Blanke Steine

Ich habe meine Großmutter begraben. Es war ein warmer Tag.
Das Grab meiner Großmutter ist auf dem Jüdischen Friedhof in Berlin.
Meiner Großmutter war es gleich.
„Wenn Du meinst Kind“, sagte sie und immer sagte sie es spöttisch und zog die Mundwinkel nach oben.
Ich habe meine Großmutter begraben. Auf dem Stein steht ihr Name und ein hebräischer Satz.
Meine Großmutter hätte ihn nicht lesen können.
„Hebräisch ist keine Sprache, sondern eine Zumutung“ sagte sie.
Der Steinmetz brachte die Buchstaben spiegelverkehrt an.
Ich lachte und wusste, sie hätte lauter gelacht. „Das kommt davon, mein Kind.“ Der Steinmetz änderte die Buchstaben.
Ich fahre auf den Friedhof und wenn ich auf den Friedhof fahre, dann ziehe ich mit meinem Finger die Buchstaben ihres Namens nach.
Mein Großvater liegt nicht auf dem Jüdischen Friedhof von Berlin begraben. Sondern auf dem Friedhof der kleinen deutschen Stadt. Meine Großmutter pflanzte einen Rosenbusch.
Sie kaufte zwei Grabstellen. In der einen ist mein Großvater begraben, die andere Grabstelle aber ist leer. Ein Grabstein steht vor dem leeren Grab. Dort stehen die Namen der Eltern meiner Großmutter, meines Großvaters und ihrer Geschwister. Die Namen sind klein und fast unlesbar. Meine Großmutter und mein Großvater hatten viele Geschwister. Die Asche der Eltern wie die der Geschwister sind in Auschwitz, sind Maly-Trostenez, sind in Maidanek geblieben.
Als ich ein Kind war, da hieß mich meine Großmutter die Namen der Toten auswendig lernen. Ich stand vor ihrem Schreibtisch und sagte die Namen der Toten auf.
Am 9. November kniete mein Urgroßvater auf einer Straße und in seiner Hand hielt er eine Zahnbürste und er putzte die Straße mit der Zahnbürste und hinter den Gardinen standen die Leute und ich stelle mir vor wie sie sagten:
Da kniet der Jude und endlich kniet der Jude, möge er immer knien der Jude. Vielleicht sagten sie auch etwas ganz anderes, vielleicht sahen sie nicht auf die Straße, vielleicht suchten sie nach Beuteln, denn während mein Urgroßvater auf der Straße kniete, da kamen die Nachbarn, die an allen anderen Tagen zum Tee kamen, und nahmen sich, was ohnehin ihnen gehörte, sie holten das Silber und die Tischdecken und den Schmuck, den mein Urgroßvater meiner Urgroßmutter schenkte. Für jedes Kind schenkte er ihr eine Kette, einen Ring, ein Armband und meine Großmutter hatte fünf Schwestern. Vielleicht trägt heute eine Frau ja den Ring mit dem blauen Stein, den mein Urgroßvater seiner Frau schenkte und seine Frau legte ihm das Kind in den Arm und ich bin mir sicher, dass meine Großmutter schon damals spöttisch lächelte über den Ring. „Wenn Du meinst Vater, das es sein muss“, mag ihr Blick gesagt haben, denn so war ihr Verhältnis zur Welt und vielleicht tanzte er mit ihr auf dem Arm durch die Wohnung und lachte mit ihr und sang und tanzte.
Meine Großmutter sagte ihr Vater hatte einen aufrechten Gang.
Meine Großmutter sagte ihre Mutter hatte einen offenen Blick.
Dann schwieg meine Großmutter.
Meine Großmutter hatte ihre Eltern in Auschwitz aus den Augen verloren.
In der Straße in einem südlichen Vorort von Berlin liegen Stolpersteine auf dem Boden. Man muss aufpassen nicht auf die Steine zu treten. Im November liegt Laub auf den Steinen. Ich bin darüber sehr froh.
Am Morgen des 9. Novembers lese ich überall Primo Levi Zitate und ich lese, dass der 9. November ein guter Tage wäre die Stolpersteine zu putzen und dann lese ich, dass sich das Reinigungsmittel Domol ( Für strahlenden Glanz, ohne nachzupolieren) besonders gut eigne um die Steine zu reinigen und dann höre ich auf zu lesen.
Das einzige Bild, was ich von meinem Urgroßvater habe zeigt einen Mann auf den Knien, er trägt einen Anzug und sein Hut liegt neben ihm auf dem Boden und ihm herum da sieht man nur Schuhe. Lederschuhe, Halbschuhe, Kinderschuhe, Damenschuhe, Soldatenstiefel, sie alle stehen vor meinem Urgroßvater mit der Zahnbürste in der Hand und er putzt die Straße.
Ich weiß nicht ob man den Juden da auf der Straße auch ein Reinigungsmittel in die Hand gab zur Bürste.
Mein Urgroßvater hatte blutige Knie am Ende des Tages.
Ich weiß nicht ob die Straße sauberer war als zuvor.
Der Ort hatte keine Synagoge, die man anzünden konnte.
Jedes Jahr am 9. November sehe ich den Mann auf dem Bild.
Ich will ihm sagen: „Steh doch auf.“ Bitte steh doch auf.“
Warum steht er nicht auf?
Ist Dir kalt?, will ich sagen, ich will seine Hand nehmen, ich habe immer kalte Hände, ich will ihn hochziehen, aus diesem Bild herausziehen, komm doch näher, und ich will ihn fragen: erkennst du mich?“ Er kennt meinen Namen nicht.
Die Menschen auf dem Bild haben saubere, glänzende Schuhe.

Ich wünschte an jedem 9. November wäre es still, ich wünschte einmal nur wären wir mit unseren Toten allein, ich wünschte es gäbe keine Stolpersteinputzkolonnen, keine Spruchbänder, keine Aufrufe, keine Bilder der Namen mit den Namen der Toten, die sich nicht weigern können, die blank sein sollen, denn jetzt wird ihrer gedacht und das ist auch leichter, denn die Fragen nach dem Ring mit dem blauen Stein am Finger einer anderen Frau sind schwieriger.
An keinem Tag wie am 9. November wünschte ich mir, ich könnte die Steine mit Laub bedecken, sie davor bewahren wieder Ziel deutscher Sauberkeit und Gründlichkeit zu werden, aber ich habe schon vor vielen Jahren gelernt, dass die Enkel und Kinder der Toten nur stören im unbedingten Willen zu gedenken.
Ich wünschte es wäre einmal still und wenn es nur still genug wäre, so still, dass die Trauer einmal Platz hätte, meine Trauer nicht Ihre, vielleicht blickte er dann einmal auf, sähe mich an der Mann auf dem Bild, der mein Urgroßvater war, sähe mich an und ich sähe ihn. Ich möchte einmal nur seine Augen sehen, dann verschwänden die Schuhe, die Beine, die Zahnbürste, dann gäbe es nur ihn und mich und endlich wären wir allein.

Der Rosenbusch auf dem Friedhof der kleinen Stadt blüht noch immer. Der Mann auf dem Bild sieht mich nicht, er sieht die Steine und die Schuhe und die Zahnbürste in seiner rechten Hand.

In einer Reihe.

