Eine Banane

Immer am Montag kaufe ich bei der Frau des Krämers eine große Staude Bananen. Der Tierarzt nämlich hat sich überzeugen lassen, dass Bircher-Müsli mit zergatschter Banane eine feine Sache ist und wie Sie alle wissen: beim Tierarzt zählt jede Kalorie. Der Tierarzt löffelt also bananenversetztes Birchermüsli und ich werfe morgens eine Banane zum Apfel in die Tasche. Diese Woche sind die Bananen besonders gelb und saftig und weder grassgrün noch bräunlich angedellt. Wenn Sie so wollen: Bilderbuchbananen.

Heute Mittag ging ich mit der D. essen. Wir löffelten eine ziemlich bescheiden schmeckende Tomatensuppe und führten so Kollegengespräche:

Hast Du schon gehört?

Also wirklich ausgerechnet die G.

Ach, wenn das doch nur vom Tisch wäre.

Dann zog ich meine Banane aus der Manteltasche. „Magst Du die Hälfte als Nachtisch haben, D?“ Die D. aber sah mich an als hätte ich ihr eine Lösegelderpressung vorgeschlagen. „Bananen“ sagt die D. mit vor Empörung zitternder Stimme „würde sie seit schon Jahren nicht mehr essen.“ Bananen stopften und seien überhaupt wahre Kalorienbomben, ein Stück Torte sei ja nichts im Vergleich mit einer Banane, die den Stoffwechsel hemme und einem die Kalorienbilanz in dergestalte Höhen triebe, dass man sich davon nie wieder erhole.“ Ich starre die D. an und wie so oft denke ich an Indien. In Indien sind Bananen sehr billig ein Kilo Bananen kostet etwa 45 Rupien, was in etwa 60 Cent entspricht. Bananen sind billig und machen satt und so ist eine der Standardfragen in der kleinen Slumklinik: Tumne khane me kya khaya aaj? Was haben Sie heute gegessen und nahezu immer antworten diejenigen vor uns auf dem Stuhl: Ek banana. Eine Banane.

Das meint immer: eine Banane für den ganzen Tag. Ob sie als Bauarbeiter, oder Näherin arbeiten oder am Straßenrad bügeln, Schuhe reparieren, den Müll nach Brauchbarem sortieren, Straßen bauen, Schächte ausheben, oder die Kloake reinigen, die Menschen, Rikscha fahren und die im Slum leben, haben meistens Berufe die mit schwerer körperlicher Arbeit verbunden sind, und in ihrem Budget ist Platz für eine Banane. Das ist alles. Das was an Budget übrig ist, wird immer in Nahrung für die Kinder investiert oder in sauberes Wasser, das es im Slum nicht gibt. Unter- und Mangelernährung ist neben Erkrankungen durch verseuchtes Wasser die größte Herausforderung und eine Haupttodesursache.

Eines Tages kam ein junges Mädchen in die Sprechstunde. 14 Jahre, schwanger und dünn wie ein Strich, ihr Mann ebenso dünn und 16 Jahre alt. Sie konnte vor Krämpfen kaum noch stehen: Tumne khane me kya khaya aaj? Was haben Sie heute gegessen? Ek banana. Wie sich herausstellte hatte sie in der gesamten Schwangerschaft niemals mehr und nichts anderes als zwei Bananen am Tag gegessen. Ihr Mann hingegen nur eine Banane. Die zweite Banane war für Frau und Kind. Der Mann sammelte Nägel und Schrauben aus den Brackwassern des Slums,unter den Ärmsten der Armen ist die Rangordnung ja ebenso diffizil wie unter der Superreichen und selbst im Slum in dem der Durchschnittsverdienst bei einem Dollar liegt, zählte jener Mann zu denen, die an guten Tagen vielleicht 50 Cent verdienen.
In Europa sind die Überlebenschancen für Frühgeburten ab der 23. Woche gut, aber der 28. Woche sehr  gut und in Indien in einem Slum in beiden Fällen aber extrem schlecht. Das gilt auch für unsere Klinik, denn Frühgeburten verlangen einen Ressourcenaufwand den wir nicht leisten können und den wir intensivmedizinisch nicht tragen können. Die meisten Frühgeburten also sterben in den Armen ihrer Eltern. Das ist Indien.

