Sonntag

Nach der Nachtschicht gehe ich schwimmen und das Wasser ist schon winterkalt. Taube Zehen, aber auch das ganze Glück zwischen den klappernden Zähnen, dem Sand im Haar und dem Wind zwischen den Rippen. Erst ein warmer Bademantel- die Frau des Krämers- schreit: „Sie werden sich den sicheren Tod holen, Fräulein Read On- sie klingt nicht zu unglücklich über diesen Umstand. Ich winke ihr recht lebendig zu. Dann warmes Wasser, ein warmes Tierarzt T-Shirt, ein warmes Bett und fünf Stunden lang ist es ganz still. Nur der Tierarzt atmet leise, und der Wind der sich gegen die Fensterscheiben drückt, hält die Welt von uns fern. Fünf Stunden lang, ich bin nur noch halbmüde und habe fast wieder warme Füße. Der Tierarzt ist ganzwach und hat mir meine kalten Füße abgenommen. Die Glocken von St Sylvester läuten, der Teekessel pfeift, im Radio sagt die Nachrichtensprecherin, dass ein Sturm am Montag den Westen Irlands erreiche. Ich sehe hinauf auf das Dach, denn auch wenn wir nicht im Westen leben, so fürchte ich um den Verbleib des Daches. Aber der Tierarzt der zugegen war, als der Dachdecker das Dach auf Winterfestigkeit überprüfte, beruhigt mich: „wenn es zum Äußersten kommen würde“, sagt er „ dann flöge ja er davon“ und ich hätte endlich wieder mehr Zeit für mich. „ Tierarzt“, sage ich „mach dich nicht lächerlich“, die Katze liegt auf Dir, der Hund spränge bei dir, Kälbchen stemmte sich dem Wind entgegen und bevor der Wind sich auch nur umsehen könnte, setzte sich die Frau des Krämers, die nun in keiner Hinsicht ein Liechtgewicht ist auf deinen Brustkorb und der Wind sähe gleich ein, dass er hier nur verloren könne, packte mich bei den Schultern und spie mich über dem kalten Atlantik aus. Du aber hättest endlich wieder mehr Zeit für dich.“ Fragend sieht der Hund zu uns herüber und auch die Katze ansonsten nicht weiter interessiert am Leben von uns mere mortals, macht eine unegduldige Schwanzbewegung. Der Tierarzt aber triumphiert: Ha Mädchen, ich weiß was, wir stellen die beiden großen Regenschirme ins Schlafzimmer und wenn der Sturm das Dach abdeckt, und uns bei den Haaren packt, dann spannen wir die Schirme auf, halten uns gut fest und Du schreist dem Wind: „Aber bitte nach Deutschland“ ins Ohr. „Soll sein, Tierarzt, soll sein, sage ich und der Tierarzt nickt zufrieden. Der Hund rollt sich auf meinen Füßen zusammen, die Katze springt zum Tierarzt herüber und obwohl sich Hund und Katze nicht wirklich viel zu sagen haben, nickt man sich einander zu. Dann löffeln wir einträchtig Porridge, schlürfen Tee ( Tierarzt ) und Milchkaffee ( Fräulein Read On ) und lesen die Zeitung nach, ich ratsche mit der lieben C. und schiebe dem Tierarzt warmen Sanddornsaft herüber. Der Tierarzt stellt meine Milchkaffeemilch auf das Stövchen, gelbe Blätter fliegen vorbei, ich begutachte den Stapel Feuerholz, der Tierarzt schnuppert vorsichtig einer aus Berlin mitgebrachten Quitte und so sind wir sonntäglich beisammen.

Der Priester nämlich, unser sonntäglicher Gast, ist zu missgestimmt zu einem Priesterseminar nach Clonmel entschwunden, nicht ohen zu murmeln: „48 Stunden unter Idioten“. Für den Priester, dem das Fluchen ja quasi beruflich untersagt ist, war das ein so unerhört starker Ausdruck, dass ich ihm Äpfel und Kekse aufnötigte, um ihn milder zu stimmen. So aber spazieren der Tierarzt und ich zu Kälbchen herüber. Vorher aber viertele ich Äpfel und Karotten scharf beäugt vom Tierarzt, der Kälbchen ja nur das Beste vom Besten zugesteht. Sollten Sie in der Annahme leben, Kälbchen bekäme Fallobst angereicht, so irren Sie, Fallobst schneide nur ich mir in den Obstsalat. Unser Verhältnis zu Kälbchen entspricht in etwas dem alter Eltern, die noch den dreißigjährigen Kindern die Wohnung putzen, denn es ist ja ein Liebesdienst und die Kinder freuen sich ja auch so. Dann stehen wir an der Weide und Kälbchen kommt blökend angerannt und rammt seinen schweren Kalbsschädel in den dünnen Tierarzt, der sich zwar an mir und einem Zaunpfahl festklammern muss, um nicht umzufallen, aber der Liebe ist bekanntlich nichts zu schwer. Kälbchen blökt und verschlingt Äpfel und Möhren. Der Tierarzt strahlt: „Kälbchen hat sich so gebessert, sagt er.“ Denn diese Woche hat Kälbchen den Esel nur zweimal verhauen und heuer darf ich ihm sogar unter der Hand eine Mohrrübe und ein halbes Äpfeli zustecken. ( So muss sich Schweigegeld anfühlen. ). Der Tierarzt schwärmt von Sozialkompetenz und der Möglichkeit einer langen und erfüllten Freundschaft zwischen Kälbchen und dem Esel. „Du klingst wie ein Vater, der sich freut, dass sein Sohn nur Drogendealer und nicht auch bewaffneter Raubmörder geworden ist, lieber Tierarzt“, sage ich. „Still so young, but so cynical, world-weary and bitter“, sagt der Tierarzt zu Kälbchen und würdigt mich keines weiteren Blickes mehr. Dann laufen wir zurück und laufen der Frau des Krämers in die Arme: „Na Tierarzt waren Sie bei Kälbchen“, fragt sie. Wir nicken. Die Frau des Krämers verdreht schmachtend die Augen: „Sie sind ja ein richtiger Kuhflüsterer“ kräht sie und fügt hinzu wir lieben den Robert Redford ja alle, aber sie Tierarzt, sind ja auch ein richtiges Schnuckelchen.“ Dann eilt sie kichernd davon. Der Tierarzt schwört, dass er die Frau des Krämers eines Tages mit ins Affenhaus nähme.“ Durch den Nieselregen stapfen wir zurück nach Haus. „Hoffentlich holt Kälbchen sich keinen Schnupfen“ sagt der Tierarzt.“

