Der kanadische Sägefisch

„Wie war es in Canada?“, frage ich den Tierarzt, der in Tegel in meine Arme läuft. Der Tierarzt gähnt und kaum liegt die große Stadt Berlin hinter uns, schläft der Tierarzt tief und fest. Der Tierarzt schläft auch noch als ich in der Aufklärungssprechstunde erkläre, dass Fidgetspinner auf gar keinen Fall irgendeine potzenssteigernde Wirkung entfalten können und als die liebe C. die Praxisttür endgültig zuschließt und wir auf dem Marktplatz sitzen und Eis bei Familie Zingarelli essen, kommt auch der Tierarzt zu sich und zu uns herunter. Signora Zingarelli überreicht dem Tierarzt eine Waffel mit ihrem berühmten Schokoladeneis. Der Tierarzt ist wohl einzige Mensch auf der lieben, weiten Welt, der ein Eis der Familie Zingarelli mit etwas anderem als Wohlwollen betrachtet. Über den Kirchttürmen geht die Sonne langsam unter. Die Sonne ist ein dunkelroter, glühender Ball. Der Tierarzt sagt: „In Canada sind die Sonnenuntergänge viel spektakulärer.“ Mehr erfahren wir an diesem Abend nicht über Canada, denn die liebe C. und ich wir sind wirklich sehr müde. Am Samstag fahren der Tierarzt und ich mit dem Oldsmobile zurück nach Berlin. Wir fahren über Landstraßen weil ich das lieber mag und außerdem kann man dann anhalten und auf wogende Weizenfelder sehen und Erdbeeren am Straßenrand kaufen. So tuckern wir durch die Gegend. „In Canada“ sagt der Tierarzt sind die Straßen viel breiter. Die Straße unter uns holpert beachtlich, denn wir fahren durch einen Ort in dem noch altes Kopfsteinpflaster liegt. Dann halte ich an und wir sehen auf ein Weizenfeld. Die Halme rascheln, Kornblumen und Mohn blüht und ich glaube in der Ferne hoppelt ein Hase. Der Tierarzt sagt: Weißt Du in Canada“, da sind die Felder so groß wie die Stadt Berlin.“ Ich nicke ehrfurchtsvoll. Dann man soll dem Deutschlandbesucher ja großes Kulturgut nicht vorenthalten, singe ich für den Tierarzt und vielleicht auch den Feldhasen: Ein Bett im Kornfeld „Leider nimmt der Tierarzt meine Darbietung nicht zum Anlass mit mir ins Weizenfeld zu fallen. Vielleicht muss ich eine Gitarre in den Kofferraum des Oldsmobile legen? Doch der der Tierarzt sich schon um: „ Die Mähdrescher, Mädchen sind in Canada viel höher als hier, ungefähr so hoch wie der Kirchturm.“ Der Kirchturm ist aus Backstein und oben auf dem Turm hat ein Storchenpaar Quartier genommen. Dann fahren wir zurück in die große Stadt Berlin. Der Tierarzt sitzt im Garten und liest. Ich rupfe Unkraut und ernte Kirschen. „Ach, sage ich Tierarzt sieh: die Kröte, langjährige Untermieterin hier im Garten ist zurückgekehrt“ und adrett hüpft die Kröte in das steinerne Bassin und nimmt ein Bad. Ich bin entzückt und die alte Gießkanne ist wirklich ein vortreffliches Krötenhotel. Der Tierarzt sieht auf die Kröte und sieht mich mitleidig an: „In Canada gibt es ja noch richtige Wildtiere. Da kommst du morgens in den Garten und ein Braunbär tollt im Gras.“ Oder ein Seeadler baut sich ein Nest und in einer Tannenschonung leben Elche.“ Die Erdkröte quakt spöttisch und meine alte Freundin die Wildtaube und ich verdrehen die Augen. Dann koche ich Erdbeermarmelade. Am nächsten Morgen fahren mit dem Rad zweimal links, einmal rechts und dann geradeaus zum Schlachtensee. Der See liegt und kühl und dunkel vor uns. „In Canada“ sagt der Tierarzt sind die Seen so groß , dass man nicht einmal wenn man ein ganzes Jahr lang schwömme einen solchen See durchqueren könnte.“ Ich hüpfe ins Wasser. „In Canada fährt der Tierarzt fort und fischt eine kleine Alge aus dem Wasser sind die Seen klar bis auf den Grund. Aber ich höre schon nicht mehr zu, sondern schwimme einfach los. Der Tierarzt zetert und kreischt über das kalte Wasser und wäre nicht plötzlich der Schwan, der auf dem Schlachtensee wohnt keckernd über ihn hinweggeflogen, so dass der Tierarzt einfach ins Wasser fiel, so stünde der Tierarzt wohl immer noch zeternd am Ufer. „In Canada“ sagt er missmutig als er mich endlich einholt, „da warten die Mädchen und schwimmen nicht einfach weg.“ „Ach sage ich, machen das die kanadischen Mädchen, ja?“ Der Tierarzt schweigt lieber und eine ganze Weile schwimmen so langhin. „In Canada“ sagt der Tierarzt sind die Seen natürlich von dichten Wäldern umgeben, so dass das Wasser bläulich schimmert. Natürlich sind die Ahornbäume nicht so mickrig wie diese hier, sondern der kanadische Ahorn ist ein G*tt unter den ohnehin so imposanten Bäumen. „Hmm, hmmm, hmmm,“ mache ich und paddle auf dem Rücken. Natürlich ist auch das Schilf dichter, die Schwäne haben zwei Meter lange Schwingen und Schuhgröße 49 und die Paddelboote der Canadier können sogar durchs Eismeer gleiten. In den kanadischen Seen sind die Fische so zahlreich, dass der hungrige Canadier nur einmal ins Wasser greift und schon hält er sieben Lachsforellen in den Händen. „Sag Mädchen, gibt es denn auch in diesem See, Fische? „Ach Tierarzt“ sage ich, wo du gerade von Fischen sprichst, hier tief unten auf dem Grund des Sees, wo der Nöck regiert auf seinem Muschelthron, da lebt auch ein sehr, sehr alter Sägefisch. Dieser Sägefisch die Chronisten sagen, er sei vor vielen, vielen Jahren in Canada geboren worden und auf Umwegen, die jetzt nur schwer erläutert werden können, denn die Angelegenheit ist lang und verworren, nach Berlin gekommen, er berät den Nöck in Regierunsgfragen, kennt die Gesetze des Sees wie kein zweiter und an sommerhellen Tagen wie diesem, da treibt er still wie ein Schatten dicht unter der Oberfläche des Sees und belauscht die Gespräche der Schwimmer und Ruderer und berichtet dem Nöck.“Der Tierarzt zieht eine Augenbraue nach oben. „Nie kann man dich ernsthaft etwas fragen“, knurrt er und sieht doch immer mal wieder angestrengt ins Wasser. Dann schwimmen wir ans Ufer zurück und ich lasse den Tierarzt an mir vorbeiziehen. „Als er wieder ansetzt und sagt: „Also in Canada“ da fährt etwas, ich vermute der Sägefisch- ich würde ja niemals untertauchen und den Tierarzt am Zeh kitzeln- aber so ein kanadischer Sägefisch hat natürlich Schneid- dem Tierarzt unter den Fuß. Der Tierarzt kreischt, schlägt mit den Armen um sich, strampelt mit den Beinen und schnell wie ein Blitz hechtet der Tierarzt ans Ufer. „Mädchen“ schreit er wie von Sinnen: „der Sägefisch hat mich gebissen“. Ich huste in mein Handtuch und nicke bedauernd. „Weißt Du Tierarzt“ sage ich, „die Macht des Muschelthrons ist unergründlich.“
Zurück im Garten telefoniert der Tierarzt mit meiner lieben C. „ Nein, sagt die liebe C. von einem kanadischen Sägefisch sei sie noch nie gebissen worden.“ Der Tierarzt sieht streng zu mir herüber. Ich mache mein unschuldigstes Fräuleingesicht und reiche dem Tierarzt die Erdbeermarmelade an. Aber der Tierarzt erzählt der C. wie eine gewaltige, dunke Faust mit stumpfen Zähnen sich um seinen Knöchel geschlossen habe, einzig von dem Willen beseelt ihn nach unten in die Tiefe zu ziehen. Ich streue meiner alten Freundin Wildtaube Rosinen hin und sie zwinkert mir zu.

