Zu Boden gehen

Als die Nachtschicht am Freitag Morgen endet geht über Dublin die Sonne auf. Es lohnt sich nicht noch einmal zurück aufs Dorf zu fahren, beschließe ich und fahre in die Univresität. „Tierarzt“ sage ich, „es ist Birchermüsli im Kühlschrank, bitte iß doch ein Schälchen,ja?“ „Soll sein, Mädchen, soll sein, sagt der Tierarzt und dann: „Mädchen leg dich aber heute untertags wenigstens eine Stunde hin, ja?“ „Soll sein, Tierarzt, soll sein.“ Dann lege ich auf und ratsche mit der Zugehfrau, die um 6.30 Uhr fast fertig ist mit dem Saubermachen und deren Sohn gerade Schulabschlussprüfungen hatte. Er ist der erste in der Familie, der einen Schulabschluss macht. Ihre Schule wurde im Krieg zerstört und dann zerstörte der Krieg ein ganzes Land. Die Zugehfrau ist aus Sierra Leone und ihr Sohn macht gerade mehr als einen Schulabschluss. „Read On“ sagt sie streng „ sie müssen auch einmal schlafen.“ Ich nicke und gelobe Besserung. Dann fängt der Tag mich ein. Ich schreibe und telefoniere, ich renne Treppen hinauf und hinunter, und dann noch einmal hinauf ( den grünen Aktenordner hatte ich liegen lassen.) Wieder klingelt das Telefon, ich verschwinde in der Bibliothek, und tauche bücherbeladen wieder auf . Für einen grässlichen Moment glaube ich, mir sein der „WICHTIGWICHTIG“-USB Stick abhanden gekommen, aber er war nur in der linken statt rechten Rocktasche. Ich puste siebenundzwanzig Mal über den Tee und verbrenne mir doch die Zunge. Dann klingelt schon wieder das Telefon. Fast noch pünktlich rausche ich in das Konferenzzimmer hinunter. Für zwei Stunden versuche ich nicht zu gähnen und bloß keinen der Punkte auf dem grünen Zettel zu vergessen. Ein bisschen tanzen die Buchstaben, aber das mag auch am Wind liegen, der die Bäume vor dem Fenster tanzen lässt und Schatten über das Papier wirft. Bestimmt glühen die Augen des ungeliebten Kollegen auch nicht, weil ich so müde bin, sondern weil das Sonnenlicht schräg durch das Fenster fällt und er auf einmal gelbäugig zu mir herüberstarrt. Ich pfeife meiner wunderschönen Chefin hinterher, die im roten Leinenkleid vorüberläuft und sie wird wirklich rot. Zum ersten Mal an diesem Tag bin ich wirklich wach. Für zehn Minuten sitzen wir auf dem warmen Rasen vor der Universität. „Was Du für ein wunderschöner Mensch bist“, sage ich ihr und bin selbst überrascht wie ernst es mir ist. Jetzt ist sie wirklich so rot wie ihr leuchtend- rotes Kleid und muss sich eilen, um rechtzeitig zum Flughafen zu kommen. Ich klopfe mir das Gras ab, denn schon wieder klingelt das Telefon, ich beantworte eine E-Mail nach der anderen und habe das unheimliche Gefühl, dass es immer mehr werden, anstatt weniger. Dann hat die B. eine Frage und aus der Frage wird ein ziemlich, großes Problem, das gelöst werden muss. Die B. schluchzt und ich nehme eine Aspirin-Tablette bevor ich wieder nach dem Telefonhörer greife. Zum Glück hat die Frau am anderen Ende der Leitung irgendwo einen Vermerk mit: „Read On, stur wie der Esel sieben, Abschütteln sinnlos“ und als ich auflege, kann ein Formular auch noch am Montag nachgereicht werden. Die B. schluchzt wieder und dann höre ich ein dumpfes RUMMS. Ich jage wieder die Treppen nach oben. Dem G. ist es gelungen den vollbeladenen Geschirrspüler umzustoßen. „Read On“, ehrlich ich schwöre ich wollte mir nur einen Tee machen.“ „Im Geschirrspüler G.?“ Der G. schüttelt den Kopf: „Natürlich nicht. Ich brauchte halt eine Tasse.“ „Das hat ja gut funktioniert, sage ich und dann bin ich sehr lange, damit beschäftigt eine ganze Geschirrspülladung voller Scherben in Kartons zu stapeln und in den Müll zu schaffen. Der G. steht greinend daneben und beklagt sich über die Ungerechtigkeit der Welt, die ihm eine Tasse Tee verwehrt. Ich sauge Glassplitter auf und erinnere den G. wie er ganz ohne sein Zutun einen riesigen Aktenschrank zum Umfallen brachte. Dann endlich ist der G. still. Der Geschirrspülautomat rumst erst mürrisch und als ich denke, er ist kaputt hickst er und funktioniert wieder. Dann hole ich Ersatzgeschirr. Da ist der G. schon lange nicht mehr da. Ich packe meine Sachen zusammen und gehe einkaufen. Das geht nicht besonders gut, denn ich sehe auf den Blumenkohl in meiner Hand und weiß nicht mehr, was das eigentlich ist. Also trolle ich mich und warte auf den Zug. Der Zug hat Verspätung und mich befällt der unangenehme Gedanke etwas vergessen zu haben. Aber die Schlüssel, die Geldbörse und Unterlagen sind in der Tasche. Aber auch im Zug kann ich nicht aufhören immer wieder in der Tasche zu kramen, aber ich finde nicht was ich suche. Dann laufe ich durch das stille Dorf und winke der Frau des Krämers, die mir zuruft, dass ich aussehe wie einmal durch die Mangel gedreht. Die Frau des Krämers kann Komplimente. Dann öffne ich die Wohnungstür und zweimal fällt mir dabei das Schlüsselbund aus den Händen. Dann fällt mir ein, was ich vergessen habe: ich wollte mich doch wenigstens für eine Stunde hinlegen. Aber mehr erinnere ich nicht, denn als zwei Stunden später der Tierarzt aus dem Zoo zurückkommt, stolpert er über mich auf dem Flurläufer: WhatthehelljesusMädchenisthatyou? Sehr langsam mache ich die Augen auf. Neben mir liegt meine Tasche und ein Schuh liegt vor Tür. Aber auf das Sofa habe ich es nicht mehr geschafft, sondern muss direkt auf dem Kokosläufer eingeschlafen sein. „Ach Mädchen“, sagt der Tierarzt und zieht mich zu sich heran. Aus dem Flurspiegel sehen uns ein Mann, der nicht essen kann und ein Mädchen, das vergisst zu schlafen an. Das sind wohl wir.

