Woanders ist es auch schön

Frau Arboretum hört ein Lied und erinnert sich. Ein Lied ist ja niemals nur ein Lied und Erinnerungen sind niemals nur Erinnerungen.

Es gibt ein Bild  von Oskar Maria Graf, da steht er in den Krachledernen mit einer Tasche auf dem Flughafen und es ist eines jener Bilder des Exils, die sich mir unauslöschlich eingeprägt haben. Den Versuch sich die Heimat als Mantel und Hose um die Beine und Schultern zu legen, so vergeblich, so verzehrend und ich kann es Ihnen nur ans Herz legen, lesen Sie seine Bücher, die allesamt von der Heimat erzählen, ohne sich dem Schwindel der Sentimentalität hinzugeben.

Der Spiegel hat eine Reportage über eine Mutter deren Ambitionen und das gesellschaftliche Dilemma der Mutter an sich gemacht, und auch wenn ich glaube, dass ein viel größeres Dilemma ist, dass der Spiegel seit Jahr und Tag die gleichen Geschichten erzählt und niemals die Geschichten der Mütter, die dem Zwang unterliegen vom ALDI Gehalt zwei Kinder großzuziehen, hat Frau Excellensa einen klugen Kommentar dazu verfasst, dass die größten Feinde der Mütter immer noch die Verachtung der anderen Mütter und Frauen ist.

Die Rolling Stones kommen nach Hamburg und die Freude hält sich in Grenzen.

Christina Dongowski besucht Ernst Jüngers Haus in Wilfingen und ich habe nicht nur gelernt, dass Jünger ein rosa Badezimmer hatte. Was für ein fantastischer Text.

Gauri Lankesh eine indische Journalistin ist erschossen worden- bei sich zu Hause, denn die Dementoren sind wirklich keine Erfindung eines Kinderbuches, sondern grässliche und traurige Realität.

In Irland ist Tee eine sehr ernste Angelegenheit und es gibt Familien, die sich nicht über die unmögliche Schwiegertochter oder das Kreuzerl auf dem Wahlzettel zerbrachen, sondern über die Teemarke oder die Definition des Schlückchens Milch. Das Lied und das Video der Rusangano Family ist nicht nur deshalb  sehr großartig.

