Fünf vor Zwölf

Kalt ist der Morgen und kalt ist mir nach der Nachtschicht. So kalt, dass mir die Zähne klappern, die Kälte hat sich irgendwann in der Nacht in meine Knochen gegraben, hat sich unter meine Haut gelegt, sich in die Fingernägel verbissen, krallt sich in meine Kopfhaut und hält sich fest an meinen Zähnen. Kalt ist mir und noch ist es dunkel, aber die Wolken wärmen nicht und der Mond ist anders als gestern Abend nicht mehr mild und sonnengelb, sondern ein grauer, ein dunkler Schatten, mit kalten Augen und wer weiß das schon, vielleicht auch einem erkalteten Herzen. Der Tierarzt steht auf dem Parkplatz und alles an mir klappert, denn mir ist so unendlich kalt. „Komm“, sagt der Tierarzt und im alten Volvo beschlagen die Scheiben. „Willst du mir von der Nacht erzählen?“, fragt der Tierarzt. Aber ich schüttle den Kopf und klappere mit den Zähnen.

„Komm“, sagt der Tierarzt, wir machen etwas Verrücktes.“ Der Tierarzt hält an einer Tankstelle an, Apple Green heißt sie, es riecht nach Benzin und im Laden der Tankstelle singt eine Frau von glücklichen Nächten. Der Tierarzt, kauft zwei Becher heiße Schokolade, ausgerechnet der Tierarzt, der noch drei Heidelbeeren die Kalorien zählt. Wir nippen am Kakao und der Tierarzt legt seine Hand auf mein Knie: „Damals als wir Kinder waren, hat meine Mutter Kakao gekocht, eine himmelblaue Kanne, und ein zerbeulter Emailletopf, und dann bricht der Tierarzt den Satz einfach ab und ich starre auf den roten Pappbecher mit der süßen Milch, der Tierarzt schüttelt den Kopf. Die Sätze über unsere Mütter führen nirgendwohin. Der Tierarzt wirft die Pappbecher in den Mülleimer und wir fahren weiter, bis ans Meer. „Jetzt im September ist das Wasser so warm wie nie sagst du Mädchen, und ich nicke. Ich binde mir die Haare fester zusammen und der Tierarzt hält Hose, T-Shirt, Wäsche, Socken und Pullover und ich laufe in das Wasser hinein. Das Meer leckt an meinen Füßen und das salzige Wasser legt sich mit der Kälte über meine Knochen. Ich schwimme immer in dieselbe Richtung, fast immer mit geschlossenen Augen und über mir reißt der Himmel auf. Eine kalte, blaue Wand, so als würde der Mond zum Ende der Nacht, die Schatten mit einer langen, kalten Dusche vertreiben wollen. Dass versuche ich ja auch schon seit Jahren, aber das kalte Wasser hilft nicht gegen die Schatten meiner Nächte und ich schwimme zurück ans Ufer und wenn schon nicht warm, dann bin ich wenigstens gut betäubt.

 
Zurück im Oberland, schließt der Priester gerade die Kirchentür zu. Der Priester geht zum Beten vier oder fünfmal am Tag nach St. Sylvester herüber und irgendwann fragte ich ihn einmal, ob er G*tt wohl eher im Kirchenschiff denn am Schreibtisch erwarte. Aber der Priester schüttelte den Kopf und sah mich an: „Fräulein Read On, als ich damals im Priesterseminar war, da habe ich das geglaubt, dass G*tt sich hereinschliche zu einer selbstgewählten Stunde, aber wenn das so einfach wäre und G*tt nichts weiter als ein höhergestellter Verwaltungsbeamter, der sich unserer Anliegen annähme, dann wären die Kirchen doch voll und die Frau des Krämers müsste nicht wieder und wieder mir erklären, dass sie gern eine neue Couchgarnitur hätte. Nach St. Sylvester hinüber gehe ich wegen des Lichts. Ich nickte und nicke auch heute Morgen und der Priester schneidet eine gelbe Rose für mich ab. „Für Sie Fräulein Read On“ sagt er, ich danke und dann fast schon scheu: „G*ttes Segen für Sie.“ Ich nicke noch einmal und der Priester und ich, die wir beide Gefühligkeiten misstrauen noch dazu religiös parfümierten, sind ernster als sonst miteinander.

Ich putze mir die Zähne und heißes Wasser läuft über meinen Rücken hinunter, ich leihe mir ein Tierarzt-T-Shirt und der Tierarzt deckt mich zu. „Wann musst Du los?“, frage ich und der Tierarzt sieht auf den alten Wecker, der auf dem Nachtkastel steht. Eine Stunde, sagt er und zieht sich den Pullover über die Schultern und ich drehe meine Füße in seine Knöchel hinein. Der Tierarzt riecht nach Kakao, Sandelholz und ihm selbst. „Danke“, sage ich und der Tierarzt vergräbt sein Gesicht in meinem Nacken. Ich bin so müde, aber noch nicht müde genug, um nicht noch einmal zu fragen: „Tierarzt, deine Mutter, die himmelblaue Kanne, der Emailletopf.“ Für eine ganze Weile sagt der Tierarzt nichts, nur sein Herz schlägt gegen meinen Rücken und ich bin mir nicht sicher, ob ich nicht doch schon eingeschlafen bin, aber dann sagt der Tierarzt, das was ich schon ahnte, denn es sind die Geschichten meiner langen Nächte: „immer, wenn mein Vater mich oder meinen Bruder schlug, kochte meine Mutter Kakao.“ „Vielleicht murmelt der Tierarzt“ hat es damals angefangen, aber ich weiß es nicht mehr genau, nur, dass ich mich übergeben musste von der warmen Milch und der süßen, immer klumpigen Schokolade.“ Dann schlug meine Mutter mich: „Was bist du nur für ein undankbares Kind“ und der Tierarzt, der doch so viel größer ist als ich, vergräbt sich für eine dreiviertel Stunde in mir, so als könnte man sich auch noch nachträglich, viele Jahrzehnte später, verstecken, vor den Schlägen und dem Kakao in der himmelblauen Kanne.

Dann klingelt der Wecker und der Tierarzt geht ins Bad, als er zurückkommt, zieht er den Wecker für mich auf. „Wann willst Du geweckt werden, Mädchen?“. „Fünf vor 12 Uhr“ sage ich und der Tierarzt sieht mich lange an.

