Wie ich einmal einen Dieb in Ausbildung traf, der F. sein Rad trotzdem behielt und ich einen vergnüglichen Abend in der Philharmonie verlebte

Eigentlich bin ich mit meinem Vater vor der Berliner Philharmonie verabredet, uneigentlich eile ich so schnell ich kann zu einer großen Berliner Klinik, dort steht das Fahrrad des ehemaligen geschätzten Gefährten unter einer Müllplane verborgen, denn F. der ehemalige geschätzte Gefährte hat Schloss und Schlüssel verkramt, so dass ich herbeieile, sein Rad vor herannahenden Dieben zu schützen. Während ich also eile, fauche und fluche ich in das arme Ohr meines Vaters, der geduldig zuhört wie ich erst über Clara Schumann, dann über den ehemaligen, geschätzten Gefährten und schließlich über die Männer im Allgemeinen klage. Mein Vater leiderprobt genug, sagt immer nur dann und wann: Hmm, SoSo, Jaja und sichert mir zu, ich solle mich bloß nicht hetzen, er wartete geduldig, wenn auch ungeduldig weiter meinen Ausführungen zu Clara und Robert Schumann zu lauschen. Dann rauscht der Verkehr, der strenge Berliner Wind und ich sage: „Bis gleich“, ziehe mir den Schal höher, stolpere über einen abgestellten Karton ( wieso steht da ein Karton?) der Müllplane entgegen unter der nach Angaben des F. sein Rad auf Schloss und Schlüssel wartet.

Ich stapfe durch den Klinikpark, es ist dunkel, neblig, ich fluche und knurre, eine Katze mit glühenden Augen hockt auf einem Papierkorb und wäre ich nicht so eilig, ich gruselte mich bestimmt, aber so renne ich auf die Plane zu und als ich die Müllplane endlich sehe, steht dort ein Mann. Ich halte den Mann für den Kollegen B. „Holla B. rufe ich, hat der F. Dich zum Wachschutz seines Rades verdonnert?“
Der Mann, der sich umdreht, ist nicht der B.
Der Mann, der sich umdreht, macht sich am Fahrrad des ehemaligen geschätzten Gefährten zu schaffen.
Ich rufe also: „Hey Sie, was machen Sie da am Fahrrad?“
Der Mann starrt mich an und erhebt eine ebenfalls zum Fahrrad gehörende Luftpumpe und bedeutet mir ich möge ihn nicht unterbrechen.
Ich denke für zwanzig Sekunden an Karachi und denke, Read On, Du hast doch nicht in Delhi, Lahore und Karachi den Kopf hingehalten, um dich vor einem Mann mit Luftpumpe zu fürchten und sage: „Seien Sie nicht albern und nehmen Sie die Luftpumpe herunter und verschwinden Sie vom Fahrrad.“
Der Mann nimmt die Luftpumpe herunter und ich trete näher an die Müllplane heran und sehe, dass der Mann noch ein anderes Fahrrad am Wickel hat.

Neben sich herum liegt lauter Werkzeug mit dem sich offenbar Fahrradschlösser knacken lassen sollen. Ich sage, „dass kann doch nicht ihr Ernst sein, dass Sie ihr Fahrräder knacken, das ist doch völliger Wahnsinn, das Rad hier gehört der Oberschwester, die brät sie bei lebendigen Leib und hören Sie mal haben Sie noch alle Tassen im Schrank, das macht man doch nicht, man klaut keine fremden Fahrräder und schon gar nicht macht man Räder kaputt. Das ist wirklich das Letzte vom Letzten, das Allerletzte.“
Der Mann starrt mich noch immer an und sagt: „Schickt dich Cheffe, ey?

Ich sage: „Was reden Sie da, ich habe eine Chefin und die ist die beste der Welt.“
Der Mann fängt an zu schmimpfen: „Allet scheiße, ey, dit Werkezug, dit haut allet nicht hin ey, und jetzt schickt der mir die Olle auf nen Hals.“

Ich sage: „Sie sind hier wohl in einer Maßnahme für Möchtegernverbrecher, oder was? Das ist doch alles nicht zu glauben“ und da ich gerade und ich kann es jedem nur raten, denn ich bin schon so anstrengend genug, aber wenn ich meine pädagogisch- belehrende Art herauskehre ist es für niemanden schön, fahre ich fort und sage, „sofort geben Sie mir das Werkzeug nd ich muss mich unendlich zusammennehmen, aber auch meine pädagogische Art hat ihre Grenzen, dem Mann nicht zu zeigen, wie man Werkzeug benutzt, aufräumt und transportiert und vor allem, dass ein 15er Skalpell sich am besten eignet um Schlösser zu öffnen.

Der Mann baldowert weiter in einer ziemlich weinerlichen Art, von Missverständnissen, Kumpels, die gleich kämen und dann würde ich aber sehen, wieder schwenkt er F.’s Luftpumpe und bedauert sich, während er über meine Anwesenheit schimpft, „die allet, aber wirklich allet verdürbe.“ Aber ich bin ja eilig, wütend, und habe kalte Füße und sage: „So wie das hier aussieht, rate ich Ihnen sich dringend ein neues Betätigungsfeld zu suchen, denn wo immer Ihre Begabungen liegen im naturwissenschaftlich-technischen Feld liegen sie es nicht.“ Der Mann schüttelt denn Kopf und blökt: „Sie sind echt übel.“Dann stülpt er sich seine Kapuze über, schnappt einen Rucksack, ich sage die „Luftpumpe, aber sofort“, die Luftpumpe fällt klappernd auf den Boden und dann rennt der Fahrraddieb in Ausbildung davon als seien der Polizisten sieben hinter ihm her.Ich rufe den F. an, der F. eilt herbei und hinter ihm eilt der Hausmeister hinterher.