Dann klingelt die Kinofreundin des Tierarztes. „Robert Redford“ rufe ich die D. ist daaaaa.“ Die D. sieht mich verwundert an. „Was für einen Film seht ihr denn?, frage ich die D. „Bladerunner 2049“ antwortet sie und mein Gesicht muss besonders ahnungslos aussehen, denn sie fügt etwas von einem Replikanten hinzu. „Replikant?“, frage ich den Tierarzt, der sich die Schuhe zubindet, ist das eine Art Auszubildender im Weltraum?“ Die Kinofreundin sieht mich entsetzt an und zieht den Tierarzt hinter sich her.
Dann gähne ich zweimal, ziehe mir das warme Plaid über die Schultern und schlafe wieder ein.

 

Die Sache mit dem Yoga

Bekanntlich habe ich eine große Schwäche für Briefkästen. Der Briefkasten für meine Aufklärungssprechstunde so predige ich jedem, der nicht schnell genug wegläuft sei eine formidable Sache und überhaupt freue ich mich auch, wenn im Berliner Hausbriefkasten richtige Briefe und Karten liegen. In Irland gibt es leider nur eine Briefschlitzklappe in der Tür. Vor der Tür schläft aber auch der Hund und die Briefe fallen auf ihn herauf, der Hund erschrickt sich und reißt dann immer irgendetwas herunter, die Katze kugelt sich hämisch lachend und reißt etwas herunter, am Abend ist daher das halbe Haus zerschlagen und die Briefe sind verschwunden. Aber im Institut hängt auch ein interner Briefkasten, in dem die Fellows angehalten sind, Vorschläge zur Verbesserung ihres Aufenthaltes einzuwerfen. Die meisten Vorschläge sind eher frugaler Natur: „Der Kaffee ist zu dünn.“ „Von dem Kaffee bekomme ich Herzrasen“ oder „NIE WIEDER DIE HARTEN ITALIENISCHEN KEKSE! ( Sieben Ausrufezeichen.) Wir tun unser Bestes. Am häufigsten genutzt aber wurde der Briefkasten von der Auszubildenen, die ihre Zigarettenkippen dort versenkte,immer in der Hoffnung ich fände nicht heraus, dass sie im Gebäude rauchte, aber die Kippen begannen zu qualmen, der Rauchmelder schlug an und dann kam die Feuerwehr. Die Auszubildende kam hernach in das seltene Privileg mich wütend zu sehen und seitdem flieht sie mit der Zigarettenschachtel nach draußen.

Über den Sommer aber mehrten sich die Zettel in denen die Fellows den Wunsch nach körperlicher Ertüchtigung äußerten, denn wir leben ja in fitten Zeiten. Wer heute noch keinen Marathon gelaufen ist oder sich einen Hexenschuss am Bungeeseil geholt hat oder ohne Wasser und nur mit einem Eispickel in der Tasche auf den Everest gestürmt ist, der hat nicht richtig gelebt und auch die Wissenschaftler drehen sich nicht mehr nur auf dem Bürostuhl, sondern wollen sporteln und gut durchgeschwitzt zu den Schreibtischen zurückkehren. ( Das die Universität ein Sportcenter unterhält, zu dem die Fellows Zutritt haben, sei nur der Vollständigkeit halber erwähnt.)

Die beste Chefin der Welt und ich, wir saßen also zusammen und die beste Chefin der Welt sagte: „Read On, das einzige was geht ist Yoga.“ Ich hustete böse. Denn obwohl mir schon klar ist, dass Yoga längst schon ein Lifestyle ist, so etwas hat man ja heute, so ist mein Unbehagen über Yoga nie ganz gewichen, dazu verbringe ich zu viel Zeit in Indien, wo Yoga lange schon zum gezielten Mittel der Modi-Regierung wurde, eine Hinduvata Ideologie zu propagieren, die Yoga zur nationalen Sache erklärte und Yoga am Morgen zum Dienst am Vaterland erklärte. Die von der Regierung Modi so geschätzten Unterstützer, scheuten auch nicht davor zurück, Leute in den Parks zu verprügeln, weil sie lieber picknickten als den Sonnengruß zu erbieten oder zwangen Spaziergänger an den staatlich verordneten Übungen teilzunehmen, aber ich weiß schon:Yoga ist so gut für den Blutdruck, und so friedlich und ommmm. Die beste Chefin der Welt seufzte auch, und sagte: „Komm Read On, wie probieren es.“ Ich knurrte finster und telefonierte mich durch die Dubliner Yogastudios, denn es galt einen Yogi zu finden, der bereit ist in das Institut zu kommen und mit sensiblen Wissenschaftlern den Hund zu üben. Das alles hat sich am Morgen abzuspielen, also vor neun Uhr, denn im Institut ist täglich Betrieb. Die meisten Yogis winkten ab.
Zu zwei Yogastudios fuhr ich hin, ich schlürfte Süßholztee und meine Augen tränten von den vielen ätherischen Ölen, die Yogis erläuerteten ihre Philosophie, schwärmten von augenöffnenden Erfahrungen in einem Ashram und strichen einem Keramikbuddha zärtlich über den Kopf. Ich nickte und riet dem Yogi das Bild an der Wand andersherum aufzuhängen, Devanagari liest sich doch leichter hängt es nicht kopfüber. “Ist doch nur Deko”, sagte der Yogi und ich entschied mich für seine Kollegin.

