Verantwortungsvoll

In Deutschland wird eine Redewendung sehr oft bemüht, wann immer man sich in Deutschland mit dem Antisemitismus zu befassen hat und die Redewendung ist immer gleich. Sie geht so: „Wir tragen Verantwortung dafür, uns schützend vor jüdisches Leben zu stellen.“ Oder „Wir haben keine Schuld, aber eine besondere Verantwortung. „Oder Jüdisches Leben gehört selbstverständlich zu Deutschland. Das steht unter unserem besonderen Schutz.“

Vielleicht fühlen sich diejenigen und es gibt in Deutschland bekanntlich viel mehr Träger von einer besonderen Verantwortung als Juden schon beim Aufsagen dieser Sätze besonders verantwortungstragend und zuversichtlich. Das weiß ich nicht. Aber ich halte den Satz oder die Variationen dieses Satzes für falsch, für ermüdend und für die Umkehrung der simplen Tatsache, dass niemand in Deutschland Verantwortung für jüdisches Leben übernimmt als die Juden selbst.

Die Verantwortung dafür, dass es jüdisches Leben in Deutschland gibt, so verschwindend klein es auch ist, liegt bei den Juden. Bei den Juden, die zurückkehrten in das Land der Täter und der toten Familien. Sie lag bei den Juden, die eine Minyan bildeten als die Synagogen ausgebrannt waren, sie lag bei den Juden, die die Täter grüßten und die dennoch das gleiche Treppenhaus nutzten. Was sollten sie auch anderes tun. Die Verantwortung dafür, dass es wieder jüdisches Leben gibt in Deutschland lag bei den Überlebenden in den DP Camps, die Theater spielten und einen Hakoah Schwandorf begründeten. Die Verantwortung für jüdisches Leben trugen Juden wie meine Großeltern, die zurückkehrten aus Israel, weil sie das Heimweh nicht ertrugen. Das Judentum noch in Deutschland lebt, liegt auch an meiner Großmutter, der preußischsten unter den deutschen Juden, die nicht aufhörte deutscher Jude zu sein. Die Verantwortung lag bei meinem Großvater, der Jiddisch sprach und am Freitag Abend rasierte er sich vor dem Shabbat. Die Verantwortung für jüdisches Leben liegt bei all den Juden, die in Deutschland leben und die am Freitag Morgen Challah backen oder auch nicht, die nicht mehr zur Shul laufen können, weil es keine Shul mehr in Laufweite gibt und die trotzdem in die Synagoge gehen und die alten Geschichten wiedererzählen und streiten über Jaakob und Jospeh und im Frühjahr auch immer wieder darüber ob Spargel kosher ist. Die Verantwortung für jüdisches Leben in Deutschland übernehmen alle Eltern jüdischer Kinder, die ihre Kinder in den jüdischen Kindergarten schicken, obwohl die Polizei vor der Tür stehen muss, weil das die deutsche Realität ist und trotzdem trauen die Eltern sich und ihren Kindern das zu. Dass die Kinder sich nicht nur an die Polizei erinnern, sondern an das Treidel-Spiel vor Chanukkah oder an den Ausflug zum Wannsee. Die Verantwortung dafür, dass es jüdisches Leben gibt, liegt bei allen Juden in Deutschland, die immer noch die gleichen Witze erzählen:

Kennen Sie den?: Kohn gibt auf der Post ein Telegramm an seinen Geschäftspartner Grün auf. „Akzeptiere ihr Angebot. Hochachtungsvoll.Kohn. Der Postbeamte sagt: „Das Hochachtungsvoll können sie weglassen!“Kohn erstaunt: „Wie Sie kennen den Grün auch?“

Die Verantwortung dafür, dass es noch immer jüdisches Leben gibt, liegt nicht darin, dass sie bereit sind einem Auschwitz-Überlebenden eine Schulstunde lang zuzuhören, sondern daran, dass die Überlebenden an ein Leben nach Auschwitz glauben wollten. Und wir übernehmen die Verantwortung für die Trauer, die immer da ist, für die Wut, die Tränen, für die Großmütter, die mit dem Kleiderbügel auf sich einschlagen und für die Schuld am Leben geblieben zu sein als alle starben. Ich habe die Verantwortung übernommen für Pavel Ehrenstein, Mitglied des Auschwitzer Zirkels, als meine Großmutter starb und der als er zehnjährig 1933 im Schwimmbad war, von deutschen Buben so lange unter Wasser gehalten wurde, bis er fast ertrank und dem die Angst vor dem Wasser nie abhanden kam und so kam ich dreimal die Woche zu ihm, wie vor mir meine Großmutter und hielten ihm die Hand in der Badewanne und halfen ihm heraus und sangen die Lieder unserer Mütter für ihn. Wir, nicht sie übernehmen die Verantwortung für uns.

