Ein halbes Königreich für vier Tennisbälle.

Sechs Uhr: Das Fräulein Read On hat eine weitere Nachtschicht überstanden, ist nach jener im Meer geschwommen, hat sich die Shetlandponyhaare gewaschen, die Zähne geputzt, die Bettdecke aufgeschlagen, sich vom Tierarzt eine Wärmflasche ( die ewig kalten Füße ) ans Fußende legen lassen und seufzt. Das Fräulein seufzt noch einmal, denn dem Fräulein ist wohl zu Mute. Das Meerwasser war nicht zu kalt, die Bettwäsche ist frisch gewaschen und riecht nach Seewind und Garten, des Fräuleins Zehenspitzen sind warm und die Uhr zeigt gerade sechs Uhr. Das heißt, dass ganze vier selige Stunden Schlaf vor ihr liegen, denn um 11 bekommt das Fräulein Besuch von einer lieben Freundin, die auf dem Weg nach New York in Dublin Station macht, um das Fräulein zu besuchen. Der Kühlschrank ist angefüllt mit Käse und Marmeladen, Joghurt und Salaten, unter einem weißen Leintuch schläft der Hefezopf und der Tisch ist auch schon gedeckt. Der Volvo ist TÜV- geprüft und so kann die liebste Freundin vom Flughafen abgeholt werden, das Fräulein seufzt ein drittes Mal und vor ihren müden Augen wiegen sich Banyan Bäume sacht im Wind, Papageien kreischen leise und die Sonne scheint heiter und sacht auf des Fräuleins Nasenspitze. Von fern ist leises Rauschen zuhören ( kein Wasserfall, sondern ein sich brausender Tierarzt ) und darüber schläft das Fräulein ein. Ein Papagei landet auf des Fräulein’s Schulter, aber als sie mühsam blinzelt ist es gar kein grün-grau getupfter Papagei, sondern die Hand des Tierarztes, die an meine Schulter fasst.

„Oh Prinz aus dem Morgenland mit den silbergrauen Augen und dem Dolch aus Edelsteinen, murmele ich: Feuer, Wasser oder Wind?“

„Mädchen flüstert es an mein Ohr, ich suche meine Tennisbälle.“ Der Tierarzt muss man wissen spielt am Samstag Tennis mit dem R. Der Tennisplatz aber ist eher ein begradigter Acker mit einem Netz und man muss Schläger und Bälle mitbringen. Der R. und der Tierarzt sind zu meinem kompletten Unbegreifen strenge Anhänger des Tennissportes. Ich habe auf diesem Platz nur einmal einen Tennisschläger in die Hand genommen, dann traf mich ein Tennisball und ich fiel um. (Mehr braucht man über mich nicht zu wissen.) Der R. und der Tierarzt aber fröhnen dem Tennisspiel mit Hingabe und ächzen dabei wie die Galeerensklaven.

„Mädchen?“, flüstert der Tierarzt noch einmal. „Hmm“, murmele ich, denn ich schlafe ja und die Banyanbäume wiegen sich im Wind und die Papageien singen frohe Lieder.

„Kommode, Flur“ krächze ich und drehe mich nach links. Die Papageien singen schöner denn je. Der Tierarzt rennt die Treppe hinunter, aber vielleicht tappt ja auch ein Tiger durch meine Träume. Aber schon ist der Tierarzt zurück:

„Nein, Mädchen auf der Kommode sind die Tennisbälle auch nicht.“

„Prinz aus dem Morgenland, flüstere ich, irgendwo werden sie schon sein, dieses Haus ist ja nun weiß G*tt kein Palast. Damit will ich meine Schuldigkeit für getan erklären und rutsche noch ein Stück tiefer unter die Decke. Banyanbäume! Papageien! Inzwischen aber hat der Hund, das Wort Ball gehört, er hechtet nun seinerseits die Treppe hinauf und weil der Tierarzt noch immer murmelt: Oh, wo ist nur der Ball, Mädchen, wo nur ist der Ball, Mädchen?“, springt der Hund auf das Bett und leckt mir begeistert über das Gesicht. Vergessen sind Banyanbäume und Papageien und ich fahre hoch. Ich sehe einen ewartungsvoll hechelnden Hund und den Tierarzt: „ Mädchen, wenn Du jetzt wach bist, kannst du mir doch suchen helfen. Bitte.“

Ich strecke meine warmen Zehen ins kalte Zimmer. „Ein halbes Königreich für vier Tennisbälle, murmele ich und dann suche ich missgestimmt nach vier gelben Bällen. Es ist 7:02. Es sind schon Prinzen wegen geringerer Dinge in den Kerker geworfen worden und dann halte ich mir den Zeh, den ich mir am Bettpfosten stieß. Ich suche im Bettkasten, im Kleiderschrank, im Schmutzwäschekorb, bei den Putzmitteln, der Hund liegt inzwischen schlafend in der frisch gewaschenen Bettwäsche und träumt sehr sicher von Banyanbäumen und tirillierenden Papageien. Ich suche in den Taschen der Wintermäntel und in allen Taschen und Beuteln nach vier elenden Tennisbällen.

Der Tierarzt liegt unter dem Schuhbord, durchsucht die Papierkörbe, öffnet die Schreibtischschubladen, nur um sie ergebnislos zu schließen, steigt auf den Dachboden und rennt in den Garten hinaus. Ich mache inzwischen Tee.

„Wie kannst du jetzt an Tee denken?“, fragt der Tierarzt deutlich echauffiert.

Ich sage lieber nichts, sondern puste über den Rand der Teetaste. Der Blick, den ich dem Tierarzt zuwerfe, ist der Blick der dreizehnten Fee, nicht der Blick der lieben Fee. Der Tierarzt gräbt sich achtzigsten Mal durch seine Sporttasche. Aber auch in der Sporttasche sind keine vier gelben Bälle.

„Du solltest auch einen Tee trinken Tierarzt“, sage ich, das beruhigt. Dann stelle ich die leere Tasse in die Spüle und sage: „Ruf doch den R. an, soll er halt an die Bälle denken.

„Ich kann den R. doch nicht um 7. 41 wecken!“ ereifert sich der Tierarzt.

