Sag Read On, was machst du eigentlich den ganzen Tag?

Frau Frau Brüllen will es wissen. An jedem 5. eines Monats fragt sie in Klein-Bloggersdorf herum und der Kleinbloggersdorfer schreibt auf was er so erlebt. Et voilà.

Sechs Uhr: Aufgewacht zu Regen auf dem Dach und Wind in den Kiefern. Die alte Wildtaube ist misslich gestimmt. Rheumawetter sagt sie und ich nicke. Eine Hand von der Nusskernmischung streue ich ihr zu den Rosinen dazu. Missliche Tage soll man wenigstens mit einem guten Frühstück beginnen, sage ich ihr. Die alte Freundin Wildtaube nickt zustimmend, dann fliegt sie zurück unter das dichte Geäst der Tannen. Ein Tag für Buch und Bett, denke ich mir. Dann packe ich doch Handtuch und Schuhe ein und fahre hinunter zum See. Grau ist der See, aber immerhin der Regen hat aufgehört, der Wind fährt den Bäumen durch das schüttere Haar. Kalt ist das Wasser, aber warm ist der See im Vergleich zur irischen See. Vor der Kälte fürchte ich mich nicht so sehr ,wie vor dem Nöck. Aber der Nöck schläft vielleicht noch oder ihn rufen dringende Amtsgeschäfte mich behelligt er nicht. Lang sind die Tage seit so vielen Jahren, immer gehören meine Tage anderen als mir und eine halbe, kalte Stunde im See ist alles was für mich bleibt. Einatmen. Austamen. Weiteratmen. Blaue Lippen und das dicke Handtuch um die Schultern geschlungen. Als ich aus dem See steige ist es viertel vor Acht. Eine Kindergärtnerin und mir ihr viele Kinder kommen mir entgegen. „Der Hulk“ ruft ein Bub, ich wringe mir die Haare aus. Die Kindergärtnerin zeigt mit dem Finger auf mich. „Die Tante da spinnt ja“, sagt sie und zeigt mit dem Finger auf mich. Liebe Kindergärtnerinnen bitte zeigen sie doch nicht mit dem Finger auf andere Menschen, auch wenn sie selbst niemals im Winter schwimmen gehen. Die Kinder sehen alle aus, als führen sie gleich an den Polarkreis, dabei kommt schon ein Bus vorgefahren und die Kindergärtnerin schreit: DA KOMMT DER ONKEL GÜNTHER. Ich zwinkere dem Buben zu. Ich sagte ihm gern, dass eines Tages auch auf ihn die Freiheit wartet und das die Freiheit am größten ist, weht der Wind über den See. So winken wir uns zu.

Gearbeitet, dann ein schwarzes Kleid angezogen. Einen Blumenstrauß abgeholt und auf einen Friedhof gefahren. Nur wenige sind gekommen und das tut mir leid, denn er war für so viele da. Die Worte des Trauerredners sind von schleppender Länge, eine lange Kette von Banalitäten, ein Mann wie ein Fels sagt dieser Redner wirklich, fasst sich an den Schlips, gefällt sich in Redewendungen von der Humanmedizin und der Demut vor dem Leben. Ich starre auf meine Schuhe, der Mann dort im Sarg verachtete die Redensarten und sprach am liebsten nur mit den Frauen, die auf seiner Station Mütter wurden. Die anderen, auch die, die mit Sozialer Arbeit auf dem Zeugniskopf, nannten die Frauen die Assi-Mütter. Er sagte Schakkeline ohne Ironie, ohne Bedauern, er sagte Schakkeline wir machen das jetzt. Es wird kälter ohne ihn. Erde auf Erde. Dumpf fällt der Sand auf den Sarg. Ungehörig scheint mir das, dieses Jahr wird sein Name zum ersten Mal nicht neben meinem auf dem Weihnachtsdienstplan stehen. Ich muss schlucken. Der Redner sagt: „Er gab das Leben, nun ist es ihm genommen.“ Die liebe C. übernimmt ihre Schicht, flüstere ich ihm zu, dort am offenen Grab. Weiße Rosen dazu. Das hätte er gern gehört, da bin ich mir sicher.

Gearbeitet, dann die Tasche nach Irland gerichtet, ein Stück Käse gegessen, immer noch ist mir übel von dem Gerede des Mannes mit Schlips und dem Geruch der schweren, feuchten Erde. Die liebe C. angerufen, nur zehn Sekunden so getan als müsste ich nicht weinen. Die liebe C. hört zu. Es ist halb vier.

Im Bus zum Flughafen sitzt ein Mann neben mir. Ein Tweed-Jacket, grüne Cordhosen, Schnürstiefel, ein roter Schal, so unauffällig, dass ich den tätowierten Raben auf seiner rechten Schläfe erst spät bemerke, neben seinem linken Auge fliegen Vögel in den Süden, bewegt sich sein Augenlid, dann hebt der Vogelzug seine Flügel. Auf seinem linken Ringfinger sitzt ein blaues Rotkehlchen. Ich wünschte ich hätte ein Bild meiner alten Freundin der Wildtaube dabei.

Das Flugzeug nach Frankfurt ist voll. Hinter mir sitzen zwei Männer, die in Bitcoins machen: Super-Margen, bin auch voll der Typ, der auf Risiko geht. 2018 wird erst richtig geilo, dann geht Bitcoin an die Börse. Da wirst du transactions sehen, die sind unique. Jo, erst mal nur an der Online Börse, die mit den fünf Buchstaben. Ich vergesse immer welche das sind. So viel potential, das muss man abschöpfen. Wir sind dabei gewesen. Es geht voll ab. Dann wird das Flugzeug lauter und die Stimmen der Männer verschwinden, wie auch Berlin kleiner und kleiner wird. Als ich die Männer wieder hören kann, besprechen sie Fotoapparate. Spiegelreflexkameras sind voll banal. Ich habe eine Systemkamera. Ab 1500 Euro bist du dabei. Hab mir neulich ein Objektiv geholt, für 1600, so geil. Ich fotografiere die Milchstraße, sagt der andere, denn es ist schwer gegen diese Zahlen anzukommen, der andere lacht und empfiehlt einen Youtube Coach, der dir hilft voll krass zu performancen. Website Ranking ist essential. Kannst mich ja mal adden, sagt er großzügig zum Milchstraßenmann. Der schweigt nun beleidigt. In Frankfurt angekommen, macht er erstmal ein Uber klar.

