Blau

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Am Abend aber als ich die Dorfstraße hinaufgehe ist der Himmel noch blau. Nicht mehr so gleißend und glänzend wie noch am Morgen als ich die Straße zum Zug hinunterjagte, aber immer noch ein freundlicher, blauer Mantel den ich mir um die Schultern lege, wie ein feines Seidentuch. Als ich ein kleines Mädchen war, glaubte ich und war unbeirrbar darin, dass die Sonne nach getaner Arbeit sich auf ein goldenes Sofa legte und langsam Stück für Stück wie im Theater wenn der Vorhang fällt, käme ein blauer Vorhang herunter würde dunkler und dunkler und wenn schließlich, kurz bevor das Blaue ins Schwarze umschlüge, die Sterne und auch der Mond auf dem samtenen Vlies erschienen, dann machte die Sonne die Augen zu und erwachte mit blau geküssten Lippen am anderen Morgen. Ich hätte diese Geschichte nicht in der Physikprobe niederscheiben sollen, doch auch als der Physiklehrer vor Lachen über meine Dummheit schrie, hielt ich an der Sonne und ihren blauen Lippen fest. Heute aber auf den Sessel im Eck und die Blumen in der Vase leuchten mir blau entgegen, und auch die Notiz auf dem Tisch vom Tierarzt hinterlassen: „Bin an der See“ funkelte bläulich, wenn auch die Sonne schon zweimal gähnte und mich zur Eile mahnte. Ein weißes Handtuch indes, und alte Jeans, denn wer nicht durchs Unterland will um ans Meer zu kommen, der muss über die Ginsterhecke steigen, und sich nicht von den blauen Schatten zu allzu großen Sprüngen verführen lassen, denn mag das Meer von fern schon glitzern wie der Golf von Sorrent, so schlägt der Wind mit den Wellen um die Wette und mehr als ein Wanderer ist schon an den Klippen, die ich mich herunterangle, zerschellt, am besten geht man dort wo auch die Schafe die steile Wand hinunterklettern und atemlos unten angekommen, vor mir die wilde, wogende See. Der Tierarzt aber sitzt an einen Stein gelehnt und winkt mir zu. Auch ihm ist das Abendblau um den Hals gefallen, an die Schulter lehnt sich das Blau und ich renne schnell ins Meer hinein. Zum ersten Mal in diesem Jahr ist auch das Meer blau, kalt zwar noch immer, eben eisiger Atlantik mit zischenden Schaumkronen und harter Brandung, aber während das Meer im Januar und Februar schiefergrau über mich hinwegschlug und auch im März noch von solch schwarzer dunkler Tiefe war als sei ein Tintenfass ausgelaufen, so ist das Meer heute aquamarinblau, duftend und schimmernd verkleidet sich hier im äußersten Westen Europas als sei es heute Morgen noch in Nice oder Sizilien gewesen und habe sich nun zur Abendstunde doch noch einmal dazu entschlossen, auch uns zu einer blauen Stunde zu verhelfen. Ich in den Wellen halte die Luft an, denn unter dem Blau liegt die gleiche Kälte und doch für einen Moment bin ich wirklich zurück im liebenswürdigen Süden und weiter und weiter schwimme ich hinaus, denn wer weiß vielleicht dort bei der goldenen Sonne, mag auch das Meer wieder so leicht und warm sein, leise gurgelnd nur und niemals von dieser nördlichen, eisigen Schärfe, an die ich mich niemals recht habe gewöhnen können. Schon aber ruft der Tierarzt am Strand nach mir: „Komm doch zurück.“ Und ich drehe um. Blaue Perlen laufen mir über den Rücken und der Tierarzt wickelt mich in das Handtuch ein. Mir klappern die Zähne und der Tierarzt fährt mit dem Zeigfinger über meine blauen Lippen. „Was wolltest du so weit draußen, fragt er mich und schüttelt mit dem Kopf.“ „Das Blau suchen“, sage ich und dann sitzen wir doch noch einen Moment lang im kühlen Sand und sehen die Segelboote mit ihren weißen und roten Segeln auf den Wellen tanzen, zwei Frachtschiffe fahren am Horizont vorüber und ein Ruderboot sucht seinen Hafen. Langsam nur verschwindet das Blau und gibt der Dunkelheit nach. „Vielleicht fahren wir im Sommer doch auf eine Woche in den Süden?“, sage ich und der Tierarzt nickt. Eine ganze Woche mitten im gleißenden Blau, das es hier nur als Ausnahme gibt, denn schon zieht Wind auf, schon immer sind die Wolken schneller als noch die kräftigste Sonne und niemals hat die Sonne in diesen Breiten blaue Lippen. Der Tierarzt lacht. Dann müssen wir in den Süden,mein blaues Mädchen sagt er und streicht mir einen letzten Rest vom Blau des Tages aus dem Gesicht.

Zurück nach Haus aber klettern wir nicht die dunklen Klippen zurück, sondern gehen am Strand entlang ins Dorf und wandern zurück ins Oberland. Über der Kirch St. Sylester liegt dunkelblau, ein samtener Vorhang gebreitet und ich lege dem Tierarzt den Finger auf die Lippen. „Still“ sage ich, die Sonne macht gerade die Augen zu, der Mond steckt sich eine Pfeife an und die Sterne erzählen, wie damals in anderen Tagen die Wassernymphen versuchten das Blau mit dem Fischernetz einzufangen und doch Tag für Tag ernüchtert mit leeren Händen ins Schilf zurückkehrten.“ Anders als der Physiklehrer aber lacht der Tierarzt nicht, sondern andachtsvoll sehen wir über den Kirchturm hinauf in den unendlich weiten, dunkelblauen Himmel. Dann kommt die Frau des Krämers uns entgegengelaufen: „Fällt Geld vom Himmel, Fräulein Read On?“ „Nein, Frau des Krämers sage ich, der Tierarzt und ich wir machen bloß blau.“

Erscheinungen

Der Mittwoch aber war ein seltsamer Tag. Schon früh am Morgen im Zug saß ich einem Mann gegenüber, der unermüdlich Papiere in unendlich kleine Schnipsel zerriss. Briefe, Kontoauszüge, Einkaufszettel und Notizen waren bald nur noch lose Fetzen Papier. Damit indes nicht genug, denn kaum waren die Papiere zerrissen, nahm der Mann die Schnipsel zur Hand, um sie in nummerierte Briefumschläge einzusortieren. Während er ganz und gar vertieft in das Zerreißen und Ordnen der Schnipsel war, pfiff er ein fröhliches Lied vor sich hin, so als gäbe es nichts Hübscheres und Heiteres als unverdrossen Papier zu zerreißen. Gerade als der Zug hielt, hatte der Mann die Briefumschläge in seiner sonst vollständig leeren Aktenmappe verstaut und ging seiner Wege. Ob er noch immer pfiff, befriedigt und aufgerichtet und innerlich gestärkt von den nummerierten Schnipselbergen- ich weiß es nicht.

