Woanders ist es auch schön

Glück ist auch ein Weizenmeer. #rügen #ostsee #weizenfeld #hintermhaus #weizenmeer #feldein #glück

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Der Tierarzt und ich gondeln heute mit dem Oldsmobile zurück nach Berlin. Wenn Sie aber noch in einem rot-weiß gestreiften Liegestuhl in die Sonne blinzeln und alle Bücher schon ausgelesen sind, ist vielleicht Phileas Empfehlung etwas für Sie? 

Ein lesenswertes Gespräch mit Emilia Smichowski über das Selbst, die Anderen und Integration als etwas sehr Privates.

Der Titel ist mindestens so großartig wie der Text und überhaupt das ganze Blog ist eine Schatzkiste. 1. FC Huhn.

Frau Brüllen ist einer jener Menschen mit denen sich auch die Apokalypse noch als ein heiterer Spaziergang gestalten ließe. Große Liebe auch für den Bettenwechsel.

Julia rettet die Bienen. Gar nicht so einfach.

Die Nachrichten sind voll davon, dass China erfolgreich Apple und Co. dazu gebracht hat VPN Player aus ihren Angeboten zu nehmen, weniger hört man darüber, dass in Vietnam kritische Bloggerinnen zu langen Haftstrafen verurteilt wurden. 

Wasser auf meine Mühlen.

Musik gibt es auch im Oldsmobile und so fahren wir singend auf das Festland zurück.

 

Das Fräulein Read On spricht über Sex

Bekanntlich ist nichts schauderhaft als Menschen, die sich selbst über den grünen Klee loben und ihre Weltrettungsphantasien immerzu heraus zu posaunen. Das ist fast genau so anstrengend wie die langen Dia-Vorträge von Onkel über den Besuch einer alten Höhle in Zypern, in der einmal der Bruder des Ajax lang und herzhaft gegähnt haben sollte. Gegähnt haben vor allem wir und ich schlief auf dem Schoß meiner Großmutter ein. Trotzdem kann ich nicht verneinen, dass auch ich eitel und selbstgefällig bin und mit 19 Jahren glaubte ich fest daran, dass die Welt nur auf ihre Rettung und damit auf mich warten würde. Natürlich habe ich mich krachend geirrt und die Welt drehte mir eine lange Nase. So lange aber, seit dem ich damals in Indien begann zu arbeiten, beschäftigt mich Sexualaufklärung oder besser noch seitdem habe ich nie wieder aufgehört über Sex zu reden, zu arbeiten und über die Prävention sexueller Gewalt nachzudenken. Ausgerechnet ich, die immer unglücklich Verliebte. Manches ändert sich eben nie. Vieles ändert sich doch. Auch ich bin nicht mehr dieselbe, mein 19 Jähriges Ich ist mir irgendwann einmal verlustig gegangen und sitzt vielleicht irgendwo in Darjeeling und schreibt Gedichte. Seit dem ich aber eine Aufklärungssprechstunde für Flüchtlinge und vornehmlich Männer anbiete, aber lebe ich noch einmal anders mit diesem Thema und in Deutschland im Jahr 2017 lebt man nicht besonders gut, macht man Sexualität und Flüchtlinge zu seinem Thema. Ungefähr 200 Emails in der Woche bekomme ich, die mir versprechen, dass die Welt ein besserer Ort sein würde, läge mein Kopf abgeschlagen auf dem Trottoir. Was sich gegen die Wut und gegen den Wunsch die Welt am liebsten anzuzünden tun lässt, weiß ich nicht. Dagegen bräuchte es wohl viele Neunzehnjährige, das bin ich nicht mehr. Aber wenn Sie mir für 8 Minuten zuhören mögen, warum ich glaube das Aufklärung für uns alle gut ist, dann können Sie das hier tun.

Sie können aber auch und voller Verärgerung dreimal im Kreis laufen und rufen: „Pfui, so ein eitles Fräulein!“ Sie hätten natürlich Recht, oder besser noch sie bleiben in der Sonne liegen und lassen die Welt, Welt sein. Ich würde es Ihnen niemals verdenken.