 

 

Zeitgeist

Eine Frau setzt sich im Zug neben mich. Dabei ist der Frühzug so leer wie niemals wieder. Mir schwant Arges und schon hebt sie an: „Sie stehe im direkten Kontakt mit den Engeln“, sagt sie und wirft mir einen finsteren Blick zu. Ich gähne und nicke: „ Wie schön“, sage ich aber sie versteht es als Aufforderung mir von den langen Engelskonversationen denen sie teilhaftig wird, zu berichten. Sie spricht lange von der Sünde und dem Zorn der Engel und aus ihrem Mund riecht es faulig und ich wünschte die Engel würden mehr über Zahnpasta sprechen und nicht so arg viel über den Sündenpfuhl und die Schande. „Möchten Sie einen Kaugummi?“, frage ich sie, denn mir macht der Geruch sofort Übelkeit. Sie starrt mich für einen Moment fassungslos an und schreit: SIE KÖNNEN DIE ENGEL NICHT HÖREN. IHRE OHREN SIND MIT WACHS VERSCHLOSSEN. ( Ich wünschte meine Ohren wären mit Wachs verschlossen, aber leider ist dem ja nicht so. ) „Die Engel würden sich das alles, alles merken“, sagt sie und schüttelt die Faust dann bricht sie in Tränen aus und steigt aus.

Mit einem Stapel Unterlegen in den Armen laufe ich einmal quer durch zwei Gebäude, seige 174 Treppenstufen nach oben und klopfe dreimal gegen eine Tür. „Herein“, flüstert es und ich trete ein. „Guten Morgen“, sage ich, Fräulein Read On, Angnehm, ich komme in Angelegenheit“, weiter komme ich nicht, denn die Frau am Schreibtisch steht auf und greift nach meiner Hand. Noch mehr als Sellerie aber hasse ich, fassen mich fremde Menschen an. Ich kann das einfach nur sehr schlecht vertragen und vor Entsetzen fallen mir die Akten aus der Hand. Die Frau starrt mich an und schon schluchzt sie: „Meine Mutter ist tot.“ Als ich endlich ein Taschentuch herausgefummelt habe, sind zwei Aktendeckel durchgeweicht. „Das tut mir leid, sage ich, das tut mir sehr leid, sage ich, wie man eben so dahin stammelt, ich kenne nicht einmal den Namen der Frau. Aber das die Frau nicht arbeiten kann ist klar. „Bitte setzen sie sich doch hin“, sage ich und die Frau sinkt auf einen Stuhl und schluchzt. Ich drücke ihr ein zweites Taschentuch in die Hand und klopfe an zwei weitere Türen, die dritte Tür öffnet sich. „Ihrer Kollegin geht es nicht gut, sage ich.“ “Oh, sagt der Kollege und starrt die Frau an die ihr Gesicht in den Armen vergräbt und weint. „Können Sie nicht?“, sagt er. Ich schüttle den Kopf. „Rufen Sie jemanden an“, sage ich und ziehe ein drittes Taschentuch hervor. Dann nehme ich den Aktenstapel und gehe zurück. Der Kollege bewegt sich langsam auf das Telefon zu. Ich lehne noch einen Moment gegen die Tür, bis ich höre wie der Kollege sagt: „Ja Hallo, hier ist der G….“

Die Auszubildende ist aus den Ferien zurück. „Sie habe alles vergessen“, sagt sie. Sie weiß nicht mehr wie der Bürostuhl zu verstellen geht, oder wie man Dokumente mit dem Klammeraffen aneinanderheftet, sie weiß nicht mehr wo die Büroklammern sind und wie der Computer mit dem sie seit drei Jahren arbeitet angeht, hat sie auch vergessen. Das Passwort hat sie nie gehört und das Telefon klingelt herzzereißend. Sie weiß nicht mehr, dass sie auf die grüne Taste für „Annehmen“ drücken muss. Ihr Notizheft hat sie verloren und den Schreibtischschubladenschlüssel hat sie verloren. Ich grinse hämisch und hole das 15er Skalpell zur Hilfe. Ich heiße Sie Blumen gießen, sie schmollt: „Das ist doch was für Babies.“ Ich lächle süßlich. „Unterschätzen Sie Babies nicht“, sage ich und sie ertränkt die Foyerpalme. Tee kochen kann sie auch nicht mehr: „Der Wasserkocher sei viel zu schwer.“ Die Briefe frankiert sie alle auf der der falschen Seite und ich lasse sie die Briefmarken wieder abfummeln und sie stöhnt: „Wie ich Sie hasse!“ Ich nicke, denn ich habe schon Schlimmeres über mich gehört.

Wie man die Druckerpatrone des Kopierers wechselt hat sie vergessen und die Briefe kann sie nicht zur Post tragen, weil sie sich nicht mehr erinnern kann, wo die Post ist. Diktate abtippen kann sie auch nicht, weil ihre Finger weh tun und als die Geschirrspülmaschine ausräumt, zerschlägt sie zwei Tassen und kann Kehrblech und Handbesen nicht finden. „Um zwei Uhr“ bin ich zurück rufe ich und heiße sie Kartons zerreißen. Als ich zurückkomme, ist ihr Büroplatz verwaist, das Telefon klingelt unermüdlich, die Kasse steht geöffnet auf dem Schreibtisch, alle Türen stehen offen und in der Küche läuft der Wasserhahn. „Ist das Absicht, dass die Türen offen stehen?“, frage ich die Auszubildende, die mit einer letzten Rauchwolke vor dem Mund zurückkehrt. Sie starrt mich an, bricht in Tränen aus, und verschwindet von dramatischen Schluchzern geschüttelt auf die Toilette. Wenigstens hat sie über die Ferien nicht vergessen, dass sie zum Rauchen vor die Tür gehen soll.

