Im Anflug

Am Ende eines langen Tages, das Flugzeug doch noch bekommen. Über Dublin breitet sich feuchter Nebel aus. Der Leuchtturm hinter dem das kleine Dorf liegt, ist verschwunden und der Pilot sagt, dass mache nichts und dann erzählt er vom Nebel über Connemara und wir alle wünschten uns wohl, wir könnten hier einfach sitzen bleiben und er erinnerte sich weiter und weiter. Aber dann fliegen wir doch los, der Tierarzt späht nach Kälbchen, aber das ist aussichtslos. Der Tierarzt winkt trotzdem. Irgendwann gibt der Nebel nach und wir fliegen in ein seltsames, verschwommenes Blau hinein. Ein Blau als wäre das Wasserglas über dem Tuschkasten ausgekippt und jetzt liefe das Wasser über die blaue Farbe hinweg. Blau, blau, blau ist alles was ich lieb. Im Fenster des Flugzeuges sind wir dunkle Schatten. Ich bin zu müde, selbst wir für die Schatten und lehne mich gegen das Fenster, auf einen Moment noch dem Blau hinterher. Der Tierarzt lehnt sich nicht gegen das Fenster oder die Lehne oder mich. Der Tierarzt lehnt sich in meinen ipod hinein. Er hört sich durch die Element of Crime und Kettcar Platten. Ein Deutschlandvorbereitungskurs in siebzig Liedern oder so. Er hört mit konzentriertem Blick zu und vor ihm liegt ein Notizbuch. In das Notizbuch schreibt er deutsche Wörter, die er versteht. Mädchen, natürlich, es ist das deutsche Wort, sein deutsches Wort, im Englisch-Deutsch-Wörterbuch ist das Wort angekreuzt, die Seite eingekniffen und oft fährt der Tierarzt mit dem Finger über das Wort und nickt. Das Wort gibt es ja wirklich. Später einmal, werde ich gefragt, da bin ich mir sicher, was ich so gemacht habe im Leben und dann werde ich an das Englische-Deutsche Wörterbuch denken und das unterstrichene Mädchen darin. Das werde ich sagen, das habe ich gemacht, diese Tür habe einmal aufgeschlossen für jemanden und er nahm den Schlüssel gleich an sich und fiel in die vielen, wundersamen deutschen Wörter hinein. Vielleicht ist der Tierarzt dann lange schon verheiratet mit Sabine aus Braunschweig, ein brauner Labrador, ein Bild von Kälbchen in einer Schublade, das Wörterbuch braucht er dann schon lange nicht mehr, eine Praxis mit angeschlossenem Hundewägelchenverleih und zwei Kinder, die spielen im Garten. Der Tierarzt schreibt noch immer, aber ich lehne am Fenster und obwohl wir doch nach Berlin fliegen und der Tierarzt Michaela sagt schreibt, denke ich nicht an Deutschland, und einmal ist mir Michaela ganz egal, denn es ist Diwali und ich bin nicht in Delhi, sitze nicht an meinem Platz, es gibt keine Gulab Jamun für mich und kein Kardamomeis, eine Diwali Spezialität von Frau Rajasthani. Und ich wünschte, ich säße nicht im Flugzeug nach Berlin, sondern auf dem Dach und sähe auf Delhi herunter. Unten auf dem Balkon, da rauchte der Nachbar und der Nachbar sagte: „Endlich verbieten dieses ewige Feuerwerk an Diwali.“ Die Luftverschmutzung. Dann zündete er sich eine Zigarette an und paffte vergnügt weiter und Frau Rajasthani und ich wetteten, wer von uns als erster begönne laut zu lachen. Aunty, in jedem indischen Haus gibt es eine Aunty, eine der Frauen, die alles wissen, selbst Geheimnisse, die sie noch gar nicht kennen für Aunty sind sie längst schon kalter Kaffee. Auch bei den Rajasthanis gibt es eine Aunty, die an Fest und Feiertagen wie selbstverständlich einen Platz am Tisch hat. Ich also, füllte mir eine zweite Schüssel mit Kardamomeis, Herr Rajasthani brächte mir Tee, und während ich Eis löffelte, rückte Aunty näher zu mir heran uns sagte:

„Frau Dripivati hat Frau Shrivati eine Kiste mit Galub Jamun aus dem Jahr 2013 geschenkt. Frau Dripivati aber markiert seit Jahren ihre Präsentpralinen mit bunten Bändern und hat sofort gemerkt, was hier gespielt wurde. Nächstes Holi wird sie sich rächen.“

„Herr Bhatia hat seiner Frau einen goldbestickten Sari machen lassen, aber seiner Geliebten hat er Schmuck zukommen lassen und weil er nicht nur dreist, sondern ein Tölpel ist und ein eitler Pfau, ein baboons-ke hat er das Preisschild für den Schmuck in das Sari-Paket gelegt und in das Schmuckpaket den Sari Preis.“ Nun hat Herr Bhatia weder Frau noch Geliebte und ein trauriges Diwali zu erwarten. Ein dunkles Diwali keckerte Aunty und verlangte, ich hätte das Eis ja inzwischen auch ausgelöffelt, Lohn für ihre Erzählungen, legte die Füße in meinen Schoß und hieße mich ihre Waden zu massieren und dann erzählte sie wie die Familie Preevati ein Diwali-Schnäppchen machen wollte und dabei doch drei- und vierfach auf die Nase fiel und dann lachte Aunty, denn Herr Preevati hatte über Aunty die Nase gerümpft, als sie ihn fragte, warum er einen neuen Kühlschrank brauchte, wo seine Frau doch sieben G*tter in der Küche zu stehen habe.

Aunty erschöpft von so viel Tratsch und Klatsch, schliefe im Sessel ein und wenn es doch nur immer noch so sein würde, wie ich einmal hoffte, so stünde der A. neben mir auf dem Balkon und wir zündeten die Tonlampen an und der A. sänge für mich von der Rückkehr Ramas und der G*ttin Lakshmi und die Kinder von Frau Rajasthani würden sich hinter den Blumentöpfen verstecken und rufen: „Küsst euch.“ Aber alles ist anders und auch dieses Jahr bin ich zu Diwali nicht in Indien. Ich weiß nicht, wo der A. zur Puja geht und ob er nicht inzwischen längst einer Frau einen Sari geschenkt hat und Frau Rajasthani schilt mich, weil ich nicht komme und weil ich das Detektivbüro Rajasthani und Partners in Angelegenheiten des A. nicht in Anspruch nehmen will.

