Das Tortendebakel

Wenn Sie heute so gegen 16. 28 Uhr ein still schluchzendes Fräulein auf dem Frankfurter Flughafen haben sitzen sehen, dann war das mit sehr großer Wahrscheinlichkeit niemand anders als ich selbst.
Eigentlich weine ich selten, vor allem aber weine ich nicht in derÖffentlichkeit. Nicht einmal als ich mich vor ein paar Wochen mit dem Fuß im Fahrradpedal verhakte und die Treppe herunterfiel und für einen Moment glaubte ich hätte mir mal wieder die Nase gebrochen, jammerte und greinte zwar, aber geweint habe ich nicht. Ich sehe nämlich nie so aus wie die Frauen im Film, denen man ein Taschentuch reicht und über die Schultern streicht. Ich sehe aus wie ein Krähenjunges, welches erst ins Wasserfass fiel, nur um dann auch noch die Katze zu treffen. Genau so nämlich saß ich auf einem der grauen Stühle und neben mir der nicht minder traurig hereinsehende Tierarzt, der der schluchzenden Krähe Taschentücher anreichte.

Das Ganze kam nämlich so: Gestern Nacht klingelte um drei Uhr mein Wecker. Siebenmal gähnte ich, streckte die Knie, angelte nach den Pantinen und schlich mich leise aus dem Schlafzimmer um weder Tierarzt, Hund oder gar die Königin-Katze zu wecken und machte das kleine Licht in der Küche an. Dann begann ich mit der Herstellung der Geburtstagstorte für meine liebe C., die an diesem Freitag ein Jahr älter wird. Jedes Jahr schüttelt die C. den Kopf, nein Liebes sagt sie: „ich wünsche mir nur, dass ihr kommt und wir haben es schön miteinander.“ Aber meine liebe C. liebt auch die Heidelbeercrèmetorte, die schon ihre Schwiegermutter, meine Großmutter also für sie buk und so steht auf dem Geburtstagstisch seit Jahr und Tag eben diese Torte. Ich schlage Eier für den Teig, pfeife beim Buttercreme Schlagen, aber nur leise es ist ja noch mitten in der Nacht, teile Tortenböden, streiche Heidelbeermarmelade auf die Tortenhälfte, füge Crème und Heidelbeeren hinzu und staple die Hälften aufeinander, hoffe das der Tortenring hält, bestreiche das ganze mit einer Joghurtsahnecreme, stelle den Kühlschrank so kalt es geht und sage zur Torte: „Augen zu.“ Zum Tierarzt, denn inzwischen ist es halb sechs Uhr morgens sage ich „Augen auf“ und reiche Tee. Dann muss ich mich beeilen, der Zug wartet nicht und der Tag zieht mich schon an den Armen. Auf dem Küchentisch liegt ein großer Zettel: „Torte nicht vergessen.“ Denn der Tierarzt, so der Plan bringt die Torte mit zum Flughafen, nebst Geschenken und feinen Kleidern. Bevor auch ich zum Flughafen fahre, rufe ich den Tierarzt öfter an als nötig: „Die Torte.“ Der Tierarzt und die Torte und ich passieren die Sicherheitskontrolle, das Sicherheitspersonal in Dublin ist liebenswürdig wie eh und je und der Tortenkarton und bald schon sitzen wir im Flugzeug nach Frankfurt. Die Torte sicher verstaut unter dem Sitz. Wir lernen unseren Text, denn die Nichten und Neffen haben der lieben C. ein Theaterstück geschrieben, so will es die Festtradition. Ich spiele einen bösen Prinzen, eine ältliche Hexe und einen Stein. Der Tierarzt ist die gütige Fee, ein einsames Dromedar und die gute Amme. Der Tierarzt will nicht mit mir tauschen und so übe ich Sätze wie: „Komm her du feiger Hund und stell dich dem Duell.“ Der Tierarzt hingegen säuselt Liebesworte vor sich hin und ehe wir uns versehen sind wir in Frankfurt. Ich atme leise auf und drücke dem Tierarzt den Tortenkarton in den Arm, denn es gilt ein Badezimmer aufzusuchen. Als ich aus dem Badezimmer zurückkehre gibt es keine Torte mehr.
Ein eilender Geschäftsreisender mit einem Rucksack als Brustschild bewaffnet, war in den Tierarzt gerannt, der groß zwar aber dünn wie ein Bambus den Halt verlor und schon fiel ihm der Tortenkarton aus den Händen. Das letzte was ich von der Torte sehe, ist wie eines der Flughafentransportautos über den Karton fährt und wie sich auf dem Boden lauter Heidelbeer-Joghurt-Sahne Gatsch ausbreitet. In diesem Moment wäre ich gern eine großzügige und gelassene Freundin, die milde lächelt und sagt: „Alles nicht so schlimm.“ Aber ich bin nur ein reichlich merkwürdiges Fräulein und das einzige wa sich tue, ist eine der Reinigungsfrauen herbeizurufen und dann knie ich mit der Reinigungsfrau auf dem Boden und wische den Gatsch auf. Die Zugehfrau will mich überzeugen, sie das doch machen zu lassen, aber ich wische einfach weiter, auch als schon gar kein Tortengatsch mehr auf dem Boden klebt. Der Tierarzt schließlich zieht mich und sagt: „Sag doch was.“ Aber ich kann nichts sagen, ich kann nicht einmal ans Telefon gehen, um der lieben C. zu sagen, dass wir in Frankfurt angekommen sind und auf den Flug nach Berlin warten. Ich sitze da und weine und schluchze: „Die schöne Torte.“
Die Leute sehen mich sehr unangenehm berührt an, der Tierarzt sieht mich sehr besorgt an und sucht nach den Taschentüchern. Ich sehe, wie ich die Torte um 5.25 Uhr in den Kühlschrank schob. Dann ist das Flugzeug da. In Berlin sage ich alles ab. F. der ehemalige geschätzte Gefährte, nimmt nur den Tierarzt mit. Ich fahre in den nächsten Supermarkt. Ich kaufe Zucker, Mehl und Sahne, Joghurt, Heidelbeeren und Heidelbeermarmelade, Eier und all das was es zu einer Torte eben so braucht. Dann fahre ich nach Haus. Es ist 21 Uhr, der Tierarzt hat mir dreizehnmal auf die Mailbox gesprochen, ich schlage Eier in die Schüssel und weine immer weiter, noch einmal also von vorn. 200 Gramm Zucker mit 250 Gramm gestückelter Butter…