Wir lieben sie mit den Alpträumen und mit der Angst vor dem Zahnarzt und der besten Hühnersuppe der Welt. Wir sind aufgewachsen mit den Armen auf denen die Nummern klebten. Wir merkten uns die Nummern gut und wir die Juden streiten am Freitag-Abend über das Jude-Sein oder über die Energiewende oder die schreckliche Affäre zwischen Tani und Levi in München. Wir als Schwestern, Brüder, wir als Ehemänner und Geliebte, wir übernehmen die Verantwortung dafür auf der Straße eine Kippa zu tragen, oder sie lieber abzunehmen, wir schicken unsere Kinder auf das jüdische Gymnasium oder eine Schule ganz ohne Konfession und wir trösten, erklären und versuchen zu verstehen, wenn das passiert was für sie Antisemitismus ist, aber für uns Teil unseres Alltags und dann übernehmen wir die Verantwortung für ein Gespräch mit dem Klassenlehrer für einen Schulwechsel, für die Suche nach Jobangeboten in Israel. Vielleicht ja doch? Aber sie, nein, wir sind nicht mehr ihre Schutzjuden, ihre Hofjuden, wir wissen nichts von ihrer Verantwortung, die Verantwortung die sie uns immer zu erklären, was soll sie uns sein?

Die Verantwortung liegt bei uns und weil wir so wenige sind, ist es an uns auch ihre Fragen wieder und wieder zu beantworten und wieder und wieder ihnen zuzuhören, wie sie uns den Nahostkonflikt erklären. Wir sind geduldig, dass ist Teil unserer Verantwortung und ich freue mich, wenn sie zum Shabbat dazukommen und noch mehr freue ich mich, wenn sie Bilder machen, dann fühle ich mich nicht ganz so schlecht und ein bisschen lebendiger in einem Judentum, das in Deutschland oft etwas vom Zoologischen Garten hat.

Aber die Verantwortung tragen wir, für die Geschichten, die wir heute schreiben, für die Mühsal, für die Verletzungen, für die freundlichen Tage und die weniger freundlichen Tage. Die Verantwortung für das Judentum in Deutschland tragen Menschen wie mein Vater, der mit Rebecca Kirsche eine jüdische Superheldin erfand, damit meine Schwester und später auch ich, ein jüdisches Vorbild hatten und seine Frau, die liebe C., die wie schon meine Großmutter, der Judendoktor ist und für viele Menschen wird sie der einzige Jude bleiben, den man kannte und nicht nur einmal in einem gestreiften Anzug im Schulbuch sah. Die Verantwortung für das Judentum tragen wir, ob wir auf dem Standesamt heiraten oder doch unter der Chuppah, ob wir laute oder leise, religiöse oder säkulare Juden sind, ob wir hierbleiben oder fortziehen, die Verantwortung haben jene übernommen, die zurückkamen, die immer noch da sind und die zurückkehren, aber eines haben wir gelernt, wir alle, wenn wir jüdisches Leben nicht möglich machen, dann gibt es keines und daran ändert auch die Existenz einer Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit nichts, deren Emails ich immer gleich lösche.

Anstelle all jener leeren Redensarten von der Verantwortung und der besonderen Verantwortung, und der allerbesondersten Verantwortung, schiene es mir doch an der Zeit etwas ganz Konkretes zu tun für die Jugendlichen, die in Familien aufwachsen, wo nicht nur der Judenhass blüht, sondern überhaupt die Zukunft ein grauer Ort ist. Wenn jeder Politiker, der für Juden Verantwortung übernimmt doch lieber zehn Euro gäbe für Initiativen, die mit jungen Männern ob nun aus Hellersdorf oder Raqqa Basketball spielen, zuhören, nachfragen, die nicht loslassen, gerade wenn es nicht gut läuft, die die Kinder auffangen, die von klein auf harte Hände kennen, aber keine Kommunikation und die nirgendwo willkommen sind, dann wäre auch den Juden auf der Straße geholfen, die Kippa tragen. Wenn es in der Schule mehr Sozialarbeiter gäbe und einen Sandsack für den Ärger, der in einem tobt, weil man 15 ist und die Mädchen lachen und man nur „Saujude“ schreien kann, weil das schon der Vater schrie und weil man nur den Plattenbau in Hoyerswerda kennt und nicht den Strand mit bloßen Füßen, dann wäre es an der Zeit für all die Verantwortung zu übernehmen für die keiner da ist. Die Aufklärungssprechstunde hat zu einem rapiden Abfall an jungen Männern geführt, die Schlampe rufen und Ficki-Ficki schreien, es braucht mehr Aufklärungssprechstunden, Malkurse, mehr männliche Vorbilder, mehr Umarmungen und nicht mehr Leitartikel empörter Leitartikler und auch keine leeren Redensarten. Verantwortung ist nicht die Wiederholung der immer gleichen Floskeln.