Zwischen Hut und fliegendem Haar

Am späten Nachmittag fahre ich zurück zu Schwesterchen. Warm ist es und müde bin ich und so sehe ich das Paar erst als ich nach der Wasserflasche in der ewig großen Tasche suche und dann sehe ich sie doch. Ein Mann und ein Frau sitzen mir genau gegenüber. Anfang Dreißig vielleicht. Er trägt eine dunkelblaue Leinenhose, ein weißes Jackett mit marineblauer Krawatte, ein sorgfältig vernachlässigter Bart und auf dem Kopf ein Hut wie Humphrey Bogart. Seine Freundin hat ein luftiges Sommerkleid an: dunkelblau-grau und auf dem fliegenden Rock Blumenornamente, Lilien und Rosen und ich glaube auch Margariten. Auch sie trägt einen Hut, breitkrempig, wenn auch ohne Schleife. Hutgesichter wie Humphrey Bogart und Lauren Bacall haben sie beide nicht, aber sie beide sind Menschen, die einen Hut tragen, weil man eben ein Hut trägt, denn ganz sicher sind die beiden zu einem Sommerfest im Garten der Eltern oder Schwiegereltern eingeladen und sicher wäre es akzeptabler ohne Unterwäsche als ohne Hut zu erscheinen. Der Mann seufzt und sieht auf sein Telefon. Seine Freundin aber zieht sich mit langsamen Bewegungen die Lippen nach. Fuchsiarot. Ihr Freund will sie dabei auf die Nasenspitze küssen, aber das kommt nicht gut an, sondern sie dreht den Kopf hastig weg und schlägt ihm auf die Hand. Er wird rot. Ein Hut, aber das sage ich ihm nicht, reicht noch nicht um dort dazu zugehören, wo noch der bitterste Scheidungskrieg nicht anders als mit einer hochgezogenen Augenbraue begonnen wird. Unterdessen aber, die Frau besieht ihr Gesicht in einem kleinen Perlmuttspiegel, steigen zwei Frauen zu. Sie sind, es lässt sich nicht überhören Cousinen. Sie haben wasserstoffblonde Haare und einen Hut tragen sie nicht. Dafür hat die eine der Beiden, einen Overall mit aufgedruckten Ananassen an und die andere ein weißes Kleid mit pinken Blumen. Auch sie wollen zu einem Sommerfest und sie kichern aufgeregt, denn Overall und Kleid haben ein gewaltiges Dekolleté und die beiden Cousinen zupfen am Stoff herum und überlegen ob wohl John oder Jake sie zum Tanzen auffordert und mit dem Telefon machen sie Bilder und lustige Kussmünder dazu. Sie lachen und eine der beiden Cousinen knufft die andere in die Seite und ruft: „Ich freu mich so.“ Dann lachen die beiden Cousinen und versichern sich gegenseitig, dass John und Jake auf jeden Fall heute Abend geküsst werden müssen. Die Frau mit Hut aber, die inzwischen perfekt nachgezeichnete Lippen hat, sieht mit angewidertem Blick zu den beiden Frauen neben ihr hinüber. „Geschmeiss“, sagt ihr Blick und dann rümpft sie das porzellanfarbene Näschen um ihre Gemütslage erst noch zu unterstreichen. Dann beugt sie sich zu ihrem Freund vor und macht eine abschätzige Bemerkung, vermutlich über die hergezeigten Brüste oder die falsche Bräune auf den Beinen und ihr Freund, der doch eben noch versuchte ihre Nasenspitze zum Leben zu erwecken, nimmt den Faden auf und auch er versucht ein überheblich, herablassendes Kichern und hämisches Gackern, doch seine verzogene Augenbraue gelingt nur fast: zu fröhlich sind die Frauen, zu schön ihre Brüste und die Cousinen haben zu dem sehr lange Beine und bonbonfarbene Nägel. Die Frau mit Hut aber macht den Rücken steif und tupft sich einen Hauch Parfum hinter die Ohren. Ihr Blick bohrt sich in den Fußboden und die beiden Frauen eben ihr sind nicht einmal mehr Luft. Ihr Freund dreht den Hut in den Händen und will ihr etwas Witziges auf dem Telefon zeigen, doch sie verzieht nur ein ganz klein wenig die Oberlippe. Er küsst sie auf die Schulter und sie schnipst den Kuss auf den Fussboden da bleibt er liegen. Die beiden Cousinen stehen auf, zupfen sich spärlich Stoff zurück, wirbeln sich durch die Haare, kichern und stöckeln auf irrsinnig hohen Schuhen der U-Bahn Tür zu. Die Frau mit Hut kramt wieder in einem Täschchen. Ihr Freund sieht den beiden Cousinen ein bisschen zu lang hinterher. „Laufen Sie“, will ich ihm zurufen, laufen Sie, die beiden Frauen sind wunderbar. Die beiden Frauen mögen chinesische Glückssymbole auf dem Knöchel tragen, aber die beiden Frauen die kennen das leben und halten es trotzdem aus, und immer noch können sie lachen. Die Träume sind den beiden Cousinen noch nicht abhanden gekommen und die beiden Frauen können einen tropfenden Wasserhahn reparieren und Plastikfingernägel wieder ankleben. Diese Frauen tragen ihr Herz auf der Zunge und haben es nicht unter leeren Formeln begraben. Diese Frauen sind öfter ausgelacht worden, als wir beide zusammen und strahlen noch immer. Diese beiden Frauen sind lebenspraktisch und diese Frauen haben starke Hände, einen echten Rücken und gegen Windmühlen haben die beiden bestimmt schon mehr als einmal gekämpft. Aber schon schließen sich die Türen wieder und der Mann bleibt zurück, mit dem nun etwas zerknautschten Hut in den Händen. Sogleich rügt seine Freundin ihn und er setzt sich den Hut wieder auf. Sie sieht erleichtert auf und rümpft noch einmal die Nase. Wieder steht der Zug, wieder öffnen sich Türen, ihr Freund bekommt Schultertuch und Bolerojäckchen überreicht, sie steht auf und er geht ihr nach. Die Türen öffnen sich und auf dem Bahnhof steht eine Frau, dreißig Jahre älter als sie aber unverkennbar ihre Mutter. Die gleiche Haltung, und auch fast dasselbe Kleid. Sie küsst ihre Tochter auf die Wangen, ihr Freund erhält immerhin zwei Luftküsse und zwei weitere Taschen. Dann fährt der Zug weiter und ich mache noch einmal die Augen zu und höre von fern die beiden Cousinen laut und herzlich lachen.

