Im Anflug

Am Ende eines langen Tages, das Flugzeug doch noch bekommen. Über Dublin breitet sich feuchter Nebel aus. Der Leuchtturm hinter dem das kleine Dorf liegt, ist verschwunden und der Pilot sagt, dass mache nichts und dann erzählt er vom Nebel über Connemara und wir alle wünschten uns wohl, wir könnten hier einfach sitzen bleiben und er erinnerte sich weiter und weiter. Aber dann fliegen wir doch los, der Tierarzt späht nach Kälbchen, aber das ist aussichtslos. Der Tierarzt winkt trotzdem. Irgendwann gibt der Nebel nach und wir fliegen in ein seltsames, verschwommenes Blau hinein. Ein Blau als wäre das Wasserglas über dem Tuschkasten ausgekippt und jetzt liefe das Wasser über die blaue Farbe hinweg. Blau, blau, blau ist alles was ich lieb. Im Fenster des Flugzeuges sind wir dunkle Schatten. Ich bin zu müde, selbst wir für die Schatten und lehne mich gegen das Fenster, auf einen Moment noch dem Blau hinterher. Der Tierarzt lehnt sich nicht gegen das Fenster oder die Lehne oder mich. Der Tierarzt lehnt sich in meinen ipod hinein. Er hört sich durch die Element of Crime und Kettcar Platten. Ein Deutschlandvorbereitungskurs in siebzig Liedern oder so. Er hört mit konzentriertem Blick zu und vor ihm liegt ein Notizbuch. In das Notizbuch schreibt er deutsche Wörter, die er versteht. Mädchen, natürlich, es ist das deutsche Wort, sein deutsches Wort, im Englisch-Deutsch-Wörterbuch ist das Wort angekreuzt, die Seite eingekniffen und oft fährt der Tierarzt mit dem Finger über das Wort und nickt. Das Wort gibt es ja wirklich. Später einmal, werde ich gefragt, da bin ich mir sicher, was ich so gemacht habe im Leben und dann werde ich an das Englische-Deutsche Wörterbuch denken und das unterstrichene Mädchen darin. Das werde ich sagen, das habe ich gemacht, diese Tür habe einmal aufgeschlossen für jemanden und er nahm den Schlüssel gleich an sich und fiel in die vielen, wundersamen deutschen Wörter hinein. Vielleicht ist der Tierarzt dann lange schon verheiratet mit Sabine aus Braunschweig, ein brauner Labrador, ein Bild von Kälbchen in einer Schublade, das Wörterbuch braucht er dann schon lange nicht mehr, eine Praxis mit angeschlossenem Hundewägelchenverleih und zwei Kinder, die spielen im Garten. Der Tierarzt schreibt noch immer, aber ich lehne am Fenster und obwohl wir doch nach Berlin fliegen und der Tierarzt Michaela sagt schreibt, denke ich nicht an Deutschland, und einmal ist mir Michaela ganz egal, denn es ist Diwali und ich bin nicht in Delhi, sitze nicht an meinem Platz, es gibt keine Gulab Jamun für mich und kein Kardamomeis, eine Diwali Spezialität von Frau Rajasthani. Und ich wünschte, ich säße nicht im Flugzeug nach Berlin, sondern auf dem Dach und sähe auf Delhi herunter. Unten auf dem Balkon, da rauchte der Nachbar und der Nachbar sagte: „Endlich verbieten dieses ewige Feuerwerk an Diwali.“ Die Luftverschmutzung. Dann zündete er sich eine Zigarette an und paffte vergnügt weiter und Frau Rajasthani und ich wetteten, wer von uns als erster begönne laut zu lachen. Aunty, in jedem indischen Haus gibt es eine Aunty, eine der Frauen, die alles wissen, selbst Geheimnisse, die sie noch gar nicht kennen für Aunty sind sie längst schon kalter Kaffee. Auch bei den Rajasthanis gibt es eine Aunty, die an Fest und Feiertagen wie selbstverständlich einen Platz am Tisch hat. Ich also, füllte mir eine zweite Schüssel mit Kardamomeis, Herr Rajasthani brächte mir Tee, und während ich Eis löffelte, rückte Aunty näher zu mir heran uns sagte:

„Frau Dripivati hat Frau Shrivati eine Kiste mit Galub Jamun aus dem Jahr 2013 geschenkt. Frau Dripivati aber markiert seit Jahren ihre Präsentpralinen mit bunten Bändern und hat sofort gemerkt, was hier gespielt wurde. Nächstes Holi wird sie sich rächen.“

