Sonntag

Das Meer ist wild und wirklich kalt. Das Meer ist aber auch pastellfarben und der Himmel ist so milde, wie er es in Irland nur im November ist. Im Sommer liegt im Himmel immer eine kalte Härte, aber im späten Herbst ist der Himmel zahm und blütenblau. Aber das Wasser ist wirklich kalt und ich habe ziemlich blaue Lippen. Lieber nicht allzu lange am Meer entlang gewandert, denn selbst die Möwen sehen ziemlich verstört herüber nähert sich ein Klabauterfräulein mit klappernden Zähnen und Blaubeerlippen. Eine Muschel finden, die aussieht wie eine Trompete, ganz fest halte ich sie mir ans Ohr, bevor ich durch Dünengras und Heidekraut klappernd und zitternd zurück ins Oberland steige.

Zuhaus noch einmal unter die Decken kriechen und geduldig warten, bis der Tierarzt erst ein, dann zwei und dreimal mit den Wimpern klimpert. „Tierarzt“, sage ich, sieh mal eine Trompetenmuschel. Der Tierarzt sieht mich nur mäßig begeistert an und sucht vor meinen kalten Füßen zu fliehen. „Tierarzt sage ich, es ist nämlich so: schon seit Tagen vor unserer Zeit sammelt Neptun tief unten auf dem Meeresgrund in den langen und schäumenden Novembernächten das Unterwasserorchester um seinen Thron. Neben den berühmten Seetanggeigen und den Fischgrätencelli, treten die Krebse mit ihren Steintrommeln auf und während der Champagner in Strömen fließt, nähern sich die Plattfische dem Muschelthron und spielen „O Sole Mare“ auf den Trompetenmuscheln. Neptun selbst erhebt sich dann und singt in seinem vollen Bariton: „Keine Klippen sollt ihr missen/ Flut sei euer Untergang“ aus dem Liederbuch für Meeresbewohner und Seeungeheuer. In diesen Nächten Tierarzt schäumt das Meer lauter, um nicht zu sagen melodischer als sonst und am anderen Morgen schläft die ganze Unterwasserwelt und das Meer ist so pastell wie still. Der Tierarzt nimmt mir die Muschel aus den Händen, hält sie sich dicht ans Ohr und hört von fern noch einmal Neptun singen, schaurig- schön, vom Untergang und schwarzen Klippen.

Um ein Uhr kommt der Priester zum Sonntagstisch herüber. Der Priester hat einen Gast mit dabei. Einen ökumenischen Gast, denn der Gast ist evangelischer Pfarrer und aus Dresden. Der Tierarzt versucht sich an einer Kartoffel, ich verteile Roastbeef und Honigmöhren auf die Teller und der Pfarrer ist ausgesprochen angenehm, der Priester so zugewandt wie immer und der Tierarzt probiert zu dem noch die Honigmöhren und so sitzen wir im sonnigen Zimmer, die Standuhr tickt freundlich, die Katze schläft dekorativ und der Hund ist einmal bescheiden genug sich mit dem ihm zuggeteilten Stück Roastbeef zu begnügen und sabbert dem Gast nicht gierig auf die Schuh. Man reicht Flan mit Beeren zum Dessert, der Tierarzt brüht Tee und Kaffee und der Pfarrer sieht auf die Heine-Ausgabe, die auf dem Tisch neben dem Sofa liegt. Dann seufzt er und erzählt: er sei Pfarrer, das wüssten wir ja schon und er sei ein Pfarrer mit einem Hang zur Musik, seine Frau sei zudem Musiklehrerin und eines Tages sei er auf die Idee gekommen, Gedichte zu vertonen, Gedichte von Heine und Anderen und seine Frau habe diese von ihm vertonten Gedichte mit dem Schulchor einstudiert. Gefallen gefunden hätten diese vertonten Gedichte auch über die Schule hinaus und so sei eine Veranstaltungsreihe für andere Schulklassen anderer Gymnasien organisiert worden, um auch jene Schüler mit Musik und Gedichten zu erfreuen. Die erste Veranstaltung aber musste abgebrochen werden, die Schüler hätten so gelärmt und gestört, ihre Telefone mit schollernder Musik gegen das Schülerorchester in Stellung gebracht, die Sängerin mit Hohngelächter bedacht und schließlich Papierkügelchen auf die Bühne geschossen. Das Konzert wurde abgebrochen. Johlend verließen die Störer das Konzert, das zweite Konzert sei besser gegangen, aber auch nicht störungsfrei, das dritte und vierte Konzert aber hätten sie abgesagt. Das Orchester traute sich nicht mehr auf die Bühne, die Sängerin, eine Schülerin der zehnten Klasse, sei noch immer krank geschrieben. Der Pfarrer zuckt mit den Schultern und sieht verzweifelt aus, ein kostenloses Konzert mit vertonten Gedichten, sagt er und er sagt wie jemand der die Welt nicht mehr versteht. So sitzen wir da im sonnigen Zimmer und ich denke an die Kübel voll Wut und Verachtung, die für die Aufklärungssprechstunde über mich ausgegossen werden, die höhnischen Kommentare für die Postkarten an Mesale Tolu und Deniz Yücel: Scheißtypen, Scheißklaue, Du sowieso, besonders scheiße nur an zwei Gefangene zu schreiben und nicht an alle. Ich denke an all die Häme, die einem entgegenfliegt, wenn man Hygiene Kits an obdachlose Frauen verteilt, immer Verachtung, immer johlende Häme, immer hässliche Zoten, immer so weiter, immer so weiter. Zu keinem der Dinge, die ich mache, habe ich mehr Freude, dazu pfeift es zu laut und so wird man müde und müder und immer nur müder und lachend und munter pfeifen die johlenden Allesverächter und Jedenbeschimpfer. Der Pfarrer vertont keine Gedichte mehr, die Frau des Pfarrers gibt die Leitung des Schulorchesters ab, die Sängerin singt nicht mehr und bald verstauben dann auch die Geigenkästen.

