Franz Kafka. Der ganze Prozess.

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Am späten Vormittag gehe ich die Stufen hinauf. Martin-Gropius Bau, einen Steinwurf entfernt vom Potsdamer Platz und im Treppenaufgang hängt ein Plakat: Kafka. Der ganze Prozess. Der Martin Gropius Bau ist wie alles in Berlin ironisch gebrochen, denn man soll ja merken, dass man hier in Berlin ist und in Berlin ist immer alles ironisch gebrochen und deswegen gibt es immer irgendwo Neonröhren und Sinnsprüche, die immer einen doppelten Boden haben sollen und natürlich auch ironisch sind. Die Deutschen haben ein Bewusstsein und es ist ein historisches Bewusstsein und immer auch ironisch. Deswegen erklären die Deutschen mir immer, dass Auschwitz wirklich schlimm gewesen sei und dann erklären die Deutschen mir, was an Israels Politik alles falsch ist. Das ist der einzige Moment, wenn die Deutschen nicht mehr ironisch sind, sondern sehr ernst und ich als Jude bin ja sowieso insbesondere in Berlin-Mitte ein ewiger Vorwurf. So ist das nämlich und immer flackern die Installationen ein bisschen nervös. So viele Juden kommen aber gar nicht mehr nach Berlin-Mitte und wenn dann eher selten in den Gropius-Bau, aber man weiß ja nie und besser die Ironie ist schon einmal da. Ironie auf Rezept sozusagen und dann stehe ich in einem dunklen Raum und der Raum hat 18 Grad, das sagt das Schild, denn hier wird Papier konserviert und dann steht man einfach so vor den Manuskriptseiten und es ist Franz Kafka, der da vor einem liegt, Franz Kafkas Prozess, lauter eng beschriebene Seiten, gelblich schon ist das Papier. Allein bin ich nicht. Eine Schulklasse ist mit mir im Raum und die Schulklasse findet das alles sehr öde. Warum sollen sie hier stehen in einem dunklen Raum voller Papier. Die Lehrerin macht immer psst und pscht. Und dann: „Ruhe jetzt“ und „Benehmt euch“ und das alles ist gar nicht ironisch und die Lehrerin ist nervös, denn so viel Papier und noch dazu eng beschrieben, ist doch eine Zumutung und museumspädagogisch aufbereitet ist das alles auch nicht. Da sind einfach Vitrinen und dann ist da dieser Text. „Scheiße“ ruft ein Schüler und sein Käppi fällt runter und das ist auch blöd und die Schrift kann keine Sau lesen und die Lehrerin will doch endlich, dass Ruhe ist und im Nebenraum läuft ein Film. Der heißt auch „Der Prozess“, aber der Film ist in schwarz-weiß und niemand auch die Lehrerin nicht, kennt Orson Wells und die Schüler kennen Jeanne Moreau nicht und der Film ist auf Englisch und die deutschen Untertitel sind nicht ganz synchron und der Film ist überhaupt unverständlich und auch blöd und die Lehrerin rennt zwischen den Vitrinen und dem Filmvorführraum hin-und her und schreit: „Aber Schluss jetzt“ und „Ruhe“ und „pscht.“ Ich stehe noch immer vor der ersten Vitrine und der Junge mit dem Käppi, sagt: „Ey voll die Scheiße, ey“und „die Kack Schrift“ und dann stehe ich da und sehe auf die Buchstaben und dann lese ich einfach vor, diesen Satz, den ich schon so oft gelesen habe, aber noch nie von diesem Blatt Papier, da vor mir in der Vitrine. „Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne daß er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet. Der Junge mit dem Käppi starrt mich an und ich lese einfach weiter, denn da liegt ja jener Text, dieser Text, den ich nie vergessen kann, dieser Text dem ich nicht ausweichen kann und der für mich niemals Ironie war und ich lese: Die Köchin der Frau Grubach seiner Zimmervermieterin, die ihm jeden Tag gegen acht Uhr früh das Frühstück brachte, kam diesmal nicht. Der Junge mit dem Käppi ruft: „Ey Serkan, Aylin, Timo, ey Leute kommt ma rüber, die kann das echt lesen“- und die Schulkollegen kommen und wir stehen vor den Vitrinen und ich lese von K. der nicht weiß wie ihm geschieht an diesem Morgen und die alte Nachbarin vom Fenster gegenüber und dann sind die Fremden in der Wohnung und Josef K. weiß nicht wie ihm geschieht und schon ist die erste Seite gelesen und fast synchron rücken wir weiter, denn das Mädchen neben mir, sagt: „voll krass, das alles.“ Und hat sie nicht Recht, denn Josef K. wird ja wirklich verhaftet an diesem Morgen und dann sucht K. seine Legitimationspapiere und findet in der Eile nur seine Radfahrlegitimation und ich überlege ob ich den Mädchen und Jungen neben mir wohl erklären muss, was Legitimationspapiere eigentlich sind, aber die Schüler sind ganz still und dann sagt der Junge mit dem Käppi: „Mein Freund hier hat auch keinen Pass.“ Der Freund auf den das zutrifft, ist ein blasser, dünner Junge und starrt auf das Papier in der Vitrine. Und nichts ist ironisch und gar nichts ist gut, hier in Berlin, 2017 und da hier vor uns ist Franz Kafka und das ist der ganze Prozess und Kafka, nein, den muss man nicht erklären, der ist immer völlig klar. Josef K. kann nicht beweisen, dass er unschuldig ist und die Schüler drängen mich weiter, ich soll weiterlesen, denn jetzt nämlich gehört ihnen diese Geschichte, diese Blätter da gelb und eng beschrieben in der Vitrine und ich lese vor und lese immer weiter und einmal wandern wir gemeinsam um die Vitrinen herum und die Schüler sind atemlos, weil die Geschichte einen aus den Fugen hebt, das ist Kafka, dieser Franz Kafka, der Jude Kafka, dem es immer ernst war und dann sind wir angekommen am Ende, an dem die Geschichte abbricht: „Wie ein Hund!“ sagte er, es war, als sollte die Scham ihn überleben.“ Die Schüler klatschen, aber nicht für mich, sondern für Franz Kafka, der ja da vor uns liegt und schrieb, wer hat denn je so um sein Leben geschrieben wie Franz Kafka? Und die Schüler applaudieren jenem Franz Kafka und die Lehrerin kommt und die Lehrerin ruft: Psst! Und „Ruhe jetzt“ und der Schüler mit dem Käppi sagt: „Die Frau kann das alles lesen.“ Die Lehrerin sieht mich an und will sich entschuldigen, dabei weiß ich nicht einmal wofür, denn Texte sind ja dazu da, dass man sie liest, wozu denn sonst und die Schüler reden ja schon über diesen Text den sie eben nur nicht lesen konnten. „Ihr sei Kafka immer zu ironisch gewesen, sagt sie und dann sagt sie: eben kafkaesk. „Gerade nicht, sage ich“ und sie sieht mich erstaunt an.

Der Junge mit dem Käppi schwenkt sein Telefon und hat den Prozess heruntergeladen und dann kommt er zu mir und sagt: „Das ist mein erstes eigenes Buch.“ Ich gratuliere und versichere ihm, dem strahlenden, jungen Mann, dass es kein besseres, erstes Buch gäbe, als den Prozess und dass ich mir vorstellen könnte, dass ihm auch das Schloß gefiele und er lächelt und fängt an zu lesen.

Ich lächle mit und noch einmal stehe ich vor der Vitrine und sehe mich, ein bisschen jünger war ich, als die Schüler, da schickte mir meine Großmutter ein Buch ins Land A., „Franz Kafka, Der Prozess“ und alles veränderte sich und ich war eine Andere geworden.

