40 Stunden

In fast 40 Stunden Berlin kann man zweimal im See schwimmen, einmal alle Fenster putzen, dreißig Minuten Klavier üben, einen großen, gelben Plastikeimer mit roten Johannisbeeren pflücken, eine letzte Erdbeertorte backen und den endgültig durchgelaufenen Sandalen hinterhertrauern. An der Spree sitzen und erst fährt einem der Wind und dann der Tierarzt durchs Haar. In 40 Stunden funkeln die Sterne ziemlich wild und die Liebespaare küssen sich unter dem weichen, gelben Licht einer Laterne. Unter dem Lampenkegel halten die Motten ihren jährlichen Sommerball ab und mir fällt ein: in diesem Sommer habe ich noch nicht einziges Mal getanzt. Dafür ein ernsthaftes Telefongespräch geführt. Holzhärten in einer Werkstatt ausprobiert, Postkarten an Deniz und Mesale geschrieben, zur Post preschen und den Postbeamten, der 18.01 Uhr noch Briefmarken verkauft, erst umarmt und dann auf ein Eis einladen, fast vergessen die Postkarten in den Postkasten zu werfen, auf einem Bein hüpfen, mit dem Tierarzt ausprobieren, ob unsere Arme wohl weit genug reichen, um die Kastanie zu umarmen (fast treffen sich unsere Fingerspitzen) . Mit der alten Freundin Wildtaube über einer Handvoll Rosinen ( die Wildtaube ) und einer Tasse Milchkaffee ( das Fräulein Read On ) eine halbe Stunde verratschen. Eine dreiviertel Wassermelone verschlingen. Wassereis für die Nachbarskinder machen und bestaunen wie schnell sehr viel Eis in Kindermündern verschwindet und mit noch mehr Vergnügen feststellen, dass der Tierarzt an halbgeeister Wassermelone am Stiel, Gefallen findet. Wer hätte das gedacht? Adam Thorpe’s Ulverton zu Ende lesen und sich gleich darauf in Chimamanda Ngozi Adichies Americanah stürzen. Eine ganze Menge Arbeit erledigen. Endlich einmal alle Bleistifte anspitzen. Den Tierarzt in der Hängematte in den Schlaf schaukeln. Die ewig dicken Shetlandponyhaare waschen und beim Kämmen einen Kammzinken in selbigem Haar verlieren. ( Glaubt man es denn? ) Einer Freundin die Zehennägel nach der OP im Krankenhaus lackieren.( Mintgrün ). Immer noch mehr arbeiten. Den Fahrradschlüssel suchen. Endlich den Fahrradschlüssel wiederfinden. Ein Honigbrot essen. Mit Freunden auf einer Dachterrasse albern sein und dann sehr ernst. Sich ernstlich Sorgen machen und dann noch ein paar Sorgen mehr. Die ersten Tomaten ernten und Abends noch einmal die Fledermäuse zählen. Einen Knopf annähen und sehr oft gähnen. Der lieben C. ein Gartenfürsorgepaket schicken. Glenn Gould beim Klavier spielen zuhören. Auf den Gesang der Nachtigall warten. Die Nachtigall schweigt. Ein Gedicht von Hilde Domin geschenkt bekommen können. Unverhältnismäßig oft niesen, die Füße auf die Balkonbrüstung legen und den Regentropfen bei der Wanderung über die zehn Zehenberge zusehen. Den Tierarzt im Gartenstuhl im Zwiegespräch mit der Kröte belauschen. ( Ja, das macht man nicht.) Schon wieder Eis für die Nachbarskinder und dann die Zinkwanne mit Wasser füllen für das kleinste der Kinder mit Ambitionen doch einmal alle sieben Weltmeere zu bereisen. Weiterarbeiten. Weiteratmen. Fernweh bekommen und ein Päckchen aus Italien. Von einem so schrecklichen Alptraum heimgesucht werden gegen den nichts hilft, auch kein kaltes Wasser. Im Garten einen großen Blumenstrauß pflücken ganz für mich allein. Hummelgesumm bestaunen und von einem ganz anderen Leben träumen. Alte Briefumschläge in die Hand nehmen. Die Handschrift meiner Mutter. Aufhören zu atmen.
Den Tierarzt zum Bahnhof fahren. Der Tierarzt hält sein luggage holdall in der einen und ein Englisch-Deutsch Wörterbuch in der anderen Hand. Ich versuche dem Tierarzt zu erklären, dass Mädchen eines der deutschen Lieblingswörter des Tierarztes sich nicht uneingeschränkter Beliebtheit bei deutschen Frauen erfreut. Aber das lernt der Tierarzt in unter 40 Sekunden als er eine Frau beim Koffer tragen zur Hand gehen will: „Mädchen, soll ich anfassen helfen?“ „Finger weg“ herrscht die Frau ihn an und der Tierarzt hält sein Wörterbuch ein bisschen fester. Ich winke immerhin mit einem weißen Taschentuch. „Auf nächste Woche“, rufe ich ihm hinterher.
Andere Bücher und ein anderer Schlüssel. Wieder zum Flughafen. Der Flug fällt aus. Mit zusammengebissenen Zähnen und nur mühsamen unterdrückten Fluchen eine komplizierte Ersatzroute zusammengeflickt. Erst gezögert, dann doch noch einmal nach Hause gefahren. Drei Stunden später die komplizierte Rückreise begonnen und 40 Stunden später wieder in Dublin ins Büro gelaufen.