Der Tierarzt ist schon zu Haus. Er bügelt und hört, denn der Tierarzt ist ja von überwältigender Liebe zu Deutschland gepackt, Nietzsches „Jenseits von Gut und Böse“ in einer irgendwann einmal in meinen Besitz gelangten Hörbuchfassung und wie alle Verliebten, ist es ganz gleich, dass er kein Wort versteht, hört er die Geliebte nur reden. Ich ziehe die Schuhe aus, hänge den Mantel auf, werfe die Tasche auf den Küchentisch und drehe Nietzsche leiser: „Mädchen, lächelt der Tierarzt, wie war dein Tag?“ Ich habe, lieber Tierarzt, sage ich seufzend und küsse ihn auf die Nasenspitze, heute lauter Frauen zum Weinen gebracht.“ Der Tierarzt aber küsst erst meine Mundwinkel, und legt das Bügeleisen aus der Hand: „Mädchen, sagt er und macht eine kleine Kunstpause : that is so very zeitgeisty of you!“

Ausreißer

Es regnet. Es regnet sogar sehr. Der Wind klappert gegen die Fensterläden und ich mache mir ein Marmeladenbrot. Der Hund jaunelt, weil er kein Marmeladenbrot abbekommt und die Katze lacht über den Hund, denn wenn die Katze ein Marmeladenbrot will, dann würde sie sich eines machen, nur sie will eben keines. Sie hat ja Prinzipien. Die Uhr zeigt 9.05 Uhr und dann klopft es an der Tür. „Fräulein Read On, Fräulein Read On“, ruft der Nachbar atemlos auf dessen Weide Kälbchen Obdach gefunden hat: „Kälbchen ist ausgerissen.“ Ich verfluche den Tag an dem der Tierarzt Kälbchen anschleppte, dann springe ich in Gummistiefel, und stopfe mir die Jackentaschen voller Karotten und renne los. Der Tierarzt, ist aushäusig und ich verfluche einen Orang-Utan mit Zahnweh, der für diesen Zustand verantwortlich ist. Kälbchen hat zwar feuchte Kälbchenaugen und tut als sei es die Unschuld selbst, aber vor allem hat Kälbchen herausgefunden, wie man das Weidegatter öffnet und wenn der Tierarzt nicht so kommt, wie Kälbchen sich das vorstellt, dann macht Kälbchen sich eben selbst auf die Suche und geht spazieren. Nur spaziert eben nicht nur Kälbchen auf der Straße entlang, sondern es biegen Autos um die Ecke, Rennradfahrer heizen die Straße entlang und dann und wann tuckert ein Traktor vorbei und man kann sich alles mögliche vorstellen, nur ein zerdrücktes, zerquetschtes, überfahrenes Kälbchen, dass möchte man sich wirklich nicht vorstellen. Ich renne zur Weide herunter und schreie die anderen Kühe an: „Welche Richtung, los sagt mir  schon welche Richtung!“ Die Kühe sehen mich langsam wiederkäuend an, drei Kühe wedeln mit dem Schwanz: eine nach links, zwei nach rechts.  Dann starren sie wie ich finde impertinent und verschlagen zu mir herüber und kauen stumm weiter. „Sehr hilfreich, vielen Dank auch“, murre ich und renne den vermatschten Weg hinter der Weide entlang, ich rufe: „Käääääääälbchen“ und „Kälbchen, komm zu Read On“. Zwei Spaziergänger starren mich an als sei ich einer Anstalt entlaufen, aber es hilft ja nichts. Ich renne und rufe und renne und rufe und renne, immer weiter in Richtung Wasser, denn Kälbchen weiß nicht nur, wie man das Gatter aufbekommt, sondern auch, dass von dort ein Weg Richtung Oberland, sprich zum Tierarzt führt. Und tatsächlich Kälbchen steht vor einer Pfütze und schlürft Wasser und patscht mit den Hufen im Schlamm. Ich atme durch. Ich habe Seitenstechen und meine Stiefel sind schlammbedeckt. Es regnet ja auch schon seit gestern Abend. „Kälbchen“, rufe ich! Kälbchen dreht mir sein Hinterteil zu. „Hör mal Kälbchen“ rufe ich und dann sage ich jenen Satz, den ich als Kind gehasst habe: „sieh mich gefälligst an, wenn ich mit dir rede.“ ( Funktioniert aber ). Vielleicht hat aber Kälbchen auch nur die Karotten in meiner Jacke erspäht und jetzt gilt es taktisch klug vorzugehen, ich halte also eine Mohrrübe in Richtung Kälbchen und gehe rückwärts in Richtung Heimatweide davon. Für 500 Meter glaube ich zu triumphieren: Kälbchen läuft willig der Mohrrüber hinterher. Dann verfängt sich mein Gummistiefel in einer Schlingpflanze und ich knalle rückwärts in eine Pfütze: „PLATSCH“. Als Moorleiche richte ich mich wieder auf. Kälbchen grinst und knuspert eine Möhre, die mir aus der Tasche fiel. Ich mache Kalbsschnitzel aus dir, rufe ich und Kälbchen grinst, marschiert an mir vorbei, verfällt in einen leichten Trab und die Spaziergänger rufen: „Oh ein Kälbchen, wie süüüüüß.“ Dann fällt ihr Blick auf die hinter Kälbchen herhetzende Moorleiche. Ihre Blicke sprechen Bände. Ich starre finster zurück. Kälbchen blökt und die Spaziergänger rufen: „Geben Sie gut auf Kälbchen acht.“ Ich unterdrücke mühsam den Ruf nach Kalbsgulasch und renne weiter. Vor der Weide lässt Kälbchen sich eine weitere Mohrrübe reichen und dann schnappt es mit dem Maul nach dem Torriegel und stolziert zurück zu den anderen Kühen. Ich zisches Böses und der Nachbar sichert das Tor mit einem Fahrradschloss. Dann wanke ich zurück nach Hause. Dort ist inzwischen auch der Tierarzt eingetroffen.

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Von wegen Idylle

„Mädchen, sagt er, warum bist du so schlammbedeckt?

„Tierarzt, warum hast Du Kälbchen nicht besser erzogen?“, knurre ich.

„Mädchen, Kälbchen so jung verwaist, so anhänglich, so zart, und so klug, braucht eben besonders viel Liebe und Nachsicht. Der Tierarzt hat feuchte Augen.

„Tierarzt rufe ich und ziehe vergeblich an einem verschlammten Stiefel: Kälbchen braucht klare Regeln, eine strenge Hand, Konsequenz, klassische Musik zur Beruhigung, eine Aufgabe und KONSEQUENZ, KONSEQUENZ UND NOCHMAL KONSEQUENZ.“ Dann endlich ist der Stiefel vom Fuß.

Der Tierarzt lacht schallend: KONSEQUENZ, KONSEQUENZ, KONSEQUENZ und das ausgerechnet von Dir Mädchen?“ Weißt Du noch als Du Moos gesammelt hast, damit die Igel im Garten wohler ruhen und dass Su deine alte Freundin Wildtaube mit Rosinen aus dem Bioladen fütterst? Der Tierarzt quietscht vor Lachen und japst nach Luft.

