Vom Suchen und Finden

Manche Tage so glaubt man können gar nicht mehr schlimmer werden und während man so vom Bahnhof zurück ins Oberland mehr schwankt als geht, murmelt man vor sich hin: „Immerhin kann es heute nicht mehr schlimmer kommen“ und dann kickt man wie ich einen Stein vor sich hin und stößt sich den Zeh und lässt es lieber bleiben.

Aber als ich mit der Nasenspitze schon fast gegen den Kirchturm St Sylvester stoße, läuft mir der Tierarzt in offenen Hemdsärmeln entgegen. Der Tierarzt ist aufgelöst. Der Tierarzt ruft: „Der Hund ist verschwunden.“ Ich sage: „Hast Du gerade gesagt der Hund ist verschwunden?“ Man muss nämlich wissen, dass der tierärztliche Hund sehr alt ist. Der Hund hat eine graue Nasenspitze, graue Ohren und graue Pfoten. Am liebsten liegt der Hund auf dem Teppich vor dem Fenster mit Meerblick und ruht. Man muss dazu aber auch wissen, dass der tierärztliche Hund zwar wie alle tierärztlichen Tiere sehr eigensinnig, aber auch sehr gefräßig ist. Klappert man mit einer Schüssel, in der sich beispielsweise Weintrauben befinden, hat man sieben Sekunden später eine Hundeschnauze im Knie und siebzehn Sekunden später ist man in der Tat davon überzeugt, dass der tierärztliche Hund wirklich kurz vor dem Hungertod steht, bekommt er nicht sofort etwas zu fressen angereicht. Man muss weiter wissen, dass der tierärztliche Hund anders als alle anderen Tiere des Haushaltes, sehr viel Gefallen daran findet sich wie ein Mehlsack auf jedes Paar Füße in Reichweite fallen zu lassen, um dann sehr lange und ausgiebig gestreichelt zu werden. Ansonsten gibt es über den tierärztlichen Hund zu sagen, dass er eine Vorliebe für alle Form von Schlappen hat, die er mit Hingabe und großem Enthusiasmus zerkaut. Man kann also sagen für einen so seltsamen Haushalt wie den unsrigen ist der tierärztliche Hund wie gemacht. Der Hund ist immer da.

Aber der Hund ist nicht da.

Der Hund kommt nicht als wir gegen alle Töpfe im Küchenschrank klappern.

Der Hund liegt nicht halb unter dem grünen Sofa verborgen, wo er sich so gern am Abend die Pfoten im letzten Sonnenlicht wärmt.

Der Hund liegt nicht unter den Bettdecken vergraben, die er so liebt, nicht zuletzt auch deshalb weil es dem Hund strengstens untersagt ist, auf das Bett zu springen. Aber den Hund kümmert das natürlich nicht, wie alle Tiere im Haus und auf der Wiese ohnehin tun, was ihnen in den Kopf kommt.

Der Hund balgt sich nicht mit der Katze um eine Untertasse Milch.

Die Befragungen derselben Katze über den Verbleib des Hundes bleiben ergebnislos.

Der Tierarzt ruft: Oh liebster unter den Hunden so komm doch zurück.

Die Katze grinst hämisch.

Ich verwarne die Katze streng.

Die Katze springt eingeschnappt auf den Sessel und krallt sich in meine Lieblinsgsstrickjacke, ich fauche, die Katze faucht, die Katze gewinnt und dreht mir den Rücken zu.

„Müsst ihr immer streiten?“, schluchzt der Tierarzt.

Ich renne in den Garten.

Im Garten ist kein Hund.

Wir rennen auf die Schafweide hinter dem Haus.

Auf der Schafweide blöken die Schafe, aber unter den weißen Wollkugeln blitzt nirgendwo Hundefell hervor.

Ich habe Seitenstechen.

Wir rennen zum Strand.

Ich sage dem panischen Tierarzt lieber nicht, dass der Hund einen noch schlechteren Orientierungssinn hat als ich. (Das ist keine gute Nachricht.)

Am Strand ist kein Hund.

Wir rennen panisch ins Oberland zurück.

Wir drehen das Haus um und suchen auch im Eisschrank nach einem großen Retriever.

Im Eisschrank ist kein Hund. Auch nicht in der Speisekammer, im Bettlasten, oder im Kleiderschrank.

Der Tierarzt schluchzt nach seinem Hund.

Ich schlucke.

Inzwischen ist es dunkel.

Der Tierarzt schluchzt: „Vielleicht wollte der Hund ja Kälbchen besuchen?“

Aber ich glaube das nicht. Denn aus Kälbchens Kindertagen,als Kälbchen auf dem Sofa ruhte, da erinnere ich noch zu gut, wie der Hund glaubte in Kälbchen einen großen Hundebruder gefunden zu haben glaubte, nur um herauszufinden , dass von Kälbchens Dickschädel nicht nur metaphorisch zu sprechen ist.

 
Ich greife nach einer Taschenlampe und springe über die Gartenmauer. ( Stellen sie sich keine Gazelle vor, denken Sie an ein Shetlandpony, das mit gebleckten Zähnen über einen Wassergraben hechtet und weil es ja schon dunkel ist und der Tag besonders schrecklich war, bliebe ich an einer Mauerkante hängen. Rums. War das mein Kinn oder Knie? Knie entscheide ich, das ist nicht so schlimm.

