Herr Müller kommt nicht mehr zurück.

In der kleinen Stadt in der meine Großmutter und auch mein Großvater lebten gab es nicht nur den alten Kirchturm und das Rathaus mit dem Renaissance-Giebel, die Poliklinik und die Praxis meiner Großmutter am anderen Ende des Marktplatzes gelegen, ein Gymnasium und altes Kopfsteinpflaster, sondern auch Außenseiter. Meine Großeltern zählten zu ihnen, sie waren die Juden des Ortes, das sagte man aber nicht laut, sondern hinter vorgehaltener Hand und noch heute, gehe ich über den Marktplatz sprechen mich manchmal Einwohner der kleinen Stadt an: „Sie sind doch die Enkeltochter der Frau Judendoktor, nicht wahr? Manchmal riefen die viele Kinder der kleinen Stadt: „Brennt der Jude/ rappelts in der Bude.“ Aber meine Großmutter verzog nur die Lippen zu einem Lächeln, von dem man niemals wusste, ob es spöttisch oder traurig war und ging weiter. So war das in Deutschland und auch in jenem Deutschland, das für sich befand antifaschistischer Schutzwall zu sein. Mein Großvater leitete den Chor und die deutschen Frauen, die dort aus dem Gotteslob sangen, verliebten sich in den schmalen Mann mit den traurigen Augen. „Der Jude hat etwas“ sagten die Frauen und mein Großvater der niemals lächelte, sah den Frauen nicht hinterher.

Im Kirchenchor sang auch Richard Müller. Er war der einzige Mann, Lehrer für Musik am örtlichen Gymnasium und schwul. Das wussten alle Menschen in der kleinen Stadt und sie ließen Richard Müller wissen, dass sie es wussten, denn wenn auch alle Menschen, sahen sie Richard Müller, ganz besonders überdeutlich sagten: „Guten Tag, Herr Müller“, so nannten sie ihn, kaum wandte er sich ab  niemals anders als „Sweety Müller“. Die Mütter, die im Kirchenchor Richard Müllers voluminösen Bariton lobten, verwarnten ihre Kinder niemals, aber wirklich niemals auch nur das leiseste Wort mit Sweety Müller zu wechseln. Denn Sweety Müller täte in seiner Wohnung über dem Konsum Dinge, die so schrecklich wären, dass sie am Besten gar nicht ausgesprochen würden. Sweety Müller täte mit kleinen Buben noch viel schlimmere Dinge als die Juden, die ja auch Kinder fräßen. ( Aber das durfte man nicht mehr laut sagen.)

Im Gymnasium der kleinen Stadt hatte Richard Müller Disziplinprobleme. Denn die Mädchen kicherten sobald Richard Müller das Wort Flöte in den Mund nahm hemmungslos und die Buben schrien „Sweety, sweety Müller“, wenn immer der Lehrer sich ihnen näherte, warfen die Notenblätter aus dem Fenster und wann immer Herr Müller das Klassenzimmer betrat, war eine Schmiererei an der Tafel angebracht, die zwei kopulierende Strichmännchen zeigte: Sweet stand unter der Zeichnung. Immer wieder beschwerten sich Mütter und Väter über den Musiklehrer und fürchteten um die Unversehrtheit ihrer Söhne.
Eines Tages aber wurde Richard Müller in Begleitung eines Mannes auf dem Marktplatz mit seinem hohen Kirchturm gesehen. Die vielen Kinder des Ortes riefen: „Küssen, Küssen“ und am Ende des Tages klingelte Richard Müller bei meiner Großmutter. Er blutete aus der Stirn und meine Großmutter ging mit ihm hinüber in die Praxis und nähte die Platzwunde und klammerte die geplatzte Augenbraue. „Herr Müller, sagte meine Großmutter, kann ich etwas für sie tun?“ Herr Müller schüttelte den Kopf. „Er sei nur unglücklich gefallen.“ „Jetzt müsse er auch los, denn sein Bruder sei zu Besuch.“ Aber meine Großmutter wie alle Bürger der kleinen Stadt wussten, dass die Männer des Ortes, Richard Müller „eine verpasst hätten“, damit er nicht noch mehr solche „warmen Brüder“ hier anschleppte. Im Kirchenchor waren die Frauen sehr besorgt um Richard Müller mit der schönen Baritonstimme. So vergingen die Jahre und Richard Müller blieb Sweety Müller. Eines Tages als Richard Müller die Tür zum Klassenzimmer öffnete, hatte sich die Buben die Münder rot geschminkt und spitzten die Münder zum Kuss: „Sweety, sweety Müller, küss mich doch, wenn du dich traust.“ Richard Müller verließ schweigend das Klassenzimmer.
Wieder klingelte Richard Müller bei meiner Großmutter und saß in ihrem Sprechzimmer, hinter dem Schreibtisch meiner Großmutter hing das Bild von Magnus Hirschfeld, den der Direktor der Poliklinik für einen Klassenfeind hielt und wahrscheinlich war Richard Müller der einzige, der Magnus Hirschfeld als den erkannte der er war, einen brillanten Arzt und Vorkämpfer für die Rechte sexueller Selbstbestimmung und der Entkriminalisierung von Homosexualität. „Ich brauche ein Rezept“, sagte Richard Müller zu meiner Großmutter.