Reparaturen

Am Samstag  machte der Tierarzt eine schauderliche Entdeckung. Er hat seinen Führerschein in der tierärztlichen Arbeitshose vergessen und mit in die Waschmaschine getan. Der Führerschein des Tierarztes nämlich ist kein Plastikkärtchen, sondern ein papiernes, zerknicktes Ding aus früher Vorzeit. Der Tierarzt hat seinen Führerschein im UK gemacht und weil die Umstände so waren wie sie waren oder das Laminiergerät kaputt, so trug der Tierarzt für Jahrzehnte das dünner und dünner werdende Papier von Hose zu Hose bis es in der Waschmaschine landete und bei 60 Grad Eco Spar die letzte große Reise antrat, denn als der Tierarzt panisch nach der feuchten Hose griff, war vom Führerschein nur noch Papiergatsch übrig und der Tierarzt verzweifelt. Da der Tierarzt aber trotzdem nach Lamas mit Haarausfall und Krokodilen mit Zahnweh sehen muss, fuhr die Dame des Hauses den Tierarzt umher und der Tierarzt hatte ein grauslich schlechtes Gewissen, das er nicht haben muss, denn so oft wie der Tierarzt mich aufliest, so lange kann die Neuausstellung des Führerscheins schon nicht dauern. ( Aber es dauert wohl doch länger als gedacht, denn erst muss man die irische Führerscheinstelle zu einem kleinen Ort in Wales Kontakt aufnehmen und die Führerscheinbestätigungsbeauftragte ist im Begriff ein Kind zu bekommen.) Aber wir fahren ohnehin weg und der Tierarzt weigert sich standhaft auf dem Kontinent zu fahren. „Die Dame fährt“ sagt er und es klingt als klapperten wir nicht mit dem Oldsmobile über die Straßen, sondern führen sechsspännig in einer Kutsche durch die Lande.

Aber bevor wir noch die Insel verließen kam der Sonntag und ich küsste den Tierarzt auf die Nasenspitze und arbeite von acht bis acht im Büro und um neun war ich zurück im Dorf. Zuhaus traf ich auf einen geknickten Tierarzt und aus Solidarität eine traurige Katze und einen wimmernden Hund. „Tierarzt?“ fragte ich, was ist euch drei Hübschen geschehen?“ Der Tierarzt vergräbt den Kopf in den Händen: „Mädchen, die Waschmaschine ist hinüber.“ Ich besehe die Waschmaschine und nicke. „Tierarzt“ sage ich, „dass kommt vor.“ Die Waschmaschinenhersteller wollen auch leben. „Wir schaffen morgen eine neue Maschine an.“ Der Tierarzt sieht so aus, wie ich mir ein Krokodil mit Zahnweh vorstelle und schüttelt den Kopf: „Das ist doch nicht normal, erst der Führerschein, dann die Waschmaschine. „Tierarzt, sage ich, Dinge gehen verloren und manchmal geht eine Waschmaschine einfach kaputt, das ist nicht schön, aber und noch dazu sind wir in der famosen Lage, einfach in einen Waschmaschinenladen zu gehen und eine neue Maschine anzuschaffen.“ Der Tierarzt aber sieht mich noch immer verzweifelt an: „Aber ich bin schuld, verstehst du nicht?“ „Tierarzt“, sage ich seufzend: „Hast du mit einem Hammer auf die Waschmachine einegschlagen?“ Nein, nun dann kannst du wohl nicht schuld sein.“ Der Tierarzt aber sieht mich zweifelnd an. Dann werfe ich Bücher in das luggage holdall, die Dienstag mit nach Berlin sollen und bin ganz müde. Der Tierarzt aber steht lange am Fenster und fragt: „Soll ich auf dem Sofa schlafen?“

Am Montag Nachmittag kaufen wir eine neue Waschmaschine und zwei Stunden später kniet der Waschmaschinenmaschinenmann in der Küche und ich reiche ihm Werkzeug an, der Waschmaschinenmaschinenmann erzählt mir von seinem Drachen von Schwiegermutter, ich koche Kaffee und reiche Kuchen an, denn meine Großmutter versicherte mir nachdrücklich, dass man niemals an gutem Kaffee und Kuchen für Handwerker sparen sollte, denn dies zahle sich drei- und vierfach aus und dann nahm sie mich mit hinunter in den Hof, wo der Vorgänger des Oldsmobiles stand, zeigte mir wie man einen Reifen wechselt und ließ mich üben, bis ich es ihr nachtun konnte. Dann lächelte sie und sagte: „Kind, Du siehst, wer kann, der muss nicht.“ Ich nickte und brauchte Wochen bis ich die letzten Ölflecken los war. Am Montag aber willigte der Waschmaschinenmann bereitwillig ein die kaputte Maschine mitzunehmen und zu entsorgen und sah mich sehr erleichtert, denn die Vorstellung, dass der strichdünne Tierarzt und das zwergenhafte Fräulein die Waschmaschine in den alten Volvo hieven, war keine Schöne. Ich winkte dem Waschmaschinenmann und erst dann viel mir auf, dass der Tierarzt nirgendwo zu sehen war. Ich fand ihn schließlich im Garten. „Ich schäme mich so, sagte der Tierarzt“ und ich wusste nicht mehr was zu antworten wäre und schüttelte den Kopf. „Komm sage ich, wir müssen packen“ und strich dem Tierarzt über das Haar.

Heute morgen schließlich rief ich dem Tierarzt etwas eilig, denn ich bin ja immer eilig zu: „Tu mir die Liebe und gieß mir einen Schluck Milch in den Tee“ und der Tierarzt, der doch den Kühlschrank meidet, wie wenig sonst, nahm sich ein Herz und ich trocknete mir die Haare, während Schwesterchen mir Ankunftszeiten diktierte. Schon aber schrie der Tierarzt auf und ich schmiss Schwesterchen Küsse hinterher, band mir das Haar zum Zopf und fürchtete dem Tierarzt sei die Flasche entglitten und in seinen Füßen steckten Scherben über Scherben. Dabei flockte nur die Milch im Tee. „Tierarzt“, sage ich, meine Schuld, mir war entfallen, dass die Milch schon weit über die Zeit über ist.“ Der Tierarzt aber geht schweigend aus der Küche und ich trauere kurz um den sorgfältig gehüteten Kefir, den der Tierarzt mit der Milch verwechselt hatte. Dann denke ich an viele andere Sachen, die es zu bedenken gilt, schließt man die Haustür für ein paar Tage hinter sich zu. Dann fahren wir zum Flughafen, also ich fahre den klapperigen Volvo und der Tierarzt sieht mich an: „Was willst Du eigentlich mit jemanden wie mir.“ Mir wird das Herz schwer und mit steinschwerem Herzen verfahre ich mich immer, dabei haben wir gar keine Zeit uns zu verfahren. Mit hängender Zunge erreichen wir das Flugzeug und über dem Meer schläft der Tierarzt ein. Ich starre auf das Buch in meinen Händen, aber lesen kann ich nicht und ich ziehe seine Hand zu meinen Rippen. Manchmal denke ich, geht eine Waschmaschine kaputt und man lernt wenig über Ventile und mehr über die Ehe, die da vor einen war, als durch all die Fragen und das was man lernt, will man nicht wissen, denn das wenn Schuldige gesucht werden, Schuldige gefunden werden, das wusste ich schon und niemals hat dies eine Sache, eine Ehe oder ein Leben zum Besseren gewendet. Die Hände des Tierarztes aber sind kälter als sonst.