„Ick globe ick bin besoffen“, sagt der Hausmeister, der F. feiert Wiedersehen mit seinem Fahrrad, ich sage: „Der Fachkräftemangel in Deutschland ist noch schlimmer als befürchtet, selbst die Diebe taugen nichts mehr.“ Der Hausmeister bescheinigt mir, dass ich bestimmt einen Clown gefrühstückt hätte, der F. erklärt mir was alles hätte passieren können, aber ich muss nun wirklich weiter, denn mein Vater wartet ja noch immer in der Philharmonie.

Endlich sehe ich ihn und mein Vater winkt: „Kind, sagt er bei jedem anderen hätte ich geglaubt, er sei überfallen worden“, dann nehmen wir unsere Plätze ein, ich sage: „Wo waren wir stehen geblieben?“ Mein Vater sagt: Clara und ich führe die komplizierten Verhältnisse zwischen Clara, Robert und Claras Vater aus und mein Vater schüttelt den Kopf: „Dass es wirklich Väter gibt, die glauben Ihre Töchter ließen sich von etwas abhalten!“ Dann kichert mein Vater und ich lache mit, so sehr, dass die beiden Herren, die sich hinter uns über Karajan streiten sich räuspern und wir betreten zu Boden blicken. Aber dann spielt Daniil Trifonov Schumanns Klavierkonzert in A-Moll, op. 54 und ich denke daran, wie meine Großmutter mir erzählte, dass Clara und Robert an unterschiedlichen Orten, des Nachts in Leipzig die Fenster öffneten und für den anderen spielten und spielten und der Nacht die Stunden raubten, ganz ohne Dietrich, Schraubenzieher und das berühmte 15er Skalpell.

Die Sache mit den Elektrofahrrädern, dem Nachbarn zur Linken und meinem Gartenzaun.

Etwas wehmütig stehe ich auf der Straße und winke meiner lieben C. hinterher, denn die liebe C. sehe ich immer lieber kommen und gehen, aber schon holpert das Oldsmobile um die Ecke und ich ziehe seufzend die Schultern hoch: es ist mürrisch grau und kalt auch im südlichen Vorort der großen Stadt Berlin. Als ich mich aber umdrehe kommt der Nachbar zur Linken an den Gartenzaun: FRÄULEIN READ ON, ruft er ES TUT MIR JA SO LEID!“ Ich sehe etwas verwundert zu ihm herüber und sage: Oh! Aber der Nachbar zur Linken humpelt an zwei Krücken herbei und sagt: Fräulein Read On, es ist unverzeihlich. „Nachbar zur Linken“ sage ich, „haben Sie meine alte Freundin die Wildtaube gefangen und an Papageno verkauft?“ Der Nachbar zur Linken sagt: „Fräulein Read On, gleich werden Sie nicht mehr scherzen.“ „Mag sein, Nachbar zur Linken erwidere ich, aber warum kommen Sie nicht mir rauf auf einen Tee, Kuchen gibt es auch und ich mache eine kleine Kunstpause: „und auch Pralinen.“ Der Nachbar zur Linken nickt und murmelt finster: „ Wahrscheinlich ist es das letzte Mal, das wir so beieinander sitzen, Fräulein Read On.“ Das Teewasser kocht und ich lege dem Nachbarn zur Linken ein gewaltiges Stück Apfelkuchen auf den Teller und der Nachbar zur Linken erzählt:

„Der Herr Sohn bemüht sich ohnehin nur Weihnachten nach Berlin, denn schon lange sind die alten Eltern ihm lästig und kommt er so hat Herr Sohn Ratschläge im Gepäck. Sie wissen schon: Weniger Cholesterin, mehr Hühnerfleisch, Solarpaneele, die alten Biberschwänze des Hausdaches abklopfen, die Sauna aus dem 72er Jahr herausbrechen, den Garten asphaltieren, den alten Mercedes gegen ein Hybridwunder eintauschen und neben den guten Ratschlägen verstauben die Wanderstöcke, die Neoprenanzüge zum Tauchen, die Wanderstiefel für das Hochgebirge und allerlei anderen Tand den der Herr Sohn so ins Haus schleppt, dabei hoffen die Eltern noch immer Jahr für Jahr, dass der Herr Sohn einmal länger bliebe als die 48 Stunden. In diesem Jahr aber fährt der Nachbar zur Linken fort, sei der Herr Sohn nur einen Tag geblieben, denn am 25. Dezember schon fuhr gegen die Mittagsstunde ein weißer Mercedes vor. Im weißen Mercedes saß eine blonde Frau, dass hat die Nachbarin zur Linken,die gerade den Weihnachtsbraten ins Rohr schob schon genau gesehen und die blonde Frau war nicht die Frau, die im vorigen Jahr den Herrn Sohn abholte. Die Frau aber die heuer im Auto saß, die stieg nicht aus, die hupte nur und der Herr Sohn schlüpfte in Mantel und Schuh, rief seinen Eltern: Bussi und Bye zu und schon war er aus der Tür. Die Nachbarn zur Linken jedenfalls sahen dem Sohn hinterher, wie ich meiner lieben C, im Oldsmobile, dann gingen sie zurück ins Haus und vom Braten aßen nur mehr der Nachbar zur Linken, seine Frau und die alte Katze. Aber am 24. sagt der Nachbar zur Linken und löffelt Zucker in den Tee da habe er sie in die Garage geführt und dort standen zwei Elektrofahrräder mit roter Schleife. Der Herr Sohn habe den Eltern die Vorzüge der Räder erklärt, nun könnten auch sie Tagestouren von 80 Kilometern machen, und überhaupt Fahrrad fahren wäre so gesund, so praktisch, so umweltfreundlich und und auch die Eltern dürften sich dieser neuen und ganz und gar elektrischen Zukunft auf keinen Fall länger verweigern. Dann schwang sich Herr Sohn selbst auf eines der nagelneuen Räder, preschte zischend davon und erst nach einer halben Stunde kehrte er mit roten Wangen zurück, die rote Schleife aber war wohl abgefallen. Der Herr Sohn also war zufrieden, den Eltern den Weg in die Zukunft geebnet zu haben und die Eltern lächelten, denn Eltern wollen ihre Kinder zufrieden sehen. Dann aber vergaßen die Eltern die Räder in der Garage, das neue Jahr kam und auch die Nachbarn zur Linken machten wie so viele Menschen eine Liste mit guten Vorsätzen. Auf der Liste stand: die Elektrofahrräder ausprobieren. Aber erst einmal kam die Schwester des Nachbarn zur Linken zu Besuch und die wollte die Attraktionen der großen Stadt Berlin im bequemen Mercedes erleben und nicht hoch zu Ross. Dann aber reiste die Schwester zurück an die schöne Mosel und am Freitag war es dann soweit, die Nachbarn zur Linken bestiegen die Elektroräder, die Räder brummten, die Straße des südlichen Vorortes ist leicht abschüssig, die Räder rasten schneller, der Nachbar zur Linken rief noch „Hilde, warte!“, aber Hilde raste schon schneller und schneller dahin, und auch der Nachbar zur Linken sah die Kurve der Straße auf sich zukommen und sein letzter Strohhalm Hoffnung war mein Gartenzaun und lenkte er das rasende und buckelnde Rad in den Zaun und der Zaun knirschte und ächzte, aber er hielt, den Nachbarn zur Linken aber katapultierte das Rad in den Zaun, unglücklich schlug er auf und verstauchte sich den Knöchel und auch seiner Frau erging es nicht besser, ein Strauch hielt sie zwar auf, doch auch sie kugelte auf den Gehweg und ist voller blauer Flecke. Die Elektroräder aber knurrten böse und unwillig, mühsam schleiften die Nachbarn zur Linken die Räder zurück in die Garage. Nie wieder schworen die Nachbarn zur Linken würden sie noch einmal auf diese Höllenrösser klettern und so stehen verbogen und verschrammt nun die Räder neben den Alpenstiefeln, den Wanderstöcken, den Tauchanzügen und all den anderen Dingen, die Herr Sohn einmal im Jahr nach Berlin mitbringt in der Garage.“

Der Nachbar zur Linken sagt: „Ihren Gartenzaun Fräulein Read On haben wir auf dem Gewissen.“

Papperlapapp sage ich, aber der Nachbar zur Linken sagt: „Sobald der Fuß besser ist, ja Fräulein Read On kümmere ich mich.

„Aber Nachbar zur Linken, sage ich, ich kann wirklich jemanden kommen lassen, der das repariert.“

Der Nachbar zur Linken aber schüttelt den Kopf: „Wissen Sie, nur wenn einen niemand mehr braucht, kommt man auf die Idee mit Rädern im Kreis herum zu fahren.“

Dann sehen wir beide aus dem Fenster in den grauen Himmel hinaus.

„Abgemacht“, sage ich zum Nachbarn zur Linken und der Nachbar zur Linken schlägt ein.

 

 

 

Zu später Stunde

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Der Berlin Besuch ist müde. Mein Anteil daran ist kein ganz kleiner, denn wenn ich erst einmal anfange über Franz Kafka und Max Brod und ihre Reise nach Leipzig, die dann auch nach Berlin führte ( Max Brod hatte ja eine Geliebte in der Stadt ) anfange zu reden, dann höre ich so schnell nicht wieder auf. Es hält sich auch das hartnäckige Gerücht und der Tierarzt tut sein Übriges dazu es zu verbreiten, dass ich einmal den Hund so müde geredet hätte, dass jener alle vier Pfoten von sich gestreckt in einen tiefen Schlaf gefallen sei. ( Es war natürlich alles ganz anders.)

Aber der Berlin Besuch gähnt nun wirklich, man verabschiedet sich und ich fahre mit der wirklich letzten Bahn zurück in den Wald. In der Bahn sind alle betrunken außer mir. Alle aber reden vom wirklich letzten Bier und erzählen Betrunkenengeschichten, in denen immer alles möglich ist. Mannshohe Mauern in einem Sprung genommen, ein Weltmeer durchschwommen, einen Helikopter selbst gelandet und die Betrunkenen lachen über ihre Geschichten, die sie schleppend und langsam erzählen, denn es ist immer noch Bier da und morgen sind die Geschichten egal und schon wieder vergessen und die Nacht ist dunkel vor dem Fenster und ein Mann versucht ein Lied zu singen, das Lied ist für eine Frau bestimmt, die ich nur als verschwommenen Schatten im Fenster sehen kann, ein Fußballlied singt der Mann für die Frau, auch wenn die Wörter ihm im Mund verlaufen und die Frau lacht, ein bisschen hohl ist ihr Lachen, es riecht nach Bier und Parfum und Currywurst, die Frau hat blonde Haare und einen Mannschaftsschal um den Hals und doch lacht sie, wie Frauen lachen, die wissen, dass man sie liebt und der Mann öffnet ein zweites Bier für sie. Wie lange das schon her ist, denke ich, dass jemand für mich gesungen hat, spät in der Nacht oder früh am Morgen. Aber ich steige aus, halb zwei zeigt die Bahnhofuhr an, eine Katze sitzt neben der Laterne unter der mein Fahrrad steht und ich fahre noch weiter in den Wald hinein, fahre Schlangenlinien auf der Straße, denn der kleine Vorort der großen Stadt schläft schon tief und fest und wenigstens ein paar Takte lang pfeife ich vor mir her.

