Herr Müller kommt nicht mehr zurück.

In der kleinen Stadt in der meine Großmutter und auch mein Großvater lebten gab es nicht nur den alten Kirchturm und das Rathaus mit dem Renaissance-Giebel, die Poliklinik und die Praxis meiner Großmutter am anderen Ende des Marktplatzes gelegen, ein Gymnasium und altes Kopfsteinpflaster, sondern auch Außenseiter. Meine Großeltern zählten zu ihnen, sie waren die Juden des Ortes, das sagte man aber nicht laut, sondern hinter vorgehaltener Hand und noch heute, gehe ich über den Marktplatz sprechen mich manchmal Einwohner der kleinen Stadt an: „Sie sind doch die Enkeltochter der Frau Judendoktor, nicht wahr? Manchmal riefen die viele Kinder der kleinen Stadt: „Brennt der Jude/ rappelts in der Bude.“ Aber meine Großmutter verzog nur die Lippen zu einem Lächeln, von dem man niemals wusste, ob es spöttisch oder traurig war und ging weiter. So war das in Deutschland und auch in jenem Deutschland, das für sich befand antifaschistischer Schutzwall zu sein. Mein Großvater leitete den Chor und die deutschen Frauen, die dort aus dem Gotteslob sangen, verliebten sich in den schmalen Mann mit den traurigen Augen. „Der Jude hat etwas“ sagten die Frauen und mein Großvater der niemals lächelte, sah den Frauen nicht hinterher.

Im Kirchenchor sang auch Richard Müller. Er war der einzige Mann, Lehrer für Musik am örtlichen Gymnasium und schwul. Das wussten alle Menschen in der kleinen Stadt und sie ließen Richard Müller wissen, dass sie es wussten, denn wenn auch alle Menschen, sahen sie Richard Müller, ganz besonders überdeutlich sagten: „Guten Tag, Herr Müller“, so nannten sie ihn, kaum wandte er sich ab  niemals anders als „Sweety Müller“. Die Mütter, die im Kirchenchor Richard Müllers voluminösen Bariton lobten, verwarnten ihre Kinder niemals, aber wirklich niemals auch nur das leiseste Wort mit Sweety Müller zu wechseln. Denn Sweety Müller täte in seiner Wohnung über dem Konsum Dinge, die so schrecklich wären, dass sie am Besten gar nicht ausgesprochen würden. Sweety Müller täte mit kleinen Buben noch viel schlimmere Dinge als die Juden, die ja auch Kinder fräßen. ( Aber das durfte man nicht mehr laut sagen.)

Im Gymnasium der kleinen Stadt hatte Richard Müller Disziplinprobleme. Denn die Mädchen kicherten sobald Richard Müller das Wort Flöte in den Mund nahm hemmungslos und die Buben schrien „Sweety, sweety Müller“, wenn immer der Lehrer sich ihnen näherte, warfen die Notenblätter aus dem Fenster und wann immer Herr Müller das Klassenzimmer betrat, war eine Schmiererei an der Tafel angebracht, die zwei kopulierende Strichmännchen zeigte: Sweet stand unter der Zeichnung. Immer wieder beschwerten sich Mütter und Väter über den Musiklehrer und fürchteten um die Unversehrtheit ihrer Söhne.
Eines Tages aber wurde Richard Müller in Begleitung eines Mannes auf dem Marktplatz mit seinem hohen Kirchturm gesehen. Die vielen Kinder des Ortes riefen: „Küssen, Küssen“ und am Ende des Tages klingelte Richard Müller bei meiner Großmutter. Er blutete aus der Stirn und meine Großmutter ging mit ihm hinüber in die Praxis und nähte die Platzwunde und klammerte die geplatzte Augenbraue. „Herr Müller, sagte meine Großmutter, kann ich etwas für sie tun?“ Herr Müller schüttelte den Kopf. „Er sei nur unglücklich gefallen.“ „Jetzt müsse er auch los, denn sein Bruder sei zu Besuch.“ Aber meine Großmutter wie alle Bürger der kleinen Stadt wussten, dass die Männer des Ortes, Richard Müller „eine verpasst hätten“, damit er nicht noch mehr solche „warmen Brüder“ hier anschleppte. Im Kirchenchor waren die Frauen sehr besorgt um Richard Müller mit der schönen Baritonstimme. So vergingen die Jahre und Richard Müller blieb Sweety Müller. Eines Tages als Richard Müller die Tür zum Klassenzimmer öffnete, hatte sich die Buben die Münder rot geschminkt und spitzten die Münder zum Kuss: „Sweety, sweety Müller, küss mich doch, wenn du dich traust.“ Richard Müller verließ schweigend das Klassenzimmer.
Wieder klingelte Richard Müller bei meiner Großmutter und saß in ihrem Sprechzimmer, hinter dem Schreibtisch meiner Großmutter hing das Bild von Magnus Hirschfeld, den der Direktor der Poliklinik für einen Klassenfeind hielt und wahrscheinlich war Richard Müller der einzige, der Magnus Hirschfeld als den erkannte der er war, einen brillanten Arzt und Vorkämpfer für die Rechte sexueller Selbstbestimmung und der Entkriminalisierung von Homosexualität. „Ich brauche ein Rezept“, sagte Richard Müller zu meiner Großmutter.