Der Tierarzt kommt mit Tassen, der Teekanne und dem Kaffee zurück, ich hole die Dose mit den Keksen und der Tierarzt strahlt: „Sachsen German so sweet“, sagt er und nickt mir zu: „Did the pastor tell you a nice story in Sachsen German?“

Wir sitzen da schweigend und still, draußen vor dem Fenster fährt das Drei-Uhr Boot vorbei.

Verschiebungen

In der Nacht seltsame und verrätselte Träume. Ein Schwanenpaar fährt langsam rudernd über den See. Das Boot aber liegt schief, ist leck und schließlich verschwinden die Schwäne unter einer großen Wolke von Tauben, die sich erst über die Schwäne, das Boot und den See legen. Die Zukunft des Bootes, der Schwäne, ja selbst die des Sees erschien mir ungewiss. Mit Schüttelfrost aufgewacht.

Auch im Büro klebte noch immer die seltsame Nacht an mir. Ein Maler mit Leiter, Farbeimern und Folie, klopfte an meine Tür.

„Ich soll hier die Wand streichen“, sagt er.
 
„Wir haben keinen Maler bestellt“, sage ich.

„Die Wand hier soll ich streichen“, wiederholt er.

„Hier soll nirgendwo eine Wand gestrichen werden“, wiederhole ich.

Er beginnt in ein Telefon zu schreien. Ich sehe durch alle Kalender befrage die Auszubildende und rufe die J. an. Niemand hat einen Maler bestellt, niemand weiß etwas von einem Maler, keine Wand soll neue Farbe bekommen.

Der Maler steht breitbeinig vor mir und wiederholt sein Anliegen auf grobe und gröbere Weise, die Packung mit der Folie fällt um. Ich beharre darauf keinen Maler bestellt zu haben, der Maler spuckt mir vor die Füße. „Verschwinden Soe“, sage ich und der Maler geht fluchend zur Tür heraus. Aus seinen Schuhen fallen grobe Mörtelbrocken. „Müssen Maler nicht saubere Schuhe haben?“, frage ich mich und denke dabei doch: was für eine dumme Frage das ist. Die Auszubildende heiße ich einen Kehrbesen holen und einmal tut sie etwas ganz ohne Gemaul.

„Ob es wohl wirklich falsche Maler gibt?“, frage ich mich, frage es die J., frage es schließlich die Polizei, der Beamte mahct sich unablässig Notizen.“ Man werde den Fall prüfen“, sagt er. Ich nicke und gehe davon. Wieder ist mir als gurrten die Tauben spöttischer als sonst. Ein Mann spricht vertieft mit einem Ahornbaum.

Das Institut riecht noch immer nach dem Maler, der Farbe und seinem sauren Atem. Ich mache die Fenster auf. Sofort frieren die Auszubildende, die Fellows, nur der Schriftsteller macht Atemübungen am Fenster.

Früher nach Haus als gewöhnlich. Erleichtert endlich einmal das Dorf wenigstens im letzten Tageslicht zu sehen. Sonst gehe ich vor der Dämmerung und komme mit der Dunkelheit heim. Ich setzte mich auf das Fensterbrett, sehe auf das Meer hinaus und als der Tee fast trinkbar ist, klingelt das Telefon.

„Mädchen?“, sagt der Tierarzt bist du daheim?“

„Ja“, sage ich und lege den Kopf auf meine Knie. Den Tierarzt kann ich kaum verstehen, es rauscht und gurgelt am anderen Ende des Telefons. Aber dann höre ich ihn doch, oder anders ich höre, dass ich kommen soll. Warum verstehe ich nicht. Ich borge mir das Auto des Priesters, ziehe mir Gummistiefel an und fahre um Kurven und Ecken, durch andere Dörfer, tiefer in das Land hinein, lasse das Meer hinter mir, eine Tannenschonung, Koppeln, Weiden, auf einem Hof steht der alte Volvo des Tierarztes. Neben dem Tierarzt steht ein alter Mann: „Ich habe sie geliebt“, sagt er und ich frage den Tierarzt: „Was ist passiert?“ Ein Kuh habe sich erschrocken, sagt er und zeigt auf den Weiher, ausgegeglitten sei die Kuh auf der in der Nacht überfrorenen Weide schließlich eingebrochen im dunklen Teich und käme nicht mehr heraus. Er und der Bauer seinen zu schwach und zu alt, um die Kuh aus dem Teich heraus zu befördern. Der Tierarzt schämt sich seiner Schwäche, der alte Bauer sieht auf seine müden Hände, ich wundere mich, ob nicht zwei Schwäne über dem Teich aufsteigen, dann verwerfe ich das Bild und wir gehen hinüber zur brüllenden Kuh. Die Kuh erscheint mir größer als gewöhnliche Kühe, so als hätte das Wasser die Kuh aufgeschwemmt, ein groteskes verzogenes Spiegelbild und ich fürchte mich vor der Kuh und dem dunklen Teich. Der Bauer redet auf die Kuh ein und der Tierarzt und ich überlegen wie wir wohl eine Arte Seilwinde um die Kuh bekämen, der Tierarzt steigt in den Teich hinein und vor meinen Augen verwandelt sich die Kuh in den lecken Kahn meiner Träume. Der Tierarzt kehrt mit blutigen Händen zurück. Irgendwann muss einmal ein Pflug im Teich versenkt worden sein, jetzt aber ist das rostige Metall zum Verhängnis der Kuh geworden. Die Kuh hat aufgehört zu brüllen und die Kuh ist tot. Wir steigen zu dritt in den schlammigen Weiher und schleifen die Kuh ans Ufer. Blutgetränkt und Schlammverschmiert. Die Kuh nicht mehr zu unterscheiden vom dunklen Ufer, wir nicht mehr zu unterscheiden von der Kuh. Der Bauer ruft den Abdecker, der Abdecker ist eigentlich ein Tierkörperverwertungs-Unternehmen. Ich fürchte mich vor unseren Spiegelbildern. Der Bauer gibt mir Sachen seiner toten Frau. Die Sachen riechen nach Mottenpulver, Tieren und der toten Frau. Der Bauer umarmt den Tierarzt, mich und nach vielen Papieren fahren wir endlich nach Hause, ich fahre dem roten Volvo hinterher. „Danke Priester“, sage ich und dann lege ich die Sachen der toten Frau sorgfältig zusammen. Warmes Wasser, kaltes Wasser, ich krieche in einen Tierarztpullover, der Tierarzt wickelt sich in meinen Schal. Der Tierarztpullover ist dunkelblau, der Schal ist gelb, der Tierarzt schiebt seine Finger zwischen meine Rippen. Der Tee ist lange schon kalt, das Haus ist kalt und ich stelle die Heizung an. Leises Gluckern, ein Kahn der leck schlägt denke ich, sehe noch einmal die Schwäne, die Tauben und den dunklen See. Dann schlafe ich ein.