Tür auf, Schuhe aus, den Schlüssel in den Korb und einen letzten Tee auf dem Fensterbrett, die rauschende Kiefer vor dem Fenster, das glatte Kopfsteinpflaster unter der Laterne, die stumme Nacht, der Mond raucht eine letzte Zigarette, aber er raucht sie allein und nicht mit mir, irgendwo hinter den Wolken oder vielleicht auf der Kirchturmspitze, die sieht man nicht, mitten in der Nacht. Noch einmal sehe ich der Nacht hinterher, denn die Zeiten in denen die Nächte mit mir an der Hand durch die Straßen liefen, sind lange schon vorbei, aber manchmal kommt noch einmal ein kleiner Ausschnitt zurück und Berlin ist für eine halbe Stunde New York und Tel Aviv zugleich. Immer noch hofft man auf dem Fensterbrett, dann kommt der Schnee, oder das Eis, da hilft auch die warme Teetasse nicht, denn ich weiß wohl um die Katastrophen, die unter meinen Fingerspitzen verborgen liegen, mit einem Mal hat man graues Haar und die Tasse ist leer, auch meine alte Freundin die Wildtaube schläft schon gut verborgen in den dichten Zweigen der Tanne. „Gute Nacht“ rufe ich ihr dennoch zu, denn sie hat mich kommen und gehen sehen in all diesen Jahren, mit all den abgerissenen und angefangen, den zusammengenähten und den offenen Geschichten und denen die kein Ende haben, aber die Nacht hat ein Ende, ich spüle die Teetasse aus, putze die Zähne, lese zwei Seiten, bevor der Tag wieder auf dem Fensterbrett sitzt und nicht mehr ich.

Sag Read On, was machst Du eigentlich den ganzen Tag?

Frau Brüllen will es wissen. An jedem 5. eines Monats fragt sie in Klein-Bloggersdorf herum und der Kleinbloggersdorfer schreibt auf was er so erlebt. Et voilà.

Am Morgen kommt der Heizungsinstallateur zur jährlichen Ablesung. Morgen Herr Installateur, sage ich und der Heizungsinstallateur knurrt Undeutliches zurück. Ich reiche Kaffee und sage: „Und schöne Feiertage gehabt?“ Der Installateur knurrt: Schwiegermuttern, noch bis zum 6. „Oh, sage ich, läuft nicht gut? Der Installateur schüttelt den Kopf und sagt: „Wissense Frollein Read On, die wollt halt dit Töchterchen n’en Studierten heiratet.“ Nicht so nen ollen Installateur.“ Ich schüttle den Kopf und sage: „Wissen Sie was, es zählt was innen drin ist und nicht was außen drauf steht.“ Der Installateur seufzt und ich sage: Honigbrot? Der Installateur seufzt aufgeräumter und kaut auf dem Honigbrot. „Süß hilft fast immer.“ Herr Installateur sage, ich wie sieht das denn bei Ihnen eigentlich aus mit Ausbildungsplätzen?“ Der Installateur sieht mich an. „Frollein Read On Sie wollen jetzt och noch unter die Heizer gehen? Ichs schüttle den Kopf und sage: „Einer meiner Jungs aus der Aufklärungssprechstunde…..“. Der Installateur sieht auf das Honigbrot und sagt: „Aber als Erpresserin hamse noch ne große Zeit vor sich.“ Ich nicke und frage: „Und?“ „Um Neune am Montag, soll der Knabe mich ma anrufen, aber um neun heißt um neun.“ „Alles klar“, sage ich und buttere ein zweites Brot und streiche Honig herauf: „Macht Schwiegermütter schwach“ sage ich und der Installateur lacht.

Dann rase ich stadteinwärts. In der Bahn sitzt eine Frau neben mir, die sich als Schamanin vorstellt. Sie interpretierte Rauchzeichen erklärt sie mir, sie riecht nach Rauch und billigem Parfüm, ihre nassen Haare hinterlassen, dicke schwarze Flecken auf meinem Mantel. Bevor sie aufsteht, zeigt sie in die Wolken: „Eines Tages, da flieg ich davon“, erklärt sie und ich nicke. „Alles Gute“, sage ich.

Angekommen bespreche mit dem G. und D. zukünftige Dinge.

„Um Punkt 11.20 Uhr muss ich hier raus sein, sage ich.“

„Dir auch einen guten Morgen werte Read On“, sagen G. und D.

„11.20 Uhr“, sage ich.

„Hast du jemanden bewusstlos geredet und heiratest?“

„Hahaha“, sage ich und ziehe die Augenbraue hoch.“

„Ich treffe um 12 Uhr eine Frau aus dem Internet und esse mit ihr Torte.“

„Du machst was?, fragt der G.

„Ich treffe eine Frau aus dem Internet und esse mit ihr Torte.“

„Darf ich Dich daran erinnern, dass ich Dich auch schon eingeladen habe?“

„Du lieber G. hast mich dazu eingeladen, die Datsche deines Großvaters zu entrümpeln und das Wort Torte fiel in diesem Zusammenhang wirklich nicht ein einziges Mal.“

Der G. schweigt.

Der D. lacht.

Ich suche meinen Kugelschreiber.

Um 11.23 Uhr stürme ich heraus und treffe die wunderbare Sabrina.

