Woanders ist es auch schön.

Liebe Tante Anna Was für ein berührender Text und was für ein zauberhaftes Blog.

Die Welt ist eine andere in Georgien und immer wieder neu lässt sich fragen, wo ist das eigentlich dieses Europa?

Die Kaltmamsell wandert durch Galizien und nimmt uns alle mit!

Italien geht ja immer.

Es gibt ja keine einfachen Leute und auch kein einfaches Leben und dazu gehört auch das Leben jener DDR- Bürger, für die das Ende, kein Anfang war.

Ob die Kinder es wohl noch retten können?

Wie sehr ich diese Frauen doch bewundere.

Nach langen, grauen Tagen ist das Blau zurück  und der Tierarzt singt im Badezimmer  dieses Lied und singt es schief und laut und sehr, sehr schön.

Herr Müller kommt nicht mehr zurück.

In der kleinen Stadt in der meine Großmutter und auch mein Großvater lebten gab es nicht nur den alten Kirchturm und das Rathaus mit dem Renaissance-Giebel, die Poliklinik und die Praxis meiner Großmutter am anderen Ende des Marktplatzes gelegen, ein Gymnasium und altes Kopfsteinpflaster, sondern auch Außenseiter. Meine Großeltern zählten zu ihnen, sie waren die Juden des Ortes, das sagte man aber nicht laut, sondern hinter vorgehaltener Hand und noch heute, gehe ich über den Marktplatz sprechen mich manchmal Einwohner der kleinen Stadt an: „Sie sind doch die Enkeltochter der Frau Judendoktor, nicht wahr? Manchmal riefen die viele Kinder der kleinen Stadt: „Brennt der Jude/ rappelts in der Bude.“ Aber meine Großmutter verzog nur die Lippen zu einem Lächeln, von dem man niemals wusste, ob es spöttisch oder traurig war und ging weiter. So war das in Deutschland und auch in jenem Deutschland, das für sich befand antifaschistischer Schutzwall zu sein. Mein Großvater leitete den Chor und die deutschen Frauen, die dort aus dem Gotteslob sangen, verliebten sich in den schmalen Mann mit den traurigen Augen. „Der Jude hat etwas“ sagten die Frauen und mein Großvater der niemals lächelte, sah den Frauen nicht hinterher.

Im Kirchenchor sang auch Richard Müller. Er war der einzige Mann, Lehrer für Musik am örtlichen Gymnasium und schwul. Das wussten alle Menschen in der kleinen Stadt und sie ließen Richard Müller wissen, dass sie es wussten, denn wenn auch alle Menschen, sahen sie Richard Müller, ganz besonders überdeutlich sagten: „Guten Tag, Herr Müller“, so nannten sie ihn, kaum wandte er sich ab  niemals anders als „Sweety Müller“. Die Mütter, die im Kirchenchor Richard Müllers voluminösen Bariton lobten, verwarnten ihre Kinder niemals, aber wirklich niemals auch nur das leiseste Wort mit Sweety Müller zu wechseln. Denn Sweety Müller täte in seiner Wohnung über dem Konsum Dinge, die so schrecklich wären, dass sie am Besten gar nicht ausgesprochen würden. Sweety Müller täte mit kleinen Buben noch viel schlimmere Dinge als die Juden, die ja auch Kinder fräßen. ( Aber das durfte man nicht mehr laut sagen.)