Die extreme Mangelernährung der Frau hatte zu einer Plazentainsuffizienz geführt und wir holten das Kind. 28. Woche. Ein Kind so groß wie eine Banane ein winzige Hand zur Faust geballt, ein entschlossenes Gesicht und der Vater stand vor seinem Kind und weinte vor Liebe und Angst um das Kind. Ja, auch in Indien lieben Eltern ihre Kinder mit der gleichen Entschlossenheit und Unbedingtheit wie in Radebeul oder Bonn.
Damals aber hatten wir gerade ein gebrauchtes Röntgengerät angeschafft und hatten kein Geld. Nichts. Der S. sah auf das winzige Wesen und sagte: „Das ist eine Kämpferin.“ Ich rief die C. an und bat zum ersten Mal in meinem Leben jemanden um Geld. „Ja“, sagte die C. und wir fuhren mit dem winzigen Wesen in eine teure Klinik. 4.000 Euro legte ich auf den Tisch und der Arzt lächelte ein bisschen amüsiert über diesen Notgroschen.

Zum ersten Mal bettelten der S. und ich. Hemmungslos. Klagend, Weinend und der S. „Wir als Kollegen…“ und dann nahm der Arzt das Mädchen und seine Mutter auf. Der Vater schlief im Blumenbeet vor der Klinik. Das Mädchen nannten sie Amita: Kennt keine Grenzen. Jeden Tag kamen wir in die Klinik und Amita ballte ihre winzig, kleine Faust, jeden Tag ein bisschen entschlossener. Amita hielt durch und Frau Rajasthani kochte für Amitas Mutter und ihren Mann, kochte mit der gleichen Besessenheit mit der wir den Arzt überzeugten dieses eine Mädchen auf der Welt zu halten. Und Amita blieb auf der Welt.

Als Amita zurück nach Hause kam, war sie etwa so groß wie normal entwickelte Kinder in der 28. Woche und der ganze Slum hielt Amita am Leben. Damals obwohl wir doch gerade das Röntgengerät angeschafft hatten und ich nun einen Batzen Schulden bei meiner lieben C. hatte, beschlossen wir, dass sich etwas ändern müsste und seitdem liegen in der Schublade des Klinikschreibtisches, kleine gefaltete, braune Papiertüten mit Geld für eine richtige Mahlzeit. Und wenn die Patienten auf die Frage: Tumne khane me kya khaya aaj?, mit: Ek Banana antworten, dann gibt es eine Mahlzeit auf Rezept. Eine Banane macht nicht satt. Vor zwei Jahren hatten wir endlich genug Geld um für alle Kinder und werdende Mütter zweimal in der Woche ein Frühstück zu organisieren: Milch, Bananen und Samosas an jedem Mittwoch und Sonntag. Jede Kalorie zählt und der Hunger ist ein großer, ein hartnäckiger, ein verbissener Gegner, und die Kinder haben vor der 40. Woche eigentlich keine Chance. Und auch in der 40. Woche ist die Chance noch immer ein Vielfaches geringer als in Europa. Noch immer ist der Geburtstag der indischen Kinder im Slum oft auch ihr Todestag. So ist das in Indien und deswegen sind wir ja auch dort.

Zwei Jahre später Amita rannte vergnügt und jagte Straßenhunde hatte ich 4000 Euro gespart und lud meine liebe C. zum Essen ein. „Danke“, sagte ich und dachte an den Abend an dem Amita auf die Welt kam. Die C. nahm das Geld und zwei Tage später hatte ich 4,000 Euro auf dem Konto: Betreff: Alles Banane.

In der Praxis meiner lieben C. hängt ein Bild von Amita und mir: Sie verschlingt ihre Frühstücksbanane und erklärt mir sie sei ein Tiger, aber einer der nur Bananen möge und ich sage: „Ich weiß, Mäuschen, ich weiß“ und sehe ihre kleine entschlossene Faust wie damals als sie auf die Welt kam und immer wenn ich vor dem Bild stehe und sentimental schniefe, kommt die liebe C. küsst mich auf die Nasenspitze und lacht: „So ist das wenn man Kinder hat.“

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Die D. steht noch immer neben mir und erklärt mir warum die Banane die Abnehmsünde sei. Aber ich drehe mich um und sage: „Ich will das wirklich nicht mehr hören.“ Dann drehe ich mich um und esse die wirklich sehr gute Banane, nicht zu grün und auch noch nicht braun angedellt. Eine Banane. Ek banana.

