Woanders ist es auch schön

Es gibt Diskussionen, die kann man sich in Paris nicht einmal vorstellen, aber in Berlin werden sie mit viel Verve geführt und Miz Kitty hat aufgeschrieben wie das ist mit dem Kaffee und den Berliner Cafés.

Seen machen Menschen.

Der Text will mir nicht aus dem Kopf gehen , ich weiß ich sage es immer wieder, aber man gar nicht genug aufeinander acht geben.

Manchmal ist ein seidener Faden der Anfang eines hoffentlich besseren Lebens.

Noch einmal ein Stück vom Sommer.

Ich mag Uwe Johnson und wenn ich im Moment nicht dazu komme seine Jahrestage weiterzulesen, so lege ich Ihnen doch dieses Blog heiß ans Herz.

Geben Sie sich einen Ruck, hauen Sie in die Tasten, befeuchten Sie die Pinsel, singen Sie Shantys, denn im September geht es mit Kiki ans Meer.

Hier sind all die Gründe versammelt, warum ich nirgendwo lieber Zug fahre als in Indien.

Stellen Sie sich einfach vor, wie das Fräulein bei diesem Lied vor Rührung in die Teetasse weint, der Hund stimmungsvoll dazu jault und der Tierarzt die Treppe hinuntereilt, um zu fragen: „Gehen die Sirenen?“ Die Katze verschläft natürlich wieder alles.

Unter Wasser

Zwei Tage regnet es schon in Mumbai. Die G. schickt mir ein Bild. Sie steht bis zu den Hüften im Wasser und ihr grünes Fahrrad hat der Regen davongespült. Vom Balkon ihrer Wohnung kann man das Meer sehen, aber das Meer ist seit zwei Tagen schon hinter der Wand aus Regen verschwunden und es regnet und regnet in Mumbai und die der D. legt Handtücher in die Terrassentüren, denn in Mumbai gibt es keine Sandsäcke und der Regen steigt und der D. und seine Freundin packen die Bücher aus den Regalen lieber in Kartons und tragen sie in den Oberstock. Der F. schickt mir Bilder von einem Wasserfall und der Wasserfall ist direkt vor dem Bahnhof zu finden. Der F. lacht am Telefon, aber fröhlich klingt er nicht: „ Read On, wenigstens die Schlaglöcher sind im Regen verschwunden.“ Die B. die Tochter vom Y. und der L. freut sich: „Read On, es ist keine Schule wegen des Regens und Mami hat mir einen Film versprochen und ein Eis.“ Es regnet in Mumbai und die B. bekommt ihr Eis. „So lange der Strom noch da ist.“, sagt die L. und die G. steht auf dem Balkon, auf dem wir beide so lange und so oft schon viele Stunden verbracht haben. Mit einem Besen kehrt sie das Wasser vom Balkon. Alle fünfzehn Minuten. Der Unrat schwimmt auf dem Wasser, eine große, dunkelbraune Welle und die Züge fallen aus. Die Menschen gehen an den Schienen entlang. Diejenigen die Regenschirme haben, haben Regenschirme und diejenigen, die keine Regenschirme haben, haben keine Regenschirme. Mumbai hat einen der größten Slums der Welt und wer dort lebt, der ist schon lange nass, denn Plastikplanen hat der Regen schon lange zerfetzt. Schon einmal 2005 hat der Regen und der Sturm, der mit dem Regen kam Mumbai verwüstet. Wochenlang beschworen die Zeitungen und Politiker, die Fernsehsendungen und überhaupt alle, dass dies nicht wieder geschehen dürfe. Aber bald schon war der Regen vergessen und irgendwer in Bollywood küsste jemand anderen in Bollywood und ganz Mumbai auch die Politiker interessierten sich dafür, ob nicht ganz jemand anders hätte geküsst werden müssen. Dann verstummten die Stimmen der Politiker und vom Regen war nichts mehr zu hören. Aber als die G. damals und in all den Jahren danach Proteste organisierte, die sich gegen die Abholzung der Mangrovenwälder um Mumbai aussprachen, da lachte man über die G. und noch im Dezember holzte man für den Bau einer Brücke auf 22 Kilometern Mangroven ab. Die G. und ihre NGO aber, die auf den Flutschutz den die Mangroven liefern in immer neuen Versuchen hinwiesen, machte man verächtlich in Mumbai. In Indien ist man schon weiter als in Amerika, wo man noch Zweifel hat, aber in Mumbai sprachen die Politiker schon lange nur noch vom „sogenannten Regen“ und von radikalen Kräften wie der G. die das Neue Indien verhindern wollten, die Bäume besetzten, diese naiven Idioten, die nichts anderes als Ohrfeigen und Kopfnüsse verdient hätten und die G. ließ sich ohrfeigen und umarmte die Mangrove. Aber inzwischen sind kaum noch Mangroven übrig und das Wasser läuft ungehindert in die Stadt hinein und läuft den Politikern Mumbais nun selbst über die Füße, denn selbst in Juhu Beach, wo sich die Politiker und die Bollywood Prominenz Ruhe und Frieden verspricht, steht das Wasser. Jetzt sind die Politiker eifrig dabei zu betonen, dass man sich kümmern werde, dass der Regen so stark sei wie niemals wieder seit 2005 und dass Mumbai jetzt zusammenstehen müsse. Fragen, warum die Stadt Mumbai nicht in Flutschutz investiert habe, beantworten die Politiker lieber nicht, über Mangroven schweigen sie sich aus. Nur in ihren Gärten stehen die Bäume noch. Der Regen aber fällt und fällt. Der F., der Architekt ist hat vor zwei Jahren seinen Job verloren, als er sich weigerte Häuser auf Wasserabflussrinnen zu bauen oder Wasserabflussrinnen zu überbauen oder auf Wasserabflussrinnen zu verzichten. Parel, wo der F. damals bauen sollte, ist heute am Schlimmsten überflutet und das Wasser kann nirgendwo hin. „Get out, you lazy dog“ schrie sein Chef damals der doch so viel Bestechungsgeld bezahlt hatte, um dort bauen zu dürfen, wo man heute gar keine Häuser mehr sind, sondern nur noch Wasser und der Regen fällt in Mumbai und fällt und fällt und im ehemaligen Architekturbüro des F. geht nur ein Anrufbeantworter an und der Regen deckt die Häuser zu und der F. lacht und es klingt bitter. Über uns alle, haben die Nachbarn damals gelacht, als wir, der Y. und die L. und Baby B und der A. und ich damals Papierkörbe im Viertel aufstellten. Die Nachbarn lachten und nur wir füllten am Sonntag Plastiksäcke mit Plastiktüten und Flaschen und Zweigen und Müll und mehr Plastiktüten, die sich in den wenigen Regenrinnen verfangen hatten. Die Nachbarn lachten so hart und fanden uns so dumm. Aber der Y. und die L. und Tochter B. reinigen noch immer die Regenrinnen und nur deswegen kann bei ihnen etwas Wasser ablaufen und es regnet und regnet in Mumbai und die Nachbarn stehen auf den Balkonen und starren in die Regenwand und in den Nachrichten zeigen sie wie low-caste Männer und Frauen im strömenden Regen versuchen die verstopften Regenrinnen und Gullys auszuheben und das Wasser steht auf den Straßen und auf den Bahnhöfen, es läuft über die Balkone hinein und die Nachbarn sehen in den Regen und hoffen, wie auch die L. der Y. und die kleine B. das der Strom hält und es regnet in Mumbai und die Straßenhunde und Katzen ertrinken und die Kadaver schwimmen durch die Straßen und diejenigen, die draußen durch den verschlammten Regen waten sollen, sind unterwiesen Doxycycline einzunehmen, aber diejenigen, die es einnehmen müssten, wissen nicht einmal was Doxycycline ist. Wie immer ist auf die Verwaltung kein Verlass aber auf die Gurudwaras, die Chai-Wallahs, auf die Vielen, die vom Wenigen das Meiste abgeben und es regnet in Mumbai und die Krankenhäuser stehen unter Wasser und Shiv Sena, die in Mumbai politische Verantwortung tragen, schlagen die Hände über dem Kopf zusammen und wollen sich nicht mehr erinnern, warum noch immer nichts geschehen ist, um die Stadt besser vor den Fluten zu schützen, denn Mumbai mit seinen vielen Kanälen und Flüssen besitzt im Grunde ein so natürlich wie effektives Flutschutzsystem und dann waren da natürlich die Mangroven, aber die Mangroven gibt es nicht mehr und die G. steht auf dem Balkon und sieht das Meer nicht mehr und es regnet in Mumbai. Es nicht vermeintlicher Regen, sondern Regen, der eine ganze Stadt verschluckt . Es regnet in Mumbai. Es regnet schon seit zwei Tagen.