Heute Mittag, so gegen 12 Uhr, da saß ich im Flugzeug von Dublin nach Frankfurt. Ich sitze immer auf Platz 26 A. Es ist schon merkwürdig, dass ich die ich doch mehrere Pässe und keine Heimat besitze, auf einer Platznummer beharre, und immer wenn ich nicht auf dem Platz 26 A sitze, werde ich unruhig und mehr als einmal habe ich den Platzhalter auf 26 A dann schon gefragt, ob er nicht mit mir tauschen wolle. Aber heute, saß ich auf meinem Platz und hinter mir saß eine Familie. Ihr Arabisch ist mein Arabisch und so hörte ich, wie die Familie leise flüsternd ihren Heimaturlaub in Tunis plante. Dann aber kamen drei weitere Reisende und beanspruchten die Reihe 27 und eine Stewardess besah die Flugkarten der Familie und stellte fest, dass diese zwar tatsächlich in Reihe 27 sitzen würden, aber nicht auf dem Flug von Dublin nach Frankfurt, sondern auf der Weiterreise von Frankfurt nach Tunis. Der Mann der Familie sagte: Verzeihen Sie vielmals, wir wollen gleich aufstehen, sorry, so sorry. I am so sorry, wiederholte er wieder und wieder, deutete eine Verbeugung in Richtung der Stewardess an und wieder sagte er : We are so sorry, so very sorry.“

Dann gingen der Mann, seine Frau und ihre kleine Tochter nach vorn, ihre neuen Sitzplätze zu suchen und ich hörte ihnen zu, sah die Stewardess an, die ungeduldig über die Verwechslung, die langen Entschuldigungen und die nachdrängenden Passagiere, die Augen verdrehte und auch als ich den Mann und seine Familie schon nicht mehr sehen und auch nicht mehr hören konnte, da erinnerte ich mich, denn der Mann und seine Familie, das waren ja wir. Das waren meine Großmutter und ich. Als ich ein kleines Mädchen war und in den langen Sommerferien zu meiner Großmutter nach Deutschland kam, da fuhren auch wir zusammen in die Sommerfrische. Nicht mit dem Flugzeug, sondern mit dem Zug. Wir fuhren nach Norden und verbrachten vier Wochen auf Borkum oder tief in den Süden und wanderten durch Oberbayern, aber immer begannen unsere Reisen mit einer Zugfahrt. Immer warnte mich meine Großmutter, denn mein Deutsch war damals noch viel Schlechter als heute, dass ich im Zug doch so wenig wie möglich sprechen sollte. Auf keine Fall gälte es laute Fragen zu stellen, oder durch das Abteil zu krähen, am Besten sei es ich flüsterte ihr, wenn ich etwas wollte, leise in ihr Ohr. Besser noch aber sei es, während der Fahrt zu schweigen. So saßen wir nebeneinander im Zugabteil. Die schweigende Frau und das verstummte Kind. Meine Großmutter nahm meine Hand in ihre und so fuhren wir mit fest ineinander verschränkten Händen durch Deutschland. Meine Großmutter sprach das schönste Deutsch, das ich jemals hörte. Ihr Deutsch war makellos, sie verschluckte keine Silben, sie verachtete Redensarten und vieles verzieh sie aber niemals vergab sie Schlampereien mit der deutschen Sprache. Meine Großmutter sprach nicht einfach Deutsch, meine Großmutter liebte Deutsch, liebte jedes einzelne Wort, trug Gedichte, Romane und Novellen unter ihrer Zunge, und niemals gab sie meinen Fehlern nach. Noch mehr aber war sie die großzügigste Liebhaberin der deutschen Sprache, sie hielt kein Wort vor mir zurück, auch die Wörte, die ihr die teuersten waren, legte sie mir in die Arme, bis ich sie nicht mehr vergaß. Aber im Zug, auf jenen Reisen da sprach meine Großmutter ein künstliches Deutsch, das Deutsch des Mannes im Flugzeug. „Entschuldigen Sie bitte vielmals.“ Ich bitte um Verzeihung für die Verzögerung.“ Bitte entschuldigen Sie doch. Stumm reichte sie dem Schaffner die Fahrkarte an, ängstlich darauf bedacht diese nicht zu knicken, den Ausweis vorsichtshalber gleich mit bereit zuhalten und die Reservierungsnummer überprüfte meine Großmutter mindestens dreimal, bevor wir uns wirklich setzten. Einmal da hatten auch wir übersehen, dass die Wagenreihung geändert worden war und wir auf den falschen Plätzen saßen, da bekam meine Großmutter rote Flecken auf den Wangen und entschuldigte sich wieder und wieder für den begangenen Frevel nun einmal auf dem falschen Platz gelandet zu sein. Die roten Flecken wichen auf dieser Reise nicht mehr von ihrem Gesicht. Sprach einer der Reisenden aber meine Großmutter an und bat um ein zu öffnendes Fenster, eine Auskunft über die nächste Haltestelle oder um Aufsicht über das Gepäck, um auf die Toilette zu gehen, so antwortete meine Großmutter:“ aber selbstverfreilich“, gewiss doch, gehen Sie unbesorgt, gern haben wir ein Auge auf ihr Gepäck. Es fehlte nur noch, dass sie sich noch einmal entschuldigt hätte, die Gepäckbeaufsichtigung nicht schon vorauseilend angeboten zu haben. Auch wir hatten in unseren Rucksäcken und Taschen glänzende Äpfel und Käsebrote, Bad Lauchstädter Wasser und eine Thermoskanne voll Tee mit Zitrone. Aber gegessen oder getrunken haben wir niemals auf unseren Reisen, wie wir auch niemals sprachen. Denn in der Stimme meiner Großmutter lag das gleiche Bemühen des Mannes aus Tunis, bloß keinen Fehler zu machen, nur nicht die Deutschen und ihre Launen auf die Probe zu stellen, unter gar keinen Umständen aufzufallen, ein Aufsehen zu erregen und das Unbehagen des Schaffners oder der Mitreisenden zu erregen. „Kind, sagte meine Großmutter, es gilt das Stillschweigen zu bewahren, denn man weiß nie.“