02. Juli 2017: Ich bin sehr gerührt und sehr dankbar für all Ihren Zuspruch und Ihre überwältigende Hilfsbereitschaft! Nun ist es mit Spenden eine gar nicht so einfach Sache, sondern eine rechtliche und auch strukturelle Herausforderung. Ich werde überlegen, ob und wie und welche Möglichkeiten es gibt und melde mich dann hier an alter Stelle. Aber ich bin unendlich dankbar vor allem dafür, dass Sie Anteil nehmen. Es gibt Dinge, die sind in Geld und Gold niemals aufzuwiegen. Danke. Von Herzen. Immer Ihr Fräulein Read On.

In der Schlange vor Kasse Sieben

Gestern Abend, spät war es schon und ich arg müde nach einem langen Tag und dem späten Flug zurück nach Berlin, da entschied ich mich doch noch auf einen Sprung in den Supermarkt am Zoologischen Garten zu gehen, denn ich kenne mich schon und weiß wie unleidlich ich bin, habe ich am Morgen keine Milch im Haus. Die Stimmung im Supermarkt ist gereizt. Zwei Touristen haben mit ihren Everest-Reise-Tornistern einen Karton Limonade von einem Stapel gefegt und auf dem Boden breitet sich ein klebriger Limonadensee gespickt mit Glassplittern aus. Die Touristen mit ihren Rucksäcken, die wohl auch Bäume fällen könnten, haben das Drama nicht einmal bemerkt, wohl aber der Marktleiter. Der schreit: „Aber hallo, sofort stehengeblieben.“ Eine Ader pulsiert drohend an seiner Schläfe, er verliert die Contenance und kann nur noch bellen. Dann verlässt er den Tatort und schon knarzt es drohend durch den Marktlautsprecher: „Frau Tesche zum Aufwischen.“ Frau Tesche eine ältliche, etwas untersetzte Frau kommt mit Zellstoffpapier und einem Eimer herbeigehechtet und beginnt die Sauerei aufzuwischen. „Ick hab schon janz andere Scheiße uffgejewischt“, sagt sie zu den Touristen, die bedeppert neben ihr stehen. Frau Tesche hat zwar wasserstoffblondes Haar und sehr lange Fingernägel mit Leopardenprint, aber sie ist bestimmt schon 65 Jahre alt und sehr wahrscheinlich reicht die Rente nicht und die Männer auf die ist wohl auch kein Verlass mehr. Vielleicht hat der Sohn auch Schulden oder die Tochter ist mit dem Bubble-Tea Laden pleite gegangen. Frau Tesche jedenfalls klaubt Scherben zusammen und wischt den Limonadensee auf. Ich drücke mich an zwei Männern vorbei die Centstücke zählen und wohl ausrechnen, ob die Münzen für zwei Flaschen Bier reichen. Dann kaufe ich eine Flasche Milch und zwei Becher Joghurt und stelle mich an eine Kasse an. Auch hier ist die Stimmung nicht gut. Eine Frau hat in ihrer Einkaufstasche mehr Sachen als auf dem Band liegen und der Kassierer, der eigentlich nur die Tomaten noch einmal über das Band ziehen wollte, ist ihr auf die Schliche gekommen. Jetzt rauft er sich das Haar und deklamiert: „Ick fass es nicht.“ Dit is ne Riesensauerei.“ Ich weiß nicht ob Frau Tesche ihm hier zustimmen würde. Jedenfalls schreit er in das quietschende Kassenmikrofon: „Marktleiter, Marktleiter sofort zur Kassen Sieben.“ Seine Stimme überschlägt sich fast und das Kassenmikrofon kreischt so wie ich mir den Gesang der Erinnyen vorstelle. Vom Marktleiter indes keine Spur. Wahrscheinlich sitzt er vor einem Ventilator im Marktleiterbüro, nimmt Magentabletten und hustet böse über sein Schicksal, das ihm beständig Touristen und Trinker beschert. Die Frau vorn an der Kasse, die wohl Eier und Brot und auch einen Kohlkopf auf das Band getan hat, aber Fleisch und Gemüse in eine dunkelbraune, zerbeulte Tasche gestopft hat, steht mit gesenktem Blick an der Kasse und starrt auf ihre Schuhe, die ebenso zerbeult sind wie ihre Tasche. „Hören Sie, sage ich zum Kassierer, denn ich bin müde, wirklich müde und öffentliche Tribunale mag ich auch nicht, ich bezahle die Dinge ja?“ Aber der Kassierer starrt mich böse an: „Dit is ne Riesensauerei“, hebt er wieder an und rudert mit den Armen. „Dit wird uffjeklärt.