Das Wagenrad der Assimilation

Es ist eine Katastrophe“, sagt die liebe C.

„Es ist ein Wagenrad“, sage ich.

Die liebe C. lacht. Sie sagt: „Deiner Großmutter wäre das nicht passiert.“

„Niemals im Leben“, sage ich und lache auch. Meine Großmutter verstand sich wie niemand sonst auf die Assimilation. Meine Großmutter gehörte ja schließlich, wie sie niemals müde wurde zu betonen, zur zweiten Generation der assimilierten Juden. Keine Ghettoluft, sondern erst österreich-ungarische, dann deutsche Bürger. Aber wir, was sind wir eigentlich, die Generation 1 und 2 nach Auschwitz? In jedem Fall machen wir Fehler, die meine Großmutter niemals gemacht hätte.

Meine Großmutter wusste ganz genau, wie groß der Adventskranz für das Wartezimmer sein musste, damit niemand sagte:

„Die Frau Doktor ist aber knausrig.“

Oder

„Die Juden protzen ja wieder mächtig.“

Letztes Jahr hatte die liebe C. den Adventskranz völlig vergessen.

Die Leute der Stadt sagten: „Bei der alten Frau Doktor hätte es das nicht gegeben und die Frau Doktor hat eben nur noch die Flüchtlinge im Kopf. Die liebe C. aber vertrat einen an Krebs erkrankten Kollegen, der die Dörfer versorgt an den Wochenenden. Aber gesagt hat die liebe C. nichts, denn „Es ist doch klar, dass die Juden bei jeder Gelegenheit noch mehr Geld scheffeln.“

Dieses Jahr aber ist der Adventskranz nichts weiter als eine Zumutung. Der Jude lernt es eben nicht.

Meine Großmutter wusste, dass man auch als Jud bei der Christmette zu erscheinen hatte, aber ging niemals zu der Christmette bei der die kleine Stadt unter sich sein wollte.

Meine Großmutter wusste, dass der Jude Karfreitag und auch an Ostern nichts in der Kirche zu suchen hat.

Nur mein Großvater hatte keine Wahl, er war der Kantor der Kirche und folgerichtig sagte Fräulein Patensky, die Diakonin, dass es eine Sünd sei, dass der Jud die heiligen Lieder spiele, aber die Zeiten waren eben so und Fräulein Patensky kniff die Lippen zusammen.

Meine Großmutter wusste, dass auch wenn man Schubert aus dem Kopf spielen konnte, immer die Noten auf dem Halter liegen ließ, damit man die Nicht-Juden nicht vorführte.

Meine Großmutter ließ mich die Aussprache aller deutschen Worte üben, das-h- das ich jahrelang nicht richtig sprechen konnte, üben bis mir die Ohren bluteten. Es gilt die Deutschen nicht mit dem schlechten Gebrauch ihrer Sprache zu reizen, sagte sie. Ihr Deutsch und unser Deutsch ist verschieden sagte sie und gab zu, dass auch sie niemals bis auf den Grund der deutschen Sprache vorgedrungen sein, denn wie konnte es sein, dass dieselben Nachbarn, die eben noch grüßten, schwiegen als die Familie nach Auschwitz fuhr?

Meine Großmutter hatte von ihrem Vater, der so stolz war, dass sie auf das Gymnasium kam, dass man als Jude am besten immer nur Klassendritter ist, um nicht dem Bild des vorwitzigen Juden zu entsprechen und so war meine Großmutter immer Klassendritte und dass meine Großmutter wirklich promoviert worden war und nicht nur aus Gewohnheit Frau Doktor gerufen wurde, verschwieg sie sogar vor sich selbst.

In einer und mag sie auch noch so freundschaftlich geführten Auseinandersetzung sagte meine Großmutter, hat der Jude niemals zu vorlaut zu widersprechen, immer gilt es im Gegenüber kein unangenehmes Gefühl hier mit einem Juden zu sitzen aufkommen zu lassen, im Zweifelsfall hat der Jude immer Unrecht, sagte meine Großmutter.

Eine Jude geht nicht bei Rot über die Ampeln.

Eine Jude lärmt nicht auf der Straße.

Eine Jude trennt den Müll vorbildlich.( Die Orientalen schmeißen ja den Dreck auf die Straße.)

Ein Jude erinnert die Nichtjuden nicht ständig daran, dass er Jude ist.

Ein Jude spricht niemals über Antisemitismus.

Wiederfährt einem Juden ein Unrecht, so beklage er sich nicht. Es gibt keinen Anspruch auf Gerechtigkeit, sagte meine Großmutter.

Nichts empört den Nicht-Juden so sehr, wie einen über Antisemitismus jammernden Juden. Erwarte niemals irgendeine Form der Unterstützung. Jude Sein, sagte meine Großmutter ist Einsamkeit als Lebensform. Sie hat Recht. Mag in Stockholm eine Synagoge angebrannt werden, mögen in Berlin Chöre rufen, stirb du Judenschwein, so ist auch das eine Sache der Juden und niemals eine Sache der Gesellschaft selbst.

Ein Jude hat seine Dinge stets griffbereit, packt den Nicht-Juden die Wut, so gilt es vorbereitet zu sein.

Diese Woche schrieb mir jemand eine Email. In der Email stand, finden Sie es nicht komisch, dass sie als Jude dem Muslim und Türken Deniz Yücel und Mesale Tolu ins Gefängnis schreiben? Das könnte doch sehr unangenehm sein, dass ihnen ein Jude schreibt.
Na dann wollen wir mal froh sein, dass die Karten wohl nicht ankommen. Im Gefängnis sein, ist ja schon schlimm genug, aber im Gefängnis zu sitzen und dann bekommt man Post vom Juden ist wirklich unaushaltbar schlimm.

