Katz und Maus

Die beste Chefin der Welt liegt mit Grippe im Bett und so ziehe ich mit einem Stapel an Aktenordnern in ihr Büro um und für lange Zeit, höre ich nichts weiter als das leise Ticken der Uhr, das Klackern der Tastatur und den unvermeidlichen irischen Wind. Sonst ist es still. Die meisten Fellows des Instituts trudeln erst im Lauf der Woche wieder ein und die Auszubildende ist mit messerscharfen Anweisungen versehen im Kopierraum und schreddert alte Akten. So vergeht der Vormittag, ich gähne ein bisschen und gerade als ich darüber nachdenke, ob ich nicht doch Teewasser aufsetzen sollte, da fährt ein markerschütternder Schrei durch das Institut. Ein Schrei wie aus Horrorfilmen, ein Schrei, der wie ein Fingernagel über eine Tafel kratzt, und ich fahre derart zusammen, dass mir der Ordner aus den Fingern gleitet. Ich denke: Das ist ein bewaffneter Raubüberfall, dann springe ich auf schnappe mir einen Regenschirm und mein Telefon und überlege mir in wie vielen Sprachen ich sagen kann: „Hier ist kein Geld zu holen und die Polizei ist schon informiert. Ich hetze die Treppe nach oben und auf einem Tisch an dem die Fellows sich sonst über Kaffee und Keksen ihr Leid klagen, da steht die Auszubildende und schreit als seien die sieben Höllenhunde selbst hinter ihr her. Mir fällt der Regenschirm aus der Hand, denn ich erwarte ja noch immer einen Überfall, aber der Überfall kommt nicht, nur die Auszubildende schreit nach Kräften.

Auszubildende rufe ich also so laut ich kann: „Warum stehen Sie auf dem Tisch und schreien um ihr Leben?“

Die Auszubildende kreischt noch einmal so laut sie kann, bevor sie schluchzend herausbringt: „Fräulein Read On, ich habe ein Monster mit roten Augen gesehen.“

Auszubildende sage ich, ich schwöre ich bin schrecklicher als jedes rotäugige Monster, bitte kommen Sie runter vom Tisch.“ ( Mich stören weniger Monster mit einer Bindehautentzündung als die Erinnerung daran, dass die Auszubildende an ihrem zweiten Arbeitstag mit einem Tritt zwei Akten von einem Regal holen sollte, sich dabei vertrat, fiel und sich vier Wochen lang weigerte, die Halskrause, die ihre Mutter von einer Esoterik-Expertin empfohlen bekam, wieder abzulegen.

Die Auszubildende schüttelt den Kopf: „Nie wieder werde ich den Tisch verlassen“, sagt sie und schüttelt in großer, dramatischer Geste den Kopf.“

„Haben Sie etwas aufgehört zu rauchen, Auszubildende?, frage ich sie.

„Ich hasse sie, kreischt die Auszubildende.“

Aber das weiß ich schon und endlich nimmt die Auszubildende meine Hand und steigt vom Tisch herunter. Sie schnieft noch immer.

„Wo Auszubildende haben Sie das Monster zuletzt gesehen?“

Die Auszubildende starrt mich an und zeigt mit bebendem Finger auf den Kopierraum. Da drin hat es auf mich gelauert, sagt sie und ich gehe einmal nachsehen. Im Kopierraum liegen viele vollständige Aktenordner, halbherzig geschredderte Akten und dann sehe ich es auch: eine Reihe von Papieren ist angenagt und neben dem Papierkorb liegt Mäusekot. Im Papierkorb raschelt es und verängstigt blickt eine Maus zu mir herüber. „Tach, Maus“, sage ich und dann etwas leiser: „Moment, bitte.“

„Auszubildende“ sage ich und setze mein vertrauensbildenstes Lächeln aus, warum erholen Sie sich von dem Schrecken nicht einfach vor der Tür?“ Die Auszubildende starrt mich an. Mit klappernden Zähnen sagt sie: „Sie haben das Monster gefunden?“ Das Monster sage ich, ist eine kleine, graue Maus. Die Auszubildende sieht mich an und rast aus der Tür.“

Als ich in den Kopierraum zurückkehre, ist die Maus nicht länger im Papierkorb. „Ach Maus, sage ich“, das ist hier doch kein Leben. Aber dann denke ich, die Maus hat natürlich Recht, ich würde nach einem solchen Vormittag auch nicht ohne Käse gehen, natürlich liegt im Kühlschrank Käse, all meinen ewigen Mahnungen zum Trotz den Kühlschrank vor Ferien leer zu räumen. Ich richte Käse an und irgendwann kommt die Maus. „So sage ich Maus, jetzt gilt es und sehe die Maus etwartungsvoll an. Die Maus grinst und ist verschwunden. Ich lege eine Käsespur in einen schwarzen Müllsack und denke an die faule Katze auf dem Fensterbrett, den nichtsnutzigen Hund und an das verzogene Kälbchen in den Flegeljahren will ich gar nicht erst denken. Der Tierarzt nämlich, der sich bekanntlich nicht einmal vor zahnwehkranken Krokodilen fürchtet, bekommt beim Anblick einer Maus, Schüttelfrost vor Grausen und kann somit auch keine Fernhilfe anbieten. Mein Wissen über Mäuse beschränkt sich auf ein Kinderbuch namens Stadtmaus und Landmaus und so hoffe ich auf den Käse und den schwarzen Müllsack. Nach einer halben Stunde geht der Plan auf, die Maus trippelt dem Käse entgegen. Der Müllsack schnappt zu, ich renne mit der zappelnden Maus im Müllsack die Treppe hinunter, da raucht die Auszubildende und erzählt einem wachsenden Zuhörerkreis von ihrer Begegnung mit dem rotäugigen Monster.

Die Auszubildende sieht mich, den zuckenden Beutel in der Hand, neues Gekreisch, als ich über den Universitätshof laufe, lächle ich so unschuldig wie möglich, aber tun das nicht auch Leute, die ihre Schwiegermutter heimtückisch im Garten vergraben? Unter einer großen Magnolie öffne ich den Müllsack, die Maus nuschelt: Verräter und ist schon verschwunden. Zurück im Institut sagt die Auszubildende: „Fräulein Read On, ich bin jetzt voll traumatisiert.“ Auszubildende sage ich und halte zwei Cracker-Packungen hoch. Die Cracker Packungen hatte die Auszubildende zwar mit ihrem Namen beschriftet, aber nicht in den Schrank gestellt, sondern offen stehen lassen. „Was sage ich immer? „Schlüssel, Licht, Alarmanlage?“, fragt die Auszubildende. „Das auch.“ KEINE LEBENSMITTEL HERUMSTEHEN LASSEN.