„Was brauchen Sie für ein Rezept Herr Müller?, fragte meine Großmutter.

Ich brauche ein Rezept gegen diese Krankheit“, sagte Herr Müller und zeigte zwischen seine Beine.

Meine Großmutter von der ich doch alle Worte habe und die niemals auch nur um ein einziges Wort verlegen war, sah Richard Müller schweigend an. Dann sagte sie all die Dinge die man so sagt: Dass er völlig in Ordnung sei, so wie er sei, dass Homosexualität doch, aber Richard Müller wollte ein Rezept gegen ein Leben, das ihm nicht aufhörte wehzutun, ein Rezept gegen die johlenden Kinder, gegen das „Einen wunderschönen, schönen guten Morgen Herr Müller, gegen die grinsenden Männer mit der Faust in der Tasche. Meine Großmutter hatte kein Rezept, sie suchte ja selber vergeblich gegen ein Rezept für die Schmerzen von Auschwitz. Lange saßen sie da, meine Großmutter und Richard Müller und der schweigende Magnus Hirschfeld an der Wand schwieg mit ihnen. Dann ging Richard Müller: „Danke Frau Doktor.“

Zwei Wochen später fand eine Nachbarin Richard Müller auf dem Wäscheboden.

Richard Müller hatte sich erhängt.

Kreischend stand sie auf dem Marktplatz: „Sweety Müller ist tot.“

Die Frauen heulten, die Männer sagten sie hätten es ja gewusst, dass es kein gutes Ende nehmen würde mit Einem wie diesen. Die Kinder johlten und wollten die Leiche des „warmen Bruders“ sehen.

Zur Beerdigung Richard Müllers kamen allein sein Bruder und meine Großeltern. Noch heute aber und längst gibt es schwule Paare in der kleinen Stadt, raunen die Bürger, wann immer ihnen jemand merkwürdig erscheint: „Ganz wie Sweety Müller.“

 
Heute am 30. Juni 2017 hat der Bundestag die „Ehe für Alle.“ beschlossen und auch wenn es keine späte Gerechtigkeit mehr für Richard Müller gibt, so gibt es doch ein Unrecht weniger.

Fieberhaft

In der Nacht aber geträumt ein Gnom oder Troll säße auf meinem Brustkorb und hämmerte mit einem silbernen Löffel, Tonleitern an meinen Rippen entlang. Schmerzhaft ist das nicht, nur sehr eintönig eben und als ich mich zwinge die Augen zu öffnen, um den Gnom um einen Taktwechsel zu bitten, starrt mich die Katze missmutig an. Ohne Silberlöffel, aber mit ihrem Schwanz pocht sie ungestört weiter. „Katze“, sage ich der Tierarzt schläft heute Nacht nicht hier.“ Empört miaut die Katze und verdächtigt mich bestimmt, ich hätte den Tierarzt im Schrank versteckt. Dem ist nicht so und da die Katze auf meine Gesellschaft keinen gesonderten Wert legt, schleicht sie schließlich die Treppe herunter und rollt sich auf dem Sessel zusammen. Ihr Schwanz bewegt sich keinen Millimeter mehr.