Warum schämst Du Dich so Jude zu sein, schrie ich meine Großmutter an, da war ich achtzehn Jahre alt und wollte die Chanukkia ins Fenster stellen und meine Großmutter verweigerte sich und sagte: „Was ist nur in Dich gefahren Kind?“ Aber als ich nicht aufhörte zu schreien: „Warum schämst Du Dich so ein Jude zu sein, da hielt meine Großmutter erst meine Hände und dann mich so fest, bis ich glaubte, ich würde ersticken und sagte: „Ich halte das nicht aus, wenn Sie Dich auch noch erschlagen.“ Ich habe niemals aufgehört mich zu schämen.

Die Chanukkia steht auf dem Tisch und niemals am Fenster.

Meine Vater besorgte Marzipan und rote Schleifen. Geleesterne und solche mit Zuckerrand. Mein Vater kaufte dicke rote Kerzen und Tannenzapfen aus Schokolade. Mein Vater malte ein Schild: „Bitte greifen Sie zu.“ Wir wünschen Ihnen eine gesegnete und gesunde Adventszeit.“

Die Leute sagen: „Niederegger Marzipan- die Juden haben es eben.“

Die Leute sagen: „ Die glauben das doch gar nicht. Aber der Jude lügt ja gern.“

Die Leute sagen: Solche Angeber, die Juden.“ „Da kannste nichts machen.“

Die liebe C. am Telefon lächelt. „Immerhin originell“ sagt sie.

Ich sage: „Also hübsch ist er schon.“

Mein Vater sagt: „Er riecht nach Winter und Wald und Schnee.“

Der F. der ehemalige liebenswürdige Gefährte sagt: „Ich wette niemand traut sich den goldenen Tannenzapfen zu nehmen.“

Die liebe C. sagt zu mir am Telefon: Sie hat Dich geliebt Süße, sie hat Dich so geliebt.“

Ich nicke und schlucke.

Die Mali-Tant ruft an und sagt: Geh Mädi, hast gehört wie es den Juden ist ergangen in Göteborg? Geh Du musst mir halt scho versprechen, dass Du net gehst in a Shul fir a Tanz.

Es hat keine Juden in Irland, Mali-Tant, sage ich.

Die Mali-Tant sagt: „Geh Mädi, ich bin a oide Frau, i will net sehen Dich verschossen.“

Geh Mali-Tant, es wird scho gut gehen, sage ich.

Meine Großmutter sagte: Der Erfolg eines Juden misst sich in seiner Unsichtbarkeit. Sie musste es wissen, sie war ja schließlich die Tochter eines assimilierten Juden der ersten Generation.

Die Leute sagten, wenn die Schlangen in der Poli-Klinik zu lange war: „Na geh halt zum Judendoktor, die nimmt dich dran.“

Die Juden das sind eben die Anderen.

 

Wie es isst.

Immer kurz vor Weihnachten beschließt die Frau des Krämers abzunehmen. Der Krämer fährt in den von ihr so verachteten TESCO auf einer grünen Wiese und die Frau des Krämers lädt einen Stapel Weight Watchers Assietten in ihren Wagenkorb und schwört in den nächsten Tagen bis zum 23 Dezember nichts anderes mehr zu essen, als das was das Punktesystem der vereinigten Waagenwächter vorgibt. Nach zwei Tagen kennt die Frau des Krämers alle Punkte, die auf den Plastepackungen abgedruckt sind. Aber nach zwei Tagen hat die Frau des Krämers auch festgestellt, wie scheußlich der Waagenwächterfraß schmeckt. Die Laune der Frau des Krämers ist also an Tag Drei unterirdisch und da die Frau des Krämers findet, ich sei quasi für jedes Elend der Welt mitverantwortlich, schreit sie während ich Butter, Joghurt und Milch zur Ladentheke trage: „Sie wissen aber schon wie viele Punkte das hat!“ Keine Ahnung, Frau des Krämers sage ich, Hauptsache die Milch ist nicht sauer, die Butter nicht ranzig und der Joghurt nicht wässrig. Die Frau des Krämers knurrt Böses. Dann hole ich Nussschokolade. Die Frau des Krämers fletscht die Zähne, das ist verboten, streng verboten, Schokolade hat sieben Schrillionen Punkte. Überhaupt Fräulein Read On, sind sie dicker geworden oder trägt die Strickjacke auf?“ Frau des Krämers lächle ich, es soll kalt werden über Nacht, Nussschokolade aber wärmt gut. Dann hole ich Schokoladeneis aus der Tiefkühltruhe und die Frau des Krämers wirft mir ihren Todesblick zu.
Wissen Sie Frau des Krämers mein Punktesystem ist ganz einfach: „Ist noch genug Nussschokolade da und warum zur Hölle sind da immer noch vier Pastinaken im Gemüsefach.“ Die Frau des Krämers starrt mich entsetzt an: „Ich weiß wirklich nicht, wie der Tierarzt es mit Ihnen aushält.“

Die Auszubildende schluchzt wie ein Schlosshund. Es braucht eine Packung Taschentücher und den ganzen Rest meiner Jahresendgeduld bis ich herausfinde, warum sie schluchzend das Telefon ignoriert. „Fräulein Read On bricht es schließlich aus ihr heraus, „mein Kleid für die Weihnachtsfeier ist mir zu eng.“ „Kaufen Sie ein neues Kleid“, sage ich und nehme den Telefonhörer ab. „Sie sind so unsensibel“ schreit die Auszubildende. Ich atme tief ein und aus. Am Telefon ist der Schriftsteller. „Fräulein Read on sagt er, besteht Frackzwang?“ „Schriftsteller, sage ich, es ist die Weihnachtsfeier nicht der Pulitzerpreis.“ Der Schriftsteller immerhin ist beruhigt.

