Sonntag

Das Meer ist wild und wirklich kalt. Das Meer ist aber auch pastellfarben und der Himmel ist so milde, wie er es in Irland nur im November ist. Im Sommer liegt im Himmel immer eine kalte Härte, aber im späten Herbst ist der Himmel zahm und blütenblau. Aber das Wasser ist wirklich kalt und ich habe ziemlich blaue Lippen. Lieber nicht allzu lange am Meer entlang gewandert, denn selbst die Möwen sehen ziemlich verstört herüber nähert sich ein Klabauterfräulein mit klappernden Zähnen und Blaubeerlippen. Eine Muschel finden, die aussieht wie eine Trompete, ganz fest halte ich sie mir ans Ohr, bevor ich durch Dünengras und Heidekraut klappernd und zitternd zurück ins Oberland steige.

Zuhaus noch einmal unter die Decken kriechen und geduldig warten, bis der Tierarzt erst ein, dann zwei und dreimal mit den Wimpern klimpert. „Tierarzt“, sage ich, sieh mal eine Trompetenmuschel. Der Tierarzt sieht mich nur mäßig begeistert an und sucht vor meinen kalten Füßen zu fliehen. „Tierarzt sage ich, es ist nämlich so: schon seit Tagen vor unserer Zeit sammelt Neptun tief unten auf dem Meeresgrund in den langen und schäumenden Novembernächten das Unterwasserorchester um seinen Thron. Neben den berühmten Seetanggeigen und den Fischgrätencelli, treten die Krebse mit ihren Steintrommeln auf und während der Champagner in Strömen fließt, nähern sich die Plattfische dem Muschelthron und spielen „O Sole Mare“ auf den Trompetenmuscheln. Neptun selbst erhebt sich dann und singt in seinem vollen Bariton: „Keine Klippen sollt ihr missen/ Flut sei euer Untergang“ aus dem Liederbuch für Meeresbewohner und Seeungeheuer. In diesen Nächten Tierarzt schäumt das Meer lauter, um nicht zu sagen melodischer als sonst und am anderen Morgen schläft die ganze Unterwasserwelt und das Meer ist so pastell wie still. Der Tierarzt nimmt mir die Muschel aus den Händen, hält sie sich dicht ans Ohr und hört von fern noch einmal Neptun singen, schaurig- schön, vom Untergang und schwarzen Klippen.

Um ein Uhr kommt der Priester zum Sonntagstisch herüber. Der Priester hat einen Gast mit dabei. Einen ökumenischen Gast, denn der Gast ist evangelischer Pfarrer und aus Dresden. Der Tierarzt versucht sich an einer Kartoffel, ich verteile Roastbeef und Honigmöhren auf die Teller und der Pfarrer ist ausgesprochen angenehm, der Priester so zugewandt wie immer und der Tierarzt probiert zu dem noch die Honigmöhren und so sitzen wir im sonnigen Zimmer, die Standuhr tickt freundlich, die Katze schläft dekorativ und der Hund ist einmal bescheiden genug sich mit dem ihm zuggeteilten Stück Roastbeef zu begnügen und sabbert dem Gast nicht gierig auf die Schuh. Man reicht Flan mit Beeren zum Dessert, der Tierarzt brüht Tee und Kaffee und der Pfarrer sieht auf die Heine-Ausgabe, die auf dem Tisch neben dem Sofa liegt. Dann seufzt er und erzählt: er sei Pfarrer, das wüssten wir ja schon und er sei ein Pfarrer mit einem Hang zur Musik, seine Frau sei zudem Musiklehrerin und eines Tages sei er auf die Idee gekommen, Gedichte zu vertonen, Gedichte von Heine und Anderen und seine Frau habe diese von ihm vertonten Gedichte mit dem Schulchor einstudiert. Gefallen gefunden hätten diese vertonten Gedichte auch über die Schule hinaus und so sei eine Veranstaltungsreihe für andere Schulklassen anderer Gymnasien organisiert worden, um auch jene Schüler mit Musik und Gedichten zu erfreuen. Die erste Veranstaltung aber musste abgebrochen werden, die Schüler hätten so gelärmt und gestört, ihre Telefone mit schollernder Musik gegen das Schülerorchester in Stellung gebracht, die Sängerin mit Hohngelächter bedacht und schließlich Papierkügelchen auf die Bühne geschossen. Das Konzert wurde abgebrochen. Johlend verließen die Störer das Konzert, das zweite Konzert sei besser gegangen, aber auch nicht störungsfrei, das dritte und vierte Konzert aber hätten sie abgesagt. Das Orchester traute sich nicht mehr auf die Bühne, die Sängerin, eine Schülerin der zehnten Klasse, sei noch immer krank geschrieben. Der Pfarrer zuckt mit den Schultern und sieht verzweifelt aus, ein kostenloses Konzert mit vertonten Gedichten, sagt er und er sagt wie jemand der die Welt nicht mehr versteht. So sitzen wir da im sonnigen Zimmer und ich denke an die Kübel voll Wut und Verachtung, die für die Aufklärungssprechstunde über mich ausgegossen werden, die höhnischen Kommentare für die Postkarten an Mesale Tolu und Deniz Yücel: Scheißtypen, Scheißklaue, Du sowieso, besonders scheiße nur an zwei Gefangene zu schreiben und nicht an alle. Ich denke an all die Häme, die einem entgegenfliegt, wenn man Hygiene Kits an obdachlose Frauen verteilt, immer Verachtung, immer johlende Häme, immer hässliche Zoten, immer so weiter, immer so weiter. Zu keinem der Dinge, die ich mache, habe ich mehr Freude, dazu pfeift es zu laut und so wird man müde und müder und immer nur müder und lachend und munter pfeifen die johlenden Allesverächter und Jedenbeschimpfer. Der Pfarrer vertont keine Gedichte mehr, die Frau des Pfarrers gibt die Leitung des Schulorchesters ab, die Sängerin singt nicht mehr und bald verstauben dann auch die Geigenkästen.