In Frankfurt ist es still. Kehrmaschinen kreiseln langsam über den grauen Boden. Ich schreibe diesen Text, rufe den Tierarzt an, lese in Walter Kempowskis Echolot, wippe mit dem Fuß, beantworte Emails, um 21.25 Uhr geht es weiter nach Dublin.

Am Flughafen steht der Tierarzt, ‚Komm‘ sagt der Tierarzt und wir fahren durch die Dunkelheit zurück in das Dorf. Im Dorf ist es still, das Meer rauscht vor dem Fenster, aus meinen Haaren liest der Tierarzt Kiefernnadeln, hält sie zwischen den Händen, legt sie zwischen die Seiten eines geöffneten Buches.

„Deutscher Wald“, sagt er mit dem Lächeln aller Verliebten, sagt es leise und legt mir die Hand auf die Stirn, „deutscher Wald“ sage ich und weiß nicht ob die Deutschen sich noch so verlieben in eine Hand voll Kiefernnadeln, wie der Tierarzt und wie es einmal vor vielen Jahren in einem anderen Land mein Urgroßvater tat, der als Wiener Jud vor Sehnsucht nach dem deutschen Meer verging.

St Sylvester schlägt zwölf Uhr. Nur beim Priester ist noch Licht.

Auf dem Boden

Gestern war ich einkaufen. Geregnet hat es in Berlin, Pfützen im Garten und auf den Wegen, selbst meine alte Freundin die Wildtaube pickte missmutig die Rosinen auf der Fensterbank auf und verzog sich unter die schützenden Tannenzweige. Nass war ich, durchweicht der gelbe Wetterfleck und schlammig die Schuhe, als ich die kleine Einkaufssstraße des nächstgrößeren Vororts am Rande der großen Stadt Berlin erreichte. Vor dem Supermarkt, der ein biologisch-organischer ist und mit sozialem Gewissen wirbt, saß ein Mann. Der Mann trug einen grauen Mantel, schon ziemlich durchweicht, Lumpensammlerhosen, einen groben Schal, kaputte Schuhe und Handschuhe. Der Mann verkaufte die Motz, eine Berliner Obdachenlosenzeitung. Ich schloss mein Fahrrad an und kramte in den Taschen des Wetterflecks nach Münzen. 2,50 Euro fand ich im Wetterfleck und ich sagte: „Guten Morgen, was für ein Wetter, holen Sie sich bloß nichts weg, ihr Hund ist aber ein besonders Hübscher.“ Dann legte ich die 2, 50 Euro in den Becher. Der Mann sagte:“ Dit it aba jut wenn der Tach mit ne scheenen Frau anfängt.“ „Ha, sagte ich, Komplimente schon so früh am Morgen.“ Dann kramte ich nach meinem Einlaufszettel und dachte, wie bescheiden das doch ist auf dem Boden zu sitzen und es ist kalt und regnet. „Hören Sie sage ich, darf ich Sie auf einen Kaffee einladen?“ Der Mann nickte und flüsterte: „Stark und mit Zucker,bitte“ ich kaufte einen Kaffee, stark, aber mit Zucker und eine Streuselschnecke beim organisch-bologischen Bäcker. Meine Großmutter sagte, fast alles ist besser mit einem Stück Streuselkuchen, das sagte ich auch dem Mann dort auf dem Boden und er sagte: „ihre Omma, dit is ne kluge Frau.“ „Wir verstehen uns sagte ich“ und kramte schon wieder im Wetterfleck nach dem vermaledeiten Einkaufszettel.

( Klammer auf: mir ist klar, dass 2,50 Euro, Kaffee und Streuselkuchen, das Problem Obdachlosigkeit nicht lösen, ja, sie dürfen gern lästern, wie sehr dieser Blog damit beschäftigt ist, mich selbst gut darzustellen, nein, bitte schicken Sie mir keine Artikel über reiche Obdachlose, die mit dem Bentley zum Betteln vorgefahren werden. Vielen Dank. Klammer zu.)

Hinter mir stand ein Mann mit seinem Sohn. Der Mann war ein Samstagsvater, wie es sie so viele gibt hier in den südlichen Vororten der großen Stadt. Zweite Ehe, drittes Kind, jetzt endlich alles richtig machen, Leonard wir kaufen heute ein, die Mutti kann noch einmal weiterschlafen. Der Mann und sein Sohn sehen also, wie eine verschlammte Person in einem gelben Wetterfleck, Kaffee zu dem Motzverkäufer bringt, Geld in seinen Becher tut und mit ihm ratscht.

Er sagt: „Leonard, sieh mal, die Frau da, die gibt dem Obdachlosen Geld. Ich will Dir eine Aufgabe stellen Leonard. Jetzt ist gleich zehn Uhr und an einem Samstag kaufen viele Leute, die die ganze Woche hart für ihr Geld arbeiten ein. Jetzt hör mir gut zu Leonard: wenn heute zwischen 10 und 12 hundert Menschen in dem Supermarkt einkaufen und jeder zweite dem Säufer da, 2 Euro gibt, wie viel hat der Mann da am Ende des Tages verdient?“ Der Sohn sieht seinen Vater an. Der Vater sagt: Na Leonard, nun streng dich mal an, dann sagt Dir der Vati auch, wie lange er arbeiten muss, bis er so viel Geld verdient, aber Leonard sieht so aus als ob er gleich weinen muss, weil er nicht weiß wie man das rechnet und sein Vater schüttelt enttäuscht den Kopf. „Du musst Dich mehr anstrengen“ sagt der Vater, “ was soll nur aus Dir werden?“ und der Junge starrt auf den Mann, dort auf dem Boden, der seine Hände an dem Kaffeebecher wärmt und fürchtet sich vor den Zahlen und dem Leben, was sein Vater ihm ausmalt. Später an der Kasse wird der Vater ohne mit der Wimper zucken 157 Euro bezahlen und der Sohn darf mit dem Bling-Bling-Schlüssel das riesige Auto öffnen.

Aber noch ratsche ich ja mit dem Mann über Großmütter im Besonderen und Allgemeinen und da kommt eine Mutter mit ihrem Mädchen und das Mädchen sieht den Hund. Der Hund des Mannes ist buntgefleckt, ein Kuhhund sozusagen, ein freundlicher Hund, mit dem Kopf auf den Pfoten und das kleinen Mädchen will auf den Hund zu rennen und den Hund streicheln aber die Mutter schreit: „Nein, nein, nicht den Hund anfassen, das ist unsauber und der hat Flöhe und dann bekommst du die auch. Das da ist ein Penner, nicht anfassen, das sind schmutzige Leute.“ Pfui, pfui und pfui, ruft die Mutter und zieht das Mädchen weg von dem Hund. Der Hund und das Mädchen hätten sich, glaube ich prima verstanden, aber die Arme der Mutter sind länger.