Der Tierarzt sagte als ich ihm Zuhause die Plakate zeigte: Oh Yoga im Institut. Kann ich da auch ankommen?” Dann zwinkerte er mir zu und fuhr sich elfmal durch das Haar.

“Tierarzt sagte ich: Kundalini, nicht Kamasutra.”

“Man könnte sich beim Handstand küssen”, fand der Tierarzt.

„In deinen Träumen“, knurrte ich.

„Man wird ja wohl noch träumen dürfen“, sagte der Tierarzt.

Ich druckte Plakate. Ich verschickte Emails. Ich legte jedem Fellow einen Zettel und ein Packerl Yogitee auf den Schreibtisch. Yoga, 7.30 Uhr, immer Dienstags, coffee afterwards ( am Ende sind es ja doch Wissenschaftler ), Ehepartner, Schwiegermütter, Kinder, all very welcome.

Alle sagten begeistert zu. Am lautesten kreischte die Auszubildende: „Das kommt alles auf Youtube.“ Ich betete stumm.

Dann beantwortete ich 250 Emails: „Ich habe nur zwei verschiedene Wollsocken, kann ich trotzdem kommen“- „ich bin selbst Yogi-Master und möchte nur durch die Ohren atmen, ist das ein Problem?“- warum soll ich 2 Euro Leihgebühr für eine Yogamatte bezahlen. Das ist doch dreiste Abzocke“- ohne Kaffee kann ich keinen Sport machen, wann stellst du die Kaffeemaschine an?“-Kann ich während der Stunde, Wasser trinken- ich muss Wasser trinken, sonst sterbe ich.“

Am Dienstag um 7.25 Uhr , wir gehen ja mit gutem Beispiel voran, sind die beste Chefin der Welt, ihr Gefährte, der Tierarzt und ich anwesend. Von den Fellows keine Spur. Die Yoga-Vorturnerin strahlt uns an. Der Tierarzt strahlt zurück:

„Wann machen wir Handstand?“, fragt er. Ich knuffe ihn in die Rippen.

Eine dreiviertel Stunde lang, verdrehen wir unsere Knochen in alle möglichen Himmelsrichtungen. Dann endlich darf der Tierarzt Handstand machen und auch ich schwinge mühsam meine Beine über den Kopf: Ommmmm, macht die Yoga-Vorturnerin. Nomnomnom macht der Tierarzt und küsst mich wirklich. Ohhhhhhh machen die beste Chefin der Welt und ihr Gefährte.

Um zehn Uhr stehen die Fellows mit Wasserflaschen, Matten, Kaffeetassen und Wasserkanistern vor meinem Büro. „Wann geht es denn los?“, fragen sie: 7.30 Uhr sage ich und zeige auf die Plakate, die überall hängen. Die Fellows brauchen erst einmal einen Kaffee. Um 10.15 Uhr kommt die Auszubildende: „Fräulein Read on, sagt sie, ich hatte mir den Wecker fast pünktlich gestellt, aber dann habe ich das Passwort für meinen Youtube Channel nicht mehr gefunden und dann war ich ganz verzweifelt und wusste nicht mehr, wann ich zur Arbeit kommen sollte.

Ommm. Shanti Ommm.

Nicht alle Helden können ein Smartphone sein.

Am Abend sitze ich in der S-Bahn. Einen Wäschekorb voller Äpfel habe ich zum Bahnhof getragen, auf dem Bahnsteig traf ich meine liebe C. Für eine Minute und dreißig Sekunden umarmte ich meine liebe C. Seit langen Wochen habe ich zum ersten Mal wieder das Gefühl sicheren Boden unter den Füßen zu haben. Solche Arme hat meine liebe C. Dann muss die liebe C. wieder in den Zug einsteigen, ich schiebe den Äpfelwäschekorb hinterher und winke ihr auch noch, da ist der Zug schon weitergefahren und ein bisschen seltsam sehen die Leute auf dem Bahnsteig mich an, dass ich einem Zug hinterherwinke, der schon längst abgefahren ist. Dann laufe ich zurück zur S-Bahn und als die S-Bahn kommt, krame ich kein Buch aus der Tasche, sondern ich will mich wenigstens bis ich den kleinen Vorort der großen Stadt Berlin erreiche an den Armen meiner lieben C. festhalten. In der S- Bahn liest ein Mann vertieft die BILD-Zeitung. Eine Frau korrigiert mit ihrer Pinzette ihre Augenbrauen, ein zweiter Mann öffnet eine Flasche Bier. Plopp macht der Deckel und der Deckel rollt auf den Boden. Der Mann trinkt schmatzend aus der Bierflasche. Aber einmal stört mich das alles nicht, denn solche Arme hat meine liebe C.