Alle Zitate aus: Franz Kafka, Der Proceß, Frankfurt am Main 2002, S.7 und S. 312.

Die Mali Tant hat keine Zeit.

Die Mali-Tant, war eine der liebsten Freundinnen meiner Großmutter. Wie meine Großmutter scheiterte die Mali-Tant an Israel. Die beiden Damen waren sich einig: die Hitze, der Staub, das schlechte Theater, die barbarische Sprache, die seichten Opern, da könne man trotz allem also auch nicht bleiben. Meine Großmutter ging zurück nach Deutschland und die Mali-Tant zog zurück in ihre Geburtsstadt Wien. Damals also im 1950er Jahr sagten die Nachbarn zur Mali-Tant: “Wir dachten die Juden sind alle durch den Rauchfang gegangen.” „Ja, sagte die Mali-Tant damals, das habt ihr euch wohl so gedacht.“ Die Nachbarn haben nicht widersprochen. Die Mali-Tant aber ist geblieben und noch immer, noch heute lebt die Mali-Tant in Wien. Jeden Samstag seit vielen Jahren also, rufe ich die Mali-Tant an.

Ich sitze auf dem Balkonstuhl und meine Füße liegen auf der Balkonbrüstung. Die Tanne links von mir rauscht, es wispern die Kastanien. Ich habe eine Schüssel mit Erdbeeren auf dem Schoß und auch wenn ein warmer Wind weht, bin ich in einen breiten, blauen Schal mit großen Pfauenfedern darauf gewickelt.
Neben mir auf der Balkonbrüstung sitzt meine alte Freundin die Wildtaube und gurrt leise, aber wirklich ganz leise, denn wie alle Freunde und wie wohl auch meine Feinde, weiß sie, dass ich am Samstag Abend wie mein Großvater vor vielen Jahren zu sagen pflegte, als meine Großmutter die Mali-Tant anrief mit Wien telefoniere.

Ich: Shavua tov! Shavua tov! A gite Woch dir liebe Mali-Tant.
( Zwar ist der Shabbat noch nicht ganz um, aber die Mali Tant will von solchen Spitzfindigkeiten nichts wissen.)

Mali-Tant: Shavua tov, Mädi!

Ich: Geh, Mali-Tant, geht es dir gut?

Mali-Tant: Ja Mädi, wie eina oiden Frau eben so geht.

Ich: Ah, Mali-Tant, du bist doch keine alte Frau.

Mali-Tant: I was genau, wie oid i bin Mädi.

Ich: ( lache leise. Die Mali Tant ist 94 )

Mali-Tant: ( schnauft )

Ich: Mali-Tant, ist alles in Ordnung bei Dir und Mau ( Mau ist der Siamkater der Mali-Tant )

Mali-Tant: Ja geh Mädi, weißt es ist halt arg viel los. Im Garten draußen sind die Fisolen reif, und die Rosen blühn. Weißt halt net, aber die Anni, die Frau vom Johann hat Geburtstag und vor Wochen scho hab I ihr den Rosenstrauß zugesagt und a Biskuitrolle, des is ja resch gemacht, hab i Ihr versprochen. Des hat dein Gromutter scho imma gesogt: A Versprechen muss man holt einhalten. Dann hab I mia a paar neue Kleider bestellt. In Wien kannst ja nirgendwoa ein Sommerkleid mehr kaufen, wenn net mehr bist 25 Jahr’. Aba I hab zu dea Verkäuferin gesogt: so a Biesn zieh I nimma an. Hot die doch a beiges Gewand angebracht und do hab I gesogt: Nimma geh I wie a Wasserleich auf die Straßen. Gerade jetzt wo all die Konzerte sind in Schönbrunn, und die Oper im Park. A Paar pinke Sandalen hob i a gekauft. Die Verkäuferin hat gesogt: na die sin aba sehr hoch füa a Frau in ihrem Alter. Aba Mädi man darf sich nix bieten lassen: I hob Iha gesogt: I bin do kea Krüppel. Fria im Spital, do hob I wenn i tanzen woa in viel höhere Schuh die Visite gemacht und der Professor hat damals schleimig gegrinst: Na Frau Mali, wieda die Nacht zum Tog gemacht? Aba I hab den nie ausstehen können, den Lackl. „Fia Sie Herr Professor, hab I gesagt imma noch Frau Doktor Mali.“ Do hat dea nix mehr gesogt. Jedenfalls Mädi, die Biskuitrollen und do hob I mia gedacht, wenn Du eh scho a Biskuit im Rohr hast, da kennst a gleich a Blech Crèmeschnitten mitmachen. Die Cremeschnitten, die sind noch nie übrig geblieben. Dann Mädi hat der Jean eben angeläutet ( der Jean ist der Liebhaber der Mali-Tant ), auf a Beisel Wein im Heurigen will er gehen, jetzt wo die Nächte lang sind und die Luft a einmal a bissl mild. Do hob I net nein sagen können. Weißt Mädi, mit dem Jean is es holt nie fad. Wenn I die Anni ihren Mann seh, Mädi, a Schlaftabletten is nix dagegen. Geh, hat der Jean gesogt: Mali wia gehen auf a Beisel Wein und wea weiß scho, vielleicht ist a bissl Musi im Schanigarten und wo I do jetzt die feinen Sandalen hob, kann I auch einmal wieda mit dem Jean tanzen. Weißt Mädi, dea Winter is eh lang genug.

Ich: Mali-Tant, wenn ich dir zu langweilig bin, dann sag es ruhig.

Mali-Tant: A geh Mädi, sei kein Schaf. Dann wollen mir in der nächsten Woch ins Waldviertel fahrn. Des Dach braucht neue Ziagln und auch der Garten im Waldviertel muss gerichtet werden. Die Ribiseln sind ja schon rot und a Stapel neue Bücher hab ich auch gekauft. Kannst ja net wollen, dass ich völlig verblöd in diesem Österreich. Dann fahren wir füa zwei Wochen nunter zur Gerti in die Bretagne. Bis dahin muss halt scho das Haus im Waldviertel fia da Mari und ihr Familie gerichtet sein. Weißt Mädi, wenn man net alles selba macht. Die Mari bekommt noch a Kind und do hob i mia gesogt geh Mali, du host fia die vier Kinda von der Mari a Deckn gemacht und da musst auch fia das Fünfte a Deckn machen und do hob I mia gedocht, geh Mali des hast fertig bevor dea Jean und du in die Bretagne fahrt und da hob I die ganze Wochn bis Nachts ein Uhr an der Deckn genäht. I schick dir schon noch a Bild. Man kommt ja zu nix.
Mädi, sei mir net bös, aba I muss noch den Rock bügeln bevor der Jean klingelt. Ich bin ja keine geschlamperte Person und die Gerti ( die Tochter der Mali-Tant ), der muss I a wenigstens a guten Abend sogen. Geh Mädi, wia hören uns ja ohne hin in der nächsten Woch’. Baba und Bussi. I muss jetzt wirklich los.

Ich höre aus Wien nur noch ein dumpfes Tuten. Die Mali-Tant hat aufgehängt und meine liebe C. sieht mich erstaunt an, als ich das Telefon zurückbringe. „Alles in Ordnung in Wien,?“ fragt sie, denn mormalerweise stecken die Mali-Tant und ich für Stunden die Köpfe zusammen. Ich nicke. „Die Mali-Tant ist beschäftigt“, sage ich und „es ist Sommer in Wien.“ Dann schweige ich ziemlich beleidigt, noch unentschieden ob ich beleidigter darüber bin, dass die Mali-Tant nicht einmal eine Viertelstunde übrig hatte, oder darüber, dass Sie fast nur Hochdeutsch mit mir gesprochen hat, denn der Shabbesschwatz mit Wien ist immer schon nur auf Wienerisch gehalten worden. Die liebe C. schneidet mir ein großes Stück Erdbeerkuchen ab. „Ist das Biskuitteig?“, frage ich sie, aber die liebe C. schüttelt den Kopf und ich ziehe den Kuchenteller zu mir heran.

