Der letzte Sonntag

Vielleicht wird dieses Jahr, das Jahr der Abschiede, denke ich mir und sehe aus dem Fenster in den Kirchhof herüber. St Sylvester läutet 12 Uhr und die Kirchgemeinde läuft durch die Kirchentüren hinaus und die Straße herunter. Gleich wird der Priester die Kirche zusperren, den Talar auf einen Bügel hängen, sich die Hände waschen, in einer halben Stunde wird der Priester im Türrahmen stehen und sagen: Fräulein Read On, ich störe doch nicht?“ Ich werde sagen: „Aber Priester, nur zu, Sie stören doch nie.“ Der Priester begrüßt Katze wie Hund, nur um sich umzudrehen und zu sagen: „Fräulein Read On, wie kommt es, dass es jeden Sonntag noch besser duftet, als am vorherigen Sonntag? Ich werde etwas über das Auge des Betrachters anmerken, der Tierarzt befüllt unterdessen die Wasserkaraffe und ermahnt Hund wie Katze, wenigstens am Sonntag doch etwas Benehmen zu zeigen.

An jedem Sonntag in den vergangenen vier Jahren, an dem ich in Irland war, stand der Priester um 12.30 Uhr im Türrahmen. Gestern kam er zum letzten Mal, heute da kommen die Umzugswagen, denn der Priester verlässt das Dorf und auch Irland. Im Sommer, da kam er an einem gewöhnlichen Dienstag herüber, saß auf dem alten, grünen Sofa und sagte: „Fräulein Read On, Sie sollen es von niemand Anderem erfahren, aber der Orden ruft mich nach Italien zurück. Der Priester zeigte mir ein Bild, ich schluckte und sah auf den blauen Himmel, das Ocker der Häuser, die schneeweiße Kirche, die keine Ähnlichkeit hat mit dem trotzigen Kirchturm St Sylvester, und dachte wie oft der Priester sagte, den Blick zum Meer gewandt: „Es ist eine andere Erde.“ 35 Jahre hat der Priester in Italien verbracht und nun kehrt er zurück, St. Sylvester aber und der kleine Kirchsprengel, bleiben zurück, neu besetzt wird die Pfarrstelle nicht mehr, denn die Gemeinde ist viel zu klein.

Aber noch war die schneeweiße Kirche nur ein Bild und der Priester noch immer da. Aber gestern, da stand ich am Fenster und sah auf den Kirchhof und dachte daran, wie es war, als ich ins Dorf zog und so einsam war, wie nie zu vor. Da gab es den Tierarzt noch nicht, der in der Besteckschublade rumort, in der Uni kannte ich keinen und auch sonst war ich sehr allein und nichts war irisch-heimelig oder romantisch-global oder Expat-exciting. Die Frau des Krämers sagte: „Ausländer sehen wir hier nicht so gern“ und die Katze starrte feindselig zu mir herüber, ich war allein und die Stille war lauter als alles andere, lauter selbst das Meer vor dem Fenster. Eines Nachmittags hängte ich Wäsche im Garten auf und plötzlich rief jemand vor der Kirchenmauer herüber: „Darf ich mich vorstellen?“ „Ich bin der Priester.“ Ich schluckte und rief: „Ich bin der Jude.“ Der Mann am Gartenzaun lachte und sagte: „Hat der Jude auch einen Namen?“ Ich sagte: „Weiß ihr G*tt nicht alles?“ Der Mann auf der Gartenmauer lachte und ich sah ein schmales Gesicht, eine randlose Brille, zu kurz geschnittene Haare und einen schwarzen Rollkragenpullover, das was ich sah gefiel mir und in sein Lachen hinein sagte ich: „Wollen Sie am Sonntag zum Essen herüberkommen?“ Ich wartete auf sein Nein, denn bis zu jenem Nachmittag war nein, das häufigste Wort meines irischen Aufenthaltes gewesen, aber während ich noch auf das Unvermeidliche wartete, sagte er: „Sehr gern. Was darf ich mitbringen?“ „Auf keinen Fall Kochschinken“, sagte ich und der Priester lachte wieder und winkte mir zu. Am Sonntag brachte er Margariten mit. Wir stritten uns von der ersten Minute an, über alles über die Kirche als solche, über die unbefleckte Empfängnis, über alle Päpste, über Straßenbau und seine Affinität zu Nagetieren. Am Ende des ersten Mittagstisches sagte der Priester: „Wissen Sie was, Sie sind schlimmer als die Jesuiten.“ Diesmal lachte ich und sagte: „Kommen Sie wieder?“ Der Priester kam.

An jedem Sonntag kam der Priester, wir aßen, ich kochte seine Kindheitserinnerungen nach ( nur den Schinken ließen wir aus ), und wir stritten kaum waren Kartoffeln und Stew verteilt, stritten so heftig, so beißend, so herzhaft lachend, dass die alte Standuhr quietschte, und während der Priester abwusch, setzte ich Tee auf und dann spielten wir Schach, natürlich nicht ohne fortgesetzte Streitereien über Irland an sich, Angela Merkel, das Konkordat von 1870, und einmal da erzählte mir der Priester von einer Frau im roten Kleid und ich im von einem Schatten in meinem Rücken und wir waren ganz still. Irgendwann, aber dazwischen lagen zwei Jahre, kam der Tierarzt dazu saß mit uns am Tisch und sprach vielleicht nach einem halben Jahr den ersten Satz: „Mir war nicht klar, dass es Menschen gibt, die so viel reden.“ Da lachten wir beide und inzwischen streitet auch der Tierarzt mit, streitet um Kopf und Kragen und der Priester und ich lachten und der Priester flüstert mir zu: „Ein Jesuit.“ Vier Jahre und viele Sonntage und immer öfter auch Mittwochs oder Donnerstags kam der Priester auf einen Sprung herüber und immer hoffte ich er bliebe noch länger.