Im Gymnasium der kleinen Stadt hatte Richard Müller Disziplinprobleme. Denn die Mädchen kicherten sobald Richard Müller das Wort Flöte in den Mund nahm hemmungslos und die Buben schrien „Sweety, sweety Müller“, wenn immer der Lehrer sich ihnen näherte, warfen die Notenblätter aus dem Fenster und wann immer Herr Müller das Klassenzimmer betrat, war eine Schmiererei an der Tafel angebracht, die zwei kopulierende Strichmännchen zeigte: Sweet stand unter der Zeichnung. Immer wieder beschwerten sich Mütter und Väter über den Musiklehrer und fürchteten um die Unversehrtheit ihrer Söhne.
Eines Tages aber wurde Richard Müller in Begleitung eines Mannes auf dem Marktplatz mit seinem hohen Kirchturm gesehen. Die vielen Kinder des Ortes riefen: „Küssen, Küssen“ und am Ende des Tages klingelte Richard Müller bei meiner Großmutter. Er blutete aus der Stirn und meine Großmutter ging mit ihm hinüber in die Praxis und nähte die Platzwunde und klammerte die geplatzte Augenbraue. „Herr Müller, sagte meine Großmutter, kann ich etwas für sie tun?“ Herr Müller schüttelte den Kopf. „Er sei nur unglücklich gefallen.“ „Jetzt müsse er auch los, denn sein Bruder sei zu Besuch.“ Aber meine Großmutter wie alle Bürger der kleinen Stadt wussten, dass die Männer des Ortes, Richard Müller „eine verpasst hätten“, damit er nicht noch mehr solche „warmen Brüder“ hier anschleppte. Im Kirchenchor waren die Frauen sehr besorgt um Richard Müller mit der schönen Baritonstimme. So vergingen die Jahre und Richard Müller blieb Sweety Müller. Eines Tages als Richard Müller die Tür zum Klassenzimmer öffnete, hatte sich die Buben die Münder rot geschminkt und spitzten die Münder zum Kuss: „Sweety, sweety Müller, küss mich doch, wenn du dich traust.“ Richard Müller verließ schweigend das Klassenzimmer.
Wieder klingelte Richard Müller bei meiner Großmutter und saß in ihrem Sprechzimmer, hinter dem Schreibtisch meiner Großmutter hing das Bild von Magnus Hirschfeld, den der Direktor der Poliklinik für einen Klassenfeind hielt und wahrscheinlich war Richard Müller der einzige, der Magnus Hirschfeld als den erkannte der er war, einen brillanten Arzt und Vorkämpfer für die Rechte sexueller Selbstbestimmung und der Entkriminalisierung von Homosexualität. „Ich brauche ein Rezept“, sagte Richard Müller zu meiner Großmutter.

„Was brauchen Sie für ein Rezept Herr Müller?, fragte meine Großmutter.

Ich brauche ein Rezept gegen diese Krankheit“, sagte Herr Müller und zeigte zwischen seine Beine.

Meine Großmutter von der ich doch alle Worte habe und die niemals auch nur um ein einziges Wort verlegen war, sah Richard Müller schweigend an. Dann sagte sie all die Dinge die man so sagt: Dass er völlig in Ordnung sei, so wie er sei, dass Homosexualität doch, aber Richard Müller wollte ein Rezept gegen ein Leben, das ihm nicht aufhörte wehzutun, ein Rezept gegen die johlenden Kinder, gegen das „Einen wunderschönen, schönen guten Morgen Herr Müller, gegen die grinsenden Männer mit der Faust in der Tasche. Meine Großmutter hatte kein Rezept, sie suchte ja selber vergeblich gegen ein Rezept für die Schmerzen von Auschwitz. Lange saßen sie da, meine Großmutter und Richard Müller und der schweigende Magnus Hirschfeld an der Wand schwieg mit ihnen. Dann ging Richard Müller: „Danke Frau Doktor.“

Zwei Wochen später fand eine Nachbarin Richard Müller auf dem Wäscheboden.

Richard Müller hatte sich erhängt.

Kreischend stand sie auf dem Marktplatz: „Sweety Müller ist tot.“

Die Frauen heulten, die Männer sagten sie hätten es ja gewusst, dass es kein gutes Ende nehmen würde mit Einem wie diesen. Die Kinder johlten und wollten die Leiche des „warmen Bruders“ sehen.

Zur Beerdigung Richard Müllers kamen allein sein Bruder und meine Großeltern. Noch heute aber und längst gibt es schwule Paare in der kleinen Stadt, raunen die Bürger, wann immer ihnen jemand merkwürdig erscheint: „Ganz wie Sweety Müller.“

 
Heute am 30. Juni 2017 hat der Bundestag die „Ehe für Alle.“ beschlossen und auch wenn es keine späte Gerechtigkeit mehr für Richard Müller gibt, so gibt es doch ein Unrecht weniger.

