Woanders ist es auch schön

Ich habe nicht gewusst, dass es Schreibschulen gibt oder Universitäten an denen Ausgewählte schreiben und die Anderen, irgendwie auch noch Lehrer oder irgendwas werden sollen. Was man alles hätte werden können. In Hildesheim jedenfalls wird geschrieben und wer dort schreibt und wie man dort schreibt und warum die Frauen in Hildesheim noch immer vor allem Buletten machen hat Stefan Mesch hier aufgeschrieben. Hildesheim. Eine fremdere Welt kann ich mir kaum vorstellen. (Via Kaltmamsell)

Eine fremde Welt ist auch eine Welt in der Eltern und auch Nicht-Eltern auf Wurzelsäfte schwören und Impfungen bekämpfen wie die  formidable Kaltmamsell es beschreibt. Eine Welt in der Ärzte natürlich gewissenlose Gauner sind und die nette Frau mit den schönen, natürlichen Ölen Heilung verspricht anstatt medizinisch fundierter Behandlung.

Was für ein langer Weg und grässlicher Weg so eine Behandlung, ist ist hier so plastisch wie drastisch geschildert. Thomas Buddenbrook der über einem faulen Zahn verstarb, hat hier eine wahrlich kundige Nachfolgerin gefunden.

Interessanter als die parteipolitischen Strategien hinter der Wahl von Ram Nath Kovind ist die Geschichte von Laxmiben Maheria, die sich für die Rechte und den Zugang von Frauen aus den vielen Dalit-Kasten einsetzt . Unerschrocken und ohne Ambitionen auf Wählerstimmen in den Kongresswahlen 2019.

There is no such thing as a free lunch. Schon gar nicht bei Mietwagen.

Die Notaufnahmeschwester über das Warten.

Der Tierarzt wäre natürlich nicht der Tierarzt hätte er nicht Mädchenmusik für mich dagelassen.

Woanders ist es auch schön.

Frau Kelef ist eine würdige Nachfahrin von Thomas Bernhard und Österreich jedenfalls hat jetzt ein neues Tierschutzgesetz  und ich bin mir sicher bald ist im Burgtheater Premiere. Nur für Wauzi und Mauzi sieht die Zukunft finster aus.

Kiki macht sich Gedanken über die Sache mit dem Du und dem Sie und erklärt die Sache mit dem Hamburger Du . Ich sieze ja sehr gerne, auch sehr lange und auch Menschen, die ich sehr mag. Hier aber gilt, wie Sie mögen. Nur stumm die Lippen aufeinander pressen und grimmig Schweigen, das sähe ich nicht gern.

Jedem wünsche ich einen Bär wie Salut.

Im Berliner Gropius-Bau gibt es das Originalmanuskript „Der Prozess“ von Franz Kafka zu sehen. Die Geschichte dieses Manuskriptes erzählt immer wieder die Geschichte des 20, Jahrhunderts und das es dieses Manuskript noch gibt, ist auch ein Wunder .

Wenn Frau Casino erzählt, geht man sogar gern mit zum Friseur und ins Nagelstudio. Ich gehe nämlich überhaupt nicht gern zum Friseur, denn mir sind die Hände der Friseure immer unangenehm und von den vielen Gerüchen wird mir immer speiübel. So friste ich mein Dasein als zotteliges Shetlandpony.

Manchmal schreibt das Leben unglaubliche Geschichten und manchmal sind sie unglaublich schön.

Diese Woche war musikalisch gesehen, recht sparsam, denn im Moment arbeiten der Tierarzt ich wie die Wasserbüffel. Aber der Tierarzt wäre nicht der Tierarzt, hüpfte er nicht singend vom Bad die Treppe hinunter und bei Wyvern Lingo und „I love you Sadie“ singe sogar ich mit.

Eine Banane

Immer am Montag kaufe ich bei der Frau des Krämers eine große Staude Bananen. Der Tierarzt nämlich hat sich überzeugen lassen, dass Bircher-Müsli mit zergatschter Banane eine feine Sache ist und wie Sie alle wissen: beim Tierarzt zählt jede Kalorie. Der Tierarzt löffelt also bananenversetztes Birchermüsli und ich werfe morgens eine Banane zum Apfel in die Tasche. Diese Woche sind die Bananen besonders gelb und saftig und weder grassgrün noch bräunlich angedellt. Wenn Sie so wollen: Bilderbuchbananen.

Heute Mittag ging ich mit der D. essen. Wir löffelten eine ziemlich bescheiden schmeckende Tomatensuppe und führten so Kollegengespräche:

Hast Du schon gehört?

Also wirklich ausgerechnet die G.

Ach, wenn das doch nur vom Tisch wäre.

Dann zog ich meine Banane aus der Manteltasche. „Magst Du die Hälfte als Nachtisch haben, D?“ Die D. aber sah mich an als hätte ich ihr eine Lösegelderpressung vorgeschlagen. „Bananen“ sagt die D. mit vor Empörung zitternder Stimme „würde sie seit schon Jahren nicht mehr essen.“ Bananen stopften und seien überhaupt wahre Kalorienbomben, ein Stück Torte sei ja nichts im Vergleich mit einer Banane, die den Stoffwechsel hemme und einem die Kalorienbilanz in dergestalte Höhen triebe, dass man sich davon nie wieder erhole.“ Ich starre die D. an und wie so oft denke ich an Indien. In Indien sind Bananen sehr billig ein Kilo Bananen kostet etwa 45 Rupien, was in etwa 60 Cent entspricht. Bananen sind billig und machen satt und so ist eine der Standardfragen in der kleinen Slumklinik: Tumne khane me kya khaya aaj? Was haben Sie heute gegessen und nahezu immer antworten diejenigen vor uns auf dem Stuhl: Ek banana. Eine Banane.

