Die Suche nach dem Korrektiv

13502669_1629001340749912_4533168184841867629_o

Als ich neunzehn Jahre alt war, da wusste ich das über Macht was man so weiß. Louis XIV im Schulbuch. Der Staat bin ich. Dass ich keine Macht hatte wusste ich auch, ich hätte aber auch viel lieber einen Zauberstab gehabt, für richtige Brüste, ein anderes Leben und das sich endlich der D. in mich verliebte. Er verliebte sich in jede Frau, nur nicht in mich. Als ich neunzehn Jahre alt war, wollte ich weg, so weit ich konnte und meinem besten Freund und ich fiel Indien ein ( natürlich war es komplizierter), aber dann kamen wir nach Neu-Delhi und die J. zeigte uns was irgendwann einmal eine Slumklinik gewesen war. Als ich neunzehn war, glaubte ich, die Welt würde sich von mir schon retten lassen. Ich war hochmütig damals als ich neunzehn Jahre alt war und schon damals klebte mir die Traurigkeit in den Haaren. Über Macht wusste ich nur, dass ich keine hatte, keine für ein anderes Leben, keine über andere Menschen, ich scheiterte wieder und wieder. Als ich neunzehn Jahre alt war, wollte ich vergessen. ( Das will ich noch immer, es gelingt mir nicht.)

Das erste Jahr in Indien war eine Überwältigung. Wir wussten nichts, wir verstanden nichts, wir begriffen nicht und unser vager Plan eine Klinik vor allem für Frauen zu machen, war so optimistisch wie hoffnungslos. Wir merkten es nicht. Wir glaubten damals, denn wir waren Kinder der Aufklärung, aber der aus den Romanen und langen Sommernächten, dass unsere Versuche die Welt nun wirklich einmal umzukrempeln schon gelängen. Es kam zum Glück alles ganz anders.

Irgendwann verstanden die Männer, worüber wir mit ihren Frauen zu sprechen versuchten, und das dass worüber wir sprachen kein Gesprächsthema war, sondern das nur Prostituierte über so etwas sprachen. Dann zündeten die Männer die Klinik an, nun muss man sich vorstellen, dass die Klinik damals eine bessere Wellblechhütte war und nicht die Charité, aber erst als ich da stand und versuchte zu retten, was zu retten war, da begriff ich, dass wir die Machtfrage gestellt hatten und das unsere Macht absolut war. Ich verstand, dass die Männer sich nicht vor uns fürchteten, denn wir waren verlorene Kinder, sondern vor dem Machtungleichgewicht, dass nun auch noch dort stattfand, wo sie lebten.

Machtungleichheit war das bestimmende Verhältnis der Männer und Frauen zur äußeren Welt.

Wer nicht lesen und schreiben kann, ist Betrügern und Behörden (in Indien ist das oft ein und dasselbe schutzlos ausgeliefert.)

Wer keine Papiere hat, ist der Willkür von Polizeibeamten ausgeliefert. Das heißt, dass die Polizei bei Bedarf die Hütte zertritt, die wenigen Dinge, die man besitzt beschlagnahmt, dass Widerspruch mit Schlägen und Fußtritten geahndet wird und das es keine Rechtssicherheit gibt, niemals, nirgendwo. Wenn ein Schuldoger gesucht wird, so wird er immer im Slum gefunden.

Wer in einer Hütte zwischen Bahngleisen und einer Müllhalde lebt, dessen Körper ist nicht selbstbestimmt und unantastbar, sondern wer dort lebt, wo die Frauen lebten, der war dem Zugriff von Männern ausgeliefert, für die ein Slum ein Abenteuerspielplatz ist, in dem man sich eine Frau greift, fickt und dann wegwirft. Die Männer waren nicht nur Inder.

Wer seine Rechte nicht kennt, kann sie nicht einfordern, nicht bei Arbeitgebern, nicht bei der Polizei, nirgendwo.

Die Menschen, die im Slum leben kommen von überall her: aus allen Teilen Indiens aber auch aus Bangladesh, Tibet, Nepal, Kathmandu, aus Sri Lanka, aus Afghanistan, jetzt kommen Menschen aus Myanmar, die Mehrheit spricht kein Hindi. Wer die Sprache nicht spricht, wer nicht versteht, was man ihn fragt, der ist immer im Nachteil.

Und dann waren da wir, die merkwürdigen Kinder, die in die Welt einbrachen, die die Menschen kannten und verstanden und als die Klinik brannte, verstand ich, dass sie aus Hilflosigekit brannte, darüber, dass wir alles in der Hand hielten und sie nichts.

Das verstand ich am anderen Morgen und ich verstand es noch mehr, als die Menschen im Slum zu uns kamen mit allen möglichen Problemen, die weit über
In ihrer Vorstellung waren wir mächtig, wir sprachen die Sprache der Behörden, wir hatten Papiere, wer mit uns sprach, gab uns die Hand und so fragten sie uns nach verschwundenen Kindern, nach ausstehenden Gehältern, nach bezahlbarem Strom und wir wussten nichts. Aber ich verstand in der Hilflosigkeit, die uns überfiel, dass wir diese Menschen in der Hand hatten, vollständig. Es war mir unheimlich.

Das ist das Problem in einem indischen Slum, im Sudan, auf Haiti, es gibt kein Korrektiv, sie sind die letzte Hoffnung und wo das Korrektiv fehlt, da ist die Macht eine große Versuchung, denn das was sie dort tun, auch wenn sie erst neunzehn Jahre alt sind, bleibt unkorrigiert, unangefragt, und vor allem bleibt es im Dunkeln. Die Menschen sind Ihnen ausgeliefert, so ist das und wir fürchteten uns. Vieles haben wir damals nicht verstanden, aber das wir mehr Macht hatten als Louis XIV haben wir begriffen, es gab keinen Mazarin und weil es keinen Mazarin gab, suchten wir uns ein Korrektiv.