Links von mir sitzt eine Familie. Es ist wie im Bilderbuch. Mutter, Vater und zwei Kinder. Die Stimmung aber ist nicht wie im Bilderbuch. Die Eltern nämlich sind bewusste Eltern, die Kinder kauen keine Schokolade oder lutschen Bonbons, sondern die Eltern kramen in dem Rucksack nach einer Dose und in der Dose ist undefinierbares: weiße Kugeln vielleicht aus Hirse, weiße dünne Plättchen, die aber keinesfalls Kekse sind und dann krümelige, weiße Brocken, die aussehen als wäre ein Rigipswand explodiert. Ich bin wirklich erstaunt, dass es sich bei dem Inhalt der Dose um Essbares handelt. Die Stimmung der Familie ist aber, schon vor der Dose angespannt. Ein Kind heult, das andere reißt am Rock der Mutter und alle sind genervt und irgendwie angetrengt und jetzt muss es die Dose retten, aber die Dose hat ja keine Schokolade oder Bonbons, die immer retten, wenn es zu retten gilt, sondern nur die Auswahl weißer Papiermaché-Teilchen. „Aber ordentlich essen, sagt die Mutter“ zu den Kindern und stellt die Dose zwischen die Kinder auf den Sitz. Die Mutter atmet durch und der Vater zieht ein Smartphone aus der Hosentasche und dann erklärt er seiner Frau irgendetwas und ich brauche einen Moment, bis ich realisiere, dass er ihr erklärt, dass eine Email fast das gleiche sei wie eine SMS. „Unbgrenzte Zeichen“, sagt er und sie sagt ja, ja wie Frauen immer ja, ja sagen wenn Männer über Autos, Fußballlergebnisse oder überhaupt Dinge sprechen, die niemanden interessieren. Sie holt derweil eine Broschüre über eine Nachbarschaftsinitiative aus dem Rucksack und will ihm vorlesen, was die Broschürenmacher aufgeschrieben haben, aber die Kinder und hatte sie nicht gesagt: „Ordentlich Essen“, bekommen Streit, wer ein weißes Kügelchen essen darf und für wen die Rigips-Krümel bleiben. Es folgen Handgemenge, Geschrei und in hohem Bogen fliegt die Dose hoch in die Luft, dreht sich einmal um die eigene Achse, um polternd auf den Boden zu fallen. Über Vater, Mutter und zwei Kinder liegt jetzt weißer Krümelschnee, weiße Brocken liegen auf Boden, Sitzen und auf der Broschüre. Die Frau ohnehin schon angespannt, ist den Tränen nah: Eine Katastrophe, schluchzt sie, alles hinüber, heult sie , und sieht schreckensstarr auf die Krümelberge, die Kinder sehen betreten auf den Boden und versuchen die weißen Brocken mit den Füßen wegzuschieben. „Alles deine Schuld“, „nein Deine“, „Doch“, Gar nicht“, neue Handgemenge, nur der Mann noch immer über das Smartphone gebeugt, erklärt noch immer wie genail die Sache mit der E-Mail sei. Die Frau hat genug gehört und die Sache mit der umgekippten Dose geht jetzt bedenklich ins Grundsätzliche: „Immer lässt Du mich hängen“ schluchzt sie und er sagt ausgerechnet: Gleich, nur einen Moment noch.“ Sie weint inzwischen und die Kinder heulen mit. Endlich legt er umständlich das Smartphone weg. Dann knien sie beide auf dem Boden und suchen der Krümel Herr zu werden, dabei aber zischen sie sich gar nicht so biologisch und nachhaltige Gemeinheiten zu. „Du nervst mit deiner Hysterie“, sagt er.

„Du bist so unsensibel“, faucht sie.

Die Kinder weinen weiter.

„Hysterisch“

„Unbelehrbar“

„Überspannt“

„Super-Egoman“

Wären noch Hirsekügelchen da, ginge das mit dem Beziehungsflummisvorwurfspiel noch viel besser. Aber die Hirsekügelchen sind ja alle längst zerdrückt.

Dann erreicht der Streit jenen neuralgischen Punkt, an dem man entweder die Kurve bekommt oder sich Sachen sagt wie: Am Baggersee habe ich mich deiner Schwester geknutscht“ oder „ich esse zweimal in der Woche heimlich bei McDonalds“ und das nächste Mal sieht man sich dann beim Scheidungsanwalt.

Dem Mann, der eben noch die Frau hysterisch schalt, sieht sich diesem Moment gefährlich nah gekommen und jetzt sucht er nach dem rettenden Ausweg, und dann fällt ihm das Smartphone ein:

„Das mit der Dose war das Smartphone“ sagt er zu der Frau. „Die Strahlung macht uns alle nervös.“

Seine Frau nickt und wischt sich die Tränen ab: „Ganz genau, pflichtet sie ihm bei: „das ist das Smartphone gewesen, die Dinger machen wirklich alles kaputt.“

„Ganz wuschig ist mir geworden“, sagt der Mann.

„Mir war auch ganz schwindelig“, sagt sie.

Dann schaufeln sie die Krümel in eine Tüte und die Kinder hören auch auf zu schluchzen. „Das Smartphone“ sagt er bestimmt, wird jetzt weggesperrt und dann legen seine Frau und er das Telefon in die ja jetzt leere Dose und sie macht den Deckel ganz fest zu.“ Die Dose wird in den Rucksack verbannt und der Rucksack wird auch fest verschlossen. Dann nimmt der Mann die Hand seiner Frau und die seiner Kinder, in die Seine: „Das Smartphone ist zu und wir haben unsere Ruh“, ruft er und die drei stimmen begeistert ein.

Dann muss ich aussteigen und denke wie gut es ist, dass inzwischen auch die Samrtphones so schuld sein können, wie einstmals nur die Schweigermütter, und dieses Smartphone, ein wahrer Ritter im Handyformat, das soll hier nicht verschwiegen werden, hat gestern Abend in der S7 eine Ehe gerettet. Das Smartphone, könnte man sagen, hat ähnliche Kräfte wie die Arme meiner lieben C.

Szenen aus dem Leben eines seltsamen Fräuleins. (2)

Tierarzt, sage ich, darf ich einen Moment um deine ungeteilte Aufmerksamkeit bitten? ( Der Tierarzt wälzt sich mit dem Hund auf dem Boden. Angeblich soll der Hund bald Briefe apportieren, aber eher wird Kälbchen Lieder singen, als das dieser Fall eintritt.) Der Tierarzt rappelt sich mühsam hoch. Der Hund liegt hechelnd auf den kühlen Fliesen. „Immer doch Mädchen“, sagt er und noch immer schnaufend. „Gut“ sage ich also“ und entrolle eine lange Liste. Selbst die Katze macht ein halbwegs interessiertes Gesicht. Also sage ich noch einmal:

4.41: Weckerklingeln: Read On steht auf richtet sich und Tee und Porridge

5.07: Read On verlässt das Haus und fährt ins Büro

6: 30: Weckerklingeln Tierarzt

6: 36: Tierarzt hat die Katze unter dem Kinn gekrault und steht auf.