Das haben all die, die Verantwortung übernehmen für jüdisches Leben in Deutschland nicht verdient.

Unabänderlich, zu spät

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Du sitzt dort am Schreibtisch und es ist spät.

Du bist allein dort am Tisch. Mitten in der Nacht.

Allein mit der Nacht und der Uhr und dem Tisch und den Büchern.

Die Vorbereitung einer Aufklärungssprechstunde dauert zwischen 8 und 10 Stunden. Du hast keine Zeit. Du hast zwei Berufe und Dir bleibt nur die Nacht-

Du sitzt am Schreibtisch und bereitest dich vor.

Das ist was Du tust und Du löschst die Emails schon lange, derjenigen die Dich googlen und Dir dein Bild schicken und schreiben: Deine Araberfotze will eh keiner ficken.

Du löschst die Emails in denen alles steht und auch: wenn ich so scheiße aussehen würde wie du, dann würde ich mich aufhängen.

Du musst dich vorbereiten.

Du lebst mit den Bildern.

Das muss man doch wissen, sagt man dir und du sollst dir nichts aus den Verleumdungen machen. Mach Dir halt nichts draus.

Du sortierst Unterlagen, Zettel, Du packst Bücher ein.

Du zerkaust eine Aspirintablette, dann legst Du dich hin.

Du stehst auf und du gehst ins Büro und du lächelst und beantwortest Fragen und nickst und die J. ist in New York und Du würdest Dir so gern, das Lächeln der J. in die Jackentasche schieben. Aber Du bist allein und dann fährst du zum Flughafen und neben Dir im Transitraum sitzt eine Frau, die Frau hat ein Telefon und Du hörst ihr zu, weil sie so laut schreit und Du bist zu müde. Die Frau schreit sie würde der Gerechtigkeit zur Genüge verhelfen und dann ruft sie eine Versicherung an und es geht um ein feiges A*schloch und Kosten und Körperverletzung und Geld. Um genau 600 Euro und dann beschimpft die Frau, den Mann von der Krankenkasse, weil er nicht sagen will, was das A*schloch gesagt hat, wo es wohnt und dann ruft die Frau ihre Mutter an und erzählt ihr wie sie das A*schloch um 600 Euro erleichtert hat und dann zieht sie ihre Lippen nach. Im Flugzeug sitze ich neben der Frau und rücke so weit weg von ihr, wie ich nur kann und sie starrt mich an, aber immerhin kann sie mich so nicht wegen Körperverletzung anzeigen. Man muss aufpassen, heutzutage muss man aufpassen.

Du willst die Augen schließen, denn du bist so müde, aber du fürchtest Dich davor, gegen die Schulter der Frau zu sacken und Du sitzt gerade und Du starrst in das Buch und Du denkst an den Mann, der vor einem halben Jahr einmal in die Aufklärungssprechstunde kam und sagte :nur zum Zuhören. Und Du erinnerst dich, wie er dir seinen Daumen zeigte und eine Narbe, die fast verblasst war. Und Du sagtest: Ein Unfall?“ Und der Mann, der Dir den Daumen zeigte, sprach ganz viel und ganz schnell auf Pashto und Dein Pashto ist schlecht und es dauerte sehr lang bist Du verstandest, dass der Mann sich mit dem Messer in den Finger schnitt, wegen des Blutes und den Finger auf das Bettlaken drückte, um die Familie zu überzeugen, dass das geht mit der Frau und ihm und Du sagst: Genial. Und der Mann vor Dir lacht und sagt: No man needs to hurt a woman.
Und Du nicktest und Du dachtest, das ist Aufklärung und fragtest nach der Frau und dann wird es still und Du weißt schon warum und Du bedanktest Dich, denn da ist was tust und Du saßt noch für eine Weile auf dem Flur und der Mann sagte zu Dir: A place like this in Afghanistan and in everywhere and no man hurt no woman und Du nicktest und Du denkst, dass Du schon lange keine großen Träume mehr hast, aber du nicktest, denn das ist ein Traum.