“ Andere Kunden protestieren auch. „Da könnte ja jeder kommen“ und „Schnauze, Sie Gutmensch. Ich aber bin ja nur sehr müde, auch sehr müde daran, dass ein Exempel immer dann statuiert werden soll, wo keines ist, sondern nur traurige Geschichten liegen, vor denen ich mich fürchte. Geschichten von denen ich mit Biomilch und Biojoghurt und einer Gemüsekiste am Samstag und einem gefüllten Vorratsschrank nichts wissen muss, aber doch einiges weiß. Der Mann, der besonders laut pöbelt, ist mehr als nur gut genährt und die Fleischbeutel in seiner Hand und der teure Schnaps sind eine andere Kategorie als die dünnen Plastiktüten der Frau an der Kasse. Der Kassierer schreit noch immer nach dem Marktleiter, da dreht ein Mann, der direkt vor mir steht sich zu mir um. „Ich würde auch was geben“, sagt er und lächelt schüchtern. Er sieht so aus, als müsse er sich erst erinnern, wie das geht mit dem Lächeln. Auf dem Einkaufsband liegen zwei Flaschen Sekt, verschiedene Tafeln Schogetten und vielleicht zwanzig Becher mit Maggi-Instantnudeln. „Mysterious Asia“ oder „Flavourful India“ oder so ähnlich steht auf den Bechern, auf deren Deckel ein roter Drachen einen Hauch Exotik vermitteln soll. „Sie mögen indisches Essen?“, frage ich ihn und der Mann wird rot. Er muss sich nicht nur an das Lächeln erinnern, sondern auch daran wie man spricht, wird man gefragt. Er nickt. „Er träume davon einmal nach Indien oder Thailand oder China, am liebsten aber nach Shanghai zu fahren.“ Dann aber reibt er den Daumen gegen den Zeigefinger, so als zähle er Geld. „Es reicht nicht“, sagt er und ich nicke. Außerdem könne er nicht weg, wegen seiner Mutter, die ist bettlägerig und er könne sie nicht mehr länger als ein paar Stunden allein lassen. „Ob ich, fasst er sich ein Herz, schon einmal in Asien gewesen sei?“ Ich nicke und deute auf die indisch inspirierten Maggibecher. „Indien, sage ich, immer wieder Indien.“ Dann erzähle ich ihm wie ich damals in Indien bei Frau Rajasthani am Küchentisch zum ersten Mal scharfen Reis gegessen habe und vor Überraschung über die plötzliche Schärfe erst anfing zu husten und dann zu tanzen, um die Schärfe abzuschütteln. Noch heute schütteln sich die Nachbarn, die durch die offenen Balkone hereinsahen und mich wirbeln sahen wie einen Derwisch darüber wie ich den scharfen Reis entdeckte. Der Mann muss auch lachen. Ein offenes, herzliches Lachen. „Er äße sehr gern scharf“ sagt er und ich nicke und denke an Frau Rajasthani in ihrer Küche, die immer offen ist für Gäste und die mit einem bestimmten: „Accha!“ die Kinder, ihren Mann und mich mit einer dampfenden Schale voll Reis, Dhal und was immer eben gerade im Topf schmort, herunterschickt, damit auch der Mann die Plastikflaschen sammelt satt wird. Accha! Hier im Supermarkt aber wird die Schlange länger, die Stimmung gereizter und der Marktleiter bleibt noch immer verschwunden. Der Kassierer ist krebsrot im Gesicht und auch sein Rufen nach einer „zweiten Kasse“ verhallt ungehört in den Supermarktgängen. Frau Tesche ist ja auch mit dem Limonadensee befasst. „Ich versuche es noch einmal und sage, „Ich bezahle das jetzt.“ Der Kassierer gibt endlich nach, wohl weniger meinem Blick als dem drohenden Gebräu der unzufriedenen Kunden und dem abwesenden Marktleiter geschuldet. „Nun jeben se schon her“, blafft er die Frau an, die scheu und ebenso rot wie er, die Beutel aus der Tasche auf das Band legt. 9 Euro 58 beträgt der Wert des Diebesgutes. Gehacktes, zwei Auberginen, eine Rispe Tomaten und Kartoffeln. Der Mann mit den Maggi-Packungen legt fünf Euro zu den Sachen der Frau. Sie packt die Sachen hastig in die zerbeulte Tasche und nickt uns flüchtig zu, schon verschwindet sie in der Menge. Der Mann bezahlt und endlich ich auch meine Flasche Milch. „Es hat mich sehr gefreut“, sage ich und nun ist er auch sehr rot. Namasté. Dann laufe ich wirklich müde die Treppen zur S-Bahn hinauf und mache die Augen erst wieder auf, als die S-Bahn quietschend den kleinen Vorort im äußersten Südwesten Berlins erreicht.

