Zu später Stunde

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Der Berlin Besuch ist müde. Mein Anteil daran ist kein ganz kleiner, denn wenn ich erst einmal anfange über Franz Kafka und Max Brod und ihre Reise nach Leipzig, die dann auch nach Berlin führte ( Max Brod hatte ja eine Geliebte in der Stadt ) anfange zu reden, dann höre ich so schnell nicht wieder auf. Es hält sich auch das hartnäckige Gerücht und der Tierarzt tut sein Übriges dazu es zu verbreiten, dass ich einmal den Hund so müde geredet hätte, dass jener alle vier Pfoten von sich gestreckt in einen tiefen Schlaf gefallen sei. ( Es war natürlich alles ganz anders.)

Aber der Berlin Besuch gähnt nun wirklich, man verabschiedet sich und ich fahre mit der wirklich letzten Bahn zurück in den Wald. In der Bahn sind alle betrunken außer mir. Alle aber reden vom wirklich letzten Bier und erzählen Betrunkenengeschichten, in denen immer alles möglich ist. Mannshohe Mauern in einem Sprung genommen, ein Weltmeer durchschwommen, einen Helikopter selbst gelandet und die Betrunkenen lachen über ihre Geschichten, die sie schleppend und langsam erzählen, denn es ist immer noch Bier da und morgen sind die Geschichten egal und schon wieder vergessen und die Nacht ist dunkel vor dem Fenster und ein Mann versucht ein Lied zu singen, das Lied ist für eine Frau bestimmt, die ich nur als verschwommenen Schatten im Fenster sehen kann, ein Fußballlied singt der Mann für die Frau, auch wenn die Wörter ihm im Mund verlaufen und die Frau lacht, ein bisschen hohl ist ihr Lachen, es riecht nach Bier und Parfum und Currywurst, die Frau hat blonde Haare und einen Mannschaftsschal um den Hals und doch lacht sie, wie Frauen lachen, die wissen, dass man sie liebt und der Mann öffnet ein zweites Bier für sie. Wie lange das schon her ist, denke ich, dass jemand für mich gesungen hat, spät in der Nacht oder früh am Morgen. Aber ich steige aus, halb zwei zeigt die Bahnhofuhr an, eine Katze sitzt neben der Laterne unter der mein Fahrrad steht und ich fahre noch weiter in den Wald hinein, fahre Schlangenlinien auf der Straße, denn der kleine Vorort der großen Stadt schläft schon tief und fest und wenigstens ein paar Takte lang pfeife ich vor mir her.

Tür auf, Schuhe aus, den Schlüssel in den Korb und einen letzten Tee auf dem Fensterbrett, die rauschende Kiefer vor dem Fenster, das glatte Kopfsteinpflaster unter der Laterne, die stumme Nacht, der Mond raucht eine letzte Zigarette, aber er raucht sie allein und nicht mit mir, irgendwo hinter den Wolken oder vielleicht auf der Kirchturmspitze, die sieht man nicht, mitten in der Nacht. Noch einmal sehe ich der Nacht hinterher, denn die Zeiten in denen die Nächte mit mir an der Hand durch die Straßen liefen, sind lange schon vorbei, aber manchmal kommt noch einmal ein kleiner Ausschnitt zurück und Berlin ist für eine halbe Stunde New York und Tel Aviv zugleich. Immer noch hofft man auf dem Fensterbrett, dann kommt der Schnee, oder das Eis, da hilft auch die warme Teetasse nicht, denn ich weiß wohl um die Katastrophen, die unter meinen Fingerspitzen verborgen liegen, mit einem Mal hat man graues Haar und die Tasse ist leer, auch meine alte Freundin die Wildtaube schläft schon gut verborgen in den dichten Zweigen der Tanne. „Gute Nacht“ rufe ich ihr dennoch zu, denn sie hat mich kommen und gehen sehen in all diesen Jahren, mit all den abgerissenen und angefangen, den zusammengenähten und den offenen Geschichten und denen die kein Ende haben, aber die Nacht hat ein Ende, ich spüle die Teetasse aus, putze die Zähne, lese zwei Seiten, bevor der Tag wieder auf dem Fensterbrett sitzt und nicht mehr ich.

Der letzte Sonntag

Vielleicht wird dieses Jahr, das Jahr der Abschiede, denke ich mir und sehe aus dem Fenster in den Kirchhof herüber. St Sylvester läutet 12 Uhr und die Kirchgemeinde läuft durch die Kirchentüren hinaus und die Straße herunter. Gleich wird der Priester die Kirche zusperren, den Talar auf einen Bügel hängen, sich die Hände waschen, in einer halben Stunde wird der Priester im Türrahmen stehen und sagen: Fräulein Read On, ich störe doch nicht?“ Ich werde sagen: „Aber Priester, nur zu, Sie stören doch nie.“ Der Priester begrüßt Katze wie Hund, nur um sich umzudrehen und zu sagen: „Fräulein Read On, wie kommt es, dass es jeden Sonntag noch besser duftet, als am vorherigen Sonntag? Ich werde etwas über das Auge des Betrachters anmerken, der Tierarzt befüllt unterdessen die Wasserkaraffe und ermahnt Hund wie Katze, wenigstens am Sonntag doch etwas Benehmen zu zeigen.