Der Mann und Du, ihr geht eurer Wege und dann ruft die C. dich an und sagt: Weißt Du noch Herr G.? Und du nickst und die C. sagt etwas von Blutwerten und das Blut rauscht in deinen Ohren und du das Mädchen, das keine guten Titten hat, du setzt die Maschine in Gang, die es braucht und du rufst die Ärzte an, die du kennst und du überlegst dir wer dir einen Gefallen schuldet, denn das bist du, denn es muss weitergehen, da hast du gelernt, das ist dir geblieben, und dann geht Herr G. zu Spezialisten und du triffst ihn und er sagt zu Dir: „In Kabul haben Sie mir gesagt, ich bräuchte nur andere Tabletten, und du wirst wütend über die Quacksalber in Kabul, die Herrn G. wertlose Vitamintabletten verkauft haben, aus US-Beständen und du hoffst auf die Koryphäen und die Medizin und du hast umsonst gehofft und die C. ruft dich an und die C. sagt, der Krebs war zu schnell und zu aggressiv und du sitzt im Flugzeug und du bist müde und du denkst: damals als Du ihn gesehen hast, zum ersten Mal, war er da nicht auch schon müde, und blass und warum hast du nichts gesehen und die Frau neben dir im Flugzeug liest die Bunte und Gerhard Schröder heiratet zum fünften Mal und Du stehst auf und Du gehst los und die Frau telefoniert wieder und auf dem Bahnsteig da sitzt ein Mann in Daunendecken gehüllt und die Decken sind schmutzig und durchgeweicht und du wirfst Münzen in den Pappbecher und er schreit alles Schlampen außer Mutti.

Du gehst weiter und Herr G. ist einfach tot und Du schließt die Tür auf zur Praxis und beantwortest die Fragen und Du machst das was du machst und dir ist kalt und du bist müde und du sagst: Die Wünsche des Partners respektieren und dann sagst du : Geschlechtsteile sind keine Schimpfwörter und „Komm her Du Fotze ist niemals ein Beginn für irgendwas und du denkst an Herrn G. and no man hurt no woman und Herr G. ist tot und du „stehst auf und gehst herüber ins Haus deiner Großmutter und Du hast Durst und Du trinkst das Wasser aus der Flasche und Dir läuft das Wasser aus den Mundwinkeln und Du schämst dich für deinen Durst, dabei ist Herr G. doch tot und der Durst erdrückt dich fast und dir läuft das Wasser noch immer aus den Mundwinkeln und du schämst dich vor Herrn G. und der C. und Du bist so müde und die C. legt die Hand auf deinen Rücken und Du legst Dich hin und du weißt am nächsten Morgen gibt es neue Nachrichten und jemand malt lauter Penisse um dein Gesicht und Du sollst lächeln und die Verleumderin sucht neues Material und du sollst lächeln und weitermachen, weil so what und du bist müde und die C. steht im Zimmer und sagt: „Brauchst du was?“ und sie legt dir die Hand auf die Stirn und dann kramt sie deinen alten ipod aus dem Rucksack und Du hörst wie sie sagt: Mach Die Augen zu, ja und du nickst und du hörst zu: HarHar dam Sajna te jindri waar de, singst du leise für Herrn G. „Immer sind sie bereit ihr ganzes Leben für den Geliebten hinzugeben“ und du siehst den Daumen und die Narbe und du singst noch immer: „Latthe di chaadar utte saleti rang maahiya“ Liebling, dein Schleier aus zartgrauem Muslin, das älteste der Hochzeitslieder zwischen Delhi, dem Punjab, Lahore und Du bist dir sicher auch in Afghanistan kennt man es, singt man es und Du denkst an die Träume, die Du einmal hattest und du singst noch einmal Aawo saamne und du weißt, dass Du im Deutschen keinen Satz kennst, der wie aawo saamne sagt: „Komm und setz dich hin zu mir“, in dem schon im Stillen alles liegt, was im „Zieh Dich aus für mich“, immer schon ausgesprochen ist und du erinnerst dich als ein Anderer das Lied für dich sang und Du warst schön damals und die Träume waren es auch und Du weißt, dass die Zeiten vorbei sind und Herr G. ist tot.

Lathe di chadar

utte saleti rang mahiya

aawo sahmne, aawo sahmne

kolon di russ ke na lang mahiya

mende sir tey phoolan di khari.

mende sir tey phoolan di khari

tendan rah tak tak main hari

Du bist zu spät.