Gestern stand der Priester noch einmal in der Tür: „Fräulein Read, ich störe doch nicht?, sagte er, ich schüttelte den Kopf. Der Tierarzt stellte die Gläser auf den Tisch, aber sein Platz blieb leer. „I leave you to it“, sagte er und nahm den Hund mit heraus. „Ich kann heute nicht mit Ihnen streiten, Priester“, sage ich und der Priester nickt. Ich schenke dem Priester ein Bild von St Sylvester, dem Kirchhof und dem kleinen windschiefen Haus. „Vergessen Sie uns nicht“, Priester. „Kommen Sie mich besuchen“, sagt er und ich nicke. Der Priester schenkt mir das Bild einer Amsel. „Fräulein Amsel“, so habe ich Sie genannt, bevor Sie erklärten, Sie seien der Jude“, sagt der Priester und legt mir den Schlüssel für St Sylvester in die Hände. „Bei Ihnen ist er in guten Händen“, sagt er. Ich sage: „Der Jude hat den Kirchturmschlüssel.“ Der Priester lacht, lacht so wie damals, als wir uns zum ersten Mal trafen an der Mauer, die den Kirchhof vom Garten trennt, der Priester lacht bis er weinen muss. Das Essen wird kalt und meine Hände sind es auch. Der letzte Sonntag im Jahr ist manchmal schon im Januar.

 

12 Bilder, ein Tag. Die Irland-Ausgabe.

Gestern war es wieder so weit. Ganz Bloggersdorf sammelte 12 Bilder eines Tages und da will auch die Außenstelle: Kleinst-Gälisch-Bloggersdorf nicht fehlen.
Ganz Bloggersdorf zeigt seine zwölf Bilder schon immer bei Draußen nur Kännchen

Not a dark noir film but my way to work. #1v12 #12von12 #ireland #thisisireland

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Der Weg ins Unterland sieht im Januar so aus. Würde ich einen dieser Film sehen in denen in irischen und walisischen Dörfern, Menschen am laufenden Band erstochen und im Moor vergraben werden, so würde ich wahrscheinlich schreiend die Straße hinunterrennen, da Filme mit Isabelle Huppert selten in kleinen Dörfern spielen und in den von mir so geschätzten Bollywood-Filmen der 60er Jahre immer jemand anfängt zu singen, schlurfe ich gähnend und oft summend vor mich hin.

Waiting. #2v12 #12von12 #coffee #dublin

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Dann passieren für viele Stunden lauter Dinge, die ich nicht ins Internet schreiben kann, bis ich auf jemanden warte, mit dem es eine weitere Angelegenheit zu besprechen gibt, die Fräulein Bond nicht mitteilen kann. Der Jemand verspätet sich, ich trinke Milch mit Kaffee und höre zwei Freunden zu, die sich über New York unterhalten. Die Mieten. Die Kälte. The vibe. Dann kommt der Jemand doch.

Late, late lunch. #3v12 #12von12 #lunch #saladeniçoise #kosher

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Wieder vergeht Zeit, ich habe Hunger wie ein junger Wolf und esse den riesigen Teller  Salade  niçoise auf, hernach verwandle ich mich wieder in das altbekannte Shetlandpony. Sollte auch Sie hartnäckiger Hunger in Dublin überfallen, so lege ich Ihnen sehr, das “ Cocotte “ in der Alliance Francaise ans Herz. Die Salate sind die besten, die sie in Irland finden werden und so der Gastraum auch eher nüchtern ist, kann man dort sehr, sehr gut verschnaufen.

-Hier Einsetzen größerer Panik- erst drei Bilder. Himmel hilf.

Foggy. #4v12 #12von12 #dublin #river #randomsnaps

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Dublin nebelt unterdessen so vor sich hin.

Ich schreibe Karte Nummer 301 an Deniz Yücel. 301 Karten, sagt mir eine Stimme ganz leise ins Ohr, das ist ja fast schon ein Jahr. Es gibt noch immer keine Anklageschrift.

Die Letzte macht das Licht aus. #6v12 #12von12 #dublin #tgif

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Die Letzte macht das Licht aus, das bin dann wohl ich.

Dinner. #7v12 #12von12 #ice #icebabyice #nice

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Abendbrot! Liebe Eltern, was Sie hier sehen, ist was passiert, wenn man Kinder von Schokolade freihält, denn trotz gelegentlicher Nussschokoladenexzesse in den Sommerferien bei meiner Großmutter, bin ich süßigkeitenfrei aufgewachsen und habe mich davon nie erholt.

A long standing tradition before the concert. #8v12 #12von12 #nationalconcerthall #dublin

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Vor dem Konzert gilt es Pralinen zu erstehen. Dies ist eine altehrwürdige Tradition, denn damals als ich ein kleines Mädchen war und mit meiner Großmutter in die Philharmonie ging, da bestach sie mich mit Pralinen, damit ich auch wirklich mucksmäuschenstill wäre. Die Tradition führe ich natürlich fort und im Konzertsaal verfalle ich sofort in eine krokodilsartige Starre und mich haben schon Konzertbegeleiter angestoßen, um zu überprüfen , ob ich noch am Leben sei.

My happy place. #9v12 #12von12 #nationalconcerthall #dublin

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Auf ewig ist der Konzertsaal, der Ort den ich am liebsten mag. Mein Spa-Day und Detox von wirklich allem, überhaupt erlebt man im Konzert auch immer wieder völlig kuriose Dinge. Heuer saß nämlich ein Mann neben mir, der mitten im Konzert eine kleine hölzerne Kralle, die an einem Stiel befestigt war, hervorholte und sich damit kratzte. Fast lautlos, in geübten Bewegungen und ohne den Blick vom Orchester zu wenden, bediente sich der Mann seines hölzernen Helfers. Kurios.