Es gibt Zitronecremetorte, alte Türklinken, Baumkuchentorte und vor allem so viele, schöne Geschichten und Gesprächsfäden, die ich mir alle in die Manteltasche schiebe, und vorsichtig in Seidenpapier einwickeln will. Es ist so leicht es zu vergessen, aber es gibt grandiose Menschen in diesem Internet.

Dann fahre ich zurück in den Süden, laufe um drei Ecken, ein Hund setzt mit sehnsüchtigen Augen vor einem Fleischhauerladen, zwei alte Damen in pinken Bomberjacken ratschen über einem Bier und natürlich is punk not yet dead, der Gemüsehändler preist Mangos und Blumenkohl an, eine Frau hupt immer wieder, aber nichts passiert, ich hole zwei Bücher ab, die Bücher riechen nach Tabak und Einsamkeit, die Widmung ist längst schon verblasst und mir ist als seufzten die Bücher in der Tasche nicht wenig. Dann gehe ich Blut spenden. Es ist niemand dort, die so netten Blutspendendamen erzählen mir von einem umgekippten Weihnachtsbaum, vergleichen Kartoffelsalatrezepte, beschweren sich über den Müll auf den Straßen, nehmen mir ganz nebenbei Blut ab, wir schenken uns gegenseitig kleine Marzipanschweine und die Blutspendendamen nötigen mich zu Bechern gräulich süßen Tees. Keiner der Damen und auch ich nicht sind in den Grenzen Deutschlands von 1937 von denen so viele träumen, geboren. Sie alle fallen mir als erstes ein, denk ich an Deutschland, nicht nur in der Nacht.

Ich trinke einen halben Liter Apfelschorle, für zwanzig Minuten lege ich mich unter einen Schreibtisch, dann Arbeit und Marzipan. Einem Weihnachtsmann den Kopf abzubeißen, das bringe ich dann doch nicht über das Herz. In der Schreibtischschublade sitzt auch noch ein Lindt-Hase.

Fast alles habe ich schon vergessen aus jenen Jahren oder will mich nicht erinnern, manchmal ist das fast schon dasselbe, aber doch spät Abends in einem leeren Büro, da springt noch einmal ein Plattenspieler an. Ich war siebzehn, er war älter, der Himmel war blau, oder fast schon schwarz, und am Ende der Nacht, da hatte mein Kleid keinen Reißverschluss mehr.

Aber heute Nacht tanze ich nicht mehr.

 

Berliner Geschichten

Der Morgen versteckt sich hinter einer Wand aus Regen. Meine alte Freundin die Wildtaube versteckt sich unter den dichten Tannenzweigen, da wohnt sie schon immer. Ich kann mich nicht erinnern, an ein davor, immer war da schon der Baum, die große Tanne und in der Tanne lebte die Wildtaube, mit der ich mich befreundete. Heute aber überlegt sie trotz meiner Frühstücksofferten, auf dem Balkon liegen Rosinen, aber es ist auch nass auf dem Balkon. Die alte Freundin Wildtaube kommt. Sie weiß schon, was die Nachbarn mit später erzählen. Die Wildschweine sind in den Nachbarsgarten eingebrochen, haben zwei Kirschbäume umgerissen, den Geräteschuppen in einen Bretterhaufen verwandelt, den Rasenmäher verstümmelt und dabei so sagt die Nachbarin noch hämisch gelacht. Die alte Freundin Wildtaube aber gurrt. Der Mann der Nachbarin, nämlich ist Hobbyjäger und der Hausflur ist voller Geweihe und vor dem Kamin liegt ein Wildschweinfell. Die Wildtaube und ich, wir wissen beide, irgendwann im Leben da muss man bezahlen, so oder anders oder mit einem Rasenmäher. Meinen Garten aber habe die Wildschweine ausgelassen. Ich sammle die letzten, schon matschig-braunen Quitten ein und an einem anderen Tag wäre ich wohl in die Pfützen gesprungen, aber heute kehre ich an den Schreibtisch zurück, meine Freundin die Wildtaube ist längst schon wieder unter die dichten Tannenzweige zurückgekehrt.

Der Tag läuft zwischen Schreibtisch und Klavier hin und her. Am Schreibtisch erinnere ich mich, am Klavier fallen die Erinnerungsstücke zwischen die schwarzen und weißen Tasten. Das Klavier weiß alles von mir und vergisst es sogleich wieder. Manchmal verwirre ich das Klavier und lege eine falsche Spur, lenke ab und lege Bach, Beethoven und Chopin zwischen die Tasten. Das Klavier ist älter als meine Erinnerungen und damals als ich es kaufte, da hatte es Jahre schon auf einem Speicher verbracht und davor sagte der Mann, der es mir verkaufte, sei es lange in einem Nachtclub gewesen. Das gefiel mir. Ein Klavier mit Vergangenheit und leider auch ziemlich viel Zigarettenasche im Inneren. Aber die Vergangenheit zählte mehr und das Klavier schwieg für ein Jahr, immer wieder wurde es gereinigt und gestimmt und irgendwann spielte es wieder. Das Klavier hatte lange überlegt und wer weiß schon, vielleicht war das letzte Lied im Nachtclub, der vielleicht zur „Einsamen Trompete“ hieß, auch: Man sagt einer Dame nicht beim ersten Mal komm mit…“