In der Schlange vor Kasse Sieben

Gestern Abend, spät war es schon und ich arg müde nach einem langen Tag und dem späten Flug zurück nach Berlin, da entschied ich mich doch noch auf einen Sprung in den Supermarkt am Zoologischen Garten zu gehen, denn ich kenne mich schon und weiß wie unleidlich ich bin, habe ich am Morgen keine Milch im Haus. Die Stimmung im Supermarkt ist gereizt. Zwei Touristen haben mit ihren Everest-Reise-Tornistern einen Karton Limonade von einem Stapel gefegt und auf dem Boden breitet sich ein klebriger Limonadensee gespickt mit Glassplittern aus. Die Touristen mit ihren Rucksäcken, die wohl auch Bäume fällen könnten, haben das Drama nicht einmal bemerkt, wohl aber der Marktleiter. Der schreit: „Aber hallo, sofort stehengeblieben.“ Eine Ader pulsiert drohend an seiner Schläfe, er verliert die Contenance und kann nur noch bellen. Dann verlässt er den Tatort und schon knarzt es drohend durch den Marktlautsprecher: „Frau Tesche zum Aufwischen.“ Frau Tesche eine ältliche, etwas untersetzte Frau kommt mit Zellstoffpapier und einem Eimer herbeigehechtet und beginnt die Sauerei aufzuwischen. „Ick hab schon janz andere Scheiße uffgejewischt“, sagt sie zu den Touristen, die bedeppert neben ihr stehen. Frau Tesche hat zwar wasserstoffblondes Haar und sehr lange Fingernägel mit Leopardenprint, aber sie ist bestimmt schon 65 Jahre alt und sehr wahrscheinlich reicht die Rente nicht und die Männer auf die ist wohl auch kein Verlass mehr. Vielleicht hat der Sohn auch Schulden oder die Tochter ist mit dem Bubble-Tea Laden pleite gegangen. Frau Tesche jedenfalls klaubt Scherben zusammen und wischt den Limonadensee auf. Ich drücke mich an zwei Männern vorbei die Centstücke zählen und wohl ausrechnen, ob die Münzen für zwei Flaschen Bier reichen. Dann kaufe ich eine Flasche Milch und zwei Becher Joghurt und stelle mich an eine Kasse an. Auch hier ist die Stimmung nicht gut. Eine Frau hat in ihrer Einkaufstasche mehr Sachen als auf dem Band liegen und der Kassierer, der eigentlich nur die Tomaten noch einmal über das Band ziehen wollte, ist ihr auf die Schliche gekommen. Jetzt rauft er sich das Haar und deklamiert: „Ick fass es nicht.“ Dit is ne Riesensauerei.“ Ich weiß nicht ob Frau Tesche ihm hier zustimmen würde. Jedenfalls schreit er in das quietschende Kassenmikrofon: „Marktleiter, Marktleiter sofort zur Kassen Sieben.“ Seine Stimme überschlägt sich fast und das Kassenmikrofon kreischt so wie ich mir den Gesang der Erinnyen vorstelle. Vom Marktleiter indes keine Spur. Wahrscheinlich sitzt er vor einem Ventilator im Marktleiterbüro, nimmt Magentabletten und hustet böse über sein Schicksal, das ihm beständig Touristen und Trinker beschert. Die Frau vorn an der Kasse, die wohl Eier und Brot und auch einen Kohlkopf auf das Band getan hat, aber Fleisch und Gemüse in eine dunkelbraune, zerbeulte Tasche gestopft hat, steht mit gesenktem Blick an der Kasse und starrt auf ihre Schuhe, die ebenso zerbeult sind wie ihre Tasche. „Hören Sie, sage ich zum Kassierer, denn ich bin müde, wirklich müde und öffentliche Tribunale mag ich auch nicht, ich bezahle die Dinge ja?“ Aber der Kassierer starrt mich böse an: „Dit is ne Riesensauerei“, hebt er wieder an und rudert mit den Armen. „Dit wird uffjeklärt.“ Andere Kunden protestieren auch. „Da könnte ja jeder kommen“ und „Schnauze, Sie Gutmensch. Ich aber bin ja nur sehr müde, auch sehr müde daran, dass ein Exempel immer dann statuiert werden soll, wo keines ist, sondern nur traurige Geschichten liegen, vor denen ich mich fürchte. Geschichten von denen ich mit Biomilch und Biojoghurt und einer Gemüsekiste am Samstag und einem gefüllten Vorratsschrank nichts wissen muss, aber doch einiges weiß. Der Mann, der besonders laut pöbelt, ist mehr als nur gut genährt und die Fleischbeutel in seiner Hand und der teure Schnaps sind eine andere Kategorie als die dünnen Plastiktüten der Frau an der Kasse. Der Kassierer schreit noch immer nach dem Marktleiter, da dreht ein Mann, der direkt vor mir steht sich zu mir um. „Ich würde auch was geben“, sagt er und lächelt schüchtern. Er sieht so aus, als müsse er sich erst erinnern, wie das geht mit dem Lächeln. Auf dem Einkaufsband liegen zwei Flaschen Sekt, verschiedene Tafeln Schogetten und vielleicht zwanzig Becher mit Maggi-Instantnudeln. „Mysterious Asia“ oder „Flavourful India“ oder so ähnlich steht auf den Bechern, auf deren Deckel ein roter Drachen einen Hauch Exotik vermitteln soll. „Sie mögen indisches Essen?“, frage ich ihn und der Mann wird rot. Er muss sich nicht nur an das Lächeln erinnern, sondern auch daran wie man spricht, wird man gefragt. Er nickt. „Er träume davon einmal nach Indien oder Thailand oder China, am liebsten aber nach Shanghai zu fahren.“ Dann aber reibt er den Daumen gegen den Zeigefinger, so als zähle er Geld. „Es reicht nicht“, sagt er und ich nicke. Außerdem könne er nicht weg, wegen seiner Mutter, die ist bettlägerig und er könne sie nicht mehr länger als ein paar Stunden allein lassen. „Ob ich, fasst er sich ein Herz, schon einmal in Asien gewesen sei?“ Ich nicke und deute auf die indisch inspirierten Maggibecher. „Indien, sage ich, immer wieder Indien.“ Dann erzähle ich ihm wie ich damals in Indien bei Frau Rajasthani am Küchentisch zum ersten Mal scharfen Reis gegessen habe und vor Überraschung über die plötzliche Schärfe erst anfing zu husten und dann zu tanzen, um die Schärfe abzuschütteln. Noch heute schütteln sich die Nachbarn, die durch die offenen Balkone hereinsahen und mich wirbeln sahen wie einen Derwisch darüber wie ich den scharfen Reis entdeckte. Der Mann muss auch lachen. Ein offenes, herzliches Lachen. „Er äße sehr gern scharf“ sagt er und ich nicke und denke an Frau Rajasthani in ihrer Küche, die immer offen ist für Gäste und die mit einem bestimmten: „Accha!“ die Kinder, ihren Mann und mich mit einer dampfenden Schale voll Reis, Dhal und was immer eben gerade im Topf schmort, herunterschickt, damit auch der Mann die Plastikflaschen sammelt satt wird. Accha! Hier im Supermarkt aber wird die Schlange länger, die Stimmung gereizter und der Marktleiter bleibt noch immer verschwunden. Der Kassierer ist krebsrot im Gesicht und auch sein Rufen nach einer „zweiten Kasse“ verhallt ungehört in den Supermarktgängen. Frau Tesche ist ja auch mit dem Limonadensee befasst. „Ich versuche es noch einmal und sage, „Ich bezahle das jetzt.“ Der Kassierer gibt endlich nach, wohl weniger meinem Blick als dem drohenden Gebräu der unzufriedenen Kunden und dem abwesenden Marktleiter geschuldet. „Nun jeben se schon her“, blafft er die Frau an, die scheu und ebenso rot wie er, die Beutel aus der Tasche auf das Band legt. 9 Euro 58 beträgt der Wert des Diebesgutes. Gehacktes, zwei Auberginen, eine Rispe Tomaten und Kartoffeln. Der Mann mit den Maggi-Packungen legt fünf Euro zu den Sachen der Frau. Sie packt die Sachen hastig in die zerbeulte Tasche und nickt uns flüchtig zu, schon verschwindet sie in der Menge. Der Mann bezahlt und endlich ich auch meine Flasche Milch. „Es hat mich sehr gefreut“, sage ich und nun ist er auch sehr rot. Namasté. Dann laufe ich wirklich müde die Treppen zur S-Bahn hinauf und mache die Augen erst wieder auf, als die S-Bahn quietschend den kleinen Vorort im äußersten Südwesten Berlins erreicht.

Eine Klasse für sich.