Die schlimmste Zeit des Jahres.

Bekanntlich lebt das Fräulein Read On ja ein betulich-beschauliches Leben, und noch dazu ein beschaulich-betuchliches, ökologisch und kompostierbares Leben dazu. Wie der geneigte Leser längst weiß, bekommt das Fräulein eine Biokiste frei haus geliefert und was nicht in der Biokiste ist, holt das Fräulein bei Herrn Yilmaz ( der im Moment Rücken hat ) auf dem Wochenmarkt ein. Was sie nicht auf dem Wochenmarkt einholt, das wächst im Garten und wie jedes Jahr seufzt das Fräulein über die ungeheure Menge an Fisolen, die Eimer an Johannisbeeren und Schüsseln voll Himbeeren. So lebt das Fräulein so vor sich hin.

Nur selten und höchst widerwillig sucht selbiges Fräulein einen Supermarkt auf, tut sie es doch, so verläuft sich das Fräulein und stellt verwundert fest, dass es tatsächlich Menschen gibt, die vorgeschälte Kartoffeln aus dem Glas kaufen und gehobelte Gurken aus der Plastikbox. Das betuchlich-beschauliche Fräulein aber brauchte Filtertüten, denn selbiges Fräulein besitzt als letzter Mensch auf Erden keine: RUCK-ZUCK-HAU DRUFF-KAPSEL-REIN- MOCCACHINO-RAUS-MASCHINE, sondern eine kleine röhrend, fauchende und spuckende Maschine, die sie von ihrer Großmutter übernahm und die der Kaffeeboy heißt. Das Fräulein lässt sich nichts kommen auf diesen vortrefflichen Hausboy. Wie so oft schweift es aber ab, denn es wollte eigentlich erzählen, dass es vor dem meterlangen Regal mit Kaffeekapseln stand, in dem sich laut Angabe der Verkäuferin auch die Filtertüten versteckt hielten befanden. Neben dem Fräulein standen zwei Damen und ratschten.

Dame A: Ach, Tilli, es ist wieder soweit. Die schlimmste Zeit des Jahres ist angebrochen.

Dame: B: Ach, Lilli, Du sagst es. Das sagt einem ja keiner, weder im Kindergarten noch in der Sprechstunde der Schule, noch im Elternbeirat. Da lächeln immer nur alle und zucken mit den Schultern: „Hauptsache Spaß macht die Schule.“
Dabei ist es das Schlimmste. Schlimmer noch als die schlaflosen Nächte wenn Sie zahnen. Viel Schlimmer. Gar kein Vergleich. Die Zeit der großen Qualen.

Dame A: Die Zeit der größten Kümmernisse.

Dame B: Die Zeit der Sorgen.

Dame A ( fasst sich in das Haar): Die Zeit der ewigen Pein.

Dame B: ( Hände hoch erhoben ) : Fegefeuer!

Dame A: Die Hölle.

Dame B: Am 20. Juli erst haben wir Gewissheit.

Dame A: Eine Ewigkeit.
 
Dame B: Weißt Tilli man reflektiert halt auch noch einmal alles. Haben wir wirkliches alles gegeben beim Referat über die Delfine. Hätt da nicht doch noch ein Video mit dem Delfinguru aus Teneriffa was reißen können?

Dame A: Die Biologielehrerin ist aber auch eine Schnake.

Dame B: Ja, Sowieso.

Dame A: Mir geht es ja ähnlich. Weißt den anderen Tag habe ich mich ertappt, wie ich einen Fehler in der Hausaufgabe übersehen hab. Aufgefahrn bin ich mitten in der Nacht und zu Burlis Ranzen gerannt und hab die Hefte gesucht. Richtig Herzrasen hatte ich. Dann hab Ich die verteufelte Gleichung noch einmal neu gemacht und weil ich eh dabei war, die Matheprobe noch einmal neu ins Heft übertragen. Weißt der Burli schmiert immer so in seinen Heften. Dabei sag ich ihm schon seit er ein Taferlklasserl war: „Für den ersten Eindruck, gibt es keine zweite Chance.“ Aber weißt ja wie die Buben sind, sie hören halt net und schmieren die Hefte voll. Dabei kann des entscheidend sein für einen Zweier oder Dreier ob die Probe anständig daherkommt.

Dame B: Der Matheprofessor ist sowieso ein ganz arger Hund. In der Sprechstund hat der mich angefahren wie weiß was. Dabei hab ich ihm nur gesagt, dass wir die Aufgabe einfach nicht verstanden haben. Da muss es halt an seinen Erklärungen hapern. Da hat der doch gesagt, dass er sich wundert, was mich die Matheprobe vom Burli angeht. Na wir kümmern uns halt, hab ich dem gesagt. Da darf man net einknicken.Aber Lehrer null kritikfähig, dabei selbst immer den Rotstift in der Hand. Des deprimiert die Kinder ja auch.