An jedem Sonntag in den vergangenen vier Jahren, an dem ich in Irland war, stand der Priester um 12.30 Uhr im Türrahmen. Gestern kam er zum letzten Mal, heute da kommen die Umzugswagen, denn der Priester verlässt das Dorf und auch Irland. Im Sommer, da kam er an einem gewöhnlichen Dienstag herüber, saß auf dem alten, grünen Sofa und sagte: „Fräulein Read On, Sie sollen es von niemand Anderem erfahren, aber der Orden ruft mich nach Italien zurück. Der Priester zeigte mir ein Bild, ich schluckte und sah auf den blauen Himmel, das Ocker der Häuser, die schneeweiße Kirche, die keine Ähnlichkeit hat mit dem trotzigen Kirchturm St Sylvester, und dachte wie oft der Priester sagte, den Blick zum Meer gewandt: „Es ist eine andere Erde.“ 35 Jahre hat der Priester in Italien verbracht und nun kehrt er zurück, St. Sylvester aber und der kleine Kirchsprengel, bleiben zurück, neu besetzt wird die Pfarrstelle nicht mehr, denn die Gemeinde ist viel zu klein.

Aber noch war die schneeweiße Kirche nur ein Bild und der Priester noch immer da. Aber gestern, da stand ich am Fenster und sah auf den Kirchhof und dachte daran, wie es war, als ich ins Dorf zog und so einsam war, wie nie zu vor. Da gab es den Tierarzt noch nicht, der in der Besteckschublade rumort, in der Uni kannte ich keinen und auch sonst war ich sehr allein und nichts war irisch-heimelig oder romantisch-global oder Expat-exciting. Die Frau des Krämers sagte: „Ausländer sehen wir hier nicht so gern“ und die Katze starrte feindselig zu mir herüber, ich war allein und die Stille war lauter als alles andere, lauter selbst das Meer vor dem Fenster. Eines Nachmittags hängte ich Wäsche im Garten auf und plötzlich rief jemand vor der Kirchenmauer herüber: „Darf ich mich vorstellen?“ „Ich bin der Priester.“ Ich schluckte und rief: „Ich bin der Jude.“ Der Mann am Gartenzaun lachte und sagte: „Hat der Jude auch einen Namen?“ Ich sagte: „Weiß ihr G*tt nicht alles?“ Der Mann auf der Gartenmauer lachte und ich sah ein schmales Gesicht, eine randlose Brille, zu kurz geschnittene Haare und einen schwarzen Rollkragenpullover, das was ich sah gefiel mir und in sein Lachen hinein sagte ich: „Wollen Sie am Sonntag zum Essen herüberkommen?“ Ich wartete auf sein Nein, denn bis zu jenem Nachmittag war nein, das häufigste Wort meines irischen Aufenthaltes gewesen, aber während ich noch auf das Unvermeidliche wartete, sagte er: „Sehr gern. Was darf ich mitbringen?“ „Auf keinen Fall Kochschinken“, sagte ich und der Priester lachte wieder und winkte mir zu. Am Sonntag brachte er Margariten mit. Wir stritten uns von der ersten Minute an, über alles über die Kirche als solche, über die unbefleckte Empfängnis, über alle Päpste, über Straßenbau und seine Affinität zu Nagetieren. Am Ende des ersten Mittagstisches sagte der Priester: „Wissen Sie was, Sie sind schlimmer als die Jesuiten.“ Diesmal lachte ich und sagte: „Kommen Sie wieder?“ Der Priester kam.

An jedem Sonntag kam der Priester, wir aßen, ich kochte seine Kindheitserinnerungen nach ( nur den Schinken ließen wir aus ), und wir stritten kaum waren Kartoffeln und Stew verteilt, stritten so heftig, so beißend, so herzhaft lachend, dass die alte Standuhr quietschte, und während der Priester abwusch, setzte ich Tee auf und dann spielten wir Schach, natürlich nicht ohne fortgesetzte Streitereien über Irland an sich, Angela Merkel, das Konkordat von 1870, und einmal da erzählte mir der Priester von einer Frau im roten Kleid und ich im von einem Schatten in meinem Rücken und wir waren ganz still. Irgendwann, aber dazwischen lagen zwei Jahre, kam der Tierarzt dazu saß mit uns am Tisch und sprach vielleicht nach einem halben Jahr den ersten Satz: „Mir war nicht klar, dass es Menschen gibt, die so viel reden.“ Da lachten wir beide und inzwischen streitet auch der Tierarzt mit, streitet um Kopf und Kragen und der Priester und ich lachten und der Priester flüstert mir zu: „Ein Jesuit.“ Vier Jahre und viele Sonntage und immer öfter auch Mittwochs oder Donnerstags kam der Priester auf einen Sprung herüber und immer hoffte ich er bliebe noch länger.

Gestern stand der Priester noch einmal in der Tür: „Fräulein Read, ich störe doch nicht?, sagte er, ich schüttelte den Kopf. Der Tierarzt stellte die Gläser auf den Tisch, aber sein Platz blieb leer. „I leave you to it“, sagte er und nahm den Hund mit heraus. „Ich kann heute nicht mit Ihnen streiten, Priester“, sage ich und der Priester nickt. Ich schenke dem Priester ein Bild von St Sylvester, dem Kirchhof und dem kleinen windschiefen Haus. „Vergessen Sie uns nicht“, Priester. „Kommen Sie mich besuchen“, sagt er und ich nicke. Der Priester schenkt mir das Bild einer Amsel. „Fräulein Amsel“, so habe ich Sie genannt, bevor Sie erklärten, Sie seien der Jude“, sagt der Priester und legt mir den Schlüssel für St Sylvester in die Hände. „Bei Ihnen ist er in guten Händen“, sagt er. Ich sage: „Der Jude hat den Kirchturmschlüssel.“ Der Priester lacht, lacht so wie damals, als wir uns zum ersten Mal trafen an der Mauer, die den Kirchhof vom Garten trennt, der Priester lacht bis er weinen muss. Das Essen wird kalt und meine Hände sind es auch. Der letzte Sonntag im Jahr ist manchmal schon im Januar.