Auf dem Weg in die Universität passiere ich zwei Brücken. Steinerne Ungetümer, noch gebaut von der einstigen Kolonialmacht England, die ja niemals nur nach den Meeren griff, sondern Länder, Städte und Flussläufe mit harter Hand für sich reklamierte. Heute aber fahren kaum noch Handelsschiffe auf der Liffey und auch die Brücken sind längst Kulisse für italienische und spanische Touristen geworden, die sich mit ihren Selfiestöcken bewehrt, postieren und wahlweise auf die Straße oder fast in den Fluss stürzen beim Versuch Handstand auf dem Brückenkopf zu üben. Zu so früher Stunde aber schlafen die Touristen noch. Statt ihrer steht eine Frau auf der Brücke und langt in einen weißen Plastikbeutel. Der Beutel ist voller Wecken, die Frau teil diese in vier unregelmäßig große Brocken und wirft sie den Möwen zu. Die Möwen kreischen schrill, dass es noch die letzten Langschläfer hören: „Frühstück fassen.“ Mehr und mehr Möwen segeln kreischend auf die Brücke und die Frau mit ihrer Plastiktüte zu. Möwen scheinen ganz generell nicht besonders am Prinzip des Teilens und Teilhabens interessiert zu sein, sondern die Möwen, die sich gegenseitig den scharfen Schnabel zeigen, fordern nicht ein Viertel trockenes Brötchen, sondern eine ganze Wecke und das bitteschön jetzt und gleich. Die Frau inzwischen umzingelt von Möwen mit ihren scharfen gelben Schnäbeln, reißt Brötchen um Brötchen entzwei und wirft sie den Möwen zu, doch längst schon sind weit mehr Möwen als Wecken auf der Brücke zugegen. Zwei Möwen mit scharfem Blick und elegant gebogenen Schnäbeln haben verstanden, dass mit Diplomatie hier nichts zu erreichen ist, und nur kurz heben sie die Flügel an und schon hacken sie in die weiße Plastiktüte und schnappen nach den verbliebenen Wecken. Die Frau sieht entsetzt auf den Riss in der Plastiktüte und die scharfen Möwenschnäbel ganz dicht an ihrem Bein. Aufheulend lässt sie die Plastiktüte fallen und rennt ohne sich noch einmal umzusehen davon. Die Möwen aber balgen sich siegesgewiss um die auf die Straße kullernden Wecken. Die Frau ist nicht mehr zu sehen.

 
Später am Tage bekommt ein Kollege, der doch als ausnehmend besonnen, zurückhaltend und als ausgesucht höflich bekannt ist, einen Wutanfall über einen defekten Fahrstuhl. Neben dem Fahrstuhl befindet sich die Treppe doch der Kollege denkt gar nicht daran nachzugeben, sondern schreit wie von Sinnen erst den Fahrstuhl und dann mich an, die ich zufällig vorbeilaufe. „Frechheit“ und „Liederlicher Saftladen“ schallt es mir entgegen und dann läuft der Kollege auch schon rot an, Tränen spritzen aus seinen Augenwinkeln, so überfällt ihn die Wut, er stampft mit dem Fuß, hämmert gegen die Fahrstuhltür, und will nichts wissen, von meinen Versuchen ihn doch zu beruhigen. Schließlich aber nachdem nur noch Wut da ist und keine Worte mehr, kehrt er auf dem Ansatz um und eilt schnellen Schrittes davon. Für den Rest des Tages habe ich nicht weiter gesehen. Alldieweil Telefonate und auch hier behält das Sonderbare die Oberhand. Ein langes Gespräch über ein kompliziertes Gespräch bricht mitten im Satz ab. „Hallo?“ rufe ich mehrfach vergeblich in den Hörer. Doch die Leitung bleibt stumm. Alle weiteren Versuche eine erneute Verbindung herzustellen, scheitern. Am anderen Ende nur stummes, endloses und dunkles Tuten.

 
Schließlich stehe ich bei der Post in einer langen Schlange um Briefmarken an. Etwas so scheint mir hat sich in meinem Haar verfangen und unwillig schüttle ich den Kopf, doch kaum habe ich das vermeintliche Insekt vertrieben, fährt schon wieder etwas in mein Haar und ich drehe mich um. Eine ältliche Frau in fliederfarbenem Trenchcoat befühlt mit ihren Fingern meine Haare. „Lassen Sie doch bitte mein Haar los“ sage ich und glaube die Angelegenheit damit für erledigt. Die Frau aber mustert mich mit offensichtlicher Empörung; „Stellen Sie sich doch nicht so an!“ ruft sie und schon wieder streckt sie ihre Hände nach meinen Haaren aus. „Hören Sie“ erwidere ich, ich möchte nicht, dass Sie meine Haare befummeln.“ Die Frau blinzelt wütend zu mir herüber: „ Wer so lange Haare hat wie sie, muss das eben aushalten, zischt sie und faselt etwas von ihrem guten Recht, bevor sie erneut versucht eine Haarflechte zu sich heran zu ziehen. Sehr unwirsch, trete ich einen Schritt zurück und die Hände der Frau angeln ins Leere. Schließlich gibt sie auf, nicht jedoch ohne mir einen bösen Blick zuzuwerfen. „Sie werde sich beschweren, tönt sie lauthals.“ Einem einfach die Haare zu verweigern, das sei doch unverschämt und überhaupt ihr gutes Recht. Ich kaufe Briefmarken. Die Frau sehe ich nicht noch einmal wieder.

