Ein neues Jahr

Als die Sonne untergeht, höre ich kein Shofar, sondern nur das nimmermüde Telefon. Überhaupt das Telefon. Die A. ruft an und schimpft: „Diaspora-Juden.“ Wer die Feiertage nicht heiligt, den fressen die Raben schreit“ sie so laut, dass nicht nur das ganze Büro es hört, sondern sehr sicher auch ganz Jerusalem. Ich versuche vergeblich mich zu verteidigen. Die A. aber will davon nichts wissen. „Faule Ausreden und jämmerliches Gewäsch“, schnarrt sie und setzt ihren Sermon über die hohen Feiertage und Familienpflichten fort. Zweimal versuche ich noch sie zu unterbrechen, aber schon mein leises…aber…. reizt die A. zur Weißglut und mit einem letzten empörten und voller Verachtung gerufenen: „Diaspora-Juden“ kanllt sie den Hörer auf. Es folgen noch dreiundzwanzig ähnliche Whatsapp-Nachrichten, aber dann hat die A. besseres zu tun, als sich mit mir herumzuschlagen, denn ihre Neujahrstafel ist festlich bestückt und anders als die Nachbarn, die im Herzen wohl auch Diaspora-Juden sind, backt sie 200 Challot und dankt jeder Biene einzeln für den Honig und natürlich sind ihre Granatapfelkerne größer und saftiger als die aller Anderen. Ich sitze mit zitternder Hand im Büro. Die Zimmerpalme fächelt mir Luft zu: „Mach Dir nichts draus!“ haucht sie und ich schlucke. „Aber wenn die A. nun doch recht hat?“, sage ich und die Palme seufzt. Ich denke an das kleine irische Dorf und die vielen, schwarzen Elstern, die Raben schon sehr, sehr ähnlich sehen.

Die Frau des Krämers schreit: „Ha, Fräulein Read On, ich habe es nachgeschlagen, heute ist eines ihrer seltsamen Feste. „Heute Abend beginnt RoshHaShana“ Frau des Krämers, sage ich, „es ist das jüdische Neujahrsfest, denn das Jahr 5778 ist angebrochen“. Die Frau des Krämers stützt die Hände in die Hüften: „So was, ein Jahr beginnt immer am 01. Januar und nicht mitten im September. „Alles Humbug, alles Kokolores, komische Spinnereien bei ihnen.“ Ich atme tief ein und staple Möhren und Äpfel auf der Ladentheke. Die Frau des Krämers gestikuliert noch immer und kommt zu ihrem Lieblingsthema nämlich meiner Weigerung Schwein zu essen, eine Absonderlichkeit, an die sich die Frau des Krämers wohl niemals zu gewöhnen mag und sie bemitleidet mich wie so oft, niemals meinen Tag mit einem heißen, fettriefenden Würstchen beginnen zu können. „Sie sind Sie eigentlich niemals neugierig, frage ich Sie, auf die Feste der Anderen?“ „RoshHaShana glaube ich könnten Sie mögen, es gibt… ,“ aber da unterbricht mich die Frau des Krämers schon und zornig blinzelt sie zu mir herüber: „Weihnachten ist eben Weihnachten“, ruft sie und schickt ein wütendes: „Sie lasse sich doch nicht ihr Schönstes nehmen“ hinterher. Ich muss schlucken und denke an meine Großmutter, die immer den schönsten Weihnachtsbaum hatte und niemals ohne ein spöttisches Lächeln sah, dass ich den Kidduschbecher erhob. „Weihnachten ist eben Weihnachten“ höre ich die Frau des Krämers noch immer rufen, da stehe ich schon in der Küche und schneide Möhren für den Tzimmes.

Meine Großmutter machte Tzimmes kalt, rieb die Karotten, gab Apfel und Rosinen und allerlei anderes dazu, obwohl sie doch niemals „Shana tova“ sagte und über meinen Tzimmes, nur den Kopf geschüttelt hätte, den meiner ist eine Kasserole, geschmorte Möhren in Hühnerbrühe, mit Backpflaumen, Honig und Chilli dazu. Immerhin riecht das Haus nach dem neuen Jahr, denke ich und decke den Tisch. Ich entkerne die sündhaft teuren und immer trockenen Granatäpfel, die man in Irland zu kaufen bekommt und wärme die Challah im Ofen. Dann kommt der Tierarzt. Der Tierarzt schnuppert in der Küchentür. „Hmm, hmm, hmm,“ macht er und es klingt nicht erfreut. „Das ist Tzimmes, Tierarzt“ sage ich und stelle ihm einen Teller hin. Der Tierarzt stochert in den Karotten, spießt eine Karottenscheibe auf und starrt sie lange an. Die Backpflaumen sortiert er aus, die Challah würdigt er keines Blickes und die Granatapfelkerne mit Honig kann er nicht ausstehen. „Hmm, hmmm, hmm,“ sage ich und klinge nicht sonderlich erfreut, „vielleicht schadet ein Löffel ja nicht.“ Aber natürlich irre ich mich. Der Tierarzt lässt den Löffel fallen und sagt: ICH HASSE ESSEN, ALLES ESSEN, DAS ESSEN HASSE ICH GANZ BESONDERS, ICH KENNE NICHTS WIDERLICHERES ALS MÖHREN, MÖHREN SIND ÄH, BÄH, RABÄH, ZUM WÜRGEN, IMMER ZWINGST DU MICH ZU ESSEN, WARUM KANNST DU MICH NICHT ENDLICH IN RUHE LASSEN? WARUM?WARUM?WARUM? DAS IST SO WIDERLICH DIESE STÄNDIGE ESSEREI, ICH HASSEN ESSEN, ALLE DÜRFEN ABNEHMEN, NUR ICH NICHT, NUR DU ZWINGST MICH ZUM ESSEN, JEDEN TAG ZWINGST DU MICH ZUM ESSEN, DABEI BIN ICH SCHON SO FETT, FETT, FETT, DU BIST SO HINTERHÄLTIG UND GEMEIN, ICH HASSE ESSEN, UND DASS DU MICH SO ZWINGST HASSE ICH NOCH VIEL MEHR UND DIR MACHT DAS AUCH NOCH SPASS MICH SO ZU QUÄLEN UND ICH HASSE ESSEN UND ICH HASSE MOHRRÜBEN UND DICH HASSE ICH AUCH.

Ich stehe auf und mache das, was ich sonst nie mache, denn ich habe eine solche Abneigung gegen alle Art Verschwendung und gegen die von Lebensmitteln ganz besonders und kippe die Kasserolle mit dem Tzimmes, die Teller mit den Karotten, die Granatapfelkerne und die Challah in den Mülleimer. ( Wenn die A. das wüsste, wäre ich tot. ) Dann verstecke ich meine Arme und die zitternden Hände in den weiten Ärmeln meiner Strickjacke, und gehe nach oben. Ich wasche mir die Haare und rolle mich mit Nussschokolade auf dem Sessel zusammen. Ich fühle mich noch schlechter, denn man isst keine Nüsse über RoshHaShanah. Aber eigentlich ist mir auch schon alles egal. Dann klingelt das Telefon und die liebe C. ist am Apparat. Sie sitzt in der Badewanne der A. und flüstert, denn die A. gestattet den Gebrauch von Mobiltelefonen nicht an Shabbat nicht und an den hohen Feiertagen schon gar nicht: „Shana tova, Süße“, sagt meine liebe C. und singt ganz leise für mich und zählt so viele gute Wünsche auf, wie sie mir niemals einfallen würden. Dann muss sie zurück zur Tischgesellschaft, nicht das die A. noch misstrauisch würde und ich gehe zu Bett, der Regen tropft gegen die Fensterscheiben, Shana Tova, flüstere ich der Dunkelheit zu und hoffe trotz allem auf ein helleres und leichteres Jahr, als es das Vergangene war.