Der kanadische Sägefisch

„Wie war es in Canada?“, frage ich den Tierarzt, der in Tegel in meine Arme läuft. Der Tierarzt gähnt und kaum liegt die große Stadt Berlin hinter uns, schläft der Tierarzt tief und fest. Der Tierarzt schläft auch noch als ich in der Aufklärungssprechstunde erkläre, dass Fidgetspinner auf gar keinen Fall irgendeine potzenssteigernde Wirkung entfalten können und als die liebe C. die Praxisttür endgültig zuschließt und wir auf dem Marktplatz sitzen und Eis bei Familie Zingarelli essen, kommt auch der Tierarzt zu sich und zu uns herunter. Signora Zingarelli überreicht dem Tierarzt eine Waffel mit ihrem berühmten Schokoladeneis. Der Tierarzt ist wohl einzige Mensch auf der lieben, weiten Welt, der ein Eis der Familie Zingarelli mit etwas anderem als Wohlwollen betrachtet. Über den Kirchttürmen geht die Sonne langsam unter. Die Sonne ist ein dunkelroter, glühender Ball. Der Tierarzt sagt: „In Canada sind die Sonnenuntergänge viel spektakulärer.“ Mehr erfahren wir an diesem Abend nicht über Canada, denn die liebe C. und ich wir sind wirklich sehr müde. Am Samstag fahren der Tierarzt und ich mit dem Oldsmobile zurück nach Berlin. Wir fahren über Landstraßen weil ich das lieber mag und außerdem kann man dann anhalten und auf wogende Weizenfelder sehen und Erdbeeren am Straßenrand kaufen. So tuckern wir durch die Gegend. „In Canada“ sagt der Tierarzt sind die Straßen viel breiter. Die Straße unter uns holpert beachtlich, denn wir fahren durch einen Ort in dem noch altes Kopfsteinpflaster liegt. Dann halte ich an und wir sehen auf ein Weizenfeld. Die Halme rascheln, Kornblumen und Mohn blüht und ich glaube in der Ferne hoppelt ein Hase. Der Tierarzt sagt: Weißt Du in Canada“, da sind die Felder so groß wie die Stadt Berlin.“ Ich nicke ehrfurchtsvoll. Dann man soll dem Deutschlandbesucher ja großes Kulturgut nicht vorenthalten, singe ich für den Tierarzt und vielleicht auch den Feldhasen: Ein Bett im Kornfeld „Leider nimmt der Tierarzt meine Darbietung nicht zum Anlass mit mir ins Weizenfeld zu fallen. Vielleicht muss ich eine Gitarre in den Kofferraum des Oldsmobile legen? Doch der der Tierarzt sich schon um: „ Die Mähdrescher, Mädchen sind in Canada viel höher als hier, ungefähr so hoch wie der Kirchturm.“ Der Kirchturm ist aus Backstein und oben auf dem Turm hat ein Storchenpaar Quartier genommen. Dann fahren wir zurück in die große Stadt Berlin. Der Tierarzt sitzt im Garten und liest. Ich rupfe Unkraut und ernte Kirschen. „Ach, sage ich Tierarzt sieh: die Kröte, langjährige Untermieterin hier im Garten ist zurückgekehrt“ und adrett hüpft die Kröte in das steinerne Bassin und nimmt ein Bad. Ich bin entzückt und die alte Gießkanne ist wirklich ein vortreffliches Krötenhotel. Der Tierarzt sieht auf die Kröte und sieht mich mitleidig an: „In Canada gibt es ja noch richtige Wildtiere. Da kommst du morgens in den Garten und ein Braunbär tollt im Gras.“ Oder ein Seeadler baut sich ein Nest und in einer Tannenschonung leben Elche.“ Die Erdkröte quakt spöttisch und meine alte Freundin die Wildtaube und ich verdrehen die Augen. Dann koche ich Erdbeermarmelade. Am nächsten Morgen fahren mit dem Rad zweimal links, einmal rechts und dann geradeaus zum Schlachtensee. Der See liegt und kühl und dunkel vor uns. „In Canada“ sagt der Tierarzt sind die Seen so groß , dass man nicht einmal wenn man ein ganzes Jahr lang schwömme einen solchen See durchqueren könnte.“ Ich hüpfe ins Wasser. „In Canada fährt der Tierarzt fort und fischt eine kleine Alge aus dem Wasser sind die Seen klar bis auf den Grund. Aber ich höre schon nicht mehr zu, sondern schwimme einfach los. Der Tierarzt zetert und kreischt über das kalte Wasser und wäre nicht plötzlich der Schwan, der auf dem Schlachtensee wohnt keckernd über ihn hinweggeflogen, so dass der Tierarzt einfach ins Wasser fiel, so stünde der Tierarzt wohl immer noch zeternd am Ufer. „In Canada“ sagt er missmutig als er mich endlich einholt, „da warten die Mädchen und schwimmen nicht einfach weg.“ „Ach sage ich, machen das die kanadischen Mädchen, ja?“ Der Tierarzt schweigt lieber und eine ganze Weile schwimmen so langhin. „In Canada“ sagt der Tierarzt sind die Seen natürlich von dichten Wäldern umgeben, so dass das Wasser bläulich schimmert. Natürlich sind die Ahornbäume nicht so mickrig wie diese hier, sondern der kanadische Ahorn ist ein G*tt unter den ohnehin so imposanten Bäumen. „Hmm, hmmm, hmmm,“ mache ich und paddle auf dem Rücken. Natürlich ist auch das Schilf dichter, die Schwäne haben zwei Meter lange Schwingen und Schuhgröße 49 und die Paddelboote der Canadier können sogar durchs Eismeer gleiten. In den kanadischen Seen sind die Fische so zahlreich, dass der hungrige Canadier nur einmal ins Wasser greift und schon hält er sieben Lachsforellen in den Händen. „Sag Mädchen, gibt es denn auch in diesem See, Fische? „Ach Tierarzt“ sage ich, wo du gerade von Fischen sprichst, hier tief unten auf dem Grund des Sees, wo der Nöck regiert auf seinem Muschelthron, da lebt auch ein sehr, sehr alter Sägefisch. Dieser Sägefisch die Chronisten sagen, er sei vor vielen, vielen Jahren in Canada geboren worden und auf Umwegen, die jetzt nur schwer erläutert werden können, denn die Angelegenheit ist lang und verworren, nach Berlin gekommen, er berät den Nöck in Regierunsgfragen, kennt die Gesetze des Sees wie kein zweiter und an sommerhellen Tagen wie diesem, da treibt er still wie ein Schatten dicht unter der Oberfläche des Sees und belauscht die Gespräche der Schwimmer und Ruderer und berichtet dem Nöck.“Der Tierarzt zieht eine Augenbraue nach oben. „Nie kann man dich ernsthaft etwas fragen“, knurrt er und sieht doch immer mal wieder angestrengt ins Wasser. Dann schwimmen wir ans Ufer zurück und ich lasse den Tierarzt an mir vorbeiziehen. „Als er wieder ansetzt und sagt: „Also in Canada“ da fährt etwas, ich vermute der Sägefisch- ich würde ja niemals untertauchen und den Tierarzt am Zeh kitzeln- aber so ein kanadischer Sägefisch hat natürlich Schneid- dem Tierarzt unter den Fuß. Der Tierarzt kreischt, schlägt mit den Armen um sich, strampelt mit den Beinen und schnell wie ein Blitz hechtet der Tierarzt ans Ufer. „Mädchen“ schreit er wie von Sinnen: „der Sägefisch hat mich gebissen“. Ich huste in mein Handtuch und nicke bedauernd. „Weißt Du Tierarzt“ sage ich, „die Macht des Muschelthrons ist unergründlich.“
Zurück im Garten telefoniert der Tierarzt mit meiner lieben C. „ Nein, sagt die liebe C. von einem kanadischen Sägefisch sei sie noch nie gebissen worden.“ Der Tierarzt sieht streng zu mir herüber. Ich mache mein unschuldigstes Fräuleingesicht und reiche dem Tierarzt die Erdbeermarmelade an. Aber der Tierarzt erzählt der C. wie eine gewaltige, dunke Faust mit stumpfen Zähnen sich um seinen Knöchel geschlossen habe, einzig von dem Willen beseelt ihn nach unten in die Tiefe zu ziehen. Ich streue meiner alten Freundin Wildtaube Rosinen hin und sie zwinkert mir zu.