Das Programm und ach, ich liebe die Symphonie fantastique auch nach all diesen Jahren, ich kann mich nicht satt hören an ihr und immer wieder falle ich auf ein Neues in sie hinein. Was für große und dabei leichte und schwermütige Musik zu gleich. Ma erzählt sich Berlioz sei damals in eine Schauspielerin-Harriet Smithson– aus Ennis verliebt gewesen, die Ophelia in Paris gab, allein es fehlte ihm an Mut sie auf ein Glas Champagner zu bitten.

Who can spot the vet? #11v12 #12von12 #dublin #dublinbynight

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Der Tierarzt hat unterdessen und sozusagen in Sichtweite an einer Geburtstagsfeier teilgenommen und so wurde mir aus vertraulichen Quellen zugetragen, eine halbe Weißweinschorle getrunken. (Wein hat doch Schrillionen Kalorien? Nicht wahr?) Der Tierarzt jedenfalls musste im Auto so derart über den Mann mit seiner Holzkralle lachen, dass selbst das Meer anfing zu kichern, die Schafe grölten und St Sylvester heiser, hustend lachte.

Book& tea and nitenite. #12von12 #nitenite #nowreading #book #vonnegut

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Der Tag wurde mit einer letzten Tasse Tee und einem Buch beschlossen.

Ein Blick zurück

Zum letzten Mal in diesem Jahr, das Handtuch vom Halter, um die Schultern gelegt, der Ginster gähnt müde und müde bin ich auch, den steilen Pfad zum Meer herunterklettern. Vorsicht gilt es zu bewahren, denn der Pfad ist steil, das Meer aber rauscht so kalt und flaschengrün, wie ich es liebe. Noch einmal schlägt das Meer seine Hände über meinem Kopf zusammen und noch einmal wird alles leicht und schwerelos, am Ende auch ich. Der Wind lächelt spöttisch über die Frau im kalten Meer, das Meer aber ist unbekümmert, das zehn Uhr Schiff legt ab, nach dem 10 Uhr Schiff kann man die Uhr stellen, das 12 Uhr Schiff ist unzuverlässiger, das habe ich gelernt in den Jahren, in denen die Schiffe vorbeiziehen am rückwärtigen Fenster des kleinen, windschiefen Hauses. Einen Stein nehme ich mit, blank poliert für das Grab meiner Großmutter, die ich besuche, dabei ist der Friedhof wohl der letzte Ort an dem meine Großmutter sich aufhalten würde, sie und der Tod waren erbitterte Gegner, aber ich gehe doch wieder und wieder zum Friedhof, lege einen Stein auf den Stein mit ihrem Namen und fahre mit den Händen über den Namen, der mir am meisten fehlt. Noch aber läuft mir das Wasser aus den Haaren, blaue Füße und blaue Lippen, der Klabautermann würde mich als seine Schwester erkennen. Die Frau des Krämers erkennt mich auch so: „So long Fräulein Read On!“, „So long, Frau des Krämers“ rufe ich. Ein letztes Mal in diesem Jahr, das lugagge holdall packen, Bücherstapel vom Nachtisch nach unten tragen, das Kleid mit dem Norwegermuster zusammenrollen, die letzten Blumen aus der Vase nehmen, eine letzte Tasse Tee aus der blauen Tasse mit den weißen Tupfen trinken. Der Tee geht zur Neige. Der Priester lehnt in der Tür. „ Sie sehen nach Abschied aus, Fräulein Read On“, sagt er und ich nicke: „Kein Abschied ohne Tee und Gebäck“, sage ich und der Priester sieht müde aus und zwei müde Menschen sitzen am Tisch, der Blick geht aufs Meer und das Meer wird nicht müde Wellen gegen die Klippen schlagen zu lassen. Weißschäumend und wild ist die Welt unter dem Haus, eine Kirche auf Wellen gebaut, ist St. Sylvester, der Kirchturm so grau wie die tiefen Wolken. Möwengeschrei, in meinem Kopf verschwimmen die Weihnachtskantaten Johann Sebastian Bachs mit der Stimme des Priesters, nicht unangenehm, sondern fast überweltlich heiter. Auf dem grünen Sofa aber schläft der Tierarzt noch einmal auf eine halbe Stunde, nach dem langen Dienst der Nacht zusammengerollt an seinem Fußende liegt der Hund, die Katze aber schläft wie üblich auf der Sofalehne. Der Priester aber wird für die nächste Zeit zu allem auch noch Tierpension, aber von meinen Entschuldigungen über die schlechten Manieren des Hundes und die Manieriertheit der Katze will er nichts hören. Der Priester muss weiter, sein wehender Mantel flattert noch lange im Wind, da ist er längst schon im Unterland und ich lege das Plaid zusammen, gieße die Alpenveilchen in der Diele, lila Köpfe nicken mir zu, die alte Standuhr tickt, ein verirrter Sonnenstrahl wandert durch die Diele und für einen letzten Moment sitze ich auf dem Fensterbrett und schließe die Augen.

