Wie es isst.

Immer kurz vor Weihnachten beschließt die Frau des Krämers abzunehmen. Der Krämer fährt in den von ihr so verachteten TESCO auf einer grünen Wiese und die Frau des Krämers lädt einen Stapel Weight Watchers Assietten in ihren Wagenkorb und schwört in den nächsten Tagen bis zum 23 Dezember nichts anderes mehr zu essen, als das was das Punktesystem der vereinigten Waagenwächter vorgibt. Nach zwei Tagen kennt die Frau des Krämers alle Punkte, die auf den Plastepackungen abgedruckt sind. Aber nach zwei Tagen hat die Frau des Krämers auch festgestellt, wie scheußlich der Waagenwächterfraß schmeckt. Die Laune der Frau des Krämers ist also an Tag Drei unterirdisch und da die Frau des Krämers findet, ich sei quasi für jedes Elend der Welt mitverantwortlich, schreit sie während ich Butter, Joghurt und Milch zur Ladentheke trage: „Sie wissen aber schon wie viele Punkte das hat!“ Keine Ahnung, Frau des Krämers sage ich, Hauptsache die Milch ist nicht sauer, die Butter nicht ranzig und der Joghurt nicht wässrig. Die Frau des Krämers knurrt Böses. Dann hole ich Nussschokolade. Die Frau des Krämers fletscht die Zähne, das ist verboten, streng verboten, Schokolade hat sieben Schrillionen Punkte. Überhaupt Fräulein Read On, sind sie dicker geworden oder trägt die Strickjacke auf?“ Frau des Krämers lächle ich, es soll kalt werden über Nacht, Nussschokolade aber wärmt gut. Dann hole ich Schokoladeneis aus der Tiefkühltruhe und die Frau des Krämers wirft mir ihren Todesblick zu.
Wissen Sie Frau des Krämers mein Punktesystem ist ganz einfach: „Ist noch genug Nussschokolade da und warum zur Hölle sind da immer noch vier Pastinaken im Gemüsefach.“ Die Frau des Krämers starrt mich entsetzt an: „Ich weiß wirklich nicht, wie der Tierarzt es mit Ihnen aushält.“

Die Auszubildende schluchzt wie ein Schlosshund. Es braucht eine Packung Taschentücher und den ganzen Rest meiner Jahresendgeduld bis ich herausfinde, warum sie schluchzend das Telefon ignoriert. „Fräulein Read On bricht es schließlich aus ihr heraus, „mein Kleid für die Weihnachtsfeier ist mir zu eng.“ „Kaufen Sie ein neues Kleid“, sage ich und nehme den Telefonhörer ab. „Sie sind so unsensibel“ schreit die Auszubildende. Ich atme tief ein und aus. Am Telefon ist der Schriftsteller. „Fräulein Read on sagt er, besteht Frackzwang?“ „Schriftsteller, sage ich, es ist die Weihnachtsfeier nicht der Pulitzerpreis.“ Der Schriftsteller immerhin ist beruhigt.

Am Abend sind der Tierarzt und ich auf der Weihnachtsfeier der Tierärzte und ihres Anhangs. Wir sind zu siebent am Tisch und ich besehe den Menüplan, um herauszufinden, was für den Tierarzt wohl ginge und was nicht. Pilzsuppe lese ich und denke an die Pariser Maronensuppe von der, der Tierarzt fünf Löffel schaffte und ich danach vor Freude durch das Marais hüpfte. An unserem Tisch sitzt eine Tierärztin, zwei Tierärzte und ihre Frauen und dann sitzen da eben auch wir. Der Tierarzt sagt: Das ist das Mäd-äh Fräulein Read On, sie fürchtet sich nur vor Reptilien, liebt eine Wildtaube, Kälbchen und ich hoffe ein kleines bisschen auch mich. Ich lächle milde und versuche zu verdrängen, da Kälbchen mir erst vorgestern so derartig auf den Mantel gesabbert hat, dass noch nicht klar ist, ob der Mantel sich noch retten lässt und sage: Angenehm, wie schön sie kennenzulernen.

Die Damen der Tischgesellschaft starren den Tierarzt an.