Die Mali-Tant wundert sich über die Frauen.

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Die Mali-Tant als junge Frau.

Die Mali-Tant, war eine der liebsten Freundinnen meiner Großmutter. Wie meine Großmutter scheiterte die Mali-Tant an Israel. Die beiden Damen waren sich einig: die Hitze, der Staub, das schlechte Theater, die barbarische Sprache, die seichten Opern, da könne man trotz allem also auch nicht bleiben. Meine Großmutter ging zurück nach Deutschland und die Mali-Tant zog zurück in ihre Geburtsstadt Wien. Damals also im 1950er Jahr sagten die Nachbarn zur Mali-Tant: “Wir dachten die Juden sind alle durch den Rauchfang gegangen.” „Ja, sagte die Mali-Tant damals, das habt ihr euch wohl so gedacht.“ Die Nachbarn haben nicht widersprochen. Die Mali-Tant aber ist geblieben und noch immer, noch heute lebt die Mali-Tant in Wien. Jeden Samstag seit vielen Jahren also, rufe ich die Mali-Tant an.

Ich liege auf dem roten Kanapée und meine Füße liegen auf der Fensterbank in der Hoffnung die Sonne käme noch einmal ums Ecke gebogen und wärmte sie mir, denn die ewig kalten Füße setzen mir zu. Eingewickelt bin ich das warme, gelbe Plaid aus der Toskana, das ich nicht einmal an Schwesterchen verleihe. In einer Hand Tee aus der Lieblingstasse, Melonenstücken auf dem Teller vor mir und den Telefonhörer in der Hand, und wie mein Großvater vor vielen Jahren zu sagen pflegte als meine Großmutter die Mali-Tant anrief, telefoniere ich mit Wien.

Ich: Shavua tov! Shavua tov! A gite Woch dir liebe Mali-Tant.

Mali-Tant: Shavua tov, Mädi!

Ich: Geh, Mali-Tant, geht es dir gut?

Mali-Tant: Ja geh, Mädi, nichts ist so fad wie die Leit ,die nichts tun als jammern und greinen. Es geht sich scho aus.

Wir wechseln weitere Bemerkungen über das Wetter, das Leben, die Gerti ( die Tochter der Mali-Tant, Schwesterchen und dies und das.) Dann schnauft die Mali-Tant laut und vernehmlich und sagt Mädi man muss sich scho einmal wundern üba die Frauen.

Mali-Tant: Wie ich jung war, Mädi da han die Leit gesagt: A Frau muas imma woas duan, sonst schdesed sche deppert do.

Ich: Ach, Mali-Tant den Leuten kann man es eh nie Recht machen.

Mali-Tant: Geh Mädi, a Frau de ins Romanbiachl schaud, han die Leit gesagt is a oame Haud (= arme Haut ). So a Frau han die Leit gesagt is ka Ea ( =Ehre ) fia unsa Gschlechd.

Ich: Aber Mali-Tant, deine Mama hat doch alle Tage einen neuen Roman verschlungen, und du liest noch immer mehr Bücher in der Woche als ich.