Ich sah sie an und meine Hand lag in ihrer, und meine Großmutter sah aus dem Fenster und vor ihr zog Deutschland vorbei am Fenster und so wie ich ihre Hand umfasste, umklammerte sie meine , so fest, dass die Abdrücke ihrer Finger noch Tage später auf meiner Haut zu sehen waren, „man weiß nie, mein Kind“ sagte meine Großmutter, dann schloss sie sich für lange Stunden im Schlafzimmer ein und ich lag vor der Tür, und wollte sie zurück in meine Arme ziehen. „Man weiß nie mein Kind!, sagte meine Großmutter und schlug auf den Tisch als ich das ch, nicht vom sch unterscheiden konnte, die Tassen wackelten und ich übte mit verknoteter Zunge. Meine Großmutter hatte ja einmal auch im Zug nach Auschwitz gesessen, vielleicht hielt ihre Hand, die Hand ihres Vaters, wie ich mich an ihrer Hand festhielt und als sie gen Auschwitz fuhren, erzählte mir meine Großmutter, später, da war ich kein Kind mehr, da habe ihr Vater noch einmal erzählt die Mädchen seiner Kindheit, die Lieder seiner Jugend, die Gedichte, die er lernte, um ihre Mutter, seine Frau zu beeindrucken, als wusste er schon, dass er nicht mehr zurückkehren würde von dieser letzten Fahrt. Und meine Großmutter legte sich seine Lieder, seine Geschichten, seine Gedichte unter die Zunge und meine Wiener Wörter, meine Wiener Geschichten, meine Wiener Lieder und meine Wiener Gedichte sind einmal seine gewesen. „Man weiß nie“, sagte meine Großmutter und sah die Mitreisenden, den Schaffner und den Mann der Kaffee servierte niemals an. „In Deutschland weiß man nie“, sagte sie und wir schwiegen auf der Reise. Erst als wir ausstiegen, um in eine Pension oder ein Hotel zu gehen, da öffnete meine Großmutter ihre Handtasche, brach uns beiden ein gewaltiges Stück Nussschokolade ab, und kehrte zurück zu ihrem Deutsch, das immer ironisch und liebevoll, floskelfrei und zärtlich war, erzählte mir vom Schwabinger Fasching 1910, von der Kaiserkrönung in Aachen, von der Rosstrappe und Goethe, der in Weimar mit dem Herzog auf dem Marktplatz Peitschen knallte, aber als wir einmal nach vielen Stunden in Florenz ausstiegen, da hob sie mich hoch und lachte: „Oh wie dürstet mich nach der Sonn.“ Und so lernte ich Albrecht Dürer kennen. Bis ganz zum Ende aber sind wir beide schweigend durch Deutschland gefahren und als ich dem Mann aus Tunis zuhöre, höre ich meine Großmutter reden, höre ich mich, denn auch ich rede mit deutschen Autoritäten anders als üblich, immer in der Vorstellung lebend, etwas grundsätzlich falsch zu machen, so fundamental falsch zu sein, die Sitzordnung zu empfindlich zu stören und auch ich halte zur Fahrkarte immer auch schon die Bahncard bereit, denn in ihr und auch in mir, lebt noch immer die Frage, wie es denn sein konnte, dass ihr Vater, der Wiener Jude mit der Liebe zum Meer und dem Herzen voller Geschichten in einen Zug nach Auschwitz stieg, um nie wieder zurückzukehren. Kalt waren die Hände meiner Großmutter während unserer Reisen und schlief ich neben ihr ein schlug ihr Herz laut und schnell und heute im Flugzeug von Dublin nach Frankfurt, Platz 26 A, da blieben meine Hände noch lange so ineinander verschränkt, wie damals auf jenen Reisen, als ihre Hand meine hielt.

( Back then I wished I would have screamed or shouted or at least having spilled some tea. But I never did and I did not scream or shout today either. I was a quiet, a rather solemn child back then.)

Ein neues Jahr

Als die Sonne untergeht, höre ich kein Shofar, sondern nur das nimmermüde Telefon. Überhaupt das Telefon. Die A. ruft an und schimpft: „Diaspora-Juden.“ Wer die Feiertage nicht heiligt, den fressen die Raben schreit“ sie so laut, dass nicht nur das ganze Büro es hört, sondern sehr sicher auch ganz Jerusalem. Ich versuche vergeblich mich zu verteidigen. Die A. aber will davon nichts wissen. „Faule Ausreden und jämmerliches Gewäsch“, schnarrt sie und setzt ihren Sermon über die hohen Feiertage und Familienpflichten fort. Zweimal versuche ich noch sie zu unterbrechen, aber schon mein leises…aber…. reizt die A. zur Weißglut und mit einem letzten empörten und voller Verachtung gerufenen: „Diaspora-Juden“ kanllt sie den Hörer auf. Es folgen noch dreiundzwanzig ähnliche Whatsapp-Nachrichten, aber dann hat die A. besseres zu tun, als sich mit mir herumzuschlagen, denn ihre Neujahrstafel ist festlich bestückt und anders als die Nachbarn, die im Herzen wohl auch Diaspora-Juden sind, backt sie 200 Challot und dankt jeder Biene einzeln für den Honig und natürlich sind ihre Granatapfelkerne größer und saftiger als die aller Anderen. Ich sitze mit zitternder Hand im Büro. Die Zimmerpalme fächelt mir Luft zu: „Mach Dir nichts draus!“ haucht sie und ich schlucke. „Aber wenn die A. nun doch recht hat?“, sage ich und die Palme seufzt. Ich denke an das kleine irische Dorf und die vielen, schwarzen Elstern, die Raben schon sehr, sehr ähnlich sehen.

Die Frau des Krämers schreit: „Ha, Fräulein Read On, ich habe es nachgeschlagen, heute ist eines ihrer seltsamen Feste. „Heute Abend beginnt RoshHaShana“ Frau des Krämers, sage ich, „es ist das jüdische Neujahrsfest, denn das Jahr 5778 ist angebrochen“. Die Frau des Krämers stützt die Hände in die Hüften: „So was, ein Jahr beginnt immer am 01. Januar und nicht mitten im September. „Alles Humbug, alles Kokolores, komische Spinnereien bei ihnen.“ Ich atme tief ein und staple Möhren und Äpfel auf der Ladentheke. Die Frau des Krämers gestikuliert noch immer und kommt zu ihrem Lieblingsthema nämlich meiner Weigerung Schwein zu essen, eine Absonderlichkeit, an die sich die Frau des Krämers wohl niemals zu gewöhnen mag und sie bemitleidet mich wie so oft, niemals meinen Tag mit einem heißen, fettriefenden Würstchen beginnen zu können. „Sie sind Sie eigentlich niemals neugierig, frage ich Sie, auf die Feste der Anderen?“ „RoshHaShana glaube ich könnten Sie mögen, es gibt… ,“ aber da unterbricht mich die Frau des Krämers schon und zornig blinzelt sie zu mir herüber: „Weihnachten ist eben Weihnachten“, ruft sie und schickt ein wütendes: „Sie lasse sich doch nicht ihr Schönstes nehmen“ hinterher. Ich muss schlucken und denke an meine Großmutter, die immer den schönsten Weihnachtsbaum hatte und niemals ohne ein spöttisches Lächeln sah, dass ich den Kidduschbecher erhob. „Weihnachten ist eben Weihnachten“ höre ich die Frau des Krämers noch immer rufen, da stehe ich schon in der Küche und schneide Möhren für den Tzimmes.

Meine Großmutter machte Tzimmes kalt, rieb die Karotten, gab Apfel und Rosinen und allerlei anderes dazu, obwohl sie doch niemals „Shana tova“ sagte und über meinen Tzimmes, nur den Kopf geschüttelt hätte, den meiner ist eine Kasserole, geschmorte Möhren in Hühnerbrühe, mit Backpflaumen, Honig und Chilli dazu. Immerhin riecht das Haus nach dem neuen Jahr, denke ich und decke den Tisch. Ich entkerne die sündhaft teuren und immer trockenen Granatäpfel, die man in Irland zu kaufen bekommt und wärme die Challah im Ofen. Dann kommt der Tierarzt. Der Tierarzt schnuppert in der Küchentür. „Hmm, hmm, hmm,“ macht er und es klingt nicht erfreut. „Das ist Tzimmes, Tierarzt“ sage ich und stelle ihm einen Teller hin. Der Tierarzt stochert in den Karotten, spießt eine Karottenscheibe auf und starrt sie lange an. Die Backpflaumen sortiert er aus, die Challah würdigt er keines Blickes und die Granatapfelkerne mit Honig kann er nicht ausstehen. „Hmm, hmmm, hmm,“ sage ich und klinge nicht sonderlich erfreut, „vielleicht schadet ein Löffel ja nicht.“ Aber natürlich irre ich mich. Der Tierarzt lässt den Löffel fallen und sagt: ICH HASSE ESSEN, ALLES ESSEN, DAS ESSEN HASSE ICH GANZ BESONDERS, ICH KENNE NICHTS WIDERLICHERES ALS MÖHREN, MÖHREN SIND ÄH, BÄH, RABÄH, ZUM WÜRGEN, IMMER ZWINGST DU MICH ZU ESSEN, WARUM KANNST DU MICH NICHT ENDLICH IN RUHE LASSEN? WARUM?WARUM?WARUM? DAS IST SO WIDERLICH DIESE STÄNDIGE ESSEREI, ICH HASSEN ESSEN, ALLE DÜRFEN ABNEHMEN, NUR ICH NICHT, NUR DU ZWINGST MICH ZUM ESSEN, JEDEN TAG ZWINGST DU MICH ZUM ESSEN, DABEI BIN ICH SCHON SO FETT, FETT, FETT, DU BIST SO HINTERHÄLTIG UND GEMEIN, ICH HASSE ESSEN, UND DASS DU MICH SO ZWINGST HASSE ICH NOCH VIEL MEHR UND DIR MACHT DAS AUCH NOCH SPASS MICH SO ZU QUÄLEN UND ICH HASSE ESSEN UND ICH HASSE MOHRRÜBEN UND DICH HASSE ICH AUCH.