Das meint immer: eine Banane für den ganzen Tag. Ob sie als Bauarbeiter, oder Näherin arbeiten oder am Straßenrad bügeln, Schuhe reparieren, den Müll nach Brauchbarem sortieren, Straßen bauen, Schächte ausheben, oder die Kloake reinigen, die Menschen, Rikscha fahren und die im Slum leben, haben meistens Berufe die mit schwerer körperlicher Arbeit verbunden sind, und in ihrem Budget ist Platz für eine Banane. Das ist alles. Das was an Budget übrig ist, wird immer in Nahrung für die Kinder investiert oder in sauberes Wasser, das es im Slum nicht gibt. Unter- und Mangelernährung ist neben Erkrankungen durch verseuchtes Wasser die größte Herausforderung und eine Haupttodesursache.

Eines Tages kam ein junges Mädchen in die Sprechstunde. 14 Jahre, schwanger und dünn wie ein Strich, ihr Mann ebenso dünn und 16 Jahre alt. Sie konnte vor Krämpfen kaum noch stehen: Tumne khane me kya khaya aaj? Was haben Sie heute gegessen? Ek banana. Wie sich herausstellte hatte sie in der gesamten Schwangerschaft niemals mehr und nichts anderes als zwei Bananen am Tag gegessen. Ihr Mann hingegen nur eine Banane. Die zweite Banane war für Frau und Kind. Der Mann sammelte Nägel und Schrauben aus den Brackwassern des Slums,unter den Ärmsten der Armen ist die Rangordnung ja ebenso diffizil wie unter der Superreichen und selbst im Slum in dem der Durchschnittsverdienst bei einem Dollar liegt, zählte jener Mann zu denen, die an guten Tagen vielleicht 50 Cent verdienen.
In Europa sind die Überlebenschancen für Frühgeburten ab der 23. Woche gut, aber der 28. Woche sehr  gut und in Indien in einem Slum in beiden Fällen aber extrem schlecht. Das gilt auch für unsere Klinik, denn Frühgeburten verlangen einen Ressourcenaufwand den wir nicht leisten können und den wir intensivmedizinisch nicht tragen können. Die meisten Frühgeburten also sterben in den Armen ihrer Eltern. Das ist Indien.

Die extreme Mangelernährung der Frau hatte zu einer Plazentainsuffizienz geführt und wir holten das Kind. 28. Woche. Ein Kind so groß wie eine Banane ein winzige Hand zur Faust geballt, ein entschlossenes Gesicht und der Vater stand vor seinem Kind und weinte vor Liebe und Angst um das Kind. Ja, auch in Indien lieben Eltern ihre Kinder mit der gleichen Entschlossenheit und Unbedingtheit wie in Radebeul oder Bonn.
Damals aber hatten wir gerade ein gebrauchtes Röntgengerät angeschafft und hatten kein Geld. Nichts. Der S. sah auf das winzige Wesen und sagte: „Das ist eine Kämpferin.“ Ich rief die C. an und bat zum ersten Mal in meinem Leben jemanden um Geld. „Ja“, sagte die C. und wir fuhren mit dem winzigen Wesen in eine teure Klinik. 4.000 Euro legte ich auf den Tisch und der Arzt lächelte ein bisschen amüsiert über diesen Notgroschen.

Zum ersten Mal bettelten der S. und ich. Hemmungslos. Klagend, Weinend und der S. „Wir als Kollegen…“ und dann nahm der Arzt das Mädchen und seine Mutter auf. Der Vater schlief im Blumenbeet vor der Klinik. Das Mädchen nannten sie Amita: Kennt keine Grenzen. Jeden Tag kamen wir in die Klinik und Amita ballte ihre winzig, kleine Faust, jeden Tag ein bisschen entschlossener. Amita hielt durch und Frau Rajasthani kochte für Amitas Mutter und ihren Mann, kochte mit der gleichen Besessenheit mit der wir den Arzt überzeugten dieses eine Mädchen auf der Welt zu halten. Und Amita blieb auf der Welt.

Als Amita zurück nach Hause kam, war sie etwa so groß wie normal entwickelte Kinder in der 28. Woche und der ganze Slum hielt Amita am Leben. Damals obwohl wir doch gerade das Röntgengerät angeschafft hatten und ich nun einen Batzen Schulden bei meiner lieben C. hatte, beschlossen wir, dass sich etwas ändern müsste und seitdem liegen in der Schublade des Klinikschreibtisches, kleine gefaltete, braune Papiertüten mit Geld für eine richtige Mahlzeit. Und wenn die Patienten auf die Frage: Tumne khane me kya khaya aaj?, mit: Ek Banana antworten, dann gibt es eine Mahlzeit auf Rezept. Eine Banane macht nicht satt. Vor zwei Jahren hatten wir endlich genug Geld um für alle Kinder und werdende Mütter zweimal in der Woche ein Frühstück zu organisieren: Milch, Bananen und Samosas an jedem Mittwoch und Sonntag. Jede Kalorie zählt und der Hunger ist ein großer, ein hartnäckiger, ein verbissener Gegner, und die Kinder haben vor der 40. Woche eigentlich keine Chance. Und auch in der 40. Woche ist die Chance noch immer ein Vielfaches geringer als in Europa. Noch immer ist der Geburtstag der indischen Kinder im Slum oft auch ihr Todestag. So ist das in Indien und deswegen sind wir ja auch dort.

