Aufgewacht

Immer wache ich vom Regen auf. Der Regen läuft durch die schwarze Nacht und hält sich an den Fensterscheiben fest. Der Regen hat eine dichte Haut und feste Fingerknöchel, ich starre in den Regen hinaus und der Regen gibt nicht nach. Kalte Hände hat der dunkle Regen und kalte Hände habe auch ich.

Immer weckt mich der gleiche Alptraum auf und wache ich auf, erinnere ich mich, dass der Alptraum niemals vergehen wird. Mit der Zeit verblassen die Träume sagen die Leute, aber die Leute irren, nur ich werde blässer und der Alptraum bleibt einfach vor mir stehen. Der Alptraum hat genau so kalte Hände wie ich. Vielleicht hat der Alptraum mir ja seine Kälte in die Seiten gelegt. An eine Zeit ohne den Alptraum erinnere ich mich nicht. Der Alptraum und ich wir sind alte Freunde. Treffen wir uns tagsüber auf der Straße, sehen wir schnell zur Seite. Im Hellen wollen wir uns lieber nicht kennen.

 
Mich wecken weinende Frauen und Männer auf. Immer. Ich habe Frauen und Männer weinen gehört, von denen ich glaubte sie seien schon tot, aber sie weinten noch immer und ich bin mir nicht sicher, ob sie je wieder aufgehört haben. Wo immer sie weinen ob auf einer Liege im Krankenhaus oder in einem weißen Plastikzelt oder in einer alten Wohnung mit Dielenboden, ich wache auf und ich kann auch lange nach den Taschentüchern und der Hand auf der Stirn oder nach all den anderen vergeblichen Versuchen, dem Weinen zu begegnen nicht mehr einschlafen. Ich wache einfach auf.

Aufgewacht bin ich von Schüssen, die tief flogen und die mich immer nur fast trafen. Ich wache auf von klingelnden Telefonen, von einem Schlüsselbund in der Tür, von den Schatten an der Wand. Die Schatten erinnern sich gern an mich. Ich würde sie gern vergessen. Aufgewacht von Händen an meinen Rippen und aufgewacht vor lauter Müdigkeit. Nein lachen Sie nicht, dass ist eine ernste Angelegenheit. Aufgewacht bin ich von Hundegebell und Hummelgesumm, einmal mit einem Sonnenbrand, den ich für Tage mit Melonenscheiben kühlte am Strand von Cannes. Aufgewacht bin ich immer erst, wenn die Tür schon hinter mir zu geschlagen war. Es gibt Menschen, die sagen: ich habe die Gefahr schon kommen sehen. Mir ist es niemals so ergangen. Ich habe am Besten in den Armen eines hartnäckigen Lügners geschlafen. Aber ich glaube den Lügnern auch immer noch, wenn sie es wohl selbst nicht mehr tun. Tun Sie es nicht.

Ich bin aufgewacht als sich der Mond durch das dunkle Zimmer schob und die Sonne schon wieder unterging. Gestört haben mich weder Sonne noch Mond und oft wache ich nicht vom Wecker auf, sondern weil der Hund findet, die beste Art das Frühstück serviert zu bekommen, sei mit der Pfote an meine Stirn zu klopfen.

Das klappt garantiert. Aufgewacht vor Zahnschmerzen und vor immer neuen Sorgen. Aufgewacht auf einer satten Wiesen, auf Betonböden, in einer Badewanne. Die Badewanne stand frei im Raum. Aufgewacht mit kalten Füßen. Aufgewacht und manchmal trotz besseren Wissens die Augen lieber geschlossen gelassen. Aufgewacht mit Händen auf meinen Rippen. Die Hände immer wieder fortgeschoben. Unter meinen Rippen liegt zu viel vergraben.

Aufgewacht mit der Aussicht auf Schwimmen im kühlen See. Aufgewacht bei einer indischen Hochzeit. Ein Dorf in Himchal Pradesh. Mit dem Rücken an einen Dachvorsprung gelehnt unten auf der Straße gingen die Frauen des Dorfes, in der Hand ein Gefäß mit Wasser, in die Felder gingen die Frauen, denn die Felder sind ihre Toiletten. Erst da bin ich aufgewacht, da waren wir mit der Klinik schon zwei Jahre im Slum und niemals fragten wir uns, wo eigentlich die Toiletten waren. Hart aufgewacht in der Realität. Aufgewacht von Steinen gegen die Fensterscheibe, aufgewacht im festen Glauben, der neben mir liebte mich. Ich sollte mich irren.

Aufgewacht von den Toten, die durch die Flure laufen, still und schweigend sehen sich mich an, wieder und wieder kehren sie zu mir zurück und legen mir ihre kalten Hände auf die Stirn. Aufgewacht von vielen Nichtenfüßen auf meinen Rippen und dem Klingeln des Telefons nachts um halb drei. Aufgewacht, wenn es zu spät war und aufgewacht, obwohl es doch noch immer so früh ist. Aufgewacht vom Monsun und wieder fällt in Mumbai der Regen. Aufgewacht von den Dachschindeln, die in Irland herabpolterten, da sind in Assam und Bihar schon wieder 500 oder mehr Menschen in den Fluten ertrunken oder vom Sturm erschlagen worden. Aufgewacht, da war der Zug an der Endhaltestelle angekommen und ich musste doch eigentlich in eine andere Richtung. Aufgewacht mit Angst in der Magengrube, noch immer ist die Angst, das erste was mir morgens einfällt. Wir haben uns aneinander gewöhnt. Aufgewacht in den Armen meiner Großmutter, ich kenne keine sicheren Arme als die ihren. Immer legte meine Großmutter mich in ihre Arme hinein und am anderen Morgen waren sie noch immer da. Ich habe mich an die Abwesenheit ihrer Arme nie gewöhnen können. Auch davon wieder und wieder aufgewacht.