Zu Besuch bei Sigmund und Anna Freud in Hampstead.

Am Nachmittag fahre ich nach Hampstead hinaus. Immer wieder habe ich mir das schon vorgenommen und immer wieder kam etwas dazwischen, aber diesmal nicht. In Hampstead tragen die Männer hellblaue Leinenhemden und kaufen Lotus und Pak Choi auf dem Markt. Die Kinder rollern die Straßen hinunter und die Frauen trinken sehr gesunde Säfte und winken Männern wie Kindern zu. Ich aber gehe schon weiter, schnaufe eine steile Straße hinauf und zähle die Hausnummern herunter, aber das Haus welches ich suche, braucht keine Hausnummer, sondern hat eine blaue Plakette. 20 Maresfield Garden. Roter Stein und pinke Kletterrosen.

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Sigmund und Anna Freud in Hampstead

Hier hinein nämlich, in die sonnige Straße, rettete sich Sigmund Freund und hier lebte für lange Jahrzehnte seine Tochter Anne. Der Boden knarrt, betritt man das Haus und dann ist man ganz allein mit Sigmund Freud. Damals im 1938er Jahr da war Sigmund Freud 81 Jahre alt und die Wiener Berggasse verdunkelte sich mehr und mehr, denn die Nazis sie traten schon die Türen ein und mit dem 12. März 1938 schlossen sich die Türen der Freiheit für lange Jahre. Eine Berühmtheit war jener Sigmund Freund da schon lange, nicht nur der Begründer der Psychoanalyse, sondern ihre Verkörperung selbst. Aber Sigmund Freud war eben auch Jude und das wird einem nie verziehen, schon gar nicht im 1938er Jahr und Freud, der nicht glauben wollte, was sich da unten auf der Berggasse und in der ganzen, großen Stadt Wien abspielte, musste es glauben, als die Gestapo schließlich seine Tochter Anna verhaftete. Freud, der doch Träume sammelte, fand sich in einem nimmer endenden Alptraum wieder. Max Schur, Freund und Hausarzt hatte sie mit einer tödlichen Dosis, Gift versorgt, denn obwohl nach 1945 keiner wissen wollte, was sich in deutschen Konzentrationslagern abgespielt hatte, machte sich niemand im 1938iger Jahr noch Illusionen. Sigmund Freud, der sich um Anna sorgte stimmte der Ausreise zu, dieser aber ging ein diplomatisches Tauziehen voraus und ohne das unermüdliche Insistieren englischer und amerikanischer Botschaften wäre die Flucht wohl kaum gelungen. 32.000 Mark zahlt Freud mit Hilfe seiner betuchten Freundin Marie Bonaparte als ‚Reichsfluchtsteuer‘ und kurz bevor der rettende Zug Wien verlässt, steht wieder einmal die Gestapo vor der Tür. Die Herren wollen sich bestätigen lassen, dass Familie Freud keinen Groll im Herzen gegen die neuen Herren trüge. Freud schrieb: „Ich kann die Gestapo jedermann nur auf das Beste empfehlen.“ Natürlich haben sie es nicht bemerkt.Drei Waggons für ein ganzes Leben. Die Bibliothek konnte nur als Bruchstück mitgenommen werden, dafür der Schreibtisch und all die G*tter die auf jenem wohnen und die heute im angedunkelten Zimmer in Hampstead überirdisch und gelassen ihrer eigenen Wege gehen. Hell ist das Haus und lichtgeschwängert, weiße Geländer und bunte Teppiche liegen auf dem Boden. Natürlich steht die Couch, dieses Sofa, in dem sich die Geschichten eingegraben haben, im Arbeitszimmer. Ein Kissen mit verblichener hebräischer Schrift, eine schwere teppichartige Decke und ein Stich an der Wand, das Freud mit seinem Lehrer Charcot in Paris zeigt. Am Kopfende des Sofas steht ein bescheidener Sessel. Zuhören ist anstrengende Arbeit, sagt der Stuhl.

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Das Sofa aller Sofas.

Aber vor allem die Geschichten, die Träume, die Ängste, die Wünsche und die vielen Leben, die hier versuchten sich an das zu erinnern, was in der repressiven Wiener Luft, in der selbst der alte Kaiser kaum atmen keinen Platz haben sollte. Bis zu 10 Stunden heißt es, soll Freud den Patienten zugehört haben. Vor dem Schreibtisch der maßgefertigte Stuhl, denn Freud war ein liegender Leser und vor allem auch ein begabter Zuhörer. Alles in diesem Arbeitszimmer wispert eine Geschichte, mag sie auch noch so abgebrochen sein, noch immer sind alle Geschichten hier sorgsam behütet und aufbewahrt.

Im Oberstock des Hauses aber sind die G*tter nicht ganz so zahlreich, denn hier geht es um Anna, die praktisch, pragmatisch und lebensklug hier lebte und arbeitete, viele Jahre lang nach dem Tod ihres Vaters. Am meisten beeindrucken mich ihre robusten Wanderstiefel, die genau so aussehen als könnte man in ihnen problemlos, einmal die ganze Welt umrunden, ohne auch nur eine einzige wehe Stelle am Fuß zu haben. Aber Anna war nicht nur Sigmund Freud’s Tochter. Weit gefehlt Anna Freud war begabte und begeisterte Psychologin, streitbar und spezialisiert auf die Analyse von Kindern und Jugendlichen. Gemeinsam mit ihrer Lebensgefährtin Dorothy Burlingham gründete sie die Hampstead Nursery und kümmerte sich während des Krieges um Waisen und Kinder in Not. Auf einer Photographie beugt sie sich über ein Gitterbettchen und lacht dem Kind zu, aber nicht auf so eine schrill-überdrehte Weise, wie sie Erwachsenen so oft eigen ist, mit ihrem Dutzitzidu—-sondern ein wissendes, ein mitnehmendes, ein so ernstliches Lachen, dass man nicht genug staunen kann über jene Anna Freud, die mit einer Selbstverständlichkeit genagelte Schuhe trug und eine Frau nicht nur küsste, sondern auch mit ihr lebte. Auf allen Fotos schein sie genau das gerade sagen zu wollen: „So ist das nun einmal. Nun aber weiter zu anderen, ernsthafteren Dingen. Still staunt der Besucher und kann sich nur schwer losreißen, vom hellen Zimmer und der starken Anna.

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Im Garten

Das Museum ist ein sehr offenes Haus, wie seine Bewohner es gewesen sein mussten, mit der Freiheit die im Denken liegt und so stört sich niemand daran, als ich mich in den sonnigen Garten setze und in die rauschenden Bäume sehe, hier im Freud Museum in Hampstead sind Besucher wirklich willkommen. Bevor ich schließlich im Sonnenschein einschlafen kann, gehe ich noch einmal in die Diele, über die man das Haus betritt zurück. Dort in einem Glaskastel hängt der Mantel mit dem Freud Wien verließ, neben seiner Brille und dem Menü der Hochzeit mit Martha Bernays. Der Biesenmantel ist weder grün, noch grau oder braun, sondern ein starres Stück Stoff mit runden, dicken Knöpfen und scharf geschnittenem Kragen. Ein Stück Mantel, das auch ein Panzer ist, eine Hülle gegen die feindliche Welt, eine borstige Außenhaut, um das Innen des 1938iger Jahres irgednwie doch noch heraus zu retten, aus den Untiefen jener Jahre. Mit einem solchen Mantel, der einem die Wange zerkratzt, mit einem solchen Mantel rettet man wenn alles gut geht, die eigene Haut. Ich kenne den Mantel gut, denn es ist der gleiche Mantel der im Kleiderschrank meiner Großmutter hing. Es war der erste Mantel, den sie in einem DP Camp bekam, der erste Mantel nach Auschwitz. Meine Großmutter hat den Mantel ein ganzes Leben lang behalten, im Kragen des Mantels eingenäht der Name einer Frau, die sehr wahrscheinlich deportiert wurde. Die Adresse lautete Berggasse 4. Die eigene Haut retten gelingt nur selten ganz. Das kann man lernen, wenn man an einem Samstagnachmittag nach Hampstead in das Wohnhaus von Sigmund und Anna Freud fährt.