Die meisten Menschen aber gehen einfach vorbei, aber der Mann auf dem Boden, der Mann mit der Zeitung sagt: die Leute hier seien in Ordnung, hier würde er in Ruhe gelassen, in der Stadt würden die besoffenen Touristen pöbeln und Kronkorken in den Becher werfen und er käme nicht mehr so schnell hoch. „Auf die Großmütte“r sagt er und hebt den Kaffeebecher, „Auf die Großmütter“ sage ich und dann finde ich den Zettel in den Tiefen des Wetterflecks und werde trotzdem das Hirschhornsalz vergessen.

Sag Read On, was machst du eigentlich den ganzen Tag?

Frau Brüllen will es wissen. An jedem 5. eines Monats fragt sie in Groß-Bloggersdorf herum und der Großbloggersdorfer schreibt auf was er so erlebt. Et voilà.

5 AM: Um fünf Uhr in der Früh zum See hinunter fahren. Vorsichtig die Dielen zählen, um den Tierarzt nicht zu wecken. Aber der Tierarzt schläft und atmet leise und ich lege das Handtuch in den Korb und zehn Minuten später schon, steige ich ins Wasser. Das Wasser ist dunkelgrün, flackert hellgrün, lächelt zuweilen lindgrün, die ganze Welt um den See herum ist grün, so grün, grün, grün, grün sind alle meine Kleider, aber die Bäume summen nur stumm. Hier am Berliner Stadtrand gibt es keine Jäger. Der Schwan putzt sich und der See gurgelt leise und grün. Es ist ganz still. Ich schwimme langsam tiefer und tiefer in das stille Grün hinein und denke an meine Großmutter, die hier mit mir schwamm, immer war sie schneller, aber niemals war sie stumm, immer legte sie mir neue Wörter in den Mund und ließ mich probieren, sie die großzügigste Liebhaberin der deutschen Sprache hielt nichts zurück vor mir und neben mir nicht nur im See ist die sich täglich vergrößernde Lücke ihrer Abwesenheit und ich wünschte, sie schwömme noch einmal neben mir. Aber sie kommt nicht und schließlich wate ich ans Ufer zurück. Mein Handtuch ist grün wie der See und meine Hände sind immer kalt.

 
7 AM: Ich ernte Johannisbeeren im Garten und meine alte Freundin die Wildtaube pickt Rosinen und unterhält mich mit Neuigkeiten aus der Gartenwelt und Nachbarschaft. Den gelben Eimer mit roten und schwarzen Johannisbeeren bekommen die Nachbarn und die blau-weiß gestreifte Schüssel mit Beeren auf dem Tisch bleibt bei uns. Die Biokiste kommt und ich freue mich. Die Biokiste macht mich immer wieder froh. Für einen Moment sitze ich auf der Bank und sehe in den stillen Garten. Der Garten atmet leise ein und aus wie der Tierarzt oben in die dünne Sommerdecke gewickelt.

8AM Der Tierarzt wickelt sich in meinen Bademantel, der ihm etwa bis zum Bauchnabel reicht und seufzt behaglich. Der Tierarzt hegt eine etwas seltsame Obsession zu meinem alten Bademantel und welch Glück, dass die Frau des Krämers nicht sehen kann, dass der Tierarzt zum allen Überfluss indische Schnabelschuhe an den Füßen trägt und unter dem Bademantel eine Kurta anhat. „Fräulein Read On“ schrie sie, was machen sie nur mit unserem Tierarzt?“ Ich zuckte die Schultern und verwiese auf die Bequemlichkeit der Schnabelschuhe. Neben meinem Bademantel hat der Tierarzt warmen Sanddornsaft für sich entdeckt. Mich kann man mit Sanddorn jagen, aber der Tierarzt schlürft mit sichtlichem Wohlgefallen täglich zwei Gläser und ich bin fassungslos vor Wunder und Glück.

11 AM Nach einem Vortrag über, wer wunderte sich noch- Aufklärung als Präventionsmittel für eine große internationale Organisation belehrt mich ein Mann über das richtige Einführen eines Tampons in langer Ausführlichkeit. Er erzählt etwas von Beschleunigung und hygienischer Ausrichtung aber leider kommt er meinem Vorschlag mir das ganze auf der Toilette doch zu demonstrieren nicht nach, sondern entschuldigt sich mit einem „dringenden Termin.“ Ich bin enttäuscht, nicht einmal mehr auf einen Mansplainer ist Verlass.

4PM Ich breche den Versuch ab ein Sommerkleid zu erstehen, frustriert ab. Es ist erstaunlich wie ein simples Kleid mit Zitrone bedruckt jemanden wie mich entstellen kann. Das Spiegelbild fördert ein so entsetzliches Bild zu Tage, dass ich auf der Stelle in Tränen ausbrechen könnte zu Tage. Ich schüttle mich vor mir selbst und hänge das Kleid zurück auf den Bügel.
Dann kaufe ich Kalbsalsiccia und T-Bone Steaks, denn der F. und zwei weitere Freunde wollen abends zum Grillen im Garten vorbeisehen. Ich meide alle Spiegel und schleppe mich gebückt zurück nach Haus.