Der Tierarzt fragt mich: „Mädchen, what’s that Getränke Hoffmann?“ Frau Rajasthani sagt: „Du hast nie Zeit, das ist doch nicht neu, setz dich ins Flugzeug und komm.“ Ich sage ihr nicht, dass ich dann vielleicht nie mehr zurückkehrte oder schlimmer noch den A. suchte. Frau Rajasthani rächt sich in dem sie mir die schlimmsten aller Whatsapp Diwali Nachrichten schickt.

Dann aber landet das Flugzeug. „Delmenhorst“, sagt der Tierarzt. „Komm“, sage ich.

Im Wind

Der Sturm kommt und die Universität schließt ihre Tore. Schließt die Universität ihre Tore, so gilt dies auch für das Institut. Die Universität verschickt mehr als eine E-Mail, es gibt das alles auch in kürzer auf Twitter und Facebook, ich schicke eine Email an das gesamte Institut, natürlich alles auch noch einmal in kürzer auf Twitter und Facebook und dann fange ich an die Emails der Fellows zu beantworten:

„Ist das Institut geschlossen?“ ( Ja ) , Ist das Institut WIRKLICH geschlossen. ( Ja). Warum ist das Institut verschlossen? ( Ein Sturm namens Ophelia zieht über Irland.) Bei mir vor dem Fenster weht gar kein Wind, kann ich ins Institut kommen? ( Nein.) Wann fängt das Yoga heute an? (Die Auszubildende).
Ich habe meine Lieblingstasse/ mein Schnuffeltuch / meinen Zettel mit der Weltformel im Institut vergessen, kann ich das abholen? ( Nein ). Kannst du mir die Dinge bringen? ( Nein ). Das ist ungerecht/ eine bodenlose Frechheit / ich bestehe auf dem freien Willen ( Kant !!!!!) wie komme ich ins Institut. ( Gar nicht. Die Universität und Institut sind vernagelt.) Ich werde mich beschweren. Ganz oben. Es ist mein gutes Recht ( Tausend Ausrufezeichen.) Dann fällt der Strom aus und ich finde, ich habe ohnehin genug Fragen beantwortet. Das Dach des kleinen windschiefen Hauses wackelt, aber es hält. Die Kirchglocken St Sylvesters aber schlagen laut und unermüdlich, der Priester kommt vom Meer zurück: „Fräulein Read On“, sagt er, da sind Leute mit Surfbrettern auf dem Wasser.

Die Stunde des Sturms aber ist die Stunde des großen Triumphes der Frau des Krämers. Die großen Supermärkte, erst Dunnes, dann aber auch Tesco schließen, aber ihr Laden trotzt allen Gewalten und der Krämer zurrt ein großes: „We are open“-Schild an einem Baum fest. Die Schlangen vor dem Geschäft werden immer länger und die Frau des Krämers hat gerötete Wangen vor Aufregung und deklariert den Laden zur Sturmversorgungsnotzentrale. Deswegen heißen die sausage rolls, dann auch emergency rolls und kosten 50 Cent mehr als sonst. Die Touristen sind begeistert und die Frau des Krämers herrscht ihre Tochter an, doch schneller zu sein mit dem Nachfüllen der Milchpackungen, der Kekstüten und belegten Brote. „Ich dachte der Laden sei schon zwanzig Jahren pleite“, sagt ein Mann und erntet einen Todesblick der Frau des Krämers, die finster knurrt: „nur über meine Leiche.“ Er bekommt die unverkäuflichen, steinharten Haferkekse, ein Experiment der Frau des Krämers, welches fehlschlug, aber nicht fehl genug, um es dem dreisten Städter nicht einmal so richtig zu zeigen. „Have a very good day“, schnalzt sie als der Mann mit den Haferkeksen und der Milch den Laden verlässt. Dann rüffelt sie ihre Tochter, die zu verschwenderisch mit dem Einwickelpapier für die “Emergency Rolls“ umgeht. Vor der Tür verkauft der Krämer Kaminholzscheite und Kohlenbriketts, dann wirft eine heftige Windböe den Tisch und die Frau des Krämers schilt auch ihn geschäftsschädigenden Verhaltens, kann aber mir ihrer Schimpftirade nicht fortfahren, denn der Sturm knickt den Baum mit dem „We’re open“ Schild einfach um.

Der Tierarzt indes erklärt einer Gruppe unverschämt gutaussehender, amerikanischer Touristinnen, die ihm an den Lippen kleben, auch er sei in einer Sturmnnacht geboren. Die wunderschönen, blondgelockten Frauen seufzen und der Tierarzt- wehendes Haar und wehender Mantel- fügt hinzu: in der Nacht also, in der ich geboren wurde, da schwammen die Fische auf den Straßen als sei es das Meer. Die blonden Sirenen sind der Ohnmacht nahe, nur leider komme eben auch ich die Straße hinunter und sage: „Na Heathcliffe, bist du soweit?“ Die Damen sehen fassungslos zu mir herüber: warum ein Beau sich wohl mit einem Shetlandpony abgibt, fragen sie sich und sie fragen ihn: „Heathcliffe, what an extraordinary name?“ Der Tierarzt schüttelt den Kopf: „Mädchenhumor.“ „There was no possibility of taking a walk that day“ , sage ich und rate den schönäugigen Damen ihre Dorf und Tierarztbetrachtung doch an einem anderen Tag fortzusetzen. Die Damen heben Stöcke und Äste auf. „We survived a hurricane.“ Es fängt an zu regnen.