Der Tierarzt kommt mit Tassen, der Teekanne und dem Kaffee zurück, ich hole die Dose mit den Keksen und der Tierarzt strahlt: „Sachsen German so sweet“, sagt er und nickt mir zu: „Did the pastor tell you a nice story in Sachsen German?“

Wir sitzen da schweigend und still, draußen vor dem Fenster fährt das Drei-Uhr Boot vorbei.

Verschiebungen

In der Nacht seltsame und verrätselte Träume. Ein Schwanenpaar fährt langsam rudernd über den See. Das Boot aber liegt schief, ist leck und schließlich verschwinden die Schwäne unter einer großen Wolke von Tauben, die sich erst über die Schwäne, das Boot und den See legen. Die Zukunft des Bootes, der Schwäne, ja selbst die des Sees erschien mir ungewiss. Mit Schüttelfrost aufgewacht.

Auch im Büro klebte noch immer die seltsame Nacht an mir. Ein Maler mit Leiter, Farbeimern und Folie, klopfte an meine Tür.

„Ich soll hier die Wand streichen“, sagt er.
 
„Wir haben keinen Maler bestellt“, sage ich.

„Die Wand hier soll ich streichen“, wiederholt er.

„Hier soll nirgendwo eine Wand gestrichen werden“, wiederhole ich.

Er beginnt in ein Telefon zu schreien. Ich sehe durch alle Kalender befrage die Auszubildende und rufe die J. an. Niemand hat einen Maler bestellt, niemand weiß etwas von einem Maler, keine Wand soll neue Farbe bekommen.

Der Maler steht breitbeinig vor mir und wiederholt sein Anliegen auf grobe und gröbere Weise, die Packung mit der Folie fällt um. Ich beharre darauf keinen Maler bestellt zu haben, der Maler spuckt mir vor die Füße. „Verschwinden Soe“, sage ich und der Maler geht fluchend zur Tür heraus. Aus seinen Schuhen fallen grobe Mörtelbrocken. „Müssen Maler nicht saubere Schuhe haben?“, frage ich mich und denke dabei doch: was für eine dumme Frage das ist. Die Auszubildende heiße ich einen Kehrbesen holen und einmal tut sie etwas ganz ohne Gemaul.

„Ob es wohl wirklich falsche Maler gibt?“, frage ich mich, frage es die J., frage es schließlich die Polizei, der Beamte mahct sich unablässig Notizen.“ Man werde den Fall prüfen“, sagt er. Ich nicke und gehe davon. Wieder ist mir als gurrten die Tauben spöttischer als sonst. Ein Mann spricht vertieft mit einem Ahornbaum.

Das Institut riecht noch immer nach dem Maler, der Farbe und seinem sauren Atem. Ich mache die Fenster auf. Sofort frieren die Auszubildende, die Fellows, nur der Schriftsteller macht Atemübungen am Fenster.

Früher nach Haus als gewöhnlich. Erleichtert endlich einmal das Dorf wenigstens im letzten Tageslicht zu sehen. Sonst gehe ich vor der Dämmerung und komme mit der Dunkelheit heim. Ich setzte mich auf das Fensterbrett, sehe auf das Meer hinaus und als der Tee fast trinkbar ist, klingelt das Telefon.