Brüchiger Boden

Zwei merkwürdige Tage, ein helles Zimmer, Berlin-Mitte und ich dort eine so Andere als ich es eigentlich bin. So lange schon habe ich die Andere in den Schrank gehängt, dort ist sie geblieben in all den Jahren seit denen mir die Worte auf die Straße fielen und der dem sie gehörten, nicht mehr kam um sie aufzuheben. Ich ließ sie liegen.
Die Zweifel immerhin in die Schuhe geschoben und versucht sie dort liegen zu lassen. Zu viel und zu schnell geredet, ich lerne das nie, die Zweifel kitzeln mich an der Fußsohle. Auf dem Weg zurück an einer obdachlosen Frau vorbei, ihr Schild dreisprachig: „I am homeless, please help.“ Das Elend hört nie auf, es lernt nur die Umstände kennen, hier sind es die Touristen mit ihren Kameras. „Epic“ ruft ein Mann in einer glänzenden Ballonjacke an dem noch das Preisschild baumelt.

Im Garten am Rande der Stadt dann im kalten Gras eine Stunde in den Himmel gesehen. Wolken gezählt, mir Apfelblüten in die Haare regnen lassen, zwei Sonnenstrahlen sahen vorbei, einem Passagierflugzeug gewunken, dem Gras beim Wachsen zugehört und die Kastanien bewundert, die eine nach der anderen beginnt zu blühen, aber trotzdem die Erde hört nicht auf sich zu drehen und ich weiß nicht genau, wo der Boden unter den Füßen eigentlich ist. Eine Amselfamilie geht im Gras spazieren, das Amselpaar sieht in mir wohl ein Beispiel der Warnung. Energisch zwitschern sie und ich verstehe wohl was sie meine: „Der Mensch dort auf dem Boden ist ein schlechtes Beispiel.“ In Amselkreisen ist Mäßigung alles, denn die nächste Katze ist niemals fern. Gern würde ich zum See fahren auf eine halbe Stunde wenigstens, aber dafür bleibt keine Zeit. Hochrapplen also und auf dem weißen Gartenstuhl sitzt meine alte Freundin Wildtaube. „Hast Du einen Rat für mich, Wildtaube?“ frage ich sie und die treue Freundin gurrt beruhigend. „Wird schon Mädchen“ gurrt sie und ich nicke ihr zu. Bis morgen, sage ich und ziehe das Gartentor hinter mir zu.