Der Stein des Anstoßes.

Meine Großmutter praktizierte nur für kurze Zeit in der Poliklinik der kleinen Stadt, in der sie lebte. Bald schon eröffnete sie eine eigene Praxis, zum Entsetzen des Direktors der Poliklinik. Ihre Approbation hatte meine Großmutter schließlich in Israel erhalten, ihren Facharzt am Hadassa-Hospital in Jerusalem gemacht und ihre Doktorarbeit zu einen Zeitpunkt verteidigt, als die DDR- Führung Frauen riet doch Traktoristin zu werden. Meine Großmutter hängte ein Bild von Magnus Hirschfeld in den Praxisraum, befestige ein Schild mit ihren Sprechzeiten an der Tür und kaufte ein gebrauchtes Vorkriegsmotorrad für Hausbesuche. Aus dem Fenster ihres Sprechzimmers konnte sie das Haus des Poliklinikdirektors sehen. Der Direktor der Poliklinik ließ Jalousien an seine Fenster anbringen um den Stein des Anstoßes, die Privatpraxis auf der anderen Marktseite nicht sehen zu müssen. Meine Großmutter machte die Fenster auf. „Frische Luft“ das war ihr stetes Credo „hat noch niemals geschadet.“ Am Anfang sah sie lange auf den Marktplatz, denn der Direktor der Poliklinik wollte ein Exempel statuieren, aber die Ausstattung der Poliklinik war schlecht und meine Großmutter hatte Medikamente aus dem Westen, einen sauberen Kittel und ehe man sich versah, war meine Großmutter Frau Doktor geworden und die Praxis von nun an immer voll.
Der Direktor der Poliklinik hasste meine Großmutter von ganzem Herzen. Meine Großmutter winkte ihm vom Motorrad aus zu. Sie trug maßgeschneiderte Lederhandschuhe , die ihr eine Patientin ohne Geld aber mit schwerer Diabetes schneiderte. Der Direktor der Poliklinik schäumte: „Dekadenz und Bourgeoisie.“ Meine Großmutter kräuselte ihre Oberlippe. Schon mit sechs Jahren hatte sie doch beherzt zur Küchenschere gegriffen und sich die schweren Zöpfe abgeschnitten. 1928. Ihr Vater war begeistert: „Die moderne Frau.“ Er ging mit ihr zum Friseur und sie bekam einen Bubikopf. In der ganzen Stadt ging er damals herum mit dem sechsjährigen Mädchen auf seinen Schultern: „Das Mädchen wird Matura machen.“ Er würde Recht behalten. Der Direktor der Poliklinik besorgte Lederhandschuhe aus dem Intershop für seine Frau. Meine Großmutter stellte seine Geliebte als Arzthelferin ein. Der Direktor schäumte. Meine Großmutter behandelte die Migräne seiner Frau: „ Der Herr Direktor darf davon nichts wissen.“ Meine Großmutter hielt still. Die Geliebte des Direktors bekam ein Kind. Der Herr Direktor wollte davon nichts wissen. Meine Großmutter besorgte einen weinroten Kinderwagen aus dem Westen, der in ihrem Fall eben Israel hieß. Die Jalousien im Haus gegenüber aber blieben unten. Meine Großmutter stellte einen jungen Mann ein, der als systemkritisch galt. „Was wollen sie mit dem?“ fragte der Direktor der Poliklinik. Meine Großmutter zog die linke Augenbraue nach oben. „Es braucht gutes Personal, eine Praxis zu führen.“ Der Direktor schlug die Tür hinter sich zu.
Der junge Mann aber übernahm die Anmeldung, vergab Termine, putzte das Messingschild vor der Tür und heiratete schließlich die Geliebte des Direktors. Der Direktor der Poliklinik schickte keine Blumen. So vergingen die Jahre, der Direktor der Poliklinik nahm sich eine neue Geliebte, die Arzthelferin bekam ein zweites Kind und an jedem 8. März sperrte meine Großmutter am Nachmittag die Praxis zu. Ihre Mitarbeiter aber lud sie ein zu sich nach Haus zu Sachertorte und Kaffee. Der Direktor der Poliklinik aber berief an jedem 8. März eine Versammlung der Poliklinik ein. Eine Tasse Kaffee und zwei Schinkenbrötchen pro Frau. So stellte sich der Staat der Werktätigen, Großzügigkeit vor. Lange Reden und kleine Prämien. Der Direktor aber der sich eins, zwei, drei, mehr Schnäpse in den Kaffee goss, schrie je länger der Abend dauerte, umso lauter gegen meine Großmutter an, die