„Was brauchen Sie für ein Rezept Herr Müller?, fragte meine Großmutter.

Ich brauche ein Rezept gegen diese Krankheit“, sagte Herr Müller und zeigte zwischen seine Beine.

Meine Großmutter von der ich doch alle Worte habe und die niemals auch nur um ein einziges Wort verlegen war, sah Richard Müller schweigend an. Dann sagte sie all die Dinge die man so sagt: Dass er völlig in Ordnung sei, so wie er sei, dass Homosexualität doch, aber Richard Müller wollte ein Rezept gegen ein Leben, das ihm nicht aufhörte wehzutun, ein Rezept gegen die johlenden Kinder, gegen das „Einen wunderschönen, schönen guten Morgen Herr Müller, gegen die grinsenden Männer mit der Faust in der Tasche. Meine Großmutter hatte kein Rezept, sie suchte ja selber vergeblich gegen ein Rezept für die Schmerzen von Auschwitz. Lange saßen sie da, meine Großmutter und Richard Müller und der schweigende Magnus Hirschfeld an der Wand schwieg mit ihnen. Dann ging Richard Müller: „Danke Frau Doktor.“

Zwei Wochen später fand eine Nachbarin Richard Müller auf dem Wäscheboden.

Richard Müller hatte sich erhängt.

Kreischend stand sie auf dem Marktplatz: „Sweety Müller ist tot.“

Die Frauen heulten, die Männer sagten sie hätten es ja gewusst, dass es kein gutes Ende nehmen würde mit Einem wie diesen. Die Kinder johlten und wollten die Leiche des „warmen Bruders“ sehen.

Zur Beerdigung Richard Müllers kamen allein sein Bruder und meine Großeltern. Noch heute aber und längst gibt es schwule Paare in der kleinen Stadt, raunen die Bürger, wann immer ihnen jemand merkwürdig erscheint: „Ganz wie Sweety Müller.“

 
Heute am 30. Juni 2017 hat der Bundestag die „Ehe für Alle.“ beschlossen und auch wenn es keine späte Gerechtigkeit mehr für Richard Müller gibt, so gibt es doch ein Unrecht weniger.