Die Mali Tant hat keine Zeit.

Die Mali-Tant, war eine der liebsten Freundinnen meiner Großmutter. Wie meine Großmutter scheiterte die Mali-Tant an Israel. Die beiden Damen waren sich einig: die Hitze, der Staub, das schlechte Theater, die barbarische Sprache, die seichten Opern, da könne man trotz allem also auch nicht bleiben. Meine Großmutter ging zurück nach Deutschland und die Mali-Tant zog zurück in ihre Geburtsstadt Wien. Damals also im 1950er Jahr sagten die Nachbarn zur Mali-Tant: “Wir dachten die Juden sind alle durch den Rauchfang gegangen.” „Ja, sagte die Mali-Tant damals, das habt ihr euch wohl so gedacht.“ Die Nachbarn haben nicht widersprochen. Die Mali-Tant aber ist geblieben und noch immer, noch heute lebt die Mali-Tant in Wien. Jeden Samstag seit vielen Jahren also, rufe ich die Mali-Tant an.

Ich sitze auf dem Balkonstuhl und meine Füße liegen auf der Balkonbrüstung. Die Tanne links von mir rauscht, es wispern die Kastanien. Ich habe eine Schüssel mit Erdbeeren auf dem Schoß und auch wenn ein warmer Wind weht, bin ich in einen breiten, blauen Schal mit großen Pfauenfedern darauf gewickelt.
Neben mir auf der Balkonbrüstung sitzt meine alte Freundin die Wildtaube und gurrt leise, aber wirklich ganz leise, denn wie alle Freunde und wie wohl auch meine Feinde, weiß sie, dass ich am Samstag Abend wie mein Großvater vor vielen Jahren zu sagen pflegte, als meine Großmutter die Mali-Tant anrief mit Wien telefoniere.

Ich: Shavua tov! Shavua tov! A gite Woch dir liebe Mali-Tant.
( Zwar ist der Shabbat noch nicht ganz um, aber die Mali Tant will von solchen Spitzfindigkeiten nichts wissen.)

Mali-Tant: Shavua tov, Mädi!

Ich: Geh, Mali-Tant, geht es dir gut?

Mali-Tant: Ja Mädi, wie eina oiden Frau eben so geht.

Ich: Ah, Mali-Tant, du bist doch keine alte Frau.

Mali-Tant: I was genau, wie oid i bin Mädi.