Müde bin ich und die S-Bahn ist übervoll. Zwar öffnen sich die Türen, aber viel zu oft ist die Luft schon ein- und ausgeatmet worden, als das der Wind Abkühlung verspräche. Schwer hängt die Tasche an meinem Arm, und nicht nur deswegen würde ich mich gern hinsetzen, sondern ich bin vor allem Aufklärungssprechstunden-Blutspenden-müde und lehnte mich gern irgendwo an. Aber nirgendwo ist Platz. Im S-Bahn Waggon nämlich ist eine jener vielen Schulklassen, die einen Ausflug nach Berlin machen. 14 oder 15 Jahre alt sind die Mädchen und Jungen und sie alle liegen kreuz und quer über die Sitze verteilt. Vielleicht macht die große Stadt ja müde Beine. Die Jugendlichen haben die Ohren verstöpselt und wie in wohl allen Schulklassen gibt es Paare, die trotz der Hitze wie ein Wollknäuel ineinander gewickelt sind und sehr demonstrativ knutschen: „Sehr her,so sieht die Liebe aus. Natürlich sehen alle hin, ohne hinzusehen. Ich überlege, ob ich wohl in der Tasche nach Kondomen graben soll, denn ich habe immer Kondome in jeder Tasche. Aber dann erinnere ich meines Neffens, der mich in die Rippen stieße und sagte: „Read On, Du bist so peinlich.“
Außerdem ist die Tasche so schwer und ich so müde. Das Paar knutscht also weiter, es ist schwer wenn man 14 ist und sehr verliebt und gleichzeitig aber auch sehr cool sein muss und so verhaken sich nicht nur Lippen und Zahnspangen, sondern auch die Kappe seiner Schirmütze mit ihrer Sonnenbrille. Gejaul. Verstohlenes Kichern der Mädchen, die eben noch neidisch über die Telefone hinweg das Stufenpaar bestaunten. Die Jungs, die keine coolen Kappen, sondern Socken in den braunen Sandalen tragen, lesen alle dicke Computerzeitschriften und dann und wann kursiert eine Flasche Spezi. Gesprochen wird wenig, nur dann und wann, etwa wenn die Flasche weitergereicht wird, raunt es: 48 RAM oder LINUX- irgendetwas und die anderen Buben nicken staunend.
Die Prinzessin der Klasse trägt ein weißes Sommerkleid und telefoniert mit einer Freundin. Sie telefoniert nicht, sie singt ein Klagelied: „Berlin sei voll öde, die Typen seien voll die Loser, die Jugendherberge schlimmer als der Knast und sie habe gleich gesagt man hätte nach Milan fahren müssen“ „Da geht es nämlich ab und hier sei alles scheiße. Die Schuhe hätte sie trotzdem gekauft. 200 Euro. Schnäppchen.“ Dann schnalzt sie Küsse durch das Telefon.
Die Mädchen, die gerade noch kicherten über die verunglückte Kusseinlage zeigen sich inzwischen ihre Einkäufe: Gelbe Plastiktüten von NANU-NANA: gebogene Strohhalme mit bunten Plastikfiguren, rührend fast schon die Kuscheltiere, die sie ein bisschen verschämt untereinander tauschen und vorsichtig betasten. Dann folgen lauter Schminktiegel, weil sie sich der Kuscheltiere-Hasen, Katzen und ein rotes Herz mit Berlin-Aufdruck- doch eigentlich schon schämen und nur Nachts wohl, wenn alles schläft vorsichtig nach ihnen tasten.
Aber nun begutachten sie nicht weniger intensiv als der Zirkel der Computerfreunde, die bunten Farbtöpfe und raunen: Ruuuuuschhh. Es liegt ja ein großes Versprechen in den Farben und den falschen Wimpern und den wilden Nagellackfarben. Die große Welt und die große Liebe und endlich auch einen richtigen Freund. Aufgeregt stecken die Mädchen die Köpfe zusammen und umklammern die Kuscheltiere für einen Moment noch einmal fester. Die anderen Mädchen umschwärmen die Klassenprinzessin. Sie haben keine Plastiktüten von NANU-NANA in den Händen, sondern ernsthafte, erwachsene Tüten: Calvin Klein und Victoria’s Secret mit einer schwarzen Schleife und raschelndem Seidenpapier. Sie tragen die Tüten so das wir alle die Aufschrift lesen können und nicht wenige von ihnen haben die Taschen stolz über den Arm gehängt, damit jeder auch lesen kann, was eine der Damen lauthals herausschreit: „Mein Papa hat gesagt, ich kann seine Kreditkarte zum Glühen bringen.