Dann sagen sie zum Tierarzt gewandt:

„Ich muss auch dringend abnehmen.“
„Nach Weihnachten kommen fünf Kilo runter.“

„Meine Oberarme sind solche Fettschlegel.“

„Haben Sie auch schon mal die Kohlsuppendiät probiert?“

„Ach, am Besten ist dann doch die gute Friss die Hälfte.“

„Die Tina macht ja im Januar immer eine Saftkur.“

„Sagen Sie, war das erste Kilo eigentlich das Schwerste?“

„Haben Sie die Kohlenhydrate ganz weggelassen oder nur Abends?“

„Rohkost soll ja richtig gut sein, um zu entschlacken.“

„Verzicht ist auch eine Lebenshaltung.“

„Abnehmen ist eine Einstellungsfrage.“

„Ich mache seit August ja SlimFit und ich bin mir sicher, da geht noch mehr.“

Die Frauen trinken während sie so daherreden Champagner und Rotwein, sie essen Canapés mit Lachs und russische Eier, sie löffeln die dicke Pilzsuppe und nehmen eine zweite Portion vom Lammbraten, sie essen Kartoffeln mit Rosmarin und in Honig glasierte Möhren. Sie essen Pasteten und Ententerrine, sie schlecken Eis und nehmen Pralinen zum Kaffee dazu. Keine der Frauen hört auf, während sie essen davon auf zu reden, wie sie bald abnehmen werden und natürlich preisen auch sie das Konzept der Waagenwächter mit ihrem so überaus klugen Punktesystem.

„Das ist überhaupt der Trick“ sagen sie und sehen den Tierarzt an, der sich an einem Löffel Suppe quält, man lässt einfach die Hälfte auf dem Teller liegen. Dann kratzen sie Erdbeersauce vom Tellerrand. Der Tierarzt aber steht auf und ich weiß ganz genau, dass er im Badezimmer des Restaurants zwei Löffel Pilzsuppe ausspeit und die Frauen am Tisch seufzen verzückt: „Einmal Size Zero.“ „Size Zero ist dem Tierarzt zu groß“, sage ich und die Frauen starren mich an. Als der Tierarzt zurückkommt, sind die Teller abgetragen und seine Hände sind kalt.

Die Damen loben nun die Qualität des Essens und die Güte des Weines, der Tierarzt trinkt Kamillentee und irgendwann gehen wir zurück zum Auto. Ich krame nach dem Autoschlüssel in meiner Handtasche und als wir im Auto sitzen, vergräbt der Tierarzt den Kopf in seinen Händen und sagt: „Mädchen, warum dürfen alle abnehmen und nur ich muss essen?“

Das Glück ist eine Suppenschüssel

Es gibt missliche Tage und besonders missliche Tage. An besonders misslichen Tagen, da versuchen sie in aller Früh die Katze davon abzuhalten ihre Schnürsenkel zu zerbeißen und sogleich vergräbt die Katze ihre Zähne tief in ihren Arm. Der Tierarzt sitzt an solchen misslichen Tagen mit festzusammengepressten Lippen am Tisch und keift: Dieses Porridge ess ich nicht und überhaupt will ich nie, nie, nie wieder etwas essen. An besonders misslichen Tagen ruft ihr Vater sie an und sagt: „Süße, ich weiß gar nicht, wie ich es dir sagen soll, aber ich habe alle Chanukkah-Kerzen auf die Geburtstagstorte deiner Schwester getan und wie soll ich es sagen, die Torte war sehr gut und deine Schwester hat alle Kerzen auf einmal ausgeblasen, aber jedenfalls sind die Kerzen jetzt alle weg.“ An besonders misslichen Tagen ist es auf dem kleinen Dorf, in dem ich lebe, eisig kalt, in Dublin aber schwül und warm und noch dazu lacht die Stadt höhnisch und gießt Sprühregen über unseren Köpfen aus, jedenfalls schwitzen sie in den dicken Wollstrumpfhosen und hangeln sich gerade in Feinstrumphosen, da klopft es und sie schreien: „Nein jetzt nicht“, aber die Auszubildende reißt natürlich unbekümmert die Tür auf und vor ihnen steht der Chef eines verfeindeten Instituts und sie stehen in Snoopy-Unterhosen, Bluse und einem Bein in der Strumpfhose da. Oh, diese Auszubildende!

