Szenen aus dem Leben eines seltsamen Fräuleins.

Die Szene: Ein windschiefes Haus irgendwo in Irland. Links der Kirchturm St. Sylvester, im Garten des Hauses eine alte Kastanie. Bewölkter Himmel. Die Dorfstraße, hier steil ansteigend, auf der Straße, ein Fräulein mit Bücherbeutel, Tasche und Einkäufen beladen. Das Fräulein ist angetan mit einem gelben Wetterfleck, robusten schwarze Ankleboots mit denen sich auch Mordor durchwandern ließe, ihre Haare, die von weiten an ein Shetlandpony erinnern, wogen im Wind, ihre Nase tropft und augenscheinlich murmelt sie Flüche. Vor dem Haus: ein alter, klappriger, roter Volvo.

Die Frau kramt nach dem Schlüsselbund und betritt das Haus.
Am Küchentisch sitzt ein mittelalter Mann, (ein blauer Schafwollpullover, kunstvoll gezauste Haare), tief gebeugt über tierärztliche Fachliteratur, auf seinem Schoß schläft eine Katze, zu seinen Füßen hechelt der Hund.

Auftritt Fräulein ( Frl.):

( Der Bücherbeutel fliegt in Richtung geöffnete Küchentür)

Frl.: Man fasst es ja nicht. Man fasst es ja nicht. Dass sich vor Kindergärten und Schulen die Blechlawinen stauen und Eltern in Hupwettkämpfe und Tätlichkeiten verwickelt sind, um ihrem kleinen Wunderkind noch zehn Meter zu Fuß zu ersparen, ist nicht neu. Nein, das ist nicht neu. Aber ( das Fräulein reißt die Arme nach oben ) heute hat mich eine SUV-Mutter, die das liebe Erstsemester zum Semesterbeginn auf den Campus kutschierte, umgefahren. Einfach so, beim Rückwärtsmanövrieren, fuhr sie mich um. Zwar langsam, aber doch ganz bestimmt, fuhr sie mich um und während ich versuchte zur Seite zu hechten , bläkte sie dabei aus dem Autofenster: „Hey Sie, wo geht es denn zur Immatrikulation.“ Ich schrie natürlich: Halten sie das verdammte Auto an.“ Das hat mir den Fuß gerettet, denn so fuhr sie nur über den mir entglittenen Bücherstapel. Man fasst es ja nicht. Diese Impertinenz.

( Der Tierarzt liest die Bücher auf, stapelt sie sorgsam auf dem Küchentisch und starrt auf den deutlich sichtbaren Reifendruck auf dem Buchdeckel)

( Das Fräulein pfeffert ihren gelben Wetterfleck hinterher.)

Frl: „Aber, wenn Du glaubst, das sei es schon gesehen, dann kennst du das Fräulein schlecht. Heute war der australische Delegierte da. Sagt die J. ( die liebenswürdigste Chefin der Welt ) Read On, der ist ein Fall für dich. „Gut, gut“, sage ich und der australische Delegierte bekommt die Spezialführung. Ich erzähle die Geschichte vom Krokodil, lasse die Sache mit Oscar Wildes Griechischprüfung nicht aus, erläutere den Mord von anno 16xx en Detail und spreche dann über Mary Shelley.“ ( Der Tierarzt bückt sich und hängt den gelben Wetterfleck auf einen Bügel.) „Ich stehe also mit dem australischen Delegierten etwas abseits der Erstsemester und rede über Mary Shelley, da knöpft der Mann ohne Vorwarnung sein Hemd auf und zeigt mir einen Fledermausbiss irgendwo auf seiner stark behaarten Brust. (Das Fräulein reißt an einem Ankleboot und schleudert auch diesen in Richtung Küchentür.)
Man fasst es doch nicht! Den Fledermausbiss habe ich nicht gesehen, dafür die Kekskrümel im Brusthaar des Delegierten. „Machen Sie bitte das Hemd zu.“, sage ich also, da setzt der Mann zu einer langen Erklärung über das Leben im australischen Busch an , krempelt sein Hosenbein hoch und zeigt mir zwei Spinnenbisse. Alles noch immer mit offenem Hemd. ( Endlich hat sich das Fräulein auch des zweiten Schuhs erledigt, um diesen dem ersten Schuh hinterherzuschleudern.) Man glaubt es ja nicht. Was für ein Kerl. Ein Kerl, sage ich dir.

( Der Tierarzt hustet, augenscheinlich um nicht Lachen zu müssen. Das Fräulein sucht in der Hosentasche nach einem Haarband. Mit zusammengebissenen Lippen rohrspatzt sie weiter:

Frl: „Dann diese Auszubildende. Sie wird noch der letzte Nagel zu meinem Sarg. Ich schreibe also in allerherzigster Handschrift sechs Einladungen, edelstes Papier, Goldrand, plage mich mit dem blöden Aufziehfüller, habe Tintenflecken an Körperstellen, von denen ich nicht ahnte, dass ich sie habe und lege sie der Auszubildenden hin, damit sie diese in Briefumschläge tut, die ich vorbeschriftet habe, frankiert und auf die Post trägt. Was macht diese Person? Diese Person gießt ihre Wasserflasche über die Einladungen aus. Kann man das denn begreifen? Das kann man doch nicht begreifen! Was für ein Rindviech! Ich setzte also erneut an, der Füller tropft aus purer Bosheit, ich habe Tintenschlieren an der Nase, aber sechs Einladungen sollen es werden, ich lasse die Einladungen in die Briefumschläge gleiten, vorsichtig wie behutsam, ich schreibe die Adressen auf die Umschläge, ich frankiere die Umschläge, ich sage: Auszubildende: Wasser, Kleber, Joghurt, alles fort, hier sind sechs Umschläge bringen sie die zur Post.“ „Jetzt.“ Ich gehe meiner Wege. Ich lasse mich verlachen der Tintenschlieren wegen, ich arbeite wie der Esel sieben, ich raufe mir achtfach das Haar und kehre in das Büro zurück. Da steht die Auszubildende vor meinem Büro: „Fräulein Read On, heult sie, ich habe die Einladungen geschreddert, aber wirklich nur ganz aus Versehen.“ Ich zähle bis 133 und sage: „Gehen Sie mir aus den Augen.“ Ich schreibe sechs, neue Einladungskarten, ich beschrifte, frankiere, ich eile selbst zur Post. Ich habe Tintenflecken auf der Brille und ich schwöre Dir: „Eines Tages da reißt mir die Hutschnur, da reißt mir die Hutschnur und dann wird Schreckliches geschehen. Noch in vielen Hundert Jahren, wird jemand davon erzählen wie einmal dem Fräulein Read On die Hutschnur riß!“

( Der Tierarzt hat inzwischen die Schuhe ins Schuhbord getragen und lehnt gegen den Küchentisch.)