sich mit ihrer privaten Praxis am anderen Ende des Marktes als wahrer Schädling des Volkes erwiesen hatte, keine sozialistischen Werte verinnerlichte, dekadent sei und sich nicht einmal am Internationalen Frauentag solidarisch zu den Werktätigen verhalte. Meine Großmutter servierte derweil Kaffee in Meißener Tassen, mein Großvater spielte Klavier und die Kinder spielten Ball im Garten. Der Direktor der Poliklinik machte anzügliche Witze, und lachte laut über den Mann an der Anmeldung. Über sein Kind schwieg er sich aus. Wieder verging Zeit, am 8. März des folgenden Jahres saß meine Großmutter zum letzten Mal mit ihrer Arzthelferin, ihrem Mann und den beiden Kindern bei Kuchen und Kaffee zusammen. In der Nacht verließen sie das Land. Republikflucht, nannte man das im solidarischsten aller Länder, natürlich wurde das Paar verraten, denn nichts blieb verborgen in diesem Land, das mit besten Wissen und Gewissen, und ganz nach Belieben Menschen zerbrach, im Zeichen der internationalen Solidarität. Nur der Frau und ihren beiden Kindern gelang die Flucht. Ihren Mann aber fand man erhängt in seiner Zelle. Am nächsten Morgen durchsuchte die Staatssicherheit die Praxisräume. „Beihilfe zur Republikflucht.“ Grinsend sahen auch der Direktor der Poliklinik und seine Frau zur Tür herein. Das Gesicht von Magnus Hirschfeld hatte einen Sprung. Meine Großmutter trug es zum Glaser. Als sie schließlich aus dem Gewahrsam der Polizei entlassen wurde, räumten ihr Mann und sie die Praxis auf. Im Haus des Direktors der Poliklinik brannte noch immer Licht. Anderntags sperrte sie die Praxis wieder auf. Die neue Arzthelferin und die neue Sprechstundenhilfe und alle die ihnen folgten in den nächsten Jahren, die bald Jahrzehnte wurden, berichteten direkt an die Stasi und dem Direktor der Poliklinik, der ja nicht umsonst in die Staatspartei eingetreten war. Das Bild Magnus Hirschfelds aber blieb den Arzthelferinnen und auch der Stasi ein Rätsel. Sie vermochten einfach nicht herauszufinden, wer der Mann auf dem Bild gewesen sein könnte. Einmal fragte die Frau des Poliklinikdirektors, die noch immer ihre Migräne bei meiner Großmutter behandeln ließ. Meine Großmutter aber antwortet: „Ein Mann aus einem anderen Deutschland.“ In der Stasiakte hieß bald darauf: Die Ärztin stellt imperialistische und klassenfeindliche Propaganda in ihren Praxisräumen zur Schau. Meine Großmutter lachte und warf die Briefe, die ihr in dieser Sache zugingen, ungeöffnet in den Papierkorb.
Noch immer sperrte meine Großmutter ihre Praxis an jedem 8. März zu, aber die Arzthelferinnen und ihre Familien lud sie nicht mehr zu sich nach Hause ein. Die Arzthelferinnen erbaten sich von meiner Großmutter doch an den Feierlichkeiten zum Internationalen Frauentag in der Poliklinik teilnehmen zu dürfen. Meine Großmutter hielt niemanden von Schinkenbroten ab. Der Direktor der Poliklinik lobte den ehrlichen, sozialistischen Ethos der Arzthelferinnen. Eine Prämie bekamen sozialistisch akkurat die vorwiegend männlichen Kollegen und die Frauen warme Worte.
Meistens sperrte meine Großmutter am Abend des 8. Märzes noch einmal ihre Praxis auf,selten habe sie so viele betrunkene Männer auf den Straßen gesehen, wie am Internationalen Frauentag sagte sie, denn dem Brigadeethos der Männer ihren weiblichen Kolleginnen gegenüber sei nicht so sehr mit sozialistischem Schwung denn mit Alkohol auf die Sprünge geholfen worden und meine Großmutter klammerte eben die Wunden. Irgendwann wankte auch der Direktor der Poliklinik gestützt von seiner Geliebten über den Marktplatz seinem Zuhause zu, hinter den Jalousien die Ehefrau mit Hauptweh im Bett. Noch in der Nacht des Mauerfalls aber sagte meine Großmutter mir, habe der Direktor der Poliklinik die Stadt verlassen und auch seine Frau habe nie wieder von ihm gehört.