Ich zähle sehr langsam bis zwanzig. Dann schlägt die alte Standuhr dreiviertelacht. Als die Uhr aufhört zu schlagen, rollen vier gelbe Tennisbälle vom Schrank und knallen mir auf den Kopf. „Ach,ja ruft der Tierarzt“, ich hatte ja die Tennisbälle auf den Schrank gelegt, damit die Katze sie nicht erhascht.

„Soso“, grummele ich finster. Aber während ich mir noch den Kopf reibe, und der Tierarzt sich seiner abendlichen Klugheit rühmt, ist der Hund schon „Ball, Ball“ die Treppe heruntergestürzt und kaut begeistert auf einem der Bälle. „Aus, aus“, ruft der Tierarzt und der Hund speit den Tennisball endlich aus. Das Fräulein wäscht einen Tennisball mit ‚Rai aus der Tube’ und der Tierarzt föhnt den Tennisball trocken.

„Oh Prinz aus dem Morgenland mit den silbergrauen Augen, suchst du noch etwas, oder darf sich die Kammerzofe wohl zurückziehen?“

Doch der Tierarzt hört mich schon nicht mehr, draußen hupt der R. Ich wanke die Treppe hinauf, und sehe auf die Uhr: 9:01 Uhr. Die Wärmflasche ist kalt, im Bettbezig sind Hundehaare und die Papageien singen längst in anderen Träumen schöne Lieder.

Sonntag

Von der See zurückkommen. Kalt ist die See und alles schläft. Taube Fingerspitzen und taub trifft es vielleicht auch insgesamt sehr gut. Taube Fingerspitzen gegen die heiße Tasse Tee. Alles schläft, Dorf, Tierarzt, die Tiergemeinschaft, ich bin wach und meine Fingerspitzen geben der warmen Tasse nicht nach. 6.25 Uhr sagt die Uhr und ich wecke den Tierarzt. Der Tierarzt hat heute Notdienst. „Tierarzt“, sage ich und streiche ihm über die Stirn. Meine tauben Fingerspitzen tun den Rest. Der Tierarzt geht ins Bad und ich krieche in sein T-Shirt, meine Fingerspitzen liegen kalt gegen meine Rippen. Das Wasser rauscht und ich lege die Hände hinter dem Kopf zusammen. Wenn ich dich jetzt küsse, sagt der Tierarzt, höre ich nicht mehr auf“,und ich lege ihm die Finger auf die Lippen. Dann fällt die Tür ins Schloss und ich wickle mich in die Decke und in die Stille und schließe die Augen.

Dann klingelt mein Telefon. Das Telefon zeigt zehn Uhr und das Gesicht des Tierarztes. „Ja?“ sage ich. Der Tierarzt sagt: „Die Tierarzthelferin ist umgekippt und das Wartezimmer ist voll.“ Ich möchte schreien. Aber ich schreie nicht, sondern ziehe mich an, leihe mir das Auto des Priesters und fahre in die Praxis. Meine Hände sind kalt, ich habe noch nichts gegessen und ich bin so müde, so unendlich müde. Das Sprechzimmer ist voll und ich atme tief ein. „Es tut mir leid“, sagt der Tierarzt, dann stürzt der Computer ab und ich möchte jetzt sofort gleich ein anderes Leben kaufen. Wo macht man das?
Ich ziehe den Stecker und der Computer geht wieder. Das Wartezimmer ist so voll, dass wir Stühle aus dem Keller holen müssen. Mir wird übel von dem Geruch der Tiere. Eine Frau mit einer verfetteten Katze beschwert sich über die Wartezeit. Ihrer Katzen tränen seit vier Wochen die Augen. Mich überfällt hässlicher Ekel vor der Frau und ihrer Katze und ihre trommelnden Fingernägel auf der Tischplatte. Ich erkläre das Konzept Notdienst. Sie hört nicht zu, sondern hält mir die Katze immer näher ans Gesicht. „Bitte setzen Sie sich hin“, sage ich und öffne das Fenster. Es kommen Hundebesitzer, die keine Zecke selbst entfernen können, immer noch mehr Katzen, ein Pudel mit Angststörung, wie mir die Pudelhalterin erklärt. Der Pudel kaut indes selbstvergessen an der Teppichkante. Zwei Kanarienvögel pfeifen schrill und unermüdlich. Ein Mann in Lederhosen bringt eine schwarze, langbeinige Spinne an. Symptomatik unklar. Mein Verhältnis zu Spinnen ist nur in Teilen freundschaftlich. Im Land K. jagte ich Spinnen mit einer Bratpfanne und die Spinne starrt mich an, so als wüsste sie alles. Ich starre zurück. „Ich habe die Bratpfanne noch, Spinne“ denke ich und sage mit gespielter Freundlichkeit: „Bitte nehmen sie doch noch einen Moment Platz.“ Die Spinne heißt Lucy, sagt der besorgte Spinnenbesitzer. „Sie ist ja eine ganze Hübsche ihre Lucy“ sage ich und der Spinnenbesitzer nickt. „Nach meiner Ex benannt“, sagt er.

Ich habe wirklich Hunger aber in der Praxis gibt es nicht einmal eine Packung Cracker. In meiner Hosentasche finde ich ein angelutschtes Pfefferminz. Das muss das gute Leben sein. Die Spinne grinst hämisch zu mir herüber. In einem unbeobachteten Moment strecke ich ihr die Zunge heraus. Meine Hoffnungen auf Bhel Puri in der Mittagspause verfliegen, denn als endlich alle Hunde, Katzen, Kanaris und Lucy die Spinne verschwunden sind, klopft es schon wieder und ein Mann betritt die Prxis. Larry geht es nicht gut, sagt er und ich starre auf Larry. Larry ist eine Urzeitechse. Seine Augen haben etwas von spöttischer Verachtung. Ich sprinte ins Sprechzimmer. „Tierarzt, sage ich, der Mann da hat einen Drachen dabei.“ „Bartagame“, murmelt der Tierarzt. Larry ist inzwischen aus dem Transportbehältnis ausgebrochen und mit allerletzter Kraft und nur weil es mir so peinlich ist, springe ich nicht schreiend auf den Tisch oder noch schlimmer erhebe den Schuh gegen das Ungeheuer. Sein Besitzer kniet auf dem Boden und kreischt: „Larrylein, Darling komm zu Papa.“ Ich will mich dringend übergeben. „Mach was“, sage ich zum Tierarzt, aber der Tierarzt kann Larry auch nicht sehen. Ich verfluche mein Dasein. Larry springt auf meinen Schuh und ich umklammere die Hand des Tierarztes sehr fest und zische: „Mach es weg.“ „Larrylein, du bist wieder da“, sagt der Mann und strahlt mich an. „Er mag sie.“ Ich kann einen Fluch nicht unterdrücken. Immerhin fluche ich in Hindi. „Was haben sie gesagt?, fragt der stolze Drachenzähmer“ „Was für ein reizendes Tier, schon die G*ttin Laxmi soll sich Glück von diesen Tieren erhofft haben.“ Könnte ich doch einmal meinen Mund halten. Denn schon legt sein Besitzer, Larry hocherfreut in meine Arme. Ich bin kurz vor der Ohnmacht und zum Glück nimmt der Tierarzt mir den Untam ab. Dann snackt Larry zwei Fliegen und grinst hämisch. Ich zeige auf meinen Schuh. Larry muss schlucken. „Alles in Ordnung, Mädchen?“, fragt der Tierarzt. Ich nicke.