Irgendwann schlafe ich wieder ein. Am Morgen plötzlich hohes Fieber. Aber ich habe keine Zeit darüber nachzudenken, sondern muss mich wie immer beeilen. Im Zug heftiger Schüttelfrost, der mir kalt in den Nacken atmet. Man lässt sich nicht gehen, sagt meine Großmutter von Fern und ich wickle mich dichter in den blau-grauen Schal. In Dublin, nasser und feucht-kalter Wind, einen Moment lang sehe ich mich schon ausgleiten, aber dann stolpere ich doch nur und gehe etwas langsamer weiter. Für einen Moment spiele ich mit dem Gedanken mich unter meinem Schreibtisch zusammenzurollen. Meine Großmutter spitzt spöttisch die Lippen und ich atme langsam gegen den Schwindel an.

Im Seminar trinkt ein Student mit schlürfenden und schmatzenden Lippenbewegungen, Milch aus einem Zweiliterkarton. Seinen Kopf lehnt er weit zurück in den Nacken und setzt den Milchkarton nicht ein einziges Mal ab ab. Ich sehe unter den Tisch, ob sich dort nicht irgendwo eine Milchpfütze bildet, aber ich täusche mich und endlich setzt der Student den Karton wohlig schmatzend ab. Mit beiden Händen wischt er sich den Milchbart ab und kramt nach seinen Unterlagen. Die anderen Studenten schlürfen aus Kaffeebechern oder Wasserflaschen, in denen Schrumpfköpfen gleich welke Zitronen- und Gurkenscheiben schwimmen. Contenance flüstert mir meine Großmutter zu und ich atme tief durch bevor wir endlich beginnen.

In der Mittagspause mit B. verabredet. Nudelsuppe, sagt er und ich nicke. Doch als die dampfenden Suppenschüsseln vor uns auf dem Tisch stehen, wird mir schlecht. Ich winke ab und schiebe die Schüssel so weit weg von mir wie es nur geht. Zum Glück hat der B. Hunger für Zwei und löffelt meine Suppe ebenfalls aus. Am liebsten legte ich den Kopf auf die Arme, aber der B. erzählt mir von seiner komplizierten Scheidung und wer will ihm da aufmunterndes Nicken versagen? Von hinten flüstert mir meine Großmutter ins Ohr: „Sitz bloß gerade Kind.“ Ich drücke den Rücken durch.

Auf dem Rückweg zur Universität sehe ich den Mann wieder, der seit zwei Jahren regelmäßig auf der Straße steht, auf einer Israel-Fahne herumtrampelt und auf Rücken und Bauch zwei Plakate umgehängt hat, die Juden als Kinderschlächter und Weltherrscher in groben Posen zeigt und dazu krakeelt der Mann wie von Sinnen vor allem von der Weltbedrohung Zions und dem mörderischen Juden an sich. Unermüdlich in sich endlos wiederholenden Schleifen, so als sei in seinem Magen ein Lautsprecher installiert, der unermüdlich von vorn zu quäken beginnt. Rau und heiser ist die Stimme des Mannes und mit einem unangenehmen krächzenden Bellen trägt er nimmermüde seine Schimpftiraden vor. Als ich den Mann zum ersten Mal bemerkte, rief ich die Polizei herbei. Die Polizisten bemerkten kühl, dass der irische Staat die Meinungsfreiheit seiner Bürger schütze. Heute aber hat der Mann sich ein neues Plakat vor den Bauch geschnallt. Es zeigt das Mädchen Anne Frank, lächelnd und heiter in die Kamera sehend und unter dem lachenden Mädchengesicht verdammt der Mann heiser krächzend den neuen amerikanischen Präsidenten. Trump ist nackt bis auf eine Israelfahne und Steve Bannon hält eine Stürmer-artige Postille in der Hand und tanzt lachend auf einem Hakenkreuz. Der Mann kräht, dass der „Muslimban“ eine jüdische Verschwörung sei und immer wieder zeigt er auf das lachende Mädchen Anne Frank. Weißglühend tobt die Wut in meinem Magen aber schon steht meine Großmutter hinter mir, legt mir den Arm auf den Rücken und zieht mich weg.