Zwei Jahre später Amita rannte vergnügt und jagte Straßenhunde hatte ich 4000 Euro gespart und lud meine liebe C. zum Essen ein. „Danke“, sagte ich und dachte an den Abend an dem Amita auf die Welt kam. Die C. nahm das Geld und zwei Tage später hatte ich 4,000 Euro auf dem Konto: Betreff: Alles Banane.

In der Praxis meiner lieben C. hängt ein Bild von Amita und mir: Sie verschlingt ihre Frühstücksbanane und erklärt mir sie sei ein Tiger, aber einer der nur Bananen möge und ich sage: „Ich weiß, Mäuschen, ich weiß“ und sehe ihre kleine entschlossene Faust wie damals als sie auf die Welt kam und immer wenn ich vor dem Bild stehe und sentimental schniefe, kommt die liebe C. küsst mich auf die Nasenspitze und lacht: „So ist das wenn man Kinder hat.“

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Die D. steht noch immer neben mir und erklärt mir warum die Banane die Abnehmsünde sei. Aber ich drehe mich um und sage: „Ich will das wirklich nicht mehr hören.“ Dann drehe ich mich um und esse die wirklich sehr gute Banane, nicht zu grün und auch noch nicht braun angedellt. Eine Banane. Ek banana.

02. Juli 2017: Ich bin sehr gerührt und sehr dankbar für all Ihren Zuspruch und Ihre überwältigende Hilfsbereitschaft! Nun ist es mit Spenden eine gar nicht so einfach Sache, sondern eine rechtliche und auch strukturelle Herausforderung. Ich werde überlegen, ob und wie und welche Möglichkeiten es gibt und melde mich dann hier an alter Stelle. Aber ich bin unendlich dankbar vor allem dafür, dass Sie Anteil nehmen. Es gibt Dinge, die sind in Geld und Gold niemals aufzuwiegen. Danke. Von Herzen. Immer Ihr Fräulein Read On.