“ Die Lehrerin starrt müde auf ihre abgetragenen, blauen Sandalen. Zwischen ihren Beinen steht eine H&M Tüte und kein Seidenpapier raschelt verheißungsvoll, ihr Haar klebt an der Stirn und mit etwas angekeltem Blick trinkt sie lauwarmes Wasser aus einer Aldi-Flasche. Die Prinzessinnen trinken wie auf Kommando Grapefruit-White Tea und besprechen die Problemhaut einer gewissen D., die scheint aber nicht bei ihnen zu sitzen. Die Lehrerin schließt die Augen.
Ihr Kollege ein bulliger Typ, der bestimmt bei der Bundeswehr war und dann doch irgendwie Sportlehrer wurde, trägt kurze Jogginghosen ( die gibt es wirklich ) ein T-Shirt mit der Aufschrift Drill-Instructor und eine verspiegelte Sonnebrille zum Dreimillimeter Haarschnitt. Er sitzt nicht. Er macht Stimmung. Die Computerjungs bekommen einen herzhaften Stoß und er baldowert: „10 Liegestützen!“ Die blassen Buben erschauern. Da lacht der Lehrer schallend. Es ist schwer zu sagen was er wohl lustiger findet, seinen Witz oder die erschreckten Gesichter der Jungs. Dann lässt er seinen Bizeps spielen und johlt über das Liebespaar, denn wer ein solch humoriger Charakter ist, der muss einfach zeigen, dass er es kann und brülllachend quäkt er: „NataschaundAndrésindvaaaaliebt.“ Die Klassenprinzessin rollt mit den Augen. Ihr Hofstaat tut es ihr gleich. Die Lehrerin kneift die Augen fest zusammen. Dann klingelt sein Telefon. Natürlich klingelt es nicht, sondern durch den Wagon tönt eine Polizeisirene. Er lacht wieder schallend bevor ein lautes: „Schatz!“ in den Hörer knallt. Schatz will einen neuen Grill anschaffen, aber er will nicht, dass Schatz einen Luschengrill anschafft und so wird das Thema vertagt. Er legt auf aber nicht ohne ein lautes „Weiber ey“ in die Luft zu knallen. Die Mädchen verräumen lieber schnell ihre Kuscheltiere und starren auf den Fußboden. Dann holt der Lehrer eine Trillerpfeife aus dem Army-Rucksack und pfeift aus ganzem Herzen. Der Pfiff ist so markdurchdringend, dass mir fast die schwere Tasche vom Arm rutscht, und auch das Stufenpaar entwirrt sich verschreckt. Allein die Klassenprinzessin bläst gelangweilt Kaugummiblasen in die stickige Luft. Die Lehrerin versucht sich zu erinnern, warum sie wohl Teil dieser Strafexpedition ist und dann brüllt ihr Kollege schon los: „Ansage! Essen fassen um 18 Uhr. Um 20 Uhr beginnt die Disco. „Jeder, ich betone jeder“ grölt er, „erscheint kostümiert.“ Ende der Ansage. Die Mädchen kichern aufgeregt und diskutieren Kostüme: Wonder Woman führt klar, und ist möglicherweise mit sehr viel Toilettenpapier auch zu realisieren.
Die Prinzessin und ihr Hofstaat legen die Reihenfolge der Bad- und Föhnbenutzung fest. Als was gehst du denn, fragt eine ihrer Zofen. „Sexy Lehrerin“ sagt sie und pinselt sich kirschrotes Lipgloss auf die Lippen. Der Hofstaat starrt sie neidisch an. Den Mitgliedern des Computerzirkels jedoch steht die Furcht vor dem Abend ins Gesicht geschrieben. Einzig das Liebespaar küsst sich unverdrossen weiter. Dann erreicht die Bahn den Bahnhof. „Abmarsch“ schreit der Lehrer und die Lehrerin zählt durch. Ihr Stimme ist so hart, wie ihr Gesicht müde. Dann aber pfeift der Kollege schon wieder und im untertunnelten S-Bahnhof demonstriert er den Schülern was ein Echo ist in dem er laut gröhlend plärrt: BERLIN, BERLIN, WIR FAHREN NACH BERLIN, so dass uns allen die Ohren schallen. Die Prinzessin und ihr Hofstaat ist da schon vorgelaufen, das Liebespaar stolpert eng umschlungen hinterher, die Mädchen rennen kichernd zur Tür und nur der Computerkreis schlurft langsam hinterher: „Dalli, Dalli, schreit der Lehrer.