Später, dann stehen der D. und ich im Wind und wir werden für viele Stundne im Wind stehen und Notversorgung organisieren, über Baumstämme schlittern und müsste ich mich nicht so konzentrieren, so streckte ich der Ballettlehrerin, die mich damals als aus dem Kurs warf: „Das ist Ballett kein Elefantenzirkus“ die Zunge heraus, denn die Bäume sind glitschig und dennoch irgendwie kommt man herüber auf die andere Seite und dann machen wir das, was wir eben machen, seit so vielen Jahren schon. Später, so viel später, als wir zurückfahren, nach langen Stunden, da denke ich an den B. Der B. war ein Mann für den Englisch das Wort hunk erfunden hat, ein Baumstamm von einem Mann, Mountain Rescue, einer von jenen, die nicht mehr zurückkamen, damals aber, in einer anderen Nacht, einem anderen Land, wir bauten Zelte auf, da sah er, zu mir herüber und sagte: Feuer bringt die Menschen näher zusammen, Wasser aber verdrängt, aber Wind, Wind Read On, der Wind zerrt an den Nerven der Menschen, lässt sie schneller die Nerven verlieren als sonst. „Wind Read On makes humans snappy“, nimm Dich in Acht vor dem Wind, über dem Wind verliert man den Verstand. Damals sah ich ihn verwundert an, denn dort wo wir Zelte aufbauten, da war doch der Krieg. Aber er sollte Recht behalten, und als ich spät am Abend wieder zurückkehre in das kleine Dorf, da ist das Dorf rastloser als sonst, und auch der Tierarzt, der Sturmgeboren, der niemals die Ruhe verliert, ist unruhiger als sonst, steht wartend am Fenster und endlich dann vergraben unter dicken Decken, der Sturm schüttelt noch immer an den Wänden des kleinen, windschiefen Hauses, ich ahne wie Recht der B. hatte, der Sturm zehrt an einem, fährt einem unter die Haut, versteckt sich in den Knochen und am Ende des Tages sind drei Menschen tot und am anderen Morgen noch immer 245, 000 Haushalte in Irland ohne Strom.

Sonntag

Nach der Nachtschicht gehe ich schwimmen und das Wasser ist schon winterkalt. Taube Zehen, aber auch das ganze Glück zwischen den klappernden Zähnen, dem Sand im Haar und dem Wind zwischen den Rippen. Erst ein warmer Bademantel- die Frau des Krämers- schreit: „Sie werden sich den sicheren Tod holen, Fräulein Read On- sie klingt nicht zu unglücklich über diesen Umstand. Ich winke ihr recht lebendig zu. Dann warmes Wasser, ein warmes Tierarzt T-Shirt, ein warmes Bett und fünf Stunden lang ist es ganz still. Nur der Tierarzt atmet leise, und der Wind der sich gegen die Fensterscheiben drückt, hält die Welt von uns fern. Fünf Stunden lang, ich bin nur noch halbmüde und habe fast wieder warme Füße. Der Tierarzt ist ganzwach und hat mir meine kalten Füße abgenommen. Die Glocken von St Sylvester läuten, der Teekessel pfeift, im Radio sagt die Nachrichtensprecherin, dass ein Sturm am Montag den Westen Irlands erreiche. Ich sehe hinauf auf das Dach, denn auch wenn wir nicht im Westen leben, so fürchte ich um den Verbleib des Daches. Aber der Tierarzt der zugegen war, als der Dachdecker das Dach auf Winterfestigkeit überprüfte, beruhigt mich: „wenn es zum Äußersten kommen würde“, sagt er „ dann flöge ja er davon“ und ich hätte endlich wieder mehr Zeit für mich. „ Tierarzt“, sage ich „mach dich nicht lächerlich“, die Katze liegt auf Dir, der Hund spränge bei dir, Kälbchen stemmte sich dem Wind entgegen und bevor der Wind sich auch nur umsehen könnte, setzte sich die Frau des Krämers, die nun in keiner Hinsicht ein Liechtgewicht ist auf deinen Brustkorb und der Wind sähe gleich ein, dass er hier nur verloren könne, packte mich bei den Schultern und spie mich über dem kalten Atlantik aus. Du aber hättest endlich wieder mehr Zeit für dich.“ Fragend sieht der Hund zu uns herüber und auch die Katze ansonsten nicht weiter interessiert am Leben von uns mere mortals, macht eine unegduldige Schwanzbewegung. Der Tierarzt aber triumphiert: Ha Mädchen, ich weiß was, wir stellen die beiden großen Regenschirme ins Schlafzimmer und wenn der Sturm das Dach abdeckt, und uns bei den Haaren packt, dann spannen wir die Schirme auf, halten uns gut fest und Du schreist dem Wind: „Aber bitte nach Deutschland“ ins Ohr. „Soll sein, Tierarzt, soll sein, sage ich und der Tierarzt nickt zufrieden. Der Hund rollt sich auf meinen Füßen zusammen, die Katze springt zum Tierarzt herüber und obwohl sich Hund und Katze nicht wirklich viel zu sagen haben, nickt man sich einander zu. Dann löffeln wir einträchtig Porridge, schlürfen Tee ( Tierarzt ) und Milchkaffee ( Fräulein Read On ) und lesen die Zeitung nach, ich ratsche mit der lieben C. und schiebe dem Tierarzt warmen Sanddornsaft herüber. Der Tierarzt stellt meine Milchkaffeemilch auf das Stövchen, gelbe Blätter fliegen vorbei, ich begutachte den Stapel Feuerholz, der Tierarzt schnuppert vorsichtig einer aus Berlin mitgebrachten Quitte und so sind wir sonntäglich beisammen.