Mali-Tant ( lacht): Ja, die Mama! Scho recht Mädi, aber frieha da han die Leit gesagt: A Frau muass scho a Oabeid han, weil auf an Mann is eh kein Verlass.

Ich: Aber Mali-Tant, dein ganzes Leben hat du eh in der Klinik gearbeitet. Lass die Leut doch reden, das machen die Leut eh.

Mali-Tant: Scho klar Mädi, I komm schoa zu ein Punkt, wiast scho sehen. Fria Mädi han die Leit gesagt, a Frau, die sich um si söba scheat, is a Seidene Person (= Prostituierte ). Die Leit han gesagt, dass die Frau aufn Mann hean muass a wenn er a bissl bled is und ana Frau muass eben a einmal a Opfa bringen fia de Mann. Ihre Däg ghean de Kinder und ihre Nächt de ghean de Mann. A Frau han die Leit gesagt muass den Haushoid füahn und mid kana Wimpa zuckt was a Frau is.
All die Jahr, Mädi han die Fraun gesagd: Ah Frau Mali-Tant bled is da Mann, unds Geld trägt er nimma nach Haus, sondern in die Wirtschaft, nimma weiß man wann der Mann hamkummd und is a doa, red er nigs und schaut ewig fern, und nimma gean haod der Mann die Frau, sondern imma nur einen Hemdknopf hat der Mann hingehalten und nimma vum Heiradn geredet, sondern a anderer Frau in die Augn geschaut. All die Jahr Mädi, bis zu dem heitigen Tag Mädi greinen die Fraune üba die Männer. Am Donnerstag bei da Erika, han die Fraun wieder angefangen von die Männer und von wos a Frau is zu greinen
Da hab I gesogt: Jetzt aba is es einmal genug. I hob gesogt: All die Jahr hab I a Liebhaber gehabt. A guada dazu. Des is schoa a wichtig. Der Geri ( = Gereon, der Mann der Mali-Tant ) hat a Gspusi gehabt und a blitzgescheite Person is das geweasn. Der Geri hat imma a Blick gehobt fia de Fraun. Und ned hamlich hab I gelebt all die Jahr mit dem Jean und net alla daham gesessen all die Jahr. Der Geri und der Jean sind mir a schenes Glik gewesen, hab I gesogt zu die Fraun. Die han geschaut Mädi als hätt i wos von fliegenden Elefanten gesogt. Aba hab I gesagt zu die Fraun do an Tisch: A Zugehfrau könnt ihr euch a nehmen, wenn ihr schoa zu feig seid füa a Liebhaber, a guadn. Mädi, die Leit sind schlimma wie wenn die Mama üba den oidn Kaiser gelacht han. Frau Mali-Tant han die Fraun gesogt: Des macht a anständige Frau net. Frau Mali-Tant des schickt sich net fia a anständige Frau, Frau Mali-Tant des is a Schand was sie dan han gemacht all die Jahr’, a Frau han die Frauen gesogt muass sich scho einmal aufopfern fia den geliebtn Ehemann. A Frau han die Fraun gesogt muass imma a Ea sein fia ihr Gschlechd. Da Mädi hab I lachen müssen, dann hab I denn Jean angerufen fia a Runde Tarock und heit Abend gehen mia in die Oper, Mädi. Die Leit Mädi, sind mia zu fad.

Ich: Sieh Mali-Tant, die meisten Männer und Frauen haben eben Angst vor dem Leben da kann man nichts machen.

Mali-Tant: Schoa Recht Mädi, aba eins kannst glauben deina alten Mali-Tant: gauns genau musst schaun bei a Mann: de Schuitan net zu breit, de Hagsn net zu schmal und der Gaung Mädi, der muss schwingen und nimma geh mit a Mann aus, do schlurft oda wo galoppiert wie a Esel.