Der Tierarzt erzählt mir mit überschlagener Stimme vom klugen Kälbchen, das mit Verstand und hängender Unterlippe den Riegel vom Stall gelöst und über die Dorfstraße bis zu uns nach Haus geprescht ist und dem Tierarzt geradewegs in die Arme lief. Es ist schwer zu sagen, welcher der beiden in größere Verzückung geriet über dieses Wiedersehen. „Kälbchen kommt aufs Gymnasium“ beschließe ich und hoffe, dass der Flieder und mein geliebter Holunderbusch Kälbchens Annäherungsversuchen überstehen. Auf den Tierarzt ist dabei nicht zu zählen, denn Liebende kennen keinen Fehl und Tadel. „Komm zurück“ sagt der Tierarzt und ich nicke. Aber erst einmal muss ich weiter, die Stiefmütterchen und den Rhabarberkuchen für die liebe C. nicht vergessen, das Oldsmobile murrt etwas nach langem Winterschlaf und ist sich ohnehin zu schade für gemeine Kutschfahrten über Land und ohne Aussicht. Alle Welt aber fährt in die entgegengesetzte Richtung und noch bevor die Kirchturmuhr 16 Uhr schlägt bin ich in der kleinen Stadt angekommen.
Frau Zingarelli winkt mir freundlich zu, Herr Zingarelli ruft: „Ciao bella“ aber ich bin nicht vermessen genug, um zu glauben, er meinte wohl mich, sondern natürlich meint Herr Zingarelli das Oldsmobile. Die liebe C. und ich tauschen Küsse, Kuchen und Stiefmütterchen, sie beginnt Hausbesuche und ich sehe für einen Moment über den Marktplatz. Die bunte Markise der Eisdiele weht im Wind, zwei Buben jagen sich mit Stöcken und ein Hund hält ein Bein an eine Laterne, zwei alte Damen gehen hinüber zur Konditorei und in ihrem Gesicht steht groß: „Aber bitte mit Sahne geschrieben.“ Ein Mann mit Hut und Aktentasche stopft sich eine Pfeife und schon steigt blauer Rauch auf und der Mann geht raschen Schrittes davon. Eine Frau mit kariertem Rock und gestreifter Bluse steht vor dem Konfektionshaus, der Inhaber ein Mann, den ich nie anders als im Dreihreiher mit Uhrenkette und Einstecktuch gesehen habe, überwacht mit scharfen Handbewegungen und wild gestikulierend das Umkleiden der Schaufensterpuppen. Unbeweglich steht die Frau im Rock vor der Schaufensterscheibe, die Anziehpuppen aber bekommen weder ein kariertes Kleid noch eine gestreifte Hose angezogen, sondern gepunktete Blusen und unifarbene Röcke. Enttäuscht wendet die Frau sich ab. Ein Hochzeitspaar hält sich fest an den Händen und zeiht entschlossen Richtung Rathaus weiter. Die Frau trägt ein wallendes Brautkleid und der Mann einen Anzug der hätte eine Nummer größer sein können. „Der Cousin des Bürgermeisters“ weiß Frau Zingarelli, aber ich wende mich ab, setze mich an den Sekretär meiner Großmutter und ziehe die Lade mit den Briefen auf, denn meine Großmutter hatte eine Korrespondenzschublade und immer lag ein Brief für mich darinnen. Heute ist die Schublade bis auf ein paar vertrocknete Rosenblüten leer. Trotzdem wundere ich mich jedes Mal auf ein Neues, dass wirklich und nie wieder ein Brief von ihr an mich liegt. „Ich brauche deinen Rat“ rufe ich laut ins stille Zimmer. Aber die Standuhr, die Bücherregale und der Flügel antworten nicht. Dafür zeigt der Zeiger bedenklich auf vier Uhr. Aufstehen, umziehen, Mappe nehmen, ein Glas Wasser trinken, der lieben C. einen Zettel hinterlegen, nach dem Kugelschreiber fummeln, wo sind die weißen Pantinen? Den Schlüsselbund in die Tasche werfen, die knarrenden Treppen hinunter, Tür auf, Tür zu, über den Marktplatz laufen, dreimal winken, viermal Hallo, die Praxistür aufschließen, zwanzigmal Salam aleikum und herzlich willkommen, zwei Stunden lang Aufklärungssprechstunde, endlich wieder sicheres Fahrwasser, endlich wieder eindeutig zu beantwortende Fragen, die Wörter Funktion und ohne Fragezeichen. Aussagesätze und klar zu bennende Fakten. Bin das nicht ich? Ich nicke mir zu nach den zwei Stunden, fremder aber sieht mir mein Gesicht entgegen, zurück über den Marktplatz, am Brunnen stehen bleiben, mein Gesicht verschwimmt im dunklen Wasser. Die C. macht die Tür auf und wir wiederholen uns: Küsse und Neuigkeiten, Shabbat Shalom. Später dann, längst ist die Markise der Eisdiele eingerollt, schon liegt der Marktplatz im Dunkeln und nur der Mann mit der Pfeife geht schnellen Schrittes noch einmal vom einen zum anderen Ende der Stadt. Sonst ist da nur die Stille und ich auf der breiten Fensterbank. Noch einmal ist mir als säße hinter mir auf dem roten Sofa meine Großmutter, wie sie es so viele Jahre tat und hielte mich bei den Schultern: „Am Ende sagte mein Großmutter, galt es sich zu konzentrieren.“ Ich fragte sie nie, nicht ein einziges Mal, was das Ende war.

