Brüchiger Boden

Zwei merkwürdige Tage, ein helles Zimmer, Berlin-Mitte und ich dort eine so Andere als ich es eigentlich bin. So lange schon habe ich die Andere in den Schrank gehängt, dort ist sie geblieben in all den Jahren seit denen mir die Worte auf die Straße fielen und der dem sie gehörten, nicht mehr kam um sie aufzuheben. Ich ließ sie liegen.
Die Zweifel immerhin in die Schuhe geschoben und versucht sie dort liegen zu lassen. Zu viel und zu schnell geredet, ich lerne das nie, die Zweifel kitzeln mich an der Fußsohle. Auf dem Weg zurück an einer obdachlosen Frau vorbei, ihr Schild dreisprachig: „I am homeless, please help.“ Das Elend hört nie auf, es lernt nur die Umstände kennen, hier sind es die Touristen mit ihren Kameras. „Epic“ ruft ein Mann in einer glänzenden Ballonjacke an dem noch das Preisschild baumelt.

Im Garten am Rande der Stadt dann im kalten Gras eine Stunde in den Himmel gesehen. Wolken gezählt, mir Apfelblüten in die Haare regnen lassen, zwei Sonnenstrahlen sahen vorbei, einem Passagierflugzeug gewunken, dem Gras beim Wachsen zugehört und die Kastanien bewundert, die eine nach der anderen beginnt zu blühen, aber trotzdem die Erde hört nicht auf sich zu drehen und ich weiß nicht genau, wo der Boden unter den Füßen eigentlich ist. Eine Amselfamilie geht im Gras spazieren, das Amselpaar sieht in mir wohl ein Beispiel der Warnung. Energisch zwitschern sie und ich verstehe wohl was sie meine: „Der Mensch dort auf dem Boden ist ein schlechtes Beispiel.“ In Amselkreisen ist Mäßigung alles, denn die nächste Katze ist niemals fern. Gern würde ich zum See fahren auf eine halbe Stunde wenigstens, aber dafür bleibt keine Zeit. Hochrapplen also und auf dem weißen Gartenstuhl sitzt meine alte Freundin Wildtaube. „Hast Du einen Rat für mich, Wildtaube?“ frage ich sie und die treue Freundin gurrt beruhigend. „Wird schon Mädchen“ gurrt sie und ich nicke ihr zu. Bis morgen, sage ich und ziehe das Gartentor hinter mir zu.

Der Tierarzt erzählt mir mit überschlagener Stimme vom klugen Kälbchen, das mit Verstand und hängender Unterlippe den Riegel vom Stall gelöst und über die Dorfstraße bis zu uns nach Haus geprescht ist und dem Tierarzt geradewegs in die Arme lief. Es ist schwer zu sagen, welcher der beiden in größere Verzückung geriet über dieses Wiedersehen. „Kälbchen kommt aufs Gymnasium“ beschließe ich und hoffe, dass der Flieder und mein geliebter Holunderbusch Kälbchens Annäherungsversuchen überstehen. Auf den Tierarzt ist dabei nicht zu zählen, denn Liebende kennen keinen Fehl und Tadel. „Komm zurück“ sagt der Tierarzt und ich nicke. Aber erst einmal muss ich weiter, die Stiefmütterchen und den Rhabarberkuchen für die liebe C. nicht vergessen, das Oldsmobile murrt etwas nach langem Winterschlaf und ist sich ohnehin zu schade für gemeine Kutschfahrten über Land und ohne Aussicht. Alle Welt aber fährt in die entgegengesetzte Richtung und noch bevor die Kirchturmuhr 16 Uhr schlägt bin ich in der kleinen Stadt angekommen.
Frau Zingarelli winkt mir freundlich zu, Herr Zingarelli ruft: „Ciao bella“ aber ich bin nicht vermessen genug, um zu glauben, er meinte wohl mich, sondern natürlich meint Herr Zingarelli das Oldsmobile. Die liebe C. und ich tauschen Küsse, Kuchen und Stiefmütterchen, sie beginnt Hausbesuche und ich sehe für einen Moment über den Marktplatz. Die bunte Markise der Eisdiele weht im Wind, zwei Buben jagen sich mit Stöcken und ein Hund hält ein Bein an eine Laterne, zwei alte Damen gehen hinüber zur Konditorei und in ihrem Gesicht steht groß: „Aber bitte mit Sahne geschrieben.“ Ein Mann mit Hut und Aktentasche stopft sich eine Pfeife und schon steigt blauer Rauch auf und der Mann geht raschen Schrittes davon. Eine Frau mit kariertem Rock und gestreifter Bluse steht vor dem Konfektionshaus, der Inhaber ein Mann, den ich nie anders als im Dreihreiher mit Uhrenkette und Einstecktuch gesehen habe, überwacht mit scharfen Handbewegungen und wild gestikulierend das Umkleiden der Schaufensterpuppen. Unbeweglich steht die Frau im Rock vor der Schaufensterscheibe, die Anziehpuppen aber bekommen weder ein kariertes Kleid noch eine gestreifte Hose angezogen, sondern gepunktete Blusen und unifarbene Röcke. Enttäuscht wendet die Frau sich ab. Ein Hochzeitspaar hält sich fest an den Händen und zeiht entschlossen Richtung Rathaus weiter. Die Frau trägt ein wallendes Brautkleid und der Mann einen Anzug der hätte eine Nummer größer sein können. „Der Cousin des Bürgermeisters“ weiß Frau Zingarelli, aber ich wende mich ab, setze mich an den Sekretär meiner Großmutter und ziehe die Lade mit den Briefen auf, denn meine Großmutter hatte eine Korrespondenzschublade und immer lag ein Brief für mich darinnen. Heute ist die Schublade bis auf ein paar vertrocknete Rosenblüten leer. Trotzdem wundere ich mich jedes Mal auf ein Neues, dass wirklich und nie wieder ein Brief von ihr an mich liegt. „Ich brauche deinen Rat“ rufe ich laut ins stille Zimmer. Aber die Standuhr, die Bücherregale und der Flügel antworten nicht. Dafür zeigt der Zeiger bedenklich auf vier Uhr. Aufstehen, umziehen, Mappe nehmen, ein Glas Wasser trinken, der lieben C. einen Zettel hinterlegen, nach dem Kugelschreiber fummeln, wo sind die weißen Pantinen? Den Schlüsselbund in die Tasche werfen, die knarrenden Treppen hinunter, Tür auf, Tür zu, über den Marktplatz laufen, dreimal winken, viermal Hallo, die Praxistür aufschließen, zwanzigmal Salam aleikum und herzlich willkommen, zwei Stunden lang Aufklärungssprechstunde, endlich wieder sicheres Fahrwasser, endlich wieder eindeutig zu beantwortende Fragen, die Wörter Funktion und ohne Fragezeichen. Aussagesätze und klar zu bennende Fakten. Bin das nicht ich? Ich nicke mir zu nach den zwei Stunden, fremder aber sieht mir mein Gesicht entgegen, zurück über den Marktplatz, am Brunnen stehen bleiben, mein Gesicht verschwimmt im dunklen Wasser. Die C. macht die Tür auf und wir wiederholen uns: Küsse und Neuigkeiten, Shabbat Shalom. Später dann, längst ist die Markise der Eisdiele eingerollt, schon liegt der Marktplatz im Dunkeln und nur der Mann mit der Pfeife geht schnellen Schrittes noch einmal vom einen zum anderen Ende der Stadt. Sonst ist da nur die Stille und ich auf der breiten Fensterbank. Noch einmal ist mir als säße hinter mir auf dem roten Sofa meine Großmutter, wie sie es so viele Jahre tat und hielte mich bei den Schultern: „Am Ende sagte mein Großmutter, galt es sich zu konzentrieren.“ Ich fragte sie nie, nicht ein einziges Mal, was das Ende war.