Ich stehe auf und mache das, was ich sonst nie mache, denn ich habe eine solche Abneigung gegen alle Art Verschwendung und gegen die von Lebensmitteln ganz besonders und kippe die Kasserolle mit dem Tzimmes, die Teller mit den Karotten, die Granatapfelkerne und die Challah in den Mülleimer. ( Wenn die A. das wüsste, wäre ich tot. ) Dann verstecke ich meine Arme und die zitternden Hände in den weiten Ärmeln meiner Strickjacke, und gehe nach oben. Ich wasche mir die Haare und rolle mich mit Nussschokolade auf dem Sessel zusammen. Ich fühle mich noch schlechter, denn man isst keine Nüsse über RoshHaShanah. Aber eigentlich ist mir auch schon alles egal. Dann klingelt das Telefon und die liebe C. ist am Apparat. Sie sitzt in der Badewanne der A. und flüstert, denn die A. gestattet den Gebrauch von Mobiltelefonen nicht an Shabbat nicht und an den hohen Feiertagen schon gar nicht: „Shana tova, Süße“, sagt meine liebe C. und singt ganz leise für mich und zählt so viele gute Wünsche auf, wie sie mir niemals einfallen würden. Dann muss sie zurück zur Tischgesellschaft, nicht das die A. noch misstrauisch würde und ich gehe zu Bett, der Regen tropft gegen die Fensterscheiben, Shana Tova, flüstere ich der Dunkelheit zu und hoffe trotz allem auf ein helleres und leichteres Jahr, als es das Vergangene war.

Go home!

5 AM: Der Tierarzt lehnt gegen den roten Volvo und ich laufe aus der Klinik über den Parkplatz auf den Tierarzt zu. Auf den Blumenkübeln vor dem Parkplatz sitzen fünf junge Männer. Sie tragen graue und navy-blaue Jogginghosen. Die Hosen hängen tief auf ihren Hüften und auf ihren T-Shirts steht White Pride. Ich gähne und laufe an ihnen vorbei. Die Männer rauchen und aus einem mobile phone knallt Musik. „Hey, Hey, Go home Paki-Paki“, rufen die Männer und da der Parkplatz leer ist meinen sie wohl mich. „Fuck off to that shit country of yours“, bellen sie und ihre Gesichter sind fleckig und rot. Hässliche Fratzen: „Paki whore und terrorist bitch“ schreien die Männer und ein Mann wirft eine Bierflasche nach mir. Ich laufe weiter und der Tierarzt läuft mir entgegen. „Hey, hey, Go, home Paki-Paki, go home“, schreien die Männer im Gleichklang mit der scheppernden Musik.

„Hey, sage ich zum Tierarzt.“ Der Tierarzt fasst mich am Arm und ich werfe meinen Nachtschichtkram in den Kofferraum. „Ich geh da jetzt rüber, sagt der Tierarzt“, das kann ja wohl nicht sein. Ich denke an einen Bambus gegen fünf Eichen. „Komm, sage ich, Tierarzt lass es gut sein.“ Das sind halt besoffene und deprimierte Jungs.“ Der Tierarzt sieht mich an. „Das ist nicht dein Ernst“, sagt er. Ich zucke mit den Achseln. „Tierarzt“, sage ich, ich habe seit drei Tage nicht länger als vier Stunden geschlafen und wenn sie dir die Zähne ausschlagen, dann sind es vier Tage.“ Der Tierarzt schüttelt den Kopf und dann fahren wir los. „Ich verstehe dich nicht“, sagt er und seine Hände umklammern das Lenkrad so heftig, dass seine Fingerknöchel weiß hervortreten. „Tierarzt, sage ich, ich bin Jude und seit dem ich denken kann, schreien Leute irgendwas hinter mir her.“ „Und das macht es besser, ja?“ Ich schließe die Augen. „Tierarzt, sage ich“, diese Junge haben keine Zukunft und alles was sie haben ist irgendein Stolz. Die wissen doch gar nicht wo Pakistan liegt.“ „Ich will das nicht hören“, sagt der Tierarzt. „Ich will das nicht hören, wie du die verteidigst.“ Ich will sagen: „Gandhi-ji sagt“ aber die Fingerknöchel des Tierarztes, die das Lenkrad umklammern sind weiß und hart und ich bleibe stumm.

6 AM: Ich wasche die Nacht von mir ab und das Wasser ist heiß und brennt auf meiner Haut. Anders als sonst aber hält der Tierarzt mir kein Handtuch hin. Der Tierarzt starrt aus dem Fenster und ich suche nach den warmen Socken. „Weißt Du noch was meine Schwester gesagt hat, als ich dich ihr vorstellte?“ Ach, sage ich Tierarzt.“ Aber der Tierarzt sieht mich an und ein Muskel zuckt in seiner Wange: „Warum musst Du Dich immer mit Ausländern einlassen?“ „Ach, Tierarzt, sage ich, sie ist deine Schwester.“ „Ja“, sagt der Tierarzt, meine Schwester.“ „Weißt Du noch, was Du gesagt hast auf diesen Satz?“ „Ach, Tierarzt“ sage ich und rolle mich in die Bettdecke ein. „“Tee oder Kaffee?“, sagt der Tierarzt und dann geht der Tierarzt aus dem Zimmer und die Haustür fällt ins Schloss. Aber ich bin so müde, viel zu müde und meine Fingerknöchel liegen kalt an meinen Rippen. Ich sehe in die Kastanie hinaus. Der Wind hängt in den Armen der Kastanie und vielleicht tanzen die Kastanie und der Wind ganz allein im grauen Regen. Ich rolle mich so eng zusammen, wie ich nur kann, denn ich will mich nicht erinnern. Wenigstens für ein paar Stunden, soll die jüdische Krankheit des Nicht-Vergessen Könnens nicht in meine Arme passen.

11 AM: Ich wache auf und noch immer ist das Haus still und leer. Ich koche Tee und streiche Erdbeermarmelade auf ein Croissant, dann setze ich mich an den Schreibtisch und denke an nichts anderes mehr als an das Papier und die Bücher vor mir. Draußen vor dem Fenster fällt leiser, grauer Regen und ich gehe in die Küche und bestreiche den Fisch mit Kräutern, bürste Kartoffeln und wasche Salat, die Katze verlangt nach einer Schale Milch. Ich gehe zurück an den Schreibtisch, irgendwann klappt die Tür und der Tierarzt lehnt in der Tür. Er tropft wie die Kastanie draußen im Garten. In seinen Haaren hat sich der Sturm verfangen. Ich schiebe den Fisch in den Ofen, setze die Kartoffeln auf und der Tierarzt deckt den Tisch.