Am Nachmittag sitze ich in Mantel und Schal gehüllt und versuche gegen das Rauschen in meinen Ohren, dem Vortragenden zuzuhören. Es gelingt so mittel und dies ist keineswegs die Schuld des Vortragenden. Urplötzlich aber steckt mir ein Lachen in der Kehle. Kein freudiges, aufmunterndes oder herzhaftes Lachen, sondern ein Biest von Gelächter, das mir in die Rippen sticht, mir mit den Fingern das Zwerchfell zusammendrückt und sogar bis an meine ewig kitzeligen Fußsohlen herunterreicht. Schließlich verschwinde ich ins Bad und werde von einem grässlichen Gelächter geschüttelt, ein Lachen das mit Steinen um sich wirft, diabolisch und schmerzhaft. Ein Lachen, das mich frierend und kalt und noch schwindeliger als ohnehin schon zurücklässt. Für einen Moment lang lehne ich die Stirn an die kühle Fensterscheibe. Kind, sagt meine Großmutter und schüttelt den Kopf: „Steh bloß wieder auf, hörst Du?“
Dann zurück zu Vortrag und den Wattebergen in meinem Kopf.

Am Abend dann endlich zu Haus. Mit Mühe, Jacke und Stiefel ausgezogen, nur um rückwärts auf das alte, grüne Sofa zu fallen. Auf dem Plattenspieler Schuberts Erste Symphonie, die genau so scheppert und die Wirklichkeit ins Merkwürdige verzerrt, wie dieser Tag auch mich seltsam lozierend zwischen Traum und Wirklichkeit schwanken lässt. Dann wird alles schwarz. Später aber glaube ich, dass meine Großmutter neben mir auf dem Sofa sitzt und einen kühlen Waschlappen auf meine Stirn legt. Aber als ich endlich die Augen öffne, ist ihr Gesicht schon verschwunden. Statt ihrer legt der Tierarzt seine Hand auf meine Stirn. „Danke, Tierarzt“ will ich sagen, aber schon zieht die Dunkelheit mich zu sich zurück. „Du hast Fieber, höre ich ihn sagen, aber vielleicht hat der Tierarzt auch etwas ganz anderes gesagt. Dann wird alles endlich still.

Angesichts der Zerstörung

Die ganze Woche kracht es und zieht zwischen meinen Rippen. Immer und immer wieder lese ich diesen Satz: 17 jüdische Gräber  sind in Belfast am vergangenen Wochenende zerstört wurden. Acht Jugendliche so liest man weiter, sind mit Hammer und Meißel auf die Grabsteine losgegangen, um sie auseinanderzuhacken, auseinanderzuschlagen und die Namen auszuradieren. Es knistert in meinen Rippen. Ich stelle mir das vor. Was sind das für Jugendliche? Fahren sie zusammen in den Baumarkt um Werkzeug zu kaufen und haben sie dann an Oma’s Gartenzwergen ausprobiert, welcher Hammer der Schlagkräftigste ist? Kippt man bevor man die Werkzeuge in einen Rucksack wirft noch ein paar Bier oder hört man Hitlerlieder? Fragt man Mama, Papa, Onkel, Tante und den Skinheadbruder um Rat? Oder gibt es inzwischen schon Youtube-tutorials gesponsert von den nimmermüden Antisemiten hier und dort? Es gibt auch in Belfast keine jüdische Gemeinde mehr. In den 1980er Jahren sind die meisten der in Nordirland lebenden Juden nach Israel, die USA oder mainland Britain emigriert. Natürlich hat man nicht versucht sie aufzuhalten. Darin sind sich die ewig verstrittenen Protestanten und Katholiken einig.Die Zeitung indes vermeidet sorgfältig das Wort Antisemitismus auszuschreiben.Es lohnt ja die Mühe nicht, dort wo es keine Juden mehr gibt. Hate crime klingt doch auch schlimm und noch dazu so schön allgemein.