Zwischenräume

Die ganze Woche über in einem anderen Büro verbracht und mich mit leidigen organisatorischen Dingen herumgeschlagen. Anders als in meinem eigentlichen Büro, ist jenes ebenerdig gelegen. Große Glasscheiben, die bis auf den Boden reichen. Im Eck ein trauriger Gummibaum. Der Kalender an der Wand zeigt den 13. 7. 2011. Ein Alpenpanaroma. Auf einem Sideboard steht die Kakteensammlung des eigentlichen Bürobewohners. Über den Bürobewohner wissen die Büronachbarn nichts zu sagen. Sie zucken nur die Schultern. „Er ist halt immer da drinnen“, sagen sie und zucken mit den Schultern. „Sie hätten auch besseres zu tun, als sich um jeden zu kümmern. Als ich die Schreibtischschublade aufziehe, finde ich kleine, leere Schnapsflaschen. Ich bin nicht überrascht. Die Kakteen starren stumm zu mir herüber. Ich schließe die Schreibtischschublade wieder ab.
Ich weiß nichts über Kakteen, ich habe nie auch nur einen Kaktus besessen und die Frau des Krämers, die eine ganze Blumenbank besitzt, hat keine Kakteen unter ihren vielen Blumen.
Die Kakteen sind ähnlich verstaubt wie der Kalender. Staub wie Mützen liegt über ihren stacheligen Köpfen. Sitze ich am Schreibtisch ist mir als atmeten die Kakteen sichtlich bemüht, seufzend und keinesfalls freundlich gesinnt, sondern von widerspenstiger Feindlichkeit, so als störe meine Anwesenheit eine Lebensweise in der Zeit keine Rolle spielt. Die Kakteen riechen nach abgestandenem Wasser, nach Gleichgültigkeit, so weit fortgedrungen, dass es selbst den sauren Geruch nach Schweiß und Tabak übertüncht. Ein leerer Blumentopf ist voller Kippen und über den Kippen: vertrocknete Kakteenblüten. Öffne ich das Fenster und ich öffne das Fenster oft, steigen dünne Staubwolken auf und mir ist als rückten die Kakteen enger zusammen, ein stachliger Wall gegen die frische Luft und wohl auch gegen meine Anwesenheit.