7:00: Tierarzt verzehrt Porridge.

7:30: Tierarzt ermahnt den Hund eindringlich, dass dieser in den kommenden Tagen nur Bestes und Allerbestes Benehmen an den Tag zu legen hat. Auf keinen Fall möge der Hund eine Schneide der Verwüstung in das priesterliche Haus schlagen.

7:45: Manövrieren der Katze in den Katzenkorb ( Lachshäppchen zu diesem Behufe befinden sich im Kühlschrank.

8:00: Übergabe der Tiere an den Priester. Der Präsentkorb für den Priester steht auf der Kommode, der Apfelkuchen für den Priester steht auf der Bank an der Haustür. ( Bitte den Apfelkuchen nicht vergessen. ) Den Präsentkorb auch nicht und die Tiere erst recht nicht.

8: 15: Aufbruch zu Kälbchen. Abschiedshonneurs.

8:35: Beladen des Volvos mit: Festkleidung- hängt im Schlafzimmer, dem luggage holdall, der Reisehandtasche des Fräuleins einer Kiste voll Baklava ( steht auf der Bank vor dem Haus, neben dem Apfelkuchen. Bitte nicht verwechseln die P. hasst Äpfel.

9:05: Verriegeln der Haustür.

10: 00: Abfahrt Tierarzt stadteinwärts

11:00: Einsammeln des Fräulein Read On’s.

11.04: Abfahrt zum Flughafen

12:00 Flughäfliche Dinge vor allem aber Flug nach Venedig

14:30: Ankunft Venedig

15: 00: ( Das müssen wir schaffen ) Fahrt mit dem rasenden Vaporetto zum Hotel

15.35: Ankunft im Hotel zu den zwei goldenen Gondeln.

15:38: : Anlegen der Festkleidung, Richten der Haare, Polieren der Schuhe

15:50: Unverzüglicher Aufbruch. Unter keinerlei Umständen gilt es das ins Hotel gelieferte Geschenk ( Ankunft bestätigt ) zu vergessen.

Tierarzt: Mädchen, was schenken wir eigentlich der P?

Ich: Ein Espressoservice mit Goldrand und Goldfischen von ihrer Hochzeitsliste

Tierarzt: Glaubst du die fertigen auch Schüsseln mit Kälbchen an?

Ich: Ruhe jetzt: Das ist eine ernste Angelegenheit

15:50 225 Schritte nach links und 18 weitere Schritte nach Rechts: Ankunft im Blumengeschäft: Zu den silbernen Orchideen. Abholen des Straußes für P. Sowie der Orchideenblüte für mein Haar und der Rosenblüte für deinen Anzug.

15:55: Eilenden Schrittes begibt man sich nun in die Kirche Santa Cecilia della nostre Madonna und möglichst noch vor dem Kirchengeläut schaffen wir es das Geschenkgeschirr auf der Hochzeitstafel zu positionieren, der lieben P. und ihrem Fast-Mann Luftküsse zuzuwerfen und auf die Kirchenbank zu fallen, ohne dabei gleich eine Nonna tödlich beleidigt zu haben.

16: 00 Glockengeläut. Hochzeit. Taschentücher.

Hast Du lieber Tierarzt noch Fragen, Anmerkungen und Verbesserungswünsche?

Der Tierarzt legt die Stirn in Falten und denkt nach.

Schweigen.

Nach langen weiteren Minuten des Nachdenkens, der schweigenden Reflektion und innigen Meditation räuspert sich der Tierarzt und sagt: „Bitte Mädchen, gib bei den Abschiedshonneurs von Kälbchen noch zehn Minuten dazu.“

Sonntag

„Wir haben gewählt“, sagt meine liebe C. am Telefon und gähnt „ dein Vater trug zur Wahl einen besseren Anzug, als zu unserer Hochzeit“ fährt sie fort. Da ich bei dieser Hochzeit anwesend war, kann ich mit gutem Gewissen sagen: „Du meine liebe C. warst noch strahlend schöner als sonst und alle Anwesenden wünschten sich heimlich, Du hättest ihnen das Ja-Wort gegeben.“ „Süße, sagt die liebe C. Du machst mich ganz verlegen.“ Ich werfe Küsse ins Telefon und meine liebe C. sagt: „jedenfalls habe ich alles gegeben und ich schwöre Dir, wer auch immer aus unserer kleinen Stadt in den neuen Bundestag gewählt wird, der ist auf Aufklärung eingeschworen. Es ist nämlich so, dass Kandidaten aller Parteien bei der lieben C. in Behandlung sind und wann immer ein Kandidat das Sprechzimmer betrat und hollerte: „Na Frau Doktor, Sie wählen doch…..mich?“ Da lächelte Frau Doktor schüttelte ihre goldenen Ringellocken und hielt den Aufklärungsvortrag: bestes Präventionsmittel- so notwendig wie die Luft zum Atmen- starke Männer brauchen keine Gewalt- flächendeckend über Sex reden- schändlich, dass Aufklärung in keinem Wahlprogramm zu finden ist“, spätestens dann schworen die Kandidaten, dass Aufklärung auch ihr Lebensziel sein und die liebe C. ist zuversichtlich, dass wann immer die Kandidaten des Städtchens im Bundestag das Wort ergreifen ihre Reden mit: „Aufklärung, wie brauchen mehr Aufklärung“ beginnen.