Schwarze Stunde

Unten auf der Straße bellt ein Hund. Der Hund bellt nicht für mich. Vielleicht bellt der Hund einer verflossenen Liebe hinterher oder der Hund bellt den Mond an. Vielleicht ist der Hund auch in die Katze verliebt. Die Katze liegt auf den Femsterbrett. Auf dem Fensterbrett liegt ein Plaid. Rot und blau ist das Plaid und ein bisschen fadenscheinig schon ist der Stoff. Schon lange liege ich nicht mehr auf dem Plaid. Als ich auf dem Plaid lag da war sein Stoff noch dunkelrot und indigoblau und kleine Goldfäden zogen sich am Stoff entlang. Als ich auf dem Plaid lag, sah ich den Himmel von Assam. Schwer war der Himmel, ein dunkles Tuch. Kurz bevor der Monsoon kam, lag ich auf dem Plaid und in meinem Haar lag eine Hand. Neben mir auf dem Plaid lagst du und wir sahen in den Himmel hinein und du lachtest als dir sagte, dass die meisten Menschen glauben, Assam sei eine Teesorte und dein Lachen flog in den Himmel hinein und schon damals habe ich es nicht auffangen können. Du auf dem Plaid last mir Gedichte vor. Sylvia Plath. Aber das Gedicht erinnere ich nicht mehr, nur noch den Buchrücken und deine Hände. Ein Himmel voller Gedichte und der Monsoon wartete bis du heiser warst und erst dann kam der Regen. Ich bin lange nicht mehr in Assam gewesen. Deine Hände sind unter der Erde, seit Jahren schon, es sind keine guten Jahre für Assam gewesen und ob es jemals gute Jahre für Dichter gab, weiß ich nicht. Das Plaid aber habe ich mitgenommen in alle Länder ohne dich. Die Goldfäden verschwanden zuerst, dann blichen die Farben dahin und wer weiß vielleicht wurde auch ich blass und blässer und mag sein ich bin heute so farblos wie das Plaid auf dem Fensterbrett liegt das Plaid und auf dem Plaid liegt die Katze. Die Katze schläft oder jedenfalls tut sie so als würde sie schlafen. Die Katze hält nichts von zudringlichen Fragen. Sie wird mir nicht sagen, ob in ihrer langen Ahnenreihe einmal eine Katze aus Assam kam. Wie viele Iren haben denn in den Kolonien als clerks and officers and officer’s ladies gedient? Unzählig viele und mag sein, dass ein clerk, ein officer oder eine lady eine Katze aus Assam mit sich brachte? Mag sein also, dass die Katze dort auf dem Fensterbrett mehr weiß über Bramaphutra als ich so denke. Wer weiß, denn die Katze hält die Augen geschlossen, und sagt mir nicht, ob sie vom Hund träumt, der noch immer unten auf der Straße bellt. Vielleicht träumt die Katze aber auch von einem Kater, den sie manchmal im Garten besucht unter den alten Bäumen. Die Bäume rauschen in der Nacht und wer weiß vielleicht hat vor Jahren ein officer unter der Kastanie gesessen und ein Bild angesehen mit einem Mädchen darauf. Assam 1885 oder so ähnlich. Aber ich stehe nicht auf um nach einem Bild von dir zu suchen. Du hättest gelacht: „Ever so sentimental“ und ich hätte genickt. Dabei schriebst du doch Gedichte, aber deine Gedichte waren niemals sentimental. Dafür waren dir die Wörter zu ernst und ich glaubte damals ich könnte auch ohne Wörter leben. Ich sprach damals nur in technischen und abstrakten Dingen. Du aber zogst mich zu dir auf die Decke und immer hattest du ein Buch bei Dir und ich hörte dir zu und manchmal schobst du eines deiner Gedichte unter die vielen, die du für mich last. Die Straße vor mir liegt im Dunkeln. Hier geht keine Straßenlaterne mehr und der Priester ist bei seiner Mutter in einem ähnlich abgelegenen Teil Irlands wie es Assam in Indien ist. Vier Tage braucht man von Delhi bis in das Dorf in dem du lebtest und manchmal, aber nicht heute Nacht sehe ich mir die Fahrpläne an und rechne aus, wie lange ich wohl bräuchte, flöge ich morgen früh los, aber eine andere Zeit als die der Reise, als die zwischen Dorf und Flughafen und Bahnhof hat sich zwischen uns gelegt und jeden Tag versinkst du ein Stück mehr oder laufe ich weiter von dir weg. Unten auf der Straße bellt der Hund. Die Katze sieht mich nicht. Ich sehe dich auf dem Plaid neben mir. Der Regen auf der Straße ist eine schwarze Pfütze und das Meer ist dunkelgrau. Der Brahmaputra war braun und manchmal auch indigoblau. Ein heiliger Fluss, ich weiß nicht, ob den Iren das Meer heilig ist, oder ob es nicht immer ein Weg heraus war, ein Fortkommen, diese schäumende See, vor meinem Fenster ist schwarz. Ich habe nie jemanden nach den G*ttern dieser See gefragt, nicht den Tierarzt, nicht den Priester, keinen der Freunde, keinen der Feinde, das Meer schäumt in der Nacht. Ein Wiegenlied, aber ich fürchte bis zu Dir reicht es nicht. Dann doch noch einmal das Licht anmachen. Neben dem Nachttisch stapeln sich die Bücher, aber ich muss lange im Regal suchen, bis ich doch einen Band von Sylvia Plath finde. Einen Daumen in eine Seite und vorsichtig nur mit den Augen über den Rand der Seite lesen:

Overnight, very
Whitely, discreetly,
Very quietly

Our toes, our noses
Take hold on the loam,
Acquire the air.

Nobody sees us,
Stops us, betrays us;
The small grains make room.