Der Himmel ist noch immer milchig, grau und über allem liegt eine dumpfe Schwere. Vor dem Fenster schlafen zwei Obdachlose, eng in froschgrüne Schlafsäcke gewickelt, aufgeschnittene Pappkartons sind ihnen Unterlage. Neben ihnen stehen zwei Plastikbeutel. Habseligkeiten, was für ein schönes, deutsches Wort, sagt man. Hier ist aber nichts schön, hier liegen Menschen auf dem kalten Boden. An ihnen vorbei laufen Anzugmänner und Anzugfrauen, Kaffeebecher und Telefone in den Händen, Bauarbeiter mit dicken Schinkenbroten, Jugendliche mit Kaugummi und alle haben ein eiliges Leben, dazwischen schlafen zwei, und hinter der Glasscheibe sitze ich, Tee und Telefon und das Telefon klingelt und der Tee ist kalt. Eine Gruppe Touristen fotografiert die Obdachlosen. Ein schöner Kontrast: das regengraue Dublin und die Männer auf der Straße. Grell und grün sind die Schlafsäcke. Die Touristen haben Regenschirme und Rucksäcke. An den Rucksäcken haben sie Buttons gepinnt: Peace und Love und No Trump und dann halten sie ihre teuren Kameras auf die Männer und die Kameras machen: click, click, click. Ich mache das Fenster auf. „Schämen Sie sich nicht?, rufe ich den Touristen entgegen. Die Touristen starren mich an. Ich starre zurück. Dann laufen sie weiter. Als ich das Fenster schließe sehen die Kakteen zu mir herüber und ich glaube sie flüstern: „Ach, so eine bist du.“ Ich funkle die Kakteen an: „Ja, genau so eine bin ich.“

Nachmittags sitze ich mit der D. in einem hellen, kleinen Café, große Schaufensterscheiben, wir löffeln Suppe und die D. erzählt mir von der neuen Liebe ihres Lebens, dessen einziges Manko zu sein scheint, dass er Porzellanpuppen sammelt und ganze Wochenenden damit zubringt durch die Lande zu fahren, um neue Puppen zu erstehen. Aber ich höre ihr nur halb zu, vor dem Fenster stehen drei Mädchen, jung, viel zu jung, für Bierflaschen und Zigaretten. Sie lutschen Lollis, rauchen und schließlich schwanken sie betrunken auf die andere Straßenseite und setzen sich auf die Stufen und warten auf eine Gruppe junger Männer. Die D. legt ihre Hand auf meinen Arm. „Du kannst nicht alle Mädchen wieder auflesen“, sagt sie und sieht mich mit jenem mitleidigen Blick an, mit denen mich alle Menschen ansehen, so als würde nur ich mich verweigern, den Lauf der Welt doch endlich zu verstehen, endlich auch von etwas abzulassen, was doch ohnehin keinen Sinn macht.„Ich muss zurück“, sage ich zur D. und schüttle ihre Hand ab.“ Aber ruf mich an, ruft die D. mir hinterher.

Im Büro lese ich Indien Nachrichten, während ich weiter telefoniere. Dieses Telefonat führe ich jede Woche zweimal und längst ist es ein Theaterstück mit festen Rollen, die Frage ist nur wer eher einknickt. In Indien ist der Sektenführer Ram Rahim Singh aufgrund zweier Fälle von Vergewaltigung verurteilt worden. Die Fälle reichen bis in das Jahr 2002 zurück, der Journalist, der den Fall aufdeckte, Ram Chander Chatrapati ist längst erschossen worden und die organisierten und gewalterprobten Anhänger Rahims liefern sich Scharmützel mit der Polizei. Der Der Guru, der sich gern als Popstar inszeniert , mit besten Kontakten zur Regierungspartei BJP natürlich hat Anhänger, die schwören Indien auszulöschen, wagte es jemand ihrem Guru ein Haar zu krümmen. 28 Menschen sind inzwischen tot und ganz Chandigarh ist abgeriegelt. Ich schreibe den Freunden in Chandigarh. Stay safe, stay safe. Damals als ich nach Delhi kam, wohnte ich in Chandni Chowk und wie ich in Chandni Chwok wohnte noch viel naiver als die D. glaubt, realisierte ich, dass ein Pandit ( ein Priester ) ein zehnjähriges Mädchen zu ehelichen gedachte. Ich ging zur Polizei. Die Polizei nickte: „we investigate.“ Dann fuhr ich über das Wochenende zu Freunden nach Chandigarh, als ich zurückkam war meine Wohnung ausgebrannt. Frau Rajasthani, die ich damals kennenlernte, schüttelte den Kopf: Read On, du darfst doch niemals ins Erdgeschoss ziehen. Ich sah sie an, aber sie lächelte nicht, nicht über mich, noch über das was ich wollte. „Du ziehst zu uns, sagte sie“ und ich nickte.
Dann lege ich das Telefon auf. Vor dem Fenster steht ein Mann und raucht.

Bevor ich gehe, um am Montag in mein Büro zurückkehren, kaufe ich einen Kaktus. Der Kaktus hat gelbe Blüten. „Danke für Ihr Büro, schreibe ich auf den Zettel und „geben sie auf Sie acht.“ Das schreibe ich immer, seitdem ich auf die ausgebrannte Wohnung starrte. Dann ziehe ich die Bürotür hinter mir zu. Die Kakteen atmen auf. Ich atme ein.

Mutter Indien

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Frau Rajasthani hat jetzt Whatsapp. Das heißt um 3.45 irischer Zeit scheppert mein Telefon, ich fahre hoch, wische auf dem treuen, alten iphone herum und sehe schlaftrunken in die Gesichter der versammelten Familie Rajasthani. Alle sind in orange-grün-weiß gekleidet und machen festliche Gesichter. Dann schreien Sie: HAPPY INDEPENDENCE DAY, LIEBE READ ON! Ich versuche noch meine Haare aus dem Kopfkissen heraus zuheddern und vor allem an meine Brille zu gelangen, denn so sehe ich nur verschwommene Schatten. Herr Rajasthani hat in der Zwischenzeit aber schon den Fernseher angedreht und in ohrenbetäubender Lautstärke schallt aus Delhi: Vande Mataram ins Schlafzimmer herüber und wieder schreit Familie Rajasthani geschlossen: „HAPPY INDEPENDENCE DAY, LIEBE READ ON. Auch der Tierarzt, dessen Schlaf durch wenig zu erschüttern ist, fährt aus den Federn und weil Familie Rajasthani gerade in Schwung ist, tönt es: HAPPY INDEPENDENCE DAY, LIEBER TIERARZT, alles unterlegt mit Fernsehgesang. RADHE-RADHE, sage ich und habe endlich die Brille auf. Schlaft weiter ihr Lieben ruft Frau Rajasthani und ihre Schwiegermutter schwenkt ein indisches Papierfähnchen. „Ich rufe nachher an“, sage ich und falle zurück ins Kissen. Der Tierarzt sagt: Mädchen, was war das für ein Gesang im Hause deiner verehrten Rajasthanis?
Oh, Tierarzt sage ich, dass Vande Mataram ist eines der zentralen Lieder der indischen Unabhängigkeitsbewegung und war unter den Briten verboten, eigentlich aber ist es ein Loblied auf Bahat Mater, auf Mutter Indien.
Der Tierarzt so viel Patriotismus um 3. 45 Uhr nicht gewohnt, sieht mich verwundert an und ich singe natürlich inbrünstig, wenn auch a-capalla das Vande Mataram für ihn. Tierarzt und Hund starren mich an. Dann falle ich zurück ins Kissen.