Auf dem Tisch, das weiß ich auch mit geschlossenen Augen, steht noch immer die blaue Schale mit den Äpfeln, rot, gelb und grün, Mandarinen daneben, ein Stapel mit Briefen, auf der Tischdecke laufen grüne Elefanten umher, neben der blauen Schale, steht die silberne Dose, schwere Ranken, in der Dose sammle ich Telefonnummern, verpasste Gelegenheiten, eine alte Rose, fast unlesbar gewordene Briefe, Schlüssel zu es denen das Schloss nicht mehr gibt und dann fällt mir ein, dass dieses Jahr nicht ein einziger Traum in die Dose gewandert ist. Geträumt habe ich nichts dieses Jahr, ich habe mir nichts vorgestellt, sondern durchgearbeitet und durchgehalten, die Dose blieb leer. Neben dem Tisch steht das alte Sideboard, auf dem Sideboard mehr Bücher und eine Kiste mit Mince Pies, Bilder aus diesen und anderen Tagen und eine Muschel mit abgeschürften Kanten. Eine Fallmuschel sozusagen. Noch einmal sage ich Bett und Tisch und Stuhl, Standuhr und silberne Dose. Man kann sich festhalten an Wörtern wie Tisch und Stuhl, kann sich am Bettrand festkrallen und an den Bücherschrank hängen. Dieses Jahr mit seinen langen Schatten aus Angst vor fast allem und vor allem dafür doch zu dumm zu sein, wie die Lehrer sagten, wann immer sie mich sahen, für etwas das Dissertattion heißt und für andere Leute da ist, aber nicht für mich, hieß es nicht, das Schicksal herauszufordern und ist das Schicksal nicht ein harter, ein unnachgiebiger Gegner? Ich weiß es nicht, im nächsten Jahr werde ich es wissen, die Verteidigung steht noch aus. Ein merkwürdiges Wort, eines jener Schauerwörter, dieses Jahr habe ich mich wieder und wieder an Tisch und Bett und Stuhl und der Schale mit Äpfeln festgehalten, in all den Nächten den einen wie den anderen. Zwei müde Schatten in einem Haus. Das Haus liegt im Schatten St Sylvesters, St Sylvester liegt im Schatten des Meeres. Dann aber wirklich Pass, Schlüssel, den Wollmantel, Keksdosen, Mince Pies, die Äpfel obenauf, noch einmal durch das Haus gehen, der Tierarzt stellt den Plattenspieler aus, Fenster zu, Licht aus, die Uhr schlägt. „Komm“ sagt der Tierarzt. Die Tür fällt ins Schloss.

Sag Read On, was machst du eigentlich den ganzen Tag?

Frau Frau Brüllen will es wissen. An jedem 5. eines Monats fragt sie in Klein-Bloggersdorf herum und der Kleinbloggersdorfer schreibt auf was er so erlebt. Et voilà.

Sechs Uhr: Aufgewacht zu Regen auf dem Dach und Wind in den Kiefern. Die alte Wildtaube ist misslich gestimmt. Rheumawetter sagt sie und ich nicke. Eine Hand von der Nusskernmischung streue ich ihr zu den Rosinen dazu. Missliche Tage soll man wenigstens mit einem guten Frühstück beginnen, sage ich ihr. Die alte Freundin Wildtaube nickt zustimmend, dann fliegt sie zurück unter das dichte Geäst der Tannen. Ein Tag für Buch und Bett, denke ich mir. Dann packe ich doch Handtuch und Schuhe ein und fahre hinunter zum See. Grau ist der See, aber immerhin der Regen hat aufgehört, der Wind fährt den Bäumen durch das schüttere Haar. Kalt ist das Wasser, aber warm ist der See im Vergleich zur irischen See. Vor der Kälte fürchte ich mich nicht so sehr ,wie vor dem Nöck. Aber der Nöck schläft vielleicht noch oder ihn rufen dringende Amtsgeschäfte mich behelligt er nicht. Lang sind die Tage seit so vielen Jahren, immer gehören meine Tage anderen als mir und eine halbe, kalte Stunde im See ist alles was für mich bleibt. Einatmen. Austamen. Weiteratmen. Blaue Lippen und das dicke Handtuch um die Schultern geschlungen. Als ich aus dem See steige ist es viertel vor Acht. Eine Kindergärtnerin und mir ihr viele Kinder kommen mir entgegen. „Der Hulk“ ruft ein Bub, ich wringe mir die Haare aus. Die Kindergärtnerin zeigt mit dem Finger auf mich. „Die Tante da spinnt ja“, sagt sie und zeigt mit dem Finger auf mich. Liebe Kindergärtnerinnen bitte zeigen sie doch nicht mit dem Finger auf andere Menschen, auch wenn sie selbst niemals im Winter schwimmen gehen. Die Kinder sehen alle aus, als führen sie gleich an den Polarkreis, dabei kommt schon ein Bus vorgefahren und die Kindergärtnerin schreit: DA KOMMT DER ONKEL GÜNTHER. Ich zwinkere dem Buben zu. Ich sagte ihm gern, dass eines Tages auch auf ihn die Freiheit wartet und das die Freiheit am größten ist, weht der Wind über den See. So winken wir uns zu.

Gearbeitet, dann ein schwarzes Kleid angezogen. Einen Blumenstrauß abgeholt und auf einen Friedhof gefahren. Nur wenige sind gekommen und das tut mir leid, denn er war für so viele da. Die Worte des Trauerredners sind von schleppender Länge, eine lange Kette von Banalitäten, ein Mann wie ein Fels sagt dieser Redner wirklich, fasst sich an den Schlips, gefällt sich in Redewendungen von der Humanmedizin und der Demut vor dem Leben. Ich starre auf meine Schuhe, der Mann dort im Sarg verachtete die Redensarten und sprach am liebsten nur mit den Frauen, die auf seiner Station Mütter wurden. Die anderen, auch die, die mit Sozialer Arbeit auf dem Zeugniskopf, nannten die Frauen die Assi-Mütter. Er sagte Schakkeline ohne Ironie, ohne Bedauern, er sagte Schakkeline wir machen das jetzt. Es wird kälter ohne ihn. Erde auf Erde. Dumpf fällt der Sand auf den Sarg. Ungehörig scheint mir das, dieses Jahr wird sein Name zum ersten Mal nicht neben meinem auf dem Weihnachtsdienstplan stehen. Ich muss schlucken. Der Redner sagt: „Er gab das Leben, nun ist es ihm genommen.“ Die liebe C. übernimmt ihre Schicht, flüstere ich ihm zu, dort am offenen Grab. Weiße Rosen dazu. Das hätte er gern gehört, da bin ich mir sicher.