Am Abend aber fahre ich in die Stadt, denn ich wohne ja im Wald und in der Stadt da wohnt die L. Die L. will mich küssen und dann einen Fisch beim Griechen essen und das in genau dieser Reihenfolge. Soll sein, liebe L. sage ich, bringe ihr Blumen, die L. küsst mich und die Dorade hat kleine, spitze Zähne. Der Grieche heißt Alexandrou. Er seufzt und sagt: „Ach, die Damen.“ Das Lokal ist leer, bis auf vier betrunkene Frauen. Aber das kennt Alexandrou schon. „Das sind vier Witwen“ sagt er, „die haben keine Freude mehr, nur noch den Wein. „Wir trinken Wasser und Alexandrou sagt: „Die Miete ist erhöht worden. Aber die Leute wollen trotzdem einen Gyros-Teller für 5, 80 Euro.“ Er zuckt mit den Schultern. Wir sehen stumm auf den Tisch. Eine halbe Zitronenscheibe zwischen den Zähnen. Tomatenscheiben und Salatblätter unter dem Rücken und es ist als seufzte auch die Dorade über die Ungerechtigkeit des eigenen Endes und der ganzen Welt. „Ich bin ein einfacher Mann“, sagt Alexandrou. „Ich bin doch nur ein einfacher Mann.“ Was antwortet man. Bevor wir antworten müssen, rufen die vier Frauen nach einer neuen Flasche. Sie singen: Griechischer Wein.

„Erzähl mir von Dir“, sagt die L. Ich will sagen: „Ich fürchte mich vor allem.“ Ich sage: Es wird schon gehen.“ Ihre Hand liegt auf meiner und zum ersten Mal fällt mir auf, wie alt ihre Hände geworden sind. Ich wünschte, ihre Hände blieben bei mir. Die L. will mit mir über ihr Testament reden. Ich will mit ihr über das ewige Leben redne. Sie lacht und wir reden über ihre Reise nach Hamburg. Über Michel Houllebecq im Thalia Theater, die Akustik der Elbphilharmonie, wir wollen gerade über die D. sprechen, da stößt eine der betrunkenen Witwen gegen unseren Tisch auf dem Weg zur Toilette, die Dorade rutscht grinsend vom Salatbett herunter, die Wassergläser fliegen über den Tisch tropfen auf Kleider und Tisch. Die Witwe ist schon schwankend im Bad verschwunden. Alexandrou entschuldigt sich, wir zahlen und küssen uns noch einmal im Regen, ich winke ihrem Regenschirm. Sie ruft mir etwas hinterher. Ich werfe Küsse zurück.

An einer Straßenecke sehe ich einen Briefkasten. Neben dem Briefkasten steht ein Leierkastenmann. Ich habe seit Jahr und Tag keinen Leierkastenmann mehr gesehen, aber hier steht er mit grünem Filzhut und einem Äffchen neben sich auf dem Leierkasten. Er spielt „Veronika, der Lenz ist da.“ Ich werfe Münzen in den grünen Filzhut. „Wem darf ick denn danken?“,sagt er einer Dame oder nem Frollein?“ Frollein, bitte, sage ich und winke ihm zu. Als ich auf die U-Bahn warte da wühlt ein Mann sich durch die Mülleimer, schließlich zieht er einen verbeulten Regenschirm mit gebrochenen Speichen aus dem orangen Eimer. „Heute ist mein Glückstag“, sagt er und strahlt, ihm fehlen zwei Zähne und ein Schuh ist fast. aufgelöst. Pfeifend geht er davon, ich kenne das Lied nicht, dann kommt die Bahn. Zurück im Wald rauschen die Bäume, der Regen oder die Erinnerungen. Wer weiß das schon.

Sag Read On, was machst du eigentlich den ganzen Tag?

Frau Frau Brüllen will es wissen. An jedem 5. eines Monats fragt sie in Klein-Bloggersdorf herum und der Kleinbloggersdorfer schreibt auf was er so erlebt. Et voilà.

Sechs Uhr: Aufgewacht zu Regen auf dem Dach und Wind in den Kiefern. Die alte Wildtaube ist misslich gestimmt. Rheumawetter sagt sie und ich nicke. Eine Hand von der Nusskernmischung streue ich ihr zu den Rosinen dazu. Missliche Tage soll man wenigstens mit einem guten Frühstück beginnen, sage ich ihr. Die alte Freundin Wildtaube nickt zustimmend, dann fliegt sie zurück unter das dichte Geäst der Tannen. Ein Tag für Buch und Bett, denke ich mir. Dann packe ich doch Handtuch und Schuhe ein und fahre hinunter zum See. Grau ist der See, aber immerhin der Regen hat aufgehört, der Wind fährt den Bäumen durch das schüttere Haar. Kalt ist das Wasser, aber warm ist der See im Vergleich zur irischen See. Vor der Kälte fürchte ich mich nicht so sehr ,wie vor dem Nöck. Aber der Nöck schläft vielleicht noch oder ihn rufen dringende Amtsgeschäfte mich behelligt er nicht. Lang sind die Tage seit so vielen Jahren, immer gehören meine Tage anderen als mir und eine halbe, kalte Stunde im See ist alles was für mich bleibt. Einatmen. Austamen. Weiteratmen. Blaue Lippen und das dicke Handtuch um die Schultern geschlungen. Als ich aus dem See steige ist es viertel vor Acht. Eine Kindergärtnerin und mir ihr viele Kinder kommen mir entgegen. „Der Hulk“ ruft ein Bub, ich wringe mir die Haare aus. Die Kindergärtnerin zeigt mit dem Finger auf mich. „Die Tante da spinnt ja“, sagt sie und zeigt mit dem Finger auf mich. Liebe Kindergärtnerinnen bitte zeigen sie doch nicht mit dem Finger auf andere Menschen, auch wenn sie selbst niemals im Winter schwimmen gehen. Die Kinder sehen alle aus, als führen sie gleich an den Polarkreis, dabei kommt schon ein Bus vorgefahren und die Kindergärtnerin schreit: DA KOMMT DER ONKEL GÜNTHER. Ich zwinkere dem Buben zu. Ich sagte ihm gern, dass eines Tages auch auf ihn die Freiheit wartet und das die Freiheit am größten ist, weht der Wind über den See. So winken wir uns zu.

