Kosmisches Ungleichgewicht

Manchmal und noch immer hat die Wissenschaft nicht erwiesen wieso, da gerät das kosmische Gleichgewicht aus den Fugen. Meiner bescheidenden Ansicht nach, geschieht das immer in jenen Nächten in denen Sonne und Mond sich schlecht vertragen. Natürlich liebt die Sonne den Mond, aber manchmal vor allem in den langen Februarnächten, da zieht sie goldene Lackschuhe an und trifft Poseidon für einen Tanz oder zwei auf dem Meeresboden und erst gegen vier Uhr kehrt sie barfuß und mit den Schuhen in der Hand zurück. In diesen Nächten aber zürnt der Mond, schenkt sich Cognac ein und verflucht, dass er sich ausgerechnet so in die Sonne verliebte, wie er es eben tat, natürlich hat auch der Mond mehr als einen Stern geküsst, aber niemals , dass weiß er selbst zu genau, wird jemand die Sonne an seiner Seite ersetzen können. In diesen Nächten also in denen die Sonne tanzt und lacht, da streift der Mond sich einen roten Morgenmantel über, schenkt sich Cognac nach, beugt sich über den Balkon starrt finster auf das dunkle Meer herunter, dann fällt sein Blick auf ein windschiefes Haus, am Rande eines kleinen irischen Dorfes, dort gähnt ein Fräulein am Fenster und der Mond reibt sich die Hände: „Der will ich es schon zeigen“ , sagt der Mond und reibt sich die Hände.

Das Fräulein aber das eben noch gähnte, zieht die Beine zu sich heran und zieht sich ihr altes Schlaftuch über den Kopf und schläft nichtsahnend ein. Neben ihr atmet leise der Tierarzt auf dem Sessel neben dem Fenster träumt die Katze vom Mäusefasching, auf dem Teppich mit den alten Rosenranken schnarcht der Hund und schon schlafe auch ich. Aber auf dem Balkon steht eben auch der Mond, steckt sich eine Zigarre an, füllt noch einmal eine Handbreit Cognac in sein Glas und lacht.

Unten im Haus schreckt ein Fräulein aus dem Schlaf. Es erwacht mit schauderhaftem Durst, einem Durst der in der Kehle brennt und das Fräulein setzt sich auf, denn zu diesem Behufe ist doch eine Flasche Wasser neben dem Bett deponiert. Beim Versuch die Flasche zu erreichen, reiße ich den Bücherstapel um, die Flasche kippt um, das Wasser läuft aus. Ich fluche mit zusammengebissenen Zähnen, tappe ins Bad und wische das Wasser auf, dabei rutsche ich auf einem der Stoffschlappen aus, die der Hund stets mit voller Begeisterung zerkaut, krach, bumm, autsch. Ich reibe mir die Schulter. Von fern auf dem Balkon lacht der Mond heiser. „Da geht noch was“, sagt er, aber erst einmal schlafe ich wieder ein.

Dann wache ich auf, aber eigentlich schrecke ich auf, denn in meiner Vorstellung steht die Haustür offen und wahrscheinlich lauern schon Räuber mit einem Beutel in der Hand um die alte Standuhr wegzutragen, ich tappe die Treppe hinunter, die Haustür ist verschlossen, die alte Standuhr geht wie gewöhnlich zwei Minuten nach. Ich schüttle den Kopf über mich, der Mond schüttet sich aus vor lachen.

Ich schlafe zum dritten Mal ein und der Mond setzt Tee auf. „Warte nur „sagt er, dann kläfft ein Hund, der Hund so glaube ich kläfft direkt vor dem Fenster, ein schauderhaftes Kläffen, ein Bellen aus den Tiefen der Hölle, ein sich immer weiterschraubendes Gekläff, ohne Ziel und ohne Ende. Ich stehe auf und strecke den Kopf aus dem Fenster. Vor dem Fenster kläfft kein Hund, ich lege mich wieder hin, ich zähle Schäfchen und als Schäfchen No. 14 über das Weidegatter hüpft und ich kurz davor bin erneut zu entschlummern, setzt das Kläffen wieder ein. Ich murmele: „So nicht, so nicht“, angle nach den Pantinen und stürme hinaus in den Garten. Im Garten Stille. Selbst das Gras atmet lautlos, der Himmel schweigt, der Kirchturm St Sylvester ist nur ein dunkler Schatten, von nirgendwo tönt Hundegebell herüber. „Das ist doch nicht zu fassen“, murmele ich und krieche zurück ins Bett. Der Mond nimmt grinsend die Platte: Dantes Höllenhunde-Purgatorio in F-Dur vom Plattenspieler.

Ich drehe mich auf den Bauch und ziehe die Decke über den Kopf. Mögen die unsichtbaren Hund auch kläffen, was soll es mich kümmern, eine halbe Stunde knallt der hiesige Hund seine Pfote gegen meine Stirn, es ist halb vier, ich schrecke hoch. „Hund sage, ich was hast du?“ Der Hund jammert und seufzt. Ich angle erneut nach den Pantinen und der Hund und ich wandern in die Küche, ich besänftige den Hund mit Hundekeksen und trinke ein Glas Milch. Der Hund will aber auf keinen Fall mehr ins Schlafzimmer zurück, nun seufze ich, tappe nach oben und hole eine Decke, lege mich auf das Sofa und der Hund legt seinen schweren Hundeschädel auf mich und ich streichle den Hund in den Schlaf zurück. Der Mond grinst hämisch. Zu hübsch ist es doch den Hund mit kalten Fingern wieder und wieder am Schwanz zu ziehen.

Dann nicke auch ich noch einmal ein, ich träume erst von riesigen schwarzen Spinnen, die Strickmuster diskutieren und dann ist mir als drücke ein Schwall kalter Wind und eine Woge kalten Wassers die Wände und Fenster ein. Ich schrecke hoch, der Hund jault auf, bei meiner nächtlichen Suche nach dem kläffenden Hund muss ich die Terrassentür nicht richtig zugemacht haben und auffrischende Wind,Poseidon sieht natürlich danach, dass die Sonne sicher nach Hause kommt, traf die Tür und schon schwappten Wind und Wasser ins Haus hinein. Ich wische auf, der Hund zieht wieder ins Schlafzimmer zurück und der Mond hört nicht wie die Sonne barfuß und leise ins Haus zurückschleicht, die Schuhe fallen lässt, heftig gähnt, dem Mond die Hände auf die Augen legt und sagt:“Komm zwei Stunden haben wir noch.“ Ich aber gehe schwimmen, der Tierarzt stellt mir Tee und ein Stück Kuchen hin und ich erzähle ihm vom kosmischen Ungleichgewicht, der Sonne und Poseidon und dem Mond im roten Bademantel.