Dann wasche ich mir lange die Hände. Der Tierarzt legt mir die Hände auf die Schultern. Ich springe entsetzt zur Seite, bleibe am Stuhl hängen und krache gegen den Tisch. Irgendwo lachen Lucy, die Spinne und Larry, die Bartagame. „Oh Mädchen, sagt der Tierarzt, das wusste ich nicht.“ Ich finde mich peinlich, mein Schienbein tut weh und ich habe Hunger. Ich sage: „Bitte wasch Dir die Hände, ja?“ Ich möchte auf der Stelle in Tränen ausbrechen, aber dann klopft es schon wieder. Ich rapple mich hoch und erwarte, dass eine Würgeschlange oder ein Pinguin über mich herfallen, aber in der Tür steht ein Bube mit verschmierter Nase. Er hat einen Schuhkarton in der Hand. „Was ist da drin, krächze ich und der June schnieft: mein Kaninchen.“ Ich atme aus. „Es frisst nicht mehr,“ weint der Junge und ich sehe auf das Häschen herunter. Der Hase hat Schlappohren und sieht in etwas so aus, wie ich mich fühle. Der Junge greift in seine Hosentasche und zieht einen Plastiksack mit Münzen hervor. „Das ist alles Geld, was ich habe, sagt er und ich schüttle den Kopf. „Hör mal, sage ich, das Geld behältst du lieber für Mohrrüben, ja?“ Dann bekümmert sich der Tierarzt um den Hasen. „Der Tierarzt ist ein Held“, ruft der Bube und drückt den Hasen fest an sich. Ich lächle säuerlich.
Im Wartezimmer sabbert eine Dogge auf den Boden und eine Katze speit auf die Anmeldung. Der Geruch ist so widerwärtig, dass mir wenigstens der Hunger vergeht. „Sie dürfen ihrer Katze keine Pralinen geben“, sagt der Tierarzt. Die Frau ist empört. „Und Eis?“ Ich wische Katzenkotze auf und rutsche fast auf dem Sabberfleck der Dogge aus. Der Tierarzt muss der Dogge einen Dorn aus der Pfote ziehen und die Dogge sabbert immer mehr. Der Doggenbesitzer muss sich hinsetzen. Ich wünschte ein Prinz aus fernen Landen entführte mich auf sein Schloss, fütterte mich mit Erdbeertorte und massierte mir die Füße.Wenn Sie ein Prinz sind, gerade Erdbeertorte backen und keine Dogge haben, melden Sie sich doch. Wenn Sie ein Prinz sind, Erdbeertorte backen und eine Boa Constrictor namens Gretchen haben, melden Sie sich lieber nicht.
In der Realität aber tropft Doggenspeichel an mir herab und ich rieche nach Katze und Desinfektionsmittel. Die Dogge bekommt einen Verband und mein Magen ist ein schwarzes Loch.

Endlich ist das Wartezimmer leer. Wir putzen die Praxis und ich überlege ob ich die Jeans ausziehe und in Unterwäsche zurückfahre, aber es ist das Auto des Priesters.
Mädchen?, sagt der Tierarzt sehr, sehr leise. „Tierarzt, krächze ich, Schokoladentorte, jetzt, sofort.“

Dreizehn

Einmal will ich es richtig machen. Ich fahre nach der Nachtschicht nicht ins Büro, sondern zurück in das kleine, irische Dorf. Der Tierarzt steht auf und ich ziehe mich aus. Sein graues T-Shirt ist noch warm und während ich mir die Zähne putze, mache ich die Augen zu. Blauer Schaum im weißen Becken. Die Bodenfliesen glitzern und die Welt dreht sich langsamer, blauer Schaum und kaltes Wasser. Das Telefon höre ich nicht, aber der Tierarzt hört das Telefon und kommt ins Bad. Sein Gesicht im Spiegel hat dunkle Schatten, dann nehme ich das Telefon und zwei Minuten später ist mein Gesicht genau so schattig wie das Seine. Ich drehe mich um, ziehe das graue T-Shirt wieder aus und dunkelblaue Scrubs wieder an. Der Tierarzt und ich sagen nichts im Auto, die See zur Linken und zur Rechten ein grüner Tag, Sonnenschein, Vögelgebrüll, dichte, grüne Hecken, dann die graue Autobahn. Das Krankenhaus ist ein Krankenhaus wie es viele gibt. Der Tierarzt küsst mich auf die Stirn und ich lege meinen Kopf unter sein Kinn. Eine Viertelsekunde lang vielleicht. Kam man Wimpernschläge zählen?