Warum hast du mich verlassen?

Am Freitag Morgen sitze ich früh in der S-Bahn. In der Tasche, die Wohnungsschlüssel der F., deren Wohnung ich hüte, weilt sie doch über die Ostertage im Allgäu. Der Tierarzt zudem sitzt schon im Flugzeug und natürlich soll der Tierarzt abgeholt werden. Auf meinen Knien liegt Karl-Heinz Bohrers neues Buch , es geht vordergründig um die Phantasie, und sehr offensichtlich um Karl-Heinz Bohrer. In Steglitz steigt ein Pärchen zu. Eine junge Frau in einem Paillettenoverall und hohen weißen Schuhen mit dicken Plateausohlen. Eine falsche und dicke Goldkette um den Hals, lange blondgefärbte Haare, ein verwischtes Pink auf den Lippen, Tigerstreifen auf den Plastik-Nägeln, die nicht mehr vollständig sind. Ihr Telefon hat sie in den BH gesteckt, mehr trägt sie nicht unter dem glitzernden Overall, dabei ist so eine April-Nacht doch recht kühl. Süßes Parfüm und schaler Geruch von Alkohol wehen von ihr herüber. Ihr Freund, der seine Hand abwesend auf ihrem Oberschenkel reibt, hat sorgfältig zerrissene Jeans-Hosen an und ein dickes silbernes Kreuz baumelt zwischen dem weit geöffneten Hemd umher. Mit der anderen Hand aber tippt er hektisch auf sein Telefon und auch er verströmt den Geruch von billigem Schnaps und schwerem Parfum. Aber so genau, sehe ich nicht zu dem Pärchen herüber, denn Karl-Heinz Bohrer schreibt gerade über die Enttäuschung, die er angesichts des morgendlichen Zustandes seiner Geliebten empfindet. Er selbst so scheint es, hat sich im Spiegel nie mit den gleichen Augen gesehen, wie er die verquollenen Frauen mustert, denen er dann doch ein Frühstück macht. Für einen Moment überlege ich, ob ich amüsiert oder nur gelangweilt bin von der ästhetisch- beglaubigten Manieriertheit oder einfach nur gelangweilt. Vielleicht beides zugleich, aber dann beugt die junge Frau sich vor, hält sich die Hand vor den Mund und ich glaube erst, sie wolle nur einmal ein herzhaft gähnen, denn dass sie keinen Schlaf bekommen hat, das hätte Karl-Heinz Bohrer gleich gewusst und sofort die richtigen Schlüsse gezogen. Ich bin etwas langsamer und als ich wieder aufsehe, gähnt die junge Frau nicht, sondern erbricht sich in die geöffnete Hand. Ihr Freund, eben noch so begierig ihren Oberschenkel betastend, zieht seine Hand mit einem Ausdruck des Ekels fort, dann steht er wortlos auf uns setzt sich zwei Sitzreihen weiter weg von ihr wieder hin. Noch einmal sieht er flüchtig zu ihr herüber, nicht mehr interessiert als ein zufällig anwesender Fremder. Schon hat er sein Telefon wieder hervorgezogen und tippt hektisch in die Tastatur. Die junge Frau wimmert. Eine Hand wischt sie an ihrem Paillettenoverall ab, die andere Hand hält sie sich weiter vor den Mund und erbricht und erbricht und erbricht sich. Ich lege das Buch aus der Hand und krame in der Tasche nach Taschentüchern. Endlich finde ich eine Packung Tempos und endlich erinnere ich mich der FAZ von Donnerstag in meiner Zeitung und aus Rücksicht auf Karl-Heinz Bohrer falte ich hektisch aus dem Wirtschaftsteil und nicht aus dem Feuilleton eine Speitüte, denn der jungen Frau läuft das Erbrochene von den Händen in die Haare, tropft in ihr Dekolleté, rinnt ihr über die nur spärlich bedeckten Beine bis zu den offenen Schuhen. Mit einem Taschentuch halte ich der wimmernden Frau die Haare aus dem Gesicht, und sie speit würgend in die behelfsmäßige Tüte. Zwei Frauen ziehen ihre Kinder an uns vorbei. „Solche Schlampen“, rufen sie und schütteln den Kopf. Eine Musikantengruppe zieht durch den Wagen, einen Lautsprecher haben sie auf einem Handkarren montiert und so schallt: „Yellow Submarine“ unterlegt mit Mundharmonika durch die S-Bahn. Auch Sie bleiben stehen und starren auf die Frau, die sich weiter würgend übergibt. Ich falte eine zweite Tüte aus dem Politikteil. Am lautesten aber, lauter selbst als die sich langsam entfernenden Musikanten, hört man den jungen Mann, der doch vor zehn Minuten noch so begierig seine Hände in ihre Seite schob. Er schreit nun lauthals in sein Telefon: „Hey Alta, das glaubst du nicht, hier in der Bahn, is so ne Schlampe, die kotzt vor allen Leuten. Ey, voll peinlich, aber echt ey. Voll abgefuckt, die Alte. Der Freund am Telefon lacht. Beide, der junge Mann und sein Gesprächspartner stimmen ein ohrenbetäubendes Gelächter an, wiehern kreischend über die sich erbrechende Frau, die dem Mann doch keine Fremde war, sondern wohl auch Geliebte. Aber das ist schon vergessen, ausgelöscht schon die letzte Nacht, der Mann findet er hätte sich ein Foto verdient,aber da stehe auch ich, mit der zweiten Speitüte, den Taschentüchern und der Hand auf dem Rücken der Frau. „Lassen Sie das“, sage ich nur mühsam noch beherrscht. Er, schwankt weiter, am nächsten Halt verlässt er die S-Bahn und noch bevor die S-Bahn wieder anfährt, beugt er sich auf dem Bahnsteig über einen Papierkorb und übergibt sich wie die Frau, die einmal seine Freundin war. Sie aber sieht es nicht, sieht nur die Papiertüte vor sich, und die fremde Frau, die ich bin, mit den Taschentüchern zwischen Kinn und Wange. Ein Obdachloser schließlich versucht Zeitungen zu verkaufen. Ich kaufe ihm für 1, 50 Euro eine Plastiktüte ab. „ Ick würd dir helfen“, sagt er, aber ick bin gerade echt nicht jut bei Kasse.“ Ich nicke und werfe die beiden provisorischen Speitüten in die Plastiktüte, schon muss ich aussteigen, für fünf weitere Euro erklärt sich der obdachlose Mann bereit, mir zu helfen, die Frau aus dem Zug zu bugsieren, denn noch immer würgt und spuckt sie in die Plastiktüte. Auf drei also hieven wir die Frau nach draußen. Sie sieht uns an, unsere fremden Gesichter sagen ihr nichts und sie schreit nach ihrem Freund, der schon längst verschwunden ist. Wir schleppen die Frau, die Treppen hinunter zur Bahnhofsmission. Die Leute auf dem Bahnsteig starren uns an. Ich zähle die Stufen. Der obdachlose Mann- ick bin der Pico- sagt der Frau wieder und wieder, dass alles gut würde. Die Frau wimmert und ihre Beine geben nach. Die Bahnhofsmission will sich kümmern. Ich entsorge die Plastiktüte und gebe Pico 5 Euro. „Icke helfe echt jerne“, sagt er, „aber dit Leben is echt ne teure Tüte.“ Ich nicke und bedanke mich. „Sie sind ein echter Held Pico“, sage ich und meine das so. Ich muss mich beeilen, Blumen gießen und den Tierarzt nicht warten lassen. Noch einmal sehe ich nach der Frau, sie versucht sich mühsam aufzurichten und schreit markerschütternd: „Warum hast du mich verlassen?“

Ich gieße die Blumen und wasche mir lange die Hände, gerade noch rechtzeitig treffe ich auf dem Flughafen ein. „Mädchen, sagt der Tierarzt, du bist ganz blass und kalte Hände hast du auch. Ich lächle dem Tierarzt zu. Später am Nachmittag sehen wir in den Regen hinaus, auf dem Plattenspieler Felix Mendelssohn-Bartholdy. Mein G*tt warum hast du mich verlassen? Aber über den Chor hinweg, höre ich allein die junge Frau wimmernd schreien. Dann schließe ich für einen Moment die Augen. Meine Zunge klebt am Gaumen.