Woanders ist es auch schön.

Diesen einen Sommer hat Madame Modeste festgehalten.

Wie es ist, wenn die Träume kühler werden und die Nächte doch recht atemlos hat Kitty Koma aufgeschrieben.

Wenn ich könnte, wie ich wollte, ich zöge sofort nach Vrochtovy Janovice und säße im Garten so als sei das jüdische Europa niemals zerbrochen wurden, aber während das nicht geht, ziehen andere auf eine Burg, haben Aussichten und fragen sich, ob sie nicht doch als bloggende Weinkönigin enden. Danke an Frau Frau Croco für den Hinweis.

Treffen sich Baldwin, Shakespeare und Franz Franz Kafka . Ich habe sehr gelacht.

Diejenigen von Ihnen, die hier schon länger aushalten, wissen das mindestens ein Viertel meines Herzens in Indien lebt. Hier ein wunderbarer Artikel über die unendlich reiche Parsi Kultur.

Zum Glück wollte noch nie jemand meinen Kaugummi weiterbenutzten. Die Katastrophenchronistin jedenfalls probiert es mit Ironie Das kann an besonders an einem Montag nur gut sein.

„Und Tierarzt was hört man so zum Wochenbeginn?“ „Unbedingt dieses Lied Mädchen.“ „So sei es Tierarzt, so sei es“

Brüchiger Boden

Zwei merkwürdige Tage, ein helles Zimmer, Berlin-Mitte und ich dort eine so Andere als ich es eigentlich bin. So lange schon habe ich die Andere in den Schrank gehängt, dort ist sie geblieben in all den Jahren seit denen mir die Worte auf die Straße fielen und der dem sie gehörten, nicht mehr kam um sie aufzuheben. Ich ließ sie liegen.
Die Zweifel immerhin in die Schuhe geschoben und versucht sie dort liegen zu lassen. Zu viel und zu schnell geredet, ich lerne das nie, die Zweifel kitzeln mich an der Fußsohle. Auf dem Weg zurück an einer obdachlosen Frau vorbei, ihr Schild dreisprachig: „I am homeless, please help.“ Das Elend hört nie auf, es lernt nur die Umstände kennen, hier sind es die Touristen mit ihren Kameras. „Epic“ ruft ein Mann in einer glänzenden Ballonjacke an dem noch das Preisschild baumelt.

Im Garten am Rande der Stadt dann im kalten Gras eine Stunde in den Himmel gesehen. Wolken gezählt, mir Apfelblüten in die Haare regnen lassen, zwei Sonnenstrahlen sahen vorbei, einem Passagierflugzeug gewunken, dem Gras beim Wachsen zugehört und die Kastanien bewundert, die eine nach der anderen beginnt zu blühen, aber trotzdem die Erde hört nicht auf sich zu drehen und ich weiß nicht genau, wo der Boden unter den Füßen eigentlich ist. Eine Amselfamilie geht im Gras spazieren, das Amselpaar sieht in mir wohl ein Beispiel der Warnung. Energisch zwitschern sie und ich verstehe wohl was sie meine: „Der Mensch dort auf dem Boden ist ein schlechtes Beispiel.“ In Amselkreisen ist Mäßigung alles, denn die nächste Katze ist niemals fern. Gern würde ich zum See fahren auf eine halbe Stunde wenigstens, aber dafür bleibt keine Zeit. Hochrapplen also und auf dem weißen Gartenstuhl sitzt meine alte Freundin Wildtaube. „Hast Du einen Rat für mich, Wildtaube?“ frage ich sie und die treue Freundin gurrt beruhigend. „Wird schon Mädchen“ gurrt sie und ich nicke ihr zu. Bis morgen, sage ich und ziehe das Gartentor hinter mir zu.