Die Auszubildende schnaubt wütend und murrt: „Dabei machen das alle, nur immer ich bekomme geschimpft, aber ich sage: „Schreddern jetzt.“ Die Auszubildende will noch einmal eine posttraumatische Belastungsstörung anführen, aber ich sage ganz leise und sehr langsam: „Auszubildende Sie können auch neben mir im Büro schreddern und sich höchstselbst davon überzeugen, dass auch meine Augen rot glühen können, wenn ich nur will.“ Die Auszubildende verlässt sehr schnell den Raum, Stille senkt sich über das Institut, und für lange Zeit, höre ich nichts weiter als das leise Ticken der Uhr, das Klackern der Tastatur und dem unvermeidlichen irischen Wind, von fern surrt der Schredder und als ich wieder aufsehe, lehnt der Tierarzt im Türrahmen.

„Mädchen, ist alles in Ordnung mit der Auszubildenden? Sie ist heute gar nicht sie selbst und huscht umher wie ein schüchternes Mäuschen.

„Wie ein Mäuschen?, du musst Dich irren lieber Tierarzt“, sage ich und im Spiegelbild der dunklen Fenster, sehe ich für einen Moment nicht mich, sondern sehr deutlich, dass Bild der Grinsekatze mit auffallend rötlichen Augen, aber dann hält der Tierarzt die Tierarzt die Tür für mich auf und rufe der Auszubildenden zu: „Sie können Schluss machen, für heute.“

Verschiebungen

In der Nacht seltsame und verrätselte Träume. Ein Schwanenpaar fährt langsam rudernd über den See. Das Boot aber liegt schief, ist leck und schließlich verschwinden die Schwäne unter einer großen Wolke von Tauben, die sich erst über die Schwäne, das Boot und den See legen. Die Zukunft des Bootes, der Schwäne, ja selbst die des Sees erschien mir ungewiss. Mit Schüttelfrost aufgewacht.

Auch im Büro klebte noch immer die seltsame Nacht an mir. Ein Maler mit Leiter, Farbeimern und Folie, klopfte an meine Tür.

„Ich soll hier die Wand streichen“, sagt er.
 
„Wir haben keinen Maler bestellt“, sage ich.

„Die Wand hier soll ich streichen“, wiederholt er.

„Hier soll nirgendwo eine Wand gestrichen werden“, wiederhole ich.

Er beginnt in ein Telefon zu schreien. Ich sehe durch alle Kalender befrage die Auszubildende und rufe die J. an. Niemand hat einen Maler bestellt, niemand weiß etwas von einem Maler, keine Wand soll neue Farbe bekommen.

Der Maler steht breitbeinig vor mir und wiederholt sein Anliegen auf grobe und gröbere Weise, die Packung mit der Folie fällt um. Ich beharre darauf keinen Maler bestellt zu haben, der Maler spuckt mir vor die Füße. „Verschwinden Soe“, sage ich und der Maler geht fluchend zur Tür heraus. Aus seinen Schuhen fallen grobe Mörtelbrocken. „Müssen Maler nicht saubere Schuhe haben?“, frage ich mich und denke dabei doch: was für eine dumme Frage das ist. Die Auszubildende heiße ich einen Kehrbesen holen und einmal tut sie etwas ganz ohne Gemaul.

„Ob es wohl wirklich falsche Maler gibt?“, frage ich mich, frage es die J., frage es schließlich die Polizei, der Beamte mahct sich unablässig Notizen.“ Man werde den Fall prüfen“, sagt er. Ich nicke und gehe davon. Wieder ist mir als gurrten die Tauben spöttischer als sonst. Ein Mann spricht vertieft mit einem Ahornbaum.

Das Institut riecht noch immer nach dem Maler, der Farbe und seinem sauren Atem. Ich mache die Fenster auf. Sofort frieren die Auszubildende, die Fellows, nur der Schriftsteller macht Atemübungen am Fenster.

Früher nach Haus als gewöhnlich. Erleichtert endlich einmal das Dorf wenigstens im letzten Tageslicht zu sehen. Sonst gehe ich vor der Dämmerung und komme mit der Dunkelheit heim. Ich setzte mich auf das Fensterbrett, sehe auf das Meer hinaus und als der Tee fast trinkbar ist, klingelt das Telefon.

„Mädchen?“, sagt der Tierarzt bist du daheim?“

„Ja“, sage ich und lege den Kopf auf meine Knie. Den Tierarzt kann ich kaum verstehen, es rauscht und gurgelt am anderen Ende des Telefons. Aber dann höre ich ihn doch, oder anders ich höre, dass ich kommen soll. Warum verstehe ich nicht. Ich borge mir das Auto des Priesters, ziehe mir Gummistiefel an und fahre um Kurven und Ecken, durch andere Dörfer, tiefer in das Land hinein, lasse das Meer hinter mir, eine Tannenschonung, Koppeln, Weiden, auf einem Hof steht der alte Volvo des Tierarztes. Neben dem Tierarzt steht ein alter Mann: „Ich habe sie geliebt“, sagt er und ich frage den Tierarzt: „Was ist passiert?“ Ein Kuh habe sich erschrocken, sagt er und zeigt auf den Weiher, ausgegeglitten sei die Kuh auf der in der Nacht überfrorenen Weide schließlich eingebrochen im dunklen Teich und käme nicht mehr heraus. Er und der Bauer seinen zu schwach und zu alt, um die Kuh aus dem Teich heraus zu befördern. Der Tierarzt schämt sich seiner Schwäche, der alte Bauer sieht auf seine müden Hände, ich wundere mich, ob nicht zwei Schwäne über dem Teich aufsteigen, dann verwerfe ich das Bild und wir gehen hinüber zur brüllenden Kuh. Die Kuh erscheint mir größer als gewöhnliche Kühe, so als hätte das Wasser die Kuh aufgeschwemmt, ein groteskes verzogenes Spiegelbild und ich fürchte mich vor der Kuh und dem dunklen Teich. Der Bauer redet auf die Kuh ein und der Tierarzt und ich überlegen wie wir wohl eine Arte Seilwinde um die Kuh bekämen, der Tierarzt steigt in den Teich hinein und vor meinen Augen verwandelt sich die Kuh in den lecken Kahn meiner Träume. Der Tierarzt kehrt mit blutigen Händen zurück. Irgendwann muss einmal ein Pflug im Teich versenkt worden sein, jetzt aber ist das rostige Metall zum Verhängnis der Kuh geworden. Die Kuh hat aufgehört zu brüllen und die Kuh ist tot. Wir steigen zu dritt in den schlammigen Weiher und schleifen die Kuh ans Ufer. Blutgetränkt und Schlammverschmiert. Die Kuh nicht mehr zu unterscheiden vom dunklen Ufer, wir nicht mehr zu unterscheiden von der Kuh. Der Bauer ruft den Abdecker, der Abdecker ist eigentlich ein Tierkörperverwertungs-Unternehmen. Ich fürchte mich vor unseren Spiegelbildern. Der Bauer gibt mir Sachen seiner toten Frau. Die Sachen riechen nach Mottenpulver, Tieren und der toten Frau. Der Bauer umarmt den Tierarzt, mich und nach vielen Papieren fahren wir endlich nach Hause, ich fahre dem roten Volvo hinterher. „Danke Priester“, sage ich und dann lege ich die Sachen der toten Frau sorgfältig zusammen. Warmes Wasser, kaltes Wasser, ich krieche in einen Tierarztpullover, der Tierarzt wickelt sich in meinen Schal. Der Tierarztpullover ist dunkelblau, der Schal ist gelb, der Tierarzt schiebt seine Finger zwischen meine Rippen. Der Tee ist lange schon kalt, das Haus ist kalt und ich stelle die Heizung an. Leises Gluckern, ein Kahn der leck schlägt denke ich, sehe noch einmal die Schwäne, die Tauben und den dunklen See. Dann schlafe ich ein.