Gearbeitet, dann die Tasche nach Irland gerichtet, ein Stück Käse gegessen, immer noch ist mir übel von dem Gerede des Mannes mit Schlips und dem Geruch der schweren, feuchten Erde. Die liebe C. angerufen, nur zehn Sekunden so getan als müsste ich nicht weinen. Die liebe C. hört zu. Es ist halb vier.

Im Bus zum Flughafen sitzt ein Mann neben mir. Ein Tweed-Jacket, grüne Cordhosen, Schnürstiefel, ein roter Schal, so unauffällig, dass ich den tätowierten Raben auf seiner rechten Schläfe erst spät bemerke, neben seinem linken Auge fliegen Vögel in den Süden, bewegt sich sein Augenlid, dann hebt der Vogelzug seine Flügel. Auf seinem linken Ringfinger sitzt ein blaues Rotkehlchen. Ich wünschte ich hätte ein Bild meiner alten Freundin der Wildtaube dabei.

Das Flugzeug nach Frankfurt ist voll. Hinter mir sitzen zwei Männer, die in Bitcoins machen: Super-Margen, bin auch voll der Typ, der auf Risiko geht. 2018 wird erst richtig geilo, dann geht Bitcoin an die Börse. Da wirst du transactions sehen, die sind unique. Jo, erst mal nur an der Online Börse, die mit den fünf Buchstaben. Ich vergesse immer welche das sind. So viel potential, das muss man abschöpfen. Wir sind dabei gewesen. Es geht voll ab. Dann wird das Flugzeug lauter und die Stimmen der Männer verschwinden, wie auch Berlin kleiner und kleiner wird. Als ich die Männer wieder hören kann, besprechen sie Fotoapparate. Spiegelreflexkameras sind voll banal. Ich habe eine Systemkamera. Ab 1500 Euro bist du dabei. Hab mir neulich ein Objektiv geholt, für 1600, so geil. Ich fotografiere die Milchstraße, sagt der andere, denn es ist schwer gegen diese Zahlen anzukommen, der andere lacht und empfiehlt einen Youtube Coach, der dir hilft voll krass zu performancen. Website Ranking ist essential. Kannst mich ja mal adden, sagt er großzügig zum Milchstraßenmann. Der schweigt nun beleidigt. In Frankfurt angekommen, macht er erstmal ein Uber klar.

In Frankfurt ist es still. Kehrmaschinen kreiseln langsam über den grauen Boden. Ich schreibe diesen Text, rufe den Tierarzt an, lese in Walter Kempowskis Echolot, wippe mit dem Fuß, beantworte Emails, um 21.25 Uhr geht es weiter nach Dublin.

Am Flughafen steht der Tierarzt, ‚Komm‘ sagt der Tierarzt und wir fahren durch die Dunkelheit zurück in das Dorf. Im Dorf ist es still, das Meer rauscht vor dem Fenster, aus meinen Haaren liest der Tierarzt Kiefernnadeln, hält sie zwischen den Händen, legt sie zwischen die Seiten eines geöffneten Buches.

„Deutscher Wald“, sagt er mit dem Lächeln aller Verliebten, sagt es leise und legt mir die Hand auf die Stirn, „deutscher Wald“ sage ich und weiß nicht ob die Deutschen sich noch so verlieben in eine Hand voll Kiefernnadeln, wie der Tierarzt und wie es einmal vor vielen Jahren in einem anderen Land mein Urgroßvater tat, der als Wiener Jud vor Sehnsucht nach dem deutschen Meer verging.

St Sylvester schlägt zwölf Uhr. Nur beim Priester ist noch Licht.

Flora und Fauna

Es ist also ein ganz gewöhnlicher Samstag Morgen, mir tropft das Meerwasser aus den Haaren, ich stehe am Herd und in der alten Stielkasserole quillt Porridge und ich rühre und rühre und rühre. Wie gewöhnlich lauert die Katze auf dem Fensterbrett, dass ihre warme Milch abgeschöpft wird und wie jeden Samstag steht der Hund hinter mir und glaubt, wenn er mir seinen Hundeschädel nur arg genug in die Kniekehlen rammte, würde er seinen Porridgeanteil schneller erhalten. Hier irrt der Hund, ich rühre, der Tierarzt sitzt auf der Anrichte, liest mir aus der Zeitung vor, schlenkert mit den Beinen, unterbricht die Zeitungslektüre, küsst mich auf die Nasenspitze und sagt: Mädchen, was schenkst du eigentlich Kälbchen zu Weihnukkah?“ Ich huste und während ich noch sagen will: „einen ausgedehnten Aufenthalt in einem Landschulheim für Rüpelkälber“, klingelt das iphone auf dem Küchentisch. „Tu mir die Liebe und nimm ab, sage ich zum Tierarzt, aber der Tierarzt bringt das Telefon zu mir herüber an den Herd und sagt: Ich weiß nicht, es klingelt so aggressiv. „Ach, sage ich, das ist nur die D.“ und während Hund und Katzen sich um die Stehlampe jagen, tippe ich auf den Lautsprecher und die Stimme der D, schallt durch die Küche des kleinen, windschiefen Hauses in einem kleinen, irischen Dorf.

