Franz Kafka. Der ganze Prozess.

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Am späten Vormittag gehe ich die Stufen hinauf. Martin-Gropius Bau, einen Steinwurf entfernt vom Potsdamer Platz und im Treppenaufgang hängt ein Plakat: Kafka. Der ganze Prozess. Der Martin Gropius Bau ist wie alles in Berlin ironisch gebrochen, denn man soll ja merken, dass man hier in Berlin ist und in Berlin ist immer alles ironisch gebrochen und deswegen gibt es immer irgendwo Neonröhren und Sinnsprüche, die immer einen doppelten Boden haben sollen und natürlich auch ironisch sind. Die Deutschen haben ein Bewusstsein und es ist ein historisches Bewusstsein und immer auch ironisch. Deswegen erklären die Deutschen mir immer, dass Auschwitz wirklich schlimm gewesen sei und dann erklären die Deutschen mir, was an Israels Politik alles falsch ist. Das ist der einzige Moment, wenn die Deutschen nicht mehr ironisch sind, sondern sehr ernst und ich als Jude bin ja sowieso insbesondere in Berlin-Mitte ein ewiger Vorwurf. So ist das nämlich und immer flackern die Installationen ein bisschen nervös. So viele Juden kommen aber gar nicht mehr nach Berlin-Mitte und wenn dann eher selten in den Gropius-Bau, aber man weiß ja nie und besser die Ironie ist schon einmal da. Ironie auf Rezept sozusagen und dann stehe ich in einem dunklen Raum und der Raum hat 18 Grad, das sagt das Schild, denn hier wird Papier konserviert und dann steht man einfach so vor den Manuskriptseiten und es ist Franz Kafka, der da vor einem liegt, Franz Kafkas Prozess, lauter eng beschriebene Seiten, gelblich schon ist das Papier. Allein bin ich nicht. Eine Schulklasse ist mit mir im Raum und die Schulklasse findet das alles sehr öde. Warum sollen sie hier stehen in einem dunklen Raum voller Papier. Die Lehrerin macht immer psst und pscht. Und dann: „Ruhe jetzt“ und „Benehmt euch“ und das alles ist gar nicht ironisch und die Lehrerin ist nervös, denn so viel Papier und noch dazu eng beschrieben, ist doch eine Zumutung und museumspädagogisch aufbereitet ist das alles auch nicht. Da sind einfach Vitrinen und dann ist da dieser Text. „Scheiße“ ruft ein Schüler und sein Käppi fällt runter und das ist auch blöd und die Schrift kann keine Sau lesen und die Lehrerin will doch endlich, dass Ruhe ist und im Nebenraum läuft ein Film. Der heißt auch „Der Prozess“, aber der Film ist in schwarz-weiß und niemand auch die Lehrerin nicht, kennt Orson Wells und die Schüler kennen Jeanne Moreau nicht und der Film ist auf Englisch und die deutschen Untertitel sind nicht ganz synchron und der Film ist überhaupt unverständlich und auch blöd und die Lehrerin rennt zwischen den Vitrinen und dem Filmvorführraum hin-und her und schreit: „Aber Schluss jetzt“ und „Ruhe“ und „pscht.