 

12 Bilder, ein Tag. Die Irland-Ausgabe.

Gestern war es wieder so weit. Ganz Bloggersdorf sammelte 12 Bilder eines Tages und da will auch die Außenstelle: Kleinst-Gälisch-Bloggersdorf nicht fehlen.
Ganz Bloggersdorf zeigt seine zwölf Bilder schon immer bei Draußen nur Kännchen

Not a dark noir film but my way to work. #1v12 #12von12 #ireland #thisisireland

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Der Weg ins Unterland sieht im Januar so aus. Würde ich einen dieser Film sehen in denen in irischen und walisischen Dörfern, Menschen am laufenden Band erstochen und im Moor vergraben werden, so würde ich wahrscheinlich schreiend die Straße hinunterrennen, da Filme mit Isabelle Huppert selten in kleinen Dörfern spielen und in den von mir so geschätzten Bollywood-Filmen der 60er Jahre immer jemand anfängt zu singen, schlurfe ich gähnend und oft summend vor mich hin.

Waiting. #2v12 #12von12 #coffee #dublin

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Dann passieren für viele Stunden lauter Dinge, die ich nicht ins Internet schreiben kann, bis ich auf jemanden warte, mit dem es eine weitere Angelegenheit zu besprechen gibt, die Fräulein Bond nicht mitteilen kann. Der Jemand verspätet sich, ich trinke Milch mit Kaffee und höre zwei Freunden zu, die sich über New York unterhalten. Die Mieten. Die Kälte. The vibe. Dann kommt der Jemand doch.

Late, late lunch. #3v12 #12von12 #lunch #saladeniçoise #kosher

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Wieder vergeht Zeit, ich habe Hunger wie ein junger Wolf und esse den riesigen Teller  Salade  niçoise auf, hernach verwandle ich mich wieder in das altbekannte Shetlandpony. Sollte auch Sie hartnäckiger Hunger in Dublin überfallen, so lege ich Ihnen sehr, das “ Cocotte “ in der Alliance Francaise ans Herz. Die Salate sind die besten, die sie in Irland finden werden und so der Gastraum auch eher nüchtern ist, kann man dort sehr, sehr gut verschnaufen.

-Hier Einsetzen größerer Panik- erst drei Bilder. Himmel hilf.

Foggy. #4v12 #12von12 #dublin #river #randomsnaps

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Dublin nebelt unterdessen so vor sich hin.

Ich schreibe Karte Nummer 301 an Deniz Yücel. 301 Karten, sagt mir eine Stimme ganz leise ins Ohr, das ist ja fast schon ein Jahr. Es gibt noch immer keine Anklageschrift.

Die Letzte macht das Licht aus. #6v12 #12von12 #dublin #tgif

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Die Letzte macht das Licht aus, das bin dann wohl ich.

Dinner. #7v12 #12von12 #ice #icebabyice #nice

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Abendbrot! Liebe Eltern, was Sie hier sehen, ist was passiert, wenn man Kinder von Schokolade freihält, denn trotz gelegentlicher Nussschokoladenexzesse in den Sommerferien bei meiner Großmutter, bin ich süßigkeitenfrei aufgewachsen und habe mich davon nie erholt.

A long standing tradition before the concert. #8v12 #12von12 #nationalconcerthall #dublin

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Vor dem Konzert gilt es Pralinen zu erstehen. Dies ist eine altehrwürdige Tradition, denn damals als ich ein kleines Mädchen war und mit meiner Großmutter in die Philharmonie ging, da bestach sie mich mit Pralinen, damit ich auch wirklich mucksmäuschenstill wäre. Die Tradition führe ich natürlich fort und im Konzertsaal verfalle ich sofort in eine krokodilsartige Starre und mich haben schon Konzertbegeleiter angestoßen, um zu überprüfen , ob ich noch am Leben sei.

My happy place. #9v12 #12von12 #nationalconcerthall #dublin

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Auf ewig ist der Konzertsaal, der Ort den ich am liebsten mag. Mein Spa-Day und Detox von wirklich allem, überhaupt erlebt man im Konzert auch immer wieder völlig kuriose Dinge. Heuer saß nämlich ein Mann neben mir, der mitten im Konzert eine kleine hölzerne Kralle, die an einem Stiel befestigt war, hervorholte und sich damit kratzte. Fast lautlos, in geübten Bewegungen und ohne den Blick vom Orchester zu wenden, bediente sich der Mann seines hölzernen Helfers. Kurios.

Das Programm und ach, ich liebe die Symphonie fantastique auch nach all diesen Jahren, ich kann mich nicht satt hören an ihr und immer wieder falle ich auf ein Neues in sie hinein. Was für große und dabei leichte und schwermütige Musik zu gleich. Ma erzählt sich Berlioz sei damals in eine Schauspielerin-Harriet Smithson– aus Ennis verliebt gewesen, die Ophelia in Paris gab, allein es fehlte ihm an Mut sie auf ein Glas Champagner zu bitten.