Der Tierarzt schweigt sich aus über den Zuckerberg in seiner Tasse und als ich meine Erzählung beende, sagt er: „Mädchen, man muss sich doch schon sehr wundern, dass Du keine Professur in Astrophysik hast.“

Der Hund schaut verdutzt, die Katze wie stets leicht ironisch amüsiert und ich nicke und seufze, denn schön wäre es doch der Frage des kosmischen Ungleichgewichts einmal näher als nur so am Frühstückstisch auf den Grund zu gehen.

Die letzte Karte

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Am Ende sind es 336 Karten geworden.

Die letzte Karte habe ich am westlichsten Zipfel Irlands in einen Briefkasten geworfen. Es war eine Karte über die atlantischen Winde.

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Westerly winds/ let that sink in.

Spät am Abend wieder in einem kleinen irischen Dorf, aber blieb die letzte Karte leer.

Die schönste Karte in ein Gefängnis ist immer die Karte, die nicht mehr geschrieben werden muss.

Jeden Abend am grünen oder gelben Postkasten, auf der Post gegenüber des Markusplatzes in Venedig, in einer Postfiliale in St. Germain in Paris oder einem Postamt an der Ostsee habe ich mich gefragt: Ist das die letzte Karte? Aber immer kam eine neue Karte.

Die Freiheit hat das letzte Wort und Deniz Yücel hat die Freiheit wieder. Er kann wieder selbst sprechen, reden, streiten und schreiben. Vor allem schreiben. Das vor allem.

Ich habe die Karten an Deniz Yücel und Mesale Tolu nicht gern geschrieben, die Karten waren Geschwister der Feder von Dolores Umbridge, jede Karte tat ein bisschen mehr weh, jeder Tag im Gefängnis wiegt schwerer, ein ganzes Jahr Leben hat man Deniz aus den Händen genommen.

Ich habe das Gefängnis von Silivri oft gegoogelt, ich habe niemals einen Briefkasten am Tor von Silivri gefunden. Das hat mich mehr beunruhigt als ich zugeben will.

Ich habe im Gefängnis von Bakirköy in dem Mesale Tolu inhaftiert war angerufen. Der Tierarzt sagte: „Du kannst doch nicht einfach in einem Gefängnis anrufen.“ Aber ich habe angerufen und so lange in meinem Kauderwelsch- Türkisch gefragt, bis sie mir eine Adresse nannten. Gefängnisse haben Telefone habe ich gelernt. In Silivri nahm niemand ab.

Alle zehn Tage habe ich einen neuen Zehnerblock Briefmarken gekauft. Der Postbeamte fragte alle zehn Tage: „Und gibt es etwas Neues?“ Ich schüttelte den Kopf.

Ich weiß nicht was aus den Karten wurde, vielleicht hat der Postbote sie in den Bosporus gekippt, vielleicht hat die Poststelle in Silivri die Karten geschreddert, vielleicht hat jeden Morgen ein Beamter der Zensurstelle unter einem Erdogan-Bild auf die Karten gestarrt und ein leichtes Zucken im linken Augenlid blieb den ganzen Tag kaum wahrnehmbar, aber doch spürbar. Auf jeden Fall weiß man in Silivri jetzt, wer Heinrich Zille ist, da bin ich mir sicher oder vielleicht wissen es auch nur die Fische auf dem Grunde des Bosporus. Ich weiß es nicht.

Nach 200 Briefen fragte Franz Kafka, Felice Bauer, ob sie überhaupt seine Handschrift lesen könne. Ich habe lieber gar nicht erst gefragt.

336 Mal habe ich mir versucht vorzustellen, wie man die Welt beschreiben kann, wenn man allein in einer Zelle ist und nur eine Handbreit Himmel sehen kann. Ich habe es mir nicht vorstellen können, in diesem Sinne sind die Karten auch die wiederholte Geschichte eines Scheiterns.

336 Karten habe ich geschrieben und ich habe nicht gewusst, dass man dafür auch 336 Mal beschimpft wird. Aber so ist das gerade in Deutschland, daran muss man sich wohl gewöhnen und so habe ich eben mit den Achseln gezuckt über: „Du-schreibst-einem-Deutschenhasser-der-soll-im-Knast-verrotten-Du-willst-Dich-nur-groß-tun-du-machst-dich-wichtig-auf-Kosten-des-Elends-anderer-du-schreibst-nur-zweien-warum-schämst-du-dich-nicht.

Wer sich wirklich fragt,warum ich nur zwei Karten am Tag geschrieben habe, der google einmal Auslandsporto Irland.

Das hat mich müder gemacht als ich zugeben will.

Ich habe mich jeden Tag gefragt, ob es etwas hilfloseres als eine Postkarte gibt.

Ich habe darauf keine eindeutige Antwort gefunden.

Ich danke Frau Novemberregen,Frau ExcellensaMichaela,Winnie Rabensturmig,Antje und Nathalie, mit der schönsten Handschrift der Welt und all den anderen stillen „Postkartenschwestern“ für all ihre Karten und Worte, ihre Aufmerksamkeit und Zugewandheit und ihre stille Beharrlichkeit.  Von Herzen Dank, Sie sind so großartig wie wunderbar.

Der wunderbare The New Voice hat alle Karten zu einem Bild zusammengelegt.

Meine Schwester schreibt seit 280 Tagen an Ahmet Şık.

Der Tierarzt schreibt seit 300 Tagen an Mizgin Çay

Mein Vater und die liebe C. schreiben seit so vielen Tagen an Raif Badawi, dass ich mich nicht mehr traue zu frage, seit wie vielen genau.

Vielleicht schreibe auch ich noch einmal weiter. Ein richtiges, echtes Wort passt noch durch das kleinste Schlüsselloch, sagte meine Großmutter. Sie schrieb mir ein Leben lang.

An einem kühlen Sonntag Nachmittag habe ich die erste Karte geschrieben. Ich dachte, wenn es viele Karten werden, dann werden es vielleicht zehn.

Ein ganzes, langes Jahr lang hat Deniz Yücel im Gefängnis als Geisel der Regierung Erdogan verbracht.

336 Karten habe ich an ihn und 173 Karten an Mesale Tolu geschrieben.

Die letzte Karte blieb endlich leer.

Die Freiheit hat immer das letzte Wort.

Immer.