Go home!

5 AM: Der Tierarzt lehnt gegen den roten Volvo und ich laufe aus der Klinik über den Parkplatz auf den Tierarzt zu. Auf den Blumenkübeln vor dem Parkplatz sitzen fünf junge Männer. Sie tragen graue und navy-blaue Jogginghosen. Die Hosen hängen tief auf ihren Hüften und auf ihren T-Shirts steht White Pride. Ich gähne und laufe an ihnen vorbei. Die Männer rauchen und aus einem mobile phone knallt Musik. „Hey, Hey, Go home Paki-Paki“, rufen die Männer und da der Parkplatz leer ist meinen sie wohl mich. „Fuck off to that shit country of yours“, bellen sie und ihre Gesichter sind fleckig und rot. Hässliche Fratzen: „Paki whore und terrorist bitch“ schreien die Männer und ein Mann wirft eine Bierflasche nach mir. Ich laufe weiter und der Tierarzt läuft mir entgegen. „Hey, hey, Go, home Paki-Paki, go home“, schreien die Männer im Gleichklang mit der scheppernden Musik.

„Hey, sage ich zum Tierarzt.“ Der Tierarzt fasst mich am Arm und ich werfe meinen Nachtschichtkram in den Kofferraum. „Ich geh da jetzt rüber, sagt der Tierarzt“, das kann ja wohl nicht sein. Ich denke an einen Bambus gegen fünf Eichen. „Komm, sage ich, Tierarzt lass es gut sein.“ Das sind halt besoffene und deprimierte Jungs.“ Der Tierarzt sieht mich an. „Das ist nicht dein Ernst“, sagt er. Ich zucke mit den Achseln. „Tierarzt“, sage ich, ich habe seit drei Tage nicht länger als vier Stunden geschlafen und wenn sie dir die Zähne ausschlagen, dann sind es vier Tage.“ Der Tierarzt schüttelt den Kopf und dann fahren wir los. „Ich verstehe dich nicht“, sagt er und seine Hände umklammern das Lenkrad so heftig, dass seine Fingerknöchel weiß hervortreten. „Tierarzt, sage ich, ich bin Jude und seit dem ich denken kann, schreien Leute irgendwas hinter mir her.“ „Und das macht es besser, ja?“ Ich schließe die Augen. „Tierarzt, sage ich“, diese Junge haben keine Zukunft und alles was sie haben ist irgendein Stolz. Die wissen doch gar nicht wo Pakistan liegt.“ „Ich will das nicht hören“, sagt der Tierarzt. „Ich will das nicht hören, wie du die verteidigst.“ Ich will sagen: „Gandhi-ji sagt“ aber die Fingerknöchel des Tierarztes, die das Lenkrad umklammern sind weiß und hart und ich bleibe stumm.

6 AM: Ich wasche die Nacht von mir ab und das Wasser ist heiß und brennt auf meiner Haut. Anders als sonst aber hält der Tierarzt mir kein Handtuch hin. Der Tierarzt starrt aus dem Fenster und ich suche nach den warmen Socken. „Weißt Du noch was meine Schwester gesagt hat, als ich dich ihr vorstellte?“ Ach, sage ich Tierarzt.“ Aber der Tierarzt sieht mich an und ein Muskel zuckt in seiner Wange: „Warum musst Du Dich immer mit Ausländern einlassen?“ „Ach, Tierarzt, sage ich, sie ist deine Schwester.“ „Ja“, sagt der Tierarzt, meine Schwester.“ „Weißt Du noch, was Du gesagt hast auf diesen Satz?“ „Ach, Tierarzt“ sage ich und rolle mich in die Bettdecke ein. „“Tee oder Kaffee?“, sagt der Tierarzt und dann geht der Tierarzt aus dem Zimmer und die Haustür fällt ins Schloss. Aber ich bin so müde, viel zu müde und meine Fingerknöchel liegen kalt an meinen Rippen. Ich sehe in die Kastanie hinaus. Der Wind hängt in den Armen der Kastanie und vielleicht tanzen die Kastanie und der Wind ganz allein im grauen Regen. Ich rolle mich so eng zusammen, wie ich nur kann, denn ich will mich nicht erinnern. Wenigstens für ein paar Stunden, soll die jüdische Krankheit des Nicht-Vergessen Könnens nicht in meine Arme passen.

11 AM: Ich wache auf und noch immer ist das Haus still und leer. Ich koche Tee und streiche Erdbeermarmelade auf ein Croissant, dann setze ich mich an den Schreibtisch und denke an nichts anderes mehr als an das Papier und die Bücher vor mir. Draußen vor dem Fenster fällt leiser, grauer Regen und ich gehe in die Küche und bestreiche den Fisch mit Kräutern, bürste Kartoffeln und wasche Salat, die Katze verlangt nach einer Schale Milch. Ich gehe zurück an den Schreibtisch, irgendwann klappt die Tür und der Tierarzt lehnt in der Tür. Er tropft wie die Kastanie draußen im Garten. In seinen Haaren hat sich der Sturm verfangen. Ich schiebe den Fisch in den Ofen, setze die Kartoffeln auf und der Tierarzt deckt den Tisch.

1 PM: Der Priester kommt. „Die Frau des Krämers treibt mich in den Wahnsinn“, sagt der Priester. „Die Frau des Krämers treibt uns alle in den Wahnsinn“, sagt der Tierarzt. Ich verteile Fisch und Salat. „Sie hat sich beschwert, sagt der Priester, dass ich ein polnisches Lied habe singen lassen.“ „Wir haben doch so schöne englische Kirchenlieder Priester“, äfft er die Frau des Krämers nach. Der Priester schüttelt den Kopf. Dabei will ich doch nur, dass die polnischen G*ttesdienstbesucher sich auch angenommen fühlen. Der Tierarzt sagt: „Die Frau des Krämers soll der Blitz treffen.“ Der Priester macht eine zustimmende Handbewegung und sieht zu mir herüber. Ich kaue auf einem Stück Fisch. Der Tierarzt schüttelt den Kopf: „Auf das Mädchen brauchen sie nicht zu setzen, Priester. Die Frau des Krämers hatte bestimmt eine schwere Kindheit und das Mädchen findet, das müsse man dann alles aushalten.“ “Wissen Sie Priester, was die Frau des Krämers zu mir gesagt hat, als das Mädchen ins Dorf zog?“ Der Priester schüttelt den Kopf. „Ach Tierarzt“ sage ich. Aber der Tierarzt sagt: „ Tierarzt, ich sage ihnen hoffentlich werden wir die Ausländerin bald wieder los. Die stören ja doch nur.“ Der Priester starrt den Tierarzt an. „Und wissen Sie was Priester, das Mädchen stand im Laden und sagte: „Entschuldigung, ich suche den Zucker.“ „Ach, Tierarzt“, sage ich. Der Tierarzt sieht mich an und weißt du was noch schlimmer ist, ich habe nichts gesagt. „Gar kein einziges Wort, habe ich gesagt Priester und ich wette mit Ihnen Sie haben auch nichts gesagt zur Frau des Krämers an der Kirchentür. „Tierarzt“, sage ich, „die Frau des Krämers ist wie sie ist.“ Aber der Tierarzt schüttelt den Kopf: „Das Mädchen, ist wie wir Iren sind.“ Dann steht er auf lässt die Gabel fallen und geht aus der Tür. Die Gabel fällt klirrend auf den Küchenboden. Der Priester hebt die Gabel auf. „Fräulein Read On“, sagt der Priester, aber ich schüttle den Kopf. „Schon gut, Priester sage ich, schon gut.“