12 von 12. Ein Sonntag in Irland

Morgens zum Schwimmen in die kalte See. Zwei Boote schaukeln im Wind.Ich schaukele in den Wellen, eisig ist das Wassern noch immer, aber ich will mir sagen, wärmer noch als im Februar ist es allemal, aber das ist nur Einbildung und Mutgemache, den rot vor Kälte tappe ich zurück ans Ufer, dort zittert der Tierarzt aus Solidarität mit mir mit und reicht erst Handtuch und dann Bademantel an und schließlich die Wollsocken dazu. Auf dem Heimweg zurück ins Oberland zwei Jogger mit umgehängten Westen in den Flaschen klemmen, dazu allerlei Uhren und Messapparate, von den Radfahrern und ihren Helmen mit Kamera ganz zu schweigen. Ich hingegen zähle nichts, messe nichts und schwimme in einem schwarzen Badeanzug und trage Wollsocken in Birkenstock-Pantinen. Ich mache also etwas grundsätzlich falsch. Darauf eine sehr heiße Dusche. Mein Arm übrigens, der Tierarzt hat es überprüft ist sonst ganz normal und keineswegs ein knochenloser Gummischwengel.

Morning shower #shower #sunday #1v12 #12von12 #morningme

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Es ist schließlich Sonntag und Sonntage schreien nach Marmeladenbrot, dazu reicht der Tierarzt die Zeitung und die Sonne legt Sonnenstrahlen auf den Frühstückstisch.

Marmeladenbrot für imma! #marmeladenbrot #jamontoast #harteliebe #2v12 #12von12 #diegutestulle #raspberryjam

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Ganz umsonntäglich wühle ich im Garten. Es gilt vor allem Kälbchen von den Blumen fernzuhalten. Der Tierarzt verteidigt Kälbchen und murmelt etwas von willensstark. Ich verteidige die mühsam gehegten Osterglocken. „Meine Kinder.“ Deine Kinder.“

Daffodils. Osterglocken. #inmygarden #spring #daffodils #ireland #3v12 #12von12

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Die Frau des Krämers jammert über kalte Hände, ein Ziehen im Rücken und befindet der Frühling bekomme ihr nicht. Die Frau des Krämers allerdings will hier niemand schlecht gelaunt oder frühlingslahm sehen und Wolle war auch noch da, also ein Paar Pulswärmer für Madame.

Der Sonntagstisch wird gefolgt von rituellem Sonntagsspaziergang und so wandern wir am Meer entlang und der Hund ( nicht im Bild ) jagt die hämisch kichernden Möwen.

Afternoon sea. #irishsea #walk #sundaywalk #5v12 #12v12

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Ich gäbe ein halbes Königreich für eine Mittagsschlafverordnung, aber immer am Sonntag versuche ich die Augen noch einmal zuzumachen. Auf das Sofa gesellen sich die Katze, Sonnenschein und der Tierarzt liest mir vor.

Oben, unten, mitte, links? Up, down, middle, left? Anyway team #nap #6v12 #12v12 #sleep #dots #funnyface #drowsy

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Ich weiß nicht ob Wörter wirklich helfen, oder überhaupt nicht, vielleicht verschwinden die Karten irgendwo im Nirgendwo, aber auf ein Wort will ich es ankommen lassen.

Ich lese ja in sklavischer Ergebenheit die London Review of Books und in der Sonntagsausgabe mit Himbeerscone.

Kafka for tea. #8v12 #12von12 #scone #londonreviewofbooks #kafka #fiveoclocktea #sunday #readonmydear

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Gelesen wird auch dieses Buch. Das Thema ist geradezu schauerlich tagesaktuell.