Die Armen

Dankbar sollen die Armen sein, auf jeden Fall aber bescheiden. Forderungen sollen die Armen nicht stellen. Wir wissen es doch besser. Weit weg sollen die Armen wohnen, in Vierteln die uns nichts anzugehen brauchen. Adrett und höflich sollen die Armen sein und nicht etwa lauthals in Bahnen und Bussen grölen, oder gar uns auffordern Platz zu machen. Überhaupt, warum müssen die Armen immer in Gruppen auftreten? Still sollen die Armen sein. Auf gar keinen Fall sollen sie uns mit Musikinstrumenten, Straßenzeitungen oder gar abgebrochenen Lebensgeschichten behelligen. Wir, die wir mit unseren Telefonen in der Hand Wichtigkeit vortäuschen, werden doch wohl noch selbst und in aller Stille entscheiden dürfen wem wir ein Almosen angedeihen lassen. Aber nicht in Alkohol umsetzen, sagen wir gönnerhaft mit unserem Zwei-Euro-Stück in der Hand, als ginge es um Champagner aus Bestlagen und nicht um zwei Flaschen Bier. Aber wir wissen es doch besser und wir sagen es auch: die Armen könnten sich doch nützlich machen. Wir bekommen doch auch nichts geschenkt. Können wir nicht erwarten, dass die Armen die Straßen fegen, auf die wir unsere Pappbecher deppern oder zumindest die Parkanlagen verschönern oder wenigstens die Bänke streichen? Aber muss das wirklich mit Zigarette im Mundwinkel sein? Und warum müssen die Armen unser sauer verdientes Geld an scheußliche Tattoos verschwenden? Überhaupt wir wissen es doch besser: warum können nicht auch die Armen mehr Vitamine essen und sich öfter mal ein Buch ausleihen. Wir sind doch alle längst clean-eater und wissen ganz genau wie authentisch indische Küche zu schmecken hat. Überhaupt man muss es auch wollen und Disziplin, Leistungsbereitschaft und vor allem Dankbarkeit wird man doch wohl auch von den Armen erwarten dürfen. Armut ist im Grunde immer nur eine Willensfrage, wenn wir es können, warum können sie es nicht? Ausnahmen sind echte Bedürftigkeit: Feuer, Wasser und Wirbelstürme qualifizieren für Anteilnahme, ansonsten klebt der Makel an den Armen, den es zu überwinden gilt. An uns können sich die Armen doch ein gutes Beispiel nehmen. Meinungen und noch dazu solche die unseren widersprechen sollen die Armen lieber nicht haben. Wenn sie aber doch eine Weltsicht haben, dann mögen sie uns doch damit verschonen. Wir kümmern uns doch und geht es den Armen nicht gut unter uns? Empört sind wir deshalb beschweren sich die Armen, dazu gibt es doch wirklich keinen Grund. Bestimmt hat der Panflötenspieler an der Ecke keine Lizenz und lärmen dort hinten nicht schon wieder rotzfreche Kinder, die ganz bestimmt nicht die Bildungskarrieren adretter Kinder, die nie Widerworte geben gefährden sollen? Und sitzt nicht schon wieder jemand in der Bahn, der nicht an einem Smoothie nippt, sondern einen Cheeseburger ißt? Wir haben es wirklich nicht leicht mit den Armen und dann seufzen wir tief.