Feierliches Beisammensein zum Jahresausklang

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass ich der Jude bei uns im Kolleg seit Jahr und Tag für die Weihnachtsfeier zuständig bin. Die Weihnachtsfeier aber kann nicht länger Weihnachtsfeier heißen. Das Wort Weihnachtsfeier sei ein Begriff, der Anstoß errege und Gefühle missachte, sagte man mir. Anonyme Briefe seien eingegangen und es habe Beschwerden gegeben. Mir ist nicht klar, warum nun eine Weihnachtsfeier verletzender sein solle, als ein falsch adressierter Liebesbrief, aber andere mögen mehr Gefühle haben als ich. Ich spreche also mit dem Hausmeister, der die Dekorationselemente ( eine mäßig funktionierende Lichterkette und einen Karton mit unbrauchbarem Klimbim vor das Büro hievt. Ich seufze. „Hausmeister, sage ich kommen Sie denn auch?“ Der Hausmeister bellt schwer Verständliches. Ich mache mein freundlichstes Schafsgesicht und der Hausmeister bellt noch einmal: „Ob es mulled wine ( eine eigentümliche Spezialität dieses Landstriches, nicht unähnlich eines Punsches gebe.) Ich nicke und sage aber gewiss, mulled wine gehört doch zu den traditionellen Spezialitäten eines feierlich, festlichen Jahresendumtrunks. Der Hausmeister starrt mich entsetzt an, dann schlurft er nach draußen und steckt sich eine Zigarette an.

