Szenen aus dem Leben eines seltsamen Fräuleins.

Die Szene: Ein windschiefes Haus irgendwo in Irland. Links der Kirchturm St. Sylvester, im Garten des Hauses eine alte Kastanie. Bewölkter Himmel. Die Dorfstraße, hier steil ansteigend, auf der Straße, ein Fräulein mit Bücherbeutel, Tasche und Einkäufen beladen. Das Fräulein ist angetan mit einem gelben Wetterfleck, robusten schwarze Ankleboots mit denen sich auch Mordor durchwandern ließe, ihre Haare, die von weiten an ein Shetlandpony erinnern, wogen im Wind, ihre Nase tropft und augenscheinlich murmelt sie Flüche. Vor dem Haus: ein alter, klappriger, roter Volvo.

Die Frau kramt nach dem Schlüsselbund und betritt das Haus.
Am Küchentisch sitzt ein mittelalter Mann, (ein blauer Schafwollpullover, kunstvoll gezauste Haare), tief gebeugt über tierärztliche Fachliteratur, auf seinem Schoß schläft eine Katze, zu seinen Füßen hechelt der Hund.

Auftritt Fräulein ( Frl.):

( Der Bücherbeutel fliegt in Richtung geöffnete Küchentür)

Frl.: Man fasst es ja nicht. Man fasst es ja nicht. Dass sich vor Kindergärten und Schulen die Blechlawinen stauen und Eltern in Hupwettkämpfe und Tätlichkeiten verwickelt sind, um ihrem kleinen Wunderkind noch zehn Meter zu Fuß zu ersparen, ist nicht neu. Nein, das ist nicht neu. Aber ( das Fräulein reißt die Arme nach oben ) heute hat mich eine SUV-Mutter, die das liebe Erstsemester zum Semesterbeginn auf den Campus kutschierte, umgefahren. Einfach so, beim Rückwärtsmanövrieren, fuhr sie mich um. Zwar langsam, aber doch ganz bestimmt, fuhr sie mich um und während ich versuchte zur Seite zu hechten , bläkte sie dabei aus dem Autofenster: „Hey Sie, wo geht es denn zur Immatrikulation.“ Ich schrie natürlich: Halten sie das verdammte Auto an.“ Das hat mir den Fuß gerettet, denn so fuhr sie nur über den mir entglittenen Bücherstapel. Man fasst es ja nicht. Diese Impertinenz.

( Der Tierarzt liest die Bücher auf, stapelt sie sorgsam auf dem Küchentisch und starrt auf den deutlich sichtbaren Reifendruck auf dem Buchdeckel)

( Das Fräulein pfeffert ihren gelben Wetterfleck hinterher.)

Frl: „Aber, wenn Du glaubst, das sei es schon gesehen, dann kennst du das Fräulein schlecht. Heute war der australische Delegierte da. Sagt die J. ( die liebenswürdigste Chefin der Welt ) Read On, der ist ein Fall für dich. „Gut, gut“, sage ich und der australische Delegierte bekommt die Spezialführung. Ich erzähle die Geschichte vom Krokodil, lasse die Sache mit Oscar Wildes Griechischprüfung nicht aus, erläutere den Mord von anno 16xx en Detail und spreche dann über Mary Shelley.“ ( Der Tierarzt bückt sich und hängt den gelben Wetterfleck auf einen Bügel.) „Ich stehe also mit dem australischen Delegierten etwas abseits der Erstsemester und rede über Mary Shelley, da knöpft der Mann ohne Vorwarnung sein Hemd auf und zeigt mir einen Fledermausbiss irgendwo auf seiner stark behaarten Brust. (Das Fräulein reißt an einem Ankleboot und schleudert auch diesen in Richtung Küchentür.)
Man fasst es doch nicht! Den Fledermausbiss habe ich nicht gesehen, dafür die Kekskrümel im Brusthaar des Delegierten. „Machen Sie bitte das Hemd zu.“, sage ich also, da setzt der Mann zu einer langen Erklärung über das Leben im australischen Busch an , krempelt sein Hosenbein hoch und zeigt mir zwei Spinnenbisse. Alles noch immer mit offenem Hemd. ( Endlich hat sich das Fräulein auch des zweiten Schuhs erledigt, um diesen dem ersten Schuh hinterherzuschleudern.) Man glaubt es ja nicht. Was für ein Kerl. Ein Kerl, sage ich dir.

( Der Tierarzt hustet, augenscheinlich um nicht Lachen zu müssen. Das Fräulein sucht in der Hosentasche nach einem Haarband. Mit zusammengebissenen Lippen rohrspatzt sie weiter:

Frl: „Dann diese Auszubildende. Sie wird noch der letzte Nagel zu meinem Sarg. Ich schreibe also in allerherzigster Handschrift sechs Einladungen, edelstes Papier, Goldrand, plage mich mit dem blöden Aufziehfüller, habe Tintenflecken an Körperstellen, von denen ich nicht ahnte, dass ich sie habe und lege sie der Auszubildenden hin, damit sie diese in Briefumschläge tut, die ich vorbeschriftet habe, frankiert und auf die Post trägt. Was macht diese Person? Diese Person gießt ihre Wasserflasche über die Einladungen aus. Kann man das denn begreifen? Das kann man doch nicht begreifen! Was für ein Rindviech! Ich setzte also erneut an, der Füller tropft aus purer Bosheit, ich habe Tintenschlieren an der Nase, aber sechs Einladungen sollen es werden, ich lasse die Einladungen in die Briefumschläge gleiten, vorsichtig wie behutsam, ich schreibe die Adressen auf die Umschläge, ich frankiere die Umschläge, ich sage: Auszubildende: Wasser, Kleber, Joghurt, alles fort, hier sind sechs Umschläge bringen sie die zur Post.“ „Jetzt.“ Ich gehe meiner Wege. Ich lasse mich verlachen der Tintenschlieren wegen, ich arbeite wie der Esel sieben, ich raufe mir achtfach das Haar und kehre in das Büro zurück. Da steht die Auszubildende vor meinem Büro: „Fräulein Read On, heult sie, ich habe die Einladungen geschreddert, aber wirklich nur ganz aus Versehen.“ Ich zähle bis 133 und sage: „Gehen Sie mir aus den Augen.“ Ich schreibe sechs, neue Einladungskarten, ich beschrifte, frankiere, ich eile selbst zur Post. Ich habe Tintenflecken auf der Brille und ich schwöre Dir: „Eines Tages da reißt mir die Hutschnur, da reißt mir die Hutschnur und dann wird Schreckliches geschehen. Noch in vielen Hundert Jahren, wird jemand davon erzählen wie einmal dem Fräulein Read On die Hutschnur riß!“

( Der Tierarzt hat inzwischen die Schuhe ins Schuhbord getragen und lehnt gegen den Küchentisch.)