Who can spot the vet? #11v12 #12von12 #dublin #dublinbynight

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Der Tierarzt hat unterdessen und sozusagen in Sichtweite an einer Geburtstagsfeier teilgenommen und so wurde mir aus vertraulichen Quellen zugetragen, eine halbe Weißweinschorle getrunken. (Wein hat doch Schrillionen Kalorien? Nicht wahr?) Der Tierarzt jedenfalls musste im Auto so derart über den Mann mit seiner Holzkralle lachen, dass selbst das Meer anfing zu kichern, die Schafe grölten und St Sylvester heiser, hustend lachte.

Book& tea and nitenite. #12von12 #nitenite #nowreading #book #vonnegut

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Der Tag wurde mit einer letzten Tasse Tee und einem Buch beschlossen.

Katz und Maus

Die beste Chefin der Welt liegt mit Grippe im Bett und so ziehe ich mit einem Stapel an Aktenordnern in ihr Büro um und für lange Zeit, höre ich nichts weiter als das leise Ticken der Uhr, das Klackern der Tastatur und den unvermeidlichen irischen Wind. Sonst ist es still. Die meisten Fellows des Instituts trudeln erst im Lauf der Woche wieder ein und die Auszubildende ist mit messerscharfen Anweisungen versehen im Kopierraum und schreddert alte Akten. So vergeht der Vormittag, ich gähne ein bisschen und gerade als ich darüber nachdenke, ob ich nicht doch Teewasser aufsetzen sollte, da fährt ein markerschütternder Schrei durch das Institut. Ein Schrei wie aus Horrorfilmen, ein Schrei, der wie ein Fingernagel über eine Tafel kratzt, und ich fahre derart zusammen, dass mir der Ordner aus den Fingern gleitet. Ich denke: Das ist ein bewaffneter Raubüberfall, dann springe ich auf schnappe mir einen Regenschirm und mein Telefon und überlege mir in wie vielen Sprachen ich sagen kann: „Hier ist kein Geld zu holen und die Polizei ist schon informiert. Ich hetze die Treppe nach oben und auf einem Tisch an dem die Fellows sich sonst über Kaffee und Keksen ihr Leid klagen, da steht die Auszubildende und schreit als seien die sieben Höllenhunde selbst hinter ihr her. Mir fällt der Regenschirm aus der Hand, denn ich erwarte ja noch immer einen Überfall, aber der Überfall kommt nicht, nur die Auszubildende schreit nach Kräften.

Auszubildende rufe ich also so laut ich kann: „Warum stehen Sie auf dem Tisch und schreien um ihr Leben?“

Die Auszubildende kreischt noch einmal so laut sie kann, bevor sie schluchzend herausbringt: „Fräulein Read On, ich habe ein Monster mit roten Augen gesehen.“

Auszubildende sage ich, ich schwöre ich bin schrecklicher als jedes rotäugige Monster, bitte kommen Sie runter vom Tisch.“ ( Mich stören weniger Monster mit einer Bindehautentzündung als die Erinnerung daran, dass die Auszubildende an ihrem zweiten Arbeitstag mit einem Tritt zwei Akten von einem Regal holen sollte, sich dabei vertrat, fiel und sich vier Wochen lang weigerte, die Halskrause, die ihre Mutter von einer Esoterik-Expertin empfohlen bekam, wieder abzulegen.

Die Auszubildende schüttelt den Kopf: „Nie wieder werde ich den Tisch verlassen“, sagt sie und schüttelt in großer, dramatischer Geste den Kopf.“

„Haben Sie etwas aufgehört zu rauchen, Auszubildende?, frage ich sie.

„Ich hasse sie, kreischt die Auszubildende.“

Aber das weiß ich schon und endlich nimmt die Auszubildende meine Hand und steigt vom Tisch herunter. Sie schnieft noch immer.

„Wo Auszubildende haben Sie das Monster zuletzt gesehen?“

Die Auszubildende starrt mich an und zeigt mit bebendem Finger auf den Kopierraum. Da drin hat es auf mich gelauert, sagt sie und ich gehe einmal nachsehen. Im Kopierraum liegen viele vollständige Aktenordner, halbherzig geschredderte Akten und dann sehe ich es auch: eine Reihe von Papieren ist angenagt und neben dem Papierkorb liegt Mäusekot. Im Papierkorb raschelt es und verängstigt blickt eine Maus zu mir herüber. „Tach, Maus“, sage ich und dann etwas leiser: „Moment, bitte.“

„Auszubildende“ sage ich und setze mein vertrauensbildenstes Lächeln aus, warum erholen Sie sich von dem Schrecken nicht einfach vor der Tür?“ Die Auszubildende starrt mich an. Mit klappernden Zähnen sagt sie: „Sie haben das Monster gefunden?“ Das Monster sage ich, ist eine kleine, graue Maus. Die Auszubildende sieht mich an und rast aus der Tür.“

Als ich in den Kopierraum zurückkehre, ist die Maus nicht länger im Papierkorb. „Ach Maus, sage ich“, das ist hier doch kein Leben. Aber dann denke ich, die Maus hat natürlich Recht, ich würde nach einem solchen Vormittag auch nicht ohne Käse gehen, natürlich liegt im Kühlschrank Käse, all meinen ewigen Mahnungen zum Trotz den Kühlschrank vor Ferien leer zu räumen. Ich richte Käse an und irgendwann kommt die Maus. „So sage ich Maus, jetzt gilt es und sehe die Maus etwartungsvoll an. Die Maus grinst und ist verschwunden. Ich lege eine Käsespur in einen schwarzen Müllsack und denke an die faule Katze auf dem Fensterbrett, den nichtsnutzigen Hund und an das verzogene Kälbchen in den Flegeljahren will ich gar nicht erst denken. Der Tierarzt nämlich, der sich bekanntlich nicht einmal vor zahnwehkranken Krokodilen fürchtet, bekommt beim Anblick einer Maus, Schüttelfrost vor Grausen und kann somit auch keine Fernhilfe anbieten. Mein Wissen über Mäuse beschränkt sich auf ein Kinderbuch namens Stadtmaus und Landmaus und so hoffe ich auf den Käse und den schwarzen Müllsack. Nach einer halben Stunde geht der Plan auf, die Maus trippelt dem Käse entgegen. Der Müllsack schnappt zu, ich renne mit der zappelnden Maus im Müllsack die Treppe hinunter, da raucht die Auszubildende und erzählt einem wachsenden Zuhörerkreis von ihrer Begegnung mit dem rotäugigen Monster.