Die erste die Arbeit im Slum kritisch begleitete war Frau Rajasthani, mit ihr eine Gruppe von Freundinnen und Frauen, die alle in Indien in irgendeiner Art engagiert waren. Fraunerechtlerinnen, Anwältinnen, Ärztinnen, alle dreifach so alt wie wir. „Habt ein Auge darauf, was wir tun“, sagten wir und noch bevor die Klinik wieder ein festes Dach hatte, gab es ein Board wie Microsoft und direkte Kontrolle von außen. Ansprechpartner für uns und für die Einwohner, aber das viel wichtigere Korrektiv kam aus dem Slum selbst. Von dem Geld was wir hatten, bezahlten wir zwei Frauen eine Ausbildung, Sunita wurde Hebamme und Rani Krankenschwester, beide leiten heute nach zehn Jahren mit uns zusammen die Klinik. Das jährliche Budget was wir haben, diskutieren wir zusammen und die beiden haben das letzte Wort.

Einfach ist das nicht immer und genau so muss das sein. Zum ersten Mal habe ich gedacht, dass die Klinik eine Chance hat, als Sunita und ich stritten über die Notwendigkeit einen externen Zahnarzt zu beschäftigen. Damals sagte Sunita: Accha, ich habe dir zugehört, aber ich glaube du liegst falsch. Das war der Moment in dem das Machtungleichgewicht einfach kippte und sie entschied. Wir streiten uns immer noch um den Zahnarzt.

Das dritte Korrektiv aber, sind die Bewohner selbst. Sie entscheiden, was wir machen, was sie brauchen und nicht allein wir. Vor ein paar Monaten war Geld übrig und das ist Geld, über das wir nicht nach Gutsherrenart verfügen und deshalb lassen wir abstimmen. Jede Gruppe im Slum kann Vorschläge einbringen und dann gibt es Wahlen. Natürlich sind die Wahlen viel einfacher, als in der übrigen Welt. Es gibt große Kartons und die Stimmen werden ausgezählt. Es sind immer Piktogramme, denn nur weil man nicht lesen kann, heißt das noch lange nicht, dass man nicht entscheiden kann, Ideen hat und gehört werden muss. Mit einer Mehrheit die an SED Parteitage erinnerte, stimmten die Bewohner für das pflanzen von Bäumen und Sträuchern und für das Anlegen eines Nutzgartens im Klinikhof. Ich wäre niemals auf die Idee kommen, obwohl es doch so einleuchtend ist: alle Menschen haben Sehnsucht nach Grün. Jetzt pflanzen wir Bäume.
Das Gute daran ist nicht nur bessere Luft und Hummelgesumm, sondern Entscheidungsmöglichkeit und Macht darüber wie man leben will. Das hat übrigens größere Auswirkungen als wir dachten, denn als wir anfingen da waren die Raten häuslicher Gewalt sehr viel höher, wer selbst immer einstecken muss, teilt aus und das oft gegen die eigene Frau. Aber wer mitbestimmt, ist selbstbewusst und tritt nicht so fest zu. Weniger Macht für alle, ist wirklich gut und wenn Abstimmungen, Versammlungen, Streit und Neid auch mühsam sind, so machen sie am Ende alle stärker, selbstbewusster, aufmerksamer gegen Machtmissbrauch. Es hat anderthalb Jahre gedauert bis die ersten Bäume gepflanzt wurden, aber dafür sind es Bäume mit demokratischer Legitimation und kein Baum wir rausgerissen und zerstört.

Heute bin ich 30 und S. ist 42, es ist eine andere Klinik geworden als wir es uns damals vorstellten, es gibt keinen Chefarzt, dafür gibt Sunita, Rani, S. und mich, es gibt noch immer das Board von Frau Rajasthani, alle die in der Klinik arbeiten sind Frauen, alle die in der Klinik arbeiten entscheiden mit, alle die in die Klinik kommen, entscheiden mit und natürlich gibt es eine Beschwerdestelle, auch mit Piktogrammen, Rechte sind für alle da. Manchmal sitze ich vor einer Tür und höre mir an wer wen heiratet oder trinke einfach nur Tee, dann gehen Leute vorüber, sie sagen: „Das ist unsere Klinik“ Dann hüpft mein Herz doch noch einmal so, als wenn es noch immer 19 Jahre alt wäre.

Was schenken wir uns zum Jubiläum sagte der S. letztes Jahr. Wir tranken Tee in Paris. „Wir gründen eine Schule neben der Klinik“ sagte ich, „eine Schule ist noch ein Korrektiv und irgendwann müssen wir dann schrecklichen Notar nicht mehr bezahlen, der sich um die Dokumente der Einwohner kümmert.“ Der S. lachte, dann lass uns mal hören was Sunita und Rani sagen. Ich nickte und natürlich Frau Rajasthani. Mit der einstimmigen Zustimmung haben wir nicht gerechnet. Aber eins ist klar in das Klassenzimmer kommt ein Bild von Mazarin nicht vom Sonnenkönig.

Von den großen Entwicklungshilfsorganisationen haben wir uns immer fern gehalten. Leicht ist es uns nicht gefallen, manchmal war die Verantwortung trotz aller Korrektive zu groß, manchmal war das Geld einfach zu knapp, manchmal sind wir so müde, aber bereut haben wir es nie.