Tierarzt ( leise kichernd) : „Mädchen, ich warte auf den Tag, wo Du Dir auch noch den Kopf abreißt,um ihn über die Schwelle zu schleudern, aber sei gewiss, ich werde ihn fangen.

( Der Tierarzt beginnt haltlos zu lachen.)

Frl: ( bindet sich die Haare zusammen.) „Wenn Du nur lachst!“

Der Tierarzt: „Nicht nur ich“. Zu seinen Füßen grinst der Hund. Auf dem Küchenstuhl johlt die Katze.

Frl: „Ich werde die grinsenden Gesichter nicht vergessen.“

Der Tierarzt küsst die tintenfleckige Nasenspitze des Fräuleins.

Verschlossene Türen.

Der Priester hat sich ausgeschlossen. Der Tierarzt hat den Küchentischkastenschlüssel verlegt, und im Küchentischkasten liegt der Zweitschlüssel des Priesters. Als ich nach Hause komme, fummeln Priester und Tierarzt mit einem Draht im Schlüsselloch herum. „Oh Mädchen“, sagt der Tierarzt. „Ach, Fräulein Read On“, seufzt der Priester. Ich ziehe den Küchenstuhl zu mir heran, steige auf den Stuhl, damit ich bis zum Rand des Küchenschrankes reiche und fahre über das glatte Holz, bis ich die rostige, alte Blechdose ertaste. „Die Lade lässt sich mit der Klinge einer 15er Skalpells öffnen“, sage ich, drehe die Klinge des Skalpells im Schloss herum, die Lade springt auf, der Priester nimmt sehr erleichtert den Zweitschlüssel heraus und der Tierarzt sagt: „Mächen Du bist fast so klug wie Kälbchen.“ Tierarzt sage ich: „Kälbchen hätte natürlich mit einer Butterblume das Schloss geöffnet.“ „Vielleicht“, sagt der Tierarzt sinnend und sieht zu mir herüber. „Man würde doch ganz gern geküsst werden“, sage ich und ziehe die Jacke aus. Der Tierarzt hakt einen Finger in die Schlaufe meiner Jeans und ich lege eine Hand an seine Wange, da klopft es. Vor der Tür steht der Priester. Er rauft sich die Haare. „Fräulein Read On, ich habe mich nicht nur ausgeschlossen, der Schlüssel steckt auch noch von innen und ich kann die Tür nicht aufbekommen“, ruft er verzweifelt.“ Der Tierarzt hakt den Finger aus meiner Jeansschlaufe heraus. Mit einer Taschenlampe tappen wir dem Priester hinterher. Der Schlüsseldienst braucht um diese Uhrzeit Stunden und der Priester ist sich nicht sicher, ob er nicht den Herd angelassen hat. „Scheiße“, sage ich. „Scheiße-sagt-man-nicht- sagt der Tierarzt und klingt verdächtig wie eine kleine Königinnennichte. „Oh my g*d ruft der Priester. „Haben Sie irgendwo ein Fenster offen, Priester?“, fragt der Tierarzt. „Das Badezimmerfenster im Oberstock ist vielleicht angelehnt“, murmelt er. Ich sage nichts mehr, dafür knurrt mein Magen. „Priester“, sage ich, sie halten den Tierarzt fest, ich steige auf die Schultern des Tierarzts, von dort aus kann ich mich auf das erste Fensterbrett hangeln und vielleicht das Badezimmerfenster erreichen.“ „Das ist Wahnsinn“ murmeln Tierarzt und Priester. „Nun los“, sage ich. Der Priester umklammert den Tierarzt, der zu dünn ist um mich allein zu halten, ich steige auf die Holzbank und dann auf die Schultern des Tierarztes. Für einen Moment glaube ich der Tierarzt zerbricht in zwei Hälften aber der Tierarzt schwankt nur ein ganz klein wenig und ich knurre: „oyoyoyooy“ und hangle mich auf das Fensterbrett. Der Tierarzt ruft: „Scheiße“. „Mädchen ist das hoch.“ Ich denke: „Oyoyoyoy, ist das hoch. Der Priester ruft: „Um G*ttes Willen Fräulein Read On ist das hoch.“ Der Tierarzt stellt sich auf das Gartenbänkchen und erreicht meine Knöchel. Ich klammere mit einer Hand am Fensterrahmen und mit der anderen am Weinlaub fest. „Ich will auf keinen Fall ein weißes Kleid im Sarg anhaben“ rufe ich dem Tierarzt zu, denn ich muss noch höher klettern. Der Tierarzt krallt sich in meine Knöchel. „Priester sagt der Tierarzt“ leuchten sie die Wand an, damit wir das Badezimmerfenster sehen. Die Pfarrhausmauer ist aus groben Felssteinen und mit Weinlaub berankt und um an das Badezimmerfenster zu gelangen, müsste ich nur meine Füße in zwei Steine neben dem Fensterbrett auf dem ich klammere haken und mich zum Badezimmerfenster hieven. „Du musst meine Knöchel jetzt loslassen sage ich zum Tierarzt.“ Der Tierarzt sagt: „Ich werde mir das nie vergeben.“ Dann schüttle ich seine Hände ab und suche mir einen Felssteinvorsprung. „Ich denke bloß nicht umsehen, bloß nicht umsehen, oy oy oyoy, dann lasse ich den Rahmen los, und tripple wie eine Feldmaus nach links, kralle mich ins Weinlaub und meine Finger tasten sich langsam zum Badezimmerfensterbrett. Der Tierarzt ruft: „Mädchen zieh!“ Der Priester ruft: „Oh my g*d“. Ich mache: Ächz, ääääääächz, argh, würg, und dann rumpf weil ich mit dem Kopf gegen die Fensterscheibe knalle. Bumm. Die Fensterscheibe ist nur angelehnt und ich rufe: Tierarzt, mehr Licht nach links und fummle mit den Haken, die das Fenster vor dem Zuklappen bewahren sollen. Schnapp macht das Fenster, ich gebe mir einen letzte Ruck und purzle sehr unfräuleinhaft in das priesterliche Badezimmer. „Bin drin“, rufe ich nach unten. „Sie ist drin“ ruft der Tierarzt. „Halleluja“ ruft der Priester. Ich rapple mich auf, taste nach dem Lichtschalter und der Tür. Die Badezimmertür ist zu. „Priester“ rufe ich, die Badezimmertür ist zu.“ „Oh my g*d“ ruft der Priester. „Tierarzt das Fünfzehner Skalpell“ schreie ich. „Scheiße“ ruft der Tierarzt. Der Tierarzt wirft das Fünfzehner Skalpell in eine Gießkanne, ich löse den Gürtel aus dem priesterlichen Bademantel und hänge mich aus dem Fenster. Der Bademantelgürtel ist nicht lang genug. Der Tierarzt knüpft seinen Gürtel an die Gießkanne, steigt auf das Gartenbänkchen, ich lehne mich so weit ich kann aus dem Badezimmerfenster, aber die Gießkanne ist zu schwer. Der Priester wickelt das Skalpell in den Gürtel und schleudert den Gürtel zu mir hinauf. Bumm. Der Gürtel verhakt sich im Weinlaub, aber bis zum Weinlaub reichen meine Fingerspitzen. „Ich hab ihn“, rufe ich. Der Priester ruft: „Tanks be to g*d. Der Tierarzt seufzt. Meine Finger zittern so sehr, dass ich das Skalpell nicht in das Schloss bekomme. Einmal ausatmen.