Tierarzt ( leise kichernd) : „Mädchen, ich warte auf den Tag, wo Du Dir auch noch den Kopf abreißt,um ihn über die Schwelle zu schleudern, aber sei gewiss, ich werde ihn fangen.

( Der Tierarzt beginnt haltlos zu lachen.)

Frl: ( bindet sich die Haare zusammen.) „Wenn Du nur lachst!“

Der Tierarzt: „Nicht nur ich“. Zu seinen Füßen grinst der Hund. Auf dem Küchenstuhl johlt die Katze.

Frl: „Ich werde die grinsenden Gesichter nicht vergessen.“

Der Tierarzt küsst die tintenfleckige Nasenspitze des Fräuleins.

Besuch bei Frau Guo

„Mädchen, sagt der Tierarzt, Dir ist ja immer noch so kalt!“

Ich sitze nämlich am Samstag Nachmittag zitternd im Büro und schüttle ich den Kopf, so fallen Eiskristalle aus den Shetlandponyhaaren und meine Hände sind kalte Eisblöcke und von meine Füßen will ich gar nicht erst anfangen.

„So geht das nicht Mädchen, fährt der Tierarzt fort, wir gehen zu Frau Guo.“

Zustimmend klappere ich mit den Zähnen: „Tierarzt, das ist eine sehr gute Idee.“

„Könnte von Kälbchen sein, die Idee!“, stimmt der Tierarzt mir freudig zu. Ich denke an Kälbchen, das diese Woche den ebenfalls auf der Weide lebenden Esel so getriezt hat, dass dieser nur noch mit erhobenem Huf über die Weide hoppelt und schweige lieber zu diesem Thema. Besser ich packe meinen Kramuri in die Tasche und dann gehen wir durch den kalten Regen zu Frau Guo. Frau Guo’s Familie betreibt das Orient Paradise, den Supermarkt der Stadt, in dem es Okra, Hühnerfüße und wirklich niemals Sellerie zu kaufen gibt. Im Supermarkt betreibt Frau Guo einen Imbiss und als ich nach Irland kam und Frau Guo’s Laden ausfindig machte, da wurde mir Irland ein klein wenig heimatlicher. Damals noch ohne Tierarzt trat ich an die Theke und sagte: „Einmal Rindfleisch extra scharf bitte!“ und Frau Guo musterte mich eingehend. „Extra-scharf?“, fragte sie und ich nickte und zeigte auf die grünen Chillies und klapperte ähnlich wie heute mit den Zähnen. Seit jenem kalten Novembertag sind Frau Guo und ich alte Scharfesser-Freunde und schon als wir den Supermarkt betreten, winkt sie mir zu. „Fräulein Read On, sie waren lange nicht da.“ Ich bekenne mich gleich schuldig und Frau Guo häuft Huhn und Gemüse zu einem Berg und ich nicke: „extra-scharf, bitte! Frau Guo lässt sich nicht lange bitte und sehr viel grüne Chilli landet auf dem Gemüsehühnerberg. Der Tierarzt aber bekommt von Frau Guo eine Schüssel heißer Suppe vorgesetzt, ähnlich wie meine liebe C. duldet Frau Guo kein“Nein, das esse ich nicht“, sondern klopft dem Tierarzt aufmunternd auf die Schultern und hört nicht weiter auf sein Nein, Nein, sondern sagt: „Spezialsuppe für Tierarzt!“ Ich indes schwelge in Huhn und scharfen Champignons und in der linken Hand halte ich eine grüne Chilli, in die ich beherzt hineinbeiße. „Fantastisch“, huste ich und langsam tauen meine Füße wieder auf. Frau Guo strahlt. Zwei Kunden schielen auf die tierärztliche Suppe, aber Frau Guo schüttelt den Kopf: „Suppe Spezial“, sagt sie „für den Tierarzt.“ Der Tierarzt löffelt eifrig und ich greife nach der zweiten Chili und nage mit tränenden Augen an einem Hühnerknochen. Hinter mir hängt Herr Guo Enten in den Bräter und Tochter Guo wiegt Fisch ab, im Hintergrund läuft eine Soap aus Korea und dann setzt sich Frau Guo mit einem Teller voller Hühnerfüße zu uns und ich beiße in die dritte Chili. „Read On“, sagt Frau Guo. „Elections in Germany“ Ich nicke, denn wie der Tierarzt so ist auch Frau Guo eine innige Bewunderung des Landes der Dichter und Denker. Frau Guo und ihr Mann waren nämlich vor zwei Jahren in Frankfurt und die Liebe war so groß wie absolut. „Wie Shanghai, sagt Frau Guo, nur so sauber, so ordentlich, und die Frankfurter wahre Himmelsmenschen.“ Frau Guo und ihr Mann saßen nämlich in Frankfurt in einem Heurigen und schlürften Äppelwoi aus tönernen Krügen und als Frau Guo die Toilette des Heurigen aufsuchte, so hing dort an den Kacheln ein Putzplan mit Zeiten und Unterschrift und auch wenn Frau Guo des Deutschen nicht mächtig ist, so verstand sie gleich: hier herrschen Glanz und Gloria und ( wahrscheinlich auch Chlor). „Ein Toilettenzertifikat“, sagt Frau Guo staunend und ist neidisch auf die Deutschen, die in einem so keimfreien, wie ordentlichen Land leben dürfen. Das ist natürlich Wasser auf des Tierarztes Mühlen, der sofort einstimmt und schon ist der Orientparadies angefüllt mit: „Blumeninseln!“, „Ausflugsdampfern“,“Fußgängerzonen“, der Tierarzt weiht Frau Guo in die Magie der Wauziwägelchen ein und Frau Guo lauscht seinen Berichten mit ungläubigem Staunen. Ich gieße derweil Sojasauce über mein Gemüse. Deutschlandexperten soll man nicht stören und mit verhangenen Augen beschwören Tierarzt wie auch Frau Guo, Deutschland als ein lange verloren geglaubtes Paradies. Die Deutschen ist man sich einig sind wohlerzogen, haben Tischmanieren, gepflegte Vorgärten und 11.000 Sorten Brot. Nächstes Jahr plant Familie Guo eine Moselreise und das der Tierarzt mich belauert, wann wir wohl nach Berlin zurückkehren, sei nur der Vollständigkeit halber angemerkt.

