40 Stunden

In fast 40 Stunden Berlin kann man zweimal im See schwimmen, einmal alle Fenster putzen, dreißig Minuten Klavier üben, einen großen, gelben Plastikeimer mit roten Johannisbeeren pflücken, eine letzte Erdbeertorte backen und den endgültig durchgelaufenen Sandalen hinterhertrauern. An der Spree sitzen und erst fährt einem der Wind und dann der Tierarzt durchs Haar. In 40 Stunden funkeln die Sterne ziemlich wild und die Liebespaare küssen sich unter dem weichen, gelben Licht einer Laterne. Unter dem Lampenkegel halten die Motten ihren jährlichen Sommerball ab und mir fällt ein: in diesem Sommer habe ich noch nicht einziges Mal getanzt. Dafür ein ernsthaftes Telefongespräch geführt. Holzhärten in einer Werkstatt ausprobiert, Postkarten an Deniz und Mesale geschrieben, zur Post preschen und den Postbeamten, der 18.01 Uhr noch Briefmarken verkauft, erst umarmt und dann auf ein Eis einladen, fast vergessen die Postkarten in den Postkasten zu werfen, auf einem Bein hüpfen, mit dem Tierarzt ausprobieren, ob unsere Arme wohl weit genug reichen, um die Kastanie zu umarmen (fast treffen sich unsere Fingerspitzen) . Mit der alten Freundin Wildtaube über einer Handvoll Rosinen ( die Wildtaube ) und einer Tasse Milchkaffee ( das Fräulein Read On ) eine halbe Stunde verratschen. Eine dreiviertel Wassermelone verschlingen. Wassereis für die Nachbarskinder machen und bestaunen wie schnell sehr viel Eis in Kindermündern verschwindet und mit noch mehr Vergnügen feststellen, dass der Tierarzt an halbgeeister Wassermelone am Stiel, Gefallen findet. Wer hätte das gedacht? Adam Thorpe’s Ulverton zu Ende lesen und sich gleich darauf in Chimamanda Ngozi Adichies Americanah stürzen. Eine ganze Menge Arbeit erledigen. Endlich einmal alle Bleistifte anspitzen. Den Tierarzt in der Hängematte in den Schlaf schaukeln. Die ewig dicken Shetlandponyhaare waschen und beim Kämmen einen Kammzinken in selbigem Haar verlieren. ( Glaubt man es denn? ) Einer Freundin die Zehennägel nach der OP im Krankenhaus lackieren.( Mintgrün ). Immer noch mehr arbeiten. Den Fahrradschlüssel suchen. Endlich den Fahrradschlüssel wiederfinden. Ein Honigbrot essen. Mit Freunden auf einer Dachterrasse albern sein und dann sehr ernst. Sich ernstlich Sorgen machen und dann noch ein paar Sorgen mehr. Die ersten Tomaten ernten und Abends noch einmal die Fledermäuse zählen. Einen Knopf annähen und sehr oft gähnen. Der lieben C. ein Gartenfürsorgepaket schicken. Glenn Gould beim Klavier spielen zuhören. Auf den Gesang der Nachtigall warten. Die Nachtigall schweigt. Ein Gedicht von Hilde Domin geschenkt bekommen können. Unverhältnismäßig oft niesen, die Füße auf die Balkonbrüstung legen und den Regentropfen bei der Wanderung über die zehn Zehenberge zusehen. Den Tierarzt im Gartenstuhl im Zwiegespräch mit der Kröte belauschen. ( Ja, das macht man nicht.) Schon wieder Eis für die Nachbarskinder und dann die Zinkwanne mit Wasser füllen für das kleinste der Kinder mit Ambitionen doch einmal alle sieben Weltmeere zu bereisen. Weiterarbeiten. Weiteratmen. Fernweh bekommen und ein Päckchen aus Italien. Von einem so schrecklichen Alptraum heimgesucht werden gegen den nichts hilft, auch kein kaltes Wasser. Im Garten einen großen Blumenstrauß pflücken ganz für mich allein. Hummelgesumm bestaunen und von einem ganz anderen Leben träumen. Alte Briefumschläge in die Hand nehmen. Die Handschrift meiner Mutter. Aufhören zu atmen.
Den Tierarzt zum Bahnhof fahren. Der Tierarzt hält sein luggage holdall in der einen und ein Englisch-Deutsch Wörterbuch in der anderen Hand. Ich versuche dem Tierarzt zu erklären, dass Mädchen eines der deutschen Lieblingswörter des Tierarztes sich nicht uneingeschränkter Beliebtheit bei deutschen Frauen erfreut. Aber das lernt der Tierarzt in unter 40 Sekunden als er eine Frau beim Koffer tragen zur Hand gehen will: „Mädchen, soll ich anfassen helfen?“ „Finger weg“ herrscht die Frau ihn an und der Tierarzt hält sein Wörterbuch ein bisschen fester. Ich winke immerhin mit einem weißen Taschentuch. „Auf nächste Woche“, rufe ich ihm hinterher.
Andere Bücher und ein anderer Schlüssel. Wieder zum Flughafen. Der Flug fällt aus. Mit zusammengebissenen Zähnen und nur mühsamen unterdrückten Fluchen eine komplizierte Ersatzroute zusammengeflickt. Erst gezögert, dann doch noch einmal nach Hause gefahren. Drei Stunden später die komplizierte Rückreise begonnen und 40 Stunden später wieder in Dublin ins Büro gelaufen.

Herr Müller kommt nicht mehr zurück.

In der kleinen Stadt in der meine Großmutter und auch mein Großvater lebten gab es nicht nur den alten Kirchturm und das Rathaus mit dem Renaissance-Giebel, die Poliklinik und die Praxis meiner Großmutter am anderen Ende des Marktplatzes gelegen, ein Gymnasium und altes Kopfsteinpflaster, sondern auch Außenseiter. Meine Großeltern zählten zu ihnen, sie waren die Juden des Ortes, das sagte man aber nicht laut, sondern hinter vorgehaltener Hand und noch heute, gehe ich über den Marktplatz sprechen mich manchmal Einwohner der kleinen Stadt an: „Sie sind doch die Enkeltochter der Frau Judendoktor, nicht wahr? Manchmal riefen die viele Kinder der kleinen Stadt: „Brennt der Jude/ rappelts in der Bude.“ Aber meine Großmutter verzog nur die Lippen zu einem Lächeln, von dem man niemals wusste, ob es spöttisch oder traurig war und ging weiter. So war das in Deutschland und auch in jenem Deutschland, das für sich befand antifaschistischer Schutzwall zu sein. Mein Großvater leitete den Chor und die deutschen Frauen, die dort aus dem Gotteslob sangen, verliebten sich in den schmalen Mann mit den traurigen Augen. „Der Jude hat etwas“ sagten die Frauen und mein Großvater der niemals lächelte, sah den Frauen nicht hinterher.