„Mädchen?“, sagt der Tierarzt bist du daheim?“

„Ja“, sage ich und lege den Kopf auf meine Knie. Den Tierarzt kann ich kaum verstehen, es rauscht und gurgelt am anderen Ende des Telefons. Aber dann höre ich ihn doch, oder anders ich höre, dass ich kommen soll. Warum verstehe ich nicht. Ich borge mir das Auto des Priesters, ziehe mir Gummistiefel an und fahre um Kurven und Ecken, durch andere Dörfer, tiefer in das Land hinein, lasse das Meer hinter mir, eine Tannenschonung, Koppeln, Weiden, auf einem Hof steht der alte Volvo des Tierarztes. Neben dem Tierarzt steht ein alter Mann: „Ich habe sie geliebt“, sagt er und ich frage den Tierarzt: „Was ist passiert?“ Ein Kuh habe sich erschrocken, sagt er und zeigt auf den Weiher, ausgegeglitten sei die Kuh auf der in der Nacht überfrorenen Weide schließlich eingebrochen im dunklen Teich und käme nicht mehr heraus. Er und der Bauer seinen zu schwach und zu alt, um die Kuh aus dem Teich heraus zu befördern. Der Tierarzt schämt sich seiner Schwäche, der alte Bauer sieht auf seine müden Hände, ich wundere mich, ob nicht zwei Schwäne über dem Teich aufsteigen, dann verwerfe ich das Bild und wir gehen hinüber zur brüllenden Kuh. Die Kuh erscheint mir größer als gewöhnliche Kühe, so als hätte das Wasser die Kuh aufgeschwemmt, ein groteskes verzogenes Spiegelbild und ich fürchte mich vor der Kuh und dem dunklen Teich. Der Bauer redet auf die Kuh ein und der Tierarzt und ich überlegen wie wir wohl eine Arte Seilwinde um die Kuh bekämen, der Tierarzt steigt in den Teich hinein und vor meinen Augen verwandelt sich die Kuh in den lecken Kahn meiner Träume. Der Tierarzt kehrt mit blutigen Händen zurück. Irgendwann muss einmal ein Pflug im Teich versenkt worden sein, jetzt aber ist das rostige Metall zum Verhängnis der Kuh geworden. Die Kuh hat aufgehört zu brüllen und die Kuh ist tot. Wir steigen zu dritt in den schlammigen Weiher und schleifen die Kuh ans Ufer. Blutgetränkt und Schlammverschmiert. Die Kuh nicht mehr zu unterscheiden vom dunklen Ufer, wir nicht mehr zu unterscheiden von der Kuh. Der Bauer ruft den Abdecker, der Abdecker ist eigentlich ein Tierkörperverwertungs-Unternehmen. Ich fürchte mich vor unseren Spiegelbildern. Der Bauer gibt mir Sachen seiner toten Frau. Die Sachen riechen nach Mottenpulver, Tieren und der toten Frau. Der Bauer umarmt den Tierarzt, mich und nach vielen Papieren fahren wir endlich nach Hause, ich fahre dem roten Volvo hinterher. „Danke Priester“, sage ich und dann lege ich die Sachen der toten Frau sorgfältig zusammen. Warmes Wasser, kaltes Wasser, ich krieche in einen Tierarztpullover, der Tierarzt wickelt sich in meinen Schal. Der Tierarztpullover ist dunkelblau, der Schal ist gelb, der Tierarzt schiebt seine Finger zwischen meine Rippen. Der Tee ist lange schon kalt, das Haus ist kalt und ich stelle die Heizung an. Leises Gluckern, ein Kahn der leck schlägt denke ich, sehe noch einmal die Schwäne, die Tauben und den dunklen See. Dann schlafe ich ein.

Handtuchhalter

Die Auszubildende schreit: „Fräulein read On, Fräulein Read on, ich habe gelauscht und die D. hat zur G. gesagt: Really this stubborn Read On, she needs to get a personal life ASAP.“ Die Auszubildende lacht triumphierend. „Fräulein Read On, Fräulein Read On, ich habe es ganz genau gehört, das hat sie wirklich gesagt die D. und was heißt eigentlich ASAP?“

Auszubildende sage ich: „I am a person and I am alive, die D. hat also keinen Grund zur Sorge. Sie sollten nicht lauschen. Lauschen leiert die Ohren aus.“ Die Auszubildende flieht unter Geheul ins Badezimmer um sich ihre Ohren ganz genau zu besehen. „Bitte gießen und ertränken Sie die Blumen nicht“, rufe ich ihr hinterher. Die J. hängt an den Orchideen. Aus dem Badezimmer ertönt lauteres Geheul. „Sie sind der gemeinste Mensch der Welt.“

 
Aber da bin ich schon weiter. Im Keller des Institutes befindet sich eine Dusche, denn wer kennt es nicht: Man sitzt am Schreibtisch und denkt nach, schon perlt der Schweiß an der Stirn herunter, heiße Schauer jagen über den geplagten Fellowrücken, man eilt zur Dusche hinunter und braust sich gründlich ab. Ich wäre die Letzte, die einem Fellow das Duschglück verweigert und so habe ich zwei Jahre lang, zweimal in der Woche schimmelnde Handtücher, Damen wie Herren-Rasierer, leeres Duschgel und Shampoo in schwarzen Müllsäcken entsorgt. Manchmal überkommt mich aber auch ein pädagogischer Impuls, das Gefühl doch noch einmal die Welt zum Besseren und Guten hin zu verändern. Achtsamkeit, Fürsorge, Miteinander sind das nicht die großen Begriffe unserer Zeit? ( Eigentlich aber war ich nur berufsbedingt in Berlin und konnte nicht zum schwarzen Müllsack greifen.) In meinem unbändigen Optimismus, denn wir hatten ja schon festgestellt, dass ich sowohl person als auch alive bin, glaubte ich die Fellows würden sich das Handtuch über die Schultern schwingen, die Rasierer wegwerfen und die Shampooflaschen entsorgen, natürlich irrte ich mich. Als ich bei meiner Rückkehr die Dusche inspizierte, faulten sechs Badetücher auf den Fliesen, schlitterte ich über gebrauchte Rasierer und sammelte sieben Shampooflaschen ein.

Um elf Uhr versammeln sich die Fellows zu Kaffee und Gebäck und sind dazu angeregt Lob und Kritik auszusprechen, Verbesserungswünsche vorzutragen und überhaupt zu berichten, wie sie sich fühlen im Elfenbeinturm. Aber alles auch Kaffee und Gebäck kommt zu einem Preis und die Fellows müssen ertragen, dass auch ich sie mit Lob überschütte und Kritik antrage. Ich preise also die kluge Begabtheit der Fellows, lobe ihre soziale Kompetenz, den Gemeinschaftssinn, die angestrengte Suche nach der Weltformel und natürlich auch die sauber gebrausten Rücken und Denkerstirnen. Dann hole ich die vergorenen Handtücher aus dem Beutel und erinnere die Fellows daran, dass jeder für sein Handtuch, Rasierer und Schaumbad selbst zuständig ist. Natürlich hat niemand sein Handtuch dort fallen lassen, niemand den Rasierer in die Ecke geworfen oder gar eine Flasche zurückgelassen. Zeter und Mordio. Ich nicke und weiß doch, dass ich übermorgen schon wieder Handtücher auflesen werde.