Der Priester nämlich, unser sonntäglicher Gast, ist zu missgestimmt zu einem Priesterseminar nach Clonmel entschwunden, nicht ohen zu murmeln: „48 Stunden unter Idioten“. Für den Priester, dem das Fluchen ja quasi beruflich untersagt ist, war das ein so unerhört starker Ausdruck, dass ich ihm Äpfel und Kekse aufnötigte, um ihn milder zu stimmen. So aber spazieren der Tierarzt und ich zu Kälbchen herüber. Vorher aber viertele ich Äpfel und Karotten scharf beäugt vom Tierarzt, der Kälbchen ja nur das Beste vom Besten zugesteht. Sollten Sie in der Annahme leben, Kälbchen bekäme Fallobst angereicht, so irren Sie, Fallobst schneide nur ich mir in den Obstsalat. Unser Verhältnis zu Kälbchen entspricht in etwas dem alter Eltern, die noch den dreißigjährigen Kindern die Wohnung putzen, denn es ist ja ein Liebesdienst und die Kinder freuen sich ja auch so. Dann stehen wir an der Weide und Kälbchen kommt blökend angerannt und rammt seinen schweren Kalbsschädel in den dünnen Tierarzt, der sich zwar an mir und einem Zaunpfahl festklammern muss, um nicht umzufallen, aber der Liebe ist bekanntlich nichts zu schwer. Kälbchen blökt und verschlingt Äpfel und Möhren. Der Tierarzt strahlt: „Kälbchen hat sich so gebessert, sagt er.“ Denn diese Woche hat Kälbchen den Esel nur zweimal verhauen und heuer darf ich ihm sogar unter der Hand eine Mohrrübe und ein halbes Äpfeli zustecken. ( So muss sich Schweigegeld anfühlen. ). Der Tierarzt schwärmt von Sozialkompetenz und der Möglichkeit einer langen und erfüllten Freundschaft zwischen Kälbchen und dem Esel. „Du klingst wie ein Vater, der sich freut, dass sein Sohn nur Drogendealer und nicht auch bewaffneter Raubmörder geworden ist, lieber Tierarzt“, sage ich. „Still so young, but so cynical, world-weary and bitter“, sagt der Tierarzt zu Kälbchen und würdigt mich keines weiteren Blickes mehr. Dann laufen wir zurück und laufen der Frau des Krämers in die Arme: „Na Tierarzt waren Sie bei Kälbchen“, fragt sie. Wir nicken. Die Frau des Krämers verdreht schmachtend die Augen: „Sie sind ja ein richtiger Kuhflüsterer“ kräht sie und fügt hinzu wir lieben den Robert Redford ja alle, aber sie Tierarzt, sind ja auch ein richtiges Schnuckelchen.“ Dann eilt sie kichernd davon. Der Tierarzt schwört, dass er die Frau des Krämers eines Tages mit ins Affenhaus nähme.“ Durch den Nieselregen stapfen wir zurück nach Haus. „Hoffentlich holt Kälbchen sich keinen Schnupfen“ sagt der Tierarzt.“

Dann klingelt die Kinofreundin des Tierarztes. „Robert Redford“ rufe ich die D. ist daaaaa.“ Die D. sieht mich verwundert an. „Was für einen Film seht ihr denn?, frage ich die D. „Bladerunner 2049“ antwortet sie und mein Gesicht muss besonders ahnungslos aussehen, denn sie fügt etwas von einem Replikanten hinzu. „Replikant?“, frage ich den Tierarzt, der sich die Schuhe zubindet, ist das eine Art Auszubildender im Weltraum?“ Die Kinofreundin sieht mich entsetzt an und zieht den Tierarzt hinter sich her.
Dann gähne ich zweimal, ziehe mir das warme Plaid über die Schultern und schlafe wieder ein.

 

12 Bilder, ein Tag. Die Irland-Ausgabe.

Gestern war es wieder so weit. Ganz Bloggersdorf sammelte 12 Bilder und da will auch die Außenstelle: Kleinst-Gälisch-Bloggersdorf nicht fehlen.
Ganz Bloggersdorf zeigt seine zwölf Bilder schon immer bei Draußen nur Kännchen.

Porridge it is. #1v12 #12von12 #porridge #porridgeforthepeople

A post shared by FräuleinReadOn (@mademoisellereadon) on

Hier beginnt der Tag mit Porridge. Auf dem Porridge sollten sie sich wundern, ist nicht getrocknetes Blut zu sehen, sondern Beerenkompott, denn wir die wir im außertropischen Monsun ( auch bekannt als irischer Regen ) unser karges Dasein fristen, versuchen den Sommer wenigstens in Kompottform zu konservieren.

Klabautermann. Ähm. Klabauterfräulein. #2v12 #12von12 #klabautermänner

A post shared by FräuleinReadOn (@mademoisellereadon) on

Im Oktober aber verwandelt sich das Fräulein Read On in einen Klabautermann. Sie wickelt sich in einen gelben Wetterfleck, der ungefähr fünfmal so groß ist wie sie selbst, zwei Strickjacken trägt sie unter dem Wetterfleck und erschrickt so sehr zuverlässig, Möwen, Menschen und auch Katzen. Sollte Ihnen einmal ein Michelin Männchen mit Shetlandponyhaaren begegnen, der den Klabautermann alt aussehen lässt, das bin dann sehr wahrscheinlich ich.

The morning is still sound asleep. #3v12 #12von12 #dublin #dailycommute

A post shared by FräuleinReadOn (@mademoisellereadon) on

Meine Großmutter sagte, die Dinge, die man vor zehn Uhr schafft,sind das Siebenfache dessen, was man nach zehn Uhr schafft. Mit diesen Worten im Ohr eile ich vom Zug in die Stadt und vom Bahnhof ins Institut, seit Jahr und Tag komme ich nie später als 6.30 Uhr und wenn ich wild lebe gegen sieben Uhr zur Tür herein.Lachen Sie nur, ich kann nicht aus meiner Haut.

Suppenkasper. #4v12 #12von12 #spoonitup #blackeyedpeas

A post shared by FräuleinReadOn (@mademoisellereadon) on

Am Donnerstag ist der Tierarzt im Zoo und so trifft man sich zur Mittagsstunde in der Stadt und macht sich schöne Augen. Nebenbei schlürft man eine Suppe. Gestern gab es eine Tomatensuppe in der Black Eyed Peas schwammen, aber die Augen des Tierarztes sind doch schöner. Die Suppe nicht den Tierarzt können Sie in der Chocolate Factory selbst probieren.

At the crossroads. #5v12 #12von12 #crossroads #dublin

A post shared by FräuleinReadOn (@mademoisellereadon) on

Der Tierarzt fährt links zurück in den Zoo und ich laufe geradeaus ins Institut zurück. Das ist manchmal auch ein Zoo.

„Halt durch Mädchen“, sagt der Tierarzt. ( Die Auszubildende )

„Lass Dich nicht beißen“, sage ich. ( Der Löwe, das Krokodil, der missgelaunte Orang-Utan.

Gegen die Wand aus Stille.( Karte Nummer 106 ) für Mesale und Kitty für ihren Sohn. #freemesale #schreibmeşale #6v12 #12von12

A post shared by FräuleinReadOn (@mademoisellereadon) on

Jeden Tag eine neue Karte und jeden Tag fällt die Karte schwerer. Die fortgesetzte Untersuchungshaft für Mesale Tolu und ihren Sohn macht mir sehr zu schaffen und ich wünschte mir fiele etwas Besseres ein, als eine Karte. Eine Papierfliegerkette. Ein Luftballonsbefreiungskommando. Ein Brieftaubengeschwader, dass Sie dort endlich herausholte aus dieser Hölle.