Am Abend sind der Tierarzt und ich auf der Weihnachtsfeier der Tierärzte und ihres Anhangs. Wir sind zu siebent am Tisch und ich besehe den Menüplan, um herauszufinden, was für den Tierarzt wohl ginge und was nicht. Pilzsuppe lese ich und denke an die Pariser Maronensuppe von der, der Tierarzt fünf Löffel schaffte und ich danach vor Freude durch das Marais hüpfte. An unserem Tisch sitzt eine Tierärztin, zwei Tierärzte und ihre Frauen und dann sitzen da eben auch wir. Der Tierarzt sagt: Das ist das Mäd-äh Fräulein Read On, sie fürchtet sich nur vor Reptilien, liebt eine Wildtaube, Kälbchen und ich hoffe ein kleines bisschen auch mich. Ich lächle milde und versuche zu verdrängen, da Kälbchen mir erst vorgestern so derartig auf den Mantel gesabbert hat, dass noch nicht klar ist, ob der Mantel sich noch retten lässt und sage: Angenehm, wie schön sie kennenzulernen.

Die Damen der Tischgesellschaft starren den Tierarzt an.

Dann sagen sie zum Tierarzt gewandt:

„Ich muss auch dringend abnehmen.“
„Nach Weihnachten kommen fünf Kilo runter.“

„Meine Oberarme sind solche Fettschlegel.“

„Haben Sie auch schon mal die Kohlsuppendiät probiert?“

„Ach, am Besten ist dann doch die gute Friss die Hälfte.“

„Die Tina macht ja im Januar immer eine Saftkur.“

„Sagen Sie, war das erste Kilo eigentlich das Schwerste?“

„Haben Sie die Kohlenhydrate ganz weggelassen oder nur Abends?“

„Rohkost soll ja richtig gut sein, um zu entschlacken.“

„Verzicht ist auch eine Lebenshaltung.“

„Abnehmen ist eine Einstellungsfrage.“

„Ich mache seit August ja SlimFit und ich bin mir sicher, da geht noch mehr.“

Die Frauen trinken während sie so daherreden Champagner und Rotwein, sie essen Canapés mit Lachs und russische Eier, sie löffeln die dicke Pilzsuppe und nehmen eine zweite Portion vom Lammbraten, sie essen Kartoffeln mit Rosmarin und in Honig glasierte Möhren. Sie essen Pasteten und Ententerrine, sie schlecken Eis und nehmen Pralinen zum Kaffee dazu. Keine der Frauen hört auf, während sie essen davon auf zu reden, wie sie bald abnehmen werden und natürlich preisen auch sie das Konzept der Waagenwächter mit ihrem so überaus klugen Punktesystem.

„Das ist überhaupt der Trick“ sagen sie und sehen den Tierarzt an, der sich an einem Löffel Suppe quält, man lässt einfach die Hälfte auf dem Teller liegen. Dann kratzen sie Erdbeersauce vom Tellerrand. Der Tierarzt aber steht auf und ich weiß ganz genau, dass er im Badezimmer des Restaurants zwei Löffel Pilzsuppe ausspeit und die Frauen am Tisch seufzen verzückt: „Einmal Size Zero.“ „Size Zero ist dem Tierarzt zu groß“, sage ich und die Frauen starren mich an. Als der Tierarzt zurückkommt, sind die Teller abgetragen und seine Hände sind kalt.

Die Damen loben nun die Qualität des Essens und die Güte des Weines, der Tierarzt trinkt Kamillentee und irgendwann gehen wir zurück zum Auto. Ich krame nach dem Autoschlüssel in meiner Handtasche und als wir im Auto sitzen, vergräbt der Tierarzt den Kopf in seinen Händen und sagt: „Mädchen, warum dürfen alle abnehmen und nur ich muss essen?“

Sag Read On, was machst du eigentlich den ganzen Tag?

Frau Frau Brüllen will es wissen. An jedem 5. eines Monats fragt sie in Klein-Bloggersdorf herum und der Kleinbloggersdorfer schreibt auf was er so erlebt. Et voilà.

Sechs Uhr: Aufgewacht zu Regen auf dem Dach und Wind in den Kiefern. Die alte Wildtaube ist misslich gestimmt. Rheumawetter sagt sie und ich nicke. Eine Hand von der Nusskernmischung streue ich ihr zu den Rosinen dazu. Missliche Tage soll man wenigstens mit einem guten Frühstück beginnen, sage ich ihr. Die alte Freundin Wildtaube nickt zustimmend, dann fliegt sie zurück unter das dichte Geäst der Tannen. Ein Tag für Buch und Bett, denke ich mir. Dann packe ich doch Handtuch und Schuhe ein und fahre hinunter zum See. Grau ist der See, aber immerhin der Regen hat aufgehört, der Wind fährt den Bäumen durch das schüttere Haar. Kalt ist das Wasser, aber warm ist der See im Vergleich zur irischen See. Vor der Kälte fürchte ich mich nicht so sehr ,wie vor dem Nöck. Aber der Nöck schläft vielleicht noch oder ihn rufen dringende Amtsgeschäfte mich behelligt er nicht. Lang sind die Tage seit so vielen Jahren, immer gehören meine Tage anderen als mir und eine halbe, kalte Stunde im See ist alles was für mich bleibt. Einatmen. Austamen. Weiteratmen. Blaue Lippen und das dicke Handtuch um die Schultern geschlungen. Als ich aus dem See steige ist es viertel vor Acht. Eine Kindergärtnerin und mir ihr viele Kinder kommen mir entgegen. „Der Hulk“ ruft ein Bub, ich wringe mir die Haare aus. Die Kindergärtnerin zeigt mit dem Finger auf mich. „Die Tante da spinnt ja“, sagt sie und zeigt mit dem Finger auf mich. Liebe Kindergärtnerinnen bitte zeigen sie doch nicht mit dem Finger auf andere Menschen, auch wenn sie selbst niemals im Winter schwimmen gehen. Die Kinder sehen alle aus, als führen sie gleich an den Polarkreis, dabei kommt schon ein Bus vorgefahren und die Kindergärtnerin schreit: DA KOMMT DER ONKEL GÜNTHER. Ich zwinkere dem Buben zu. Ich sagte ihm gern, dass eines Tages auch auf ihn die Freiheit wartet und das die Freiheit am größten ist, weht der Wind über den See. So winken wir uns zu.