 
6.30 PM Der Tierarzt ist am Telefon. Er spricht mit der Mali-Tant. Die Mali-Tant hat ungefähr 7 Englische Vokabeln und der Tierarzt zwanzig deutsche Wörter zur Verfügung. Der Tierarzt flötet „Mali-Darling“ und die Mali-Tant haucht: „Tierarzt Sweetheart“ und die beiden kichern und trillern und der Tierarzt säuselt als hätte er sich ein Honigfass einverleibt. Die Mali-Tanz zwitschert wie sonst nur nach dem dritten Glas Champagner und mit sichtlichem Bedauern und vielfachen in die Hörer geschnalzten Luftküssen, reicht der Tierarzt das Telefon an mich weiter. „Read On“ sagt die Mali-Tant weißt, wenn ich den Jean nicht hät, ich tät dir den Tierarzt glatt abnehmen. „Wie außerordentlich zuvorkommend von Dir Mali-Tant“, sage ich und die Mali-Tant schimpft mich eine fade Blunzen. Als ich auflege, stapelt der Tierarzt gerade Geschirr auf das schwarze Lacktablett. „Weißt Du Mädchen, sagt er, wenn die Mali-Tant den Jean nicht hätte, ich glaube ich würde schwach werden.“ „Oh“, sage ich, dann will ich einmal hoffen, dass der Jean noch lange lebt. „Deinen Bademantel“, sagt der Tierarzt, aber würde ich mitnehmen nach Wien.“ Aha, erwidere ich, nur du wirst dich mit F. dem liebenswürdigen, ehemaligen geschätzten Gefährten einigen müssen, denn er hat vor Jahr und Tag schon den Bademantel zu seinem persönlichen Erbstück erklärt.“ Der Tierarzt zieht einen Flunsch. „Oh dear.“

 
8 PM: Der F. grillt, der Tierarzt steckt die Lampions an. Der J. und die B. streiten über das Dieselauto der abwesenden G. Die Y. erzählt von einer Wanderung durch Portugal, ich esse grüne Chillies und als alle essen und lachen und die alte Freundin Wildtaube sich zu uns setzt unter die Lampions und die Mückenkerzen, da stehe ich auf und gehe nach oben, um die zwei täglichen Karten an Mesale Tolu und Deniz Yücel zu schreiben, in einem zusammengesetzten Türkisch aus dem PONS Intensivkurs „Türkisch in vier Wochen“ und diversen Wörterbüchern. Peinlich und verlegen macht mich das und ich muss mich ermahnen nicht nachzugeben. Auf dem Fensterbrett steht ein Bild meiner Großmutter und ich sehe sie an. „Komm doch zurück“ will ich ihr sagen, komm doch zurück“, doch sie sieht schweigend zu mir herüber und dann kommt der Tierarzt ins Zimmer und legt mir die Hand auf die Schulter: „Mädchen kommst du zurück?“ Ich nicke und klebe die Briefmarken auf die Karten. Dann gehe ich zurück in den Garten. Der J. und die B. streiten darüber, ob ein Glühwürmchen zwischen den Gläsern tanzte, der F. grillt Pfirsiche und meine alte Freundin Wildtaube nickt mir zu.

Franz Kafka. Der ganze Prozess.

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Am späten Vormittag gehe ich die Stufen hinauf. Martin-Gropius Bau, einen Steinwurf entfernt vom Potsdamer Platz und im Treppenaufgang hängt ein Plakat: Kafka. Der ganze Prozess. Der Martin Gropius Bau ist wie alles in Berlin ironisch gebrochen, denn man soll ja merken, dass man hier in Berlin ist und in Berlin ist immer alles ironisch gebrochen und deswegen gibt es immer irgendwo Neonröhren und Sinnsprüche, die immer einen doppelten Boden haben sollen und natürlich auch ironisch sind. Die Deutschen haben ein Bewusstsein und es ist ein historisches Bewusstsein und immer auch ironisch. Deswegen erklären die Deutschen mir immer, dass Auschwitz wirklich schlimm gewesen sei und dann erklären die Deutschen mir, was an Israels Politik alles falsch ist. Das ist der einzige Moment, wenn die Deutschen nicht mehr ironisch sind, sondern sehr ernst und ich als Jude bin ja sowieso insbesondere in Berlin-Mitte ein ewiger Vorwurf. So ist das nämlich und immer flackern die Installationen ein bisschen nervös. So viele Juden kommen aber gar nicht mehr nach Berlin-Mitte und wenn dann eher selten in den Gropius-Bau, aber man weiß ja nie und besser die Ironie ist schon einmal da. Ironie auf Rezept sozusagen und dann stehe ich in einem dunklen Raum und der Raum hat 18 Grad, das sagt das Schild, denn hier wird Papier konserviert und dann steht man einfach so vor den Manuskriptseiten und es ist Franz Kafka, der da vor einem liegt, Franz Kafkas Prozess, lauter eng beschriebene Seiten, gelblich schon ist das Papier. Allein bin ich nicht. Eine Schulklasse ist mit mir im Raum und die Schulklasse findet das alles sehr öde. Warum sollen sie hier stehen in einem dunklen Raum voller Papier. Die Lehrerin macht immer psst und pscht. Und dann: „Ruhe jetzt“ und „Benehmt euch“ und das alles ist gar nicht ironisch und die Lehrerin ist nervös, denn so viel Papier und noch dazu eng beschrieben, ist doch eine Zumutung und museumspädagogisch aufbereitet ist das alles auch nicht. Da sind einfach Vitrinen und dann ist da dieser Text. „Scheiße“ ruft ein Schüler und sein Käppi fällt runter und das ist auch blöd und die Schrift kann keine Sau lesen und die Lehrerin will doch endlich, dass Ruhe ist und im Nebenraum läuft ein Film. Der heißt auch „Der Prozess“, aber der Film ist in schwarz-weiß und niemand auch die Lehrerin nicht, kennt Orson Wells und die Schüler kennen Jeanne Moreau nicht und der Film ist auf Englisch und die deutschen Untertitel sind nicht ganz synchron und der Film ist überhaupt unverständlich und auch blöd und die Lehrerin rennt zwischen den Vitrinen und dem Filmvorführraum hin-und her und schreit: „Aber Schluss jetzt“ und „Ruhe“ und „pscht.“ Ich stehe noch immer vor der ersten Vitrine und der Junge mit dem Käppi, sagt: „Ey voll die Scheiße, ey“und „die Kack Schrift“ und dann stehe ich da und sehe auf die Buchstaben und dann lese ich einfach vor, diesen Satz, den ich schon so oft gelesen habe, aber noch nie von diesem Blatt Papier, da vor mir in der Vitrine. „Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne daß er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet. Der Junge mit dem Käppi starrt mich an und ich lese einfach weiter, denn da liegt ja jener Text, dieser Text, den ich nie vergessen kann, dieser Text dem ich nicht ausweichen kann und der für mich niemals Ironie war und ich lese: Die Köchin der Frau Grubach seiner Zimmervermieterin, die ihm jeden Tag gegen acht Uhr früh das Frühstück brachte, kam diesmal nicht. Der Junge mit dem Käppi ruft: „Ey Serkan, Aylin, Timo, ey Leute kommt ma rüber, die kann das echt lesen“- und die Schulkollegen kommen und wir stehen vor den Vitrinen und ich lese von K. der nicht weiß wie ihm geschieht an diesem Morgen und die alte Nachbarin vom Fenster gegenüber und dann sind die Fremden in der Wohnung und Josef K. weiß nicht wie ihm geschieht und schon ist die erste Seite gelesen und fast synchron rücken wir weiter, denn das Mädchen neben mir, sagt: „voll krass, das alles.“ Und hat sie nicht Recht, denn Josef K. wird ja wirklich verhaftet an diesem Morgen und dann sucht K. seine Legitimationspapiere und findet in der Eile nur seine Radfahrlegitimation und ich überlege ob ich den Mädchen und Jungen neben mir wohl erklären muss, was Legitimationspapiere eigentlich sind, aber die Schüler sind ganz still und dann sagt der Junge mit dem Käppi: „Mein Freund hier hat auch keinen Pass.“ Der Freund auf den das zutrifft, ist ein blasser, dünner Junge und starrt auf das Papier in der Vitrine. Und nichts ist ironisch und gar nichts ist gut, hier in Berlin, 2017 und da hier vor uns ist Franz Kafka und das ist der ganze Prozess und Kafka, nein, den muss man nicht erklären, der ist immer völlig klar. Josef K. kann nicht beweisen, dass er unschuldig ist und die Schüler drängen mich weiter, ich soll weiterlesen, denn jetzt nämlich gehört ihnen diese Geschichte, diese Blätter da gelb und eng beschrieben in der Vitrine und ich lese vor und lese immer weiter und einmal wandern wir gemeinsam um die Vitrinen herum und die Schüler sind atemlos, weil die Geschichte einen aus den Fugen hebt, das ist Kafka, dieser Franz Kafka, der Jude Kafka, dem es immer ernst war und dann sind wir angekommen am Ende, an dem die Geschichte abbricht: „Wie ein Hund!“ sagte er, es war, als sollte die Scham ihn überleben.“ Die Schüler klatschen, aber nicht für mich, sondern für Franz Kafka, der ja da vor uns liegt und schrieb, wer hat denn je so um sein Leben geschrieben wie Franz Kafka? Und die Schüler applaudieren jenem Franz Kafka und die Lehrerin kommt und die Lehrerin ruft: Psst! Und „Ruhe jetzt“ und der Schüler mit dem Käppi sagt: „Die Frau kann das alles lesen.“ Die Lehrerin sieht mich an und will sich entschuldigen, dabei weiß ich nicht einmal wofür, denn Texte sind ja dazu da, dass man sie liest, wozu denn sonst und die Schüler reden ja schon über diesen Text den sie eben nur nicht lesen konnten. „Ihr sei Kafka immer zu ironisch gewesen, sagt sie und dann sagt sie: eben kafkaesk. „Gerade nicht, sage ich“ und sie sieht mich erstaunt an.