Soft fists insist on
Heaving the needles,
The leafy bedding,

Even the paving.
Our hammers, our rams,
Earless and eyeless,

Perfectly voiceless,
Widen the crannies,
Shoulder through holes. We

Diet on water,
On crumbs of shadow,
Bland-mannered, asking

Little or nothing.
So many of us!
So many of us!

We are shelves, we are
Tables, we are meek,
We are edible,

Nudgers and shovers
In spite of ourselves.
Our kind multiplies:

We shall by morning
Inherit the earth.
Our foot’s in the door.

Mushrooms nennt sie das Gedicht und ich schließe die Tür hinter mir, lasse den Band auf dem Tisch liegen, kaltes Wasser ins Gesicht und dann die Tür schließen. Die Treppe hinauf mit kalten Füßen und in der Fensterscheibe bin ich ein dunkler Schatten. Auf der Fensterbank lieht ein Plaid. Auf dem Plaid schläft die Katze. Unten auf der Straße hört ein Hund auf zu bellen.

Sylvia Plath, Mushrooms, in: Carol Ann Duff (ed), Sylvia Plath, Poems, London 2012, p.58

40 Stunden

In fast 40 Stunden Berlin kann man zweimal im See schwimmen, einmal alle Fenster putzen, dreißig Minuten Klavier üben, einen großen, gelben Plastikeimer mit roten Johannisbeeren pflücken, eine letzte Erdbeertorte backen und den endgültig durchgelaufenen Sandalen hinterhertrauern. An der Spree sitzen und erst fährt einem der Wind und dann der Tierarzt durchs Haar. In 40 Stunden funkeln die Sterne ziemlich wild und die Liebespaare küssen sich unter dem weichen, gelben Licht einer Laterne. Unter dem Lampenkegel halten die Motten ihren jährlichen Sommerball ab und mir fällt ein: in diesem Sommer habe ich noch nicht einziges Mal getanzt. Dafür ein ernsthaftes Telefongespräch geführt. Holzhärten in einer Werkstatt ausprobiert, Postkarten an Deniz und Mesale geschrieben, zur Post preschen und den Postbeamten, der 18.01 Uhr noch Briefmarken verkauft, erst umarmt und dann auf ein Eis einladen, fast vergessen die Postkarten in den Postkasten zu werfen, auf einem Bein hüpfen, mit dem Tierarzt ausprobieren, ob unsere Arme wohl weit genug reichen, um die Kastanie zu umarmen (fast treffen sich unsere Fingerspitzen) . Mit der alten Freundin Wildtaube über einer Handvoll Rosinen ( die Wildtaube ) und einer Tasse Milchkaffee ( das Fräulein Read On ) eine halbe Stunde verratschen. Eine dreiviertel Wassermelone verschlingen. Wassereis für die Nachbarskinder machen und bestaunen wie schnell sehr viel Eis in Kindermündern verschwindet und mit noch mehr Vergnügen feststellen, dass der Tierarzt an halbgeeister Wassermelone am Stiel, Gefallen findet. Wer hätte das gedacht? Adam Thorpe’s Ulverton zu Ende lesen und sich gleich darauf in Chimamanda Ngozi Adichies Americanah stürzen. Eine ganze Menge Arbeit erledigen. Endlich einmal alle Bleistifte anspitzen. Den Tierarzt in der Hängematte in den Schlaf schaukeln. Die ewig dicken Shetlandponyhaare waschen und beim Kämmen einen Kammzinken in selbigem Haar verlieren. ( Glaubt man es denn? ) Einer Freundin die Zehennägel nach der OP im Krankenhaus lackieren.( Mintgrün ). Immer noch mehr arbeiten. Den Fahrradschlüssel suchen. Endlich den Fahrradschlüssel wiederfinden. Ein Honigbrot essen. Mit Freunden auf einer Dachterrasse albern sein und dann sehr ernst. Sich ernstlich Sorgen machen und dann noch ein paar Sorgen mehr. Die ersten Tomaten ernten und Abends noch einmal die Fledermäuse zählen. Einen Knopf annähen und sehr oft gähnen. Der lieben C. ein Gartenfürsorgepaket schicken. Glenn Gould beim Klavier spielen zuhören. Auf den Gesang der Nachtigall warten. Die Nachtigall schweigt. Ein Gedicht von Hilde Domin geschenkt bekommen können. Unverhältnismäßig oft niesen, die Füße auf die Balkonbrüstung legen und den Regentropfen bei der Wanderung über die zehn Zehenberge zusehen. Den Tierarzt im Gartenstuhl im Zwiegespräch mit der Kröte belauschen. ( Ja, das macht man nicht.) Schon wieder Eis für die Nachbarskinder und dann die Zinkwanne mit Wasser füllen für das kleinste der Kinder mit Ambitionen doch einmal alle sieben Weltmeere zu bereisen. Weiterarbeiten. Weiteratmen. Fernweh bekommen und ein Päckchen aus Italien. Von einem so schrecklichen Alptraum heimgesucht werden gegen den nichts hilft, auch kein kaltes Wasser. Im Garten einen großen Blumenstrauß pflücken ganz für mich allein. Hummelgesumm bestaunen und von einem ganz anderen Leben träumen. Alte Briefumschläge in die Hand nehmen. Die Handschrift meiner Mutter. Aufhören zu atmen.
Den Tierarzt zum Bahnhof fahren. Der Tierarzt hält sein luggage holdall in der einen und ein Englisch-Deutsch Wörterbuch in der anderen Hand. Ich versuche dem Tierarzt zu erklären, dass Mädchen eines der deutschen Lieblingswörter des Tierarztes sich nicht uneingeschränkter Beliebtheit bei deutschen Frauen erfreut. Aber das lernt der Tierarzt in unter 40 Sekunden als er eine Frau beim Koffer tragen zur Hand gehen will: „Mädchen, soll ich anfassen helfen?“ „Finger weg“ herrscht die Frau ihn an und der Tierarzt hält sein Wörterbuch ein bisschen fester. Ich winke immerhin mit einem weißen Taschentuch. „Auf nächste Woche“, rufe ich ihm hinterher.
Andere Bücher und ein anderer Schlüssel. Wieder zum Flughafen. Der Flug fällt aus. Mit zusammengebissenen Zähnen und nur mühsamen unterdrückten Fluchen eine komplizierte Ersatzroute zusammengeflickt. Erst gezögert, dann doch noch einmal nach Hause gefahren. Drei Stunden später die komplizierte Rückreise begonnen und 40 Stunden später wieder in Dublin ins Büro gelaufen.