Gearbeitet, dann ein schwarzes Kleid angezogen. Einen Blumenstrauß abgeholt und auf einen Friedhof gefahren. Nur wenige sind gekommen und das tut mir leid, denn er war für so viele da. Die Worte des Trauerredners sind von schleppender Länge, eine lange Kette von Banalitäten, ein Mann wie ein Fels sagt dieser Redner wirklich, fasst sich an den Schlips, gefällt sich in Redewendungen von der Humanmedizin und der Demut vor dem Leben. Ich starre auf meine Schuhe, der Mann dort im Sarg verachtete die Redensarten und sprach am liebsten nur mit den Frauen, die auf seiner Station Mütter wurden. Die anderen, auch die, die mit Sozialer Arbeit auf dem Zeugniskopf, nannten die Frauen die Assi-Mütter. Er sagte Schakkeline ohne Ironie, ohne Bedauern, er sagte Schakkeline wir machen das jetzt. Es wird kälter ohne ihn. Erde auf Erde. Dumpf fällt der Sand auf den Sarg. Ungehörig scheint mir das, dieses Jahr wird sein Name zum ersten Mal nicht neben meinem auf dem Weihnachtsdienstplan stehen. Ich muss schlucken. Der Redner sagt: „Er gab das Leben, nun ist es ihm genommen.“ Die liebe C. übernimmt ihre Schicht, flüstere ich ihm zu, dort am offenen Grab. Weiße Rosen dazu. Das hätte er gern gehört, da bin ich mir sicher.

Gearbeitet, dann die Tasche nach Irland gerichtet, ein Stück Käse gegessen, immer noch ist mir übel von dem Gerede des Mannes mit Schlips und dem Geruch der schweren, feuchten Erde. Die liebe C. angerufen, nur zehn Sekunden so getan als müsste ich nicht weinen. Die liebe C. hört zu. Es ist halb vier.

Im Bus zum Flughafen sitzt ein Mann neben mir. Ein Tweed-Jacket, grüne Cordhosen, Schnürstiefel, ein roter Schal, so unauffällig, dass ich den tätowierten Raben auf seiner rechten Schläfe erst spät bemerke, neben seinem linken Auge fliegen Vögel in den Süden, bewegt sich sein Augenlid, dann hebt der Vogelzug seine Flügel. Auf seinem linken Ringfinger sitzt ein blaues Rotkehlchen. Ich wünschte ich hätte ein Bild meiner alten Freundin der Wildtaube dabei.

Das Flugzeug nach Frankfurt ist voll. Hinter mir sitzen zwei Männer, die in Bitcoins machen: Super-Margen, bin auch voll der Typ, der auf Risiko geht. 2018 wird erst richtig geilo, dann geht Bitcoin an die Börse. Da wirst du transactions sehen, die sind unique. Jo, erst mal nur an der Online Börse, die mit den fünf Buchstaben. Ich vergesse immer welche das sind. So viel potential, das muss man abschöpfen. Wir sind dabei gewesen. Es geht voll ab. Dann wird das Flugzeug lauter und die Stimmen der Männer verschwinden, wie auch Berlin kleiner und kleiner wird. Als ich die Männer wieder hören kann, besprechen sie Fotoapparate. Spiegelreflexkameras sind voll banal. Ich habe eine Systemkamera. Ab 1500 Euro bist du dabei. Hab mir neulich ein Objektiv geholt, für 1600, so geil. Ich fotografiere die Milchstraße, sagt der andere, denn es ist schwer gegen diese Zahlen anzukommen, der andere lacht und empfiehlt einen Youtube Coach, der dir hilft voll krass zu performancen. Website Ranking ist essential. Kannst mich ja mal adden, sagt er großzügig zum Milchstraßenmann. Der schweigt nun beleidigt. In Frankfurt angekommen, macht er erstmal ein Uber klar.

In Frankfurt ist es still. Kehrmaschinen kreiseln langsam über den grauen Boden. Ich schreibe diesen Text, rufe den Tierarzt an, lese in Walter Kempowskis Echolot, wippe mit dem Fuß, beantworte Emails, um 21.25 Uhr geht es weiter nach Dublin.

Am Flughafen steht der Tierarzt, ‚Komm‘ sagt der Tierarzt und wir fahren durch die Dunkelheit zurück in das Dorf. Im Dorf ist es still, das Meer rauscht vor dem Fenster, aus meinen Haaren liest der Tierarzt Kiefernnadeln, hält sie zwischen den Händen, legt sie zwischen die Seiten eines geöffneten Buches.

„Deutscher Wald“, sagt er mit dem Lächeln aller Verliebten, sagt es leise und legt mir die Hand auf die Stirn, „deutscher Wald“ sage ich und weiß nicht ob die Deutschen sich noch so verlieben in eine Hand voll Kiefernnadeln, wie der Tierarzt und wie es einmal vor vielen Jahren in einem anderen Land mein Urgroßvater tat, der als Wiener Jud vor Sehnsucht nach dem deutschen Meer verging.

St Sylvester schlägt zwölf Uhr. Nur beim Priester ist noch Licht.

Gustav Mahler kehrt nicht mehr ins Neunzehnte Jahrhundert zurück.

Die Neun ist in der Musik nicht nur eine Zahl oder eine Signatur, sondern eine Zahl in der die Ahnung des Abschiedes liegt. Beethoven hinterließ einen gewaltigen Schatten mit seiner Neunten und Gustav Mahler war tot, bevor die Wiener Philharmoniker seine Neunte Symphonie 1912 unter Bruno Walter zum ersten Mal aufgeführt wurde. Auch Dirigenten wussten oder ahnten wohl, dass auf diese Neunte Symphonie häufig ein Abschied folgte. Karajan verstarb nach der Neunten, Claudio Abbado war beim Dirigieren derselben schon von schwerer Krankheit gezeichnet und Lorin Mazel weigerte sich die Symphonie zu dirigieren. Aber Bernhard Haitink der an diesem Abend die Philharmoniker dirigiert, tut es trotz der Neun und das ist ein Glück. Diese Neunte ist wohl die Symphonie mit der nicht nur das Leben Gutav Mahlers schon fast beschlossen ist, sondern auch jene mit der das Neunzehnte Jahrhundert und vielleicht auch die Symphonie als solche endet. Nach dem vierten Satz von Mahlers Neunter kann es nicht mehr so weitergehen, wie es weiterging. 1907 hatte Mahler sein Amt als Dirigent ( aber war Mahler denn je Dirigent im eigentlichen Sinne?) abgegeben und hatte einen Vetrag mit der Metropolitan Opera in New York abgeschlossen und immer ist mir als nähme jener Gustav Mahler mit dieser Symphonie Abschied vom alten Kaiser, dessen Leben unendlich schien, drüben in der Hofburg, Abschied vom alten Österreich, dem kaiserlichen und königlichen und mit dem Ende des alten Österreichs endete auch das alte Europa, deren verlorene Kinder wir wohl sind.