Gearbeitet, dann ein schwarzes Kleid angezogen. Einen Blumenstrauß abgeholt und auf einen Friedhof gefahren. Nur wenige sind gekommen und das tut mir leid, denn er war für so viele da. Die Worte des Trauerredners sind von schleppender Länge, eine lange Kette von Banalitäten, ein Mann wie ein Fels sagt dieser Redner wirklich, fasst sich an den Schlips, gefällt sich in Redewendungen von der Humanmedizin und der Demut vor dem Leben. Ich starre auf meine Schuhe, der Mann dort im Sarg verachtete die Redensarten und sprach am liebsten nur mit den Frauen, die auf seiner Station Mütter wurden. Die anderen, auch die, die mit Sozialer Arbeit auf dem Zeugniskopf, nannten die Frauen die Assi-Mütter. Er sagte Schakkeline ohne Ironie, ohne Bedauern, er sagte Schakkeline wir machen das jetzt. Es wird kälter ohne ihn. Erde auf Erde. Dumpf fällt der Sand auf den Sarg. Ungehörig scheint mir das, dieses Jahr wird sein Name zum ersten Mal nicht neben meinem auf dem Weihnachtsdienstplan stehen. Ich muss schlucken. Der Redner sagt: „Er gab das Leben, nun ist es ihm genommen.“ Die liebe C. übernimmt ihre Schicht, flüstere ich ihm zu, dort am offenen Grab. Weiße Rosen dazu. Das hätte er gern gehört, da bin ich mir sicher.

Gearbeitet, dann die Tasche nach Irland gerichtet, ein Stück Käse gegessen, immer noch ist mir übel von dem Gerede des Mannes mit Schlips und dem Geruch der schweren, feuchten Erde. Die liebe C. angerufen, nur zehn Sekunden so getan als müsste ich nicht weinen. Die liebe C. hört zu. Es ist halb vier.

Im Bus zum Flughafen sitzt ein Mann neben mir. Ein Tweed-Jacket, grüne Cordhosen, Schnürstiefel, ein roter Schal, so unauffällig, dass ich den tätowierten Raben auf seiner rechten Schläfe erst spät bemerke, neben seinem linken Auge fliegen Vögel in den Süden, bewegt sich sein Augenlid, dann hebt der Vogelzug seine Flügel. Auf seinem linken Ringfinger sitzt ein blaues Rotkehlchen. Ich wünschte ich hätte ein Bild meiner alten Freundin der Wildtaube dabei.

Das Flugzeug nach Frankfurt ist voll. Hinter mir sitzen zwei Männer, die in Bitcoins machen: Super-Margen, bin auch voll der Typ, der auf Risiko geht. 2018 wird erst richtig geilo, dann geht Bitcoin an die Börse. Da wirst du transactions sehen, die sind unique. Jo, erst mal nur an der Online Börse, die mit den fünf Buchstaben. Ich vergesse immer welche das sind. So viel potential, das muss man abschöpfen. Wir sind dabei gewesen. Es geht voll ab. Dann wird das Flugzeug lauter und die Stimmen der Männer verschwinden, wie auch Berlin kleiner und kleiner wird. Als ich die Männer wieder hören kann, besprechen sie Fotoapparate. Spiegelreflexkameras sind voll banal. Ich habe eine Systemkamera. Ab 1500 Euro bist du dabei. Hab mir neulich ein Objektiv geholt, für 1600, so geil. Ich fotografiere die Milchstraße, sagt der andere, denn es ist schwer gegen diese Zahlen anzukommen, der andere lacht und empfiehlt einen Youtube Coach, der dir hilft voll krass zu performancen. Website Ranking ist essential. Kannst mich ja mal adden, sagt er großzügig zum Milchstraßenmann. Der schweigt nun beleidigt. In Frankfurt angekommen, macht er erstmal ein Uber klar.

In Frankfurt ist es still. Kehrmaschinen kreiseln langsam über den grauen Boden. Ich schreibe diesen Text, rufe den Tierarzt an, lese in Walter Kempowskis Echolot, wippe mit dem Fuß, beantworte Emails, um 21.25 Uhr geht es weiter nach Dublin.

Am Flughafen steht der Tierarzt, ‚Komm‘ sagt der Tierarzt und wir fahren durch die Dunkelheit zurück in das Dorf. Im Dorf ist es still, das Meer rauscht vor dem Fenster, aus meinen Haaren liest der Tierarzt Kiefernnadeln, hält sie zwischen den Händen, legt sie zwischen die Seiten eines geöffneten Buches.

„Deutscher Wald“, sagt er mit dem Lächeln aller Verliebten, sagt es leise und legt mir die Hand auf die Stirn, „deutscher Wald“ sage ich und weiß nicht ob die Deutschen sich noch so verlieben in eine Hand voll Kiefernnadeln, wie der Tierarzt und wie es einmal vor vielen Jahren in einem anderen Land mein Urgroßvater tat, der als Wiener Jud vor Sehnsucht nach dem deutschen Meer verging.

St Sylvester schlägt zwölf Uhr. Nur beim Priester ist noch Licht.