An derart misslichen Tagen, empfiehlt es sich dringend zur mittäglichen Stunde das Aobaba aufzusuchen. Das Aobaba ist nämlich auch an besonders misslichen Tagen eine so derart wohlgeordnete Welt, dass man auf der Stelle ruhiger wird, tritt man an den Tresen und alles was es zu entscheiden gilt, ist ob man die Pho, eine vietnamesische Nudelsuppe mit Rind, Huhn oder Tofu haben will und während man seinen Wunsch über den Tresen ruft, so tönt es gleich hinterher: „Small oder large.“ Hier gilt es auf jeden Fall large zu rufen, dann erhält man ein weißes Papierzettelchen mit einer Nummer und setzt sich an ein Tischen und wenn die Damen sich mit dampfenden Schüsseln nähern, gilt es zu winken und zu rufen, denn das Aobaba ist eng und verwinkelt, die Tische sind dicht besetzt und die Schüsseln groß wie heiß. Das Aobaba wird allein von Frauen geführt- in den drei Jahren in denen ich im Aobaba Suppe schlürfe, habe ich noch niemals einen Mann im Aobaba walten sehen, umsichtig sind die Frauen, niemals verlieren sie ein Wort über unnütze Dinge. Oft ist es im Aobaba voll und man muss einen Moment anstehen, bevor man zu Tisch und Suppe kommt, einmal da begann ein Mann ungeduldig zu werden und plärrte über die Schlange hinweg etwas was verdächtig nach: „Dalli, Dalli“ klang. Eine der Aobaba Damen rief zu ihm herüber: „Soup or no soup“ und damit war alles geklärt, alles gesagt und lammfromm stand der Mann in der Schlange bis er an der Reihe war und so ist die Welt im Aobaba eine vortrefflich geordnete und deutlich unterschieden von der misslichen Außenwelt.Sollte das Matriarchat eines Tages Wirklichkeit werden, so hoffe ich sehr, dass den Damen des Aobaba dort eine Führungsrolle zukommt, denn sie haben lange schon verstanden, dass sich die Übel der Welt nicht ohne einen Teller Suppe lösen lassen.

Die Suppen kommen in großen, weißen Schüsseln, und immer gibt es Zitrone und frisches Chili dazu. ( Auf den Tischen steht zudem sriracha Soja Bohnen Paste, Fischsauce und Töpfe mit minced chilli.) Die Brühe ist so stark wie heiß, dabei niemals ölig, das Huhn ist nicht zäh und auch nicht pappweich, der Koriander ist niemals zu stark, dass alles im Koriander ertrinkt, der Bambus ist knackig und die Nudeln sind ein einziges, langes Glück, die Nudeln sind perfekt zum zuzeln und niemand im Aobaba nimmt Anstoß am schlürfenden Suppengenuss. Aber nicht nur für die Suppen lohnt sich ein Besuch: die vietnamesischen Pfannkuchen sind exzellent und die Frühlingsrollen unübertroffen. Hat man die Suppe ausgeschlürft, so kehrt man gestärkt in die Welt zurück, versöhnter noch mit den misslichsten Tagen und versehen mit der Pho der Damen Aobaba greift man sogar zum Telefon um bei der A. in Jerusalem der Channukka-Kerzen vorzusprechen und auch ihr schroffes und höhnisches Lachen: „Diaspora-Juden“, kann mich nicht weiter schrecken. Auch an misslichen oder schönen Tagen übrigens lohnt sich ein Besuch im Aobaba sehr.

Aobaba,6A Capel St, North City, Dublin 1, Täglich von 12 Uhr- 10 Abends geöffnet.Eine große Schüssel Pho Bo und alle anderen Pho Variationen, wie man mich zu Recht berichtigt, kosten 7,80 Euro.

Wie immer gilt: selbstgeschrieben, selbstgeknipst und selbstbezahlt ist es auch.Das Aobaba spricht für sich.