Für einen kurzen Moment dachte ich, es gäbe vielleicht wirklich endlich eine Debatte über die Machtstrukturen in der Entwicklungshilfe und Impulse für die Frage, die mich seit elf Jahren beschäftigt: wie schafft man sich selbst ein Korrektiv. Leider verläuft die Debatte wie so oft ganz woanders und wie so oft bleiben die Stimmen in Haiti ungehört, dafür tragen Wissenschaftlerinnen sehr weit weg von Port au Prince, Juba oder Delhi lautstarke Konflikte der westlichen Welt aus, die in Indien keine sind.

„Accha, sagte Sunita, wie schön, dass ihr an eine Schule denkt, aber was ist mit einem Kindergarten?“ „Falls es euch noch nicht aufgefallen ist, aber es gibt Frauen, die arbeiten.“ „Accha, sagte ich, Sunita noch etwas Tee“ und dachte: „von wegen einstimmig.“

Woanders ist es auch schön

Wie schnell die christlich-jüdische Tradition doch an ihre Grenzen stößt. Vor allem wenn es um eine lebendige Synagoge geht.

Die Willkür der türkischen Justiz schreckt vor nichts zurück.

Lieber glattrasiert.

Es dauert einen schon, das kleine störrische Metronom.

Maria trägt goldenen Schuhe.

Es kann nicht genug Träumer geben.

Tierarzt hast Du ein Lied für uns? Hm, sagt der Tierarzt, sucht Schlüssel, Schuhe und den anderen Schal, die Woche war still, stiller als andere Wochen, aber der Tierarzt wäre nicht der Tierarzt holte er nicht doch eine Platte hervor.

Woanders ist es auch schön

Es gibt Diskussionen, die kann man sich in Paris nicht einmal vorstellen, aber in Berlin werden sie mit viel Verve geführt und Miz Kitty hat aufgeschrieben wie das ist mit dem Kaffee und den Berliner Cafés.

Seen machen Menschen.

Der Text will mir nicht aus dem Kopf gehen , ich weiß ich sage es immer wieder, aber man gar nicht genug aufeinander acht geben.

Manchmal ist ein seidener Faden der Anfang eines hoffentlich besseren Lebens.

Noch einmal ein Stück vom Sommer.

Ich mag Uwe Johnson und wenn ich im Moment nicht dazu komme seine Jahrestage weiterzulesen, so lege ich Ihnen doch dieses Blog heiß ans Herz.

Geben Sie sich einen Ruck, hauen Sie in die Tasten, befeuchten Sie die Pinsel, singen Sie Shantys, denn im September geht es mit Kiki ans Meer.

Hier sind all die Gründe versammelt, warum ich nirgendwo lieber Zug fahre als in Indien.

Stellen Sie sich einfach vor, wie das Fräulein bei diesem Lied vor Rührung in die Teetasse weint, der Hund stimmungsvoll dazu jault und der Tierarzt die Treppe hinuntereilt, um zu fragen: „Gehen die Sirenen?“ Die Katze verschläft natürlich wieder alles.