 
Freud Museum London, 20 Marshfield Gardens, Hampstead, London, Öffnungszeiten: Mittwoch bis Sonntag, 12-17 Uhr, Eintritt: 8 ermäßigt 4 Pfund, Tube: Finchley Road

( Wie immer gilt: Selbstbezahlt, Selbstgeknipst und Selbstgeschrieben ist es auch.)
 

 

Auf der Suche nach Carl von Sternheim-Die Villa ‚Belle Maison‘ in Höllriegelskreuth

Nach einem langen Tag in Großhardern wollen der ehemalige geschätzte Gefährte und der D. unter Kastanien in einem Biergarten sitzen, der F. hat zu diesem Behufe sogar ein blau-weiß kariertes Hemd angezogen und ob er sobald ich außer Sichtweite bin, auch noch die Krachledernen anlegt weiß ich nicht, denn ich will nicht mit in den Biergarten. Stattdessen fahre ich mit der U-Bahn zum Münchener Hauptbahnhof verirre mich gründlich bis ich endlich die S-Bahn in Richtung Wolfratshausen finde. Dann endlich doch im richtigen Zug. Mit mir fahren heimkehrende Wallfahrer, die lila und weißen Flieder um die Holzkreuze gewunden haben und so riecht der Zug ein bisschen so wie ich mir das Paradies vorstellte. Die Pilger haben müde Füße, aber Lust auf einen Ratsch: „Wo woist du hin?“ Nach Pullach sage ich und lächle, von dort aus will ich zur Villa Belle-Maison, die Carl Sternheim baute, besehen. Die Pilger sehen mich verwundert an: Sternheim, sogst Du? Den sein Noamen hab’n wia noch nia gehört! München is halt einmal die Thomas Mann Stadt. Ich nicke den Pilgern zu, denn ich weiß ja schon lange, dass man in Deutschland gerne und viel vergisst. Dann steige ich aus. Pullach liegt im Sonnenschein. Am Bahnhof ein leeres Haus, zwar kündet noch ein Schild davon, dass man hier Obst und Gemüse kaufen könne, doch alle Läden sind heruntergelassen und auch das Schild ist schon lange verblichen. Drei Kilometer also eine lange Straße hinunter. Viele Häuser sind gerade erst neugebaut, noch steht ein Zementmischer in der Einfahrt und ein Bauzaun ersetzt den Jägerzaun. Hohe Hecken und dichte Gardinen. Zu jedem Haus gehört mindestens eine Garage. Schön sind die Häuser nicht und ich frage mich ob die Leute, die hier leben und die doch für Grundstück und Haus viel bezahlt haben müssen, wohl glücklich sind mit dem Ergebnis. Halbe Küchenfenster nur, merkwürdige enge Balkone, keine Fensterläden und an keinem Haus auch nur einziger Blumenkasten. Aber hin und wieder ein schöner alter Fliederbaum. Der Flieder nämlich ist hier keine buschige Hecke, sondern hat ein knorriges Stämmchen, ich halte meine Nase in jeden einzelnen Fliederbaum und jedes Jahr aufs Neue wünsche ich mir, dass sich der Fliederduft wie Riechsalz in einem kleinen Fässchen konservieren ließe für die langen Novemberabende, die doch auch wiederkommen. Ein einziges, altes Haus entdecke ich schließlich hinter einer Hecke verborgen, abgeplatzt ist die Farbe von den Fensterläden, die Stufen sind zerbrochen und auch der Garten ist verlassen, verwildert und völlig verloren in der Glattheit der neuen Häuser ringsherum. Auf dem Weg nach Höllriegelskreuth aber obwohl ich doch durch ein Wohngebiet laufe, begegne ich keinem einzigen Menschen. In den Gärten spielt kein Kind Ball, keine Frau liegt im Stuhl und liest ein Buch, kein Mann macht Handstand an der Gartenmauer. Niemand ist zu sehen. Das einzige Geräusch ist ein ferner Rasenmäher und eine Säge, die kreischend durch Holzplanken fährt. Sonst ist es absolut still. Unheimlich ist mir das schon und ich pflücke ein paar Pusteblumen und singe mir ein Lied vor, denn man muss sich Mut machen im Leben. Schließlich passiere ich das letzte Haus und dann laufe ich bestimmt für anderthalb Kilometer am Werksgelände von LINDE vorbei. Lange verschlossene Tore, hohe Zäune, praktisch-quadratische Bürogebäude, auch dort keine Menschenseele und irgendwann zu meiner linken eine Straße mit tosendem Verkehr. Eine komplizierte Überführung und für einen Moment der bange Gedanke, ich möge längst schon in die Irre gegangen sein, völlig fehlgegangen und längst schon verloren und dann doch endlich zeigt das Straßenschild an, dass ich mich in der Zugspitzstraße befinde, die doch geradewegs auf die Villa Belle Maison erbaut 1908 von Gustav von Cube. Aber es ist noch ein Stück Weg und immer noch noch Büros von LINDE, noch immer so funktional wie quadratisch und dann schließt sich nicht minder funktional und quadratisch SIXT an, ergänzt nur um das grelle Orange mit dem die Firma um die Gunst des Kunden wirbt und wieder die Straße verengt sich schließlich frage mich, ob ich nicht einer Schimäre hinterherlaufe, ob ich nicht besser daran täte umzukehren und doch gehe ich weiter, schließlich öffnet sich die Straße nach links, auf einmal heißt sie nicht mehr Zugspitzstraße sondern Schoellerallee, obwohl ich nicht weiß wer dieser geheimnisvolle Schoeller wohl sein mag. Plötzlich mitten im Dickicht, zwischen LINDE, SIXT und einem Wertstoffhof steht sie da, die Villa Belle-Maison, ein Gebäude so unwirklich in seiner Anlage, so aus der Zeit gefallen, so überirdisch, so weit weg von der funktionalen Nüchternheit, die einen zu diesem Ort begleitet.