„Ungeschwefelte Rosinen“, sind halt besser und gesünder“, schnarre ich und reiße am anderen Stiefel und außerdem hat mich die alte Freundin Wildatube noch niemals in Schlammbäder verwickelt.

Der Tierarzt lachtkreischt wie eine Hyäne: U-N-G-E-S-C-H-W-E-F-E-L-T-E Rosinen. Ich schleudere den zweiten Stiefel in den Flur und mache ein vertrotztes Gesicht:

„Sehr witzig, Tierarzt.“  Du bist so witzig“. Der Tierarzt schnappt nach Luft. Ich werfe die verschlammten Hosen, das nasse T-Schirt und die eingesaute Jacke in die Waschmaschine, der Tierarzt kichert wie wildgeworden, hinter ihm hopst die Katze auf den Küchentisch und beißt herzhaft in das Marmeladenbrot. Der Hund jaunelt, ich stapfe die Treppe hinauf und schließe vor dem Badezimmerspiegel die Augen. In meinen Haaren kleben Schlammbrocken, ich drehe das Wasser auf und eine braune Brühe läuft an meinen Beinen herunter. Selbst durch das rauschende Wasser hindurch kann ich das wiehernde Gelächter des Tierarztes hören: Konsequenz, kichert er, Konsequenz. Kalbskotelett murmele ich, ganz bestimmt, schon bald, wenn ich wieder trocken bin.

Zwischenräume

Die ganze Woche über in einem anderen Büro verbracht und mich mit leidigen organisatorischen Dingen herumgeschlagen. Anders als in meinem eigentlichen Büro, ist jenes ebenerdig gelegen. Große Glasscheiben, die bis auf den Boden reichen. Im Eck ein trauriger Gummibaum. Der Kalender an der Wand zeigt den 13. 7. 2011. Ein Alpenpanaroma. Auf einem Sideboard steht die Kakteensammlung des eigentlichen Bürobewohners. Über den Bürobewohner wissen die Büronachbarn nichts zu sagen. Sie zucken nur die Schultern. „Er ist halt immer da drinnen“, sagen sie und zucken mit den Schultern. „Sie hätten auch besseres zu tun, als sich um jeden zu kümmern. Als ich die Schreibtischschublade aufziehe, finde ich kleine, leere Schnapsflaschen. Ich bin nicht überrascht. Die Kakteen starren stumm zu mir herüber. Ich schließe die Schreibtischschublade wieder ab.
Ich weiß nichts über Kakteen, ich habe nie auch nur einen Kaktus besessen und die Frau des Krämers, die eine ganze Blumenbank besitzt, hat keine Kakteen unter ihren vielen Blumen.
Die Kakteen sind ähnlich verstaubt wie der Kalender. Staub wie Mützen liegt über ihren stacheligen Köpfen. Sitze ich am Schreibtisch ist mir als atmeten die Kakteen sichtlich bemüht, seufzend und keinesfalls freundlich gesinnt, sondern von widerspenstiger Feindlichkeit, so als störe meine Anwesenheit eine Lebensweise in der Zeit keine Rolle spielt. Die Kakteen riechen nach abgestandenem Wasser, nach Gleichgültigkeit, so weit fortgedrungen, dass es selbst den sauren Geruch nach Schweiß und Tabak übertüncht. Ein leerer Blumentopf ist voller Kippen und über den Kippen: vertrocknete Kakteenblüten. Öffne ich das Fenster und ich öffne das Fenster oft, steigen dünne Staubwolken auf und mir ist als rückten die Kakteen enger zusammen, ein stachliger Wall gegen die frische Luft und wohl auch gegen meine Anwesenheit.

Der Himmel ist noch immer milchig, grau und über allem liegt eine dumpfe Schwere. Vor dem Fenster schlafen zwei Obdachlose, eng in froschgrüne Schlafsäcke gewickelt, aufgeschnittene Pappkartons sind ihnen Unterlage. Neben ihnen stehen zwei Plastikbeutel. Habseligkeiten, was für ein schönes, deutsches Wort, sagt man. Hier ist aber nichts schön, hier liegen Menschen auf dem kalten Boden. An ihnen vorbei laufen Anzugmänner und Anzugfrauen, Kaffeebecher und Telefone in den Händen, Bauarbeiter mit dicken Schinkenbroten, Jugendliche mit Kaugummi und alle haben ein eiliges Leben, dazwischen schlafen zwei, und hinter der Glasscheibe sitze ich, Tee und Telefon und das Telefon klingelt und der Tee ist kalt. Eine Gruppe Touristen fotografiert die Obdachlosen. Ein schöner Kontrast: das regengraue Dublin und die Männer auf der Straße. Grell und grün sind die Schlafsäcke. Die Touristen haben Regenschirme und Rucksäcke. An den Rucksäcken haben sie Buttons gepinnt: Peace und Love und No Trump und dann halten sie ihre teuren Kameras auf die Männer und die Kameras machen: click, click, click. Ich mache das Fenster auf. „Schämen Sie sich nicht?, rufe ich den Touristen entgegen. Die Touristen starren mich an. Ich starre zurück. Dann laufen sie weiter. Als ich das Fenster schließe sehen die Kakteen zu mir herüber und ich glaube sie flüstern: „Ach, so eine bist du.“ Ich funkle die Kakteen an: „Ja, genau so eine bin ich.“

Nachmittags sitze ich mit der D. in einem hellen, kleinen Café, große Schaufensterscheiben, wir löffeln Suppe und die D. erzählt mir von der neuen Liebe ihres Lebens, dessen einziges Manko zu sein scheint, dass er Porzellanpuppen sammelt und ganze Wochenenden damit zubringt durch die Lande zu fahren, um neue Puppen zu erstehen. Aber ich höre ihr nur halb zu, vor dem Fenster stehen drei Mädchen, jung, viel zu jung, für Bierflaschen und Zigaretten. Sie lutschen Lollis, rauchen und schließlich schwanken sie betrunken auf die andere Straßenseite und setzen sich auf die Stufen und warten auf eine Gruppe junger Männer. Die D. legt ihre Hand auf meinen Arm. „Du kannst nicht alle Mädchen wieder auflesen“, sagt sie und sieht mich mit jenem mitleidigen Blick an, mit denen mich alle Menschen ansehen, so als würde nur ich mich verweigern, den Lauf der Welt doch endlich zu verstehen, endlich auch von etwas abzulassen, was doch ohnehin keinen Sinn macht.„Ich muss zurück“, sage ich zur D. und schüttle ihre Hand ab.“ Aber ruf mich an, ruft die D. mir hinterher.