Books are in my bed. #nowreading #davidarmitage #history #9v12 #12von12

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Noch immer packe ich Hygienebeutel für die vielen Obdachlosen, die auf Dublins Straßen leben und dies wäre in der Form nicht möglich, gäbe es nicht so viele Freunde, die ihrerseits Zahnbürsten sammeln und Seifen und niemals einfach nur mit den Schultern zucken. Das ist ein großes Glück.

Homeless hygiene kitbag preparations #endhomlessnessnow #10v12 #12von12 #hygienebags #homelessoutreach

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Der Höhepunkt des Tages. Spannungsbogen. Tusch und Zahnpasta dazu. Das Fräulein gähnt und putzt die Zähne. Bitte bewundern Sie angemessen die Glitzerfliesen.

Oh, how very entertaining! #11v12 #12von12 #augenzuunddurch

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Das Fräulein liegt im Bett und betrachtet missmutig ihre großen Füße, die ganz und gar unproportional zu ihrer Gesamtgröße sind. Der Tierarzt schläft außenhäusig und so kann ich getrost diesen Umstand bejammern, beklagen und endlich auch die Augen schließen.

It's all over now, Baby Blue. #nitenite #12von12 #lichtaus #sweetdreams

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Mehr und andere Tage in zwölf Bildern gibt es hier Draußen nur Kännchen.

Sonntag

Früh morgens noch einmal durch den stillen Garten. Noch immer Frosthaut auf den Pfützen. Eichhörnchen in den Bäumen, die Rothkehlchen und Meisen wippen auf den Apfelbaumzweigen, in den Kiefern wohnt der Wind. Eine letzte Scheibe Honigbrot, der Tierarzt quält sich an einer, ich esse zwei, ein letztes Mal die Tassen spülen. Die Bücherberge in Tasche verteilen und dann die Straße hinunter. Die Autobahn, die wir aus dem S-Bahnfenster sehen ist fast leer, nur die grünen Flix-Busse fahren vorbei. Vor ein paar Wochen habe ich ein Bild gesehen, da fotografierte ein Reisender einen Busfahrer, der auf Knien die Bustoilette schrubbte. Der Reisende beschwerte sich über die dadurch auftretenden Verzögerungen der Abfahrt. Ich weiß nicht wie man diesen Zustand von Schamlosigkeit und eiskalter Hundeschnauze erreicht. Aber die Fassungslosigkeit über den Gestus dieses Bildes verlässt mich nicht.

Fast leer ist der Flughafen, das Flugzeug verspätet, der Tierarzt schläft gegen meine Schulter gelehnt, ich lese und versuche nicht gleichzeitg zu atmen und die Seiten umzublättern. Schlafende soll man nicht stören. Einer der Sicherheitskontrolleure lacht keckernd über einen Kollegenwitz und kann nicht mehr aufhören, lacht und lacht und weint irgendwann fast vor dem Gelächter, dass ihn fest beim Nacken fasst und nicht mehr loslässt. Irgendwann kommt das Flugzeug doch. Ein letzter Blick auf Berlin. „Fehlt dir das?“ fragt der Tierarzt. Ich schüttle den Kopf. „Nein, sage ich Tierarzt mir fehlt die Stadt nicht, aber ich vermisse das Leben, das es einmal in dieser Stadt gab.“ Der Tierarzt aber sieht zu mir herüber. Vielleicht erinnert er sich, so lange ist das ja auch noch nicht her, als immer mehr von ihm im kleinen windschiefen Haus im Oberland blieben, erst Zahnbürste, dann Bücher, dann ein blauer Schal, schließlich auch Rasierzeug und warme Socken, und vor allem er selbst, ich in der Tür stand und ihn fragend an ansah. „Du bleibst also?“ oder so ähnlich fragte ich ihn und der Tierarzt sah mich an, ähnlich fragend und sich vielleicht auch ein wenig versteckend vor meiner Antwort. Aber die war nicht besonders, war nicht ausschweifend, auch nicht witzig oder ironisch gelungen. Genickt habe ich wohl, den Zweitschlüssel aus dem Kästchen geholt und dem Tierarzt herüber geschoben. „Keine Geigen sagte ich, keine Rosen, keine Versprechen, kein Himmel“, vielleicht habe ich auch etwas anderes gesagt und der Tierarzt ist trotzdem geblieben, geblieben bei jemandem der immer noch und im eigentlichen Sinne wohl in Berlin auf dem Stuhl sitzt und die Scherben zählt, die Splitter nicht findet und wartet und wartet und wartet.