Auch Herr Guo ruft nun vom Hackbrett herüber, dass die Würste in Frankfurt vortrefflich geschmeckt hätten, das Bier nicht einmal lauwarm gewesen und ein ehrlicher Bäcker hätte ihm 25 Cent herausgegeben, dabei hätte er gar nicht gemerkt, dass er zu viel bezahlt habe. „Ja, so sind Sie die Deutschen“, sagt der Tierarzt mit glühendem Blick und hat darüber seine Suppenschüssel leer geschlürft.

„Merkel for Chancellor“ ruft Frau Guo mit erhobener Hühnerkralle und seufzt. „Chancellor Merkel very realist“, sagt sie und der Tierarzt nickt. Ich glaube der Tierarzt nimmt an, dass Angela Merkel selbst, hinter der Erfindung der Hundewägelchen steht. Physiker sind ja bekanntlich zu allem fähig. „Merkel for Chancellor“ ruft auch der Tierarzt und Herr Guo ruft es auch.( Sollte Frau Merkel je genug davon haben mit Tomaten beworfen zu werden, hier bekäme sie nicht nur scharfes Huhn, sondern auch Extra-Lob. Dann beklagt der Tisch den Zustand der irischen Politik. „Lazy“ ruft Frau Guo, „rotten“ ruft der Tierarzt, „ swindlers“ knurrt Herr Guo und das Beil trifft einen Knochen. Die koreanische Soap ist zu Ende und ein Nachrichtensprecher informiert über chinesische Dinge. „You know Read On“, sagt Frau Guo, we don’t have any politicans in China. Only gangsters.“ „Criminals“, pflichtet Herr Guo ihr bei. Dann seufzen sie beide.

„The Germans are very lucky.“, sagt Frau Guo.

„The Germans and their dogs are very lucky“, sagt der Tierarzt.

Die Deutschen wissen nicht viel über das Glück, denke ich, aber ich sage nichts, denn Frau Guo zieht ihr Telefon aus der Tasche und zeigt dem Tierarzt das deutsche Toilettenzertifikat. Liebende soll man nicht stören.

Fünf vor Zwölf

Kalt ist der Morgen und kalt ist mir nach der Nachtschicht. So kalt, dass mir die Zähne klappern, die Kälte hat sich irgendwann in der Nacht in meine Knochen gegraben, hat sich unter meine Haut gelegt, sich in die Fingernägel verbissen, krallt sich in meine Kopfhaut und hält sich fest an meinen Zähnen. Kalt ist mir und noch ist es dunkel, aber die Wolken wärmen nicht und der Mond ist anders als gestern Abend nicht mehr mild und sonnengelb, sondern ein grauer, ein dunkler Schatten, mit kalten Augen und wer weiß das schon, vielleicht auch einem erkalteten Herzen. Der Tierarzt steht auf dem Parkplatz und alles an mir klappert, denn mir ist so unendlich kalt. „Komm“, sagt der Tierarzt und im alten Volvo beschlagen die Scheiben. „Willst du mir von der Nacht erzählen?“, fragt der Tierarzt. Aber ich schüttle den Kopf und klappere mit den Zähnen.

„Komm“, sagt der Tierarzt, wir machen etwas Verrücktes.“ Der Tierarzt hält an einer Tankstelle an, Apple Green heißt sie, es riecht nach Benzin und im Laden der Tankstelle singt eine Frau von glücklichen Nächten. Der Tierarzt, kauft zwei Becher heiße Schokolade, ausgerechnet der Tierarzt, der noch drei Heidelbeeren die Kalorien zählt. Wir nippen am Kakao und der Tierarzt legt seine Hand auf mein Knie: „Damals als wir Kinder waren, hat meine Mutter Kakao gekocht, eine himmelblaue Kanne, und ein zerbeulter Emailletopf, und dann bricht der Tierarzt den Satz einfach ab und ich starre auf den roten Pappbecher mit der süßen Milch, der Tierarzt schüttelt den Kopf. Die Sätze über unsere Mütter führen nirgendwohin. Der Tierarzt wirft die Pappbecher in den Mülleimer und wir fahren weiter, bis ans Meer. „Jetzt im September ist das Wasser so warm wie nie sagst du Mädchen, und ich nicke. Ich binde mir die Haare fester zusammen und der Tierarzt hält Hose, T-Shirt, Wäsche, Socken und Pullover und ich laufe in das Wasser hinein. Das Meer leckt an meinen Füßen und das salzige Wasser legt sich mit der Kälte über meine Knochen. Ich schwimme immer in dieselbe Richtung, fast immer mit geschlossenen Augen und über mir reißt der Himmel auf. Eine kalte, blaue Wand, so als würde der Mond zum Ende der Nacht, die Schatten mit einer langen, kalten Dusche vertreiben wollen. Dass versuche ich ja auch schon seit Jahren, aber das kalte Wasser hilft nicht gegen die Schatten meiner Nächte und ich schwimme zurück ans Ufer und wenn schon nicht warm, dann bin ich wenigstens gut betäubt.

 
Zurück im Oberland, schließt der Priester gerade die Kirchentür zu. Der Priester geht zum Beten vier oder fünfmal am Tag nach St. Sylvester herüber und irgendwann fragte ich ihn einmal, ob er G*tt wohl eher im Kirchenschiff denn am Schreibtisch erwarte. Aber der Priester schüttelte den Kopf und sah mich an: „Fräulein Read On, als ich damals im Priesterseminar war, da habe ich das geglaubt, dass G*tt sich hereinschliche zu einer selbstgewählten Stunde, aber wenn das so einfach wäre und G*tt nichts weiter als ein höhergestellter Verwaltungsbeamter, der sich unserer Anliegen annähme, dann wären die Kirchen doch voll und die Frau des Krämers müsste nicht wieder und wieder mir erklären, dass sie gern eine neue Couchgarnitur hätte. Nach St. Sylvester hinüber gehe ich wegen des Lichts. Ich nickte und nicke auch heute Morgen und der Priester schneidet eine gelbe Rose für mich ab. „Für Sie Fräulein Read On“ sagt er, ich danke und dann fast schon scheu: „G*ttes Segen für Sie.“ Ich nicke noch einmal und der Priester und ich, die wir beide Gefühligkeiten misstrauen noch dazu religiös parfümierten, sind ernster als sonst miteinander.