Handtuchhalter

Die Auszubildende schreit: „Fräulein read On, Fräulein Read on, ich habe gelauscht und die D. hat zur G. gesagt: Really this stubborn Read On, she needs to get a personal life ASAP.“ Die Auszubildende lacht triumphierend. „Fräulein Read On, Fräulein Read On, ich habe es ganz genau gehört, das hat sie wirklich gesagt die D. und was heißt eigentlich ASAP?“

Auszubildende sage ich: „I am a person and I am alive, die D. hat also keinen Grund zur Sorge. Sie sollten nicht lauschen. Lauschen leiert die Ohren aus.“ Die Auszubildende flieht unter Geheul ins Badezimmer um sich ihre Ohren ganz genau zu besehen. „Bitte gießen und ertränken Sie die Blumen nicht“, rufe ich ihr hinterher. Die J. hängt an den Orchideen. Aus dem Badezimmer ertönt lauteres Geheul. „Sie sind der gemeinste Mensch der Welt.“

 
Aber da bin ich schon weiter. Im Keller des Institutes befindet sich eine Dusche, denn wer kennt es nicht: Man sitzt am Schreibtisch und denkt nach, schon perlt der Schweiß an der Stirn herunter, heiße Schauer jagen über den geplagten Fellowrücken, man eilt zur Dusche hinunter und braust sich gründlich ab. Ich wäre die Letzte, die einem Fellow das Duschglück verweigert und so habe ich zwei Jahre lang, zweimal in der Woche schimmelnde Handtücher, Damen wie Herren-Rasierer, leeres Duschgel und Shampoo in schwarzen Müllsäcken entsorgt. Manchmal überkommt mich aber auch ein pädagogischer Impuls, das Gefühl doch noch einmal die Welt zum Besseren und Guten hin zu verändern. Achtsamkeit, Fürsorge, Miteinander sind das nicht die großen Begriffe unserer Zeit? ( Eigentlich aber war ich nur berufsbedingt in Berlin und konnte nicht zum schwarzen Müllsack greifen.) In meinem unbändigen Optimismus, denn wir hatten ja schon festgestellt, dass ich sowohl person als auch alive bin, glaubte ich die Fellows würden sich das Handtuch über die Schultern schwingen, die Rasierer wegwerfen und die Shampooflaschen entsorgen, natürlich irrte ich mich. Als ich bei meiner Rückkehr die Dusche inspizierte, faulten sechs Badetücher auf den Fliesen, schlitterte ich über gebrauchte Rasierer und sammelte sieben Shampooflaschen ein.

Um elf Uhr versammeln sich die Fellows zu Kaffee und Gebäck und sind dazu angeregt Lob und Kritik auszusprechen, Verbesserungswünsche vorzutragen und überhaupt zu berichten, wie sie sich fühlen im Elfenbeinturm. Aber alles auch Kaffee und Gebäck kommt zu einem Preis und die Fellows müssen ertragen, dass auch ich sie mit Lob überschütte und Kritik antrage. Ich preise also die kluge Begabtheit der Fellows, lobe ihre soziale Kompetenz, den Gemeinschaftssinn, die angestrengte Suche nach der Weltformel und natürlich auch die sauber gebrausten Rücken und Denkerstirnen. Dann hole ich die vergorenen Handtücher aus dem Beutel und erinnere die Fellows daran, dass jeder für sein Handtuch, Rasierer und Schaumbad selbst zuständig ist. Natürlich hat niemand sein Handtuch dort fallen lassen, niemand den Rasierer in die Ecke geworfen oder gar eine Flasche zurückgelassen. Zeter und Mordio. Ich nicke und weiß doch, dass ich übermorgen schon wieder Handtücher auflesen werde.

 
Manchmal frage ich mich, ob die Fellows wohl alle im Schloss aufgewachsen sind, wo stets ein Diener hinter ihnen stand, streiften sie auch nur den Pantoffel ab, oder ob alle Privilegien ihren Preis haben und wenn es nur der ist, ist endlich einmal so ganz nach Herren oder Damenart zu leben. Im übrigen brauchen die Fellows viel Zuwendung und immer wieder neues Kümmern: Einen Toaster wünschen die Fellows um Brote zu grillen, vor meinem inneren Auge steigen kohlende Brote auf, der Feueralarm geht an und bald schon balgen sich Ratten und Mäuse um Käsebrotkrümel. Aber das allein ist es nicht oder jedenfalls nichts nur: denn die Fellows fühlen sich überfordert von dem was das Institut bietet und erwartet. Einen jour fixe zum Beispiel, aber da sind sie oft müde oder der Elektrosmog macht ihnen zu schaffen. Vorträge interessierten sie schon, aber woher sollen sie denn wissen, ob die Vorträge wirklich gut sind oder mehr so mau und workshops für Karriereoptionen täten sie schon gern besuchen, aber da müsse man sich halt immer voranmelden und woher solle man schon wissen, ob man da nicht lieber einen Freund oder gar die liebe Grete träfe. Meine Ausführungen darüber, dass ein Lebenslaufoptimierungsmeister eben nicht auf Zuruf erschient, sondern gebeten werden will, hören sie wohl an, aber Glauben schenken sie dem nicht. In ihrer Welt glaube ich manchmal, sind sie wirklich ganz allein und immer erster, immer bester und immer zählen sie allein.