Ein Teil nur ist eben weitergezogen, sitzt jetzt im Flugzeug, mein Schlüssel zu diesem Leben liegt im windschiefen Haus nah an der irischen See und der Tierarzt neben mir hat den Schlüssel in der Tasche. In Dublin hat es geregnet, der alte und treue Volvo steht in der Garage. Die engen Straßen, hohe Ecken, tiefe Pfützen, die blasse Sonne schon tief am Himmel, der Tierarzt macht das Fenster auf, als wir schließlich das Meer erreichen, dann sind wir schon im Dorf. Die Frau des Krämers winkt. „Hallöchen“ trilliert der Tierarzt. Die Frau des Krämers sieht ihn verwundert an. „Das ist alles ihre Schuld, sagt sie zu mir, dass der Tierarzt erst ihre Tochter verschmähte und jetzt auch noch ausländisch spricht“ Ich nehme die Katze in Empfang und der Tierarzt seinen Hund und überreiche ihr Pralinen und einen Marmorkuchen, nebst violetten Tulpen. Dann schämt sich die Frau des Krämers doch für einen Moment. Aber als der Tierarzt sagt: „Dit is Berlin“, blinzelt sie mir finster zu. Die Katze springt aufs Fensterbrett und schläft sofort ein, der Hund kaut auf einem Socken, ich rufe Schwesterchen an und sehe die Post an, richte Bücherstapel und suche dies und das. Der Tierarzt aber hält das Gesicht in den Sturm und den leise einsetzenden Regen, ich lehne meinen Kopf an seinen Rücken, der Tierarzt hält meine immer kalten Hände und so werden wir langsam nass. „Wieder da“, sage ich. „Danke“, sagt der Tierarzt.

Die Mali-Tant seufzt über die Welt.

Die Mali-Tant, war eine der liebsten Freundinnen meiner Großmutter. Wie meine Großmutter scheiterte die Mali-Tant an Israel. Die beiden Damen waren sich einig: die Hitze, der Staub, das schlechte Theater, die barbarische Sprache, die seichten Opern, da könne man trotz allem also auch nicht bleiben. Meine Großmutter ging zurück nach Deutschland und die Mali-Tant zog zurück in ihre Geburtsstadt Wien. Damals also im 1950er Jahr sagten die Nachbarn zur Mali-Tant: “Wir dachten die Juden sind alle durch den Rauchfang gegangen.” „Ja, sagte die Mali-Tant damals, das habt ihr euch wohl so gedacht.“ Die Nachbarn haben nicht widersprochen. Die Mali-Tant aber ist geblieben und noch immer, noch heute lebt die Mali-Tant in Wien. Jeden Samstag seit vielen Jahren also, rufe ich die Mali-Tant an.

Ich sitze mit den Füßen weit ausgestreckt in die späte Nachmittagssonne, die in die Diele fällt, habe ein Stück Marmorkuchen vor mir und blinzle gegen das Sonnenlicht. Eingehüllt aber bin ich trotzdem in das orangene Reiseplaid, denn warm genug ist mir nie, und wie mein Großvater vor vielen Jahren zu sagen pflegte als meine Großmutter die Mali-Tant anrief, telefoniere ich mit Wien.

Ich: Shavua tov! Shavua tov! A gite woch Dir Mali-Tant!

Mali-Tant: Shavua tov, Mädi. A gite Woch fia dich.

Ich: Geh Mali-Tant, geht es dir gut?

Mali-Tant: Ah geh Mädi, ist scho a Kreuz mit dem Rücken, aber es geht sich schon aus. Und bei Dir?

Ich: Ah geh, Mali-Tant , ist schon recht. Man soll nicht jammern all die Tage.

Wir wechseln weitere Bemerkungen über das Wetter, das Leben, die Gerti ( die Tochter der Mali-Tant, Schwesterchen und dies und das.) Dann aber seufzt die Mali-Tant und seufzt länger und schwerer sonst.

Mali-Tant: Ach, Mädi ich weiß net recht, was ist mit die Leit? Gestern war die Zugehfrau hia. Ganz schwummig ist mir worden von ihrem Gschwätz.
Ihr Herbert sogt die Zugehfrau sogt: Aufghengd gheans, die Leit. Da hab i die Zugehfrau, die scho kommt an die zwanzig Jahr gefragt, aber wen will dein Herbert aufghengd sehn? Na des wo die Goschn aufreissn Frau Mali hat die Zugehfrau gesogt, die als erstes. Dann die, die nicht hackeln gehen, die gehören a aufghengd sogt der Herbert. Die Schmarotzer und die Leit von die Bang ( =Bank ), die a.
Immer längter Mädi ist die Liste worden, von die Leit die aufghengd gehörn. Da hab i die Zugehfrau gefragt, wea denn da über bleibt van die Leit. Na koaner hat die Zugehfrau gesogt, die die net aufghengd gehören sogt der Herbert die muss man daschlogn oda daschissan oda vagifdn. Da hob i die Zugehfrau gefrogt ob sie des a find wos der Herbert sogt. Die Zugehfrau hat gesogt, der Herbert sogt sie fangt sich eine Watschen wenn sie so dumm daherfragt. Schon wie sie geheiratet han, hat de Herbert dos sogt und seit dem hat sie eben net mehr gefrogt.

Ich: Ach Mali-Tant, das tut mir leid. Ich weiß auch nicht warum die Leute so viel Wut im Bauch haben all die Tage.

Mali-Tant: Ach Mädi, i mog nimmer mehr. Ich kann doch nicht jetzt der Zugehfrau kündigen, die seit zwanzig Jahrn herkommt und die Wohnung besorgt. Die fangt sich doch wida a Watschn von dem Herbert, diesem Rindvieh.

Ich: Seufze lang und tief.