Das erste was ich höre ist die Mutter. Meine Schuhe quietschen auf dem Flur. Desinfektionsmittel und immer noch der Zahnpasta Geschmack auf der Zunge und auch Rost und Eisen. Die Mutter hat kurze, schwarz gefärbte Haare und die schreit: Sie ist dreizehn. Sie schreit immer wieder und ich gehe weiter, dafür bin ich da, weitergehen. Das Kind ist dreizehn Jahre alt und bekommt ein Kind, dafür bin ich da. Ein Fall für dich Read On. Weißt du noch Read On, sagt mein Kopf, weißt du noch, damals im Sudan, aber dann gehe ich schon wieder weiter, mein Kopf ist eine Schublade voller abgeschlossener Kästen. Ich setze mich zu dem Kind auf dem Bett. Das Kind schreit vor Schmerzen und es schreit nach seiner Mutter. Die Mutter des Kindes schreit auf dem Flur:

SHE CAN’T BE PREGNANT. SHE IS THIRTEEN. YOU GOT IT FECKIN WRONG.
Die Hand des Kindes ist kalt.
I AM GOING TO FECKIN KILL HER. I KILL HER.
Ich streiche dem Kind über die Stirn.
FECKIN KILLIN HER.
Das Kind schreit nach seiner Mutter.
Die Mutter stürmt in das Zimmer: TELL ME THAT CAN’T BE TRUE.
Das Kind weint. Seine Fingernägel sind rosa und glitzern, das Kind drückt seine Fingernägel tief in meine Hand hinein.
Ich stehe auf. „Hören Sie, sage ich, ihre Tochter braucht ihre Unterstützung. Jetzt.
Die Mutter schreit: YOU ARE A WHORE. Das Kind schreit nach seiner Mutter. Bitte, sage ich zu der Mutter und sehe sie an, bitte verlassen sie das Zimmer, wenn sie nicht für ihre Tochter da sein können.
„YOU ARE SUCH A BITCH! Schreit die Mutter und stößt mich gegen den Türrahmen.
Das Kind schreit nach seiner Mutter.
Die Mutter dreht sich um und geht.
Das Kind schreit: MOMMY, MOMMY COME BACK.
Die Mutter dreht sich nicht um.
Das Kind schreit nach seiner Mutter und ich lege meine Arme und das Kind klammert sich an meinen Hals. HELP ME, schreit das Kind. Das Kind ist dreizehn und uns läuft die Zeit davon. Das Kind bekommt ein Kind und dafür bin ich hier. Durch meine Nächte laufen die Frauen, die noch immer Kinder sind, das ist der Krieg, in den Kriegen sind die Männer Soldaten und die Kinder bekommen Kinder, das Linoleum quietscht unter meinen Füßen.

I AM SCARED sagt das Kind und ich nicke. Dann singe ich ein Lied für das Kind. Zwischen dem Sudan und all den Ländern bis in ein irisches Krankenhaus hinein, singe ich alte und neue Bollywood Lieder, Chup Chup, Ke Chup, die Kinder müssen weiteratmen und ich muss es auch. „Mein Baby“ sagt das Kind und sieht auf das Bündel in seinen Armen. Das Kind hält das Kind fest.
Ich wasche mir die Hände und das Wasser ist kalt. Im Krankenhaus Kiosk kaufe ich ein blaues Stofftier. Ich lege das Stofftier neben das Kind ins Bett. Das Kind des Kindes wird nicht älter werden als ein oder zwei Tage. Das Kind im Bett schläft.

Auf dem Flur vor dem Zimmer wartet ein Mann. Fleckige, rote Wangen. Er sei ein Onkel. Ich stehe mit dem Rücken in der Tür. „Seine Nichte.“ Ich schüttle den Kopf. Ich sage irgendetwas mit Autorität. Der Mann geht zur Seite. Der Krieg, der in die Körper der Frauen tritt, ist nicht nur im Sudan, ist auch in irischen Wohnzimmern, hat Onkel, Väter und Brüder und schweigende Mütter, Tanten und Cousinen. Dann kommt die Polizei und der Arzt und ich stehen mit dem Rücken zur Wand. Ich gehe hinunter, in den kleinen Park. Der Himmel ist kühl und wieder geht die Sonne unter. Der Consultant legt seine Hand auf meine Schulter. Wir sagen nichts. Desinfektionsmittel klebt uns zwischen den Zähnen, der Pförtner sagt: „Endlich vorbei?“ Ich starre ihn an. Der Tierarzt wartet unter den Bäumen und meine Hände zittern. Die Sonne ist untergegangen. Ich mache das Fenster auf und der Tierarzt sieht mich an. „Bitte halt an“, sage ich oder höre ich mich sagen und dann stolpere ich eine Böschung hinunter. Brombeerhecken, Ginster und Efeu und meine Hände verfangen sich in den Brombeerdornen. Mir ist so schlecht und der Tierarzt hält mir die Haare aus dem Gesicht. „Es tut mir leid“, sage ich und der Tierarzt schüttelt den Kopf. Zuhause ziehe ich mich aus. Das graue T-Shirt fällt über meine Knie. Der Tierarzt zieht Brombeerdornen aus meinen Händen. Meine Hände sind kalt. In meinen Händen sind die Fingernägel des Kindes eingegraben. Der Tierarzt deckt mich zu und über mein Gesicht laufen die Frauen, neben mir liegt das Kind, dann wache ich auf und sitze auf dem kalten Rand der Badewanne, lehne den Kopf gegen das Waschbacken. In der Nacht stirbt das Kind des Kindes. Ich liege auf dem Badezimmerfußboden, die kalten Kacheln im Rücken. Der Tierarzt legt sich zu mir, bitte komm zurück, sagt er und ich suche nach einem Schlüssel für die Schubladen in meinem Kopf, mein Mund ist voller Papier und erst als der Tierarzt mich unter die Dusche zieht, geben meine Hände nach. „Dreizehn“, sage ich und das T-Shirt ist ein grauer, nasser Ball vor meinen Füßen und das Wasser schlägt kalt gegen meine Wange.

Der Tierarzt, die Frau des Krämers und die Sache mit Deutschland.

Die Ladenglocke klingelt noch schriller als sonst. „Ha, sagt die Frau des Krämers. Fräulein Read On, ich dachte sie hätten den Tierarzt nun endgültig entführt.“ Die Frau des Krämers wirft mir einen Blick zu, der schon stärkere Fräuleins aus den Schuhen geworfen hätte, aber die Frau des Krämers weiß nicht, dass es da einmal einen Oberarzt gab, der mit Skalpellen warf und so laut brüllte, dass unten in der Pathologie Tote nach ihren Schlüsseln suchten. Ich wünsche der Frau des Krämers also auch einen guten Abend.