Der Junge mit dem Käppi schwenkt sein Telefon und hat den Prozess heruntergeladen und dann kommt er zu mir und sagt: „Das ist mein erstes eigenes Buch.“ Ich gratuliere und versichere ihm, dem strahlenden, jungen Mann, dass es kein besseres, erstes Buch gäbe, als den Prozess und dass ich mir vorstellen könnte, dass ihm auch das Schloß gefiele und er lächelt und fängt an zu lesen.

Ich lächle mit und noch einmal stehe ich vor der Vitrine und sehe mich, ein bisschen jünger war ich, als die Schüler, da schickte mir meine Großmutter ein Buch ins Land A., „Franz Kafka, Der Prozess“ und alles veränderte sich und ich war eine Andere geworden.

Alle Zitate aus: Franz Kafka, Der Proceß, Frankfurt am Main 2002, S.7 und S. 312.

12 Bilder, ein Tag, Berlin.

See im Sonnenschein. Die Sonne putzt sich nur die Zähne. #1v12 #12von12 #schwimmen #swimming #nature #outdoors #berlin

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Wie viele Tage beginnt auch dieser Tag mit viel Gegähne, einem Handtuch über den Schultern und dem Weg zum See. Was hier so idyllisch aussieht, kann nur eine Täuschung sein. Im Wasser ertranken während ich schwamm fünf Wespen und über mir kreisten sieben, gewaltige Krähen. Sollte mich der Nöck morgen früh am Bein zu sich herunterziehen: es hat mich sehr gefreut.

Biokistenglück sortiert. #2von12 #12von12 #ökodorfbrodowin #biokiste #biokistenglück

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Mittwoch ist Biokistentag und Biokistentage sind immer glückliche Tage. Mein Missionseifer ist denkbar gering, aber haben Sie eigentlich schon eine Biokiste?

Nach der Nachbarschaftshilfe ist vor dem Eis. #3v12 #12v12 #magnumfürimmer #lieblingsnachbarn #iceicebaby #magnum

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Die Lieblingsnachbarn brauchen Hilfe und das Fräulein bekommt im Gegenzug den neuesten Nachbarschaftstratsch und ein Eis. What is not to like?

Süßer Brei mit Pflaumen. #4v12 #12v12 #grieskoch #pflaumen #alltagsessen

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Der ehemalige, geschätzte Gefährte, der liebenswürdige F. hat eine lange OP-Liste vor sich und wer eine lange OP-Liste vor sich hat, bekommt fast jeden Wunsch erfüllt und der F. findet, nichts stärke vor einer OP so wie ein Grießkoch mit Kompott und ich nicke treu. Manchmal wünscht sich der F. nämlich auch Fruchtsuppe und das mag ich noch weniger als den süßen Brei. Der F. aber ist selig.

Zeitung mit Regenbegleitung. #5v12 #12v12 #papieristmeingemüse #printprodukt #sommeraufdembalkon

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Berlin lässt kein Heimweh nach Irland aufkommen und so regnet es, aber der Balkon ist mit dichtem Weinlaub gut geschützt und nur meine großen Hobbit-Füße werden nass. In der Zeitung steht, dass Neo dick war und kein angenehmer Mensch ( kein Zusammenhang ) und Spiderman 6 sei große Klasse.( Ich kenne nicht mal Spiderman 1) also kann ich das nicht weiter verifizieren.

Das Fräulein kauft Karten, denn es schreibt weiter Karten an Deniz Yücel und inzwischen auch an Mesale Tolu und im Buchladen gibt es Kafka-Karten. Seligkeit, einer ansonsten traurigen Tatsache, noch immer sind Journalisten in der Türkei nahezu rechtlos und den Verdächtigungen Erdogans ausgeliefert.