Dann geht es um einen Spieleabend zwecks besseren Kennenlernens in druckfreier Atmosphäre und ich nehme die post-ist mit „Toaster, aber dalli“ und „gestern war der Kaffee zu schwach“ von den Wänden und lege sie zu den vielen anderen und immer ähnlichen Zetteln und überlasse die Fellows bei Kaffee und Gebäck sich selbst.

Nur den B. nehme ich zur Seite. „B. sage ich man hat mir zugetragen, dass Du die Toilettentüren bei Benutzung nicht schließt, sollte dies der Fall sein, so schließe doch bitte die Tür. Der B. sieht mich verwundert an: „aber das ist doch ganz natürlich, ich schließe niemals die Tür.“ „B. sage ich, dass war keine Bitte, keine Frage, sondern ein Punkt. Tür zu.“

 
Der Schriftsteller passt mich an der Tür ab. „Fräulein Read On“ krächzt er, -denn ich glaube so stellt er Hemingway vor-, die Sache mit den Handtüchern: I felt so alive. It was gruesome, but so awakening. An epiphany.
„Ich wollte ihnen das hier geben Fräulein Read On“, der Schriftseller überreicht mir das Bild eines Hahnes und unter das Bild hat er einen Vers geschrieben. „Schön“, sage ich. Danke, Schriftsteller. Der Schriftsteller dreht sich um, da steht aber nur die Auszubildende und er nickt ihr zu: „What a time to be alive.“

 
Dann rette ich die Orchideen vor dem Ertrinken. Telefoniere mit dem Klempner, organisiere Organisatorisches, renne treppauf und treppab und treffe schließlich die J, die beste Chefin der Welt. Sie sagt: „Du Read On, muss ich mir Sorgen machen?“ Wegen der Handtücher, liebe J? Nein, die habe ich schon entsorgt.“
„Nein, nicht der Handtücher wegen.“ Die Auszubildende hat der erzählt, dass du mit dem Schriftsteller ein neues Leben auf einer Hühnerfarm beginnen willst.“

„Gut zu wissen“, sage ich und die J. lacht „ASAP hat die Auszubildende gesagt“,kommst Du mit?“, frage ich die J. und die J. wäre nicht die J. würde sie nicht nicken und sagen: „Nie wieder nasse Handtücher in der Dusche.“

 

Sonntag

„„Komm“ sagt der Tierarzt, die Sonne scheint. Ich ziehe mir die Decke über den Kopf. „Komm“, sagt der Tierarzt, Du bist doch das Mädchen, das den Sommer sucht.“ „Ich bin so müde“, will ich sagen, aber der Tierarzt zieht schon die Decke weg. „Komm“, sagt er und zieht mich hoch. Gliederpuppentaumelei. Der Tierarzt hält mir Kleid und dicke Strümpfe hin, mir tropft noch Wasser aus den Augen und den Armen. „Komm“, sagt der Tierarzt, wickelt mich in Schal und Wetterfleck und zieht mich aus der Tür heraus. Wirklich, vor der Tür ist Sonnenschein. „Komm“, sagt der Tierarzt wir klettern am Kliff hinunter. Schon stapfen wir durch die Heide, halten uns fest an den Steinen und am struppigen Dünengras, der Wind fährt uns durch die Haare. Wirklich die Sonne scheint, es glitzert der Himmel, der Wind spielt Sommerlieder auf einer blauen Mandoline und das Meer rollt flaschengrün an den Strand heran. „Tierarzt“, sage ich die Sonne scheint. Der Tierarzt lacht und taumelt meerestrunken an den Wasserrand. „Für Dich ist das Badewetter“, sagt er und ich nicke, denn bei solchem Wetter kann man nicht am Strand verharren und schon fliegen Kleid und dicke Strümpfe, Wetterfleck, Schal wie Schuhe in den weißen Sand . Augen zu und dann nehmen mich die Wellen mit, tief hinein und atemlos, taube Arme, taube Füße und doch wogt das Meer, kalt und klar und wunderbar. Das Meer greift nach der Müdigkeit und ich wünschte es würde auch nach der Nachtschicht zwischen meinen Rippen fassen, aber das bleibt auch im schäumenden Novembermeer leider Wunsch und niemals Wirklichkeit. Der Tierarzt lacht und lacht, lacht mit Wind und Sonnenschein, lacht flaschengrün und sommerhell und wickelt mich in ein dickes Handtuch ein. Ein lachender Schatten und ein Fräulein mit klappernden Zähnen wandern weiter am Meer, Muscheln knirschen unter unseren Füßen, der Tierarzt trägt einen Krebs ins Wasser zurück und wie immer suche ich nach einer Muschel mit der man das Meer hören kann, aber ich lege alle Muscheln wieder zurück, vielleicht findet man eine solche Muscheln niemals oder nur einmal im Leben. Hunde wie Kinder rennen zum Meer, die Hunde sind schneller, Kinder wie Hunde aber furchtlos und frei, das Meer ist mit Hunden wie Kindern geduldig und die Kinder werden bestimmt einmal Novembermeerschwimmer, denn schon fliegen die Gummistiefel davon, das Meer braucht freie Füße. Wir aber wandern durch Priele, klettern über die Schieferfelsen, der Tierarzt sucht einen blanken Stein, aber die blanken Steine verstecken sich gut, dafür Möwengeschrei und der Wind hält sich an unseren Ohrläppchen fest. Er lacht der Wind und der Tierarzt und ich fallen in den Sand hinein. Der Sand legt sich zwischen Haare und Zähne, fährt uns in die Haare, aber ist der Sand nicht dafür gemacht, der Tierarzt malt Sonnenkringel mit dem Zeigefinger, ich schreibe zwei Karten auf seinem Rücken. Dann ist mein Zähne klappern lauter als der Wind mit seinem Liederbuch und wir wandern in Schlangenlinien Richtung Dorf am Meer entlang.