Es kracht in meinen Rippen und ich stelle mir vor, wie die Jugendlichen johlend und lachend auf dem Friedhof stehen und den Hammer schwingen so lange und wieder und wieder bis die Steine n dem Druck und den Schlägen nicht mehr standhalten und zerbrechen. Ob sie das filmen? Ob sie wohl mit stolzgeschwellter Brust sich gegenseitig anfeuernd, denn es braucht ja Kraft und Ausdauer für ihr Tun? Zerstörung ist anstrengend und zehrt an den Kräften. Es zieht zwischen meinen Rippen. Natürlich hat kein Passant etwas gesehen, wundert sich kein Elternteil darüber, dass acht Kinder mit Hammer und Meißel nach Hause kommen. In Europa ist die Zerstörung von siebzehn jüdischen Gräbern natürlich keine Nachricht, man kennt sich aus in Europa und man ist gründlich gewesen in Europa, so gründlich wie selten sonst. Nicht einmal eine Stunde entfernt von dem kleinen irischen Dorf in dem ich wohne, liegt Belfast und meine Rippen pressen sich schmerzhaft gegen meine Hand. Wie jeden Sonntag kommt der Priester um ein Uhr zu Tisch. Heute gibt es Zitronenhuhn. „Ein Rezept aus der Levante“, sage ich und der Priester sieht mich an. „Read On“ sagt er, ich habe doch auch davon gelesen. Dass er nicht über Steuervorteile amerikanischer Konzerne redet, ist uns beiden klar. Ich lege mir die Hand auf die Rippen. Dann reden wir über andere Dinge. Über Brahms Drittes Klavierkonzert. Über John le Carré und englische Kindheiten. Über meine lange Nächte. Über die Sache der Kirche. Wären da nicht meine stechenden Rippen, wäre es ein Sonntag wie jeder andere Sonntag auch. „Read On“ sagt der Priester, „ich bin darüber doch genau so traurig, wütend und entsetzt wie Sie.“ Lange sehe ich ihn an. Schmale Hände. Ein schmales Gesicht. Müde Augen. „Nein“ sage ich und es zieht zwischen meinen Rippen, nein sage ich, dass Sie sind nicht.“ Das ist ja Teil des Problems. Zum ersten Mal hole ich das Schachbrett nicht aus der Kommode hervor und der Priester steht auf. „Read On“ sagt er und dann sagt er nichts weiter. Ich sage ihm nicht, dass es zwischen meinen Rippen kracht über der Vorstellung, dass nicht einmal auf einer kleinen, verregneten Insel im nördlichen Atlantik, die jüdischen Toten in Ruhe gelassen werden, sondern auch hier schlägt man die kaum wahrnehmbaren Reste jüdischen Lebens einfach kaputt. Ich denke an meine Großmutter, die mit bitterem Lächeln sagte: 1938 schrie man in Europa: „Juden geht nach Palästina.“ 1948 schrie man: „Juden raus aus Palästina“ und heute nimmt man einfach Hammer und Meißel und schlägt, die Gräber derjenigen, die sich sicher glaubten in Stücke. Noch immer steht der Priester vor mir und will etwas sagen bevor er auf seine Hände sieht. Wäre er nicht Priester und wäre ich nicht ich, wäre ich nicht die mit den krachenden Rippen, er nähme mich jetzt bei den Händen. So gehen wir nur auseinander und zum ersten Mal in den zwei Jahren brechen die Worte ein. Dann drehe ich mich und sitze lange auf dem alten, grünen Sofa. Es kracht und zieht, es reißt und knackt in meinen Rippen und will nicht enden.

Gravuren

IMG_1131 (1).jpgDie Tische an denen wir saßen, mussten vor unendlich langer Zeit einmal braun gewesen sein. Als ich zur Schule ging waren die Tische schon lange dunkelschwarzgrau und fuhr man mit den Fingern über die leicht abgeschrägte Holzplatte zog man sich fast immer einen Splitter in den Daumen. Trotz ihrer langen Benutzung waren die Pultplatten uneben. Eine ganze Armee von Zirkelspitzen hatte die Tischplatten löchrig und porös gebohrt, so als nagten unzählige Holzwürmer nach dem Läuten der Schulglocke sich durch die tintengeschwärzten Tische. Die Tischplatten aber hatten nicht nur feine Zirkelspitzenlöcher, sondern Generationen von Schülern hatten im Kampf gegen die Langweile und die stickige Luft, Gravuren in die Tischplatte geritzt. Die Gravuren waren zum Teil sehr ausgefeilt wie einst die Holzarbeiten norditalienischer Meister. Die Gravuren waren Herzen. Die Gravuren waren Herzen mit durchgeschossenen Pfeilen. Die Gravuren waren Herzen mit Initialen. Ganz deutlich erinnere ich mich, dass ich ein R und ein I unter meinen Fingerspitzen fühlen konnte, häufiger noch waren die Herz-Namen aber mit heftigem Zirkeldruck und wütender Gebärde durchgestrichen oder unkenntlich gemacht. Das Herz irrt oft, das lernten die Schüler und sie gaben ihr Wissen bereitwillig weiter. Tischplatten vergessen nichts. Die Gravuren waren „FUCK U.S.A“ und „Hamda macht’s mit Aydin.“ Lauter Verdächtigungen. Die Gravuren waren Hakenkreuze und Geschlechtsteile. Die Gravuren waren überall. Die Gravuren überzogen die Türen der Toilette wie die Fensterbänke des Direktorats. Tag für Tag, so schien es wurde die Schule weniger und die Gravuren, die Herzen, die Namen, die durchkreuzten Namen, die Hakenkreuze bildeten das eigentliche Fundament der alten noch in die Kolonialzeit des Landes A. zurückreichenden Schule.