Herr Müller kommt nicht mehr zurück.

In der kleinen Stadt in der meine Großmutter und auch mein Großvater lebten gab es nicht nur den alten Kirchturm und das Rathaus mit dem Renaissance-Giebel, die Poliklinik und die Praxis meiner Großmutter am anderen Ende des Marktplatzes gelegen, ein Gymnasium und altes Kopfsteinpflaster, sondern auch Außenseiter. Meine Großeltern zählten zu ihnen, sie waren die Juden des Ortes, das sagte man aber nicht laut, sondern hinter vorgehaltener Hand und noch heute, gehe ich über den Marktplatz sprechen mich manchmal Einwohner der kleinen Stadt an: „Sie sind doch die Enkeltochter der Frau Judendoktor, nicht wahr? Manchmal riefen die viele Kinder der kleinen Stadt: „Brennt der Jude/ rappelts in der Bude.“ Aber meine Großmutter verzog nur die Lippen zu einem Lächeln, von dem man niemals wusste, ob es spöttisch oder traurig war und ging weiter. So war das in Deutschland und auch in jenem Deutschland, das für sich befand antifaschistischer Schutzwall zu sein. Mein Großvater leitete den Chor und die deutschen Frauen, die dort aus dem Gotteslob sangen, verliebten sich in den schmalen Mann mit den traurigen Augen. „Der Jude hat etwas“ sagten die Frauen und mein Großvater der niemals lächelte, sah den Frauen nicht hinterher.

Im Kirchenchor sang auch Richard Müller. Er war der einzige Mann, Lehrer für Musik am örtlichen Gymnasium und schwul. Das wussten alle Menschen in der kleinen Stadt und sie ließen Richard Müller wissen, dass sie es wussten, denn wenn auch alle Menschen, sahen sie Richard Müller, ganz besonders überdeutlich sagten: „Guten Tag, Herr Müller“, so nannten sie ihn, kaum wandte er sich ab  niemals anders als „Sweety Müller“. Die Mütter, die im Kirchenchor Richard Müllers voluminösen Bariton lobten, verwarnten ihre Kinder niemals, aber wirklich niemals auch nur das leiseste Wort mit Sweety Müller zu wechseln. Denn Sweety Müller täte in seiner Wohnung über dem Konsum Dinge, die so schrecklich wären, dass sie am Besten gar nicht ausgesprochen würden. Sweety Müller täte mit kleinen Buben noch viel schlimmere Dinge als die Juden, die ja auch Kinder fräßen. ( Aber das durfte man nicht mehr laut sagen.)

Im Gymnasium der kleinen Stadt hatte Richard Müller Disziplinprobleme. Denn die Mädchen kicherten sobald Richard Müller das Wort Flöte in den Mund nahm hemmungslos und die Buben schrien „Sweety, sweety Müller“, wenn immer der Lehrer sich ihnen näherte, warfen die Notenblätter aus dem Fenster und wann immer Herr Müller das Klassenzimmer betrat, war eine Schmiererei an der Tafel angebracht, die zwei kopulierende Strichmännchen zeigte: Sweet stand unter der Zeichnung. Immer wieder beschwerten sich Mütter und Väter über den Musiklehrer und fürchteten um die Unversehrtheit ihrer Söhne.
Eines Tages aber wurde Richard Müller in Begleitung eines Mannes auf dem Marktplatz mit seinem hohen Kirchturm gesehen. Die vielen Kinder des Ortes riefen: „Küssen, Küssen“ und am Ende des Tages klingelte Richard Müller bei meiner Großmutter. Er blutete aus der Stirn und meine Großmutter ging mit ihm hinüber in die Praxis und nähte die Platzwunde und klammerte die geplatzte Augenbraue. „Herr Müller, sagte meine Großmutter, kann ich etwas für sie tun?“ Herr Müller schüttelte den Kopf. „Er sei nur unglücklich gefallen.“ „Jetzt müsse er auch los, denn sein Bruder sei zu Besuch.“ Aber meine Großmutter wie alle Bürger der kleinen Stadt wussten, dass die Männer des Ortes, Richard Müller „eine verpasst hätten“, damit er nicht noch mehr solche „warmen Brüder“ hier anschleppte. Im Kirchenchor waren die Frauen sehr besorgt um Richard Müller mit der schönen Baritonstimme. So vergingen die Jahre und Richard Müller blieb Sweety Müller. Eines Tages als Richard Müller die Tür zum Klassenzimmer öffnete, hatte sich die Buben die Münder rot geschminkt und spitzten die Münder zum Kuss: „Sweety, sweety Müller, küss mich doch, wenn du dich traust.“ Richard Müller verließ schweigend das Klassenzimmer.
Wieder klingelte Richard Müller bei meiner Großmutter und saß in ihrem Sprechzimmer, hinter dem Schreibtisch meiner Großmutter hing das Bild von Magnus Hirschfeld, den der Direktor der Poliklinik für einen Klassenfeind hielt und wahrscheinlich war Richard Müller der einzige, der Magnus Hirschfeld als den erkannte der er war, einen brillanten Arzt und Vorkämpfer für die Rechte sexueller Selbstbestimmung und der Entkriminalisierung von Homosexualität. „Ich brauche ein Rezept“, sagte Richard Müller zu meiner Großmutter.

„Was brauchen Sie für ein Rezept Herr Müller?, fragte meine Großmutter.