In der Schlange vor Kasse Sieben

Gestern Abend, spät war es schon und ich arg müde nach einem langen Tag und dem späten Flug zurück nach Berlin, da entschied ich mich doch noch auf einen Sprung in den Supermarkt am Zoologischen Garten zu gehen, denn ich kenne mich schon und weiß wie unleidlich ich bin, habe ich am Morgen keine Milch im Haus. Die Stimmung im Supermarkt ist gereizt. Zwei Touristen haben mit ihren Everest-Reise-Tornistern einen Karton Limonade von einem Stapel gefegt und auf dem Boden breitet sich ein klebriger Limonadensee gespickt mit Glassplittern aus. Die Touristen mit ihren Rucksäcken, die wohl auch Bäume fällen könnten, haben das Drama nicht einmal bemerkt, wohl aber der Marktleiter. Der schreit: „Aber hallo, sofort stehengeblieben.“ Eine Ader pulsiert drohend an seiner Schläfe, er verliert die Contenance und kann nur noch bellen. Dann verlässt er den Tatort und schon knarzt es drohend durch den Marktlautsprecher: „Frau Tesche zum Aufwischen.“ Frau Tesche eine ältliche, etwas untersetzte Frau kommt mit Zellstoffpapier und einem Eimer herbeigehechtet und beginnt die Sauerei aufzuwischen. „Ick hab schon janz andere Scheiße uffgejewischt“, sagt sie zu den Touristen, die bedeppert neben ihr stehen. Frau Tesche hat zwar wasserstoffblondes Haar und sehr lange Fingernägel mit Leopardenprint, aber sie ist bestimmt schon 65 Jahre alt und sehr wahrscheinlich reicht die Rente nicht und die Männer auf die ist wohl auch kein Verlass mehr. Vielleicht hat der Sohn auch Schulden oder die Tochter ist mit dem Bubble-Tea Laden pleite gegangen. Frau Tesche jedenfalls klaubt Scherben zusammen und wischt den Limonadensee auf. Ich drücke mich an zwei Männern vorbei die Centstücke zählen und wohl ausrechnen, ob die Münzen für zwei Flaschen Bier reichen. Dann kaufe ich eine Flasche Milch und zwei Becher Joghurt und stelle mich an eine Kasse an. Auch hier ist die Stimmung nicht gut. Eine Frau hat in ihrer Einkaufstasche mehr Sachen als auf dem Band liegen und der Kassierer, der eigentlich nur die Tomaten noch einmal über das Band ziehen wollte, ist ihr auf die Schliche gekommen. Jetzt rauft er sich das Haar und deklamiert: „Ick fass es nicht.“ Dit is ne Riesensauerei.“ Ich weiß nicht ob Frau Tesche ihm hier zustimmen würde. Jedenfalls schreit er in das quietschende Kassenmikrofon: „Marktleiter, Marktleiter sofort zur Kassen Sieben.“ Seine Stimme überschlägt sich fast und das Kassenmikrofon kreischt so wie ich mir den Gesang der Erinnyen vorstelle. Vom Marktleiter indes keine Spur. Wahrscheinlich sitzt er vor einem Ventilator im Marktleiterbüro, nimmt Magentabletten und hustet böse über sein Schicksal, das ihm beständig Touristen und Trinker beschert. Die Frau vorn an der Kasse, die wohl Eier und Brot und auch einen Kohlkopf auf das Band getan hat, aber Fleisch und Gemüse in eine dunkelbraune, zerbeulte Tasche gestopft hat, steht mit gesenktem Blick an der Kasse und starrt auf ihre Schuhe, die ebenso zerbeult sind wie ihre Tasche. „Hören Sie, sage ich zum Kassierer, denn ich bin müde, wirklich müde und öffentliche Tribunale mag ich auch nicht, ich bezahle die Dinge ja?“ Aber der Kassierer starrt mich böse an: „Dit is ne Riesensauerei“, hebt er wieder an und rudert mit den Armen. „Dit wird uffjeklärt.“ Andere Kunden protestieren auch. „Da könnte ja jeder kommen“ und „Schnauze, Sie Gutmensch. Ich aber bin ja nur sehr müde, auch sehr müde daran, dass ein Exempel immer dann statuiert werden soll, wo keines ist, sondern nur traurige Geschichten liegen, vor denen ich mich fürchte. Geschichten von denen ich mit Biomilch und Biojoghurt und einer Gemüsekiste am Samstag und einem gefüllten Vorratsschrank nichts wissen muss, aber doch einiges weiß. Der Mann, der besonders laut pöbelt, ist mehr als nur gut genährt und die Fleischbeutel in seiner Hand und der teure Schnaps sind eine andere Kategorie als die dünnen Plastiktüten der Frau an der Kasse. Der Kassierer schreit noch immer nach dem Marktleiter, da dreht ein Mann, der direkt vor mir steht sich zu mir um. „Ich würde auch was geben“, sagt er und lächelt schüchtern. Er sieht so aus, als müsse er sich erst erinnern, wie das geht mit dem Lächeln. Auf dem Einkaufsband liegen zwei Flaschen Sekt, verschiedene Tafeln Schogetten und vielleicht zwanzig Becher mit Maggi-Instantnudeln. „Mysterious Asia“ oder „Flavourful India“ oder so ähnlich steht auf den Bechern, auf deren Deckel ein roter Drachen einen Hauch Exotik vermitteln soll. „Sie mögen indisches Essen?“, frage ich ihn und der Mann wird rot. Er muss sich nicht nur an das Lächeln erinnern, sondern auch daran wie man spricht, wird man gefragt. Er nickt. „Er träume davon einmal nach Indien oder Thailand oder China, am liebsten aber nach Shanghai zu fahren.“ Dann aber reibt er den Daumen gegen den Zeigefinger, so als zähle er Geld. „Es reicht nicht“, sagt er und ich nicke. Außerdem könne er nicht weg, wegen seiner Mutter, die ist bettlägerig und er könne sie nicht mehr länger als ein paar Stunden allein lassen. „Ob ich, fasst er sich ein Herz, schon einmal in Asien gewesen sei?“ Ich nicke und deute auf die indisch inspirierten Maggibecher. „Indien, sage ich, immer wieder Indien.“ Dann erzähle ich ihm wie ich damals in Indien bei Frau Rajasthani am Küchentisch zum ersten Mal scharfen Reis gegessen habe und vor Überraschung über die plötzliche Schärfe erst anfing zu husten und dann zu tanzen, um die Schärfe abzuschütteln. Noch heute schütteln sich die Nachbarn, die durch die offenen Balkone hereinsahen und mich wirbeln sahen wie einen Derwisch darüber wie ich den scharfen Reis entdeckte. Der Mann muss auch lachen. Ein offenes, herzliches Lachen. „Er äße sehr gern scharf“ sagt er und ich nicke und denke an Frau Rajasthani in ihrer Küche, die immer offen ist für Gäste und die mit einem bestimmten: „Accha!“ die Kinder, ihren Mann und mich mit einer dampfenden Schale voll Reis, Dhal und was immer eben gerade im Topf schmort, herunterschickt, damit auch der Mann die Plastikflaschen sammelt satt wird. Accha! Hier im Supermarkt aber wird die Schlange länger, die Stimmung gereizter und der Marktleiter bleibt noch immer verschwunden. Der Kassierer ist krebsrot im Gesicht und auch sein Rufen nach einer „zweiten Kasse“ verhallt ungehört in den Supermarktgängen. Frau Tesche ist ja auch mit dem Limonadensee befasst. „Ich versuche es noch einmal und sage, „Ich bezahle das jetzt.“ Der Kassierer gibt endlich nach, wohl weniger meinem Blick als dem drohenden Gebräu der unzufriedenen Kunden und dem abwesenden Marktleiter geschuldet. „Nun jeben se schon her“, blafft er die Frau an, die scheu und ebenso rot wie er, die Beutel aus der Tasche auf das Band legt. 9 Euro 58 beträgt der Wert des Diebesgutes. Gehacktes, zwei Auberginen, eine Rispe Tomaten und Kartoffeln. Der Mann mit den Maggi-Packungen legt fünf Euro zu den Sachen der Frau. Sie packt die Sachen hastig in die zerbeulte Tasche und nickt uns flüchtig zu, schon verschwindet sie in der Menge. Der Mann bezahlt und endlich ich auch meine Flasche Milch. „Es hat mich sehr gefreut“, sage ich und nun ist er auch sehr rot. Namasté. Dann laufe ich wirklich müde die Treppen zur S-Bahn hinauf und mache die Augen erst wieder auf, als die S-Bahn quietschend den kleinen Vorort im äußersten Südwesten Berlins erreicht.