3 PM: Ich gehe zurück zum Schreibtisch, denn da liegen ja noch immer die Bücher, das Papier und die viele Arbeit und ich denke an nichts anderes mehr. Irgendwann ist der Tierarzt zurück. „Tierarzt“, sage ich, wie lange willst du noch gram mit mir sein?“ Der Tierarzt zieht einen Stuhl zu mir heran. „Mädchen, sagt er, ich verstehe es nicht, aber dann schüttelt er den Kopf, nein Mädchen, sagt er, ich verstehe es nicht, du kümmerst dich um Frauen, um die sich keiner kümmert, um Jungs aus Afghanistan, die keiner will, du bist die einzige, die sich die Litaneien der Frau des Krämers anhört und die einzige, die ich je getroffen habe, die jeden zweiten Satz mit man muss sich kümmern, beginnt, warum bist du dir denn selbst so wenig wert?“ „Tierarzt, sage ich, ich bin Jude und ich bin immer und überall Ausländer gewesen. Dafür bezahlt man einen Preis. Mehr weiß ich nicht zu sagen und meine Hände sind kalt und draußen vor dem Fenster fällt der Regen und deckt uns alle zu, auf dem Schreibtisch stapeln sich die Bücher, über dem Schreibtisch hängt ein Bild. Das Bild zeigt Karachi. In Karachi schrien die Männer: Go home, whore of U.S.A. Der Tierarzt hält sich die Hände vor das Gesicht. Ich sehe aus dem Fenster. „Tierarzt, sage ich, ich kann dich nicht weinen sehen, sage ich.“

Ein leeres Haus

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Stralsund ist eine ehrwürdige Stadt. Roter Backstein und die Hanse, ja die Hanse, der Reichtum der Stadt schon anno 1231 und auch die Kirchtürme ragen weit über die Giebel der Bürgerhäuser hinweg. Stralsunds Kirchen sehen hinaus in die Welt und die Bürgerhäuser haben noch immer noch heute deutlich sichtbare Kontore, obwohl auch in Stralsund kein Getreideschiff mehr anlegt. Aber die Hanse ist noch immer ein Grund zum Stolzsein und die Türen der Kirchen sind schwer und kalt liegen die Türgriffe in meinen Händen.

Mein Großvater ist in Stralsund geboren. Anno 1917, da hatte Deutschland noch einen Kaiser und der Vater meines Großvaters, war der kaisertreuste unter den deutschen Juden und lag in Frankreich im Schützengraben, da schrie sein Sohn in die Welt hinaus, der war das fünfte der Kinder, die alle Kaisernamen hatten, und Kaiser’s Geburtstag wurde genauso gefeiert wie die Geburststage der fünf Kinder. Shabbat hielt man weniger feierlich. In Stralsund lebten doch freie Bürger und der preußischste unter den deutschen Juden, der trank ohnehin lieber Bier.

Wir gehen ins Stralsund-Museum, das Museum war früher einmal ein Gymnasium und mein Großvater ging dort zur Schule und wir gehen durch die Räume. Es gibt Hanseobjekte und Piraterie und Stralsund hatte einmal eine Spielkartenfabrik erfahren wir und das Warenhaus Tieck wurde arisiert. Das erfährt man über die Juden der Stadt. Man erfährt das, was man immer schon wusste. Der Jude ist ein Händler und dann übernahm ein anderer das Geschäft. So waren die Zeiten damals und die Zeiten man konnte sie doch nicht ändern und damit ist im Museum der Stadt Stralsund das Kapitel Juden auch schon abgeschlossen. Die Juden waren eben weg. Dann im nächsten Raum kommt ein Wikingerschatz. Glänzendes Gold und der Reichtum der Stralsund wiederholt sich wieder und wieder. Aber ich will nichts vom Schatz und stehe in einem großen Raum mit hohen Decken, der sicher einmal die Aula der Schule war, in die mein Großvater ging. Und mein Großvater, spielte zum Entsetzen seines Vaters, Klavier. Sein Vater schrie: „Ein deutscher Jude klimpert nicht am Klavier herum.“ Aber mein Großvater spielte trotzdem, spielte auf Schulkonzerten, spielte und spielte und auch als mein Urgroßvater drohte, er würde das gebrauchte Klavier, das in das Haus zog mit der Axt zerschlagen, spielte er weiter und weiter. Es lag in seinen Händen. Mein Großvater war der letzte Jude, der am Gymnasium die Matura machte, denn die Schule war dann judenrein. Noch immer steht ein schöner schwarzer Flügel in der Aula. Zugedeckt ist der Flügel mit schwarzem Tuch. Es ist verboten auf dem Flügel zu spielen. Der Direktor.“ It is forbidden to use the piano“ sage ich zum Tierarzt, der Tierarzt versteht nicht, denn der Tierarzt will, dass ich auf dem Klavier spiele. Aber ich ziehe die schwere Decke nicht vom Flügel herunter. Im zweiten Stock des Museuems sind Bilder von Elisabeth Büchsel ausgestellt. Im Juni 1945 malte sie blonde Kinderköpfe. In Deutschland ist immer alles voller Unschuld und dann gehen wir aus dem Museum zurück in die Stadt. Stehen auf dem Marktplatz, trinken Tee in einem der ehemaligen Kontore, und der Kellner sagt er sei Tee-Sommelier und ich nicke zu allem, nicke zu der Hausmischung Stralsund Gold und nicke und nicke und nicke und sehe aus dem Fenster heraus und sehe meinen Großvater mit Notenpapier unter dem Arm und einem Koffer die Stadt verlassen, denn wer Pianist werden wollte, der blieb hier nicht und so blieben die Eltern und die Brüder zurück und in der Wohnung hing noch immer das Bild des Kaisers und mein Urgroßvater hielt ihm und dem erledigten Preußen die Treue. Der Kaiser in Doorn wusste davon nichts. Wir gehen am Moorteich entlang und man erzählt sich, dass mit der dräuenden Niederlage des tausendjährigen Reiches, nach zwölf langen Jahren, sich ein Menschenzug bildete, und all die Bürger sie warfen die vielen Devotionalien ihrer deutschen Jahre in den Moorteich hinein. Schon waren sie verschwunden die Hitler-Bilder und all die anderen Dinge, die man lieber schnell vergaß. Der Moorteich liegt in der Sonne. Ein Café ist am Ufer geöffnet und man fährt Boot auf dem Teich und die Boote sind Tretboote in Schwanengestalt. Wir aber gehen weiter, eine lange Allee entlang und die Häuser liegen im stillen Sonnenlicht. Wir gehen schweigend und ich zähle die Schritte, denn war dies nicht der Schulweg meines Großvaters und vielleicht stolperte er über seine Schnürsenkel und fiel über einen Stein, denn über dem Knie meines Großvaters verlief eine lange, zackige Narbe, aber vielleicht ist es auch ganz anders gewesen und dann stehen wir in der Straße, in der mein Urgroßvater noch vor dem Ausbruch des ersten großen Krieges hinzog.