„Herr Bhatia hat seiner Frau einen goldbestickten Sari machen lassen, aber seiner Geliebten hat er Schmuck zukommen lassen und weil er nicht nur dreist, sondern ein Tölpel ist und ein eitler Pfau, ein baboons-ke hat er das Preisschild für den Schmuck in das Sari-Paket gelegt und in das Schmuckpaket den Sari Preis.“ Nun hat Herr Bhatia weder Frau noch Geliebte und ein trauriges Diwali zu erwarten. Ein dunkles Diwali keckerte Aunty und verlangte, ich hätte das Eis ja inzwischen auch ausgelöffelt, Lohn für ihre Erzählungen, legte die Füße in meinen Schoß und hieße mich ihre Waden zu massieren und dann erzählte sie wie die Familie Preevati ein Diwali-Schnäppchen machen wollte und dabei doch drei- und vierfach auf die Nase fiel und dann lachte Aunty, denn Herr Preevati hatte über Aunty die Nase gerümpft, als sie ihn fragte, warum er einen neuen Kühlschrank brauchte, wo seine Frau doch sieben G*tter in der Küche zu stehen habe.

Aunty erschöpft von so viel Tratsch und Klatsch, schliefe im Sessel ein und wenn es doch nur immer noch so sein würde, wie ich einmal hoffte, so stünde der A. neben mir auf dem Balkon und wir zündeten die Tonlampen an und der A. sänge für mich von der Rückkehr Ramas und der G*ttin Lakshmi und die Kinder von Frau Rajasthani würden sich hinter den Blumentöpfen verstecken und rufen: „Küsst euch.“ Aber alles ist anders und auch dieses Jahr bin ich zu Diwali nicht in Indien. Ich weiß nicht, wo der A. zur Puja geht und ob er nicht inzwischen längst einer Frau einen Sari geschenkt hat und Frau Rajasthani schilt mich, weil ich nicht komme und weil ich das Detektivbüro Rajasthani und Partners in Angelegenheiten des A. nicht in Anspruch nehmen will.

Der Tierarzt fragt mich: „Mädchen, what’s that Getränke Hoffmann?“ Frau Rajasthani sagt: „Du hast nie Zeit, das ist doch nicht neu, setz dich ins Flugzeug und komm.“ Ich sage ihr nicht, dass ich dann vielleicht nie mehr zurückkehrte oder schlimmer noch den A. suchte. Frau Rajasthani rächt sich in dem sie mir die schlimmsten aller Whatsapp Diwali Nachrichten schickt.

Dann aber landet das Flugzeug. „Delmenhorst“, sagt der Tierarzt. „Komm“, sage ich.

Die Qual der Wahl

„Mädchen“, sagt der Tierarzt. „Tierarzt“, sage ich und sehe vom Computer auf. Der Tierarzt ist tief über die Zeitung gebeugt. „Sag mir doch Mädchen, was hat es mit den deutschen Parteien auf sich? Was Mädchen, sind die Unterschiede zwischen CDU und SPD? Was wollen die Grünen und wer ist Herr Lindner? Und erst die AfD! und dann noch die Linken?

Ich hole tief Luft:

Die SPD lieber Tierarzt ist die alte Tante unter den deutschen Parteien, stolz verwahrt man die Uhr August Bebels und auch sonst ist die SDP eine Partei, die etwas aus der Zeit gefallen scheint. SPD-Politiker sprechen noch immer exakt genau so als gäbe es noch Zechen im großen Stil, und Stahlwerke mit glühenden Öfen und auch der Kapitalist an sich hat bei ihnen noch immer etwas von Manchester, Wollspinnereien und feisten Herren mit dicken Zigarren. ( Dabei vergessen die SPD Politiker gern, dass auch ihresgleichen gern bei den Mächtigen Schnäpse trinken.) Die SPD träumt noch immer von einer Welt aus Reihenhaussiedlungen, Laubenpiepern, ehrlicher Arbeit, und einem VW Passat. Frische Luft und Ganztagsschulen und etwas diffus auch: Gerechtigkeit will die SPD zum Glück der Welt erklären. Oft ist die SPD dann enttäuscht, dass der ehrliche Arbeiter lieber auch einen SUV hätte, sich nach einem Eigenheim mit Kinokeller verzehrt und den Fabrikdirektor nicht über den Jordan jagt, sondern sich zu Weihnachten eine Kiste Wein schenken lässt. Die SPD, lieber Tierarzt ist am meisten über sich selbst gerührt. Worte wie Angestellter und Fachabitur, Kumpel und Zukunftsqualifikation röten die Augen eines jeden Genossen und wie auch die ältlichen Tanten lutscht die SPD gern Werther-Bonbons und liefert darüber etwas lustlose Analysen zur Lage der Welt.