As an exception in German-Berliner Geschichten II

Zugig ist der Bahnsteig und kalt. Die S-Bahn kommt nicht. Die S-Bahn kommt absolut nicht. Der Wind pfeift und ich glaube die S-Bahn wird vielleicht nie wieder fahren, jedenfalls nicht von diesem Bahnsteig. Eine Bahn kommt, dann noch eine, aber keine der beiden hält. Ich habe Hunger und Halluzinationen von einem an offenem Feuer gerösteten Ochsen. Oder von einer dampfend heißen Kartoffel-Lauchsuppe, dick bestreut mit geriebenem Käse. Ganz unten in der Tasche finde ich immerhin ein Hustenzuckerl, das dort glaube ich schon viele, viele einsame Tage, wenn nicht gar Jahre auf dem Grund der Tasche verbracht hat. Endlich, aber endlich erbarmt sich unser eine S-Bahn. Mir gegenüber sitzt eine junge Frau mit ihrer Tochter. Acht Jahre alt mag das Mädchen sein und ihre Mutter hat ein Gesicht, das viel zu verbraucht scheint für die Jahre, die es wohl zählt. Mutter und Tochter tragen fast identisch kniehohe Stiefel, das Mädchen hat blonde, die Mutter blondierte Haare. Das Mädchen bohrt die Stiefelspitzen fest in den Boden, die Mutter bohrt ihre Blicke auf ihr Telefon. Irgendetwas murmelt das Mädchen ihrer Mutter zu, die aber plärrt mit erstaunlich lauter Stimme: „Da musst du deinen Vater fragen.“ Vater klingt nicht nur verächtlich sondern wie Fatta, mit zwölf Ausrufezeichen mindestens. „Mittach“, plärrt die Mutter dann erneut und aus ihrer mit falschem Kuhfell bespannten Handtasche holt sie ein kleines, gelbes Päckchen hervor. Ich brauche einen Moment bis ich verstehe, dass dies eine Tütensuppe ist, yum-yum oder so heißt sie und sie enthält trockene Nudeln und ein Tütchen Gewürzpulver. Auf der Verpackung ist eine kross gebratene Ente abgebildet. Das Mädchen nimmt die Tüte, zerbricht die harten Nudeln, schüttet sie in ihre Hand, streut Gewürzpulver über die trockenen Nudeln und isst sie. Viele Nudeln kann eine kleine Mädchenhand nicht halten und eine kleine Mädchenhand muss auch noch das Gewürztütchen koordinieren und bald liegen viele Nudeln auf dem Boden der Bahn. Das Mädchen leckt sich das Gewürzpulver von den Fingern. Dann steige ich aus, der Boden knirscht unter meinen Füßen. Im Warmen bin ich dann, ich küsse viele Wangen, ich rede zu schnell und zu lang, ganz bestimmt zu lang, ich schüttle Hände, ich höre mich lachen, jemand bringt mir ein riesiges Stück Kuchen und irgendwann es ist schon sehr spät, essen wir griechischen Salt mit dicken Brocken Käse, der Tomatensaft tropft mir von der Oberlippe, O. ordert einen Berg von Tsatziki, L. und ich teilen uns Lammrippchen, und ganz zum Schluss der Tag ist schon vorüber, stehe ich auf dem Balkon, in den Händen eine große, heiße Tasse Tee und sehe wie schon den ganzen Tag, immer wieder, als sei es mein eigentlicher Schatten, das Mädchen mit den trockenen Tütennudeln in der einen und dem Päckchen Gewürzpulver in der anderen Hand mir gegenüber sitzen, als sei das ganz und gar normal und nicht weiter ungewöhnlich, ein Tag eben wie jeder andere auch.