Im Büro lese ich Indien Nachrichten, während ich weiter telefoniere. Dieses Telefonat führe ich jede Woche zweimal und längst ist es ein Theaterstück mit festen Rollen, die Frage ist nur wer eher einknickt. In Indien ist der Sektenführer Ram Rahim Singh aufgrund zweier Fälle von Vergewaltigung verurteilt worden. Die Fälle reichen bis in das Jahr 2002 zurück, der Journalist, der den Fall aufdeckte, Ram Chander Chatrapati ist längst erschossen worden und die organisierten und gewalterprobten Anhänger Rahims liefern sich Scharmützel mit der Polizei. Der Der Guru, der sich gern als Popstar inszeniert , mit besten Kontakten zur Regierungspartei BJP natürlich hat Anhänger, die schwören Indien auszulöschen, wagte es jemand ihrem Guru ein Haar zu krümmen. 28 Menschen sind inzwischen tot und ganz Chandigarh ist abgeriegelt. Ich schreibe den Freunden in Chandigarh. Stay safe, stay safe. Damals als ich nach Delhi kam, wohnte ich in Chandni Chowk und wie ich in Chandni Chwok wohnte noch viel naiver als die D. glaubt, realisierte ich, dass ein Pandit ( ein Priester ) ein zehnjähriges Mädchen zu ehelichen gedachte. Ich ging zur Polizei. Die Polizei nickte: „we investigate.“ Dann fuhr ich über das Wochenende zu Freunden nach Chandigarh, als ich zurückkam war meine Wohnung ausgebrannt. Frau Rajasthani, die ich damals kennenlernte, schüttelte den Kopf: Read On, du darfst doch niemals ins Erdgeschoss ziehen. Ich sah sie an, aber sie lächelte nicht, nicht über mich, noch über das was ich wollte. „Du ziehst zu uns, sagte sie“ und ich nickte.
Dann lege ich das Telefon auf. Vor dem Fenster steht ein Mann und raucht.

Bevor ich gehe, um am Montag in mein Büro zurückkehren, kaufe ich einen Kaktus. Der Kaktus hat gelbe Blüten. „Danke für Ihr Büro, schreibe ich auf den Zettel und „geben sie auf Sie acht.“ Das schreibe ich immer, seitdem ich auf die ausgebrannte Wohnung starrte. Dann ziehe ich die Bürotür hinter mir zu. Die Kakteen atmen auf. Ich atme ein.

Die Sache mit Rosalie oder das Ende des Sommers.

Ich schneide Tomaten und dann klopft es gegen die Tür. Der Tierarzt verdreht die Augen: „Die Frau des Krämers.“ Die Frau des Krämers ist außer Atem und schreit: „Sie müssen kommen.“ Sofort. In ihrer Hand hält sie einen zerbrochenen Besenstiel. „Warum?“, fragt der Tierarzt. Die Frau des Krämers hechelt: „Streit. Feriengäste. Blut. Rosalie.“
Wir rennen der Frau des Krämers hinterher. Wie fast alle im Dorf beherbergen auch der Krämer und seine Frau Feriengäste. Die Jugendlichen machen einen Sprachkurs in Dublin und wenn sie keinen Sprachkurs in Dublin machen, dann sollen sie in Gastfamilien das Flair des irischen Lebens kennenlernen. Die Jugendlichen kommen aus den Dörfern Oberitaliens, aus spanischen Städten, die keiner kennt und aus Offenbach. Bei der Frau des Krämers wohnen also seit Mitte Juli Armando und Fernando und beim Hühnernachbarn in der Mansarde leben seit fast vier Wochen Timo und Enrico. Als wir den Dorfladen erreichen, fehlen Armando zwei Zähne, Fernando blutet aus der Schläfe, Timo hält sich die Rippen und Enrico hat ein blaues Auge. Der Krämer steht zitternd zwischen den jungen Herren und sagt: „Wie die Vandalen!“ Mit dem Besenstiel musste ich sie trennen.“ Die vier Jungen sehen vertrotzt auf den Boden. „Tierarzt sage ich: Fernando muss genäht werden und das blaue Auge muss sich auch gleich jemand ansehen.“ Der Tierarzt seufzt und nickt, dann sprintet er zurück ins Oberland und holt den treuen Volvo. Ein Junge nimmt neben dem Tierarzt Platz, während der andere in den Fond klettert. Ohne Sicherheitsabstand geht es nicht. Dann fahren der Tierarzt und die Buben ins Krankenhaus. Zurück bleiben Armando, Timo und ich. Trotz des Sprachkurses in Dublin nämlich hat die Frau des Krämers nicht herausfinden können, warum der Streit erst entbrannte und dann im Faustkampf endete.

„Timo, sage ich also mit bester Gouvernantenstimme, was ist denn passiert?“
Timo spuckt auf den Boden: „Wir sind stolze Offenbacher“, brüllt er und will Armando wieder an den Kragen. Aber dazwischen stehe ja ich. „Ruhig, ruhig“, sage ich.
Mein Spanisch ist non-existent, aber immer habe ich breites Südfranzösisch vorrätig und sehe fragend zu Armando herüber, der springt auf und hält mir sein Telefon entgegen: Rosalie! Mi corazón! Dann schlägt er sich mit der Hand auf die Brust etwa dort, wo er sein Herz vermutet.
Das Mädchen auf dem Bild hat große, geschminkte Augen und trägt einen Haarreif mit Katzenohren und auf dem Bild liegt ihr Arm um einen selig grinsenden Armando geschlungen.
Schon aber springt Timo auf und hält nun seinerseits ein Telefon vor mein Gesicht: „Rosalie, liebt nur mich.“ Auf dem Bild lächelt das gleiche Mädchen mit großen Kulleraugen und gespitzten Mund in die Kamera. An ihrer linken Hand hält sich ein selig grinsender Timo fest.

Dann stehen sich die beiden jungen Herren gegenüber, zerrissene T-Shirts, lädierte Gesichter, Löcher in den Hosen und überhaupt umgibt sie etwas äußert Derangiertes, ich stehe in der Mitte und über meinen Kopf hinweg strecken Armando und Timo ihre Telefone in die Höhe und dann schreit es :

Armando: Rosalie! Mi vida!