Unter Wasser

Zwei Tage regnet es schon in Mumbai. Die G. schickt mir ein Bild. Sie steht bis zu den Hüften im Wasser und ihr grünes Fahrrad hat der Regen davongespült. Vom Balkon ihrer Wohnung kann man das Meer sehen, aber das Meer ist seit zwei Tagen schon hinter der Wand aus Regen verschwunden und es regnet und regnet in Mumbai und die der D. legt Handtücher in die Terrassentüren, denn in Mumbai gibt es keine Sandsäcke und der Regen steigt und der D. und seine Freundin packen die Bücher aus den Regalen lieber in Kartons und tragen sie in den Oberstock. Der F. schickt mir Bilder von einem Wasserfall und der Wasserfall ist direkt vor dem Bahnhof zu finden. Der F. lacht am Telefon, aber fröhlich klingt er nicht: „ Read On, wenigstens die Schlaglöcher sind im Regen verschwunden.“ Die B. die Tochter vom Y. und der L. freut sich: „Read On, es ist keine Schule wegen des Regens und Mami hat mir einen Film versprochen und ein Eis.“ Es regnet in Mumbai und die B. bekommt ihr Eis. „So lange der Strom noch da ist.“, sagt die L. und die G. steht auf dem Balkon, auf dem wir beide so lange und so oft schon viele Stunden verbracht haben. Mit einem Besen kehrt sie das Wasser vom Balkon. Alle fünfzehn Minuten. Der Unrat schwimmt auf dem Wasser, eine große, dunkelbraune Welle und die Züge fallen aus. Die Menschen gehen an den Schienen entlang. Diejenigen die Regenschirme haben, haben Regenschirme und diejenigen, die keine Regenschirme haben, haben keine Regenschirme. Mumbai hat einen der größten Slums der Welt und wer dort lebt, der ist schon lange nass, denn Plastikplanen hat der Regen schon lange zerfetzt. Schon einmal 2005 hat der Regen und der Sturm, der mit dem Regen kam Mumbai verwüstet. Wochenlang beschworen die Zeitungen und Politiker, die Fernsehsendungen und überhaupt alle, dass dies nicht wieder geschehen dürfe. Aber bald schon war der Regen vergessen und irgendwer in Bollywood küsste jemand anderen in Bollywood und ganz Mumbai auch die Politiker interessierten sich dafür, ob nicht ganz jemand anders hätte geküsst werden müssen. Dann verstummten die Stimmen der Politiker und vom Regen war nichts mehr zu hören. Aber als die G. damals und in all den Jahren danach Proteste organisierte, die sich gegen die Abholzung der Mangrovenwälder um Mumbai aussprachen, da lachte man über die G. und noch im Dezember holzte man für den Bau einer Brücke auf 22 Kilometern Mangroven ab. Die G. und ihre NGO aber, die auf den Flutschutz den die Mangroven liefern in immer neuen Versuchen hinwiesen, machte man verächtlich in Mumbai. In Indien ist man schon weiter als in Amerika, wo man noch Zweifel hat, aber in Mumbai sprachen die Politiker schon lange nur noch vom „sogenannten Regen“ und von radikalen Kräften wie der G. die das Neue Indien verhindern wollten, die Bäume besetzten, diese naiven Idioten, die nichts anderes als Ohrfeigen und Kopfnüsse verdient hätten und die G. ließ sich ohrfeigen und umarmte die Mangrove. Aber inzwischen sind kaum noch Mangroven übrig und das Wasser läuft ungehindert in die Stadt hinein und läuft den Politikern Mumbais nun selbst über die Füße, denn selbst in Juhu Beach, wo sich die Politiker und die Bollywood Prominenz Ruhe und Frieden verspricht, steht das Wasser. Jetzt sind die Politiker eifrig dabei zu betonen, dass man sich kümmern werde, dass der Regen so stark sei wie niemals wieder seit 2005 und dass Mumbai jetzt zusammenstehen müsse. Fragen, warum die Stadt Mumbai nicht in Flutschutz investiert habe, beantworten die Politiker lieber nicht, über Mangroven schweigen sie sich aus. Nur in ihren Gärten stehen die Bäume noch. Der Regen aber fällt und fällt. Der F., der Architekt ist hat vor zwei Jahren seinen Job verloren, als er sich weigerte Häuser auf Wasserabflussrinnen zu bauen oder Wasserabflussrinnen zu überbauen oder auf Wasserabflussrinnen zu verzichten. Parel, wo der F. damals bauen sollte, ist heute am Schlimmsten überflutet und das Wasser kann nirgendwo hin. „Get out, you lazy dog“ schrie sein Chef damals der doch so viel Bestechungsgeld bezahlt hatte, um dort bauen zu dürfen, wo man heute gar keine Häuser mehr sind, sondern nur noch Wasser und der Regen fällt in Mumbai und fällt und fällt und im ehemaligen Architekturbüro des F. geht nur ein Anrufbeantworter an und der Regen deckt die Häuser zu und der F. lacht und es klingt bitter. Über uns alle, haben die Nachbarn damals gelacht, als wir, der Y. und die L. und Baby B und der A. und ich damals Papierkörbe im Viertel aufstellten. Die Nachbarn lachten und nur wir füllten am Sonntag Plastiksäcke mit Plastiktüten und Flaschen und Zweigen und Müll und mehr Plastiktüten, die sich in den wenigen Regenrinnen verfangen hatten. Die Nachbarn lachten so hart und fanden uns so dumm. Aber der Y. und die L. und Tochter B. reinigen noch immer die Regenrinnen und nur deswegen kann bei ihnen etwas Wasser ablaufen und es regnet und regnet in Mumbai und die Nachbarn stehen auf den Balkonen und starren in die Regenwand und in den Nachrichten zeigen sie wie low-caste Männer und Frauen im strömenden Regen versuchen die verstopften Regenrinnen und Gullys auszuheben und das Wasser steht auf den Straßen und auf den Bahnhöfen, es läuft über die Balkone hinein und die Nachbarn sehen in den Regen und hoffen, wie auch die L. der Y. und die kleine B. das der Strom hält und es regnet in Mumbai und die Straßenhunde und Katzen ertrinken und die Kadaver schwimmen durch die Straßen und diejenigen, die draußen durch den verschlammten Regen waten sollen, sind unterwiesen Doxycycline einzunehmen, aber diejenigen, die es einnehmen müssten, wissen nicht einmal was Doxycycline ist. Wie immer ist auf die Verwaltung kein Verlass aber auf die Gurudwaras, die Chai-Wallahs, auf die Vielen, die vom Wenigen das Meiste abgeben und es regnet in Mumbai und die Krankenhäuser stehen unter Wasser und Shiv Sena, die in Mumbai politische Verantwortung tragen, schlagen die Hände über dem Kopf zusammen und wollen sich nicht mehr erinnern, warum noch immer nichts geschehen ist, um die Stadt besser vor den Fluten zu schützen, denn Mumbai mit seinen vielen Kanälen und Flüssen besitzt im Grunde ein so natürlich wie effektives Flutschutzsystem und dann waren da natürlich die Mangroven, aber die Mangroven gibt es nicht mehr und die G. steht auf dem Balkon und sieht das Meer nicht mehr und es regnet in Mumbai. Es nicht vermeintlicher Regen, sondern Regen, der eine ganze Stadt verschluckt . Es regnet in Mumbai. Es regnet schon seit zwei Tagen.