Ein Lied im Rücken

Früh ist es, denn früh ist es ja immer. Noch aber ist die Wärmflasche an meinen Füßen warm genug. Noch gluckert das Wasser in der Heizung nicht, noch nicht einmal das Milchauto ist durchs Dorf gefahren, noch ist der Tag noch gar nicht da. Der Tierarzt aber ist schon auf, denn im Bad rauscht leise Wasser. Der Tierarzt, der doch selten spricht und ungern überhaupt vor Mittwoch den ersten Satz sagt, singtOh don’t be sorry, boy, it’s easy/Yes, you can release me/ Gotta lay it on the line /Feeling pretty fine now. Ein leises Summen erst, denn ich stecke mit dem Kopf noch tief im Federbett. Aber ganz eindeutig und nicht zu überhören: der Tierarzt singt. Saving all my time now /Love’s no friend of mine. Der Tierarzt singt hell und mit warmen Ton. Das erste Mal habe ich den Tierarzt für ein krankes Lamm singen hören. Ein Schlaflied für das weiße Bündel Fell in seinen Armen und warte ich manchmal vor einem Stall auf ihn, bin ich mir sicher der Tierarzt singt noch ein Trostlied für die Kühe. Selbst schlafschwer muss ich mein Herz festhalten, singt der Tierarzt, der doch in der Stille zu Hause ist. I do it on my own/And I’m ready to go. Endlich aber wickle ich mich aus dem Federbett in den Bademantel, putze die Zähne, ordne mein wildes Haar, setze den Teekessel auf und suche nach den Haferflocken. Indes sitzt die Katze auf den Treppenstufen vor dem Badezimmer und die Katze, wippt ganz eindeutig und sehr rhythmisch mit der Schwanzspitze: I just think of all that I could do /No more need to fight, right? Nicht einmal das Rascheln der Tüte kann die Katze locken. Der Porridge quillt und ich klappe das Notebook auf. Siebzehn Männer schickten mir eine Email in der sie mich zu überzeugen versuchen, dass ihr Penis zwei Meter lang/ hart wie Stahl/ da zu da sei, es mir einmal richtig zu besorgen. Sie bemühen sich vergeblich. Die Bilder, die sie schicken sind von obskurer Traurigkeit. Im Hintergrund ihrer heruntergelassenen Hosen liegt Müll, steht eine zerschlissene Couch, oder hängt eine fleckige Gardine. In einem Bild, so scheint mir steht ein Schatten in der Tür. Ist das dann die Ehefrau, die sich wundert oder auch nicht, warum ihr Mann mit heruntergelassenen Hosen vor dem Computer steht? Eine elegante Pose ist das ja nicht und vor allem nicht zu dem Demonstrationszweck geeignet, den sie mir in groben Worten ankündigen. I survived way worse before /And all these words ain’t got me chokin‘ singt der Tierarzt und ich antworte fünf Männern. „Sehr geehrter Herr XYZ, bitte suchen sie schnellstmöglich einen Facharzt für Geschlechtskrankheiten auf. Ihre Erkrankung ist akut behandlungsbedürftig und meldepflichtig.“ Wenn man immer vorher wüsste, was einem Lebensthema würde. Die restlichen Bilder lösche ich. Cause my heart it ain’t that broken /And I can’t hear you I’m like I won’t be missing, be missing you. Der Porridge ist schließlich auch längst fertig, Bananen, Nüsse, Zimt und Zucker und Honig müssen angerichtet, der Tisch gedeckt, die Zeitung herein und die Katze herausgelassenen werden. Endlich tanzt auch der Tierarzt die Treppe hinunter und zieht mich sich in seine Arme: Love can be like magic/ What we had was tragic/ Do it baby, set me free, singt der Tierarzt in mein Ohr und wir die doch so traurigen Kinder tanzen im Morgengrauen. There’s no need to wonder und du lachst heiser in mein kaltes Ohr. „Was machst du mit mir?“ sagst du. Help, help me Rhonda /Get your hook right off me, sagt das Lied und ich lehne mich an dir an. Der Tierarzt würgt am Porridge, die Katze will immer noch mehr, ich nun endlich auch unter die Dusche, denn das Ticken der Uhr schreckt auch vor Gesang nicht zurück. Als ich endlich in Kleid und Jacke die Treppe hinunterlaufe, wäscht der Tierarzt ab. Schon hupt der Priester, der mich heute mit in die Stadt nimmt dreimal, ich winke dem Tierarzt, schnappe Tasche und Bananenbrot und laufe hinaus. Morgen Fräulein Read On, sagt der Priester und nimmt das Bananenbrot gerne an. Morgen Priester sage ich, der Tierarzt winkt mit dem Geschirrhandtuch: ‚Cause my heart it ain’t that broken/I survived way worse before /And all these words ain’t got me chokin‘/Cause my heart it ain’t that broken. „Ist das der Tierarzt, der da singt“, fragt der Priester, da fahren wir schon die Dorfstraße hinunter, zu unserer Rechten das Meer eisblau und spiegelglatt und schon wird das Dorf im Spiegel kleiner und kleiner, doch das Lied bleibt uns im Rücken.Ich nicke „Ja, sage ich, das ist der Tierarzt der da singt“ und der Priester und ich lächeln uns zu. Cause my heart it ain’t that broken/ Cause my heart it ain’t that broken.