Im Kirchenchor sang auch Richard Müller. Er war der einzige Mann, Lehrer für Musik am örtlichen Gymnasium und schwul. Das wussten alle Menschen in der kleinen Stadt und sie ließen Richard Müller wissen, dass sie es wussten, denn wenn auch alle Menschen, sahen sie Richard Müller, ganz besonders überdeutlich sagten: „Guten Tag, Herr Müller“, so nannten sie ihn, kaum wandte er sich ab  niemals anders als „Sweety Müller“. Die Mütter, die im Kirchenchor Richard Müllers voluminösen Bariton lobten, verwarnten ihre Kinder niemals, aber wirklich niemals auch nur das leiseste Wort mit Sweety Müller zu wechseln. Denn Sweety Müller täte in seiner Wohnung über dem Konsum Dinge, die so schrecklich wären, dass sie am Besten gar nicht ausgesprochen würden. Sweety Müller täte mit kleinen Buben noch viel schlimmere Dinge als die Juden, die ja auch Kinder fräßen. ( Aber das durfte man nicht mehr laut sagen.)

Im Gymnasium der kleinen Stadt hatte Richard Müller Disziplinprobleme. Denn die Mädchen kicherten sobald Richard Müller das Wort Flöte in den Mund nahm hemmungslos und die Buben schrien „Sweety, sweety Müller“, wenn immer der Lehrer sich ihnen näherte, warfen die Notenblätter aus dem Fenster und wann immer Herr Müller das Klassenzimmer betrat, war eine Schmiererei an der Tafel angebracht, die zwei kopulierende Strichmännchen zeigte: Sweet stand unter der Zeichnung. Immer wieder beschwerten sich Mütter und Väter über den Musiklehrer und fürchteten um die Unversehrtheit ihrer Söhne.
Eines Tages aber wurde Richard Müller in Begleitung eines Mannes auf dem Marktplatz mit seinem hohen Kirchturm gesehen. Die vielen Kinder des Ortes riefen: „Küssen, Küssen“ und am Ende des Tages klingelte Richard Müller bei meiner Großmutter. Er blutete aus der Stirn und meine Großmutter ging mit ihm hinüber in die Praxis und nähte die Platzwunde und klammerte die geplatzte Augenbraue. „Herr Müller, sagte meine Großmutter, kann ich etwas für sie tun?“ Herr Müller schüttelte den Kopf. „Er sei nur unglücklich gefallen.“ „Jetzt müsse er auch los, denn sein Bruder sei zu Besuch.“ Aber meine Großmutter wie alle Bürger der kleinen Stadt wussten, dass die Männer des Ortes, Richard Müller „eine verpasst hätten“, damit er nicht noch mehr solche „warmen Brüder“ hier anschleppte. Im Kirchenchor waren die Frauen sehr besorgt um Richard Müller mit der schönen Baritonstimme. So vergingen die Jahre und Richard Müller blieb Sweety Müller. Eines Tages als Richard Müller die Tür zum Klassenzimmer öffnete, hatte sich die Buben die Münder rot geschminkt und spitzten die Münder zum Kuss: „Sweety, sweety Müller, küss mich doch, wenn du dich traust.“ Richard Müller verließ schweigend das Klassenzimmer.
Wieder klingelte Richard Müller bei meiner Großmutter und saß in ihrem Sprechzimmer, hinter dem Schreibtisch meiner Großmutter hing das Bild von Magnus Hirschfeld, den der Direktor der Poliklinik für einen Klassenfeind hielt und wahrscheinlich war Richard Müller der einzige, der Magnus Hirschfeld als den erkannte der er war, einen brillanten Arzt und Vorkämpfer für die Rechte sexueller Selbstbestimmung und der Entkriminalisierung von Homosexualität. „Ich brauche ein Rezept“, sagte Richard Müller zu meiner Großmutter.

„Was brauchen Sie für ein Rezept Herr Müller?, fragte meine Großmutter.

Ich brauche ein Rezept gegen diese Krankheit“, sagte Herr Müller und zeigte zwischen seine Beine.

Meine Großmutter von der ich doch alle Worte habe und die niemals auch nur um ein einziges Wort verlegen war, sah Richard Müller schweigend an. Dann sagte sie all die Dinge die man so sagt: Dass er völlig in Ordnung sei, so wie er sei, dass Homosexualität doch, aber Richard Müller wollte ein Rezept gegen ein Leben, das ihm nicht aufhörte wehzutun, ein Rezept gegen die johlenden Kinder, gegen das „Einen wunderschönen, schönen guten Morgen Herr Müller, gegen die grinsenden Männer mit der Faust in der Tasche. Meine Großmutter hatte kein Rezept, sie suchte ja selber vergeblich gegen ein Rezept für die Schmerzen von Auschwitz. Lange saßen sie da, meine Großmutter und Richard Müller und der schweigende Magnus Hirschfeld an der Wand schwieg mit ihnen. Dann ging Richard Müller: „Danke Frau Doktor.“

Zwei Wochen später fand eine Nachbarin Richard Müller auf dem Wäscheboden.

Richard Müller hatte sich erhängt.

Kreischend stand sie auf dem Marktplatz: „Sweety Müller ist tot.“

Die Frauen heulten, die Männer sagten sie hätten es ja gewusst, dass es kein gutes Ende nehmen würde mit Einem wie diesen. Die Kinder johlten und wollten die Leiche des „warmen Bruders“ sehen.

Zur Beerdigung Richard Müllers kamen allein sein Bruder und meine Großeltern. Noch heute aber und längst gibt es schwule Paare in der kleinen Stadt, raunen die Bürger, wann immer ihnen jemand merkwürdig erscheint: „Ganz wie Sweety Müller.“

 
Heute am 30. Juni 2017 hat der Bundestag die „Ehe für Alle.“ beschlossen und auch wenn es keine späte Gerechtigkeit mehr für Richard Müller gibt, so gibt es doch ein Unrecht weniger.

Ein unendlicher Sommer

IMG_2300.jpgDie Juninächte in Kensington sind noch immer mild und regnerisch zugleich. Der Mond hängt tief über den Dächern und noch immer sind die Häuser so herrschaftlich wie englisch treu. Die Bäume der Straße sind eine Geschichte des Empires für sich. Die Bewohner der Häuser lächeln leise und nur manchmal öffnet sich ein Tor und ein Auto fährt fast geräuschlos davon.