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Damals aber als Carl und Thea Sternheim hier eine Villa bauten, die eher ein Palais ist, da konnten sie es nicht ahnen, wie es ausgehen würde, hier in der Idylle am Rande von München. An Louis XVI diesem unglücklichen Königssohn nahmen sich ein Vorbild und bauten groß und weit und im Garten ein Bassin und überhaupt ein Garten für Feste gemacht mit Lampions und livrierten Dienern, mit Champagner und kaltem Lachs. Und sie alle, das ganze München kam damals heraus in diesen heute von allen Geistern verlassen Winkel. Es kamen Max Reinhardt. Es kamen Tilly und Frank Wedekind. Es kam Mathilde von Lichnowsky. Es kamen die Manns, es kamen Walther Rathenau und Harry Graf Kessler, es kamen alle, Kunsthändler, die van Gogh und Picasso and die Sternheims verkauften und leichte Mädchen, denn Carl Sternheim liebte die Mädchen und die Mädchen verfielen dem Mann und wohl auch dem Haus. Aber Glück hat das Haus schon damals vor so vielen Jahren den Sternheims nicht gebracht, denn was heute Linde ist, begann damals als ein elektro-chemischer Betrieb. Carl Sternheim der kein Gemüt hatte für den parvenühaften Aufstieg Deutschlands und der seltsamen Mischung aus Helm am zum Gebet und Jagdausflug klagte vergeblich, verlor und verzog schließlich nach Brüssel. In Deutschland das sollte er sich merken verzeiht man fast alles, nur einem Juden, der über den Kaiser Witze macht, zu viel Geld und zu viel Sex hat, dem vergisst man nichts. Die Villa Belle Maison, dieses Kleinod, vergessen und zugebaut, das wurde nie wieder Anziehungspunkt deutscher Kultur. Nicht nur die DDR brachte mit Vorliebe Kranke und Alte in Herrenhäusern unter, sondern auch die BRD ließ sich nicht lumpen und schon wurde Belle Maison 1965 in einen Krankenhaus umfunktioniert. Naturheilkunde. Carl Sternheim hätte es mit Spott vergessen und gelacht über jene die mit Birkenwasser, Krebs heilen wollen.

Aber Carl von Sternheim war da schon lange tot. Irgendwann brauchte das Naturheilkundliche Spital ein größeres Gelände und heute während ich also die Auffahrt hinaufgehe, steht Schoeller am Haus, aber was oder wer das sein mag, weiß ich nicht. Kein Blatt rührt sich. Ein verkitschter Springbrunnen plätschert vor dem Haus. Ein Mansardenfenster steht offen. Eine Videokamera über der Tür. Ob also ein Hausmeister in der Mansarde schläft oder ein Mann in schwarzem Anzug meine vorsichtigen Bewegungen überwacht, weiß ich nicht. Ein merkwürdiges Gefühl also beschleicht mich, denn wer weiß schon, ob nicht auch gleich sechs Rottweiler aus dem Nirgendwo springen und mir den Mantel zerreißen. Aber niemand kommt und keiner fragt und so gehe vorsichtig um das Haus herum, auf der Terrasse verwitterte Gartenmöbel. Niemand sitzt dort im Sonnenschein. Das alte Bassin führt kein Wasser mehr. Ein Gärtner vielleicht hat die Rosen versucht über den Winter zu retten und ob je jemand Gäste in einem der vielen Zimmer empfängt, wer kann das schon sagen. An Carl und Thea vonSternheim aber erinnert nichts. Kein Plakette, keine Tafel, kein noch so kleiner Hinweis, das hier einmal die deutsche Moderne begann, sondern nur ein dichtes Schweigen liegt über dem Haus. Für eine ganze Weile sitze ich an einen Baumstamm gelehnt vor dem Haus und sehe über die Wipfel der Bäume, die vielleicht der Architekt damals vor so vielen Jahren pflanzte zum Haus herüber und neben mir lehnt die Traurigkeit.

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Ds Fräulein sieht so vor sich hin.

Die Villa Belle Maison lässt sich am einfachsten mit der S7 Richtung Wolfratshausen erreichen. Der nächste Halt ist Höllriegelskreuth, die Villa liegt mitten in einem Industriepark, aber sie lässt sich wirklich in der Zugspitzstraße 15 finden. 

Der Taschendieb

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Vor ein paar Wochen war mir, als fehlte Geld. Als ich bei der Frau des Krämers nämlich Milch, Brot, Eier und Brie bezahlen wollte, war mein Portemonnaie bis auf eine Handvoll Münzen leer. Das wunderte mich. Am Morgen schien mir als hätte ich einen 50Euro Schein in der Geldbörse gesehen. Ich ließ anschreiben und brachte der Frau des Krämers selbstredend am nächsten Morgen das Geld. Dann vergaß ich das Ganze fast wieder, denn schon oft habe ich geschworen, ein Paar Schuh ganz gewiss von Berlin nach Irland mitgenommen zu haben und Stein und Bein habe ich geschworen, dass mein Adressbüchlein in Irland auf dem Tisch läge, da fiel es in Berlin vom Schreibtisch. Zudem teilen der Tierarzt und ich nicht nur die Rechnungen miteinander, sondern im Küchenschrank steht ein hölzernes Kistchen in das wir wechselseitig Bargeld legen, für alles was ein Leben so braucht und niemand muss Rechenschaft ablegen wofür das Geld verwendet wird und so vergaß ich die fehlende Summe und schalt mich für meine Unachtsamkeit, die mich bei der Frau des Krämers in Verlegenheit brachte. Heute aber bat mich die J. sie noch einmal zu vertreten und auch wenn die Fußstapfen für mich zu groß sind, es gibt nichts was ich der J. abschlagen würde und so lehnte ich die Bürotür an und ging meiner Wege. Noch niemals in fast dreieinhalb Jahren habe ich meine Bürotür verschlossen, zu oft klopfen Menschen, zu oft renne ich hinauf und hinab und außer Büchern, Aktenordnern, einer Palme, einer Zeichnung meiner Nichte ( sie auf dem Schlossberg mit dem treuen Kanzler Bär ) und einem- es sei von allen Dächern getrommelt und gepfiffen- Stapel korrigierter Essays ist das Büro ein denkbar nüchterner Ort. Unter dem Schreibtisch meine Handtasche, in der sich mein Portemonnaie nicht aber die Münzsammlung von Onkel A. befindet.
Noch immer also pfeife ich und summe etwas von Sonnenschein und tralalala vor mir her. Dann öffne ich die Tür. Über meinem Schreibtischstuhl gebeugt steht der G. meine Schlüssel liegen auf dem Tisch und als ich das Zimmer betrete, zieht der G. einen 50 Euro-Schein aus meiner Geldbörse. Für einen Augenblick ist alles ganz still und ich sehe den G. an und der G. steht dort starr mit dem Geld in der Hand. Der G. fängt sich schneller als ich und brabbelt los: „Außergwöhnliche Notlage“, das Geld gerade in das Portemonnaie zurücklegen, ich solle keine vorschnellen Rückschlüsse ziehen. Aber ich stehe an die Tür gelehnt und höre den G. nur von weiter Ferne. Denn eigentlich bin ich wieder 12 Jahre alt und ist man am Ende nicht immer 12 Jahre alt? Ich sitze bei meiner Großmutter am Küchentisch und meine Großmutter sieht mich an: „Kind sagte meine Großmutter, sei großzügig in Geldangelegenheiten, denn man wird dir nie vergeben, dass du ein Jude bist. Immer wird man dir misstrauisch auf die Finger sehen, ob du nicht oft ihrer Vorstellung des Geldleihers entsprichst und sie alle mein Kind, darüber besteht kein Zweifel haben das Bild vor Augen. Niemals Kind, hörst du, darfst du dir Geld borgen, und niemals Kind von einem der Anderen Geld einfordern. Hast du mich verstanden? Ich hatte verstanden, denn die katholischen Schwestern der Schule, die ich besuchte, hatten oft genug das Bild vom gierigen Juden, der dem armen Schuster das Darlehen mit Zins und Zinseszins begleichen lässt, während erst Frau und dann Kinder verhungern , gezeigt und immer in meine Richtung gedeutet. Ich schämte mich in Grund und Boden im festen Wissen darum auch so ‚einer’ zu sein. Geld habe ich selbst nie geborgt, aber immer denen die es brauchten oder auch nur glaubten es zu tun, Geld gegeben und viele kleine, und mittlere und auch gar nicht so kleine Beträge wohlwollend vergessen, um ja nur nicht in die Nähe des gierigen Judens zurückzugeraten. Hast du verstanden Kind? Verstanden hatte ich es, aber ich erinnere mich nicht mehr, ob sie damals am Küchentisch auch etwas darüber sagte, wie man sich wohl verhielte, ertappte man einen Dieb mit dem Händen im Portemonnaie. A
uf keinen Fall die Contenance verlieren hätte sie gewiss gesagt und so atme ich ein und aus. Unter gar keinen Umständen aber ein Geschrei beginnen, mit den Händen fuchteln, den Dieb zur Seite drängen und den Dieb bei den Ohren packen. Also schreie ich nicht, drängle nicht, halte die Arme in den Tasche verborgen und frage nicht einmal: „ Wie viel?“ Denn hinter mir steht ja immer das Bild des gierigen Juden und der hungernde Schuster. Das nämlich lernte ich damals am Küchentisch, das gälte es wieder und wieder zu beweisen, dass wir nicht so seien, wie sie es sich vorstellten. Der G. ist inzwischen bei „Willst du die Polizei rufen?“ angekommen. Langsam sehe ich wieder den G. vor mir und schüttle den Kopf: Glaubst Du hier wäre mit Blaulicht und Handschellen geholfen?“ Dann ist der G. endlich still. G. sage ich endlich: „Warum bestiehlst du mich?“ „Warum stiehlst du dich in mein Büro?“
Der G. beginnt erneut irgendwelche Geschichten zu erzählen, die auf einen dummen Fehler, eine kleine Schwäche, nicht aber auf das Problem an sich hinauslaufen. Zum wievielten Mal, frage ich dann. Der G. zuckt mit den Schultern und befindet: „Er sage jetzt besser gar nichts mehr.“ Das ist der gleiche G. wundere ich mich, der bei mir zum Geburtstag, zu Sommerfesten und mit seiner Freundin in der Berliner Wohnung eine Woche verbracht hat? Das Geld auf den Tisch, sage ich und dann muss ich noch einmal tief ein-und ausatmen, bevor ich sage: „Verschwinde.“