Zentralheizung und Warmwasser, das war das Deutschland des jungen Kaisers und das war des Deutschland dieser Familie und dann stehe auch ich dort und zähle die Hausnummern und dann stehe ich vor dem Haus und zähle die Stockwerke und obwohl ich es doch besser weiß, gehe ich über die Straße und suche auf dem Klingelschild meinen Namen. Aber der steht dort nicht und die Namen sagen mir nichts und ich sehe hinauf. In den Fensterscheiben spiegelt sich der Himmel und die Wolken sind schneeweiß und die Sonne glänzt und ich frage mich doch, ob mein Großvater hier in den Himmel sah, während sein Vater schrie, dass ein deutscher Jude doch nichts am Klavier verloren hätte. Ich sehe ihn nicht, denn ich kenne ihn nicht. Es gibt kein einziges Bild meines Urgroßvaters, meiner Urgroßmutter und ihrer Söhne mehr. Denn auch die preußischsten unter den deutschen Juden, auch der Primarschullehrer, mein Urgroßvater und seine Frau und die vier Söhne wurden deportiert, im Februar des Jahres 1940, standen sie da mit dem Koffer, jeder ein Koffer und vielleicht legte er das Kaiserbild hinein. Ich weiß es nicht, ich habe sie nie gekannt. Ich weiß nicht, ob ich den Schluckauf, den ich immer dann bekomme, wenn ich aufgeregt bin, nicht von meiner Urgroßmutter habe, oder ob mein Urgroßvater nicht heimlich doch die Augen schloss, wenn sein Sohn am Klavier saß und spielte. Ich weiß nicht ob wir uns nicht furchtbar anstrengend gefunden hätten oder ob wir uns in Zuneigung gegenüber gesessen hätten, bei seiner goldenen Hochzeit vielleicht, denn wir hatten niemals die Gelegenheit uns kennenzulernen. Meine Urgroßeltern und ihre vier Söhne waren unter jenen, die deportiert worden, so ging es in Deutschland, da holte man den Primarschullehrer aus der Wohnung und fuhr ihn nach Auschwitz und der Jude mit der Kaiserliebe und den vielen Söhnen und der einen Frau, der ging ins Gas und dann starb er, denn das taten die Juden im 20. Jahrhundert und in Deutschland zogen andere Nachbarn in die Häuser und ich stehe hier auf der Straße und meine Hände sind kalt und ich will sie herunterrufen, ich will Steine gegen ihre Fensterscheiben werfen, ich will rufen, lauft doch davon und ich will, sie über das Meer tragen, das Meer, das hier Sund heißt, soll sie davontragen. Bestimmt hätte es in New York Platz für eine Kaiser Wilhelm Gesellschaft gegeben und mein Urgroßvater hätte Kaisers Geburtstag feierlich begangen und ich müsste nicht so stumm auf der Straße stehen und ich stehe ja nur auf der Straße weil mein Großvater als einziger der Söhne aus Auschwitz zurückkam. Er kam nach seinen Eltern in das Lager, er wusste nicht, dass seine Eltern schon in der gleichen Schlange gestanden hatten, dass auch seine Brüder schon erstickt waren im Gas, in Auschwitz traf man niemanden mehr und mein Großvater, der Mann mit dem traurigen Lächeln, bekam in den Jahren nach Auschwitz, die für die Deutschen andere Jahre waren, als für meine Großeltern einen Brief des Gymnasiallehrer und der Jude, sollte dem Lehrer ein Leumundszeugnis ausstellen, darüber, dass er der Jude doch noch die Matura habe ablegen können. Und damit könnte es nicht so schlimm gewesen sein, wie man sich immer erzählte und man habe wirklich nichts gewusst davon. Aber mein Großvater antwortete nicht.
Und die Fenster des Hauses haben Gardinen und manchmal bewegt sich ein Schatten und ich drehe mich um und laufe davon und laufe zurück bis zum Auto und dann fahre ich los, fahre so schnell ich kann, fahre und fahre und denke wie der Tierarzt sagt: „Mädchen weiß Deutsch“, der Tierarzt sagt es bestimmt und ich im Auto, sehe die Hauswand und denke, nein, ich weiß nicht weiter, ich weiß es nicht, ich weiß nicht was das ist, ich weiß nicht wie man es wissen kann, es ist nichts mehr mit dem Deutsch der Juden und den Deutschen und Juden ist es zu Ende gegangen und die Straße im Rückspiegel ist schon eine andere, ist immer dieselbe und ich fahre weiter und weiter und sehe das Haus. Das Haus ist leer.

Franz Kafka. Der ganze Prozess.

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Am späten Vormittag gehe ich die Stufen hinauf. Martin-Gropius Bau, einen Steinwurf entfernt vom Potsdamer Platz und im Treppenaufgang hängt ein Plakat: Kafka. Der ganze Prozess. Der Martin Gropius Bau ist wie alles in Berlin ironisch gebrochen, denn man soll ja merken, dass man hier in Berlin ist und in Berlin ist immer alles ironisch gebrochen und deswegen gibt es immer irgendwo Neonröhren und Sinnsprüche, die immer einen doppelten Boden haben sollen und natürlich auch ironisch sind. Die Deutschen haben ein Bewusstsein und es ist ein historisches Bewusstsein und immer auch ironisch. Deswegen erklären die Deutschen mir immer, dass Auschwitz wirklich schlimm gewesen sei und dann erklären die Deutschen mir, was an Israels Politik alles falsch ist. Das ist der einzige Moment, wenn die Deutschen nicht mehr ironisch sind, sondern sehr ernst und ich als Jude bin ja sowieso insbesondere in Berlin-Mitte ein ewiger Vorwurf. So ist das nämlich und immer flackern die Installationen ein bisschen nervös. So viele Juden kommen aber gar nicht mehr nach Berlin-Mitte und wenn dann eher selten in den Gropius-Bau, aber man weiß ja nie und besser die Ironie ist schon einmal da. Ironie auf Rezept sozusagen und dann stehe ich in einem dunklen Raum und der Raum hat 18 Grad, das sagt das Schild, denn hier wird Papier konserviert und dann steht man einfach so vor den Manuskriptseiten und es ist Franz Kafka, der da vor einem liegt, Franz Kafkas Prozess, lauter eng beschriebene Seiten, gelblich schon ist das Papier. Allein bin ich nicht. Eine Schulklasse ist mit mir im Raum und die Schulklasse findet das alles sehr öde. Warum sollen sie hier stehen in einem dunklen Raum voller Papier. Die Lehrerin macht immer psst und pscht. Und dann: „Ruhe jetzt“ und „Benehmt euch“ und das alles ist gar nicht ironisch und die Lehrerin ist nervös, denn so viel Papier und noch dazu eng beschrieben, ist doch eine Zumutung und museumspädagogisch aufbereitet ist das alles auch nicht. Da sind einfach Vitrinen und dann ist da dieser Text. „Scheiße“ ruft ein Schüler und sein Käppi fällt runter und das ist auch blöd und die Schrift kann keine Sau lesen und die Lehrerin will doch endlich, dass Ruhe ist und im Nebenraum läuft ein Film. Der heißt auch „Der Prozess“, aber der Film ist in schwarz-weiß und niemand auch die Lehrerin nicht, kennt Orson Wells und die Schüler kennen Jeanne Moreau nicht und der Film ist auf Englisch und die deutschen Untertitel sind nicht ganz synchron und der Film ist überhaupt unverständlich und auch blöd und die Lehrerin rennt zwischen den Vitrinen und dem Filmvorführraum hin-und her und schreit: „Aber Schluss jetzt“ und „Ruhe“ und „pscht.“ Ich stehe noch immer vor der ersten Vitrine und der Junge mit dem Käppi, sagt: „Ey voll die Scheiße, ey“und „die Kack Schrift“ und dann stehe ich da und sehe auf die Buchstaben und dann lese ich einfach vor, diesen Satz, den ich schon so oft gelesen habe, aber noch nie von diesem Blatt Papier, da vor mir in der Vitrine. „Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne daß er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet. Der Junge mit dem Käppi starrt mich an und ich lese einfach weiter, denn da liegt ja jener Text, dieser Text, den ich nie vergessen kann, dieser Text dem ich nicht ausweichen kann und der für mich niemals Ironie war und ich lese: Die Köchin der Frau Grubach seiner Zimmervermieterin, die ihm jeden Tag gegen acht Uhr früh das Frühstück brachte, kam diesmal nicht. Der Junge mit dem Käppi ruft: „Ey Serkan, Aylin, Timo, ey Leute kommt ma rüber, die kann das echt lesen“- und die Schulkollegen kommen und wir stehen vor den Vitrinen und ich lese von K. der nicht weiß wie ihm geschieht an diesem Morgen und die alte Nachbarin vom Fenster gegenüber und dann sind die Fremden in der Wohnung und Josef K. weiß nicht wie ihm geschieht und schon ist die erste Seite gelesen und fast synchron rücken wir weiter, denn das Mädchen neben mir, sagt: „voll krass, das alles.“ Und hat sie nicht Recht, denn Josef K. wird ja wirklich verhaftet an diesem Morgen und dann sucht K. seine Legitimationspapiere und findet in der Eile nur seine Radfahrlegitimation und ich überlege ob ich den Mädchen und Jungen neben mir wohl erklären muss, was Legitimationspapiere eigentlich sind, aber die Schüler sind ganz still und dann sagt der Junge mit dem Käppi: „Mein Freund hier hat auch keinen Pass.“ Der Freund auf den das zutrifft, ist ein blasser, dünner Junge und starrt auf das Papier in der Vitrine. Und nichts ist ironisch und gar nichts ist gut, hier in Berlin, 2017 und da hier vor uns ist Franz Kafka und das ist der ganze Prozess und Kafka, nein, den muss man nicht erklären, der ist immer völlig klar. Josef K. kann nicht beweisen, dass er unschuldig ist und die Schüler drängen mich weiter, ich soll weiterlesen, denn jetzt nämlich gehört ihnen diese Geschichte, diese Blätter da gelb und eng beschrieben in der Vitrine und ich lese vor und lese immer weiter und einmal wandern wir gemeinsam um die Vitrinen herum und die Schüler sind atemlos, weil die Geschichte einen aus den Fugen hebt, das ist Kafka, dieser Franz Kafka, der Jude Kafka, dem es immer ernst war und dann sind wir angekommen am Ende, an dem die Geschichte abbricht: „Wie ein Hund!“ sagte er, es war, als sollte die Scham ihn überleben.“ Die Schüler klatschen, aber nicht für mich, sondern für Franz Kafka, der ja da vor uns liegt und schrieb, wer hat denn je so um sein Leben geschrieben wie Franz Kafka? Und die Schüler applaudieren jenem Franz Kafka und die Lehrerin kommt und die Lehrerin ruft: Psst! Und „Ruhe jetzt“ und der Schüler mit dem Käppi sagt: „Die Frau kann das alles lesen.“ Die Lehrerin sieht mich an und will sich entschuldigen, dabei weiß ich nicht einmal wofür, denn Texte sind ja dazu da, dass man sie liest, wozu denn sonst und die Schüler reden ja schon über diesen Text den sie eben nur nicht lesen konnten. „Ihr sei Kafka immer zu ironisch gewesen, sagt sie und dann sagt sie: eben kafkaesk. „Gerade nicht, sage ich“ und sie sieht mich erstaunt an.