 

Das Herz eines Bären

„Komm Mädchen, sagt der Tierarzt, Du sollst ein Erdbeertörtchen haben, es ist Valentinstag.“ Hmmmjaaaoh, sage ich, denn ich mag Erdbeertörtchen furchtbar gern- „Einen Anruf noch, ja?“ Der Tierarzt nickt und überreicht der J., der besten Chefin der Welt einen roten Tulpenstrauß. Die J. strahlt und der Tierarzt strahlt auch. „Er habe lange überlegt bei den Tulpen sagt er, aber er fände rot stünde ihr doch am Besten.“ Die J. strahlt wie ein Honigkuchenpferd. Ich greife nach dem Wetterfleck und der Tierarzt überreicht der Auszubildenden Pralinen in Herzform. Die Auszubildende fällt fast in Ohnmacht.
„Gibt es irgendeine Frau, Tierarzt sage ich, der Du noch keine Valentinsgaben üebrreicht hast?“ „Ja, sagt der Tierarzt, Dich, deswegen sollst Du jetzt ein Erdbeertörtchen haben. Oder auch zwei oder drei.“
Die naturwissenschaftliche Logik ist unverkennbar.
Der Tierarzt trinkt Tee, ich esse- selig- ein Erdbeertörtchen. Neben uns am Tisch sitzt eine Frau mit einem riesigen, roten Plüschbären. Mit einer Hand hält sie den Bären fest mit der anderen Hand ihren Gefährten. Gemeinsam teilen sie sich ein Schokotörtchen.
„Habe ich Dir einmal die Geschichte erzählt, wie ich mich einmal wegen eines solchen Bären derartig blamiert habe, dass ich nicht nur das Gespött der Schule wurde, sondern auch meine erste große Liebe verlor?“ „Nein, sage ich Tierarzt, das hast Du noch nie erzählt.“ Der Tierarzt aber winkt den Kellner herbei und sagt: „Ein zweites Erdbeertörtchen für die Dame, bitte.“ Der Kellner sieht etwas verdattert auf das gefräßige Shetlandpony vor ihm herab, bringt dann aber doch ein zweites Törtchen an den Tisch. „Erzähl“, sage ich und der Tierarzt erzählt.

Damals vor vielen Jahren als ich einmal sehr jung war, so ungefähr, siebzehn Jahre alt, da war ich seit ungefähr 37 Tagen mit einem Mädchen zusammen, das Nora hieß. Nora war damals ein so ungewöhnlicher Name in der kleinen Stadt B. in der ich aufwuchs, dass ich mich allein schon ihres Namens wegen in sie verliebt hätte, denn damals hießen alle Mädchen Kate oder Meg oder Niamh. Aber Nora hieß Nora und hatte goldgelbe Ringellocken und trug einen echten Trenchcoat. Ich schrieb ihr einen Liebesbrief, steckte ihn ihr heimlich in eine ihrer Trenchcoattaschen und schlief drei Nächte lang nicht. Dann hatte auch ich einen Brief in der Schulmappe und zwei Tage später küsste ich sie hinter der Scheune des alten Paddy O’Toole. Dort küsste man sich damals in der kleinen Stadt B. Und oh dear, diese gelben Ringellocken. Eine Woche später war Valentinstag und der kleinen, aber etwas größeren Stadt D. war Kirmes. Ich beschloss mit Nora dort hinzufahren und ihr zum Valentinstag einen roten Plüschbären zu schießen, sie mit einem roten Liebesapfel zu füttern und vielleicht sogar mit ihr gemeinsam Kettenkarussell zu fahren- allein die Vorstellung wie ihre blonden Locken im Wind flogen. Oh dear.

Ich borgte mir das Moped meines älteren Bruders, damals hatte niemand in Irland auf dem Land einen Führerschein, sondern jeder fuhr halt irgendwann einfach mit einem alten Moped eines älteren Bruders los. Ich holte Nora ab und ich war der glücklichste Mensch auf der ganzen Welt als ich mit ihr auf dem Rücksitz der Stadt D. entgegenfuhr, allein ihr Kopf an meinen Rippen-oh Dear! Als wir die Stadt D. erreichten, war der Kirmes in vollem Gang und alle männlichen Besucher der Kirmes fielen fast in Ohnmacht vor Neid, alle Damen am Platze aber zischten Böses, über einen gewissen Trenchcoat und gelbe Schnittlauchlocken. Aber ich wurde noch ein bisschen mehr stolz und nahm Noras Hand. Dann kaufte ich ihr einen knallroten Liebesapfel und oh dear, die buttergelben Locken und das Apfelrot. „Komm sagte ich zu ihr, wie man so etwas sagt, wenn man 17 Jahre alt ist, ich schieße Dir jetzt den Bären den Du willst und dann zog ich sie herüber zur Schießbude. Dort saßen unendlich viele Bären, kleine, große, dicke, Bären mit Herzen und Bären mit einer Plastikrose im Arm. Ich flüsterte ihr ins Ohr: Darling,ich werde dir immer die Sterne vom Himmel holen und mit dem Bären fange ich an.
Das einzige Problem war nur: Ich hatte noch nie auf irgendwas geschossen. Ich wusste nicht einmal richtig, was eigentlich ein Luftgewehr ist, aber ich war schwer verliebt und fest entschlossen. Sie zeigte auf den größten Bären mit einer Flasche Liebesperlen um den Hals. Der Bär war aus schweinchenrosa Plüsch.
Aber dann war ein Mädchen im Trenchcoat eben doch etwas Besonderes und alle männlichen Besucher der Kirmes der Stadt versammelten sich um die Schießbude, um zu sehen_ how the lad was doing. The lad war ich und der Schießbudenbesitzer überreichte mir das Gewehr. Ich nahm das Gewehr falsch herum in die Hand. Der Schießbudenbesitzer grinste, ich strahlte Nora an: Du wirst sehen. Die Bären fuhren auf einer Art Rollband langsam im Kreis herum. Der riesige Bär, mit dem Schild: ‚I love you’ in den Pfoten und den Liebesperlen um den Hals saß in der Mitte des Bandes und war so groß, dass er nicht zu übersehen war.

Ich bezahlte für sechs Schüsse, nur um nicht kleinlich auszusehen. Der erste Schuss schoss über die Ohren des Bären hinweg. Die Menge um die Schießbude grinste. Der zweite Schuss prallte an der Wand der Schießbude ab, die Menge lachte, der dritte Schuss streifte das Ohr des Bären, die Menge johlte, der vierte Schuss ging auf den Boden, die Menge grölte, der fünfte Schuss prallte am Rollband ab, die Menge schrie vor Vergnügen, der sechste Schuss schlug ein Loch in die Markise und als ich mich umsah, stand Nora nicht länger neben mir. Allein die johlende Menge, es kamen immer neue Leute dazu, umstanden die Schießbude und schlossen Wetten ab, wie viele Schüsse ich noch brauchen würde, um endlich den Bären zu bekommen. Am Ende waren es dreizehn Schüsse und das wohl auch nur, weil aus reinem Zufall der Bär endlich vom Rollband fiel. Die gesamte Kirmes brüllte, johlte und schrie vor Lachen über den Schießvogel an der Schießbude. Mit dem Bären im Arm suchte ich Nora. Sie fuhr Autoscooter mit einem Jungen in blauem Blouson. Er hatte einen Arm um ihre Schultern gelegt und fütterte sie mit Zuckerwatte. Mich hat sie keines Blickes mehr gewürdigt. Ich stopfte den Bär in einen Mülleimer, aber die johlende Menge trug ihn mir nach. In der kleinen Stadt D. blieb nichts ungesehen. So klemmte ich mir schließlich den Bären auf den Rücksitz des Mofas und als ich auf der Straße zum Dorf zurück war, begann es in Strömen zu gießen. Irgendwann überholte mich ein weißer Passat, er hupte dreimal, aus dem Fenster streckte Nora mir die Zunge heraus. Am nächsten Tag wusste es die ganze Schule und Nora sprach nie wieder ein Wort mit mir.“