Karte Nummer 210. Manchmal sehe ich auf die Zahlen und wie bei Mesale Tolu überfällt mich auch hier die gleiche rasende Hilflosigkeit. So weit ich es weiß, erreicht Deniz Yücel keine der Karten. Es gibt viele verschiedene Wege einen Menschen zum Verschwinden zu bringen, die Türkei zeigt gerade Wie.

Waiting, reading, eating. #8von12 #12von12

A post shared by FräuleinReadOn (@mademoisellereadon) on

Warterei mit sehr guter Zimtschnecke und einem Buch, über das mich auf Seite Drei schon sehr geärgert habe, das es nichts mehr werden wird mit uns beiden.

Just in case you wonder how dark our village truly is. It is that dark. #9v12 #12von12 #dark #thisisireland

A post shared by FräuleinReadOn (@mademoisellereadon) on

Wenn Sie sich fragen, wie dunkel es eigentlich ist in einem kleinen, irischen Dorf. So dunkel ist es. Seit Jahren schon sind die Straßenlaternen abgestellt oder kaputt.

Ich muss noch eine Birne wechseln. #10von12 #12von12 #hahahahahahahahahahahahahahahahahahahahahahahahahahahahahahahahahahahaha

A post shared by FräuleinReadOn (@mademoisellereadon) on

Im Schlafzimmer muss eine Glühbirne gewechselt werden und ja, ich kann darüber wirklich sehr lachen. Immer noch. Schon wieder. Noch viel mehr als Sie glauben. Hihihihihihihihih.Hahahahahahahahaha.

Clean teeth. #11von12 #12von12

A post shared by FräuleinReadOn (@mademoisellereadon) on

Zähne putzen nicht vergessen. Wieder einmal ein Bild von bestechender Aussagekraft und dem wiederholten Beweis: ich mache die schlechtesten Bilder der Welt.

Book and bed. Nite-Nite. #12von12 #book #vikramseth #nowreading #asuitableboy

A post shared by FräuleinReadOn (@mademoisellereadon) on

Dieses Buch ist mir ein heimatlicher Hafen. Meine alte Ausgabe war so zerlesen, dass ich mir eine Neue anschaffen musste. Lesen Sie Vikram Seth. Sie werden es nicht bereuen.

Die Sache mit dem Yoga

Bekanntlich habe ich eine große Schwäche für Briefkästen. Der Briefkasten für meine Aufklärungssprechstunde so predige ich jedem, der nicht schnell genug wegläuft sei eine formidable Sache und überhaupt freue ich mich auch, wenn im Berliner Hausbriefkasten richtige Briefe und Karten liegen. In Irland gibt es leider nur eine Briefschlitzklappe in der Tür. Vor der Tür schläft aber auch der Hund und die Briefe fallen auf ihn herauf, der Hund erschrickt sich und reißt dann immer irgendetwas herunter, die Katze kugelt sich hämisch lachend und reißt etwas herunter, am Abend ist daher das halbe Haus zerschlagen und die Briefe sind verschwunden. Aber im Institut hängt auch ein interner Briefkasten, in dem die Fellows angehalten sind, Vorschläge zur Verbesserung ihres Aufenthaltes einzuwerfen. Die meisten Vorschläge sind eher frugaler Natur: „Der Kaffee ist zu dünn.“ „Von dem Kaffee bekomme ich Herzrasen“ oder „NIE WIEDER DIE HARTEN ITALIENISCHEN KEKSE! ( Sieben Ausrufezeichen.) Wir tun unser Bestes. Am häufigsten genutzt aber wurde der Briefkasten von der Auszubildenen, die ihre Zigarettenkippen dort versenkte,immer in der Hoffnung ich fände nicht heraus, dass sie im Gebäude rauchte, aber die Kippen begannen zu qualmen, der Rauchmelder schlug an und dann kam die Feuerwehr. Die Auszubildende kam hernach in das seltene Privileg mich wütend zu sehen und seitdem flieht sie mit der Zigarettenschachtel nach draußen.

Über den Sommer aber mehrten sich die Zettel in denen die Fellows den Wunsch nach körperlicher Ertüchtigung äußerten, denn wir leben ja in fitten Zeiten. Wer heute noch keinen Marathon gelaufen ist oder sich einen Hexenschuss am Bungeeseil geholt hat oder ohne Wasser und nur mit einem Eispickel in der Tasche auf den Everest gestürmt ist, der hat nicht richtig gelebt und auch die Wissenschaftler drehen sich nicht mehr nur auf dem Bürostuhl, sondern wollen sporteln und gut durchgeschwitzt zu den Schreibtischen zurückkehren. ( Das die Universität ein Sportcenter unterhält, zu dem die Fellows Zutritt haben, sei nur der Vollständigkeit halber erwähnt.)

Die beste Chefin der Welt und ich, wir saßen also zusammen und die beste Chefin der Welt sagte: „Read On, das einzige was geht ist Yoga.“ Ich hustete böse. Denn obwohl mir schon klar ist, dass Yoga längst schon ein Lifestyle ist, so etwas hat man ja heute, so ist mein Unbehagen über Yoga nie ganz gewichen, dazu verbringe ich zu viel Zeit in Indien, wo Yoga lange schon zum gezielten Mittel der Modi-Regierung wurde, eine Hinduvata Ideologie zu propagieren, die Yoga zur nationalen Sache erklärte und Yoga am Morgen zum Dienst am Vaterland erklärte. Die von der Regierung Modi so geschätzten Unterstützer, scheuten auch nicht davor zurück, Leute in den Parks zu verprügeln, weil sie lieber picknickten als den Sonnengruß zu erbieten oder zwangen Spaziergänger an den staatlich verordneten Übungen teilzunehmen, aber ich weiß schon:Yoga ist so gut für den Blutdruck, und so friedlich und ommmm. Die beste Chefin der Welt seufzte auch, und sagte: „Komm Read On, wie probieren es.“ Ich knurrte finster und telefonierte mich durch die Dubliner Yogastudios, denn es galt einen Yogi zu finden, der bereit ist in das Institut zu kommen und mit sensiblen Wissenschaftlern den Hund zu üben. Das alles hat sich am Morgen abzuspielen, also vor neun Uhr, denn im Institut ist täglich Betrieb. Die meisten Yogis winkten ab.
Zu zwei Yogastudios fuhr ich hin, ich schlürfte Süßholztee und meine Augen tränten von den vielen ätherischen Ölen, die Yogis erläuerteten ihre Philosophie, schwärmten von augenöffnenden Erfahrungen in einem Ashram und strichen einem Keramikbuddha zärtlich über den Kopf. Ich nickte und riet dem Yogi das Bild an der Wand andersherum aufzuhängen, Devanagari liest sich doch leichter hängt es nicht kopfüber. “Ist doch nur Deko”, sagte der Yogi und ich entschied mich für seine Kollegin.