1 PM: Der Priester kommt. „Die Frau des Krämers treibt mich in den Wahnsinn“, sagt der Priester. „Die Frau des Krämers treibt uns alle in den Wahnsinn“, sagt der Tierarzt. Ich verteile Fisch und Salat. „Sie hat sich beschwert, sagt der Priester, dass ich ein polnisches Lied habe singen lassen.“ „Wir haben doch so schöne englische Kirchenlieder Priester“, äfft er die Frau des Krämers nach. Der Priester schüttelt den Kopf. Dabei will ich doch nur, dass die polnischen G*ttesdienstbesucher sich auch angenommen fühlen. Der Tierarzt sagt: „Die Frau des Krämers soll der Blitz treffen.“ Der Priester macht eine zustimmende Handbewegung und sieht zu mir herüber. Ich kaue auf einem Stück Fisch. Der Tierarzt schüttelt den Kopf: „Auf das Mädchen brauchen sie nicht zu setzen, Priester. Die Frau des Krämers hatte bestimmt eine schwere Kindheit und das Mädchen findet, das müsse man dann alles aushalten.“ “Wissen Sie Priester, was die Frau des Krämers zu mir gesagt hat, als das Mädchen ins Dorf zog?“ Der Priester schüttelt den Kopf. „Ach Tierarzt“ sage ich. Aber der Tierarzt sagt: „ Tierarzt, ich sage ihnen hoffentlich werden wir die Ausländerin bald wieder los. Die stören ja doch nur.“ Der Priester starrt den Tierarzt an. „Und wissen Sie was Priester, das Mädchen stand im Laden und sagte: „Entschuldigung, ich suche den Zucker.“ „Ach, Tierarzt“, sage ich. Der Tierarzt sieht mich an und weißt du was noch schlimmer ist, ich habe nichts gesagt. „Gar kein einziges Wort, habe ich gesagt Priester und ich wette mit Ihnen Sie haben auch nichts gesagt zur Frau des Krämers an der Kirchentür. „Tierarzt“, sage ich, „die Frau des Krämers ist wie sie ist.“ Aber der Tierarzt schüttelt den Kopf: „Das Mädchen, ist wie wir Iren sind.“ Dann steht er auf lässt die Gabel fallen und geht aus der Tür. Die Gabel fällt klirrend auf den Küchenboden. Der Priester hebt die Gabel auf. „Fräulein Read On“, sagt der Priester, aber ich schüttle den Kopf. „Schon gut, Priester sage ich, schon gut.“

3 PM: Ich gehe zurück zum Schreibtisch, denn da liegen ja noch immer die Bücher, das Papier und die viele Arbeit und ich denke an nichts anderes mehr. Irgendwann ist der Tierarzt zurück. „Tierarzt“, sage ich, wie lange willst du noch gram mit mir sein?“ Der Tierarzt zieht einen Stuhl zu mir heran. „Mädchen, sagt er, ich verstehe es nicht, aber dann schüttelt er den Kopf, nein Mädchen, sagt er, ich verstehe es nicht, du kümmerst dich um Frauen, um die sich keiner kümmert, um Jungs aus Afghanistan, die keiner will, du bist die einzige, die sich die Litaneien der Frau des Krämers anhört und die einzige, die ich je getroffen habe, die jeden zweiten Satz mit man muss sich kümmern, beginnt, warum bist du dir denn selbst so wenig wert?“ „Tierarzt, sage ich, ich bin Jude und ich bin immer und überall Ausländer gewesen. Dafür bezahlt man einen Preis. Mehr weiß ich nicht zu sagen und meine Hände sind kalt und draußen vor dem Fenster fällt der Regen und deckt uns alle zu, auf dem Schreibtisch stapeln sich die Bücher, über dem Schreibtisch hängt ein Bild. Das Bild zeigt Karachi. In Karachi schrien die Männer: Go home, whore of U.S.A. Der Tierarzt hält sich die Hände vor das Gesicht. Ich sehe aus dem Fenster. „Tierarzt, sage ich, ich kann dich nicht weinen sehen, sage ich.“

Ein leeres Haus

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Stralsund ist eine ehrwürdige Stadt. Roter Backstein und die Hanse, ja die Hanse, der Reichtum der Stadt schon anno 1231 und auch die Kirchtürme ragen weit über die Giebel der Bürgerhäuser hinweg. Stralsunds Kirchen sehen hinaus in die Welt und die Bürgerhäuser haben noch immer noch heute deutlich sichtbare Kontore, obwohl auch in Stralsund kein Getreideschiff mehr anlegt. Aber die Hanse ist noch immer ein Grund zum Stolzsein und die Türen der Kirchen sind schwer und kalt liegen die Türgriffe in meinen Händen.

Mein Großvater ist in Stralsund geboren. Anno 1917, da hatte Deutschland noch einen Kaiser und der Vater meines Großvaters, war der kaisertreuste unter den deutschen Juden und lag in Frankreich im Schützengraben, da schrie sein Sohn in die Welt hinaus, der war das fünfte der Kinder, die alle Kaisernamen hatten, und Kaiser’s Geburtstag wurde genauso gefeiert wie die Geburststage der fünf Kinder. Shabbat hielt man weniger feierlich. In Stralsund lebten doch freie Bürger und der preußischste unter den deutschen Juden, der trank ohnehin lieber Bier.