Sonntag

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Schwimmen im ersten Tageslicht. Das Wasser schwer und von dunklem Grün. Ich schwimme langsam und vorsichtig, dicht an der Wasseroberfläche. Noch gehört der See dem Nöck und seinem Hofstaat und er liebt keine Störung dort unten tief auf dem Grund. Mir ist als hörte ich von fern eine Bach Sonate und spielt dort nicht eine helle Violine. Mag sein, dass der Nöck sich vorspielen lässt, früh am Sonntag Morgen. Mag sein irgendwo am Ufer ist ein Fenster offen und ein Mann steht rauchend am Fenster und auf dem Plattenspieler liegt Bach. Aber weder den Nöck noch den Mann am offenen Fenster habe ich gesehen und vielleicht ist es auch nur die Kälte, die Bach in meine Ohren lockt. Zurück durch den schlafenden Ort, zweimal links, die lange Straße hinunter, Kopfsteinpflaster und mir klappern die Zähne. Erst zurück Zuhaus aber wird mir richtig kalt. Die Kälte beißt sich fest an meinen Knochen, auch nach dem warmen Bad habe ich blaue Lippen. Den Tisch decken. Teller und Tasse. Der ehemalige geschätzte Gefährte sagt: Gleich fahre ich los aus der Klinik. Ich wärme das Ei und mir die Hände an der Tasse. Das Ei wird kalt und dann auch die Tasse. Hinunter in den Garten die letzten Zweige des Kirschbaums verschnittten, dann in die dichte Brombeerhecke gestiegen, die sich wehrt gegen die Schere, voller Empörung schmettert sie mir die Dornenzweige ins Gesicht. Die Brombeerranken auf den Kompost tragen, die Kirschzweige aber zu zwei großen Bündeln schnüren. Es schlägt elf. Die Kirchgänger hinaus in die Sonne, Glockengeläut, eine Katze sonnt sich auf dem Pfeiler. Ich decke den Tisch wieder ab. Ein zweites Ei, gewärmtes Brot, Käse und Joghurt, eine Thermosflasche mit Kaffee befüllt, die Kirschbaumzweige auf den Gepäckträger geklemmt und in die Klinik gefahren. Für F. sage ich den Schwestern und angle einen halben Apfelkuchen für die Station aus dem Korb. Der F. taumelt mir gespenstergleich entgegen. Für zehn Minuten sitzen wir auf einer Bank im Klinikgarten. Raucher rauchen im Bademantel, der F. schlingt ein halbes Brot und dann geht sein Pieper. Die Raucher stehen verschworen im Kreis. Ich fahre weiter in das Altenheim. Dort wohnt der Gartenbesitzer, der mir den Gartenschlüssel anvertraute mit seiner Frau. Seit einem halben Jahr erkennt er mich nicht mehr. Aber die Kirschblütenzweige für die seine Frau eine Vase holt, die hat er nicht vergessen. Er erzählt über den ersten Kirschbaum im Garten, gepflanzt zu einer Zeit in der niemand mehr Obstbäume pflanzte, sondern nur noch Eiben, Koniferen und Rhodendron. Aber dann vergisst der Nachbar auch den Garten und erzählt von Stalingrad und den Spuren der Gefangenen die sich in der unendlichen Leere Sibiriens bald verloren. Er zählt ihre Namen auf, wie ein Schiffbrüchiger der als einziger wohl das Rettungsbot erreicht. Kameraden sagt er mit leerem Blick, mir aber die ich den Blick fest auf die Kirschzweigknospen gerichtet halte, sind die Erinnerungen ein Splitter im Nacken. Unsere Erinnerungen sind zu weit voneinander entfernt. Unter dem Gras liegen keine Blumen, sagte meine Großmutter damals als wir auf einer Wiese standen in einem Land, das heute Weißrussland heißt. Ich bleibe stumm und der Gartenschlüssel wiegt schwer in der Rocktasche. Dann kehrt der Nachbar in den Garten zurück und sagt ich solle mich vorsehen vor den launischen Brombeeren. Aus einer der vielen Altenheimtüren singt Edith Piaf: „Je ne regrette rien.“
Ich sage es ihm zu. Dann zurück, Sonnenschein vor mir auf der gepflasterten Straße und auch im Gesicht. Vor dem Gartentor, unter der Linde hat jemand die Krokusse die ich dort Jahr für Jahr stecke, geköpft, schon am Freitag hatte ich die ersten Blüten aufgelesen.
Zertreten liegen nun alle blauen und gelben Köpfe auf der Erde. Der Jemand ist ein vielleicht vier Jahre alter Bub, der gerade mit einem Stecken die Osterglocken des Nachbarn zur Rechten mit heftigen Hieben abzuschlagen beginnt. Der Nachbar spricht Mutter und Kind an. Die Mutter wie das Kind trotzig: „Er muss seinen Entdeckerdrang ausleben.“ Ich habe noch immer nicht verstanden, warum sich Entdeckerlust nur als Zerstörungswut ausleben lässt. Der Nachbar nimmt dem Kind den Stock aus der Hand und bricht ihn entzwei, denn die Mutter macht keine Anstalten ihrem Bub zu erklären, dass zertrampelte Blumen keineswegs für alle Menschen ein Grund zur Freunde sind. Das Kind heult und seine Mutter zieht es weg während sie auf den Nachbarn schimpft. Der Nachbar hält die Hände vor die Augen. Ich kehre die Krokusblüten zusammen und der Nachbar liest mit den Händen, die abgeschlagenen Osterglockenköpfe auf. Dieses Jahr blühen keine Krokanten mehr unter der Linde, vor dem Gartentor.