Mali-Tant: A Schmarrn erzähln die Leit den lieben langen Tag lang: Die Nachbarin von der Stiege sogt, dass der Nachbar von droben besoffn is und mittn in da Nocht bei da Haustia (= Haustür ) rumort. Dabei kenn in den Nachbar von droben gut, dea is a feiner Kerl, und net einmal hob i dem mit da Rum Flaschn gesehn, seit dem 54er Jahr, wo i eingezogen bin hia. Und die Sedlacezak vom Parterre sogt, dass die Nachabrin von de Stiege nimmer schtaubwischt. Und I bin so müd von dem Geschwätz. Maunchmoi (=manchmal ) mitn in da Nochd weri munta und ich sog mir, ist ned gut, wenn man so alt wird wie i Mädi.

Ich: Aber Mali-Tant ich fände es schreklich wärst du nicht da und gar nicht vorstellen, kann ich mir einen Samstag ohne dich, und gar nicht ausdenken mag ich mir die leeren Nachmittage an denen Du mir nicht erzählst von den Nachbarn und dem Hund des Greislers, und deinem Verehrer, dem alten Wien, und dem Wien der Juden und den Geschichten von meiner Großmutter und dir. Überhaupt sollst du mich anrufen, wenn du nachts im Bett liegst und nicht schlafen kannst.

Mali-Tant: Ach Mädi, du bist schon wie deine Großmama, die hat auch imma geredet und geredet und geredet und dann war ollas guad.

Dann müssen die Mali-Tant und ich beide lachen, wir lachen ziemlich laut sogar, denn die neue Woche soll man nicht nur mit Sorgenfalten auf der Stirn beginnen.

Hier gibt es noch ein Telefonat mit der Mali-Tant.

Eine halbe Morgenstunde

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Morgens, kurz vor halb sechs für vier Minuten auf den Balkon. Noch liegt die Nacht mit beiden Armen und gebeugtem Kopf über der Straße. Auf Zehenspitzen also, denn die Nacht soll man nicht wecken, Körner streuen für die alte Freundin Wildtaube, die seit Jahren schon mit Leinenserviette unter dem Flügel früh am Morgen auf dem Balkonsims, erst frühstückt und dann die Zeitung liest. Ich aber die Kälte der Nacht noch unter den Sohlen, leise und die knarrenden Dielen auslassend also ins Bad. Kalt läuft mir das Wasser über die Hände, selbst die Kiefern vor dem Badezimmerfenster schütteln den Kopf. Gänzlich unerwartet aber sitzt du mit angezogenen Knien auf der Fensterbank. Legst mir eine Hand zwischen die Rippen. Fällst mit deinem Kopf auf meinen Rücken und wanderst mit deinen Händen bis hinter mein Ohr. Merkwürdig ist das flüsterst du leise und deine Hand hält meine Rippen fest, dass du dich nicht vor kaltem Wasser erschrickst, aber immer vor warmen Händen. „Ich bin nicht handzahm“ sage ich und du lachst leise , „Nein, sagst das bist du nicht, deine Rippen noch scheuen zurück“, du ziehst die andere Hand aus meinen Haaren zurück, mir tropft kaltes Wasser vom Gesicht über die Zehen und du hältst mir das Handtuch hin. Die andere Hand aber wandert noch einmal von den Rippen den Rücken hinauf und bleibst dort liegen. Ich putze die Zähne, und du sitzt auf der Fensterbank mit wippenden Beinen, siehst mich Wasser trinken aus dem Hahn, immer ein wenig zu gierig, eine alte Gewohnheit aus einem anderen Land, da versiegte der Hahn auch schon früh am Morgen und ich habe das nie vergessen können. Ob aus der Wasserflasche, der Karaffe oder dem Hahn am Morgen, das erste Glas Wasser muss ich herunterstürzen, der ewige Durst jener Jahre lebt immer noch in mir, lebt vielleicht genau zwischen den Rippen, auf denen deine Hand noch immer liegt. Eine Spur des verschütteten Wassers bleibt auf den Fliesen zurück. Ausziehen, den Morgenmantel an den Haken. Kommode auf. Kommode zu. Alles unter deinen Augen, die Kiefernzweige können an mir nichts mehr Finden. „Störe ich dich?“ fragst du. „Ansichtssache“, sage ich und wieder lachst du und wieder wandern deine Hände von meinem Schlüsselbein zu meinen Rippen. „Ich weiß“ nicht sage ich, ob du dich an mir festhalten kannst. Du nickst und dein warmer Atem legt sich zu meinen kalten Rippen. Dann Strümpfe und Kleid, um endlich die Haare zu entwirren, du wärmst dir das Wasser für die Rasur, wickelst dich in meinen Morgenmantel, gähnst und lachst schon wieder:  „Deine Rippen, sagst Du sind selbst in diesen Mantel eingegraben.“ „Mag sein sage ich“, lege die Uhr um, denn die Uhr tickt, vielleicht auch zwischen meinen Rippen. Ich nicke der alten Freundin Wildtaube zu, die geruhsam Körner pickt, setze Wasser auf, hole die Zeitung herein, als der Wasserkessel gerade pfeift. Drei Löffel Kaffeepulver in die eine Kanne, zwei Löffel Tee aus der silbernen Dose in die alte Kanne, Müsli in die Schalen, die Zeitung aufgeschlagen, Apfel und Banane in die Tasche geworfen, die Schuhe geputzt, zwei Seiten Zeitung, Kaffee und Tee aufgiessen, den letzten Granatapfel aufschneiden, du pfeifst aus dem Bad, ich trage dir eine Tasse hinüber, aber schnell nur im Vorüberlaufen eben, deine Hände sind beschäftigt, meine Rippen atmen auf. Schlüssel und Telefon, dann schlägt es Sechs Uhr. Die Nachrichtensprecherin verliest, dass der Journalist Deniz Yücel in Untersuchungshaft genommen wurde. In der Türkei fürchtet man sich vor Worten wie vor einem fliegenden Stein, sage ich dir und lege mir die Nachricht zwischen die Rippen, man vergisst so schnell. Du lehnst in der Tür und ich laufe los. Sieben Minuten nach Sechs, sagt die Uhr.