Fast immer ist noch alles genau so, wie in jenem Sommer vor vielen Jahren, als der D. und ich, das Haus seiner Eltern hüteten. Auch jener Sommer begann mit einem Vollmond und dicken Regentropfen. Der D. küsste mich unter einem Frangipani-Baum und wir sprachen nicht davon, dass die neue Freundin seines Vaters, mit dem Lieblingskleid seiner toten Mutter in der Stadt spazieren ging und vermutlich auch im Koffer den sie mit in den Urlaub nahm mehr als eines ihrer Kleider eingepackt hatte. Wir winkten dem Bentley bis er um die Ecke bog. Dann küssten wir uns und später saßen wir auf den Steinen, die das Bassin mit den Seerosen umschlossen. Wir wären gern aufgestanden, denn der Regen wurde heftiger und schon klebte uns die Kleidung an den Knochen. Aber wir waren wie festgewachsen, die Seerosen leuchteten weiß und schwer zu unseren Füßen. Später habe ich zähneklappernd in der großen, schwarzen Badewanne gelegen und in den Regen hinausgesehen. Der D. saß auf der Fensterbank und wir beide schwiegen, der Regen war ja laut genug. An einem anderen Abend da sprang die G., in einem goldenen Paillettenkleid, das ungefähr so viel gekostet hatte, wie ich damals in einem Jahr verdiente in den Pool, als eine goldene Nixe tauchte sie wieder auf. Schon damals ging die G. niemals einer Wette aus dem weg und als der betrunkene F2 seinen Siegelring in den Swimmingpool warf, war sie die erste, die wettete diesen auch in goldenem Kleid und goldenen, hochhackigen Sandalen herausholen zu können und natürlich die G. ihr Versprechen eingelöst. Getanzt haben wir in diesem Sommer als ob es um unser Leben ginge und vielleicht ging es das ja auch. Alte Platten in dunkel getäfelten Wohnzimmern mit Tischen an denen ohne Mühe die Queen samt Hofstaat beköstigt werden könnte und wer weiß, vielleicht kommt sie noch immer in eines jener Häuser zum Tee. Wir aber drehten uns nächtelang zur kratzenden Nadel der Plattenspieler und verliebten uns wechselseitig ineinander und trennten uns zwischen Atempausen. Obwohl es uns doch vor allem an Atem fehlte. Vielleicht zogen wir deshalb auch durch die Gärten. Lampions und kalter Wein. Mit dem D. ganz oben auf einem Dachfirst balancieren. Mit geschlossenen Augen und eng verschränkten Händen. Der D. drehte die Bilder seines Vaters um und ich hängte weiße Lampions im Garten auf. Die G. trug ein feuerrotes Kleid in jener Nacht und wir alle hörten erst ihr Lachen und dann spät in der Nacht, die Kerzen in den Lampions schimmerten nur schwach ein leises Platschen und plötzlich schwamm die G. stumm und still im Bassin und verschwand fast ganz in den Seerosen. Ophelia dachte ich und der D. sprang ins Wasser und zog sie heraus. Ophelia sagte sie und wir nickten, denn auch wir wollten mit dem Leben im eigentlichen Sinne nichts zu tun haben. Irgendwann war die G. wieder warm und trocken. Vielleicht war daran auch der 200 Jahre alte Brandy schuld und der D. wickelte die G. in einen Bademantel seiner Mutter. Manchmal verschwand der D. für Tage und manchmal war er nicht zurück, wenn es schon dunkel. Es dauerte ein paar Tage bis ich herausfand, wo der Friedhof war und der D. lag auf dem Grab seiner Mutter, verdeckt und kaum zu erkenne, zwischen all dem Efeu und den weißen Lilien, die ein Gärtner brachte. Ich zog den D. an beiden Händen wieder in die Welt zurück. Wie zwei Schlafwandler taumelten wir zurück und der D. hatte kalte Hände. Der Sommer aber , jener Sommer war warm und wir glaubten, dieser Sommer müsste reichen für ein ganzes Leben. Vielleicht ist das ja wahr. Am Ende des Sommers kehrte der Vater des D. schließlich zurück. Da hatten wir die die Sachen seiner Mutter schon in das Haus, in das er schließlich ziehen würde, gebracht. Sein Vater sagte nichts zu den leeren Schränken und schwieg über die geleerten Flaschen. Der D. fuhr auf zwei Jahre ins ewige Eis. Die G. packte eine leichte Tasche und eines Tages lag eine Karte aus Los Angeles in meinem Briefkasten. Es würden viele Sommer vergehen, bis ich sie schließlich wiederträfe. Ein jadegrünes Kleid trug sie am Flughafen und ich sah sie sofort. Ich aber begann nach jenem Sommer zu studieren und über meinem Schreibtisch hängt noch immer ein Bild von D. und seiner Mutter. Nach Kensington bin ich für viele Jahre nie wieder zurückgekehrt, bis zu dieser Woche. Auch in dieser Woche ist Sommer, aber niemand trägt ein goldenes Kleid und auch den Bentley habe ich nicht gesehen. Dazu habe ich zu viel gearbeitet und kaum aus dem Fenster gesehen. Drei Tage, dreimal 18 Stunden und doch als endlich alles erledigt ist, laufe ich durch die regenschwere Nacht, über den Kaminen steht der Mond und laufe die Straße hinunter. Das Haus des D. liegt dunkel in der Nacht. Nur hinter einem Vorhang schimmert ein kleines Licht. Aber der Frangipani Baum steht noch immer an gleicher Stelle und meine Hände finden unsere Namen. Eine ganze Weile lege ich meine Hände auf den Baumstamm und schließe die Augen. Dieser Sommer hört nicht auf zu sein, flüstere ich und denke an D. und G. Dann gehe ich zurück durch das stille Viertel. Schließlich fängt es an zu regnen, denn die Juninächte in Kensington sind noch immer mild und regnerisch zugleich.