 
Manchmal frage ich mich, ob die Fellows wohl alle im Schloss aufgewachsen sind, wo stets ein Diener hinter ihnen stand, streiften sie auch nur den Pantoffel ab, oder ob alle Privilegien ihren Preis haben und wenn es nur der ist, ist endlich einmal so ganz nach Herren oder Damenart zu leben. Im übrigen brauchen die Fellows viel Zuwendung und immer wieder neues Kümmern: Einen Toaster wünschen die Fellows um Brote zu grillen, vor meinem inneren Auge steigen kohlende Brote auf, der Feueralarm geht an und bald schon balgen sich Ratten und Mäuse um Käsebrotkrümel. Aber das allein ist es nicht oder jedenfalls nichts nur: denn die Fellows fühlen sich überfordert von dem was das Institut bietet und erwartet. Einen jour fixe zum Beispiel, aber da sind sie oft müde oder der Elektrosmog macht ihnen zu schaffen. Vorträge interessierten sie schon, aber woher sollen sie denn wissen, ob die Vorträge wirklich gut sind oder mehr so mau und workshops für Karriereoptionen täten sie schon gern besuchen, aber da müsse man sich halt immer voranmelden und woher solle man schon wissen, ob man da nicht lieber einen Freund oder gar die liebe Grete träfe. Meine Ausführungen darüber, dass ein Lebenslaufoptimierungsmeister eben nicht auf Zuruf erschient, sondern gebeten werden will, hören sie wohl an, aber Glauben schenken sie dem nicht. In ihrer Welt glaube ich manchmal, sind sie wirklich ganz allein und immer erster, immer bester und immer zählen sie allein.

Dann geht es um einen Spieleabend zwecks besseren Kennenlernens in druckfreier Atmosphäre und ich nehme die post-ist mit „Toaster, aber dalli“ und „gestern war der Kaffee zu schwach“ von den Wänden und lege sie zu den vielen anderen und immer ähnlichen Zetteln und überlasse die Fellows bei Kaffee und Gebäck sich selbst.

Nur den B. nehme ich zur Seite. „B. sage ich man hat mir zugetragen, dass Du die Toilettentüren bei Benutzung nicht schließt, sollte dies der Fall sein, so schließe doch bitte die Tür. Der B. sieht mich verwundert an: „aber das ist doch ganz natürlich, ich schließe niemals die Tür.“ „B. sage ich, dass war keine Bitte, keine Frage, sondern ein Punkt. Tür zu.“

 
Der Schriftsteller passt mich an der Tür ab. „Fräulein Read On“ krächzt er, -denn ich glaube so stellt er Hemingway vor-, die Sache mit den Handtüchern: I felt so alive. It was gruesome, but so awakening. An epiphany.
„Ich wollte ihnen das hier geben Fräulein Read On“, der Schriftseller überreicht mir das Bild eines Hahnes und unter das Bild hat er einen Vers geschrieben. „Schön“, sage ich. Danke, Schriftsteller. Der Schriftsteller dreht sich um, da steht aber nur die Auszubildende und er nickt ihr zu: „What a time to be alive.“

 
Dann rette ich die Orchideen vor dem Ertrinken. Telefoniere mit dem Klempner, organisiere Organisatorisches, renne treppauf und treppab und treffe schließlich die J, die beste Chefin der Welt. Sie sagt: „Du Read On, muss ich mir Sorgen machen?“ Wegen der Handtücher, liebe J? Nein, die habe ich schon entsorgt.“
„Nein, nicht der Handtücher wegen.“ Die Auszubildende hat der erzählt, dass du mit dem Schriftsteller ein neues Leben auf einer Hühnerfarm beginnen willst.“

„Gut zu wissen“, sage ich und die J. lacht „ASAP hat die Auszubildende gesagt“,kommst Du mit?“, frage ich die J. und die J. wäre nicht die J. würde sie nicht nicken und sagen: „Nie wieder nasse Handtücher in der Dusche.“

 