Ich brauche ein Rezept gegen diese Krankheit“, sagte Herr Müller und zeigte zwischen seine Beine.

Meine Großmutter von der ich doch alle Worte habe und die niemals auch nur um ein einziges Wort verlegen war, sah Richard Müller schweigend an. Dann sagte sie all die Dinge die man so sagt: Dass er völlig in Ordnung sei, so wie er sei, dass Homosexualität doch, aber Richard Müller wollte ein Rezept gegen ein Leben, das ihm nicht aufhörte wehzutun, ein Rezept gegen die johlenden Kinder, gegen das „Einen wunderschönen, schönen guten Morgen Herr Müller, gegen die grinsenden Männer mit der Faust in der Tasche. Meine Großmutter hatte kein Rezept, sie suchte ja selber vergeblich gegen ein Rezept für die Schmerzen von Auschwitz. Lange saßen sie da, meine Großmutter und Richard Müller und der schweigende Magnus Hirschfeld an der Wand schwieg mit ihnen. Dann ging Richard Müller: „Danke Frau Doktor.“

Zwei Wochen später fand eine Nachbarin Richard Müller auf dem Wäscheboden.

Richard Müller hatte sich erhängt.

Kreischend stand sie auf dem Marktplatz: „Sweety Müller ist tot.“

Die Frauen heulten, die Männer sagten sie hätten es ja gewusst, dass es kein gutes Ende nehmen würde mit Einem wie diesen. Die Kinder johlten und wollten die Leiche des „warmen Bruders“ sehen.

Zur Beerdigung Richard Müllers kamen allein sein Bruder und meine Großeltern. Noch heute aber und längst gibt es schwule Paare in der kleinen Stadt, raunen die Bürger, wann immer ihnen jemand merkwürdig erscheint: „Ganz wie Sweety Müller.“

 
Heute am 30. Juni 2017 hat der Bundestag die „Ehe für Alle.“ beschlossen und auch wenn es keine späte Gerechtigkeit mehr für Richard Müller gibt, so gibt es doch ein Unrecht weniger.

Ein unendlicher Sommer

IMG_2300.jpgDie Juninächte in Kensington sind noch immer mild und regnerisch zugleich. Der Mond hängt tief über den Dächern und noch immer sind die Häuser so herrschaftlich wie englisch treu. Die Bäume der Straße sind eine Geschichte des Empires für sich. Die Bewohner der Häuser lächeln leise und nur manchmal öffnet sich ein Tor und ein Auto fährt fast geräuschlos davon.

Fast immer ist noch alles genau so, wie in jenem Sommer vor vielen Jahren, als der D. und ich, das Haus seiner Eltern hüteten. Auch jener Sommer begann mit einem Vollmond und dicken Regentropfen. Der D. küsste mich unter einem Frangipani-Baum und wir sprachen nicht davon, dass die neue Freundin seines Vaters, mit dem Lieblingskleid seiner toten Mutter in der Stadt spazieren ging und vermutlich auch im Koffer den sie mit in den Urlaub nahm mehr als eines ihrer Kleider eingepackt hatte. Wir winkten dem Bentley bis er um die Ecke bog. Dann küssten wir uns und später saßen wir auf den Steinen, die das Bassin mit den Seerosen umschlossen. Wir wären gern aufgestanden, denn der Regen wurde heftiger und schon klebte uns die Kleidung an den Knochen. Aber wir waren wie festgewachsen, die Seerosen leuchteten weiß und schwer zu unseren Füßen. Später habe ich zähneklappernd in der großen, schwarzen Badewanne gelegen und in den Regen hinausgesehen. Der D. saß auf der Fensterbank und wir beide schwiegen, der Regen war ja laut genug. An einem anderen Abend da sprang die G., in einem goldenen Paillettenkleid, das ungefähr so viel gekostet hatte, wie ich damals in einem Jahr verdiente in den Pool, als eine goldene Nixe tauchte sie wieder auf. Schon damals ging die G. niemals einer Wette aus dem weg und als der betrunkene F2 seinen Siegelring in den Swimmingpool warf, war sie die erste, die wettete diesen auch in goldenem Kleid und goldenen, hochhackigen Sandalen herausholen zu können und natürlich die G. ihr