Dame B: So recht hast Du. Keinen Zentimeter darf man weichen, weißt wenn man es erst nachgibt, dann kommt der Burli überhaupt nimmer mehr auf einen grünen Zweig. Das hab ich der Turnfrau nie verzeihen, dass sie dem Mädi einen Vierer reingedrückt hat. Stundenlang haben wir im Garten hangeln geübt.
Weißt sie kann halt unter Stress nicht gleich auf Anhieb performen. Da bin ich zur der Turnfrau hingekrochen. Auf allen Vieren! Gefleht habe ich, auf Knien um sie vor dem Vierer zu bewahren. Aber nein, natürlich drückt sie uns einen Vierer rein. Aber des wird dieses Jahr net passieren. Der Matthias hat am Anfang des Schuljahres Bälle und eine neue Tischtennisplatte gestiftet. Kann er ja alles absetzen von der Steuer. Das gibt mindestens einen Zweier.

Dame A: schaut neidisch und grimmig.

Dame A: Mir graut schon vor dem nächsten Schuljahr, sag ich dir.
Da bekommt der Burli Chemie und Physik obendrauf. Da muss ich mich erst einmal einlesen über den Sommer. Man ist ja doch raus. Ich hab mir einen ganzen Stapel Bücher angelegt.

Dame B: Du, Lilli, da gibst was ganz Fesches mit Video, da verstehst Dinge, die hast nie begriffen, nicht einmal wie wir in der Schule waren, hab Ich des verstanden und jetzt mit die Videos, weißt alles ist ja im Internet heutzutage, da machen die des Schritt für Schritt und du hast richtig eine Erleuchtung, eine richtige Erleuchtung haste da. Alles ganz easy und Schritt für Schritt. Easy, sag ich dir. Ich text dir die Seite, da kannst Dir ein Paket zusammen stellen. Englisch und Physik und überhaupt alles. Ganz easy, sag ich dir.

Dame A: Ach, Tilli, wenn du mir das schicken tätst. Du glaubst net, wie ich mich fürchte vor der Physik.

Dame B: Weißt mit der Englisch-Note mache ich mir halt auch Gedanken. Das ist ja auch eine so Großkopferte, die dem Burli immer sein ‚th’ madig macht. Dabei sagt der Burli, dass er halt nur Amerikanisches Englisch kann, wegen des Rap, weißt. Er hört ja den ganzen Tag nix anderes wie den Rap. Ganz nervös macht mich der Rap, aber weißt, ich denk schon, dass der Rap gut ist für den Spracherwerb. Die Englisch- Großkopferte hat in der Sprechstunde jedenfalls nur gelacht, als ich ihr das erklärt hab mit dem Burli, dem Rap und dem th. Hat die nur gelacht. Man fasst das nicht. Jedenfalls haben wir geübt wie die Blöden und des Nachts ertapp ich mich, wie ich englische Vokabeln vor mir her sag. Hoffentlich haben wir in Englisch mindestens einen Dreier.

Dame A: Ach, es ist grässlich. Das Warten. Der Burli erzählt ja auch nix. Keinen blassen Schimmer hab ich was wir für ein Zeugnis kriegen.

Dame B: Ach, es ist die schlimmste Zeit. Das Mädi heult schon,wenn das Wort nur Zeugnis nur fällt. Der Bub sagt auch nix, weißt ja eh wie die Buben sind.

Dame A: Hoffentlich setzt es keinen Fünfer.

Dame B: Hoffentlich setzt es nur einen Fünfer.

( Beide Damen seufzen schwer.)

 

Das Fräulein Read On aber entfernt sich eilig, denn es ist wohl ungehörig als beschaulich-betuchliches, ökologisches Fräulein ohne Kinder den Zeugnissorgen der Wir-Mütter noch länger zu lauschen und außerdem hat das Fräulein endlich die Filtertüten erspäht.

Die Säuberung der neuen Augiasställe.

Im Sommer verlassen viele Gastwissenschaftler und Wissenschaftler, die ihr Buch fertig geschrieben haben, oder sich in eine Frau aus Connemara verlieben oder die genug von ewigen Fußnoten oder fünfstäbigen Jamben haben unser Institut.

Bevor sie aber auf zu neuen Ufern reisen, werfen sie ihren Büro- oder Schreibtisch-cum-Spindschlüssel in ein kleines Weidenkörbchen und schon sind sie verschwunden. Ich lange nach dem schwarzen Klemmbrett und mache ein Häkchen hinter Namen und Büro-Schrägstrich- Schreibtischnummer und eines schönen Tages kommt die beste Chefin dieser und wie ich vermute auch aller anderen Welten in mein Büro und murmelt mit Grabesstimme: „Read On, es ist wieder soweit.“ Ich seufze tief und nicke ihr zu.