Leslie Clio, „My Heart Ain’t That Broken“

Worüber ich rede, wenn ich über Sex rede

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Meine liebe C. ist Ärztin in der kleinen Stadt in der schon meine Großmutter Ärztin war. Die C. behandelt den Jäger, der mit der Schrotflinte Unfug trieb, nimmt sich Zeit für die Mütter, die nicht mehr weiter wissen mit dem schreienden Kind und hat auch für die alten Leute, für die der Arztbesuch, oft die einzige Art des sozialen Kontakts ist, immer Zeit. Die C. steht nachts halb zwei auf und sieht nach dem Herzinfarkt, der sieben Schnäpse, aber sonst nichts im Magen hat und vor dem Frühstück hat die C. schon Erbsen aus der Nase gezogen und verrenkte Schultern gerichtet.

Vor etwas über einem Jahr rief die C. mich an und sagte: „Süße, ich brauche deine Hilfe.“ Wie in so viele kleine und größere Städte kamen nämlich auch in diese Stadt, Flüchtlinge. Es sind die übrigens nicht die ersten Flüchtlinge, die in die kleine Stadt kamen, in den 1990er Jahren kamen die Spätaussiedler, die die Bewohner aber nur die Russen nannten. Damals nämlich fragte meine liebe C. meinen Vater um Hilfe, der des Russischen kundig, Schilder malte, die den Neuankömmlingen halfen sich in der Praxis zurechtzufinden. Das wichtigste Schild war: „Bitte kommen sie nüchtern zur Behandlung.“ Mein Vater malte einen Bären, der mit brummendem Schädel vor lauter leeren Flaschen saß und später als die Schilder abgenommen werden sollten, entbrannte Streit unter den Spätaussiedlern, wer das Bild bekommen würde- aber schon schweife ich ab- in der Zwischenzeit heiratete mein Vater ( oh, der Glückliche ) die liebe C. und es verging Zeit so wie sie eben vergeht, bis zu jenem Anruf der lieben C.
„Süße“, sagte die C. also, ich brauche deine Hilfe. Könntest du Schilder auf Arabisch machen, nach Art des Praxisleitfadens, den wir damals für die Spätaussiedler hatten? Ich machte Schilder und die C. verlängerte die Müttersprechstunde.
Das ging eine Weile so und manchmal rief die C. an und ich übersetzte ihr, was die Flüchtlinge eben nur auf Arabisch sagen konnten. Nach der Kölner Silvesternacht, rief der Bürgermeister die Leute der Stadt zusammen, die mit Flüchtlingen zu tun haben. „Wir wollen hier kein Köln“ sagte der Bürgermeister, wie Bürgermeister eben so etwas sagen. Es kamen viele Vorschläge zusammen, die alle mehr oder weniger mit Sicherheit zu tun hatten und bei mir klingelte wieder das Telefon: „ Süße, sagte die C. ich brauche noch einmal deine Hilfe.“ Könntest Du dir vorstellen, dass Du deine Aufklärungssprechstunde auch bei mir in der Praxis machst?“
Ich lachte. „Sicher“, sagte ich und seitdem mache ich einmal Monat genau das. Ich sitze in der Praxis und auf lauter bunten Stühlen sitzen Männer um mich herum und wir reden über Sex. Damals als ich vor vielen Jahren in Indien als die kleine Slum-Klinik noch viel kleiner war als heute mit der Frage konfrontiert war, wie sich den rasend hohen Vergewaltigungsfällen begegnen lässt, kam ich auf die Idee, Sexualkunde zum Thema zu machen. Ich mache es bis heute, aber das ist schon wieder eine andere Geschichte.