Ich applaudiere meiner lieben C. und die C. reicht mich nach vielen weiteren Telefonküssen an meinen Vater weiter: mein Vater teilt mir seine Wahlentscheidung in Form eines Rätsels mit, das ich mit nachtschichtzermatschtem Kopf kaum lösen kann, noch dazu zieht der Tierarzt an meiner Strickjacke und zischt beständig: please Mädchen pass the phone to me. Der Tierarzt aufgeregter als Frau Merkel will nämlich einen Livebericht von der Wahlurne. Dann beraten der Tierarzt und mein Vater sehr lange und als der Tierarzt mir mein Telefon zurückbringt, murmelt er andächtig das Wort „Sondierungsgespräche“ vor sich hin und rennt hinüber zu Kälbchen, um auch dieses in das komplexe deutsche Wahlsystem einzuweisen: ‚no more bad surprises from Germany.“

Ein Fahrradrennen führt auch durch unser Dorf und der Priester muss mit saurer Miene Radfahrer und ihre Drahtesel segnen. Der Priester seufzt und murmelt wahrscheinlich Flüche, aber die Radfahrer lächeln beseelt und fahren klingelnd los. Die Frau des Krämers verkauft Scones auf der Straße und lässt sich mit sehr muskulösen Radfahrern in sehr engen Hosen ablichten und erklärt dem Priester, dass sie bei einem Radfahrer in besonders anziehenden roten Hosen auch einmal hingelangt hätte. Das Gesicht des Priesters wechselt von zahnschmerzgeplagt zu zitronensauer. Dann schreit die Frau des Krämers: „Fräulein Read On, hier gibt es so viele Männer, suchen Sie sich doch einen aus und der Tierarzt ist frei für meine Tochter.“ „Frau des Krämers sage ich ernst, dies ist hier doch ein Radrennen und nicht der Fleischmarkt.“ Die Erwiderung der Frau des Krämers sei hier aus Gründen des Anstandes und der Sittlichkeit nicht wiederholt. Meine Freundin G. und ihr Gefährte fahren auch mit, ich stecke den beiden eine Blume an den Lenker und eine Banane so wie Schokoriegel in die Radfahrerdresstaschen und winke begeistert. Die G. und ihr Gefährte zischen los und der Tierarzt hat mit Kälbchen indes die politischen Entwicklungen Deutschlands diskutiert und kauft mir auch einen Himbeerscone.

Die Radfahrer fahren Rad, und der Priester kommt zu einem sehr späten Lunch-Brunch-Munch-Frühstück zu uns herüber, es gibt sehr viel Rührei und der Tierarzt und der Priester üben sich an der Aussprache des Wortes: Überhangmandat und seufzen über die immer schwierigen, deutschen Dinge. „That’s German Angst“, sagt der Tierarzt und schlürft Sanddornsaft. Der Priester erzählt von einem deutschen Pater, dessen Familie immer geschlossen abstimmte, die Parteistimme wurde dort über Generationen vererbt.“ Der Tierarzt grunzt und murmelt etwas von „irischen Zuständen.“ Der Hund, dieser Gierschlund will natürlich auch vom Rührei abbekommen und benimmt sich noch desaströser als sonst und versucht das Tischtuch vom Tisch zu reißen. Der Hund ißt sein Rührei dann vor der Tür. Die Katze will auch Rührei kann das vor dem Hund aber schlecht zugeben, und atmet erleichtert ob seiner Verbannung auf. Dann speist die Katze Rührei von einer weißen Untertasse und als ihre Hoheit fertig ist, schwenkt sie den Schwanz: „der Teller darf abgetragen werden.“

Der Tierarzt und der Priester waschen ab, ich lege mich schlafen, der Hund kaut verdrossen auf der Fußmatte, die Katze schläft, es regnet, denn es wäre ja sonst nicht Irland, irgendwann kommt der Tierarzt ins Zimmer und streckt sich neben mir aus. Im Halbschlaf höre ich ihn murmeln: Erststimme. Zweitstimme und ich lege ihm die Hand auf die Stirn: „Nach der Wahl ist vor der Wahl.

Szenen aus dem Leben eines seltsamen Fräuleins.

Die Szene: Ein windschiefes Haus irgendwo in Irland. Links der Kirchturm St. Sylvester, im Garten des Hauses eine alte Kastanie. Bewölkter Himmel. Die Dorfstraße, hier steil ansteigend, auf der Straße, ein Fräulein mit Bücherbeutel, Tasche und Einkäufen beladen. Das Fräulein ist angetan mit einem gelben Wetterfleck, robusten schwarze Ankleboots mit denen sich auch Mordor durchwandern ließe, ihre Haare, die von weiten an ein Shetlandpony erinnern, wogen im Wind, ihre Nase tropft und augenscheinlich murmelt sie Flüche. Vor dem Haus: ein alter, klappriger, roter Volvo.

Die Frau kramt nach dem Schlüsselbund und betritt das Haus.
Am Küchentisch sitzt ein mittelalter Mann, (ein blauer Schafwollpullover, kunstvoll gezauste Haare), tief gebeugt über tierärztliche Fachliteratur, auf seinem Schoß schläft eine Katze, zu seinen Füßen hechelt der Hund.

Auftritt Fräulein ( Frl.):

( Der Bücherbeutel fliegt in Richtung geöffnete Küchentür)

Frl.: Man fasst es ja nicht. Man fasst es ja nicht. Dass sich vor Kindergärten und Schulen die Blechlawinen stauen und Eltern in Hupwettkämpfe und Tätlichkeiten verwickelt sind, um ihrem kleinen Wunderkind noch zehn Meter zu Fuß zu ersparen, ist nicht neu. Nein, das ist nicht neu. Aber ( das Fräulein reißt die Arme nach oben ) heute hat mich eine SUV-Mutter, die das liebe Erstsemester zum Semesterbeginn auf den Campus kutschierte, umgefahren. Einfach so, beim Rückwärtsmanövrieren, fuhr sie mich um. Zwar langsam, aber doch ganz bestimmt, fuhr sie mich um und während ich versuchte zur Seite zu hechten , bläkte sie dabei aus dem Autofenster: „Hey Sie, wo geht es denn zur Immatrikulation.“ Ich schrie natürlich: Halten sie das verdammte Auto an.“ Das hat mir den Fuß gerettet, denn so fuhr sie nur über den mir entglittenen Bücherstapel. Man fasst es ja nicht. Diese Impertinenz.