Als ich aufstehe, schläft der Tierarzt selig weiter, und nur der Hund schlappt mir hinterher. In der Küche rufe ich Frau Rajasthani zurück. „Read On, sagt sie, ich glaube der Tierarzt ist Punjabi. Das Haar!!!“ Nur Punjabis haben solches Haar. „Frau Rajasthani, sage ich, der Tierarzt aus dem County Kerry und so irisch, wie Gandhi-ji niemals indisch war.“ Frau Rajasthani klingt nicht überzeugt. Sie seufzt: „Wir müssen zum Schulspiel.“ Am Unabhängigkeitstag, der in Indien zwar Feiertag ist, veranstalten die Schulen Theaterstücke, die den glorreichen Kampf gegen die Engländer nachahmen, alle schwitzen und schwenken Papierfähnchen und der Direktor hält eine Rede. Sohn Rajasthani spielt einen englischen Offizier und zeigt mir stolz die blaue Spielzeugpistole. „He drives me crazy with that blasted gun“ schreit Frau Rajasthani. „Wer spielt Gandhi-ji, frage ich?“ Frau Rajasthani knurrt böse: der Franzose. Ich muss kichern. „Der Direktor dieser Bandit, schnauft sie weiter, ist in die Französischlehrerin verliebt und schanzt dem Sohn, natürlich Gandhi-ji zu. Ich muss lauter kichern. Der Direktor der Schule nämlich ist ein Mann mit betelschwarzen Zähnen und einem Talent zu überlangen Reden über die süße Pflicht zum Tod für das Vaterland und dass ihn nun die Französischlehrerin aus Annecy um den Verstand bringt, ist eine zu schöne Vorstellung. „Süße, sagt Frau Rajasthani, dank Dir hat Töchterchen den Essaypreis gewonnen.“ Ich muss sehr lachen, denn jedes Jahr schreiben Tochter Rajasthani ein Essay über „I am proud to be an Indian“, und immer gewinnt Töchterchen Rajasthani und der Direktor liest den Text vor und Frau Rajasthani und Töchterchen Rajasthani husten in ihre Taschentücher, denn es ist doch zu komisch, dass ein heimatloser Jude über die Verpflichtung zu den Werten Gandhi-ji’s schreibt und der Narendra Modi-Direktor- Patriot über die Sanskrit Zitate stolpert. „Ich muss laufen“, sage ich und werfe Küsse ins Telefon. „Radhe-Radhe ruft Frau Rajasthani.

Dem Tierarzt stelle ich Porridge mit Zimt, Heidelbeeren und Orangenfilets hin. Der Tee kommt auf das Stövchen, neben dem Tee steht eine große Flasche Heidelbeer-Joghurt Smoothie als Mitgebsel für den tierärztlichen Tag und neben dem Smoothie steht ein Glas Sanddornsaft. Ein bisschen verstimmt richtet das Fräulein diese Dinge, denn gestern trank der Tierarzt weder Tee noch aß er den Porridge, der Smoothie blieb unberührt und am Sanddornsaft ward nur genippt. Das alles erfreut das Frühstücksfräulein nicht und noch weniger gern lässt sich das Fräulein als „verstockter Essenserpresser von gnadenloser Härte“ beschimpfen. So greift das Fräulein also zu Zettel und Stift und schreibt: „The best way to find yourself ist to have brekafast first.“ ( Read Ons Interpretation der berühmten Worte Gandhi-jis. Dann verlasse ich das Haus und für viele Stunden denke ich an andere Dinge als an Gandhi-ji und den indischen Unabhängigkeitstag.

Aber dann denke ich doch an A. Frau Rajasthani hat ja jetzt Whatsapp und schickt mir erst ein Bild des Direktors, dann dreißig Modi-Karikaturen und dann ein Video von A. A. spricht über die Tränen der Soldaten und Fahnen. A. bleibt meine große Wunde. A. mit dem ich nächtelang stritt und jahrelang verging kein Tag an dem ich nicht mit A. sprach. A., der mir nicht auswich, auch nicht wenn wir uns über die Häuserdächer hinweg stritten, über Indien und über das Indien Narendra Modis. Wir waren im Slum immer Kino und die Leute wetteten wer wohl wo nachgeben würde und irgendwann lachten wir und A. küsste mich oder ich küsste A. und dann küsste A. mich nicht mehr, sprach nicht mehr mit mir, und die letzte Email habe ich nicht zu Ende lesen können. A. glaubte, dass Indien starke Soldaten brauche und ich glaube, dass Indien starke Frauen braucht. A. glaubte an die Fahne in der Hand der Soldaten und ich sagte: „ich habe Soldaten nach ihrer Mutter schreien hören.“ A. verschloss sich die Ohren.
Ich starre auf A.’s Gesicht und noch immer möchte ich A. sagen, dass Bahat Mater und auch Narendra Modi ihn nicht lieben. Aber ich habe dich geliebt, möchte ich sagen, ich habe dich geliebt A., aber dann lege ich das Telefon aus der Hand.