Klavierstunde. #7v12 #12v12 #klavier #musik #einegrosseliebe

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Das Fräulein übt Klavier. Es ist ein Trauerspiel.

Frühlingsrollen gehen auch im Sommer, der sich wie November gibt prima. #8v12 #12v12 #dinner #vegetables

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Schon wieder wird gegessen. Frühlingsrollen, die eher an Backsteinquader erinnern, aber ich mag das sehr gern, nur die Soja-Wasabi Mischung missfällt. Aber ich weiß nicht genau warum. Seltsam.

Dann heißt es Karten schreiben. Ich stümpere immer ein Bild für das Kind von Mesale Tolu. zusammen.Kinder sollten ja überall sein, nur nicht im Gefängnis, aber in der neunen Türkei spielt das keine Rolle, deswegen eine Karte gegen die grauen Mauern.

Tagesordnungspunkt Karten schreiben II. Karte Nummer 121 für Deniz. #schreibdeniz #freedeniz #10v12 #12von12

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Die zweite Karte ist immer eine Karte an Deniz und von den Nummern, die ja immer für einen, neuen Tag stehen, wird mir schwindlig. Ich versuche und es fällt mir schwer und behagt mir nicht, denn ich kann kein Türkisch, irgendwie auf Türkisch zu schreiben, vielleicht kommt so eine Karte einmal ans Ziel? Heute Franz Kafkas erste beide Sätze aus der Verwandlung und schlimmes Radebrechen über Kafka darunter. Oy vey.

Zurück nach Ulverton. #11v12 #12von12 #nowreading #adamthorpe #ulverton #books

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Ich bin schwer begeiestert von Adam Thorpe’s Ulverton, wie konnte dieser Autor so lange völlig an mir vorbeigehen. Sehr großartig!

Das fast kopflose Fräulein winkt Ihnen: Gute Nacht. #12von12 #nitenite

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Das fast kopflose Fräulein wünscht eine gute Nacht und winkt.

Mehr Tage und mehr Bilder gibt es wie immer bei Caro.

Der kanadische Sägefisch

„Wie war es in Canada?“, frage ich den Tierarzt, der in Tegel in meine Arme läuft. Der Tierarzt gähnt und kaum liegt die große Stadt Berlin hinter uns, schläft der Tierarzt tief und fest. Der Tierarzt schläft auch noch als ich in der Aufklärungssprechstunde erkläre, dass Fidgetspinner auf gar keinen Fall irgendeine potzenssteigernde Wirkung entfalten können und als die liebe C. die Praxisttür endgültig zuschließt und wir auf dem Marktplatz sitzen und Eis bei Familie Zingarelli essen, kommt auch der Tierarzt zu sich und zu uns herunter. Signora Zingarelli überreicht dem Tierarzt eine Waffel mit ihrem berühmten Schokoladeneis. Der Tierarzt ist wohl einzige Mensch auf der lieben, weiten Welt, der ein Eis der Familie Zingarelli mit etwas anderem als Wohlwollen betrachtet. Über den Kirchttürmen geht die Sonne langsam unter. Die Sonne ist ein dunkelroter, glühender Ball. Der Tierarzt sagt: „In Canada sind die Sonnenuntergänge viel spektakulärer.“ Mehr erfahren wir an diesem Abend nicht über Canada, denn die liebe C. und ich wir sind wirklich sehr müde. Am Samstag fahren der Tierarzt und ich mit dem Oldsmobile zurück nach Berlin. Wir fahren über Landstraßen weil ich das lieber mag und außerdem kann man dann anhalten und auf wogende Weizenfelder sehen und Erdbeeren am Straßenrand kaufen. So tuckern wir durch die Gegend. „In Canada“ sagt der Tierarzt sind die Straßen viel breiter. Die Straße unter uns holpert beachtlich, denn wir fahren durch einen Ort in dem noch altes Kopfsteinpflaster liegt. Dann halte ich an und wir sehen auf ein Weizenfeld. Die Halme rascheln, Kornblumen und Mohn blüht und ich glaube in der Ferne hoppelt ein Hase. Der Tierarzt sagt: Weißt Du in Canada“, da sind die Felder so groß wie die Stadt Berlin.“ Ich nicke ehrfurchtsvoll. Dann man soll dem Deutschlandbesucher ja großes Kulturgut nicht vorenthalten, singe ich für den Tierarzt und vielleicht auch den Feldhasen: Ein Bett im Kornfeld „Leider nimmt der Tierarzt meine Darbietung nicht zum Anlass mit mir ins Weizenfeld zu fallen. Vielleicht muss ich eine Gitarre in den Kofferraum des Oldsmobile legen? Doch der der Tierarzt sich schon um: „ Die Mähdrescher, Mädchen sind in Canada viel höher als hier, ungefähr so hoch wie der Kirchturm.