Wir gehen ins Stralsund-Museum, das Museum war früher einmal ein Gymnasium und mein Großvater ging dort zur Schule und wir gehen durch die Räume. Es gibt Hanseobjekte und Piraterie und Stralsund hatte einmal eine Spielkartenfabrik erfahren wir und das Warenhaus Tieck wurde arisiert. Das erfährt man über die Juden der Stadt. Man erfährt das, was man immer schon wusste. Der Jude ist ein Händler und dann übernahm ein anderer das Geschäft. So waren die Zeiten damals und die Zeiten man konnte sie doch nicht ändern und damit ist im Museum der Stadt Stralsund das Kapitel Juden auch schon abgeschlossen. Die Juden waren eben weg. Dann im nächsten Raum kommt ein Wikingerschatz. Glänzendes Gold und der Reichtum der Stralsund wiederholt sich wieder und wieder. Aber ich will nichts vom Schatz und stehe in einem großen Raum mit hohen Decken, der sicher einmal die Aula der Schule war, in die mein Großvater ging. Und mein Großvater, spielte zum Entsetzen seines Vaters, Klavier. Sein Vater schrie: „Ein deutscher Jude klimpert nicht am Klavier herum.“ Aber mein Großvater spielte trotzdem, spielte auf Schulkonzerten, spielte und spielte und auch als mein Urgroßvater drohte, er würde das gebrauchte Klavier, das in das Haus zog mit der Axt zerschlagen, spielte er weiter und weiter. Es lag in seinen Händen. Mein Großvater war der letzte Jude, der am Gymnasium die Matura machte, denn die Schule war dann judenrein. Noch immer steht ein schöner schwarzer Flügel in der Aula. Zugedeckt ist der Flügel mit schwarzem Tuch. Es ist verboten auf dem Flügel zu spielen. Der Direktor.“ It is forbidden to use the piano“ sage ich zum Tierarzt, der Tierarzt versteht nicht, denn der Tierarzt will, dass ich auf dem Klavier spiele. Aber ich ziehe die schwere Decke nicht vom Flügel herunter. Im zweiten Stock des Museuems sind Bilder von Elisabeth Büchsel ausgestellt. Im Juni 1945 malte sie blonde Kinderköpfe. In Deutschland ist immer alles voller Unschuld und dann gehen wir aus dem Museum zurück in die Stadt. Stehen auf dem Marktplatz, trinken Tee in einem der ehemaligen Kontore, und der Kellner sagt er sei Tee-Sommelier und ich nicke zu allem, nicke zu der Hausmischung Stralsund Gold und nicke und nicke und nicke und sehe aus dem Fenster heraus und sehe meinen Großvater mit Notenpapier unter dem Arm und einem Koffer die Stadt verlassen, denn wer Pianist werden wollte, der blieb hier nicht und so blieben die Eltern und die Brüder zurück und in der Wohnung hing noch immer das Bild des Kaisers und mein Urgroßvater hielt ihm und dem erledigten Preußen die Treue. Der Kaiser in Doorn wusste davon nichts. Wir gehen am Moorteich entlang und man erzählt sich, dass mit der dräuenden Niederlage des tausendjährigen Reiches, nach zwölf langen Jahren, sich ein Menschenzug bildete, und all die Bürger sie warfen die vielen Devotionalien ihrer deutschen Jahre in den Moorteich hinein. Schon waren sie verschwunden die Hitler-Bilder und all die anderen Dinge, die man lieber schnell vergaß. Der Moorteich liegt in der Sonne. Ein Café ist am Ufer geöffnet und man fährt Boot auf dem Teich und die Boote sind Tretboote in Schwanengestalt. Wir aber gehen weiter, eine lange Allee entlang und die Häuser liegen im stillen Sonnenlicht. Wir gehen schweigend und ich zähle die Schritte, denn war dies nicht der Schulweg meines Großvaters und vielleicht stolperte er über seine Schnürsenkel und fiel über einen Stein, denn über dem Knie meines Großvaters verlief eine lange, zackige Narbe, aber vielleicht ist es auch ganz anders gewesen und dann stehen wir in der Straße, in der mein Urgroßvater noch vor dem Ausbruch des ersten großen Krieges hinzog.

Zentralheizung und Warmwasser, das war das Deutschland des jungen Kaisers und das war des Deutschland dieser Familie und dann stehe auch ich dort und zähle die Hausnummern und dann stehe ich vor dem Haus und zähle die Stockwerke und obwohl ich es doch besser weiß, gehe ich über die Straße und suche auf dem Klingelschild meinen Namen. Aber der steht dort nicht und die Namen sagen mir nichts und ich sehe hinauf. In den Fensterscheiben spiegelt sich der Himmel und die Wolken sind schneeweiß und die Sonne glänzt und ich frage mich doch, ob mein Großvater hier in den Himmel sah, während sein Vater schrie, dass ein deutscher Jude doch nichts am Klavier verloren hätte. Ich sehe ihn nicht, denn ich kenne ihn nicht. Es gibt kein einziges Bild meines Urgroßvaters, meiner Urgroßmutter und ihrer Söhne mehr. Denn auch die preußischsten unter den deutschen Juden, auch der Primarschullehrer, mein Urgroßvater und seine Frau und die vier Söhne wurden deportiert, im Februar des Jahres 1940, standen sie da mit dem Koffer, jeder ein Koffer und vielleicht legte er das Kaiserbild hinein. Ich weiß es nicht, ich habe sie nie gekannt. Ich weiß nicht, ob ich den Schluckauf, den ich immer dann bekomme, wenn ich aufgeregt bin, nicht von meiner Urgroßmutter habe, oder ob mein Urgroßvater nicht heimlich doch die Augen schloss, wenn sein Sohn am Klavier saß und spielte. Ich weiß nicht ob wir uns nicht furchtbar anstrengend gefunden hätten oder ob wir uns in Zuneigung gegenüber gesessen hätten, bei seiner goldenen Hochzeit vielleicht, denn wir hatten niemals die Gelegenheit uns kennenzulernen. Meine Urgroßeltern und ihre vier Söhne waren unter jenen, die deportiert worden, so ging es in Deutschland, da holte man den Primarschullehrer aus der Wohnung und fuhr ihn nach Auschwitz und der Jude mit der Kaiserliebe und den vielen Söhnen und der einen Frau, der ging ins Gas und dann starb er, denn das taten die Juden im 20. Jahrhundert und in Deutschland zogen andere Nachbarn in die Häuser und ich stehe hier auf der Straße und meine Hände sind kalt und ich will sie herunterrufen, ich will Steine gegen ihre Fensterscheiben werfen, ich will rufen, lauft doch davon und ich will, sie über das Meer tragen, das Meer, das hier Sund heißt, soll sie davontragen. Bestimmt hätte es in New York Platz für eine Kaiser Wilhelm Gesellschaft gegeben und mein Urgroßvater hätte Kaisers Geburtstag feierlich begangen und ich müsste nicht so stumm auf der Straße stehen und ich stehe ja nur auf der Straße weil mein Großvater als einziger der Söhne aus Auschwitz zurückkam. Er kam nach seinen Eltern in das Lager, er wusste nicht, dass seine Eltern schon in der gleichen Schlange gestanden hatten, dass auch seine Brüder schon erstickt waren im Gas, in Auschwitz traf man niemanden mehr und mein Großvater, der Mann mit dem traurigen Lächeln, bekam in den Jahren nach Auschwitz, die für die Deutschen andere Jahre waren, als für meine Großeltern einen Brief des Gymnasiallehrer und der Jude, sollte dem Lehrer ein Leumundszeugnis ausstellen, darüber, dass er der Jude doch noch die Matura habe ablegen können. Und damit könnte es nicht so schlimm gewesen sein, wie man sich immer erzählte und man habe wirklich nichts gewusst davon. Aber mein Großvater antwortete nicht.
Und die Fenster des Hauses haben Gardinen und manchmal bewegt sich ein Schatten und ich drehe mich um und laufe davon und laufe zurück bis zum Auto und dann fahre ich los, fahre so schnell ich kann, fahre und fahre und denke wie der Tierarzt sagt: „Mädchen weiß Deutsch“, der Tierarzt sagt es bestimmt und ich im Auto, sehe die Hauswand und denke, nein, ich weiß nicht weiter, ich weiß es nicht, ich weiß nicht was das ist, ich weiß nicht wie man es wissen kann, es ist nichts mehr mit dem Deutsch der Juden und den Deutschen und Juden ist es zu Ende gegangen und die Straße im Rückspiegel ist schon eine andere, ist immer dieselbe und ich fahre weiter und weiter und sehe das Haus. Das Haus ist leer.

Franz Kafka. Der ganze Prozess.