Der Junge mit dem Käppi schwenkt sein Telefon und hat den Prozess heruntergeladen und dann kommt er zu mir und sagt: „Das ist mein erstes eigenes Buch.“ Ich gratuliere und versichere ihm, dem strahlenden, jungen Mann, dass es kein besseres, erstes Buch gäbe, als den Prozess und dass ich mir vorstellen könnte, dass ihm auch das Schloß gefiele und er lächelt und fängt an zu lesen.

Ich lächle mit und noch einmal stehe ich vor der Vitrine und sehe mich, ein bisschen jünger war ich, als die Schüler, da schickte mir meine Großmutter ein Buch ins Land A., „Franz Kafka, Der Prozess“ und alles veränderte sich und ich war eine Andere geworden.

Alle Zitate aus: Franz Kafka, Der Proceß, Frankfurt am Main 2002, S.7 und S. 312.

Die Mali Tant hat keine Zeit.

Die Mali-Tant, war eine der liebsten Freundinnen meiner Großmutter. Wie meine Großmutter scheiterte die Mali-Tant an Israel. Die beiden Damen waren sich einig: die Hitze, der Staub, das schlechte Theater, die barbarische Sprache, die seichten Opern, da könne man trotz allem also auch nicht bleiben. Meine Großmutter ging zurück nach Deutschland und die Mali-Tant zog zurück in ihre Geburtsstadt Wien. Damals also im 1950er Jahr sagten die Nachbarn zur Mali-Tant: “Wir dachten die Juden sind alle durch den Rauchfang gegangen.” „Ja, sagte die Mali-Tant damals, das habt ihr euch wohl so gedacht.“ Die Nachbarn haben nicht widersprochen. Die Mali-Tant aber ist geblieben und noch immer, noch heute lebt die Mali-Tant in Wien. Jeden Samstag seit vielen Jahren also, rufe ich die Mali-Tant an.

Ich sitze auf dem Balkonstuhl und meine Füße liegen auf der Balkonbrüstung. Die Tanne links von mir rauscht, es wispern die Kastanien. Ich habe eine Schüssel mit Erdbeeren auf dem Schoß und auch wenn ein warmer Wind weht, bin ich in einen breiten, blauen Schal mit großen Pfauenfedern darauf gewickelt.
Neben mir auf der Balkonbrüstung sitzt meine alte Freundin die Wildtaube und gurrt leise, aber wirklich ganz leise, denn wie alle Freunde und wie wohl auch meine Feinde, weiß sie, dass ich am Samstag Abend wie mein Großvater vor vielen Jahren zu sagen pflegte, als meine Großmutter die Mali-Tant anrief mit Wien telefoniere.

Ich: Shavua tov! Shavua tov! A gite Woch dir liebe Mali-Tant.
( Zwar ist der Shabbat noch nicht ganz um, aber die Mali Tant will von solchen Spitzfindigkeiten nichts wissen.)

Mali-Tant: Shavua tov, Mädi!

Ich: Geh, Mali-Tant, geht es dir gut?

Mali-Tant: Ja Mädi, wie eina oiden Frau eben so geht.

Ich: Ah, Mali-Tant, du bist doch keine alte Frau.

Mali-Tant: I was genau, wie oid i bin Mädi.