Die GRÜNEN dagegen waren lange die schwarzen Schafe in der Politikfamilie. Doch die sockenstrickenden Frauen, die mit tränenerstickter Stimme nach Mutter Erde riefen und die Wollsocken tragenden Lehrer mit ihrer Gitarre und Venceremos Gesängen sind lange passé. Niemand will mehr Geschichten über die Kommune hören und längst tragen die Grünen gut geschnittene Anzüge und wissen wo es das Beste Vitello Tonnato gibt. Die GRÜNEN aber glauben noch immer an ihnen läge es die Welt zu befreien nämlich von Dieselmotoren, den gutmütigen Onkels von der SPD und allen Anderen, die nicht so recht wissen, ob man Chia Samen eigentlich essen kann. Die GRÜNEN aber stolpern über das eigene Wohlgefallen und auch darüber, dass ihre Wähler nicht so sehr über Vollkorn, sondern Steuernachteile für ihre selten kleinen Autos grübeln. Konzepte haben die GRÜNEN nur selten, dafür Emotionen und damals wie heute verdrehen nicht nur die Schüler beim Venceremos die Augen.

Die FDP hingegen, lieber Tierarzt, ist die Partei der Immobilienmakler und Bootsclubmitglieder. Der FDP-Wähler ordert einen Latte-Macchiato und ist auch schon einmal auf Bali gewesen. Das lässt er jeden, ob nun gewollt oder nicht auch spüren und trotzdem der Liberale hadert mit der Welt, wie auch der Immobilienmakler, die Augen verdreht, will eine Familie ein Haus beziehen, das auch sein Start-Up Cousin schon ins Auge fasste. Der Liberale ist im steten Wettbewerb, Payback-Punkte, Business-Class-Upgrades und ein Superior-Zimmer, daran misst er die Welt. Oft will der Liberale weltgewandt und großzügig sein, doch niemals wollen Wille und Wirklichkeit so ganz zusammenpassen. Die FDP schwärmt von Moet-Chandon, um dann doch Prosecco bei ALDI zu kaufen und missgestimmt, die Etiketten abzunibbeln. Schuld daran, aber sind niemals die Liberalen selbst, sondern immer nur die, von denen die FDP vermutet, das man ihnen das Glück nicht gönnt. Groteskerweise sind das alleinerziehende Mütter, Rentner und quasi alle Menschen, die ohne MacBook leben.

DIE LINKE ist ähnlich unzufrieden, aber auf eine Art, die wohl schon Karl Liebknecht peinlich gewesen wäre: dann nehmen wir es den Reichen eben weg, geht den Linken noch immer allzu leicht über die Lippen. Die Linken haben etwas vom Hochstapler, an sich kein unangenehmer Mensch, aber in seinen Hosentaschen ist eben auch immer ein Loch. Wie das Geld verdient werden soll, dass die LINKE schon auszugeben wüsste, weiß niemand so genau. Während die SPD noch immer von Arbeitervolksschulheimen träumt, so hat auch die LINKE eine oft etwas unangenehme Beziehung zur Vergangenheit. Wäre, um bei deinem Lieblingsthema, den Hundewägelchen zu bleiben, Tierarzt, die Linke sicher dafür, dass jeder Hund ein Wägelchen gleicher Bauart bekäme und die Doggenbesitzer zahlten für den Spitz der alten Frau aus dem 3. Stock mit, so bezahlten alte Kader der Linken wohl doch noch Katzen als Spione und so haftet der LINKEN immer auch etwas Uneindeutiges und wohl auch Zweifelhaftes an.