Versprechen eingelöst. Getanzt haben wir in diesem Sommer als ob es um unser Leben ginge und vielleicht ging es das ja auch. Alte Platten in dunkel getäfelten Wohnzimmern mit Tischen an denen ohne Mühe die Queen samt Hofstaat beköstigt werden könnte und wer weiß, vielleicht kommt sie noch immer in eines jener Häuser zum Tee. Wir aber drehten uns nächtelang zur kratzenden Nadel der Plattenspieler und verliebten uns wechselseitig ineinander und trennten uns zwischen Atempausen. Obwohl es uns doch vor allem an Atem fehlte. Vielleicht zogen wir deshalb auch durch die Gärten. Lampions und kalter Wein. Mit dem D. ganz oben auf einem Dachfirst balancieren. Mit geschlossenen Augen und eng verschränkten Händen. Der D. drehte die Bilder seines Vaters um und ich hängte weiße Lampions im Garten auf. Die G. trug ein feuerrotes Kleid in jener Nacht und wir alle hörten erst ihr Lachen und dann spät in der Nacht, die Kerzen in den Lampions schimmerten nur schwach ein leises Platschen und plötzlich schwamm die G. stumm und still im Bassin und verschwand fast ganz in den Seerosen. Ophelia dachte ich und der D. sprang ins Wasser und zog sie heraus. Ophelia sagte sie und wir nickten, denn auch wir wollten mit dem Leben im eigentlichen Sinne nichts zu tun haben. Irgendwann war die G. wieder warm und trocken. Vielleicht war daran auch der 200 Jahre alte Brandy schuld und der D. wickelte die G. in einen Bademantel seiner Mutter. Manchmal verschwand der D. für Tage und manchmal war er nicht zurück, wenn es schon dunkel. Es dauerte ein paar Tage bis ich herausfand, wo der Friedhof war und der D. lag auf dem Grab seiner Mutter, verdeckt und kaum zu erkenne, zwischen all dem Efeu und den weißen Lilien, die ein Gärtner brachte. Ich zog den D. an beiden Händen wieder in die Welt zurück. Wie zwei Schlafwandler taumelten wir zurück und der D. hatte kalte Hände. Der Sommer aber , jener Sommer war warm und wir glaubten, dieser Sommer müsste reichen für ein ganzes Leben. Vielleicht ist das ja wahr. Am Ende des Sommers kehrte der Vater des D. schließlich zurück. Da hatten wir die die Sachen seiner Mutter schon in das Haus, in das er schließlich ziehen würde, gebracht. Sein Vater sagte nichts zu den leeren Schränken und schwieg über die geleerten Flaschen. Der D. fuhr auf zwei Jahre ins ewige Eis. Die G. packte eine leichte Tasche und eines Tages lag eine Karte aus Los Angeles in meinem Briefkasten. Es würden viele Sommer vergehen, bis ich sie schließlich wiederträfe. Ein jadegrünes Kleid trug sie am Flughafen und ich sah sie sofort. Ich aber begann nach jenem Sommer zu studieren und über meinem Schreibtisch hängt noch immer ein Bild von D. und seiner Mutter. Nach Kensington bin ich für viele Jahre nie wieder zurückgekehrt, bis zu dieser Woche. Auch in dieser Woche ist Sommer, aber niemand trägt ein goldenes Kleid und auch den Bentley habe ich nicht gesehen. Dazu habe ich zu viel gearbeitet und kaum aus dem Fenster gesehen. Drei Tage, dreimal 18 Stunden und doch als endlich alles erledigt ist, laufe ich durch die regenschwere Nacht, über den Kaminen steht der Mond und laufe die Straße hinunter. Das Haus des D. liegt dunkel in der Nacht. Nur hinter einem Vorhang schimmert ein kleines Licht. Aber der Frangipani Baum steht noch immer an gleicher Stelle und meine Hände finden unsere Namen. Eine ganze Weile lege ich meine Hände auf den Baumstamm und schließe die Augen. Dieser Sommer hört nicht auf zu sein, flüstere ich und denke an D. und G. Dann gehe ich zurück durch das stille Viertel. Schließlich fängt es an zu regnen, denn die Juninächte in Kensington sind noch immer mild und regnerisch zugleich.