Fuhr ich mit meiner linken Hand über die Tischplatte bis fast in die Mitte erreichten meine Fingerspitzen ein Hakenkreuz. Es war mit Sorgfalt und Können in die Tischplatte graviert und korrespondierte mit dem auf paralleler Höhe eingeritztem „La mort aux Juifs“-Tod den Juden. Es waren die beiden Fixpunkte meiner Schulbankjahre, eingebrannt und unauslöschlich warteten Hakenkreuz und Todeswunsch auf meine Fingerspitzen, die wieder und wieder wie magnetisch angezogen an ihnen entlangfuhren. Unter die Haut. Ich das einzige Mädchen in der Klasse ohne Kopftuch blieb stumm. Niemals wäre mir eingefallen zu sagen, dass ich Jude sei. Lieber zogen meine Finger langsam über die Landkarte der Gravuren entlang. Vorsichtig manövriert es sich länger, das hatte ich schon in der Primarschule unter den harten Augen der Nonnen gelernt. Der D.von dem es hieß er habe in der Fremdenlegion gedient, gab Geographie. Irgendwie musste auch er in der Stadt A. gestrandet sein, wahrscheinlich aber verbarg sich hinter seinem Gesicht keine mystische Geschichte, sondern nur seine schlechte verhehlte Trunksucht. Seine Nase war nach harten Nächten blau und sein Atem den er keuchend hervorblies, so streng, das niemand in den ersten beiden Bankreihen sitzen mochte. Der D. sprach nie, sondern schrie immer: „Herrschaften schrie er, obwohl wir doch eine Klasse voller Mädchen waren, Herrschaften, wo der Lehrer steht ist Norden, merken sie sich das.“ Süden, das merkten wir bald, gab es hier gar nicht. Meine Finger fuhren über den Tisch, wo hält man sich fest wenn die Richtung unverrückbar die Falsche ist? Am „FUCK U.S.A“ der Tischplatte etwa? Oder am seltsam bananenhaft geformten Penis gleich daneben? Dessen Präsenz wurde erst durch die markig-militärisch, aber eben auch vollkommen alkoholisch-verwahrloste Anwesenheit des brüllenden D. obszön, unanständig, unangenehm. Einmal glaubte der D. hinterrücks lauernd, wie es so seine Art war, und eigentlich doch mit der verblichenen Landkarte, welche die geologischen Besonderheiten der nordafrikanischen Länder erläuterte, hantierend einen Schmierer erwischt zu haben, der ein Herz in die doch längst von Intarsien bedeckten Tischplatten ritze, entdeckt zu haben. „Was soll das ?“, schrie er lauthals aber die Angeschriene zuckte nur mit den Achseln: sollte sie wissen, was wohl Schülergenerationen vor ihr schon nicht beantworten konnten? Und überhaupt war es nicht vollkommen absurd, dass ausgerechnet der D. das ins Holz geritzte Herz auf der Zunge trug? Der D. aber war nun in Fahrt gekommen und forderte Rückererstattung des Tisches. Aus seinem Mund klang alles immer wie ein Kapitalverbrechen und überhaupt ließ er keine Gelegenheit aus für Sprüche der Fremdenlegion: „mitgefangen, mitgehangen“ schrie er und forderte die Klassensprecherin zum Einsammeln des Geldes auf. Dem Ganzen folgte eine lange Tirade: „in diesem Saustall müsse endlich einmal so richtig aufgeräumt werden“. Dabei sah er mich an. Ich sah zurück. Meine Finger umkreisten wie üblich Hakenkreuz und Todesdrohung. Wir alle schauten nach Norden also zum D. und warteten auf den Moment in dem der D. sich wieder dem äußersten Norden, der schlammgrauen Tafel nämlich zuwenden würde um weiter über Gesteinsvorkommen im Atlas-Gebirge vorzutragen. Dies geschah jedoch nicht, ohne dass der D. einem von uns den Tafellappen auf das Pult warf mit der Aufforderung versehen sich hic et nunc nach Norden zu bewegen und die Tafel zu säubern, was nichts weiteres hieß als neue Schlieren über alte und noch ältere Schlieren zu wischen, denn das Waschbecken rechts von der Tafel, war lange schon Papierkorb geworden. Wasser war knapp in A. Dann fuhr der D. fort und die Klasse, also wir versanken in angespannte Stille, die Q. hinter mir ritzte ein neues Herz in die Pultoberfläche, während feine braune Holzsplitter neben ihr zu Boden rieselten, meine Finger gingen auf ihre übliche Reise, bis sie Hakenkreuz und „La Mort aux Juifs“fanden, und die Sonne durch die Fenster sengte bis der Norden über den der D. gewalttätig herrschte fast bis zur Unkenntlichkeit verschwamm.

