte Männer, liebe Frauen, sollte ihre Fünf-Uhr Geliebte oder ihr Neunzehn Uhr Gspusi noch nach den Socken oder der Rolex suchen, seien Sie vorbereitet und sehen sie niemals nie auf ihre Fußspitzen.) Ich sage: „ Das ist nicht dein Ernst?“ Der Tierarzt sagt: „ Read On“, es ist nicht wonach es aussieht!“ ( Sagen Sie niemals: es ist nicht wonach es aussieht. Es ist immer genau das wonach es aussieht. ). „Read On bitte“, sagt der Tierarzt. Ich öffne die Wohnzimmertür. Es blökt. Erst einmal, dann ein zweites Mal und als es ein drittes Mal blökt ( für einen kurzen Moment bin ich nicht sicher ob nicht auch ein 15 Uhr Spatzl im Versuch zu retten, was nicht zu retten ist zu blöken begänne ) aber hier kommt keine blonde Schönheit, sondern ein Kälbchen durch die Tür in die Küche gestakst. Der Tierarzt schlägt die Hände vor dem Gesicht zusammen. Das Kälbchen beäugt mich. Ich beäuge das Kälbchen. „Tierarzt sage ich, wie kommt es, dass ein Kälbchen im Haus ist?“ Es ist kompliziert, sagt der Tierarzt. ( Sagen Sie niemals: es ist kompliziert, haben sie stets eine einleuchtende und überzeugende Erklärung zur Hand.) Der Tierarzt beginnt eine komplizierte Geschichte an deren Ende eine tote Kuh steht, ein Bauer ohne Verwendung für ein Kälbchen und ein Tierarzt, der ein Kälbchen auf den Rücksitz legte und mit nach Hause nahm. Dort siedelte er das Kälbchen aufs Sofa um, sperrte den Hund ins Schlafzimmer und natürlich verschlief die Katze auch den Einzug des Kälbchens. Das Kälbchen blökt. „Tierarzt“ sage ich „wir können doch kein Kälbchen“, doch der Tierarzt verschränkt die Arme vor der Brust. „Du sagst doch immer, man muss sich kümmern.“ Das Kälbchen kaut an meiner Handtasche. Das Kälbchen hat fast so feuchte Augen wie der Tierarzt. Kälbchen und Tierärzte können einem sehr hartnäckig mit sehr feuchten Augen ansehen.
Das ist verrückt, sage ich schließlich und der Tierarzt zwinkert dem Kälbchen triumphierend zu ( machen sie das bloß nicht mit ihrem 16 Uhr Techtelmechtel). Das Kälbchen aber blökt wieder und da ich selbst inzwischen wirklich sehr hungrig bin, verstehe ich sofort. „Dein Übernachtungsgast Tierarzt hat Hunger.“ Das Kälbchen bekommt ein Fläschchen und während der Tierarzt das Kälbchen überredet an der Flasche zu nuckeln, wie ich ihn sonst wenigstens zu einem Löffel Suppe zu überzeugen versuche, viertele ich Tomaten und hacke Kräuter. Als die Tomatensuppe fast fertig ist, wacht auch die Katze auf: verwundert besieht sie das Kälbchen, sah der Hund am Nachmittag nicht ganz anders aus? Kälbchen sage ich, Katze. Katze, sage ich Kälbchen. Die Katze aber rollt sich auf dem Sessel zusammen und schnarcht schon wieder. Der Tierarzt liest dem Kälbchen indes aus der Zeitung vor und das Kälbchen rollt mit den Augen. Gerade als ich- wolfshungrig ( welch Glück für das Kälbchen, dass ich nur ein seltsames Fräulein bin) die Teller auf den Tisch stelle, klopft es an der Tür. Der Tierarzt und ich springen auf und verfrachten das Kälbchen zurück ins Wohnzimmer. Der Priester steht vor der Tür. „Abend Fräulein Read On, Abend Tierarzt“, ich wollte nur sagen: schön, dass Sie wieder da sind. Wir grinsen unisono wie die Honigkuchenpferde. „Alles in Ordnung?, fragt der Priester. Wir nicken. ( Versuchen sie lieber einen neutralen Gesichtsausdruck.) Sagen Sie mal Fräulein Read On“, habe ich es nicht eben blöken gehört? „Das war die Katze!“ sage ich, „Das war der Hund!“ sagt der Tierarzt. ( falls ihr Schatzl im Uhrenkasten steckt, einigen sich entweder auf die Geißlein oder die böse Großmutter ). Der Priester sieht uns verwundert an. Dann tappt das Kälbchen durch den Flur ( man muss wissen, wenn man verloren hat.). „Es ist genauso wie es aussieht Priester“ sage ich. „Essen Sie einen Teller Tomatensuppe mit?“ Der Priester nickt. Der Tierarzt atmet auf. Das Kälbchen blökt.