 
Geschrieben hat Mahler die Symphonie im Sommer 1909 hoch in den Bergen von Südtirol in Toblach und diese Symphonie beginnt nicht wie andere Symphonien, wie alle Symphonien beginnen mit einem Aufbruch, sondern schon hier im allerersten Motiv, nimmt Mahler Abschied. Harfe, Cello und dann ein krächzendes Horn. So beginnt es und es ist mir immer gewesen als hätte Mahler, der Sohne eines Likörfabrikanten, was er immer vornehm als Kaufmann umschrieb sich noch einmal die Schnürstiefel angezogen und ein letztes Mal durch die Berge gegangen, ein zielloser Wanderer, Steine klirren den Hang hinab, dort stehen die Gänse, eine Gänseliesel und die Gänse zischen, noch lebt der Almwirt, aber lange wird er nicht mehr leben, noch einmal sieht der Wanderer ein Gipfelkreuz und sieht hinab in den kalten Bach zwischen den Felsen, oben auf dem Gipfel aber liegt Schnee und er Wanderer geht abseits der Wege, legt die Hand vor die Augen dort blendet die Sonne, aber schon zieht der Regen über die Berge und der Wanderer Mahler läuft Schleifen verläuft sich und auch wir im Konzertsaal verschwinden zwischen der Oberstimme, die lockt und noch einmal vom Leben singt, doch unter ihr schimmert schon im Beginn das Ende auch unserer Tage.

Es sind aber der zweite und dritte Satz, die nicht aufhören wollen zu erschüttern. Denn hier erzählt Gustav Mahler, die dunkle Seite des Prosit und der Gemütlichkeit. Hier spielt Mahler auf zum Tanz. Walzertakte, die schöne blaue Donau, im Dreivierteltakt zwischen Wien und Czernowitz und noch einmal liebt Rosa den Franz und Rosa weiß nicht, dass der Franz mit der Moinna zwei Kinder hat und die Minna weiß nichts von Rosa und Rosa weiß nicht, dass sie schwanger ist und erfährt von der Minna als es zu spät ist und geht in die blaue, schöne Donau, denn es ist a Schand und man muss man die Familie denken und Gustav Mahler spielt auf zum Tanz fideralla und seine Musik erzählt die Geschichten von Arthur Schnitzler und Karl Kraus, damals im 1912er Jahr da mögen sie im Publikum gesessen haben, Freud und seine Patientinnen und Mahler lässt tanzen und aufstehen möchte man und die Musik anhalten, denn in diesen zwei Sätzen da tanzt sich das alte Österreich zu Tode, dreht sich und dreht sich und hält nicht mehr an. Vielleicht hat Schnitzler gelächelt an jenem Abend, verstanden mag Karl Kraus es haben, aber vielleicht war Karl Kraus bei Sidonie und schrieb Gedichte und Freud wippte mit dem Fuß und Mahler ließ sie tanzen bis die Füße bluteten und die Donau ist nicht mehr blau und die Musik tut einem so weh. Im Dritten Satz kommt der Krieg dazu, kommt der Krieg, der schon unter dem Walzer und den Liedern vom Tanzboden lag, da kommt der Krieg und über dem Krieg stirbt nicht nur der alte Kaiser, sondern der Franz und die Seinen werden verschossen und das alte Österreich ist verschwunden. Das erzählt dieser Satz und noch heute bricht die Musik durch die Rippen und ist es nicht seltsam und merkwürdig zugleich, dass während ich in der Philharmonie in Berlin sitze, die Musik zwischen den Rippen, Seitenstechenmusik, die Musik des Krieges, nein kein grüner Jäger im Rock, sondern der Schützengraben, da tagt die AfD und schwärmt über den Krieg als sei es noch immer nicht genug. Aber sie können wohl besser schreien als hören. Alles, aber dann doch nicht alles hat sich geändert seit dem Gustav Mahler kein Wiener mehr ist, seine Zeit in der Hofoper ging mit einer antisemitischen Schmähkampagne und dem Vorwurf zur sexualpathologischen Tendenz einher, denn obwohl so sagt man in jedem Bordell ein Bild des Kaiser hing, war die Salomé zu viel für das Publikum.

Leonard Bernstein , der die Neunte Symphonie radikaler intepretierte als alle anderen, so sagt man, musste nach dem dritten Satz ein Glas Whiskey trinken und man versteht warum.

Der vierte Satz ist kein Schlussakkord, hat keine abschließende Sequenz, macht kein Angebot zur Versöhnung, sondern die Töne werden leiser, immer leise und geben schließlich auf, ein Cello bliebt noch, noch einmal die Geigen, hier die Klarinette und am Ende noch einmal verzagt schon eine Trompete, hier ist Mahler schon kaum mehr im Raum, dreh dich nicht um, sagt Mahler sich wohl und allein die Traurigkeit, die große Leere, die niemals wohl wieder ganz gehen wird, die bleibt zurück, die verschwindet nicht, die erzählt schon von dem was Karl Kraus schrieb: nach den letzten Tagen kommen die allerletzten und auch diese hätten schon begonnen und sein Text heißt die „Welt nach dem Krieg“ und er beschreibt dort wie Kinder Katzen fingen, sie zurichteten und mit Hilfe der Erwachsenen in einen Aschewagen gesperrt und zur Vergasung gefahren worden. Hätte der vierte Satz von Mahlers Neunter Symphonie wohl ein Libretto, dann scheint mir wäre es dieser Text. Es gibt keine Symphonie mehr nach dieser, mit der Gustav Mahler, Abschied nahm von der Welt, wie es sie nicht mehr gibt.