Ich: Das Mali-Tant will ich berücksichtigen und dann lachen die Mali-Tant und ich, so lange bis die Uhr im Wiener Wohnzimmer gongt. Mädi sagt die Mali-Tant: I muss mir die Haare richten, geh, du bist mir nicht bös?

Ich: Ach geh, Mali-Tant, Liebende soll man nicht warten lassen.

Der Jean nämlich nennt die Mali-Tant eine fesche Katz und wo er Recht hat, hat er Recht der Jean.

As an exception in German: Die Damen, bitte.

Unsere Sprache so tönt es allerorten sei sexistisch und frauenfeindlich. Unentwegt, so hört man aus wohlunterrichteten Kreisen, werde den Frauen verbal, Gewalt angetan und schon lange sei bekannt, dass es vom ungerechten Einsatz des Pronomens bis zum Faustschlag nur ein kleiner, jedenfalls kein großartig zu differenzierender Schritt sei. Das lese ich jedenfalls, wenn auch mehr so im Vorübergehn in Beiträgen von Frauen, die diesem Zustand auf allen Ebenen den Kampf ansagen. Ignorant wie ich bin habe ich diesem Problem bislang jedoch wenig Beachtung geschenkt. Dies mag auch damit zu tun haben, dass ich zwei Berufe habe und da zudem der Bücherstapel neben meinem Bett beachtlich anwächst, fehlt mir die Muße darüber zu reflektieren, ob die Welt nicht eine schönere wäre, hieße es ab morgen „Julia und Romeo“ oder „Gretel und Hänsel.“  Es gibt, denn vor allem in deutschsprachigen Debatten herrscht der feste Glaube, gäbe es nur eine Professur für das Binnen-I- dann sei auch die Welt von Bad Godesberg bis Ost-Schwerin eine bessere, schönere und gerechtere allemal, Lehrstühle und Forschungszentren, neben einer Vielzahl von Aktivistinnen, deren Sprachgebrauch ich nun wie soll ich sagen selbst problematisch finde. Ihr Aufruf der Gegengewalt ist häufig mit Metaphern unterlegt, die Frau nebst Baseball Schläger zeigen: „Smash the patriarchy.“Das ist für mich jedenfalls nur wenig anziehend. Zwar hat mir noch niemand einen Baseball-Schläger über den Schädel gezogen , dafür bekam ich, sie werden lachen, in einem Projekt für Frauengesundheit in Neu-Delhi eine abgeschlagene Glasflasche in den Hals gedrückt. Ich kann Ihnen versichern: angenehm ist es nicht und meine Verhandlungsgposition hat es auch nicht entscheidend verbessert. Andere wiederum gefallen sich in der Vorstellung als QuerulantIn, aber sie erinnern sich zwei Berufe, ich habe mehr als einmal ein Büro mit einem Querulanten geteilt und mir scheint der Ort wo der Pfeffer wächst, noch zu idyllisch für diese Spezies, welchem Pronomen auch immer sie sich zugewandt fühlt. Aber Ignoranz und bemühte Langweile kann keine Ausrede für alles sein, geht es doch um nichts anderes als die Ungerechtigkeit der Welt selbst. Ist frau aber erst einmal sensibilisiert hat sie natürlich Ideen, da will ich nicht fehlen: Apropos,Männer und Frauen, ich stimme zu ist eine zutiefst binäre Kategorie, aber die wahre Ungerechtigkeit tritt erst bei Damen und Herren hervor. Das sei doch höflich mögen Sie sagen, aber da irren sie. Männer werden stets mit „Herr“ angeredet, Frauen jedoch niemals als Dame. Stehen Sie also vor der Oper und warten, sagt niemand: Wenn Sie mir folgen, mein Mann!“ Frauen aber werden nie als Damen angesprochen. Dame, Read On, ein Telefonat für Sie, habe ich noch nie gehört, dafür aber ständig das brutal klingende, ja, ja Gewalt liegt in den kleinsten Dingen, Frau Read On, am Telefon wartet der X auf sie. Dabei ist das doch gerade das Damen-Dasein ein höchst Erstrebenswertes. Einer Dame schreit man keine Sauereien entgegen, sondern überlegt zweimal, bevor man spricht. Einer Dame hält man die Türen auf und könnten Sie mich sehen, stets bepackt und mit Büchern jonglierend, es wäre mir Wohltat und Segen. . Nach einer Dame richtet sich die Welt. Verspäten Sie sich als QuerulantIn wird man Sie rüffeln, brauchen sie als Dame eine Extra-Viertelstunde, dürfen Sie auf nachsichtiges Nicken hoffen. Die Dame braucht noch einen Moment, klingt doch ganz anders. Damen begegnet man mit Hochachtung und stets mit Respekt. Selbst der größte Flegel gibt sein Bestes in der Nähe einer Dame und löste man das Konzept der Damenwahl vom Geruch ältlicher Tanzschullehrerinnen, ergäben sich Möglichkeiten, die alles Dagewesene bei Weitem überträfen. Konzeptualisierte man es nur richtig wäre die Frauenquote angesichts der überlegenen Hand der Damen, eine lange belächeltes Relikt. Einer Dame pfeift niemand hinterher, sondern zart und nur andeutungsweise beugt man sich mit hingehauchtem oder vielmehr angedeutetem Handkuss über die behandschuhte Hand. Sitzen sie dann damenhaft mit elegant übereinander geschlagenen Beinen beim Tee im Damenzirkel, dann mag die Untergruppe Damen in der Literatur, von mir aus gern diskutieren ob „Dame Julia und Herr Romeo“, nicht geeigneter sei als Titel für zweifelsohne ein Stück großer Weltliteratur. Allerdings hat alles seinen Preis.Sollten Sie und die Ihnen befreundeten Professor*Innen auf Baseballschlägern und anderen Utensilien bestehen und glauben aus dummen Flüchen ließe sich große Kunst machen, sehe ich schwarz für die Revolution der Damen. Aber ich bin auch ignorant, meistens zudem sehr eilig und immer noch mit den Frauen im Slum enger bekannt als mit Ihnen.

