Gewaltenteilung

Dort wo ich auf aufwuchs gab es keine Polizei. Dass es aber keine Polizei gab, hieß noch lange nicht, das es keine Gehaltslisten gab, die wie immer im Land K. länger waren als die Gehaltsschecks und beständig wuchsen. Wohl aber gab es private Sicherheitsdienste, die nicht gegen die Landeswährung wohl aber gegen ein Bündel grüner Dollarnoten das Eigentum derjenigen sicherten, die über ein Solches verfügten. Im Slum K. aber hatte niemand je auch nur eine Dollarnote gesehen oder auch nur eine abschließbare Haustür besessen. Aber auch diejenigen deren Namen zuunterst auf den Gehaltslisten der fiktiven Polizeiverbände standen, wollten doch leben und besser als von den Hunden der Villenviertel vertrieben zu werden, war es doch selbst tätig zu werden und am einfachsten war es wohl dort zuzugreifen, wo weniges zwar, indes unverschlossen und unbeschützt lag, im Slum K. nämlich. Man hörte sie schon von Weitem, die jungen Männer, die mit harten Stöcken gegen Blechbüchsen schlugen: dam-dam-da-da-dam-dam, ein Marsch der jeder Armee der Welt, Ehre machen würde, für die Bewohner des Slums aber, die wussten was kam, aber war es das Zeichen auf das Dach der kleinen Klinik, die nichts weiter als ein unbehauener Zementbau und in deren erstem Stockwerk ich aufwuchs, zu flüchten. Wir, die Mütter und Kinder und ich die Fremde saßen auf dem Dach. Die Mütter hielten den Kindern den Augen zu. Ich aber saß mit offenen Augen am Rand des Daches, aller Not zum Trotz hielten Mütter wie Kinder deutlich Abstand zu mir. Ich das Kind mit den ewig kalten Händen und Füßen galt als verwandt den namensgebenden Geistern des Kilimanjaro, dessen Name ja nichts weiter bedeutet als Berg des bösen Geistes. Ein Abgesandter unheimlicher und fremder Mächte, das war der Unterschied, dass ich dazu noch weiß war, machte die Sache nicht besser. Aber in der Not war die Nähe zu einer verdächtigen Fremden immer noch erträglicher als zu den marodierenden Banden die sich inzwischen durch die Reihen von Wellblechhütten und Holzverschlägen den Weg bahnten. In Ermangelung von Autos steckten sie Plastikabfälle in Brand, schmissen Steine auch durch die Fenster der Klinik und rafften in großen Plastiksäcken in denen Mais oder Reis transportiert wurde, die wenigen Habseligkeiten der Slum-Bewohner zusammen. Systematisch und gezielt plünderten sie und die Hütten die sie in Brand steckten, brannten sie systematisch ab. Die Gehaltslisten wurden doch stets länger und auch im nächsten Vierteljahr musste ja erneut geplündert werden. Nie vergaßen sie die Wasserbehälter, also vor allem Plastikkanister aufzuschlitzen und unter Gelächter, das Wasser für das die Slumbewohner den dreizehnfachen Preis bezahlten als die Plünderer in die verdreckten Straßen rinnen zu lassen. Ihre Gewalt war gezielt, schnell, effektiv und niemand wäre auf die Idee sich ihnen in den Weg zu stellen. Das Wort Polizei kannte im Slum K. überhaupt niemand. Verschwanden sie, steigen die Frauen mit ihren Kindern vom Dach herunter und räumten auf, besahen zerborstene Stuhlbeine, verschmorte Plastik und versuchten in einer verbliebenen Emailleschüssel das verbliebene Wasser zu sichern. Lange Tage und Nächte vergingen bis die angezündeten Müllhaufen aufhörten zu qualmen. Die Plünderer übrigens wurden gern als Soldaten für die Truppen der Afrikanischen Union und einer ihrer vielen Missionen rekrutiert: sie galten als diszipliniert und effektiv, zuverlässig und schnell, dabei nicht über die Maßen gewalttätig wie es in den Ländern Ost- und Westafrika’s leider so häufig der Fall ist. Sie hatten ja auch ausreichend Übung und Erfahrung im Slum K. gesammelt um sich größeren Aufgaben zuzuwenden. Heute gibt es die kleine Klinik nicht mehr, wir waren die letzten Fremden im Slum K. Polizei indes gibt es noch immer nicht, die marodierenden Banden kommen wohl weiterhin und auf welches Dach, Mütter und Kinder wohl heute flüchten, weiß ich nicht.