Spät in der Nacht erst, nach Ende der Nachtschicht kehre ich ins lange schon schlafende Dorf zurück. Es ist schon zu spät, um sich noch einmal ins Bett zu legen und so krieche ich nur unter das wollene Plaid auf dem Sofa. Die alte Standuhr tickt, vor dem Fenster rascheln die Bäume, im Oberstock schläft fest der Tierarzt, der Hund auf dem Boden zuckt mit den Ohren, nur die Katze liegt nicht auf dem Fensterbrett. Dies scheint mir sonderbar, denn die Katze ist mit einem sehr gesunden Schlaf gesegnet und verlässt nach 20 Uhr grundsätzlich nicht mehr das Haus. Doch als ich noch einmal aufstehe und in den Garten sehe, sitzt die Katze auf dem Gartenmäuerchen, welches mein Haus vom Kirchhof trennt, neben ihr hockt der von ihr schon immer verachtete Kater des Priesters, beide scheinen in ein inniges Zwiegespräch vertieft. Ich krieche zurück unter das Plaid, als drei Stunden später der Wecker klingelt, liegt die Katze regungslos auf der Fensterbank und auf der Gartenmauer singt nur eine Amsel dem Morgen ein Lied.

 

Woanders ist es auch schön.

Frau Coco war auf Malta und nimmt uns mit aufs Boot und zieht uns durch die Straßen. Neben einem Becher warmen Tee hilft das ganz wunderbar gegen den Winter, der hämisch lacht und dem April eine Nase dreht. In Irland dazu noch Regen und Wind von allen Seiten.

Die verehrte Kiki stellt ihre Lieblingsblogs vor und Frau Kelef ist eine grandiose Entdeckung und überhaupt Wien, ach Wien!

Rassisten sind immer nur die Anderen, das ist doch klar.

In Irland geht so schnell nichts verloren.

Andernorts.

Der Tierarzt bringt Lämmer auf die Welt und singt im Moment für Schafe, Hühner, Kälbchen und Mädchen dieses Lied.