Völlerei

Am Montag Abend beschliessen der Tierarzt und ich fein essen zu gehen. Also richtig fein. Servietten mit Silberringen, festes Tischtuch und Fischarten auf der Speiskarte, die ich in keiner Sprache entziffern kann. Außerdem stelle ich mir vor, dass die Teller zwar sehr groß und gewärmt- auch das Fräulein Read On übrigens besitzt Tellerwärmer- die Portionen aber sehr klein sind, und so die Chancen höher sind, dass auch der Tierarzt sich nicht sofort schaudernd abwendet. Die liebenswürdige P. empfahl uns ein entzückendes Restaurant, berühmt für seine exquisiten Fische, ich bestellte in meinem schauerlichen Italienisch einen Tisch für zwei und Arm in Arm erreichen wir das Restaurant, das hier einmal zu den „Silbernen Langustinen“ heißen soll. Alles ist genau so wie es sein soll: die Gläser glänzen, im Silber der Messer kann man Grimassen ziehen, und die Teller sind warm. Das Restaurant gehört dem Patron, er steht hinter der Kasse, seine Frau strahlt aus der Küche und die Söhne, drei an der Zahl bemühen sich um die Gäste. Die Söhne sind von atemberaubender Schönheit. Es ist schon sehr ungerecht, wie gut Männer mit einer grünen Schürze über dem weißen Hemd aussehen können. Ich sehe mit einer Schürze immer aus wie auf einem Bild von Zille. Der Tierarzt starrt den Mann also an, wie sonst nur Kälbchen und ich starre den Mann an, wie sonst nur den Tierarzt. Aber eigentlich sollen wir uns ja der Speisekarte zuwenden. Das tun wir auch prompt. Dickes, schweres Papier und eine schwere rote Kordel. Ich kann nur ein Drittel überhaupt entziffern und der Tierarzt und ich wir beschließen, dass doch ein Menü wohl das Beste wäre und überhaupt, soll man ja offen sein im Leben für neue Erlebnisse und kulinarische Erkenntnisse. Der schöne Mann nickt und fragt nach dem Wein. Ich schüttle den Kopf, denn ich trinke ja nicht. Der Tierarzt ( hier Jubelchöre ) will sich an einem Glas Rotwein versuchen. Der schöne Mann starrt uns an und ich bin sicher, er flüstert: „Barbaren.“ Denn weder Wasser noch Rotwein gelten ihm als Begleitung zu fünf Gängen Fisch. Wir sehen betreten auf unsere Fingerspitzen und mit ironisch-gekräuselten Mundwinkeln lässt der schöne Mann, den Tierarzt Rotwein probieren. Der Tierarzt nickt. ( Hier bitte Jubelchöre.)

Wir plaudern so vor uns hin und dann stellt der schöne Mann einen kleinen, weißen, warmen Teller vor uns auf den Tisch. Auf dem Teller liegen, zwei rote, rosige, lange Langustinen und der schöne Mann erklärt uns in welchen Ölen und Salzen dieses Tier mariniert worden sei und welche rohe Köstlichkeit da vor uns liege. Wir sind sprachlos, aber nicht vor Glück. Der Tierarzt starrt auf das rote Tier und seine schwarzen Augen. „Es guckt wie Kälbchen,“ sagt er und schüttelt den Kopf. Ich starre noch immer auf das Tier und finde es starrt besonders aufmüpfig zurück. Neben Schwein würde ich niemals Krustentiere essen und schon das leichte Zucken der Fühler im Kerzenlicht macht mir Unbehagen. Von Fern höre ich meine Großmutter kichern, die nichts albernder fand, als mein Bestehen auf koscheren Speiseregeln und albern war in ihrem Sprachgebrauch, ein derart verächtliches Wort, dass es kaum auszuhalten war. Aber ich kann dieses Tier einfach nicht essen. Der schöne Mann starrt uns entgeistert an, als wir die Tiere unberührt zurückgehen lassen. „Es tut mir wirklich leid“, sage ich doch der schöne Mann wendet die Augen ab. „Banausen“ knurrt er da bin ich mir sicher, als er die Teller in die Küche zurück zu seiner Mutter bringt und vielleicht essen sie dann beide mit langen, eleganten Handbewegungen die roten Tiere.

Es kommen Seeschnecken. Der Tierarzt probiert eine Schnecke und belässt es bei dem Versuch. Ich esse das artistisch angerichtete Schnittlauch, und einen sehr wohlschmeckenden Pilz. Der schöne Mann schickt seinen Bruder, um die vollen Teller abzuräumen.