Der Tierarzt sagte als ich ihm Zuhause die Plakate zeigte: Oh Yoga im Institut. Kann ich da auch ankommen?” Dann zwinkerte er mir zu und fuhr sich elfmal durch das Haar.

“Tierarzt sagte ich: Kundalini, nicht Kamasutra.”

“Man könnte sich beim Handstand küssen”, fand der Tierarzt.

„In deinen Träumen“, knurrte ich.

„Man wird ja wohl noch träumen dürfen“, sagte der Tierarzt.

Ich druckte Plakate. Ich verschickte Emails. Ich legte jedem Fellow einen Zettel und ein Packerl Yogitee auf den Schreibtisch. Yoga, 7.30 Uhr, immer Dienstags, coffee afterwards ( am Ende sind es ja doch Wissenschaftler ), Ehepartner, Schwiegermütter, Kinder, all very welcome.

Alle sagten begeistert zu. Am lautesten kreischte die Auszubildende: „Das kommt alles auf Youtube.“ Ich betete stumm.

Dann beantwortete ich 250 Emails: „Ich habe nur zwei verschiedene Wollsocken, kann ich trotzdem kommen“- „ich bin selbst Yogi-Master und möchte nur durch die Ohren atmen, ist das ein Problem?“- warum soll ich 2 Euro Leihgebühr für eine Yogamatte bezahlen. Das ist doch dreiste Abzocke“- ohne Kaffee kann ich keinen Sport machen, wann stellst du die Kaffeemaschine an?“-Kann ich während der Stunde, Wasser trinken- ich muss Wasser trinken, sonst sterbe ich.“

Am Dienstag um 7.25 Uhr , wir gehen ja mit gutem Beispiel voran, sind die beste Chefin der Welt, ihr Gefährte, der Tierarzt und ich anwesend. Von den Fellows keine Spur. Die Yoga-Vorturnerin strahlt uns an. Der Tierarzt strahlt zurück:

„Wann machen wir Handstand?“, fragt er. Ich knuffe ihn in die Rippen.

Eine dreiviertel Stunde lang, verdrehen wir unsere Knochen in alle möglichen Himmelsrichtungen. Dann endlich darf der Tierarzt Handstand machen und auch ich schwinge mühsam meine Beine über den Kopf: Ommmmm, macht die Yoga-Vorturnerin. Nomnomnom macht der Tierarzt und küsst mich wirklich. Ohhhhhhh machen die beste Chefin der Welt und ihr Gefährte.

Um zehn Uhr stehen die Fellows mit Wasserflaschen, Matten, Kaffeetassen und Wasserkanistern vor meinem Büro. „Wann geht es denn los?“, fragen sie: 7.30 Uhr sage ich und zeige auf die Plakate, die überall hängen. Die Fellows brauchen erst einmal einen Kaffee. Um 10.15 Uhr kommt die Auszubildende: „Fräulein Read on, sagt sie, ich hatte mir den Wecker fast pünktlich gestellt, aber dann habe ich das Passwort für meinen Youtube Channel nicht mehr gefunden und dann war ich ganz verzweifelt und wusste nicht mehr, wann ich zur Arbeit kommen sollte.

Ommm. Shanti Ommm.

Nicht alle Helden können ein Smartphone sein.

Am Abend sitze ich in der S-Bahn. Einen Wäschekorb voller Äpfel habe ich zum Bahnhof getragen, auf dem Bahnsteig traf ich meine liebe C. Für eine Minute und dreißig Sekunden umarmte ich meine liebe C. Seit langen Wochen habe ich zum ersten Mal wieder das Gefühl sicheren Boden unter den Füßen zu haben. Solche Arme hat meine liebe C. Dann muss die liebe C. wieder in den Zug einsteigen, ich schiebe den Äpfelwäschekorb hinterher und winke ihr auch noch, da ist der Zug schon weitergefahren und ein bisschen seltsam sehen die Leute auf dem Bahnsteig mich an, dass ich einem Zug hinterherwinke, der schon längst abgefahren ist. Dann laufe ich zurück zur S-Bahn und als die S-Bahn kommt, krame ich kein Buch aus der Tasche, sondern ich will mich wenigstens bis ich den kleinen Vorort der großen Stadt Berlin erreiche an den Armen meiner lieben C. festhalten. In der S- Bahn liest ein Mann vertieft die BILD-Zeitung. Eine Frau korrigiert mit ihrer Pinzette ihre Augenbrauen, ein zweiter Mann öffnet eine Flasche Bier. Plopp macht der Deckel und der Deckel rollt auf den Boden. Der Mann trinkt schmatzend aus der Bierflasche. Aber einmal stört mich das alles nicht, denn solche Arme hat meine liebe C.