Ich: ( lache leise. Die Mali Tant ist 94 )

Mali-Tant: ( schnauft )

Ich: Mali-Tant, ist alles in Ordnung bei Dir und Mau ( Mau ist der Siamkater der Mali-Tant )

Mali-Tant: Ja geh Mädi, weißt es ist halt arg viel los. Im Garten draußen sind die Fisolen reif, und die Rosen blühn. Weißt halt net, aber die Anni, die Frau vom Johann hat Geburtstag und vor Wochen scho hab I ihr den Rosenstrauß zugesagt und a Biskuitrolle, des is ja resch gemacht, hab i Ihr versprochen. Des hat dein Gromutter scho imma gesogt: A Versprechen muss man holt einhalten. Dann hab I mia a paar neue Kleider bestellt. In Wien kannst ja nirgendwoa ein Sommerkleid mehr kaufen, wenn net mehr bist 25 Jahr’. Aba I hab zu dea Verkäuferin gesogt: so a Biesn zieh I nimma an. Hot die doch a beiges Gewand angebracht und do hab I gesogt: Nimma geh I wie a Wasserleich auf die Straßen. Gerade jetzt wo all die Konzerte sind in Schönbrunn, und die Oper im Park. A Paar pinke Sandalen hob i a gekauft. Die Verkäuferin hat gesogt: na die sin aba sehr hoch füa a Frau in ihrem Alter. Aba Mädi man darf sich nix bieten lassen: I hob Iha gesogt: I bin do kea Krüppel. Fria im Spital, do hob I wenn i tanzen woa in viel höhere Schuh die Visite gemacht und der Professor hat damals schleimig gegrinst: Na Frau Mali, wieda die Nacht zum Tog gemacht? Aba I hab den nie ausstehen können, den Lackl. „Fia Sie Herr Professor, hab I gesagt imma noch Frau Doktor Mali.“ Do hat dea nix mehr gesogt. Jedenfalls Mädi, die Biskuitrollen und do hob I mia gedacht, wenn Du eh scho a Biskuit im Rohr hast, da kennst a gleich a Blech Crèmeschnitten mitmachen. Die Cremeschnitten, die sind noch nie übrig geblieben. Dann Mädi hat der Jean eben angeläutet ( der Jean ist der Liebhaber der Mali-Tant ), auf a Beisel Wein im Heurigen will er gehen, jetzt wo die Nächte lang sind und die Luft a einmal a bissl mild. Do hob I net nein sagen können. Weißt Mädi, mit dem Jean is es holt nie fad. Wenn I die Anni ihren Mann seh, Mädi, a Schlaftabletten is nix dagegen. Geh, hat der Jean gesogt: Mali wia gehen auf a Beisel Wein und wea weiß scho, vielleicht ist a bissl Musi im Schanigarten und wo I do jetzt die feinen Sandalen hob, kann I auch einmal wieda mit dem Jean tanzen. Weißt Mädi, dea Winter is eh lang genug.

Ich: Mali-Tant, wenn ich dir zu langweilig bin, dann sag es ruhig.

Mali-Tant: A geh Mädi, sei kein Schaf. Dann wollen mir in der nächsten Woch ins Waldviertel fahrn. Des Dach braucht neue Ziagln und auch der Garten im Waldviertel muss gerichtet werden. Die Ribiseln sind ja schon rot und a Stapel neue Bücher hab ich auch gekauft. Kannst ja net wollen, dass ich völlig verblöd in diesem Österreich. Dann fahren wir füa zwei Wochen nunter zur Gerti in die Bretagne. Bis dahin muss halt scho das Haus im Waldviertel fia da Mari und ihr Familie gerichtet sein. Weißt Mädi, wenn man net alles selba macht. Die Mari bekommt noch a Kind und do hob i mia gesogt geh Mali, du host fia die vier Kinda von der Mari a Deckn gemacht und da musst auch fia das Fünfte a Deckn machen und do hob I mia gedocht, geh Mali des hast fertig bevor dea Jean und du in die Bretagne fahrt und da hob I die ganze Wochn bis Nachts ein Uhr an der Deckn genäht. I schick dir schon noch a Bild. Man kommt ja zu nix.
Mädi, sei mir net bös, aba I muss noch den Rock bügeln bevor der Jean klingelt. Ich bin ja keine geschlamperte Person und die Gerti ( die Tochter der Mali-Tant ), der muss I a wenigstens a guten Abend sogen. Geh Mädi, wia hören uns ja ohne hin in der nächsten Woch’. Baba und Bussi. I muss jetzt wirklich los.

Ich höre aus Wien nur noch ein dumpfes Tuten. Die Mali-Tant hat aufgehängt und meine liebe C. sieht mich erstaunt an, als ich das Telefon zurückbringe. „Alles in Ordnung in Wien,?“ fragt sie, denn mormalerweise stecken die Mali-Tant und ich für Stunden die Köpfe zusammen. Ich nicke. „Die Mali-Tant ist beschäftigt“, sage ich und „es ist Sommer in Wien.“ Dann schweige ich ziemlich beleidigt, noch unentschieden ob ich beleidigter darüber bin, dass die Mali-Tant nicht einmal eine Viertelstunde übrig hatte, oder darüber, dass Sie fast nur Hochdeutsch mit mir gesprochen hat, denn der Shabbesschwatz mit Wien ist immer schon nur auf Wienerisch gehalten worden. Die liebe C. schneidet mir ein großes Stück Erdbeerkuchen ab. „Ist das Biskuitteig?“, frage ich sie, aber die liebe C. schüttelt den Kopf und ich ziehe den Kuchenteller zu mir heran.

Woanders ist es auch schön.

Ein ganzes Dorf nimmt Abschied. Frau Croco erzählt davon wie es ist, wenn jemand geht.

Don Ferrando ist kein Berg zu hoch und keine Schotterpiste zu steil. Man möchte selbst beim Lesen ständig kühle Getränke reichen und Luft zu fächeln.