Schon aber schellt die Glocke erneut und Tierarzt steht auch im Geschäft. Die Frau des Krämers streicht sich die Haare hinter ihr Ohr und hätte sie eine Puderdose, jetzt käme sie zum Einsatz und flötete: „Ach Tierarzt, ihr Kälbchen hat sie ja sooooo vermisst, und wir Sie natürlich auch.
Der Tierarzt hat feuchte Augen, denn natürlich hat er den ganzen Nachmittag ( das Fräulein arbeitete ) mit Kälbchen im Heu gelegen und ihm Karottenblumen geschnitzt.

„Na Tierarzt, nun erzählen Sie doch mal, sagt die Frau des Krämers, wie ist es Ihnen den ergangen in Deutschland?“ und ich suche derweil nach Vanille und Backpulver

„Deutschland ist schön!“, sagt der Tierarzt und Rügen noch schöner.“

„Aber Irland ist auch schön“, sagt die Frau des Krämers und holt tief Luft.

„Irland ist anders“, sagt der Tierarzt und schaut die Frau des Krämers trotzig an.

„Aber das Wetter muss fürchterlich gewesen sein, überall Wolken und Regen!“ schnarrt die Frau des Krämers, sie habe das alles im Internet nachgesehen.

 Der Tierarzt aber schüttelt den Kopf: „Man muss selbst dort gewesen sein“, sagt er: „In Deutschland, Frau des Krämers ist selbst der Regen warm“ und der Tierarzt zwinkert mir zu, denn zwei kleine Nichtenkinder haben mehr als einmal einen Eimer sonnenwarmen Wassers über ihm ausgegossen. „Die Wolken in Deutschland müssen Sie wissen, sind alle Schäfchenwolken und sehen Sie doch nur das Mädchen ist ganz braun.“

Die Frau des Krämers rümpft ihre Nase. „Die Bäuerinnen waren früher auch immer alle ganz braun, knurrt sie und lobt die blasse Eleganz ihrer Tochter und zeigt dem Tierarzt auch ihre fast perlweißen Arme. Der Tierarzt aber schüttelt den Kopf: „Je dunkler, je besser.“ Ich versuche nicht zu kichern und staple, Milch, Eier und saure Gurken auf die Ladentheke.

„Aber, und nun ist die Frau des Krämers wieder siegesgewiss, das Essen in Deutschland muss schauderhaft sein: Sauerkraut und Sausages und dicke Kuchen und sie rudert mit den Armen: Kartoffelsalat.“ Der Tierarzt aber schüttelt wieder und deutlich energisch den Kopf: „Aber Frau des Krämers, die Deutschen lenken den Rest der Welt nur ab mit Wurst und Kraut. Die Deutschen haben Sanddorn. Die Frau des Krämers versucht das Wort zu wiederholen. S-A-N-D-D-O-R-N wiederholt der Tierarzt noch einmal. The best in the whole wide world. „Wir haben eine ganze Kiste Sanddornsaft mitgebracht“, sage ich und lege Äpfel und ein Stück Parmesan zu den restlichen Dingen. Die Frau des Krämers starrt den Tierarzt fassungslos an- Sanddorn krächzt sie und der Tierarzt sagt: Am Besten ist Sanddornsaft lauwarm. Der Tierarzt aber ist schon weiter und fügt hinzu, was er noch alles gegegssen hat: Matjes in Buttermilch, ein Viertel Stück Geburtstagskuchen, Pfannkuchen mit Johannisbeeren frisch vom Strauch, eine Marzipankartoffel, ein halbes Samosa, grüne Haribo Frösche und Spinat mit Ei ( singen Sie an dieser Stelle bitte ein Loblied auf meine liebe C. die Kinder und den Tierarzt ) mit ihrer Sanftmütigkeit aus Eisenstahl an den Tisch bekommt. Die Frau des Krämers aber stößt noch einmal Sanddorn hervor wie ein Stoßgebet und der Tierarzt ist gleich dabei ein neues Loblied auf den Wundersaft anzustimmen. „So gesund,Frau des Krämers.“ Ich bringe Senf und Schokolade an und der Tierarzt strahlt die Frau des Krämers an, die ganz gegen ihren Willen natürlich doch weiche Knie bekommt, denn nicht umsonst sind die Damen Krämer ja dem Tierarzt und seinem 200 Watt Lächeln verfallen und man sagt zwischen Dublin und Dingle sind selbst Hühner von der Stange gefallen, nur weil der Tierarzt sie anstrahlte und sagte: Mesdames, Sie hatten eine Wurmkur bestellt?

Die Frau des Krämers aber hält sich mit beiden Händen am Ladentisch fest und holt zu einem letzten Schlag aus: „Aber Tierarzt, Deutsch muss doch eine schreckliche und schrecklich schwere Sprache sein und dann äfft sie ein kläffendes Gebell nach, dass sie sich bei deutschen Touristen abgeschaut hat. Aber der Tierarzt ist nun ernstlich empört und baut sich vor ihr auf und rattert alle seine Vokabeln herunter: Hallöchen-Moin-Mädchen-Sanddorn- Eis- nech-Hund-Katze-Maus-Mädchen-bittedankegerne-Bötchen-Kälbchen-Mädchen-Kreidefelsen-ihrMäuseEssenSchlafenBaden-Hier Mädchen-Dort Mädchen, Küsschen-JonnyguterJunge-Halt-Mädchen weiß Deutsch- herunter und die Frau des Krämers ist indessen zu einer Salzsäule erstarrt. Aber der Tierarzt ist noch nicht fertig und zieht mich zu sich heran und sagt: Listen: „Deutsch ist Mädchensprache.“ Dann küsst der Tierarzt mich ziemlich eindeutig und mir fällt fast die Milchflasche aus der Hand. Die Frau des Krämers atmet schwer. Aber der Tierarzt strahlt und dann fällt dem Tierarzt noch ein Wort ein: Leuchtturm und als die Frau des Krämers wenigstens den 2. Weltkrieg ins Feld führen will, erklärt der Tierarzt der Frau des Krämers, dass die Deutschen ihre Hunde in Wägelchen und gepolsterten Körben spazieren fahren und fährt sich durch das Haar. Wenn der Tierarzt sich durch das Haar fährt, sieht er immer ein bisschen so aus wie der Mann aus der Davidoff Cool Werbung nur eben sehr, sehr viel dünner und die Frau des Krämers wird immer sehr rot, wenn der Tierarzt sich durch die Haare fährt, wie auch die Hühner, Schafe und Kälber zwischen Dublin und Dingle, nur das Fräulein kramt nach Haferflocken und versäumt das Spektakel, als die Haferflocken auf der Theke liegen, sagt der Tierarzt mit Dustin Hoffmann Lächeln noch einmal: Germany is so sexy.