In der kleinen , deutschen Stadt jedenfalls montierte der Schlosser einen zusätzlichen Briefkasten neben den Eingang der Praxis und jeder der will und mag kann seine Frage aufschreiben, dort- anonym- hineinwerfen und wenn wir dann alle versammelt auf den Stühlen sitzen, und alle Männer auf den Boden starren, beantworte ich die Fragen. Bevor aber auch nur die erste Frage beantwortet wird, erkläre ich wieder und wieder die männliche wie die weibliche Anatomie.
Ich weiß nicht in vielen Sprachen ich Penis und Vagina sagen kann, aber es sind sehr viele. Es ist für viele Männer übrigens nicht nur Flüchtlinge ein Schock, aber auch ein befreiender Moment ihre Geschlechtsteile richtig benennen zu können. Das mütterliche Schniedelwutz und das kumpelhafte F*ckkanone das es in allen Sprachen gibt, ist nämlich mehr als hinderlich, um Wünsche und Bedürfnisse zu formulieren. Ich singe ein ewiges Mantra davon, dass der Penis kein Knochen ist, was fast alle Männer fest annehmen und wieder und wieder spreche ich darüber, dass ein Penis der hart ist wie Stahl kein anatomisches Merkmal, sondern ein nicht ( hahahaha) weichzukriegender Mythos. Ich male einen Frauenkörper auf ein großes Blatt Papier und lasse einen jeden zeichnen, wo die Vagina ist. Die meisten vermuten sie auf Höhe des Bauchnabels.
Wieder und wieder versuche ich zu erklären, dass sexuelle Bedürfnisse etwas völlig normales sind, nur man muss sie steuern lernen und Menschen haben eben sehr unterschiedliche Bedürfnisse. Es geht um Verhütung und Infektionskrankheiten und immer wieder um den Versuch darüber nachzudenken, wie man Intimität eigentlich herstellt. Es geht um die Frage: Wie spreche ich jemanden an und auch wann ziehe ich mich eigentlich aus.
Nein, leicht ist das nicht immer und vor allem in den ersten Stunden redet man gegen eine Wand aus Gekicher, Zungenschnalzen, Zoten und „warte bis du meinen gesehen hast“ an. Natürlich rufen mir viele auf der Straße Fräulein Fikki-Fikki hinterher. Man zahlt für das was man tut einen Preis und man hat mir schon viel schlimmere Dinge gesagt. Es mir ernst.
Die Fragen und ja ich beantworte alle, sind sobald sie aufhören Zoten zu sein, meistens braucht es ein Vierteljahr, lehrreich. Eine Auswahl:
Woran erkennt man, dass eine Frau Sex will?
„Aus dem Penis meiner Freundin kommt ein weißes Sekret- was heißt das ?
Wenn ich Sex in der Badewanne habe, brauche ich dann ein Kondom?
Ich habe unreine Haut/ bin kurzsichtig/ habe starken Haarwuchs / esse gern Gurken-masturbiere ich zu viel?
Ich träume von Oralsex: bin ich pervers?
Der Penis meines besten Freundes ist zwei Meter lang-warum ist meiner so klein?
Mein Vater sagt Frauen wollen hart rangenommen werden-stimmt das?
Mein bester Freund sagt, er hat jeden Tag zwei Stunden Sex?
Mein bester Freund sagt er hat sieben Stunden lang eine Erektion
Wird mein Penis härter reibe ich ihn mit Sperma/ Kokosöl/Klebstoff ein?
Ich hatte noch nie Sex-Bin ich unnormal?
Wie oft kann ich ein Kondom benutzen?