Woanders ist es auch schön.

Liebe Tante Anna Was für ein berührender Text und was für ein zauberhaftes Blog.

Die Welt ist eine andere in Georgien und immer wieder neu lässt sich fragen, wo ist das eigentlich dieses Europa?

Die Kaltmamsell wandert durch Galizien und nimmt uns alle mit!

Italien geht ja immer.

Es gibt ja keine einfachen Leute und auch kein einfaches Leben und dazu gehört auch das Leben jener DDR- Bürger, für die das Ende, kein Anfang war.

Ob die Kinder es wohl noch retten können?

Wie sehr ich diese Frauen doch bewundere.

Nach langen, grauen Tagen ist das Blau zurück  und der Tierarzt singt im Badezimmer  dieses Lied und singt es schief und laut und sehr, sehr schön.

Woanders ist es auch schön

 

Der Tierarzt und ich gondeln heute mit dem Oldsmobile zurück nach Berlin. Wenn Sie aber noch in einem rot-weiß gestreiften Liegestuhl in die Sonne blinzeln und alle Bücher schon ausgelesen sind, ist vielleicht Phileas Empfehlung etwas für Sie? 

Ein lesenswertes Gespräch mit Emilia Smichowski über das Selbst, die Anderen und Integration als etwas sehr Privates.

Der Titel ist mindestens so großartig wie der Text und überhaupt das ganze Blog ist eine Schatzkiste. 1. FC Huhn.

Frau Brüllen ist einer jener Menschen mit denen sich auch die Apokalypse noch als ein heiterer Spaziergang gestalten ließe. Große Liebe auch für den Bettenwechsel.

Julia rettet die Bienen. Gar nicht so einfach.

Die Nachrichten sind voll davon, dass China erfolgreich Apple und Co. dazu gebracht hat VPN Player aus ihren Angeboten zu nehmen, weniger hört man darüber, dass in Vietnam kritische Bloggerinnen zu langen Haftstrafen verurteilt wurden. 

Wasser auf meine Mühlen.

Musik gibt es auch im Oldsmobile und so fahren wir singend auf das Festland zurück.

 

Das Fräulein Read On spricht über Sex

Bekanntlich ist nichts schauderhaft als Menschen, die sich selbst über den grünen Klee loben und ihre Weltrettungsphantasien immerzu heraus zu posaunen. Das ist fast genau so anstrengend wie die langen Dia-Vorträge von Onkel über den Besuch einer alten Höhle in Zypern, in der einmal der Bruder des Ajax lang und herzhaft gegähnt haben sollte. Gegähnt haben vor allem wir und ich schlief auf dem Schoß meiner Großmutter ein. Trotzdem kann ich nicht verneinen, dass auch ich eitel und selbstgefällig bin und mit 19 Jahren glaubte ich fest daran, dass die Welt nur auf ihre Rettung und damit auf mich warten würde. Natürlich habe ich mich krachend geirrt und die Welt drehte mir eine lange Nase. So lange aber, seit dem ich damals in Indien begann zu arbeiten, beschäftigt mich Sexualaufklärung oder besser noch seitdem habe ich nie wieder aufgehört über Sex zu reden, zu arbeiten und über die Prävention sexueller Gewalt nachzudenken. Ausgerechnet ich, die immer unglücklich Verliebte. Manches ändert sich eben nie. Vieles ändert sich doch. Auch ich bin nicht mehr dieselbe, mein 19 Jähriges Ich ist mir irgendwann einmal verlustig gegangen und sitzt vielleicht irgendwo in Darjeeling und schreibt Gedichte. Seit dem ich aber eine Aufklärungssprechstunde für Flüchtlinge und vornehmlich Männer anbiete, aber lebe ich noch einmal anders mit diesem Thema und in Deutschland im Jahr 2017 lebt man nicht besonders gut, macht man Sexualität und Flüchtlinge zu seinem Thema. Ungefähr 200 Emails in der Woche bekomme ich, die mir versprechen, dass die Welt ein besserer Ort sein würde, läge mein Kopf abgeschlagen auf dem Trottoir. Was sich gegen die Wut und gegen den Wunsch die Welt am liebsten anzuzünden tun lässt, weiß ich nicht. Dagegen bräuchte es wohl viele Neunzehnjährige, das bin ich nicht mehr. Aber wenn Sie mir für 8 Minuten zuhören mögen, warum ich glaube das Aufklärung für uns alle gut ist, dann können Sie das hier tun.