Die Frau des Krämers ist kurz vor der Ohnmacht, ich krame nach dem Geldbörsel und das letzte was wir von der Krämersfrau für heute hören ist: 28, 93 Euro, bitte.

„Germany is so sexy?“, sage ich zum Tierarzt als wir wieder auf der Straße stehen. Der Tierarzt fährt sich noch einmal durch sein Haar und nickt: „so sexy Mädchen.“ Zwei Frauen mit Kinderwagen bleiben stehen und starren dem Tierarzt unverhohlen hinterher. Die Frau des Krämers steht noch immer unbewegt hinter dem Tresen und hebt matt die Hand und wir kichern erst als die Haustür im Oberland sich knarrend hinter uns schließt.

 

 

Sag Read On, was machst du eigentlich den ganzen Tag?

Frau Brüllen will es wissen. An jedem 5. eines Monats fragt sie in Groß-Bloggersdorf herum und der Großbloggersdorfer schreibt auf was er so erlebt. Et voilà.

5 AM: Um fünf Uhr in der Früh zum See hinunter fahren. Vorsichtig die Dielen zählen, um den Tierarzt nicht zu wecken. Aber der Tierarzt schläft und atmet leise und ich lege das Handtuch in den Korb und zehn Minuten später schon, steige ich ins Wasser. Das Wasser ist dunkelgrün, flackert hellgrün, lächelt zuweilen lindgrün, die ganze Welt um den See herum ist grün, so grün, grün, grün, grün sind alle meine Kleider, aber die Bäume summen nur stumm. Hier am Berliner Stadtrand gibt es keine Jäger. Der Schwan putzt sich und der See gurgelt leise und grün. Es ist ganz still. Ich schwimme langsam tiefer und tiefer in das stille Grün hinein und denke an meine Großmutter, die hier mit mir schwamm, immer war sie schneller, aber niemals war sie stumm, immer legte sie mir neue Wörter in den Mund und ließ mich probieren, sie die großzügigste Liebhaberin der deutschen Sprache hielt nichts zurück vor mir und neben mir nicht nur im See ist die sich täglich vergrößernde Lücke ihrer Abwesenheit und ich wünschte, sie schwömme noch einmal neben mir. Aber sie kommt nicht und schließlich wate ich ans Ufer zurück. Mein Handtuch ist grün wie der See und meine Hände sind immer kalt.

 
7 AM: Ich ernte Johannisbeeren im Garten und meine alte Freundin die Wildtaube pickt Rosinen und unterhält mich mit Neuigkeiten aus der Gartenwelt und Nachbarschaft. Den gelben Eimer mit roten und schwarzen Johannisbeeren bekommen die Nachbarn und die blau-weiß gestreifte Schüssel mit Beeren auf dem Tisch bleibt bei uns. Die Biokiste kommt und ich freue mich. Die Biokiste macht mich immer wieder froh. Für einen Moment sitze ich auf der Bank und sehe in den stillen Garten. Der Garten atmet leise ein und aus wie der Tierarzt oben in die dünne Sommerdecke gewickelt.

8AM Der Tierarzt wickelt sich in meinen Bademantel, der ihm etwa bis zum Bauchnabel reicht und seufzt behaglich. Der Tierarzt hegt eine etwas seltsame Obsession zu meinem alten Bademantel und welch Glück, dass die Frau des Krämers nicht sehen kann, dass der Tierarzt zum allen Überfluss indische Schnabelschuhe an den Füßen trägt und unter dem Bademantel eine Kurta anhat. „Fräulein Read On“ schrie sie, was machen sie nur mit unserem Tierarzt?“ Ich zuckte die Schultern und verwiese auf die Bequemlichkeit der Schnabelschuhe. Neben meinem Bademantel hat der Tierarzt warmen Sanddornsaft für sich entdeckt. Mich kann man mit Sanddorn jagen, aber der Tierarzt schlürft mit sichtlichem Wohlgefallen täglich zwei Gläser und ich bin fassungslos vor Wunder und Glück.

11 AM Nach einem Vortrag über, wer wunderte sich noch- Aufklärung als Präventionsmittel für eine große internationale Organisation belehrt mich ein Mann über das richtige Einführen eines Tampons in langer Ausführlichkeit. Er erzählt etwas von Beschleunigung und hygienischer Ausrichtung aber leider kommt er meinem Vorschlag mir das ganze auf der Toilette doch zu demonstrieren nicht nach, sondern entschuldigt sich mit einem „dringenden Termin.“ Ich bin enttäuscht, nicht einmal mehr auf einen Mansplainer ist Verlass.

4PM Ich breche den Versuch ab ein Sommerkleid zu erstehen, frustriert ab. Es ist erstaunlich wie ein simples Kleid mit Zitrone bedruckt jemanden wie mich entstellen kann. Das Spiegelbild fördert ein so entsetzliches Bild zu Tage, dass ich auf der Stelle in Tränen ausbrechen könnte zu Tage. Ich schüttle mich vor mir selbst und hänge das Kleid zurück auf den Bügel.
Dann kaufe ich Kalbsalsiccia und T-Bone Steaks, denn der F. und zwei weitere Freunde wollen abends zum Grillen im Garten vorbeisehen. Ich meide alle Spiegel und schleppe mich gebückt zurück nach Haus.