Dann kaufe ich sehr viele, schwarze Müllsäcke und telefoniere mit der Firma „Rümpel&Krümpel Ltd. „Ach Du bist es Fräulein Read On“ sagt der Chef von Rümpel& Krümpel Ltd. mit dem ich einmal zum Essen aus war, wo er mir lebhaft und sehr detailreich von den Spezifika der Ratten- und Schadenbekämpfung berichtete und noch dazu Fotos von verdreckten Wohnungen, die er grundentkernt hatte, auf seinem Telefon zeigte. Ich war beeindruckt, aber nicht mehr hungrig. „Es ist also wieder einmal so weit“, sagt der Chef von Rümpel&Krümpel also und verspricht die Lieferung eines Containers so schnell als möglich. Gestern dann stand der Container vor dem Gebäude. Ich seufzte noch einmal tief, zog Handschuhe an und den Mundschutz auf, nahm das Weidenkörbchen mit den vielen Schlüsseln, schnappe mir ein scharfes Messer, greife nach den schwarzen Müllsäcken und und beginne mich von Büro zu Büro vorzuarbeiten, denn bevor die Zugehfrauen die Teppiche shampoonieren, die Fenster putzen und die Schreibtische mit Möbelpolitur wienern, müssen die Büros wie Schreibtische geleert werden und wenn sie bis hierhin dachten, die Wissenschaftler hätten die Schreibtische und Büros ‚besenrein’ hinterlassen, so irren sie und zwar sehr: ich greife als nach dem ersten Schlüssel, atme noch einmal tief ein, denke an meine Großmutter mit dem immer durchgedrückten Rücken und beginne die Säuberung der Augiaställe: in den kommenden Stunden picke ich verschimmelte Kaffeefilter aus den Büropflanzen, ich hole vergorene Apfelhälften und vermoderte Orangen aus Schreibtischschubladen, ich leere überquellende Aschebecher in einen extra dafür bereitgehaltenen, schwarzen Müllsack. Ich öffne eine Schrankschublade, die voller leerer Erdnussschalen ist und im Schrank daneben entsorge ich vollgeschneuzte Tempotaschentücher. Ich verfange mich in mehreren Metern aus einem Karton herausspringender Angelschnur und als ich den Karton anhebe, gibt der Boden nach: mehrere verschimmelte Käse haben den Pappboden aufgeweicht. Der Geruch ist infernalisch und ich überlege kurz den Karton auf der Stelle anzuzünden. Ich finde: Versicherungskarten, eine Heiratsurkunde ( Las Vegas ), einen schwarz verkrusteten Topf aus dem ein Gastwissenschaftler offensichtlich hingebungsvoll gespeist hat, ohne selben jedoch zu reinigen. Ich finde Münzsammlungen naher und ferner Länder, ich finde Berge von Coupons, geschnittene Nägel sorgfältig in Zeitungspapier eingewickelt, ich finde Fotos auf denen Männer wie Frauen weggeschnitten worden und ich finde Socken. Es sind immer, aber wirklich immer Männersocken. Ich werfe die Socken immer sofort weg. Ich finde Steuererklärungen und Führerscheine, ich stopfe derart Papiere in große, braune Papierumschläge, denn manchmal melden sich Gastwissenschaftler nach Jahren wieder und sind voller Empörung, dass ihnen nicht zentnerschwere Kartons nachgesandt worden sind oder ich nicht in der Lage bin aus den vielen, braunen Umschlägen, die ich nummeriert im Keller vorhalte, sofort einen abgerissenen Zettel mit allen, wichtigen Passwörtern herauszufischen. Der Müllcontainer unten im Hof füllt sich derweil mit versifften Tassen, Tellern, Wasserkochern von denen man sofort einen Stromschlag bekommt, einem zerbrochenen Wäscheständer, einer kaputten Angelausrüstung, acht schrottreifen Fahrrädern, einer vergilbten Matratze, einem Ledersessel mit Loch, kaputten Leitz-Ordnern, einer Schublade, in der die verschimmelten Äpfel sich durch das Holz gefräst haben, Pappaufstellern diverser Kinofiguren, Gummistiefeln ohne Sohle, einer Dose mit rostigen Nägeln, einem roten Gummischwein in Lebensgröße und Säcken voller Getränkedosen. Dann sortiere ich zurückgelassene Kleidungsstücke: löchrige Schalfanzughosen, mottenzerfressene Wintermäntel, achtfach geflickte Hosen, Unterwäsche in allen erdenklichen Stadien, befleckte und von Schweiß zersetzte T-shirts fliegen erst in Säcke und dann in den Container der Firma Rümpel& Krümpel. Alle anderen und noch gebräuchlichen Kleidungsstücke kommen in die Reinigung und dann in eine Kleiderkammer. Zehn Müllsäcke voller Lumpen werfe ich aus dem Fenster in den Container und an vier Müllsäcke tackere ich: „Reinigung“. Auch hier erinnern sich oft viele Monate später längst entschwundene Männer wie Frauen, dass ihr Lieblingsbademantel ( der mit den vielen, aparten Brandlöchern im Ärmel noch irgendwo sei müsse oder die Schlumpfhose mit den Koala-Bären so sehr vermisst sei, dass es ohne nicht einen Tag länger ginge. Ich huste in solchen Fällen nur missmutig ins Telefon und erinnere mich erschauernd, dass in den Taschen des Bademantels Zigarettenkippen schwammen.

Schon geht es weiter: ich schleppe Berge vergilbter Zeitungen, Zeitschriften und Werbeprospekte in die Papiertonne, ich fülle Kartons mit Katalogen und entsorge weiter: Rasierschaum, Zahnbürsten, fast leere, aufgeschnittene Zahnpastatuben, gebrauchte Zahnseide, vor Haaren strotzende Bürsten wie benutzte Tampons wie benutzte Q-Tips und dreckstarrende Waschlappen. Ich kippen einen Bürotrolley voller gehorteter Namensschildchen in den Container und den Trolley gleich hinterher, denn in der untersten Lade war eine Flasche Pflaumenwein ausgelaufen. In einem Schrank glaube ich eine Schüssel Froschlaich zu entdecken, bei näherer Betrachtung stellt sich heraus, dass es verquaster Chia-Samen ist. Dafür, dass Chia nach nichts schmeckt, riecht vergammeltes Chia, so widerwärtig, dass ich für einen Moment meinen Namen vergesse. Ich entferne vertrocknete Blumen und zerbrochene Bleistifte, minenlose Kulischreiber und Stapel um Stapel von bekritzelten Notizen. Sollte auf einem Zettel die Weltformel stehen: ich bin schuld, wenn die Welt davon niemals Kenntnis erhält, denn ich weigere mich auf die kaffeeumrandeten Zettel auch nur einen Blick zu werfen. Ich befördere drei kaputte Rollkoffer in den Container, auch sie sind voller Dinge, aber ich will nicht wissen, was sich in ihnen verbirgt. Ein Koffer birst ungeachtet meiner Wünsche und eine Flut von dünnen Drahtbügeln, die man in der Reinigung bekommt, ergießt sich über meine Füße. Ich schaufle die Drahtbügel in einen neuen, schwarzen Müllsack, der Müllsack reißt auf der Treppe und die Bügel scheppern drei Stockwerke nach unten. Ich fluchte wie der Kutscher vier.Mit dem scharfen Messer kratze ich Kaugummireste von Tischplatten.

Nach acht Stunden ist der Container bis zum Bersten gefüllt und ich gebe dem Chef von Rümpel&Krümpel Ltd. Bescheid. Dann gehe ich ein letztes Mal durch die entkernten Augiaställe und sprühe auf alles Mengen von Desinfektionsmittel und atme langsam aus. Zurück in meinem Büro schließ ich die Tür und lege mich auf den Fußboden. Die Zimmerpalme fächelt mir milde Luft zu und schließlich kommt der Tierarzt nach einem langem Tag im Zoo vorbei mich einzusammeln.