Die CDU hinegegen lieber Tierarzt war immer die Partei der Sparkassendirektoren und Schützenkönige, eine Partei der Stammtische und festen Reden, und nie so ganz sicher, wie man sich denn nun eigentlich zur Moderne verhalte. Gut findet die CDU auf jeden Fall Autos und findige Tüftler, ansonsten aber wird alles Neue mit Argwohn bestaunt, denn im Grunde steht die Welt nur den Schützenkönigen und ihren Kindern offen. Dass auch Kinder mit Eltern aus Izmir Klassensprecher werden oder Frauen Konzerne leiten behagt dem CDU’ler niemals ganz und darauf einen Kräuterschnaps beim Stammtisch. Die CDU glaubt an gemähte Rasen, polierte Karossen, aber inzwischen auch an das eigene Heizkraftwerk im Keller, Solarpanele auf dem Dach und, dass die Mia nun lieber mit Lia knutscht, als mit Hans-Peter, ist schwer aber dennoch verdaulich. 12 Jahre Merkel gehen auch am ordentlichen CDU-Wähler nicht spurlos vorbei und wenn beim Stammtisch auch noch von den Zeiten geschwärmt wird, wo man im Büro ein Gespusi hatte, so ist die CDU doch weltverhaftet, und wenn nicht innovativ, so doch behaglich eingerichtet.

Die AfD aber Tierarzt sage ich, träumt nicht von einer Welt in der es nur einigermaßen gerecht und geordnet zuginge, sondern die Afd gefällt sich in der Rolle des ungehörigen Bruders, der mit dem Taschenmesser den Käfern die Beine abschnitt und später der Freundin mit Ohrfeigen drohte, die AfD ist die Wiedergeburt von Diederich Heßling, dem brutalen, deutschen Spießer. Die AfD will eine Welt zurück in der Opa ruhig mal erzählt und zwar mit Stolz und den alten Orden der SS an der Brust, wie es war damals als es hieß: „Jeder Russ, ein Schuss!“ Wenn Hans die Grete nachts im Park überfällt, hat sie es nicht anders gewollt und wenn die Ehefrau sich eine fängt, so hat sie es nicht anders verdient. Wenn der AfD-Wähler über den Pastor schimpft, die Behinderten verlacht, die Ausländer verachtet und die Juden wie die Muslime hasst, so ist es sein gutes Recht, aber wehe der AfD’ler soll sich mäßigen müssen, dann schreit er Vaterlandsverrat und Zeter und Mordio, wie damals als Vatern ihn durch den Garten jagte, als er Bonbons aus dem Zuckerglas stahl. Das Lügen aber hat ihm schon immer gelegen, und nur wer Böses will, würde sagen, dass er hat von Opa gelernt.

Nicht vergessen werden aber soll über all dem die CSU. Die CSU hat ein Programm und das Programm heißt: Bayern. Dass was Trump Amerika versprach, ist in Bayern schon immer der Fall und so ließe sich wohl in einem bayerischen Biergarten unter Kastanien, die Wahl am Besten verfolgen, denn Mia san Mia, das ist dort Gesetz.

„Yikes“, sagt der Tierarzt und ich wende mich wieder dem Schreibtisch zu.

Der Tierarzt, die Frau des Krämers und die Sache mit Deutschland.

Die Ladenglocke klingelt noch schriller als sonst. „Ha, sagt die Frau des Krämers. Fräulein Read On, ich dachte sie hätten den Tierarzt nun endgültig entführt.“ Die Frau des Krämers wirft mir einen Blick zu, der schon stärkere Fräuleins aus den Schuhen geworfen hätte, aber die Frau des Krämers weiß nicht, dass es da einmal einen Oberarzt gab, der mit Skalpellen warf und so laut brüllte, dass unten in der Pathologie Tote nach ihren Schlüsseln suchten. Ich wünsche der Frau des Krämers also auch einen guten Abend.

Schon aber schellt die Glocke erneut und Tierarzt steht auch im Geschäft. Die Frau des Krämers streicht sich die Haare hinter ihr Ohr und hätte sie eine Puderdose, jetzt käme sie zum Einsatz und flötete: „Ach Tierarzt, ihr Kälbchen hat sie ja sooooo vermisst, und wir Sie natürlich auch.
Der Tierarzt hat feuchte Augen, denn natürlich hat er den ganzen Nachmittag ( das Fräulein arbeitete ) mit Kälbchen im Heu gelegen und ihm Karottenblumen geschnitzt.

„Na Tierarzt, nun erzählen Sie doch mal, sagt die Frau des Krämers, wie ist es Ihnen den ergangen in Deutschland?“ und ich suche derweil nach Vanille und Backpulver

„Deutschland ist schön!“, sagt der Tierarzt und Rügen noch schöner.“

„Aber Irland ist auch schön“, sagt die Frau des Krämers und holt tief Luft.

„Irland ist anders“, sagt der Tierarzt und schaut die Frau des Krämers trotzig an.