Dann renne ich durch den Pfarrgarten und als ich wieder umdrehen will, stolpere ich über eine große Wurzel beim Fliederbusch. Diesmal ist es wirklich das Kinn. Die Wurzel ist ein großes Fellbündel. Für einen kurzen und sehr langen schrecklichen Moment fürchte ich, der Hund sei tot. Dann höre ich es schnarchen. Der Hund schnarcht. „Mäuschen“, rufe ich und kitzle den Hund unter dem Kinn. Der Hund rollt sich zur Seite und schleckt mir freudig mit der Zunge über die Hand und dann realisiert der Hund, dass er doch tatsächlich das Abendbrot verschlafen hat. Der Hund und ich tappen zurück in unseren Garten. Der Tierarzt wirft sich dem Hund entgegen, der Hund ist begeistert von so viel Aufmerksamkeit und der riesige Hund liegt auf Schoß des schmalen Tierarztes und der Hund ist außer sich vor Glück denn das grüne Sofa ist für Vierbeiner strengstens verboten, vor allem scharfen Katzenkrallen ist dortiger Aufenthalt untersagt und der Hund wälzt sich triumphierend vor den Augen der Katze auf dem Sofa umher und kaut auf einem Pantoffel. Der Tierarzt schluchzt vor Seligkeit. Die Katze starrt vor aller Verachtung auf Tierarzt und Hund. Denn die Katze liebt den Tierarzt, aber gerade liebt die Katze den Tierarzt ganz und gar nicht.

 
Ich lasse dem Tierarzt die Seligkeit und der Katze die Eifersucht. Im Badezimmer besehe ich mein Kinn. Es ist ein angeschlagenes Kinn, morgen früh wird das Kinn blau sein, es ist ein Kinn wie gemacht für das Ende eines schrecklichen Tages. Dann mache ich das Licht aus, denn wer weiß ob einen ein schrecklicher Tag nicht auch noch unter der Bettdecke findet.

In der Tiefe der Nacht

Meine Schwester ruft an. Spät in der Nacht ruft sie mich an. Schwesterchen sorgt sich, manchmal in der Nacht. In der Nacht sind die Sorgen größer als am Tag. 2 Monate noch bis Bébé No.5 auf die Welt kommt. So viele Nächte. So viele Schatten. „Leg nicht auf“, sagt meine Schwester. Ich lege nicht auf, sondern gehe aus dem Schlafzimmer herunter, um den Tierarzt nicht zu wecken, wickle mich in ein dickes Tuch und lege mich auf das grüne Sofa. Im Sessel schläft die Katze. Der Sturm lacht ein tiefes, ein dunkles Lachen. Aber Schwesterchen fürchtet sich in dieser Nacht vor allem: vor dem Klabautermann, vor der Nacht, vor dem hustenden Sturm, vor der Zukunft, vor der Vergangenheit, es gibt Nächte, die sind dunkler als andere Nächte und meine Schwester sagt: „Leg nicht auf.“ Ich lege nicht auf, sage ich und singe ihr ein Lied ins Ohr. Aber meine Schwester fürchtet sich vor dem Lied mitten in der Nacht. Das Lied ist so allein, wie ich sagt sie heute Nacht. Ich höre auf zu singen und dann fällt mir ein, wie es war als ich klein war und ich immer, wenn ich den langen Sommerferien bei meiner Großmutter in Deutschland war, zu ihr ins Bett kroch, wenn ich mich fürchtete, ich fürchtete mich oft als ich ein Kind war.

Meine Großmutter wachte auf, wenn ich zu ihr kam. Meine Großmutter hatte einen leichten Schlaf und ich hatte immer kalte Füße, aber vielleicht wachte sie auch aus anderen Gründen auf. Ich habe sie nie gefragt, denn ich wusste ja, wenn ich kam, dann wachte sie auf.

„Ich fürchte mich so vor dem hässlich grinsenden Mond, sagte ich zu ihr und zeigte aus dem Fenster. Siehst Du er lacht über mich.“

Meine Großmutter erzählte mir von der unglücklichen Liebe des Mondes zur Sonne, aber ich fürchtete mich noch immer vor dem versetzten Liebhaber und seinem kalten Lachen.

„Komm, flüsterte meine Großmutter mir in ihr Ohr“, wir spielen ein Spiel. Wir finden etwas was noch viel, gefährlicher, ungemütlicher und schrecklicher ist, als der hämische Mond oder Donar auf seinem Wagen oder den knallenden Blitzen draußen auf der Straße.“ Ich fange an:

Meine Großmutter sagte: Mit einer Kutsche durch die engen Straßen der Stadt fahren, nur um vor dem Stadttor in eine Falle von Straßenräubern zu geraten und beim Ziehen der Pistole feststellen: Das Pulver ist nass

Ich musste ein bisschen kichern unter der Bettdecke, trotz der Räuber.

Ich sagte: Eine Leiter an den Apfelbaum schieben, bis in die Krone klettern, dann fällt die Leiter um.

„Uhuhuh“ machte meine Großmutter, die durchaus etwas von einem Uhu hatte, wenn sie kicherte.

„Mit einem Segelboot auf das offene Meer heraus fahren, nur um festzustellen, dass das Boot ein Leck hat und man selbst nicht schwimmen kann.

„Zu dumm“, kicherte ich.

„In ein Labyrinth hineinlaufen und erst mitten in den dichten Hecken feststellen, dass die Hose ein Loch hat und in der Hosentasche ein Kompass war, panisch umherirren, nur um dann den Minotaurus zu wecken.

Meine Großmutter schauerte und überlegte:

„Mit einem Stein auf den saftigen, roten Apfel zielen, den Apfel herunterholen, aber auch den Bienenstock treffen, die Bienenkönigin beim Mittagsschlaf treffen und beim Davonrennen alle Olympiarekorde brechen.

„Die erste Geige im Orchester spielen und bei einer großen Premiere herausfinden, dass alle anderen ein ganz anderes Stück spielen als man selbst, dann spielt gar keiner mehr und der Dirigent jagt einen vor Augen der gesamten Stadt davon.

„Aiaiaiai“, sagte meine Großmutter und irgendwann waren die Wolken vor den Mond gezogen und verbargen sein Lachen, Donar, der rächende Donnerg*tt hatte die Lust verloren und die Blitze hatten beim Nachbarn eingeschlagen und ich schlief in den Armen meiner Großmutter ein, die glaubte man könnte die Angst vor etwas, mit etwas anderem herausgruseln, aber mehr noch glaubte meine Großmutter noch an den Halt der kleinsten Geschichte.