Regenguss

Schon auf dem Weg zum Bahnhof früh am Morgen werde ich nass. In Irland heißt das immer: nass bis auf die Knochen. Das Wasser tropft mir aus den Ohren, läuft aus den Schuhen und ich ähnle noch weniger als sonst einem respektablen Fräulein, sondern sehe aus wie eine ägyptische Tempelkatze nach dem rituellen Bade durch den Kämmerer des Pharaos selbst. Verkniffen spreche ich mir Trost zu: Immerhin hängt im Büro eine Zweitgarnitur. Im Büro angekommen trockne ich die Barbourjacke auf der Heizung und winde mich aus den durchweichten Sachen. Halbwegs trocken muss ich schon wieder los, denn ich treffe den Tierarzt, der jeden Donnerstag im Zoo den Blutdruck der Affen misst, sich um das asthmatische Zebra bemüht und nach der wunden Pfote des Wolfes sieht. Jeden Donnerstag hoffe ich indes, dass der Löwe doch bitte kein Zahnweh bekommen mag. Aber der Tierarzt und ich verabreden uns eben auch auf halber Strecke auf eine Stunde Gemeinsamkeit. Heute zudem bringt der Tierarzt mir einen Stapel Akten mit, denn am späten Nachmittag habe ich einen Termin in München. Erst einmal und wie könnte es auch anders sein, werde ich auf dem Weg zum Tierarzt nass. Die Regenwolken glaube ich haben sich gegen mich verschworen, kaum das sie sehen, dass ich das Büro verlasse, pfeifen sie sich schrill „Auf Drei“ zu und schon ergießt sich eine ganze Regenwand über mich. Die Regenwolken lachen laut und ich stapfe finster dem Tierarzt entgegen, der Regen läuft mir aus den Wechselschuhen. Mit klappernden Zähnen warte ich auf den Tierarzt, schon quietschen die Reifen des treuen Volvos und der Tierarzt betritt das Café: „Mädchen, Du frierst ja“, sagt er und schüttelt den Kopf und“ nass bist du auch.“ Ich klappere mit den Zähnen wie der Schneider sieben und der Tierarzt deutet auf seinen Wetterfleck. Der Wetterfleck des Tierarztes nämlich ist kein Regenmantel im eigentlichen Sinne, sondern ein als Mantel daherkommendes Zelt und schon sehr, sehr alt, hundertfach geflickt und mit breitem Kragen, 2 Meter hoch ist der Tierarzt und oh wie klein bin ich. Trotzdem mit blauen Lippen bibbere ich: Ja. Der Tierarzt entleert seinen Manteltascheninhalt in meine Barbourjacke und ich wickle mich in den Wetterfleck. Besser der Wetterfleck wickelt sich um mich bis nur noch meine Nasenspitze aus dem Mantelzelt hervorragt. Aber warm, oh wie warm ist der Wetterfleck, eine Kuhwärme hat der Wetterfleck an sich, denn ich weiß nicht wie viele Kälbchen und Lämmchen der Tierarzt schon in diesem Mantel erst auf die Welt gebracht und dann warm gehalten hat. So ausgerüstet, nebst dem alten braunen luggage holdall voller Akten also rase ich zum Flughafen. Unnütz zu Erwähnen, dass ich ein drittes Mal nass werde und wieder läuft mir das Wasser am Mantelsaum herab, meine Haare aber sind schon seit 11 Uhr ein nasser Klumpen der mir am Kopf klebt. Ich sehe inzwischen nicht mehr aus wie eine halbertrunkene Tempelkatze, sondern wie eine sehr, sehr nasse Mary Poppins.
Im Flugzeug bin ich kurz davor die Stewardessen um einen Wasserabtropfeimer zu bitten, zum Glück bleibt der Mittelplatz frei und der Gangnachbar trinkt Rotwein und hört sehr, sehr laut Eros Ramazotti, aber die Liebe soll man laut besingen und der Sitznachbar zeigt mir sogleich das Bild einer Frau, die weder Mary Poppins noch einer zerzausten Fledermaus gleicht, sondern aussieht wie ich mir die amtierende Miss Ukraine vorstelle. Er strahlt. Neapel. Freundin. Good vibes lässt er mich wissen, ich tropfe säuerlich vor mich hin. In München angekommen, sieht der Taxifahrer mich skeptisch an und legt eine Plastiktüte auf den Sitz. Ich tropfe. Der Taxifahrer aber erzählt mir, dass München voller Räuber sei. Nicht aber im herkömmlichen Sinne, keinen Kaninchendiebe mit grünem Seppelhut oder gewiefte Fallensteller mit genagelten Schuhen. Nein, die wahren Münchener Räuber seien die Zahnärzte dieser Stadt. Der Taxifahrer fletscht die Schneidezähne und erzählt eine Horrorodyssee, die weniger von seinen zwei überkronten Schneidezähnen handelt, als von dem mit rythmischen Schlägen auf das Lenkrad begleiteten Versuch die Schlechtigkeit der Welt mit dem Tun und noch mehr dem Lassen der Zahnärzte zu erklären. Er verabschiedet sich mit einem zünftigen: „Saubuan alle!“ Ich steige tropfend aus dem Taxi.