„Diese Haselnuss, diese impertinente Person schreit die D. und man hört ein dumpfes Krachen am anderen Ende der Leitung. „Dieser Mann vom Verstand einer schimmeligen Seegurke, dieser Beißwurz“ donnert die D. und aus ihr spricht ein Zorn, wie er seit Zeiten der römischen G*tter selten geworden ist. In eine Atempause hinein frage ich: „D. wer hat Dir ein Leids getan?“ Die D. aber lacht nur höhnisch: „Der grünäugige Sellerie natürlich, wer denn sonst, es ist nicht zu glauben, dass ausgerechnet ich an einen Mann vom Gehalt einer Spreewälder Gurke geraten bin.“ „Oh, Spreewälder Gurken sind sehr gut, sage ich, wusstest Du eigentlich, dass meine Großmutter selbige in gewaltigen Tontöpfen einlagerte, kam der Winter?“ Von all dem aber will die wütende D. nichts wissen. „Lenk nicht ab Read on, diese Nachtschattengewächseite kannst Du Dir bei mir wirklich sparen. „Wäre ich eine Pflanze, liebe D. sage ich wäre ich ein Fliederbusch“, werfe ich ein und die D. wirft mit einem Buch. Ein Glück, dass Bücher nicht durch Telefone passen, sage ich mir und die D. schnarrt, dass ich wirklich etwas von einer ätherischen Pflanze hätte, denn auch sie ertrüge mich nur unter Betäubung. Ich muss kichern, während der Tierarzt langsam an den Rand der Anrichte rutscht. „Was ist denn nun vorgefallen?“, frage ich noch einmal und die D. fährt fort zu schreien: „Dieser hohle Kürbis, der T. hat mir einen Heiratsantrag gemacht.“ „Mazal tov“, rufe ich und die D. faucht: „Mazal tov?“ willst du mich verfluchen?“ Noch niemals seit der Erfindung des Penicillins haben Internisten und Chirurgen geheiratet. „Man lagert ja auch keine Birnen neben Äpfel Erdbeeren wachsen nicht am Walnussstrauch“ und wieder unterbreche ich die D. „Du weißt schon, dass Erdbeeren durchaus der Familie der Nüsse zuzuordnen sind, ja?“ Die D. aber mauzt nun vollends aufgebracht: „Erspare mir doch einmal Deine Spitzfindigkeiten, Read On. Du kannst wahrhaftig eine Kokosnuss zur Weißglut reizen.“ Inzwischen sitzen Hund und Katze still und ehrfurchtsvoll unter dem Küchentisch, dort säße der Tierarzt auch gern, aber der muss Zimt anreichen und tut es mit zitternder Hand. „Chirurgen“ schreit die D. „seien Pflaumen, von außen hübsch, von innen matschig, das Gehirn eines Chirurgen ist so groß wie eine Medjool-Dattel nach siebenzehn Wochen in der heißen Wüstenluft, jede Petersilienwurzel habe mehr Tiefgang als ein Chirurg und ein Kartoffelacker sei die Bibliothek von Alexandria gegen die dreiundzwanzig Vokabeln, die dieser Spezies zur Verfügung stehe.“ „Er hat dich richtig gefragt, mit Ring und allem?“, frage ich die D. „Ja, Ja, Ja“, schreit die D. „Dabei sind wir doch Naturwissenschaftler, da lässt man sich doch nicht zu so etwas hinreißen.“ Und was hast Du gesagt?“, frage ich weiter. „Er solle sich dahin scheren wo der Pfeffer wächst“, bringt die D. unter zusammengebissenen Zähnen vor.“ „Ouf, sage ich D. Du bist wirklich richtig verliebt.“ Die D. befindet daraufhin, dass Promotion hin oder her, mein IQ dem einer sehr kleinen Perlzwiebel entspräche. „Mazal tov, Süße“ rufe ich und die D. schmettert den Hörer auf. Der Tierarzt sieht fassungslos auf das nun stumme Telefon. Ich reiche der Katze Milch, dem Hund Porridge und fülle auch uns Haferbrei in die Schüsseln. Wieder klingelt das Telefon, Tierarzt, Katze und Hund zucken zusammen, aber es ist nur der T.

„Read On“, sagt der T., diese Frau, was glaubst Du, was sind meine Chancen?„Spätestens Montag sagt sie Ja“, sage ich und der T. atmet hörbar aus. „Diese Frau ist eine Chilischote“ sagt er und dann geht sein Pieper.

Der Tierarzt gießt Tee nach und sagt:“Mädchen, the Germans know their drama. The heat, the fire, there is desire lurking underneath their pores. They know what a lover’s tryst looks like, oh the passion. They glow from the inside, oh these Germans. What marvelous beings“. Den Tierarzt durchfährt ein heiliger Schauer.

Ich löffle Himbeermarmelade auf meinen Haferbrei und sage:
„Tierarzt wusstest Du, dass die liebe D. eine kleine Schwester hat und beuge mich über den Tisch, sie ist zwei Monaten wieder Single.“

Schweigend starren mich Hund, Katze und der Tierarzt an.

Es geht doch nichts über ein Samstagsfrühstück im Kreis seiner Lieben, denke ich mir und schiebe die Himbeermarmelade zum Tierarzt herüber.