“ Der Kirchturm ist aus Backstein und oben auf dem Turm hat ein Storchenpaar Quartier genommen. Dann fahren wir zurück in die große Stadt Berlin. Der Tierarzt sitzt im Garten und liest. Ich rupfe Unkraut und ernte Kirschen. „Ach, sage ich Tierarzt sieh: die Kröte, langjährige Untermieterin hier im Garten ist zurückgekehrt“ und adrett hüpft die Kröte in das steinerne Bassin und nimmt ein Bad. Ich bin entzückt und die alte Gießkanne ist wirklich ein vortreffliches Krötenhotel. Der Tierarzt sieht auf die Kröte und sieht mich mitleidig an: „In Canada gibt es ja noch richtige Wildtiere. Da kommst du morgens in den Garten und ein Braunbär tollt im Gras.“ Oder ein Seeadler baut sich ein Nest und in einer Tannenschonung leben Elche.“ Die Erdkröte quakt spöttisch und meine alte Freundin die Wildtaube und ich verdrehen die Augen. Dann koche ich Erdbeermarmelade. Am nächsten Morgen fahren mit dem Rad zweimal links, einmal rechts und dann geradeaus zum Schlachtensee. Der See liegt und kühl und dunkel vor uns. „In Canada“ sagt der Tierarzt sind die Seen so groß , dass man nicht einmal wenn man ein ganzes Jahr lang schwömme einen solchen See durchqueren könnte.“ Ich hüpfe ins Wasser. „In Canada fährt der Tierarzt fort und fischt eine kleine Alge aus dem Wasser sind die Seen klar bis auf den Grund. Aber ich höre schon nicht mehr zu, sondern schwimme einfach los. Der Tierarzt zetert und kreischt über das kalte Wasser und wäre nicht plötzlich der Schwan, der auf dem Schlachtensee wohnt keckernd über ihn hinweggeflogen, so dass der Tierarzt einfach ins Wasser fiel, so stünde der Tierarzt wohl immer noch zeternd am Ufer. „In Canada“ sagt er missmutig als er mich endlich einholt, „da warten die Mädchen und schwimmen nicht einfach weg.“ „Ach sage ich, machen das die kanadischen Mädchen, ja?“ Der Tierarzt schweigt lieber und eine ganze Weile schwimmen so langhin. „In Canada“ sagt der Tierarzt sind die Seen natürlich von dichten Wäldern umgeben, so dass das Wasser bläulich schimmert. Natürlich sind die Ahornbäume nicht so mickrig wie diese hier, sondern der kanadische Ahorn ist ein G*tt unter den ohnehin so imposanten Bäumen. „Hmm, hmmm, hmmm,“ mache ich und paddle auf dem Rücken. Natürlich ist auch das Schilf dichter, die Schwäne haben zwei Meter lange Schwingen und Schuhgröße 49 und die Paddelboote der Canadier können sogar durchs Eismeer gleiten. In den kanadischen Seen sind die Fische so zahlreich, dass der hungrige Canadier nur einmal ins Wasser greift und schon hält er sieben Lachsforellen in den Händen. „Sag Mädchen, gibt es denn auch in diesem See, Fische? „Ach Tierarzt“ sage ich, wo du gerade von Fischen sprichst, hier tief unten auf dem Grund des Sees, wo der Nöck regiert auf seinem Muschelthron, da lebt auch ein sehr, sehr alter Sägefisch. Dieser Sägefisch die Chronisten sagen, er sei vor vielen, vielen Jahren in Canada geboren worden und auf Umwegen, die jetzt nur schwer erläutert werden können, denn die Angelegenheit ist lang und verworren, nach Berlin gekommen, er berät den Nöck in Regierunsgfragen, kennt die Gesetze des Sees wie kein zweiter und an sommerhellen Tagen wie diesem, da treibt er still wie ein Schatten dicht unter der Oberfläche des Sees und belauscht die Gespräche der Schwimmer und Ruderer und berichtet dem Nöck.“Der Tierarzt zieht eine Augenbraue nach oben. „Nie kann man dich ernsthaft etwas fragen“, knurrt er und sieht doch immer mal wieder angestrengt ins Wasser. Dann schwimmen wir ans Ufer zurück und ich lasse den Tierarzt an mir vorbeiziehen. „Als er wieder ansetzt und sagt: „Also in Canada“ da fährt etwas, ich vermute der Sägefisch- ich würde ja niemals untertauchen und den Tierarzt am Zeh kitzeln- aber so ein kanadischer Sägefisch hat natürlich Schneid- dem Tierarzt unter den Fuß. Der Tierarzt kreischt, schlägt mit den Armen um sich, strampelt mit den Beinen und schnell wie ein Blitz hechtet der Tierarzt ans Ufer. „Mädchen“ schreit er wie von Sinnen: „der Sägefisch hat mich gebissen“. Ich huste in mein Handtuch und nicke bedauernd. „Weißt Du Tierarzt“ sage ich, „die Macht des Muschelthrons ist unergründlich.“
Zurück im Garten telefoniert der Tierarzt mit meiner lieben C. „ Nein, sagt die liebe C. von einem kanadischen Sägefisch sei sie noch nie gebissen worden.“ Der Tierarzt sieht streng zu mir herüber. Ich mache mein unschuldigstes Fräuleingesicht und reiche dem Tierarzt die Erdbeermarmelade an. Aber der Tierarzt erzählt der C. wie eine gewaltige, dunke Faust mit stumpfen Zähnen sich um seinen Knöchel geschlossen habe, einzig von dem Willen beseelt ihn nach unten in die Tiefe zu ziehen. Ich streue meiner alten Freundin Wildtaube Rosinen hin und sie zwinkert mir zu.