„Aber das Wetter muss fürchterlich gewesen sein, überall Wolken und Regen!“ schnarrt die Frau des Krämers, sie habe das alles im Internet nachgesehen.

 Der Tierarzt aber schüttelt den Kopf: „Man muss selbst dort gewesen sein“, sagt er: „In Deutschland, Frau des Krämers ist selbst der Regen warm“ und der Tierarzt zwinkert mir zu, denn zwei kleine Nichtenkinder haben mehr als einmal einen Eimer sonnenwarmen Wassers über ihm ausgegossen. „Die Wolken in Deutschland müssen Sie wissen, sind alle Schäfchenwolken und sehen Sie doch nur das Mädchen ist ganz braun.“

Die Frau des Krämers rümpft ihre Nase. „Die Bäuerinnen waren früher auch immer alle ganz braun, knurrt sie und lobt die blasse Eleganz ihrer Tochter und zeigt dem Tierarzt auch ihre fast perlweißen Arme. Der Tierarzt aber schüttelt den Kopf: „Je dunkler, je besser.“ Ich versuche nicht zu kichern und staple, Milch, Eier und saure Gurken auf die Ladentheke.

„Aber, und nun ist die Frau des Krämers wieder siegesgewiss, das Essen in Deutschland muss schauderhaft sein: Sauerkraut und Sausages und dicke Kuchen und sie rudert mit den Armen: Kartoffelsalat.“ Der Tierarzt aber schüttelt wieder und deutlich energisch den Kopf: „Aber Frau des Krämers, die Deutschen lenken den Rest der Welt nur ab mit Wurst und Kraut. Die Deutschen haben Sanddorn. Die Frau des Krämers versucht das Wort zu wiederholen. S-A-N-D-D-O-R-N wiederholt der Tierarzt noch einmal. The best in the whole wide world. „Wir haben eine ganze Kiste Sanddornsaft mitgebracht“, sage ich und lege Äpfel und ein Stück Parmesan zu den restlichen Dingen. Die Frau des Krämers starrt den Tierarzt fassungslos an- Sanddorn krächzt sie und der Tierarzt sagt: Am Besten ist Sanddornsaft lauwarm. Der Tierarzt aber ist schon weiter und fügt hinzu, was er noch alles gegegssen hat: Matjes in Buttermilch, ein Viertel Stück Geburtstagskuchen, Pfannkuchen mit Johannisbeeren frisch vom Strauch, eine Marzipankartoffel, ein halbes Samosa, grüne Haribo Frösche und Spinat mit Ei ( singen Sie an dieser Stelle bitte ein Loblied auf meine liebe C. die Kinder und den Tierarzt ) mit ihrer Sanftmütigkeit aus Eisenstahl an den Tisch bekommt. Die Frau des Krämers aber stößt noch einmal Sanddorn hervor wie ein Stoßgebet und der Tierarzt ist gleich dabei ein neues Loblied auf den Wundersaft anzustimmen. „So gesund,Frau des Krämers.“ Ich bringe Senf und Schokolade an und der Tierarzt strahlt die Frau des Krämers an, die ganz gegen ihren Willen natürlich doch weiche Knie bekommt, denn nicht umsonst sind die Damen Krämer ja dem Tierarzt und seinem 200 Watt Lächeln verfallen und man sagt zwischen Dublin und Dingle sind selbst Hühner von der Stange gefallen, nur weil der Tierarzt sie anstrahlte und sagte: Mesdames, Sie hatten eine Wurmkur bestellt?