Das Gebäude aber dem ich nun zu eile, möge mich bloß niemand sehen, denn in München sind die Frauen allesamt immer sehr gut angezogen mit passender Handtasche zum Twinset, ist einer dieser typischen Glas-Marmor-Metall Ungetümer und so tropfe ich auf dem blanken Boden hin zur Rezeption, wo sich eine schneeweiße Orchidee, die bestimmt nur mit Morgentau gewässert wird, angewidert von mir abwendet. Die wirklich ausnehmend schöne Dame an der Rezeption aber lächelt zuvorkommend: „Noch einen Moment Geduld Fräulein Read On“ sagt Sie, der Herr C-E-O ist auf dem Weg zu Ihnen. Darf ich Ihnen den Mantel abnehmen. Ich winde mich aus dem triefenden Wetterfleck und sitze nunmehr in feuchter Bluse und nassem Rock ganz zu Schweigen von den durchweichten Schuhen auf dem weichen Lederpolster. Mir gegenüber sitzt ein geschniegelter Hipster. Ein sorgfältig gemachter Bart, pomadierte Haare, Nadelstreifen mit Anzugträgern, Hornbrille, grasgrüne Socken, ein eng auf Taille geschnittenes Jackett. Mitleidig lächelnd sieht er auf mich herab und zieht die linke Augenbraue nach oben, alles an ihm schreit „Ich bin ein Macher von Morgen.“ Ich hingegen das ewig gestrige Fräulein richte meine Aktenstapel, da klingelt das Hipsterhandy und der Hipster lästert unverholen über meine tropfende Gestalt ihm gegenüber. Eine Lachnummer….Vogelscheuche….ein Trampel…..und vor allem chancenlos. Aha, denke ich der Hipster also sucht einen Job. Aber schon kommt der Herr C-E-O durch die Halle gelaufen und noch bevor ich Aktenstapel auf die Arme gehoben habe, steht der Hipster auf und stramm. Der Herr C-E-O aber sieht ihn nicht, sondern ruft unter der Andeutung eines Handkusses: „Ach mein sehr verehrtes Fräulein Read On, wie schön, dass Sie es einrichten konnten. Dann übernimmt sein Assistent die Aktenberge, wir fahren hinauf in das C-E-O Büro: es gibt Kuchen und harte Verhandlungen. Zwei Stunden später, lächelt der Herr C-E-O: „Fräulein Read On darf ich Sie zum Flughafen fahren.“ Ich nicke beglückt und der C-E-O beauftragt die schöne Assistentin meinen Wetterfleck zu holen, bedauert meine Regenepisoden und der Assisstent holt den Wagen. Der einzige Grund einmal selbst ein Fräulein C-E-O zu werden, wäre die Anwesenheit eines Assistenten, der mir das Auto aus der Gararge holte. Auf dem Weg zum selbigen passieren wir noch einmal das gläserne Entrée. Dort wird der Hipster von einer weiteren schönen und wie ich weiß sehr klugen Frau zur Tür herauskomplimentiert. Als freundlichen Gruss des Hauses erhält er das Firmenmagazin mit dem strahlenden Antlitz des Herrn C-E-O. Ich nicke ihm freundlich zu, mit der Andeutung eines Lächelns bloß, denn der Herr C-E-O hilft mir selbstredend in den Wetterfleck. Der Hipster steht fassungslos danbeben. Aber wir sind schon vorbei. Das Auto, eines jener Autos, die ich nicht einmal anbekäme hat Heizung an allen möglichen Orten und zurück am Flughafen bin ich von der Taille abwärts zerknittert, aber trocken. Der Herr C-E-O und ich verabschieden uns bis zum nächsten Mal und mit der letzten Maschine fliege ich zurück nach Berlin. Mädchen, sagt der am Telefon, vielleicht solltest du ein heißes Bad nehmen, aber mir schaudert, noch einmal von Kopf bis Fuß durchzuweichen, ist mir selbst in warmen Lavendelwasser zu viel. So krieche ich unter das Federbett und nur der Wetterfleck tropft weiter über der Badewanne ab.