Ich putze mir die Zähne und heißes Wasser läuft über meinen Rücken hinunter, ich leihe mir ein Tierarzt-T-Shirt und der Tierarzt deckt mich zu. „Wann musst Du los?“, frage ich und der Tierarzt sieht auf den alten Wecker, der auf dem Nachtkastel steht. Eine Stunde, sagt er und zieht sich den Pullover über die Schultern und ich drehe meine Füße in seine Knöchel hinein. Der Tierarzt riecht nach Kakao, Sandelholz und ihm selbst. „Danke“, sage ich und der Tierarzt vergräbt sein Gesicht in meinem Nacken. Ich bin so müde, aber noch nicht müde genug, um nicht noch einmal zu fragen: „Tierarzt, deine Mutter, die himmelblaue Kanne, der Emailletopf.“ Für eine ganze Weile sagt der Tierarzt nichts, nur sein Herz schlägt gegen meinen Rücken und ich bin mir nicht sicher, ob ich nicht doch schon eingeschlafen bin, aber dann sagt der Tierarzt, das was ich schon ahnte, denn es sind die Geschichten meiner langen Nächte: „immer, wenn mein Vater mich oder meinen Bruder schlug, kochte meine Mutter Kakao.“ „Vielleicht murmelt der Tierarzt“ hat es damals angefangen, aber ich weiß es nicht mehr genau, nur, dass ich mich übergeben musste von der warmen Milch und der süßen, immer klumpigen Schokolade.“ Dann schlug meine Mutter mich: „Was bist du nur für ein undankbares Kind“ und der Tierarzt, der doch so viel größer ist als ich, vergräbt sich für eine dreiviertel Stunde in mir, so als könnte man sich auch noch nachträglich, viele Jahrzehnte später, verstecken, vor den Schlägen und dem Kakao in der himmelblauen Kanne.

Dann klingelt der Wecker und der Tierarzt geht ins Bad, als er zurückkommt, zieht er den Wecker für mich auf. „Wann willst Du geweckt werden, Mädchen?“. „Fünf vor 12 Uhr“ sage ich und der Tierarzt sieht mich lange an.

 

 

Zeitgeist

Eine Frau setzt sich im Zug neben mich. Dabei ist der Frühzug so leer wie niemals wieder. Mir schwant Arges und schon hebt sie an: „Sie stehe im direkten Kontakt mit den Engeln“, sagt sie und wirft mir einen finsteren Blick zu. Ich gähne und nicke: „ Wie schön“, sage ich aber sie versteht es als Aufforderung mir von den langen Engelskonversationen denen sie teilhaftig wird, zu berichten. Sie spricht lange von der Sünde und dem Zorn der Engel und aus ihrem Mund riecht es faulig und ich wünschte die Engel würden mehr über Zahnpasta sprechen und nicht so arg viel über den Sündenpfuhl und die Schande. „Möchten Sie einen Kaugummi?“, frage ich sie, denn mir macht der Geruch sofort Übelkeit. Sie starrt mich für einen Moment fassungslos an und schreit: SIE KÖNNEN DIE ENGEL NICHT HÖREN. IHRE OHREN SIND MIT WACHS VERSCHLOSSEN. ( Ich wünschte meine Ohren wären mit Wachs verschlossen, aber leider ist dem ja nicht so. ) „Die Engel würden sich das alles, alles merken“, sagt sie und schüttelt die Faust dann bricht sie in Tränen aus und steigt aus.

Mit einem Stapel Unterlegen in den Armen laufe ich einmal quer durch zwei Gebäude, seige 174 Treppenstufen nach oben und klopfe dreimal gegen eine Tür. „Herein“, flüstert es und ich trete ein. „Guten Morgen“, sage ich, Fräulein Read On, Angnehm, ich komme in Angelegenheit“, weiter komme ich nicht, denn die Frau am Schreibtisch steht auf und greift nach meiner Hand. Noch mehr als Sellerie aber hasse ich, fassen mich fremde Menschen an. Ich kann das einfach nur sehr schlecht vertragen und vor Entsetzen fallen mir die Akten aus der Hand. Die Frau starrt mich an und schon schluchzt sie: „Meine Mutter ist tot.“ Als ich endlich ein Taschentuch herausgefummelt habe, sind zwei Aktendeckel durchgeweicht. „Das tut mir leid, sage ich, das tut mir sehr leid, sage ich, wie man eben so dahin stammelt, ich kenne nicht einmal den Namen der Frau. Aber das die Frau nicht arbeiten kann ist klar. „Bitte setzen sie sich doch hin“, sage ich und die Frau sinkt auf einen Stuhl und schluchzt. Ich drücke ihr ein zweites Taschentuch in die Hand und klopfe an zwei weitere Türen, die dritte Tür öffnet sich. „Ihrer Kollegin geht es nicht gut, sage ich.“ “Oh, sagt der Kollege und starrt die Frau an die ihr Gesicht in den Armen vergräbt und weint. „Können Sie nicht?“, sagt er. Ich schüttle den Kopf. „Rufen Sie jemanden an“, sage ich und ziehe ein drittes Taschentuch hervor. Dann nehme ich den Aktenstapel und gehe zurück. Der Kollege bewegt sich langsam auf das Telefon zu. Ich lehne noch einen Moment gegen die Tür, bis ich höre wie der Kollege sagt: „Ja Hallo, hier ist der G….“

Die Auszubildende ist aus den Ferien zurück. „Sie habe alles vergessen“, sagt sie. Sie weiß nicht mehr wie der Bürostuhl zu verstellen geht, oder wie man Dokumente mit dem Klammeraffen aneinanderheftet, sie weiß nicht mehr wo die Büroklammern sind und wie der Computer mit dem sie seit drei Jahren arbeitet angeht, hat sie auch vergessen. Das Passwort hat sie nie gehört und das Telefon klingelt herzzereißend. Sie weiß nicht mehr, dass sie auf die grüne Taste für „Annehmen“ drücken muss. Ihr Notizheft hat sie verloren und den Schreibtischschubladenschlüssel hat sie verloren. Ich grinse hämisch und hole das 15er Skalpell zur Hilfe. Ich heiße Sie Blumen gießen, sie schmollt: „Das ist doch was für Babies.“ Ich lächle süßlich. „Unterschätzen Sie Babies nicht“, sage ich und sie ertränkt die Foyerpalme. Tee kochen kann sie auch nicht mehr: „Der Wasserkocher sei viel zu schwer.“ Die Briefe frankiert sie alle auf der der falschen Seite und ich lasse sie die Briefmarken wieder abfummeln und sie stöhnt: „Wie ich Sie hasse!“ Ich nicke, denn ich habe schon Schlimmeres über mich gehört.