Die Frau des Krämers aber hält sich mit beiden Händen am Ladentisch fest und holt zu einem letzten Schlag aus: „Aber Tierarzt, Deutsch muss doch eine schreckliche und schrecklich schwere Sprache sein und dann äfft sie ein kläffendes Gebell nach, dass sie sich bei deutschen Touristen abgeschaut hat. Aber der Tierarzt ist nun ernstlich empört und baut sich vor ihr auf und rattert alle seine Vokabeln herunter: Hallöchen-Moin-Mädchen-Sanddorn- Eis- nech-Hund-Katze-Maus-Mädchen-bittedankegerne-Bötchen-Kälbchen-Mädchen-Kreidefelsen-ihrMäuseEssenSchlafenBaden-Hier Mädchen-Dort Mädchen, Küsschen-JonnyguterJunge-Halt-Mädchen weiß Deutsch- herunter und die Frau des Krämers ist indessen zu einer Salzsäule erstarrt. Aber der Tierarzt ist noch nicht fertig und zieht mich zu sich heran und sagt: Listen: „Deutsch ist Mädchensprache.“ Dann küsst der Tierarzt mich ziemlich eindeutig und mir fällt fast die Milchflasche aus der Hand. Die Frau des Krämers atmet schwer. Aber der Tierarzt strahlt und dann fällt dem Tierarzt noch ein Wort ein: Leuchtturm und als die Frau des Krämers wenigstens den 2. Weltkrieg ins Feld führen will, erklärt der Tierarzt der Frau des Krämers, dass die Deutschen ihre Hunde in Wägelchen und gepolsterten Körben spazieren fahren und fährt sich durch das Haar. Wenn der Tierarzt sich durch das Haar fährt, sieht er immer ein bisschen so aus wie der Mann aus der Davidoff Cool Werbung nur eben sehr, sehr viel dünner und die Frau des Krämers wird immer sehr rot, wenn der Tierarzt sich durch die Haare fährt, wie auch die Hühner, Schafe und Kälber zwischen Dublin und Dingle, nur das Fräulein kramt nach Haferflocken und versäumt das Spektakel, als die Haferflocken auf der Theke liegen, sagt der Tierarzt mit Dustin Hoffmann Lächeln noch einmal: Germany is so sexy.

Die Frau des Krämers ist kurz vor der Ohnmacht, ich krame nach dem Geldbörsel und das letzte was wir von der Krämersfrau für heute hören ist: 28, 93 Euro, bitte.

„Germany is so sexy?“, sage ich zum Tierarzt als wir wieder auf der Straße stehen. Der Tierarzt fährt sich noch einmal durch sein Haar und nickt: „so sexy Mädchen.“ Zwei Frauen mit Kinderwagen bleiben stehen und starren dem Tierarzt unverhohlen hinterher. Die Frau des Krämers steht noch immer unbewegt hinter dem Tresen und hebt matt die Hand und wir kichern erst als die Haustür im Oberland sich knarrend hinter uns schließt.

 

 