Dann fällt die Tür ins Schloss, ich sortiere den verschütteten Kram in meine Handtasche zurück und rolle den 50 Euro-Schein zusammen. Er brennt in meinen Handflächen. Von der E. lasse ich mir einen Schlüssel geben. Zehn Minuten später klopft die J. „Alles in Ordnung bei Dir?“, fragt sie und ich nicke und verstecke die zitternden Hände in den Rocktaschen.
Dann sehe ich hinaus in den Sonnenschein. Eine Stunde später klopft der Tierarzt. „Ein Mädchen sagt er, hat versprochen mich auf ein Eis einzuladen.“ Ich nicke und der Tierarzt sieht mich fragend an. Dann sitzen wir auf der Parkbank. „Der G. ist ein Dieb“ sage ich und der Tierarzt sieht mich an. „Weißt du sage ich zum Tierarzt, das Schlimmste ist nicht, dass der G. mir ins Portemonnaie gefasst hat, sondern das ich für einen sehr langen Moment geglaubt habe, ich hätte das verdient. Ich der Jude, sei doch Schuld daran, dass der G. mir in die Geldbörse griff und habe es eigentlich nicht anders verdient.
Da sitzen wir, der Tierarzt und ich und langsam tropft uns das Eis auf die Füße.

Trauermarsch

Am vergangenen Mittwoch Abend stehe ich im Dorfladen und staple Kartoffeln, Lauch und Milch auf der Ladentheke, dann kaufe ich doch noch Ziegenkäse, denn mir ist nach Quiche am Abend. ( Kurz vor Pessach habe ich ohnehin immer das Bedürfnis mich in Mehl zu wälzen und noch mein Müsli zu panieren.) Da beugt sich die Frau des Krämers vor und sagt: „Mit dem Nachbarn aus dem blauen Haus geht es zu Ende.“ Die Frau des Krämers, die doch sonst eine Frau der klaren Worte ist, überfällt beim Tod ein Hang zur Metaphorik. Als ich schließlich die Einkäufe in den Korb staple und ich mich zum Gehen wende, sieht sie mich noch einmal nachdenklich an: Fräulein Read on, ich hab es schon im Januar gesagt, der Schnitter reitet über die Dörfer.“ Dann schüttelt die Frau des Krämers den Kopf und redet über ihre Pechsträhne beim Bingo. Ich aber laufe zurück ins Oberland und bin vor allem sehr, sehr müde. Am nächsten Tag aber ist der Nachbar aus dem blauen Haus schon tot. Die Frau des Krämers berichtet mit schluchzender Stimme von den letzten Minuten des Nachbars in seinem Bett ( das Frühstück noch auf dem Tisch.) Ich kondoliere der Frau des Verstorben und muss mich sehr zusammennehmen, auf die Karte nicht „Liebe blaue Frau“ zu schreiben, denn im Dorf kannte man sie nie anders als unter diesem von der Frau des Krämers keineswegs nur freundlich gemeinten Namen. Dann aber hatte mich die Woche wieder fest im Griff. Gestern aber war ich früher zu Haus als üblich und saß im windschiefen, alten Haus am Schreibtisch und nicht im Büro und gerade als ich beschloss eine Tasse Tee zu brühen und nach der Keksdose auf dem Regal angelte, fingen die Glocken St. Sylvesters an zu läuten, dabei war es weder 12 noch 18 Uhr. Die Beerdigung, dachte ich und von weitem schon konnte ich den Trauerzug der langsam die Straße hinaufschritt erahnen. Eine schwarze Limousine mit weißem Gesteck auf der Motorhaube führte den Zug an, der Sarg aber war nicht Inneren des Autos verborgen, sondern die Söhne und Neffen des Mannes aus dem blauen Haus, trugen den Sarg auf den Schultern. Schwitzend und mit hochroten Gesichtern, denn die Sonne schien keineswegs milde, sondern brannte unbarmherzig streng für einen Tag in März. Schluchzend läuft die blaue Frau gestützt auf die Frau des Krämers hinter dem Sarg und dann folgen der Priester, zwei Messdiener und schließlich das ganze Dorf in Schwarz gekleidet, als lange Reihe. Die Dorfbewohner aber die nicht hinter dem Sarg herlaufen, stehen vor den Türen, ziehen den Hund oder fahren mit dem Auto an den Straßenrand. Sie alle schlagen ein Kreuz passiert der Sarg ihre Schwellen und sehen betreten auf den Boden nähert sich der schluchzende Trauerzug. Schließlich nimmt die Trauergesellschaft auch den steilen Anstieg, der zu mir ins Oberland führt. Auch ich stehe vor dem Haus, mitten in der gleißenden Sonne, aber ich schlage kein Kreuz vor der Brust, sondern jüdisch-praktisch reiche ich den Sargträgern Taschentücher an, die diese gern annehmen, denn ihre Augen tränen nicht vor Ergriffenheit, sondern von der Anstrengung den Sarg auf den Schultern hinauf ins Oberland zu wuchten. Für einen Moment treffen meine Augen, die des Priesters, der mir fremder ist als sonst in seiner Soutane, dem etwas schleppenden Gang, den Gebeten und der mir fremd erscheint auch in diesem Trauermarsch, dessen Heulen und Schluchzen und Flehen um Seele und Leib sich so unterscheidet vom kühlen Blick des Priesters, mag er auch flankiert sein. von zwei Messdienern mit roten Gesichtern.