Unten auf dem Kirchhof Geräusche. „Guten Abend, hier ist die Polizei. Die Frau des Krämers hat einen Einbruch gemeldet. Was machen sie hier, und wer sind sie?

Der Priester sagt: Ich bin der Priester und wohne hier.

Der Tierarzt sagt: Ich bin der Tierarzt und wohne nicht hier.

Und der Einbrecher ist noch drinnen? fragt der Polizist.

„Nein, rufen der Tierarzt und der Priester, das ist das Fräulein Read On, sie öffnet mit dem 15er Skalpell die Badezimmertür. Hmm, sagt der Polizist.

Ich habe endlich meine Hände beruhigt, das Skalpell dreht sich im Schloss, der Badezimmertürschlüssel fällt klirrend zu Boden, ich öffne die Tür, renne die Stiege hinunter, auf dem Herd ist die Milch eingebrannt und öffne die Haustür.

Vor mir stehen: zwei Polizisten, ein aufgelöster Priester, ein erregter Tierarzt und die Frau des Krämers: „Einbrecher“ kreischt sie aufgeregt, habe ich es doch gesagt. Dann fällt ihr Blick auf mich: „Fräulein Read On“ sagt sie erschreckt.

„Sie sind also das Fräulein Read On?“, sagt der Polizist. Ich nicke. „Angenehm“ sage ich. In einer Hand halte ich ein Skalpell, in meinen Haaren hängt Weinlaub und meine Wange hat zwei dicke Schrammen. „Ist das Fräulein Read On keine Einbrecherin?“ fragt der Polizist. „A nuisance she is“, sagt die Frau des Krämers, der Priester und der Tierarzt schütteln den Kopf. „Keine Gefahr im Verzug“, räuspert der Polizist in sein Funkgerät. „Ähm, sagt er, ich müsste einmal Ihren Ausweis sehen. Die Frau des Krämers wird rot, der Priester ist es schon, der Tierarzt blinzelt wütend und der Polizist und ich gehen zu mir herüber. „Es tut mir wirklich leid“, sagt er, 2die Umstände und so“. „Alles gut“ sage ich. Dann endlich fallen der Tierarzt und ich auf das Sofa. „Was machen eigentlich normale Menschen am Mittwoch Abend?“, frage ich ihn. „Vielleicht küssen die sich auf dem Sofa?“ sagt der Tierarzt. Ich hake meine Finger in seine Jeansschlaufen, der Tierarzt knöpft meine Bluse auf. Ich küsse einen Mundwinkel und er meine Nasenspitze. Dann klopft es. „Wir machen einfach nicht auf“, sagt der Tierarzt. Ich nicke. Es klopft fester. Der Hund beginnt zu kläffen. Der Tierarzt und ich rappeln uns hoch. Vor der Tür steht der Priester mit hochrotem Kopf: „Fräulein Read On, sagt er, ähm mein Schlüssel, ist der noch bei Ihnen?“ „Oh Priester“, sage ich natürlich, und fummele den Schlüssel aus meiner Tasche. Der Priester verlässt mit Schlüssel und hochrotem Kopf das Haus. „Warum ist er so rot?“, frage ich den Tierarzt. Der Tierarzt starrt auf meine Bluse. “Oh“, sage ich und wir müssen lachen. „Ausgeschlossen“, sage ich. Der Tierarzt pflückt Weinlaub aus meinen Haaren und ich lege eine Hand an seine Wange.

Der Tierarzt, die Frau des Krämers und die Sache mit Deutschland.

Die Ladenglocke klingelt noch schriller als sonst. „Ha, sagt die Frau des Krämers. Fräulein Read On, ich dachte sie hätten den Tierarzt nun endgültig entführt.“ Die Frau des Krämers wirft mir einen Blick zu, der schon stärkere Fräuleins aus den Schuhen geworfen hätte, aber die Frau des Krämers weiß nicht, dass es da einmal einen Oberarzt gab, der mit Skalpellen warf und so laut brüllte, dass unten in der Pathologie Tote nach ihren Schlüsseln suchten. Ich wünsche der Frau des Krämers also auch einen guten Abend.

Schon aber schellt die Glocke erneut und Tierarzt steht auch im Geschäft. Die Frau des Krämers streicht sich die Haare hinter ihr Ohr und hätte sie eine Puderdose, jetzt käme sie zum Einsatz und flötete: „Ach Tierarzt, ihr Kälbchen hat sie ja sooooo vermisst, und wir Sie natürlich auch.
Der Tierarzt hat feuchte Augen, denn natürlich hat er den ganzen Nachmittag ( das Fräulein arbeitete ) mit Kälbchen im Heu gelegen und ihm Karottenblumen geschnitzt.

„Na Tierarzt, nun erzählen Sie doch mal, sagt die Frau des Krämers, wie ist es Ihnen den ergangen in Deutschland?“ und ich suche derweil nach Vanille und Backpulver

„Deutschland ist schön!“, sagt der Tierarzt und Rügen noch schöner.“

„Aber Irland ist auch schön“, sagt die Frau des Krämers und holt tief Luft.

„Irland ist anders“, sagt der Tierarzt und schaut die Frau des Krämers trotzig an.

„Aber das Wetter muss fürchterlich gewesen sein, überall Wolken und Regen!“ schnarrt die Frau des Krämers, sie habe das alles im Internet nachgesehen.

 Der Tierarzt aber schüttelt den Kopf: „Man muss selbst dort gewesen sein“, sagt er: „In Deutschland, Frau des Krämers ist selbst der Regen warm“ und der Tierarzt zwinkert mir zu, denn zwei kleine Nichtenkinder haben mehr als einmal einen Eimer sonnenwarmen Wassers über ihm ausgegossen. „Die Wolken in Deutschland müssen Sie wissen, sind alle Schäfchenwolken und sehen Sie doch nur das Mädchen ist ganz braun.“

Die Frau des Krämers rümpft ihre Nase. „Die Bäuerinnen waren früher auch immer alle ganz braun, knurrt sie und lobt die blasse Eleganz ihrer Tochter und zeigt dem Tierarzt auch ihre fast perlweißen Arme. Der Tierarzt aber schüttelt den Kopf: „Je dunkler, je besser.“ Ich versuche nicht zu kichern und staple, Milch, Eier und saure Gurken auf die Ladentheke.