 
6.30 PM Der Tierarzt ist am Telefon. Er spricht mit der Mali-Tant. Die Mali-Tant hat ungefähr 7 Englische Vokabeln und der Tierarzt zwanzig deutsche Wörter zur Verfügung. Der Tierarzt flötet „Mali-Darling“ und die Mali-Tant haucht: „Tierarzt Sweetheart“ und die beiden kichern und trillern und der Tierarzt säuselt als hätte er sich ein Honigfass einverleibt. Die Mali-Tanz zwitschert wie sonst nur nach dem dritten Glas Champagner und mit sichtlichem Bedauern und vielfachen in die Hörer geschnalzten Luftküssen, reicht der Tierarzt das Telefon an mich weiter. „Read On“ sagt die Mali-Tant weißt, wenn ich den Jean nicht hät, ich tät dir den Tierarzt glatt abnehmen. „Wie außerordentlich zuvorkommend von Dir Mali-Tant“, sage ich und die Mali-Tant schimpft mich eine fade Blunzen. Als ich auflege, stapelt der Tierarzt gerade Geschirr auf das schwarze Lacktablett. „Weißt Du Mädchen, sagt er, wenn die Mali-Tant den Jean nicht hätte, ich glaube ich würde schwach werden.“ „Oh“, sage ich, dann will ich einmal hoffen, dass der Jean noch lange lebt. „Deinen Bademantel“, sagt der Tierarzt, aber würde ich mitnehmen nach Wien.“ Aha, erwidere ich, nur du wirst dich mit F. dem liebenswürdigen, ehemaligen geschätzten Gefährten einigen müssen, denn er hat vor Jahr und Tag schon den Bademantel zu seinem persönlichen Erbstück erklärt.“ Der Tierarzt zieht einen Flunsch. „Oh dear.“

 
8 PM: Der F. grillt, der Tierarzt steckt die Lampions an. Der J. und die B. streiten über das Dieselauto der abwesenden G. Die Y. erzählt von einer Wanderung durch Portugal, ich esse grüne Chillies und als alle essen und lachen und die alte Freundin Wildtaube sich zu uns setzt unter die Lampions und die Mückenkerzen, da stehe ich auf und gehe nach oben, um die zwei täglichen Karten an Mesale Tolu und Deniz Yücel zu schreiben, in einem zusammengesetzten Türkisch aus dem PONS Intensivkurs „Türkisch in vier Wochen“ und diversen Wörterbüchern. Peinlich und verlegen macht mich das und ich muss mich ermahnen nicht nachzugeben. Auf dem Fensterbrett steht ein Bild meiner Großmutter und ich sehe sie an. „Komm doch zurück“ will ich ihr sagen, komm doch zurück“, doch sie sieht schweigend zu mir herüber und dann kommt der Tierarzt ins Zimmer und legt mir die Hand auf die Schulter: „Mädchen kommst du zurück?“ Ich nicke und klebe die Briefmarken auf die Karten. Dann gehe ich zurück in den Garten. Der J. und die B. streiten darüber, ob ein Glühwürmchen zwischen den Gläsern tanzte, der F. grillt Pfirsiche und meine alte Freundin Wildtaube nickt mir zu.

Woanders ist es auch schön

Glück ist auch ein Weizenmeer. #rügen #ostsee #weizenfeld #hintermhaus #weizenmeer #feldein #glück

A post shared by FräuleinReadOn (@mademoisellereadon) on

 

Der Tierarzt und ich gondeln heute mit dem Oldsmobile zurück nach Berlin. Wenn Sie aber noch in einem rot-weiß gestreiften Liegestuhl in die Sonne blinzeln und alle Bücher schon ausgelesen sind, ist vielleicht Phileas Empfehlung etwas für Sie? 

Ein lesenswertes Gespräch mit Emilia Smichowski über das Selbst, die Anderen und Integration als etwas sehr Privates.

Der Titel ist mindestens so großartig wie der Text und überhaupt das ganze Blog ist eine Schatzkiste. 1. FC Huhn.

Frau Brüllen ist einer jener Menschen mit denen sich auch die Apokalypse noch als ein heiterer Spaziergang gestalten ließe. Große Liebe auch für den Bettenwechsel.

Julia rettet die Bienen. Gar nicht so einfach.

Die Nachrichten sind voll davon, dass China erfolgreich Apple und Co. dazu gebracht hat VPN Player aus ihren Angeboten zu nehmen, weniger hört man darüber, dass in Vietnam kritische Bloggerinnen zu langen Haftstrafen verurteilt wurden. 

Wasser auf meine Mühlen.

Musik gibt es auch im Oldsmobile und so fahren wir singend auf das Festland zurück.

 