Sonntag

Müde und zerschlagen früh am Morgen von der Nachtschicht zurück. Endlich die schweren Schuhe von den Füßen streifen. Barfuß, die Füße ins nasse Gras gesteckt auf dem alten Gartenstuhl. Die Amseln tanzen unter dem Apfelbaum. Mir fallen Kirschblüten ins Haar. Der Tierarzt bringt eine Tasse Tee. „Du gehörst ins Bett, Mädchen“, sagt er. Er meint: „Nimm doch Vernunft an.“ Einmal wenigstens bin ich vernünftig und der Tierarzt schreckt ob meiner bloßen Füße nicht zurück. Wirre Träume, unruhiger Halbschlaf. Irgendwann stiehlt sich der Tierarzt davon. Um 14 Uhr haben sich Freunde angesagt. Zwar bin ich genau so jemand geworden, der den Tisch schon am Abend vorher eindeckt, aber auch liebe Freunde wollen sich nicht allein am Geschirr erfreuen, sondern haben Hunger und Lust auf Spiegelei. Aber ich bin immer noch zu müde, viel zu müde und so verstecke ich mich unter den warmen Kissen. Im Halbschlaf vertraute Geräusche: Der tropfende Wasserhahn der Spüle, das Kratzen des Messers auf dem hölzernen Schneidebrett, Stimmengewirr aus dem Radio, der Deckel der Teedose klirrt, Schranktüren werden geöffnet, das Telefon klingelt und der Tierarzt ruft: „Psst! Das Mädchen schläft“, in den Hörer. Das Surren der Saftpresse. Der Tierarzt flucht, er hat sich wohl an der alten und heimtückischen Schere den Finger eingeklemmt. Aber ich hänge an der Schere, ist sie doch einer der wenigen Gegenstände, die aus der Stadt A. mit in andere Länder und andere Städte gekommen ist. Dann rattert die Kaffeemühle, das Ofenrost wird in den Ofen geschoben und der Tierarzt zieht die Eieruhr auf. Dann kann ich mich wirklich nicht länger in den Federn vergraben, eine schnelle Dusche, das erstbeste Kleid, ein Stiefmütterchenstrauss im Garten abgeschnitten, den Tierarzt für den prächtigen Tisch gelobt und noch einmal Tee aufgesetzt. Schon schellt es und die Gäste stürmen die Treppe hinauf. Der Tisch ist pakistanisch-deutsch-türkisch-irisch-französisch-schwedisch besetzt und immer weitere Essensberge biegen den Tisch in der Mitte fast durch. Der Tierarzt kommt neben meiner resoluten Freundin R. zu sitzen, die dem Tierarzt den Kalorienbedarf eines Jahres auf den Teller lädt und ihm aufmunternd zu nickt: „So gut!“ Der Tierarzt schluckt, schon hat sie einen weiteren Löffel Hummus auf dem Teller platziert. Dann herrscht Spiegeleier -Seligkeit. Aber obwohl alle genauso laut und lustig wie immer durcheinander schreien, und fast alle Sätze mit: „Hast du schon gehört?“ oder „Nimm doch noch vom…“ beginnen, liegt doch ein Schatten über dem Tisch. Die I, verlässt immer wieder das Zimmer, um Verwandte in Istanbul, Izmir und Ankara anzurufen, es ist als überprüfe sie, ob wirklich alle Verwandten, Bekannten und Freunde mit „Nein“ abstimmen. Immer wieder machen wir die Nachrichten an. Einmal heißt es ein Mann habe in Istanbul dreimal mit „Ja“ abgestimmt. Es braucht ein gewaltiges Stück Osterbrot fingerdick mit Honig bestrichen, um die I, davon abzuhalten, stehenden Fußes einen Flug nach Istanbul zu buchen, den Mann aufzusuchen und kräftig zu schütteln. Die Nachrichten werden nicht besser und wir gehen auf eine Stunde nach draußen. Die R. und der B. spielen Federball im Garten, die I. hält ihre Nase in die Hyazinthen, um sich vor der Nachrichtenlage zu betäuben und die Nachbarskinder finden, Ostereier suchen, nicht halbs so spannend wie uns durch den Garten zu jagen, bis wir japsend auf dem Boden liegen. Erst Sonne, dann Wind und Regen, Hagel gar, ich fürchte um die Kirschen. Die I. hebt drohend die Hand zum Himmel. „Bei allem was Recht ist“, ruft sie. Die Kirschen bekommst du nicht.“ Ich glaube sie meint nicht den Wetterg*tt sondern Erdogan. Wir verteilen Lebensmittel gerecht zwischen Pakistan, Deutschland, Schweden, Frankreich und der Türkei. Immerhin hier ist der Weltfrieden möglich. Wohl auch wegen des Verzichts der irischen Seite. Jedes Jahr, denn das Osterfrühstück ist, obwohl ich doch am Osterbrot der Pesach-Speiseregeln wegen nur riechen kann, einer meiner liebsten Sonntage eines jeden Jahres. Denn jedes Jahr bin ich erstaunt, dass diese wunderbaren, eigensinnigen, streitbaren und liebevollen Menschen tatsächlich mit mir befreundet sein mögen und unendlich reich beschenkt, bin ich mit ihnen allen. Ich wasche ab, der Tierarzt trocknet Gläser, dann müssen wir schon los. Stadteinwärts nämlich. Im Deutschen Theater gibt es Arthur Millers „Tod eines Handlungsreisenden.“Der Tierarzt hat die englische Fassung in der Jacke und liest sich ein. Das Theater ist voll, denn es ist nicht so sehr das Stück selbst, sondern Ulrich Matthes, der das Stück trägt. Natürlich könnte Ulrich Matthes das Berliner Telefonbuch vorlesen und ich wäre immer noch entzückt, aber das Stück selbst, hat die Zeit nicht gut überstanden. Blutleer sind die Charaktere und die Tragik des Abstiegs, bleibt seltsam fern und leider mir ziemlich egal. Diese Art des Sozialdramas das glaubte, ein Schicksal sei schon genug und es bräuchte dafür nicht auch noch Charaktere oder gar eine Geschichte verfängt sich nicht recht, sondern bleibt abstrakte Belanglosigkeit. Für eine kleine Weile noch gehen wir noch durch das nächtliche Berlin. Erleuchtete Fenster, dunkel die Spree, von weitem Musik, Frauen auf überhohen Schuhen wanken auf den Arm ihres Begleiters gestützt einem Abenteuer von dem wir nichts wissen entgegen. Eine Männergruppe vergleicht die Preise eines Bierbikeanbieters. Ein Mann schwärmt vollmundig von den Waden einer gewissen Undine. Aber die Dame ist nicht an seiner Seite und auch am Telefon nicht zu erreichen. In einer Kneipe essen Menschen Kalbsschnitzel, der Tierarzt dreht sich schaudernd weg. Im Bahnhof Friedrichstraße wälzt sich ein Mann auf dem Boden. Alkohl und Krämpfe sind keine gute Mischung. Der Notdienst sagt, er sei gleich da. Wir warten und der Tierarzt sieht mich an. „ Es ist es etwas mit Dir, nicht wahr. Ich nicke. „Immer schon“, sage „ich von Anfang an.“ Ein nicht minder alkoholisierter Berlintourist mit Jeanshemd und Lederjacke erklärt uns ungefragt und demonstrativ laut, was so ein Mann, wie der auf dem Boden dem Gesundheitssystem, also ihn als Steuerzahler koste und das Beste sei doch ihn liegenzulassen, denn Morgen wiederhole sich das doch von vorn. Der Mann unterstreicht seine groben Reden mit deftigen Bierrülpsern, dann kommt der Rettungsdienst. Der Mann muss sofort in ein Krankenhaus. Wir aber fahren mit der Bahn zurück an den Rand der Stadt, laufen durch die schweigenden, stillen Straßen und hören nichts weiter als unsere eigenen Schritte, bis wir wieder vor der Haustür stehen. Die I. hat zweimal angerufen, sehe ich auf dem Telefon. „Nein zum Ja“ sagt sie als ich zurückrufe.

 

Das Fräulein ist recht schadenfroh.

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Nein, ich gebe es offen zu ein angenehmer Zug meines Wesens ist es nicht: und doch nach der ewigen Pessachputzerei, dem gähnend leeren Brotfach, der Überzahl an gekochten Eiern und dem schauderhaften Rezept für Selleriesalat, den die A. mir empfohlen hatte, und einer gewissen Grundmiesepetrigkeit darüber, dass die gesamte Familie nach Israel reiste und nur ich zurückblieb und der Seder-Abend zwar durch Kälbchen, den Tierarzt und den Priester erhellt wurde, aber nicht das war, was ich gern gehabt hätte, tragen noch zu dieser Lust an hundsgemeiner Schadenfreude bei. Zudem reist der Tierarzt erst morgen an und als ich den Einkaufskorb schnappte, schlief der ehemalige geschätzte Gefährte noch selig und so konnte ich voller Glück und Seligkeit meinem gemeinen Wesen freien Lauf lassen. Mit dem Fahrrad nämlich radelte ich nicht wie sonst üblich gleich zum Markt, sondern in einen Supermarkt. Der Supermarkt ist am Gründonnerstag um 10 Uhr ein wahres Fest für Menschen wie mich, die nach den Dramen anderer Familien und  ihrer Feiern lechzen. So sie heute morgen also ein Fräulein in Mantel und Tuch und pinken Schuhen sehr langsam mit einem roten Korb durch den Einkaufsmarkt haben wandern sehen, so war das sehr wahrscheinlich niemand anders als ich selbst.