Die Auszubildende sieht mich, den zuckenden Beutel in der Hand, neues Gekreisch, als ich über den Universitätshof laufe, lächle ich so unschuldig wie möglich, aber tun das nicht auch Leute, die ihre Schwiegermutter heimtückisch im Garten vergraben? Unter einer großen Magnolie öffne ich den Müllsack, die Maus nuschelt: Verräter und ist schon verschwunden. Zurück im Institut sagt die Auszubildende: „Fräulein Read On, ich bin jetzt voll traumatisiert.“ Auszubildende sage ich und halte zwei Cracker-Packungen hoch. Die Cracker Packungen hatte die Auszubildende zwar mit ihrem Namen beschriftet, aber nicht in den Schrank gestellt, sondern offen stehen lassen. „Was sage ich immer? „Schlüssel, Licht, Alarmanlage?“, fragt die Auszubildende. „Das auch.“ KEINE LEBENSMITTEL HERUMSTEHEN LASSEN.

Die Auszubildende schnaubt wütend und murrt: „Dabei machen das alle, nur immer ich bekomme geschimpft, aber ich sage: „Schreddern jetzt.“ Die Auszubildende will noch einmal eine posttraumatische Belastungsstörung anführen, aber ich sage ganz leise und sehr langsam: „Auszubildende Sie können auch neben mir im Büro schreddern und sich höchstselbst davon überzeugen, dass auch meine Augen rot glühen können, wenn ich nur will.“ Die Auszubildende verlässt sehr schnell den Raum, Stille senkt sich über das Institut, und für lange Zeit, höre ich nichts weiter als das leise Ticken der Uhr, das Klackern der Tastatur und dem unvermeidlichen irischen Wind, von fern surrt der Schredder und als ich wieder aufsehe, lehnt der Tierarzt im Türrahmen.

„Mädchen, ist alles in Ordnung mit der Auszubildenden? Sie ist heute gar nicht sie selbst und huscht umher wie ein schüchternes Mäuschen.

„Wie ein Mäuschen?, du musst Dich irren lieber Tierarzt“, sage ich und im Spiegelbild der dunklen Fenster, sehe ich für einen Moment nicht mich, sondern sehr deutlich, dass Bild der Grinsekatze mit auffallend rötlichen Augen, aber dann hält der Tierarzt die Tierarzt die Tür für mich auf und rufe der Auszubildenden zu: „Sie können Schluss machen, für heute.“

Sag Read On, was machst Du eigentlich den ganzen Tag?

Frau Brüllen will es wissen. An jedem 5. eines Monats fragt sie in Klein-Bloggersdorf herum und der Kleinbloggersdorfer schreibt auf was er so erlebt. Et voilà.

Am Morgen kommt der Heizungsinstallateur zur jährlichen Ablesung. Morgen Herr Installateur, sage ich und der Heizungsinstallateur knurrt Undeutliches zurück. Ich reiche Kaffee und sage: „Und schöne Feiertage gehabt?“ Der Installateur knurrt: Schwiegermuttern, noch bis zum 6. „Oh, sage ich, läuft nicht gut? Der Installateur schüttelt den Kopf und sagt: „Wissense Frollein Read On, die wollt halt dit Töchterchen n’en Studierten heiratet.“ Nicht so nen ollen Installateur.“ Ich schüttle den Kopf und sage: „Wissen Sie was, es zählt was innen drin ist und nicht was außen drauf steht.“ Der Installateur seufzt und ich sage: Honigbrot? Der Installateur seufzt aufgeräumter und kaut auf dem Honigbrot. „Süß hilft fast immer.“ Herr Installateur sage, ich wie sieht das denn bei Ihnen eigentlich aus mit Ausbildungsplätzen?“ Der Installateur sieht mich an. „Frollein Read On Sie wollen jetzt och noch unter die Heizer gehen? Ichs schüttle den Kopf und sage: „Einer meiner Jungs aus der Aufklärungssprechstunde…..“. Der Installateur sieht auf das Honigbrot und sagt: „Aber als Erpresserin hamse noch ne große Zeit vor sich.“ Ich nicke und frage: „Und?“ „Um Neune am Montag, soll der Knabe mich ma anrufen, aber um neun heißt um neun.“ „Alles klar“, sage ich und buttere ein zweites Brot und streiche Honig herauf: „Macht Schwiegermütter schwach“ sage ich und der Installateur lacht.

Dann rase ich stadteinwärts. In der Bahn sitzt eine Frau neben mir, die sich als Schamanin vorstellt. Sie interpretierte Rauchzeichen erklärt sie mir, sie riecht nach Rauch und billigem Parfüm, ihre nassen Haare hinterlassen, dicke schwarze Flecken auf meinem Mantel. Bevor sie aufsteht, zeigt sie in die Wolken: „Eines Tages, da flieg ich davon“, erklärt sie und ich nicke. „Alles Gute“, sage ich.