Vom eingesammelten Geld indes ist niemals ein neuer Tisch angeschafft haben, sondern der D. kaufte davon wohl Schnaps, wenn am Ende des Monats das Geld nicht mehr reichte, ein paar Jahre später wurde er dann schließlich ganz aus dem Schuldienst entlassen, es hieß er habe trunken wie er war, einer Schülerin „qhabi, qhabi-Hure, Hure“ hinterhergerufen, ob das aber stimmt, kann ich nicht mit Sicherheit sagen, damals ging ich schon nicht mehr zur Schule und über den D. erzählte man sich viele Geschichten und wer kann schon wissen welche wahrer als andere sind? Noch immer und heute, wo meine Tischplatte braun und glatt ist, kann ich blind Hakenkreuz und „Tod den Juden“ unter meinen Fingerspitzen fühlen, eingebrannt in jenen Jahren als selbst der Süden immer nur der Norden war.

Leise Stimmen

“I like to look at the advertisements/ Sutton’s Coal, Gibney’s Wine, Cash’s Bread/and wonder will one of us ever appear/ on signs like these. Will we see/ a Goldberg plastered on the side of a tram?”,

Simon Lewis, “The side of a Tram”

Klein, unscheinbar und leicht zu übersehen ist die Ausstellung, die unter dem Namen „Representations of Jews in Irish Literature“ noch bis Anfang August in der Royal Irish Academy  zu sehen ist. Klein, unscheinbar und leicht zu übersehen ist auch das Jüdische Leben in Irland- es gibt nahezu keins. Aber wie in Zusammenhängen allen jüdischen Lebens heißt das noch lange nicht, dass es keinen Antisemitismus gebe. Der blüht in Irland wie überall und die Repräsentation von Juden in der irischen Literatur, ist dann auch zu weiten Teilen eine Reise in das überreiche Land der Stereotypen, die so alt sind wie das Judentum selbst. Die spezifisch irischen Wurzeln des Antisemitismus beginnen in Chroniken des 13. Jahrhunderts und werden stetig befeuert. Edmund Spenser einem der notorischsten Kolonialideologen des 16. Jahrhunderts, der gegen Iren und Juden gelichermaßen wütete und sich wohl nur beim Verfassen schwülstiger Lobeshymnen auf Elisabeth I von seiner eigenen Wut erholte, machte den Anfang in einer langen Reihe von Diffamierung und lautem Krakeel. Oliver Cromwell, so evangelikal-radikal wie besessen vom irischen Untergang konversierte mit dem Rabbi Menasseh ben Israel, den Rembrandt beinahe zärtlich malte. Die in Dublin geborene Maria Hall hat dieses Gespräch 1832 in einem sehr lesenswerten Buch „The Buccaneer“ nachempfunden. Eindrucksvoll erinnert die Ausstellung daran, dass die Debatten um die Judenemanzipation nicht nur von Moses Mendelssohn und Napoleon geführt wurden, sondern einen spezifischen anglo-irischen Kontext hatte: die viel zu selten gelesene Schrift  „ Reasons for Naturalizing the Jews in Great Britain and Ireland“gehört zu den seltenen Leuchttürmen in einem doch über weite Strecken mehr als nur überschattetem Verhältnis. Charles Macklin, der irische Gustaf Gründgens des 18. Jahrhunderts, der im wahrlich alttestamentarischen Alter von 106 Jahren verstarb, machte Shylock zu seiner Paraderolle. Er gefiel sich vor allem darin Antisemitismus zu ästhetisieren sprich bühnenreif zu machen. Er traf auf offene Ohren, staunende Augen und empfängliche Herzen. Daneben zeigt die Ausstellung so rührend wie hilflose