„Oy vey Tierarzt“ sage ich als der Tierarzt geendet hat, wie schrecklich, der arme Bär und Du.
„Ich wusste, dass Du das sagst“, lacht der Tierarzt, das Pärchen mit dem Bären am Nebentisch ist schon lange gegangen, und später dann als wir mit dem alten roten Volvo, zurück auf das kleine irische Dorf zurückschaukeln, da nickt er mir zu, „ich wünschte ich hätte dich damals gekannt Mädchen“, aber ich schüttle den Kopf. „Nein Tierarzt sage ich, ich war nicht mit 17 und auch nie danach ein Mädchen, mit dem man auf die Kirmes fährt.“
„Das meine ich nicht“, sagt der Tierarzt und wir fahren am Laden der Frau des Krämers vorbei. Happy Valentine’s Day steht auf einem Herz aus rotem Papier.

Was ich über den Uhrmacher weiß.

Ein Jahr lang, lebte ich schon in Irland, da blieb der alte Reisewecker meines Großvaters einfach so stehen. Genau um 2.30 Uhr mitten in der Nacht. Bei Weir&Sons schüttelte man den Kopf: „Der Wecker sei schrott, aber sie könnten mir einen neuen Wecker verkaufen.“
Ich schüttelte den Kopf.
Der Wecker blieb stehen und ich suchte einen Uhrmacher.

Ich suchte vier Wochen bis ich den Uhrmacher fand.

Der Laden des Uhrmachers ist am Ende einer kleinen, dunklen Straße. Die Straße ist eng und fast hätte ich den Laden gar nicht gesehen.

Im Schaufenster des Uhrmachers liegen keine Uhren. Im Schaufenster des Uhrmachers steht eine Vase mit künstlichen Blumen. Plastikrosen im Sommer, Plastiksonnenblumen im Herbst, im Winter ein Tannenbaum aus Plastik natürlich, im Frühling eine Primel. Die Primel ist dunkelblau und nicht aus Plastik. Sonst ist die Auslage leer. Uhrmacher steht auf dem Schild. Das Schild ist schwarz. Eine kleine Papptafel klemmt an der Tür: Watch Batteries.

Die Tür des Uhrmachers ist verschlossen. Man muss an die Tür klopfen, dann kommt die Frau des Uhrmachers und betätigt einen Schnapper, erst dann öffnet sich die Tür.

Der Laden ist klein. Nicht viel größer als eine Küche in einer Berliner Altbauwohnung. Eine Vitrine steht im Uhrmacherladen, die Vitrine ist fast leer, ein paar Ringe, ein paar Halsketten, Armbänder, Uhren sind nicht in der Vitrine. Hinter der Vitrine hängt ein Kalender. Der Kalender ist von 2002 und neben dem Kalender hängt eine billige Küchenuhr.

Mehr Uhren gibt es im Geschäft des Uhrmachers nicht.

Es riecht immer nach Suppe im Geschäft des Uhrmachers, egal ob man um 9 Uhr oder um 17 Uhr zum Uhrmacher kommt. Nur um 13 Uhr muss man nicht zum Uhrmacher kommen, denn dann schläft er. Das Sofa ist blau und steht hinter einem Vorhang, der Vorhang ist grün wie das Linoleum.

Der Uhrmacher selbst sagt: My wife does the talkin.’

Aber auch die Frau des Uhrmachers spricht nicht viel.

Damals als ich mit dem alten Reisewecker meines Großvaters zum Uhrmacher kam, schwieg der Uhrmacher und ich redete auf den Uhrmacher ein. Ich wollte den Uhrmacher unbedingt davon überzeugen, den Wecker zu reparieren. Der Uhrmacher schwieg und klemmte sich eine Uhrmacherlupe in das rechte Auge.

„Das ist eine gute Uhr“ sagte er.

Damit war es besiegelt.

Die Frau des Uhrmachers schreibt die Reparaturaufträge in ein grünes Buch aus festem Karton. Der Uhrmacher diktiert ihr. Er beschreibt die Uhren genau. Er sagt nicht: Ein alter Wecker, metall, grüner Zeiger. Er sagt: Reisewecker, metall, beleuchtetes Ziffernblatt, vermutlich 1962, Deutschland, Federspannung. Der Uhrmacher diktiert mit geschlossenen Augen. Seine Frau fragt nie nach, sie schreibt mit langen geschwungenen Buchstaben.

„Mittwoch können Sie kommen und den Wecker wieder abholen“, sagte die Frau des Uhrmachers. Der Uhrmacher nickte.

Auf der Vitrine klebt ein Schild. „Wie möchten die Kundschaft darauf hinweisen, dass wir uns das Recht vorbehalten, eine Uhr, die auch drei Monate nach der Reparatur nicht abgeholt wurde, zu veräußern, um unsere Unkosten zu decken.

„Gibt es denn wirklich Menschen, die ihre Uhren nicht abholen?“, fragte ich den Uhrmacher oder seine Frau, man weiß ohnehin niemals wer einem antwortet.

Der Uhrmacher zog eine Schublade auf. Die Schublade war voller Uhren. Herren,-Damen und Kinderuhren, sogar ein kleiner Wecker in Form eines Hahnes aus Porzellan war darunter.

„Was machen Sie denn mit den Uhren, wenn Sie sie doch nicht verkaufen?“, fragte ich den Uhrmacher. „Ich ziehe sie auf, was denn sonst?“, sagte der Uhrmacher. Ich nickte.

Manchmal kommen Kunden mit Uhren, die dem Uhrmacher nichts taugen. Uhren aus Plastik für drei Euro. „Das ist keine Uhr, sondern eine Schande“ sagt der Uhrmacher dann. Die Frau des Uhrmachers sagt: „Sie können die Uhr wieder mitnehmen“ Dann knallen die Kunden mit den Türen.

Der Uhrmacher repariert Uhren, aber Uhren verkauft er nicht.

Der Uhrmacher sagt: „Jede Uhr hat einen Charakter, die meisten Menschen haben keinen.“

Manchmal verkauft der Uhrmacher eine Kette, einen Ring oder ein Armband. Aber auch das macht der Uhrmacher nicht gern.
Der Uhrmacher sagt: Er hat schon viele Bräute auf Hochzeiten weinen sehen. Dann seufzt der Uhrmacher und seine Frau streicht ihm über die Hand.