Angekommen bespreche mit dem G. und D. zukünftige Dinge.

„Um Punkt 11.20 Uhr muss ich hier raus sein, sage ich.“

„Dir auch einen guten Morgen werte Read On“, sagen G. und D.

„11.20 Uhr“, sage ich.

„Hast du jemanden bewusstlos geredet und heiratest?“

„Hahaha“, sage ich und ziehe die Augenbraue hoch.“

„Ich treffe um 12 Uhr eine Frau aus dem Internet und esse mit ihr Torte.“

„Du machst was?, fragt der G.

„Ich treffe eine Frau aus dem Internet und esse mit ihr Torte.“

„Darf ich Dich daran erinnern, dass ich Dich auch schon eingeladen habe?“

„Du lieber G. hast mich dazu eingeladen, die Datsche deines Großvaters zu entrümpeln und das Wort Torte fiel in diesem Zusammenhang wirklich nicht ein einziges Mal.“

Der G. schweigt.

Der D. lacht.

Ich suche meinen Kugelschreiber.

Um 11.23 Uhr stürme ich heraus und treffe die wunderbare Sabrina.

Es gibt Zitronecremetorte, alte Türklinken, Baumkuchentorte und vor allem so viele, schöne Geschichten und Gesprächsfäden, die ich mir alle in die Manteltasche schiebe, und vorsichtig in Seidenpapier einwickeln will. Es ist so leicht es zu vergessen, aber es gibt grandiose Menschen in diesem Internet.

Dann fahre ich zurück in den Süden, laufe um drei Ecken, ein Hund setzt mit sehnsüchtigen Augen vor einem Fleischhauerladen, zwei alte Damen in pinken Bomberjacken ratschen über einem Bier und natürlich is punk not yet dead, der Gemüsehändler preist Mangos und Blumenkohl an, eine Frau hupt immer wieder, aber nichts passiert, ich hole zwei Bücher ab, die Bücher riechen nach Tabak und Einsamkeit, die Widmung ist längst schon verblasst und mir ist als seufzten die Bücher in der Tasche nicht wenig. Dann gehe ich Blut spenden. Es ist niemand dort, die so netten Blutspendendamen erzählen mir von einem umgekippten Weihnachtsbaum, vergleichen Kartoffelsalatrezepte, beschweren sich über den Müll auf den Straßen, nehmen mir ganz nebenbei Blut ab, wir schenken uns gegenseitig kleine Marzipanschweine und die Blutspendendamen nötigen mich zu Bechern gräulich süßen Tees. Keiner der Damen und auch ich nicht sind in den Grenzen Deutschlands von 1937 von denen so viele träumen, geboren. Sie alle fallen mir als erstes ein, denk ich an Deutschland, nicht nur in der Nacht.

Ich trinke einen halben Liter Apfelschorle, für zwanzig Minuten lege ich mich unter einen Schreibtisch, dann Arbeit und Marzipan. Einem Weihnachtsmann den Kopf abzubeißen, das bringe ich dann doch nicht über das Herz. In der Schreibtischschublade sitzt auch noch ein Lindt-Hase.

Fast alles habe ich schon vergessen aus jenen Jahren oder will mich nicht erinnern, manchmal ist das fast schon dasselbe, aber doch spät Abends in einem leeren Büro, da springt noch einmal ein Plattenspieler an. Ich war siebzehn, er war älter, der Himmel war blau, oder fast schon schwarz, und am Ende der Nacht, da hatte mein Kleid keinen Reißverschluss mehr.

Aber heute Nacht tanze ich nicht mehr.

 

Berliner Geschichten

Der Morgen versteckt sich hinter einer Wand aus Regen. Meine alte Freundin die Wildtaube versteckt sich unter den dichten Tannenzweigen, da wohnt sie schon immer. Ich kann mich nicht erinnern, an ein davor, immer war da schon der Baum, die große Tanne und in der Tanne lebte die Wildtaube, mit der ich mich befreundete. Heute aber überlegt sie trotz meiner Frühstücksofferten, auf dem Balkon liegen Rosinen, aber es ist auch nass auf dem Balkon. Die alte Freundin Wildtaube kommt. Sie weiß schon, was die Nachbarn mit später erzählen. Die Wildschweine sind in den Nachbarsgarten eingebrochen, haben zwei Kirschbäume umgerissen, den Geräteschuppen in einen Bretterhaufen verwandelt, den Rasenmäher verstümmelt und dabei so sagt die Nachbarin noch hämisch gelacht. Die alte Freundin Wildtaube aber gurrt. Der Mann der Nachbarin, nämlich ist Hobbyjäger und der Hausflur ist voller Geweihe und vor dem Kamin liegt ein Wildschweinfell. Die Wildtaube und ich, wir wissen beide, irgendwann im Leben da muss man bezahlen, so oder anders oder mit einem Rasenmäher. Meinen Garten aber habe die Wildschweine ausgelassen. Ich sammle die letzten, schon matschig-braunen Quitten ein und an einem anderen Tag wäre ich wohl in die Pfützen gesprungen, aber heute kehre ich an den Schreibtisch zurück, meine Freundin die Wildtaube ist längst schon wieder unter die dichten Tannenzweige zurückgekehrt.