Sie können aber auch und voller Verärgerung dreimal im Kreis laufen und rufen: „Pfui, so ein eitles Fräulein!“ Sie hätten natürlich Recht, oder besser noch sie bleiben in der Sonne liegen und lassen die Welt, Welt sein. Ich würde es Ihnen niemals verdenken.

Brüchiger Boden

Zwei merkwürdige Tage, ein helles Zimmer, Berlin-Mitte und ich dort eine so Andere als ich es eigentlich bin. So lange schon habe ich die Andere in den Schrank gehängt, dort ist sie geblieben in all den Jahren seit denen mir die Worte auf die Straße fielen und der dem sie gehörten, nicht mehr kam um sie aufzuheben. Ich ließ sie liegen.
Die Zweifel immerhin in die Schuhe geschoben und versucht sie dort liegen zu lassen. Zu viel und zu schnell geredet, ich lerne das nie, die Zweifel kitzeln mich an der Fußsohle. Auf dem Weg zurück an einer obdachlosen Frau vorbei, ihr Schild dreisprachig: „I am homeless, please help.“ Das Elend hört nie auf, es lernt nur die Umstände kennen, hier sind es die Touristen mit ihren Kameras. „Epic“ ruft ein Mann in einer glänzenden Ballonjacke an dem noch das Preisschild baumelt.

Im Garten am Rande der Stadt dann im kalten Gras eine Stunde in den Himmel gesehen. Wolken gezählt, mir Apfelblüten in die Haare regnen lassen, zwei Sonnenstrahlen sahen vorbei, einem Passagierflugzeug gewunken, dem Gras beim Wachsen zugehört und die Kastanien bewundert, die eine nach der anderen beginnt zu blühen, aber trotzdem die Erde hört nicht auf sich zu drehen und ich weiß nicht genau, wo der Boden unter den Füßen eigentlich ist. Eine Amselfamilie geht im Gras spazieren, das Amselpaar sieht in mir wohl ein Beispiel der Warnung. Energisch zwitschern sie und ich verstehe wohl was sie meine: „Der Mensch dort auf dem Boden ist ein schlechtes Beispiel.“ In Amselkreisen ist Mäßigung alles, denn die nächste Katze ist niemals fern. Gern würde ich zum See fahren auf eine halbe Stunde wenigstens, aber dafür bleibt keine Zeit. Hochrapplen also und auf dem weißen Gartenstuhl sitzt meine alte Freundin Wildtaube. „Hast Du einen Rat für mich, Wildtaube?“ frage ich sie und die treue Freundin gurrt beruhigend. „Wird schon Mädchen“ gurrt sie und ich nicke ihr zu. Bis morgen, sage ich und ziehe das Gartentor hinter mir zu.