Eine Geschichte in vielen Geschichten zum Anstoßen und zum Verlaufen und Sätze zu denen man zurückkehrt und noch einmal besieht. Wir haben Raketen geangelt.

Ich pendle jeden Tag 1,5 Stunden und ich pendle nicht gern.Die Züge der irischen Bahn sind alt, überfüllt und chronisch unpünktlich. An guten Tagen summe ich gelassen vor mich hin, stehe ich wartend auf dem Bahnsteig. An schlechten Tagen knurre ich böse über die ewigen Verspätungen. Hier auf dem irischen Land ist man ohne Auto, selbst wenn es nur der alte, treue Volvo ist, aufgeschmissen. Die einzigen Busse nämlich, die zu uns ins Dorf kommen, befördern Touristen für einen Ausflug ins urige Irland hin- und zurück. Frau Nessy hat die Sache mit den Autos und den Alternativen angesehen.

Indien ist das Land in dem der Hunger anders als in den Ländern Afrikas schleichend und fast unsichtbar daherkommt, aber jedes Jahr verhungern in Indien Menschen über Menschen und dabei ist der Punkt der Mangelernährung noch nicht einmal berührt. Das Knirschen im Gebälk wird lauter und die indischen Bauern protestieren.

Ein Blog, den ich neu entdeckt habe und ich finde Sie sollten das auch tun.

Der Tierarzt indes ist in Toronto nicht ausgelacht worden, hat leider noch keinen Bären gesehen, jammert über die Ferne zum Kälbchen und ungeachtet dessen kommt er natürlich seiner Mädchenhofmusikliferantenpflicht nach und empfiehlt dieses sommerhaft leichte Lied. Selbst Kälbchen wirft die Hufe, also tanzen auch Sie gut durch die Woche.

Zu Besuch bei Sigmund und Anna Freud in Hampstead.

Am Nachmittag fahre ich nach Hampstead hinaus. Immer wieder habe ich mir das schon vorgenommen und immer wieder kam etwas dazwischen, aber diesmal nicht. In Hampstead tragen die Männer hellblaue Leinenhemden und kaufen Lotus und Pak Choi auf dem Markt. Die Kinder rollern die Straßen hinunter und die Frauen trinken sehr gesunde Säfte und winken Männern wie Kindern zu. Ich aber gehe schon weiter, schnaufe eine steile Straße hinauf und zähle die Hausnummern herunter, aber das Haus welches ich suche, braucht keine Hausnummer, sondern hat eine blaue Plakette. 20 Maresfield Garden. Roter Stein und pinke Kletterrosen.

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Sigmund und Anna Freud in Hampstead

Hier hinein nämlich, in die sonnige Straße, rettete sich Sigmund Freund und hier lebte für lange Jahrzehnte seine Tochter Anne. Der Boden knarrt, betritt man das Haus und dann ist man ganz allein mit Sigmund Freud. Damals im 1938er Jahr da war Sigmund Freud 81 Jahre alt und die Wiener Berggasse verdunkelte sich mehr und mehr, denn die Nazis sie traten schon die Türen ein und mit dem 12. März 1938 schlossen sich die Türen der Freiheit für lange Jahre. Eine Berühmtheit war jener Sigmund Freund da schon lange, nicht nur der Begründer der Psychoanalyse, sondern ihre Verkörperung selbst. Aber Sigmund Freud war eben auch Jude und das wird einem nie verziehen, schon gar nicht im 1938er Jahr und Freud, der nicht glauben wollte, was sich da unten auf der Berggasse und in der ganzen, großen Stadt Wien abspielte, musste es glauben, als die Gestapo schließlich seine Tochter Anna verhaftete. Freud, der doch Träume sammelte, fand sich in einem nimmer endenden Alptraum wieder. Max Schur, Freund und Hausarzt hatte sie mit einer tödlichen Dosis, Gift versorgt, denn obwohl nach 1945 keiner wissen wollte, was sich in deutschen Konzentrationslagern abgespielt hatte, machte sich niemand im 1938iger Jahr noch Illusionen. Sigmund Freud, der sich um Anna sorgte stimmte der Ausreise zu, dieser aber ging ein diplomatisches Tauziehen voraus und ohne das unermüdliche Insistieren englischer und amerikanischer Botschaften wäre die Flucht wohl kaum gelungen. 32.000 Mark zahlt Freud mit Hilfe seiner betuchten Freundin Marie Bonaparte als ‚Reichsfluchtsteuer‘ und kurz bevor der rettende Zug Wien verlässt, steht wieder einmal die Gestapo vor der Tür. Die Herren wollen sich bestätigen lassen, dass Familie Freud keinen Groll im Herzen gegen die neuen Herren trüge. Freud schrieb: „Ich kann die Gestapo jedermann nur auf das Beste empfehlen.“ Natürlich haben sie es nicht bemerkt.Drei Waggons für ein ganzes Leben. Die Bibliothek konnte nur als Bruchstück mitgenommen werden, dafür der Schreibtisch und all die G*tter die auf jenem wohnen und die heute im angedunkelten Zimmer in Hampstead überirdisch und gelassen ihrer eigenen Wege gehen. Hell ist das Haus und lichtgeschwängert, weiße Geländer und bunte Teppiche liegen auf dem Boden. Natürlich steht die Couch, dieses Sofa, in dem sich die Geschichten eingegraben haben, im Arbeitszimmer. Ein Kissen mit verblichener hebräischer Schrift, eine schwere teppichartige Decke und ein Stich an der Wand, das Freud mit seinem Lehrer Charcot in Paris zeigt. Am Kopfende des Sofas steht ein bescheidener Sessel. Zuhören ist anstrengende Arbeit, sagt der Stuhl.

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Das Sofa aller Sofas.