Timo: Rosalie! MY BAE!

Armando: Rosalie, Mi amada!

Timo: Rosalie ist Bling.

Armando: Rosalie, Mi querida!

Timo: Rosalie ist meine Kirsche

Armando: Timo, el bicho!

Timo: Ey willste noch mal meine Fäuste spüren?

Armando: Oh, Rosalie

Timo: Ohhhhh, Rosalie!

Dann sind beide Kontrahenten für einen Moment sehr still und starren sich feindselig an. Ihre Telefone halten sie wie Ritter ihre Schwerter gegeneinander gerichtet und dazwischen stehe ich. Ich sage: „So jetzt einmal ganz ruhig.“ Aber damit komme ich nicht weit, denn

Armando reißt sich sein Hemd auf. Auf seine Brust hat er mit Edding ein Herz mit Pfeil geschmiert und darunter steht „A und R“ Er brüllt „Rosalie, Corazón! Und schlägt sich wieder auf die Brust.

Timo starrt ihn an. Das wäre ihm auch gern eingefallen, denn zweifelsohne die Geste hat Grandeur. Aber dann gewinnt der Stolz auf Offenbach die Oberhand: Er schreit während er auf und abhüpft: Rosalie und dann „Es gibt nur ein Offenbach, Offenbach-Rosalie-Offenbach. Es gibt nur ein Offenbach.“ Fast wäre das schon melodisch hätte Timo sich nicht schon so heiser geschrien. Ich will mir schon ein Kichern verkneifen, da zieht Timo ein Taschenmesser und krakeelt: „Offenbach-Blut-Rosalie.“ „Ich sage: Timo, gib mir jetzt sofort das Messer.“ Zum Glück ist Timo so aufgeregt über Offenbach und Rosalie, das sein Messer in meine Hand hält. Ich sage sehr laut den einzigen spanischen Satz, den ich kennen:

„Madre de Dios!“ Es verstummen Timos Sprechgesänge und Armandos Rosalie Gekrähe. Für einen Moment lang glaube ich, mein beherzter Ausruf habe die beiden Kontrahenten zum Schweigen gebracht. Aber ich sollte mich irren. Denn Rosalie kommt die Dorfstraße entlang. Rosalie trägt einen schwarzen Overall mit pinken Blumen, und rosa Sandalen mit dicken weißen Sohlen. Sie trägt ein schwarzes Käppi und um ihre Schultern liegt ein blasser Jungenarm. Der Junge ist nicht Armando, nicht Fernando, ist weder Timo noch Enrico. Der Junge heißt Ciáran und ist der Sohn des Fleischers zwei Dörfer weiter. Rosalie und ihr Geliebter aber sehen durch uns hindurch. Seine Hände kleben fest an ihren Schultern und ihr Mund haucht Küsse in Richtung seines Ohr. Seine Ohren sind noch viel röter als ihre Wangen und das Telefon in ihrer Hand fängt sie beide ein.

Stumm und starr stehen neben mir Timo und Armando. Vom stolzen Kömpfergeist, von Romeo und Rosalie ist nichts mehr übrig.

Armando murmelt: „Loca Rosalie“.

Timo hustet: „Ey Weibers, ey.“

Dann klopfen beide sich den Staub und Dreck von den Hosen. Fünf Minuten später verabschieden sie sich beinahe herzlich. Ein fester Faustschlag auf die Schulter, dann liegen beide sich schon in den Armen.

Ich übergebe das Taschenmesser dem Krämer zur Verwahrung. Der Tierarzt biegt mit Fernando und Enrico um die Ecke. „Mädchen, flüstert er mir dann ins Ohr, die gute Rosalie hat sowohl Fernando als auch Enrico…“Ich weiß, flüstere ich zurück und auch „Timo und Armando.“ Der Tierarzt hustet um nicht laut zu kichern.

Die Frau des Krämers sieht mich an. „ Fräulein Read On“ sagt sie und ihrem Mund entfährt ein tiefer Seufzer: Es wird Zeit, dass der Sommer endlich zu Ende geht.“ „So ein Theater nur wegen einer Rosalie.“

„Ach, Frau des Krämers sage ich, wer wenn nicht Sie wüsste, dass im Krieg und in der Liebe alles erlaubt ist?“

Montag

Am Morgen ist der Himmel ein schweres, graues Tuch. Das Tuch verschluckt das Meer und eines Tages, da bin ich mir sicher, verschluckt es auch die Katze und mich. Die Katze schläft, ich lehne in der offenen Terrassentür und meine Füße liegen kühl auf den kalten Steinen. So dicht liegt der Nebel über dem Haus, das ich die Kastanie nur erahnen, den Kirchturm St. Sylvester aber nicht mehr sehen kann. Schiffbruchwetter ist es, ein Wetter aus anderen Tagen, Tagen vor unserer Zeit in denen die schweren Schoner gegen die Felsen krachten, im Nebel die Sicht und wohl auch den Glauben an G*tt verloren und ihre Splitter, ihre Planken, ihre zerbrochenen Glieder liegen wohl noch immer auf dem Grund der eisigen See. Verschlungen sind ihre Gesichter und heute, da noch immer Menschen an den Küsten Europas ertrinken, verschwinden diese wie jene und noch immer ruft es vielleicht: „Mann über Bord“ und doch ist dann alles schon immer verloren. Aber ich habe morgens gar keine Zeit, für Geschichten nicht und auch nicht für das Wetter. Die Tasche greifen und den Kaffeebecher, denn den Weg ins Unterland, den Weg zur bahn finde ich auch im dichten Nebel.

Der Zug fällt aus. Eine Lautsprecherstimme knarrt Erklärungen, aber wer hat denn morgens schon Zeit für Erklärungen. Ich renne zum Bus und springe mit einem gewaltigen Satz gerade noch so hinein. Aber wer aufatmen will, der darf nicht Bus fahren , denn der Bus ist übervoll und ein Mann steht auf meinen Fußspitzen. Er schreit in sein Telefon. Aber nicht nur der Angerufene wird darüber in Kenntnis gesetzt, wie er es seiner Freundin so richtig gemacht hat. Aber so richtig. Stundenlang. „Til devastation, shagged her like that“ brüllt er als glaubte er sich selbst nicht. In der kleinen deutschen Stadt, in der meine liebe C. lebt, da gibt es als ein Überbleibsel der DDR etwas das sich Jugendweihe nennt, wie die Jugend genau geweiht wird, weiß ich nicht. Aber einmal habe ich gesehen, ich ging gerade über den Marktplatz, wie den Geweihten so eine Art Atlas überreicht wurde. Statt eines solchen Atlasses finde ich sollte jeder ob nun geweiht, oder nicht ein Wörterbuch der Liebe bekommen, denn es schallt energisch: „oh, wie hab ich sie geknallt“ durch den Bus und das ginge doch auch Schöner.