Die Reihe ließe sich ins Unendliche fortsetzen- Was ich gelernt habe aus den Fragen ist, vor allem die tiefe Verunsicherung nicht normal zu sein und nicht gängigen Klischees pornographischer Darstellungen zu entsprechen. Sexualität ist noch immer vor allem Vergleich, der sich in dem Moment erübrigt in dem jeder Einzelne verstanden hat, was sein Penis kann und mehr noch was alles nicht. Beantworte ich die Fragen aus dem Zettelkasten ist es immer ganz still und manchmal zeigt jemand auf und sagt: „Das wollte ich auch schon immer fragen.“
Nein, ich frage nie: nicht nach sexuellen Wünschen, nicht nach Ausrichtungen, nicht nach Erfahrungen. Das Fräulein Read On ist ein pragmatisches Fräulein und lässt Männer, auch üben ein Kondom aufzurollen und wieder abzuziehen. Bananen eignen sich dafür immer noch am besten. Die sind vor allem auch nicht aus Stahl. Nein, ich werde nie rot, auch wenn den Männern noch so sehr die Ohren glühen.

Ich finde es ja eklig, was du da machst“, sagen viele Freunde, Männer wie Frauen zu mir, erfahren sie was ich da mache „Mit lauter fremden Männern“, sagen sie und schütteln sich. „Igitt“, sagen die Frauen und Männer dann oft. „Schämst du dich nicht?“ Nein, sagte ich und schüttle den Kopf. Ich schäme mich nicht. Ich weiß nicht, wie oft ich in den letzten zehn Jahren gefragt worden bin, ob ich mich nicht schäme. Aber damals als ich in Indien mit einer Aufklärungssprechstunde begann, da fragte ich vorher meine Großmutter, was sie davon hielte: „Man muss tun, was getan werden muss“, sagte meine Großmutter, die 1922 geboren ohne rot zu werden, mir erklärte was der Unterschied zwischen Penis und Hoden ist.
Dem Zweifel sei entgegnet, dass sexuelle Gewalt stumm macht und das Vergewaltigung Scham und Schweigen über die Opfer bringen will. Solange man über Sex spricht und nachdenkt, beherrscht sexuelle Gewalt das Terrain nicht allein.

Nach zehn Jahren Reden über Sex weiß ich übrigens, die die am lautesten Fikki-Fikki schreien, schämen sich bald am meisten und bringen irgendwann Blumen. Der Junge, der vor zehn Jahren Steine im Slum nach mir warf, zog seinen kleinen Bruder fest am Ohr, als er nicht in die Aufklärungssprechstunde kommen wollte. Zweifellos bleibt nicht nur in Indien viel zu tun, aber im letzten Jahr ist im Slum in dem die kleine Klinik steht, keine Frau mehr im Straßengraben gefunden worden. Aber wie gesagt, das ist schon wieder eine andere Geschichte.

Der junge Mann, der in der kleinen Stadt am lautesten pöbelte, kicherte und hoffte, er brächte mich doch endlich in Verlegenheit, hat inzwischen eine Freundin und wieder rief die C. mich an: „Süße, sagte sie, er hat mir Grüße an das Fräulein Read On aufgetragen, irgendwann will er auch mal Sexologe werden so wie du.“ Dann müssen wir beide lachen. Von fern aber höre ich meine Großmutter sagen: „Man muss tun, was getan werden muss.“ So einfach ist das und auch so schwer.