Missliche Notizen

Schwierige Tage. Verwickelte und langwierige Arbeitsangelegenheiten, die sich nur mühsam auflösen lassen, sich weiterdrehen und doch immer weiter mühsam und misslich bleiben. Stundenlange Telefonate, verschwindende Dokumente, dann verschwinden auch die Zuständigen, zurück bleibe ich. Launisch und verwundert, schwarze Hände vom spuckenden Kopierer. Die Auszubildende ist krank.

Das Institut beehrt ein Schriftsteller. Der Schriftsteller muss irgendwo im Handbuch für Autoren, Band 4 gelesen haben: „Um die Aura des wahren und einzigen Schriftstellers zu erhalten, verhalte man sich als Autor möglichst misanthrop und feindlich.“ Der Schriftsteller setzt dies gekonnt um.

Ich zeige ihm sein Büro: Er starrt auf sein Telefon. Ich zeige ihm wie Computer, Drucker und das Institut an sich so funktionieren, er starrt auf sein Telefon. „Wenn es Ihnen jetzt nicht passt“, sage ich, der Satz verschwindet im Leeren, der Schriftsteller starrt auf sein Telefon. „Ich brauche Kopfschmerztabletten“, sagt er schließlich zu mir. Ums Eck hat es eine Apotheke sage ich.“ Worauf warten Sie noch?“, sagt der Schriftsteller. „Dass Sie die Tür hinter sich zu machen“, sage ich. Der Schriftsteller starrt mich an und geht.

Der Kollege B. aus der Stadt E. ruft mich an. Mit dem Kollegen B. aus der Stadt E. habe ich damals in Berlin, dass angefangen zu machen, was ich noch immer mache, wenn auch fast nur noch in den Nächten. Damals war der B. der größere Optimist von uns beiden.  Der B. hat gekündigt. „Der Umzug nach Australien sei schon organisiert, sagt er. Mehr Sonne, sagt er und er habe sich erkundigt in Australien sagt er, sei es nicht normal während des Dienstes mit Feuerwerkskörpern, Flaschen und Fäusten angegriffen zu werden.“ „Ich sage: Aber das ist doch auch in der Stadt E. nicht normal. „Der B. hustet trocken. „Ich habe Kinder“, sagt er und ich will sagen: „ Wird es nicht erst normal, wenn wir alle gehen B.?“ Ich sage: „Ich war noch nie in Australien.“ Der B. sagt: „Komm mich besuchen.“

Im Internet schreiben Frauen: #MeToo. In der Nachtschicht kommt eine Frau, deren Mann ihre Beine mit brühendem Wasser übergossen hat. Das Bein wird man nicht mehr retten können, sagt der Chirurg. Ich sage und klinge aufgeräumt und schrill dabei: „Wir kümmern uns jetzt um Sie.“ Sie sagt: „Aber er liebt mich doch.“ Schmerzmittel. Schlafmittel. „Hat er nach mir gefragt?“ Schichtende.

Wieder und wieder versuche ich die Familie in New York zu erreichen. Williamsburg. Englisch ist die erste Fremdsprache, ein kalter Klumpen Sorge in meiner Magengrube. Nach Stunden endlich eine Stimme am Telefon. „Wo seid ihr? Geht es euch gut?“ „Wir fahren doch kein Fahrrad“, sagt der G. Ich weiß nicht ob ich lachen oder schreien soll. Ich verzichte auf beides. „Warum geht niemand ans Telefon?“, sage ich stattdessen. Wir waren in der Shul. Warum frage ich überhaupt, frage ich mich. Ich denke daran wie ich nach Europa kam. In Berlin musste man im Supermarkt seine Tasche nicht aufmachen und in der Garage den Kofferraum nicht öffnen. Nur in Jerusalem flogen die Busse in die Luft. In einem Bus saß die Z. An die Z. will ich lieber auch nicht denken. „Wir fahren kein Fahrrad.“ „Passt auf euch auf, sage ich.“ Ich weiß nicht, ob sie mich hören können. Ich sage nicht: „Hör mir doch zu.“

Zwei Tage später lese ich diesen Artikel . Es waren neun Freunde. Man liest das und denkt an die acht Freunde, lachend auf den Rädern, auf den Bildern sind die Fahrräder verbogen und verdreht, Metallsplitter.

Wie oft habe ich mich mit dem G. gestritten: „Die Kinder müssen Rad fahren lernen.“ Der G. wehrte ab.