„Mädchen“, sagt der Tierarzt, bist du in Ordnung?.

Ich ächze Undeutliches, denn ich bin beim besten Willen nicht mehr in der Lage, ein einziges Wort zu stammeln und schnaufe wie ein tödlich verwundeter Tiger.

„Mädchen, sagt der Tierarzt, ich glaube Du brauchst ein Eis.“

„Tierarzt, flüstere ich, diese Leute, die haben doch alle studiert.“ Vor dem Fenster fährt der Chef von Rümpel&Krümpel Ltd. den übervollen Container ab.

Lange schweigt der Tierarzt.

„Ein Eis mit Streuseln und heißen Kirschen“, sagt der Tierarzt schließlich, als der Container langsam den Hof verlässt.

Fast,aber wirklich nur fast.

Fast wäre ich morgens in der Früh, das Dorf wie das Meer schliefen noch fest über die ausgestreckten Füßen eines schnarchenden Baumes gestürzt und nur der halbwache Ginsterbusch, der sich in meinem Kleid verfing, bewahrte mich vor dem Absturz am steilen Hang. Fast nur wäre mir das Paar Flip-Flop mit den bunten Blüten davon geweht, als ich aus dem Wasser tappte, zum Glück hielt der Stein die Schuhe fester, als der Wind mit seinen kalten Fingern an ihnen riss. Fast nur ist mir der Bademantel-Gürtel ins Wasser gefallen, um sogleich unauffindbar zu versinken und gerade noch im allerletzten Augenblick bekam ich ihn zu packen. Fast nur fuhr mich ein Tourist auf seinem Skateboard um, das ein grauer Windhund kläffend zog, denn so ein Fräulein weiß wann es besser schnell zur Seite springt. Fast nur wäre ich dabei ins Rosenbeet der Frau des Krämers gekugelt. Aber ein Fräulein weiß natürlich, dass ein gestauchter Rücken nichts ist, gegen den Zorn der Frau des Krämers, fällt man in ihr Allerheiligstes. Fast hätte ich einen so teuflischen Fluch gegen den Skateboard-Fahrer und seine abstoßende Töle ausgestoßen, bis ich mich erinnerte, dass meine Großmutter mit durchgedrücktem Rücken doch Contenance empfahl. Zurück Zuhaus, fiel mir die Schüssel mit dem Zimtschneckenteig nur fast aus der Hand, denn der hauseigene Hund mit dem Verstand einer sehr jungen Amöbe, schnappte nach dem tropfnassen Bademantelgürtel und wollte Ball spielen. „Frag doch den Tierarzt“ blaffte ich, während die Schüssel klappernd auf dem Küchentisch wie ein Derwisch tanzte um auf den Millimeter genau an der Tischkante zum Stehen zu kommen. Nur um ein Haarbreit, also wirklich nur fast, fast, fast kann ich mich so sehr beherrschen, den Tierarzt nicht mit meinen meerkalten Händen unter die Rippen zu fahren, um ihn zu wecken. Nur fast ersticke ich nicht an einem Stück Zimtschnecke, weil die unverschämte Katze, mein linkes Knie als Absprungsrampe verwendet um auf den Schoss des Tierarztes zu springen. Ich beschließe Lachs für die Katze vom Speiseplan zu streichen und nur fast beruhigt mich die Hand des Tierarztes auf meinem Knie. Nur fast hat Kälbchen später meinen Zeigefinger mit einer Mohrrübe verwechselt und so muss ich nicht über die Jahrmärkte tingeln: „Sehen Sie hier das Fräulein, welches ihren Zeigefinger an ein Kälbchen in den Flegeljahren verlor.“
Fast wäre mir das Rosmarinhühnchen im Ofen zu einem Stück Holzkohle verbrannt, weil ich fast vergessen hätte, dass ich den Ofen schon eingeschaltet hatte. Fast hätte es keinen grünen Salat zum Huhn gegeben , denn beinahe war mir entfallen, dass ich den Salat nicht im Eisschrank, sondern im Speisekämmerchen zwischengelagert hatte und jaulend vor Verzweiflung selbst im Bettkasten nachsah. ( Weiß man es denn?) Fast hätte ich endlich einmal wieder gegen den Priester im Schach gewonnen, da hat der Priester auf einmal einen Springer auf D4. Fast hätte ich ein Mittagsschläfchen gehalten, hätte nicht das Telefon nicht geklingelt. ( Glauben sie mir, ich werde der Nörgelrentner sein, der einen Besenstiel neben dem Sessel stehen hat) und Zettel mit „Bitte um Einhaltung der Mittagsruhe“ in die Briefkästen der Nachbarn verteilt. Fast wäre ich beim Versuch nach dem Telefon zu angeln vom alten, grünen Sofa gekracht und nur weil der Tierarzt mit vereinten Kräften meine Füße hielt, blieb dieses Schrecknis aus. Fast hätte ich in den Hörer geknurrt und dann erinnerte ich mich doch, wenn auch seufzend: Ich kann Schwesterchen einfach nicht Gram sein, auch wenn ich mich wirklich sehr bemühe. Fast wäre ich wieder eingeschlafen, aber natürlich nähert sich ein Hundeschnauze und will etwas von der Welt sehen. Fast hätte der Hund seine rechte Pfote in das Meer getaucht, aber wirklich nur fast, denn der Hund verachtet die Nässe, wie die Katze mich. Fast hätte der Tierarzt einen Stein an den Kopf gedeppert bekommen, denn der Strand ist voller Touristen und die naturwissenschaftlich interessierten Touristenkinder werfen mit Steinen nach dem Meer, aber das Meer hält sich natürlich nicht den Kopf wie der Tierarzt und ruft: Eeeek.
Geschlagen verlassen wir den Strand und wandern zurück ins Dorf. Nur fast fallen wir der Frau des Krämers in die Hände, aber ein Tourist kommt uns zuvor und will ein Foto mir ihr als originaler Eingeborener vor ihrem Laden machen. Von ihrer Schimpftirade bluten nicht nur dem Touristen mit seiner Profikamera, mit der man sicher auch den Mond fotografieren kann, sondern auch uns fast die Ohren und kichernd rennen wir zurück nach Haus, denn die schwarzen Wolken lassen nur einen Schluss zu: Wer noch nicht nass ist, wird es gleich sein. Fast trocken erreichen wir Hof und Tür. Fast wäre dann das Bücherregal im Flur ins Wanken geraten, weil der Hund glaubte er müsste es der Katze gleichtun und das Regalbrett erklimmen, aber nur fast, denn der Tierarzt führte mit dem Hund ein unter vier Augen Gespräch und der Hund hatte hernach fast eine verständige Miene. Fast aber nur fast wären der Tierarzt und ich dann aufs Sofa gefallen, aber nur fast, denn dort lag ausgestreckt schon die Katze und las ernsthaft und vertieft die Sonntagszeitung.