Es folgt Seeteufel in Orangensauce an Polenta. Ich greife begeistert zu Messer und Gabel, denn ich esse wirklich sehr gern Fisch und Orangensauce mag ich natürlich auch. Der Tierarzt nippt an seinem Rotwein ( Jubelchöre ) und auch er nimmt Messer und Gabel zur Hand und probiert die Polenta (lautere Jubelchöre). Der schöne Mann starrt misstrauisch von der anderen Seite des Raumes zu uns herüber. Der Tierarzt probiert vorsichtig von der Orangensauce. „Aha“, sagt er und pickt noch ein Scheibchen Polenta auf.“ (Dreifache Jubelchöre.) Ich esse ein sehr scharfes Basilikumblatt und mein Messer nähert sich dem Fisch. Mein Messer zögert, dann fallen mir Messer und Gabel aus der Hand: Der Fisch ist in Schinken eingewickelt. Hinten im Raum zuckt der schöne Mann zusammen. Der Tierarzt isst die Polenta und eine Ecke Fisch. Für ihn ist das viel. Um nicht zu sagen enorm. Aber der schöne Mann blitzt uns mit kalten Augen an. Wir loben das Essen über den grünen Klee. Der schöne Mann schnappt nach Luft.

Dann gibt es Jakobsmuscheln. Ich esse das Gemüse und der Tierarzt isst die Brotchips, die mit den Jakobsmuscheln kommen und ich esse sein Gemüse gleich mit. Inzwischen, der schöne Mann hat der gesamten Familie mitgeteilt, was für grauslige Gäste wir sind, kommt auch der Patron und besieht sich uns aus der Nähe. Wir lächeln bis die Mundwinkel schmerzen. Dann kommt Panna Cotta. Ich liebe Panna Cotta. Das Panna Cotta kommt mit Walderdbeeren, Pistazienkernen und Walderdbeersoße. Das Panna Cotta ist sehr großartig. Ich esse den ganzen Teller leer. Der Tierarzt tritt mir freundlicherweise auch seinen Teller ab, aber immerhin isst er die Walderdbeeren und Pistazienkerne. Der schöne Mann starrt auf die leeren Teller und dann starrt er uns an. Ich krame alle meine sieben italienischen Lobesvokabeln zusammen und preise das Panna Cotta. Der schöne Mann versucht die Fassung zu bewahren. Der Tierarzt nippt an seinem Rotwein, da ist das Ehepaar am Nebentisch bereits bei der zweiten Flasche Weißwein angekommen. Wir zahlen und der schöne Mann starrt auf das noch immer gut gefüllte Rotweinglas. Als wir zahlen und das Restaurant zu den „Silbernen Langustinen“ verlassen, starrt uns die ganze Familie hinterher. Ich drehe mich noch einmal um und zwinkere dem schönen Mann zu. Er wird ein kleines bisschen rot und an der Ecke kaufen wir ein Viertel heiße Margarita Pizza mit frischem Basilikum für mich und einen Erdbeermilchshake für den Tierarzt.

Dann müssen wir lachen und zwar so sehr, dass wir uns eine Bank suchen müssen, um uns richtig auszulachen: „Gehen ein Jude und ein Magersüchtiger in ein Sterne-Restaurant…,“ sagt der Tierarzt als er wieder genug Luft zum Sprechen hat.

( Die Pizza und der Milchshake von der Trattoria ums Eck waren, wirklich sehr gut. )

Heiß, heißer, Suppe!

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In Ehren gehalten wie Onkel A. wird auch die einhenklige Suppenschüssel

Nach der Aufklärungssprechstunde aber laufe ich schnell über den Marktplatz, zweimal links, dreimal rechts, dann ums Eck und schon an der Straßenecke rieche ich es: meine liebe C. hat ihre berühmte Suppe gemacht. Einen Rindermarkknochen nämlich kocht die liebe C. über Stunden auf kleiner Flamme, wirft Möhren und Erbsen, dazu und macht die besten Grießklösschen mit frischem Thymian und Ei, aber die kommen erst ganz zum Schluss in die Suppe. Dann zieht die C. ein braunes Gewürzfässchen nach dem anderen vom Regal und salzt hier ein bisschen,pfeffert dort, greift in so viele Tiegel und Töpfe bis sie irgendwann ganz und gar zufrieden ist mit der Suppe und dann muss die Suppe ziehen. ( Die Suppe allerdings kann nur so lange ziehen, wie ich noch nicht zurück bin.)