„Aber, und nun ist die Frau des Krämers wieder siegesgewiss, das Essen in Deutschland muss schauderhaft sein: Sauerkraut und Sausages und dicke Kuchen und sie rudert mit den Armen: Kartoffelsalat.“ Der Tierarzt aber schüttelt wieder und deutlich energisch den Kopf: „Aber Frau des Krämers, die Deutschen lenken den Rest der Welt nur ab mit Wurst und Kraut. Die Deutschen haben Sanddorn. Die Frau des Krämers versucht das Wort zu wiederholen. S-A-N-D-D-O-R-N wiederholt der Tierarzt noch einmal. The best in the whole wide world. „Wir haben eine ganze Kiste Sanddornsaft mitgebracht“, sage ich und lege Äpfel und ein Stück Parmesan zu den restlichen Dingen. Die Frau des Krämers starrt den Tierarzt fassungslos an- Sanddorn krächzt sie und der Tierarzt sagt: Am Besten ist Sanddornsaft lauwarm. Der Tierarzt aber ist schon weiter und fügt hinzu, was er noch alles gegegssen hat: Matjes in Buttermilch, ein Viertel Stück Geburtstagskuchen, Pfannkuchen mit Johannisbeeren frisch vom Strauch, eine Marzipankartoffel, ein halbes Samosa, grüne Haribo Frösche und Spinat mit Ei ( singen Sie an dieser Stelle bitte ein Loblied auf meine liebe C. die Kinder und den Tierarzt ) mit ihrer Sanftmütigkeit aus Eisenstahl an den Tisch bekommt. Die Frau des Krämers aber stößt noch einmal Sanddorn hervor wie ein Stoßgebet und der Tierarzt ist gleich dabei ein neues Loblied auf den Wundersaft anzustimmen. „So gesund,Frau des Krämers.“ Ich bringe Senf und Schokolade an und der Tierarzt strahlt die Frau des Krämers an, die ganz gegen ihren Willen natürlich doch weiche Knie bekommt, denn nicht umsonst sind die Damen Krämer ja dem Tierarzt und seinem 200 Watt Lächeln verfallen und man sagt zwischen Dublin und Dingle sind selbst Hühner von der Stange gefallen, nur weil der Tierarzt sie anstrahlte und sagte: Mesdames, Sie hatten eine Wurmkur bestellt?

Die Frau des Krämers aber hält sich mit beiden Händen am Ladentisch fest und holt zu einem letzten Schlag aus: „Aber Tierarzt, Deutsch muss doch eine schreckliche und schrecklich schwere Sprache sein und dann äfft sie ein kläffendes Gebell nach, dass sie sich bei deutschen Touristen abgeschaut hat. Aber der Tierarzt ist nun ernstlich empört und baut sich vor ihr auf und rattert alle seine Vokabeln herunter: Hallöchen-Moin-Mädchen-Sanddorn- Eis- nech-Hund-Katze-Maus-Mädchen-bittedankegerne-Bötchen-Kälbchen-Mädchen-Kreidefelsen-ihrMäuseEssenSchlafenBaden-Hier Mädchen-Dort Mädchen, Küsschen-JonnyguterJunge-Halt-Mädchen weiß Deutsch- herunter und die Frau des Krämers ist indessen zu einer Salzsäule erstarrt. Aber der Tierarzt ist noch nicht fertig und zieht mich zu sich heran und sagt: Listen: „Deutsch ist Mädchensprache.“ Dann küsst der Tierarzt mich ziemlich eindeutig und mir fällt fast die Milchflasche aus der Hand. Die Frau des Krämers atmet schwer. Aber der Tierarzt strahlt und dann fällt dem Tierarzt noch ein Wort ein: Leuchtturm und als die Frau des Krämers wenigstens den 2. Weltkrieg ins Feld führen will, erklärt der Tierarzt der Frau des Krämers, dass die Deutschen ihre Hunde in Wägelchen und gepolsterten Körben spazieren fahren und fährt sich durch das Haar. Wenn der Tierarzt sich durch das Haar fährt, sieht er immer ein bisschen so aus wie der Mann aus der Davidoff Cool Werbung nur eben sehr, sehr viel dünner und die Frau des Krämers wird immer sehr rot, wenn der Tierarzt sich durch die Haare fährt, wie auch die Hühner, Schafe und Kälber zwischen Dublin und Dingle, nur das Fräulein kramt nach Haferflocken und versäumt das Spektakel, als die Haferflocken auf der Theke liegen, sagt der Tierarzt mit Dustin Hoffmann Lächeln noch einmal: Germany is so sexy.

Die Frau des Krämers ist kurz vor der Ohnmacht, ich krame nach dem Geldbörsel und das letzte was wir von der Krämersfrau für heute hören ist: 28, 93 Euro, bitte.

„Germany is so sexy?“, sage ich zum Tierarzt als wir wieder auf der Straße stehen. Der Tierarzt fährt sich noch einmal durch sein Haar und nickt: „so sexy Mädchen.“ Zwei Frauen mit Kinderwagen bleiben stehen und starren dem Tierarzt unverhohlen hinterher. Die Frau des Krämers steht noch immer unbewegt hinter dem Tresen und hebt matt die Hand und wir kichern erst als die Haustür im Oberland sich knarrend hinter uns schließt.

 

 

Morgenstunde

In den Dünen rauscht das Meer und steckt sich in die Kiefernwälder. #ostsee #rügen #dünen #meer