Wie man die Druckerpatrone des Kopierers wechselt hat sie vergessen und die Briefe kann sie nicht zur Post tragen, weil sie sich nicht mehr erinnern kann, wo die Post ist. Diktate abtippen kann sie auch nicht, weil ihre Finger weh tun und als die Geschirrspülmaschine ausräumt, zerschlägt sie zwei Tassen und kann Kehrblech und Handbesen nicht finden. „Um zwei Uhr“ bin ich zurück rufe ich und heiße sie Kartons zerreißen. Als ich zurückkomme, ist ihr Büroplatz verwaist, das Telefon klingelt unermüdlich, die Kasse steht geöffnet auf dem Schreibtisch, alle Türen stehen offen und in der Küche läuft der Wasserhahn. „Ist das Absicht, dass die Türen offen stehen?“, frage ich die Auszubildende, die mit einer letzten Rauchwolke vor dem Mund zurückkehrt. Sie starrt mich an, bricht in Tränen aus, und verschwindet von dramatischen Schluchzern geschüttelt auf die Toilette. Wenigstens hat sie über die Ferien nicht vergessen, dass sie zum Rauchen vor die Tür gehen soll.

Der Tierarzt ist schon zu Haus. Er bügelt und hört, denn der Tierarzt ist ja von überwältigender Liebe zu Deutschland gepackt, Nietzsches „Jenseits von Gut und Böse“ in einer irgendwann einmal in meinen Besitz gelangten Hörbuchfassung und wie alle Verliebten, ist es ganz gleich, dass er kein Wort versteht, hört er die Geliebte nur reden. Ich ziehe die Schuhe aus, hänge den Mantel auf, werfe die Tasche auf den Küchentisch und drehe Nietzsche leiser: „Mädchen, lächelt der Tierarzt, wie war dein Tag?“ Ich habe, lieber Tierarzt, sage ich seufzend und küsse ihn auf die Nasenspitze, heute lauter Frauen zum Weinen gebracht.“ Der Tierarzt aber küsst erst meine Mundwinkel, und legt das Bügeleisen aus der Hand: „Mädchen, sagt er und macht eine kleine Kunstpause : that is so very zeitgeisty of you!“

Verschlossene Türen.

Der Priester hat sich ausgeschlossen. Der Tierarzt hat den Küchentischkastenschlüssel verlegt, und im Küchentischkasten liegt der Zweitschlüssel des Priesters. Als ich nach Hause komme, fummeln Priester und Tierarzt mit einem Draht im Schlüsselloch herum. „Oh Mädchen“, sagt der Tierarzt. „Ach, Fräulein Read On“, seufzt der Priester. Ich ziehe den Küchenstuhl zu mir heran, steige auf den Stuhl, damit ich bis zum Rand des Küchenschrankes reiche und fahre über das glatte Holz, bis ich die rostige, alte Blechdose ertaste. „Die Lade lässt sich mit der Klinge einer 15er Skalpells öffnen“, sage ich, drehe die Klinge des Skalpells im Schloss herum, die Lade springt auf, der Priester nimmt sehr erleichtert den Zweitschlüssel heraus und der Tierarzt sagt: „Mächen Du bist fast so klug wie Kälbchen.“ Tierarzt sage ich: „Kälbchen hätte natürlich mit einer Butterblume das Schloss geöffnet.“ „Vielleicht“, sagt der Tierarzt sinnend und sieht zu mir herüber. „Man würde doch ganz gern geküsst werden“, sage ich und ziehe die Jacke aus. Der Tierarzt hakt einen Finger in die Schlaufe meiner Jeans und ich lege eine Hand an seine Wange, da klopft es. Vor der Tür steht der Priester. Er rauft sich die Haare. „Fräulein Read On, ich habe mich nicht nur ausgeschlossen, der Schlüssel steckt auch noch von innen und ich kann die Tür nicht aufbekommen“, ruft er verzweifelt.“ Der Tierarzt hakt den Finger aus meiner Jeansschlaufe heraus. Mit einer Taschenlampe tappen wir dem Priester hinterher. Der Schlüsseldienst braucht um diese Uhrzeit Stunden und der Priester ist sich nicht sicher, ob er nicht den Herd angelassen hat. „Scheiße“, sage ich. „Scheiße-sagt-man-nicht- sagt der Tierarzt und klingt verdächtig wie eine kleine Königinnennichte. „Oh my g*d ruft der Priester. „Haben Sie irgendwo ein Fenster offen, Priester?“, fragt der Tierarzt. „Das Badezimmerfenster im Oberstock ist vielleicht angelehnt“, murmelt er. Ich sage nichts mehr, dafür knurrt mein Magen. „Priester“, sage ich, sie halten den Tierarzt fest, ich steige auf die Schultern des Tierarzts, von dort aus kann ich mich auf das erste Fensterbrett hangeln und vielleicht das Badezimmerfenster erreichen.“ „Das ist Wahnsinn“ murmeln Tierarzt und Priester. „Nun los“, sage ich. Der Priester umklammert den Tierarzt, der zu dünn ist um mich allein zu halten, ich steige auf die Holzbank und dann auf die Schultern des Tierarztes. Für einen Moment glaube ich der Tierarzt zerbricht in zwei Hälften aber der Tierarzt schwankt nur ein ganz klein wenig und ich knurre: „oyoyoyooy“ und hangle mich auf das Fensterbrett. Der Tierarzt ruft: „Scheiße“. „Mädchen ist das hoch.“ Ich denke: „Oyoyoyoy, ist das hoch. Der Priester ruft: „Um G*ttes Willen Fräulein Read On ist das hoch.“ Der Tierarzt stellt sich auf das Gartenbänkchen und erreicht meine Knöchel. Ich klammere mit einer Hand am Fensterrahmen und mit der anderen am Weinlaub fest. „Ich will auf keinen Fall ein weißes Kleid im Sarg anhaben“ rufe ich dem Tierarzt zu, denn ich muss noch höher klettern. Der Tierarzt krallt sich in meine Knöchel. „Priester sagt der Tierarzt“ leuchten sie die Wand an, damit wir das Badezimmerfenster sehen. Die Pfarrhausmauer ist aus groben Felssteinen und mit Weinlaub berankt und um an das Badezimmerfenster zu gelangen, müsste ich nur meine Füße in zwei Steine neben dem Fensterbrett auf dem ich klammere haken und mich zum Badezimmerfenster hieven. „Du musst meine Knöchel jetzt loslassen sage ich zum Tierarzt.“ Der Tierarzt sagt: „Ich werde mir das nie vergeben.“ Dann schüttle ich seine Hände ab und suche mir einen Felssteinvorsprung. „Ich denke bloß nicht umsehen, bloß nicht umsehen, oy oy oyoy, dann lasse ich den Rahmen los, und tripple wie eine Feldmaus nach links, kralle mich ins Weinlaub und meine Finger tasten sich langsam zum Badezimmerfensterbrett. Der Tierarzt ruft: „Mädchen zieh!“ Der Priester ruft: „Oh my g*d“. Ich mache: Ächz, ääääääächz, argh, würg, und dann rumpf weil ich mit dem Kopf gegen die Fensterscheibe knalle. Bumm. Die Fensterscheibe ist nur angelehnt und ich rufe: Tierarzt, mehr Licht nach links und fummle mit den Haken, die das Fenster vor dem Zuklappen bewahren sollen. Schnapp macht das Fenster, ich gebe mir einen letzte Ruck und purzle sehr unfräuleinhaft in das priesterliche Badezimmer. „Bin drin“, rufe ich nach unten. „Sie ist drin“ ruft der Tierarzt. „Halleluja“ ruft der Priester. Ich rapple mich auf, taste nach dem Lichtschalter und der Tür. Die Badezimmertür ist zu. „Priester“ rufe ich, die Badezimmertür ist zu.“ „Oh my g*d“ ruft der Priester. „Tierarzt das Fünfzehner Skalpell“ schreie ich. „Scheiße“ ruft der Tierarzt. Der Tierarzt wirft das Fünfzehner Skalpell in eine Gießkanne, ich löse den Gürtel aus dem priesterlichen Bademantel und hänge mich aus dem Fenster. Der Bademantelgürtel ist nicht lang genug. Der Tierarzt knüpft seinen Gürtel an die Gießkanne, steigt auf das Gartenbänkchen, ich lehne mich so weit ich kann aus dem Badezimmerfenster, aber die Gießkanne ist zu schwer. Der Priester wickelt das Skalpell in den Gürtel und schleudert den Gürtel zu mir hinauf. Bumm. Der Gürtel verhakt sich im Weinlaub, aber bis zum Weinlaub reichen meine Fingerspitzen. „Ich hab ihn“, rufe ich. Der Priester ruft: „Tanks be to g*d. Der Tierarzt seufzt. Meine Finger zittern so sehr, dass ich das Skalpell nicht in das Schloss bekomme. Einmal ausatmen.