Woanders ist es auch schön.

Frau Brüllen erzählt von ihrer Suche nach der perfekten Radtransporttasche und dann ist da noch die Sache mit dem mit  dem Melkfett. Was für ein grandioser, wunderschöner Text.

Bekanntlich komme ich aus einer Familie von überzeugten Heißessern und meine Großmutter sah Gäste äußerst streng an pusteten sie Essen kalt und murmelte finster etwas von „Verderben die gute Hühnersuppe und am Ende sich selbst.“ Aber auch Menschen, die Suppen nicht kochend heiß schlürfen haben es nicht leicht. Denn auch die richtige Suppenkühlungstaktik ist nicht unumstritten.

Claudine kauft eine Decke mit Elefanten an einem italienischen Strand und dann ist da auch die Scham ganz plötzlich und unverhofft.

Es überrascht nicht, aber ich habe keine Ahnung von Fußball, mir könnte Fußball egaler nicht sein, ich kenne keine einzige Mannschaft und habe noch nie ein Spiel gesehen und ob eine Mannschaft nun 11, 12 oder 14 Spieler hat, fragen Sie mich nicht. Aber Katrin Scheibs Versuche in Sotschi eine Karte für das Spiel Deutschland-Kamerun zu kaufen, habe ich sehr gern gelesen.

Herr Buddenbohm liest Uwe Johnson und macht sich dabei Gedanken. Das ist immer gut und gut zu lesen ist es auch. Überhaupt Uwe Johnson, ich habe mich in Gesine Cresspahl einmal sehr verliebt.

Ich finde das ein so großartiges Projekt und nicht nur weil Sommer ist, finde ich, dass sich eine Reise nach Maulle au Mer nur lohnen kann.

Tierarzt, wir brauchen nur Musik! „Sofort Mädchen, sofort Mädchen“, ruft der Tierarzt und eilt zum Plattenspieler. Aislinn Logan singt und spielt Gitarre und alle Schafe wippen im Takt. There you go.

 

 

Eine Banane

Immer am Montag kaufe ich bei der Frau des Krämers eine große Staude Bananen. Der Tierarzt nämlich hat sich überzeugen lassen, dass Bircher-Müsli mit zergatschter Banane eine feine Sache ist und wie Sie alle wissen: beim Tierarzt zählt jede Kalorie. Der Tierarzt löffelt also bananenversetztes Birchermüsli und ich werfe morgens eine Banane zum Apfel in die Tasche. Diese Woche sind die Bananen besonders gelb und saftig und weder grassgrün noch bräunlich angedellt. Wenn Sie so wollen: Bilderbuchbananen.

Heute Mittag ging ich mit der D. essen. Wir löffelten eine ziemlich bescheiden schmeckende Tomatensuppe und führten so Kollegengespräche:

Hast Du schon gehört?

Also wirklich ausgerechnet die G.

Ach, wenn das doch nur vom Tisch wäre.

Dann zog ich meine Banane aus der Manteltasche. „Magst Du die Hälfte als Nachtisch haben, D?“ Die D. aber sah mich an als hätte ich ihr eine Lösegelderpressung vorgeschlagen. „Bananen“ sagt die D. mit vor Empörung zitternder Stimme „würde sie seit schon Jahren nicht mehr essen.“ Bananen stopften und seien überhaupt wahre Kalorienbomben, ein Stück Torte sei ja nichts im Vergleich mit einer Banane, die den Stoffwechsel hemme und einem die Kalorienbilanz in dergestalte Höhen triebe, dass man sich davon nie wieder erhole.“ Ich starre die D. an und wie so oft denke ich an Indien. In Indien sind Bananen sehr billig ein Kilo Bananen kostet etwa 45 Rupien, was in etwa 60 Cent entspricht. Bananen sind billig und machen satt und so ist eine der Standardfragen in der kleinen Slumklinik: Tumne khane me kya khaya aaj? Was haben Sie heute gegessen und nahezu immer antworten diejenigen vor uns auf dem Stuhl: Ek banana. Eine Banane.

Das meint immer: eine Banane für den ganzen Tag. Ob sie als Bauarbeiter, oder Näherin arbeiten oder am Straßenrad bügeln, Schuhe reparieren, den Müll nach Brauchbarem sortieren, Straßen bauen, Schächte ausheben, oder die Kloake reinigen, die Menschen, Rikscha fahren und die im Slum leben, haben meistens Berufe die mit schwerer körperlicher Arbeit verbunden sind, und in ihrem Budget ist Platz für eine Banane. Das ist alles. Das was an Budget übrig ist, wird immer in Nahrung für die Kinder investiert oder in sauberes Wasser, das es im Slum nicht gibt. Unter- und Mangelernährung ist neben Erkrankungen durch verseuchtes Wasser die größte Herausforderung und eine Haupttodesursache.