Ich schicke eine Einladung umher, die höflich-freundlich und alles Weihnachtliche vermeidend, die lieben Kollegen zum zahlreichen Erscheinen bittet. Elf Minuten später, stürmt die B. aus dem Iran gebürtig in mein Büro. „Äh, Du Read On, die Einladung da, das ist die Weihnachtsfeier, ja?“ Ich seufze und nicke und murmele etwas von verletzten Gefühlen. Die B. sieht mich sehr irritiert an. „Heißt das es gibt dieses Jahr keinen Weihnachtsbaumschmuckwettbewerb?“ Ich schüttle den Kopf. Die B. flucht. „Sag doch nicht immer Weihnachtsbaum B.“ sage ich, besser ist: „Immergrünes Jahresendgewächs.“ Die B. zeigt mir einen Vogel. „Aber „mince pies“ gibt es schon noch, fragt sie und ich nicke. Am Abend gehe ich in den einzigen Lebensmittelladen des kleinen Dorfes. „Frau des Krämers“ sage ich, „wir brauchen Mince Pies für das festliche Beisammensein zum Jahresschluss.“ „Fräulein Read On sagt die Frau des Krämers haben Sie Fieber?“ Ich mache doch jedes Jahr Mince pies für die Weihnachtsfeier.“ Ich zucke zusammen. Die Frau des Krämers will meinen Erklärungen nichts wissen. „Stadtmenschen“ knurrt sie wie der alte Hofhund und schüttelt den Kopf. Ich nicke besänftigend. Dann gehe ich herüber zum Metzger. Das Dorf hat zwei einen für Geflügel und einen für Schwein und Rind. Letzteren betrete ich fast nie. Deswegen ruft die Verkäuferin auch gleich nach hinten: „Cheeeeef, das Fräulein Read On!“ Der Chef kommt und strahlt: „Ach Fräulein Read On, Sie kommen wegen der Bestellungen für die Weihnachtsfeier! „Ach Metzger sage ich, es ist heuer Besinnliches Beisammensein im Schein warmer Lichter.“ Der Metzger schaut verdutzt. „Wenn Sie das meinen Fräulein Read On!“ Ich seufze wieder und bestelle: Würstel im Schlafrock, Pasteten und vielerlei andere Dinge. Zuhaus jage ich den Tierarzt los einen Mistelzweig zu besorgen und der Tierarzt schnauft. „Das ist sooo überholt“. Niemand hat doch mehr einen Mistelzweig über dem Türrahmen hängen. Noch dazu auf einer Weihnachtsfeier.““Papperlapapp“ erwidere ich: „Der Mistelzweig kommt in eine Vase, und zweitens ist der Mistelzweig ein frohes Symbol frischen Lebens, symbolisiert Neunanfänge und lässt die Liebe hochleben. Keineswegs repräsentiert der Mistelzweig vorrangig Weihnachtliches.“ Der Tierarzt starrt mich entsetzt an. „Manchmal glaube ich der Priester hat Recht sagt er und du warst bestimmt einmal im Jesuitenseminar.“ Tierarzt sage ich: Mistelzweig. Ich übersetze einen Stapel Fragen aus Max Frischs Questionnaire. Wenn sich schon nicht geküsst werden soll, dann muss man wenigstens Gesprächsbedarf schaffen. „Gibt es kein Weihnachtsrätsel dieses Jahr?“ fragt mich der  W. und ich seufze. Doch sage ich es gibt ein Rätsel, welches sich dem Thema: Das Jahr neigt sich dem Ende zu zum Thema hat. W. zieht die Stirn in Falten. „Du meinst das Weihnachtsrätsel ja?“ Ich knurre. „Wirst du wohl aufhören das W- Wort ständig im Mund zu führen?“ Der W. weicht rückwärts aus dem Raum. Ich öffne die Kiste mit dem Dekorationsklimbim und setzte schnarrend und schnaufend das immergrüne Ungetüm zusammen. Dann behänge ich es mit genug Klimbim, dass man es keineswegs für einen Weihnachtsbaum, sondern nur für einen Pfingstochsen halten kann.

img_0835

Pfingstochse in Aktion

Ich überlege noch, ob ein Zettel mit der Aufschrift: DIES IST KEIN WEIHNACHTSBAUM!!! hilfreich wäre. Am Abend der Feier dann bin ich die einzige die keinen mulled wine schlürft, unter keinen Umständen auch nur ein Würstchen im Schlafrock anrührt, von Jingle Bells nicht einmal die erste Strophe kennt und in der Küche natürlich Handschuhe trägt zum Einwicklen des Schinkens in die Melonenscheiben. Die Gäste sind heiter und lustig und haben augenscheinlich Freude mit Max Frisch. In der Dunkelheit spiegelt sich die kunterbunte Plastiktanne. Ich denke wie so oft an meine Großmutter, die kopfschüttelnd zu mir sagte, dass die DDR glaubte man könne aus Engeln, Jahresendflügelfiguren machen und noch mehr als das es mich wundert, dass ich der einzige Jude des Kollegs die Weihnachtsfeier organisiert, erstaunt mich, dass sich ausgerechnet Universitäten in jene Reihe der Verbiegungen und Wortbrechereien einreihen, für die die DDR zu Recht so traurige Berühmtheit erlangte.