„Die Uhr ist an ihrem Ende angekommen“, sagte der Uhrmacher einmal zu einer alten Frau, die zum dritten Mal ihre Uhr zur Reparatur zu ihm brachte. Die alte Frau seufzte, die alte Frau sah nicht so aus, als ob sie Geld für eine neue Uhr gehabt hätte, der Uhrmacher öffnete die Schublade mit den tickenden Uhren und legte der Frau eine Uhr in die Hand. So ist der Uhrmacher.

Heute brauchte meine Armbanduhr nur eine neue Batterie.

Der Uhrmacher sagt: „Die Uhr werden Sie lange haben, aber sie wird immer ein bisschen vor gehen, die Uhr ahmt ihren Träger nach.“
Ich muss lachen.

Vier Euro will der Uhrmacher für die Batterie haben.

Fünf Euro werfe ich in die Trinkgeldkasse des Uhrmachers. Die Trinkgeldose ist eine rostige Keksdose. Big Ben.

„Der Tierarzt, Uhrmacher sage ich, kommt nächste Woche, er braucht ein neues Armband für seine Uhr.“

Der Uhrmacher mag die Uhr des Tierarztes besonders gern. Die Uhr ist aus Frankreich. Der Uhrmacher war einmal mit seiner Frau in Lourdes. Der Uhrmacher ist ein frommer Mann. In der Vitrine des Uhrmachers neben den niemals abgeholten Uhren liegt ein Fotoalbum. Die Bilder im Album sind alle schwarz-weiß. Auf den Bildern ist der Uhrmacher zu sehen, neben einem alten Mann mit langem Bart. „Oben in Belfast bin ich Uhrmacher geworden“ sagte er, der alte Uhrmacherjude ist dann nach Israel. Der Uhrmacherjude war ein frommer Mann. Der Uhrmacherjude verstand sein Handwerk.

Ja, sagte ich.

Einmal fragte ich den Uhrmacher, wie lange es sein Geschäft noch gäbe und ob er denn Kinder hätte. „Kinder hätte er keine“, sagte der Uhrmacher, das Geschäft aber würde es geben, bis und dann zeigte der Uhrmacher auf seine Brust, bis die Uhr hier drin aufhört zu schlagen.“

„Ziehen Sie die Tür fest hinter sich zu“, sagt die Frau des Uhrmachers.

Manchmal macht sie dann noch eine Bemerkung über das Wetter, der Uhrmacher nickt. Der Uhrmacher macht niemals eine Bemerkung über das Wetter.

Das ist alles,was ich über den Uhrmacher weiß.

Sonntag

In der Nacht zieht der Sturm vorüber, am Morgen ist der Himmel klar. Der Himmel ist blau und kalt ist die Welt früh am Morgen, die Möwen sitzen auf dem Gartenzaun, die Katze liegt auf der Fensterbank. Der Tierarzt schläft, der Tierarzt schläft viel in diesen Tagen, das sagte ich schon, ich wiederhole mich oft. Der Hund will mit ans Meer. Die Katze interessiert sich nicht für nasse Pfoten. Der Hund ist zu alt für den Weg an den Klippen hinunter, wir gehen ins Unterland. Die Frau des Krämers steht schon im Laden: „Sie sind vom Wahnsinn gebissen“ schreit sie Fräulein Read On, „Sie holen sich den Tod.“ Die Frau des Krämers hat Lockenwickler im Haar, ihre Schwester feiert Geburtstag im Golf-Hotel. Es darf getanzt werden, die Frau des Krämers schüttelt den Kopf, Fräulein Read On, was soll nur aus ihnen werden. Ich trage keine Lockenwickler sondern einen alten Schafswollpullover des Tierarztes, der mir bis zu den Knien reicht, Kniestrümpfe und alte Pantinen, über allem trage ich einen Wetterfleck. „Was macht der Tierarzt?“ fragt mich die Frau des Krämers. „Der Tierarzt schläft viel, wiederhole ich in diesen Tagen.“ Die Frau des Krämers schüttelt den Kopf. Wenn Sie doch nicht ins Dorf gekommen wären, sagt die Frau des Krämers, dann hätte der Tierarzt schon längst meine Tochter geheiratet , wir hätten einen Studierten in der Familie, wir hätten ihn uns schon groß gefüttert.“ Ich sehe die Frau des Krämers müde an, „der Tierarzt, Frau des Krämers heiratet niemanden mehr.“

Dann stehen wir im Laden und sehen dem schmalen Sonnenstreifen zu der durch das Fenster fällt, so schmal wie der Tierarzt, lehnt er im Rahmen der Tür. Dann gehen der Hund und ich zum Meer herunter, das Meer ist spiegelglatt und himmelblau, das Meer ist so kalt. Der Hund taucht seine Pfoten ins Wasser schüttelt den Kopf und legt sich in den Sand. Ich aber renne ins Wasser, findet man erst den Atem wieder, wird es schön, ich schwimme gemeinsam mit hier überwinternden Vögeln zur roten Boje hinaus, auf der roten Boje frühstückt eine Möwe und nickt mir kurz zu. Das Wasser schlägt über meinem Kopf zusammen, für einen Moment ist die Freiheit grenzenlos. Blaue Lippen, blaue Zehen, den Kopf im Handtuch, der Hund schüttelt den Kopf. Später wird er trotzdem mit den feuchten Pfoten vor der Katze promenieren, man kennt das ja.

Ich wickle mich wieder in den Schafwollpullover, in Strümpfe, Schuhe und Wetterfleck, die Sonne steigt höher, der Wind nimmt zu, grün bemoost sind die Steine. Vorsicht sage ich zum Hund, das sind schlafende Riesen, weck sie nicht auf. Der Hund und ich wandern mit äußerster Vorsicht an den Zehen der Riesen entlang. Der Schiefer ist rutschig und glatt, in einem Priel finde ich eine rosa Muschel. Perlmuttglanz denke ich und lasse sie vorsichtig in den Wetterfleck gleiten. Der Hund und ich teilen geschwisterlich einen warmen Himbeerscone, kaufen zwei weitere, winken dem alten Joe Reilly, der repariert die Taue, damit es kein Unglück gibt, Fräulein Read On, wärmen sie sich gut auf.