Zwischenräume

Die ganze Woche über in einem anderen Büro verbracht und mich mit leidigen organisatorischen Dingen herumgeschlagen. Anders als in meinem eigentlichen Büro, ist jenes ebenerdig gelegen. Große Glasscheiben, die bis auf den Boden reichen. Im Eck ein trauriger Gummibaum. Der Kalender an der Wand zeigt den 13. 7. 2011. Ein Alpenpanaroma. Auf einem Sideboard steht die Kakteensammlung des eigentlichen Bürobewohners. Über den Bürobewohner wissen die Büronachbarn nichts zu sagen. Sie zucken nur die Schultern. „Er ist halt immer da drinnen“, sagen sie und zucken mit den Schultern. „Sie hätten auch besseres zu tun, als sich um jeden zu kümmern. Als ich die Schreibtischschublade aufziehe, finde ich kleine, leere Schnapsflaschen. Ich bin nicht überrascht. Die Kakteen starren stumm zu mir herüber. Ich schließe die Schreibtischschublade wieder ab.
Ich weiß nichts über Kakteen, ich habe nie auch nur einen Kaktus besessen und die Frau des Krämers, die eine ganze Blumenbank besitzt, hat keine Kakteen unter ihren vielen Blumen.
Die Kakteen sind ähnlich verstaubt wie der Kalender. Staub wie Mützen liegt über ihren stacheligen Köpfen. Sitze ich am Schreibtisch ist mir als atmeten die Kakteen sichtlich bemüht, seufzend und keinesfalls freundlich gesinnt, sondern von widerspenstiger Feindlichkeit, so als störe meine Anwesenheit eine Lebensweise in der Zeit keine Rolle spielt. Die Kakteen riechen nach abgestandenem Wasser, nach Gleichgültigkeit, so weit fortgedrungen, dass es selbst den sauren Geruch nach Schweiß und Tabak übertüncht. Ein leerer Blumentopf ist voller Kippen und über den Kippen: vertrocknete Kakteenblüten. Öffne ich das Fenster und ich öffne das Fenster oft, steigen dünne Staubwolken auf und mir ist als rückten die Kakteen enger zusammen, ein stachliger Wall gegen die frische Luft und wohl auch gegen meine Anwesenheit.

Der Himmel ist noch immer milchig, grau und über allem liegt eine dumpfe Schwere. Vor dem Fenster schlafen zwei Obdachlose, eng in froschgrüne Schlafsäcke gewickelt, aufgeschnittene Pappkartons sind ihnen Unterlage. Neben ihnen stehen zwei Plastikbeutel. Habseligkeiten, was für ein schönes, deutsches Wort, sagt man. Hier ist aber nichts schön, hier liegen Menschen auf dem kalten Boden. An ihnen vorbei laufen Anzugmänner und Anzugfrauen, Kaffeebecher und Telefone in den Händen, Bauarbeiter mit dicken Schinkenbroten, Jugendliche mit Kaugummi und alle haben ein eiliges Leben, dazwischen schlafen zwei, und hinter der Glasscheibe sitze ich, Tee und Telefon und das Telefon klingelt und der Tee ist kalt. Eine Gruppe Touristen fotografiert die Obdachlosen. Ein schöner Kontrast: das regengraue Dublin und die Männer auf der Straße. Grell und grün sind die Schlafsäcke. Die Touristen haben Regenschirme und Rucksäcke. An den Rucksäcken haben sie Buttons gepinnt: Peace und Love und No Trump und dann halten sie ihre teuren Kameras auf die Männer und die Kameras machen: click, click, click. Ich mache das Fenster auf. „Schämen Sie sich nicht?, rufe ich den Touristen entgegen. Die Touristen starren mich an. Ich starre zurück. Dann laufen sie weiter. Als ich das Fenster schließe sehen die Kakteen zu mir herüber und ich glaube sie flüstern: „Ach, so eine bist du.“ Ich funkle die Kakteen an: „Ja, genau so eine bin ich.“

Nachmittags sitze ich mit der D. in einem hellen, kleinen Café, große Schaufensterscheiben, wir löffeln Suppe und die D. erzählt mir von der neuen Liebe ihres Lebens, dessen einziges Manko zu sein scheint, dass er Porzellanpuppen sammelt und ganze Wochenenden damit zubringt durch die Lande zu fahren, um neue Puppen zu erstehen. Aber ich höre ihr nur halb zu, vor dem Fenster stehen drei Mädchen, jung, viel zu jung, für Bierflaschen und Zigaretten. Sie lutschen Lollis, rauchen und schließlich schwanken sie betrunken auf die andere Straßenseite und setzen sich auf die Stufen und warten auf eine Gruppe junger Männer. Die D. legt ihre Hand auf meinen Arm. „Du kannst nicht alle Mädchen wieder auflesen“, sagt sie und sieht mich mit jenem mitleidigen Blick an, mit denen mich alle Menschen ansehen, so als würde nur ich mich verweigern, den Lauf der Welt doch endlich zu verstehen, endlich auch von etwas abzulassen, was doch ohnehin keinen Sinn macht.„Ich muss zurück“, sage ich zur D. und schüttle ihre Hand ab.“ Aber ruf mich an, ruft die D. mir hinterher.

Im Büro lese ich Indien Nachrichten, während ich weiter telefoniere. Dieses Telefonat führe ich jede Woche zweimal und längst ist es ein Theaterstück mit festen Rollen, die Frage ist nur wer eher einknickt. In Indien ist der Sektenführer Ram Rahim Singh aufgrund zweier Fälle von Vergewaltigung verurteilt worden. Die Fälle reichen bis in das Jahr 2002 zurück, der Journalist, der den Fall aufdeckte, Ram Chander Chatrapati ist längst erschossen worden und die organisierten und gewalterprobten Anhänger Rahims liefern sich Scharmützel mit der Polizei. Der Der Guru, der sich gern als Popstar inszeniert , mit besten Kontakten zur Regierungspartei BJP natürlich hat Anhänger, die schwören Indien auszulöschen, wagte es jemand ihrem Guru ein Haar zu krümmen. 28 Menschen sind inzwischen tot und ganz Chandigarh ist abgeriegelt. Ich schreibe den Freunden in Chandigarh. Stay safe, stay safe. Damals als ich nach Delhi kam, wohnte ich in Chandni Chowk und wie ich in Chandni Chwok wohnte noch viel naiver als die D. glaubt, realisierte ich, dass ein Pandit ( ein Priester ) ein zehnjähriges Mädchen zu ehelichen gedachte. Ich ging zur Polizei. Die Polizei nickte: „we investigate.“ Dann fuhr ich über das Wochenende zu Freunden nach Chandigarh, als ich zurückkam war meine Wohnung ausgebrannt. Frau Rajasthani, die ich damals kennenlernte, schüttelte den Kopf: Read On, du darfst doch niemals ins Erdgeschoss ziehen. Ich sah sie an, aber sie lächelte nicht, nicht über mich, noch über das was ich wollte. „Du ziehst zu uns, sagte sie“ und ich nickte.
Dann lege ich das Telefon auf. Vor dem Fenster steht ein Mann und raucht.