Schon also renne ich die Treppe hinauf, werfe Schal und Mantel über einen Stuhl, küsse die C. zweimal rechts und zweimal links, greife nach dem Löffel und beuge mich über den Topf. Dann ist es für eine ganze Weile still. Die C. lacht. Wir werden dich bald in das Fräulein Suppentopf umbenennen sagt sie und ich werde rot. Die C. holt warmes Brot aus dem Ofen und ich schöpfe uns die heiße Suppe in die Teller, Shabbat Shalom und dann schlürfen wir die glühende, wunderbare Suppe. Denn das ist Teil des Ganzen: Heiß muss die Suppe sein, einem die Zungenspitze ansengen und einen durchwärmen von Kopf bis Fuß in nicht mehr als 30 Sekunden. Die Haare müssen einem zu Berge stehen vor wohliger Wärme und die Wangen glühen rot wie hundertjährige Äpfel. Nie habe ich verstanden, wie Leute Suppe essen können, die mit gespitzten Mund die Suppe kühlen und fürchten sie mögen vergehen an der Glut, die jedem richtigen, echten und wahren Suppentopf innewohnt.
Ich nämlich komme aus einer Familie der Heißesser, schon bei meiner Großmutter dampften die Kartoffeln, so dass die Fenster beschlugen, Wiener Schnitzel, die sie einer gewaltigen gusseisernen Pfanne in brutzelnder Butter briet, zischten und fauchten, landeten sie mit Schwung auf dem Teller, der Grießkoch blubberte unter dem schweren Federbett und meine Großmutter legte noch eine heiße Wärmflasche obendrauf, niemals hätte meine Großmutter einen Braten anders als resch aus dem Ofen auf den Tisch gebracht und das Chili, das meine Großmutter konnte brachte Bauarbeiter zum Weinen und Stahl zum Schmelzen. Der Tee ( mit Kandis natürlich ) ließ das Glas knacken und die Hühnersuppe meiner Großmutter war ein Vulkan, der selbst einem weitgereisten Rabbi Schweißperlen auf die Stirn trieb. Meine Großmutter blieb unbeeindruckt. Nur einmal bat ein Gast um Kühlung der Speise, meine Großmutter aber warf ihm einen Blick zu, der von nichts Gutem kündete und sonst für Gäste, die mit dem Fischmesser ein Steak teilen wollten, reserviert blieb . „Ich kann nicht kalt kochen, sagte sie und der Gast sah verzweifelt auf seinen brodelnden Teller hinab. Wir aber die Heißesser schlürften genüsslich und schüttelten verständnislos den Kopf. Später erst sind mir Kaltesser begegnet. Der F. zum Beispiel rennt regelmäßig mit dem Teller zum Fenster um- man stelle sich das einmal vor- die Suppe zu kühlen und als ich vor Jahren in Madrid zum ersten Mal überhaupt kalte Suppe kredenzt bekam, unwissend aber und voller Vorfreude den Löffel tief hineintauchte, nur um auf einmal kalte Gurken und Tomaten in meinem Mund zu finden, hielt mich nur die Erziehung meiner Großmutter-Contenance mein Kind- davon ab, die Suppe auf den Tisch zu speien. Kalte Suppen aber kann ich nichts anderes als Misstrauen entgegenbringen. Kalte Suppen sind nur dem Namen, nicht aber dem Wesen nach Suppen. Sie trösten nicht, sie riechen nicht nach der Speisekammer, in ihnen liegt keine Seele, keine Familiengeschichten, wie die von Onkel A., der uns Kindern den Suppenkasper verdeutlichen wollte, dabei zu arg am Tischtuch riß und geistesgegenwärtig, nicht Leib noch Leben rettete, sondern die Suppenschüssel packte und so will es die Legende noch im Flug, mit gewaltigem Schlürfen und Schmatzen die natürlich wie bei Heißessern üblich, kochende Suppe verschlang. Ob das nun wirklich wahr ist, weiß ich nicht. Wohl wahr ist aber, dass Onkel A. immer rote Ohren hatte und die auf den Verzehr der guten Suppen schob und auch die Suppenschüssel, die heute in meinem Geschirrschrank steht, hat nur mehr einen Henkel. Ach, was waren das für Zeiten als auch ich unter überzeugten Heißessern lebte. Der Tierarzt aber der nicht isst, sondern pickt wie ein Vögelchen, hat den ersten Löffel Suppe erst dann verzehrt, wenn die Suppe längst Kaltschale geworden ist. Der Priester, mein sonntäglicher Mittagsgast pustet wie der irische Nordwind über das Roastbeef und rührt die Katrtoffeln erst an, wenn sie kalte Steine auf dem Teller geworden sind. Manchmal sieht er zweifelnd zu mir herüber: „Fräulein Read On sagt er dann, Sie verbrennen sich doch die Zunge.“ Ich meinerseits sehe voll Unglauben auf seinen Teller, auf dem nichts mehr brutzelt, keine Butter schäumt und keine Kartoffeln mehr dampfen. Zwar nicke ich freundlich zum Priester hinüber, aber im Grunde meines Herzens bin ich erleichtert, ein wahrer und echter Heißesser zu sein, Teil einer langen Kette von Menschen, die Speisen nie anders als brennend heiß verzehren. Onkel A. schließlich war derjenige, der am lautesten mit dem Suppenlöffel auf den Tisch schlug und anhob zu singen : vos habn mir tsu mitog haynt, fragt Yossele der mamen./mir vilt zikh ezen mamenyu, kartofzup mit shvomen. Wir sangen mit ihm und zuckten nicht mit der Wimper als uns der erste Löffel die Augenbrauen versengte, denn so muss es sein, nur so findet man in das Herz einer jedenSuppe.
Schließlich sind es wir die Heißessser, die auf die Frage nach heiß, heißer…. nie mit am heißesten, sondern immer mit „ Suppe!“ geantwortet haben, das Gesicht immer schon tief über den dampfenden Teller gebeugt, während auf dem Herd schon die Kartoffeln bollern und die Butter laut brutzelnd und prasselnd in der Pfanne zu schmelzen beginnt.