“ Ich stehe noch immer vor der ersten Vitrine und der Junge mit dem Käppi, sagt: „Ey voll die Scheiße, ey“und „die Kack Schrift“ und dann stehe ich da und sehe auf die Buchstaben und dann lese ich einfach vor, diesen Satz, den ich schon so oft gelesen habe, aber noch nie von diesem Blatt Papier, da vor mir in der Vitrine. „Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne daß er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet. Der Junge mit dem Käppi starrt mich an und ich lese einfach weiter, denn da liegt ja jener Text, dieser Text, den ich nie vergessen kann, dieser Text dem ich nicht ausweichen kann und der für mich niemals Ironie war und ich lese: Die Köchin der Frau Grubach seiner Zimmervermieterin, die ihm jeden Tag gegen acht Uhr früh das Frühstück brachte, kam diesmal nicht. Der Junge mit dem Käppi ruft: „Ey Serkan, Aylin, Timo, ey Leute kommt ma rüber, die kann das echt lesen“- und die Schulkollegen kommen und wir stehen vor den Vitrinen und ich lese von K. der nicht weiß wie ihm geschieht an diesem Morgen und die alte Nachbarin vom Fenster gegenüber und dann sind die Fremden in der Wohnung und Josef K. weiß nicht wie ihm geschieht und schon ist die erste Seite gelesen und fast synchron rücken wir weiter, denn das Mädchen neben mir, sagt: „voll krass, das alles.“ Und hat sie nicht Recht, denn Josef K. wird ja wirklich verhaftet an diesem Morgen und dann sucht K. seine Legitimationspapiere und findet in der Eile nur seine Radfahrlegitimation und ich überlege ob ich den Mädchen und Jungen neben mir wohl erklären muss, was Legitimationspapiere eigentlich sind, aber die Schüler sind ganz still und dann sagt der Junge mit dem Käppi: „Mein Freund hier hat auch keinen Pass.“ Der Freund auf den das zutrifft, ist ein blasser, dünner Junge und starrt auf das Papier in der Vitrine. Und nichts ist ironisch und gar nichts ist gut, hier in Berlin, 2017 und da hier vor uns ist Franz Kafka und das ist der ganze Prozess und Kafka, nein, den muss man nicht erklären, der ist immer völlig klar. Josef K. kann nicht beweisen, dass er unschuldig ist und die Schüler drängen mich weiter, ich soll weiterlesen, denn jetzt nämlich gehört ihnen diese Geschichte, diese Blätter da gelb und eng beschrieben in der Vitrine und ich lese vor und lese immer weiter und einmal wandern wir gemeinsam um die Vitrinen herum und die Schüler sind atemlos, weil die Geschichte einen aus den Fugen hebt, das ist Kafka, dieser Franz Kafka, der Jude Kafka, dem es immer ernst war und dann sind wir angekommen am Ende, an dem die Geschichte abbricht: „Wie ein Hund!“ sagte er, es war, als sollte die Scham ihn überleben.“ Die Schüler klatschen, aber nicht für mich, sondern für Franz Kafka, der ja da vor uns liegt und schrieb, wer hat denn je so um sein Leben geschrieben wie Franz Kafka? Und die Schüler applaudieren jenem Franz Kafka und die Lehrerin kommt und die Lehrerin ruft: Psst! Und „Ruhe jetzt“ und der Schüler mit dem Käppi sagt: „Die Frau kann das alles lesen.“ Die Lehrerin sieht mich an und will sich entschuldigen, dabei weiß ich nicht einmal wofür, denn Texte sind ja dazu da, dass man sie liest, wozu denn sonst und die Schüler reden ja schon über diesen Text den sie eben nur nicht lesen konnten. „Ihr sei Kafka immer zu ironisch gewesen, sagt sie und dann sagt sie: eben kafkaesk. „Gerade nicht, sage ich“ und sie sieht mich erstaunt an.