Der verschwundene Leuchtturm

Mitten in der Nacht wache ich auf. Etwas ist anders als sonst, aber mir will nicht gleich einfallen, was diese Nacht von anderen Nächten unterscheidet. Neben mir schläft leise seufzend der Tierarzt, eine Hand über seine Brust gelegt, so als wollte er sich selbst festhalten. Wer weiß, vielleicht segelt er gerade in unruhigen Träumen über ein wogendes, schäumendes Meer, und zwischen ihm und dem Felsen kantig und schiefergrau, nur er und sein Boot. Vor dem Bett schläft den Kopf auf die Pfoten gelehnt der Hund. Wie der Tierarzt so seufzt auch der Hund tief und mit gerunzelten Brauen. Mag sein, der Hund träumt von Enten im raschelnden Schilf, zu hören doch niemals ganz zu sehen, gut verborgen auch vor neugierigen Hundenasen. Aber was weiß was man schon über die Träume der Anderen? Aber dennoch etwas ist anders, der alte Reisewecker meines Großvaters, der schon seit vielen Jahren neben meinem Bettkasten tickt, ist es nicht, denn treu wie eh und je zeigt sein verblichener, einstmals grün schimmernder Zeiger auf dreiviertel drei. Auch der Bücherstapel, dem ich durchaus erhitzte nächtliche Diskussionen zutrauen würde, raschelt nicht einmal ein kleines bisschen mit den Seiten, sondern Buch auf Buch schläft tief und fest, selbst die London Review of Books, die doch des Diskutierens nicht müde wird, schlummert selig und ich drehe mich langsam und vorsichtig, um weder Tierarzt noch Hund aus den Träumen zu reißen, den tiefen Fenstern, die zum Meer zeigen zu. Dunkel ist es, aber auch das ist nicht ungewöhnlich, aber etwas ist ganz bestimmt nicht, wie sonst. Erst einmal aber angle ich nach dem Glas Wasser, denn immer tobt dieser Durst in mir und stets muss ich ein großes Glas Wasser in der Nähe haben, das leere Glas halte ich mir an die Stirn. Dann fällt es mir endlich ein, der Leuchtturm draußen vor der Küste, dessen warnender Schimmer doch kreisförmig in regelmäßigen Abständen durch unser Fenster fällt, ist nicht zu sehen. Zu dicht kleben die Wolken, als undurchdringlicher Vorhang gespannt vor dem Fenster, zu hart prasselt der Regen gegen die Scheiben und zu tief hat die Nacht ihre Arme über uns ausgebreitet, als das der Leuchtturm dort draußen im tobenden Meer noch bis zu uns heranreichen würde. Ein schwarzer Eimer voll Kohle, eine Wolkendecke aus Zement ist diese Nacht, selbst der Regen schimmert nicht blau, sondern läuft als sei ein Tintenfass umgestoßen worden über die Fensterscheiben hinab. Der Leuchtturm aber, den ich seit der ersten Nacht in diesem Haus jede Nacht sah, bleibt verschwunden, als hätte ihn die Nacht, der Regen oder die Wolken verschluckt. Immer war der Leuchtturm der Dreh- und Angelpunkt meiner Nächte, und in den ersten Nächten in diesem Haus und dem fremden Bett, sah ich auf Stunden zum Leuchtturm hinüber und überlegte, wer einem wohl die Richtung weist, liegt man plötzlich in einem fremden Leben, das nicht passt, nicht am Morgen und auch nicht in der Nacht. Damals lag niemand neben mir im stillen Zimmer, nur die Katze schlief unten auf dem Sessel. Der Tierarzt war mir nur ein ferner Begriff aus den Erzählungen der Frau des Krämers und ich war fest entschlossen, diesen merkwürdig abwesend-anwesenden Mann, der offenbar eng mit der Krämersfamilie verbandelt war, auf keinen Fall zu mögen. Lieber sah ich aufs Meer hinaus und mir war als zwinkerte der Leuchtturm mir aufmunternd zu. Aber der Leuchtturm bleibt heute Nacht verschwunden. Vom ersten Leuchtturm fernab indes vom Meer erzählte mir meine Großmutter, vielleicht begann ja so überhaupt die Geschichte der Leuchttürme, damals ich in ihren Schoß gerollt, ähnlich wie die Katze unten in meine Strickjacke, ließ ich mir erzählen von jenem Dichter Aeschylus, in dessen Orestie ein eigens bestellter Wächter einen Leuchtturm in Flammen stehen sieht. Ein Zeichen sollte dieser brennende Leuchtturm sein, ein Zeichen für das Ende des schrecklichen Krieges um Troja die stolze Stadt. Doch schon damals, sicher und geborgen an meine Großmutter gelehnt schwante mir, dass ein brennender Leuchtturm ein Zeichen des Unheils ist, ein brennender Leuchtturm ebenso wie ein verschwundener Leuchtturm irgendwo im Dunkel der Nacht ist die Hoffnungslosigkeit selbst. Und die Geschichte, die meine Großmutter mir erzählte, die Geschichte nämlich in der Clytemnestra, die Frau Agamemnon, Aegisthus zum Liebhaber genommen hat, ist eine jener Geschichten, die so sehr ins Dunkle führen, dass kein Weg mehr ins Helle hinaus führen kann und der Heimkehrende Agamemnon findet keine Heimat, keine Penelope, sondern seine Frau würde ihn schließlich im Bade- ob er dabei wohl auf den Leuchtturm sah?- in einem Netz gefangen wie einen schlüpfrigen Fisch. Mich schauderte, aber meine Großmutter fand man müsse den Dingen ins Auge sehen. Auf einen Leuchtturm hatte sie aufgehört zu warten und wie immer wollte sie auch mich leise warnen, und wie immer verstand ich es erst viele Jahre später, vielleicht lerne ich es auch erst in den Nächten, in denen der Leuchtturm verschwunden bleibt. Damals aber wollte ich mehr über Clytemnestra hören, und meine Großmutter erzählte mir von der berauschend schönen Helena ihrer Halbschwester und ich verstand genau, denn meine Schwester ist immer die Schöne gewesen, noch immer noch heute ist Schwesterchen ein ganz eigener Leuchtturm. Doch dann jener Abend, jenes Fest für Helden zu dem auch der König von Mykene, Agamemnon geladen war und er Agamemnon sah sie Clytemnestra . Er sah sie und fiel vor ihr nieder, so kann ein Unglück beginnen und sie sagte: „Steh doch auf.“ Sie dreht sich um und Agamemnon läuft ihr hinterher und sie legt dem weinenden König die Hand auf den Kopf. Ihr Mann kommt herbei und Agamenon der weinende König, schlägt ihm den Kopf ab, tötet ihren Sohn und zwischen den abgeschlagenen Köpfen, zwang er sie mit ihm zu schlafen. „Du siehst Kind“, sagte meine Großmutter, nicht kann einen auf das Unglück vorbereiten.“ Ich sehe noch immer in die Nacht heraus. Agamemnon so heißt schliff sie an den Haaren nach Mykene, erst kamen die Kinder, dann kam der Krieg. 10 Jahre dauerte der Krieg um die stolze Stadt Troja und zehn Jahre hatte Clytemnestra hatte zehn Jahre lang Zeit den Hass wachsen zu lassen und schließlich, das brennende Feuer und der Leuchtturm von Atreus taten ihr übriges hatte sie Agamemnon im Netz und mit einem Beil den Kopf abgeschlagen. Das war das Ende nicht nur von Agamemnon, sondern auch seiner Frau. Dann schwieg meine Großmutter und strich mir über das Haar. Ich malte brennende Leuchttürme und fürchtete mich sehr. Der Leuchtturm aber mitten in der irischen See bleibt verschwunden, manche Nächte erinnern sich vielleicht an jene Nacht, in der ein Wächter ein Feuer sah. Weiter fällt der Regen gegen das Fenster, der Tierarzt dreht sich zur Seite und fährt mit einer Hand in meine Haare, mag sein, dass das wogende Boot seiner Träume einen Anker braucht, der Hund auf dem Teppich schnarcht inzwischen, die Uhr tickt und als ich am Morgen aufwache, steht der Leuchtturm stark und fest inmitten der grauen, wogenden See.