As an exception in German: Perlweiße Zähne

Schon in der Schule wurden der V. nur die besten Aussichten prophezeit. Nein, besonders klug ist die V. schon damals nicht gewesen. Eine gewisse Fähigkeit zum auswendig lernen kam ihr zu Gute, ein freundliches Gemüt und rostbraune Locken, die sie sich um den Zeigefinger wickelte, um sie dann blitzschnell und unverhofft zurückschnellen zu lassen.Die V. sagte nicht dümmere Sachen als andere, lachte nie zu laut oder zu leise. Sie war mit allen gleichermaßen befreundet und nur mit der F. glaube ich für ein paar Wochen zerstritten. ( Anlass war ein Lacoste Tenniskleid, das die V. in der Auslage eines Schaufensters bewundert hatte, bevor es die F. am nächsten Morgen trug. Aber das wiederum ist eine andere Geschichte.)  Bewundert und beneidet gleichermaßen wurde die V. schon damals allein wegen ihrer ebenmäßigen und perlweißen Zähne. Ein Gebiss hatte die V. das makelloser nicht hätte sein können. Ein Gebiss aus dem Dentistenträume gemacht sind, ebenmäßige, glatte und so schneeweiße wie feste Zähne hatte die V.  Es ist ganz und gar nicht übertrieben zu sagen, dass die Zähne der V. schlichtweg glänzten. Die V. war sich dessen schon immer bewusst. In den Schulpausen, ich habe es selbst gesehen, überprüfte die V. ihr Gebiss in einem eigens dafür mitgebrachten Taschenspiegel und besah sich auf das Genauste ob die Zähne noch ihrem Ruf entsprächen. Erst wenn der Zahnschmelz zu ihrer Zufriedenheit funkelte, steckte sie befriedigt nickend den Spiegel zurück in ihre Tasche. Die D. erzählt, die V. habe ihr ergebene Buben sogar gegen eine kleine Gebühr ihre Zähne befühlen lassen. Ob das stimmt, kann ich nicht sagen, damals bin ich schon nur noch sehr selten zur Schule gegangen. Fakt aber was, wenn die V. lächelte, langsam und gekonnt, ihr Lächeln war immer erst vorsichtige Andeutung bevor es sich dann in vollem Glanz entfaltete. Lächelte die V. dann aber, hielten wir alle, die Welt selbst eingeschlossen den Atem an. Von einer solchen Schönheit waren die Zähne der V. Später dann, hat die V. es ist wenig überraschend einen Zahnarzt geheiratet. Es war so erzählte mir der B. einmal Liebe auf den ersten Zahn gewesen. Überall in der Praxis habe der Zahnarzt, Plakate mit dem Gebiss der V. aufgehängt. Dies, so der B. habe die erfolgreiche Praxis zu einer überaus erfolgreichen werden lassen und den Zahnarzt und Ehemann der V. bewogen einen weiteren Kollegen einzustellen. Zwei Kinder hätten die V. und ihr Zahnarzt ebenfalls bekommen. ( Über die Beschaffenheit der Zähne der Kinder, ist jedenfalls dem B. nichts Näheres bekannt.) Der neue Kollege habe sich als überaus verständig erwiesen, um nicht zu sagen: als sehr begabt. Die Begabung des jungen und talentierten Kollegen aber habe sich nicht auf die Extraktion von Zähnen beschränkt, sondern sehr bald sei der junge Kollege auch der V. und ihrem Gebiss verfallen.  Der Ehemann der V. habe von alldem nichts mitbekommen, sondern sich weiter an der V., ihrem Gebiss und dem durch den jungen Kollegen möglich gewordenem Tennisspiel erfreut. Der junge Kollege, aber nicht nur verliebt in die Zähne der V. sondern auch mit dem Hunger nach Erfolg begabt, eröffnete erst kürzlich im nicht weit entfernten Nachbarort eine Dependance. An den Wänden prangten, die glänzen, strahlend-weißen Zähne der V. in großformatigen Aufnahmen. Das Unglück oder die Karies, wie man so will, führten nun einen Patienten des Zahnarztes in die Dependance des so jungen wie begabten Kollegen. Dort traf er auf dem Behandlungsstuhl gurgelnd auf die schon bekannten Bilder des schönsten Gebisses der Welt. Bald darauf wusste es der Zahnarzt, dann der ganze Ort. Es ist noch nicht klar, ob die Ehe der V. zu retten sein wird, von einem Ultimatum des jungen Kollegen ist die Rede, schwerer aber noch als die eheliche Untreue, so der B. wiege für den Zahnarzt der Verrat am Exklusivrecht der Gebissfotografien. Der Junge Kollege verweigere die Herausgabe der Aufnahmen und hätte sich sogar erdreistet sich auf einen intimen, einzig mit der V. geteilten Moment zu berufen. Die Auseinandersetzung hält an. Die V. hingegen sei schmallippig geworden, sagt der B. Bei ihrer Begegnung am Flughafen hätte sie ihre perfekten, weiß schimmernd, perlweiß glänzenden Zähne nicht ein einziges Mal gezeigt.