Ich: ( lache leise. Die Mali Tant ist 94 )

Mali-Tant: ( schnauft )

Ich: Mali-Tant, ist alles in Ordnung bei Dir und Mau ( Mau ist der Siamkater der Mali-Tant )

Mali-Tant: Ja geh Mädi, weißt es ist halt arg viel los. Im Garten draußen sind die Fisolen reif, und die Rosen blühn. Weißt halt net, aber die Anni, die Frau vom Johann hat Geburtstag und vor Wochen scho hab I ihr den Rosenstrauß zugesagt und a Biskuitrolle, des is ja resch gemacht, hab i Ihr versprochen. Des hat dein Gromutter scho imma gesogt: A Versprechen muss man holt einhalten. Dann hab I mia a paar neue Kleider bestellt. In Wien kannst ja nirgendwoa ein Sommerkleid mehr kaufen, wenn net mehr bist 25 Jahr’. Aba I hab zu dea Verkäuferin gesogt: so a Biesn zieh I nimma an. Hot die doch a beiges Gewand angebracht und do hab I gesogt: Nimma geh I wie a Wasserleich auf die Straßen. Gerade jetzt wo all die Konzerte sind in Schönbrunn, und die Oper im Park. A Paar pinke Sandalen hob i a gekauft. Die Verkäuferin hat gesogt: na die sin aba sehr hoch füa a Frau in ihrem Alter. Aba Mädi man darf sich nix bieten lassen: I hob Iha gesogt: I bin do kea Krüppel. Fria im Spital, do hob I wenn i tanzen woa in viel höhere Schuh die Visite gemacht und der Professor hat damals schleimig gegrinst: Na Frau Mali, wieda die Nacht zum Tog gemacht? Aba I hab den nie ausstehen können, den Lackl. „Fia Sie Herr Professor, hab I gesagt imma noch Frau Doktor Mali.“ Do hat dea nix mehr gesogt. Jedenfalls Mädi, die Biskuitrollen und do hob I mia gedacht, wenn Du eh scho a Biskuit im Rohr hast, da kennst a gleich a Blech Crèmeschnitten mitmachen. Die Cremeschnitten, die sind noch nie übrig geblieben. Dann Mädi hat der Jean eben angeläutet ( der Jean ist der Liebhaber der Mali-Tant ), auf a Beisel Wein im Heurigen will er gehen, jetzt wo die Nächte lang sind und die Luft a einmal a bissl mild. Do hob I net nein sagen können. Weißt Mädi, mit dem Jean is es holt nie fad. Wenn I die Anni ihren Mann seh, Mädi, a Schlaftabletten is nix dagegen. Geh, hat der Jean gesogt: Mali wia gehen auf a Beisel Wein und wea weiß scho, vielleicht ist a bissl Musi im Schanigarten und wo I do jetzt die feinen Sandalen hob, kann I auch einmal wieda mit dem Jean tanzen. Weißt Mädi, dea Winter is eh lang genug.

Ich: Mali-Tant, wenn ich dir zu langweilig bin, dann sag es ruhig.

Mali-Tant: A geh Mädi, sei kein Schaf. Dann wollen mir in der nächsten Woch ins Waldviertel fahrn. Des Dach braucht neue Ziagln und auch der Garten im Waldviertel muss gerichtet werden. Die Ribiseln sind ja schon rot und a Stapel neue Bücher hab ich auch gekauft. Kannst ja net wollen, dass ich völlig verblöd in diesem Österreich. Dann fahren wir füa zwei Wochen nunter zur Gerti in die Bretagne. Bis dahin muss halt scho das Haus im Waldviertel fia da Mari und ihr Familie gerichtet sein. Weißt Mädi, wenn man net alles selba macht. Die Mari bekommt noch a Kind und do hob i mia gesogt geh Mali, du host fia die vier Kinda von der Mari a Deckn gemacht und da musst auch fia das Fünfte a Deckn machen und do hob I mia gedocht, geh Mali des hast fertig bevor dea Jean und du in die Bretagne fahrt und da hob I die ganze Wochn bis Nachts ein Uhr an der Deckn genäht. I schick dir schon noch a Bild. Man kommt ja zu nix.
Mädi, sei mir net bös, aba I muss noch den Rock bügeln bevor der Jean klingelt. Ich bin ja keine geschlamperte Person und die Gerti ( die Tochter der Mali-Tant ), der muss I a wenigstens a guten Abend sogen. Geh Mädi, wia hören uns ja ohne hin in der nächsten Woch’. Baba und Bussi. I muss jetzt wirklich los.

Ich höre aus Wien nur noch ein dumpfes Tuten. Die Mali-Tant hat aufgehängt und meine liebe C. sieht mich erstaunt an, als ich das Telefon zurückbringe. „Alles in Ordnung in Wien,?“ fragt sie, denn mormalerweise stecken die Mali-Tant und ich für Stunden die Köpfe zusammen. Ich nicke. „Die Mali-Tant ist beschäftigt“, sage ich und „es ist Sommer in Wien.“ Dann schweige ich ziemlich beleidigt, noch unentschieden ob ich beleidigter darüber bin, dass die Mali-Tant nicht einmal eine Viertelstunde übrig hatte, oder darüber, dass Sie fast nur Hochdeutsch mit mir gesprochen hat, denn der Shabbesschwatz mit Wien ist immer schon nur auf Wienerisch gehalten worden. Die liebe C. schneidet mir ein großes Stück Erdbeerkuchen ab. „Ist das Biskuitteig?“, frage ich sie, aber die liebe C. schüttelt den Kopf und ich ziehe den Kuchenteller zu mir heran.

Zu Besuch bei Sigmund und Anna Freud in Hampstead.

Am Nachmittag fahre ich nach Hampstead hinaus. Immer wieder habe ich mir das schon vorgenommen und immer wieder kam etwas dazwischen, aber diesmal nicht. In Hampstead tragen die Männer hellblaue Leinenhemden und kaufen Lotus und Pak Choi auf dem Markt. Die Kinder rollern die Straßen hinunter und die Frauen trinken sehr gesunde Säfte und winken Männern wie Kindern zu. Ich aber gehe schon weiter, schnaufe eine steile Straße hinauf und zähle die Hausnummern herunter, aber das Haus welches ich suche, braucht keine Hausnummer, sondern hat eine blaue Plakette. 20 Maresfield Garden. Roter Stein und pinke Kletterrosen.

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Sigmund und Anna Freud in Hampstead

Hier hinein nämlich, in die sonnige Straße, rettete sich Sigmund Freund und hier lebte für lange Jahrzehnte seine Tochter Anne. Der Boden knarrt, betritt man das Haus und dann ist man ganz allein mit Sigmund Freud. Damals im 1938er Jahr da war Sigmund Freud 81 Jahre alt und die Wiener Berggasse verdunkelte sich mehr und mehr, denn die Nazis sie traten schon die Türen ein und mit dem 12. März 1938 schlossen sich die Türen der Freiheit für lange Jahre. Eine Berühmtheit war jener Sigmund Freund da schon lange, nicht nur der Begründer der Psychoanalyse, sondern ihre Verkörperung selbst. Aber Sigmund Freud war eben auch Jude und das wird einem nie verziehen, schon gar nicht im 1938er Jahr und Freud, der nicht glauben wollte, was sich da unten auf der Berggasse und in der ganzen, großen Stadt Wien abspielte, musste es glauben, als die Gestapo schließlich seine Tochter Anna verhaftete. Freud, der doch Träume sammelte, fand sich in einem nimmer endenden Alptraum wieder. Max Schur, Freund und Hausarzt hatte sie mit einer tödlichen Dosis, Gift versorgt, denn obwohl nach 1945 keiner wissen wollte, was sich in deutschen Konzentrationslagern abgespielt hatte, machte sich niemand im 1938iger Jahr noch Illusionen. Sigmund Freud, der sich um Anna sorgte stimmte der Ausreise zu, dieser aber ging ein diplomatisches Tauziehen voraus und ohne das unermüdliche Insistieren englischer und amerikanischer Botschaften wäre die Flucht wohl kaum gelungen. 32.000 Mark zahlt Freud mit Hilfe seiner betuchten Freundin Marie Bonaparte als ‚Reichsfluchtsteuer‘ und kurz bevor der rettende Zug Wien verlässt, steht wieder einmal die Gestapo vor der Tür. Die Herren wollen sich bestätigen lassen, dass Familie Freud keinen Groll im Herzen gegen die neuen Herren trüge. Freud schrieb: „Ich kann die Gestapo jedermann nur auf das Beste empfehlen.“ Natürlich haben sie es nicht bemerkt.Drei Waggons für ein ganzes Leben. Die Bibliothek konnte nur als Bruchstück mitgenommen werden, dafür der Schreibtisch und all die G*tter die auf jenem wohnen und die heute im angedunkelten Zimmer in Hampstead überirdisch und gelassen ihrer eigenen Wege gehen. Hell ist das Haus und lichtgeschwängert, weiße Geländer und bunte Teppiche liegen auf dem Boden. Natürlich steht die Couch, dieses Sofa, in dem sich die Geschichten eingegraben haben, im Arbeitszimmer. Ein Kissen mit verblichener hebräischer Schrift, eine schwere teppichartige Decke und ein Stich an der Wand, das Freud mit seinem Lehrer Charcot in Paris zeigt. Am Kopfende des Sofas steht ein bescheidener Sessel. Zuhören ist anstrengende Arbeit, sagt der Stuhl.