Lange in der National Library Mikrofilme durchgesehen. Charles Rex schreibt der König in schönen, geschwungenen Buchstaben, verschwommen das Siegel. Einige Wochen später ist der König tot. Einen Kopf kürzer machen, sagt man im Deutschen, merkwürdig, als hätte der Mensch noch einen Zweiten. Aber noch schreibt er und zeichnet Charles Rex und jemand hat den Brief versiegelt und der König schlief ein und war am nächsten Morgen noch einmal König. Ich aber suche andere Briefe und im dunklen, stillen Mikrofilmzimmer verschwindet Charles Rex wieder, neben mir flucht eine Frau in lila Hosen und Rosenbluse über das Mikrofilmgerät, schließlich wird sie wütend- wie schnell das geht- und reißt das Band aus der Rolle, ein Stück Film verfängt sich reißt- ein Bibliotheksmitarbeiter eilt herbei und besieht den Schaden: Große Scheiße, sagt er und die Frau flucht weiter laut und unerbittlich gegen die Tücken der Maschine. Später im hellen Licht schwer wieder in die Welt hineingefunden.

Müde und mutlos. Überall Risse.

Die Sache mit dem Yoga

Bekanntlich habe ich eine große Schwäche für Briefkästen. Der Briefkasten für meine Aufklärungssprechstunde so predige ich jedem, der nicht schnell genug wegläuft sei eine formidable Sache und überhaupt freue ich mich auch, wenn im Berliner Hausbriefkasten richtige Briefe und Karten liegen. In Irland gibt es leider nur eine Briefschlitzklappe in der Tür. Vor der Tür schläft aber auch der Hund und die Briefe fallen auf ihn herauf, der Hund erschrickt sich und reißt dann immer irgendetwas herunter, die Katze kugelt sich hämisch lachend und reißt etwas herunter, am Abend ist daher das halbe Haus zerschlagen und die Briefe sind verschwunden. Aber im Institut hängt auch ein interner Briefkasten, in dem die Fellows angehalten sind, Vorschläge zur Verbesserung ihres Aufenthaltes einzuwerfen. Die meisten Vorschläge sind eher frugaler Natur: „Der Kaffee ist zu dünn.“ „Von dem Kaffee bekomme ich Herzrasen“ oder „NIE WIEDER DIE HARTEN ITALIENISCHEN KEKSE! ( Sieben Ausrufezeichen.) Wir tun unser Bestes. Am häufigsten genutzt aber wurde der Briefkasten von der Auszubildenen, die ihre Zigarettenkippen dort versenkte,immer in der Hoffnung ich fände nicht heraus, dass sie im Gebäude rauchte, aber die Kippen begannen zu qualmen, der Rauchmelder schlug an und dann kam die Feuerwehr. Die Auszubildende kam hernach in das seltene Privileg mich wütend zu sehen und seitdem flieht sie mit der Zigarettenschachtel nach draußen.

Über den Sommer aber mehrten sich die Zettel in denen die Fellows den Wunsch nach körperlicher Ertüchtigung äußerten, denn wir leben ja in fitten Zeiten. Wer heute noch keinen Marathon gelaufen ist oder sich einen Hexenschuss am Bungeeseil geholt hat oder ohne Wasser und nur mit einem Eispickel in der Tasche auf den Everest gestürmt ist, der hat nicht richtig gelebt und auch die Wissenschaftler drehen sich nicht mehr nur auf dem Bürostuhl, sondern wollen sporteln und gut durchgeschwitzt zu den Schreibtischen zurückkehren. ( Das die Universität ein Sportcenter unterhält, zu dem die Fellows Zutritt haben, sei nur der Vollständigkeit halber erwähnt.)

Die beste Chefin der Welt und ich, wir saßen also zusammen und die beste Chefin der Welt sagte: „Read On, das einzige was geht ist Yoga.“ Ich hustete böse. Denn obwohl mir schon klar ist, dass Yoga längst schon ein Lifestyle ist, so etwas hat man ja heute, so ist mein Unbehagen über Yoga nie ganz gewichen, dazu verbringe ich zu viel Zeit in Indien, wo Yoga lange schon zum gezielten Mittel der Modi-Regierung wurde, eine Hinduvata Ideologie zu propagieren, die Yoga zur nationalen Sache erklärte und Yoga am Morgen zum Dienst am Vaterland erklärte. Die von der Regierung Modi so geschätzten Unterstützer, scheuten auch nicht davor zurück, Leute in den Parks zu verprügeln, weil sie lieber picknickten als den Sonnengruß zu erbieten oder zwangen Spaziergänger an den staatlich verordneten Übungen teilzunehmen, aber ich weiß schon:Yoga ist so gut für den Blutdruck, und so friedlich und ommmm. Die beste Chefin der Welt seufzte auch, und sagte: „Komm Read On, wie probieren es.“ Ich knurrte finster und telefonierte mich durch die Dubliner Yogastudios, denn es galt einen Yogi zu finden, der bereit ist in das Institut zu kommen und mit sensiblen Wissenschaftlern den Hund zu üben. Das alles hat sich am Morgen abzuspielen, also vor neun Uhr, denn im Institut ist täglich Betrieb. Die meisten Yogis winkten ab.
Zu zwei Yogastudios fuhr ich hin, ich schlürfte Süßholztee und meine Augen tränten von den vielen ätherischen Ölen, die Yogis erläuerteten ihre Philosophie, schwärmten von augenöffnenden Erfahrungen in einem Ashram und strichen einem Keramikbuddha zärtlich über den Kopf. Ich nickte und riet dem Yogi das Bild an der Wand andersherum aufzuhängen, Devanagari liest sich doch leichter hängt es nicht kopfüber. “Ist doch nur Deko”, sagte der Yogi und ich entschied mich für seine Kollegin.

Der Tierarzt sagte als ich ihm Zuhause die Plakate zeigte: Oh Yoga im Institut. Kann ich da auch ankommen?” Dann zwinkerte er mir zu und fuhr sich elfmal durch das Haar.

“Tierarzt sagte ich: Kundalini, nicht Kamasutra.”

“Man könnte sich beim Handstand küssen”, fand der Tierarzt.

„In deinen Träumen“, knurrte ich.

„Man wird ja wohl noch träumen dürfen“, sagte der Tierarzt.

Ich druckte Plakate. Ich verschickte Emails. Ich legte jedem Fellow einen Zettel und ein Packerl Yogitee auf den Schreibtisch. Yoga, 7.30 Uhr, immer Dienstags, coffee afterwards ( am Ende sind es ja doch Wissenschaftler ), Ehepartner, Schwiegermütter, Kinder, all very welcome.

Alle sagten begeistert zu. Am lautesten kreischte die Auszubildende: „Das kommt alles auf Youtube.“ Ich betete stumm.