Unten auf dem Kirchhof Geräusche. „Guten Abend, hier ist die Polizei. Die Frau des Krämers hat einen Einbruch gemeldet. Was machen sie hier, und wer sind sie?

Der Priester sagt: Ich bin der Priester und wohne hier.

Der Tierarzt sagt: Ich bin der Tierarzt und wohne nicht hier.

Und der Einbrecher ist noch drinnen? fragt der Polizist.

„Nein, rufen der Tierarzt und der Priester, das ist das Fräulein Read On, sie öffnet mit dem 15er Skalpell die Badezimmertür. Hmm, sagt der Polizist.

Ich habe endlich meine Hände beruhigt, das Skalpell dreht sich im Schloss, der Badezimmertürschlüssel fällt klirrend zu Boden, ich öffne die Tür, renne die Stiege hinunter, auf dem Herd ist die Milch eingebrannt und öffne die Haustür.

Vor mir stehen: zwei Polizisten, ein aufgelöster Priester, ein erregter Tierarzt und die Frau des Krämers: „Einbrecher“ kreischt sie aufgeregt, habe ich es doch gesagt. Dann fällt ihr Blick auf mich: „Fräulein Read On“ sagt sie erschreckt.

„Sie sind also das Fräulein Read On?“, sagt der Polizist. Ich nicke. „Angenehm“ sage ich. In einer Hand halte ich ein Skalpell, in meinen Haaren hängt Weinlaub und meine Wange hat zwei dicke Schrammen. „Ist das Fräulein Read On keine Einbrecherin?“ fragt der Polizist. „A nuisance she is“, sagt die Frau des Krämers, der Priester und der Tierarzt schütteln den Kopf. „Keine Gefahr im Verzug“, räuspert der Polizist in sein Funkgerät. „Ähm, sagt er, ich müsste einmal Ihren Ausweis sehen. Die Frau des Krämers wird rot, der Priester ist es schon, der Tierarzt blinzelt wütend und der Polizist und ich gehen zu mir herüber. „Es tut mir wirklich leid“, sagt er, 2die Umstände und so“. „Alles gut“ sage ich. Dann endlich fallen der Tierarzt und ich auf das Sofa. „Was machen eigentlich normale Menschen am Mittwoch Abend?“, frage ich ihn. „Vielleicht küssen die sich auf dem Sofa?“ sagt der Tierarzt. Ich hake meine Finger in seine Jeansschlaufen, der Tierarzt knöpft meine Bluse auf. Ich küsse einen Mundwinkel und er meine Nasenspitze. Dann klopft es. „Wir machen einfach nicht auf“, sagt der Tierarzt. Ich nicke. Es klopft fester. Der Hund beginnt zu kläffen. Der Tierarzt und ich rappeln uns hoch. Vor der Tür steht der Priester mit hochrotem Kopf: „Fräulein Read On, sagt er, ähm mein Schlüssel, ist der noch bei Ihnen?“ „Oh Priester“, sage ich natürlich, und fummele den Schlüssel aus meiner Tasche. Der Priester verlässt mit Schlüssel und hochrotem Kopf das Haus. „Warum ist er so rot?“, frage ich den Tierarzt. Der Tierarzt starrt auf meine Bluse. “Oh“, sage ich und wir müssen lachen. „Ausgeschlossen“, sage ich. Der Tierarzt pflückt Weinlaub aus meinen Haaren und ich lege eine Hand an seine Wange.

Bitterkeit

Am Morgen schwappt die Bitterkeit über mich hinweg. Eine große, schwarze Welle ist die Bitterkeit, kalt und dunkel. Als ich aus dem Haus gehe, liegt etwas vor dem schiefen Tor, ich bücke mich und eine Glasscherbe fährt mir mitten durch die Hand. Die Sommergäste des Dorfes haben Abschied gefeiert und dazu gehört, dass sie betrunken durch das Dorf ziehen und Bierflaschen gegen die Kirchhofmauer, die eben auch meinen Garten begrenzt, schleudern. Aber es tickt auch die Uhr und ich gehe natürlich nicht zurück ins Haus, sondern renne mit der blutenden Hand in ein Tuch gewickelt zum Zug, denn nichts wäre ja schlimmer als den 6. 00 Uhr Zug zu versäumen und ich lehne den Kopf gegen das kühle Fenster und die Bitterkeit schwappt über mich herüber, eisig legt sie sich mir auf die Stirn. Ich starre auf die blutende Hand und bitter klebt mir die Zunge am Gaumen. Immer schon ging es nur ums Weitermachen in mir. Als ich ein Kind war vor vielen Jahren, da wetteten eine Freundin und ich, wer länger auf dem Kopf stehen konnte und auch als sie schon lange wieder aufrecht stand, da konnte ich nicht nachgeben, sondern blieb mit durchgedrücktem Rücken kopfüber stehen, bis mir schwarz vor Augen wurde und ich einfach umfiel. An das Gefühl von Bitterkeit erinnere ich mich noch immer, darüber, dass ich nicht aufhören konnte, einfach nicht aufhören konnte, an das bittere Entsetzen über die Härte unter meiner Haut, die mich nie, nicht einen einzigen Tag lang losgelasssen hat.