Sonntag

Früh morgens noch einmal durch den stillen Garten. Noch immer Frosthaut auf den Pfützen. Eichhörnchen in den Bäumen, die Rothkehlchen und Meisen wippen auf den Apfelbaumzweigen, in den Kiefern wohnt der Wind. Eine letzte Scheibe Honigbrot, der Tierarzt quält sich an einer, ich esse zwei, ein letztes Mal die Tassen spülen. Die Bücherberge in Tasche verteilen und dann die Straße hinunter. Die Autobahn, die wir aus dem S-Bahnfenster sehen ist fast leer, nur die grünen Flix-Busse fahren vorbei. Vor ein paar Wochen habe ich ein Bild gesehen, da fotografierte ein Reisender einen Busfahrer, der auf Knien die Bustoilette schrubbte. Der Reisende beschwerte sich über die dadurch auftretenden Verzögerungen der Abfahrt. Ich weiß nicht wie man diesen Zustand von Schamlosigkeit und eiskalter Hundeschnauze erreicht. Aber die Fassungslosigkeit über den Gestus dieses Bildes verlässt mich nicht.

Fast leer ist der Flughafen, das Flugzeug verspätet, der Tierarzt schläft gegen meine Schulter gelehnt, ich lese und versuche nicht gleichzeitg zu atmen und die Seiten umzublättern. Schlafende soll man nicht stören. Einer der Sicherheitskontrolleure lacht keckernd über einen Kollegenwitz und kann nicht mehr aufhören, lacht und lacht und weint irgendwann fast vor dem Gelächter, dass ihn fest beim Nacken fasst und nicht mehr loslässt. Irgendwann kommt das Flugzeug doch. Ein letzter Blick auf Berlin. „Fehlt dir das?“ fragt der Tierarzt. Ich schüttle den Kopf. „Nein, sage ich Tierarzt mir fehlt die Stadt nicht, aber ich vermisse das Leben, das es einmal in dieser Stadt gab.“ Der Tierarzt aber sieht zu mir herüber. Vielleicht erinnert er sich, so lange ist das ja auch noch nicht her, als immer mehr von ihm im kleinen windschiefen Haus im Oberland blieben, erst Zahnbürste, dann Bücher, dann ein blauer Schal, schließlich auch Rasierzeug und warme Socken, und vor allem er selbst, ich in der Tür stand und ihn fragend an ansah. „Du bleibst also?“ oder so ähnlich fragte ich ihn und der Tierarzt sah mich an, ähnlich fragend und sich vielleicht auch ein wenig versteckend vor meiner Antwort. Aber die war nicht besonders, war nicht ausschweifend, auch nicht witzig oder ironisch gelungen. Genickt habe ich wohl, den Zweitschlüssel aus dem Kästchen geholt und dem Tierarzt herüber geschoben. „Keine Geigen sagte ich, keine Rosen, keine Versprechen, kein Himmel“, vielleicht habe ich auch etwas anderes gesagt und der Tierarzt ist trotzdem geblieben, geblieben bei jemandem der immer noch und im eigentlichen Sinne wohl in Berlin auf dem Stuhl sitzt und die Scherben zählt, die Splitter nicht findet und wartet und wartet und wartet.