Der verschwundene Leuchtturm

Mitten in der Nacht wache ich auf. Etwas ist anders als sonst, aber mir will nicht gleich einfallen, was diese Nacht von anderen Nächten unterscheidet. Neben mir schläft leise seufzend der Tierarzt, eine Hand über seine Brust gelegt, so als wollte er sich selbst festhalten. Wer weiß, vielleicht segelt er gerade in unruhigen Träumen über ein wogendes, schäumendes Meer, und zwischen ihm und dem Felsen kantig und schiefergrau, nur er und sein Boot. Vor dem Bett schläft den Kopf auf die Pfoten gelehnt der Hund. Wie der Tierarzt so seufzt auch der Hund tief und mit gerunzelten Brauen. Mag sein, der Hund träumt von Enten im raschelnden Schilf, zu hören doch niemals ganz zu sehen, gut verborgen auch vor neugierigen Hundenasen. Aber was weiß was man schon über die Träume der Anderen? Aber dennoch etwas ist anders, der alte Reisewecker meines Großvaters, der schon seit vielen Jahren neben meinem Bettkasten tickt, ist es nicht, denn treu wie eh und je zeigt sein verblichener, einstmals grün schimmernder Zeiger auf dreiviertel drei. Auch der Bücherstapel, dem ich durchaus erhitzte nächtliche Diskussionen zutrauen würde, raschelt nicht einmal ein kleines bisschen mit den Seiten, sondern Buch auf Buch schläft tief und fest, selbst die London Review of Books, die doch des Diskutierens nicht müde wird, schlummert selig und ich drehe mich langsam und vorsichtig, um weder Tierarzt noch Hund aus den Träumen zu reißen, den tiefen Fenstern, die zum Meer zeigen zu. Dunkel ist es, aber auch das ist nicht ungewöhnlich, aber etwas ist ganz bestimmt nicht, wie sonst. Erst einmal aber angle ich nach dem Glas Wasser, denn immer tobt dieser Durst in mir und stets muss ich ein großes Glas Wasser in der Nähe haben, das leere Glas halte ich mir an die Stirn. Dann fällt es mir endlich ein, der Leuchtturm draußen vor der Küste, dessen warnender Schimmer doch kreisförmig in regelmäßigen Abständen durch unser Fenster fällt, ist nicht zu sehen. Zu dicht kleben die Wolken, als undurchdringlicher Vorhang gespannt vor dem Fenster, zu hart prasselt der Regen gegen die Scheiben und zu tief hat die Nacht ihre Arme über uns ausgebreitet, als das der Leuchtturm dort draußen im tobenden Meer noch bis zu uns heranreichen würde. Ein schwarzer Eimer voll Kohle, eine Wolkendecke aus Zement ist diese Nacht, selbst der Regen schimmert nicht blau, sondern läuft als sei ein Tintenfass umgestoßen worden über die Fensterscheiben hinab. Der Leuchtturm aber, den ich seit der ersten Nacht in diesem Haus jede Nacht sah, bleibt verschwunden, als hätte ihn die Nacht, der Regen oder die Wolken verschluckt. Immer war der Leuchtturm der Dreh- und Angelpunkt meiner Nächte, und in den ersten Nächten in diesem Haus und dem fremden Bett, sah ich auf Stunden zum Leuchtturm hinüber und überlegte, wer einem wohl die Richtung weist, liegt man plötzlich in einem fremden Leben, das nicht passt, nicht am Morgen und auch nicht in der Nacht. Damals lag niemand neben mir im stillen Zimmer, nur die Katze schlief unten auf dem Sessel. Der Tierarzt war mir nur ein ferner Begriff aus den Erzählungen der Frau des Krämers und ich war fest entschlossen, diesen merkwürdig abwesend-anwesenden Mann, der offenbar eng mit der Krämersfamilie verbandelt war, auf keinen Fall zu mögen. Lieber sah ich aufs Meer hinaus und mir war als zwinkerte der Leuchtturm mir aufmunternd zu. Aber der Leuchtturm bleibt heute Nacht verschwunden. Vom ersten Leuchtturm fernab indes vom Meer erzählte mir meine Großmutter, vielleicht begann ja so überhaupt die Geschichte der Leuchttürme, damals ich in ihren Schoß gerollt, ähnlich wie die Katze unten in meine Strickjacke, ließ ich mir erzählen von jenem Dichter Aeschylus, in dessen Orestie ein eigens bestellter Wächter einen Leuchtturm in Flammen stehen sieht. Ein Zeichen sollte dieser brennende Leuchtturm sein, ein Zeichen für das Ende des schrecklichen Krieges um Troja die stolze Stadt. Doch schon damals, sicher und geborgen an meine Großmutter gelehnt schwante mir, dass ein brennender Leuchtturm ein Zeichen des Unheils ist, ein brennender Leuchtturm ebenso wie ein verschwundener Leuchtturm irgendwo im Dunkel der Nacht ist die Hoffnungslosigkeit selbst. Und die Geschichte, die meine Großmutter mir erzählte, die Geschichte nämlich in der Clytemnestra, die Frau Agamemnon, Aegisthus zum Liebhaber genommen hat, ist eine jener Geschichten, die so sehr ins Dunkle führen, dass kein Weg mehr ins Helle hinaus führen kann und der Heimkehrende Agamemnon findet keine Heimat, keine Penelope, sondern seine Frau würde ihn schließlich im Bade- ob er dabei wohl auf den Leuchtturm sah?- in einem Netz gefangen wie einen schlüpfrigen Fisch. Mich schauderte, aber meine Großmutter fand man müsse den Dingen ins Auge sehen. Auf einen Leuchtturm hatte sie aufgehört zu warten und wie immer wollte sie auch mich leise warnen, und wie immer verstand ich es erst viele Jahre später, vielleicht lerne ich es auch erst in den Nächten, in denen der Leuchtturm verschwunden bleibt. Damals aber wollte ich mehr über Clytemnestra hören, und meine Großmutter erzählte mir von der berauschend schönen Helena ihrer Halbschwester und ich verstand genau, denn meine Schwester ist immer die Schöne gewesen, noch immer noch heute ist Schwesterchen ein ganz eigener Leuchtturm. Doch dann jener Abend, jenes Fest für Helden zu dem auch der König von Mykene, Agamemnon geladen war und er Agamemnon sah sie Clytemnestra . Er sah sie und fiel vor ihr nieder, so kann ein Unglück beginnen und sie sagte: „Steh doch auf.“ Sie dreht sich um und Agamemnon läuft ihr hinterher und sie legt dem weinenden König die Hand auf den Kopf. Ihr Mann kommt herbei und Agamenon der weinende König, schlägt ihm den Kopf ab, tötet ihren Sohn und zwischen den abgeschlagenen Köpfen, zwang er sie mit ihm zu schlafen. „Du siehst Kind“, sagte meine Großmutter, nicht kann einen auf das Unglück vorbereiten.“ Ich sehe noch immer in die Nacht heraus. Agamemnon so heißt schliff sie an den Haaren nach Mykene, erst kamen die Kinder, dann kam der Krieg. 10 Jahre dauerte der Krieg um die stolze Stadt Troja und zehn Jahre hatte Clytemnestra hatte zehn Jahre lang Zeit den Hass wachsen zu lassen und schließlich, das brennende Feuer und der Leuchtturm von Atreus taten ihr übriges hatte sie Agamemnon im Netz und mit einem Beil den Kopf abgeschlagen. Das war das Ende nicht nur von Agamemnon, sondern auch seiner Frau. Dann schwieg meine Großmutter und strich mir über das Haar. Ich malte brennende Leuchttürme und fürchtete mich sehr. Der Leuchtturm aber mitten in der irischen See bleibt verschwunden, manche Nächte erinnern sich vielleicht an jene Nacht, in der ein Wächter ein Feuer sah. Weiter fällt der Regen gegen das Fenster, der Tierarzt dreht sich zur Seite und fährt mit einer Hand in meine Haare, mag sein, dass das wogende Boot seiner Träume einen Anker braucht, der Hund auf dem Teppich schnarcht inzwischen, die Uhr tickt und als ich am Morgen aufwache, steht der Leuchtturm stark und fest inmitten der grauen, wogenden See.