In der Schlange vor Kasse Sieben

Gestern Abend, spät war es schon und ich arg müde nach einem langen Tag und dem späten Flug zurück nach Berlin, da entschied ich mich doch noch auf einen Sprung in den Supermarkt am Zoologischen Garten zu gehen, denn ich kenne mich schon und weiß wie unleidlich ich bin, habe ich am Morgen keine Milch im Haus. Die Stimmung im Supermarkt ist gereizt. Zwei Touristen haben mit ihren Everest-Reise-Tornistern einen Karton Limonade von einem Stapel gefegt und auf dem Boden breitet sich ein klebriger Limonadensee gespickt mit Glassplittern aus. Die Touristen mit ihren Rucksäcken, die wohl auch Bäume fällen könnten, haben das Drama nicht einmal bemerkt, wohl aber der Marktleiter. Der schreit: „Aber hallo, sofort stehengeblieben.“ Eine Ader pulsiert drohend an seiner Schläfe, er verliert die Contenance und kann nur noch bellen. Dann verlässt er den Tatort und schon knarzt es drohend durch den Marktlautsprecher: „Frau Tesche zum Aufwischen.“ Frau Tesche eine ältliche, etwas untersetzte Frau kommt mit Zellstoffpapier und einem Eimer herbeigehechtet und beginnt die Sauerei aufzuwischen. „Ick hab schon janz andere Scheiße uffgejewischt“, sagt sie zu den Touristen, die bedeppert neben ihr stehen. Frau Tesche hat zwar wasserstoffblondes Haar und sehr lange Fingernägel mit Leopardenprint, aber sie ist bestimmt schon 65 Jahre alt und sehr wahrscheinlich reicht die Rente nicht und die Männer auf die ist wohl auch kein Verlass mehr. Vielleicht hat der Sohn auch Schulden oder die Tochter ist mit dem Bubble-Tea Laden pleite gegangen. Frau Tesche jedenfalls klaubt Scherben zusammen und wischt den Limonadensee auf. Ich drücke mich an zwei Männern vorbei die Centstücke zählen und wohl ausrechnen, ob die Münzen für zwei Flaschen Bier reichen. Dann kaufe ich eine Flasche Milch und zwei Becher Joghurt und stelle mich an eine Kasse an. Auch hier ist die Stimmung nicht gut. Eine Frau hat in ihrer Einkaufstasche mehr Sachen als auf dem Band liegen und der Kassierer, der eigentlich nur die Tomaten noch einmal über das Band ziehen wollte, ist ihr auf die Schliche gekommen. Jetzt rauft er sich das Haar und deklamiert: „Ick fass es nicht.“ Dit is ne Riesensauerei.“ Ich weiß nicht ob Frau Tesche ihm hier zustimmen würde. Jedenfalls schreit er in das quietschende Kassenmikrofon: „Marktleiter, Marktleiter sofort zur Kassen Sieben.“ Seine Stimme überschlägt sich fast und das Kassenmikrofon kreischt so wie ich mir den Gesang der Erinnyen vorstelle. Vom Marktleiter indes keine Spur. Wahrscheinlich sitzt er vor einem Ventilator im Marktleiterbüro, nimmt Magentabletten und hustet böse über sein Schicksal, das ihm beständig Touristen und Trinker beschert. Die Frau vorn an der Kasse, die wohl Eier und Brot und auch einen Kohlkopf auf das Band getan hat, aber Fleisch und Gemüse in eine dunkelbraune, zerbeulte Tasche gestopft hat, steht mit gesenktem Blick an der Kasse und starrt auf ihre Schuhe, die ebenso zerbeult sind wie ihre Tasche. „Hören Sie, sage ich zum Kassierer, denn ich bin müde, wirklich müde und öffentliche Tribunale mag ich auch nicht, ich bezahle die Dinge ja?“ Aber der Kassierer starrt mich böse an: „Dit is ne Riesensauerei“, hebt er wieder an und rudert mit den Armen. „Dit wird uffjeklärt.“ Andere Kunden protestieren auch. „Da könnte ja jeder kommen“ und „Schnauze, Sie Gutmensch. Ich aber bin ja nur sehr müde, auch sehr müde daran, dass ein Exempel immer dann statuiert werden soll, wo keines ist, sondern nur traurige Geschichten liegen, vor denen ich mich fürchte. Geschichten von denen ich mit Biomilch und Biojoghurt und einer Gemüsekiste am Samstag und einem gefüllten Vorratsschrank nichts wissen muss, aber doch einiges weiß. Der Mann, der besonders laut pöbelt, ist mehr als nur gut genährt und die Fleischbeutel in seiner Hand und der teure Schnaps sind eine andere Kategorie als die dünnen Plastiktüten der Frau an der Kasse. Der Kassierer schreit noch immer nach dem Marktleiter, da dreht ein Mann, der direkt vor mir steht sich zu mir um. „Ich würde auch was geben“, sagt er und lächelt schüchtern. Er sieht so aus, als müsse er sich erst erinnern, wie das geht mit dem Lächeln. Auf dem Einkaufsband liegen zwei Flaschen Sekt, verschiedene Tafeln Schogetten und vielleicht zwanzig Becher mit Maggi-Instantnudeln. „Mysterious Asia“ oder „Flavourful India“ oder so ähnlich steht auf den Bechern, auf deren Deckel ein roter Drachen einen Hauch Exotik vermitteln soll. „Sie mögen indisches Essen?“, frage ich ihn und der Mann wird rot. Er muss sich nicht nur an das Lächeln erinnern, sondern auch daran wie man spricht, wird man gefragt. Er nickt. „Er träume davon einmal nach Indien oder Thailand oder China, am liebsten aber nach Shanghai zu fahren.“ Dann aber reibt er den Daumen gegen den Zeigefinger, so als zähle er Geld. „Es reicht nicht“, sagt er und ich nicke. Außerdem könne er nicht weg, wegen seiner Mutter, die ist bettlägerig und er könne sie nicht mehr länger als ein paar Stunden allein lassen. „Ob ich, fasst er sich ein Herz, schon einmal in Asien gewesen sei?“ Ich nicke und deute auf die indisch inspirierten Maggibecher. „Indien, sage ich, immer wieder Indien.“ Dann erzähle ich ihm wie ich damals in Indien bei Frau Rajasthani am Küchentisch zum ersten Mal scharfen Reis gegessen habe und vor Überraschung über die plötzliche Schärfe erst anfing zu husten und dann zu tanzen, um die Schärfe abzuschütteln. Noch heute schütteln sich die Nachbarn, die durch die offenen Balkone hereinsahen und mich wirbeln sahen wie einen Derwisch darüber wie ich den scharfen Reis entdeckte. Der Mann muss auch lachen. Ein offenes, herzliches Lachen. „Er äße sehr gern scharf“ sagt er und ich nicke und denke an Frau Rajasthani in ihrer Küche, die immer offen ist für Gäste und die mit einem bestimmten: „Accha!“ die Kinder, ihren Mann und mich mit einer dampfenden Schale voll Reis, Dhal und was immer eben gerade im Topf schmort, herunterschickt, damit auch der Mann die Plastikflaschen sammelt satt wird. Accha! Hier im Supermarkt aber wird die Schlange länger, die Stimmung gereizter und der Marktleiter bleibt noch immer verschwunden. Der Kassierer ist krebsrot im Gesicht und auch sein Rufen nach einer „zweiten Kasse“ verhallt ungehört in den Supermarktgängen. Frau Tesche ist ja auch mit dem Limonadensee befasst. „Ich versuche es noch einmal und sage, „Ich bezahle das jetzt.“ Der Kassierer gibt endlich nach, wohl weniger meinem Blick als dem drohenden Gebräu der unzufriedenen Kunden und dem abwesenden Marktleiter geschuldet. „Nun jeben se schon her“, blafft er die Frau an, die scheu und ebenso rot wie er, die Beutel aus der Tasche auf das Band legt. 9 Euro 58 beträgt der Wert des Diebesgutes. Gehacktes, zwei Auberginen, eine Rispe Tomaten und Kartoffeln. Der Mann mit den Maggi-Packungen legt fünf Euro zu den Sachen der Frau. Sie packt die Sachen hastig in die zerbeulte Tasche und nickt uns flüchtig zu, schon verschwindet sie in der Menge. Der Mann bezahlt und endlich ich auch meine Flasche Milch. „Es hat mich sehr gefreut“, sage ich und nun ist er auch sehr rot. Namasté. Dann laufe ich wirklich müde die Treppen zur S-Bahn hinauf und mache die Augen erst wieder auf, als die S-Bahn quietschend den kleinen Vorort im äußersten Südwesten Berlins erreicht.