Schon am Gemüsestand- ich inspizierte Avocados zur Tarnung-, wurde ich fündig. Ein älteres Ehepaar-er mit Segelschuhen und blauem Matrosenpullover um die Schultern geschwungen- und sie mit in die Haare geschobener Sonnenbrille funkelten sich über kilometerlange Einkaufszettel an- „Deine Tochter“ schrie er während er empört eine Orange schüttelte: „Deine Tochter hat in ihrem Leben noch nie nicht am Essen gemäkelt. Wir schulden ihr gar nichts. “ Seine Frau aber weiß, wer jetzt nachgibt, hat auf immer verloren: „Dein Sohn“ ätzt sie zurück „duscht so lang wie alle meine drei Töchter zusammen.“ Ihrem Mann fällt die Orange aus der Hand. „Jetzt ist mein Sohn schuld, ja?“ Sie steht mit verkniffenen Lippen vor den Auberginen und wirft wahllos Salatköpfe in den Einkaufswagen. Er indes streicht den Posten Orangen vom Einkaufszettel und stapft in Richtung Käseregal. Und auch ich laufe weiter. Weit muss ich nicht gehen. Vor dem Regal mit gefärbten Eiern stapelt ein Mann Eierkarton um Eierkarton in den Einkaufswagen. „Mehr, mehr wir brauchen mehr Eier, Günther“ feuert sie ihren Mann an. Der sieht nach dem fünften Karton skeptisch zu ihr herüber. „Echt jetzt?“ Sie nickt bekräftigend. „Ick will aber nich bis Pfingsten die Eier uffessen“, sagt er, aber sie winkt nur ab. „Dein Vater, sagt sie, mit seine vier Hunde, hat sich letztes Jahr uffjeregt ohne Ende, dit wir keine Nester im Garten mit Eiern hatten für die Viecher. Dit mach ick nicht noch mal mit. „Der Mann der Günther heißt und auf dessen dunkler Jogginghose ein Löwe sein Maul aufreißt, lädt weitere Eierkartons in den Einkaufswagen. „Die Scheißköter“ höre ich ihn murmeln als ich vorbeigehe. Ein Drama ganz anderer Natur spielt sich am Stand mit den Lindt-Hasen ab, eine ältere Dame, zählt ab: zehn Lindt-Hasen braucht siefür:LEOANNIKAJOHANNAJAKOBTHEALIAYANNICKPETERMAJALEA. Das Lindt-Regal jedoch weist schon große Lücken auf. Zwar gibt es noch Hasen mit goldenem Glöckchen, doch es gibt nicht mehr zehn Hasen, die identisch gleich groß sind. Sondern nur noch Zwerg- oder Riesenhasen. Die alte Dame steht wie vom Blitz getroffen vor dem geplünderten Hasenregal und sieht das Drama, das sich entfaltet wenn LEOANNIKAJOHANNAJAKOBTHEALIAYANNICKPETERMAJALEA realisieren, dass ihr jeweiliger Hase kleiner oder größer ist als derjenige der anderen. Denn auch großmütterliche Liebe will bewiesen werden und wird aufgewogen in Schokoladenhasen eingewickelt in goldenes Staniolpapier und einem Glöckchen mit rotem Band um den Hals. Die alte Dame jedenfalls ist zu allem entschlossen, den familiären Ernstfall: „Du hast mich nie geliebt und selbst deine Enkelkinder liebst du weniger als die des Goldsohnes“ gilt es unbedingt zu vermeiden. Hektisch und mit roten Flecken auf den Wangen, sucht sie erst eine Verkäuferin, die abweisend den Kopf schüttelt: „Dit sind die Letzten.“ „Da kommt nüscht mehr nach.“ Die alte Dame aber ist zu allem entschlossen. Sie beginnt sofort andere Ostereinkäufer, in deren Wagen auch Goldhasen sitzen anzusprechen und größere wie kleinere Hasen gegen ihre mittelgroßen Wunschhasen einzutauschen. Auch ich tausche meinen Hasen gegen einen der ihren ein. Noch einmal zählt die Dame durch und endlich geht die Rechnung auf und für
LEOANNIKAJOHANNAJAKOBTHEALIAYANNICKPETERMAJALEA gibt es je einen identischen Hasen. Die Frau atmet durch, sie sieht aus als hätte sie einen Marathon absolviert, fester umklammert sie den Einkaufswagen und murmelt entschlossen: Milka-Eier: Vollmilch, Zartbitter, keine weiße Schokolade. Es klingt wie ein Stoßgebet. Wahrscheinlich ist es das.

Am Fleischstand an dem ich mich unauffällig vorbeischlängele, holt ein Frau Hahn ihre Bestellung ab. „13 Paar Weißwürste“ ruft der Fleischhauer ihr zu:“Dit is richtig wa?“ Die Frau nickt. Der Fleischhauer aber bleibt ungläubig. „Dit sind ganz schön viele, wa!“ Die Frau mustert ihn ungerührt, während sie die Tüte mit den Würsten entgegen nimmt. „Haben Sie eine Schwiegermutter?“, fragt sie den Fleischhauer schließlich. Der nickt. „Eben darum“ sagt sie und Rache kann nicht nur süß, sondern auch ein Paket voller Weißwürste sein.
Ich lächele milde und gehe weiter. Über die Tiefkühltruhe unterhalten sich zwei Pärchen. „Was macht ihr Schönes“ fragen sie sich gegenseitig, in dieser aufgeräumten Tonlage, mit denen man sich das eigene Leben schönzureden versucht. „Osterbrunch am Samstag“ seufzt der Mann bei „ihren Eltern“ und nickt in Richtung seiner Frau. „Mit der Schlagerparade“ seufzt sie zurück, nur um gleich zu drohen: „Weihnachten waren wir ja bei ihm, das war auch kein Fest.“ Er schmollt beleidigt. Das andere Pärchen lächelt honigsüß. „Meine Frau“ sagt sie und legt ihre Hand auf die Schulter der Frau im violetten Kleid neben ihr, hat uns ein Überraschungswochenende in Heiligendamm gebucht. Wir brauchen nur ein bisschen Reiseproviant.“ Das andere Pärchen lächelt nicht mehr, sondern bemerkt mit dem letzten Rest an Kraft und Willen: „Ach ihr seid zu beneiden, wir planen das auch Jahr für Jahr.“ Ciao und Tschüssi. Luftküsse knallen über die Tiefkühltruhen hinweg. Die beiden Frauen, die Hand in Hand zur Kasse schlenkern haben das vorösterliche Gesellschaftstennis haushoch für sich entschieden.