Vor ein paar Jahren lebte ich für einige Monate in Rom. Die Fenster der  Wohnung, in der Via Nomentana gelegen, zeigten auf ein Polizeirevier. Eines späten Nachmittags, lag ich im Schatten des Zimmers und schloss die Augen. Als ich aufwachte, hatte ich jenes so gründlich vertraute : dam-dam-da-da-dam-dam meiner Kindheit in den Ohren. Aber war es nicht unwahrscheinlich und vollständig auszuschließen, dass die Banden des Slums K. nun durch Rom marschierten? Aus dem Fenster heraus sah ich nur die Tore der Polizeistation. Dann stieg ich auf die Dachterrasse und sah in den gegenüberliegenden Hof: dort sammelte sich ein Polizeibataillon, alle in schwarz, mit Helmen bewehrt, die schwarzen Motorradhelmen nicht unähnlich sahen. Mit ihren Schlagstöcken die sie gegen die Schilder schlugen, erzeugten sie das gleiche : dam-dam-da-da-dam-dam, auf welches sich auch die Banden des Slums K. so vorzüglich verstanden. Heute Abend ist Fußball, erklärte mir der Nachbar L., Anwalt, der mit seiner Mutter in der Wohnung unter mir lebte und ungestört vor den Augen seiner Mutter auf der Dachterrasse rauchen wollte. L. habe ich nie anders gesehen als in dunkelblauen Anzügen und passendem Einstecktuch und bald trafen wir uns auf der Terrasse und sahen auf die Straße auf der sich die Polizisten in Marsch setzten. Eines Samstags-Abends aber als die Polizisten sich in Bewegung setzten, flogen Steine auf das Tor und bald schon war der Verkehr auf der Via Nomentana zum Erliegen gekommen und verbissen wie ein Knäuel von Hunden schlugen sich Polizisten, die in ihren schweren Uniformen bald das Nachsehen hatten und wie hilflose Käfer auf dem Rücken zappelten mit Hooligans, die mit Glasflaschen, Steinen und Gummigeschossen feuerten, bis schließlich die Straße ein Schlachtfeld geworden war. L. und ich sahen starr auf die Straße. Dass es wohl jetzt nichts nützte die Polizei zu rufen, erübrigte sich von selbst. L. der vornehm rauchende Mann mit Einstecktuch verlor die Fassung und spie auf den Boden: „Che ragazzi“, schrie er und schüttelte den Kopf. Starr und stumm wie damals die Mütter, die ihren Kindern die Augen verschlossen sahen die Nachbarn auf die fliegenden Steine, berstenden Flaschen und brennenden Mülltonnen. Dann kam Verstärkung. Irgendwann wurde es wieder ruhig in der Via Nomentana. Am nächsten Morgen räumten wir auf. Allen voran die Mutter des L. Sie pflanzte Blumen. Ihr Sohn und ich küssten uns im Treppenhaus. Beides, ihre Blumenkörbe und seine angenehm kühlen Lippen haben mich sehr beeindruckt. Dann zog ich aus Rom fort.

Ich musste aber erst nach Berlin ziehen um zu lernen, dass die gleichen Leute, die wie selbstverständlich ihr Fahrrad bei der Polizei gestohlen melden, gleichzeitig ohne mit der Wimper zu zucken zu Solidarität mit Brandstiftern aufrufen, die wie die marodierenden Banden im Slum K. mit den Schultern zucken, wenn es eben brennt. Ich habe erst hier gelernt, wo ich zum ersten Mal erfuhr, dass die Polizei kommt, ohne das ein Portemonnaie mit grünen Dollarscheinen geöffnet werden muss und polizeiliches Fehlverhalten- man stelle sich das vor- dokumentiert und verfolgt wird- Polizisten wie selbstverständlich als Bullenschweine zum Abschuss freigegeben werden. Ich lerne nun auch, dass Solidarität denjenigen gilt, die das Geräusch meiner Kindheit, das eindringlich, blecherne : dam-dam-da-da-dam-dam so leicht auf den Lippen führen, nicht aber den Nachbarn meiner Straße, die ganz allein, den Abschleppdienst rufen, die Parolen von den Pfeilern wischen, neu streichen, einen Fahrdienst organisieren und auf eine ganz andere und zugleich doch so ähnliche Weise ganz allein sind wie die Frauen des Slums K., wie die Nachbarn der Via Nomentana und wie ich als ich als Kind zum ersten Mal die Gewalt aus der Nähe von der uns nur eine Dachkante trennte, erlebte und verstand, dass wo es keine Grenzen gibt immer neue überschritten werden. Einfach so und immer so weiter, den Geruch des verbrannten Gummis und des verschmorten Plastiks als stete Erinnerung des Kommenden in der Luft.

In Berlin, so lese ich hat es wieder gebrannt.