Der Junge mit dem Käppi schwenkt sein Telefon und hat den Prozess heruntergeladen und dann kommt er zu mir und sagt: „Das ist mein erstes eigenes Buch.“ Ich gratuliere und versichere ihm, dem strahlenden, jungen Mann, dass es kein besseres, erstes Buch gäbe, als den Prozess und dass ich mir vorstellen könnte, dass ihm auch das Schloß gefiele und er lächelt und fängt an zu lesen.

Ich lächle mit und noch einmal stehe ich vor der Vitrine und sehe mich, ein bisschen jünger war ich, als die Schüler, da schickte mir meine Großmutter ein Buch ins Land A., „Franz Kafka, Der Prozess“ und alles veränderte sich und ich war eine Andere geworden.

Alle Zitate aus: Franz Kafka, Der Proceß, Frankfurt am Main 2002, S.7 und S. 312.

Zu viele Rosen.

Ein Buch aus Scherben. #nowreading #leasinger #poesiederhörigkeit #mopsasternheim #books #literature #bücher #hoffmannundcampe

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Meine Großmutter glaubte nicht an Bücher für Kinder und Literatur für Erwachsene. Meine Großmutter befand es gäbe gute und schlechte Literatur. Sie werden es ahnen. Karl May, Bücher über Ponies oder die Mickey Mouse waren ihr abstraktes Dunkel und überhaupt fand sie man könnte Kinder gar nicht genug fordern. Überhaupt taugte meine Großmutter nicht zum Vorbild moderner Pädagogik. Sie bestritt hartnäckig die Existenz von Kalorien, fand ganzjähriges Draußen Baden für Kinder völlig in Ordnung, verabscheute schlechte Tischmanieren und glaubte das Lernen langer Balladen sei genau so gut für die Charakterbildung wie das Wissen, um die Herstellung einer guten Sachertorte und so las ich mich durch ihre Bibliothek und später dann schickte ich ihr lange Bücherwunschlisten und ohne je auch nur einmal mit der Wimper zu zucken, schickte sie mir Bücherstapel um Bücherstapel und doch auch in der Wohnung meiner Großmutter gab es ein Regal in der sich hinter Aktenordnern verborgen, Bücher befanden, die nicht in meine Hände gelangen sollten und die meine Großmutter wohl auch vor sich selbst verbarg. Georg Trakl stand dort, denn meine Großmutter, die doch selbst der Liebe zu Deutschland verfallen war, fürchtete sich vor dem Sog, merkwürdigerweise auch Isaak Babel, aber den meisten Platz hinter den Ordnern nahm Gottfried Benn ein. Natürlich fiel mir nichts Besseres ein, als die Bände aus dem Regal zu ziehen, in den Sessel zu sinken und schon ertrank ich, sank tiefer und tiefer und merkte nicht wie die Schatten länger wurden, und auch nicht, dass meine Großmutter längst zurück war. „Zu viele Rosen“, sagte sie und sah mich nicht an. Die Bände stellte sie ins Regal zurück. Über Gottfried Benn kein Wort. Ich aber im Auswendig Lernen deutscher Balladen geübt, memorierte nun Benn. Allen Rosen zum Trotz. Aber im Bücherregal, gut verborgen, stand auch der andere Benn, stand der mit den Dornen, der Benn der Jahre 1933 und 1935, der Benn der von der Züchtung des Geistes schwärmte und auch sein Loblied auf den neuen Staat, der nach neuen Intellektuellen riefe. Meine Großmutter schrieb an den Rand: Auch Benn. Zwei Ausrufezeichen. Über Benn wurde geschwiegen, meine Großmutter schnitt nur selten Rosen im Garten ab und schenkte ihr jemand Rosen so drehte sie den Kopf zur Seite. Dass aber auch meine Großmutter zu den Bänden wieder und wieder zurückfand, verschwieg sie nicht nur mir, sondern auch sich. „Zu viele Rosen, mein Kind.“