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Am späten Vormittag gehe ich die Stufen hinauf. Martin-Gropius Bau, einen Steinwurf entfernt vom Potsdamer Platz und im Treppenaufgang hängt ein Plakat: Kafka. Der ganze Prozess. Der Martin Gropius Bau ist wie alles in Berlin ironisch gebrochen, denn man soll ja merken, dass man hier in Berlin ist und in Berlin ist immer alles ironisch gebrochen und deswegen gibt es immer irgendwo Neonröhren und Sinnsprüche, die immer einen doppelten Boden haben sollen und natürlich auch ironisch sind. Die Deutschen haben ein Bewusstsein und es ist ein historisches Bewusstsein und immer auch ironisch. Deswegen erklären die Deutschen mir immer, dass Auschwitz wirklich schlimm gewesen sei und dann erklären die Deutschen mir, was an Israels Politik alles falsch ist. Das ist der einzige Moment, wenn die Deutschen nicht mehr ironisch sind, sondern sehr ernst und ich als Jude bin ja sowieso insbesondere in Berlin-Mitte ein ewiger Vorwurf. So ist das nämlich und immer flackern die Installationen ein bisschen nervös. So viele Juden kommen aber gar nicht mehr nach Berlin-Mitte und wenn dann eher selten in den Gropius-Bau, aber man weiß ja nie und besser die Ironie ist schon einmal da. Ironie auf Rezept sozusagen und dann stehe ich in einem dunklen Raum und der Raum hat 18 Grad, das sagt das Schild, denn hier wird Papier konserviert und dann steht man einfach so vor den Manuskriptseiten und es ist Franz Kafka, der da vor einem liegt, Franz Kafkas Prozess, lauter eng beschriebene Seiten, gelblich schon ist das Papier. Allein bin ich nicht. Eine Schulklasse ist mit mir im Raum und die Schulklasse findet das alles sehr öde. Warum sollen sie hier stehen in einem dunklen Raum voller Papier. Die Lehrerin macht immer psst und pscht. Und dann: „Ruhe jetzt“ und „Benehmt euch“ und das alles ist gar nicht ironisch und die Lehrerin ist nervös, denn so viel Papier und noch dazu eng beschrieben, ist doch eine Zumutung und museumspädagogisch aufbereitet ist das alles auch nicht. Da sind einfach Vitrinen und dann ist da dieser Text. „Scheiße“ ruft ein Schüler und sein Käppi fällt runter und das ist auch blöd und die Schrift kann keine Sau lesen und die Lehrerin will doch endlich, dass Ruhe ist und im Nebenraum läuft ein Film. Der heißt auch „Der Prozess“, aber der Film ist in schwarz-weiß und niemand auch die Lehrerin nicht, kennt Orson Wells und die Schüler kennen Jeanne Moreau nicht und der Film ist auf Englisch und die deutschen Untertitel sind nicht ganz synchron und der Film ist überhaupt unverständlich und auch blöd und die Lehrerin rennt zwischen den Vitrinen und dem Filmvorführraum hin-und her und schreit: „Aber Schluss jetzt“ und „Ruhe“ und „pscht.“ Ich stehe noch immer vor der ersten Vitrine und der Junge mit dem Käppi, sagt: „Ey voll die Scheiße, ey“und „die Kack Schrift“ und dann stehe ich da und sehe auf die Buchstaben und dann lese ich einfach vor, diesen Satz, den ich schon so oft gelesen habe, aber noch nie von diesem Blatt Papier, da vor mir in der Vitrine. „Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne daß er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet. Der Junge mit dem Käppi starrt mich an und ich lese einfach weiter, denn da liegt ja jener Text, dieser Text, den ich nie vergessen kann, dieser Text dem ich nicht ausweichen kann und der für mich niemals Ironie war und ich lese: Die Köchin der Frau Grubach seiner Zimmervermieterin, die ihm jeden Tag gegen acht Uhr früh das Frühstück brachte, kam diesmal nicht. Der Junge mit dem Käppi ruft: „Ey Serkan, Aylin, Timo, ey Leute kommt ma rüber, die kann das echt lesen“- und die Schulkollegen kommen und wir stehen vor den Vitrinen und ich lese von K. der nicht weiß wie ihm geschieht an diesem Morgen und die alte Nachbarin vom Fenster gegenüber und dann sind die Fremden in der Wohnung und Josef K. weiß nicht wie ihm geschieht und schon ist die erste Seite gelesen und fast synchron rücken wir weiter, denn das Mädchen neben mir, sagt: „voll krass, das alles.“ Und hat sie nicht Recht, denn Josef K. wird ja wirklich verhaftet an diesem Morgen und dann sucht K. seine Legitimationspapiere und findet in der Eile nur seine Radfahrlegitimation und ich überlege ob ich den Mädchen und Jungen neben mir wohl erklären muss, was Legitimationspapiere eigentlich sind, aber die Schüler sind ganz still und dann sagt der Junge mit dem Käppi: „Mein Freund hier hat auch keinen Pass.“ Der Freund auf den das zutrifft, ist ein blasser, dünner Junge und starrt auf das Papier in der Vitrine. Und nichts ist ironisch und gar nichts ist gut, hier in Berlin, 2017 und da hier vor uns ist Franz Kafka und das ist der ganze Prozess und Kafka, nein, den muss man nicht erklären, der ist immer völlig klar. Josef K. kann nicht beweisen, dass er unschuldig ist und die Schüler drängen mich weiter, ich soll weiterlesen, denn jetzt nämlich gehört ihnen diese Geschichte, diese Blätter da gelb und eng beschrieben in der Vitrine und ich lese vor und lese immer weiter und einmal wandern wir gemeinsam um die Vitrinen herum und die Schüler sind atemlos, weil die Geschichte einen aus den Fugen hebt, das ist Kafka, dieser Franz Kafka, der Jude Kafka, dem es immer ernst war und dann sind wir angekommen am Ende, an dem die Geschichte abbricht: „Wie ein Hund!“ sagte er, es war, als sollte die Scham ihn überleben.“ Die Schüler klatschen, aber nicht für mich, sondern für Franz Kafka, der ja da vor uns liegt und schrieb, wer hat denn je so um sein Leben geschrieben wie Franz Kafka? Und die Schüler applaudieren jenem Franz Kafka und die Lehrerin kommt und die Lehrerin ruft: Psst! Und „Ruhe jetzt“ und der Schüler mit dem Käppi sagt: „Die Frau kann das alles lesen.“ Die Lehrerin sieht mich an und will sich entschuldigen, dabei weiß ich nicht einmal wofür, denn Texte sind ja dazu da, dass man sie liest, wozu denn sonst und die Schüler reden ja schon über diesen Text den sie eben nur nicht lesen konnten. „Ihr sei Kafka immer zu ironisch gewesen, sagt sie und dann sagt sie: eben kafkaesk. „Gerade nicht, sage ich“ und sie sieht mich erstaunt an.

Der Junge mit dem Käppi schwenkt sein Telefon und hat den Prozess heruntergeladen und dann kommt er zu mir und sagt: „Das ist mein erstes eigenes Buch.“ Ich gratuliere und versichere ihm, dem strahlenden, jungen Mann, dass es kein besseres, erstes Buch gäbe, als den Prozess und dass ich mir vorstellen könnte, dass ihm auch das Schloß gefiele und er lächelt und fängt an zu lesen.

Ich lächle mit und noch einmal stehe ich vor der Vitrine und sehe mich, ein bisschen jünger war ich, als die Schüler, da schickte mir meine Großmutter ein Buch ins Land A., „Franz Kafka, Der Prozess“ und alles veränderte sich und ich war eine Andere geworden.

Alle Zitate aus: Franz Kafka, Der Proceß, Frankfurt am Main 2002, S.7 und S. 312.

Die Mali Tant hat keine Zeit.