Der Tierarzt erzählt mir mit überschlagener Stimme vom klugen Kälbchen, das mit Verstand und hängender Unterlippe den Riegel vom Stall gelöst und über die Dorfstraße bis zu uns nach Haus geprescht ist und dem Tierarzt geradewegs in die Arme lief. Es ist schwer zu sagen, welcher der beiden in größere Verzückung geriet über dieses Wiedersehen. „Kälbchen kommt aufs Gymnasium“ beschließe ich und hoffe, dass der Flieder und mein geliebter Holunderbusch Kälbchens Annäherungsversuchen überstehen. Auf den Tierarzt ist dabei nicht zu zählen, denn Liebende kennen keinen Fehl und Tadel. „Komm zurück“ sagt der Tierarzt und ich nicke. Aber erst einmal muss ich weiter, die Stiefmütterchen und den Rhabarberkuchen für die liebe C. nicht vergessen, das Oldsmobile murrt etwas nach langem Winterschlaf und ist sich ohnehin zu schade für gemeine Kutschfahrten über Land und ohne Aussicht. Alle Welt aber fährt in die entgegengesetzte Richtung und noch bevor die Kirchturmuhr 16 Uhr schlägt bin ich in der kleinen Stadt angekommen.
Frau Zingarelli winkt mir freundlich zu, Herr Zingarelli ruft: „Ciao bella“ aber ich bin nicht vermessen genug, um zu glauben, er meinte wohl mich, sondern natürlich meint Herr Zingarelli das Oldsmobile. Die liebe C. und ich tauschen Küsse, Kuchen und Stiefmütterchen, sie beginnt Hausbesuche und ich sehe für einen Moment über den Marktplatz. Die bunte Markise der Eisdiele weht im Wind, zwei Buben jagen sich mit Stöcken und ein Hund hält ein Bein an eine Laterne, zwei alte Damen gehen hinüber zur Konditorei und in ihrem Gesicht steht groß: „Aber bitte mit Sahne geschrieben.“ Ein Mann mit Hut und Aktentasche stopft sich eine Pfeife und schon steigt blauer Rauch auf und der Mann geht raschen Schrittes davon. Eine Frau mit kariertem Rock und gestreifter Bluse steht vor dem Konfektionshaus, der Inhaber ein Mann, den ich nie anders als im Dreihreiher mit Uhrenkette und Einstecktuch gesehen habe, überwacht mit scharfen Handbewegungen und wild gestikulierend das Umkleiden der Schaufensterpuppen. Unbeweglich steht die Frau im Rock vor der Schaufensterscheibe, die Anziehpuppen aber bekommen weder ein kariertes Kleid noch eine gestreifte Hose angezogen, sondern gepunktete Blusen und unifarbene Röcke. Enttäuscht wendet die Frau sich ab. Ein Hochzeitspaar hält sich fest an den Händen und zeiht entschlossen Richtung Rathaus weiter. Die Frau trägt ein wallendes Brautkleid und der Mann einen Anzug der hätte eine Nummer größer sein können. „Der Cousin des Bürgermeisters“ weiß Frau Zingarelli, aber ich wende mich ab, setze mich an den Sekretär meiner Großmutter und ziehe die Lade mit den Briefen auf, denn meine Großmutter hatte eine Korrespondenzschublade und immer lag ein Brief für mich darinnen. Heute ist die Schublade bis auf ein paar vertrocknete Rosenblüten leer. Trotzdem wundere ich mich jedes Mal auf ein Neues, dass wirklich und nie wieder ein Brief von ihr an mich liegt. „Ich brauche deinen Rat“ rufe ich laut ins stille Zimmer. Aber die Standuhr, die Bücherregale und der Flügel antworten nicht. Dafür zeigt der Zeiger bedenklich auf vier Uhr. Aufstehen, umziehen, Mappe nehmen, ein Glas Wasser trinken, der lieben C. einen Zettel hinterlegen, nach dem Kugelschreiber fummeln, wo sind die weißen Pantinen? Den Schlüsselbund in die Tasche werfen, die knarrenden Treppen hinunter, Tür auf, Tür zu, über den Marktplatz laufen, dreimal winken, viermal Hallo, die Praxistür aufschließen, zwanzigmal Salam aleikum und herzlich willkommen, zwei Stunden lang Aufklärungssprechstunde, endlich wieder sicheres Fahrwasser, endlich wieder eindeutig zu beantwortende Fragen, die Wörter Funktion und ohne Fragezeichen. Aussagesätze und klar zu bennende Fakten. Bin das nicht ich? Ich nicke mir zu nach den zwei Stunden, fremder aber sieht mir mein Gesicht entgegen, zurück über den Marktplatz, am Brunnen stehen bleiben, mein Gesicht verschwimmt im dunklen Wasser. Die C. macht die Tür auf und wir wiederholen uns: Küsse und Neuigkeiten, Shabbat Shalom. Später dann, längst ist die Markise der Eisdiele eingerollt, schon liegt der Marktplatz im Dunkeln und nur der Mann mit der Pfeife geht schnellen Schrittes noch einmal vom einen zum anderen Ende der Stadt. Sonst ist da nur die Stille und ich auf der breiten Fensterbank. Noch einmal ist mir als säße hinter mir auf dem roten Sofa meine Großmutter, wie sie es so viele Jahre tat und hielte mich bei den Schultern: „Am Ende sagte mein Großmutter, galt es sich zu konzentrieren.“ Ich fragte sie nie, nicht ein einziges Mal, was das Ende war.