Graue Wirklichkeiten

Ich bin nur einmal in Bautzen gewesen. Vor zwei Jahren mit meinem Freund Yoav aus New York. Yoav ist offensichtlicher Jude als ich es bin. Yoav ist frumm und man sieht es ihm an. Schon seine Großeltern noch zu Bautzen geboren, vor vielen Jahren als es in Deutschland noch Juden gab, waren frumm. 1938 als die wenigen Juden der Stadt Bautzen in einem Schandzug durch die Stadt geführt wurden, mitten durch die Gassen und Straßen zu Hohngeschrei und später zerbarsten dann die Scheiben und standen die Läden der Juden in Flammen. Da verließen sie die Stadt und das Land. In Deutschland, das muss man wissen hat immer schon alles eine Geschichte. Yoav aber besuchte mich und wollte einmal durch die Straßen der Ahnen gehen. Wir fuhren hin und es war ein schöner, warmer Sommertag. Die Stadt hat viele, feste Türme, kleine Straßen und einen Markt. Sieh sagte Yoav, lass uns dort Weintrauben kaufen. Aber auf dem Markt gab es nur Käse in gelben Plastikeimern, die ein Mann mit Mikrofon in der Hand werbend beschrie. 5 Euro ein Kilo Käse. Die Schlangen waren sehr lang. Ein anderer Mann verkaufte Würste. Nicht unser Interessengebiet. Andere Stände verkauften Filzlatschen, Polyester T-Shirts oder nach Plastikdämpfen riechende Turnschuhe. Einen Stand mit Obst fanden wir nicht. Ohne Weintrauben suchten wir das Haus der Großeltern und fanden es schließlich auch. Yoav war gerührt. „Hier hat es begonnen“, sagte er und fotografierte. Das kam nicht gut an, denn eine Frau und ein Mann, beide weder jung noch alt, mit bulligen Gesichtern kamen auf uns zu und plärrten: „Judenschweine verpisst euch.“ Yoav spricht kein Deutsch, aber wer Yiddisch spricht so wie er und ich, versteht was das heißt. Wir gingen lieber, aber nicht ohne, dass wir dem Paar nicht sehr deutlich an die Existenz der Polizei erinnert hätten, die wir riefen, sollten sie noch einmal so ausfällig werden. Dann gingen wir hinaus auf den Jüdischen Friedhof und Yoav und ich beteten, das Shema Israel, wie man es hält auf allen Jüdischen Friedhöfen der Welt. Es war ein sonniger Nachmittag und wir saßen auf dem Marktplatz in der warmen Mittagssonne. „Die Menschen hier haben alle graue Gesichter“ sagte Yoav und ich nickte, denn er hatte Recht. Die Leute auf dem Markt ob jung oder alt, nicht so alt oder doch schon älter, sie sahen weder zufrieden noch froh oder gar strahlend aus. Sondern es war als läge über vielen Gesichtern ein Grauschleier nicht immer und überall gleich wahrnehmbar, aber doch auch nicht zu leugnen. Deswegen kommen mir die Reaktionen auf Bautzen, deren Schlüsselsatz lautet: Bautzen bleibt bunt“ so merkwürdig vor. Denn nichts in dieser Stadt ist bunt, hier ist schon seit langen Jahren, vielleicht schon seit dem Schandzug des 1938er Jahres nichts mehr bunt gewesen. Hier leben Menschen für die, die Welt schwarz und weiß ist. Hie gehörte die SED und der Pionierzug zum Stadtbild, von den Stasigefangenen nebenan wollte man lieber nichts so genau wissen. Die Welt war doch eingeteilt, von oben geordnet in Volksfeinde und ehrliche Arbeiter. Wer je einmal durch unsanierte Straßenviertel von Aschersleben oder Bernburg ging, dem wird sich der Eindruck nicht verhehlen, dass sie DDR ein durch und durch graues Land war. Die roten Fahnen hingen alle grau und krank/ Im Regenhimmel rum, sang Wolf Biermann. Den sollte man aber auch nicht hören. Blätternder Putz und Kohlepartikel, der Staat als eine Schule der Gifte. Die Elbe und all ihre Nebenarme schlammgrau. Kohleberge auf dem grauen Pflaster der Trottoirs. Die Mauer war ja auch nicht mit Mosaikkunst der späten Sowjetunion verziert sondern ein grauer Block.