Dann beantwortete ich 250 Emails: „Ich habe nur zwei verschiedene Wollsocken, kann ich trotzdem kommen“- „ich bin selbst Yogi-Master und möchte nur durch die Ohren atmen, ist das ein Problem?“- warum soll ich 2 Euro Leihgebühr für eine Yogamatte bezahlen. Das ist doch dreiste Abzocke“- ohne Kaffee kann ich keinen Sport machen, wann stellst du die Kaffeemaschine an?“-Kann ich während der Stunde, Wasser trinken- ich muss Wasser trinken, sonst sterbe ich.“

Am Dienstag um 7.25 Uhr , wir gehen ja mit gutem Beispiel voran, sind die beste Chefin der Welt, ihr Gefährte, der Tierarzt und ich anwesend. Von den Fellows keine Spur. Die Yoga-Vorturnerin strahlt uns an. Der Tierarzt strahlt zurück:

„Wann machen wir Handstand?“, fragt er. Ich knuffe ihn in die Rippen.

Eine dreiviertel Stunde lang, verdrehen wir unsere Knochen in alle möglichen Himmelsrichtungen. Dann endlich darf der Tierarzt Handstand machen und auch ich schwinge mühsam meine Beine über den Kopf: Ommmmm, macht die Yoga-Vorturnerin. Nomnomnom macht der Tierarzt und küsst mich wirklich. Ohhhhhhh machen die beste Chefin der Welt und ihr Gefährte.

Um zehn Uhr stehen die Fellows mit Wasserflaschen, Matten, Kaffeetassen und Wasserkanistern vor meinem Büro. „Wann geht es denn los?“, fragen sie: 7.30 Uhr sage ich und zeige auf die Plakate, die überall hängen. Die Fellows brauchen erst einmal einen Kaffee. Um 10.15 Uhr kommt die Auszubildende: „Fräulein Read on, sagt sie, ich hatte mir den Wecker fast pünktlich gestellt, aber dann habe ich das Passwort für meinen Youtube Channel nicht mehr gefunden und dann war ich ganz verzweifelt und wusste nicht mehr, wann ich zur Arbeit kommen sollte.

Ommm. Shanti Ommm.

Szenen aus dem Leben eines seltsamen Fräuleins.

Die Szene: Ein windschiefes Haus irgendwo in Irland. Links der Kirchturm St. Sylvester, im Garten des Hauses eine alte Kastanie. Bewölkter Himmel. Die Dorfstraße, hier steil ansteigend, auf der Straße, ein Fräulein mit Bücherbeutel, Tasche und Einkäufen beladen. Das Fräulein ist angetan mit einem gelben Wetterfleck, robusten schwarze Ankleboots mit denen sich auch Mordor durchwandern ließe, ihre Haare, die von weiten an ein Shetlandpony erinnern, wogen im Wind, ihre Nase tropft und augenscheinlich murmelt sie Flüche. Vor dem Haus: ein alter, klappriger, roter Volvo.

Die Frau kramt nach dem Schlüsselbund und betritt das Haus.
Am Küchentisch sitzt ein mittelalter Mann, (ein blauer Schafwollpullover, kunstvoll gezauste Haare), tief gebeugt über tierärztliche Fachliteratur, auf seinem Schoß schläft eine Katze, zu seinen Füßen hechelt der Hund.

Auftritt Fräulein ( Frl.):

( Der Bücherbeutel fliegt in Richtung geöffnete Küchentür)

Frl.: Man fasst es ja nicht. Man fasst es ja nicht. Dass sich vor Kindergärten und Schulen die Blechlawinen stauen und Eltern in Hupwettkämpfe und Tätlichkeiten verwickelt sind, um ihrem kleinen Wunderkind noch zehn Meter zu Fuß zu ersparen, ist nicht neu. Nein, das ist nicht neu. Aber ( das Fräulein reißt die Arme nach oben ) heute hat mich eine SUV-Mutter, die das liebe Erstsemester zum Semesterbeginn auf den Campus kutschierte, umgefahren. Einfach so, beim Rückwärtsmanövrieren, fuhr sie mich um. Zwar langsam, aber doch ganz bestimmt, fuhr sie mich um und während ich versuchte zur Seite zu hechten , bläkte sie dabei aus dem Autofenster: „Hey Sie, wo geht es denn zur Immatrikulation.“ Ich schrie natürlich: Halten sie das verdammte Auto an.“ Das hat mir den Fuß gerettet, denn so fuhr sie nur über den mir entglittenen Bücherstapel. Man fasst es ja nicht. Diese Impertinenz.

( Der Tierarzt liest die Bücher auf, stapelt sie sorgsam auf dem Küchentisch und starrt auf den deutlich sichtbaren Reifendruck auf dem Buchdeckel)

( Das Fräulein pfeffert ihren gelben Wetterfleck hinterher.)

Frl: „Aber, wenn Du glaubst, das sei es schon gesehen, dann kennst du das Fräulein schlecht. Heute war der australische Delegierte da. Sagt die J. ( die liebenswürdigste Chefin der Welt ) Read On, der ist ein Fall für dich. „Gut, gut“, sage ich und der australische Delegierte bekommt die Spezialführung. Ich erzähle die Geschichte vom Krokodil, lasse die Sache mit Oscar Wildes Griechischprüfung nicht aus, erläutere den Mord von anno 16xx en Detail und spreche dann über Mary Shelley.“ ( Der Tierarzt bückt sich und hängt den gelben Wetterfleck auf einen Bügel.) „Ich stehe also mit dem australischen Delegierten etwas abseits der Erstsemester und rede über Mary Shelley, da knöpft der Mann ohne Vorwarnung sein Hemd auf und zeigt mir einen Fledermausbiss irgendwo auf seiner stark behaarten Brust. (Das Fräulein reißt an einem Ankleboot und schleudert auch diesen in Richtung Küchentür.)
Man fasst es doch nicht! Den Fledermausbiss habe ich nicht gesehen, dafür die Kekskrümel im Brusthaar des Delegierten. „Machen Sie bitte das Hemd zu.“, sage ich also, da setzt der Mann zu einer langen Erklärung über das Leben im australischen Busch an , krempelt sein Hosenbein hoch und zeigt mir zwei Spinnenbisse. Alles noch immer mit offenem Hemd. ( Endlich hat sich das Fräulein auch des zweiten Schuhs erledigt, um diesen dem ersten Schuh hinterherzuschleudern.) Man glaubt es ja nicht. Was für ein Kerl. Ein Kerl, sage ich dir.