Aber vor allem die Geschichten, die Träume, die Ängste, die Wünsche und die vielen Leben, die hier versuchten sich an das zu erinnern, was in der repressiven Wiener Luft, in der selbst der alte Kaiser kaum atmen keinen Platz haben sollte. Bis zu 10 Stunden heißt es, soll Freud den Patienten zugehört haben. Vor dem Schreibtisch der maßgefertigte Stuhl, denn Freud war ein liegender Leser und vor allem auch ein begabter Zuhörer. Alles in diesem Arbeitszimmer wispert eine Geschichte, mag sie auch noch so abgebrochen sein, noch immer sind alle Geschichten hier sorgsam behütet und aufbewahrt.

Im Oberstock des Hauses aber sind die G*tter nicht ganz so zahlreich, denn hier geht es um Anna, die praktisch, pragmatisch und lebensklug hier lebte und arbeitete, viele Jahre lang nach dem Tod ihres Vaters. Am meisten beeindrucken mich ihre robusten Wanderstiefel, die genau so aussehen als könnte man in ihnen problemlos, einmal die ganze Welt umrunden, ohne auch nur eine einzige wehe Stelle am Fuß zu haben. Aber Anna war nicht nur Sigmund Freud’s Tochter. Weit gefehlt Anna Freud war begabte und begeisterte Psychologin, streitbar und spezialisiert auf die Analyse von Kindern und Jugendlichen. Gemeinsam mit ihrer Lebensgefährtin Dorothy Burlingham gründete sie die Hampstead Nursery und kümmerte sich während des Krieges um Waisen und Kinder in Not. Auf einer Photographie beugt sie sich über ein Gitterbettchen und lacht dem Kind zu, aber nicht auf so eine schrill-überdrehte Weise, wie sie Erwachsenen so oft eigen ist, mit ihrem Dutzitzidu—-sondern ein wissendes, ein mitnehmendes, ein so ernstliches Lachen, dass man nicht genug staunen kann über jene Anna Freud, die mit einer Selbstverständlichkeit genagelte Schuhe trug und eine Frau nicht nur küsste, sondern auch mit ihr lebte. Auf allen Fotos schein sie genau das gerade sagen zu wollen: „So ist das nun einmal. Nun aber weiter zu anderen, ernsthafteren Dingen. Still staunt der Besucher und kann sich nur schwer losreißen, vom hellen Zimmer und der starken Anna.

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Im Garten

Das Museum ist ein sehr offenes Haus, wie seine Bewohner es gewesen sein mussten, mit der Freiheit die im Denken liegt und so stört sich niemand daran, als ich mich in den sonnigen Garten setze und in die rauschenden Bäume sehe, hier im Freud Museum in Hampstead sind Besucher wirklich willkommen. Bevor ich schließlich im Sonnenschein einschlafen kann, gehe ich noch einmal in die Diele, über die man das Haus betritt zurück. Dort in einem Glaskastel hängt der Mantel mit dem Freud Wien verließ, neben seiner Brille und dem Menü der Hochzeit mit Martha Bernays. Der Biesenmantel ist weder grün, noch grau oder braun, sondern ein starres Stück Stoff mit runden, dicken Knöpfen und scharf geschnittenem Kragen. Ein Stück Mantel, das auch ein Panzer ist, eine Hülle gegen die feindliche Welt, eine borstige Außenhaut, um das Innen des 1938iger Jahres irgednwie doch noch heraus zu retten, aus den Untiefen jener Jahre. Mit einem solchen Mantel, der einem die Wange zerkratzt, mit einem solchen Mantel rettet man wenn alles gut geht, die eigene Haut. Ich kenne den Mantel gut, denn es ist der gleiche Mantel der im Kleiderschrank meiner Großmutter hing. Es war der erste Mantel, den sie in einem DP Camp bekam, der erste Mantel nach Auschwitz. Meine Großmutter hat den Mantel ein ganzes Leben lang behalten, im Kragen des Mantels eingenäht der Name einer Frau, die sehr wahrscheinlich deportiert wurde. Die Adresse lautete Berggasse 4. Die eigene Haut retten gelingt nur selten ganz. Das kann man lernen, wenn man an einem Samstagnachmittag nach Hampstead in das Wohnhaus von Sigmund und Anna Freud fährt.

 
Freud Museum London, 20 Marshfield Gardens, Hampstead, London, Öffnungszeiten: Mittwoch bis Sonntag, 12-17 Uhr, Eintritt: 8 ermäßigt 4 Pfund, Tube: Finchley Road

( Wie immer gilt: Selbstbezahlt, Selbstgeknipst und Selbstgeschrieben ist es auch.)
 

 

Ein unendlicher Sommer

IMG_2300.jpgDie Juninächte in Kensington sind noch immer mild und regnerisch zugleich. Der Mond hängt tief über den Dächern und noch immer sind die Häuser so herrschaftlich wie englisch treu. Die Bäume der Straße sind eine Geschichte des Empires für sich. Die Bewohner der Häuser lächeln leise und nur manchmal öffnet sich ein Tor und ein Auto fährt fast geräuschlos davon.