Bevor ich gehe, um am Montag in mein Büro zurückkehren, kaufe ich einen Kaktus. Der Kaktus hat gelbe Blüten. „Danke für Ihr Büro, schreibe ich auf den Zettel und „geben sie auf Sie acht.“ Das schreibe ich immer, seitdem ich auf die ausgebrannte Wohnung starrte. Dann ziehe ich die Bürotür hinter mir zu. Die Kakteen atmen auf. Ich atme ein.

Mutter Indien

IMG_2911 (8)

Frau Rajasthani hat jetzt Whatsapp. Das heißt um 3.45 irischer Zeit scheppert mein Telefon, ich fahre hoch, wische auf dem treuen, alten iphone herum und sehe schlaftrunken in die Gesichter der versammelten Familie Rajasthani. Alle sind in orange-grün-weiß gekleidet und machen festliche Gesichter. Dann schreien Sie: HAPPY INDEPENDENCE DAY, LIEBE READ ON! Ich versuche noch meine Haare aus dem Kopfkissen heraus zuheddern und vor allem an meine Brille zu gelangen, denn so sehe ich nur verschwommene Schatten. Herr Rajasthani hat in der Zwischenzeit aber schon den Fernseher angedreht und in ohrenbetäubender Lautstärke schallt aus Delhi: Vande Mataram ins Schlafzimmer herüber und wieder schreit Familie Rajasthani geschlossen: „HAPPY INDEPENDENCE DAY, LIEBE READ ON. Auch der Tierarzt, dessen Schlaf durch wenig zu erschüttern ist, fährt aus den Federn und weil Familie Rajasthani gerade in Schwung ist, tönt es: HAPPY INDEPENDENCE DAY, LIEBER TIERARZT, alles unterlegt mit Fernsehgesang. RADHE-RADHE, sage ich und habe endlich die Brille auf. Schlaft weiter ihr Lieben ruft Frau Rajasthani und ihre Schwiegermutter schwenkt ein indisches Papierfähnchen. „Ich rufe nachher an“, sage ich und falle zurück ins Kissen. Der Tierarzt sagt: Mädchen, was war das für ein Gesang im Hause deiner verehrten Rajasthanis?
Oh, Tierarzt sage ich, dass Vande Mataram ist eines der zentralen Lieder der indischen Unabhängigkeitsbewegung und war unter den Briten verboten, eigentlich aber ist es ein Loblied auf Bahat Mater, auf Mutter Indien.
Der Tierarzt so viel Patriotismus um 3. 45 Uhr nicht gewohnt, sieht mich verwundert an und ich singe natürlich inbrünstig, wenn auch a-capalla das Vande Mataram für ihn. Tierarzt und Hund starren mich an. Dann falle ich zurück ins Kissen.

Als ich aufstehe, schläft der Tierarzt selig weiter, und nur der Hund schlappt mir hinterher. In der Küche rufe ich Frau Rajasthani zurück. „Read On, sagt sie, ich glaube der Tierarzt ist Punjabi. Das Haar!!!“ Nur Punjabis haben solches Haar. „Frau Rajasthani, sage ich, der Tierarzt aus dem County Kerry und so irisch, wie Gandhi-ji niemals indisch war.“ Frau Rajasthani klingt nicht überzeugt. Sie seufzt: „Wir müssen zum Schulspiel.“ Am Unabhängigkeitstag, der in Indien zwar Feiertag ist, veranstalten die Schulen Theaterstücke, die den glorreichen Kampf gegen die Engländer nachahmen, alle schwitzen und schwenken Papierfähnchen und der Direktor hält eine Rede. Sohn Rajasthani spielt einen englischen Offizier und zeigt mir stolz die blaue Spielzeugpistole. „He drives me crazy with that blasted gun“ schreit Frau Rajasthani. „Wer spielt Gandhi-ji, frage ich?“ Frau Rajasthani knurrt böse: der Franzose. Ich muss kichern. „Der Direktor dieser Bandit, schnauft sie weiter, ist in die Französischlehrerin verliebt und schanzt dem Sohn, natürlich Gandhi-ji zu. Ich muss lauter kichern. Der Direktor der Schule nämlich ist ein Mann mit betelschwarzen Zähnen und einem Talent zu überlangen Reden über die süße Pflicht zum Tod für das Vaterland und dass ihn nun die Französischlehrerin aus Annecy um den Verstand bringt, ist eine zu schöne Vorstellung. „Süße, sagt Frau Rajasthani, dank Dir hat Töchterchen den Essaypreis gewonnen.“ Ich muss sehr lachen, denn jedes Jahr schreiben Tochter Rajasthani ein Essay über „I am proud to be an Indian“, und immer gewinnt Töchterchen Rajasthani und der Direktor liest den Text vor und Frau Rajasthani und Töchterchen Rajasthani husten in ihre Taschentücher, denn es ist doch zu komisch, dass ein heimatloser Jude über die Verpflichtung zu den Werten Gandhi-ji’s schreibt und der Narendra Modi-Direktor- Patriot über die Sanskrit Zitate stolpert. „Ich muss laufen“, sage ich und werfe Küsse ins Telefon. „Radhe-Radhe ruft Frau Rajasthani.