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Das Sofa aller Sofas.

Aber vor allem die Geschichten, die Träume, die Ängste, die Wünsche und die vielen Leben, die hier versuchten sich an das zu erinnern, was in der repressiven Wiener Luft, in der selbst der alte Kaiser kaum atmen keinen Platz haben sollte. Bis zu 10 Stunden heißt es, soll Freud den Patienten zugehört haben. Vor dem Schreibtisch der maßgefertigte Stuhl, denn Freud war ein liegender Leser und vor allem auch ein begabter Zuhörer. Alles in diesem Arbeitszimmer wispert eine Geschichte, mag sie auch noch so abgebrochen sein, noch immer sind alle Geschichten hier sorgsam behütet und aufbewahrt.

Im Oberstock des Hauses aber sind die G*tter nicht ganz so zahlreich, denn hier geht es um Anna, die praktisch, pragmatisch und lebensklug hier lebte und arbeitete, viele Jahre lang nach dem Tod ihres Vaters. Am meisten beeindrucken mich ihre robusten Wanderstiefel, die genau so aussehen als könnte man in ihnen problemlos, einmal die ganze Welt umrunden, ohne auch nur eine einzige wehe Stelle am Fuß zu haben. Aber Anna war nicht nur Sigmund Freud’s Tochter. Weit gefehlt Anna Freud war begabte und begeisterte Psychologin, streitbar und spezialisiert auf die Analyse von Kindern und Jugendlichen. Gemeinsam mit ihrer Lebensgefährtin Dorothy Burlingham gründete sie die Hampstead Nursery und kümmerte sich während des Krieges um Waisen und Kinder in Not. Auf einer Photographie beugt sie sich über ein Gitterbettchen und lacht dem Kind zu, aber nicht auf so eine schrill-überdrehte Weise, wie sie Erwachsenen so oft eigen ist, mit ihrem Dutzitzidu—-sondern ein wissendes, ein mitnehmendes, ein so ernstliches Lachen, dass man nicht genug staunen kann über jene Anna Freud, die mit einer Selbstverständlichkeit genagelte Schuhe trug und eine Frau nicht nur küsste, sondern auch mit ihr lebte. Auf allen Fotos schein sie genau das gerade sagen zu wollen: „So ist das nun einmal. Nun aber weiter zu anderen, ernsthafteren Dingen. Still staunt der Besucher und kann sich nur schwer losreißen, vom hellen Zimmer und der starken Anna.

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Im Garten

Das Museum ist ein sehr offenes Haus, wie seine Bewohner es gewesen sein mussten, mit der Freiheit die im Denken liegt und so stört sich niemand daran, als ich mich in den sonnigen Garten setze und in die rauschenden Bäume sehe, hier im Freud Museum in Hampstead sind Besucher wirklich willkommen. Bevor ich schließlich im Sonnenschein einschlafen kann, gehe ich noch einmal in die Diele, über die man das Haus betritt zurück. Dort in einem Glaskastel hängt der Mantel mit dem Freud Wien verließ, neben seiner Brille und dem Menü der Hochzeit mit Martha Bernays. Der Biesenmantel ist weder grün, noch grau oder braun, sondern ein starres Stück Stoff mit runden, dicken Knöpfen und scharf geschnittenem Kragen. Ein Stück Mantel, das auch ein Panzer ist, eine Hülle gegen die feindliche Welt, eine borstige Außenhaut, um das Innen des 1938iger Jahres irgednwie doch noch heraus zu retten, aus den Untiefen jener Jahre. Mit einem solchen Mantel, der einem die Wange zerkratzt, mit einem solchen Mantel rettet man wenn alles gut geht, die eigene Haut. Ich kenne den Mantel gut, denn es ist der gleiche Mantel der im Kleiderschrank meiner Großmutter hing. Es war der erste Mantel, den sie in einem DP Camp bekam, der erste Mantel nach Auschwitz. Meine Großmutter hat den Mantel ein ganzes Leben lang behalten, im Kragen des Mantels eingenäht der Name einer Frau, die sehr wahrscheinlich deportiert wurde. Die Adresse lautete Berggasse 4. Die eigene Haut retten gelingt nur selten ganz. Das kann man lernen, wenn man an einem Samstagnachmittag nach Hampstead in das Wohnhaus von Sigmund und Anna Freud fährt.

 
Freud Museum London, 20 Marshfield Gardens, Hampstead, London, Öffnungszeiten: Mittwoch bis Sonntag, 12-17 Uhr, Eintritt: 8 ermäßigt 4 Pfund, Tube: Finchley Road

( Wie immer gilt: Selbstbezahlt, Selbstgeknipst und Selbstgeschrieben ist es auch.)
 

 

Auf der Suche nach Carl von Sternheim-Die Villa ‚Belle Maison‘ in Höllriegelskreuth