Zurück im Oberland bekommt die Katze Milch, der Hund Wasser, dann zieht der Tee und ich steige die knarrende Treppe hinauf. „Bist Du wach?“, flüstere ich dem Tierarzt ins Ohr? Salzwasser tropft mir aus den Haaren. Der Tierarzt lacht: seit wann kommen die Meermmsellen ans Land. Seitdem die Meermamsellen nur mehr Beine habe, sage ich und reiche dem Tierarzt: T-Shirt, Pullover, Hose und Socken an. „Komm in die Sonne“, sage ich und wir ziehen die Stühle an die Mauer, die das Haus von der Kirche St. Sylvester trennt, der Rasenfleck vor der Mauer konserviert den Sommer selbst im Februar. Der Tierarzt schlürft Tee und schweigt sich aus über den kleinen Zuckerberg auf dem Grund der Tasse. Ich lege ihm die rosa Muschel aufs Knie. Sie Tierarzt, wer weiß vielleicht hat diese Muschel Eltern aus der Südsee gehabt, vielleicht lag die Muschel einmal in der Hand einer schönen Frau auf einem Ausflugsdampfer irgendwo im milden Süden.
„Liebling sagte sie: Diese Muschel will ich haben. Diese oder keine. Einen Ohrring lass mir daraus machen. Einen Ohrring ganz allein für mich. Einen Ohrring um dem mich alle Frauen beneiden. Aber dann schwankte das Boot, von einer heftigen Welle getroffen, der Mann dessen Namen von der Geschichte lang schon vergessen ist, hielt sich in seiner Not an einer ganz anderen Frau fest und alles kam anders, als einmal gedacht, die Muschel aber ging über Bord und so viele Jahre später fiel sie mir ausgerechnet unten am Strand in die Hand.“

Der Tierarzt lacht: Mädchen sagt er, Mädchen , versprich mir, hör niemals auf die Dinge nach ihren Geschichten zu befragen.

Ich schüttle den Kopf. „Tierarzt sage ich nur Du und ich sind so sentimental, der Welt verlangt es nach anderen Dingen.“ „Eigentlich wollte ich Dir etwas ganz anderes erzählen.“ Der Tierarzt schweigt über den nächsten Löffel Zucker, der in seiner Teetasse verschwindet und sagt: „Erzähl.“ Die Katze stolziert über die Steine und hopst auf seinen Schoß, der Hund schleppt verbotenerweise einen Pantoffel heran und legt mir den Kopf auf das Knie.

„Ich war doch vorhin bei der Frau des Krämers, die heute auf einen Geburtstag im Golfhotel geht, ich bezahle Scones, ich ratsche mit ihr, ich wende mich schon zum Gehen, da sehe ich ein Schild im Schaufenster kleben: „Final Blitz“ steht auf dem Schild. Die Frau des Krämer sagt: „Nehmen Sie es mir nicht übel Fräulein Read On, nichts gegen Sie, aber am Montag kommt eine deutsche Touristengruppe und das verstehen die Deutschen sofort.“

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„Oh Dear“ ruft der Tierarzt und lacht sein Sommerlachen, die Katze grinst, der Hund hechelt, ich lächle mit und die Sonne hoch über dem Kirchturm St Sylvester schüttelt den Kopf. „Derartige Albereien an der Kirchhofmauer“, sagt sie.

Bestimmt.

Pink Lady oder Auf einen Apfel mit Paul Cézanne.

Es ist natürlich ziemlich verrückt an einem ganz gewöhnlichen Dienstag Vormittag nicht ins Büro zu fahren, sondern zum Flughafen. Pfeifend zudem, so dass die Business-Reisenden ungläubig schauen, denn auch sie stehen aktentaschenbeschwert für den Flug nach London-Gatwick an, ich aber habe keine Aktentasche und pfeife noch immer. Im Flugzeug wippe ich ungeduldig mit den Beinen und ich zähle die Sekunden mit den Zehenspitzen, denn ich fliege ja geradewegs in Schwesterchens Arme hinein. Aber noch schaukelt das Flugzeug zwischen Irland und England, dann endlich landet es, schon renne ich los, pfeife noch immer, sitze im Zug, ab Clapham Junction sehe ich, wie Schwesterchen die Wohnungstür hinter sich zu zieht, zwei Stufen auf einmal nimmt, einmal links, einmal rechts, ich tausche die Bahn gegen die Tube und aus entgegengesetzter Richtung fährt auch Schwesterchen auf Westminster zu. Ich sehe sie schon weitem, das Kleid mit den Punkten, die Hand in den Locken und einen Moment bleibe ich stehen, fast ist es so als träfe ich einen Geliebten und wollte wirklich sicher gehen, dass er sich wirklich in mich verliebte, dabei hat Schwesterchen mich doch in Zuständen gesehen, die keiner meiner Geliebten kennt. Schon laufe ich los und dann sieht sie mich, läuft mir entgegen, da sind ihre Arme, und ihr Mund an meinen Ohren, der Herr mit Bowler-Hut sieht verwundert zu, wie wir beide über den Boden wirbeln, zwei Derwische kreiseln lachend und kichernd über den Trafalgar Square, selbst zwei kläffende Hunde verstummen und für den Rest des Tages halte ich Schwesterchens Hand in meiner.

Dann gehen wir zur National Portrait Gallery hinunter, Sonnenschein und Wolkenschafe. Cézanne. Die Portraits. heißt die Ausstellung und ich lächle Schwesterchen zu und Schwesterchen nickt. „Komm“, sagt sie und wir gehen in die Ausstellung hinein und schon stehen wir vor den Bildern, die die Farbe der Provence haben allesamt und schon Schwesterchen nickt mir zu: „Erzähl noch einmal“ sagt sie in meine Haare, legt mir den Arm auf die Schulter und zieht mich in eine Ecke wo kaum Besucher stehen.
Vor anderthalb Jahren, verlor meine Schwester ein Kind und schlief nicht mehr, sie blieb einfach wach und weinte, sie rief mich an in der Nacht, saß dort in London auf dem Sofa, sagte: „Erzähl mir eine Geschichte.“ „Was für eine Geschichte willst Du hören?“, fragte ich sie, meine Schwester zog einen Bildband von Paul Cézanne aus dem Regal, ich nahm den selben Band aus dem Regal und sie suchte ein Bild aus und ich erfand ihr eine Geschichte. Ich dachte mir einen Geschichte aus zu den Kartenspielern , einer der beiden versetzte seinen Ehering und konnte sich nicht mehr nach Hase trauen, ich erfand eine Geschichte über die roten Äpfel  im Korb und den hellen Landwein daneben, eine Frühstückspartie, bei der erst ein Korkenzieher, dann ein Tuch und schließlich eine Frau verschwindet, ich dachte mir aus wie die Badenden  eine Kommune auf dem Meeresgrund gründen, eine Revolution bricht aus, die Meermänner greifen an und jeden Abend suchte meine Schwester sich ein Bild aus und ich dachte mir eine Geschichte für sie aus. Nein, es sind nicht 1000 Nächte gewesen, aber auch nicht nur 10, vielleicht 100 wir haben sie nie gezählt, die Nächte nicht, und auch nicht die Geschichten, aber eines Nachts da rief sie nicht mehr an und wir sprachen nicht mehr über Cézanne, bis meine Schwester mich anrief vor ein paar Tagen und sagte: „Ich weiß es ist sehr spontan, aber ich würde gerne mit Dir die Cézanne-Portraits sehen, und Du erzählst mir eine letzte Geschichte. „Ich komme“, sagte ich und dann stehen wir wirklich in der Ausstellung und ich erzähle noch einmal, aber diesmal sind es andere Geschichten. Ich erzähle meiner Schwester von Émile Zola , dem frühen und engen Freund, der im Schneidersitz auf dem Porträt sitzt, so als sei er eigentlich ein Flaschengeist, während Paul Alexis ihm vorliest, dabei ist der Stuhl viel zu klein und viel zu fragil für den Mann, der auf ihm sitzt.