Dann stelle auch ich mich an eine Kasse an. Vier Lindt-Hasen und zwei Avocados lege ich aufs Band. Hinter mir streitet eine Frau mit ihrem Sohn. „Das kann doch nicht dein Ernst sein“,“ sagt sie und zeigt auf das Band: „Toastbroat und Nutella und das zu Ostern.“ Doch ihr vielleicht 16 jähriger Sohn zuckt nur ungerührt mit den Achseln. „Feiertage sind zum Schlafen da“, sagt er und gähnt überdeutlich. „Undankbare Brut“ murmelt die Mutter und lädt weitere Lebensmittel aus dem Wagen. Ich aber schwinge mich vergnügt aufs Rad und fahre zum Markt. „Nein, für mich noch kein Brot“ rufe ich dem Bio-Bäcker zu und kaufe Gemüse bei Herrn Yilmaz ein.
Fast ist mir als pfiffe ich ein fröhlich-schadenfroh ein Lied, während ich zurück nach Hause radle, denn leider, leider vertreibt nichts meine Pessachmüdigkeit und meinen Seder-Kummer so gut wie ein wenig vorösterliche Schadenfreude es vermag. Sie haben Recht, und ich kann es Ihnen nicht verdenken, schüttelten sie den Kopf und sagten: „Nein Fräulein Read On, dies schickt sich nicht.“ Natürlich haben Sie Recht, aber vergessen sie nicht, morgen haben die Geschäfte zu und der Schwiegervater freut sich schon so.

Sonntag

Am Morgen ist der Himmel noch unentschieden. Ich blinzele in das frühe Licht. Noch ist mehr Grau denn Blau, doch schon schiebt die Sonne die Wolken zur Seite und ich gehe zu Herrn Zingarelli hinüber und Herr Zingarelli überreicht mir galant eine Schüssel Walnuss- und Pistazieneis. Die Sonne klettert über den Dachfirst, ich steige die knarrende, alte Holztreppe zum Trockenboden hinauf. Dort trocknet im Winter noch immer die Wäsche, die Zitronenbäume überwintern dort und auch die Fahrräder lagern dort ein. Das Schönste am Trockenboden aber sind die Fenstergauben mit ihren breiten Balken. Ein Kissen im Rücken, die Schüssel mit Eis auf dem Schoss und ein Buch in der Hand, baumeln meine Beine aus dem Fenster. Ungefähr auf halber Höhe des Kirchturms sitze ich und direkt neben mir funkelt die Sonne auf den roten Dachschindeln. Aber unten auf dem Kirchplatz ist viel zu viel zu entdecken, als das ich meine Buch wirklich aufklappen würde. Ein Pudel hat sich in seiner Leine verheddert und ein Dackel lacht hämisch. Eine Frau ruft: „Heinrich, Heinrich!“ und meint ihren Mann, aber ihr Mann hat wohl andere Pläne, denn sie ruft vergebens nach ihm. Immer mehr Stühle füllen sich vor der Trattoria der Familie Zingarelli und auch vor der Eisdiele: lange Schlangen. Ein Bube heult: „A-B-E-R D-A-S E-I-S I-S-T J-A K-A-L-T. Seine Schwester frohlockt und versucht ihm die Waffel zu entreissen. Das geht schief. Zwei Waffeln liegen auf dem Pflaster schon kommen die Elstern, Erdbeereis krächzen sie und schon ist das Eis Vergangenheit. Entsetzte Kinderaugen. Gemeinsames Geheul. Der Vater schüttelt den Kopf: „Ich habe euch doch gesagt!“ Zum Glück ist Frau Zingarelli schon zur Stelle und streicht den Kindern über den Kopf, schon halten sie eine neue Waffel in den Händen und Frau Zingarelli winkt zu mir nach oben. Ich winke zurück. Ein Mann läuft mit einem Blumenstrauß gedankenverloren über den Marktplatz. Der Blumenstrauß sagt: „Sabine, ich liebe nur dich- verzeih mir- es wird nie wiedervorgekommen- du bist das Licht, mein Leben- Sabine, was soll neben dir eine Annika sein?“ Der Mann probt in Gedanken noch einmal seine Entschuldigungsrede, sein Jackett ( hellblau ), seine Jeans dunkelblau und seine Schuhe frisch gewienert, er ist die Reue selbst. Fast er übersieht er eine Frau auf dem Fahrrad, die böse klingelt, aber der Mann sieht nicht einmal auf: „Liebe Sabine, ohne dich sind alle Tage grau, alle Tauben verflogen und mein Leben nur Ödnis.“ Er trägt den Bluemnstrauß wie ein Schutzschild vor der Brust. Schon biegt er um die Ecke. Jeder Schritt ein Schritt zurück zu Sabine.