Zähes Ringen

Am Montag mache ich eine Kürbissuppe. Viel Mühe macht das nicht, aber ein bisschen doch. Ich würfele also Kürbis und Äpfel, presse Orangen, backe ein Olivenbrot, rühre Knoblauchbutter an, falte Servietten, decke den Tisch ein und setze Teewasser auf. Dann kommt der Tierarzt. „Mir ist schlecht“ sagt der Tierarzt und schiebt den Suppenteller mit der dampfenden Kürbissuppe so weit von sich weg wie es nur geht. Das Olivenbrot zerbröselt der Tierarzt in lauter kleine Bröckchen oder dreht es zu kleinen Kügelchen zusammen. „Hänsel und Gretel?“ sage ich, aber der Tierarzt lacht nicht. „Magst du etwas anderes haben“, frage ich. Ein wachsweiches Ei vielleicht oder einen Pfannkuchen? Der Tierarzt schüttelt den Kopf. Mein Suppenlöffel kratzt unangenehm laut über den Tellerboden. „Joghurt?“,versuche ich noch einmal mein Glück. Der Tierarzt schiebt den Stuhl zurück und sagt: „Lass mich doch in Ruhe mit deiner ewigen Kümmerei“, dann schlägt die Tür hinter ihm zu und ich fege die Brotbrösel vom Tisch. Die restliche Suppe friere ich ein.

Am Dienstag mache ich Rührei mit Schnittlauch, einen Tomatensalat mit Oliven und Schafskäse, ich backe eine Zitronenmeringue und schneide die übrigen Zitronenscheiben in die Wasserkaraffe. Der Tierarzt schiebt den Teller mit dem Rührei weit weg von sich. Eine halbe Tomate pickt er mit der Gabel auf und betrachtet sie für fünf Minuten angestrengt. Dann lässt er die Gabel sinken. Er trinkt eine halbes Glas Wasser als ich ein Stück Zitronemeringue abschneide, nickt er. Er schlingt das Stück Kuchen hinunter. Fünf Minuten später, steht er auf, geht ins Bad und speit den Kuchen wieder aus. Ich kippe das kalt gewordene Rührei in den Mülleimer und wische den Tisch ab. Dann klopfe ich an die Badezimmertür. „Darf ich reinkommen?“ „Ja“, flüstert der Tierarzt der zusammengerollt auf den Fliesen liegt. „Komm“ sage ich und ziehe seinen Kopf in meinen Schoß. „Ich kann nicht“, flüstert der Tierarzt. „Shhhh“ wispere ich.