Geschwiegen wurde auch in der Familie von Mopsa Sternheim, nicht nur über Gottfried Benn, der auf einmal mitten im Weltkrieg auftaucht, die Gerüchte über Edith Cavell kamen mit und auch die Fingerkuppen, weiß und fett blieben dem nicht mehr Kind nicht verborgen. Es beginnt eine Geschichte, die man mit Liebe nicht beschreiben kann, und ob es mit Obsession getan werden kann, weiß ich noch immer nicht. Das Spannungsfeld jedenfalls, zwischen den beiden Sternheim-Frauen und Gottfried Benn ist noch einmal und immer wieder die schmerzliche Geschichte Deutschlands und seiner Dichter. Benn träumt von Apfelkuchen und Schlagobers, Mopsa Sternheim von den Händen des Dichters auf ihrem Rücken, ihre Mutter Thea schreibt Briefe an Doktor Benn, kauft Bilder von Picasso und Doktor Benn behandelt Geschlechtskrankheiten und wohnt möbliert: Deutsche Eiche, dunkel. Er der Dichter, sucht keine Muse, sondern Frauen für eine Nacht und Rosen schenkt er nur Frauen mit knielangen Röcken, aber nicht der kosmopolitischen, zerbrechlichen, zähen und ringenden Mopsa Sternheim. Benn trinkt Pils und Mopsa seine Worte. Eine Heirat, eine Familie mit Abgründen, immer auf der Suche, immer unterwegs, Benn bleibt in Berlin-Schöneberg. 1933 aber trennen sich die Wege. Mopsa und Thea sind in Paris und Gottfried Benn hat endlich Ruhe und Schlagsahne gleich mit dazu. Benn schwadroniert von kernigen Kerlen und deutschen Mädels. Mopsa geht in den Widerstand und überlebt bis 1945 im KZ Ravensbrück. Benn bedauert sich und nein, keine Rosen, nicht einmal Astern. Ein spätes Wiedersehen, noch einmal Mutter und Tochter, noch einmal Benn und Bürgerglück. Die Frau heißt Ilse, man hat sich eingerichtet. Mopsa schließlich stirbt an Krebs, ein letzter Brief an Benn. Mag sein, dass sie auch an Krebs gestorben ist, aber vor allem wohl an einem vielfach gebrochenen Herzen. Lea Singer hat die Scherben und die Schnitte von Mopsa von Sternheim zusammengetragen. Es sind viele schmerzhafte Splitter, ein Kaleidoskop von Bildern, Briefen, Gesprächen, von dem Versuch die Worte in einen Menschen zu verwandeln, vom Scheitern und von der Zebrechlichkeit dessen was wir Liebe nennen. Es ist auch die Geschichte einer erbitterten Konkurrenz zwischen Mutter und Tochter und Freundschaften, die schleißlich immer wieder an Morphin zerbrechen. Erika Mann und Pamela Wedekind laufen hin und wieder durch das Bild. René Crevel stirbt und Rudolph Carl von Ripper entkommt gerade noch einmal so. Aber wer kann schon Deutschland im 20. Jahrhundert entkommen, auch wenn es manchmal in Gestalt eines Dichters mit schlaffen Augenlidern und schweren Lidern daherkam. Mopsa Sternheim kommt nicht davon. Lea Singer aber hat Mopsa Sternheim noch einmal zurückgeholt, endlich einmal ihre Geschichte aufgeschrieben, die nicht nur eine Geschichte mit Gottfried Benn war, sondern ein deutsches Leben, was es nicht mehr gibt.

„Niemand“ sagte meine Großmutter, „ ist jemals ganz aus Auschwitz zurückgekommen.“ Sie rieb sich über den Arm. Das 20. Jahrhundert hatte seine Spuren hinterlassen, auch wir lebten zwischen den Scherben. Meine Großmutter aber stellte die Gedichte Gottfried Benns ins Regal zurück, es war wohl eine Vorsichtsmaßnahme, aber es war schon zu spät, ich kehrte wieder und wieder zurück. Meine Großmutter aber das würde ich erst viel später lernen, als wir zusammenzogen und ich meine Benn-Bände neben Ihre stellte, konnte alle seine Gedichte auswendig und versuchte doch beständig sie zu vergessen. Damals aber schüttelte sie noch einmal den Kopf. „Zu viele Rosen mein Kind.“ Heute in meinem Bücherregal stehen die Bücher Gottfried Benns, auch die Reden von 1933 und 1935 hinter den Bildbänden, gut verborgen vor allen Augen und vor allem wohl auch vor mir selbst.

Lea Singer, Die Poesie der Hörigkeit, Hoffman und Campe 2017, 20 Euro.