Eine Ehepaar schließt ein Tandem an. Der Wirt vom „Goldenen Krug“ schickt den Lehrling ihnen mit dem Gepäck zu helfen. Dem Lehrling ist das Tandem nicht geheuer. Aber das Tandempaar teilt sich nicht nur ein Fahrrad, sondern auch das gleiche Sportdress. Rote Hosen und ein weißes Laiberl. Der Lehrling zieht das Käppi tiefer. Mit dem Tandempaar will er lieber nicht gesehen werden von den Freunden, die auf dem Marktbrunnen sitzen und johlen. Der Tandembesitzer hat endlich das komplizierte Nummernschluss richtig hingefummelt und er und sie humpeln im Gleichschritt, dem „Goldenen Krug“ entgegen. Schon stehen zwei Stadtführer auf dem Marktplatz. Waren für Jahre Regenschirme ihr beliebtestes Accessoire, so schwenken sie jetzt Länderfahnen, um ihre Gruppen zu sammeln. Einmal Spanien gegen Italien. Die Stadtführer schreien „Una città vecchia“ und „la ciudad vieja“. Die Touristen knipsen Marktplatz und Kirchturm, aber eigentlich sehen sie sehnsüchtig in Richtung Eisdiele, wo die Schlangen immer länger werden. Endlich muss der Stadtführer einmal Luft holen, seine Atempause wird sofort in Eiskugeln umgesetzt. Der Stadtführer wischt sich den Schweiß von der Stirn und ich muss an mich halten, um nicht: „Nehmen Sie Walnuss und Pistazie“ vom Dach zu schreien. Zwei ältere Damen tauchen ihre Taschentücher in das Brunnenwasser und kühlen sich die Arme. Der Pfarrer noch im Talar läuft mit Bibel unter dem Arm raschen Schrittes über den Kirchplatz hinüber. Beliebt ist er nicht. Die Leute sagen, er würde den Gläubigen nach dem Gottesdienst nicht mehr die Hand geben. Er fürchtete sich vor Keimen. Die Gläubigen aber fühlen sich eines Händedrucks würdig und wünschen sich den alten Pastor zurück, der alle Frauen zwischen fünf und fünfundfünzig in die Wangen kniff. Mit der Kantorin soll sich der alte Pastor noch ganz andere Zärtlichkeiten herausgenommen haben, so jedenfalls habe es die Frau Pastorin, Frau Zingarelli im Vertrauen erzählt, die aber habe es bei der Beichte dem katholischen Priester sagen müssen und anderntags wusste die ganze Stadt, dass der Pfarrer auf dem Sofa schlafen musste. Dann wurde der Pfarrer versetzt. „Vom Regen in die Traufe“ sagen die Leute und ich kratze den letzten Rest Walnusseis aus der Schüssel und gähne im warmen Sonnenlicht. Die Kantorin schließt die Kirchentür ab. Herr Zingarelli serviert knusprig heiße Pizza. Mürrisch sieht der Wirt vom „Goldenen Krug“ herüber. Seine Gaststube ist nur für diejenigen zu empfehlen, die sich ihres Erzfeindes erledigen wollen. Es gibt Leute die sagen, dass sie rostige Nägel im Kartoffelpüree gefunden hätten. Aber meine Großmutter sagte, noch nie haben die Wirte vom „Goldenen Krug“ zu kochen verstanden. Das Tandemehepaar will es trotzdem wagen und diskutiert die Speisekarte. Inzwischen haben alle Touristen eine Kugel Eis erstanden und trotten dem Stadtführer mit seiner Fahne hinterher: „Il castello vecchio!“ Ein Auto, das in der Innenstadt gar nicht fahren dürfte, fährt langsam vorüber, denn auch die Oberstufenschönste mit ihren blonden Engelslöckchen und dem goldenen Overall steht an der Eisdiele an. Der BMW hält und die Musik knallt über den Marktplatz. Die Stufenschönste ( Erdbeereis ! ) dreht sich langsam auf dem Hacken um, ihr Lächeln knallt gegen die Musik, langsam fährt sie mit der Zungenspitze über die Eiskugel, kostet ganz langsam und fährt sich mit der Zunge über die Mundwinkel. Dann aber wendet sie sich ab und geht auf einen jungen Mann zu, der mit einem klapprigen Fahrrad am Brunnen wartet, steigt auf den Gepäckträger, er tritt an und sie schleckt Erdbeereis, der wind fährt durch ihre Locken. Der BMW-Fahrer aber steht als verlassenes Hündchen am Straßenrand. Er isst kein Eis mehr.
Ein Mädchen läuft einem roten Luftballon hinter her, der BMW-Fahrer fährt mit heulendem Motor davon und die große Schwester des kleinen Mädchens zeigt nach oben, wo ich noch immer mit den Beinen baumelnd im Sonnenschein sitze: „Guck mal ruft sie, Karlsson auf dem Dach.“ Mutter, Vater und Kinder starren mit offenem Mund zu mir herauf. Ich zwinkere dem Mädchen zu.