Die Sache mit den Zahnbürsten

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Zahnbürsten mit Kappen für den Slum 

Neulich las ich einem jener Magazine in denen sehr gut aussehende Menschen davon berichten, wie Fehler sie zu stärkeren, besseren und immer erfolgreicheren Menschen gemacht hätten. Die Frauen, die da berichteten waren alle blond, trugen Perlenketten und sind heute CEO von irgendeiner Tech Company im Silicon Valley und die schlimmsten Fehler vermeidet wahrscheinlich ein Personal Assistant aus Harvard. Ich bin natürlich neidisch, denn ich bin nicht blond, Perlen sehen an mir selten gut aus und ich bin kein CEO von irgendwas, Fehler habe ich dafür schon so viel gemacht, dass selbst ein Harvard Graduate die Finger davon ließe und schöner, glücklicher und gelassener hat mich keiner der vielen Fehler gemacht. Angestrengt, und ausgelaugt haben mich die Fehler, die Fehler haben mich ängstlicher, verdrießlicher und verzagter gemacht, und oft war ich kurz davor alles hinzuwerfen. Ich Versager, ich ewiger. Einer dieser Fehler war die Sache mit den Zahnbürsten.

Damals als der S. und ich die kleine Slumklinik in einem sehr großen Slum in Indien gründeten fiels uns auf, dass nahezu alle Kinder nur noch verfaulte Zähne im Mund hatten und wenn dann auch die bleibenden Zähne nur noch schwarze Stümpfe waren, bekamen die Kinder, wenn sie Glück hatten eine Prothese, ein schauderhaftes, schweres Ding, das weder an den kindlichen Kiefer noch an die Lebensrealität der Kinder ( kein sauberes Wasser um die Prothese zu reinigen ) angepasst war. Wenn Sie Pech hatten, dann kauten sie eben auf verfaulten Zahnstümpfen. Der erste Fehler, den wir machten, war zu glauben, wir könnten die Kinder ohne die Eltern erreichen. Sprich, wir verteilten Zahnbürsten an die Kinder und erklärten wie man die Zähne putzt. Die Kinder waren stolz auf die in Cellophan eingeschweißten Zahnbürsten und wie Sonntagsschuhe bewahrten die Familien, die Zahnbürsten auf. Zähne geputzt wurden damit nicht. Nicht ein einziges Mal. Wir schlugen die Hände über dem Kopf zusammen. Dann wandten wir uns doch an die Eltern. In jeder einzelnen Sprechstunde führten wir vor, wie man sich die Zähne putzt. Die Eltern waren begeistert und nahmen die Zahnbürsten mit. Wir dachten, die Dinge würden schon ihren Gang nehmen. Die Dinge bewegten sich nicht.

Die Zahnbürsten waren Sonntagsschuhe: sorgsam gelagert und wann immer die Familien uns sahen oder wir Hausbesuche machten, führte man uns stolz die originalverpackten Zahnbürsten vor. Der S. und ich starrten verzweifelt an die Wand. Vor unseren Augen, vor Kartons voller Zahnbürsten, verfaulten also die Zähne der Kinder. Ich rief verzweifelt meine Großmutter an. Ich glaube 30 Sekunden für 7 Euro ( 14 DM!!):“Zahnbürsten wie Sonntagschuhe“ rief ich und sie antwortete: „Mach aus Sonntagsschuhen alte Latschen.“ Der S. und ich sahen auf die Berge voller Zahnbürsten vor uns auf dem Tisch. Dann endlich verstanden wir was der Fehler war. Wir hatten nicht begriffen, dass man Sonntagsschuhe eben nicht im Alltag benutzt und dann begannen der S. und ich allerlei Dinge im Slum einzusammeln, die den Menschen vertraut waren, angebrochene Kämme, Holzreste, all das was in Europa unter dem Wort Müll gefasst wird, aber dort im Slum sind es gebrauchte und benutzte Alltagsgegenstände. Am Küchentisch von Frau Rajasthani sägten wir die nagelneuen Zahnbürsten entzwei bohren eine Schraube unter den Zahnbürstenkopf und schraubten und leimten die Zahnbürstenköpfe auf die Holzstiele und Plastikkammenden. Frau Rajasthani schlug die Hände über den Kopf zusammen. Herr Rajasthani verzog das Gesicht und schämte sich der primitiven Armen im Slum. Aber vor allem schämten sich S. und ich, dass wir geglaubt hatten, es reiche schon etwas zu verteilen und schon sei alles erklärt. Immer erst, wenn etwas nicht funktioniert, realisiert man wie spezifisch Kulturtechniken einfach sind und wenn mir jemand ein Neem-Blatt hinhielte, wüsste ich noch lange nicht, wie ich mir damit die Zähne reinigte. Wir verteilten diesmal an Eltern und Kinder, die umgerüsteten Zahnbürsten, die jetzt nach Alltag und nicht mehr niegelnagelneu aussahen. Schließlich hatten wir auch verstanden, dass Zähne putzen nur mit sauberem Wasser Sinn macht und seitdem putzen die Kinder in der kleinen Klinik die Zähne. Wenn die Zahnbürsten dann lange genug in Gebrauch waren, begannen wir eine nach der anderen gegen die neuen Zahnbürsten aus den Kartons auszutauschen und schließlich wurden die Zahnbürsten so normal wie andere Alltagsgegenstände im Slum.