( Der Tierarzt liest die Bücher auf, stapelt sie sorgsam auf dem Küchentisch und starrt auf den deutlich sichtbaren Reifendruck auf dem Buchdeckel)

( Das Fräulein pfeffert ihren gelben Wetterfleck hinterher.)

Frl: „Aber, wenn Du glaubst, das sei es schon gesehen, dann kennst du das Fräulein schlecht. Heute war der australische Delegierte da. Sagt die J. ( die liebenswürdigste Chefin der Welt ) Read On, der ist ein Fall für dich. „Gut, gut“, sage ich und der australische Delegierte bekommt die Spezialführung. Ich erzähle die Geschichte vom Krokodil, lasse die Sache mit Oscar Wildes Griechischprüfung nicht aus, erläutere den Mord von anno 16xx en Detail und spreche dann über Mary Shelley.“ ( Der Tierarzt bückt sich und hängt den gelben Wetterfleck auf einen Bügel.) „Ich stehe also mit dem australischen Delegierten etwas abseits der Erstsemester und rede über Mary Shelley, da knöpft der Mann ohne Vorwarnung sein Hemd auf und zeigt mir einen Fledermausbiss irgendwo auf seiner stark behaarten Brust. (Das Fräulein reißt an einem Ankleboot und schleudert auch diesen in Richtung Küchentür.)
Man fasst es doch nicht! Den Fledermausbiss habe ich nicht gesehen, dafür die Kekskrümel im Brusthaar des Delegierten. „Machen Sie bitte das Hemd zu.“, sage ich also, da setzt der Mann zu einer langen Erklärung über das Leben im australischen Busch an , krempelt sein Hosenbein hoch und zeigt mir zwei Spinnenbisse. Alles noch immer mit offenem Hemd. ( Endlich hat sich das Fräulein auch des zweiten Schuhs erledigt, um diesen dem ersten Schuh hinterherzuschleudern.) Man glaubt es ja nicht. Was für ein Kerl. Ein Kerl, sage ich dir.

( Der Tierarzt hustet, augenscheinlich um nicht Lachen zu müssen. Das Fräulein sucht in der Hosentasche nach einem Haarband. Mit zusammengebissenen Lippen rohrspatzt sie weiter:

Frl: „Dann diese Auszubildende. Sie wird noch der letzte Nagel zu meinem Sarg. Ich schreibe also in allerherzigster Handschrift sechs Einladungen, edelstes Papier, Goldrand, plage mich mit dem blöden Aufziehfüller, habe Tintenflecken an Körperstellen, von denen ich nicht ahnte, dass ich sie habe und lege sie der Auszubildenden hin, damit sie diese in Briefumschläge tut, die ich vorbeschriftet habe, frankiert und auf die Post trägt. Was macht diese Person? Diese Person gießt ihre Wasserflasche über die Einladungen aus. Kann man das denn begreifen? Das kann man doch nicht begreifen! Was für ein Rindviech! Ich setzte also erneut an, der Füller tropft aus purer Bosheit, ich habe Tintenschlieren an der Nase, aber sechs Einladungen sollen es werden, ich lasse die Einladungen in die Briefumschläge gleiten, vorsichtig wie behutsam, ich schreibe die Adressen auf die Umschläge, ich frankiere die Umschläge, ich sage: Auszubildende: Wasser, Kleber, Joghurt, alles fort, hier sind sechs Umschläge bringen sie die zur Post.“ „Jetzt.“ Ich gehe meiner Wege. Ich lasse mich verlachen der Tintenschlieren wegen, ich arbeite wie der Esel sieben, ich raufe mir achtfach das Haar und kehre in das Büro zurück. Da steht die Auszubildende vor meinem Büro: „Fräulein Read On, heult sie, ich habe die Einladungen geschreddert, aber wirklich nur ganz aus Versehen.“ Ich zähle bis 133 und sage: „Gehen Sie mir aus den Augen.“ Ich schreibe sechs, neue Einladungskarten, ich beschrifte, frankiere, ich eile selbst zur Post. Ich habe Tintenflecken auf der Brille und ich schwöre Dir: „Eines Tages da reißt mir die Hutschnur, da reißt mir die Hutschnur und dann wird Schreckliches geschehen. Noch in vielen Hundert Jahren, wird jemand davon erzählen wie einmal dem Fräulein Read On die Hutschnur riß!“

( Der Tierarzt hat inzwischen die Schuhe ins Schuhbord getragen und lehnt gegen den Küchentisch.)

Tierarzt ( leise kichernd) : „Mädchen, ich warte auf den Tag, wo Du Dir auch noch den Kopf abreißt,um ihn über die Schwelle zu schleudern, aber sei gewiss, ich werde ihn fangen.

( Der Tierarzt beginnt haltlos zu lachen.)

Frl: ( bindet sich die Haare zusammen.) „Wenn Du nur lachst!“

Der Tierarzt: „Nicht nur ich“. Zu seinen Füßen grinst der Hund. Auf dem Küchenstuhl johlt die Katze.

Frl: „Ich werde die grinsenden Gesichter nicht vergessen.“

Der Tierarzt küsst die tintenfleckige Nasenspitze des Fräuleins.

Zeitgeist

Eine Frau setzt sich im Zug neben mich. Dabei ist der Frühzug so leer wie niemals wieder. Mir schwant Arges und schon hebt sie an: „Sie stehe im direkten Kontakt mit den Engeln“, sagt sie und wirft mir einen finsteren Blick zu. Ich gähne und nicke: „ Wie schön“, sage ich aber sie versteht es als Aufforderung mir von den langen Engelskonversationen denen sie teilhaftig wird, zu berichten. Sie spricht lange von der Sünde und dem Zorn der Engel und aus ihrem Mund riecht es faulig und ich wünschte die Engel würden mehr über Zahnpasta sprechen und nicht so arg viel über den Sündenpfuhl und die Schande. „Möchten Sie einen Kaugummi?“, frage ich sie, denn mir macht der Geruch sofort Übelkeit. Sie starrt mich für einen Moment fassungslos an und schreit: SIE KÖNNEN DIE ENGEL NICHT HÖREN. IHRE OHREN SIND MIT WACHS VERSCHLOSSEN. ( Ich wünschte meine Ohren wären mit Wachs verschlossen, aber leider ist dem ja nicht so. ) „Die Engel würden sich das alles, alles merken“, sagt sie und schüttelt die Faust dann bricht sie in Tränen aus und steigt aus.