„Okay“, sage ich zu meiner Schwester am Telefon, erinnerst du dich wie Ami und ich uns in der Nacht bis zum Vergnügen gruselten? Bist du bereit?“

Meine Schwester muss fast schon ein kleines bisschen lachen: „Ihr Beiden“, sagt sie und ich muss schlucken, denn so lange bin ich schon Großmutterlos.

„Los geht es“, sage ich: „Eine alte Ruine erforschen, erst bricht der Professor sich ein Bein, aber noch bevor der Sanitätsdienst kommt, streicht eine Banshee durch die alten Räume und singt von Mecki Messer und seinem abenteuerlichen Leben.

Meine Schwester lacht. „Eine Banshee kann singen?“

Ich sage: „Eine Banshee singt gar nicht schlecht.“

Meine Schwester sagt: „Mitten im Wald einen Wolf mit Bauchweh treffen ihn ins Krankenhaus bringen, seine Frau verständigen und noch von ihr auf dem Parkplatz gefressen werden.“

Abscheulich, sage ich.

Aber dann fällt mir wirklich das allergruseligste ein: „Im Kühlschrank nach selbstgemachten Vanillepudding greifen, den größten Löffel nehmen, den man kriegen kann, einen gewaltigen Happen verschlingen, nur um festzustellen, dass die Auszubildende Selleriesuppe im Kühlschrank vergessen hat.

Schwesterchen am Telefon lacht so sehr, dass Bébé No. 5 erwacht und ihr gegen die Rippen stößt.

„Ihr Beiden“, sagt Schwesterchen und gähnt sie und sagt: „Süße, die Sorgen sind leichter und leiser geworden.“

„Gute Nacht, Schwesterchen“, sage ich, aber ich liege noch lange wach und denke an meine Großmutter und denke an all die Jahre, in denen ich glaubte meine kalten Füße weckten sie auf und nicht wusste, dass die Erinnerungen sie wachhielten Nacht für Nacht.

Zwei Schwestern

In der S-Bahn sitzt ein Mädchen neben mir. Das Mädchen ist vielleicht acht Jahre alt. Das Mädchen wippt mit den Knien, es trägt lila Ballerinas und einen pinken Rock mit großen Blumen. Um den Rock beneide ich das Mädchen. Das Mädchen hat einen Schulranzen neben sich stehen, aus dem Schulranzen lugt ein abgewetzter Bär heraus. Dem Bären fehlt ein Ohr, aber er lächelt dem kleinen Mädchen zu.

Das Mädchen wippt mit den Knien und sieht aus dem Fenster der Bahn, das Mädchen hat fünf Gummibären in der Hand, die lutscht das Mädchen sehr langsam und sehr genießerisch. Die S-Bahn fährt an einem See vorbei und als die S-Bahn hält und die Türen sich öffnen, steigt eine Gruppe von Jugendlichen ein. Sie sind vielleicht fünfzehn oder sechzehn Jahre alt.
Drei Mädchen und drei Jungen, die Jungs tragen kurze Hosen und viel zu viel Deodorant. Die Mädchen tragen kurze Tops und viel zu süßes Parfüm. Ein Mädchen hat einen glitzernden Stein im Bauchnabel. Die Jungs machen Fotos mit den Mädchen, die Mädchen strecken die Zunge heraus und die Jungen lachen. Die Mädchen kichern, ein Telefon klingelt, der Junge mit weißen Hosen und schwarzen Sneakern öffnet eine Cola-Flasche zu schnell, in der S-Bahn ist jetzt auch ein See.
Die Jungs lachen, die Mädchen kreischen, ein Mädchen schüttelt sich die Haare, Cola- Schaum tropft aus ihren Haaren, sie hat wilde, schwarze Locken, der Junge mit den schwarzen Schuhen starrt sie an. Er starrt mit weit offenem Mund.

Vielleicht wird er sich in vielen Jahren nicht mehr an das Mädchen erinnern, eine andere Frau heiraten, in der Arktis mit Eisbären leben, aber dieser Moment, der wird ihm bleiben, ein warmer Tag im April und das lachende Mädchen, die Locken, die tropfende Cola.

Aber dann ist der Moment vorbei. Das kleine Mädchen neben mir nämlich ruft: „Mia!“ Sie ruft es so wie kleine Schwestern nach ihrer großen Schwester rufen. Es liegt etwas von jener ehrfürchtigen Bewunderung in ihrer Stimme, die jüngere Schwestern ihren großen Schwestern entgegenbringen und das weiß ich genau, denn ich bin auch eine kleine Schwester. Das Mädchen neben mir ruft noch einmal: „Mia“ und sie ruft es mit so viel Vorfreude, so viel Spannung, so viel Glück und Leichtigkeit, denn da ist ihre große Schwester und ganz bestimmt klettert das Mädchen nachts zu Mia ins Bett und lässt sich etwas erzählen von der großen Welt in die Schwester sich über eine fiese Physiklehrerin beklagt, ihr etwas ins Ohr flüstert von Hamdis grünen Augen und Andrés Sommersprossen, vielleicht schluchzt sie vor Gemeinheit darüber, dass Tina ein Piercing darf und sie nicht und ihre kleine Schwester wird ganz sicher den abgewetzten Bären in die Hand ihrer großen Schwester schieben, obwohl sie selbst sich manchmal fürchtet wenn die Dielen knacken nachts halb zwei. So und nicht anders ruft das kleine Mädchen, das neben mir sitzt nach Mia.

Der Junge mit den schwarzen Schuhen sieht zu dem kleinen Mädchen herüber, dreht sich zu Mia herüber und sagt: Kennst Du das Baby etwa?