Eines Tages, als ich frühmorgens in die Klinik kam, fiel mir auf, dass in den Zahnbürsten lauter, kleine schwarze Insekten saßen und das die Zahnbürsten alsbald nachdem sie in Benutzung waren, unschöne, braune Stockflecken bekamen, die keineswegs gut für Kindermünder sein konnten und wieder hatten wir einen Fehler gemacht, denn in einem ohnehin extrem humiden Klima, Zahnbürsten offen stehen zu lassen, ist dem Erhalt von Zahnbürsten kaum zuträglich. Aber unser Budget reichte und reicht nicht aus, um für jedes der vielen Kinder, eine eigene Schachtel anzuschaffen. Wieder saßen wir mit über dem Kopf zusammengeschlagenen Armen da und wussten nicht weiter. Über den vielen Fehlern, waren viele Zahnbürsten und mehrere Jahre ins Land gegangen, da putzte ich mir auf einer Flughafentoilette in Rom die Zähne und neben mir stand eine Frau, die ebenso ihrer Zähne polierte und die nachdem sie sich den Mund ausspülte, auf den Kopf ihrer Zahnbürste ein formidables Plastikkästchen schnappen ließ. Ich schluckte grünen Colgate Schaum herunter und die Frau schrieb mir auf, wo sie eine solche Zahnbürste erstanden hatte. Ich tanzte über den römischen Flughafen und der S., der tanzte mit. Seitdem also bestellen wir Zahnbürsten mit Plastikkappen und weil Kinder auch in einem Slum in Neu-Delhi genau so Dinge verlieren wie ihre Altersgenossen in Darmstadt oder Berlin, beauftragten wir eine Frau, die seitdem für uns die Plastikkappen so an die Zahnbürsten anbringt, das sie nicht sogleich wieder verloren gehen. Seitdem putzen die Kinder im Slum morgens wie abends mal mehr oder weniger murrend, die Zähne. Seit Jahren schon haben die Kinder nicht mehr schwarze Löcher dort wo eigentlich Zähne sind und die Kinder können genauso herzhaft in einen Apfel beißen, wie anderswo.

Es hat fast drei Jahre gedauert, uns an den Rand der Verzweiflung getrieben, wir haben uns so oft vor Eltern wie Kindern die Zähen geputzt, das uns vom Geruch von Zahnpasta fast übel wurde und wir haben sehr viel Geld ( selbstverdient ) in verfaulende oder niemals verwendete Zahnbürsten gesteckt, bis wir verstanden hab wo der Fehler lag. Versager, ewiger dachte ich immer wenn ich vorführte, wie das geht mit der Zahnbürste und die Zahnbürsten, doch immer weiter nur Sonntagsschuhe blieben. Gelernt haben der S. und ich vor allem, das wir uns auch in der größten Verzweiflung nicht gegenseitig erwürgen wollen, sondern irgendwie gemeinsam weitermachen. Manchmal fragen uns Leute, ob wir nicht endlich einmal fertig seien mit unserer Slum-Klinik, dann schütteln wir den Kopf. „ Wir fangen gerade erst an, sagen wir dann, inklusive aller, unserer Fehler.“ Die Leute gehen dann lieber schnell weiter. Außerhalb des Silicon Valley’s nämlich sind Fehler nicht sexy, tragen keine Perlenketten und CEO wird man mit Zahnbürsten auch nicht.

Dafür lächeln sehr viele Kinder, sehr breit, sehr frei und mit lauter , gesunden Zähnen im Mund.Ich ärgere mich nur manchmal, an einem Sonntag im Mai zum Beispiel über den Fehler mit den Zahnbürsten

Der Angst nachgehen

Während meines Vortrages schütteltest du den Kopf und gingst. Die Tür fiel krachend ins Schloss. Aber das passiert bei Vorträgen zum Thema: Sexualaufklärung, Verhütung und Familienplanung in Slum Communitys sehr oft und nicht nur in Neu-Delhi spucken mir Männer ins Gesicht. Es lohnt sich nicht einer krachenden Tür hinterherzusehen und so redete ich weiter. Ich erzählte von den Eisenbahnschienen, die am Slum entlanglaufen und den morgendlichen Leichenzählungen, damals als wir dort begannen, zählten wir vor allem tote Frauen.