An einem kalten Morgen

Kalt ist es, stehe ich auf. Die Heizung springt erst um sechs Uhr an, da bin ich schon lang aus dem Haus. Kalt ist, kalt sind die Dielen, kalt ist selbst der dicke Teppich auf dem Boden. Persische Rosen sind im Sommer auf dem Teppich, dunkelrot sind die Teppichblumen, hellgrün sind die Blumenblätter. Im Winter aber erfriert die persische Rose, legt sich das Eis über den Garten verschluckt das Grün. Ein eisiger Wind liegt über dem Teppich, blaue Zehenspitzen kehren aus dem kalten Garten zurück. Die Katze liegt unter einem Plaid auf dem Sessel vergraben und nur zwei Zentimeter Schwanzspitze künden von der Anwesenheit der Katze, die niemals auf die Idee käme vor Heizungsbeginn der Welt ihre Aufwartung zu machen. Der Hund schnarcht selig und streng verbotenerweise unter der Bettdecke und vielleicht deshalb um so seliger am Fußende des Tierarztes. Der Tierarzt aber zieht meine Decke zu sich herüber und rennt wahrscheinlich mit Kälbchen über eine Blumenwiese, sommerleichte Tage und seliges Blöken, so stehe ich allein in dem kalten Garten. Aber es ist noch zu dunkel um zu erkennen, ob die persische Rose doch all ihre Blätter verlor, in dem eisigen Winterwind. Der Wind fährt unter den Fensterrahmen hindurch, schaukelt auf den alten Dielen, ich suche Wollsocken, im Bad endlich warmes Wasser.

Das ist der Winter denke ich noch immer frierend, dicke Strumpfhosen mit einem Zopfmuster und ein langweiliges, aber dafür sehr warmes Kleid, eine Strickjacke aus dem bayerischen Oberland, die rote Borte ist vom rot der persischen Rose, und wärmer noch als das dicke Kleid. Mit Bedauern aber sehe ich doch an mir herab, denke an den praktischen Wetterfleck an der Tür und den gelben und furchtbar praktischen Schal. Vor ein paar Tagen nämlich in Berlin, da stand ich lange vor den Bildern von Jeanne Jeanne Mammen. Die Frauen auf ihren Bildern, aber ist alles Praktische fremd, sie haben gelbe Federn und rote Schuhe, ihre Frauen haben Mäntel, die alles versprechen und schon darum nichts halten müssen, sie tragen Ringe mit spitzen Steinen und in allen Taschen haben sie mindestens ein Geheimnis und nicht wie ich nur Zettel mit langen Listen vergraben. Die Frauen auf ihren Bildern tragen Kleider mit weitem Ausschnitt am Rücken und die Kleider sind aus Seide und schimmern türkis oder satt-orange. Die Frauen haben elegante Schals aus Chiffon und Stiefel mit denen man über Zäune klettern, vor allem aber tanzen kann. Das sind Frauen, die Verehrer haben, und diese Verehrer sind immer Herren, zweifelhaft was für Herren, das mag schon sein, aber immer tragen sie Zylinder und einen Mantel mit hohem Kragen, mag sein in den Taschen verbergen sie schon einen Brief an die nächste Frau, denn scharf ist an ihnen alles, auch was sie Liebe nennen, aber tanzen kann mit ihnen mindestens für eine Nacht und zwischen ihren Lippen, da liegen die Dornen der persischen Rosen.

Aber mehr Zeit habe ich nicht an die Bilder zu denken, denn in der Diele, da tickt beständig die Uhr, der Winter aber öffnet die Augen langsam und zögernd, da suche ich Schlüssel, nehme die Tasche, die Tür fällt ins Schloss. Draußen im Garten blühen keine Rosen mehr, aber den Augenaufschlag des Winters erkenne ich doch, Atemwolken vor dem Mund, die Schafe schlafen dicht aneinander gedrängt, der Winter und seine Augen, aber erinnern mich an jemanden, den ich einmal kannte, seine Augen waren weder blau noch grau, seine Augen waren Winteraugen, Eissplitter lagen in seinen Augen und der ganze Frost, hart und undurchdringlich, aber das verstand ich erst, da hatte ich kalte Hände, taube Fingerspitzen, blaugefrorene Nägel, die Verluste dieses Winter wiegen schwer, so hofft man jedes Jahr über den Winter zu kommen, sich noch einmal bis zum Frühjahr hinüberzuretten.

Vielleicht kommen im nächsten Jahr, die Rosen, der Garten, das Gras und der Himmel zurück, lauf Mädchen, lauf schreien die Möwen, ich laufe weiter, lasse die Eisblumen liegen, ziehe mir den Schal über die Nasenspitze, sehe dem Winter nicht in die Augen, da kommt der Zug, seine Fenster sind beschlagen. Weiße Atemwolken sind die Wintergardinen. Eine Frau malt mit dem Zeigefinger ein Herz mit einem Pfeil auf die beschlagene Fensterscheibe. Auf dem Hals trägt sie das Bild einer Rose, eine persische Rose vielleicht, dann fällt ihr Haar über die Blume und deckt sie zu.

Kopflos

In der Nacht kehrt der Sturm zurück in das kleine Dorf. Stößt gegen die Türen, rüttelt an den Fensterrahmen, wirft mit hässlichem Gelächter die Blumentöpfe des Priesters zu Boden, greift schließlich mit spitzen , kalten Fingern nach dem Dach des kleinen windschiefen Hauses, in dem ich lebe. Aber auf dem Boden, da stehe auch ich, mit wirr wehenden Shetlandponyhaaren, einem ausgeleierten T-Shirt mit einem Krokodil darauf, den Winterflanellbetthosen und einer Taschenlampe. Sturm gegen Fräulein heißt es und der Wind heult triumphierend auf, aber schon muss er sich die Hände vor das Gesicht halten, zu hell ist die Taschenlampe, zu erinnyengleich wehen die Haare und gräulich öffnet das Krokodil auf dem T-Shirt sein schreckliches Maul. Der Sturm aber dreht sich polternd und fluchend um, wirft eine Handvoll Gischt und Sand in meine Richtung, dann aber dreht er ab, um im Unterland nach losen Schindeln zu suchen.