Berliner Philharmoniker, Gustav Mahler, Symphonie Nr. 9 in D-Dur unter der Leitung von Bernhard Haitink, 03.12. 2017

 

 

Flora und Fauna

Es ist also ein ganz gewöhnlicher Samstag Morgen, mir tropft das Meerwasser aus den Haaren, ich stehe am Herd und in der alten Stielkasserole quillt Porridge und ich rühre und rühre und rühre. Wie gewöhnlich lauert die Katze auf dem Fensterbrett, dass ihre warme Milch abgeschöpft wird und wie jeden Samstag steht der Hund hinter mir und glaubt, wenn er mir seinen Hundeschädel nur arg genug in die Kniekehlen rammte, würde er seinen Porridgeanteil schneller erhalten. Hier irrt der Hund, ich rühre, der Tierarzt sitzt auf der Anrichte, liest mir aus der Zeitung vor, schlenkert mit den Beinen, unterbricht die Zeitungslektüre, küsst mich auf die Nasenspitze und sagt: Mädchen, was schenkst du eigentlich Kälbchen zu Weihnukkah?“ Ich huste und während ich noch sagen will: „einen ausgedehnten Aufenthalt in einem Landschulheim für Rüpelkälber“, klingelt das iphone auf dem Küchentisch. „Tu mir die Liebe und nimm ab, sage ich zum Tierarzt, aber der Tierarzt bringt das Telefon zu mir herüber an den Herd und sagt: Ich weiß nicht, es klingelt so aggressiv. „Ach, sage ich, das ist nur die D.“ und während Hund und Katzen sich um die Stehlampe jagen, tippe ich auf den Lautsprecher und die Stimme der D, schallt durch die Küche des kleinen, windschiefen Hauses in einem kleinen, irischen Dorf.

„Diese Haselnuss, diese impertinente Person schreit die D. und man hört ein dumpfes Krachen am anderen Ende der Leitung. „Dieser Mann vom Verstand einer schimmeligen Seegurke, dieser Beißwurz“ donnert die D. und aus ihr spricht ein Zorn, wie er seit Zeiten der römischen G*tter selten geworden ist. In eine Atempause hinein frage ich: „D. wer hat Dir ein Leids getan?“ Die D. aber lacht nur höhnisch: „Der grünäugige Sellerie natürlich, wer denn sonst, es ist nicht zu glauben, dass ausgerechnet ich an einen Mann vom Gehalt einer Spreewälder Gurke geraten bin.“ „Oh, Spreewälder Gurken sind sehr gut, sage ich, wusstest Du eigentlich, dass meine Großmutter selbige in gewaltigen Tontöpfen einlagerte, kam der Winter?“ Von all dem aber will die wütende D. nichts wissen. „Lenk nicht ab Read on, diese Nachtschattengewächseite kannst Du Dir bei mir wirklich sparen. „Wäre ich eine Pflanze, liebe D. sage ich wäre ich ein Fliederbusch“, werfe ich ein und die D. wirft mit einem Buch. Ein Glück, dass Bücher nicht durch Telefone passen, sage ich mir und die D. schnarrt, dass ich wirklich etwas von einer ätherischen Pflanze hätte, denn auch sie ertrüge mich nur unter Betäubung. Ich muss kichern, während der Tierarzt langsam an den Rand der Anrichte rutscht. „Was ist denn nun vorgefallen?“, frage ich noch einmal und die D. fährt fort zu schreien: „Dieser hohle Kürbis, der T. hat mir einen Heiratsantrag gemacht.“ „Mazal tov“, rufe ich und die D. faucht: „Mazal tov?“ willst du mich verfluchen?“ Noch niemals seit der Erfindung des Penicillins haben Internisten und Chirurgen geheiratet. „Man lagert ja auch keine Birnen neben Äpfel Erdbeeren wachsen nicht am Walnussstrauch“ und wieder unterbreche ich die D. „Du weißt schon, dass Erdbeeren durchaus der Familie der Nüsse zuzuordnen sind, ja?“ Die D. aber mauzt nun vollends aufgebracht: „Erspare mir doch einmal Deine Spitzfindigkeiten, Read On. Du kannst wahrhaftig eine Kokosnuss zur Weißglut reizen.“ Inzwischen sitzen Hund und Katze still und ehrfurchtsvoll unter dem Küchentisch, dort säße der Tierarzt auch gern, aber der muss Zimt anreichen und tut es mit zitternder Hand. „Chirurgen“ schreit die D. „seien Pflaumen, von außen hübsch, von innen matschig, das Gehirn eines Chirurgen ist so groß wie eine Medjool-Dattel nach siebenzehn Wochen in der heißen Wüstenluft, jede Petersilienwurzel habe mehr Tiefgang als ein Chirurg und ein Kartoffelacker sei die Bibliothek von Alexandria gegen die dreiundzwanzig Vokabeln, die dieser Spezies zur Verfügung stehe.“ „Er hat dich richtig gefragt, mit Ring und allem?“, frage ich die D. „Ja, Ja, Ja“, schreit die D. „Dabei sind wir doch Naturwissenschaftler, da lässt man sich doch nicht zu so etwas hinreißen.“ Und was hast Du gesagt?“, frage ich weiter. „Er solle sich dahin scheren wo der Pfeffer wächst“, bringt die D. unter zusammengebissenen Zähnen vor.“ „Ouf, sage ich D. Du bist wirklich richtig verliebt.“ Die D. befindet daraufhin, dass Promotion hin oder her, mein IQ dem einer sehr kleinen Perlzwiebel entspräche. „Mazal tov, Süße“ rufe ich und die D. schmettert den Hörer auf. Der Tierarzt sieht fassungslos auf das nun stumme Telefon. Ich reiche der Katze Milch, dem Hund Porridge und fülle auch uns Haferbrei in die Schüsseln. Wieder klingelt das Telefon, Tierarzt, Katze und Hund zucken zusammen, aber es ist nur der T.