Nach dem Vortrag und vielen geschüttelten Händen atmete ich endlich aus. Meine Abneigung gegen feuchte Hände ist schier unüberwindlich und ich wusch mir die Hände. Lange und gründlich. Flackerndes Neonlicht im Bad. Im Flur, grauer Teppichboden, graue Stühle, graue anthrazitfarbene Anzugträger überall, dort standest auch du und sehr laut und sehr akzentuiert, damit ich es auch hörte, sagtest du zu einem der Anzugträger: „Frauen wie die da, mit ihren Weltrettungsambitionen machen mich krank.“ Ich lächelte leise, denn ich kenne das schon. Du trugst kein graues Sakko und auch keine graue Hosen. Du warst ganz in Schwarz, schwarzer Rollkragenpullover, schwarze, sehr teure Hosen, schwarze Schnürstiefel und schwarz waren deine Augen und schwarz wie deine Augen war auch dein Haar. Der Anthrazitgraue nickte über seiner Kaffeetasse und ich ließ euch stehen und stieg hinauf auf die Dachterrasse. Sonne und Luft und nichts davon grau. Dafür New York vor mir und endlich ausatmen. Aber lange hielt das nicht, nicht die Weite der Stadt, die Sonne und auch nicht das Atem holen. Schon standet du vor mir. Ganz schwarzer Schatten. „In Aleppo sterben Menschen, schriest du mich an, sterben Menschen und sie behelligen uns mit Tampons, Kondomen und Frauenproblemen. Ich sah dich an und sagte: „Kennen wir uns?“ Aber du warst schon weiter und verfluchtest mich. „Genau wegen solch Menschen wie mir, ginge die Welt vor die Hunde. Ewiges Geschwätz von Waschweibern, die nichts wüssten vom Krieg. Keine Ahnung hätte ich von zerschossenen Häusern, vom Bombenhagel, von verkohlten Autowracks, von zerfetzten Körpern und dem sengenden Geruch nach Brand und Munition sondern stattdessen vertriebe ich mir die Zeit mit meinen Frauen und ihren Problemchen. Du tobtest immer lauter und weiter und an deiner Schläfe pochte eine Ader. Ich saß da in der Sonne und in deinem Schatten und sah dich an und du tobtest dich aus. Ich hatte kalte Hände und erst als du schriest: Fuck, fuck fuck you, stand ich auf und trat auf dich zu und ich griff mit beiden Händen in deinen Pullover, schwarz und weich unter deiner Härte. Dein Geruch war Traurigkeit. Meine Hände aber sind eisern. „Hören sie“ sagte ich zu dir, du schriest ja noch immer, keine Frau in Aleppo wird lebendig, liegen meine Frauen tot am Straßenrand, keine Bombe fällt nicht, weil es in Neu-Delhi eine Müttersprechstunde gibt, niemand wird gerettet, weil es in einem Slum in Indien Kondome gibt. „Unter meinen Händen zitterten deine Schultern. Aber ich ließ nicht los. „Meine Frauen und ihr Aleppo teilen nur die Unsichtbarkeit und die wird auch nicht deswegen kleiner weil es bei Twitter Betroffenheit und dann auch wieder Katzenbilder gibt. Die Welt und meine Knöchel waren weiß unter deinem Schwarz, aber ich gab nicht nach, die Welt geht weiter mit Aleppo, mag da auch eine Mutter schreien wie ein Tier, man wird sie nicht hören , aber Sie, sie kriegsversehrte Taube brauchen ihre Kräfte für den Krieg.“ Ich sah ich dich an, bevor ich sagte, „ich weiß dein Herz ist müde und deine Traurigkeit so schwer.“

Stumm und zitternd sahst du auf mich herunter. Meine Hände drückte ich gegen deine Rippen, denn ich kenne das schon, kenne doch die Narben,  es sind dieselben, die auch zwischen meinen liegen, nur spiegelverkehrt, drückte mich in deine Narbe hinein, zeichnete den Stiefelabdruck nach der da zwischen deinen Rippen lag und zog deine Finger zwischen meine Rippen. „Nichts daran ist gut“ sagte ich und zog meine Hände fort.

Zwei Stunden habe ich heute für den Vierzeiler an dich gebraucht. Prends ma main. Es ist die gleiche Angst.

As an exception in German: Apple Hooray!

Am Sonntag Morgen sitze ich im Zug. Ich balanciere einen Korb voller Äpfel, einen Apfelkuchen, ein Buch, mein Telefon,  einen pink-grauen Wollschal und eine Tasche neben, auf und unter meinen Knien. Auf der ersten Stunde der Fahrt sitzen mir zwei Männer gegenüber, die sich gern mit mir unterhalten möchten, aber so recht kommen wir nicht zusammen, denn keine der Sprachen, die ich anbieten kann, sagt den beiden Männern etwas, und umgekehrt ist es genauso. ich bin darüber gar nicht sehr traurig, denn ich möchte mich nur sehr selten im Zug unterhalten, ich langweile mich sehr schnell und kann es nur schlecht verbergen und zu dem mag ich die Bücher auf meinen Knien meistens zu sehr, um sie einer Unterhaltung wegen zuzuklappen. Aber gerne biete ich den beiden Männern, Äpfel aus dem großen Korb an. Das klappt gut: Apple hooray, sagen die beiden Männer, ich nicke und lächele: oh ja, Apple hooray. Äpfel sind etwa wunderbares und Gartenäpfel, die obwohl sie in der kühlen Diele schon seit Monaten lagern sind etwa ganz besonders Herrliches. Ein Mädchen vom Sitz gegenüber macht große Augen und gerne hätte ich auch ihr einen Apfel gegeben, aber ihre Mutter sagt: iiieh und verzieht das Gesicht. Dann lese ich, die Männer unterhalten sich und irgendwann steigen sie aus, nicht ohne noch einmal in den Apfelkorb zu greifen: Apple Hooray, sagen sie und ich nicke und sie winken mir.