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Am Morgen aber früh aufwachen, der alte Reisewecker meiner Großmutter zeigt dreiviertelfünf. Vorsichtig eine kleine Königin von meinem Bauch herunterschieben und wieder zudecken mit dem bunten Plaid. Den Tierarzt sieht man kaum, denn zwei Nichten und ein Neffe liegen kreuz und quer auf ihm herum. Die Luft anhalten, ein Kleid und die Schuhe nehmen und auf Zehenspitzen die alte, knarrenden Bodentreppe heruntertappen. Die Treppe schläft zum Glück wie das ganze Haus. Dem Tierarzt lege ich einen Zettel unter den blauen Milchtopf. Dann drehe ich den Schlüssel noch immer mit angehaltenem Atem im Schloss herum. Regennass ist das Gras und vom Reeetdach taumeln noch immer Wassertropfen herunter, die Stockrosen lehnen schwer gegen den Zaun und ich hole ein Fahrrad aus dem Schuppen. Aber noch immer mit angehaltenem Atem, denn es gilt weder den Hofhund der Nachbarn zur Rechten noch den Hahn der Nachbarn zur Linken zu wecken. Denn wenn der Hofhund erwacht, kläfft er den Hahn auf der Stange wach und ist der Hahn wach, so steigt er schnurstracks auf den Misthaufen und steht der Hahn auf den Misthaufen, dann verwandelt er sich augenblicklich in Enrico Caruso und schmettert eine Arie und dann eine zweite und spätestens dann ist das ganze Dorf wach, vor allem aber springen dann auch drei Nichten und ein Neffe aus dem Bett und krakeelen und niemals käme ich allein an die See. Der Hofhund aber schnarcht noch selig und der Hahn und mit ihm seine Hühnerdamen schlummert heiter. Ich springe endlich aufs Rad und atme aus. Die Kühe, die der Tierarzt so schätzt, haben noch Schlaf in den Augen und blinzeln ins frühe Sonnenlicht, die Straße ist menschenleer und kein einziges Auto fährt mir entgegen. Ich fahre Schlangenlinien und pfeife ein Lied. Links von mir liegt der See, das Schilf macht Morgengymnastik und wiegt sich taktvoll von links nach rechts und wieder zur Seite und in die Mitte und dann wieder von vorn. Im Wasser schwappen Segelboote, weiß und blau, Masten knarren und die Taue gähnen müde. Ich jedoch, ich fahre weiter, schneller, schneller ruft der Wind und klingt ganz entfernt wie eine kleine Königin, die unter einem bunten Plaid selig weiterschläft. Zum Meer fährt man durch ein Kiefernwäldchen. Auf dem Boden Sand und Tannennadeln, über mir rauschen die Wipfel der Bäume. Auch sie sind noch immer reichlich verschlafen und gähnen mir Nadeln ins Haar. Am Strand liegen Fischerboote. Schwere Kähne, schwarz von Teer, alte Bohlen, am Bug klebt fester Muschelkalk. Die Boote heißen Undine, Suntje und Margarethe. Feste Namen für schweren Seegang. Die Netze der Fischer trocknen schon und nur zwei gelbe Kisten erzählen noch vom Sturm der Nacht. Ich aber fahre noch ein Stück weiter, noch ein Stück tiefer hinein in den Kiefernwald, und lehne schließlich das Rad an einen Stamm. Im Stamm sind zwei Herzen eingeschnitten: R. und J. und ein grobes Herz. Immer lehne ich hier das Rad an den Baum aber noch niemals habe ich R und J getroffen und wer weiß vielleicht hat J. R. schon aus dem Herzen gestrichen und R. J. nicht einmal mehr im Adressbuch zu stehen. Dann werfe ich die Pantinen in den Fahrradkorb, und unter meinen Füßen knacken Tannennadeln, Kienäpfel liegen im kühlen Sand, der Strandhafer und das Dünengras wiegen die Köpfe, ich streife mir das Kleid über den Kopf und renne schon los und hinein in das schäumende Wasser, kalt schlägt die Ostsee über meinem Kopf zusammen und für einen Moment sind da nur noch Meer und Luft und kalte Seligkeit. Dann aber doch auftauchen und weit und weiter hinaus in die See hinein, die See schimmert flaschengrün und weißer Schaum tanzt auf den Wellen. Bis zu den weißen Bojen schwimme ich, der Strand ist nur noch ein schmaler Streifen, fast vergessen lässt sich das Land, fern und fern entschwindet die Welt und ich schwimme nur langsam ans Ufer zurück. Zurück durch den Kiefernwald, ein letzter Blick auf die Fischerboote, die Straße zum See einschlagen an den alten Bädervillen vorbei mit ihren Verranden auf denen noch niemand sitzt mit einer Tasse Tee in der Hand, zurück an der Kuhweide vorbei, die Kühe sehen gutmütig zu mir herüber und schon biege ich ein in das Dorf und von fern schon blitzt das Reetdach herüber. Natürlich kläfft der Hofhund schon wie von Sinnen, fahre ich die Dorfstraße entlang, der Hahn schreit als ginge es ihm ans Leben und auf dem Walnussbaum übt der Krähenchor für das nächste Sängerfest. Ich lehne das Fahrrad gegen den Schuppen und schließe vorsichtig die Haustür auf. Ich komme bis zur Küchentür. Auf dem Küchenstuhl sitzt eine kleine Königin mit strengem Gesicht. Die kleine Königin sieht finster zu mir herüber: „Wer sich wegschleicht, der muss in den Kerker.“ Ich fasse mir erschrocken ans Herz. „Aber wenn ich im Kerker lande, kann ich dir keinen Kakao mehr machen und keine Waffeln backen.“ Die kleine Königin zieht sich zur Beratung mit Kanzler Bär zurück. Ich koche einen riesigen Topf Kakao und rühre Waffelteig an. „Knarrend öffnet sich die Küchentür. „Dir sei vergeben, murmelt eine kleine Königin.“ Ich bin sehr erleichtert nicht im Kerker zu landen und siebe vorsichtig Kakao und Puderzucker auf die königliche Waffel. In Ermangelung eines Gongs schlägt die Königin mit einem Löffel gegen einen Topf. Dreißig Sekunden später rennen zwei Nichten und ein Neffe, gefolgt vom gähnenden Tierarzt die Treppe hinunter und stürzen sich wie die jungen Raubtiere auf Waffelberge und Kakaobecher, dazu singen sie so schief wie schön Räuberlieder und die kleine Königin schlägt den Topf dazu. Endlich verstummen der bellende Hofhund und der kreischende Hahn gegen die Kinder aus der Krachmacherstraße haben sie nicht den Hauch einer Chance.