„Read On“, sagt der T., diese Frau, was glaubst Du, was sind meine Chancen?„Spätestens Montag sagt sie Ja“, sage ich und der T. atmet hörbar aus. „Diese Frau ist eine Chilischote“ sagt er und dann geht sein Pieper.

Der Tierarzt gießt Tee nach und sagt:“Mädchen, the Germans know their drama. The heat, the fire, there is desire lurking underneath their pores. They know what a lover’s tryst looks like, oh the passion. They glow from the inside, oh these Germans. What marvelous beings“. Den Tierarzt durchfährt ein heiliger Schauer.

Ich löffle Himbeermarmelade auf meinen Haferbrei und sage:
„Tierarzt wusstest Du, dass die liebe D. eine kleine Schwester hat und beuge mich über den Tisch, sie ist zwei Monaten wieder Single.“

Schweigend starren mich Hund, Katze und der Tierarzt an.

Es geht doch nichts über ein Samstagsfrühstück im Kreis seiner Lieben, denke ich mir und schiebe die Himbeermarmelade zum Tierarzt herüber.

An einem kalten Morgen

Kalt ist es, stehe ich auf. Die Heizung springt erst um sechs Uhr an, da bin ich schon lang aus dem Haus. Kalt ist, kalt sind die Dielen, kalt ist selbst der dicke Teppich auf dem Boden. Persische Rosen sind im Sommer auf dem Teppich, dunkelrot sind die Teppichblumen, hellgrün sind die Blumenblätter. Im Winter aber erfriert die persische Rose, legt sich das Eis über den Garten verschluckt das Grün. Ein eisiger Wind liegt über dem Teppich, blaue Zehenspitzen kehren aus dem kalten Garten zurück. Die Katze liegt unter einem Plaid auf dem Sessel vergraben und nur zwei Zentimeter Schwanzspitze künden von der Anwesenheit der Katze, die niemals auf die Idee käme vor Heizungsbeginn der Welt ihre Aufwartung zu machen. Der Hund schnarcht selig und streng verbotenerweise unter der Bettdecke und vielleicht deshalb um so seliger am Fußende des Tierarztes. Der Tierarzt aber zieht meine Decke zu sich herüber und rennt wahrscheinlich mit Kälbchen über eine Blumenwiese, sommerleichte Tage und seliges Blöken, so stehe ich allein in dem kalten Garten. Aber es ist noch zu dunkel um zu erkennen, ob die persische Rose doch all ihre Blätter verlor, in dem eisigen Winterwind. Der Wind fährt unter den Fensterrahmen hindurch, schaukelt auf den alten Dielen, ich suche Wollsocken, im Bad endlich warmes Wasser.

Das ist der Winter denke ich noch immer frierend, dicke Strumpfhosen mit einem Zopfmuster und ein langweiliges, aber dafür sehr warmes Kleid, eine Strickjacke aus dem bayerischen Oberland, die rote Borte ist vom rot der persischen Rose, und wärmer noch als das dicke Kleid. Mit Bedauern aber sehe ich doch an mir herab, denke an den praktischen Wetterfleck an der Tür und den gelben und furchtbar praktischen Schal. Vor ein paar Tagen nämlich in Berlin, da stand ich lange vor den Bildern von Jeanne Jeanne Mammen. Die Frauen auf ihren Bildern, aber ist alles Praktische fremd, sie haben gelbe Federn und rote Schuhe, ihre Frauen haben Mäntel, die alles versprechen und schon darum nichts halten müssen, sie tragen Ringe mit spitzen Steinen und in allen Taschen haben sie mindestens ein Geheimnis und nicht wie ich nur Zettel mit langen Listen vergraben. Die Frauen auf ihren Bildern tragen Kleider mit weitem Ausschnitt am Rücken und die Kleider sind aus Seide und schimmern türkis oder satt-orange. Die Frauen haben elegante Schals aus Chiffon und Stiefel mit denen man über Zäune klettern, vor allem aber tanzen kann. Das sind Frauen, die Verehrer haben, und diese Verehrer sind immer Herren, zweifelhaft was für Herren, das mag schon sein, aber immer tragen sie Zylinder und einen Mantel mit hohem Kragen, mag sein in den Taschen verbergen sie schon einen Brief an die nächste Frau, denn scharf ist an ihnen alles, auch was sie Liebe nennen, aber tanzen kann mit ihnen mindestens für eine Nacht und zwischen ihren Lippen, da liegen die Dornen der persischen Rosen.

Aber mehr Zeit habe ich nicht an die Bilder zu denken, denn in der Diele, da tickt beständig die Uhr, der Winter aber öffnet die Augen langsam und zögernd, da suche ich Schlüssel, nehme die Tasche, die Tür fällt ins Schloss. Draußen im Garten blühen keine Rosen mehr, aber den Augenaufschlag des Winters erkenne ich doch, Atemwolken vor dem Mund, die Schafe schlafen dicht aneinander gedrängt, der Winter und seine Augen, aber erinnern mich an jemanden, den ich einmal kannte, seine Augen waren weder blau noch grau, seine Augen waren Winteraugen, Eissplitter lagen in seinen Augen und der ganze Frost, hart und undurchdringlich, aber das verstand ich erst, da hatte ich kalte Hände, taube Fingerspitzen, blaugefrorene Nägel, die Verluste dieses Winter wiegen schwer, so hofft man jedes Jahr über den Winter zu kommen, sich noch einmal bis zum Frühjahr hinüberzuretten.