Hineingefallen

Gestern lag in der Regenrinne ein ertrunkener Vogel. Begraben ist der Vogel, der so tief fiel unter der alten Kastanie, die direkt an das Kirchhofmäuerchen grenzt. Eine der mattschwarzen, glänzenden Federn liegt nun in der Tonschale auf dem Küchenschrank. Das Küchenfenster geht direkt zur Kastanie heraus. Heute zwischen zwei langen Sitzungen hatte ich Zeit für dreißig schnelle Bahnen im Schwimmbad der Universität. 30 Bahnen lang Zeit um zu überlegen wo ich schon überall hineingefallen bin, nicht genug Zeit um zu überlegen, ob ich aus allen Untiefen wohl auch wieder herausgekommen bin, aber es hilft ja nichts, wenn die Zeit eben schneller läuft als man selbst. Hineingefallen also in Pfützen, große und kleine, in einen Priel an der Nordsee, beinahe nur in ein Moor, mehrmals bekleidet in Seen und einmal von einer heftigen Böe erfasst von der Arca ins Mittelmeer hinein. Hineingefallen in offene Arme. Ebenso oft habe ich mich in fest verschlossene, brettharte Arme fallen lassen. Die Arme gaben niemals nach. Hineingefallen bin ich in Bücher und ihre Bewohner: „Nein, blieb doch bei Anna dem Blumenmädchen“ rief ich Thomas Buddenbrook voller Entsetzen zu, doch er war schon weiter, und später sah ich ihm zu, wie er toll vor Schmerzen auf die Straße fiel. Vom Rad auf Straßen gefallen, ja das kann ich gut, einmal gefährlich nah an eine Böschung. Hineingefallen in Menschen, in ‚sone und solche ‚und zu oft in solche, die alles fallen ließen, am Ende auch mich. Hineingefallen in Franz Kafka mit einer erschreckenden Wucht. Noch immer stehe ich eigentlich auf einem Prager Bahnhof und rufe ihm zu: „Fahren Sie doch, so fahren Sie doch“ und dass Franz Kafka und Milena Jesenská sich buchstäblich verpassten, ist mir niemals aus dem Kopf gegangen. Hineingefallen in Geschichten in so vielen Nächten und hingefallen über scharfe Ecken in ihnen und in denen, die sie schrieben oder lebten, manchmal ist das ja wirklich dasselbe. Hineingefallen in Herzen und Rippen und hineingefallen bis tief unter die Haut. „Du bist mir zu viel“ schrie mehr als einer und wieder war ich hingefallen und sah nur die blauen Flecken noch nicht. Hineingerollt oder zusammengerollt in einen Straßengraben, da flogen Schüsse ( Islamabad, 2011 ). Mit dem Gesicht in die Erde gedrückt, in die geöffnete Hand atmend, ein kleiner, brauner Vogel, bewegungslos und irgendwann doch wieder aufgestanden. Vielleicht sind in jenem Straßengraben ja braune Federn von mir liegen geblieben und jemand hat sich eine aufgehoben, wer weiß das schon? Niemals jedoch hineingefallen in eine dreistöckige Hochzeitstorte, dafür in einen Eimer Brennesselsud. Hineingefallen in einen Berge Schnee und viele, viele Male in eine duftende Wiese. Gefallen auch in einen Schober mit Heu. Hineingefallen auch in Federbetten und nie wieder so gern in ein Bett, wie das meiner Großmutter. Hineingefallen in Alpträume, die so regelmäßig über mich herfallen wie der Wecker früh am Morgen.

Hineingefallen in Briefe und nicht nur in solche, die von der Liebe handeln. Gut bekommen sind mir die wenigsten und eines Tages hoffe ich, lasse ich sie gehen. Hineingefallen in den Abgrund: Abschiedsbrief. Kein Ende dieses Abgrunds in Sicht. Hineingefallen vor Müdigkeit in einen Wäschekorb und öfter als mir lieb ist auch in die Badewanne. Hineingefallen in Notenpapier. Schumann. Chopin. Beethoven. Schönberg. Bach. Wie kann man in Bach nicht hieninfallen wie in einen unendlichen Strudel? Ich konnte es nicht und meine Hände klebten zitternd auf der Klaviatur.

Hineingefallen mitten in mich hinein, oder sollte man besser sagen hineingefahren, ein blankes, scharfes Messer, Süd-Sudan 2013. 8 Zentimeter lang war die Klinge. Die Narbe ist länger. Das Messer habe ich behalten. Es liegt in der Werkzeugkiste. Fahre ich mir über die Narbe, und das tue ich oft, glaube ich manchmal ein Loch täte sich auf, dort liegt die Angst noch immer vergraben, nicht die Angst vor dem Messer, sondern die ganze Angst, die Angst die ich hatte und die ich haben werde, ist wohl damals als mir für einen langen Moment die Rippen offen standen, die Angst in mich hineingefahren und haust jetzt zur Untermiete zwischen Zwerchfell und Rippenbögen. Wer würde es ihr schon verwehren? Hinein gefallen wieder und wieder in schöne Wörter ( alldieweil, Morgentau und Regenwand), in grün-blau-grau-braune Augen, in einen Wasserfall, in warme Hände und eiskalte Zehen. Hineingefallen wieder und wieder in alles und nichts. Hineingefallen in Bergseen ohne Grund und in die Vergangenheit, auch ohne Grund. Hineingefallen in Indien, wirklich hineingefallen, nahezu ahnungslos und das hieß hingefallen wieder und wieder hingefallen. Immer wieder aufgestanden. Irgendwann verstanden, dass man hinfallen muss. Leichter geworden ist es nicht. Hineingefallen also auch in die Leben der Anderen. Ich hoffe: nicht überfallen. Hineingefallen in die ersten Atemzüge meiner Nichte. Noch immer atme ich mit ihr mit. Das kleine Bündel Mensch in meinen Armen. Die große Schwester in meinen Armen und hineinfallen in das kleine, neue Leben auf dem Arm, so viel Glück, so viel Liebe, dass wir vergessen haben, welcher Arm zu wem gehört und auf dem ersten Bild meiner Nichte, die heute eine kleine Königin ist, glaubt man ein Tintenfisch umarme sie. Überall Arme. In die Welt hineinfallen, das tun wir alle, ich wünschte es wären mehr Arme für alle da. Hineingefallen in Windböen, echte und solche mit metaphorischer Note. Gemocht habe ich sie nie diese Böen und Menschen, die sich am Gegenwind erfreuen, stellen mir meistens ein Bein. Hineingefallen noch in die dümmste Falle und hineingefallen seit vielen Jahren in ungezählte Ströme Wasser. Heute in ein ganz leeres Schwimmbad. 30 Bahnen aber sind schon um und ich muss weiter.

Auf der Anrichte aber liegt eine schwarze Feder bis zum nächsten Mal. Hineinfallen.