Feste feiern

Große Ereignisse werfen auch in einem kleinen, irischen Dorf ihre Schatten voraus. Die Frau des Krämers nämlich hat bald Geburtstag. Natürlich weiß niemand- wohl nicht einmal der Krämer selbst- wie alt sie ist. Denn eine Frau wie die Frau des Krämers altert nicht wie wir Normalsterblichen, sondern gewinnt mit den Jahren nur an Würde und Macht. Unzweifelhaft ist nämlich auch: nicht die Frau des Krämers feiert ihren Geburtstag, sondern wir das Dorf feiern den Geburtstag der neben den Schafen mächtigsten Person des Dorfes. Die Frau des Krämers ist nämlich gleichzeitig auch die inoffizielle Bürgermeisterin des Ortes. Zwar trägt sie keine keine goldenen Kette und der Dorfladen ist auch kein Rathaus mit kupfernen Zinnen und einer Kettenbrücke, aber unmissverständlich ist es die Frau des Krämers die über Wohl und Wehe des Dorfes befindet. Die Frau des Krämers kennt jeden und weiß alles. Ihr Gedächtnis reicht bis in das 8. Jahrhundert zurück, und wem die Gilden des Mittelalters als strenge Institutionen sozialer Kontrolle erschienen, der hat niemals versucht einen Kuchen, der nicht auf der von der Frau des Krämers geführten Liste erschien, auf dem Kuchenbasar der Kirchgemeinde zu verkaufen. Die Frau des Krämers vergisst nichts und über jeden Dorfbewohner, da bin ich mir sicher führt sie mit strenger Feder Buch, mag anderswo gegen die Vorratsspeicherung demonstriert werden, hier werden geöffnete Briefe über den Ladentisch gereicht, denn hier ist der Absolutismus das, was er niemals war.
Und so nickte ich eines schönen Frühlingstages als ich nach dem Schwimmen in der eisig kalten Irischen See zwei ofenwarme Himbeerscones für das Frühstück einholte g’ttergeben als die Frau des Krämers mit Händen in die Hüften gestemmt verkündete: Fräulein Read On, wie Sie wissen mein Geburtstag naht und natürlich sind Sie und der Tierarzt eingeladen.“ Ich dankte artig. Aber die Frau des Krämers war noch nicht fertig: „Aber zusammen können sie nicht sitzen, das schickt sich nicht.“ Ihr Tischherr wird der Priester sein, und der Tierarzt sitzt natürlich neben meiner Tochter.“ Ich nickte noch einmal, denn das die Frau des Krämers inständig darauf hofft der Tierarzt würde sein Köfferchen nehmen, vor der Tochter der Frau des Krämers mit Diamantring auf die Knie fallen und noch am gleichen Tag würde Hochzeit gehalten, ist eine solch unumstößliche Tatsache, dass es nicht lohnt darüber auch nur ein Wort zu verlieren. Der Tierarzt sieht das naturgemäß anders und jammert und klagt über sein Schicksal. Der Tierarzt nämlich kann die Tochter des Hauses nicht ausstehen, dabei ist die Tochter der Königin ein wie die Mali-Tant sagen würde „Armes Hascherl“, aber der Tierarzt knurrte Böses und ich ging meiner Wege. Dann aber vor ein paar Tagen, ich stapelte gerade Zwiebeln, Salat und Honig auf die Ladentheke, warf die Frau des Krämers sich erneut in die Brust: „Fräulein Read On“ rief sie, mein Geburtstag nähert sich, wie sie vielleicht wissen.“ Aber Frau des Krämers“ erwiderte ich, „wie könnte ich Ihren Fest- und Ehrentag vergessen?“
Die Frau des Krämers nickte befriedigt. „Ich dachte mir“ fuhr sie fort, sie könnten ein wenig Klavier spielen“ ( es folgte eine sieben Meter lange Liste mit Titeln, die von den Beatles bis zu „It’s a long way to Tipperary alles umfasste, was die Frau des Krämers an Musikstücken kennt. ) „Der Priester jedenfalls“ sagte sie und lächelte in der ihr eigenen spöttisch- majestätischen Weise auf mich herab „findet sie klimperten doch ganz schön.“ Ich lächelte siebensüß zurück: „Nun übertreiben Sie aber wirklich, Frau des Krämers.“ Aber sagte ich weiter: „Ich habe hier kein Klavier.“ Die Frau des Krämers winkte ab. „Der Elektriker ( der ihrer Tochter den Hof macht ) kümmert sich.“ Ich wankte nach Haus und hängte die Liste an den Kühlschrank. Der Tierarzt suchte im Internet nach Häusern in anderen Dörfern und murmelte: „fort, nur fort von hier.“ Ich ging meinen Dingen nach und über der Liste hingen bald Briefmarken, Rezepte und ein Bild von Kälbchen. Gestern aber, ich hatte mich nach einer langen Nachtschicht gerade ins Bett gelegt, klopfte es an der Tür und der Tierarzt, der hartnäckig wiederholte: „Das Mädchen schläft aber!“, scheiterte am „Papperlapp“ der Frau des Krämers, die schon an die Schalfzimmertür bollerte: „Fräulein Read On, Aufgestanden!“ Das Klavier ist da.“ Der Elektriker schleppte ein schwarzes Ungetüm über die Schwelle. „Ebay, 30 Euro!“ „Was ist das?“ fragte ich und die Frau des Krämers schüttelte ob meiner Begriffsstutzigkeit den Kopf: „Na ein prima Klavier.“ Das Ungetüm entpuppte sich als Keyboard. „Das ist kein Klavier“, sagte ich zur Frau des Krämers. Selbige bebte vor Empörung und in ihrem Blick war sehr deutlich: „Sie undankbare Kröte“ zu lesen. Dann ging ich zurück ins Bett und zog mir die Decke bis über die Ohren. Am Abend kam der Priester, er darf die Fest- und Lobrede auf die Frau des Krämers halten- herüber und besah sich das Ungetüm. Bei näherer Betrachtung stellte sich das Monstrum als ein defektes Keyboard heraus. Diesen schauderhaften Geräten nämlich sind vorgefertigte Tonkonserven beigefügt, in diesem Falle ein blechern schepperndes „Muhahahaha“ oder ein die Töne verzerrendes „Ghost Theme“, während sich dies bei funktionierenden Geräten wohl abstellen oder zumindest einstellen lässt, ist dieses bei diesem Schnäppchen nicht vorgesehen und als ich „A yellow subamrine“ zu klimpern begann, durchbrach ein gellendes Konservengelächter das Stück.
Der Priester verschluckte sich am kalten Braten, der Tierarzt hielt sich die Ohren zu, der Hund heulte und die Katze, sonst nur schwer vom Sessel zu bewegen, verzog sich umgehend in den Oberstock. Ich machte mir erst einmal ein Käsebrot. Nach dem Stand der Dinge also werde ich wohl auf der Geburtstagsfeier der Königin wie Kaiserin unseres kleinen Dorfes fern von den Toren der großen Stadt „A long way to Tipperary“ unterlegt mit wieherndem Konservengelächter spielen. „Es darf so die Frau des Krämers“ heute morgen als ich Milch und Scones einholte mir getanzt werden.“ Natürlich sei es selbstverständlich, dass der Tierarzt ihr Töchterchen um den ersten Tanz bitte. „Sie sind ja ohnehin am Klavier verhindert.“
Der Tierarzt aber googelt energisch Immobilienangebote und der Priester, der die Rede auf die Frau des Krämers in Reimen vortragen soll, hat nach Rom geschrieben, ich aber backe einen Kuchen und lese ganz zufällig ein Buch, das sich mit Palastrevolutionen befasst.