Der Kindergarten war kostenfrei, die Schulspeisung zwar zäher Griesbrei aus Leim aber dafür zu 30 Pfennigen zu haben, die Schule war umsonst und es gab keinen Singekreis und die Ferienspiele gingen sechs Wochen. Vor allem aber wusste man was man sagen durfte und was besser nicht. Dass die Nachbarin etwas schon wieder in Dresden gewesen sei und den Trabant nach nur mehr vier Jahren bekam, das konnte ruhig einmal auf den Tisch, aber das der Opa im Krieg auf den Russen geschossen hat, das behielt man wohl lieber für sich. Obwohl der Opa natürlich Recht hatte. Der hatte den Russen kennen gelernt. Natürlich war man nicht rechts, sondern man war auf Opas Seite. Auf welcher denn sonst? Überhaupt warum sollte die Welt denn bunt sein müssen? Es gab doch staatlich geprüfte Schlagersänger und das waren keine Rowdys wie die westlichen Kollegen, die auf Englisch jaulten, während doch in der DDR auf Deutsch gesungen wurde wie sich das gehört. Die Zeitungen des Staates zog man wohl eher selten zu Rate und man war es doch nicht anders gewohnt, als das dass ganze Leben nichts anderes war, als eine lange Linie der Wahrheitsbiegung,-unterdrückung, und der Überschreibungen, in der die DDR wirklich Weltmarktführer war. Dabei war die DDR auf der anderen Seite doch immer eine Welt der einfachen Wahrheiten. Niemand konnte behaupten, es sei kompliziert im Staat der für alle Lebenslagen eine Antwort und vor allem die richtige Antwort bereit hielt. Einfach und einprägsam. Jugendweihe als Menschwerdung. Frauen auch auf die Traktoren. Ins Erzgebirge ja, nach Dänemark, nein. Der Friede muss bewaffnet sein. Überall Feinde, mit den Klassenfeinden begann es ,aber wo ein Feind ist, sind auch viele imaginäre Gegner nicht weit. Mein grauer Delphin nannte Sarah Kirsch den sterbenden Johannes Bobrowski, der ging in der Poliklinik, in der alles umsonst war an einer Blinddarmentzündung ein.in Kessel Buntes lud zum Mitklatschen ein Das Bunteste was es gab war wahrscheinlich das Leipziger Allerlei. Aber auch das war ja meistens schon alle bevor man selbst an die Reihe kam. Das war unerfreulich, aber wenigstens war die Ordnung gewahrt. Diese Ordnung wurde von einer als unordentlich empfundenen Welt hinweggespült, die ihrerseits kein Ordnungsangebot machte, sondern über die Figuren, die in ihren unförmigen Anoraks nun in den Westen kamen,lachte. Aber man hat zu früh gelacht, denn Menschen, die Feuer nicht austreten, sondern anflammen, die Rettungswagen blockieren und neben Parolen auch Pflastersteine zu werfen wissen, denen vorzulesen, dass Bautzen doch bunt sei und bleibt, das erscheint mir als hochgradig naiv. Jemanden mit Hüpfburg und Straßenfest zu besänftigen, der das Gewaltmonopol des Staates in die eigene Hand nimmt, denn: „dass ist unsere Stadt“ heißt ja nichts anderes, als das diejenigen jetzt sich anmaßen, die Institutionen des Staates durch gewalttätiges Handeln abzulösen. Der Pflasterstein ist ja keineswegs nur Symbol, sondern auch Baumaterial. Die, die sich jetzt hier des Staates selbst entledigen, sie treffen auch wenn sie es nicht wissen-es kamen im Geographieunterricht der DDR und in Opas Geschichten ja nicht alle Länder vor- auf Menschen, die wie sie das staatliche Gewaltmonopol als nicht adäquat erleben, sondern mit denselben Mitteln zu agieren wissen, wie diejenigen die auf der anderen Seite des Marktplatzes stehen. Das ausgerechnet die Nachfolgepartei der SED zum bunten Miteinander aufruft, erzählt etwas davon, dass in Deutschland immer schon alles eine Geschichte hat, auch wenn die so gerne und so schnell wieder vergessen wird, wie es geht. Aber vielleicht wäre es an der Zeit den Grauschleier, so bunt er auch sein mag, einmal einzutauschen gegen eine schmerzhafte und keineswegs angenehme Analyse derjenigen, die klatschend und pfeifend zum Totentanz des Staates als Ordnungsmodell aufrufen.