Im Büro kippe ich Desinfektionsmittel über den klaffenden Riss und beiße mir auf die Unterlippe und es bleibt ein bitterer Geschmack im Mund zurück und die brennende Hand, die nehme ich mit durch den Tag. Den ganzen Tag lang also höre ich Menschen zu, die niemals, das weiß ich genau mit blutender Hand darüber nachdenken, ob sie wohl den ersten Zug erwischen. Die Frauen und Männer erzählen, wie sie wurden, was sie sind. Sie erzählen von Zufällen, von glücklichen Wendungen, von sich wundersam öffnenden Türen, von Netzwerken von der großartigen Erfahrung Fehler machen zu dürfen ohne etwas befürchten zu müssen, von Superhelden und von Mentoren die ihnen Vorbilder sind und einem Sommer in den Hamptons, der sich als wegweisend erwies. Meine Zunge ist ein dicker Klumpen und die Bitterkeit ist eine ätzende Säure in meinem Hals. Was soll ich hier eigentlich und was soll ich hier denn sagen: Hi, ich bin Read on, ich habe für jeden einzelnen Fehler bitter bezahlt und meine einzige Inspiration ist die heillose Angst es nicht zu schaffen, ich hebe immer noch fünf Cent Stücke auf der Straße auf, weil ich genau weiß wie es ist, wenn einem am Monatsende fünfundsiebzig Cent fehlen und ich hatte drei Jobs um mich durch das Studium zu bringen. Mein Netzwerk ist die Gruppe der rumänisch-polnisch-senegalesischen Frauen mit denen ich putzte damals im Akkord, Hotelzimmer nämlich in der Hipsterhauptstadt Berlin, wo alle doch so viel Spaß hatten, ich hatte Rückenschmerzen vom Teppich shampoonieren und eine Nachtschicht in Aussicht. Die Bitterkeit läuft mit über den Rücken: „Hi sage ich, ich bin Read On“ und der Riss in meiner Hand fängt wieder an zu bluten. Ich lege das Programmheft über meine Hand.

Dann sind die Bitterkeit und ich allein und irgendwann klopft es und die Schwester des Tierarztes kommt herein. Die Schwester des Tierarztes verachtet mich bekanntlich herzlich und ich muss zweimal einen Schwall Bitterkeit herunterschlucken bevor ich sagen kann: „Was kann ich für Dich tun?“ So als wüsste ich das nicht. Sie sagt: „Ich brauche Geld.“ Sie sagt es mit dem Ton, in dem alle Goldkinder sprechen. Anklagend und selbstgerecht, so als sei die Welt und natürlich auch ich ihr etwas schuldig geblieben. Der Tierarzt ginge ja nicht ans Telefon und auch das sei natürlich meine Schuld. „Wie viel?“, sage ich, denn das Telefon klingelt und sie zuckt mit den Schultern, so als sei es eine Zumutung sie mit einer solchen Frage zu belästigen. Das Telefon klingelt, ich gebe ihr Geld und als ich das Telefonhörer auflege, sind die Bitterkeit und ich wieder allein im Zimmer. Die Bitterkeit pocht gegen meine Schläfen. Im stillen Zimmer übe ich:

„Tierarzt, deine Schwester kam schon wieder wegen Geld zu mir.“ ( Fragezeichen am Ende)

„Tierarzt, wir zahlen doch schon: Sportverein, Sportausrüstung, Turnschuhe, Klassenfahrten und und und für den Neffen. Ich möchte nicht auch Bargeld an deine Schwester geben.“ ( Punkt am Ende )

„Tierarzt wäre es nicht auch schön, wenn deine Schwester versuchte einen Job zu finden.“ ( Ausrufezeichen am Ende )

Aber so sehr und so lange ich auch übe, die Bitterkeit schleicht sich in jeden meiner Sätze und hallt noch lange durch das stille Zimmer, da habe ich schon lange aufgehört die Sätze wieder und wieder zu üben. Irgendwann mache ich das Licht aus, schalte den Computer und die Bitterkeit und ich, wir sitzen im dunklen Zimmer und sehen uns an. Irgendwann stehe ich auf und fahre zurück nach Haus. Der Tierarzt telefoniert mit seiner Mutter. Seine Mutter schreit durchs Telefon, dass seine Schwester eben Unterstützung braucht und er und ich wir hätten doch studiert, und überhaupt was würde ich mir eigentlich dabei denken seine Schwester mit 200 Euro abzuspeisen. Die Tasche rutscht mir von den Schultern, und ich drehe mich um, ziehe die Haustür hinter mir zu und laufe hinunter ans Meer. Der Wind und der Regen wehen in mein Gesicht, aber die Welle die mich trifft, ist keine aus Salzwasser, ist nicht die Irische See, sondern ist schwarz und kalt die Bitterkeit, die unerbittlich gegen meine Rippen drückt. Als ich nach einem Taschentuch suche, fängt meine Hand wieder an zu bluten.