Die Mali-Tant, war eine der liebsten Freundinnen meiner Großmutter. Wie meine Großmutter scheiterte die Mali-Tant an Israel. Die beiden Damen waren sich einig: die Hitze, der Staub, das schlechte Theater, die barbarische Sprache, die seichten Opern, da könne man trotz allem also auch nicht bleiben. Meine Großmutter ging zurück nach Deutschland und die Mali-Tant zog zurück in ihre Geburtsstadt Wien. Damals also im 1950er Jahr sagten die Nachbarn zur Mali-Tant: “Wir dachten die Juden sind alle durch den Rauchfang gegangen.” „Ja, sagte die Mali-Tant damals, das habt ihr euch wohl so gedacht.“ Die Nachbarn haben nicht widersprochen. Die Mali-Tant aber ist geblieben und noch immer, noch heute lebt die Mali-Tant in Wien. Jeden Samstag seit vielen Jahren also, rufe ich die Mali-Tant an.

Ich sitze auf dem Balkonstuhl und meine Füße liegen auf der Balkonbrüstung. Die Tanne links von mir rauscht, es wispern die Kastanien. Ich habe eine Schüssel mit Erdbeeren auf dem Schoß und auch wenn ein warmer Wind weht, bin ich in einen breiten, blauen Schal mit großen Pfauenfedern darauf gewickelt.
Neben mir auf der Balkonbrüstung sitzt meine alte Freundin die Wildtaube und gurrt leise, aber wirklich ganz leise, denn wie alle Freunde und wie wohl auch meine Feinde, weiß sie, dass ich am Samstag Abend wie mein Großvater vor vielen Jahren zu sagen pflegte, als meine Großmutter die Mali-Tant anrief mit Wien telefoniere.

Ich: Shavua tov! Shavua tov! A gite Woch dir liebe Mali-Tant.
( Zwar ist der Shabbat noch nicht ganz um, aber die Mali Tant will von solchen Spitzfindigkeiten nichts wissen.)

Mali-Tant: Shavua tov, Mädi!

Ich: Geh, Mali-Tant, geht es dir gut?

Mali-Tant: Ja Mädi, wie eina oiden Frau eben so geht.

Ich: Ah, Mali-Tant, du bist doch keine alte Frau.

Mali-Tant: I was genau, wie oid i bin Mädi.

Ich: ( lache leise. Die Mali Tant ist 94 )

Mali-Tant: ( schnauft )

Ich: Mali-Tant, ist alles in Ordnung bei Dir und Mau ( Mau ist der Siamkater der Mali-Tant )

Mali-Tant: Ja geh Mädi, weißt es ist halt arg viel los. Im Garten draußen sind die Fisolen reif, und die Rosen blühn. Weißt halt net, aber die Anni, die Frau vom Johann hat Geburtstag und vor Wochen scho hab I ihr den Rosenstrauß zugesagt und a Biskuitrolle, des is ja resch gemacht, hab i Ihr versprochen. Des hat dein Gromutter scho imma gesogt: A Versprechen muss man holt einhalten. Dann hab I mia a paar neue Kleider bestellt. In Wien kannst ja nirgendwoa ein Sommerkleid mehr kaufen, wenn net mehr bist 25 Jahr’. Aba I hab zu dea Verkäuferin gesogt: so a Biesn zieh I nimma an. Hot die doch a beiges Gewand angebracht und do hab I gesogt: Nimma geh I wie a Wasserleich auf die Straßen. Gerade jetzt wo all die Konzerte sind in Schönbrunn, und die Oper im Park. A Paar pinke Sandalen hob i a gekauft. Die Verkäuferin hat gesogt: na die sin aba sehr hoch füa a Frau in ihrem Alter. Aba Mädi man darf sich nix bieten lassen: I hob Iha gesogt: I bin do kea Krüppel. Fria im Spital, do hob I wenn i tanzen woa in viel höhere Schuh die Visite gemacht und der Professor hat damals schleimig gegrinst: Na Frau Mali, wieda die Nacht zum Tog gemacht? Aba I hab den nie ausstehen können, den Lackl. „Fia Sie Herr Professor, hab I gesagt imma noch Frau Doktor Mali.“ Do hat dea nix mehr gesogt. Jedenfalls Mädi, die Biskuitrollen und do hob I mia gedacht, wenn Du eh scho a Biskuit im Rohr hast, da kennst a gleich a Blech Crèmeschnitten mitmachen. Die Cremeschnitten, die sind noch nie übrig geblieben. Dann Mädi hat der Jean eben angeläutet ( der Jean ist der Liebhaber der Mali-Tant ), auf a Beisel Wein im Heurigen will er gehen, jetzt wo die Nächte lang sind und die Luft a einmal a bissl mild. Do hob I net nein sagen können. Weißt Mädi, mit dem Jean is es holt nie fad. Wenn I die Anni ihren Mann seh, Mädi, a Schlaftabletten is nix dagegen. Geh, hat der Jean gesogt: Mali wia gehen auf a Beisel Wein und wea weiß scho, vielleicht ist a bissl Musi im Schanigarten und wo I do jetzt die feinen Sandalen hob, kann I auch einmal wieda mit dem Jean tanzen. Weißt Mädi, dea Winter is eh lang genug.

Ich: Mali-Tant, wenn ich dir zu langweilig bin, dann sag es ruhig.

Mali-Tant: A geh Mädi, sei kein Schaf. Dann wollen mir in der nächsten Woch ins Waldviertel fahrn. Des Dach braucht neue Ziagln und auch der Garten im Waldviertel muss gerichtet werden. Die Ribiseln sind ja schon rot und a Stapel neue Bücher hab ich auch gekauft. Kannst ja net wollen, dass ich völlig verblöd in diesem Österreich. Dann fahren wir füa zwei Wochen nunter zur Gerti in die Bretagne. Bis dahin muss halt scho das Haus im Waldviertel fia da Mari und ihr Familie gerichtet sein. Weißt Mädi, wenn man net alles selba macht. Die Mari bekommt noch a Kind und do hob i mia gesogt geh Mali, du host fia die vier Kinda von der Mari a Deckn gemacht und da musst auch fia das Fünfte a Deckn machen und do hob I mia gedocht, geh Mali des hast fertig bevor dea Jean und du in die Bretagne fahrt und da hob I die ganze Wochn bis Nachts ein Uhr an der Deckn genäht. I schick dir schon noch a Bild. Man kommt ja zu nix.
Mädi, sei mir net bös, aba I muss noch den Rock bügeln bevor der Jean klingelt. Ich bin ja keine geschlamperte Person und die Gerti ( die Tochter der Mali-Tant ), der muss I a wenigstens a guten Abend sogen. Geh Mädi, wia hören uns ja ohne hin in der nächsten Woch’. Baba und Bussi. I muss jetzt wirklich los.

Ich höre aus Wien nur noch ein dumpfes Tuten. Die Mali-Tant hat aufgehängt und meine liebe C. sieht mich erstaunt an, als ich das Telefon zurückbringe. „Alles in Ordnung in Wien,?“ fragt sie, denn mormalerweise stecken die Mali-Tant und ich für Stunden die Köpfe zusammen. Ich nicke. „Die Mali-Tant ist beschäftigt“, sage ich und „es ist Sommer in Wien.“ Dann schweige ich ziemlich beleidigt, noch unentschieden ob ich beleidigter darüber bin, dass die Mali-Tant nicht einmal eine Viertelstunde übrig hatte, oder darüber, dass Sie fast nur Hochdeutsch mit mir gesprochen hat, denn der Shabbesschwatz mit Wien ist immer schon nur auf Wienerisch gehalten worden. Die liebe C. schneidet mir ein großes Stück Erdbeerkuchen ab. „Ist das Biskuitteig?“, frage ich sie, aber die liebe C. schüttelt den Kopf und ich ziehe den Kuchenteller zu mir heran.