„Weißt Du was?“, sagt der Tierarzt.

„Ich weiß nichts“, sage ich.

„Mädchen, nur Kälbchen ist noch verrätselter als Du.“

„Das wusste ich Tierarzt, das wusste ich wirklich.“

„Als Du schliefest heute am Morgen, da habe ich meinen Account bei Seriöse Singles gelöscht.“ Genau heute vor einem Jahr habe ich den dort angelegt.“

„Ich wusste gar nicht, dass Du einen Account bei Seriöse Singles hattest, Tierarzt.“

„Ich war so allein und Du warst so aussichtslos.“

„Ich dachte Du seist in die B. verliebt.“

„Wer ist die B?“

„Und sage ich, gibt es schöne Frauen bei Seriöse Singles?“

„Bestimmt“, sagt der Tierarzt.

„Bestimmt?“, frage ich.

Ich habe niemals nachgesehen, denn Du hast gesagt: Komm“ sagt der Tierarzt.“

„Ich habe wirklich: Komm gesagt?“

„Oh ja“, sagt der Tierarzt. „Kälbchen und Du ihr seid euch so ähnlich.“

Dann klettern wir das Kliff hinauf, Hände im Heidekraut und der Dünenhafer an den Beinen, der Wind weht, Sonnenstrahlen tanzen auf der Nasenspitze, der Tierarzt lacht und lacht und lacht, kann nicht aufhören zu lachen. Selbst das Heidekraut kichert über so viel Tierarztheiterkeit.

Zuhause dann warmes Wasser, gegen die klappernden Zähne, auch ins Bad fällt Sonnenlicht, und endlich habe ich wieder warme Füße.

„Mädchen, willst Du Deine Regenbluse?“, fragt der Tierarzt.

„Ich will eigentlich zurück ins Bett“, sage ich.

„Später, Mädchen, später, wir fahren zum Tee ins Grandhotel.“

„Wirklich Tierarzt?“

„Komm Mädchen, komm.“

Im Grandhotel tanzen alte Pärchen Foxtrott und vor uns wogt das Meer, noch immer sommerblau, der Himmel ist noch immer himmelblau, die Sonne lacht uns strahlt und nur der Tierarzt strahlt ein bisschen mehr.

„Du hast nicht einziges Mal nachgesehen, bei Seriöse Singles?“

„Vielleicht hat die Kälberkönigin von Kerry dort auch ein Profil?“

„Nein, sagt der Tierarzt, nein, nein, nein.“

„Komm Mädchen, tanz mit mir.“ Komm Mädchen, komm.“

Im Wind

Der Sturm kommt und die Universität schließt ihre Tore. Schließt die Universität ihre Tore, so gilt dies auch für das Institut. Die Universität verschickt mehr als eine E-Mail, es gibt das alles auch in kürzer auf Twitter und Facebook, ich schicke eine Email an das gesamte Institut, natürlich alles auch noch einmal in kürzer auf Twitter und Facebook und dann fange ich an die Emails der Fellows zu beantworten:

„Ist das Institut geschlossen?“ ( Ja ) , Ist das Institut WIRKLICH geschlossen. ( Ja). Warum ist das Institut verschlossen? ( Ein Sturm namens Ophelia zieht über Irland.) Bei mir vor dem Fenster weht gar kein Wind, kann ich ins Institut kommen? ( Nein.) Wann fängt das Yoga heute an? (Die Auszubildende).
Ich habe meine Lieblingstasse/ mein Schnuffeltuch / meinen Zettel mit der Weltformel im Institut vergessen, kann ich das abholen? ( Nein ). Kannst du mir die Dinge bringen? ( Nein ). Das ist ungerecht/ eine bodenlose Frechheit / ich bestehe auf dem freien Willen ( Kant !!!!!) wie komme ich ins Institut. ( Gar nicht. Die Universität und Institut sind vernagelt.) Ich werde mich beschweren. Ganz oben. Es ist mein gutes Recht ( Tausend Ausrufezeichen.) Dann fällt der Strom aus und ich finde, ich habe ohnehin genug Fragen beantwortet. Das Dach des kleinen windschiefen Hauses wackelt, aber es hält. Die Kirchglocken St Sylvesters aber schlagen laut und unermüdlich, der Priester kommt vom Meer zurück: „Fräulein Read On“, sagt er, da sind Leute mit Surfbrettern auf dem Wasser.