Hineingefallen

Gestern lag in der Regenrinne ein ertrunkener Vogel. Begraben ist der Vogel, der so tief fiel unter der alten Kastanie, die direkt an das Kirchhofmäuerchen grenzt. Eine der mattschwarzen, glänzenden Federn liegt nun in der Tonschale auf dem Küchenschrank. Das Küchenfenster geht direkt zur Kastanie heraus. Heute zwischen zwei langen Sitzungen hatte ich Zeit für dreißig schnelle Bahnen im Schwimmbad der Universität. 30 Bahnen lang Zeit um zu überlegen wo ich schon überall hineingefallen bin, nicht genug Zeit um zu überlegen, ob ich aus allen Untiefen wohl auch wieder herausgekommen bin, aber es hilft ja nichts, wenn die Zeit eben schneller läuft als man selbst. Hineingefallen also in Pfützen, große und kleine, in einen Priel an der Nordsee, beinahe nur in ein Moor, mehrmals bekleidet in Seen und einmal von einer heftigen Böe erfasst von der Arca ins Mittelmeer hinein. Hineingefallen in offene Arme. Ebenso oft habe ich mich in fest verschlossene, brettharte Arme fallen lassen. Die Arme gaben niemals nach. Hineingefallen bin ich in Bücher und ihre Bewohner: „Nein, blieb doch bei Anna dem Blumenmädchen“ rief ich Thomas Buddenbrook voller Entsetzen zu, doch er war schon weiter, und später sah ich ihm zu, wie er toll vor Schmerzen auf die Straße fiel. Vom Rad auf Straßen gefallen, ja das kann ich gut, einmal gefährlich nah an eine Böschung. Hineingefallen in Menschen, in ‚sone und solche ‚und zu oft in solche, die alles fallen ließen, am Ende auch mich. Hineingefallen in Franz Kafka mit einer erschreckenden Wucht. Noch immer stehe ich eigentlich auf einem Prager Bahnhof und rufe ihm zu: „Fahren Sie doch, so fahren Sie doch“ und dass Franz Kafka und Milena Jesenská sich buchstäblich verpassten, ist mir niemals aus dem Kopf gegangen. Hineingefallen in Geschichten in so vielen Nächten und hingefallen über scharfe Ecken in ihnen und in denen, die sie schrieben oder lebten, manchmal ist das ja wirklich dasselbe. Hineingefallen in Herzen und Rippen und hineingefallen bis tief unter die Haut. „Du bist mir zu viel“ schrie mehr als einer und wieder war ich hingefallen und sah nur die blauen Flecken noch nicht. Hineingerollt oder zusammengerollt in einen Straßengraben, da flogen Schüsse ( Islamabad, 2011 ). Mit dem Gesicht in die Erde gedrückt, in die geöffnete Hand atmend, ein kleiner, brauner Vogel, bewegungslos und irgendwann doch wieder aufgestanden. Vielleicht sind in jenem Straßengraben ja braune Federn von mir liegen geblieben und jemand hat sich eine aufgehoben, wer weiß das schon? Niemals jedoch hineingefallen in eine dreistöckige Hochzeitstorte, dafür in einen Eimer Brennesselsud. Hineingefallen in einen Berge Schnee und viele, viele Male in eine duftende Wiese. Gefallen auch in einen Schober mit Heu. Hineingefallen auch in Federbetten und nie wieder so gern in ein Bett, wie das meiner Großmutter. Hineingefallen in Alpträume, die so regelmäßig über mich herfallen wie der Wecker früh am Morgen.

Hineingefallen in Briefe und nicht nur in solche, die von der Liebe handeln. Gut bekommen sind mir die wenigsten und eines Tages hoffe ich, lasse ich sie gehen. Hineingefallen in den Abgrund: Abschiedsbrief. Kein Ende dieses Abgrunds in Sicht. Hineingefallen vor Müdigkeit in einen Wäschekorb und öfter als mir lieb ist auch in die Badewanne. Hineingefallen in Notenpapier. Schumann. Chopin. Beethoven. Schönberg. Bach. Wie kann man in Bach nicht hieninfallen wie in einen unendlichen Strudel? Ich konnte es nicht und meine Hände klebten zitternd auf der Klaviatur.