Portrait des Fräuleins als Hühnerschreck

Leise pfeifend laufe ich vom Bahnhof die Dorfstraße hinunter. In Gedanken beglückwünsche ich mich, dass ich gestern trotz Müdigkeit noch Brot gebacken habe, der Tierarzt immerhin Rührei isst und damit ein freier Abend vor mir liegt. Badewanne und Buch summe ich und freue mich darauf in Nathan Hills sehr großartigem Buch Nix weiterzulesen. Außerdem hat die liebe C. mir ein Paket voller Nussschokolade geschickt. Nur Milch muss ich noch kaufen, erinnere ich mich selbst und hüpfe trotz der schweren Büchertasche vor mich hin. Schon von weitem aber sehe ich, dass das halbe Dorf versammelt vor dem einzigen Laden steht. Je näher ich komme, desto größer wird auch die Menge aufgeregter Dorfbewohner, deren Wortführerin natürlich die Frau des Krämers ist. „Fräulein Read On“ schreit sie als ich näher komme, etwas Schreckliches ist passiert!“ „Feuer, Wasser, Wind?“, frage ich aber die Frau des Krämers schüttelt den Kopf. „Die Gänse sind ausgebrochen und jagen die Hühner.Oh, sage ich und seufze in Richtung des betroffen Hühnernachbars und des neben der Frau des Krämers stehenden Gänsebesitzers. Wann genau die Feindschaft zwischen den Gänsen und den Hühnern ausgebrochen ist, kann niemand mehr sagen. In den Dorfannalen sucht man das Stichwort Gänsekrieg vergeblich und die Frau des Krämers, die inoffizielle Chronistin, weiß auch nicht mehr als wieder und wieder zu betonen, dass es eben schon immer so gewesen sei. Der Hühnerbesitzer aber zetert und wehklagt über seine von den Gänsen wer weiß wohin gehetzten Hühnerdamen. Er fordert den Bau einer Mauer. Scharfe Proteste der Gänsefraktion folgen sofort.

Ich nicke noch einmal sehr betroffen, lasse die Milch , Milch sein und will weiter nach Haus in Oberland gehen, um endlich zu Badewanne und Buch zu kommen. Da biegt der Tierarzt in die Ecke. Er hält einen, meinen leeren Wäschekorb in der Hand. „Read On“ sagt er dich schickt der Himmel. “Mich lieber Tierarzt sage ich, rufen Buch und Badewanne.“ Aber der Tierarzt will davon nichts wissen. „Ich brauche deine Hilfe.“ „Nein, sage ich und nochmals nein.“ Aber wieder überhört der Tierarzt mich vollständig und nimmt auch mein Kopfschütteln nicht zu Kenntnis. „Du musst die Hühner fangen, während ich die Gänse jage.“ Ich schüttle den Kopf. Auf gar keinen Fall, fange ich Hühner. „Bitte“ sagt der Tierarzt und das ganze Dorf echot: Bitte Fräulein Read On, Sie müssen die Hühner fangen.“ Noch einmal sehe ich vor meinem inneren Auge, Badewanne und Buch. Mit versagender Stimme wimmert der Hühnernachbar: Bitte Fräulein Read On, bringen sie mir meine Mädchen wieder.“ Ich knurre missmutig. Die Frau des Krämers bemerkt wohlwollend, dass sich nun meine ewige Joggerei endlich einmal auszahle. Ich knirsche mit den Zähnen.