Für einen Moment sieht Mia zu ihrer kleinen Schwester herüber und noch immer strahlt das kleine Mädchen ihre große Schwester an, will fast schon aufspringen und auf sie zu rennen, sich in ihre Arme fallen lassen und sagen: „Ich bin kein Baby und wenn Du das noch mal sagst, dann bekommst Du Ärger mit Mia, meiner großen Schwester. Aber Mia sieht auf den Fußboden, holt ein Bubblegum aus ihrer Hosentasche, kaut zwei oder dreimal und macht eine große, pinke Blase und dann sagt: „Nee, kenne ich nicht, wie kommst du denn darauf?“ Der Junge zuckt mit den Schultern: „Nur so“, sagt er, weil die halt deinen Namen kannte. Aber jetzt zuckt Mia mit den Schultern: „Die verwechselt mich halt mit jemanden den sie kennt.“ Dann dreht Mia sich weg und der Junge stolpert ihr hinterher, er will ihr etwas auf dem mobile phone zeigen und sie lacht. Das Mädchen mit dem Piercing im Bauchnabel verdreht die Augen, aber tanzen der Junge und Mia zu der Musik aus dem Telefon: If you are under him / you ain’t getting over him.
Sie singt schöner als er und er tanzt sicherer als sie und das Mädchen das Mia heißt schließt die Augen als könnte sie nicht glauben, dass der Junge mit dne schwarzen Schuhen wirklich mit ihr tanzt.

Aber was sie nicht sieht, hinter dem Rücken des Jungen und den Fahrgästen, die einsteigen an der nächsten und übernächsten Station ist wie ihre kleine Schwester den Bären aus dem Ranzen zieht und ihren Kopf im abgewetzten Bärenfell vergräbt, damit niemand sieht, dass sie weint. Das sitzen das kleine Mädchen und der alte Bär und obwohl Mia ihre große Schwester nur sieben Meter entfernt steht, ist das kleine Mädchen ganz allein und hat zum ersten Mal keine große Schwester mehr. Zwei Stationen später steigen die Jugendlichen aus, denn sie wollen zusammen zu Vanessa, deren Eltern sind nicht da und das Haus ist groß. Mia fällt ein bisschen zurück als die anderen nach ihren Rucksäcken, Taschen und der Cola-Flasche suchen und sieht zu ihrer kleinen Schwester herüber. „Hey“ ruft sie, obwohl es kein Rufen ist, sondern ein zartes Flüstern, es ist ein Große Schwestern Flüstern, aber das kleine Mädchen sieht nicht auf, sondern presst die Hände fest in den Bären und starrt aus dem Fenster. „Mia, was machst du denn rufen?“ rufen ihre Freund und Mia dreht sich und geht. „Du kennst das Baby doch!“ ruft der Junge mit den schwarzen Schuhen, aber Mia schüttelt den Kopf und läuft ihm hinterher.

 

Verschwommene Sicht

Am Freitag Abend ganz gegen alle Gewohnheiten und zum Verdruss der tierärztlichen Kinofreundin: im Kino gewesen, weil Isabelle Huppert durch Cannes läuft und ich mich doch jedes Mal noch ein bisschen mehr in Isabelle Huppert verliebe. Wenn Sie sich auch noch ein bisschen mehr in Isabelle Huppert verlieben wollen, dann gehen Sie doch auch ins Kino und sehen sich Claires Cameraan. Das ist ein erstaunlicher Film nicht nur wegen Isabelle Huppert.

Spät war es schon als der Film zu Ende war. Denn einen Film, den sich nur die Mitarbeiter der französischen Botschaft ansehen und ein Tierarzt und ich,der läuft nur im Spätprogramm und so gähne ich siebenundzwanzig Mal als der Film zu Ende ist. Die Stadt aber ist noch wach. Die Stadt ist betrunken. Vor dem Kino stehen Männer mit Heineken-Dosen und grölen, vor einem Pizza-Laden stehen Männer und Frauen mit Heineken –Dosen, ein Mädchen kotzt auf die Straße, ein Mann ißt Pizza, alle trinken Bier und während wir die Straße hinuntergehen wiederholen sich diese Bilder. An einer Ampel stehen zwei Mädchen. Die Mädchen weinen und ich frage: „Seid ihr in Ordnung?“ Das ist immer eine so dumme Frage, denn sie sind es ja nicht. Es folgt eine komplizierte Geschichte aus zu viel Alkohol, einer gerissenen Rocknaht und einer Gruppe Jungs auf der Straße gegenüber, die wir dann auch sehen, die Jungs trinken Bier und rufen: „Look a these sluts“, einer der Jungen ist der Boyfriend des Mädchens und er ruft mit und die Jungs lachen und grölen und trinken und die Mädchen an der Ampel sind auf einmal nicht mehr fünfzehn oder sechszehn und das Mädchen sagt: „Ich will nach Hause.“ Der Tierarzt winkt ein Taxi, die Mädchen zählen Geld, wir legen Geld dazu, damit es wirklich reicht und die Mädchen steigen ein. Die Jungs rennen dem Taxi hinterher, klopfen an die Scheibe, und filmen die Mädchen. Dann wird das Taxi schneller und die Jungs öffnen neue Bierbüchsen. Wir gehen die Straße hinunter, wir müssen uns ein bisschen beeilen, denn wir sind nicht mit dem alten, roten Volvo in die Stadt gefahren, sondern müssen zusehen, dass wir den letzten Bus in das Dorf vor unserem Dorf noch erwischen, den Rest können wir laufen. Aber wie wir im Bus sitzen und durch die Dunkelheit fahren, langsam wird aus der Stadt Wohngebiet und dann werden die Häuser weniger und die Stadt hört auf. Vielleicht liegt das Problem in meiner Nüchternheit, ich trinke nicht und tränke ich, vielleicht fände ich die Nacht ganz normal und würde auch an einer Straßenecke stehen und Bier trinken. Aber so wundere ich mich doch, denn tagsüber sind die Jungen sicherlich gute Söhne, Rugby Spieler, Studenten, Lehrlinge, die ihren Freundinnen versichern, sie würden sie lieben. In der Nacht aber mit dem Bier in der Hand ist davon nichts mehr übrig. A night out with the lads, some fun, just joking, didn’t mean it like this und wie sehr wir uns alle gewöhnt haben, dass man am Freitagabend in Dublin eben betrunken ist und auch ich wundere mich lange schon nicht mehr über Männer, die an Bushaltestellen pinkeln, auf die Straße speien, immer schon das nächste Bier in der Hand. Es ist doch nichts passiert, heißt es dann und just some fun, you know, that’s what lads do. Es müsste auch andere Nächte geben denke ich, Nächte die milder sind, mildere Menschen müssten in diesen Nächten zugegen sein. In Dublin sind sie es nicht. Dann hält der Bus, vier Kilometer durch die Nacht. Der Wind, das Meer, die Hecken so vertraut am Tag, sind fleckige, undeutliche Schatten mitten in der Nacht. Lange nicht schlafen können. Undeutliche Träume.