Der Tierarzt erzählt mir mit überschlagener Stimme vom klugen Kälbchen, das mit Verstand und hängender Unterlippe den Riegel vom Stall gelöst und über die Dorfstraße bis zu uns nach Haus geprescht ist und dem Tierarzt geradewegs in die Arme lief. Es ist schwer zu sagen, welcher der beiden in größere Verzückung geriet über dieses Wiedersehen. „Kälbchen kommt aufs Gymnasium“ beschließe ich und hoffe, dass der Flieder und mein geliebter Holunderbusch Kälbchens Annäherungsversuchen überstehen. Auf den Tierarzt ist dabei nicht zu zählen, denn Liebende kennen keinen Fehl und Tadel. „Komm zurück“ sagt der Tierarzt und ich nicke. Aber erst einmal muss ich weiter, die Stiefmütterchen und den Rhabarberkuchen für die liebe C. nicht vergessen, das Oldsmobile murrt etwas nach langem Winterschlaf und ist sich ohnehin zu schade für gemeine Kutschfahrten über Land und ohne Aussicht. Alle Welt aber fährt in die entgegengesetzte Richtung und noch bevor die Kirchturmuhr 16 Uhr schlägt bin ich in der kleinen Stadt angekommen.
Frau Zingarelli winkt mir freundlich zu, Herr Zingarelli ruft: „Ciao bella“ aber ich bin nicht vermessen genug, um zu glauben, er meinte wohl mich, sondern natürlich meint Herr Zingarelli das Oldsmobile. Die liebe C. und ich tauschen Küsse, Kuchen und Stiefmütterchen, sie beginnt Hausbesuche und ich sehe für einen Moment über den Marktplatz. Die bunte Markise der Eisdiele weht im Wind, zwei Buben jagen sich mit Stöcken und ein Hund hält ein Bein an eine Laterne, zwei alte Damen gehen hinüber zur Konditorei und in ihrem Gesicht steht groß: „Aber bitte mit Sahne geschrieben.“ Ein Mann mit Hut und Aktentasche stopft sich eine Pfeife und schon steigt blauer Rauch auf und der Mann geht raschen Schrittes davon. Eine Frau mit kariertem Rock und gestreifter Bluse steht vor dem Konfektionshaus, der Inhaber ein Mann, den ich nie anders als im Dreihreiher mit Uhrenkette und Einstecktuch gesehen habe, überwacht mit scharfen Handbewegungen und wild gestikulierend das Umkleiden der Schaufensterpuppen. Unbeweglich steht die Frau im Rock vor der Schaufensterscheibe, die Anziehpuppen aber bekommen weder ein kariertes Kleid noch eine gestreifte Hose angezogen, sondern gepunktete Blusen und unifarbene Röcke. Enttäuscht wendet die Frau sich ab. Ein Hochzeitspaar hält sich fest an den Händen und zeiht entschlossen Richtung Rathaus weiter. Die Frau trägt ein wallendes Brautkleid und der Mann einen Anzug der hätte eine Nummer größer sein können. „Der Cousin des Bürgermeisters“ weiß Frau Zingarelli, aber ich wende mich ab, setze mich an den Sekretär meiner Großmutter und ziehe die Lade mit den Briefen auf, denn meine Großmutter hatte eine Korrespondenzschublade und immer lag ein Brief für mich darinnen. Heute ist die Schublade bis auf ein paar vertrocknete Rosenblüten leer. Trotzdem wundere ich mich jedes Mal auf ein Neues, dass wirklich und nie wieder ein Brief von ihr an mich liegt. „Ich brauche deinen Rat“ rufe ich laut ins stille Zimmer. Aber die Standuhr, die Bücherregale und der Flügel antworten nicht. Dafür zeigt der Zeiger bedenklich auf vier Uhr. Aufstehen, umziehen, Mappe nehmen, ein Glas Wasser trinken, der lieben C. einen Zettel hinterlegen, nach dem Kugelschreiber fummeln, wo sind die weißen Pantinen? Den Schlüsselbund in die Tasche werfen, die knarrenden Treppen hinunter, Tür auf, Tür zu, über den Marktplatz laufen, dreimal winken, viermal Hallo, die Praxistür aufschließen, zwanzigmal Salam aleikum und herzlich willkommen, zwei Stunden lang Aufklärungssprechstunde, endlich wieder sicheres Fahrwasser, endlich wieder eindeutig zu beantwortende Fragen, die Wörter Funktion und ohne Fragezeichen. Aussagesätze und klar zu bennende Fakten. Bin das nicht ich? Ich nicke mir zu nach den zwei Stunden, fremder aber sieht mir mein Gesicht entgegen, zurück über den Marktplatz, am Brunnen stehen bleiben, mein Gesicht verschwimmt im dunklen Wasser. Die C. macht die Tür auf und wir wiederholen uns: Küsse und Neuigkeiten, Shabbat Shalom. Später dann, längst ist die Markise der Eisdiele eingerollt, schon liegt der Marktplatz im Dunkeln und nur der Mann mit der Pfeife geht schnellen Schrittes noch einmal vom einen zum anderen Ende der Stadt. Sonst ist da nur die Stille und ich auf der breiten Fensterbank. Noch einmal ist mir als säße hinter mir auf dem roten Sofa meine Großmutter, wie sie es so viele Jahre tat und hielte mich bei den Schultern: „Am Ende sagte mein Großmutter, galt es sich zu konzentrieren.“ Ich fragte sie nie, nicht ein einziges Mal, was das Ende war.

Warum hast du mich verlassen?