In der Uni angekommen mache ich den Kaffeebecher auf und will endlich ausatmen, aber eine Viertelsekunde später spucke ich ins Waschbecken. Ich hatte vergessen, Seifenlauge aus und Kaffee und Milch einzugießen. Meine Spiegelbild sieht mich verdrossen an: „Nichts auslassen Read On! Bloß nichts auslassen.“ Ich strecke meinem Spiegelbild die Zunge heraus. Dann hält der Tag sich an mir fest. Hartnäckig ist er und kalte Hände legt er mir in den Nacken. Mehr mit Zufall als mit Können den Wagen der besten Chefin der Welt wieder flott gekriegt. Die beste Chefin der Welt hat den Flug nach Brasilien noch erwischt. Gegoogelt ob ich meine Hände wohl am besten mit Terpentin reinigen sollte. Die Meinungen sind gemischt. Lange Zeit zwischen Papieren verbracht. Statt eines Snickers einen Mars Riegel gekauft. Mir geschworen alle weitreichenden Entscheidungen zu verschieben.

Im Zug nach Hause. Noch immer hängt der Himmel tief und dunkelschwer über allem. Aber immerhin steigen je länger der Zug fährt, immer mehr Menschen aus. Ich lehne mich ans Fenster. Kurz vor dem Dorf passieren wir das Feld des Nachbarn. Der Nachbar ist ein alter Mann. Sein letztes Feld. Weizen. Der Weizen leuchtet selbst unter den grauen Regenwolken. In die Mitte des Feldes hat jemand eine kaputte Couchgarnitur und einen Kühlschrank geschmissen. Der alte Nachbar entsorgt jeden Sommer zwei Container Hausmüll, die ihm in den wogenden Weizen geworfen werden. Das muss die Idylle sein, von der sie alle reden.

Am Bahnhof steht der Tierarzt. Er hat einen Regenschirm, Handtuch und mein Badezeug dabei. Oh, sage ich und küsse den Tierarzt zweimal links und zweimal rechts und dann laufe ich ins Meer, ein schweres, graues Tuch legt sich um meine Schultern. Ich schließe die Augen, Schiffbruchwetter, dann schwimme ich nach links. Der Strand ist eine graue Wand und für einen Moment glaube ich, die Welt hat sich schon aufgelöst, wer würde ihr den Schiffbruch schon verübeln, aber dann ruft der Tierarzt nach mir: „Mädchen, wo bist du?“ Ich wate zurück an Land. „Und Du, rufe ich zurück?“ Zweimal links, dann rechts, bei den schwarzen Steinen“, ruft es zurück und nach einmal im Kreis herum mäandern, finde ich den Tierarzt und die Steine. Ich wickle mich in das Handtuch und wir steigen den Trampelpfad hinauf. Der Ginster klebt an meinen Beinen, feucht und satt ist das Gras, die Brombeerhecke legt sich mir in die Haare und der Himmel, der Himmel ist ein dichter, schwerer, grauer Mantel, der Himmel legt sich um meine Schultern, bedeckt mir die Arme und Beine und als wir vor dem Haus stehen, ist auch das Meer schon längst wieder unter dem selbergrauen Tuch verschwunden.

Go home!

5 AM: Der Tierarzt lehnt gegen den roten Volvo und ich laufe aus der Klinik über den Parkplatz auf den Tierarzt zu. Auf den Blumenkübeln vor dem Parkplatz sitzen fünf junge Männer. Sie tragen graue und navy-blaue Jogginghosen. Die Hosen hängen tief auf ihren Hüften und auf ihren T-Shirts steht White Pride. Ich gähne und laufe an ihnen vorbei. Die Männer rauchen und aus einem mobile phone knallt Musik. „Hey, Hey, Go home Paki-Paki“, rufen die Männer und da der Parkplatz leer ist meinen sie wohl mich. „Fuck off to that shit country of yours“, bellen sie und ihre Gesichter sind fleckig und rot. Hässliche Fratzen: „Paki whore und terrorist bitch“ schreien die Männer und ein Mann wirft eine Bierflasche nach mir. Ich laufe weiter und der Tierarzt läuft mir entgegen. „Hey, hey, Go, home Paki-Paki, go home“, schreien die Männer im Gleichklang mit der scheppernden Musik.

„Hey, sage ich zum Tierarzt.“ Der Tierarzt fasst mich am Arm und ich werfe meinen Nachtschichtkram in den Kofferraum. „Ich geh da jetzt rüber, sagt der Tierarzt“, das kann ja wohl nicht sein. Ich denke an einen Bambus gegen fünf Eichen. „Komm, sage ich, Tierarzt lass es gut sein.“ Das sind halt besoffene und deprimierte Jungs.“ Der Tierarzt sieht mich an. „Das ist nicht dein Ernst“, sagt er. Ich zucke mit den Achseln. „Tierarzt“, sage ich, ich habe seit drei Tage nicht länger als vier Stunden geschlafen und wenn sie dir die Zähne ausschlagen, dann sind es vier Tage.“ Der Tierarzt schüttelt den Kopf und dann fahren wir los. „Ich verstehe dich nicht“, sagt er und seine Hände umklammern das Lenkrad so heftig, dass seine Fingerknöchel weiß hervortreten. „Tierarzt, sage ich, ich bin Jude und seit dem ich denken kann, schreien Leute irgendwas hinter mir her.“ „Und das macht es besser, ja?“ Ich schließe die Augen. „Tierarzt, sage ich“, diese Junge haben keine Zukunft und alles was sie haben ist irgendein Stolz. Die wissen doch gar nicht wo Pakistan liegt.“ „Ich will das nicht hören“, sagt der Tierarzt. „Ich will das nicht hören, wie du die verteidigst.“ Ich will sagen: „Gandhi-ji sagt“ aber die Fingerknöchel des Tierarztes, die das Lenkrad umklammern sind weiß und hart und ich bleibe stumm.