Am nächsten Morgen wird der Sturm schauerliche Rache am von der Frau des Krämers angeschafften Weihnachtsmann genommen haben. Die Frau des Krämers hat nämlich einen riesigen aufblasbaren Weihnachtsmann angeschafft. Der Weihnachtsmann war zwei Meter fünfzig hoch, hatte eine ungesunde Gesichtsfarbe und da er nicht nur als Weihnachtsmann fungierte, sondern auch als Werbeträger hatte die Frau des Krämers mit schwarzem Edding quer über sein Gesicht geschmiert: „Ho Ho Ho- Christmas offers. Beats every High Street.“ Da die Frau des Krämers aber nicht allein auf die Kraft des Weihnachtsmannes und die Wirkung des schwarzen Eddings vertraute behängte sie das bedauernswerte Geschöpf mit blau, rot und grün funkelnden Lichterketten und da vor dem Krämerladen ein gewaltiger Baum steht, hieß sie den Krämer dickes Seil besorgen und am letzten Sonntag wurde der Weihnachtsmann unter Ächzen und Seufzen, unter Klagen und Schreien von der Tochter der Frau des Krämers, dem Elektriker und dem Krämer selbst am Baum gefesselt und wer immer unser Dorf durchfuhr, der sah sich einem gewaltigen Weihnachtsmann gegenüber, der mit dicken Seilen um die Brust und wackelndem Kopf an einen Baum gefesselt war. Die Frau des Krämers aber war stolz, stolz es den Städtern, die die Frau des Krämers herzlich verachtet einmal so richtig gezeigt zu haben, stolz darauf früher als alle anderen weihnachtlich sinnstiftend zu wirken, stolz darauf, dass unser kleines Dorf, weitab von den Lichtern der Stadt und seit Jahr und Tag schon ohne Straßenlaternen nun auch im Dunkeln rot, blau und grün fluoreszierte und niemanden der im Krämersladen eine Flasche Milch und Brot einholte, vergaß sie darauf hinzuweisen, dass der Weihnachtsmann dort drüben, genau der, der gefesselt am Baum hing, ihre und allein ihre Idee gewesen sei und bis auf den Tierarzt, der die Frau des Krämers der üblen Quälerei alter Männer bezichtige, machten wir alle Ahhhhh und Ohhhh und liefen so schnell wir konnten davon, denn wer weiß schon ob die Frau des Krämers nicht auch uns an Bäume kettete, verspräche sie sich dadurch höheren Absatz.

Dann aber kam der Sturm, gereizt ohnehin schon, durch meine Taschenlampe und mich, unbefriedigt darüber, mir das Dach nicht entreißen zu können. Was sind schon ein paar läppische Blumentöpfe für einen Herrn von und zu Sturm? Missmutig pfeifend, fluchend und schreiend, rannte der Sturm ins Unterland hinunter. Still lag das Dorf in seligem Schlummer. Die Frau des Krämers nämlich schwört auf warmen Whiskey als Einschlafhilfe: „Nur für die Gesundheit, Fräulein Read On“ und so schlief die Frau des Krämers tief und träumte vielleicht vom Weihnachtsmann draußen vor der Tür. Auch ich lag schon wieder im Bett, zog mir die Decke bis zur Nasenspitze und der Tierarzt murmelte etwas von: „Kälbchen, ach Kälbchen hast du kalte Zehen.“ Der Sturm aber rastlos und von heftigem Zorn gepackt, erreichte den Krämersladen, sah die Bank und den schlafenden, gefesselten Weihnachtsmann. Das Elend, das nun folgte ist kaum zu beschreiben und gesehen habe ich es ja auch nicht. Aber der Sturm tat sein grässliches Werk, ohrfeigte den Weihnachtsmann heftig, riss ihm ohne Gnade den Kopf ab, zerfetzte die Lichterketten, schlug ihm ein Bein ab und stie0 ihn so fest in die Rippen, bis die Luft aus seinen Rippen entwich. Dann hatte der Sturm genug vom Dorf und seinen Bewohnern, bestieg die gut vertäute Barke am Ufer und segelte schon davon, hinfort an neue Ufer und neue Dächer, als Pfand wohl behielt er den Kopf des Weihnachtsmannes, denn der blieb unauffindbar.

Am Morgen aber, ich rannte zur Bahnstation bot sich ein schreckliches Bild. Ein kopfloser, schlaffer Torso war alles was vom Weihnachtsmann blieb, so schlaff, dass auch die Seile ihn nicht mehr hielten, ein zusammengesunkenes, kopfloses Elend ohne Spannung und gänzlich beraubt seines Lebens und auch seiner Lichterketten.

Die Frau des Krämers aber stand nicht minder fassungslos vor den Trümmern ihres ganzen Stolzes. „Das ist Sabotage“ schrie sie und reckte die Faust zum Himmel. Der Krämer indes kehrte den traurigen Haufen, der einmal an einen Baum gefesselter Weihnachtsmann war, zusammen. Später sagte der Tierarzt, „die Frau des Krämers habe ein christliches Begräbnis für den so hinterrücks Ermordeten gefordert“, aber der Priester habe abgewiegelt und der Frau des Krämers versichert, dass aus ihr nur der erste Schmerz spreche“, die Frau des Krämers aber habe vor Zeugen versichert, dass der Weihnachtsmann gerächt werde und der Priester sich besser der Liebe zu aller Kreatur erinnern möge.“ Der Priester sei dann schnell gegangen. Das Barometer im Dorf aber stünde auf Sturm.