Zu nächtlicher Stunde

„Kommst du mit zurück?“, fragt mich die liebe C. als Herr Zingarelli verarztet und die Spaghetti aufgegessen sind. Ich schüttle den Kopf. „Ich geh noch auf einen Sprung zum D.“ sage ich und die liebe C. nickt. „ Aber sieh noch einmal bei mir herein, wenn du zurück bist, ja?“, sagt die C. und ich muss lachen. Aber gerührt bin ich eben doch. „Versprochen“ sage ich und küsse meine liebe C. Herr Zingarelli gibt mir zwei Flaschen Wein, die braucht der D. sagt er und ich nicke. Am Morgen in der Zeitung, die Anzeige: „bekunden sich ihre Verlobung anzuzeigen: Fräulein B. und Herr C. beide Ärzte im Städtischen Klinikum der Stadt X.“ Ich legte die Zeitung weg, denn schon schellte es an der Praxistür. Aber die Anzeige vergaß ich nicht. Die liebe C. und Familie Zingarelli winken mir zu: „Grüßen Sie uns den D.“ rufen sie und ich nicke. Über den Marktplatz also, vorbei am stattlichen Haus der Familie der B. Altes Geld sagen die Leute und meine Großmutter sagte mir: ich sollte nichts darauf geben, was die Leute sagen. Drei Querstraßen weiter drücke ich die Haustür auf. Noch immer der gleiche Muschelkalk auf dem Boden, eine Reihe von Briefkästen, zwei Fahrräder, eins ist kaputt. Der Stiegenlauf schon lange nicht mehr gestrichen. Erbaut im Jahre des Herrn über dem Türsims, ich laufe die Treppen hinauf, bis ganz hinauf ins Dachgeschoss. Dreimal kurz und zweimal lang klopfe ich an die Tür. „Mach auf“ rufe ich und klopfe noch einmal. Endlich knarrt der Dielenboden und dann öffnet sich die Tür. „Poltergeist“, sagt der D. „Sehr witzig sage ich und stelle die Weinflaschen auf den Tisch. „Von Herrn Zingarelli“ sage ich und du suchst einen Korkenzieher. „Immer noch nüchtern Read On?“ fragt der D. und ich nicke. Die gleiche Zeitung liegt auf dem Tisch. „Bekunden sich ihre Verlobung anzuzeigen.“ Nun ist es also soweit“ sagt der D. und der Korken ploppt aus der Flasche. Der D. sieht auf seine Hände und ich sehe auf den Kamin. Dort steht im silbernen Rahmen das Bild von B. und D. Lächelnd, sonnenbestrahlt. Arles. Ein langer Sommer. Der D. auf dem Bild hat keine Schatten unter den Augen, sondern trägt die Sonne vor sich her. „Dir will ich die Welt zu Füßen legen“ steht in unsichtbarer Tinte unter der Fotografie geschrieben. Der D. sieht meine Augen und dreht das Bild abrupt um. „Was willst du?“,fragt er und ich zucke mit den Achseln: „Ich will nicht das du allein trinkst, sage ich und der D. lacht. „Ach so, das Fräulein Read On, mit ihrem Patent zum Sorgen machen. Die ewig Besorgte, die Kümmerin, die Ach-ich-weiß-wie-es-dir-geht, die lass uns doch reden-Madame. „Bist du fertig?“ frage ich. „Scheiße“ sagt der D. und dann räumt er einen Stapel Zeitungen für mich vom Stuhl. Ich mache mir einen Tee. „Fühl Dich wie zu Hause“ sagt der D. und ich drehe mich um. „D. sage ich, ich gehe nicht.“ „Scheiße“, sagt der D. Neben der Zeitung liegt die dokumentierte Beziehung des D. und der B. Fotostapel über Fotostapel. Ein glückliches Leben. Fast zehn Jahre lang und dort wo ich sitze, einem breiten Rattanstuhl hat die B. jahrelang gesessen und dem D. nach der Nachtschicht in den Schoß gelegt. Der D. ist Krankenpfleger und die B. inzwischen Ärztin. Zehn Jahre lang war es der B. egal und dann verlobte sie sich mit dem Anästhesisten und nicht mit dem Krankenpfleger D. Der D. starrt auf die Zeitung. Ich auch. Der Teekessel pfeift. Keiner von uns steht auf. Der D. lacht bitter. „Was wollen Sie als Krankenpfleger denn im Arztzimmer?“, hat sie am Freitag gesagt. „Scheiße“, sage ich. Der D. nickt und legt den Kopf auf die Arme. Die Kirchturmglocken schlagen und vor dem Haus hält ein Auto. Wir stehen nicht auf. Das Auto fährt fort und die Scheinwerfer ziehen einen hellen Lichtstrahl durch die Küche. Der D. erinnert sich der Weinflasche, dann schüttelt er den Kopf. „Es wäre besser, wenn wir uns jetzt siezen“ sagte sie ,murmelt er und ich ziehe seine Hände zu mir heran. Der Korkenzieher fällt klappernd zu Boden. Ich würde gern sagen, dass sie es nicht so meint, dass sie schon jetzt vielleicht drüben im stattlichen Haus, nervös auf den Fingernägeln kaut, die Jacke vom Haken nimmt, und hinüberläuft zum D., aber vor uns auf dem Küchentisch liegt die Anzeige, rot umrandet vom D. zwei Turteltäubchen halten einen Zweig im Schnabel: „Bekunden sich ihre Verlobung anzuzeigen.“ Am Haken im Flur hängt noch ihr Wintermantel, ihre Handtasche, so als sie sei nur auf einen Sprung nach Haus gegangen, denn ihr Zuhause war doch die letzten zehn Jahre die Dachgeschosswohnung des D.
Der D. trinkt ein Glas Wein. „Was soll ich jetzt machen?“ „Ruf sie an2, sage ich. Du wirst doch nicht hereinfallen wollen auf das Sie und das Arztzimmer. Der D. legt eine Platte auf. Gluck. Orpheus und Eurydike. Unten vor dem Fenster steht eine Frau im Hauseingang, schon kommt ein Taxi, hastig steigt sie ein und schon liegt die Straße wieder im Dunkeln. Der D. und ich liegen auf dem alten Smyrnateppich und die Musik, diese klagende Stimmen im Wechsel schwappt in Wellen über uns hinweg. Unten auf der Straße quietschen die Bremsen, auf dem Marktplatz schlägt die Uhr, im Treppenhaus lässt jemand ein Schlüsselbund fallen, der Symrnateppich riecht nach dem Lavendelparfum der B. „Ich dreh mich doch nicht um, doch nicht nach ihr“, sagt der D. und klingt nicht einmal weinselig dabei, sondern nur bitter. „Ruf Sie an“, sage ich und stehe auf das Telefon suchen. Im Papierkorb mehr Bilder der letzten Jahre. Unter der Zeitung endlich das Telefon. „Ruf sie an“, sage ich und der D. dreht den Kopf weg. „Willst du lieber in die Kirche stürmen, kurz vor dem Ja-Wort?“, frage ich und der D. nimmt das Telefon. „Du bist unerträglich, sagt der D.“ „Dafür bin ich hier“, sage ich und der D. wählt die Nummer, die einzige Nummer, die er inwendig behalten kann. Am anderen Ende nimmt die B. den Hörer ab. Für einen Moment noch, stehe ich am Küchenfenster, dann suche ich Mantel, Schuh, und ziehe die Wohnungstür hinter mir zu. Zurück zum Marktplatz also, die Straßen menschenleer. Alle Häuser sind dunkel. Nur im stattlichen Haus an der Ecke des Marktes brennt Licht. Im Erker steht die B. das Telefon in der Hand, den Hörer dicht ans Ohr gepresst, die andere Hand im Haar vergraben. Ich bleibe nicht stehen, schon suche ich nach dem Schlüssel, im Haus meiner Großmutter hat die liebe C. mir Licht angelassen, ich lasse die Treppenstufen fünf und acht aus, öffne leise die Tür zum Zimmer der C. und küsse sie auf die Stirn. „Der D?“ murmelt sie, telefoniert mit der B. sage ich und die C. lächelt. „Schlaf gut“, „Du auch“ flüstere ich und gehe ins Bad. Bevor ich endlich ins Bett falle, sehe ich noch einmal über den Marktplatz. Bei der B. ist noch Licht, strengte mich an, könnte ich bestimmt erkennen, ob sie noch immer mit dem Telefon am Fenster steht, aber ich ziehe den Vorhang vor, und sehe auf den Wecker neben dem Bett. Es ist halb Zwei.