Links von mir sitzt eine Familie. Es ist wie im Bilderbuch. Mutter, Vater und zwei Kinder. Die Stimmung aber ist nicht wie im Bilderbuch. Die Eltern nämlich sind bewusste Eltern, die Kinder kauen keine Schokolade oder lutschen Bonbons, sondern die Eltern kramen in dem Rucksack nach einer Dose und in der Dose ist undefinierbares: weiße Kugeln vielleicht aus Hirse, weiße dünne Plättchen, die aber keinesfalls Kekse sind und dann krümelige, weiße Brocken, die aussehen als wäre ein Rigipswand explodiert. Ich bin wirklich erstaunt, dass es sich bei dem Inhalt der Dose um Essbares handelt. Die Stimmung der Familie ist aber, schon vor der Dose angespannt. Ein Kind heult, das andere reißt am Rock der Mutter und alle sind genervt und irgendwie angetrengt und jetzt muss es die Dose retten, aber die Dose hat ja keine Schokolade oder Bonbons, die immer retten, wenn es zu retten gilt, sondern nur die Auswahl weißer Papiermaché-Teilchen. „Aber ordentlich essen, sagt die Mutter“ zu den Kindern und stellt die Dose zwischen die Kinder auf den Sitz. Die Mutter atmet durch und der Vater zieht ein Smartphone aus der Hosentasche und dann erklärt er seiner Frau irgendetwas und ich brauche einen Moment, bis ich realisiere, dass er ihr erklärt, dass eine Email fast das gleiche sei wie eine SMS. „Unbgrenzte Zeichen“, sagt er und sie sagt ja, ja wie Frauen immer ja, ja sagen wenn Männer über Autos, Fußballlergebnisse oder überhaupt Dinge sprechen, die niemanden interessieren. Sie holt derweil eine Broschüre über eine Nachbarschaftsinitiative aus dem Rucksack und will ihm vorlesen, was die Broschürenmacher aufgeschrieben haben, aber die Kinder und hatte sie nicht gesagt: „Ordentlich Essen“, bekommen Streit, wer ein weißes Kügelchen essen darf und für wen die Rigips-Krümel bleiben. Es folgen Handgemenge, Geschrei und in hohem Bogen fliegt die Dose hoch in die Luft, dreht sich einmal um die eigene Achse, um polternd auf den Boden zu fallen. Über Vater, Mutter und zwei Kinder liegt jetzt weißer Krümelschnee, weiße Brocken liegen auf Boden, Sitzen und auf der Broschüre. Die Frau ohnehin schon angespannt, ist den Tränen nah: Eine Katastrophe, schluchzt sie, alles hinüber, heult sie , und sieht schreckensstarr auf die Krümelberge, die Kinder sehen betreten auf den Boden und versuchen die weißen Brocken mit den Füßen wegzuschieben. „Alles deine Schuld“, „nein Deine“, „Doch“, Gar nicht“, neue Handgemenge, nur der Mann noch immer über das Smartphone gebeugt, erklärt noch immer wie genail die Sache mit der E-Mail sei. Die Frau hat genug gehört und die Sache mit der umgekippten Dose geht jetzt bedenklich ins Grundsätzliche: „Immer lässt Du mich hängen“ schluchzt sie und er sagt ausgerechnet: Gleich, nur einen Moment noch.“ Sie weint inzwischen und die Kinder heulen mit. Endlich legt er umständlich das Smartphone weg. Dann knien sie beide auf dem Boden und suchen der Krümel Herr zu werden, dabei aber zischen sie sich gar nicht so biologisch und nachhaltige Gemeinheiten zu. „Du nervst mit deiner Hysterie“, sagt er.

„Du bist so unsensibel“, faucht sie.

Die Kinder weinen weiter.

„Hysterisch“

„Unbelehrbar“

„Überspannt“

„Super-Egoman“

Wären noch Hirsekügelchen da, ginge das mit dem Beziehungsflummisvorwurfspiel noch viel besser. Aber die Hirsekügelchen sind ja alle längst zerdrückt.

Dann erreicht der Streit jenen neuralgischen Punkt, an dem man entweder die Kurve bekommt oder sich Sachen sagt wie: Am Baggersee habe ich mich deiner Schwester geknutscht“ oder „ich esse zweimal in der Woche heimlich bei McDonalds“ und das nächste Mal sieht man sich dann beim Scheidungsanwalt.

Dem Mann, der eben noch die Frau hysterisch schalt, sieht sich diesem Moment gefährlich nah gekommen und jetzt sucht er nach dem rettenden Ausweg, und dann fällt ihm das Smartphone ein:

„Das mit der Dose war das Smartphone“ sagt er zu der Frau. „Die Strahlung macht uns alle nervös.“

Seine Frau nickt und wischt sich die Tränen ab: „Ganz genau, pflichtet sie ihm bei: „das ist das Smartphone gewesen, die Dinger machen wirklich alles kaputt.“

„Ganz wuschig ist mir geworden“, sagt der Mann.

„Mir war auch ganz schwindelig“, sagt sie.

Dann schaufeln sie die Krümel in eine Tüte und die Kinder hören auch auf zu schluchzen. „Das Smartphone“ sagt er bestimmt, wird jetzt weggesperrt und dann legen seine Frau und er das Telefon in die ja jetzt leere Dose und sie macht den Deckel ganz fest zu.“ Die Dose wird in den Rucksack verbannt und der Rucksack wird auch fest verschlossen. Dann nimmt der Mann die Hand seiner Frau und die seiner Kinder, in die Seine: „Das Smartphone ist zu und wir haben unsere Ruh“, ruft er und die drei stimmen begeistert ein.

Dann muss ich aussteigen und denke wie gut es ist, dass inzwischen auch die Samrtphones so schuld sein können, wie einstmals nur die Schweigermütter, und dieses Smartphone, ein wahrer Ritter im Handyformat, das soll hier nicht verschwiegen werden, hat gestern Abend in der S7 eine Ehe gerettet. Das Smartphone, könnte man sagen, hat ähnliche Kräfte wie die Arme meiner lieben C.

Völlerei

Am Montag Abend beschliessen der Tierarzt und ich fein essen zu gehen. Also richtig fein. Servietten mit Silberringen, festes Tischtuch und Fischarten auf der Speiskarte, die ich in keiner Sprache entziffern kann. Außerdem stelle ich mir vor, dass die Teller zwar sehr groß und gewärmt- auch das Fräulein Read On übrigens besitzt Tellerwärmer- die Portionen aber sehr klein sind, und so die Chancen höher sind, dass auch der Tierarzt sich nicht sofort schaudernd abwendet. Die liebenswürdige P. empfahl uns ein entzückendes Restaurant, berühmt für seine exquisiten Fische, ich bestellte in meinem schauerlichen Italienisch einen Tisch für zwei und Arm in Arm erreichen wir das Restaurant, das hier einmal zu den „Silbernen Langustinen“ heißen soll. Alles ist genau so wie es sein soll: die Gläser glänzen, im Silber der Messer kann man Grimassen ziehen, und die Teller sind warm. Das Restaurant gehört dem Patron, er steht hinter der Kasse, seine Frau strahlt aus der Küche und die Söhne, drei an der Zahl bemühen sich um die Gäste. Die Söhne sind von atemberaubender Schönheit. Es ist schon sehr ungerecht, wie gut Männer mit einer grünen Schürze über dem weißen Hemd aussehen können. Ich sehe mit einer Schürze immer aus wie auf einem Bild von Zille. Der Tierarzt starrt den Mann also an, wie sonst nur Kälbchen und ich starre den Mann an, wie sonst nur den Tierarzt. Aber eigentlich sollen wir uns ja der Speisekarte zuwenden. Das tun wir auch prompt. Dickes, schweres Papier und eine schwere rote Kordel. Ich kann nur ein Drittel überhaupt entziffern und der Tierarzt und ich wir beschließen, dass doch ein Menü wohl das Beste wäre und überhaupt, soll man ja offen sein im Leben für neue Erlebnisse und kulinarische Erkenntnisse. Der schöne Mann nickt und fragt nach dem Wein. Ich schüttle den Kopf, denn ich trinke ja nicht. Der Tierarzt ( hier Jubelchöre ) will sich an einem Glas Rotwein versuchen. Der schöne Mann starrt uns an und ich bin sicher, er flüstert: „Barbaren.“ Denn weder Wasser noch Rotwein gelten ihm als Begleitung zu fünf Gängen Fisch. Wir sehen betreten auf unsere Fingerspitzen und mit ironisch-gekräuselten Mundwinkeln lässt der schöne Mann, den Tierarzt Rotwein probieren. Der Tierarzt nickt. ( Hier bitte Jubelchöre.)