Der Tierarzt überreicht mir Wäschekorb und ein Paar Gartenhandschuhe.“ Wohin sind die Hühner gerannt?, will ich wissen. Tumult. Geschrei. Beschuldigungen. Die Hühner sind in Richtung Oberland geflüchtet, sagt er und“ Danke Read On“. Ich sage lieber nichts mehr und stapfe davon. In meinem Garten sind die Hühner nicht, auch nicht auf der Schafsweide, die hinter meinem Haus beginnt und ich renne weiter, hinauf zu den Klippen. Hoffentlich liegen die Hühner nicht schon zerschmettert im Meer. Das erste Huhn sehe ich nass in einer Pfütze hocken. Ich nähere mich in gebückter Haltung. Das Huhn zetert, ich schnappe nach dem Huhn, in der Hand halte ich indes nichts als ein paar weiße Federn, inzwischen nähern sich immerhin die anderen Hühner. Sie gackern spöttisch. Ich sprinte erneut auf das Huhn zu. Ich erwische einen Flügel und dann liege ich in der Pfütze. Gelächter des versammelten Hühnerhaufens. Ich wünsche mir die Gänse herbei. Beim dritten Mal endlich bekomme ich das Huhn oberhalb des Flügels zu fassen und verfrachte es in den Wäschekorb. Ich werfe eine Decke über das Huhn. „Jetzt ihr“ sage ich zu den Hühnern. Die Hühner gackern und rennen weiter. Hühner sind gerissen und sehr, sehr schnell. Nach dem dritten Huhn habe ich einen aufgeschlagenen Ellenbogen. Ein Huhn finde ich unter einem Strauch. Es schreit Zeter und Mordio. Die Schafe sehen empört zu mir herüber. Ich verfluche das Dorf und die Hühner. Zwei Hühner rennen im Kreis wie die Berserker, ich will ihnen den Weg abschneiden, bleibe an einer Wurzel hängen und liege nun mit dem Bauch voran in der schlammigen Pfütze. „Tierarzt knurre ich, du schläfst heute Nacht auf dem Sofa.“ Die Hühner im Wäschekorb wollen fast bersten vor Lachen. Ich buchstabiere sehr langsam Kochtopf und endlich ist Ruhe im Karton Wäschekorb. Dann endlich erwische ich eines der Hühner an den Beinen und wie ein Wilddieb trage ich das Huhn zum Korb. Die Hühner stimmen, ich bin mir ganz sicher Venceremos  an. Ich kann nur noch schnauben. Das letzte Huhn aber hockt hämisch auf einer Felskante, die tief in den Abgrund führt und da ein Paket ungeöffneter Nussschokolade auf mich wartet, habe ich wenig Lust ausgerechnet jetzt in die wild wogende irische See zu stürzen. Ich erinnere mich einer alten Brezel in meiner Tasche , renne zur Tasche und bete das Huhn möge dort bleiben, wo es ist. Dann locke ich das zeternde Huhn mit Krümeln von der Abbruchkante fort. Die Hühner im Korb heulkreischen etwas von unerlaubter Vorteilsnahme. Ich aber schnappe nach den Beinen des Huhnes und endlich, endlich sind alle Hühner im Korb. Eingeschnappte Stille und ich bleibe einfach liegen und befühle meine Knochen. Dann wird mir kalt und ich rapple mich hoch und wuchte den Wäschekorb mit Hühnern zurück ins Unterland. Die Hühner strafen mich mit schweigender Verachtung. Ein Danke hätte auch gereicht, zische ich zurück. Der Hühnernachbar kommt auf mich zugelaufen und weint vor Erleichterung um seine Mädels und begrüßt sie mit Namen. Wer bitte nennt ein Huhn Eliza? Endlich wieder hühnerlos, sitze ich auf den Stufen des Ladens, die Frau des Krämers, die Hände in die Hüften gestützt sagt zum Tierarzt, der als Gänsemagd um die Ecke biegt „Es muss Liebe sein“ und mit dem letzten Rest Atem, den ich noch habe, ächze ich: „Es ist Wahnsinn.“ Betroffen sieht der Tierarzt zu mir herüber. Die Frau des Krämers tätschelt ihm beruhigend die Schulter. Das Fräulein Read On meint das sicher nicht so.“

Bettelmann Hahn

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Dublin sommert. St Stephen’s Green Park Dublin.