‚Der deutsche Mann ist ein Esel.‘

IMG_2891.JPG

Der Tierarzt und ich sitzen auf einer weißen Bank auf der Kurpromenade. Im Kurpavillon führt ein Mann Zaubertricks vor. Meine Neffe und die Nichten 1 und 3 besehen die Zauberei. Meinen Neffen habe ich eindringlich verwarnt: unter Androhung der Höchstrafe: „Nur zwei Kugeln Eis“ ist es ihm untersagt auf die Bühne zu springen und die Zaubertricks des schwitzenden Zauberers mit seinem blauen Hut zu enttarnen. Mein Neffe schiebt schmollend die Unterlippe vor: „Aber ist das nicht Betrug?“ Aber ich wiederhole nur drohend: „Nur zwei Kugeln Eis“ und hoffe der Zauberer wird nicht von meinem naturwissenschaftlich enthusiasmierten Neffen gestellt. Nichte Nummer 2 lehnt an mir und liest ein Buch über Moorleichen. Niemand anders als Nichte 2 hätte in der Buchhandlung-, in der wir für Jonny, Harry Potter besorgten- dieses Buch aufgetan. Jetzt also murmelt sie fasziniert, welche Konservierungstechniken Moore bieten. Den Zauberer hatte sie gleich abgetan. Der Tierarzt und ich sehen also auf die belebte Kurpromenade, die direkt zum Strand führt. Es sind Ferien und die Kurpromenade ist gut gefüllt. Vor uns bewegt sich eine Gruppe von Lasteseln die Promenade hinauf. Aber nicht, dass Sie denken, langohrige Fellnasen trotteten die Straße hinauf, nein es sind Männer, die Bollerwagen aus Holz oder Stoffplanen ziehen. Die Männer schwitzen. Die Wägen sind nämlich voll beladen: Angeln, Käscher, Luftmatratzen, Proviantboxen, Handtücher, Kinderspielzeug, Wechselsachen, Getränkekisten und Laufräder türmen sich auf den Wägen. Die Männer ziehen trotzig und verbissen die schweren Karren. Die Kinder, wie die Mütter, die so mutmaßen wir, wohl zu den Männern gehören sind nirgendwo zu sehen. Vielleicht sind sie schon am Strand oder föhnen sich noch die Haare. Die Kurpromenade ist recht steil, die Wägen schwer, die Sonne sticht und es ist eine lange wie langsame Promenade, die still und schweigend die Karren zieht. Es hat, das lässt sich nicht anders sagen, etwas von der berühmten Seidenstraße, nur eben sind hier nicht die Kamele bepackt. Eine Frau sehen wir doch. Sie ruft: „Mensch Jochen, wo bleibst Du denn?“ Jochen schnauft. Die Frau dreht sich weg. Ich bewundere die Karrenzieher sehr, denn ich verweigere mich solcher Dienste. Mit an den Strand kommt, was sich ans Rad hängen lässt, was sich nicht ans Rad hängen lässt, bleibt daheim. ( Vielleicht lebe ich erziehungstechnisch gesehen noch in den 50er Jahren? Aber ich habe gar keine Erziehungsambitionen, mein Schwesterchen hat einfach vier formidable Kinder ). Die Männer jedenfalls ziehen die Karren und dabei kommt das Schlimmste ja noch: auf der gepflasterten Promenade lassen sich die Handwägen ja noch ziehen, aber auf dem feuchten Strand muss das ein schauderliches Geschleppe und Geziehe sein. Aber dann ist der Zauberer mit seinen magischen Tricks schon fertig und auch wir laufen zum Strand hinunter. Bevor die Lastenmänner ankommen, sind wir schon zweimal im Wasser gewesen und Jonny ist vertieft in die Geschehnisse im Ligusterweg, die kleine Königin bespricht sich mit Kanzler Bär, Nichte 2 liest weiter über Moorleichen, Nichte 3 kaut auf einer Waffel und mein Neffe und der Tierarzt sind in Mendels Theorien vertieft. Die Lastenmänner aber die inzwischen den Strand erreicht haben, sitzen nicht wie wir auf Strandtüchern, sondern sie kramen in den Wägen nach Gummihämmern und Heringen um die Strandstoffburgen in den Sand zu hämmern. Das ist nicht einfach, denn der Sand ist mal tiefer, mal hindert Muschelkalk oder ein Stein die erfolgreiche Befestigung oder ein Kind rennt in das fast vollbrachte Werk. Die Männer schwitzen und kloppen verzweifelt mit dem Gummihammer auf die Heringe ein oder versuchen sich zu erinnern, wie die verfluchte Strandmuschel gleich noch aufgebaut gehörte. Die Damen der Familie liegen auf Luftmatratzen und halten das Gesicht in die Sonne. Stehen die Muscheln und so fällt der Lastenmann nicht in einen Liegestuhl, sondern ölt die Frauen der Familie ein und teilt rote Schaufeln und grüne Käscher an die Kinder aus. „Jochen was machst du da nur so lange?“ ruft eine Frau.

Sitzt der Lastenmann endlich auch, so ist die Mittagsstunde herangekommen und der Lastenmann eilt los, um an einer Strandbude Fischfrikadellen und Pommes zu holen. Da sind die Schlangen lang, denn da stehen schon all die anderen Männer mit dem gleichen Auftrag an. Endlich stolpert der Lastenmann mit beiden Armen voll Esswaren zurück zu den Seinen, da verteile ich gerade Obstspieße und Samosas ( bestes Strandessen immer ) an Neffen, Nichten und Jonny. ( Jonny’s Oma schreit: Dit is ja nen Ding wat die Ausländers da essen. Jonny wenn dich dit nicht schmeckt, musst du dit nicht essen.) Jonny greift zum zweiten Samosa. Die Damen der Männer aber futtern selig Fischbuletten und Pommes, die Lastenmänner aber mit vollen Händen und Durchzählen beschäftigt: Pommes mit Ketchup für Lisa-Marie, ohne alles für Leon-Lucas, und Buletten mit Krautsalat für die liebe Frau haben darüber vergessen, etwas für sich selbst einzuholen und Lisa-Marie, Leon-Lucas und die geliebte Ehefrau haben kein Mitleid mit Papas hungrigen Magen. Immerhin kann der Lastenmann sich jetzt setzen.