Überraschungsgast

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Besuchskälbchen

Alle Tage sind gleich lang, aber meine Montage sind länger ( und breiter ) als alle anderen Tage. Um halb sechs Uhr steige ich in den Zug nach Dublin und erst wenn die Bahnhofsuhr des Dorfes vor dem kleinen Dorf auf viertel vor Neun steht, steige ich wieder aus dem Zug und laufe zurück nach Haus. Ich habe eine kalte Nasenspitze, einen schweren Bücherbeutel und Hunger. Tomatensuppe beschließe ich und freue mich des Camemberts in meiner Tasche, denn frischgebackenes Brot ist auch daheim. Ich winke der Frau des Krämers, die den Laden abschließt und freue mich, dass der klapperige alte Volvo des Tierarztes vor dem Haus steht. In der Küche ist Licht. Das wundert mich, denn der Tierarzt benutzt in der Küche nur die Waage. Magersüchtige wiegen alles. Blaubeeren, Selleriestangen, Knäckebrot und würde ich nicht so oft Kuchen backen, ich hätte die Küchenwaage längst abgeschafft.
Ich klopfe dreimal gegen die Tür, aber niemand öffnet, und so krame ich seufzend nach dem Schlüssel , streife die Schuh von den Füßen und stecke den Kopf durch die Tür. Zu meiner Verwunderung springt der Hund des Tierarztes nicht vor meine Füße, von der Katze indes erwarte ich schon lange kein begrüßendes Miauen mehr, aber nun auch der Hund? „Haaaaalllo“, rufe ich und strecke den Kopf nun auch zur Küchentür herein. Der Tierarzt steht mit dem Rücken zum Küchenschrank und mir ist als klapperte etwas hinter ihm. „Read On“ sagt der Tierarzt. „Tierarzt“ sage ich und sehe den Tierarzt erwartungsvoll an. Der Tierarzt sieht schräg zur Seite. „Man würde doch ganz gern geküsst werden“, sage ich. Der Tierarzt sieht verlegen auf seine Füße und bewegt sich vorsichtig vom Buffet zur Küchentür, die ins Wohnzimmer führt und stellt sich in die Türöffnung. „Versteckst du eine nackte Frau im Wohnzimmer?“, frage ich den Tierarzt und der Tierarzt bekommt tatsächlich rote Ohren und betrachtet äußerst eingehend seine Zehenspitzen. ( Verehrte Männer, liebe Frauen, sollte ihre Fünf-Uhr Geliebte oder ihr Neunzehn Uhr Gspusi noch nach den Socken oder der Rolex suchen, seien Sie vorbereitet und sehen sie niemals nie auf ihre Fußspitzen.) Ich sage: „ Das ist nicht dein Ernst?“ Der Tierarzt sagt: „ Read On“, es ist nicht wonach es aussieht!“ ( Sagen Sie niemals: es ist nicht wonach es aussieht. Es ist immer genau das wonach es aussieht. ). „Read On bitte“, sagt der Tierarzt. Ich öffne die Wohnzimmertür. Es blökt. Erst einmal, dann ein zweites Mal und als es ein drittes Mal blökt ( für einen kurzen Moment bin ich nicht sicher ob nicht auch ein 15 Uhr Spatzl im Versuch zu retten, was nicht zu retten ist zu blöken begänne ) aber hier kommt keine blonde Schönheit, sondern ein Kälbchen durch die Tür in die Küche gestakst. Der Tierarzt schlägt die Hände vor dem Gesicht zusammen. Das Kälbchen beäugt mich. Ich beäuge das Kälbchen. „Tierarzt sage ich, wie kommt es, dass ein Kälbchen im Haus ist?“ Es ist kompliziert, sagt der Tierarzt. ( Sagen Sie niemals: es ist kompliziert, haben sie stets eine einleuchtende und überzeugende Erklärung zur Hand.) Der Tierarzt beginnt eine komplizierte Geschichte an deren Ende eine tote Kuh steht, ein Bauer ohne Verwendung für ein Kälbchen und ein Tierarzt, der ein Kälbchen auf den Rücksitz legte und mit nach Hause nahm. Dort siedelte er das Kälbchen aufs Sofa um, sperrte den Hund ins Schlafzimmer und natürlich verschlief die Katze auch den Einzug des Kälbchens. Das Kälbchen blökt. „Tierarzt“ sage ich „wir können doch kein Kälbchen“, doch der Tierarzt verschränkt die Arme vor der Brust. „Du sagst doch immer, man muss sich kümmern.“ Das Kälbchen kaut an meiner Handtasche. Das Kälbchen hat fast so feuchte Augen wie der Tierarzt. Kälbchen und Tierärzte können einem sehr hartnäckig mit sehr feuchten Augen ansehen.
Das ist verrückt, sage ich schließlich und der Tierarzt zwinkert dem Kälbchen triumphierend zu ( machen sie das bloß nicht mit ihrem 16 Uhr Techtelmechtel). Das Kälbchen aber blökt wieder und da ich selbst inzwischen wirklich sehr hungrig bin, verstehe ich sofort. „Dein Übernachtungsgast Tierarzt hat Hunger.“ Das Kälbchen bekommt ein Fläschchen und während der Tierarzt das Kälbchen überredet an der Flasche zu nuckeln, wie ich ihn sonst wenigstens zu einem Löffel Suppe zu überzeugen versuche, viertele ich Tomaten und hacke Kräuter. Als die Tomatensuppe fast fertig ist, wacht auch die Katze auf: verwundert besieht sie das Kälbchen, sah der Hund am Nachmittag nicht ganz anders aus? Kälbchen sage ich, Katze. Katze, sage ich Kälbchen. Die Katze aber rollt sich auf dem Sessel zusammen und schnarcht schon wieder. Der Tierarzt liest dem Kälbchen indes aus der Zeitung vor und das Kälbchen rollt mit den Augen. Gerade als ich- wolfshungrig ( welch Glück für das Kälbchen, dass ich nur ein seltsames Fräulein bin) die Teller auf den Tisch stelle, klopft es an der Tür. Der Tierarzt und ich springen auf und verfrachten das Kälbchen zurück ins Wohnzimmer. Der Priester steht vor der Tür. „Abend Fräulein Read On, Abend Tierarzt“, ich wollte nur sagen: schön, dass Sie wieder da sind. Wir grinsen unisono wie die Honigkuchenpferde. „Alles in Ordnung?, fragt der Priester. Wir nicken. ( Versuchen sie lieber einen neutralen Gesichtsausdruck.) Sagen Sie mal Fräulein Read On“, habe ich es nicht eben blöken gehört? „Das war die Katze!“ sage ich, „Das war der Hund!“ sagt der Tierarzt. ( falls ihr Schatzl im Uhrenkasten steckt, einigen sich entweder auf die Geißlein oder die böse Großmutter ). Der Priester sieht uns verwundert an. Dann tappt das Kälbchen durch den Flur ( man muss wissen, wenn man verloren hat.). „Es ist genauso wie es aussieht Priester“ sage ich. „Essen Sie einen Teller Tomatensuppe mit?“ Der Priester nickt. Der Tierarzt atmet auf. Das Kälbchen blökt.