Aber vor allem erzähle ich meiner Schwester von den Kritikern, die Cézanne schmähten: „Cézanne hieß es, malt seine Frauen, seine Familie und seine Freunde wie Äpfel.“ Aber das sagt nur, dass Kunstkritiker nichts von Frauen und auch nichts von Äpfeln verstehen. Jedenfalls nichts vom Geheimnis der Äpfel, in denen schon immer die ganze Welt liegt, alle Farben haben die Äpfel, alle Formen, immer verbergen sie ihren Kern vor der äußeren Welt und so sind auch die Menschen, die Cézanne malte immer eindeutig, farbiger und niemals plakativ, immer sind sie im Bild. Vielleicht ist Cézanne derjenige Maler, der nicht daran glaubte eine Frau müsste gefallen, denn gefällig ist keines seiner Bilder. Weder die Männer noch die Frauen entsprechen dem landläufigen Ideal der Schönheit. Nirgendwo wird dies vielleicht so deutlich wie in den Bildern, die er von seiner langjährigen Lebensgefährtin und Frau Hortense Fiquet malte. Hortense ist diejenige, die Cézanne am häufigsten porträtiert hat und Hortense ist eine Frau, die nicht lächelt, Hortense ist der Apfel in jedem Bild, jemand der da ist, der da sein muss, aber eben als er selbst, nicht als jemand mit einer bestimmten Rolle oder einer Funktion. In einem einzigen Porträt nur näht Hortense, sonst hält sie die Hände geschlossen, halb geöffnet, sieht uns von schräg unten oder links oben an, aber vor allem ist sie da, ist da als Hortense Fiquet, nicht als Madame Cézanne, sie kocht nicht, strickt nicht, flickt nicht, erzieht nicht, sie ist nicht die ferne Phantasie, oder die ferne Geliebte, sie ist der zentrale Dreh- und Angelpunkt seiner Bilder und seines Lebens und Cézanne hat Hortense auf eine Art geliebt, die nicht mehr auf die Gefälligkeit der Geliebten angewiesen ist. Hortense lächelt nicht, Hortense ist wirklich da.
Schwesterchen und ich sehen ihr Gesicht, ihre Hände, beneiden ihre Kleider, wundern uns über ihre Einsamkeit, ihre Zuversicht und ich versuche mich an alles zu erinnern, was ich von ihr weiß.

Zu den zärtlichsten Porträts der Ausstellung aber gehören zwei Bilder von Paul fils , Paul dem Sohn von Hortense und Paul Cézanne. Wieder hat sich die Kunstgeschichte verächtlich über das stillebenartige, Starre und Unbewegte der Bilder mokiert, aber ich glaube und dabei habe ich keine Kinder, dass man vielleicht versucht, obwohl es doch niemals gelingt einen Moment festzuhalten, einen Augenblick nur, das Kind vor der Welt zu bewahren, einzufrieren wie es singt und lacht, mit dem Teddybären Pläne macht und auf einem Pappkarton die Weltmeere unsicher macht und das Kind ruft doch schon wieder: „Wann bin ich endlich groß?“ Lange stehen Schwesterchen und ich vor den Kinderbildern und ich ziehe meine große Schwester noch ein Stück enger an mich heran. Dann wandern wir weiter, wandern zu den Selbstporträts in denen Cézanne sich als selbstbewussten Pariser malt, um dann doch in die Provence zurückzukehren. Da sind sie noch einmal die Gärtner, die Landarbeiter, eine alte Frau mit weißer Haube und natürlich auch die Frau mit cafetière, aufrecht sitzt sie in dem Stuhl mit hoher Lehne, auch sie aber schält keine Kartoffeln, stopft keine Socken, auch sie ist genug. Es ist das Erstaunliche an den Bildern von Paul Cézanne und ich habe mich darüber niemals beruhigen können, dass seine Bilder immer hierarchiefrei sind, der Kaffeelöffel in der Tasse ist genau so zentral für das Porträt wie die Frau, der Stuhl, die Tapeten, die Schleife, die das Kleid hält. Auf Cézannes Bildern kann nichts weggelassen werden, radierte man den Löffel aus, das Bild wäre im gleichen Augenblick verschwunden. Vielleicht gilt es doch nach jenen Menschen, Männern wie Frauen Ausschau zu halten, die nehmen sie einen Apfel in die Hand, immer schon den Atem der Geliebten spüren und küssen sie Augenbraue des Geliebten etwas von der Süßigkeit des Apfels ahnen. Dann höre ich endlich auf zu reden. Schwesterchen lacht: Dass Dir als Shetlandpony an den Äpfeln liegt, ist nicht verwunderlich.“

Dann zieht sie doch ernster als sonst meinen Kopf zu sich heran, noch einmal stehen wir vor Hortense Fiquet. „Es ist gut“, sagt sie und wir gehen hinaus zurück in die Welt, wir trinken Kakao im Sonnenschein machen alberne Bilder, überlegen ob uns Cézanne wohl eines Apfels würdig hielte, ich erinnere mich an den Nachmittag den ich, es kamen keine anderen Besucher, im Wohnhaus des Künstlers in Aix-en-Provence verbrachte, Schwesterchen sagt: „ich halte mich noch immer an deinen Geschichten fest,“ und kurz bevor die Kühle des Februars in den Nachmittag zurückkehrt, legt meine Schwester meine Hand auf ihren Bauch. „Wir brauchen neue Geschichten“, sagt sie schließlich und ich nicke: Bon, bébe numéro 5, sage ich, lass mich dir erzählen, wie deine Mama, sie war dreizehn Jahre alt einmal auf den Kirschbaum stieg“, Schwesterchen quietscht, was soll bébé nur von mir denken?“ „Auf jeden Fall, dass Du mehr Apfel als Kirsche bist“, Schwesterchen kichert und dann brechen wir auf, denn wie die heimlichen Geliebten haben wir uns diesen Nachmittag gestohlen und zu Hause warten die Kinder und ich muss zurück nach Irland reisen. In der Bahn schließe ich die Augen, gehe mit ihr die Treppen zur U-Bahn herunter, sehe sie einsteigen, aussteigen, links und dann rechts gehen, den Schlüssel suchen, die Tür quietscht, 16 Kinderhände: Mama, wo bist du gewesen?“. Ein Geheimnis wird sie sagen, dann klingelt mein Telefon: „Bin da.“ Ich lächle, so wie man sonst nur lächelt, weiß man den Geliebten geborgen und vom Unheil bewahrt.
Im Flugzeug nehme ich den Apfel aus der Tasche.
Pink Lady, steht auf dem Aufkleber.
Danke, Paul Cézanne, flüstere ich und schließe die Augen.