Ich pfeife die Kinder zusammen und wir fahren zum Eismann, der Eismann glaube ich seufzt wenn wir kommen. Denn mein Neffe verlangt Tag für Tag vier Kugeln Schokoladeneis ( die Eiserlaubnishöhe hängt mit überprüftem: Mir wird speiübel Level zusammen, der Neffe führt bei Weitem ), die kleine Königin will eine Kugel Erdbeereis und sehr viel bunte Streusel, Nichte Nummer 2 ißt Lakritzeis ( so ähnlich Read On sahen die Moorleichen aus ) und Nichte Nummer 1 hat den Flitz Eiskugeln ( immer drei ) nach Länderfahnen zusammenzustellen. Heute ist Island dran: Blaubeer-Erdbeer-Vanille-Eis, der Tierarzt hat mit einer Kugel Pfirischeis zu tun und ich habe Pisatzieneis auf der Nasenspitze wir sitzen so ähnlich gestapelt auf einer Bank wie unsere Räder an einer Kiefer lehnen, da kommt eine andere Familie zum Eismann. Mutter, Tochter, Vater und Hund. Mutter und Tochter lehnen das Rad an eine Kiefer und stellen sich beim Eismann an, doch der Wuff reißt sich vom Fahrradkorb los, und die Fahrräder kippen um. Aus den Fahrradkörben kippen Tüten und Taschen und der Mann hebt mit Geduld und Nachsicht die Sachen auf, faltet Handtücher, sortiert die Räder und beruhigt den Hund. Frau und Tochter schlecken Eis und die Tochter braucht irgendetwas aus ihrem Rucksack: Dabei fährt sie zu hastig in die Taschen und wieder kippen die Räder krachend um. Die Mutter sagt achselzuckend zu ihrem Mann: „Ich hab Urlaub.“ Der Mann hebt die Räder auf und sortiert die Sachen wieder neu zusammen. Wir bestaunen den Mann und seinen Gleichmut stumm. Dann fahren wir nach Haus. Auf der Kurpromenade bewegt sich die Lastenmannkarawane wieder ortseinwärts.

„Mädchen“, sagt der Tierarzt, ich glaube der deutsche Mann ist ein Esel.“

As an exception in German:Nichts für mich.

Ich staune. Ich staune über die Wut allerorten. Ich sitze im Zug. Wütend wettert ein Mann gegen den Koffer, der sich nur schwer in ein Gepäckfach heben lässt. Es zetert seine Frau fortwährend über seine schwachen Arme und seinen so schlaffen Willen und als sie endlich, endlich sitzen, plärren sie gegen das Land durch das sie fahren und in dem sie nicht mehr ihre Meinung sagen dürften. Nein, sie merken nichts. Sie sind nur wütend, was weiß ich warum. Der Koffer, das Wetter, ein schmerzender Zeh, ich kann es nicht erklären. Ob sie selbst es erklären könnten,die wütenden Rentner in ihren beige-grauen Tchibojacken und mausbraunen Schuhen, ich bezweifele es sehr. Ich weiß nicht woher die Wut kommt. Mich ekelt ihre Wut fast so sehr wie ihre Leberwurstschnitten, in die sie ( Wut macht wohl hungrig ) herzhaft beißen, aber nie im Leben käme ich auf die Idee, ich legte nun meinerseits das Buch beiseite und schlüge ihnen die Schnitten aus der Hand, so wie die beiden befinden, man müsste denen-den Flüchtlingen also- das Grinsen aus dem Gesicht schlagen. Warum man sich gegen das Lächeln anderer, mit Schlagkraft wenden muss: ich verstehe es nicht und dabei wird mir übel von der Leberwurst und der Wut. Vielleicht sind es die langen Ehejahre und die zerplatzten Träume. Aber wovon träumt man als Wütender eigentlich? Von einem beständig wachsenden Haufen ausgeschlagener Zähne, vielleicht? Aber vielleicht knirscht man auch nur noch mit den Zähnen. Man müsste sie alle hängen, kräht die Frau, die nun Apfelschnitze aus der Tupperbox zu ihrem Mann herüberreicht. Ihre Dauerwelle ist hart wie Beton und um ihren Mund liegt ein unangenehmer Zug.Ihr Mann spuckt Leberwurstbröckchen und nickt: „alles Schweine“, sagt er, als er wieder Luft bekommt. Warum ersticken Menschen eigentlich immer an Leberwurstbroten und nie, wirklich niemals an ihrer Wut? Alles verschluckt ihre Wut und warum sie sich die Welt, so kalt, so gewalttätig und so anders vorstellen als ich, bleibt mir ein Rätsel. Warum sie sich nichts an Freundlichkeit und einem offenen Herzen bewahrt haben, warum sie nur Parolen können und wahrscheinlich keine Gedichte, ich kann es kaum begreifen. Warum sie vom Krieg träumen und das Faustrecht als Ideal ihrer Wirklichkeit zum ersten Prinzip erheben, ich will in ihrer Welt niemals leben müssen, in der es immer nur Feinde, Blut und Eisen gibt und niemals ein leises Wort und eine Gedankenlänge voller Stille.