Vielleicht kommen im nächsten Jahr, die Rosen, der Garten, das Gras und der Himmel zurück, lauf Mädchen, lauf schreien die Möwen, ich laufe weiter, lasse die Eisblumen liegen, ziehe mir den Schal über die Nasenspitze, sehe dem Winter nicht in die Augen, da kommt der Zug, seine Fenster sind beschlagen. Weiße Atemwolken sind die Wintergardinen. Eine Frau malt mit dem Zeigefinger ein Herz mit einem Pfeil auf die beschlagene Fensterscheibe. Auf dem Hals trägt sie das Bild einer Rose, eine persische Rose vielleicht, dann fällt ihr Haar über die Blume und deckt sie zu.

Zwischen den Orten

Auf dem Flughafen gerät ein Mann in größte Verzweiflung. Irgendetwas muss er vergessen haben. Er packt seinen Koffer aus und wieder ein. Auch auf die Kleidungsstücke springt seine Verzweiflung über: zwei Pullover verknoten sich unentwirrbar ineinander, ein Hemd knittert sich innerhalb von zwei Minuten zu einem traurigen Ball zusammen, ein Schuh springt entsetzt davon und die Pyjamahose schlackert mit den Beinen als fürchte auch sie hier auf dem Flughafen in Vergessenheit zu geraten. Der Mann aber durchwühlt den Koffer ein zweites und drittes Mal, rauft sich die Haare, seine Brille beschlägt und in seinem Gesicht steht der ganze Schrecken geschrieben, der einen umfängt, lähmt und ganz und gar aus der Fassung bringt. Dann öffnet der Mann seinen Rucksack durchwühlt auch diesen, doch das Gesuchte bleibt verschwunden und mit dem Kopf in den Händen vergraben, sitzt der Mann auf den trostlosen Stühlen von Terminal C. in Tegel, um ihn herum kaufen Menschen Christsstollen für 29,80 Euro, riesige Toblerone-Rollen in Schwertlänge, andere fletschen Bockwürste und eine Frau ruft: „Zwei Kaffee, ein Käsebrötchen und den Zucker nicht vergessen, Heinz.“ Heinz nickt und versucht zu verstehen, warum zwei Kaffee, ein Käsebrötchen und einige Zuckerlsackerl zehn Euro kosten, ein Mann probiert auf seinem Telefon Klingeltöne aus, und zwei Frauen überlegen, was man der Schwiegermutter auf keinen Fall schenkt, bei Topflappen sind sie sich unschlüssig. Der Mann aber bekommt von all dem nichts mit, sondern durchwühlt den Koffer ein drittes und den Rucksack ein viertes Mal. Auch ich angesteckt wie die um ihn verteilten Dinge, werde unruhig und nervös und sehe sieben Mal nach ob SchlüsselPassPortemonnaie noch das sind, wo sie sein sollen. Denn die Verzweiflung des Mannes kenne ich nur all zu gut, auch mir gehen die Dinge gern und häufig verlustig und so liegen in einem Hotelzimmer in Marseille in einer Schublade vielleicht noch immer ein Stapel Briefe, deren Verlust mir noch immer ein Ziehen im Herzen bereitet, liegen inzwischen auch viele Jahre und viele verlorene Dinge zwischen ihnen. Dann aber wird der Flug nach Dublin aufgerufen und der Mann geht geschlagen davon, nicht ohne sich noch ein letztes Mal umzusehen, ob das Verlorene nicht wie ein Wunder doch noch einmal auftauchen wird.

Im Flugzeug lange in den Pariser Tagebüchern Ernst Jüngers gelesen. Dabei verlässt einen die Irritation als Grundgefühl nie. Jünger hellsichtiger als viele andere, die vom Endsieg schwadronieren, weiß viel und sieht viel, besteht auf dem Wissen um die Verbrechen und gleichzeitig sind die Tagebücher auch immer wieder unerträglich, wenn Jünger sich in seitenlangen schwülstigen Ästhetizismen ergeht, die im Herbst 1944 vollständig egal geworden sind, oder nach Käfern grabbelt, auch dies immer im Bewusstsein in einem höheren Verhältnis zu den Dingen zu stehen, dabei ist er ja Teil jener deutschen Okkupationsregierung, die französische Geiseln an die Wand stellen lässt. Erstaunlich aber, wie sehr Jünger sich verliebt in Sophie Ravoux, eine Kinderärztin, ihr Mann, der Journalist Paul Ravoux sitzt im Gestapogefängnis und irgendwie geht es alles weiter und vielleicht ist das der Moment in dem endlich einmal nicht mehr über, sondern in den Dingen steht. So anrührend wie komisch Jüngers Beharren darauf, dass sein jüngere Bruder gute und tiefe Gedichte schrieb. Die klingen so: Das Wissen, das ich mir erworben/ Ist dürrer Zunder, Kommt, Flammen, und verzehrt, verschlingt / Den ganzen Plunder.

Das Entsetzliche aber ist immer ganz nah und als wir in Dublin landen, ist sein Sohn Ernstel verhaftet und wieder hat die Realität den kühlen Beobachter eingeholt. Keine Vorstellung darüber, ob man Ernst Jünger in Deutschland noch liest.

In den Nachrichten lese ich, da sind wir zurück in Irland, dass Suat Çorlu, der Ehemann von Meșale Tolu in Freiheit ist. Eine völlig unverhoffte, eine überraschende Nachricht. Da ich die Omen auch die Guten fürchte und der nächste Prozesstermin für Meșale Tolu am 18. Dezember stattfindet, die Nachricht wohlverwahrt und neue Briefmarken für die täglichen Karten herausgelegt. Mit dem Tierarzt ein in am Telefon begonnenes Gespräch auf dem Flughafen weitergeführt und mit ins Haus getragen, Frost auf dem Dachgiebel, kalter Wind von der See her, lange aus dem Fenster gesehen und auf das beruhigende Blinken des Leuchtturms gewartet.

Unruhige und verwirrende Träume.

Zitat aus: Ernst Jünger, Das zweite Pariser Tagebuch, (Stuttgart,1988),p. 265.