Am Freitag Morgen sitze ich früh in der S-Bahn. In der Tasche, die Wohnungsschlüssel der F., deren Wohnung ich hüte, weilt sie doch über die Ostertage im Allgäu. Der Tierarzt zudem sitzt schon im Flugzeug und natürlich soll der Tierarzt abgeholt werden. Auf meinen Knien liegt Karl-Heinz Bohrers neues Buch , es geht vordergründig um die Phantasie, und sehr offensichtlich um Karl-Heinz Bohrer. In Steglitz steigt ein Pärchen zu. Eine junge Frau in einem Paillettenoverall und hohen weißen Schuhen mit dicken Plateausohlen. Eine falsche und dicke Goldkette um den Hals, lange blondgefärbte Haare, ein verwischtes Pink auf den Lippen, Tigerstreifen auf den Plastik-Nägeln, die nicht mehr vollständig sind. Ihr Telefon hat sie in den BH gesteckt, mehr trägt sie nicht unter dem glitzernden Overall, dabei ist so eine April-Nacht doch recht kühl. Süßes Parfüm und schaler Geruch von Alkohol wehen von ihr herüber. Ihr Freund, der seine Hand abwesend auf ihrem Oberschenkel reibt, hat sorgfältig zerrissene Jeans-Hosen an und ein dickes silbernes Kreuz baumelt zwischen dem weit geöffneten Hemd umher. Mit der anderen Hand aber tippt er hektisch auf sein Telefon und auch er verströmt den Geruch von billigem Schnaps und schwerem Parfum. Aber so genau, sehe ich nicht zu dem Pärchen herüber, denn Karl-Heinz Bohrer schreibt gerade über die Enttäuschung, die er angesichts des morgendlichen Zustandes seiner Geliebten empfindet. Er selbst so scheint es, hat sich im Spiegel nie mit den gleichen Augen gesehen, wie er die verquollenen Frauen mustert, denen er dann doch ein Frühstück macht. Für einen Moment überlege ich, ob ich amüsiert oder nur gelangweilt bin von der ästhetisch- beglaubigten Manieriertheit oder einfach nur gelangweilt. Vielleicht beides zugleich, aber dann beugt die junge Frau sich vor, hält sich die Hand vor den Mund und ich glaube erst, sie wolle nur einmal ein herzhaft gähnen, denn dass sie keinen Schlaf bekommen hat, das hätte Karl-Heinz Bohrer gleich gewusst und sofort die richtigen Schlüsse gezogen. Ich bin etwas langsamer und als ich wieder aufsehe, gähnt die junge Frau nicht, sondern erbricht sich in die geöffnete Hand. Ihr Freund, eben noch so begierig ihren Oberschenkel betastend, zieht seine Hand mit einem Ausdruck des Ekels fort, dann steht er wortlos auf uns setzt sich zwei Sitzreihen weiter weg von ihr wieder hin. Noch einmal sieht er flüchtig zu ihr herüber, nicht mehr interessiert als ein zufällig anwesender Fremder. Schon hat er sein Telefon wieder hervorgezogen und tippt hektisch in die Tastatur. Die junge Frau wimmert. Eine Hand wischt sie an ihrem Paillettenoverall ab, die andere Hand hält sie sich weiter vor den Mund und erbricht und erbricht und erbricht sich. Ich lege das Buch aus der Hand und krame in der Tasche nach Taschentüchern. Endlich finde ich eine Packung Tempos und endlich erinnere ich mich der FAZ von Donnerstag in meiner Zeitung und aus Rücksicht auf Karl-Heinz Bohrer falte ich hektisch aus dem Wirtschaftsteil und nicht aus dem Feuilleton eine Speitüte, denn der jungen Frau läuft das Erbrochene von den Händen in die Haare, tropft in ihr Dekolleté, rinnt ihr über die nur spärlich bedeckten Beine bis zu den offenen Schuhen. Mit einem Taschentuch halte ich der wimmernden Frau die Haare aus dem Gesicht, und sie speit würgend in die behelfsmäßige Tüte. Zwei Frauen ziehen ihre Kinder an uns vorbei. „Solche Schlampen“, rufen sie und schütteln den Kopf. Eine Musikantengruppe zieht durch den Wagen, einen Lautsprecher haben sie auf einem Handkarren montiert und so schallt: „Yellow Submarine“ unterlegt mit Mundharmonika durch die S-Bahn. Auch Sie bleiben stehen und starren auf die Frau, die sich weiter würgend übergibt. Ich falte eine zweite Tüte aus dem Politikteil. Am lautesten aber, lauter selbst als die sich langsam entfernenden Musikanten, hört man den jungen Mann, der doch vor zehn Minuten noch so begierig seine Hände in ihre Seite schob. Er schreit nun lauthals in sein Telefon: „Hey Alta, das glaubst du nicht, hier in der Bahn, is so ne Schlampe, die kotzt vor allen Leuten. Ey, voll peinlich, aber echt ey. Voll abgefuckt, die Alte. Der Freund am Telefon lacht. Beide, der junge Mann und sein Gesprächspartner stimmen ein ohrenbetäubendes Gelächter an, wiehern kreischend über die sich erbrechende Frau, die dem Mann doch keine Fremde war, sondern wohl auch Geliebte. Aber das ist schon vergessen, ausgelöscht schon die letzte Nacht, der Mann findet er hätte sich ein Foto verdient,aber da stehe auch ich, mit der zweiten Speitüte, den Taschentüchern und der Hand auf dem Rücken der Frau. „Lassen Sie das“, sage ich nur mühsam noch beherrscht. Er, schwankt weiter, am nächsten Halt verlässt er die S-Bahn und noch bevor die S-Bahn wieder anfährt, beugt er sich auf dem Bahnsteig über einen Papierkorb und übergibt sich wie die Frau, die einmal seine Freundin war. Sie aber sieht es nicht, sieht nur die Papiertüte vor sich, und die fremde Frau, die ich bin, mit den Taschentüchern zwischen Kinn und Wange. Ein Obdachloser schließlich versucht Zeitungen zu verkaufen. Ich kaufe ihm für 1, 50 Euro eine Plastiktüte ab. „ Ick würd dir helfen“, sagt er, aber ick bin gerade echt nicht jut bei Kasse.“ Ich nicke und werfe die beiden provisorischen Speitüten in die Plastiktüte, schon muss ich aussteigen, für fünf weitere Euro erklärt sich der obdachlose Mann bereit, mir zu helfen, die Frau aus dem Zug zu bugsieren, denn noch immer würgt und spuckt sie in die Plastiktüte. Auf drei also hieven wir die Frau nach draußen. Sie sieht uns an, unsere fremden Gesichter sagen ihr nichts und sie schreit nach ihrem Freund, der schon längst verschwunden ist. Wir schleppen die Frau, die Treppen hinunter zur Bahnhofsmission. Die Leute auf dem Bahnsteig starren uns an. Ich zähle die Stufen. Der obdachlose Mann- ick bin der Pico- sagt der Frau wieder und wieder, dass alles gut würde. Die Frau wimmert und ihre Beine geben nach. Die Bahnhofsmission will sich kümmern. Ich entsorge die Plastiktüte und gebe Pico 5 Euro. „Icke helfe echt jerne“, sagt er, „aber dit Leben is echt ne teure Tüte.“ Ich nicke und bedanke mich. „Sie sind ein echter Held Pico“, sage ich und meine das so. Ich muss mich beeilen, Blumen gießen und den Tierarzt nicht warten lassen. Noch einmal sehe ich nach der Frau, sie versucht sich mühsam aufzurichten und schreit markerschütternd: „Warum hast du mich verlassen?“

Ich gieße die Blumen und wasche mir lange die Hände, gerade noch rechtzeitig treffe ich auf dem Flughafen ein. „Mädchen, sagt der Tierarzt, du bist ganz blass und kalte Hände hast du auch. Ich lächle dem Tierarzt zu. Später am Nachmittag sehen wir in den Regen hinaus, auf dem Plattenspieler Felix Mendelssohn-Bartholdy. Mein G*tt warum hast du mich verlassen? Aber über den Chor hinweg, höre ich allein die junge Frau wimmernd schreien. Dann schließe ich für einen Moment die Augen. Meine Zunge klebt am Gaumen.