Dem Tierarzt stelle ich Porridge mit Zimt, Heidelbeeren und Orangenfilets hin. Der Tee kommt auf das Stövchen, neben dem Tee steht eine große Flasche Heidelbeer-Joghurt Smoothie als Mitgebsel für den tierärztlichen Tag und neben dem Smoothie steht ein Glas Sanddornsaft. Ein bisschen verstimmt richtet das Fräulein diese Dinge, denn gestern trank der Tierarzt weder Tee noch aß er den Porridge, der Smoothie blieb unberührt und am Sanddornsaft ward nur genippt. Das alles erfreut das Frühstücksfräulein nicht und noch weniger gern lässt sich das Fräulein als „verstockter Essenserpresser von gnadenloser Härte“ beschimpfen. So greift das Fräulein also zu Zettel und Stift und schreibt: „The best way to find yourself ist to have brekafast first.“ ( Read Ons Interpretation der berühmten Worte Gandhi-jis. Dann verlasse ich das Haus und für viele Stunden denke ich an andere Dinge als an Gandhi-ji und den indischen Unabhängigkeitstag.

Aber dann denke ich doch an A. Frau Rajasthani hat ja jetzt Whatsapp und schickt mir erst ein Bild des Direktors, dann dreißig Modi-Karikaturen und dann ein Video von A. A. spricht über die Tränen der Soldaten und Fahnen. A. bleibt meine große Wunde. A. mit dem ich nächtelang stritt und jahrelang verging kein Tag an dem ich nicht mit A. sprach. A., der mir nicht auswich, auch nicht wenn wir uns über die Häuserdächer hinweg stritten, über Indien und über das Indien Narendra Modis. Wir waren im Slum immer Kino und die Leute wetteten wer wohl wo nachgeben würde und irgendwann lachten wir und A. küsste mich oder ich küsste A. und dann küsste A. mich nicht mehr, sprach nicht mehr mit mir, und die letzte Email habe ich nicht zu Ende lesen können. A. glaubte, dass Indien starke Soldaten brauche und ich glaube, dass Indien starke Frauen braucht. A. glaubte an die Fahne in der Hand der Soldaten und ich sagte: „ich habe Soldaten nach ihrer Mutter schreien hören.“ A. verschloss sich die Ohren.
Ich starre auf A.’s Gesicht und noch immer möchte ich A. sagen, dass Bahat Mater und auch Narendra Modi ihn nicht lieben. Aber ich habe dich geliebt, möchte ich sagen, ich habe dich geliebt A., aber dann lege ich das Telefon aus der Hand.

Zuhause ist außer Hund und Katze noch niemand da und ich krame im Schuhkarton, auf dem Bild auf dem ich suche, ist die Slumklinik noch ein Resopaltisch und das Mädchen auf dem Bild, das bin wohl ich. Fremd bin ich mir geworden, wie ich da gegen eine Wand lehne und um mich herum stehen die Frauen und Kinder, deren Namen ich damals noch kaum kenne, ich kann zwei Wörter Hindi und auf dem Bild sehe ich aus, wie jemand der so schnell weglaufen will, wie er kann. Aber das Mädchen da auf dem Bild ist geblieben und wer weiß vielleicht sitzt sie ja auch heute gar nicht vor dem Bett, sondern steigt mit den Rajasthanis hinauf aufs Dach und sieht den Kindern beim Drachen steigen zu. Danke Bahat Mater, flüstert die Frau auf dem Fußboden, dass ich mit dir wachsen darf.“ Dann rapple ich mich hoch, und schneide Okkra. „Trinkst Du einen Chai?“ mit, frage ich den Tierarzt?“ Der Tierarzt nickt. „There is no god higher than chai“, sagt der Tierarzt und ich nicke. „Fast Gandhi-ji“ sagt er. „Mit Ingwer oder ohne, frage ich? „Lieber mit, sagt der Tierarzt“. „ Ich denke, vielleicht hat Frau Rajasthani doch Recht und der Tierarzt ist in Wirklichkeit Punjabi. Die Punjabis wollen immer Ingwer in den Tee. Radhe-Radhe.