Zwischen den Seiten

Jeden Abend wenn ich in den Zug steige, sehe ich die mir unbekannte Frau. Genau wie ich, steht sie im Mittelgang des Zuges der Dublin erst mit den Vororten und dann mit den weiter entfernt liegenden Dörfern und Städten verbindet. Voll ist der Zug, stickig und verbraucht ist die Luft schon beim Einstiegen. Die Lehrerinnen, Bankangestellten, die Mütter mit Kinderwagen, die Rentner und Bauarbeiter sie alle sehen müde aus und oft auch geschafft. Der Zug gleitet anders als ein ICEnicht lautlos durch die Landschaft, sondern rumpelt so vor sich hin und bleibt oft auf der Strecke länger stehen als an den eigentlichen Bahnhöfen. Die Züge und Gleise der Iarnród Éireann, der irischen Bahn sind veraltet und wie der gesamte öffentliche Sektor natürlich chronisch unterfinanziert. Wohl auch deswegen stehen die Frau und ich jeden Abend fast parallel zueinander im Mittelgang. Auffällig ist die Frau dabei nicht. Blass ist sie auf eine Weise, die man im 19. Jahrhundert anämisch genannt hätte, verbunden mit der Aufforderung doch auf ein paar Wochen einen Lungensanatorium aufzusuchen. Aber diese Zeiten sind unwiederbringlich vorbei. Heute trug  die Frau einen schwarzen Rock aus einem mich irritierendem weil nicht zu identifizierendem schwarzen Stoff und ein blaues Shirt mit angedeutetem weißen Bubi-Kragen,fest geflochten sind ihre fast farblosen Haare und nur zwei kleine hellgrüne Ohrringe nehmen ihrem Gesicht die Strenge. Die Frau liest. Sie steht mit den Füßen ineinander verhakt an einen Sitz gelehnt und liest. Aber nein, sie liest nicht nur, sie ist versunken in eine andere Welt. Sie lächelt vorsichtig und fein, wenn vielleicht ein Liebesbrief endlich doch den richtigen Empfänger bekommt, ich habe sie aber auch schon missmutig auf die Unterlippe beissen sehen, wenn möglicherweise ein liebgewonnener Held etwas besonders Dummes gesagt haben mag, manchmal aber sehe ich sie tief seufzen, weil es doch anders gekommen ist, als sie es vielleicht erwartet hat. Genauso gut aber, habe ich die Frau schon kichern sehen als eine Geschichte wohl Fahrt aufnahm und sich auf einmal alles drehte. Manchmal aber blättert die Frau so hastig durch die Seiten, verschlucken sich ihre Augen fast an den Wörtern, so dringend und so ansichtig ihr Wunsch doch zu erfahren, wie es wohl weitergeht auf der nächsten und übernächsten Seite. Traurig blickte die Frau schon manches Mal ins Leere und packte das Buch in die schwarze Handtasche, die sie bei sich trägt, manchmal sieht sie beschwingt durch das schlierige Fenster bevor sie das Buch weglegt und aussteigt. Immer wieder während jeder Fahrt jedoch muss ich von meinem Buch aufsehen und sie ansehen. Fast schon ehrfürchtig staunend, sehe ich ihr Gesicht hinter dem Buch, das mitfühlt und mitleidet, das hofft und staunt und klagt , dem das Herz schwer wird und das Lachen in den Mundwinkeln zuckt, ihr Gesicht das ganz und gar mit den Figuren lebt, das sich aufhellt und verdunkelt mit den Seiten, das ganz und gar aufgeht im Lesen und ankommt in den Welt die hinter sechsundzwanzig Buchstaben liegt und in jedem Buch auf ein Neues beginnt. Wunderschön ist die Frau, die da mit mir im Mittelgang des Zuges steht, heute ganz staunend versunken in „My brilliant friend“ von Elena Ferrante, und seien Sie versichert, auch wenn sie nicht von Dublin aus weit in die Landschaft fahren, bestimmt gibt es auch in Ihren Zügen eine Leserin ganz unverkennbar wie sie.