Erst später fällt mir auf, dass es der Priester ist, der als Einziges nicht schwitzt, und schnell die Augen abwendet von mir, die ich im Sonnenlicht an der Hauswand stehe. Für einen Moment überlege ich ob der Priester, dessen Glauben nichts Frömmelndes und nichts Volkstümliches hat, hier nicht genau so fremd ist wie ich. Noch nie habe ich und der Priester geht bei mir ein und aus ein Kreuz vor der Tür schlagen sehen, er hat keine Heiligenbildchen wie die Frau des Krämers im Auto befestigt und in seinem Arbeitszimmer hängt ein Bild seiner Mutter aber nicht des Papstes. Betet er vor Tisch, dann ausschließlich mit kühler Ernsthaftigkeit und als die Frau des Krämers behauptete einen heiligen Fingernagel im Nachtkastel liegen zu haben, erzählte mir der Priester davon als einer absurden Kuriosität und wir beide hatten schließlich einen Schluckauf vor Lachen. Aber schon ist der Trauerzug an mir vorbei und biegt in den Kirchhof ein. Ich gehe nicht mit zum Gottesdienst, sondern folge der Trauergemeinschaft erst wieder auf dem Friedhof. Das Quietschen der Kirchentüren nämlich höre ich auf dem Sofa liegend. Auf dem Friedhof dann erneute Gebete, der Priester schwenkt Weihrauch, das Schluchzen gerade abgebbt, hebt wieder an, als der Sarg in der Erde verschwindet. Neue Gebete und alter Gesang. Reihum werfen wir Erde auf den Sarg und die Frau des Krämers und die blaue Frau schluchzen um die Wette. Hat der Priester nicht einen säuerlichen Gesichtsausdruck? Aber lange bleibe ich nicht, sondern lege nur einen Blumenstrauß auf das Grab des Mannes aus dem blauen Haus. Dann laufe ich langsam über den Friedhof zurück nach Haus, schon sitze ich wieder am Schreibtisch, die Trauergesellschaft sehe ich noch einmal als große, schwarze Wolke am Haus vorbeiziehen. Erleichtert die Sargträger, gefasst auch die blaue Frau und die Frau des Krämers: der Pub des Dorfes ist für die Trauergäste reserviert.

Später, es wird schon dunkel und ich richte gerade Käse und Brot ( vor Pessach, ich sage ihnen, zählt jede Scheibe doppelt ), da klopft der Priester. „Kommen Sie doch herein“, sage ich und hole einen zweiten Teller aus dem Schrank. Der Preister zeigt auf die Flasche Wein in seiner Hand. „Stört es Sie, wenn ich trinke?“ Ich schüttle den Kopf und als wir auf den dunklen Kirchhof schauen, sehe ich hinüber zum Priester, der in Sakko und Hosen auf dem Sessel sitzt, mit übereinandergeschlagenen Beinen und dem Kopf in eine Hand gestützt. „Fremd waren Sie mir Priester“, sage ich im Halbdunkel des Zimmers. Für einen Moment schweigt der Priester und sieht mich an: Ach Fräulein Read On, ich bin mir doch selber fremd.“ Dann müssen wir lachen, nicht lauthals, nicht dröhnend, nicht scheppernd, sondern leise und vor allem gemeinsam.

Dresden.Unter der Asche.

Der Tierarzt sitzt am Küchentisch und liest. Konzentriert liest er , denn der Tierarzt ist ein ernsthafter Mann. Niemals würde er wie ich, drei Bücher auf einmal lesen und dazu noch einen Apfel und Nussschokolade essen. Der Tierarzt sitzt schweigend über das Buch gebeugt und liest. Victor Klemperers Tagebücher, mein Weihnachtsgeschenk an ihn. Ich indes stehe an der Anrichte und schäle Kartoffeln und Möhren, denn schon braust die Orgel und das heißt das bald der Priester zum Sonntagstisch kommt. Der Wind brüllt und im Radio spielt jemand das Dritte Klavierkonzert  von Rachmaninoff. Dann sieht der Tierarzt auf. „Ist Dresden eine schöne Stadt?“, fragt er und mir fällt das Messer aus der Hand. Aber der Tierarzt fragt mich noch einmal und ernsthaft: „Ist Dresden eine schöne Stadt?“ Ich sehe den Tierarzt an.

Vor drei Jahren war ich das letzte Mal in Dresden, auf dem Weg nach Prag wie so oft. Die Wohnung von A. zweifellos schön, an der Elbe gelegen und ich lief morgens am Fluss entlang, viele Kilometer. Natürlich möchte ich dem Tierarzt sagen, ist Dresden eine schöne Stadt. Ein Spaziergang auf dem Weißen Hirsch. Schöne Häuser, geleckte Straßen, überhaupt immer wieder das Elbufer, Schloss Pillnitz und abends zum Konzert in die Frauenkirche. Ich habe vergessen welches Konzert. Rachmaninoff aber war es nicht. Ich saß schräg links neben einem Engel mit Trompete. Das Grüne Gewölbe. Natürlich schön. Schön ist kein Wort für die Prachtentfaltung. Der Audioguide schallerte dementsprechend auch von Raum zu Raum lauter, dass jetzt das Schönste und Allerschönste und Besonders Schöne käme. Ich stellte ihn ab und bewunderte die halbautomatische Spinne und langweilte die liebe C. glaube ich gründlich mit Ausführungen über die Kakaokultur am sächsischen Hof. Wir fuhren nach Hellerau und ich war im Glück. Kafkas wegen und weil die Sonne schien. Die C. und ich aßen Eis und später saßen wir wieder an der Elbe mit A. und Freunden und aßen sehr, sehr guten Käse aus Pfund’s Molkerei. Der Tierarzt nickt und ich streiche mir über die Stirn, denn den Satz Dresden ist eine der schönsten Städte der Welt, den die Stadtführerin sagte, der blieb an mir hängen, ein Haken in der Haut.

Nicht nur weil er forsch vorgetragen war, trotzig fast, sondern weil er auf eine Frage antwortete. Meine Frage war: „Lesen Dresdner Schüler Viktor Klemperers Tagebücher?“ Die Antwort der Stadtführerin war: „Nein.“ Und dann „Dresden ist eine der schönsten Städte der Welt.“ Ich sah die Stadtführerin an und dann verließ ich die Stadtführung und als ich fortging, da fragte ich mich ob Dresden nur dann schön sein kann, wenn es andere Städte es nicht sind oder nur beinahe, ob die Schönheit, die teuer erkaufte Schönheit nur besteht, als ein Einzelnes. Ich weiß es nicht. Ich ging in die Loschwitzer Straße, dort standen die Judenhäuser in denen auch Klemperer und seine Frau auf das Ende warteten. Ihr Ende, nicht das der Stadt. Als Klemperer und seine Frau auf die Loschwitzer Straße hinuntersahen, da mögen sie vielleicht auch eine jener Jugendstil-Figuren gesehen haben, die so oft zwischen Paris, Dresden und Budapest Europa mit Stier zeigen. Aber vielleicht haben Victor und Eva Klemperer vor Angst gar nichts mehr gesehen. Ich erinnere mich noch genau wie ich vor vielen Jahren zum ersten Mal in Klemperers Tagebüchern las. Ich fand sie furchtbar. Banal und dann das ewige Damoklesschwert Hausbau. Ich hatte mir mehr versprochen. Mit vierzehn glaubte ich Leid seine heroische Erfahrung und dürfe niemals von fehlendem Klopapier berichten. Ich beschwerte mich bei meiner Großmutter und mit hochtrabendem, vierzehnjährigen Ton, anklagend also fragte ich sie warum sie kein Tagebuch geführt habe in jenen Jahren. Sie aber sah mich kühl an und schwieg lange: „Es habe in Auschwitz kein Papier gegeben“, sagte sie und ich schämte mich. Schämte mich zum Erbrechen. Erst Jahre später las ich die Tagebücher erneut, las sie als das nie geschriebene Tagebuch meiner Großmutter, wie Klemperer an der Assimilation zerbrochen, sie die preußischste unter den deutschen Juden, ich las mit klopfendem Herzen. Ich las und las und las und ich kann nicht sagen, dass Dresden eine schöne Stadt ist, gesehen von der Loschwitzer Straße aus, in der noch einige wenige Familien ausharren im Februar 1945. Ich komme nicht weg, mit den Füßen nicht und den Gedanken. Schließlich findet mich die C. Ich sitze auf dem Bordstein auf den Knien das aufgeschlagene Tagebuch. Die Dresdner Alte Synagoge abgebrannt 1938, die Steine zur Straßenpflasterung verwandt, sage ich zu C. und die C. zieht mich zu sich heran.