Sonntag

„„Komm“ sagt der Tierarzt, die Sonne scheint. Ich ziehe mir die Decke über den Kopf. „Komm“, sagt der Tierarzt, Du bist doch das Mädchen, das den Sommer sucht.“ „Ich bin so müde“, will ich sagen, aber der Tierarzt zieht schon die Decke weg. „Komm“, sagt er und zieht mich hoch. Gliederpuppentaumelei. Der Tierarzt hält mir Kleid und dicke Strümpfe hin, mir tropft noch Wasser aus den Augen und den Armen. „Komm“, sagt der Tierarzt, wickelt mich in Schal und Wetterfleck und zieht mich aus der Tür heraus. Wirklich, vor der Tür ist Sonnenschein. „Komm“, sagt der Tierarzt wir klettern am Kliff hinunter. Schon stapfen wir durch die Heide, halten uns fest an den Steinen und am struppigen Dünengras, der Wind fährt uns durch die Haare. Wirklich die Sonne scheint, es glitzert der Himmel, der Wind spielt Sommerlieder auf einer blauen Mandoline und das Meer rollt flaschengrün an den Strand heran. „Tierarzt“, sage ich die Sonne scheint. Der Tierarzt lacht und taumelt meerestrunken an den Wasserrand. „Für Dich ist das Badewetter“, sagt er und ich nicke, denn bei solchem Wetter kann man nicht am Strand verharren und schon fliegen Kleid und dicke Strümpfe, Wetterfleck, Schal wie Schuhe in den weißen Sand . Augen zu und dann nehmen mich die Wellen mit, tief hinein und atemlos, taube Arme, taube Füße und doch wogt das Meer, kalt und klar und wunderbar. Das Meer greift nach der Müdigkeit und ich wünschte es würde auch nach der Nachtschicht zwischen meinen Rippen fassen, aber das bleibt auch im schäumenden Novembermeer leider Wunsch und niemals Wirklichkeit. Der Tierarzt lacht und lacht, lacht mit Wind und Sonnenschein, lacht flaschengrün und sommerhell und wickelt mich in ein dickes Handtuch ein. Ein lachender Schatten und ein Fräulein mit klappernden Zähnen wandern weiter am Meer, Muscheln knirschen unter unseren Füßen, der Tierarzt trägt einen Krebs ins Wasser zurück und wie immer suche ich nach einer Muschel mit der man das Meer hören kann, aber ich lege alle Muscheln wieder zurück, vielleicht findet man eine solche Muscheln niemals oder nur einmal im Leben. Hunde wie Kinder rennen zum Meer, die Hunde sind schneller, Kinder wie Hunde aber furchtlos und frei, das Meer ist mit Hunden wie Kindern geduldig und die Kinder werden bestimmt einmal Novembermeerschwimmer, denn schon fliegen die Gummistiefel davon, das Meer braucht freie Füße. Wir aber wandern durch Priele, klettern über die Schieferfelsen, der Tierarzt sucht einen blanken Stein, aber die blanken Steine verstecken sich gut, dafür Möwengeschrei und der Wind hält sich an unseren Ohrläppchen fest. Er lacht der Wind und der Tierarzt und ich fallen in den Sand hinein. Der Sand legt sich zwischen Haare und Zähne, fährt uns in die Haare, aber ist der Sand nicht dafür gemacht, der Tierarzt malt Sonnenkringel mit dem Zeigefinger, ich schreibe zwei Karten auf seinem Rücken. Dann ist mein Zähne klappern lauter als der Wind mit seinem Liederbuch und wir wandern in Schlangenlinien Richtung Dorf am Meer entlang.

„Weißt Du was?“, sagt der Tierarzt.

„Ich weiß nichts“, sage ich.

„Mädchen, nur Kälbchen ist noch verrätselter als Du.“

„Das wusste ich Tierarzt, das wusste ich wirklich.“

„Als Du schliefest heute am Morgen, da habe ich meinen Account bei Seriöse Singles gelöscht.“ Genau heute vor einem Jahr habe ich den dort angelegt.“

„Ich wusste gar nicht, dass Du einen Account bei Seriöse Singles hattest, Tierarzt.“

„Ich war so allein und Du warst so aussichtslos.“

„Ich dachte Du seist in die B. verliebt.“

„Wer ist die B?“

„Und sage ich, gibt es schöne Frauen bei Seriöse Singles?“

„Bestimmt“, sagt der Tierarzt.

„Bestimmt?“, frage ich.

Ich habe niemals nachgesehen, denn Du hast gesagt: Komm“ sagt der Tierarzt.“

„Ich habe wirklich: Komm gesagt?“

„Oh ja“, sagt der Tierarzt. „Kälbchen und Du ihr seid euch so ähnlich.“

Dann klettern wir das Kliff hinauf, Hände im Heidekraut und der Dünenhafer an den Beinen, der Wind weht, Sonnenstrahlen tanzen auf der Nasenspitze, der Tierarzt lacht und lacht und lacht, kann nicht aufhören zu lachen. Selbst das Heidekraut kichert über so viel Tierarztheiterkeit.

Zuhause dann warmes Wasser, gegen die klappernden Zähne, auch ins Bad fällt Sonnenlicht, und endlich habe ich wieder warme Füße.

„Mädchen, willst Du Deine Regenbluse?“, fragt der Tierarzt.

„Ich will eigentlich zurück ins Bett“, sage ich.

„Später, Mädchen, später, wir fahren zum Tee ins Grandhotel.“

„Wirklich Tierarzt?“

„Komm Mädchen, komm.“

Im Grandhotel tanzen alte Pärchen Foxtrott und vor uns wogt das Meer, noch immer sommerblau, der Himmel ist noch immer himmelblau, die Sonne lacht uns strahlt und nur der Tierarzt strahlt ein bisschen mehr.

„Du hast nicht einziges Mal nachgesehen, bei Seriöse Singles?“

„Vielleicht hat die Kälberkönigin von Kerry dort auch ein Profil?“

„Nein, sagt der Tierarzt, nein, nein, nein.“

„Komm Mädchen, tanz mit mir.“ Komm Mädchen, komm.“

Falltreppe

Am Sonntag fahre ich den Tierarzt zum Flughafen. Der Tierarzt winkt, ich winke und der Tierarzt ruft: „Komm zurück Mädchen!“ „Bestimmt“ sage ich. Dann ist es still. Schön ist die Stille und ich mache erst einmal einen Tee. Denn wenn die Stille kommt, soll man sich angemessen nähern. Die Stille und ich nicken uns freundlich zu und das Herbstlaub weht vorm Fenster vorbei. Irgendwann so morgens gegen fünf, klingelt das Telefon. Am Telefon ist der F., der freundliche ehemalige, geschätzte Gefährte. Der F. urlaubt im Ostseesommerhaus und wintert nebenbei das treue Boot, die Arca ein.