‚Der deutsche Mann ist ein Esel.‘

IMG_2891.JPG

Der Tierarzt und ich sitzen auf einer weißen Bank auf der Kurpromenade. Im Kurpavillon führt ein Mann Zaubertricks vor. Meine Neffe und die Nichten 1 und 3 besehen die Zauberei. Meinen Neffen habe ich eindringlich verwarnt: unter Androhung der Höchstrafe: „Nur zwei Kugeln Eis“ ist es ihm untersagt auf die Bühne zu springen und die Zaubertricks des schwitzenden Zauberers mit seinem blauen Hut zu enttarnen. Mein Neffe schiebt schmollend die Unterlippe vor: „Aber ist das nicht Betrug?“ Aber ich wiederhole nur drohend: „Nur zwei Kugeln Eis“ und hoffe der Zauberer wird nicht von meinem naturwissenschaftlich enthusiasmierten Neffen gestellt. Nichte Nummer 2 lehnt an mir und liest ein Buch über Moorleichen. Niemand anders als Nichte 2 hätte in der Buchhandlung-, in der wir für Jonny, Harry Potter besorgten- dieses Buch aufgetan. Jetzt also murmelt sie fasziniert, welche Konservierungstechniken Moore bieten. Den Zauberer hatte sie gleich abgetan. Der Tierarzt und ich sehen also auf die belebte Kurpromenade, die direkt zum Strand führt. Es sind Ferien und die Kurpromenade ist gut gefüllt. Vor uns bewegt sich eine Gruppe von Lasteseln die Promenade hinauf. Aber nicht, dass Sie denken, langohrige Fellnasen trotteten die Straße hinauf, nein es sind Männer, die Bollerwagen aus Holz oder Stoffplanen ziehen. Die Männer schwitzen. Die Wägen sind nämlich voll beladen: Angeln, Käscher, Luftmatratzen, Proviantboxen, Handtücher, Kinderspielzeug, Wechselsachen, Getränkekisten und Laufräder türmen sich auf den Wägen. Die Männer ziehen trotzig und verbissen die schweren Karren. Die Kinder, wie die Mütter, die so mutmaßen wir, wohl zu den Männern gehören sind nirgendwo zu sehen. Vielleicht sind sie schon am Strand oder föhnen sich noch die Haare. Die Kurpromenade ist recht steil, die Wägen schwer, die Sonne sticht und es ist eine lange wie langsame Promenade, die still und schweigend die Karren zieht. Es hat, das lässt sich nicht anders sagen, etwas von der berühmten Seidenstraße, nur eben sind hier nicht die Kamele bepackt. Eine Frau sehen wir doch. Sie ruft: „Mensch Jochen, wo bleibst Du denn?“ Jochen schnauft. Die Frau dreht sich weg. Ich bewundere die Karrenzieher sehr, denn ich verweigere mich solcher Dienste. Mit an den Strand kommt, was sich ans Rad hängen lässt, was sich nicht ans Rad hängen lässt, bleibt daheim. ( Vielleicht lebe ich erziehungstechnisch gesehen noch in den 50er Jahren? Aber ich habe gar keine Erziehungsambitionen, mein Schwesterchen hat einfach vier formidable Kinder ). Die Männer jedenfalls ziehen die Karren und dabei kommt das Schlimmste ja noch: auf der gepflasterten Promenade lassen sich die Handwägen ja noch ziehen, aber auf dem feuchten Strand muss das ein schauderliches Geschleppe und Geziehe sein. Aber dann ist der Zauberer mit seinen magischen Tricks schon fertig und auch wir laufen zum Strand hinunter. Bevor die Lastenmänner ankommen, sind wir schon zweimal im Wasser gewesen und Jonny ist vertieft in die Geschehnisse im Ligusterweg, die kleine Königin bespricht sich mit Kanzler Bär, Nichte 2 liest weiter über Moorleichen, Nichte 3 kaut auf einer Waffel und mein Neffe und der Tierarzt sind in Mendels Theorien vertieft. Die Lastenmänner aber die inzwischen den Strand erreicht haben, sitzen nicht wie wir auf Strandtüchern, sondern sie kramen in den Wägen nach Gummihämmern und Heringen um die Strandstoffburgen in den Sand zu hämmern. Das ist nicht einfach, denn der Sand ist mal tiefer, mal hindert Muschelkalk oder ein Stein die erfolgreiche Befestigung oder ein Kind rennt in das fast vollbrachte Werk. Die Männer schwitzen und kloppen verzweifelt mit dem Gummihammer auf die Heringe ein oder versuchen sich zu erinnern, wie die verfluchte Strandmuschel gleich noch aufgebaut gehörte. Die Damen der Familie liegen auf Luftmatratzen und halten das Gesicht in die Sonne. Stehen die Muscheln und so fällt der Lastenmann nicht in einen Liegestuhl, sondern ölt die Frauen der Familie ein und teilt rote Schaufeln und grüne Käscher an die Kinder aus. „Jochen was machst du da nur so lange?“ ruft eine Frau.

Sitzt der Lastenmann endlich auch, so ist die Mittagsstunde herangekommen und der Lastenmann eilt los, um an einer Strandbude Fischfrikadellen und Pommes zu holen. Da sind die Schlangen lang, denn da stehen schon all die anderen Männer mit dem gleichen Auftrag an. Endlich stolpert der Lastenmann mit beiden Armen voll Esswaren zurück zu den Seinen, da verteile ich gerade Obstspieße und Samosas ( bestes Strandessen immer ) an Neffen, Nichten und Jonny. ( Jonny’s Oma schreit: Dit is ja nen Ding wat die Ausländers da essen. Jonny wenn dich dit nicht schmeckt, musst du dit nicht essen.) Jonny greift zum zweiten Samosa. Die Damen der Männer aber futtern selig Fischbuletten und Pommes, die Lastenmänner aber mit vollen Händen und Durchzählen beschäftigt: Pommes mit Ketchup für Lisa-Marie, ohne alles für Leon-Lucas, und Buletten mit Krautsalat für die liebe Frau haben darüber vergessen, etwas für sich selbst einzuholen und Lisa-Marie, Leon-Lucas und die geliebte Ehefrau haben kein Mitleid mit Papas hungrigen Magen. Immerhin kann der Lastenmann sich jetzt setzen.

Ich pfeife die Kinder zusammen und wir fahren zum Eismann, der Eismann glaube ich seufzt wenn wir kommen. Denn mein Neffe verlangt Tag für Tag vier Kugeln Schokoladeneis ( die Eiserlaubnishöhe hängt mit überprüftem: Mir wird speiübel Level zusammen, der Neffe führt bei Weitem ), die kleine Königin will eine Kugel Erdbeereis und sehr viel bunte Streusel, Nichte Nummer 2 ißt Lakritzeis ( so ähnlich Read On sahen die Moorleichen aus ) und Nichte Nummer 1 hat den Flitz Eiskugeln ( immer drei ) nach Länderfahnen zusammenzustellen. Heute ist Island dran: Blaubeer-Erdbeer-Vanille-Eis, der Tierarzt hat mit einer Kugel Pfirischeis zu tun und ich habe Pisatzieneis auf der Nasenspitze wir sitzen so ähnlich gestapelt auf einer Bank wie unsere Räder an einer Kiefer lehnen, da kommt eine andere Familie zum Eismann. Mutter, Tochter, Vater und Hund. Mutter und Tochter lehnen das Rad an eine Kiefer und stellen sich beim Eismann an, doch der Wuff reißt sich vom Fahrradkorb los, und die Fahrräder kippen um. Aus den Fahrradkörben kippen Tüten und Taschen und der Mann hebt mit Geduld und Nachsicht die Sachen auf, faltet Handtücher, sortiert die Räder und beruhigt den Hund. Frau und Tochter schlecken Eis und die Tochter braucht irgendetwas aus ihrem Rucksack: Dabei fährt sie zu hastig in die Taschen und wieder kippen die Räder krachend um. Die Mutter sagt achselzuckend zu ihrem Mann: „Ich hab Urlaub.“ Der Mann hebt die Räder auf und sortiert die Sachen wieder neu zusammen. Wir bestaunen den Mann und seinen Gleichmut stumm. Dann fahren wir nach Haus. Auf der Kurpromenade bewegt sich die Lastenmannkarawane wieder ortseinwärts.

„Mädchen“, sagt der Tierarzt, ich glaube der deutsche Mann ist ein Esel.“