Sonntag

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Schwimmen im ersten Tageslicht. Das Wasser schwer und von dunklem Grün. Ich schwimme langsam und vorsichtig, dicht an der Wasseroberfläche. Noch gehört der See dem Nöck und seinem Hofstaat und er liebt keine Störung dort unten tief auf dem Grund. Mir ist als hörte ich von fern eine Bach Sonate und spielt dort nicht eine helle Violine. Mag sein, dass der Nöck sich vorspielen lässt, früh am Sonntag Morgen. Mag sein irgendwo am Ufer ist ein Fenster offen und ein Mann steht rauchend am Fenster und auf dem Plattenspieler liegt Bach. Aber weder den Nöck noch den Mann am offenen Fenster habe ich gesehen und vielleicht ist es auch nur die Kälte, die Bach in meine Ohren lockt. Zurück durch den schlafenden Ort, zweimal links, die lange Straße hinunter, Kopfsteinpflaster und mir klappern die Zähne. Erst zurück Zuhaus aber wird mir richtig kalt. Die Kälte beißt sich fest an meinen Knochen, auch nach dem warmen Bad habe ich blaue Lippen. Den Tisch decken. Teller und Tasse. Der ehemalige geschätzte Gefährte sagt: Gleich fahre ich los aus der Klinik. Ich wärme das Ei und mir die Hände an der Tasse. Das Ei wird kalt und dann auch die Tasse. Hinunter in den Garten die letzten Zweige des Kirschbaums verschnittten, dann in die dichte Brombeerhecke gestiegen, die sich wehrt gegen die Schere, voller Empörung schmettert sie mir die Dornenzweige ins Gesicht. Die Brombeerranken auf den Kompost tragen, die Kirschzweige aber zu zwei großen Bündeln schnüren. Es schlägt elf. Die Kirchgänger hinaus in die Sonne, Glockengeläut, eine Katze sonnt sich auf dem Pfeiler. Ich decke den Tisch wieder ab. Ein zweites Ei, gewärmtes Brot, Käse und Joghurt, eine Thermosflasche mit Kaffee befüllt, die Kirschbaumzweige auf den Gepäckträger geklemmt und in die Klinik gefahren. Für F. sage ich den Schwestern und angle einen halben Apfelkuchen für die Station aus dem Korb. Der F. taumelt mir gespenstergleich entgegen. Für zehn Minuten sitzen wir auf einer Bank im Klinikgarten. Raucher rauchen im Bademantel, der F. schlingt ein halbes Brot und dann geht sein Pieper. Die Raucher stehen verschworen im Kreis. Ich fahre weiter in das Altenheim. Dort wohnt der Gartenbesitzer, der mir den Gartenschlüssel anvertraute mit seiner Frau. Seit einem halben Jahr erkennt er mich nicht mehr. Aber die Kirschblütenzweige für die seine Frau eine Vase holt, die hat er nicht vergessen. Er erzählt über den ersten Kirschbaum im Garten, gepflanzt zu einer Zeit in der niemand mehr Obstbäume pflanzte, sondern nur noch Eiben, Koniferen und Rhodendron. Aber dann vergisst der Nachbar auch den Garten und erzählt von Stalingrad und den Spuren der Gefangenen die sich in der unendlichen Leere Sibiriens bald verloren. Er zählt ihre Namen auf, wie ein Schiffbrüchiger der als einziger wohl das Rettungsbot erreicht. Kameraden sagt er mit leerem Blick, mir aber die ich den Blick fest auf die Kirschzweigknospen gerichtet halte, sind die Erinnerungen ein Splitter im Nacken. Unsere Erinnerungen sind zu weit voneinander entfernt. Unter dem Gras liegen keine Blumen, sagte meine Großmutter damals als wir auf einer Wiese standen in einem Land, das heute Weißrussland heißt. Ich bleibe stumm und der Gartenschlüssel wiegt schwer in der Rocktasche. Dann kehrt der Nachbar in den Garten zurück und sagt ich solle mich vorsehen vor den launischen Brombeeren. Aus einer der vielen Altenheimtüren singt Edith Piaf: „Je ne regrette rien.“
Ich sage es ihm zu. Dann zurück, Sonnenschein vor mir auf der gepflasterten Straße und auch im Gesicht. Vor dem Gartentor, unter der Linde hat jemand die Krokusse die ich dort Jahr für Jahr stecke, geköpft, schon am Freitag hatte ich die ersten Blüten aufgelesen.
Zertreten liegen nun alle blauen und gelben Köpfe auf der Erde. Der Jemand ist ein vielleicht vier Jahre alter Bub, der gerade mit einem Stecken die Osterglocken des Nachbarn zur Rechten mit heftigen Hieben abzuschlagen beginnt. Der Nachbar spricht Mutter und Kind an. Die Mutter wie das Kind trotzig: „Er muss seinen Entdeckerdrang ausleben.“ Ich habe noch immer nicht verstanden, warum sich Entdeckerlust nur als Zerstörungswut ausleben lässt. Der Nachbar nimmt dem Kind den Stock aus der Hand und bricht ihn entzwei, denn die Mutter macht keine Anstalten ihrem Bub zu erklären, dass zertrampelte Blumen keineswegs für alle Menschen ein Grund zur Freunde sind. Das Kind heult und seine Mutter zieht es weg während sie auf den Nachbarn schimpft. Der Nachbar hält die Hände vor die Augen. Ich kehre die Krokusblüten zusammen und der Nachbar liest mit den Händen, die abgeschlagenen Osterglockenköpfe auf. Dieses Jahr blühen keine Krokanten mehr unter der Linde, vor dem Gartentor.