Am Mittwoch mache ich einen Grießkoch mit Pflaumenkompott. Ich schneide Brot in daumennagelgroße Stücke und belege die Brotwürfel mit fingernagelgroßen Ziegenkäse- und Camembertfitzeln. Ich spieße einzelne Weintrauben und Mandarinenscheiben auf einen Zahnstocher und schneide eine halbe Mango mit dem Sparschäler in sehr, sehr feine und dünne Spalten. Dann schreddere ich Rote Bete, Gurken, eine Banane, Äpfel und Karotten für einen Smoothie. Der Tierarzt im Türrahmen ist nur ein schmaler Schatten. Der Tierarzt am Tisch schafft drei daumennagelgroße Brothäppchen, zwei Scheibchen Mango und drei Weintrauben. Nach drei weiteren Stunden hat er ein halbes Glas grünen Saft getrunken. Die Brotstückchen nehme ich anderntags mit in die Universität. Die Kollegen sehen mich merkwürdig berührt an: „Willst du abnehmen?“, fragen sie mich verwundert. „Nein“, sage ich.

Am Donnerstag koche ich nicht. Am Donnerstag gehe ich in die Apotheke. Ich kaufe hochkalorische Flüssignahrung. „Super lecker“ sagt der Apotheker. Ich nicke und nehme Vanille und Waldfrucht. Der Tierarzt weint. „Ich hasse Dich“ schreit er. Ich zucke mit den Schultern. „Mir haben Leute schon Schlimmeres gesagt.“ Der Tierarzt fährt weg. Er weiß noch nicht, dass ich ihm längst die übrigen Flaschen in die Taschen geschoben habe. Ich nehme ein Aspirin und halte mich an der Spüle fest, bis die Welt sich aufhört zu drehen.

Am Freitag stehe ich um halb vier Uhr früh auf. Ich nehme die vorbereiteten Keksteige aus dem Kühlschrank, denn Schwesterchen verlangt jedes Jahr hartnäckig zum 1.Dezember ein Paket mit Gebäck. Die Katze ist beleidigt, dass ich sie daran hindere mit ihrer Tatze in den Teig zu fahren. Beleidigt sitzt sie auf der Anrichte und mauzt. Ich steche Halbmonde aus, backe Zimtsterne, die später mit Zitronenguss glasiert werden, ich mache Springerle, wie sie schon meine Großmutter machte und fülle die Linzer Plätzchen mit Himbeermarmelade, ich mache Haselnussmakronen und Vanillekipferln und natürlich Berge von bunten bestreuselten Butterplätzchen. Nur für Schwarz-Weißgebäck reicht die Zeit nicht mehr. Für den Tierarzt rühre ich Kräuterquark an und stelle zwei weitere Flaschen mit hochkalorischer Nahrung bereit. Am Abend komme ich erst spät aus der National Concert Hall nach Haus. Der Tierarzt liegt auf dem alten grünen Sofa und schläft. Der Kräuterquark steht unberührt im Kühlschrank, genau wie die Flasche mit Flüssignahrung.. Es fehlen die Hälfte aller Vanillekipferln und auch von den Zimsternen sind nur ein paar Wenige übrig. Der Tierarzt selbst indes ist voller Krümel und auf seiner Wange klebt weißer Puderzucker. Ich rutsche langsam mit dem Rücken die Wand entlang und muss so fürchterlich weinen, dass ich einen Schluckauf bekomme. Der Tierarzt wacht auf und legt die Arme um meine Schultern. „Hey Read On“, sagt der Tierarzt, bist du traurig, dass ich so viele Kekse gegessen habe?“ „Die Springerle sind auch gut“, schniefe ich und zum ersten Mal in dieser Woche lächelt der Tierarzt und zieht mich näher zu sich heran.