Zuhause ist außer Hund und Katze noch niemand da und ich krame im Schuhkarton, auf dem Bild auf dem ich suche, ist die Slumklinik noch ein Resopaltisch und das Mädchen auf dem Bild, das bin wohl ich. Fremd bin ich mir geworden, wie ich da gegen eine Wand lehne und um mich herum stehen die Frauen und Kinder, deren Namen ich damals noch kaum kenne, ich kann zwei Wörter Hindi und auf dem Bild sehe ich aus, wie jemand der so schnell weglaufen will, wie er kann. Aber das Mädchen da auf dem Bild ist geblieben und wer weiß vielleicht sitzt sie ja auch heute gar nicht vor dem Bett, sondern steigt mit den Rajasthanis hinauf aufs Dach und sieht den Kindern beim Drachen steigen zu. Danke Bahat Mater, flüstert die Frau auf dem Fußboden, dass ich mit dir wachsen darf.“ Dann rapple ich mich hoch, und schneide Okkra. „Trinkst Du einen Chai?“ mit, frage ich den Tierarzt?“ Der Tierarzt nickt. „There is no god higher than chai“, sagt der Tierarzt und ich nicke. „Fast Gandhi-ji“ sagt er. „Mit Ingwer oder ohne, frage ich? „Lieber mit, sagt der Tierarzt“. „ Ich denke, vielleicht hat Frau Rajasthani doch Recht und der Tierarzt ist in Wirklichkeit Punjabi. Die Punjabis wollen immer Ingwer in den Tee. Radhe-Radhe.

Schwarze Stunde

Unten auf der Straße bellt ein Hund. Der Hund bellt nicht für mich. Vielleicht bellt der Hund einer verflossenen Liebe hinterher oder der Hund bellt den Mond an. Vielleicht ist der Hund auch in die Katze verliebt. Die Katze liegt auf den Femsterbrett. Auf dem Fensterbrett liegt ein Plaid. Rot und blau ist das Plaid und ein bisschen fadenscheinig schon ist der Stoff. Schon lange liege ich nicht mehr auf dem Plaid. Als ich auf dem Plaid lag da war sein Stoff noch dunkelrot und indigoblau und kleine Goldfäden zogen sich am Stoff entlang. Als ich auf dem Plaid lag, sah ich den Himmel von Assam. Schwer war der Himmel, ein dunkles Tuch. Kurz bevor der Monsoon kam, lag ich auf dem Plaid und in meinem Haar lag eine Hand. Neben mir auf dem Plaid lagst du und wir sahen in den Himmel hinein und du lachtest als dir sagte, dass die meisten Menschen glauben, Assam sei eine Teesorte und dein Lachen flog in den Himmel hinein und schon damals habe ich es nicht auffangen können. Du auf dem Plaid last mir Gedichte vor. Sylvia Plath. Aber das Gedicht erinnere ich nicht mehr, nur noch den Buchrücken und deine Hände. Ein Himmel voller Gedichte und der Monsoon wartete bis du heiser warst und erst dann kam der Regen. Ich bin lange nicht mehr in Assam gewesen. Deine Hände sind unter der Erde, seit Jahren schon, es sind keine guten Jahre für Assam gewesen und ob es jemals gute Jahre für Dichter gab, weiß ich nicht. Das Plaid aber habe ich mitgenommen in alle Länder ohne dich. Die Goldfäden verschwanden zuerst, dann blichen die Farben dahin und wer weiß vielleicht wurde auch ich blass und blässer und mag sein ich bin heute so farblos wie das Plaid auf dem Fensterbrett liegt das Plaid und auf dem Plaid liegt die Katze. Die Katze schläft oder jedenfalls tut sie so als würde sie schlafen. Die Katze hält nichts von zudringlichen Fragen. Sie wird mir nicht sagen, ob in ihrer langen Ahnenreihe einmal eine Katze aus Assam kam. Wie viele Iren haben denn in den Kolonien als clerks and officers and officer’s ladies gedient? Unzählig viele und mag sein, dass ein clerk, ein officer oder eine lady eine Katze aus Assam mit sich brachte? Mag sein also, dass die Katze dort auf dem Fensterbrett mehr weiß über Bramaphutra als ich so denke. Wer weiß, denn die Katze hält die Augen geschlossen, und sagt mir nicht, ob sie vom Hund träumt, der noch immer unten auf der Straße bellt. Vielleicht träumt die Katze aber auch von einem Kater, den sie manchmal im Garten besucht unter den alten Bäumen. Die Bäume rauschen in der Nacht und wer weiß vielleicht hat vor Jahren ein officer unter der Kastanie gesessen und ein Bild angesehen mit einem Mädchen darauf. Assam 1885 oder so ähnlich. Aber ich stehe nicht auf um nach einem Bild von dir zu suchen. Du hättest gelacht: „Ever so sentimental“ und ich hätte genickt. Dabei schriebst du doch Gedichte, aber deine Gedichte waren niemals sentimental. Dafür waren dir die Wörter zu ernst und ich glaubte damals ich könnte auch ohne Wörter leben. Ich sprach damals nur in technischen und abstrakten Dingen. Du aber zogst mich zu dir auf die Decke und immer hattest du ein Buch bei Dir und ich hörte dir zu und manchmal schobst du eines deiner Gedichte unter die vielen, die du für mich last. Die Straße vor mir liegt im Dunkeln. Hier geht keine Straßenlaterne mehr und der Priester ist bei seiner Mutter in einem ähnlich abgelegenen Teil Irlands wie es Assam in Indien ist. Vier Tage braucht man von Delhi bis in das Dorf in dem du lebtest und manchmal, aber nicht heute Nacht sehe ich mir die Fahrpläne an und rechne aus, wie lange ich wohl bräuchte, flöge ich morgen früh los, aber eine andere Zeit als die der Reise, als die zwischen Dorf und Flughafen und Bahnhof hat sich zwischen uns gelegt und jeden Tag versinkst du ein Stück mehr oder laufe ich weiter von dir weg. Unten auf der Straße bellt der Hund. Die Katze sieht mich nicht. Ich sehe dich auf dem Plaid neben mir. Der Regen auf der Straße ist eine schwarze Pfütze und das Meer ist dunkelgrau. Der Brahmaputra war braun und manchmal auch indigoblau. Ein heiliger Fluss, ich weiß nicht, ob den Iren das Meer heilig ist, oder ob es nicht immer ein Weg heraus war, ein Fortkommen, diese schäumende See, vor meinem Fenster ist schwarz. Ich habe nie jemanden nach den G*ttern dieser See gefragt, nicht den Tierarzt, nicht den Priester, keinen der Freunde, keinen der Feinde, das Meer schäumt in der Nacht. Ein Wiegenlied, aber ich fürchte bis zu Dir reicht es nicht. Dann doch noch einmal das Licht anmachen. Neben dem Nachttisch stapeln sich die Bücher, aber ich muss lange im Regal suchen, bis ich doch einen Band von Sylvia Plath finde. Einen Daumen in eine Seite und vorsichtig nur mit den Augen über den Rand der Seite lesen:

Overnight, very
Whitely, discreetly,
Very quietly

Our toes, our noses
Take hold on the loam,
Acquire the air.

Nobody sees us,
Stops us, betrays us;
The small grains make room.

Soft fists insist on
Heaving the needles,
The leafy bedding,

Even the paving.
Our hammers, our rams,
Earless and eyeless,

Perfectly voiceless,
Widen the crannies,
Shoulder through holes. We

Diet on water,
On crumbs of shadow,
Bland-mannered, asking

Little or nothing.
So many of us!
So many of us!

We are shelves, we are
Tables, we are meek,
We are edible,

Nudgers and shovers
In spite of ourselves.
Our kind multiplies:

We shall by morning
Inherit the earth.
Our foot’s in the door.

Mushrooms nennt sie das Gedicht und ich schließe die Tür hinter mir, lasse den Band auf dem Tisch liegen, kaltes Wasser ins Gesicht und dann die Tür schließen. Die Treppe hinauf mit kalten Füßen und in der Fensterscheibe bin ich ein dunkler Schatten. Auf der Fensterbank lieht ein Plaid. Auf dem Plaid schläft die Katze. Unten auf der Straße hört ein Hund auf zu bellen.

Sylvia Plath, Mushrooms, in: Carol Ann Duff (ed), Sylvia Plath, Poems, London 2012, p.58

„A maid’s load oder Haushaltsschatten.“

Vieles was im großen und weiten Internet die Runde macht bekomme ich überhaupt nicht oder erst so spät mit, dass in Groß-Bloggersdorf längst schon ganz andere Themen auf dem Marktplatz besprochen werden.

Und so habe ich auch das Video, das Ariel India im Rahmen einer Kampagne gedreht hat, die dazu aufruft, dass Männer ihren selbstverständlichen Teil im Haushalt erledigen sollen, anstatt ihrer Frau Sonntags beim Blumen gießen zu helfen, erst neulich gesehen.

Das Video ist fast schon der griechischen Dramentheorie entlehnt: Die berufstätige Mutter kehrt beladen von der Arbeit zurück ( natürlich mit Laptoptasche: Indien ist ja jetzt Hightechland ) ihr Vater spielt mit ihrem kleinen Sohn, und während sie noch die Einkäufe ( frisches Gemüse!) auf die Arbeitsplatte wirft, verspricht sie ihrem Arbeitgeber schon die nächste Email. Dann bringt sie ihrem Mann, der auf dem Sofa fläzt Chai, rast zurück in die offene Küche ( das können die niemals in Indien gedreht haben ) und fängt an zu kochen, sammelt Spielzeug auf und wäscht dem Buben das verklebte Hemd ( es ist ja eine Waschmittelwerbung ) und all das beobachtet ihr Vater, der während er seine wirbelnde Tochter beobachtet von einer heftigen Katharsis überfallen wird: hat er nicht auch wie sein Schwiegersohn sich ein ganzes Leben lang von seiner Frau bedienen lassen? In einem Brief gesteht er seiner Tochter sein fehlerhaftes Handeln und kaum zurück zu Haus nimmt er seiner Frau die Wäsche aus der Hand und belädt selbst die Waschmaschine ( natürlich mit Ariel.) Schnitt.

Bei all den Geschichten, die dieses Video erzählt und offensichtlich erzählt es Geschichten mit denen Frauen in Berlin, Wien und London sich sofort identifizieren und es als ihre Lebensrealität interpretieren, die sich so sehr von den Frauen Delhis und Mumbais nicht unterscheide ,und von der aus sich gemeinsam organisierter Feminismus etablieren ließe, so wenig hat er mit irgendeiner indischen Lebensrealität zu tun.

Das Paar, das wir in dem Film sehen gehört ganz offensichtlich zu den 1 Prozent Indiens. Die Wohnung ist komplett westlich eingerichtet, nicht einmal ein Pseudo-Ganesha sitzt auf dem Regal, der Mann trägt ein Machester United T-shirt und sieht Fußball, dazu braucht man in Indien Sky und auf der Küchenanrichte steht italienisches Olivenöl ( italienisches Olivenöl ist in Indien abstrus teuer ), das ganze Leben, das diese Familie führt erzählt: hier mangelt es an Zeit aber nicht an Geld. Vielleicht ist er IT-Irgendwas bei einer Firma die in Hongkong und Dubai aktiv ist und sie ist vielleicht Rechtsanwältin in einer großen Kanzlei, die Klienten in New York, Shanghai und Mumbai hat. Internationales Vertragsrecht vielleicht. Was immer diese Familie, die es in Indien zweifelsohne gibt, nach Büroschluss macht, Aufräumen, die Waschmaschine befüllen, kochen, oder putzen ist es nicht.