Auf ihren Platz setzt sich ein älteres Ehepaar. Sie wollen das erfahre ich nach 30 Sekunden nach Oberstdorf zum Skiurlaub fahren. Ich nicke, denn ich habe ja noch immer das Buch auf den Knien und ich unterhalte mich nur sehr ungern mit Fremden, meistens langweilige ich mich und Ski fahren ist etwas was mich so interessiert wie Elektrotechnik im frühen 20. Jahrhundert. Der Mann deutet auf die beiden Männer, die mit den Äpfeln in der Tasche den Wagenstandsanzeiger studieren und sagt zu seiner Frau: Ich verstehe nicht, warum die hier herkommen, wenn die da in Pakistan solche Turnschuhe tragen und Äpfel haben sie auch noch gestohlen. Oh nein, sage ich, die Äpfel sind von mir und zeige auf den Korb zu meinen Füßen. Mögen sie einen? Der Mann sieht die Äpfel an und sagt: „die sind wohl selbst gemacht?“ Ich weiß nicht so genau wie sich manche Leute das Wachstum an Bäumen erklären, aber ich will es ihm nicht erklären. Deswegen sage ich:oh, Pakistan, woher wissen Sie das? Ich kenne zwar nicht alle Sprachen Pakistans, aber Urdu zum Beispiel hätte ich erkannt, Hindi spreche ich einigermaßen und auch Gujarati hätte ich zumindest zuordnen können. Aber der Mann sieht mich nur an und sagt: das sieht man doch. Ich sehe das nicht und da man vorsichtig sein soll mit herablassenden Bemerkungen, frage ich ob er oft in Pakistan sei? Irgendwo muss man sein Wissen doch herhaben und wenn es von den Straßen Islamabad’s kommt. Nee sagt der Mann, da wolle er auch nicht hin. Dann sage ich, könne ich ihm nicht recht geben. Der Verbleib der Äpfel sei schon geklärt, die Nationalität der Männer nicht, da ich Islamabad nicht gut genug kenne, könnte ich natürlich die Frage nach den Turnschuhen nicht abschließend verifizieren, aber da ich in der Region, Indien sei nun eben ein direkter Nachbar, oft sei, so könnte ich sagen, niemand trägt dort weiße Nike Schuhe. Die meisten Menschen, trügen Plastik Flip-Flops, ob sie auf dem Bau arbeiteten oder in der Fabrik, die zum Beispiel für Nike, Schuhe produziere. Dies sei oft fatal, denn die Chemikalien die für die Schuhe zum Einsatz kämen seien hochgiftig, vor allem der Kleber für die Sohlen, tropfte er auf die nackten Füße und Beine, erzeugten sie Verbrennungen und Verätzungen ganz ohne Feuer und Qualm. Die Männer und Frauen, die in den Fabriken arbeiteten verdienten  unter einem Euro am Tag, niemals kämen sie in die Verlegenheit ein Paar dieser Turnschuhe zu erwerben. Noch mehr Menschen vor allem auf dem Land gingen barfuß. Auch dies sei oft fatal, Schlangen im Gras und Dreck in offenen Wunden vertrage sich nur selten. Die mistgetragenen Schuhe zwischen Delhi und Islamabad aber seien Chappals, die einem ein Schuster an jeder Straßenecke aus Lederresten anfertige. Nicht nur die Armen imitierten sie aus Abfallresten, sondern jede indische und pakistanische Mittelklassefamilie lässt sich beim Schuster der meist schon seit Generationen die Chappals herstellt, dann und wann das abgetragene Paar ersetzen. Auch mein Paar ist vom Hausschuster der Rajasthani’s angefertigt und irgendwo in einem kleinen Laden in Old Delhi klebt mein Fuß im Schlappen zum Werbezweck in einer verräucherten Fensterecke. Die wirklich reichen Inder und wohl auch Pakistani laufen nicht zu Fuß, sie werden gefahren und tragen so weiß ich vom Hören sagen handgenähte Schuhe, kleiner italienischer oder englischer Manufakturen, niemals trügen sie einen Billigschuh der schon für 50 Euro zu bekommen sei. Vielleicht manchmal zu Hause um vor der Playstation herumzuhüpfen, aber als Distinktionsmerkmal, als westliches Statussymbol taugten Nike Sneaker nicht. Der reichste Inder mit dem ich einmal ausging und dem ich eine der schrägsten Nächte meines Lebens verdanke, trug goldene Schuhe mit seinen Initialen, Einzelanfertigung sagte er mir und war nur kurz beleidigt als ich lachte. Deswegen sage ich in Richtung des Mannes gewandt der mich ansieht als sei ich eine sehr, sehr seltsame Erscheinung, scheint es mir sehr verwunderlich warum ausgerechnet ein Paar Plastiktreter, die noch nicht einmal wärmen, wasserdurchlässig und schnell verschlissen sind, zu einem solchen Symbol werden konnten. Noch weniger aber erschließt sich mir der Neid auf solch ein Paar Schuhe, die ich nicht kaufe, denn die Kinder die sie herstellen liegen mir am Herzen. Die Plakate die der Freund des deutschen Exportweltmeisters, Narendra Modi, quer über die Stadt plakatierte um für Kinderarbeit zu werben, halte ich für eine der zynischsten Gewissenlosigkeiten west-östlicher Gier. Für die Schuhe, die man hier offensichtlich zwei Männern neidet, über die keiner von uns etwa weiß, außer das wir ihre Sprache nicht sprechen, bezahlen die Anderen, die sie produzieren einen hohen Preis. Keiner der indischen Fabrikarbeiterinnen oder Fabrikarbeiter, die barfuß zur Arbeit kommen aber haben in Deutschland ein Recht auf Asyl. Vielleicht sind die beiden Männer ja auch ganz anders als Sie offenbar denken mögen, gar keine Flüchtlinge, sondern Sales Agents für Nike, Adidas oder Co, die offenbar die einzigen, europäischen Werte die zählen, auch an den Füßen tragen.

Dann aber, das Buch ist längst zugeklappt, muss ich den Korb mit den Äpfeln, den Kuchen, Buch und Telefon, nicht zu vergessen, den grau-pinken Schal zwischen Knien und Armen jonglieren, denn am Bahnhof wartet schon die C. Aber eigentlich rede ich gar nicht gern mit Fremden im Zug, denn ich langweile mich wirklich furchtbar schnell, aber sollten sie einmal eine Frau sehen, die mit einem großen Korb Äpfel reist, dann bin das wahrscheinlich ich, wenn sie einen Apfel mögen, dann kommen sie gern zu mir und greifen in den Korb, auch wenn wir uns nicht kennen oder gar nicht verstehen: Apple Hooray, scheint mir ein mehr als brauchbarer Anfang.