Ein Teil nur ist eben weitergezogen, sitzt jetzt im Flugzeug, mein Schlüssel zu diesem Leben liegt im windschiefen Haus nah an der irischen See und der Tierarzt neben mir hat den Schlüssel in der Tasche. In Dublin hat es geregnet, der alte und treue Volvo steht in der Garage. Die engen Straßen, hohe Ecken, tiefe Pfützen, die blasse Sonne schon tief am Himmel, der Tierarzt macht das Fenster auf, als wir schließlich das Meer erreichen, dann sind wir schon im Dorf. Die Frau des Krämers winkt. „Hallöchen“ trilliert der Tierarzt. Die Frau des Krämers sieht ihn verwundert an. „Das ist alles ihre Schuld, sagt sie zu mir, dass der Tierarzt erst ihre Tochter verschmähte und jetzt auch noch ausländisch spricht“ Ich nehme die Katze in Empfang und der Tierarzt seinen Hund und überreiche ihr Pralinen und einen Marmorkuchen, nebst violetten Tulpen. Dann schämt sich die Frau des Krämers doch für einen Moment. Aber als der Tierarzt sagt: „Dit is Berlin“, blinzelt sie mir finster zu. Die Katze springt aufs Fensterbrett und schläft sofort ein, der Hund kaut auf einem Socken, ich rufe Schwesterchen an und sehe die Post an, richte Bücherstapel und suche dies und das. Der Tierarzt aber hält das Gesicht in den Sturm und den leise einsetzenden Regen, ich lehne meinen Kopf an seinen Rücken, der Tierarzt hält meine immer kalten Hände und so werden wir langsam nass. „Wieder da“, sage ich. „Danke“, sagt der Tierarzt.

Atemzug

Nach der Nachtschicht gleich zum Flughafen. Die Idee sich noch für zwei Stunden aufs Sofa zu legen, ist schon lange verschwunden in der Nacht, hat sich aufgelöst und kommt nicht mehr zurück. Dafür steht der Tierarzt am Flughafen, ein stiller Schatten, ich sehe mich im Autofenster und sehe lieber nicht hin. Also Nachtdienst abstreifen, Taschen ins Auto und Taschen aus dem Auto heraus und den klapprigen, alten Volvo ins Parkhaus bringen. In den Glasscheiben des Flughafens spiegeln wir uns, der stille und verschwindend, dünne Mann und ich. Der Schatten im Spiegel verzieht spöttisch die Lippen: „du hast mir gerade noch gefehlt.“ Im Flugzeug kann ich nicht schlafen, zu nah sind die Bilder der Nacht und ich sehe in ein Buch hinein. Jede Seite ein Stück weiter weg von der Nacht? Kann man denn wirklich Seiten zwischen sich legen? Über Amsterdam färbt sich der Himmel lila. Der Tierarzt schüttelt denn Kopf als die Stewardess ihm ein Stück Kuchen offerieren will. Der Mann der am Gang sitzt, sieht den Tierarzt kopschüttelnd an. „Sie sind ja ein richtiger Hungerhaken“, bemerkt er und mustert den Tierarzt von oben bis unten. Seine Frau schreit vom anderen Gangplatz herüber: „Wegen Ihnen ist schlechtes Wetter, Sie haben nicht aufgegessen.“ Der Tierarzt sieht irritiert zu mir herüber. „Lassen Sie das doch „sage ich zu dem Mann und der Mann blafft: Sie haben wohl keinen Humor, was?“ Der Tierarzt fragt: „Finden die mich dick?“ Ich schüttle den Kopf. Man kann die Welt auch nicht im Flugzeug von sich fernhalten. Erst Frankfurt. Dann Berlin.

In der S-Bahn gibt Berlin alles. Flaschensammler streiten sich um zwei Sternburg Bierflaschen, die durch die S-Bahn rollen, ein Mann in Badeschlappen und Fellweste,aber ohne Hose schreit „Jesus liebt dich“, eine Gruppe betrunkener Australier schreit auch, aber mit Jesus haben sie es nicht so. Ein Straßenfegerverkäufer kommt mit seinem Hund. Ich krame nach Münzen und der Tierarzt will, dass ich dem Mann sage, dass sein Hund die Krätze hat. Ihr Hund hat die Krätze sage ich. Der Mann funkelt mich böse an. Dann entlädt sich ein Fluch von Schimpfwörtern über mir. Der Mann glaubt ich wolle seinen Hund entführen. Dann zieht er den Hund fort von mir. „Dit is Berlin“, sagt der der Tierarzt beeindruckt. Neben „Gesundheit“ ist dies des Tierarzts liebster deutscher Satz. Dann kommt eine Kindergartengruppe in die S-Bahn. Die Kindergärtnerinnen zählen durch. „Das ist jetzt Preußen in der DDR-Version“ sage ich zum Tierarzt, denn die Kindergärtnerinnen bellen „Zweierreihen“ und haben so schon den Kindergarten „Roter Stern“ auf die Zukunft einegschworen. Aber zacki-zacki Marcel ruft die Kindergärtnerin, Marcel aber inspiziert den Fußboden und die Kindergärtnerin schreit: „Pfui“ und „Schluss jetzt“. In der Berliner S-Bahn kann man so Deutsch lernen, dass man sich nach spätestens einer Woche als Offiziersanwärter melden kann. Dann am Grunewald vorbei und schon steigen wir aus, leiser Landregen.