Hineingefallen mitten in mich hinein, oder sollte man besser sagen hineingefahren, ein blankes, scharfes Messer, Süd-Sudan 2013. 8 Zentimeter lang war die Klinge. Die Narbe ist länger. Das Messer habe ich behalten. Es liegt in der Werkzeugkiste. Fahre ich mir über die Narbe, und das tue ich oft, glaube ich manchmal ein Loch täte sich auf, dort liegt die Angst noch immer vergraben, nicht die Angst vor dem Messer, sondern die ganze Angst, die Angst die ich hatte und die ich haben werde, ist wohl damals als mir für einen langen Moment die Rippen offen standen, die Angst in mich hineingefahren und haust jetzt zur Untermiete zwischen Zwerchfell und Rippenbögen. Wer würde es ihr schon verwehren? Hinein gefallen wieder und wieder in schöne Wörter ( alldieweil, Morgentau und Regenwand), in grün-blau-grau-braune Augen, in einen Wasserfall, in warme Hände und eiskalte Zehen. Hineingefallen wieder und wieder in alles und nichts. Hineingefallen in Bergseen ohne Grund und in die Vergangenheit, auch ohne Grund. Hineingefallen in Indien, wirklich hineingefallen, nahezu ahnungslos und das hieß hingefallen wieder und wieder hingefallen. Immer wieder aufgestanden. Irgendwann verstanden, dass man hinfallen muss. Leichter geworden ist es nicht. Hineingefallen also auch in die Leben der Anderen. Ich hoffe: nicht überfallen. Hineingefallen in die ersten Atemzüge meiner Nichte. Noch immer atme ich mit ihr mit. Das kleine Bündel Mensch in meinen Armen. Die große Schwester in meinen Armen und hineinfallen in das kleine, neue Leben auf dem Arm, so viel Glück, so viel Liebe, dass wir vergessen haben, welcher Arm zu wem gehört und auf dem ersten Bild meiner Nichte, die heute eine kleine Königin ist, glaubt man ein Tintenfisch umarme sie. Überall Arme. In die Welt hineinfallen, das tun wir alle, ich wünschte es wären mehr Arme für alle da. Hineingefallen in Windböen, echte und solche mit metaphorischer Note. Gemocht habe ich sie nie diese Böen und Menschen, die sich am Gegenwind erfreuen, stellen mir meistens ein Bein. Hineingefallen noch in die dümmste Falle und hineingefallen seit vielen Jahren in ungezählte Ströme Wasser. Heute in ein ganz leeres Schwimmbad. 30 Bahnen aber sind schon um und ich muss weiter.

Auf der Anrichte aber liegt eine schwarze Feder bis zum nächsten Mal. Hineinfallen.

Aufforderung zum Tanz

Der Tierarzt lehnt sich zu mir herüber. „Read On“ flüstert er, „bist du schon wach?“. Ich bin mir nicht sicher, denn ich bin wirklich sehr müde. Aber der Tierarzt gibt nicht nach: „Read On“ flüstert er wieder und kitzelt mich hinter den Ohren. Davon wache ich wirklich auf. „Tierarzt“ sage ich und sehe auf den Wecker, es ist noch nicht einmal sechs Uhr!“

Aber der Tierarzt will davon nichts hören: „Read On, wir brauchen einen Plan. „Ich kann unmöglich mit der Tochter der Frau des Krämers tanzen.“ Heute nämlich lässt das Dorf die Frau des Krämers hochleben. Bunte Wimpel schmücken die Dorfstraße, lange Tische sind schon aufgebaut, der Priester hat ein sehr, sehr langes Gedicht geschrieben, in dem sich „she is a rock/ and never loses a sock vortrefflich reimen. Der Elektriker hat für das Keyboard eine Steckdose und eine Verlängerungsschnur aufgetan und es gibt eine Sitzordnung, die nicht weniger komplex und kompliziert ist als die einer Adelshochzeit. Gestern Abend habe ich eine Schwarzwälder Kirschtorte gebacken, denn wer von der Frau des Krämers so charmant gefragt wird: „Fräulein Read On, wann bringen Sie denn ihren Kuchen?“- der kann ja gar nicht anders als sich den Abend mit einer Cremetorte um die Ohren zu schlagen. Das Dorf hat zusammengelegt und schenkt der Frau des Krämers und ihrem Gemahl eine Flussschiffahrt auf der Donau. Der Flieder für Madame wird frisch geschnitten und den Maiglöckchenstrauß aus dem Berliner Garten, den der Tierarzt der Tochter der Frau des Krämers seiner Tischdame nämlich überreichen soll, liegt schockgefroren im Gefrierfach damit er möglichst lange frisch bleibt.

Der Tierarzt aber schüttelt den Kopf: „Read On, ich schwöre Dir auf keinen Fall, kann ich mit dieser Tochter tanzen. Mir ist übel allein bei dem Gedanken Sie bei den Armen fassen zu müssen. Ich will nicht, alles, wirklich alles in mir sträubt sich einen ganzen, langen Nachmittag neben dieser Person mit ihren schauderlichen Witzen, ihrem enormen Appetit, ihren kleinen, gemeinen Augen und ihrer schadenfrohen Mutter zu verbringen. Ich konnte sie noch nie ausstehen, alles an ihr ist mir widerlich, und wenn ich mir vorstelle wie sich ihr Busen in meine Rippen drückt, wird mir schlecht und ich muss mich bestimmt übergeben. Ich habe dieser Person nichts zu sagen und ich will und will und will nicht mit ihr tanzen. Dann atmet der Tierarzt ein- und aus und sieht mich an: „Wir brauchen einen Plan.“ Ich ordne meine Knie, entknäule meine Füße und suche meinen linken Ellenbogen. „Ich brauche einen Tee“, sage ich. Fünf Minuten später komme ich mit zwei dampfenden Teetassen zurück und krieche wieder unter das warme Bett. Der Tierarzt lehnt gegen das Fußende und streckt seine Füße an meine Rippen. Ich puste zweimal über die Teetasse und seufze. Der Tierarzt seufzte auch und sagt noch einmal: „Wir brauchen einen Plan.“ Gut, sage ich und schlürfe Tee, lass mich dir eine Geschichte erzählen und wenn du findest, sie taugt dir nicht, dann gipse ich dir den Fuß ein.“ Der Tierarzt nickt und ich erzähle:

„Vor vielen Jahren zog ein Mädchen aus einem fremden Land in die große Stadt Berlin. Es war mittelgroß und sehr, sehr dünn. Hennaschwarz gefärbte Haare und alle Tage und Nächte war sie in dicke wollene Strickjacken gewickelt und am liebsten dazu noch in ein dickes, wollenes Tuch. Gelächelt hat das Mädchen kaum. Geld hatte das Mädchen auch nicht. Deswegen arbeitete das Mädchen als Nachtschwester in einer ziemlich großen Klinik in Berlin. Denn sie hatte ihrer Großmutter versprochen sich eine Erziehung angedeihen zu lassen und das hieß zunächst einen höheren Schulabschluss zu erlangen. Das versuchte das Mädchen tagsüber. Freunde hat das Mädchen kaum und einen Freund hatte das Mädchen erst recht nicht, denn niemand verliebt sich in verschlossene Schatten, die in noch größeren Strickjacken verschwinden. Mädchen müssen schön sein und leuchten und schillern, das wusste das Mädchen da schon. Auf der Station auf der sie arbeitete, aber hatte mit ihr ein junger Assistenzarzt angefangen. Blonde Locken und grüne Augen, und glänzende Aussichten wie selbst der ewig mürrische Oberarzt anerkennend feststellte. Natürlich verliebten sich alle Ärztinnen, selbst diejenigen die fünf Kinder hatten, Krankenschwestern, und Patientinnen in den aussichtsreichen Assistenzarzt. Das Mädchen war in jenen Jahren zu müde sich zu verlieben, aber auch das Mädchen sah dem schönen Assistenzarzt, der so schien es auch in den längsten Nächten nicht müde wurde, hinterher. Chancen hatte sie sich keine ausgerechnet und so fiel das Mädchen aus allen Wolken als eines Tages der Assistenzarzt zu ihr kam- das Mädchen desinfizierte gerade Nierenschalen- und  es zum Tanz in Clärchen’s Ballhaus einlud. Das Mädchen war sich sicher, es hätte sich verhört. Aber auch auf zweimalige Nachfrage hin, blieb der junge Arzt bei seinem Entschluss mit dem Mädchen am Samstag Abend tanzen zu gehen. Das Mädchen sah in den Spiegel und schüttelte sich. Es wickelte sich aus den Wolljacken und dem dicken Tuch. Es blickte seufzend in den Kleiderschrank. Damals hatte das Mädchen nicht genug Geld einfach so ein neues Kleid zu kaufen und so schlüpfte das Mädchen in einen indischen Sari, den das Mädchen von einer indischen Patientin geschneidert bekommen hatte. Bevor es vorsichtig auf dem Fahrrad durch Berlin zu Clärchen’s Ballhaus fuhr, kaufte es einen Maiglöckchenstrauß, denn die Großmutter des Mädchens, die ihm versicherte, es sähe fabelhaft aus in dem bunten Sari, sagte es sei gute Sitte einem Verehrer Maiglöckchen mitzubringen. Als das Mädchen ihr Rad vor Clärchen’s Ballhaus anschloss, war vom Assistenzarzt nichts zu sehen. Das Mädchen bestellte eine Limonade und wartete. Es wartete sehr lange. Zwar kamen immer wieder Männer vorbei, die das Mädchen in ihrem Sari verlachten aber der junge Arzt mit den grünen Augen kam nicht. Irgendwann begriff das Mädchen, das der Arzt nicht mehr kommen würde. Es schlich aus dem Garten des Ballhauses heraus und setzte sich auf den Bordstein, die zerknitterten Maiblumen hielt es noch immer in der Hand. Das Mädchen weinte und dann warf es die Maiglöckchen in den nächstbesten Mülleimer. Schluchzend traf das Mädchen zu Hause ein. In der folgenden Nachtschicht, das Mädchen stand auf einem Tritt in einem Vorbereitungsraum und suchte nach Medikamentausgabeschalen, die Tür war nur halb angelehnt. Der junge Arzt stand mit drei anderen Kollegen vor der Tür. Er lachte lauthals. Auf einer Digitalkamera zeigte er den Ärzten offenbar amüsante Bilder. „Damit habe ich die Wette gewonnen“, johlte er. Auf den Bildern war das erst wartende und dann das auf dem Bordstein schluchzende Mädchen zu sehen. „Hat die doch wirklich geglaubt“, sagte der junge Arzt, „ich würde mit so einer Vogelscheuche ausgehen!“ Wieder lachten die Ärzte laut und vernehmlich. So was Ungef*cktes habe ich noch nie gesehen. Wer Erbsen statt Brüste hat, muss sich ja auch nicht wundern.“ Dann johlten die Männer weiter über die naive Trutschen, die nach Armut röche und noch dazu ein albernes Nachthemd- den Sari- trüge. Niemals prahlte der junge Arzt mit den schönen, grünen Augen würde er so erbärmlich dran sein, mit so einer tanzen zu müssen. Das Mädchen aber war unterdessen vom Tritt heruntergestiegen und öffnete die Tür. Die Ärzte sahen entsetzt auf. Die Digitalkamera polterte zu Boden. Aber das Mädchen ging einfach weiter und teilte die Medikamente aus. „Das Mädchen, Tierarzt sage ich, war niemand anders als ich selbst.“ Dann trinke ich den Rest Tee aus. Der Tierarzt aber sieht mich nicht an. „Wenn Du ein Gipsbein willst, sag Bescheid.“

Dann gehe ich ins Bad wasche mir die Haare, suche die Skiunterwäsche, die ich unter dem Kleid tragen will, schneide Flieder im Garten, telefoniere mit Schwesterchen und meiner lieben C., trinke Milch mit Kaffee, arbeite für zwei Stunden und lese die Zeitung. Der Priester kommt herüber und braucht Hilfe beim Krawattenknoten. Der Tierarzt aber hat noch immer nichts gesagt, doch dan nimmt  er den Maiglöckchenstrauß, ich die Torte und der Priester den Flieder. Dann gehen wir ins Unterland hinab. Die Frau des Krämers trägt ein Ungetüm aus roter Seide genau wie ihre Tochter, beide strahlen wie Honigkuchenpferde. „Ach, unser Tierarzt“ rufen sie unisono. „ Er freue sich sehr, dass Sie seine Tischdame sei, höre ich den Tierarzt noch sagen und sehe, wie er der Tochter der Hauses die Maiglöckchen überreicht.
Dann spiele ich „Happy Birthday to you“ auf dem Keyboard. Das Dorf singt geschlossen, die Frau des Krämers lässt sich auch durch das schollernde „Muhahahahaha“ des Keyboards nicht davon abhalten Tränen der Rührung zu verdrücken.

Brüchiger Boden

Zwei merkwürdige Tage, ein helles Zimmer, Berlin-Mitte und ich dort eine so Andere als ich es eigentlich bin. So lange schon habe ich die Andere in den Schrank gehängt, dort ist sie geblieben in all den Jahren seit denen mir die Worte auf die Straße fielen und der dem sie gehörten, nicht mehr kam um sie aufzuheben. Ich ließ sie liegen.
Die Zweifel immerhin in die Schuhe geschoben und versucht sie dort liegen zu lassen. Zu viel und zu schnell geredet, ich lerne das nie, die Zweifel kitzeln mich an der Fußsohle. Auf dem Weg zurück an einer obdachlosen Frau vorbei, ihr Schild dreisprachig: „I am homeless, please help.“ Das Elend hört nie auf, es lernt nur die Umstände kennen, hier sind es die Touristen mit ihren Kameras. „Epic“ ruft ein Mann in einer glänzenden Ballonjacke an dem noch das Preisschild baumelt.