As an exception in German:Gefallene Mädchen

Sie sind wie sie da sitzen in einem zugebenermaßen nicht besonders ansprechendem Raum eine angenehme Erscheinung. Adrett hätte meine Großmutter sie genannt und eigentlich gemeint: langweilig.

Sie waren und auch das überrascht mich nicht eine gute Schülerin. Ihre Hefter waren nie geknickt, alle Überschriften doppelt unterstrichen und niemals haben sie Hausaufgaben unter der Bank abgeschrieben. Ihr Lächeln wurde von allen gelobt, schon damals als sie noch gar nicht wussten, wie man es am wirkungsvollsten einsetzt. Sie lächeln mich an und rücken noch ein Stück näher an mich heran. Aber ich bin schon länger im Geschäft der Lächler als Sie und glauben Sie mir: ich lächle nie aus Wohlgefallen. Aber das können sie noch nicht wissen. Im Herbst haben sie angefangen zu studieren und alle haben ihnen versichert: Ihnen stünden alle Türen offen. Schließlich waren sie doch mindestens einmal Klassensprecherin und auch irgendwie an Tierschutz interessiert. Sie konnten gut auswendig lernen und wussten schon vor dem Examen was die Lehrer von Ihnen hören wollten. Das sollte immer so weitergehen, das dachten Sie und alle versicherten Ihnen, dies sei garantiert der Fall. Jetzt aber, da sie ihr Essay in den Händen halten und realisieren, dass die Note nicht ihren Vorstellungen entspricht, entgleist ihr Gesicht und für einen Moment lang erstarrt das Lächeln auf ihrem Gesicht.