Die Stunde des Sturms aber ist die Stunde des großen Triumphes der Frau des Krämers. Die großen Supermärkte, erst Dunnes, dann aber auch Tesco schließen, aber ihr Laden trotzt allen Gewalten und der Krämer zurrt ein großes: „We are open“-Schild an einem Baum fest. Die Schlangen vor dem Geschäft werden immer länger und die Frau des Krämers hat gerötete Wangen vor Aufregung und deklariert den Laden zur Sturmversorgungsnotzentrale. Deswegen heißen die sausage rolls, dann auch emergency rolls und kosten 50 Cent mehr als sonst. Die Touristen sind begeistert und die Frau des Krämers herrscht ihre Tochter an, doch schneller zu sein mit dem Nachfüllen der Milchpackungen, der Kekstüten und belegten Brote. „Ich dachte der Laden sei schon zwanzig Jahren pleite“, sagt ein Mann und erntet einen Todesblick der Frau des Krämers, die finster knurrt: „nur über meine Leiche.“ Er bekommt die unverkäuflichen, steinharten Haferkekse, ein Experiment der Frau des Krämers, welches fehlschlug, aber nicht fehl genug, um es dem dreisten Städter nicht einmal so richtig zu zeigen. „Have a very good day“, schnalzt sie als der Mann mit den Haferkeksen und der Milch den Laden verlässt. Dann rüffelt sie ihre Tochter, die zu verschwenderisch mit dem Einwickelpapier für die “Emergency Rolls“ umgeht. Vor der Tür verkauft der Krämer Kaminholzscheite und Kohlenbriketts, dann wirft eine heftige Windböe den Tisch und die Frau des Krämers schilt auch ihn geschäftsschädigenden Verhaltens, kann aber mir ihrer Schimpftirade nicht fortfahren, denn der Sturm knickt den Baum mit dem „We’re open“ Schild einfach um.

Der Tierarzt indes erklärt einer Gruppe unverschämt gutaussehender, amerikanischer Touristinnen, die ihm an den Lippen kleben, auch er sei in einer Sturmnnacht geboren. Die wunderschönen, blondgelockten Frauen seufzen und der Tierarzt- wehendes Haar und wehender Mantel- fügt hinzu: in der Nacht also, in der ich geboren wurde, da schwammen die Fische auf den Straßen als sei es das Meer. Die blonden Sirenen sind der Ohnmacht nahe, nur leider komme eben auch ich die Straße hinunter und sage: „Na Heathcliffe, bist du soweit?“ Die Damen sehen fassungslos zu mir herüber: warum ein Beau sich wohl mit einem Shetlandpony abgibt, fragen sie sich und sie fragen ihn: „Heathcliffe, what an extraordinary name?“ Der Tierarzt schüttelt den Kopf: „Mädchenhumor.“ „There was no possibility of taking a walk that day“ , sage ich und rate den schönäugigen Damen ihre Dorf und Tierarztbetrachtung doch an einem anderen Tag fortzusetzen. Die Damen heben Stöcke und Äste auf. „We survived a hurricane.“ Es fängt an zu regnen.

Später, dann stehen der D. und ich im Wind und wir werden für viele Stundne im Wind stehen und Notversorgung organisieren, über Baumstämme schlittern und müsste ich mich nicht so konzentrieren, so streckte ich der Ballettlehrerin, die mich damals als aus dem Kurs warf: „Das ist Ballett kein Elefantenzirkus“ die Zunge heraus, denn die Bäume sind glitschig und dennoch irgendwie kommt man herüber auf die andere Seite und dann machen wir das, was wir eben machen, seit so vielen Jahren schon. Später, so viel später, als wir zurückfahren, nach langen Stunden, da denke ich an den B. Der B. war ein Mann für den Englisch das Wort hunk erfunden hat, ein Baumstamm von einem Mann, Mountain Rescue, einer von jenen, die nicht mehr zurückkamen, damals aber, in einer anderen Nacht, einem anderen Land, wir bauten Zelte auf, da sah er, zu mir herüber und sagte: Feuer bringt die Menschen näher zusammen, Wasser aber verdrängt, aber Wind, Wind Read On, der Wind zerrt an den Nerven der Menschen, lässt sie schneller die Nerven verlieren als sonst. „Wind Read On makes humans snappy“, nimm Dich in Acht vor dem Wind, über dem Wind verliert man den Verstand. Damals sah ich ihn verwundert an, denn dort wo wir Zelte aufbauten, da war doch der Krieg. Aber er sollte Recht behalten, und als ich spät am Abend wieder zurückkehre in das kleine Dorf, da ist das Dorf rastloser als sonst, und auch der Tierarzt, der Sturmgeboren, der niemals die Ruhe verliert, ist unruhiger als sonst, steht wartend am Fenster und endlich dann vergraben unter dicken Decken, der Sturm schüttelt noch immer an den Wänden des kleinen, windschiefen Hauses, ich ahne wie Recht der B. hatte, der Sturm zehrt an einem, fährt einem unter die Haut, versteckt sich in den Knochen und am Ende des Tages sind drei Menschen tot und am anderen Morgen noch immer 245, 000 Haushalte in Irland ohne Strom.