Eines Tages kam ein junges Mädchen in die Sprechstunde. 14 Jahre, schwanger und dünn wie ein Strich, ihr Mann ebenso dünn und 16 Jahre alt. Sie konnte vor Krämpfen kaum noch stehen: Tumne khane me kya khaya aaj? Was haben Sie heute gegessen? Ek banana. Wie sich herausstellte hatte sie in der gesamten Schwangerschaft niemals mehr und nichts anderes als zwei Bananen am Tag gegessen. Ihr Mann hingegen nur eine Banane. Die zweite Banane war für Frau und Kind. Der Mann sammelte Nägel und Schrauben aus den Brackwassern des Slums,unter den Ärmsten der Armen ist die Rangordnung ja ebenso diffizil wie unter der Superreichen und selbst im Slum in dem der Durchschnittsverdienst bei einem Dollar liegt, zählte jener Mann zu denen, die an guten Tagen vielleicht 50 Cent verdienen.
In Europa sind die Überlebenschancen für Frühgeburten ab der 23. Woche gut, aber der 28. Woche sehr  gut und in Indien in einem Slum in beiden Fällen aber extrem schlecht. Das gilt auch für unsere Klinik, denn Frühgeburten verlangen einen Ressourcenaufwand den wir nicht leisten können und den wir intensivmedizinisch nicht tragen können. Die meisten Frühgeburten also sterben in den Armen ihrer Eltern. Das ist Indien.

Die extreme Mangelernährung der Frau hatte zu einer Plazentainsuffizienz geführt und wir holten das Kind. 28. Woche. Ein Kind so groß wie eine Banane ein winzige Hand zur Faust geballt, ein entschlossenes Gesicht und der Vater stand vor seinem Kind und weinte vor Liebe und Angst um das Kind. Ja, auch in Indien lieben Eltern ihre Kinder mit der gleichen Entschlossenheit und Unbedingtheit wie in Radebeul oder Bonn.
Damals aber hatten wir gerade ein gebrauchtes Röntgengerät angeschafft und hatten kein Geld. Nichts. Der S. sah auf das winzige Wesen und sagte: „Das ist eine Kämpferin.“ Ich rief die C. an und bat zum ersten Mal in meinem Leben jemanden um Geld. „Ja“, sagte die C. und wir fuhren mit dem winzigen Wesen in eine teure Klinik. 4.000 Euro legte ich auf den Tisch und der Arzt lächelte ein bisschen amüsiert über diesen Notgroschen.

Zum ersten Mal bettelten der S. und ich. Hemmungslos. Klagend, Weinend und der S. „Wir als Kollegen…“ und dann nahm der Arzt das Mädchen und seine Mutter auf. Der Vater schlief im Blumenbeet vor der Klinik. Das Mädchen nannten sie Amita: Kennt keine Grenzen. Jeden Tag kamen wir in die Klinik und Amita ballte ihre winzig, kleine Faust, jeden Tag ein bisschen entschlossener. Amita hielt durch und Frau Rajasthani kochte für Amitas Mutter und ihren Mann, kochte mit der gleichen Besessenheit mit der wir den Arzt überzeugten dieses eine Mädchen auf der Welt zu halten. Und Amita blieb auf der Welt.

Als Amita zurück nach Hause kam, war sie etwa so groß wie normal entwickelte Kinder in der 28. Woche und der ganze Slum hielt Amita am Leben. Damals obwohl wir doch gerade das Röntgengerät angeschafft hatten und ich nun einen Batzen Schulden bei meiner lieben C. hatte, beschlossen wir, dass sich etwas ändern müsste und seitdem liegen in der Schublade des Klinikschreibtisches, kleine gefaltete, braune Papiertüten mit Geld für eine richtige Mahlzeit. Und wenn die Patienten auf die Frage: Tumne khane me kya khaya aaj?, mit: Ek Banana antworten, dann gibt es eine Mahlzeit auf Rezept. Eine Banane macht nicht satt. Vor zwei Jahren hatten wir endlich genug Geld um für alle Kinder und werdende Mütter zweimal in der Woche ein Frühstück zu organisieren: Milch, Bananen und Samosas an jedem Mittwoch und Sonntag. Jede Kalorie zählt und der Hunger ist ein großer, ein hartnäckiger, ein verbissener Gegner, und die Kinder haben vor der 40. Woche eigentlich keine Chance. Und auch in der 40. Woche ist die Chance noch immer ein Vielfaches geringer als in Europa. Noch immer ist der Geburtstag der indischen Kinder im Slum oft auch ihr Todestag. So ist das in Indien und deswegen sind wir ja auch dort.

Zwei Jahre später Amita rannte vergnügt und jagte Straßenhunde hatte ich 4000 Euro gespart und lud meine liebe C. zum Essen ein. „Danke“, sagte ich und dachte an den Abend an dem Amita auf die Welt kam. Die C. nahm das Geld und zwei Tage später hatte ich 4,000 Euro auf dem Konto: Betreff: Alles Banane.

In der Praxis meiner lieben C. hängt ein Bild von Amita und mir: Sie verschlingt ihre Frühstücksbanane und erklärt mir sie sei ein Tiger, aber einer der nur Bananen möge und ich sage: „Ich weiß, Mäuschen, ich weiß“ und sehe ihre kleine entschlossene Faust wie damals als sie auf die Welt kam und immer wenn ich vor dem Bild stehe und sentimental schniefe, kommt die liebe C. küsst mich auf die Nasenspitze und lacht: „So ist das wenn man Kinder hat.“

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Die D. steht noch immer neben mir und erklärt mir warum die Banane die Abnehmsünde sei. Aber ich drehe mich um und sage: „Ich will das wirklich nicht mehr hören.“ Dann drehe ich mich um und esse die wirklich sehr gute Banane, nicht zu grün und auch noch nicht braun angedellt. Eine Banane. Ek banana.

02. Juli 2017: Ich bin sehr gerührt und sehr dankbar für all Ihren Zuspruch und Ihre überwältigende Hilfsbereitschaft! Nun ist es mit Spenden eine gar nicht so einfach Sache, sondern eine rechtliche und auch strukturelle Herausforderung. Ich werde überlegen, ob und wie und welche Möglichkeiten es gibt und melde mich dann hier an alter Stelle. Aber ich bin unendlich dankbar vor allem dafür, dass Sie Anteil nehmen. Es gibt Dinge, die sind in Geld und Gold niemals aufzuwiegen. Danke. Von Herzen. Immer Ihr Fräulein Read On.