Denn was in diesem Video völlig fehlt ist das Rückgrat jeder indischen Familie, die zur unteren, mittleren oder oberen Mittelschicht gehört. Jede indische Familie der Mittel-oder Oberschicht hat „Help.“ In jeder dieser indischen Familien sind mindestens drei Personen beschäftigt. Oft aber noch viel mehr.

Nach oben gibt es dabei keine Beschränkung.

So auch bei Familie Rajasthani, meine indische Familie, die zur mittleren Mittelschicht zählt, also deren Einkommen deutlich unter der Filmfamilie liegt. Morgens in aller Frühe ungefähr, wenn ich aufstehe kommt ein Mädchen, das die Dinge macht, die eine indische Frau niemals tun würde, wenn sie es nicht muss: die Toiletten putzen und den Balkon und die Terrasse kehren. Die Frauen, die die Toilette reinigen, tun dies bei mehreren Familien eines Blocks, denn wer in Indien die Toiletten reinigt, der wird niemals auch in der Küche Gemüse schneiden, kochen oder den Kindern Chai zum Frühstück machen. Für alles was in der Küche an Vorbereitungen anfällt, aber auch Wäsche waschen, die Betten machen und die Kinder der Rajasthanis von der Schule abholen, dafür kommt Sunita jeden Tag zu den Rajasthanis. Weil Herr Rajasthani liebend gern Auto fährt, hat Familie Rajasthani keinen Chauffeur, der sonst natürlich zu einem indischen Mittelklassehaushalt dazugehört. Die Rajasthanis haben auch keine Nanny, denn beide Frau und Herr Rajasthani arbeiten halbtags, um Zeit für die Kinder zu haben. Das heißt Zeit für: Schwimmbad, Malkurs, Mathezirkel, Videogame spielen, auf dem Bett hüpfen und so weiter und so fort, nicht zum Saubermachen, dafür hat man in Indien „Help.“.

Das Einkommen des Filmspots-Vaters läge im Jahr etwas bei 140,000 Dollar  und seiner Frau bei 160,000 Dollar im Jahr. Abhängig davon ob die Familie eine Haushaltshilfe beschäftigt, die bei ihnen wohnt oder eine oder mehrere Haushaltshilfen, die über den Tag verteilt kommen, zahlten sie 6,500 Rupees ( 100 Dollar ) im Monat für eine „Maid“, die all das Tag für Tag erledigt, was die Frau im Werbespot nach der Arbeit macht. Ein Kindermädchen ist ab 2000 Rupees im Monat zu haben, nur ein Chauffeur ist wesentlich teurer.Für 7000 Rupees bekommen sie eine „Help“, die an 7 Tagen in der Woche 12 Stunden am Tag für sie arbeitet.

Das Gehalt ist aber nur ein Faktor in der komplexen und komplizierten Beziehung zwischen Arbeitgeber und „Help“. Sunita ißt bei den Rajasthanis, das Schulgeld ihrer Kinder wird von den Rajasthanis übernommen, sie erhält zwei neue Saris im Jahr, Herr Rajasthani bringt sie Abends nach der Arbeit zurück in den Slum in dem sie wohnt und liefert sauberes Trinkwasser und alle die für die Rajasthanis arbeiten, auch gelegentliche Bauarbeiter oder Extra Help vor Feiertagen wie Diwali bekommen neben dem Lohn Essen und Trinken. Man kann sagen, dass die Rajasthanis faire Arbeitgeber sind und Sunita ist ohne Zweifel wertgeschätzt und geachtet und dennoch das Verhältnis zwischen Maid und Arbeitgeber ist ein Verhältnis unter extrem Ungleichen und das ist in allen indischen Familien der Fall.

Fast alle „Help“ kommt aus West-Bengal, Assam, Bihar oder Tamil Nadu. Die Frauen sprechen also kein Hindi und während Frau Rajasthanis Schiwegermutter mit mir mit Engelsgeduld Hindi übt und jeder noch so kleine Fortschritt begeistert bejubelt wird, würde es niemand für nötig halte mit Sunita Hindi zu üben. „ A help must know.“

Während wir selbstverständlich am Tisch frühstücken oder ich“ Hunger, Hunger, Hunger“ schreiend aus der Slumklinik heimkehre und sofort ein Paratha mit heißer Butter vor mir auf den Tisch wandert, ißt Sunita immer nach uns und niemals am Tisch, sondern in der Küche auf dem Fußboden und mag Sunita auch noch so Durst haben, wenn ich meine Wasserflasche fülle oder Herr Rajasthani nach Tee ruft, so gehen unsere Bedürfnisse immer vor. Während ich alle Bäder des Hauses benutze, mag ich auch so verschlammt und blutbefleckt aus dem Slum zurückkommen, so würde Sunita niemals die Familienbadezimmer benutzen, sondern benutzt eine Toilette eigens für „Help“ gedacht. ( Das hat Frau Rajsathani gegen den Widerstand ihrer Schwiegereltern durchgesetzt.)Viele der Haushaltshilfen und auch der Chauffeure dürfen in indischen Haushalten kein Badezimmer benutzen und deshalb sieht man auch in den vornehmen Vierteln der großen Städte in denen sich auch die Touristen tummeln, Männer ihre Notdurft an Zäunen oder Wänden verrichten. Das fotografieren dann die Touristen: „Da pisst der Inder in aller Öffentlichkeit.“ Alles Perverse“ und dann schüttelt sich der Tourist und holt Sagrotan aus der Tasche.