Wir plaudern so vor uns hin und dann stellt der schöne Mann einen kleinen, weißen, warmen Teller vor uns auf den Tisch. Auf dem Teller liegen, zwei rote, rosige, lange Langustinen und der schöne Mann erklärt uns in welchen Ölen und Salzen dieses Tier mariniert worden sei und welche rohe Köstlichkeit da vor uns liege. Wir sind sprachlos, aber nicht vor Glück. Der Tierarzt starrt auf das rote Tier und seine schwarzen Augen. „Es guckt wie Kälbchen,“ sagt er und schüttelt den Kopf. Ich starre noch immer auf das Tier und finde es starrt besonders aufmüpfig zurück. Neben Schwein würde ich niemals Krustentiere essen und schon das leichte Zucken der Fühler im Kerzenlicht macht mir Unbehagen. Von Fern höre ich meine Großmutter kichern, die nichts albernder fand, als mein Bestehen auf koscheren Speiseregeln und albern war in ihrem Sprachgebrauch, ein derart verächtliches Wort, dass es kaum auszuhalten war. Aber ich kann dieses Tier einfach nicht essen. Der schöne Mann starrt uns entgeistert an, als wir die Tiere unberührt zurückgehen lassen. „Es tut mir wirklich leid“, sage ich doch der schöne Mann wendet die Augen ab. „Banausen“ knurrt er da bin ich mir sicher, als er die Teller in die Küche zurück zu seiner Mutter bringt und vielleicht essen sie dann beide mit langen, eleganten Handbewegungen die roten Tiere.

Es kommen Seeschnecken. Der Tierarzt probiert eine Schnecke und belässt es bei dem Versuch. Ich esse das artistisch angerichtete Schnittlauch, und einen sehr wohlschmeckenden Pilz. Der schöne Mann schickt seinen Bruder, um die vollen Teller abzuräumen.

Es folgt Seeteufel in Orangensauce an Polenta. Ich greife begeistert zu Messer und Gabel, denn ich esse wirklich sehr gern Fisch und Orangensauce mag ich natürlich auch. Der Tierarzt nippt an seinem Rotwein ( Jubelchöre ) und auch er nimmt Messer und Gabel zur Hand und probiert die Polenta (lautere Jubelchöre). Der schöne Mann starrt misstrauisch von der anderen Seite des Raumes zu uns herüber. Der Tierarzt probiert vorsichtig von der Orangensauce. „Aha“, sagt er und pickt noch ein Scheibchen Polenta auf.“ (Dreifache Jubelchöre.) Ich esse ein sehr scharfes Basilikumblatt und mein Messer nähert sich dem Fisch. Mein Messer zögert, dann fallen mir Messer und Gabel aus der Hand: Der Fisch ist in Schinken eingewickelt. Hinten im Raum zuckt der schöne Mann zusammen. Der Tierarzt isst die Polenta und eine Ecke Fisch. Für ihn ist das viel. Um nicht zu sagen enorm. Aber der schöne Mann blitzt uns mit kalten Augen an. Wir loben das Essen über den grünen Klee. Der schöne Mann schnappt nach Luft.

Dann gibt es Jakobsmuscheln. Ich esse das Gemüse und der Tierarzt isst die Brotchips, die mit den Jakobsmuscheln kommen und ich esse sein Gemüse gleich mit. Inzwischen, der schöne Mann hat der gesamten Familie mitgeteilt, was für grauslige Gäste wir sind, kommt auch der Patron und besieht sich uns aus der Nähe. Wir lächeln bis die Mundwinkel schmerzen. Dann kommt Panna Cotta. Ich liebe Panna Cotta. Das Panna Cotta kommt mit Walderdbeeren, Pistazienkernen und Walderdbeersoße. Das Panna Cotta ist sehr großartig. Ich esse den ganzen Teller leer. Der Tierarzt tritt mir freundlicherweise auch seinen Teller ab, aber immerhin isst er die Walderdbeeren und Pistazienkerne. Der schöne Mann starrt auf die leeren Teller und dann starrt er uns an. Ich krame alle meine sieben italienischen Lobesvokabeln zusammen und preise das Panna Cotta. Der schöne Mann versucht die Fassung zu bewahren. Der Tierarzt nippt an seinem Rotwein, da ist das Ehepaar am Nebentisch bereits bei der zweiten Flasche Weißwein angekommen. Wir zahlen und der schöne Mann starrt auf das noch immer gut gefüllte Rotweinglas. Als wir zahlen und das Restaurant zu den „Silbernen Langustinen“ verlassen, starrt uns die ganze Familie hinterher. Ich drehe mich noch einmal um und zwinkere dem schönen Mann zu. Er wird ein kleines bisschen rot und an der Ecke kaufen wir ein Viertel heiße Margarita Pizza mit frischem Basilikum für mich und einen Erdbeermilchshake für den Tierarzt.

Dann müssen wir lachen und zwar so sehr, dass wir uns eine Bank suchen müssen, um uns richtig auszulachen: „Gehen ein Jude und ein Magersüchtiger in ein Sterne-Restaurant…,“ sagt der Tierarzt als er wieder genug Luft zum Sprechen hat.

( Die Pizza und der Milchshake von der Trattoria ums Eck waren, wirklich sehr gut. )