6 AM: Ich wasche die Nacht von mir ab und das Wasser ist heiß und brennt auf meiner Haut. Anders als sonst aber hält der Tierarzt mir kein Handtuch hin. Der Tierarzt starrt aus dem Fenster und ich suche nach den warmen Socken. „Weißt Du noch was meine Schwester gesagt hat, als ich dich ihr vorstellte?“ Ach, sage ich Tierarzt.“ Aber der Tierarzt sieht mich an und ein Muskel zuckt in seiner Wange: „Warum musst Du Dich immer mit Ausländern einlassen?“ „Ach, Tierarzt, sage ich, sie ist deine Schwester.“ „Ja“, sagt der Tierarzt, meine Schwester.“ „Weißt Du noch, was Du gesagt hast auf diesen Satz?“ „Ach, Tierarzt“ sage ich und rolle mich in die Bettdecke ein. „“Tee oder Kaffee?“, sagt der Tierarzt und dann geht der Tierarzt aus dem Zimmer und die Haustür fällt ins Schloss. Aber ich bin so müde, viel zu müde und meine Fingerknöchel liegen kalt an meinen Rippen. Ich sehe in die Kastanie hinaus. Der Wind hängt in den Armen der Kastanie und vielleicht tanzen die Kastanie und der Wind ganz allein im grauen Regen. Ich rolle mich so eng zusammen, wie ich nur kann, denn ich will mich nicht erinnern. Wenigstens für ein paar Stunden, soll die jüdische Krankheit des Nicht-Vergessen Könnens nicht in meine Arme passen.

11 AM: Ich wache auf und noch immer ist das Haus still und leer. Ich koche Tee und streiche Erdbeermarmelade auf ein Croissant, dann setze ich mich an den Schreibtisch und denke an nichts anderes mehr als an das Papier und die Bücher vor mir. Draußen vor dem Fenster fällt leiser, grauer Regen und ich gehe in die Küche und bestreiche den Fisch mit Kräutern, bürste Kartoffeln und wasche Salat, die Katze verlangt nach einer Schale Milch. Ich gehe zurück an den Schreibtisch, irgendwann klappt die Tür und der Tierarzt lehnt in der Tür. Er tropft wie die Kastanie draußen im Garten. In seinen Haaren hat sich der Sturm verfangen. Ich schiebe den Fisch in den Ofen, setze die Kartoffeln auf und der Tierarzt deckt den Tisch.

1 PM: Der Priester kommt. „Die Frau des Krämers treibt mich in den Wahnsinn“, sagt der Priester. „Die Frau des Krämers treibt uns alle in den Wahnsinn“, sagt der Tierarzt. Ich verteile Fisch und Salat. „Sie hat sich beschwert, sagt der Priester, dass ich ein polnisches Lied habe singen lassen.“ „Wir haben doch so schöne englische Kirchenlieder Priester“, äfft er die Frau des Krämers nach. Der Priester schüttelt den Kopf. Dabei will ich doch nur, dass die polnischen G*ttesdienstbesucher sich auch angenommen fühlen. Der Tierarzt sagt: „Die Frau des Krämers soll der Blitz treffen.“ Der Priester macht eine zustimmende Handbewegung und sieht zu mir herüber. Ich kaue auf einem Stück Fisch. Der Tierarzt schüttelt den Kopf: „Auf das Mädchen brauchen sie nicht zu setzen, Priester. Die Frau des Krämers hatte bestimmt eine schwere Kindheit und das Mädchen findet, das müsse man dann alles aushalten.“ “Wissen Sie Priester, was die Frau des Krämers zu mir gesagt hat, als das Mädchen ins Dorf zog?“ Der Priester schüttelt den Kopf. „Ach Tierarzt“ sage ich. Aber der Tierarzt sagt: „ Tierarzt, ich sage ihnen hoffentlich werden wir die Ausländerin bald wieder los. Die stören ja doch nur.“ Der Priester starrt den Tierarzt an. „Und wissen Sie was Priester, das Mädchen stand im Laden und sagte: „Entschuldigung, ich suche den Zucker.“ „Ach, Tierarzt“, sage ich. Der Tierarzt sieht mich an und weißt du was noch schlimmer ist, ich habe nichts gesagt. „Gar kein einziges Wort, habe ich gesagt Priester und ich wette mit Ihnen Sie haben auch nichts gesagt zur Frau des Krämers an der Kirchentür. „Tierarzt“, sage ich, „die Frau des Krämers ist wie sie ist.“ Aber der Tierarzt schüttelt den Kopf: „Das Mädchen, ist wie wir Iren sind.“ Dann steht er auf lässt die Gabel fallen und geht aus der Tür. Die Gabel fällt klirrend auf den Küchenboden. Der Priester hebt die Gabel auf. „Fräulein Read On“, sagt der Priester, aber ich schüttle den Kopf. „Schon gut, Priester sage ich, schon gut.“

3 PM: Ich gehe zurück zum Schreibtisch, denn da liegen ja noch immer die Bücher, das Papier und die viele Arbeit und ich denke an nichts anderes mehr. Irgendwann ist der Tierarzt zurück. „Tierarzt“, sage ich, wie lange willst du noch gram mit mir sein?“ Der Tierarzt zieht einen Stuhl zu mir heran. „Mädchen, sagt er, ich verstehe es nicht, aber dann schüttelt er den Kopf, nein Mädchen, sagt er, ich verstehe es nicht, du kümmerst dich um Frauen, um die sich keiner kümmert, um Jungs aus Afghanistan, die keiner will, du bist die einzige, die sich die Litaneien der Frau des Krämers anhört und die einzige, die ich je getroffen habe, die jeden zweiten Satz mit man muss sich kümmern, beginnt, warum bist du dir denn selbst so wenig wert?“ „Tierarzt, sage ich, ich bin Jude und ich bin immer und überall Ausländer gewesen. Dafür bezahlt man einen Preis. Mehr weiß ich nicht zu sagen und meine Hände sind kalt und draußen vor dem Fenster fällt der Regen und deckt uns alle zu, auf dem Schreibtisch stapeln sich die Bücher, über dem Schreibtisch hängt ein Bild. Das Bild zeigt Karachi. In Karachi schrien die Männer: Go home, whore of U.S.A. Der Tierarzt hält sich die Hände vor das Gesicht. Ich sehe aus dem Fenster. „Tierarzt, sage ich, ich kann dich nicht weinen sehen, sage ich.“