As an exception in German: Samstag

Ein Samstag. Ein Samstag geht bei mir so:

Früh stehe ich auf. Die C. weckt mich um halb sechs Uhr. Mit der C. dann zu einem Schwesterchenproblem konferieren. Diesmal jedoch ist kein Paket vonnöten und auch kein Knoblauchgeruch wird haften bleiben an Händen und Haaren. Dann durchatmen, Schreibtisch, die Sonne geht auf und ich gehe hinunter in den Garten. Da liegt eine Taube, tot, im noch feuchten Gras. Ein gebrochener Flügel hängt seitwärts, seltsam verdreht auf der Erde. Eine Wildtaube, denke ich und bewundere die hellrote Brust und das grüne Gefieder, alles sonnendurchdrungen dabei doch längst leblos und kalt. Ein Loch hebe ich aus unter der Tanne. Sechs Krähen kommen und sehen mir zu. Nicht sicher bin ich, ob sie als Grabwächter kommen, passend gekleidet wären sie ja, oder ob sie die Pietät nicht lieber beiseite lassen, um als Grabräuber zu profitieren von der zarten Brust der Taube. Lieber lege ich Steine auf den Erdhügel. Man weiß ja nie. Die Krähen nehmen es hin, mit festem Blick. Dann krächzen sie, ganz Mozart’s Requiem ist es nicht, aber ganz reizlos auch nicht. An meine Großmutter denke ich, geboren in einer ganz anderen Zeit, in Norddeutschland unter flachem Himmel, sie erzählte mir vom grünen Schinderauto, das kam um die verendeten Schafe und Kuhkadaver abzuholen. Immer dann sammelten sich die Krähen auf den Bäumen, in dunklen, schwarzen Wolken. Wie immer, wollte sie etwas anderes erzählen, als das von dem sie eigentlich sprach, aber das habe ich damals nur geahnt. Geträumt habe ich noch jahrelang schlecht, das grüne Schinderauto fuhr als stetig grüßender Charon durch meinen Schlaf hindurch. Der Garten wächst mir über den Kopf. Also versuche ich die Brombeeren einzuhegen, schneide die Rosen herunter, kürze dort Äste, und ziehe hartnäckig an Wurzeln, die sich mit aller Macht an die Erde klammern. Manchmal gewinne ich, aber immer mit schlechtem Gewissen. Dann ist es neun und der ehemalige geschätzte Gefährte der F. wacht auf. Wir tragen die Tassen und Teller, den Honig, Stilfser Käse, Gurken, Wildmangos und warmes Brot auf den Balkon. F. köpft das Ei und meins gleich mit. Dann geht sein Pieper und mit dem Brot in der Hand fährt er ins Krankenhaus. So geht das seit Donnerstag. Es dauert nicht lang sagt er und ich nicke, vor mir das kalte Ei. Das dauert nicht lang, lässt Zeit genug für Abwaschen, Aufräumen, die Betten wechseln, zwei Waschmaschinen, die Suche nach einem Buch und dem Einkauf im Ort. Ich kaufe zwei Kilo Spargel, Erdbeeren, Kichererbsen, neue Kartoffeln und noch mehr von den Wildmangos, die ich so liebe. Überall lange Schlangen, vor dem Pfandautomaten ein Mann, der aus schier unerschöpflichen Tüten und Beuteln, mehr und mehr Bierdosen zu Tage fördert, ich wundere mich oft, ob manche Menscheneinen ganzen Raum voller Pfandflaschen haben, eine unerschöpfliche Quelle, das neue Gold. Noch immer, ist der F. in der Klinik. Also, richte ich Brote und eine Schale Salat, wickele das Bananenbrot ein und radle ins Krankenhaus. „Scheiß-Ärzte“ plärrt ein Mann über den Flur und röhrt seine Tochter hatte doch nur vier Bier. Nun denn. Der F. hingegen diskutiert mit einem Ehepaar, die Frau natürlich Heilpraktikerin und vom festen Glauben beseelt, eine Meningitis lasse sich am besten mit Arnika und Schafgarbe behandeln. Scheiß-Ärzte