Versuche der jüdischen Theatertruppe in den 1950er George Barton’s Broadway Flop „Ramshackle Inn“ auf die Bühne zu bringen. Die sorgfältigen ausgeschnittenen Zeitungsausschnitte und aufbewahrten Programmhefte erzählen noch einmal eine ganz, eigene und eigentlich schon vergessene Geschichte des Versuches eine eigene Stimme zu finden. Es sind aber durch die Jahrhunderte die anderen, die laut und lauter werden. Maria Edgeworth, die mit „Castle Rackrent“ ein frühes Buddenbrooks vorlegt, macht ihre Romane zum steten Panoptikum des gierigen, schlauen wie verschlagenen Händlers und Wechslers, der dem irischen Landadligen nicht das letzte Hemd auf dem Leibe gönnt. Andere wie Charles Lever pflichten ihr bei, sein Porträt des jüdischen „moneylender“ greift tief in die Mottenkiste ewig wiederholter Hässlichkeiten. Man kennt das ja. Man kennt das ja nicht anders. Im 20. Jahrhundert aber geht der Ausstellung ein wenig die Luft aus. Leopold Bloom darf nicht fehlen, obwohl er mir immer als einer der leblosesten Figuren im schillernden Ulysess vor. Wirklich vergeben aber wurde die Chance die Geschichte der Dubliner Solomons zu erzählen. Ärzte, Poeten, Künstler, vor allem aber Freigeister und ja auch Iren erzählen sie jüdische Geschichte und nicht nur Geschichten über Juden. Michael Solomons  zudem gehörte zu den frühen Verfechtern von Geburtenplanung und legalen Abtreibungsregelungen-aktueller kann es kaum werden, diskutiert ganz Irland doch erbittert den 8. Verfassungsartikel- wie schon in den 1930er und 1980er Jahren. Seine Lebensbeschreibung „One doctor in its time“ ist ein eindrucksvolles Zeitzeugnis und sei Ihnen dringend zur Lektüre anempfohlen. Überhaupt ist die Familie mehr als nur illuster zu nennen: Vater Bethel, Rugby-Spieler und glühender Verfechter der irischen Unabhängigkeit, Estella Salomons Künstlerin und ihre Schwester Sophie: Opernsängerin. Daneben wirkt die Tafel zu den Bindestrichidentitäten blutarm und vor allem im direkten Vergleich mit realen Biographien so konstruiert, dass sie wohl für einen universitären „turn“ taugen mag, aber nichts erhellt. Zeitgenössische Stimmen jüdischer Literatur fehlen völlig, aber die Abwesenheit ist ja nie nur Leere, sondern zeigt einmal mehr wie klein, unscheinbar und leicht zu übersehen jüdisches Leben und jüdische Stimmen in Irland sind. Angesichts einer bemerkenswert großen und sichtbaren muslimischen Gemeinde, die in Irland auch eine religiöse Heimat gefunden hat -As-Salaam-Alaikum und ungezählten christlichen Gemeinden aller, aber wirklich aller Couleur, stimmt es doch bedenklich, dass Juden in der irischen Gesellschaft bestenfalls in Buchform existieren, ansonsten aber in der irischen Gesellschaft keine Rolle spielen oder auch nur als fehlend wahrgenommen würden. Das gilt natürlich nicht für den Antisemitismus.

Wenn Sie Büchern und der englischen Wissenschaftskultur zugetan sind, lohnt sich ein Besuch in der Royal Irish Academy auch über den Besuch der Ausstellung hinaus. Die Ausstellung „Representation of Jews in Irish Literature“ ist noch bis zum 05. August 2016 zu sehen.

Royal Irish Academy, Academy House, 19 Dawson Street, Dublin 2, Montag bis Freitag, 10-17 Uhr, Eintritt frei.