( Der Tierarzt hustet, augenscheinlich um nicht Lachen zu müssen. Das Fräulein sucht in der Hosentasche nach einem Haarband. Mit zusammengebissenen Lippen rohrspatzt sie weiter:

Frl: „Dann diese Auszubildende. Sie wird noch der letzte Nagel zu meinem Sarg. Ich schreibe also in allerherzigster Handschrift sechs Einladungen, edelstes Papier, Goldrand, plage mich mit dem blöden Aufziehfüller, habe Tintenflecken an Körperstellen, von denen ich nicht ahnte, dass ich sie habe und lege sie der Auszubildenden hin, damit sie diese in Briefumschläge tut, die ich vorbeschriftet habe, frankiert und auf die Post trägt. Was macht diese Person? Diese Person gießt ihre Wasserflasche über die Einladungen aus. Kann man das denn begreifen? Das kann man doch nicht begreifen! Was für ein Rindviech! Ich setzte also erneut an, der Füller tropft aus purer Bosheit, ich habe Tintenschlieren an der Nase, aber sechs Einladungen sollen es werden, ich lasse die Einladungen in die Briefumschläge gleiten, vorsichtig wie behutsam, ich schreibe die Adressen auf die Umschläge, ich frankiere die Umschläge, ich sage: Auszubildende: Wasser, Kleber, Joghurt, alles fort, hier sind sechs Umschläge bringen sie die zur Post.“ „Jetzt.“ Ich gehe meiner Wege. Ich lasse mich verlachen der Tintenschlieren wegen, ich arbeite wie der Esel sieben, ich raufe mir achtfach das Haar und kehre in das Büro zurück. Da steht die Auszubildende vor meinem Büro: „Fräulein Read On, heult sie, ich habe die Einladungen geschreddert, aber wirklich nur ganz aus Versehen.“ Ich zähle bis 133 und sage: „Gehen Sie mir aus den Augen.“ Ich schreibe sechs, neue Einladungskarten, ich beschrifte, frankiere, ich eile selbst zur Post. Ich habe Tintenflecken auf der Brille und ich schwöre Dir: „Eines Tages da reißt mir die Hutschnur, da reißt mir die Hutschnur und dann wird Schreckliches geschehen. Noch in vielen Hundert Jahren, wird jemand davon erzählen wie einmal dem Fräulein Read On die Hutschnur riß!“

( Der Tierarzt hat inzwischen die Schuhe ins Schuhbord getragen und lehnt gegen den Küchentisch.)

Tierarzt ( leise kichernd) : „Mädchen, ich warte auf den Tag, wo Du Dir auch noch den Kopf abreißt,um ihn über die Schwelle zu schleudern, aber sei gewiss, ich werde ihn fangen.

( Der Tierarzt beginnt haltlos zu lachen.)

Frl: ( bindet sich die Haare zusammen.) „Wenn Du nur lachst!“

Der Tierarzt: „Nicht nur ich“. Zu seinen Füßen grinst der Hund. Auf dem Küchenstuhl johlt die Katze.

Frl: „Ich werde die grinsenden Gesichter nicht vergessen.“

Der Tierarzt küsst die tintenfleckige Nasenspitze des Fräuleins.

Zeitgeist

Eine Frau setzt sich im Zug neben mich. Dabei ist der Frühzug so leer wie niemals wieder. Mir schwant Arges und schon hebt sie an: „Sie stehe im direkten Kontakt mit den Engeln“, sagt sie und wirft mir einen finsteren Blick zu. Ich gähne und nicke: „ Wie schön“, sage ich aber sie versteht es als Aufforderung mir von den langen Engelskonversationen denen sie teilhaftig wird, zu berichten. Sie spricht lange von der Sünde und dem Zorn der Engel und aus ihrem Mund riecht es faulig und ich wünschte die Engel würden mehr über Zahnpasta sprechen und nicht so arg viel über den Sündenpfuhl und die Schande. „Möchten Sie einen Kaugummi?“, frage ich sie, denn mir macht der Geruch sofort Übelkeit. Sie starrt mich für einen Moment fassungslos an und schreit: SIE KÖNNEN DIE ENGEL NICHT HÖREN. IHRE OHREN SIND MIT WACHS VERSCHLOSSEN. ( Ich wünschte meine Ohren wären mit Wachs verschlossen, aber leider ist dem ja nicht so. ) „Die Engel würden sich das alles, alles merken“, sagt sie und schüttelt die Faust dann bricht sie in Tränen aus und steigt aus.

Mit einem Stapel Unterlegen in den Armen laufe ich einmal quer durch zwei Gebäude, seige 174 Treppenstufen nach oben und klopfe dreimal gegen eine Tür. „Herein“, flüstert es und ich trete ein. „Guten Morgen“, sage ich, Fräulein Read On, Angnehm, ich komme in Angelegenheit“, weiter komme ich nicht, denn die Frau am Schreibtisch steht auf und greift nach meiner Hand. Noch mehr als Sellerie aber hasse ich, fassen mich fremde Menschen an. Ich kann das einfach nur sehr schlecht vertragen und vor Entsetzen fallen mir die Akten aus der Hand. Die Frau starrt mich an und schon schluchzt sie: „Meine Mutter ist tot.“ Als ich endlich ein Taschentuch herausgefummelt habe, sind zwei Aktendeckel durchgeweicht. „Das tut mir leid, sage ich, das tut mir sehr leid, sage ich, wie man eben so dahin stammelt, ich kenne nicht einmal den Namen der Frau. Aber das die Frau nicht arbeiten kann ist klar. „Bitte setzen sie sich doch hin“, sage ich und die Frau sinkt auf einen Stuhl und schluchzt. Ich drücke ihr ein zweites Taschentuch in die Hand und klopfe an zwei weitere Türen, die dritte Tür öffnet sich. „Ihrer Kollegin geht es nicht gut, sage ich.“ “Oh, sagt der Kollege und starrt die Frau an die ihr Gesicht in den Armen vergräbt und weint. „Können Sie nicht?“, sagt er. Ich schüttle den Kopf. „Rufen Sie jemanden an“, sage ich und ziehe ein drittes Taschentuch hervor. Dann nehme ich den Aktenstapel und gehe zurück. Der Kollege bewegt sich langsam auf das Telefon zu. Ich lehne noch einen Moment gegen die Tür, bis ich höre wie der Kollege sagt: „Ja Hallo, hier ist der G….“