Am nächsten Morgen legt mir der Tierarzt eine Hand auf die Stirn. „Hmm“, sage ich, Hmmm, hmmm, hmmm.

„Mädchen, flüstert der Tierarzt, es ist etwas Schreckliches passiert.“

Ich wühle mich aus Decken, Schlaftuch und Kissen hervor. Aber das Dach ist noch da sage ich

„Das Dach ist noch da“, sage ich, „also kann es nur noch halbschrecklich sein.“

Aber der Tierarzt flüstert noch immer: „Mädchen, ich habe deine Brille zerbrochen.“

„Was?“, sage ich und dann sage ich nichts mehr, sondern kneife die Augen zusammen, um den Tierarzt anzusehen, denn ich sehe wirklich sehr, sehr schlecht.

„Deine Brille, ich habe deine Brille zerbrochen.“ Unwiderruflich, ich habe sie gleich weggetan, damit Du Dich nicht noch mehr ärgerst, wo Du schon nichts mehr siehst.“

Mich überfällt Verzweiflung und ich tappe zum Müllkübel. Nach Inspektion der total zerstörten Brille, stolpere ich über den Hund, und falle auf das Sofa. Dann schweige ich sehr lange und zähle langsam bis 225.

„Mädchen, Du sagst ja gar nichts“, murmelt der Tierarzt.

Ich blinzle wieder und schlucke, denn ich sehe nichts und die Ersatzbrille liegt -wie passend- auf dem Schreibtisch in Berlin.

„Ich brauche einen Flug nach Berlin“ krächze ich.

Der Tierarzt nickt.

Die nächste halbe Stunde vergeht mit hektischen Flugüberlegungen, organisatorischem Geschiebe und einem an der Tür gestoßenen Zeh.

Dann ist es erledigt und mehr kann ich nicht machen, denn ich sehe quasi fast nichts. Die Welt bleibt also verschwommen und nachdem ich ein weiteres Mal bis 225 gezählt habe, komme ich zu dem Schluss, dass Ärger über nicht zu ändernde Dinge nicht weiterhilft.
Ich seufze, wasche mir Haare, Haut, Füße und ziehe mich an. Dann suche ich den Tierarzt: Ich rufe: Tierarzt, Hund geh aus dem Weg, Katze schleich dich. Aber den Tierarzt finde ich nicht. Ich rufe: Hund, wo ist der Tierarzt? Der Hund bringt mir einen zerkauten Pantoffel. „Nein Hund, das ist nicht der Tierarzt.“ Dann finde ich den Tierarzt doch. Der Tierarzt schluchzt. Shhhhh, sage ich, das ist kein Grund zum Weinen.“

Es ist ärgerlich, dass die Brille zerbrach.

Es ist aufwändig nach Berlin zu fliegen.

Es ist mühsam wie ein Maulwurf durch die Gegend zu schwanken.

Aber schlimm, so richtig schlimm ist nur die Angst des Tierarztes davor, dass auf ein Unglück, ein Missgeschick wie dieses, selbstredend Wutausbrüche und Schläge folgen und es dauert sehr lange, bis ich den Tierarzt überreden kann doch wieder aus seinem Versteck hervorzukommen.

Es hat doch nicht geschadet“, sagen viele über die Schläge, Drohungen und die ungezügelte Wut der Eltern, aber die Furcht vor dem Vater mit dem Ledergürtel, die hört nicht auf, auch nicht so viele Jahre später in denen das Kind schon lange kein Kind mehr ist. Das ist das Schreckliche.

Sag Read On, was machst du eigentlich den ganzen Tag?

Frau Brüllen will es wissen. An jedem 5. eines Monats seit fünf Jahren ( Applaus!) fragt sie in Klein-Bloggersdorf herum und der Kleinbloggersdorfer schreibt auf was er so erlebt. Et voilà.

Am Morgen ist alles wie immer. Dunkelheit, das Meer rauscht von fern, der Teekessel pfeift nach drei Minuten, eine Schale Milch für die Katze, eine Schüssel Wasser für den Hund, drei Esslöffel Müsli in die blaue Schale, ein halber Apfel, eine halbe Tasse Milch dazu, für den Tierarzt, ich löffle Joghurt, Natur, eine halbe Zitrone darin. Der Tierarzt schläft noch. Der Morgen gehört mir ganz allein und dem Meer vor dem Fenster. Die Tasche auf dem Tisch, die Zeitung in der Tür, der Wetterfleck am Haken, die Schuhe im Bord. Auf Wiedersehen, Hund, Katze, Tierarzt.

Mit dem Fahrrad die Straße herunterrollen durch das schlafende Dorf, der Morgen gehört mir, im Unterland links abbiegen, im nächsten Dorf liegt der Bahnhof. Das Fahrrad anschließen, der Zug kommt, der Platz neben mir bleibt leer. Am Donnerstag sind die Pendler schon müder, treue Zirkuspferde mit der Aufsicht auf einen Zuckerwürfel. Der Zuckerwürfel heißt Freitag, aber noch ist Donnerstag. Müde Gesichter. Wasserflaschen, Kaffeebecher, geknitterte Anzüge, verstohlenes Gähnen, von fern Musik aus einem Kopfhörer, Leinenmäntel, öfter noch aber Schal, Mütze, Handschuhe. Es ist kalt. Die Sonne legt dafür die Wange ans Fenstern und sieht uns müde Gestalten an. Bürogangstellte sind wir. Ich frage mich oft, ob nicht Franz Kafka das Wort erfunden hat. 40 Minuten später Dublin. Arbeitsbeginn. Es ist 6. 45 Uhr.