Und ja, ich stimme ihnen zu, das ist kein schöner Moment, in dem man realisieren muss, dass man keineswegs zu den Besten gehört, sondern nur zum unteren Mittelfeld. Aber trösten sie sich, sie sind nicht allein. Mit ihnen müssen viele Frauen auf einmal lernen: fleißiges Bienentum ist nicht genug. Die Maxime , die fast allen Frauen zu eigen ist: viel hilft, viel und sichert die beste Klassenarbeitsnote und die feuchte Hand des Stufenschönsten, sprich Erfolg, Glück und Liebe, bei Frauen ist das ja oft ein und dasselbe, funktioniert hier nicht mehr. Ordnungsgemäße Erfüllung ist der Standard führt aber nicht zu Gratifikationen. Fachliche Anerkennung an der Universität aber ist nicht durch eine schöne Handschrift zu erlangen. Hier brillieren nicht die, die am meisten angepasst, sondern diejenigen die sich eigene Ideen zutrauen, die unbequeme Meinungen vertreten oder überhaupt eine Meinung haben und die sich nicht im Mindesten darum scheren gemocht zu werden. Wenig überraschend sind das zumeist Männer, die zwar in der Schule öfter über den Rand malten, aber ziemlich schnell begriffen haben, dass die meist grässlich stupenden Grundschullehrerinnen keine Vorbilder sind für ein Leben mit offenem Ausgang, sondern nur für personifizierte Langweile. Das können sie doch auch möchte ich ihnen sagen und tue es auch, nur leider hören sie oft nicht zu, weil sie vor allem in der Note das Scheitern sehen, und mich ernsthaft fragen ob sie nicht fleißig genug gewesen sein. Dabei ist es das Gegenteil von Anpassung, das sie brauchen. Lesen Sie doch einmal was sie interessiert und formulieren sie doch einmal einen Gedanken ohne auf Absolution zu warten, seien sie doch mal verwegen und wenn das nur heißt mit dem Klassennerd ein Eis essen zu gehen. Träumen sie doch einmal von ganz nach oben und wenn sie morgens aufstehen: versuchen sie doch wenigstens eine Stunde lang, einmal niemanden zu gefallen. Denn ich verrate ihnen etwas: es ist unmöglich von aller Welt gemocht und gelobt zu werden. Das muss man ertragen lernen und man lernt es besser heute als morgen. Überhaupt und auch das ist eine Mädchenkrankenheit, Kritik ist Ansporn und nicht wie sie denken und ich sehe es ihnen ja an, ungerechte Behandlung und schlimmer noch persönlich gemeint. Frauen haben es nicht gelernt und warum das so ist, weiß ich nicht genau, Kritik auszuhalten, von mir aus auch zu hinterfragen oder als Ansporn zu nehmen, sondern sie nehmen sie ausschließlich als Verlängerung einer Auseinandersetzung zwischen Freundinnen wahr, an deren Ende man sich tränenreich in den Armen liegt. Ich kann ihnen versichern, dies ist nicht der Fall. Sie, aber die sie hier vor mir sitzen, mit nur noch mühsam unterdrückten Tränen, sie werden sich in den nächsten Jahren entscheiden müssen, ob sie erfolgreich sein wollen oder nur angepasst bleiben. Beides hat seinen Preis. Welcher ihnen aber als der Höhere erscheint, das müssen sie selbst herausfinden.

Aber ich gebe zu: ich fürchte mich- ein wenig- vor Ihrer Antwort. Deswegen, übrigens lächle ich öfter als mir lieb ist.

Aber sie laufen da schon aus dem Raum heraus, zurück zu ihrem Hofstaat auf dem Flur, die jetzt trösten sollen, und mich beschimpfen, Taschentücher reichen und beruhigend den Rücken streicheln, aber einigen der emsig um sie bemühten Damen wird sich wundern und vielleicht sogar zweifeln, erst an sich, dann aber auch an ihnen. Gemocht wird man selten für das was man ist, sondern nur für das was man selbst gern wäre, ist man es nicht, zerfällt die Bewunderung so schnell wie sie kam. So ist das und vielleicht ist es nicht einmal schlimm.