Im Garten am Rande der Stadt dann im kalten Gras eine Stunde in den Himmel gesehen. Wolken gezählt, mir Apfelblüten in die Haare regnen lassen, zwei Sonnenstrahlen sahen vorbei, einem Passagierflugzeug gewunken, dem Gras beim Wachsen zugehört und die Kastanien bewundert, die eine nach der anderen beginnt zu blühen, aber trotzdem die Erde hört nicht auf sich zu drehen und ich weiß nicht genau, wo der Boden unter den Füßen eigentlich ist. Eine Amselfamilie geht im Gras spazieren, das Amselpaar sieht in mir wohl ein Beispiel der Warnung. Energisch zwitschern sie und ich verstehe wohl was sie meine: „Der Mensch dort auf dem Boden ist ein schlechtes Beispiel.“ In Amselkreisen ist Mäßigung alles, denn die nächste Katze ist niemals fern. Gern würde ich zum See fahren auf eine halbe Stunde wenigstens, aber dafür bleibt keine Zeit. Hochrapplen also und auf dem weißen Gartenstuhl sitzt meine alte Freundin Wildtaube. „Hast Du einen Rat für mich, Wildtaube?“ frage ich sie und die treue Freundin gurrt beruhigend. „Wird schon Mädchen“ gurrt sie und ich nicke ihr zu. Bis morgen, sage ich und ziehe das Gartentor hinter mir zu.

Der Tierarzt erzählt mir mit überschlagener Stimme vom klugen Kälbchen, das mit Verstand und hängender Unterlippe den Riegel vom Stall gelöst und über die Dorfstraße bis zu uns nach Haus geprescht ist und dem Tierarzt geradewegs in die Arme lief. Es ist schwer zu sagen, welcher der beiden in größere Verzückung geriet über dieses Wiedersehen. „Kälbchen kommt aufs Gymnasium“ beschließe ich und hoffe, dass der Flieder und mein geliebter Holunderbusch Kälbchens Annäherungsversuchen überstehen. Auf den Tierarzt ist dabei nicht zu zählen, denn Liebende kennen keinen Fehl und Tadel. „Komm zurück“ sagt der Tierarzt und ich nicke. Aber erst einmal muss ich weiter, die Stiefmütterchen und den Rhabarberkuchen für die liebe C. nicht vergessen, das Oldsmobile murrt etwas nach langem Winterschlaf und ist sich ohnehin zu schade für gemeine Kutschfahrten über Land und ohne Aussicht. Alle Welt aber fährt in die entgegengesetzte Richtung und noch bevor die Kirchturmuhr 16 Uhr schlägt bin ich in der kleinen Stadt angekommen.
Frau Zingarelli winkt mir freundlich zu, Herr Zingarelli ruft: „Ciao bella“ aber ich bin nicht vermessen genug, um zu glauben, er meinte wohl mich, sondern natürlich meint Herr Zingarelli das Oldsmobile. Die liebe C. und ich tauschen Küsse, Kuchen und Stiefmütterchen, sie beginnt Hausbesuche und ich sehe für einen Moment über den Marktplatz. Die bunte Markise der Eisdiele weht im Wind, zwei Buben jagen sich mit Stöcken und ein Hund hält ein Bein an eine Laterne, zwei alte Damen gehen hinüber zur Konditorei und in ihrem Gesicht steht groß: „Aber bitte mit Sahne geschrieben.“ Ein Mann mit Hut und Aktentasche stopft sich eine Pfeife und schon steigt blauer Rauch auf und der Mann geht raschen Schrittes davon. Eine Frau mit kariertem Rock und gestreifter Bluse steht vor dem Konfektionshaus, der Inhaber ein Mann, den ich nie anders als im Dreihreiher mit Uhrenkette und Einstecktuch gesehen habe, überwacht mit scharfen Handbewegungen und wild gestikulierend das Umkleiden der Schaufensterpuppen. Unbeweglich steht die Frau im Rock vor der Schaufensterscheibe, die Anziehpuppen aber bekommen weder ein kariertes Kleid noch eine gestreifte Hose angezogen, sondern gepunktete Blusen und unifarbene Röcke. Enttäuscht wendet die Frau sich ab. Ein Hochzeitspaar hält sich fest an den Händen und zeiht entschlossen Richtung Rathaus weiter. Die Frau trägt ein wallendes Brautkleid und der Mann einen Anzug der hätte eine Nummer größer sein können. „Der Cousin des Bürgermeisters“ weiß Frau Zingarelli, aber ich wende mich ab, setze mich an den Sekretär meiner Großmutter und ziehe die Lade mit den Briefen auf, denn meine Großmutter hatte eine Korrespondenzschublade und immer lag ein Brief für mich darinnen. Heute ist die Schublade bis auf ein paar vertrocknete Rosenblüten leer. Trotzdem wundere ich mich jedes Mal auf ein Neues, dass wirklich und nie wieder ein Brief von ihr an mich liegt. „Ich brauche deinen Rat“ rufe ich laut ins stille Zimmer. Aber die Standuhr, die Bücherregale und der Flügel antworten nicht. Dafür zeigt der Zeiger bedenklich auf vier Uhr. Aufstehen, umziehen, Mappe nehmen, ein Glas Wasser trinken, der lieben C. einen Zettel hinterlegen, nach dem Kugelschreiber fummeln, wo sind die weißen Pantinen? Den Schlüsselbund in die Tasche werfen, die knarrenden Treppen hinunter, Tür auf, Tür zu, über den Marktplatz laufen, dreimal winken, viermal Hallo, die Praxistür aufschließen, zwanzigmal Salam aleikum und herzlich willkommen, zwei Stunden lang Aufklärungssprechstunde, endlich wieder sicheres Fahrwasser, endlich wieder eindeutig zu beantwortende Fragen, die Wörter Funktion und ohne Fragezeichen. Aussagesätze und klar zu bennende Fakten. Bin das nicht ich? Ich nicke mir zu nach den zwei Stunden, fremder aber sieht mir mein Gesicht entgegen, zurück über den Marktplatz, am Brunnen stehen bleiben, mein Gesicht verschwimmt im dunklen Wasser. Die C. macht die Tür auf und wir wiederholen uns: Küsse und Neuigkeiten, Shabbat Shalom. Später dann, längst ist die Markise der Eisdiele eingerollt, schon liegt der Marktplatz im Dunkeln und nur der Mann mit der Pfeife geht schnellen Schrittes noch einmal vom einen zum anderen Ende der Stadt. Sonst ist da nur die Stille und ich auf der breiten Fensterbank. Noch einmal ist mir als säße hinter mir auf dem roten Sofa meine Großmutter, wie sie es so viele Jahre tat und hielte mich bei den Schultern: „Am Ende sagte mein Großmutter, galt es sich zu konzentrieren.“ Ich fragte sie nie, nicht ein einziges Mal, was das Ende war.