Das Telefongespräch geht so:

( Das Telefon klingelt )

Ich: Jaaaaa, ehemaliger geschätzter Gefährte, was gibt es zu so früher Stunde:

F: Wimmer

Ich: Bist du in Ordnung?

F: Jaul

Ich: Himmel, was ist passiert?

F: gedämpft: Falltür. ( Das Sommerhaus hat eine Falltür über die man in den Keller gelangt, wir sind ja hier nicht in Österreich.

Ich: F. bist du die Kellertreppe hinuntergfallen?

F: Hmm, ja. Jaul. Komm…..mich….holen….bitte.

Ich tätschle das Oldsmobile und sage: Blaulich, Oldsmobile, Blaulicht. Dann brausen wir viele, viele Kilometer in den Norden und es sind wirklich sehr viele Baustellen auf dem Weg nach Norden und endlich biege ich in die Straße, die zum Sommerhaus führt ein.

Der ehemalige geschätzte Gefährte liegt schnaufend auf dem Boden. Seinen rechten Arm kann er nicht mehr bewegen, und sein Fuß ist siebenfach so groß wie sonst. Der F. kann aber immer noch zetern, als ich ihn zwinge eine alte Trainingshose meines Vaters anzuziehen. Der F. ist bekanntlich nicht eitel. Dann schiebe und hieve ich den F. ins Oldsmobile und wir fahren zurück nach Berlin. Als wir die Kreisstadt S. erreichen, sage ich: Liebenswürdiger, ehemaliger geschätzter Gefährte, warum hast du eigentlich nicht die Rettung der Stadt S. gerufen, sondern mich aus Berlin herbeigedordert

Der F. inzwischen mit Ibuprofen, Kaffee und Schokolade versorgt sagt:

„Darf ich Dich daran erinnern, dass Du mich einmal heiraten wolltest?“

Ich sage: „Darf ich daran erinnern, dass wir verheiratet wären, wenn“ und dann muss ich mich selbst unterbrechen, denn ein VW Passat Fahrer, der seine Heckscheibe mit einer Bulldogge und der Aufschrift: Mein Blut, mein Leben, meine Ehre für meine Familie beklebt hat, überholt das treue Oldsmobile so waghalsig, dass ich scharf bremsen muss.

„Also“ fange ich an, nachdem ich in sieben Sprachen, Verwünschungen ausgestoßen habe, du meinst dein Heiratsantrag verpflichtet mich auf ewig an Deine Seite zu eilen?“

Der F. sagt: „Zumindestens so lange bis Du mich ohnehin heiratest, dann stellt sich die Frage nicht mehr.“

Ich huste spöttisch. „Kann es sein F., dass die D. jetzt Radiologin in der Stadt S. ist?“ Der F. wird immerhin rot. Und ist es nicht viel wahrscheinlicher, dass Du unrasiert und ungeduscht und unbalsamiert der D. nicht gegenübertreten wolltest, während es bei mir auf so etwas nicht mehr ankommt? Der F. wird noch röter und seufzt und schnauft noch mehr als ohnehin schon.

„Bist Du etwa eifersüchtig auf die D.?“ sagt der F. nach einer ganzen Weile. Ich mache das Radio an.

Irgendwann wir fahren und fahren und fahren, kommen die Schilder mit Berlin näher.

Der F. greint: Ich will nicht ins Krankenhaus. Die Keime, die gemeinen Krankenschwestern und wie werden erst die Kollegen lachen.

Ich: Ich will davon nichts hören, F. natürlich fahren wir in die Klinik.

Trotziges Schweigen im Oldsmobile.

Endlich erreichen wir die Klinik und ich hieve den F. in die Notaufnahme.

Die Schwesternschülerinnen schlagen sich darum, wer den F. aufnehmen darf.

Die Krankenschwestern ziehen sich an den Haaren wer dem F. den Fuß neu verbinden darf.

Die Assistenzärztinnen versprechen dem F. Schultermassagen bis ans Ende aller Tage.

Der Stationsarzt fährt den F. höchstpersönlich in die Radiologie.

Ich fahre derweil zurück nach Haus um für den F. ein ordentliches Nachtgewand, Rasierzeug, sein Beutel mit Wässerchen, Ölen und Augencreme. Nebst dem guten Paar Pantinen, einer Tafel Nussschokolade kehre ich zurück. Der F. liegt wie ein Prinz im Bett, er ist umschwirrt von einer ganzen Heerschar von Frauen und selbst die gestrenge Oberschwester säuselt Beileid und Mitleid und brüht des F’s Lieblingstee und wirklich der liebenswürdige, ehemalige geschätzte Gefährte hat sich die Schulter gebroche, aber der Fuß ist heil geblieben.

Als der F. im feinen Seidenzwirn, frisch rasiert, onduliert, parfümiert und mit gecremten Augen im Bett liegt, sage ich: „Ich glaube du bist versorgt für die Nacht“, denn schon wieder stürmt eine Krankenschwester herein, dann fahre ich nach Haus und falle augenblicklich um, als ich mich wieder aufrapple ( eine heiße Dusche und eine Tafel Nussschokolade später also ) ruft der F. an. „Na sage ich F., habe ich die Nagelfeile im Kulturbeutel vergessen?“ Der F. aber kann nicht lachen vor Schulterweh. „Die Krankenhausbetten sind wirklich größer als ich immer dachte.“ Ich gähne immerhin solidarisch mit. Dann ist es kurz still. „Komm zurück“, sagt der F. „Ich komme morgen Früh vorbei“, sage ich.