Der Tag beginnt mit Listen, zieht Listen, Telefonanrufe, Protokollfragen, Eventbrite-Ärger nach sich. Das Telefon klingelt mit jeder Stunde energischer, wütender rascheln die Listen, der Protokollchef vertröstet mich. Ich telefoniere mit zwei Palastverwaltungen, einem Catering-Unternehmen, ich klopfe im Vorzimmer des lieben Herrg*tts selbst an. Dort schweigt man sich aus. Noch. Ich bin eine hartnäckige Anruferin.

Später kommt die Auszubildende zur Tür herein. Kaugummiblasen im Mund. „Bitte den Kaugummi in den Mülleimer“ sage ich, es vergehen zehn Minuten. Wir üben Mathe. Prozentrechnung. Die Auszubildende hasst Mathe, die Welt und mich. Nach einer halben Stunde. Geheul. Ich sitze da einfach und sehe auf die weinende Auszubildende. Früher habe ich oft versucht sie zu trösten, Taschentücher zu reichen, alles was mir das einbrachte war ein verlängertes Klagen: „Aber sie hasse ich noch mehr.“
Irgendwann ist die Auszubildende leer geweint. Ein letzter Schluckauf. Die Auszubildende sagt: „Sie finden mich dumm, nicht wahr?“ Ich schüttle den Kopf: „Nein sage ich, warum sollte ich, man weiß nichts über andere Menschen und ich habe nie verstanden, warum man so viel Freude dabei hat, dem Anderen klar zu machen, wie blöde er sei. Das einzige was ich mir denke, wenn immer wir üben ist, dass Sie keine Lust dazu haben, das zu machen, was Sie machen sollen und mir fällt nichts ein wie ich das ändern könnte. Die Auszubildende starrt mich an. Dann bekommt sie einen Schluckauf, sie geht ins Badezimmer. Weinkrämpfe bekommen dem Make-Up nicht gut, die Auszubildende lässt sich nicht gehen.

Ich telefoniere weiter.

Neue Listen.

Möwen vor dem Fenster. Aus der verpassten Mittagspause wird gar keine Pause mehr, dafür ein Möwenchor.
Irgendwann ist der Tag zu Ende. Das sagt die Uhr oder die Palastverwaltung. Die Auszubildende starrt auf den Bildschirm. „Es ist gut für heute“, sage ich. Ich suche den Mantel, die Tasche, ich nicke der B. und dem E. zu. Auf Wiedersehen, so lang, see ya, bye, die Straße hinunter zum Bahnhof. Der Zug ist verspätet, die Gesichter der Pendler verraten nichts. Quietschend kommt der Zug dann doch, ich stehe wie ein Flamingo, auf meinem Fuß steht meine Tasche, an meinem Ohr bespricht ein Mann das Abendbrot. „Nein, keinen Käse!“, ruft er, da bricht die Verbindung ab, zwanzig Minuten Ungewissheit für den Mann. Dann steigt er aus. Nach 52 Minuten erreiche ich das Dorf vor dem Dorf. Das Fahrrad steht da und schweigt sich aus über seinen Tag. Die Frau des Krämers sagt: „Es ist empörend wie lange Sie den Tierarzt von uns ferngehalten haben. Was da alles hätte passieren können.“ „Es ist empörend.“ Ich brauche Milch und Fenchel. Orangen sind noch da. Die Frau des Krämers empört sich. „Noch immer nicht verheiratet“, werfe ich in ihre Empörung hinein. Die Frau des Krämers wiegt den Fenchel zu meinen Gunsten ab. Ich fahre zurück ins Oberland. Der Hund ist noch mit dem Tierarzt unterwegs, die Katze schläft, einmal den Wind hineinlassen und das Meer. Fenster auf. Horowitz spielt Klavier im Radio. Die Katze starrt mich empört an. Fenchelsalat mit Orangen. Kosher for pessach, noch immer. Der Tierarzt starrt mich empört an. Ich mag den Salat.

Der Tierarzt erzählt mir etwas von einem Pelikan ohne Tränenflüssigkeit.

Ich erzähle von der weinenden Auszubildenden.

Noch immer spielt Horowitz im Radio Klavier.

Die Nachrichtensprecherin liest Nachrichten vor.

Der Tierarzt kocht Tee.

Ich liege auf dem grünen Sofa und gehe mit Durs Grünbein in der Hand durch Dresden Hellerau spazieren. Man kann vortrefflich mit Durs Grünbein durch die Gartenstadt laufen. Man trifft Kafka, Dresdner, die vom Indianersein träumen, Paul Adler, einen Großvater, Bahnhofstrinker, die Bewohner von Hellerau, den Dichter, der einmal ein Kind war und mit Wehmut schließe ich das Buch, denn man möchte gerne Weitergehen.

Der Hund gähnt, da schläft die Katze schon.

Zähne putzen, ein Glas Wasser ans Bett.

Der Tierarzt schließt Fenster, die Tür und die Welt aus.

So ist das bei uns am Ende der Welt. Ich bin für das Aufschließen des Tages verantwortlich, während nicht nur am 5. Eines Tages der Tierarzt den Schlüssel für die Nacht in die Kommode legt, gähnt und sagt: „Mädchen erzähl mir doch…“

Was ich nicht mehr schreibe.

Ich schreibe keine Liebesbriefe mehr. Dabei habe ich so viele Jahre lang Liebesbriefe geschrieben, ich war fünfzehn vielleicht und schrieb Liebesbriefe gegen Bezahlung. Aber das ist schon lange her.

Ich schreibe keine Einkaufszettel mehr, murmele ich nicht beständig: Eier, Zucker, Milch vergesse ich die Dinge auch mit Notizblock.

Ich schreibe keine Träume mehr auf. Die letzten Seite des dicken Notizheftes sind leer. Vielleicht hat man irgendwann alle Träume gehabt.