Sonntag

Nach der Nachtschicht gehe ich schwimmen und das Wasser ist schon winterkalt. Taube Zehen, aber auch das ganze Glück zwischen den klappernden Zähnen, dem Sand im Haar und dem Wind zwischen den Rippen. Erst ein warmer Bademantel- die Frau des Krämers- schreit: „Sie werden sich den sicheren Tod holen, Fräulein Read On- sie klingt nicht zu unglücklich über diesen Umstand. Ich winke ihr recht lebendig zu. Dann warmes Wasser, ein warmes Tierarzt T-Shirt, ein warmes Bett und fünf Stunden lang ist es ganz still. Nur der Tierarzt atmet leise, und der Wind der sich gegen die Fensterscheiben drückt, hält die Welt von uns fern. Fünf Stunden lang, ich bin nur noch halbmüde und habe fast wieder warme Füße. Der Tierarzt ist ganzwach und hat mir meine kalten Füße abgenommen. Die Glocken von St Sylvester läuten, der Teekessel pfeift, im Radio sagt die Nachrichtensprecherin, dass ein Sturm am Montag den Westen Irlands erreiche. Ich sehe hinauf auf das Dach, denn auch wenn wir nicht im Westen leben, so fürchte ich um den Verbleib des Daches. Aber der Tierarzt der zugegen war, als der Dachdecker das Dach auf Winterfestigkeit überprüfte, beruhigt mich: „wenn es zum Äußersten kommen würde“, sagt er „ dann flöge ja er davon“ und ich hätte endlich wieder mehr Zeit für mich. „ Tierarzt“, sage ich „mach dich nicht lächerlich“, die Katze liegt auf Dir, der Hund spränge bei dir, Kälbchen stemmte sich dem Wind entgegen und bevor der Wind sich auch nur umsehen könnte, setzte sich die Frau des Krämers, die nun in keiner Hinsicht ein Liechtgewicht ist auf deinen Brustkorb und der Wind sähe gleich ein, dass er hier nur verloren könne, packte mich bei den Schultern und spie mich über dem kalten Atlantik aus. Du aber hättest endlich wieder mehr Zeit für dich.“ Fragend sieht der Hund zu uns herüber und auch die Katze ansonsten nicht weiter interessiert am Leben von uns mere mortals, macht eine unegduldige Schwanzbewegung. Der Tierarzt aber triumphiert: Ha Mädchen, ich weiß was, wir stellen die beiden großen Regenschirme ins Schlafzimmer und wenn der Sturm das Dach abdeckt, und uns bei den Haaren packt, dann spannen wir die Schirme auf, halten uns gut fest und Du schreist dem Wind: „Aber bitte nach Deutschland“ ins Ohr. „Soll sein, Tierarzt, soll sein, sage ich und der Tierarzt nickt zufrieden. Der Hund rollt sich auf meinen Füßen zusammen, die Katze springt zum Tierarzt herüber und obwohl sich Hund und Katze nicht wirklich viel zu sagen haben, nickt man sich einander zu. Dann löffeln wir einträchtig Porridge, schlürfen Tee ( Tierarzt ) und Milchkaffee ( Fräulein Read On ) und lesen die Zeitung nach, ich ratsche mit der lieben C. und schiebe dem Tierarzt warmen Sanddornsaft herüber. Der Tierarzt stellt meine Milchkaffeemilch auf das Stövchen, gelbe Blätter fliegen vorbei, ich begutachte den Stapel Feuerholz, der Tierarzt schnuppert vorsichtig einer aus Berlin mitgebrachten Quitte und so sind wir sonntäglich beisammen.

Der Priester nämlich, unser sonntäglicher Gast, ist zu missgestimmt zu einem Priesterseminar nach Clonmel entschwunden, nicht ohen zu murmeln: „48 Stunden unter Idioten“. Für den Priester, dem das Fluchen ja quasi beruflich untersagt ist, war das ein so unerhört starker Ausdruck, dass ich ihm Äpfel und Kekse aufnötigte, um ihn milder zu stimmen. So aber spazieren der Tierarzt und ich zu Kälbchen herüber. Vorher aber viertele ich Äpfel und Karotten scharf beäugt vom Tierarzt, der Kälbchen ja nur das Beste vom Besten zugesteht. Sollten Sie in der Annahme leben, Kälbchen bekäme Fallobst angereicht, so irren Sie, Fallobst schneide nur ich mir in den Obstsalat. Unser Verhältnis zu Kälbchen entspricht in etwas dem alter Eltern, die noch den dreißigjährigen Kindern die Wohnung putzen, denn es ist ja ein Liebesdienst und die Kinder freuen sich ja auch so. Dann stehen wir an der Weide und Kälbchen kommt blökend angerannt und rammt seinen schweren Kalbsschädel in den dünnen Tierarzt, der sich zwar an mir und einem Zaunpfahl festklammern muss, um nicht umzufallen, aber der Liebe ist bekanntlich nichts zu schwer. Kälbchen blökt und verschlingt Äpfel und Möhren. Der Tierarzt strahlt: „Kälbchen hat sich so gebessert, sagt er.“ Denn diese Woche hat Kälbchen den Esel nur zweimal verhauen und heuer darf ich ihm sogar unter der Hand eine Mohrrübe und ein halbes Äpfeli zustecken. ( So muss sich Schweigegeld anfühlen. ). Der Tierarzt schwärmt von Sozialkompetenz und der Möglichkeit einer langen und erfüllten Freundschaft zwischen Kälbchen und dem Esel. „Du klingst wie ein Vater, der sich freut, dass sein Sohn nur Drogendealer und nicht auch bewaffneter Raubmörder geworden ist, lieber Tierarzt“, sage ich. „Still so young, but so cynical, world-weary and bitter“, sagt der Tierarzt zu Kälbchen und würdigt mich keines weiteren Blickes mehr. Dann laufen wir zurück und laufen der Frau des Krämers in die Arme: „Na Tierarzt waren Sie bei Kälbchen“, fragt sie. Wir nicken. Die Frau des Krämers verdreht schmachtend die Augen: „Sie sind ja ein richtiger Kuhflüsterer“ kräht sie und fügt hinzu wir lieben den Robert Redford ja alle, aber sie Tierarzt, sind ja auch ein richtiges Schnuckelchen.“ Dann eilt sie kichernd davon. Der Tierarzt schwört, dass er die Frau des Krämers eines Tages mit ins Affenhaus nähme.“ Durch den Nieselregen stapfen wir zurück nach Haus. „Hoffentlich holt Kälbchen sich keinen Schnupfen“ sagt der Tierarzt.“

Dann klingelt die Kinofreundin des Tierarztes. „Robert Redford“ rufe ich die D. ist daaaaa.“ Die D. sieht mich verwundert an. „Was für einen Film seht ihr denn?, frage ich die D. „Bladerunner 2049“ antwortet sie und mein Gesicht muss besonders ahnungslos aussehen, denn sie fügt etwas von einem Replikanten hinzu. „Replikant?“, frage ich den Tierarzt, der sich die Schuhe zubindet, ist das eine Art Auszubildender im Weltraum?“ Die Kinofreundin sieht mich entsetzt an und zieht den Tierarzt hinter sich her.
Dann gähne ich zweimal, ziehe mir das warme Plaid über die Schultern und schlafe wieder ein.