Fundstücke

img_4495-1Das Dorf liegt still im letzten Licht. Die Frau des Krämers winkt mir: Fräulein Read On, da sind sie ja wieder! Ich winke zurück: Ja-ha, Frau des Krämers, ich bin wieder da. Fünf Minuten später verlasse ich ihr Geschäft mit einem Stapel voller Bücher. Die Frau des Krämers nimmt nämlich die Pakete für das ganze Dorf entgegen. Über meine Bücherlieferungen schüttelt sie nur den Kopf: „So viel kann man doch gar nicht lesen, Fräulein Read On!“ Dann gehe ich hinauf ins Oberland. Still ist das Haus, die Katze liegt wie gewöhnlich auf dem Sessel und schläft. Mein Eintreten ist für sie kein Grund auch nur mit der Schwanzspitze zu zucken. Der Tierarzt hat einen Zettel auf dem Tisch hinterlassen: „Verspäte mich“, kann ich entziffern und das reicht ja auch schon. Ich mache die Fenster auf, aber schon schlägt mir eine heftige Böe entgegen und dann fängt es an zu gewittern, heftig, ein Gewitter wie man es eigentlich nur aus dem Sommer kennt. Rasend schlägt der Regen gegen die Scheiben und schon verschwindet die Kirchturmspitze inmitten der Wolkenberge. Das Meer oder der Himmel schäumen wild und ans Fenster gelehnt, bin ich nicht mehr sicher, wo oben und unten ist. In Irland erst habe ich gelernt wie viele Grautöne es gibt: das Gewitter aber das draußen vorbei stürmt ist dunkelgrau aber noch nicht schwarz, die Welt vor dem Fenster ist schiefergrau, eine zementgraue Wand ist der Himmel und die Wellen brechen den Strand in viele, tausend kleine aschgraue Splitter. Die Wolken aber sind grauer Rauch, wie er so typisch ist für dieses Land in dem so viele ihre Öfen noch immer mit Torf befeuern. Hier macht der Fliegende Holländer Pause da bin ich mir sicher und ich liege mit dem Rücken auf dem Bett und warte ob er vielleicht bei mir klopft und einen grauen Mantel aus Dachsfell über den Küchenstuhl hängt. Ob er wohl Rum für den Tee verlangte oder sich eine Pfeife mit krümeligen, grauen Tabak stopfte? Noch aber ist er nicht da. Das Haus, oder besser die windschiefe Kate, knirscht und ächzt unter dem Ansturm der grauen Gewalten. Als ich hier einzog, misstrauisch beäugt von allen, besonders aber von der Frau des Krämers, sagten mir alle hier würde es spuken. Ich nickte und sagte, ich sei Jude und Flüche gewohnt. Die Frau des Krämers erstarrte und dies war wohl das einzige Mal, dass ihr die Worte versagten.

Der Mann, der vor langen Jahre in diesem Haus lebte, der letzte Engländer des Dorfes, der aushielt, auch nachdem die anderen das Land verlassen hatten, der einfach blieb, so erzählte mir die Mutter des Krämers einmal hatte stets ein Gewehr neben dem Telefon stehen. Die Mutter des Krämers trug eine Betthaube aus feiner Spitze und war die erste im Dorf, die mich duldete. Kindchen sagte sie und hieß mich eine Truhe aus dem Schrank holen. Der Schrank wie die Truhe war voller Erinnerungen und sie holte noch einmal in langsamen Bewegungen eine der vielen Erinnerungen heraus. Ein vergilbtes Foto, eines jungen Mannes, mit einem hübschen Setter auf den Knien, der Engländer also und wichtiger noch eine Tanzkarte, dort verzeichnet in ordentlicher Handschrift der Name desselben und der Mädchenname der alten Dame im Lehnstuhl. „Kindchen, der Mann konnte tanzen.“ Ich sehe sie noch die Frau, wie sie die Erinnerung vorsichtig in den Händen hielt, sie hin- und her dreht, damit auch ich sah und verstand, der Mann konnte tanzen. Ich verstand. Der Mann aber, der blieb, trotzig und trotzdem, war nicht mehr Teil des Dorfes, heiratete nicht, nicht das Mädchen, das dann die Frau des alten Krämers wurde und auch keine andere Frau. Niemals kaufte er im Laden des Dorfes Milch, Eier und Butter, sondern fuhr mit einem alten Citröen zwei Dörfer weiter um alles Notwendige zu besorgen. Am Anfang warfen die Kinder und Jugendlichen Steine nach dem Auto, aber bald schon hatte ihn das Dorf ganz und gar und so gründlich wie nur ein Dorf es kann ihn vergessen, selbst seinen Namen erinnerte nach einigen Jahren niemand mehr, er wurde der Engländer, auch sie vergass ihn schließlich, die Zeiten waren auch nicht nach Sommer und Tanz und getrockneten Rosen, sondern recht grau und bleiern schwer.

Einmal nur habe sie ihn besucht, da war ihr Sohn schon groß und ihr Mann schon verstorben, einmal noch habe sie Tee mit ihm getrunken und sah es selbst das Gewehr neben dem Telefon, von dem alle im Dorf immer sprachen. Warum er es habe, fragte sie ihn und er murmelte etwas von Vagabunden und rachsüchtigen Iren, aber dann für einen kleinen Moment wohl, verwandelte er sich noch einmal in den jungen Mann, der er doch einmal war, lächelte vielleicht so wie Männer immer dann lächeln wenn Sie wollen, dass ein Mädchen sich ihrer erinnert und sagte: natürlich habe ich das Gewehr nur für den Fall ein so unwiderstehliches Mädchen wie sie, würde von Banditen überfallen und er endlich in die glückliche Lage versetzt ihr zu Hilfe zu eilen. Die alte Dame aber errötete zart, damals im Bett und rückte ihre weiße Haube zurecht. Dann verpackten wir die Erinnerung vorsichtig und schoben sie zurück erst in die Truhe, dann in den Schrank und die Mutter des Krämers strich mir sacht über die Wange.

Weder das Telefon noch das Gewehr habe ich selbst gesehen, als ich hier einzog, waren nur noch graue Spinnweben an den Wänden, aber eines Abends, da war die alte Dame schon verstorben, brachte der Krämer mir eine Schachtel. Darin liegen noch immer die Erinnerungen sorgfältig eingeschlagen in Seidenpapier. Das Foto des Engländers aber hängt neben dem Bücherregal schräg gegenüber des Sessels auf dem die Katze so tief und fest schläft, nicht einmal das Klingeln an der Tür mag sie wecken. „Du hast doch Schlüssel“, sage ich zum Tierarzt, der im Türrahmen lehnt, aber der Tierarzt lächelt, schräg von unten, langsam von einem zum anderen Mundwinkel, ein Romeo- sieht-Julia Lächeln, ein lockendes, ein glitzerndes, ein silbergrau-funkelndes Lächeln, ein bisschen übermütig sogar wie es da aufblitzt zwischen Türrahmen und grauer Welt, ein Lächeln das nicht einmal vor den kalten Händen des Tierarztes verschreckt davonläuft, der sagt: ich will dich aber schon auf der Schwelle küssen, das schließlich immer noch auf seinen Lippen liegt, da küsst er mich schon und als ich mich umdrehe und das Bild des Engländers sehe, da spiegelt das Lächeln sich im Gesicht des Engländers wieder, fällt in den Spiegel, vervielfacht sich und will nicht vergessen werden.