Auf dem Boden

Gestern war ich einkaufen. Geregnet hat es in Berlin, Pfützen im Garten und auf den Wegen, selbst meine alte Freundin die Wildtaube pickte missmutig die Rosinen auf der Fensterbank auf und verzog sich unter die schützenden Tannenzweige. Nass war ich, durchweicht der gelbe Wetterfleck und schlammig die Schuhe, als ich die kleine Einkaufssstraße des nächstgrößeren Vororts am Rande der großen Stadt Berlin erreichte. Vor dem Supermarkt, der ein biologisch-organischer ist und mit sozialem Gewissen wirbt, saß ein Mann. Der Mann trug einen grauen Mantel, schon ziemlich durchweicht, Lumpensammlerhosen, einen groben Schal, kaputte Schuhe und Handschuhe. Der Mann verkaufte die Motz, eine Berliner Obdachenlosenzeitung. Ich schloss mein Fahrrad an und kramte in den Taschen des Wetterflecks nach Münzen. 2,50 Euro fand ich im Wetterfleck und ich sagte: „Guten Morgen, was für ein Wetter, holen Sie sich bloß nichts weg, ihr Hund ist aber ein besonders Hübscher.“ Dann legte ich die 2, 50 Euro in den Becher. Der Mann sagte:“ Dit it aba jut wenn der Tach mit ne scheenen Frau anfängt.“ „Ha, sagte ich, Komplimente schon so früh am Morgen.“ Dann kramte ich nach meinem Einlaufszettel und dachte, wie bescheiden das doch ist auf dem Boden zu sitzen und es ist kalt und regnet. „Hören Sie sage ich, darf ich Sie auf einen Kaffee einladen?“ Der Mann nickte und flüsterte: „Stark und mit Zucker,bitte“ ich kaufte einen Kaffee, stark, aber mit Zucker und eine Streuselschnecke beim organisch-bologischen Bäcker. Meine Großmutter sagte, fast alles ist besser mit einem Stück Streuselkuchen, das sagte ich auch dem Mann dort auf dem Boden und er sagte: „ihre Omma, dit is ne kluge Frau.“ „Wir verstehen uns sagte ich“ und kramte schon wieder im Wetterfleck nach dem vermaledeiten Einkaufszettel.

( Klammer auf: mir ist klar, dass 2,50 Euro, Kaffee und Streuselkuchen, das Problem Obdachlosigkeit nicht lösen, ja, sie dürfen gern lästern, wie sehr dieser Blog damit beschäftigt ist, mich selbst gut darzustellen, nein, bitte schicken Sie mir keine Artikel über reiche Obdachlose, die mit dem Bentley zum Betteln vorgefahren werden. Vielen Dank. Klammer zu.)

Hinter mir stand ein Mann mit seinem Sohn. Der Mann war ein Samstagsvater, wie es sie so viele gibt hier in den südlichen Vororten der großen Stadt. Zweite Ehe, drittes Kind, jetzt endlich alles richtig machen, Leonard wir kaufen heute ein, die Mutti kann noch einmal weiterschlafen. Der Mann und sein Sohn sehen also, wie eine verschlammte Person in einem gelben Wetterfleck, Kaffee zu dem Motzverkäufer bringt, Geld in seinen Becher tut und mit ihm ratscht.

Er sagt: „Leonard, sieh mal, die Frau da, die gibt dem Obdachlosen Geld. Ich will Dir eine Aufgabe stellen Leonard. Jetzt ist gleich zehn Uhr und an einem Samstag kaufen viele Leute, die die ganze Woche hart für ihr Geld arbeiten ein. Jetzt hör mir gut zu Leonard: wenn heute zwischen 10 und 12 hundert Menschen in dem Supermarkt einkaufen und jeder zweite dem Säufer da, 2 Euro gibt, wie viel hat der Mann da am Ende des Tages verdient?“ Der Sohn sieht seinen Vater an. Der Vater sagt: Na Leonard, nun streng dich mal an, dann sagt Dir der Vati auch, wie lange er arbeiten muss, bis er so viel Geld verdient, aber Leonard sieht so aus als ob er gleich weinen muss, weil er nicht weiß wie man das rechnet und sein Vater schüttelt enttäuscht den Kopf. „Du musst Dich mehr anstrengen“ sagt der Vater, “ was soll nur aus Dir werden?“ und der Junge starrt auf den Mann, dort auf dem Boden, der seine Hände an dem Kaffeebecher wärmt und fürchtet sich vor den Zahlen und dem Leben, was sein Vater ihm ausmalt. Später an der Kasse wird der Vater ohne mit der Wimper zucken 157 Euro bezahlen und der Sohn darf mit dem Bling-Bling-Schlüssel das riesige Auto öffnen.

Aber noch ratsche ich ja mit dem Mann über Großmütter im Besonderen und Allgemeinen und da kommt eine Mutter mit ihrem Mädchen und das Mädchen sieht den Hund. Der Hund des Mannes ist buntgefleckt, ein Kuhhund sozusagen, ein freundlicher Hund, mit dem Kopf auf den Pfoten und das kleinen Mädchen will auf den Hund zu rennen und den Hund streicheln aber die Mutter schreit: „Nein, nein, nicht den Hund anfassen, das ist unsauber und der hat Flöhe und dann bekommst du die auch. Das da ist ein Penner, nicht anfassen, das sind schmutzige Leute.“ Pfui, pfui und pfui, ruft die Mutter und zieht das Mädchen weg von dem Hund. Der Hund und das Mädchen hätten sich, glaube ich prima verstanden, aber die Arme der Mutter sind länger.

Die meisten Menschen aber gehen einfach vorbei, aber der Mann auf dem Boden, der Mann mit der Zeitung sagt: die Leute hier seien in Ordnung, hier würde er in Ruhe gelassen, in der Stadt würden die besoffenen Touristen pöbeln und Kronkorken in den Becher werfen und er käme nicht mehr so schnell hoch. „Auf die Großmütte“r sagt er und hebt den Kaffeebecher, „Auf die Großmütter“ sage ich und dann finde ich den Zettel in den Tiefen des Wetterflecks und werde trotzdem das Hirschhornsalz vergessen.