Meine Augen tränen vor Müdigkeit. Zuhause angekommen, deckt der Tierarzt mich zu und setzt sich auf die Bettkante und legt mir die Hand auf die Stirn. Ich bin doch nicht mehr acht Jahre alt sage ich, aber der Tierarzt will davon nichts hören. „Mach die Augen zu sagt der Tierarzt“ und schon verschwimmt die Welt. Ich träume von einem Ozeandampfer, auf dem ich auf einem schlingernden Klavier Chopinwalzer spiele, denn nur die Musik so sagt mir der Kapitän hielte das Schiff über Wasser. Ich halte den Atem an und wache hustend auf. Einatmen. Ausatmen.Weiteratmen.
Inzwischen ist die Sonne über die Hausdächer gestiegen und sitzt mit baumelnden Beinen auf der Regenrinne. Unten im Garten sitzt der Tierarzt auf dem Gartenstuhl, die Füße verschränkt und die Augen geschlossen, die Hände hinter dem Kopf verschränkt, kahl ist der Garten noch immer, aber für einen Moment ist der Tierarzt kein Schatten, sondern einzig und allein goldenes, glänzendes, warmes Licht.

Sonntag

Am Morgen, endlich wird es früher hell im Garten, Zweige verschnitten. Allem Sonntag zum Trotz. Erst die Apfel- und Quittenbäume, schließlich die Kirsche und all die anderen Obstbäume. Eine reichlich wacklige Angelegenheit auf der alten Holzleiter mehr schwankend als stehend. Die Krähen hocken gespannt auf der Kastanie. Ich bin mir sicher, sie haben längst Wetten abgeschlossen, ob ich wohl in den Ästen der Kirsche hängenbleibe oder den Apfelbaum herunterrausche. Ra-Ra-Ra schreien sie kreischend und trotz ihres schwarzen Gefieders und den eleganten Flügeln, klopften sie sich lauthals lachend auf die Schenkel, über so jemanden wie mich. Für heute aber noch einmal Glück gehabt, die alte Leiter hält durch.

Hinüber zu den Rosen, die wild, ach allzu wild über Zaun und Gartentor ranken, ungestört und unbeeindruckt, all meinen Versuchen zum Trotz ihrer Herr zu werden. Trotz Handschuhen schneide ich mir die Hände blutig an den langen und spitzen Dornen. Lang ist die Rosenhecke und selbst die Krähen in der Kastanie beginnen sich zu langweilen und fliegen eine um die andere davon. Schließlich habe ich mich bis zum Gartentor vorgeschnitten, klipp-klapp macht die Schere und die Ranken winden sich tückisch um meine Füße. „Mag sein zischen die Rosen, dass du Geduld du mit deiner Schere, aber wir waren schon immer hier, wir werden bleiben, und eines Tages vielleicht nicht heute aber einmal doch, bringen wir dich zu Fall“ Wahrscheinlich haben sie Recht. Für den Moment aber liegen die Rosenranken vor mir auf dem Weg und die rote Nachbarskatze sitzt auf dem Pfeiler und gähnt. Ein Nach-der-Jagd Gähnen ist das, ein Gähnen das sagt: man kann zufrieden sein und ich gähne gleich mit, denn es mag nicht mehr früh sein, aber lang war der Morgen mit der Schere, den Bäumen und den Rosenzweigen.

Gerade als ich mit dem Rechen die Zweige zusammenharke, steht ein Mann vor dem Gartentor. Ein Anzug aus heller Wolle, über einem alten Regenmantel, etwas zu derbe Schuhe aber um ein feiner Herr genannt zu werden. „Hier sagt er“ und zeigt auf die Rosen über dem Torbogen, hier habe ich vor vielen, vielen Jahren einmal ein Mädchen geküsst. Die Rosenzweige auf dem Boden seufzen theatralisch, die Katze auf dem Pfeiler stellt die Ohren auf, ich nicke, aber der Mann fährt sich über die Wange. „Es ist nicht gut gegangen“ sagt er und schüttelt den Kopf. Der Name des Mädchen, das heute wohl eine alte Frau sein muss, sagt mir nichts. „Nein sage ich, ich bin keiner Nachbarin Tochter“ und der Mann bückt sich schließlich und hebt eine Rosenranke auf, lange dreht der den Rosenzweig in den Händen, „ihre Augen sagt er waren anders als alle anderen Augen.“ Noch einmal nickt er mir zu, dann dreht er sich um und schon ist verschwunden. Selbst als ich ein paar Schritte den Gartenweg hinunterlaufe, um ihm hinterher zu sehen, kann ich ihn nirgendwo entdecken. Verraten sich Gespenster an ihren Schuhen?

Kalt ist mir plötzlich, trotz der fahlen Wintersonne, die in der Erle hängt und schon ein bisschen Frühling spielt. Ich versperre das Gartentor und trinke heißen Tee. Bücherstapel vom Tisch in den Rucksack, denn morgen früh geht es zurück. Ein Telefonat mit Schwesterchen, ein kleiner Narzissenstrauß auf dem Tisch, für F.’s Mutter am Telefon ein Geburtstagslied singen. Ich wünsche mir nur, dass hier doch heiratet, sagt sie mir. Ich lache und sage nicht: „Ja, ich auch.“ „Der Bäcker sagt sie unverdrossen, macht auch sehr feine Hochzeitstorten.“ Ich singe noch einmal für sie und spreche mit dem ehemaligen geschätzten Gefährten. „Nein, sage ich, nichts Neues, nur zerschnittene Hände, Wintersonne und die dürren Rosenzweige auf dem Boden.“

Müde bin ich und doch habe ich den Nachbarn Krapfen versprochen, also doch wieder aufstehen und weiter und weiter. Schließlich ein Krapfenberg auf dem Tisch, endlich auch er bei den Nachbarn.

Krapfen für die Nachbarn. #bake #krapfen #berliner #sonntagssüß #süßesachen #sonntag #yummy #kosher #kosherkitchen #pareve

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Lange in der Badewanne gelegen, immer noch müder und immer nur müde, mit halbgeschlossenen Augen aus dem Fenster in die Baumwipfel sehen. Leiser Landregen. Schon lange sitzt die Katze nicht mehr auf dem Pfeiler.