Mit einem Stapel Unterlegen in den Armen laufe ich einmal quer durch zwei Gebäude, seige 174 Treppenstufen nach oben und klopfe dreimal gegen eine Tür. „Herein“, flüstert es und ich trete ein. „Guten Morgen“, sage ich, Fräulein Read On, Angnehm, ich komme in Angelegenheit“, weiter komme ich nicht, denn die Frau am Schreibtisch steht auf und greift nach meiner Hand. Noch mehr als Sellerie aber hasse ich, fassen mich fremde Menschen an. Ich kann das einfach nur sehr schlecht vertragen und vor Entsetzen fallen mir die Akten aus der Hand. Die Frau starrt mich an und schon schluchzt sie: „Meine Mutter ist tot.“ Als ich endlich ein Taschentuch herausgefummelt habe, sind zwei Aktendeckel durchgeweicht. „Das tut mir leid, sage ich, das tut mir sehr leid, sage ich, wie man eben so dahin stammelt, ich kenne nicht einmal den Namen der Frau. Aber das die Frau nicht arbeiten kann ist klar. „Bitte setzen sie sich doch hin“, sage ich und die Frau sinkt auf einen Stuhl und schluchzt. Ich drücke ihr ein zweites Taschentuch in die Hand und klopfe an zwei weitere Türen, die dritte Tür öffnet sich. „Ihrer Kollegin geht es nicht gut, sage ich.“ “Oh, sagt der Kollege und starrt die Frau an die ihr Gesicht in den Armen vergräbt und weint. „Können Sie nicht?“, sagt er. Ich schüttle den Kopf. „Rufen Sie jemanden an“, sage ich und ziehe ein drittes Taschentuch hervor. Dann nehme ich den Aktenstapel und gehe zurück. Der Kollege bewegt sich langsam auf das Telefon zu. Ich lehne noch einen Moment gegen die Tür, bis ich höre wie der Kollege sagt: „Ja Hallo, hier ist der G….“

Die Auszubildende ist aus den Ferien zurück. „Sie habe alles vergessen“, sagt sie. Sie weiß nicht mehr wie der Bürostuhl zu verstellen geht, oder wie man Dokumente mit dem Klammeraffen aneinanderheftet, sie weiß nicht mehr wo die Büroklammern sind und wie der Computer mit dem sie seit drei Jahren arbeitet angeht, hat sie auch vergessen. Das Passwort hat sie nie gehört und das Telefon klingelt herzzereißend. Sie weiß nicht mehr, dass sie auf die grüne Taste für „Annehmen“ drücken muss. Ihr Notizheft hat sie verloren und den Schreibtischschubladenschlüssel hat sie verloren. Ich grinse hämisch und hole das 15er Skalpell zur Hilfe. Ich heiße Sie Blumen gießen, sie schmollt: „Das ist doch was für Babies.“ Ich lächle süßlich. „Unterschätzen Sie Babies nicht“, sage ich und sie ertränkt die Foyerpalme. Tee kochen kann sie auch nicht mehr: „Der Wasserkocher sei viel zu schwer.“ Die Briefe frankiert sie alle auf der der falschen Seite und ich lasse sie die Briefmarken wieder abfummeln und sie stöhnt: „Wie ich Sie hasse!“ Ich nicke, denn ich habe schon Schlimmeres über mich gehört.

Wie man die Druckerpatrone des Kopierers wechselt hat sie vergessen und die Briefe kann sie nicht zur Post tragen, weil sie sich nicht mehr erinnern kann, wo die Post ist. Diktate abtippen kann sie auch nicht, weil ihre Finger weh tun und als die Geschirrspülmaschine ausräumt, zerschlägt sie zwei Tassen und kann Kehrblech und Handbesen nicht finden. „Um zwei Uhr“ bin ich zurück rufe ich und heiße sie Kartons zerreißen. Als ich zurückkomme, ist ihr Büroplatz verwaist, das Telefon klingelt unermüdlich, die Kasse steht geöffnet auf dem Schreibtisch, alle Türen stehen offen und in der Küche läuft der Wasserhahn. „Ist das Absicht, dass die Türen offen stehen?“, frage ich die Auszubildende, die mit einer letzten Rauchwolke vor dem Mund zurückkehrt. Sie starrt mich an, bricht in Tränen aus, und verschwindet von dramatischen Schluchzern geschüttelt auf die Toilette. Wenigstens hat sie über die Ferien nicht vergessen, dass sie zum Rauchen vor die Tür gehen soll.

Der Tierarzt ist schon zu Haus. Er bügelt und hört, denn der Tierarzt ist ja von überwältigender Liebe zu Deutschland gepackt, Nietzsches „Jenseits von Gut und Böse“ in einer irgendwann einmal in meinen Besitz gelangten Hörbuchfassung und wie alle Verliebten, ist es ganz gleich, dass er kein Wort versteht, hört er die Geliebte nur reden. Ich ziehe die Schuhe aus, hänge den Mantel auf, werfe die Tasche auf den Küchentisch und drehe Nietzsche leiser: „Mädchen, lächelt der Tierarzt, wie war dein Tag?“ Ich habe, lieber Tierarzt, sage ich seufzend und küsse ihn auf die Nasenspitze, heute lauter Frauen zum Weinen gebracht.“ Der Tierarzt aber küsst erst meine Mundwinkel, und legt das Bügeleisen aus der Hand: „Mädchen, sagt er und macht eine kleine Kunstpause : that is so very zeitgeisty of you!“