Im Feuer

Es ist ein Knacken, als bräche aus dem Unterholz des Waldes auf einmal ein großer Hirsch hervor. Aber um vier Uhr nachts gibt es keine Hirsche in meinem Schlafzimmer in dem auch kein Waldboden liegt. Das Knacken und Knistern aber bleibt und wird unverdrängbar lauter und als ich aufstehe schimmert es rötlich durch mein Fenster. Erst auf dem Balkon sehe ich, dass es brennt. Es brennt überall. Es brennt zu meiner Linken, es brennt zu meiner Rechten und es brennt auch am Ende der Straße. Das Knacken und Knistern indes wird lauter und noch während Polizei und Feuerwehr sagen, dass sie kommen, versuche ich mich daran zu erinnern, wie man eigentlich ein T-Shirt anzieht. Als es mir wieder einfällt, stehe ich schon unten auf dem Hof und sehe in die Flammen, die bis in die Baumwipfel ragen. Die Bäume hier sind 100 Jahre alt und die Gehwege voller Tannennadeln und Kienäpfel und auch die Zäune sind mehrheitlich aus Holz. Da stehen wir also, die Autobesitzer, die nicht nur Nachbarn sind, sondern schon lange Freunde. Hilflos steht man vor den Flammen, die knistern und knacken, die Funken sprühen und sich langsam ihren Weg von den Reifen in die Karosserie fressen, bis sie schließlich auf ein zweites Auto übergreifen. Hilflos erinnere ich mich des Wasseranschlusses an der Hauswand und setze den Gehweg, die Tannennadeln und die Kienäpfel unter Wasser. Es ist ungefähr so, als wollte man einen Zimmerbrand mit der Blumenvase löschen, aber besser als die lähmende Hilflosigkeit ist es allemal. Dann kommt die Feuerwehr und wenig später auch die Polizei. Es riecht nach verbranntem Gummi und die ausgebrannten Autos stehen am skelettgleich am Straßenrand. Kaffee für die Feuerwehrleute. Es ist halb sechs. „Rigaer 94’ bleibt“, steht an einen Hauspfeiler geschmiert. Aber was bleibt, ist ja kein Projekt, sondern was bleibt ist Nachbar A., Rentner, der mit seinem Renault am Wochenende seine Tochter in Hamburg besuchen fahren wollte und jetzt zurück bleibt. Es bleibt Nachbar B., der so freundlich wie hilfsbereit, heute nicht zur Arbeit fahren wird. Zurück bleiben wir, die wir hier wohnen und nacheinander sehen, wir die Nachbarn sind und schon lange Freunde. Hier kann man auf der Straße Federball spielen, jeden nach einem Glas Wasser fragen, Kinder auch in fremden Badezimmern wickeln und ist Hilfe gefragt gibt es mehr Hände als Probleme. Wir bleiben zurück. Noch später, als ich letzte Dinge in die blaue Tasche werfe und die Rosen aus der Vase nehme, immer schon mit Blick auf die Uhr, da höre ich noch immer das Knacken und Knistern des Feuers und sehe ich die verkohlten Überreste der Nacht frage ich mich, ob und was eigentlich der Traum der „Rigaer 42″ Aktivisten sein soll? Einem Rentnerehepaar das Auto anstecken für eine schönere Welt? Sitzen diejenigen, die sich aufmachen in der Nacht dann in Wohnungen, die auf mich einen verkommenen Eindruck machen und stoßen mit  verranzten Kaffeetassen auf den Sieg an? Oder hüpfen sie auf ungelüfteten Matratzen und singen „Venceremos“? Wie ist das möglich denke ich als ich in der Bahn zum Flughafen sitze, dass sie es nicht hören, das Knacken und Knistern, welches dann rasendes Feuer wird? Können sie den Wasserhahn aufdrehen, ohne dass das wütende Feuer lauter in ihren Ohren rauscht? Fragen sie sich nie, ob nicht vielleicht eine kleine Katze, die unter den Reifen schläft, verkohlt wie die Karosserie? Fürchten sie sich nicht, wenn sie weiterlaufen, dass der Wind das Feuer anfacht und ganze Straßenzüge niederbrennt? Noch als ich in Dublin ins Büro komme, wo alle Welt dem Brexit zürnt und es aus Strömen gießt, höre ich dieses entsetzliche Knacken und Knistern des Feuers und frage mich wie man mit dem Niederbrennen so zufrieden und glücklich leben kann, wie diejenigen die heute Nacht kamen es tun.

2o Meter entfernt übrigens, von den brennenden Autos steht das ehemalige Wohnhaus Jochen Kleppers, der um sich und seine Familie vor der Deportation zu bewahren, Selbstmord beging. „Vorsicht Gas“ schrieb er auf den Zettel, den man auf dem Küchentisch fand.