Nach einem langen Tag in Großhardern wollen der ehemalige geschätzte Gefährte und der D. unter Kastanien in einem Biergarten sitzen, der F. hat zu diesem Behufe sogar ein blau-weiß kariertes Hemd angezogen und ob er sobald ich außer Sichtweite bin, auch noch die Krachledernen anlegt weiß ich nicht, denn ich will nicht mit in den Biergarten. Stattdessen fahre ich mit der U-Bahn zum Münchener Hauptbahnhof verirre mich gründlich bis ich endlich die S-Bahn in Richtung Wolfratshausen finde. Dann endlich doch im richtigen Zug. Mit mir fahren heimkehrende Wallfahrer, die lila und weißen Flieder um die Holzkreuze gewunden haben und so riecht der Zug ein bisschen so wie ich mir das Paradies vorstellte. Die Pilger haben müde Füße, aber Lust auf einen Ratsch: „Wo woist du hin?“ Nach Pullach sage ich und lächle, von dort aus will ich zur Villa Belle-Maison, die Carl Sternheim baute, besehen. Die Pilger sehen mich verwundert an: Sternheim, sogst Du? Den sein Noamen hab’n wia noch nia gehört! München is halt einmal die Thomas Mann Stadt. Ich nicke den Pilgern zu, denn ich weiß ja schon lange, dass man in Deutschland gerne und viel vergisst. Dann steige ich aus. Pullach liegt im Sonnenschein. Am Bahnhof ein leeres Haus, zwar kündet noch ein Schild davon, dass man hier Obst und Gemüse kaufen könne, doch alle Läden sind heruntergelassen und auch das Schild ist schon lange verblichen. Drei Kilometer also eine lange Straße hinunter. Viele Häuser sind gerade erst neugebaut, noch steht ein Zementmischer in der Einfahrt und ein Bauzaun ersetzt den Jägerzaun. Hohe Hecken und dichte Gardinen. Zu jedem Haus gehört mindestens eine Garage. Schön sind die Häuser nicht und ich frage mich ob die Leute, die hier leben und die doch für Grundstück und Haus viel bezahlt haben müssen, wohl glücklich sind mit dem Ergebnis. Halbe Küchenfenster nur, merkwürdige enge Balkone, keine Fensterläden und an keinem Haus auch nur einziger Blumenkasten. Aber hin und wieder ein schöner alter Fliederbaum. Der Flieder nämlich ist hier keine buschige Hecke, sondern hat ein knorriges Stämmchen, ich halte meine Nase in jeden einzelnen Fliederbaum und jedes Jahr aufs Neue wünsche ich mir, dass sich der Fliederduft wie Riechsalz in einem kleinen Fässchen konservieren ließe für die langen Novemberabende, die doch auch wiederkommen. Ein einziges, altes Haus entdecke ich schließlich hinter einer Hecke verborgen, abgeplatzt ist die Farbe von den Fensterläden, die Stufen sind zerbrochen und auch der Garten ist verlassen, verwildert und völlig verloren in der Glattheit der neuen Häuser ringsherum. Auf dem Weg nach Höllriegelskreuth aber obwohl ich doch durch ein Wohngebiet laufe, begegne ich keinem einzigen Menschen. In den Gärten spielt kein Kind Ball, keine Frau liegt im Stuhl und liest ein Buch, kein Mann macht Handstand an der Gartenmauer. Niemand ist zu sehen. Das einzige Geräusch ist ein ferner Rasenmäher und eine Säge, die kreischend durch Holzplanken fährt. Sonst ist es absolut still. Unheimlich ist mir das schon und ich pflücke ein paar Pusteblumen und singe mir ein Lied vor, denn man muss sich Mut machen im Leben. Schließlich passiere ich das letzte Haus und dann laufe ich bestimmt für anderthalb Kilometer am Werksgelände von LINDE vorbei. Lange verschlossene Tore, hohe Zäune, praktisch-quadratische Bürogebäude, auch dort keine Menschenseele und irgendwann zu meiner linken eine Straße mit tosendem Verkehr. Eine komplizierte Überführung und für einen Moment der bange Gedanke, ich möge längst schon in die Irre gegangen sein, völlig fehlgegangen und längst schon verloren und dann doch endlich zeigt das Straßenschild an, dass ich mich in der Zugspitzstraße befinde, die doch geradewegs auf die Villa Belle Maison erbaut 1908 von Gustav von Cube. Aber es ist noch ein Stück Weg und immer noch noch Büros von LINDE, noch immer so funktional wie quadratisch und dann schließt sich nicht minder funktional und quadratisch SIXT an, ergänzt nur um das grelle Orange mit dem die Firma um die Gunst des Kunden wirbt und wieder die Straße verengt sich schließlich frage mich, ob ich nicht einer Schimäre hinterherlaufe, ob ich nicht besser daran täte umzukehren und doch gehe ich weiter, schließlich öffnet sich die Straße nach links, auf einmal heißt sie nicht mehr Zugspitzstraße sondern Schoellerallee, obwohl ich nicht weiß wer dieser geheimnisvolle Schoeller wohl sein mag. Plötzlich mitten im Dickicht, zwischen LINDE, SIXT und einem Wertstoffhof steht sie da, die Villa Belle-Maison, ein Gebäude so unwirklich in seiner Anlage, so aus der Zeit gefallen, so überirdisch, so weit weg von der funktionalen Nüchternheit, die einen zu diesem Ort begleitet.

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Damals aber als Carl und Thea Sternheim hier eine Villa bauten, die eher ein Palais ist, da konnten sie es nicht ahnen, wie es ausgehen würde, hier in der Idylle am Rande von München. An Louis XVI diesem unglücklichen Königssohn nahmen sich ein Vorbild und bauten groß und weit und im Garten ein Bassin und überhaupt ein Garten für Feste gemacht mit Lampions und livrierten Dienern, mit Champagner und kaltem Lachs. Und sie alle, das ganze München kam damals heraus in diesen heute von allen Geistern verlassen Winkel. Es kamen Max Reinhardt. Es kamen Tilly und Frank Wedekind. Es kam Mathilde von Lichnowsky. Es kamen die Manns, es kamen Walther Rathenau und Harry Graf Kessler, es kamen alle, Kunsthändler, die van Gogh und Picasso and die Sternheims verkauften und leichte Mädchen, denn Carl Sternheim liebte die Mädchen und die Mädchen verfielen dem Mann und wohl auch dem Haus. Aber Glück hat das Haus schon damals vor so vielen Jahren den Sternheims nicht gebracht, denn was heute Linde ist, begann damals als ein elektro-chemischer Betrieb. Carl Sternheim der kein Gemüt hatte für den parvenühaften Aufstieg Deutschlands und der seltsamen Mischung aus Helm am zum Gebet und Jagdausflug klagte vergeblich, verlor und verzog schließlich nach Brüssel. In Deutschland das sollte er sich merken verzeiht man fast alles, nur einem Juden, der über den Kaiser Witze macht, zu viel Geld und zu viel Sex hat, dem vergisst man nichts. Die Villa Belle Maison, dieses Kleinod, vergessen und zugebaut, das wurde nie wieder Anziehungspunkt deutscher Kultur. Nicht nur die DDR brachte mit Vorliebe Kranke und Alte in Herrenhäusern unter, sondern auch die BRD ließ sich nicht lumpen und schon wurde Belle Maison 1965 in einen Krankenhaus umfunktioniert. Naturheilkunde. Carl Sternheim hätte es mit Spott vergessen und gelacht über jene die mit Birkenwasser, Krebs heilen wollen.

Aber Carl von Sternheim war da schon lange tot. Irgendwann brauchte das Naturheilkundliche Spital ein größeres Gelände und heute während ich also die Auffahrt hinaufgehe, steht Schoeller am Haus, aber was oder wer das sein mag, weiß ich nicht. Kein Blatt rührt sich. Ein verkitschter Springbrunnen plätschert vor dem Haus. Ein Mansardenfenster steht offen. Eine Videokamera über der Tür. Ob also ein Hausmeister in der Mansarde schläft oder ein Mann in schwarzem Anzug meine vorsichtigen Bewegungen überwacht, weiß ich nicht. Ein merkwürdiges Gefühl also beschleicht mich, denn wer weiß schon, ob nicht auch gleich sechs Rottweiler aus dem Nirgendwo springen und mir den Mantel zerreißen. Aber niemand kommt und keiner fragt und so gehe vorsichtig um das Haus herum, auf der Terrasse verwitterte Gartenmöbel. Niemand sitzt dort im Sonnenschein. Das alte Bassin führt kein Wasser mehr. Ein Gärtner vielleicht hat die Rosen versucht über den Winter zu retten und ob je jemand Gäste in einem der vielen Zimmer empfängt, wer kann das schon sagen. An Carl und Thea vonSternheim aber erinnert nichts. Kein Plakette, keine Tafel, kein noch so kleiner Hinweis, das hier einmal die deutsche Moderne begann, sondern nur ein dichtes Schweigen liegt über dem Haus. Für eine ganze Weile sitze ich an einen Baumstamm gelehnt vor dem Haus und sehe über die Wipfel der Bäume, die vielleicht der Architekt damals vor so vielen Jahren pflanzte zum Haus herüber und neben mir lehnt die Traurigkeit.

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Ds Fräulein sieht so vor sich hin.

Die Villa Belle Maison lässt sich am einfachsten mit der S7 Richtung Wolfratshausen erreichen. Der nächste Halt ist Höllriegelskreuth, die Villa liegt mitten in einem Industriepark, aber sie lässt sich wirklich in der Zugspitzstraße 15 finden.