 

Missliche Notizen

Schwierige Tage. Verwickelte und langwierige Arbeitsangelegenheiten, die sich nur mühsam auflösen lassen, sich weiterdrehen und doch immer weiter mühsam und misslich bleiben. Stundenlange Telefonate, verschwindende Dokumente, dann verschwinden auch die Zuständigen, zurück bleibe ich. Launisch und verwundert, schwarze Hände vom spuckenden Kopierer. Die Auszubildende ist krank.

Das Institut beehrt ein Schriftsteller. Der Schriftsteller muss irgendwo im Handbuch für Autoren, Band 4 gelesen haben: „Um die Aura des wahren und einzigen Schriftstellers zu erhalten, verhalte man sich als Autor möglichst misanthrop und feindlich.“ Der Schriftsteller setzt dies gekonnt um.

Ich zeige ihm sein Büro: Er starrt auf sein Telefon. Ich zeige ihm wie Computer, Drucker und das Institut an sich so funktionieren, er starrt auf sein Telefon. „Wenn es Ihnen jetzt nicht passt“, sage ich, der Satz verschwindet im Leeren, der Schriftsteller starrt auf sein Telefon. „Ich brauche Kopfschmerztabletten“, sagt er schließlich zu mir. Ums Eck hat es eine Apotheke sage ich.“ Worauf warten Sie noch?“, sagt der Schriftsteller. „Dass Sie die Tür hinter sich zu machen“, sage ich. Der Schriftsteller starrt mich an und geht.

Der Kollege B. aus der Stadt E. ruft mich an. Mit dem Kollegen B. aus der Stadt E. habe ich damals in Berlin, dass angefangen zu machen, was ich noch immer mache, wenn auch fast nur noch in den Nächten. Damals war der B. der größere Optimist von uns beiden.  Der B. hat gekündigt. „Der Umzug nach Australien sei schon organisiert, sagt er. Mehr Sonne, sagt er und er habe sich erkundigt in Australien sagt er, sei es nicht normal während des Dienstes mit Feuerwerkskörpern, Flaschen und Fäusten angegriffen zu werden.“ „Ich sage: Aber das ist doch auch in der Stadt E. nicht normal. „Der B. hustet trocken. „Ich habe Kinder“, sagt er und ich will sagen: „ Wird es nicht erst normal, wenn wir alle gehen B.?“ Ich sage: „Ich war noch nie in Australien.“ Der B. sagt: „Komm mich besuchen.“

Im Internet schreiben Frauen: #MeToo. In der Nachtschicht kommt eine Frau, deren Mann ihre Beine mit brühendem Wasser übergossen hat. Das Bein wird man nicht mehr retten können, sagt der Chirurg. Ich sage und klinge aufgeräumt und schrill dabei: „Wir kümmern uns jetzt um Sie.“ Sie sagt: „Aber er liebt mich doch.“ Schmerzmittel. Schlafmittel. „Hat er nach mir gefragt?“ Schichtende.

Wieder und wieder versuche ich die Familie in New York zu erreichen. Williamsburg. Englisch ist die erste Fremdsprache, ein kalter Klumpen Sorge in meiner Magengrube. Nach Stunden endlich eine Stimme am Telefon. „Wo seid ihr? Geht es euch gut?“ „Wir fahren doch kein Fahrrad“, sagt der G. Ich weiß nicht ob ich lachen oder schreien soll. Ich verzichte auf beides. „Warum geht niemand ans Telefon?“, sage ich stattdessen. Wir waren in der Shul. Warum frage ich überhaupt, frage ich mich. Ich denke daran wie ich nach Europa kam. In Berlin musste man im Supermarkt seine Tasche nicht aufmachen und in der Garage den Kofferraum nicht öffnen. Nur in Jerusalem flogen die Busse in die Luft. In einem Bus saß die Z. An die Z. will ich lieber auch nicht denken. „Wir fahren kein Fahrrad.“ „Passt auf euch auf, sage ich.“ Ich weiß nicht, ob sie mich hören können. Ich sage nicht: „Hör mir doch zu.“

Zwei Tage später lese ich diesen Artikel . Es waren neun Freunde. Man liest das und denkt an die acht Freunde, lachend auf den Rädern, auf den Bildern sind die Fahrräder verbogen und verdreht, Metallsplitter.

Wie oft habe ich mich mit dem G. gestritten: „Die Kinder müssen Rad fahren lernen.“ Der G. wehrte ab.

Lange in der National Library Mikrofilme durchgesehen. Charles Rex schreibt der König in schönen, geschwungenen Buchstaben, verschwommen das Siegel. Einige Wochen später ist der König tot. Einen Kopf kürzer machen, sagt man im Deutschen, merkwürdig, als hätte der Mensch noch einen Zweiten. Aber noch schreibt er und zeichnet Charles Rex und jemand hat den Brief versiegelt und der König schlief ein und war am nächsten Morgen noch einmal König. Ich aber suche andere Briefe und im dunklen, stillen Mikrofilmzimmer verschwindet Charles Rex wieder, neben mir flucht eine Frau in lila Hosen und Rosenbluse über das Mikrofilmgerät, schließlich wird sie wütend- wie schnell das geht- und reißt das Band aus der Rolle, ein Stück Film verfängt sich reißt- ein Bibliotheksmitarbeiter eilt herbei und besieht den Schaden: Große Scheiße, sagt er und die Frau flucht weiter laut und unerbittlich gegen die Tücken der Maschine. Später im hellen Licht schwer wieder in die Welt hineingefunden.