Fast immer ist noch alles genau so, wie in jenem Sommer vor vielen Jahren, als der D. und ich, das Haus seiner Eltern hüteten. Auch jener Sommer begann mit einem Vollmond und dicken Regentropfen. Der D. küsste mich unter einem Frangipani-Baum und wir sprachen nicht davon, dass die neue Freundin seines Vaters, mit dem Lieblingskleid seiner toten Mutter in der Stadt spazieren ging und vermutlich auch im Koffer den sie mit in den Urlaub nahm mehr als eines ihrer Kleider eingepackt hatte. Wir winkten dem Bentley bis er um die Ecke bog. Dann küssten wir uns und später saßen wir auf den Steinen, die das Bassin mit den Seerosen umschlossen. Wir wären gern aufgestanden, denn der Regen wurde heftiger und schon klebte uns die Kleidung an den Knochen. Aber wir waren wie festgewachsen, die Seerosen leuchteten weiß und schwer zu unseren Füßen. Später habe ich zähneklappernd in der großen, schwarzen Badewanne gelegen und in den Regen hinausgesehen. Der D. saß auf der Fensterbank und wir beide schwiegen, der Regen war ja laut genug. An einem anderen Abend da sprang die G., in einem goldenen Paillettenkleid, das ungefähr so viel gekostet hatte, wie ich damals in einem Jahr verdiente in den Pool, als eine goldene Nixe tauchte sie wieder auf. Schon damals ging die G. niemals einer Wette aus dem weg und als der betrunkene F2 seinen Siegelring in den Swimmingpool warf, war sie die erste, die wettete diesen auch in goldenem Kleid und goldenen, hochhackigen Sandalen herausholen zu können und natürlich die G. ihr Versprechen eingelöst. Getanzt haben wir in diesem Sommer als ob es um unser Leben ginge und vielleicht ging es das ja auch. Alte Platten in dunkel getäfelten Wohnzimmern mit Tischen an denen ohne Mühe die Queen samt Hofstaat beköstigt werden könnte und wer weiß, vielleicht kommt sie noch immer in eines jener Häuser zum Tee. Wir aber drehten uns nächtelang zur kratzenden Nadel der Plattenspieler und verliebten uns wechselseitig ineinander und trennten uns zwischen Atempausen. Obwohl es uns doch vor allem an Atem fehlte. Vielleicht zogen wir deshalb auch durch die Gärten. Lampions und kalter Wein. Mit dem D. ganz oben auf einem Dachfirst balancieren. Mit geschlossenen Augen und eng verschränkten Händen. Der D. drehte die Bilder seines Vaters um und ich hängte weiße Lampions im Garten auf. Die G. trug ein feuerrotes Kleid in jener Nacht und wir alle hörten erst ihr Lachen und dann spät in der Nacht, die Kerzen in den Lampions schimmerten nur schwach ein leises Platschen und plötzlich schwamm die G. stumm und still im Bassin und verschwand fast ganz in den Seerosen. Ophelia dachte ich und der D. sprang ins Wasser und zog sie heraus. Ophelia sagte sie und wir nickten, denn auch wir wollten mit dem Leben im eigentlichen Sinne nichts zu tun haben. Irgendwann war die G. wieder warm und trocken. Vielleicht war daran auch der 200 Jahre alte Brandy schuld und der D. wickelte die G. in einen Bademantel seiner Mutter. Manchmal verschwand der D. für Tage und manchmal war er nicht zurück, wenn es schon dunkel. Es dauerte ein paar Tage bis ich herausfand, wo der Friedhof war und der D. lag auf dem Grab seiner Mutter, verdeckt und kaum zu erkenne, zwischen all dem Efeu und den weißen Lilien, die ein Gärtner brachte. Ich zog den D. an beiden Händen wieder in die Welt zurück. Wie zwei Schlafwandler taumelten wir zurück und der D. hatte kalte Hände. Der Sommer aber , jener Sommer war warm und wir glaubten, dieser Sommer müsste reichen für ein ganzes Leben. Vielleicht ist das ja wahr. Am Ende des Sommers kehrte der Vater des D. schließlich zurück. Da hatten wir die die Sachen seiner Mutter schon in das Haus, in das er schließlich ziehen würde, gebracht. Sein Vater sagte nichts zu den leeren Schränken und schwieg über die geleerten Flaschen. Der D. fuhr auf zwei Jahre ins ewige Eis. Die G. packte eine leichte Tasche und eines Tages lag eine Karte aus Los Angeles in meinem Briefkasten. Es würden viele Sommer vergehen, bis ich sie schließlich wiederträfe. Ein jadegrünes Kleid trug sie am Flughafen und ich sah sie sofort. Ich aber begann nach jenem Sommer zu studieren und über meinem Schreibtisch hängt noch immer ein Bild von D. und seiner Mutter. Nach Kensington bin ich für viele Jahre nie wieder zurückgekehrt, bis zu dieser Woche. Auch in dieser Woche ist Sommer, aber niemand trägt ein goldenes Kleid und auch den Bentley habe ich nicht gesehen. Dazu habe ich zu viel gearbeitet und kaum aus dem Fenster gesehen. Drei Tage, dreimal 18 Stunden und doch als endlich alles erledigt ist, laufe ich durch die regenschwere Nacht, über den Kaminen steht der Mond und laufe die Straße hinunter. Das Haus des D. liegt dunkel in der Nacht. Nur hinter einem Vorhang schimmert ein kleines Licht. Aber der Frangipani Baum steht noch immer an gleicher Stelle und meine Hände finden unsere Namen. Eine ganze Weile lege ich meine Hände auf den Baumstamm und schließe die Augen. Dieser Sommer hört nicht auf zu sein, flüstere ich und denke an D. und G. Dann gehe ich zurück durch das stille Viertel. Schließlich fängt es an zu regnen, denn die Juninächte in Kensington sind noch immer mild und regnerisch zugleich.