Die Auszubildende ist aus den Ferien zurück. „Sie habe alles vergessen“, sagt sie. Sie weiß nicht mehr wie der Bürostuhl zu verstellen geht, oder wie man Dokumente mit dem Klammeraffen aneinanderheftet, sie weiß nicht mehr wo die Büroklammern sind und wie der Computer mit dem sie seit drei Jahren arbeitet angeht, hat sie auch vergessen. Das Passwort hat sie nie gehört und das Telefon klingelt herzzereißend. Sie weiß nicht mehr, dass sie auf die grüne Taste für „Annehmen“ drücken muss. Ihr Notizheft hat sie verloren und den Schreibtischschubladenschlüssel hat sie verloren. Ich grinse hämisch und hole das 15er Skalpell zur Hilfe. Ich heiße Sie Blumen gießen, sie schmollt: „Das ist doch was für Babies.“ Ich lächle süßlich. „Unterschätzen Sie Babies nicht“, sage ich und sie ertränkt die Foyerpalme. Tee kochen kann sie auch nicht mehr: „Der Wasserkocher sei viel zu schwer.“ Die Briefe frankiert sie alle auf der der falschen Seite und ich lasse sie die Briefmarken wieder abfummeln und sie stöhnt: „Wie ich Sie hasse!“ Ich nicke, denn ich habe schon Schlimmeres über mich gehört.

Wie man die Druckerpatrone des Kopierers wechselt hat sie vergessen und die Briefe kann sie nicht zur Post tragen, weil sie sich nicht mehr erinnern kann, wo die Post ist. Diktate abtippen kann sie auch nicht, weil ihre Finger weh tun und als die Geschirrspülmaschine ausräumt, zerschlägt sie zwei Tassen und kann Kehrblech und Handbesen nicht finden. „Um zwei Uhr“ bin ich zurück rufe ich und heiße sie Kartons zerreißen. Als ich zurückkomme, ist ihr Büroplatz verwaist, das Telefon klingelt unermüdlich, die Kasse steht geöffnet auf dem Schreibtisch, alle Türen stehen offen und in der Küche läuft der Wasserhahn. „Ist das Absicht, dass die Türen offen stehen?“, frage ich die Auszubildende, die mit einer letzten Rauchwolke vor dem Mund zurückkehrt. Sie starrt mich an, bricht in Tränen aus, und verschwindet von dramatischen Schluchzern geschüttelt auf die Toilette. Wenigstens hat sie über die Ferien nicht vergessen, dass sie zum Rauchen vor die Tür gehen soll.

Der Tierarzt ist schon zu Haus. Er bügelt und hört, denn der Tierarzt ist ja von überwältigender Liebe zu Deutschland gepackt, Nietzsches „Jenseits von Gut und Böse“ in einer irgendwann einmal in meinen Besitz gelangten Hörbuchfassung und wie alle Verliebten, ist es ganz gleich, dass er kein Wort versteht, hört er die Geliebte nur reden. Ich ziehe die Schuhe aus, hänge den Mantel auf, werfe die Tasche auf den Küchentisch und drehe Nietzsche leiser: „Mädchen, lächelt der Tierarzt, wie war dein Tag?“ Ich habe, lieber Tierarzt, sage ich seufzend und küsse ihn auf die Nasenspitze, heute lauter Frauen zum Weinen gebracht.“ Der Tierarzt aber küsst erst meine Mundwinkel, und legt das Bügeleisen aus der Hand: „Mädchen, sagt er und macht eine kleine Kunstpause : that is so very zeitgeisty of you!“

Die Säuberung der neuen Augiasställe.

Im Sommer verlassen viele Gastwissenschaftler und Wissenschaftler, die ihr Buch fertig geschrieben haben, oder sich in eine Frau aus Connemara verlieben oder die genug von ewigen Fußnoten oder fünfstäbigen Jamben haben unser Institut.

Bevor sie aber auf zu neuen Ufern reisen, werfen sie ihren Büro- oder Schreibtisch-cum-Spindschlüssel in ein kleines Weidenkörbchen und schon sind sie verschwunden. Ich lange nach dem schwarzen Klemmbrett und mache ein Häkchen hinter Namen und Büro-Schrägstrich- Schreibtischnummer und eines schönen Tages kommt die beste Chefin dieser und wie ich vermute auch aller anderen Welten in mein Büro und murmelt mit Grabesstimme: „Read On, es ist wieder soweit.“ Ich seufze tief und nicke ihr zu.