Die Ausstellung Cézanne Portraits ist noch bis zum 11 Februar 2018 in der National Portrait Gallery in London zu sehen, bevor die Ausstellung dann nach Washington geht.
Der Katalog kostet 20 Pfund und ist ein Wunderwerk an Cézanne-Forschung und Geschichten.

Wie immer gilt: Selbstbezahlt, selbstgesehen, selbstgeknipst und selbstgeschrieben ist es auch.

Eine Papiertüte

Vom Konzert mit dem Auto zurückfahren.

Ausnahmsweise.

Der Tierarzt schläft. Der Tierarzt ist oft müde in diesen Tagen.

Ich höre Schubert im Konzert und dann noch einmal im Auto.

Irgendwo läuft immer Schubert.

Ein ganzes Jahrhundert hat sich da selbst in Musik gesetzt, denke ich. Die Ampel ist auf rot.

Auf einem Bierbike fahren Frauen auf der Straße umher. Sie singen: „Don’t look back in anger.“ Sie tragen Plastikkronen und dicke Jacken.

Das Bierbike schlingert.

Ich klopfe den Takt auf das Lenkrad.

1835 wurde Felix Mendelssohn-Bartholdy Kapellmeister in Leipzig.

Er ließ Bach spielen. Die Deutschen hatten Bach vergessen, 1835.

Man erzählt sich es hat einmal ein Konzert gegeben da spielten Clara Schumann und Franz Liszt, Bach am Klavier und Mendelssohn dirigierte.

Die drei wurden mit Blumen überschüttet.

Ich träume manchmal von diesem Deutschland in dem ein Jude fast an Blumen stirbt. Man hätte vielleicht 1945 ein Ministerium für Träume, Blumen und Bonbonnieren schaffen sollen, denke ich immer noch klopfen meine Finger im Takt.

Mir fallen wenig deutsche Träume ein in letzter Zeit, die nicht hart klingen und bitter, in denen die anderen etwas haben, was man selbst besser gebrauchen könnte, Turnschuhe zum Beispiel, die Träume der Deutschen sind hart und voller Eisen. Ich weiß nicht, ob die Welt nicht endlich doch genug gesehen hat vom deutschen Eisen und immer noch zu wenig Blumen.

Die Straße aber führt nicht nach Deutschland, sondern in ein kleines, irisches Dorf.

Ich sehe aus dem Autofenster.

Mülltüten, traurige Tauben. North Inner City Centre Dublin ist ein trüber Ort.

Dauert die Vernachlässigung nur lange genug, dann ist es egal, dass Bäume aus den Fenstern wachsen, aber keine Menschen mehr hinter den Fentern leben. Ein Fastfood Restaurant. Fish&Chips, Kepab, Fries und Chicken Wings. Die Leuchtreklame geht nicht mehr, ging vielleicht nie, wer weiß das schon. Dann wird es grün, hinter mir hupt es, der Volvo schnauft, ich fahre an, ich fahre an einem Mann vorbei. Der Mann sitzt auf dem Boden. Ein schmutziger Schlafsack liegt neben ihm. Das ist was ich sehe, zweiter Gang, Volvo, eine Straße in Irland, ich denke als ich weiterfahre: Der Mann hatte doch eine Papiertüte auf dem Kopf.

Ich denke: Der Mann hatte wirklich eine Papiertüte auf dem Kopf.

Manchmal sagen Frauen über viel schönere Frauen: „Die würde auch noch mit einer Papiertüte bekleidet so aussehen wie man selbst niemand im Abendkleid.“

Da sitzt ein Mann auf dem Boden mit einer Papiertüte auf dem Weg.

Das ist rein reiches Land.

Das ist Europa.

Warum kann man hier denn nirgendwo abbiegen. Dann geht es doch, ich stelle den Volvo ziemlich verkehrswidrig ab.

Meine Großmutter sagte: Das erste Mal nachzugeben, ist am Schwierigsten, Kind, es gilt das erste Mal in dem man sich nachgibt, so lange heraus zu zögern, wie nur irgend möglich. Ich gebe häufiger nach als sie.

Dann steige ich aus und gehe zu dem Mann herüber. Hiya, sage ich, I was just wondering if you are alright?“

Was ist das für eine Frage?

Was fragt man jemanden, der eine Papiertüte über dem Kopf trägt.

Das ist was ich frage.

Der Mann kann kein Englisch.

Vielleicht hat er einmal English gesprochen, aber jetzt kann er nicht mehr sprechen, er sieht unter der Papiertüte hervor und sein Gesicht ist von Geschwüren bedeckt.

Ich rufe einen Krankenwagen.

Der Mann zieht sich seine Tüte über den Kopf zurück.

Neben dem Mann und mir steht eine Gruppe von Jungen und Mädchen. Die Mädchen haben übermalte Gesichter und makellose Augenbrauen, die Jungs riechen nach Deodorant und Bier. Sie hören Musik, sie halten die gleichen braunen Papiertüten in der Hand, die der Mann auf dem Kopf trägt, sie essen Fries und Burger aus den Tüten, sie schnipsen Chipsbröckchen in Richtung des Mannes, sie erwarten noch etwas vom Leben und der Welt, sie wissen, dass der Mann da auf dem Boden nichts mehr zu erwarten hat, sie lachen und die Jungs versuchen die Mädchen zu beeindrucken, die Mädchen lachen nur. Die Mädchen wollen keine Jungs aus der North Inner City.

Der Krankenwagen kommt und der Mann zieht sich die Papiertüte fester um den Kopf und dann helfen wir dem Mann auf. Zwei Plastiktüten, der Schlafsack, die Tüte.

Die Mädchen und Jungen lachen.

Alles Gute, sage ich zu dem Mann.

Ich starre dem Krankenwagen hinterher.

Du wirst dich noch daran gewöhnen, sagte die Freunde damals in Berlin, als ein Mann mit einer Federdecke und Sandalen aus Biederdosen über die Straße lief.

Ich gebe öfter nach als die Frau, die meine Großmutter war.

Ein Mann sitzt mit einer Papiertüte auf der Straße, denke ich und sehe dem Krankenwagen hinterher. Die Mädchen und Jungen spielen ein anderes Lied.

Ich gehe zurück, der Volvo steht noch immer im Halteverbot.

Im Radio wird noch immer Schubert gespielt.

Die Ampel ist grün, ich fahre nach links, schon liegt die Stadt hinter mir, die Sonne geht unter. Lila-Grau, dann dunkel der Himmel, die Straße führt auf das Meer zu, Weideland zur Rechten, ein Friedhof, eine verfallene Kirche, die enge Kurve, zwischen Waldesrand und Meer, schließlich das Dorf.

Es ist nicht mehr Schubert im Radio.

Der Tierarzt schläft noch immer.

Mittwoch: Papiertonne steht auf dem Zettel am Kühlschrank.

Der Zettel ist gelb.