Schwarze Stunde

Unten auf der Straße bellt ein Hund. Der Hund bellt nicht für mich. Vielleicht bellt der Hund einer verflossenen Liebe hinterher oder der Hund bellt den Mond an. Vielleicht ist der Hund auch in die Katze verliebt. Die Katze liegt auf den Femsterbrett. Auf dem Fensterbrett liegt ein Plaid. Rot und blau ist das Plaid und ein bisschen fadenscheinig schon ist der Stoff. Schon lange liege ich nicht mehr auf dem Plaid. Als ich auf dem Plaid lag da war sein Stoff noch dunkelrot und indigoblau und kleine Goldfäden zogen sich am Stoff entlang. Als ich auf dem Plaid lag, sah ich den Himmel von Assam. Schwer war der Himmel, ein dunkles Tuch. Kurz bevor der Monsoon kam, lag ich auf dem Plaid und in meinem Haar lag eine Hand. Neben mir auf dem Plaid lagst du und wir sahen in den Himmel hinein und du lachtest als dir sagte, dass die meisten Menschen glauben, Assam sei eine Teesorte und dein Lachen flog in den Himmel hinein und schon damals habe ich es nicht auffangen können. Du auf dem Plaid last mir Gedichte vor. Sylvia Plath. Aber das Gedicht erinnere ich nicht mehr, nur noch den Buchrücken und deine Hände. Ein Himmel voller Gedichte und der Monsoon wartete bis du heiser warst und erst dann kam der Regen. Ich bin lange nicht mehr in Assam gewesen. Deine Hände sind unter der Erde, seit Jahren schon, es sind keine guten Jahre für Assam gewesen und ob es jemals gute Jahre für Dichter gab, weiß ich nicht. Das Plaid aber habe ich mitgenommen in alle Länder ohne dich. Die Goldfäden verschwanden zuerst, dann blichen die Farben dahin und wer weiß vielleicht wurde auch ich blass und blässer und mag sein ich bin heute so farblos wie das Plaid auf dem Fensterbrett liegt das Plaid und auf dem Plaid liegt die Katze. Die Katze schläft oder jedenfalls tut sie so als würde sie schlafen. Die Katze hält nichts von zudringlichen Fragen. Sie wird mir nicht sagen, ob in ihrer langen Ahnenreihe einmal eine Katze aus Assam kam. Wie viele Iren haben denn in den Kolonien als clerks and officers and officer’s ladies gedient? Unzählig viele und mag sein, dass ein clerk, ein officer oder eine lady eine Katze aus Assam mit sich brachte? Mag sein also, dass die Katze dort auf dem Fensterbrett mehr weiß über Bramaphutra als ich so denke. Wer weiß, denn die Katze hält die Augen geschlossen, und sagt mir nicht, ob sie vom Hund träumt, der noch immer unten auf der Straße bellt. Vielleicht träumt die Katze aber auch von einem Kater, den sie manchmal im Garten besucht unter den alten Bäumen. Die Bäume rauschen in der Nacht und wer weiß vielleicht hat vor Jahren ein officer unter der Kastanie gesessen und ein Bild angesehen mit einem Mädchen darauf. Assam 1885 oder so ähnlich. Aber ich stehe nicht auf um nach einem Bild von dir zu suchen. Du hättest gelacht: „Ever so sentimental“ und ich hätte genickt. Dabei schriebst du doch Gedichte, aber deine Gedichte waren niemals sentimental. Dafür waren dir die Wörter zu ernst und ich glaubte damals ich könnte auch ohne Wörter leben. Ich sprach damals nur in technischen und abstrakten Dingen. Du aber zogst mich zu dir auf die Decke und immer hattest du ein Buch bei Dir und ich hörte dir zu und manchmal schobst du eines deiner Gedichte unter die vielen, die du für mich last. Die Straße vor mir liegt im Dunkeln. Hier geht keine Straßenlaterne mehr und der Priester ist bei seiner Mutter in einem ähnlich abgelegenen Teil Irlands wie es Assam in Indien ist. Vier Tage braucht man von Delhi bis in das Dorf in dem du lebtest und manchmal, aber nicht heute Nacht sehe ich mir die Fahrpläne an und rechne aus, wie lange ich wohl bräuchte, flöge ich morgen früh los, aber eine andere Zeit als die der Reise, als die zwischen Dorf und Flughafen und Bahnhof hat sich zwischen uns gelegt und jeden Tag versinkst du ein Stück mehr oder laufe ich weiter von dir weg. Unten auf der Straße bellt der Hund. Die Katze sieht mich nicht. Ich sehe dich auf dem Plaid neben mir. Der Regen auf der Straße ist eine schwarze Pfütze und das Meer ist dunkelgrau. Der Brahmaputra war braun und manchmal auch indigoblau. Ein heiliger Fluss, ich weiß nicht, ob den Iren das Meer heilig ist, oder ob es nicht immer ein Weg heraus war, ein Fortkommen, diese schäumende See, vor meinem Fenster ist schwarz. Ich habe nie jemanden nach den G*ttern dieser See gefragt, nicht den Tierarzt, nicht den Priester, keinen der Freunde, keinen der Feinde, das Meer schäumt in der Nacht. Ein Wiegenlied, aber ich fürchte bis zu Dir reicht es nicht. Dann doch noch einmal das Licht anmachen. Neben dem Nachttisch stapeln sich die Bücher, aber ich muss lange im Regal suchen, bis ich doch einen Band von Sylvia Plath finde. Einen Daumen in eine Seite und vorsichtig nur mit den Augen über den Rand der Seite lesen:

Overnight, very
Whitely, discreetly,
Very quietly

Our toes, our noses
Take hold on the loam,
Acquire the air.

Nobody sees us,
Stops us, betrays us;
The small grains make room.

Soft fists insist on
Heaving the needles,
The leafy bedding,

Even the paving.
Our hammers, our rams,
Earless and eyeless,

Perfectly voiceless,
Widen the crannies,
Shoulder through holes. We

Diet on water,
On crumbs of shadow,
Bland-mannered, asking

Little or nothing.
So many of us!
So many of us!

We are shelves, we are
Tables, we are meek,
We are edible,

Nudgers and shovers
In spite of ourselves.
Our kind multiplies:

We shall by morning
Inherit the earth.
Our foot’s in the door.

Mushrooms nennt sie das Gedicht und ich schließe die Tür hinter mir, lasse den Band auf dem Tisch liegen, kaltes Wasser ins Gesicht und dann die Tür schließen. Die Treppe hinauf mit kalten Füßen und in der Fensterscheibe bin ich ein dunkler Schatten. Auf der Fensterbank lieht ein Plaid. Auf dem Plaid schläft die Katze. Unten auf der Straße hört ein Hund auf zu bellen.

Sylvia Plath, Mushrooms, in: Carol Ann Duff (ed), Sylvia Plath, Poems, London 2012, p.58