Der Tag läuft zwischen Schreibtisch und Klavier hin und her. Am Schreibtisch erinnere ich mich, am Klavier fallen die Erinnerungsstücke zwischen die schwarzen und weißen Tasten. Das Klavier weiß alles von mir und vergisst es sogleich wieder. Manchmal verwirre ich das Klavier und lege eine falsche Spur, lenke ab und lege Bach, Beethoven und Chopin zwischen die Tasten. Das Klavier ist älter als meine Erinnerungen und damals als ich es kaufte, da hatte es Jahre schon auf einem Speicher verbracht und davor sagte der Mann, der es mir verkaufte, sei es lange in einem Nachtclub gewesen. Das gefiel mir. Ein Klavier mit Vergangenheit und leider auch ziemlich viel Zigarettenasche im Inneren. Aber die Vergangenheit zählte mehr und das Klavier schwieg für ein Jahr, immer wieder wurde es gereinigt und gestimmt und irgendwann spielte es wieder. Das Klavier hatte lange überlegt und wer weiß schon, vielleicht war das letzte Lied im Nachtclub, der vielleicht zur „Einsamen Trompete“ hieß, auch: Man sagt einer Dame nicht beim ersten Mal komm mit…“

Am Abend aber fahre ich in die Stadt, denn ich wohne ja im Wald und in der Stadt da wohnt die L. Die L. will mich küssen und dann einen Fisch beim Griechen essen und das in genau dieser Reihenfolge. Soll sein, liebe L. sage ich, bringe ihr Blumen, die L. küsst mich und die Dorade hat kleine, spitze Zähne. Der Grieche heißt Alexandrou. Er seufzt und sagt: „Ach, die Damen.“ Das Lokal ist leer, bis auf vier betrunkene Frauen. Aber das kennt Alexandrou schon. „Das sind vier Witwen“ sagt er, „die haben keine Freude mehr, nur noch den Wein. „Wir trinken Wasser und Alexandrou sagt: „Die Miete ist erhöht worden. Aber die Leute wollen trotzdem einen Gyros-Teller für 5, 80 Euro.“ Er zuckt mit den Schultern. Wir sehen stumm auf den Tisch. Eine halbe Zitronenscheibe zwischen den Zähnen. Tomatenscheiben und Salatblätter unter dem Rücken und es ist als seufzte auch die Dorade über die Ungerechtigkeit des eigenen Endes und der ganzen Welt. „Ich bin ein einfacher Mann“, sagt Alexandrou. „Ich bin doch nur ein einfacher Mann.“ Was antwortet man. Bevor wir antworten müssen, rufen die vier Frauen nach einer neuen Flasche. Sie singen: Griechischer Wein.

„Erzähl mir von Dir“, sagt die L. Ich will sagen: „Ich fürchte mich vor allem.“ Ich sage: Es wird schon gehen.“ Ihre Hand liegt auf meiner und zum ersten Mal fällt mir auf, wie alt ihre Hände geworden sind. Ich wünschte, ihre Hände blieben bei mir. Die L. will mit mir über ihr Testament reden. Ich will mit ihr über das ewige Leben redne. Sie lacht und wir reden über ihre Reise nach Hamburg. Über Michel Houllebecq im Thalia Theater, die Akustik der Elbphilharmonie, wir wollen gerade über die D. sprechen, da stößt eine der betrunkenen Witwen gegen unseren Tisch auf dem Weg zur Toilette, die Dorade rutscht grinsend vom Salatbett herunter, die Wassergläser fliegen über den Tisch tropfen auf Kleider und Tisch. Die Witwe ist schon schwankend im Bad verschwunden. Alexandrou entschuldigt sich, wir zahlen und küssen uns noch einmal im Regen, ich winke ihrem Regenschirm. Sie ruft mir etwas hinterher. Ich werfe Küsse zurück.

An einer Straßenecke sehe ich einen Briefkasten. Neben dem Briefkasten steht ein Leierkastenmann. Ich habe seit Jahr und Tag keinen Leierkastenmann mehr gesehen, aber hier steht er mit grünem Filzhut und einem Äffchen neben sich auf dem Leierkasten. Er spielt „Veronika, der Lenz ist da.“ Ich werfe Münzen in den grünen Filzhut. „Wem darf ick denn danken?“,sagt er einer Dame oder nem Frollein?“ Frollein, bitte, sage ich und winke ihm zu. Als ich auf die U-Bahn warte da wühlt ein Mann sich durch die Mülleimer, schließlich zieht er einen verbeulten Regenschirm mit gebrochenen Speichen aus dem orangen Eimer. „Heute ist mein Glückstag“, sagt er und strahlt, ihm fehlen zwei Zähne und ein Schuh ist fast. aufgelöst. Pfeifend geht er davon, ich kenne das Lied nicht, dann kommt die Bahn. Zurück im Wald rauschen die Bäume, der Regen oder die Erinnerungen. Wer weiß das schon.

‚Nur auf ein halbes Stündchen…‘

 

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Manchmal ist es ja so. Das Telefon schellt und am anderen Ende meldet sich eine entfernte Freundin, die eher eine gute Bekannte ist. Sie sagt: Read On, wir sind auf der Durchreise in Richtung Süden. Weißt doch wir fahren halt immer Ski über Jahresschluss und machten Station in Berlin. Wär doch nett man würde sich wiedersehen. Aber ich sage Dir gleich wir haben nicht mehr als ein halbes Stündchen über, aber das muss Dir doch zupass kommen, Du hast doch eh nie Zeit. Zwar habe ich vergessen, dass die gute Bekannte über den Jahreswechsel eisige Hänge herunterstürzt, aber das ich immer eilig bin, dass stimmt schon. Nun ist es aber auch so, dass meine Großmutter, die preußischste unter den deutschen Juden war und meine Großmutter sagte: „Kind man muss etwas anbieten, sagt sich Besuch an.“ und meine Großmutter meinte damit nicht trockene Salzstangen oder staubige Kräcker. Da ich noch immer einem krächzenden Raben ähnle, wickle ich mich in einen dicken Schal und ein weiches Plaid und hole Käse, Brot und Weintrauben ein. Nicht einmal mal meine Großmutter wüsste darüber zu schimpfen. Ich decke den Tisch, falte Servietten, scheuche den Tierarzt in den Keller Wein zu holen und warte auf das Eintreffen der guten Bekannten und ihres mir gänzlich unbekannten Mannes. Es schellt, man küsst sich und die gute Bekannte sagt:

„Ach Read On, eigentlich lohnt sich das Mäntel Ablegen ja gar nicht, wir bleiben doch nur auf ein halbes Stündchen, aber da du ja eh den Tisch gedeckt hast, wollen wir sie, also die Mäntel doch aufhängen.“

Ich nicke.

Die gute Bekannte und ihr Gemahl schütteln dem Tierarzt die Hand.

„Ich würde mich ja richtig vorstellen“, sagt sie, aber wir bleiben ja nur auf ein halbes Stündchen, da lohnt es sich ja gar nicht mit dem Kennenlernen.“

Der Tierarzt sagt: „Hallöchen.“

Dann sitzen wir am Tisch.

„Ich sage: „Also es gibt einen Ziegenfrischkäse mit Kräutern, Greyerzer Käse, Trüffelkäse, der Käse, der ausschaut wie ein Camembert ist ein Reblochon und der Käse in Ziegelsteinform ist wirklich ein Camembert.“

Die gute Bekannte sagt: „Read On, ich hatte doch gesagt, wir bleiben nur auf ein halbes Stündchen, und überhaupt der Fettgehalt von Käse und noch dazu von diesem Käse.

Ich lächle und betone der Käse sei organisch-biologisch und die Oliven im Brot seien unter toskanischer Sonne gereift und die Weintrauben an den sonnigsten der südlichen Hänge gereift.

„Brot“ quiekt sie, habe sie schon sieben Jahr nicht mehr gegessen und auch Weintrauben stehe sie eher kritisch gegenüber.“

„Tierarzt“, sage ich, tu mir doch die Liebe und hol die Traubenschere, denn die preußischste Großmutter unter den deutschen Juden, fand es gäbe nichts Widerwärtigeres als knipste der Besuch mit den Fingernägeln in den Trauben herum.

„Aber nur ein winziges Stückchen“ haucht die gute Bekannte und ich schneide vorsichtige Ecken vom Käse ab, der Tierarzt knipst Weintrauben dazu und ich suche das kleinste Eck Brot aus dem Korb heraus.

„Aber nur ein winziges Schlückchen“, sagt die gute Bekannte als ich mich mit der Weinflasche nähere.“ Ein winziges Schlückchen also.

In den nächsten zweieinhalb Stunden erfahren wir alles über

: die missratenen Kinder des Gemahls,  der nun eben gerade mit dem Tierarzt parliert.

: eine leidige Zahnsache der guten Bekannten

:Ärger mit dem übellaunigen Chef einer Druckerei

: die horrenden Preise für den Skipass

: den Vorzug ägyptischer Seide für Kopfkissen

: die Pläne für den Sommerurlaub

: ihre Glutenunverträglichkeit

: ihre Erfahrungen mit Heilsteinen

: Ärger mit dem Umtausch von Weihnachtsgeschenken.

An den Käse, den Wein und das Brot muss ich nicht erinnern, die gute Bekannte bittet nämlich ihren Mann, den Tierarzt und mich um das Abschneiden einer weiteren, winzigen Ecke, dem Nachfüllen eines zweiten klitzekleinen Tropfens und des Naschens einer einzigen, weiteren Traube. Nach einer Stunde bringt der Tierarzt eine zweite Flasche Wein aus dem Keller hervor, ich wasche eine weitere Traube ab und schneide Brot auf. Nach zweieinhalb Stunden ist die Käseplatte leer, der Wein geleert und vom Brot der letzte Krümel verzehrt.

Die gute Bekannte küsst mich zweimal links und zweimal rechts: „Du Read On, es war wirklich schön einmal auf eine halbe Stunde bei Dir vorbeizuschauen, wenn wir nächstens Mal mehr Zeit haben, dann musst Du mir unbedingt erzählen, was Du so machst. Ich nicke und lächle. „Ach“, sagt sie wirklich fein, der Käse, ich habe ja nur ein einziges Stückchen probiert und über das Brot und die Weintrauben kann ich nichts sagen, ich esse seit Jahr und Tag schon keine Kohlenhydrate mehr nach vier Uhr. Dann sieht die gute Bekannte den Tierarzt an: „Alles Gute“ sagt sie und entschuldigt sich dafür, dass sie sich in einer halben Stunde wirklich keine Namen merken könnte.

„Der Tierarzt sagt: „Aber Hallöchen!“

Das Ehepaar winkt, hupt und braust davon.

Wir gehen hinauf, fegen Brotkrümel, tragen die leeren Flaschen hinunter und waschen Teller wie Gläser ab.“

„Ein halbes Stündchen, ja?“ sagt der Tierarzt.

„Ein halbes Stündchen“, sage ich.

„Die Uhren gehen anders in Deutschland“, sagt der Tierarzt und klingt fast wie meine Großmutter, die bekanntlich die preußischste unter den deutschen Juden war und sich niemals mit dem Käsemesser auch noch Butter auf das Brot geschmiert hätte.