Ich schreibe keine Gedichte mehr. Vielleicht fehlen mir die Gedichte am Meisten, manchmal fange ich noch einmal an. Dann fällt mir ein halbes Gedicht ein und ich suche nach Papier und Stift, aber dann sehe ich das Papier, das Gedicht und den Stift und nach einer halben Zeile, lege ich den Stift weg, zerreiße das Papier und dann ist auch das Gedicht schon wieder verschwunden.

Ich schreibe keine Dissertation mehr. Ein Glück.

Ich schreibe außerhalb des Büros so wenig Emails, dass es eigentlich keine mehr sind. Es fehlt mir nicht, obwohl ich einmal viele Emails geschrieben habe, vielleicht waren es auch Liebesbriefe, so genau will ich mich nicht mehr erinnern und das Postfach mache ich einmal im halben Jahr auf. Verpasst habe ich in keinem der halben Jahre etwas und immer, wenn ich doch wieder anfing diesem oder jenem eine Email zu schreiben, die nichts mit bürorelevanten Dingen zu tun, so habe ich es immer früher als später bereut. Ich schreibe keine Emails mehr.

Ich schreibe kein Tagebuch mehr.

Ich schreibe keine Kalendereinträge mehr, die Jahre sind alle gleich lang und ich habe kein Bedürfnis danach, nachzusehen, ob ich vor zwei Jahren in der Philharmonie war oder nicht. Irgendwann ist mir die Neugier verlorengegangen und der Kalender erinnert mich doch dann und wann an diesen Verlust. Jedes Jahr schenkt die liebe C. mir einen neuen Kalender, aber am Ende des Jahres sind alle meine Kalender leer.

Ich schreibe keine Wünsche mehr auf, falte sie nicht mehr in kleine Papierdreiecke und fädle die Dreiecke nicht mehr in einen Flaschenhals ein und ich fahre auch nicht mehr zum Fluss oder ans Meer, um eine Flaschenpost auf den Weg zu bringen.

Ich schreibe keine Noten mehr auf das Notenpapier, das sich noch immer in der Kommode stapelt.

Ich schreibe keine Notizen mehr für verstiegene Romane auf.

Ich schreibe keine Limericks mehr, keine Nonsenswörterfolgen, keine Post-It Klebezettel, keine Anleitungen mehr wie aus einer Cola-Flasche ein Segelboot wird.

Ich schreibe so selten Kommentare ins Internet, dass ich sagen kann: Ich schreibe keine Kommentare ins Internet.

Ich schreibe keine Rezepte mehr auf und nur noch selten schreibe ich Rezepte weiter.

Ich schreibe keine ganzen Nächte mehr durch.

Ich schreibe keine Fragen mehr auf die schwarze Schiefertafel. Ich habe die Schiefertafel den Nichten geschenkt. Wer weiß vielleicht fallen ihnen in die Antworten ein.

Ich schreibe keine Buchstaben mehr auf beschlagene Fensterscheiben.

Ich schreibe so wenig Nachrichten wie es nur geht. Es geht immer noch weniger.

Ich schreibe keine angefangen Sätze mehr mit dem blauen Kugelschreiber auf meinen Arm. Zwischen 16-22 waren meine Arme immer bedeckt mit blauen Notizen, sie sind alle längst gluckernd im Abfluss der Badewanne verschwunden. Das letzte was ich von ihnen sah, war eine blaue Schaumkrone.

Ich schreibe keine Geschichten mehr mit den Fingern zwischen die Rippen eines Anderen, früh am Morgen wenn die Welt und der Andere auch noch schläft.

Ich schreibe nicht mehr auf, was ich im Kaffeesatz lese. Viel getaugt hat die Wahrsagerei ohnehin nie.

Ich schreibe keine Märchen mehr auf für die Nichten 1-3 und den Neffen. Die Nichten und der Neffe suchen sich längst eigene Geschichten aus.

Ich beschreibe nur noch selten Bilder, Menschen, Dinge.

Warum schreiben Sie denn?, fragte mich jemand, unvermittelt, aber dann auch nicht so unverhofft.

Weil mir nicht anderes einfällt, als das Wort, wenn ich darüber nachdenke, woran ich mich festhalten kann, sage ich. Was ich nicht sage ist: Eigentlich schreibe ich nicht mehr viel und vielleicht ist dieses Blog ja die letzte rostige Leiter, die mir geblieben ist.

Aber mein Gegenüber sieht mich verwundert an.

Ein Wort zum Festhalten, sagt er und schüttelt den Kopf.

Das gibt es doch gar nicht.

Wie mich einmal ein böses Schwein ritt

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Vor Jahr und Tag war ich einmal in Avignon. Ich war nicht allein, sondern wie so oft sehr und sehr unglücklich verliebt. An diesem Wochenende aber war ich glücklich, doch ich bin ja nicht umsonst das Fräulein, welches das Unglück anzieht und so sah auch das Schicksal in Avignon auf mich herunter, spuckte in die Hände und sah zu, wie ich ins Verderben lief.

Das Hotel in Avignon war so schön wie alt, es war ein Hotel wie vor der Französischen Revolution, ein Hotel mit schweren Spiegeln und Kommoden mit Marmorplatten, mit Blumenvasen die mir zum Kinn reichten und schwerem, schönen Silber auf den Tischen. Es war Sommer in Avignon und in einem Alkoven mit Blick auf den Fluss, da stand ein Tisch. In den Tisch verliebte ich mich fast so sehr, wie in den Begleiter jener Tage, der Tisch war zierlich, ohne zerbrechlich zu sein, seine Beine hatten etwas von jener lässigen Haltung, die jenen Adligen zu Teil war, die Marie Antoinette noch mit Schafen spielen sahen, geschnörkelt und dabei doch lässig hingeschwungen, die Tischplatte war rund, dabei aber keineswegs eierförmig, sondern vortrefflich gerundet, eine Tischplatte an der es unmöglich ist, sich einen blauen Fleck zu holen. Unter der Tischplatte aber verbarg sich eine Schublade für Liebesbriefe, Fischbesteck und getrocknete Rosen. Der Tisch war in einem dunklen Grün gestrichen. Der Begleiter jener Tage lehnte sich gegen den Tisch, lächelte zart, strich mit den Fingern über die Platte, das Schicksal stand in einer schattigen Ecke, lachte schon laut, bleckte die Zähne und schwor, dass mich ein böses Schwein reiten solle und dieser Tisch mein Verderben würde.