Dann kaufe ich sehr viele, schwarze Müllsäcke und telefoniere mit der Firma „Rümpel&Krümpel Ltd. „Ach Du bist es Fräulein Read On“ sagt der Chef von Rümpel& Krümpel Ltd. mit dem ich einmal zum Essen aus war, wo er mir lebhaft und sehr detailreich von den Spezifika der Ratten- und Schadenbekämpfung berichtete und noch dazu Fotos von verdreckten Wohnungen, die er grundentkernt hatte, auf seinem Telefon zeigte. Ich war beeindruckt, aber nicht mehr hungrig. „Es ist also wieder einmal so weit“, sagt der Chef von Rümpel&Krümpel also und verspricht die Lieferung eines Containers so schnell als möglich. Gestern dann stand der Container vor dem Gebäude. Ich seufzte noch einmal tief, zog Handschuhe an und den Mundschutz auf, nahm das Weidenkörbchen mit den vielen Schlüsseln, schnappe mir ein scharfes Messer, greife nach den schwarzen Müllsäcken und und beginne mich von Büro zu Büro vorzuarbeiten, denn bevor die Zugehfrauen die Teppiche shampoonieren, die Fenster putzen und die Schreibtische mit Möbelpolitur wienern, müssen die Büros wie Schreibtische geleert werden und wenn sie bis hierhin dachten, die Wissenschaftler hätten die Schreibtische und Büros ‚besenrein’ hinterlassen, so irren sie und zwar sehr: ich greife als nach dem ersten Schlüssel, atme noch einmal tief ein, denke an meine Großmutter mit dem immer durchgedrückten Rücken und beginne die Säuberung der Augiaställe: in den kommenden Stunden picke ich verschimmelte Kaffeefilter aus den Büropflanzen, ich hole vergorene Apfelhälften und vermoderte Orangen aus Schreibtischschubladen, ich leere überquellende Aschebecher in einen extra dafür bereitgehaltenen, schwarzen Müllsack. Ich öffne eine Schrankschublade, die voller leerer Erdnussschalen ist und im Schrank daneben entsorge ich vollgeschneuzte Tempotaschentücher. Ich verfange mich in mehreren Metern aus einem Karton herausspringender Angelschnur und als ich den Karton anhebe, gibt der Boden nach: mehrere verschimmelte Käse haben den Pappboden aufgeweicht. Der Geruch ist infernalisch und ich überlege kurz den Karton auf der Stelle anzuzünden. Ich finde: Versicherungskarten, eine Heiratsurkunde ( Las Vegas ), einen schwarz verkrusteten Topf aus dem ein Gastwissenschaftler offensichtlich hingebungsvoll gespeist hat, ohne selben jedoch zu reinigen. Ich finde Münzsammlungen naher und ferner Länder, ich finde Berge von Coupons, geschnittene Nägel sorgfältig in Zeitungspapier eingewickelt, ich finde Fotos auf denen Männer wie Frauen weggeschnitten worden und ich finde Socken. Es sind immer, aber wirklich immer Männersocken. Ich werfe die Socken immer sofort weg. Ich finde Steuererklärungen und Führerscheine, ich stopfe derart Papiere in große, braune Papierumschläge, denn manchmal melden sich Gastwissenschaftler nach Jahren wieder und sind voller Empörung, dass ihnen nicht zentnerschwere Kartons nachgesandt worden sind oder ich nicht in der Lage bin aus den vielen, braunen Umschlägen, die ich nummeriert im Keller vorhalte, sofort einen abgerissenen Zettel mit allen, wichtigen Passwörtern herauszufischen. Der Müllcontainer unten im Hof füllt sich derweil mit versifften Tassen, Tellern, Wasserkochern von denen man sofort einen Stromschlag bekommt, einem zerbrochenen Wäscheständer, einer kaputten Angelausrüstung, acht schrottreifen Fahrrädern, einer vergilbten Matratze, einem Ledersessel mit Loch, kaputten Leitz-Ordnern, einer Schublade, in der die verschimmelten Äpfel sich durch das Holz gefräst haben, Pappaufstellern diverser Kinofiguren, Gummistiefeln ohne Sohle, einer Dose mit rostigen Nägeln, einem roten Gummischwein in Lebensgröße und Säcken voller Getränkedosen. Dann sortiere ich zurückgelassene Kleidungsstücke: löchrige Schalfanzughosen, mottenzerfressene Wintermäntel, achtfach geflickte Hosen, Unterwäsche in allen erdenklichen Stadien, befleckte und von Schweiß zersetzte T-shirts fliegen erst in Säcke und dann in den Container der Firma Rümpel& Krümpel. Alle anderen und noch gebräuchlichen Kleidungsstücke kommen in die Reinigung und dann in eine Kleiderkammer. Zehn Müllsäcke voller Lumpen werfe ich aus dem Fenster in den Container und an vier Müllsäcke tackere ich: „Reinigung“. Auch hier erinnern sich oft viele Monate später längst entschwundene Männer wie Frauen, dass ihr Lieblingsbademantel ( der mit den vielen, aparten Brandlöchern im Ärmel noch irgendwo sei müsse oder die Schlumpfhose mit den Koala-Bären so sehr vermisst sei, dass es ohne nicht einen Tag länger ginge. Ich huste in solchen Fällen nur missmutig ins Telefon und erinnere mich erschauernd, dass in den Taschen des Bademantels Zigarettenkippen schwammen.

Schon geht es weiter: ich schleppe Berge vergilbter Zeitungen, Zeitschriften und Werbeprospekte in die Papiertonne, ich fülle Kartons mit Katalogen und entsorge weiter: Rasierschaum, Zahnbürsten, fast leere, aufgeschnittene Zahnpastatuben, gebrauchte Zahnseide, vor Haaren strotzende Bürsten wie benutzte Tampons wie benutzte Q-Tips und dreckstarrende Waschlappen. Ich kippen einen Bürotrolley voller gehorteter Namensschildchen in den Container und den Trolley gleich hinterher, denn in der untersten Lade war eine Flasche Pflaumenwein ausgelaufen. In einem Schrank glaube ich eine Schüssel Froschlaich zu entdecken, bei näherer Betrachtung stellt sich heraus, dass es verquaster Chia-Samen ist. Dafür, dass Chia nach nichts schmeckt, riecht vergammeltes Chia, so widerwärtig, dass ich für einen Moment meinen Namen vergesse. Ich entferne vertrocknete Blumen und zerbrochene Bleistifte, minenlose Kulischreiber und Stapel um Stapel von bekritzelten Notizen. Sollte auf einem Zettel die Weltformel stehen: ich bin schuld, wenn die Welt davon niemals Kenntnis erhält, denn ich weigere mich auf die kaffeeumrandeten Zettel auch nur einen Blick zu werfen. Ich befördere drei kaputte Rollkoffer in den Container, auch sie sind voller Dinge, aber ich will nicht wissen, was sich in ihnen verbirgt. Ein Koffer birst ungeachtet meiner Wünsche und eine Flut von dünnen Drahtbügeln, die man in der Reinigung bekommt, ergießt sich über meine Füße. Ich schaufle die Drahtbügel in einen neuen, schwarzen Müllsack, der Müllsack reißt auf der Treppe und die Bügel scheppern drei Stockwerke nach unten. Ich fluchte wie der Kutscher vier.Mit dem scharfen Messer kratze ich Kaugummireste von Tischplatten.

Nach acht Stunden ist der Container bis zum Bersten gefüllt und ich gebe dem Chef von Rümpel&Krümpel Ltd. Bescheid. Dann gehe ich ein letztes Mal durch die entkernten Augiaställe und sprühe auf alles Mengen von Desinfektionsmittel und atme langsam aus. Zurück in meinem Büro schließ ich die Tür und lege mich auf den Fußboden. Die Zimmerpalme fächelt mir milde Luft zu und schließlich kommt der Tierarzt nach einem langem Tag im Zoo vorbei mich einzusammeln.

„Mädchen“, sagt der Tierarzt, bist du in Ordnung?.

Ich ächze Undeutliches, denn ich bin beim besten Willen nicht mehr in der Lage, ein einziges Wort zu stammeln und schnaufe wie ein tödlich verwundeter Tiger.

„Mädchen, sagt der Tierarzt, ich glaube Du brauchst ein Eis.“

„Tierarzt, flüstere ich, diese Leute, die haben doch alle studiert.“ Vor dem Fenster fährt der Chef von Rümpel&Krümpel Ltd. den übervollen Container ab.

Lange schweigt der Tierarzt.

„Ein Eis mit Streuseln und heißen Kirschen“, sagt der Tierarzt schließlich, als der Container langsam den Hof verlässt.