Auch Sunita hat keinen Arbeitsvertrag und muss sich darauf verlassen, dass die Rajasthanis ihren Teil der Vereinbarung einhalten und wenn Sunita zu Feiertagen oder zur Ernteunterstützung ihrer Familie in ihr Dorf zurück will, muss dies mit den Ferienzeiten und Bedürfnissen der Rajasthanis abgestimmt sein. Immer kommen die Rajasthanis zuerst. Immer komme auch ich zuerst und noch niemals hat Sunita sich ein einziges Mal beschwert, dass wenn ich zu spät komme, sich auch Sunitas Heimfahrt verspätet. In den Haushalten Indiens manifestiert sich die Ungleichheit unübersehbar und es sind alle Haushalte, denn alle Haushalte haben „Help“ auch mein Freundeskreis, alle wie Frau Rajasthani sagt: your Lefties“, alles Männer und Frauen, die zwischen Kasten heiraten, und erbittert über indische Politik und Gesellschaft streiten, doch niemand käme auf die Idee keine „Help“ zu haben.

Sitzt man Sonntag Morgens in einem der fancy Cafés von Khan Market, dann sieht man die „Help“, die während die Miss frühstückt, stoisch in der Sonne warten und an den Nebentischen hört man die Frauen seufzend sagen: „You know, the new help is so irritating.“ Dann kaufen sie Olivenöl. Eine Flasche kostet zwischen 800 und 1000 Rupees.

Der Markt für „Help“ ist undurchsichtig und unreguliert. In Delhi landen Tag für Tag Werbeprospekte vor der Tür, die billige, saubere und 24/7 verfügbare Help anpreisen. Es gibt Agenturen, Zwischenhändler und Netzwerke, die so schnell auftauchen wie sie wieder verschwinden. Die Regierung Narendra Modi und das hilft den ohnehin evidenten Strukturen von Ausbeutung hat das Verbot von Kinderarbeit wieder aufgehoben unter der Klausel, dass Arbeit für Verwandte erlaubt sei und so finden sich in vielen Dörfern „uncle“ die Kinder ab zehn Jahre in die großen Städte vermitteln, wo sie schnelle und leichte Opfer von Ausbeutung werden. Eine ungezählte Anzahl von Mädchen verschwindet in Haushalte Saudi-Arabiens, Doha und Kuwaits und der Slum ist für so etwas immer ein guter Seismograph: immer mehr Mädchen aus Bangladesch kommen nach Delhi auf der Suche nach Arbeit. Solche Nachrichten existieren in einer Endlosschleife Endlosschleife und sie beruhigen auch das Gewissen von Familie Rajasthani und mir: „Sind wir nicht gute Arbeitgeber? Die strukturellen Ungleichheiten lassen sich leicht vergessen, liest man über Familien, die ihre Haushaltshilfen bewusstlos prügeln oder ihnen den Rücken mit dem Bügeleisen verbrennen. So müssen wir nicht darüber nachdenken, wann es die letzte Lohnerhöhung gab, oder ob nicht auch Sunita einen freien Tag in der Wochen haben sollte.

Das Video von Ariel India aber imitiert einen westlichen Haushalt und erzählt die Geschichte westlicher Frustrationen, aber wieder vergisst es diejenigen auch nur am Rande zu erwähnen, die längst schon eingekauft haben, den Chai gerichtet, das Gemüse geputzt, die Wäsche gewaschen, gebügelt, gefaltet und einsortiert haben, den Abwasch erledigt, den Boden geputzt, den Buben versorgt und gesaugt haben, die dann essen, wenn wir satt sind, die dort sitzen wo wir nicht stehen, die keine Rechte haben, die wir ihnen nicht gewähren und die wenn wir die Schuhe zur Seite kicken schon bereit stehen, um sie gerade zu richten. #sharetheload heißt die Kampagne, aber wahrer und aufrichtiger wäre es wohl einmal über #amaidsload zu sprechen, wenn wir schon darüber sprechen wollen, wessen Beitrag in unseren Haushalten so unwirklich unsichtbar ist, wie es in Indien auch heute an einem Sonntag der Fall ist. In Delhi ist es jetzt 17 Uhr und Sunita, ich bin mir sicher sitzt auf dem Küchenboden und schneidet Okra. Am Sonntag haben die Rajasthanis immer Gäste. Montag Morgen wäscht Sunita ab.

Woanders ist es auch schön

Ich habe nicht gewusst, dass es Schreibschulen gibt oder Universitäten an denen Ausgewählte schreiben und die Anderen, irgendwie auch noch Lehrer oder irgendwas werden sollen. Was man alles hätte werden können. In Hildesheim jedenfalls wird geschrieben und wer dort schreibt und wie man dort schreibt und warum die Frauen in Hildesheim noch immer vor allem Buletten machen hat Stefan Mesch hier aufgeschrieben. Hildesheim. Eine fremdere Welt kann ich mir kaum vorstellen. (Via Kaltmamsell)

Eine fremde Welt ist auch eine Welt in der Eltern und auch Nicht-Eltern auf Wurzelsäfte schwören und Impfungen bekämpfen wie die  formidable Kaltmamsell es beschreibt. Eine Welt in der Ärzte natürlich gewissenlose Gauner sind und die nette Frau mit den schönen, natürlichen Ölen Heilung verspricht anstatt medizinisch fundierter Behandlung.

Was für ein langer Weg und grässlicher Weg so eine Behandlung, ist ist hier so plastisch wie drastisch geschildert. Thomas Buddenbrook der über einem faulen Zahn verstarb, hat hier eine wahrlich kundige Nachfolgerin gefunden.

Interessanter als die parteipolitischen Strategien hinter der Wahl von Ram Nath Kovind ist die Geschichte von Laxmiben Maheria, die sich für die Rechte und den Zugang von Frauen aus den vielen Dalit-Kasten einsetzt . Unerschrocken und ohne Ambitionen auf Wählerstimmen in den Kongresswahlen 2019.

There is no such thing as a free lunch. Schon gar nicht bei Mietwagen.

Die Notaufnahmeschwester über das Warten.

Der Tierarzt wäre natürlich nicht der Tierarzt hätte er nicht Mädchenmusik für mich dagelassen.