Erst aber fuhr ich zurück nach Berlin und in mir war der dringende Wunsch erwacht, auch so einen Tisch zu besitzen und von nichts zu entmutigen, suchte ich Tandler und Tandler auf, beschrieb den Tisch und eines Tages, das Schicksal johlte, wurde ich fündig. Zwar waren die Füße mehr brandenburgisch-preußisch als südfranzösisch, die Platte ein bisschen gröber als jener Tisch in Avignon, aber auch der Tisch beim Berliner Tandler besaß eine verborgene Schublade, ich sah mich an jenem Tisch Tee trinken, die Zeitung lesen und dann und wann küsste die Liebe mich schon vor zehn Uhr. Ich bezahlte den Tisch, der Tandler lieferte und voll glücklichen Staunens strich ich über die Tischplatte. Der Tisch war in einem rostbraun gestrichen, aber ich sah den Tisch schon in einem matten Dunkelgrün glänzen und lächelte still. Das Schicksal hingegen gröhlte und lud sich Gäste ein.

Ich kaufte Abbeizmittel, Schaber, und Schleifpapier. Nach zwei Dosen Abbeizmittel war der Tisch dunkelblau, nach vier Dosen war der Tisch wieder braun. Das Schicksal und seine Freunde saßen auf dem Sofa und hielten sich die Rippen vor Lachen. Nach sechs Dosen war der Tisch noch brauner, ich hatte rote Kaninchenaugen, entzündete Hände, aber mich ritt das Schwein von Avignon, ich kratzte einen halben halben Ölsockel vom Tisch, ich warf den Spatel in die Ecke, ich kratzte Farbschichten vom Tisch mit Rasiermessern,die mir die Fingerkuppen zerschlitzten, aber der Tisch blieb braun, denn der Vorbesitzer des Tisches, muss ein Freund von erdigen Tönen gewesen sein, die man in Steuerbehörden oder Kasernen erwartet aber nicht auf einer Tischplatte. Als die Rasierklingen nichts mehr vermochten, nahm ich Glasscherben zu Hilfe und endlich schien mir als sei ich an einem Naturzustand des Tisches angekommen. Darüber war ein halbes Jahr vergangen und ich sah aus, wie man sich Pestkranke vorstellt, aber das Schwein von Avignon hörte nicht auf mich zu reiten und ich sah mich noch immer am dunkelgrünen Tisch sitzen und die Zeitung aufschlagen. Das Schicksal johlte lauter. Ich strich den Rand des Tisches dunkelgrün. Grün wie das Moos am Rande des Waldes. Dann ging ich schlafen, endlich schien mir sei das Wunder von Avignon nahe. Am nächsten Morgen hatte der Tisch einen grünen Rand mit rostbraunen Flecken. Ich experimentierte mit Laugen, ich verschliss kiloweise Bimmsstein, ich verbrauchte Kilometer an Schleifpapier. Ich lag fluchend über dem Tisch, ich flehte, ich bettelte, ich beschwor die G*tter, aber kaum war eine Ecke abgeschliffen, schon drückte sich neues rostbraun durch die Tischplatte hindurch. Nach anderthalb Jahren unentwegten Werkens hatte ich Hände, die den Klauen von Alligatoren ähnelten, meine Augen waren rot wie die eines Kaninchens, ich hustete rostbraune Flecken und unbändiger Zorn überkam mich und ich trat gegen den Tisch. Ich brach mir den Zeh. Vier Wochen später beehrte mich die L. sie hachzte und seufzte, was für ein Kunstwerk dieser Tisch, das rohe, das abgeschliffe- unfertige, die Marmorierung der Platte, sag Read On, hängst Du sehr an dem Tisch? Ich knirschte bitter mit den Zähnen, das Schicksal krakeelte, nimm das Ding, sagte ich zur L. und die L. sagte: „Aber ich will es nicht geschenkt, hörst Du, ich leihe es mir, bis du den Tisch zurückhaben willst.“ Ich murmelte etwas von „Niemals und nur über meine Leich“, aber die L. nahm den Tisch wirklich und anders als ich, frühstückt sie mit dem O. an jenem Tisch, liest die Zeitung, bewahrt Fischbesteck in der Schublade auf, fährt über das gemaserte Holz und die schenkt Tee nach. Immer wieder bin auch ich bei der L. zugegen, sitze am Tisch und sehe missmutig auf die rostbraunen Flecken, das graue Holz und den dunkelgrünen Rand. Die L. sieht dann zu mir herüber und sagt: „Aber Read On, wenn Du Deinen Tisch zurückhaben willst, dann sag es mir jederzeit.“ Ich aber schüttle den Kopf, den auf dem Sideboard das sitzt Schicksal, stopft sich die Faust in den Mund, um vor Lachen nicht zu platzen, denn ich bin mir sicher, wenn der Tisch wieder beim mir stünde, es dauerte kaum vierzehn Tage, da kaufte ich wieder Abbeizmittel, dunkelgrüne Farbe und scharfe Rasierklingen, um doch noch einen Tisch wie jenen in Avignon mein Eigen zu nennen, denn wenn einen erst einmal ein böses Schwein reitet, dann lässt es einen niemals mehr los und ganz sicher bin ich mir, dass wenn die Schicksale Schulstunde haben, ich als Exempel diene, für Tücke und List und die Macht des Schicksals anhand eines einfachen Tisches, an dem vielleicht Marie Antoinette Torte aß, oder ein Marquis einer Comtesse die Finger küsste. In Avignon aber bin ich seither niemals mehr gewesen und auch an Tandlern mit Tischen in der Auslage gehe ich schnurstracks und sehr schnell vorbei. Den das Schicksal ist niemals fern meiner Wege und Tische.