Ein Lied im Rücken

Früh ist es, denn früh ist es ja immer. Noch aber ist die Wärmflasche an meinen Füßen warm genug. Noch gluckert das Wasser in der Heizung nicht, noch nicht einmal das Milchauto ist durchs Dorf gefahren, noch ist der Tag noch gar nicht da. Der Tierarzt aber ist schon auf, denn im Bad rauscht leise Wasser. Der Tierarzt, der doch selten spricht und ungern überhaupt vor Mittwoch den ersten Satz sagt, singtOh don’t be sorry, boy, it’s easy/Yes, you can release me/ Gotta lay it on the line /Feeling pretty fine now. Ein leises Summen erst, denn ich stecke mit dem Kopf noch tief im Federbett. Aber ganz eindeutig und nicht zu überhören: der Tierarzt singt. Saving all my time now /Love’s no friend of mine. Der Tierarzt singt hell und mit warmen Ton. Das erste Mal habe ich den Tierarzt für ein krankes Lamm singen hören. Ein Schlaflied für das weiße Bündel Fell in seinen Armen und warte ich manchmal vor einem Stall auf ihn, bin ich mir sicher der Tierarzt singt noch ein Trostlied für die Kühe. Selbst schlafschwer muss ich mein Herz festhalten, singt der Tierarzt, der doch in der Stille zu Hause ist. I do it on my own/And I’m ready to go. Endlich aber wickle ich mich aus dem Federbett in den Bademantel, putze die Zähne, ordne mein wildes Haar, setze den Teekessel auf und suche nach den Haferflocken. Indes sitzt die Katze auf den Treppenstufen vor dem Badezimmer und die Katze, wippt ganz eindeutig und sehr rhythmisch mit der Schwanzspitze: I just think of all that I could do /No more need to fight, right? Nicht einmal das Rascheln der Tüte kann die Katze locken. Der Porridge quillt und ich klappe das Notebook auf. Siebzehn Männer schickten mir eine Email in der sie mich zu überzeugen versuchen, dass ihr Penis zwei Meter lang/ hart wie Stahl/ da zu da sei, es mir einmal richtig zu besorgen. Sie bemühen sich vergeblich. Die Bilder, die sie schicken sind von obskurer Traurigkeit. Im Hintergrund ihrer heruntergelassenen Hosen liegt Müll, steht eine zerschlissene Couch, oder hängt eine fleckige Gardine. In einem Bild, so scheint mir steht ein Schatten in der Tür. Ist das dann die Ehefrau, die sich wundert oder auch nicht, warum ihr Mann mit heruntergelassenen Hosen vor dem Computer steht? Eine elegante Pose ist das ja nicht und vor allem nicht zu dem Demonstrationszweck geeignet, den sie mir in groben Worten ankündigen. I survived way worse before /And all these words ain’t got me chokin‘ singt der Tierarzt und ich antworte fünf Männern. „Sehr geehrter Herr XYZ, bitte suchen sie schnellstmöglich einen Facharzt für Geschlechtskrankheiten auf. Ihre Erkrankung ist akut behandlungsbedürftig und meldepflichtig.“ Wenn man immer vorher wüsste, was einem Lebensthema würde. Die restlichen Bilder lösche ich. Cause my heart it ain’t that broken /And I can’t hear you I’m like I won’t be missing, be missing you. Der Porridge ist schließlich auch längst fertig, Bananen, Nüsse, Zimt und Zucker und Honig müssen angerichtet, der Tisch gedeckt, die Zeitung herein und die Katze herausgelassenen werden. Endlich tanzt auch der Tierarzt die Treppe hinunter und zieht mich sich in seine Arme: Love can be like magic/ What we had was tragic/ Do it baby, set me free, singt der Tierarzt in mein Ohr und wir die doch so traurigen Kinder tanzen im Morgengrauen. There’s no need to wonder und du lachst heiser in mein kaltes Ohr. „Was machst du mit mir?“ sagst du. Help, help me Rhonda /Get your hook right off me, sagt das Lied und ich lehne mich an dir an. Der Tierarzt würgt am Porridge, die Katze will immer noch mehr, ich nun endlich auch unter die Dusche, denn das Ticken der Uhr schreckt auch vor Gesang nicht zurück. Als ich endlich in Kleid und Jacke die Treppe hinunterlaufe, wäscht der Tierarzt ab. Schon hupt der Priester, der mich heute mit in die Stadt nimmt dreimal, ich winke dem Tierarzt, schnappe Tasche und Bananenbrot und laufe hinaus. Morgen Fräulein Read On, sagt der Priester und nimmt das Bananenbrot gerne an. Morgen Priester sage ich, der Tierarzt winkt mit dem Geschirrhandtuch: ‚Cause my heart it ain’t that broken/I survived way worse before /And all these words ain’t got me chokin‘/Cause my heart it ain’t that broken. „Ist das der Tierarzt, der da singt“, fragt der Priester, da fahren wir schon die Dorfstraße hinunter, zu unserer Rechten das Meer eisblau und spiegelglatt und schon wird das Dorf im Spiegel kleiner und kleiner, doch das Lied bleibt uns im Rücken.Ich nicke „Ja, sage ich, das ist der Tierarzt der da singt“ und der Priester und ich lächeln uns zu. Cause my heart it ain’t that broken/ Cause my heart it ain’t that broken.

Leslie Clio, „My Heart Ain’t That Broken“