Dublin sommert so vor sich hin. Schäfchenwolken und Sonnenstrahlen wohin man auch sieht. Die B. und ich verlagern unsere Mittagspause nach draußen in was auf Deutsch so schön mit städtischer Grünanlage bezeichnet wird und wirklich kein Park ist. Da sitzen wir also mit vielen anderen Anzugträgern, die über Akten ein Sandwich kauen und halten die Gesichter in die warme Sonne. Kinder jagen Tauben. Der Springbrunnen ist angestellt. Schulklassen üben gelangweilte Gesichter. Mütter schieben Kinder spazieren ,alte Ehepaare sammeln Erinnerungen auf , einige Frauen machen Yoga und zwei Mädchen neben uns erzählen sich ihre letzten Romanzen. 15 Grad hat es hier in der Sonne und wärmer wird es in Irland eigentlich nicht einmal im August.
Die B. erzählt mir von ihrem Kuba-Aufenthalt und den sauertöpfischen Beamten, die mit gelangweilten Gesichtern hinter dem Schalter sitzen und sich jeder Zugänglichkeit verweigern und den vielen Buchläden, die für Pfennigbeträge sozialistische Erbauungsliteratur verkaufen: Eintopfrezepte für den Sieg des Kommunismus und Mies van der Rohe und das sozialistische Haus. Bestimmt gibt es dort auch einen Band „Topfpflanzen-Der Bitterfelder Weg“ aber wir essen lieber Tiramisu, die eigentliche Antwort auf die Ideologen aller Coleur ist wohl immer schon Dekadenz gewesen. Die B. seufzt und ich seufze und in der winterlichen Sommerfrische strecken wir die Beine aus und die B. macht für einen Moment die Augen zu. Zur Linken nähert sich eine Frau mittleren Alters und von weitem schon ist zu erkennen, dass sie bettelt. Auf eine Krücke gestützt und in einen unförmigen Umhang gewickelt unter dem verschlissene Jogginghosen hervorsehen, die Füße in dicken Wollsocken, die in einem Paar ausgetretener Sandalen stecken, schiebt sie sich mehr vorwärts, als das sie geht. Unter ihren schlurfenden Füßen wirbelt der trockene Staub auf und die Frau hustet, ein scharfes Krächzen, immer wieder bleibt sie stehen und stützt sich auf der Krücke ab. Help the homeless ruft sie in einem eigentümlichen Sprechgesang, es ist ein Wehklagen, das sie da ausstösst. Help the homeless ruft sie wieder und wieder und dann I want to buy food. Schließlich nähert sie sich auch unserer Bank mit ihrer Klage und dem Pappbecher in dem nichts klimpert und klingelt. Für einen Moment zögere ich unter den halbgeschlossenen Augen, hier in der Sonne, die mir die Wangen wärmt, der lauen Luft, der Mittagsmüdigkeit und der schwebenden Leichtigkeit eines Sommertages mitten im Winter. Aber dann legt sich die Hand meiner Großmutter auf meine Schulter, wie damals in der kleinen Stadt in der ich bei ihr die langen Sommerferien verbrachte und wir auf dem Markt standen und Erdebeeren einholten. Da näherte sich uns ein Bettler, der in der kleinen Stadt von allen nur Bettelmann Hahn geheißen wurde, wohl deshalb weil die bunten zusammengewürfelten Kleidungsstücke, die er trug, zum Beispiel ein violettes Samtjackett über einem grünen Regenmantel und gelben Galoschen, wohl an einen Hahnenkamm erinnerten. Aber wohl auch weil in kleinen Städten niemand einfach so davon kommt. Bettelmann Hahn also näherte sich schlurfenden Schrittes, die Augen auf die Straße gerichtet, denn seine ohnehin schmale Gestalt wurde durch einen Buckel weiter nach unten gedrückt , den Arm hatte er auf einen kaputten Regenschirm gestützt.
Bettelmann Hahn aber hörte man nicht wehklagend singen, sondern da ihm fast alle Zähne fehlten, klang sein „Eine kleine Spende bitte für einen armen Mann“ wie ein Stoßseufzer. Ich obwohl doch in einem Land lebend in dem Armut ein so brutales, ein so zerstörendes Antlitz hatte, so unweigerlich zum Alltag gehörte, ich fürchtete mich vor Bettelmann Hahn und versteckte mich im weiten Sommerrock meiner Großmutter. Meine Großmutter aber ließ Feigheit nicht gelten und zog mich hervor. „Morgen, Bettelmann Hahn“ sagte sie und schob mich nach vorn: „Das ist mein Enkelkind Read On. Sie ist zu Besuch für die langen Sommerferien.“ Bettelmann Hahn nickte und deutete einen Diener an. Mich schauderte, denn ich glaubte Quasimodo selbst, sei hier mitten auf dem hellen Marktplatz auf einmal erschienen. Dann gab meine Großmutter, Bettelmann Hahn die Hand, drehte sich um, nahm meine Hand und legte sie in die arthritisch verkrümmte Hand des alten Mannes. Bettelmann Hahn sprach mit meiner Großmutter und hielt meine Hand, dann wühlte er in dem grünen Regenmantel, fand zwei Karamellbonbons und legte sie mir in die Hand. Für die kleine Mademoiselle sagte er und lächelte zahnlos und ich lächelte endlich zurück. Meine Großmutter legte ihre Hand auf meine Schulter und nickte. Unterdessen hatte sie Bettelmann Hahn ein Fünfmarkstück in die Hand gedrückt, beiläufig fast, als käme es darauf nicht an, als sei einzig das Wetter, die Qualität der Erdbeeren und das Rheuma, das Bettelmann Hahn plagte von Bedeutung. Dann gingen wir weiter, wahrscheinlich aßen wir Eis und hielten die Gesichter in die Sonne. Bettelmann Hahn habe ich noch oft getroffen und stets blieb ich ich die kleine Mademoiselle. Ich hatte verstanden. Zurück in Dublin, auf de rParso mache ich endlich die Augen auf der Bank, die Frau steht unmittelbar vor mir, ich krame nach Münzen und während ich noch suche, lobe ich die Sonne, frage nach ihrer Gesundheit und lege die Münzen in ihre Hand, ganz genau so wie damals als ich begriff, dass man hinsehen muss, wieder und wieder, ob nun im Sonnenschein oder im Schatten. Dann wacht auch die B. auf, die Frau ist längst weiter, nur von Ferne hört man ihr singendes Klagen und die B. und ich müssen zurück ins Büro.