 

12 Bilder, ein Tag. Die Irland-Ausgabe.

Gestern war es wieder so weit. Ganz Bloggersdorf sammelte 12 Bilder und da will auch die Außenstelle: Kleinst-Gälisch-Bloggersdorf nicht fehlen.
Ganz Bloggersdorf zeigt seine zwölf Bilder schon immer bei Draußen nur Kännchen.

Porridge it is. #1v12 #12von12 #porridge #porridgeforthepeople

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Hier beginnt der Tag mit Porridge. Auf dem Porridge sollten sie sich wundern, ist nicht getrocknetes Blut zu sehen, sondern Beerenkompott, denn wir die wir im außertropischen Monsun ( auch bekannt als irischer Regen ) unser karges Dasein fristen, versuchen den Sommer wenigstens in Kompottform zu konservieren.

Klabautermann. Ähm. Klabauterfräulein. #2v12 #12von12 #klabautermänner

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Im Oktober aber verwandelt sich das Fräulein Read On in einen Klabautermann. Sie wickelt sich in einen gelben Wetterfleck, der ungefähr fünfmal so groß ist wie sie selbst, zwei Strickjacken trägt sie unter dem Wetterfleck und erschrickt so sehr zuverlässig, Möwen, Menschen und auch Katzen. Sollte Ihnen einmal ein Michelin Männchen mit Shetlandponyhaaren begegnen, der den Klabautermann alt aussehen lässt, das bin dann sehr wahrscheinlich ich.

The morning is still sound asleep. #3v12 #12von12 #dublin #dailycommute

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Meine Großmutter sagte, die Dinge, die man vor zehn Uhr schafft,sind das Siebenfache dessen, was man nach zehn Uhr schafft. Mit diesen Worten im Ohr eile ich vom Zug in die Stadt und vom Bahnhof ins Institut, seit Jahr und Tag komme ich nie später als 6.30 Uhr und wenn ich wild lebe gegen sieben Uhr zur Tür herein.Lachen Sie nur, ich kann nicht aus meiner Haut.

Suppenkasper. #4v12 #12von12 #spoonitup #blackeyedpeas

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Am Donnerstag ist der Tierarzt im Zoo und so trifft man sich zur Mittagsstunde in der Stadt und macht sich schöne Augen. Nebenbei schlürft man eine Suppe. Gestern gab es eine Tomatensuppe in der Black Eyed Peas schwammen, aber die Augen des Tierarztes sind doch schöner. Die Suppe nicht den Tierarzt können Sie in der Chocolate Factory selbst probieren.

At the crossroads. #5v12 #12von12 #crossroads #dublin

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Der Tierarzt fährt links zurück in den Zoo und ich laufe geradeaus ins Institut zurück. Das ist manchmal auch ein Zoo.

„Halt durch Mädchen“, sagt der Tierarzt. ( Die Auszubildende )

„Lass Dich nicht beißen“, sage ich. ( Der Löwe, das Krokodil, der missgelaunte Orang-Utan.

Gegen die Wand aus Stille.( Karte Nummer 106 ) für Mesale und Kitty für ihren Sohn. #freemesale #schreibmeşale #6v12 #12von12

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Jeden Tag eine neue Karte und jeden Tag fällt die Karte schwerer. Die fortgesetzte Untersuchungshaft für Mesale Tolu und ihren Sohn macht mir sehr zu schaffen und ich wünschte mir fiele etwas Besseres ein, als eine Karte. Eine Papierfliegerkette. Ein Luftballonsbefreiungskommando. Ein Brieftaubengeschwader, dass Sie dort endlich herausholte aus dieser Hölle.

Karte Nummer 210. Manchmal sehe ich auf die Zahlen und wie bei Mesale Tolu überfällt mich auch hier die gleiche rasende Hilflosigkeit. So weit ich es weiß, erreicht Deniz Yücel keine der Karten. Es gibt viele verschiedene Wege einen Menschen zum Verschwinden zu bringen, die Türkei zeigt gerade Wie.

Waiting, reading, eating. #8von12 #12von12

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Warterei mit sehr guter Zimtschnecke und einem Buch, über das mich auf Seite Drei schon sehr geärgert habe, das es nichts mehr werden wird mit uns beiden.

Just in case you wonder how dark our village truly is. It is that dark. #9v12 #12von12 #dark #thisisireland

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Wenn Sie sich fragen, wie dunkel es eigentlich ist in einem kleinen, irischen Dorf. So dunkel ist es. Seit Jahren schon sind die Straßenlaternen abgestellt oder kaputt.

Ich muss noch eine Birne wechseln. #10von12 #12von12 #hahahahahahahahahahahahahahahahahahahahahahahahahahahahahahahahahahahaha

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Im Schlafzimmer muss eine Glühbirne gewechselt werden und ja, ich kann darüber wirklich sehr lachen. Immer noch. Schon wieder. Noch viel mehr als Sie glauben. Hihihihihihihihih.Hahahahahahahahaha.

Clean teeth. #11von12 #12von12

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Zähne putzen nicht vergessen. Wieder einmal ein Bild von bestechender Aussagekraft und dem wiederholten Beweis: ich mache die schlechtesten Bilder der Welt.

Book and bed. Nite-Nite. #12von12 #book #vikramseth #nowreading #asuitableboy

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Dieses Buch ist mir ein heimatlicher Hafen. Meine alte Ausgabe war so zerlesen, dass ich mir eine Neue anschaffen musste. Lesen Sie Vikram Seth. Sie werden es nicht bereuen.