auch hier, nur ohne Bier, aber Spitzwegrichsaft kann den Verstand auch benebeln. Den Krankenschwestern gebe ich das Bananenbrot, ins Zimmer des F. trage ich Brote und Salat und gehe mit einem Blumenstrauß hinüber ins Altenheim zu den eigentlichen Besitzern des Gartens. Die wollen hören wie es den Nachbarn  geht, aber zum Garten sagen sie nichts, sie riecht am Flieder und er dirigiert mich durch das Zimmer, den richtigen Platz für die Vase zu finden, natürlich ist der richtige Platz nicht hier. Wieder zuhause, keine Spur vom F. Die letzten 200 Seiten von Guntram Vesper’s Frohburg. Ein schwieriges Buch, nicht nur der Länge wegen, sondern das Panorama das sich entfaltet ist kein anregendes, keinen der Menschen die einem begegnen möchte man näher kennen und lernt sie doch kennen, inmitten deutscher Geschichte. Das ist kein guter Ort um jemanden zu treffen. Karl May ist ein roter Faden, der mir kein Anhaltspunkt ist, nie habe ich das Gewäsch des Radebeuler Phantasten für etwas anderes als eben das gehalten und warum es diesem Autor so nahe geht erschließt sich mir nicht. Dabei hat das Buch eindrucksvolle Szenen, die Flucht von fünf Tschechen, die Fahrt der Eltern zur Dreckschenke etwas,auch der zufällig verhinderte Mord an den Großeltern, eine Leiterlänge nur dazwischen, auch die frömmelnde Kultur des Erzgebirges und das Leben der Menschen im Sperrgebiet der Wismut AG, das alles hat wenn schon keinen Charme so doch Detailfülle. Schrecklich vor allem die F*ckgeschichten: Schlüpfer zur Seite, rein, raus, dazwischen Leibesfülle und Frauen bei denen sich der Overall beim Autowaschen spannt, ich weiß nicht ob das nun unabstrahierter Männeratem beim sechsten Kneipenbier ist, Fantasielosigkeit oder die ewige Unentschiedenheit ob es nun Pornographie sein soll oder durch nur das was der Biedermann sich darunter vorstellt. Dafür findet das Buch keine Sprache. Am meisten verdrossen hat es mich auf dem Abort, auf dem ein Jude ein- immerhin- halbjüdisches Mädchen im Dunkeln befingert. Es ist aus der deutschen Phantasie nicht herauszubekommen: der ölige Jude. Aus der Zimmerecke blickt mir mein stets unterkühlt wirkender Großvater entgegen. Aber das deutsche Gedächtnis weiß es besser. 200 Seiten also noch, Kleinmachnow diesmal und die verwickelten Biographien von Aufstieg und Fall der SED Nomenklatura. Christa Wolf  jedenfalls lebte bis in die 70er dort, Maxi Wander und eben jene politischen Figuren, die so schnell fielen, wie sie kamen, hier also Georg Dertinger, Ex-DDR Außenminister und Mitgründer der Ost-CDU. Die Kinder auf Jugendwerkhöfe verteilt, die Eltern verhaftet und die Geliebten gleich mit. Ernst-Thälmann-Straße, Google Maps sagt die Straße heißt noch immer so. Stiege ich auf das Dach, sind es vielleicht vier Kilometer bis dorthin, aber in Kleinmachnow bin ich noch nie gewesen und aus vielen Gründen liegt dieser Ort abseits meiner Wege. Deutsche Geschichte ist eine Falltreppe, die immer nur hinunter und hinab führt, nie jedoch nach außen ins helle Licht. Schließlich kehrt der F. zurück, müde und in der späten Nachmittagssonne liegt er auf dem Sofa und schläft. Der Arm fällt herunter. Das ist er wieder der gebrochene Flügel der Taube. Zwei geschälte Kilo Spargel später wacht der F. auf. Erzähl sage ich und wir sehen auf das Telefon, das wieder beginnt zu klingeln.