Wir gingen in eine Ausstellung. Paul Klee im Orient und in den Vitrinen liegen Postkarten, die Klee an seine Frau schrieb, ein Tagebuch der Liebe. Dresden hat mit dem Albertinum eine wunderschöne Kunstsammlung. Auf dem Balkon der A. sahen wir auf die Elbe hinunter und aßen Kuchen. Kreutzkamm. Einstmals königlicher Hoflieferant. Die Dresdner Silhouette im Sommerlicht. Canaletto Bilder. Dresden als glänzende Schönheit. Auf meinen Knien das Tagebuch. Der Sommer in Dresden 1943 ist auch schön. Nur die Verhaftungen, Mittwoch der und Donnerstag ein Anderer stören das Panorama und Klemperer beginnt in einer Tee-Ersatz Fabrik zu arbeiten. Natürlich haben wir uns in Dresden die berühmte Yenidze Zigaretten Fabrik angesehen. Heute frage ich mich, ob die Proteste auch die Minaretttürme mit einschließen, damals fragte ich mich das nicht. Ich überlegte ob Kafka die Türme wohl schon bei der Einfahrt aus Prag bemerkt hat oder auch nicht. Wir essen schlecht am Neumarkt zu Abend. Ein gräulicher Bänkelsänger scherzt grob und ich bin zu ungeduldig für seine Scherze und müde, vielleicht auch das.

„Klemperer hat, sagt der Tierarzt während des Krieges, Kartoffeln und Kohl gegessen.“ Ich denke an meine Großmutter, die in Auschwitz alles gegessen hat, auch Dinge, die man nicht essen kann. Meine Großmutter hat sich das nie verziehen, diesen rohen Hunger und niemals wieder hat meine Großmutter nur mit den Händen gegessen, sondern immer mit Besteck und Leinenserviette, selbst ein Ei auf der Zugfahrt. Am 13. Februar 1945 gibt es in Dresden noch hundert Juden. Am Abend des 13. Februars wird Dresden bombardiert. Am 13. Februar 1945 sind alle Juden Europas schon tot und meine Großmutter zieht mit den Gerippen der anderen aus Auschwitz fort und wird sich für Monate auf einem Friedhof verborgen halten, der sehr weit weg von Dresden liegt. Victor und Eva wiederlegen die Wahrscheinlichkeit des Todes und Victor Klemperer schreibt in sein Tagebuch diesen einen Satz, der sich mir eingegraben hat: „Dresden. Modernes Pompeji.“ Das schreibt der Jude Klemperer und es wird viele Jahre dauern, Jahrzehnte vielleicht bis die Deutschen oder die Dresdner vielleicht ist das gleich, etwas aufschreiben, aber dieser Satz ist das Wahrste was je geschrieben wurde über Dresden. Die Zerstörung Dresdens begann doch wie die Pompeijs nicht mit dem Knall der ersten Bomben, sondern als feiner Haarriss im Jahr 1933, zog sich langsam durch die Mauern, bis dann alles zerbarst in dem unfasslichen Schrecken jener Februarnacht. Nein, ich kann nichts weiter als düstere Fassungslosigkeit empfinden angesichts der zerborstenen Häuserwände und der abgebrannten Straßenzüge.

Pompeij die Mutter aller Zerstörung, das grundsätzliche und gänzliche Begraben alles Bestehenden und die Flucht, denn Victor und Eva Klemperer verschwinden aus dem Trümmerfeld und: „Ich bin wie ein Gespenst“ schreibt Klemperer. Ich bin wie ein Gespenst. Dresden ist eine Opferstadt hört man wieder und wieder sagen. Ich glaube nicht, dass diejenigen die das sagen als erstes an Victor Klemperer denken, und ich denke an jenen Nachmittag auf dem Balkon mit Elbblick zurück. In Hiroshima sagt der Tierarzt, der viele Jahre in Japan lebte, empfinden die Opfer Scham und sprechen nicht, in Dresden aber ist die Ursache des Krieges nur eine Nuance, ist die Schönheit, die über Pompeij gelegt worden ist, wie ein Tuch, das gegen die nagende und bohrende Erinnerung abschirmen soll. In all den aufgebauten und auch abgerissenen Dresdner Bauten liegen oft nur als winzige Splitter, plötzliche Erinnerungen und Gespenster verborgen. Dresden ist Pompeij geworden und niemand weiß, was passiert wäre, hätte man das vor Jahrhunderten zerstörte Pompeij wieder aufgebaut. Dresden ist wieder schön, ist wieder da und ist trotzdem Pompeij geblieben, unter dem Schutt und der Asche liegt Europa begraben, und jeder Neuankömmling so scheint es, sei allein schon durch seine Anwesenheit, durch seinen möglichen Zweifel an der Schönheit Dresdens in der Lage, die Stadt selbst zum Einsturz zu bringen. Es reichen drei Busse oder ein Jude, jedwede Erinnerung an den Haarriss, der sich in zwölf Jahren durch die Stadt zu ziehen begann.

Meine Großmutter sammelte Meissner Porzellan und mahnte zur Vorsicht. Ich liebte die Tasse mit den Rosen und meine Großmutter, die mit den Veilchen. Wir, die wir Weimar und Erfurt, Meissen und Görlitz und Dessau und Jena besuchten, nach Dresden sind wir nie gemeinsam gefahren. Ich weiß nicht warum.

Ein letztes Mal bevor wir nach Prag fuhren vor drei Jahren, die C. und ich, gingen wir in die Loschwitzer Straße und trafen Freunde in Tolkewitz, wieder nah an der Elbe. Warm war der Tag, wir kauften Granatapfelsaft und Orangen bei einem Gemüsehändler am Eck. Die C. wollte gern Erdbeeren haben und ich wartete im dunklen Ladenraum. Der Verkäufer Vietnamese, aber mehr noch Dresdner mit breitem sächsischen Akzent beklagte die Hakenkreuzschmierereien an seinem Laden. Über der Kasse hing ein vergilbter Zeitungsartikel. Ein grobkörniges Bild zeigt den Mann wie er zwei Buben, die auf dem Eis eingebrochen waren, herauszog. „Sie sind ein echter Held“, sagte die C., die solche Sätze sagen kann, und sie zum Glück auch sagt. Der Mann strahlte und schenkte uns eine riesige Melone. An anderen Morgen fuhren wir nach Prag. An einer Ampel halten wir neben einem italienischen Restaurant. Pizzeria Napoli. Dresden ist Pompeji geworden, niemals wieder wird es nur Dresden geben können, so ist das.

Niemand hat so über Dresden geschrieben, so schmerzhaft, so schön, so einfach und so selbstverständlich wie Victor Klemperer, den man in Dresden nicht liest. Doch er ist der tektonische Sockel dieser Stadt. Dresden. Modernes Pompeji, sage ich zum Tierarzt in der Küche, das Buch liegt aufgeschlagen auf dem Tisch, die Mohrrübenschalen neben mir, der Wind und die Orgel, Glockengeläut, das Klavierkonzert lange schon zu Ende. „Fahr mit mir nach Dresden, sagt der Tierarzt. Ich sehe ihn an und zögere zu lang. „Überleg es dir“, sagt der Tierarzt, streicht über meinen Rücken und deckt den Tisch.