Müde und mutlos. Überall Risse.

Der große und der kleine Zeiger.

Die Sonne scheint. In Irland ist das immer ein Ereignis. Ich rufe also: „Tierarzt, Katze, Hund, die Sonne scheint.“ Die Katze dreht sich auf den Bauch, der Hund bringt mir einen Schuh, der Tierarzt gurgelt Unverständliches aus dem Badezimmer. Ich schleppe zwei Stühle nach draußen, reiße alle Fenster auf und reiche dem man of the house, eine dampfende Teetasse an und blinzle in die Sonne. Dann blinzeln wir gemeinsam in die Sonne und lesen die Zeitung nach. Bis auf leises Blätterrascheln hört man nichts. Dann aber fällt es mir ein: „Tierarzt, wir müssen die Uhr umstellen.“

Der Tierarzt sieht mich zögernd an: „Mädchen, müssen wir die Uhr jetzt umstellen?“

Ich sehe den Tierarzt an: „Es sind die kleinen Dinge, Tierarzt sage ich: „Stellt man die Uhr nicht mehr um, dann ist das nur die Spitze eines viel größeren Eisberges, der nicht aus gefrorenem Wasser, sondern der Nachlässigkeit besteht: gibt man erst nach, dann schraubt man die Zahnpastatube nicht mehr zu, am nächsten Tag putzt man sich die Zähne nicht mehr, am dritten Tag schiebt man ein gefrorenes Auftaugericht in die Mikrowelle, am vierten Tag kauft man gleich nur noch Zigaretten und drückt die Kippen in den Blechassietten aus, am sechsten Tag raucht man im Bademantel und nagt an kalten Pizzarinden und am siebten Tag stolpert man über die gestapelten Müllbeutel mit den Fertiggerichten in der Küchentür, die fauligen Essensreste laufen über die Fliesen, man glitscht aus und bricht sich das rechte Schienbein und die Sanitäter finden einen mit ungeputzten Zähnen und man hat ja auch die Uhr nicht umgestellt, schreiben Sie die falsche Uhrzeit in den Aufnahmebogen.

Der Tierarzt sieht mich lange an und sagt: Mädchen, warum hast du eigentlich keine Logikprofessur?“

„Lenk nicht ab“, sage ich und ziehe den Tierarzt in die Diele, wo die alte Standuhr steht. Tick-Tock macht die Standuhr und der Tierarzt seufzt: „Dieses störrische Biest.“ Leider hat der Tierarzt Recht. Die alte Standuhr ist wirklich sehr störrisch, das Glasfenster lässt sich nur schwer öffnen und man muss eine Feder an eine Vorrichtung klemmen, um die Zeiger zu bewegen, aber oft springt die Feder ab oder der Stundenzeiger klemmt, es gilt das Pendel zu justieren und so krempelt der Tierarzt die Ärmel hoch.

Tierarzt (T ): Auf geht’s . Der Tierarzt lehnt die Uhr nach vorn, ich halte die Uhr und der Tierarzt öffnet sehr vorsichtig das Uhrenkastel

Ich: YES.

T: Argh.

Ich: A little bit more left.

T: I can feel it.

Ich: You’re nearly there.

T: That’s so damn tight.

Ich: Your fingers are so…

T: Yes…..

Ich: Smooth. Elegant. Strong.

T: Don’t flatter me.

T: G*d I never got in so deep.

Ich: Just a tiny bit more. Can you feel it?

T: Ah. Ah. I don’t want to loose my grip.

Ich: I hold you down. You need to push a tiny bit harder.

T: That’s good. That’s so good.

Ich: You are so close.

T: I am coming closer still.

Ich: That must be it. One last tiny push.

T: Oh yes, yes, yeeeeeees. Here I go. Here I come. Oh yeah.

Ich: Hell yeah.

T: I can still hold it. Can you hold it?

Ich: I can.

T: I let go now. Oh, that’s so good. So damn good.

Ich: You nailed it.

T: I so do. That’s just the right spot. Oh my!

Ich: You do fantastic.

T: I never lasted for so long, didn’t I?

Ich: You really never did. Simply amazing. Yor fingers are so good.

T: G*d. I just did it. That feels so, so good.

Der Tierarzt verschließt das Gehäuse der alten Uhr und sehr vorsichtig kippen wir die Uhr gegen die Wand. Die Uhr macht Tick-Tack-Tock. Ich strahle den Tierarzt an. Der Tierarzt strahlt zurück. Die Uhr glitzert im Sonnenschein. Die Sonne scheint durch die weit geöffneten Fenster. Vor dem Fenster stehen die Frau des Krämers und ihre Tochter. Die beiden Damen kehren so eben vom Kirchgang zurück. Die Frau des Krämers ist kalkweiß. Ihre Tochter ist krebsrot. Sie starren uns an. Der Tierarzt rollt sich die Hemdärmel wieder herunter. „Morgen die Damen Krämer, ruft er herüber, haben Sie schon die Uhren umgestellt. Der Tierarzt zwinkert ihnen zu und hebt neckisch den Zeigefinger: „Nicht, dass Sie noch zu spät kommen.“

Die Damen Krämer eilen wortlos davon. „Die wissen auch nie was Sie wollen“, sagt der Tierarzt kopfschüttelnd. Mädchen, fährt er fort, die Sonne scheint, kommst du mit zu Kälbchen?“ „Klar“, sage ich.