Zwischen Hut und fliegendem Haar

Am späten Nachmittag fahre ich zurück zu Schwesterchen. Warm ist es und müde bin ich und so sehe ich das Paar erst als ich nach der Wasserflasche in der ewig großen Tasche suche und dann sehe ich sie doch. Ein Mann und ein Frau sitzen mir genau gegenüber. Anfang Dreißig vielleicht. Er trägt eine dunkelblaue Leinenhose, ein weißes Jackett mit marineblauer Krawatte, ein sorgfältig vernachlässigter Bart und auf dem Kopf ein Hut wie Humphrey Bogart. Seine Freundin hat ein luftiges Sommerkleid an: dunkelblau-grau und auf dem fliegenden Rock Blumenornamente, Lilien und Rosen und ich glaube auch Margariten. Auch sie trägt einen Hut, breitkrempig, wenn auch ohne Schleife. Hutgesichter wie Humphrey Bogart und Lauren Bacall haben sie beide nicht, aber sie beide sind Menschen, die einen Hut tragen, weil man eben ein Hut trägt, denn ganz sicher sind die beiden zu einem Sommerfest im Garten der Eltern oder Schwiegereltern eingeladen und sicher wäre es akzeptabler ohne Unterwäsche als ohne Hut zu erscheinen. Der Mann seufzt und sieht auf sein Telefon. Seine Freundin aber zieht sich mit langsamen Bewegungen die Lippen nach. Fuchsiarot. Ihr Freund will sie dabei auf die Nasenspitze küssen, aber das kommt nicht gut an, sondern sie dreht den Kopf hastig weg und schlägt ihm auf die Hand. Er wird rot. Ein Hut, aber das sage ich ihm nicht, reicht noch nicht um dort dazu zugehören, wo noch der bitterste Scheidungskrieg nicht anders als mit einer hochgezogenen Augenbraue begonnen wird. Unterdessen aber, die Frau besieht ihr Gesicht in einem kleinen Perlmuttspiegel, steigen zwei Frauen zu. Sie sind, es lässt sich nicht überhören Cousinen. Sie haben wasserstoffblonde Haare und einen Hut tragen sie nicht. Dafür hat die eine der Beiden, einen Overall mit aufgedruckten Ananassen an und die andere ein weißes Kleid mit pinken Blumen. Auch sie wollen zu einem Sommerfest und sie kichern aufgeregt, denn Overall und Kleid haben ein gewaltiges Dekolleté und die beiden Cousinen zupfen am Stoff herum und überlegen ob wohl John oder Jake sie zum Tanzen auffordert und mit dem Telefon machen sie Bilder und lustige Kussmünder dazu. Sie lachen und eine der beiden Cousinen knufft die andere in die Seite und ruft: „Ich freu mich so.“ Dann lachen die beiden Cousinen und versichern sich gegenseitig, dass John und Jake auf jeden Fall heute Abend geküsst werden müssen. Die Frau mit Hut aber, die inzwischen perfekt nachgezeichnete Lippen hat, sieht mit angewidertem Blick zu den beiden Frauen neben ihr hinüber. „Geschmeiss“, sagt ihr Blick und dann rümpft sie das porzellanfarbene Näschen um ihre Gemütslage erst noch zu unterstreichen. Dann beugt sie sich zu ihrem Freund vor und macht eine abschätzige Bemerkung, vermutlich über die hergezeigten Brüste oder die falsche Bräune auf den Beinen und ihr Freund, der doch eben noch versuchte ihre Nasenspitze zum Leben zu erwecken, nimmt den Faden auf und auch er versucht ein überheblich, herablassendes Kichern und hämisches Gackern, doch seine verzogene Augenbraue gelingt nur fast: zu fröhlich sind die Frauen, zu schön ihre Brüste und die Cousinen haben zu dem sehr lange Beine und bonbonfarbene Nägel. Die Frau mit Hut aber macht den Rücken steif und tupft sich einen Hauch Parfum hinter die Ohren. Ihr Blick bohrt sich in den Fußboden und die beiden Frauen eben ihr sind nicht einmal mehr Luft. Ihr Freund dreht den Hut in den Händen und will ihr etwas Witziges auf dem Telefon zeigen, doch sie verzieht nur ein ganz klein wenig die Oberlippe. Er küsst sie auf die Schulter und sie schnipst den Kuss auf den Fussboden da bleibt er liegen. Die beiden Cousinen stehen auf, zupfen sich spärlich Stoff zurück, wirbeln sich durch die Haare, kichern und stöckeln auf irrsinnig hohen Schuhen der U-Bahn Tür zu. Die Frau mit Hut kramt wieder in einem Täschchen. Ihr Freund sieht den beiden Cousinen ein bisschen zu lang hinterher. „Laufen Sie“, will ich ihm zurufen, laufen Sie, die beiden Frauen sind wunderbar. Die beiden Frauen mögen chinesische Glückssymbole auf dem Knöchel tragen, aber die beiden Frauen die kennen das leben und halten es trotzdem aus, und immer noch können sie lachen. Die Träume sind den beiden Cousinen noch nicht abhanden gekommen und die beiden Frauen können einen tropfenden Wasserhahn reparieren und Plastikfingernägel wieder ankleben. Diese Frauen tragen ihr Herz auf der Zunge und haben es nicht unter leeren Formeln begraben. Diese Frauen sind öfter ausgelacht worden, als wir beide zusammen und strahlen noch immer. Diese beiden Frauen sind lebenspraktisch und diese Frauen haben starke Hände, einen echten Rücken und gegen Windmühlen haben die beiden bestimmt schon mehr als einmal gekämpft. Aber schon schließen sich die Türen wieder und der Mann bleibt zurück, mit dem nun etwas zerknautschten Hut in den Händen. Sogleich rügt seine Freundin ihn und er setzt sich den Hut wieder auf. Sie sieht erleichtert auf und rümpft noch einmal die Nase. Wieder steht der Zug, wieder öffnen sich Türen, ihr Freund bekommt Schultertuch und Bolerojäckchen überreicht, sie steht auf und er geht ihr nach. Die Türen öffnen sich und auf dem Bahnhof steht eine Frau, dreißig Jahre älter als sie aber unverkennbar ihre Mutter. Die gleiche Haltung, und auch fast dasselbe Kleid. Sie küsst ihre Tochter auf die Wangen, ihr Freund erhält immerhin zwei Luftküsse und zwei weitere Taschen. Dann fährt der Zug weiter und ich mache noch einmal die Augen zu und höre von fern die beiden Cousinen laut und herzlich lachen.