Ausreißer

Es regnet. Es regnet sogar sehr. Der Wind klappert gegen die Fensterläden und ich mache mir ein Marmeladenbrot. Der Hund jaunelt, weil er kein Marmeladenbrot abbekommt und die Katze lacht über den Hund, denn wenn die Katze ein Marmeladenbrot will, dann würde sie sich eines machen, nur sie will eben keines. Sie hat ja Prinzipien. Die Uhr zeigt 9.05 Uhr und dann klopft es an der Tür. „Fräulein Read On, Fräulein Read On“, ruft der Nachbar atemlos auf dessen Weide Kälbchen Obdach gefunden hat: „Kälbchen ist ausgerissen.“ Ich verfluche den Tag an dem der Tierarzt Kälbchen anschleppte, dann springe ich in Gummistiefel, und stopfe mir die Jackentaschen voller Karotten und renne los. Der Tierarzt, ist aushäusig und ich verfluche einen Orang-Utan mit Zahnweh, der für diesen Zustand verantwortlich ist. Kälbchen hat zwar feuchte Kälbchenaugen und tut als sei es die Unschuld selbst, aber vor allem hat Kälbchen herausgefunden, wie man das Weidegatter öffnet und wenn der Tierarzt nicht so kommt, wie Kälbchen sich das vorstellt, dann macht Kälbchen sich eben selbst auf die Suche und geht spazieren. Nur spaziert eben nicht nur Kälbchen auf der Straße entlang, sondern es biegen Autos um die Ecke, Rennradfahrer heizen die Straße entlang und dann und wann tuckert ein Traktor vorbei und man kann sich alles mögliche vorstellen, nur ein zerdrücktes, zerquetschtes, überfahrenes Kälbchen, dass möchte man sich wirklich nicht vorstellen. Ich renne zur Weide herunter und schreie die anderen Kühe an: „Welche Richtung, los sagt mir  schon welche Richtung!“ Die Kühe sehen mich langsam wiederkäuend an, drei Kühe wedeln mit dem Schwanz: eine nach links, zwei nach rechts.  Dann starren sie wie ich finde impertinent und verschlagen zu mir herüber und kauen stumm weiter. „Sehr hilfreich, vielen Dank auch“, murre ich und renne den vermatschten Weg hinter der Weide entlang, ich rufe: „Käääääääälbchen“ und „Kälbchen, komm zu Read On“. Zwei Spaziergänger starren mich an als sei ich einer Anstalt entlaufen, aber es hilft ja nichts. Ich renne und rufe und renne und rufe und renne, immer weiter in Richtung Wasser, denn Kälbchen weiß nicht nur, wie man das Gatter aufbekommt, sondern auch, dass von dort ein Weg Richtung Oberland, sprich zum Tierarzt führt. Und tatsächlich Kälbchen steht vor einer Pfütze und schlürft Wasser und patscht mit den Hufen im Schlamm. Ich atme durch. Ich habe Seitenstechen und meine Stiefel sind schlammbedeckt. Es regnet ja auch schon seit gestern Abend. „Kälbchen“, rufe ich! Kälbchen dreht mir sein Hinterteil zu. „Hör mal Kälbchen“ rufe ich und dann sage ich jenen Satz, den ich als Kind gehasst habe: „sieh mich gefälligst an, wenn ich mit dir rede.“ ( Funktioniert aber ). Vielleicht hat aber Kälbchen auch nur die Karotten in meiner Jacke erspäht und jetzt gilt es taktisch klug vorzugehen, ich halte also eine Mohrrübe in Richtung Kälbchen und gehe rückwärts in Richtung Heimatweide davon. Für 500 Meter glaube ich zu triumphieren: Kälbchen läuft willig der Mohrrüber hinterher. Dann verfängt sich mein Gummistiefel in einer Schlingpflanze und ich knalle rückwärts in eine Pfütze: „PLATSCH“. Als Moorleiche richte ich mich wieder auf. Kälbchen grinst und knuspert eine Möhre, die mir aus der Tasche fiel. Ich mache Kalbsschnitzel aus dir, rufe ich und Kälbchen grinst, marschiert an mir vorbei, verfällt in einen leichten Trab und die Spaziergänger rufen: „Oh ein Kälbchen, wie süüüüüß.“ Dann fällt ihr Blick auf die hinter Kälbchen herhetzende Moorleiche. Ihre Blicke sprechen Bände. Ich starre finster zurück. Kälbchen blökt und die Spaziergänger rufen: „Geben Sie gut auf Kälbchen acht.“ Ich unterdrücke mühsam den Ruf nach Kalbsgulasch und renne weiter. Vor der Weide lässt Kälbchen sich eine weitere Mohrrübe reichen und dann schnappt es mit dem Maul nach dem Torriegel und stolziert zurück zu den anderen Kühen. Ich zisches Böses und der Nachbar sichert das Tor mit einem Fahrradschloss. Dann wanke ich zurück nach Hause. Dort ist inzwischen auch der Tierarzt eingetroffen.

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Von wegen Idylle

„Mädchen, sagt er, warum bist du so schlammbedeckt?

„Tierarzt, warum hast Du Kälbchen nicht besser erzogen?“, knurre ich.

„Mädchen, Kälbchen so jung verwaist, so anhänglich, so zart, und so klug, braucht eben besonders viel Liebe und Nachsicht. Der Tierarzt hat feuchte Augen.

„Tierarzt rufe ich und ziehe vergeblich an einem verschlammten Stiefel: Kälbchen braucht klare Regeln, eine strenge Hand, Konsequenz, klassische Musik zur Beruhigung, eine Aufgabe und KONSEQUENZ, KONSEQUENZ UND NOCHMAL KONSEQUENZ.“ Dann endlich ist der Stiefel vom Fuß.

Der Tierarzt lacht schallend: KONSEQUENZ, KONSEQUENZ, KONSEQUENZ und das ausgerechnet von Dir Mädchen?“ Weißt Du noch als Du Moos gesammelt hast, damit die Igel im Garten wohler ruhen und dass Su deine alte Freundin Wildtaube mit Rosinen aus dem Bioladen fütterst? Der Tierarzt quietscht vor Lachen und japst nach Luft.

„Ungeschwefelte Rosinen“, sind halt besser und gesünder“, schnarre ich und reiße am anderen Stiefel und außerdem hat mich die alte Freundin Wildatube noch niemals in Schlammbäder verwickelt.

Der Tierarzt lachtkreischt wie eine Hyäne: U-N-G-E-S-C-H-W-E-F-E-L-T-E Rosinen. Ich schleudere den zweiten Stiefel in den Flur und mache ein vertrotztes Gesicht:

„Sehr witzig, Tierarzt.“  Du bist so witzig“. Der Tierarzt schnappt nach Luft. Ich werfe die verschlammten Hosen, das nasse T-Schirt und die eingesaute Jacke in die Waschmaschine, der Tierarzt kichert wie wildgeworden, hinter ihm hopst die Katze auf den Küchentisch und beißt herzhaft in das Marmeladenbrot. Der Hund jaunelt, ich stapfe die Treppe hinauf und schließe vor dem Badezimmerspiegel die Augen. In meinen Haaren kleben Schlammbrocken, ich drehe das Wasser auf und eine braune Brühe läuft an meinen Beinen herunter. Selbst durch das rauschende Wasser hindurch kann ich das wiehernde Gelächter des Tierarztes hören: Konsequenz, kichert er, Konsequenz. Kalbskotelett murmele ich, ganz bestimmt, schon bald, wenn ich wieder trocken bin.