As an exception in German: In all diesen Jahren

Es ist heiß. Die Haare kleben mir im Nacken und ich kann mir die Handschuhe kaum über die Hände ziehen. Schwarze Fliegen sitzen überall und sie belächeln müde meine angestrengten Versuche sie mit dem gelben Pappordner vertreiben zu wollen. Ich rieche nach Insektenmitteln und Desinfektionsspray. Über dem Mundschutz beschlägt meine Brille. Es ist noch nicht einmal acht Uhr am Morgen. Die Frau, die das Zimmer betritt, ist vielleicht siebzehn, aber vielleicht auch neunzehn, dreiundzwanzig oder fünfzehn Jahre alt. Ich weiß es nicht. Sie weiß es nicht. An ihrer Hand klammert ein Bube, er ist vier oder fünf. So ganz genau, weiß es keiner von uns dreien. Sehr leise flüstert die Frau, dass sie zum Impfen käme und ich nicke. Der Bube hopst aufregt von der Liege. Geschafft. Die Frau ist schwanger. In welchem Monat kann sie nicht sagen. Für Frauen wie sie gibt es keinen Mutterpass, keine Vorsorgeuntersuchung und auch keinen Ultraschall. Ob ich einmal sehen dürfte, frage ich und die Frau dreht ihre Armreifen in der Hand hin und her. Schließlich nickt sie. Ihr Oberkörper ist mit blauen und schwarzen Flecken übersät. Das Kind denke ich, liegt kompliziert. Gerne möchte ich sie überzeugen zur Geburt hierher zukommen. Aber noch während ich auf Hindi versuche sie zu überreden, merke ich dass mir die Worte zerfließen, so als würde die Hitze die Worte in Wasser auflösen. Hilflos komme ich mir vor, mit meinen mangelhaften Worten, die so verloren im Raum stehen, nicht nur deshalb weil mein Hindi so fehlerhaft ist, nicht nur weil ich keine Sprache wirklich beherrsche, sondern weil ich in all diesen Jahren wieder und wieder, versuche die gleichen Sätze zu sagen , von denen ich doch weiß, dass sie schief klingen, um so viele Oktaven verschoben, aus so einer anderen Welt sprechen, dass sie einem hohlen Echo gleichen, das sich vielfach wiederholt, ziellos wieder und wieder ansetzt um sich im Nichts zu verlieren. Die Frau sieht mich an, meine hilflosen Erklärungsversuche und nickt. Sie sitzt mit geradem Rücken, in ihrem roten Sari und hält noch immer den Buben an der Hand, eine der vielen Frauen, aus den vielen Dörfern, die in die Stadt kommen um in den vielen Haushalten abzuwaschen, Gemüse zu putzen, die Wäsche zu machen und all die Dinge von denen ich nichts weiß. Ich unterbreche mich selbst, in meinen lächerlichen Sätzen und frage nach ihrem Mann. Der bügelt sagt sie und ich kann ihn mir vorstellen, einen der vielen am Straßenrand sitzenden Männer, auf nicht viel mehr als einer Spanplatte arbeitend, ein Bügeleisen und heißen Dampf neben sich, den Verkehr, einen ganzen Tag, ein ganzes Leben lang. Keine Brandwunden, denke ich, immerhin, nur Schläge. Immer sind diese Frauen geschlagen wurden, von ihren Vätern, Großmüttern, Brüdern und Männern, sie selbst schlagen die Kinder und ich höre mich sagen, drängend und ernsthaft, wie wichtig es wäre, sie käme zur Geburt ihres Kindes hierher zurück. Sie denkt vielleicht an den Einkauf, ob Geld übrig ist für Huhn oder nur für Auberginen. Dies sei gut gegen die Krämpfe sage ich und gebe ihr die Tabletten. Eine Zahnbürste und Zahncreme für den Buben und sie dreht beides in den Händen, während ich noch immer rede, steht sie auf und nickt mir zu und ich bin endlich still. Während sie und der Bube den Flur hinuntergehen, sehe ich ihnen noch einen halben Augenblick nach, sehe in den Flur, der voller Menschen ist, es ist noch nicht einmal neun. Es ist heiß, die Handschuhe kleben mir an den Hände, ich suche nach der Schere, um sie durchzuschneiden. Die Fliegen schwirren durch den Raum, auf eine Karteikarte, trage ich all das ein was ich nicht weiß und bin mir fast sicher, die Frau nie wieder zu sehen.