Portrait des Fräuleins als Hühnerschreck

Leise pfeifend laufe ich vom Bahnhof die Dorfstraße hinunter. In Gedanken beglückwünsche ich mich, dass ich gestern trotz Müdigkeit noch Brot gebacken habe, der Tierarzt immerhin Rührei isst und damit ein freier Abend vor mir liegt. Badewanne und Buch summe ich und freue mich darauf in Nathan Hills sehr großartigem Buch Nix weiterzulesen. Außerdem hat die liebe C. mir ein Paket voller Nussschokolade geschickt. Nur Milch muss ich noch kaufen, erinnere ich mich selbst und hüpfe trotz der schweren Büchertasche vor mich hin. Schon von weitem aber sehe ich, dass das halbe Dorf versammelt vor dem einzigen Laden steht. Je näher ich komme, desto größer wird auch die Menge aufgeregter Dorfbewohner, deren Wortführerin natürlich die Frau des Krämers ist. „Fräulein Read On“ schreit sie als ich näher komme, etwas Schreckliches ist passiert!“ „Feuer, Wasser, Wind?“, frage ich aber die Frau des Krämers schüttelt den Kopf. „Die Gänse sind ausgebrochen und jagen die Hühner.Oh, sage ich und seufze in Richtung des betroffen Hühnernachbars und des neben der Frau des Krämers stehenden Gänsebesitzers. Wann genau die Feindschaft zwischen den Gänsen und den Hühnern ausgebrochen ist, kann niemand mehr sagen. In den Dorfannalen sucht man das Stichwort Gänsekrieg vergeblich und die Frau des Krämers, die inoffizielle Chronistin, weiß auch nicht mehr als wieder und wieder zu betonen, dass es eben schon immer so gewesen sei. Der Hühnerbesitzer aber zetert und wehklagt über seine von den Gänsen wer weiß wohin gehetzten Hühnerdamen. Er fordert den Bau einer Mauer. Scharfe Proteste der Gänsefraktion folgen sofort.

Ich nicke noch einmal sehr betroffen, lasse die Milch , Milch sein und will weiter nach Haus in Oberland gehen, um endlich zu Badewanne und Buch zu kommen. Da biegt der Tierarzt in die Ecke. Er hält einen, meinen leeren Wäschekorb in der Hand. „Read On“ sagt er dich schickt der Himmel. “Mich lieber Tierarzt sage ich, rufen Buch und Badewanne.“ Aber der Tierarzt will davon nichts wissen. „Ich brauche deine Hilfe.“ „Nein, sage ich und nochmals nein.“ Aber wieder überhört der Tierarzt mich vollständig und nimmt auch mein Kopfschütteln nicht zu Kenntnis. „Du musst die Hühner fangen, während ich die Gänse jage.“ Ich schüttle den Kopf. Auf gar keinen Fall, fange ich Hühner. „Bitte“ sagt der Tierarzt und das ganze Dorf echot: Bitte Fräulein Read On, Sie müssen die Hühner fangen.“ Noch einmal sehe ich vor meinem inneren Auge, Badewanne und Buch. Mit versagender Stimme wimmert der Hühnernachbar: Bitte Fräulein Read On, bringen sie mir meine Mädchen wieder.“ Ich knurre missmutig. Die Frau des Krämers bemerkt wohlwollend, dass sich nun meine ewige Joggerei endlich einmal auszahle. Ich knirsche mit den Zähnen.

Der Tierarzt überreicht mir Wäschekorb und ein Paar Gartenhandschuhe.“ Wohin sind die Hühner gerannt?, will ich wissen. Tumult. Geschrei. Beschuldigungen. Die Hühner sind in Richtung Oberland geflüchtet, sagt er und“ Danke Read On“. Ich sage lieber nichts mehr und stapfe davon. In meinem Garten sind die Hühner nicht, auch nicht auf der Schafsweide, die hinter meinem Haus beginnt und ich renne weiter, hinauf zu den Klippen. Hoffentlich liegen die Hühner nicht schon zerschmettert im Meer. Das erste Huhn sehe ich nass in einer Pfütze hocken. Ich nähere mich in gebückter Haltung. Das Huhn zetert, ich schnappe nach dem Huhn, in der Hand halte ich indes nichts als ein paar weiße Federn, inzwischen nähern sich immerhin die anderen Hühner. Sie gackern spöttisch. Ich sprinte erneut auf das Huhn zu. Ich erwische einen Flügel und dann liege ich in der Pfütze. Gelächter des versammelten Hühnerhaufens. Ich wünsche mir die Gänse herbei. Beim dritten Mal endlich bekomme ich das Huhn oberhalb des Flügels zu fassen und verfrachte es in den Wäschekorb. Ich werfe eine Decke über das Huhn. „Jetzt ihr“ sage ich zu den Hühnern. Die Hühner gackern und rennen weiter. Hühner sind gerissen und sehr, sehr schnell. Nach dem dritten Huhn habe ich einen aufgeschlagenen Ellenbogen. Ein Huhn finde ich unter einem Strauch. Es schreit Zeter und Mordio. Die Schafe sehen empört zu mir herüber. Ich verfluche das Dorf und die Hühner. Zwei Hühner rennen im Kreis wie die Berserker, ich will ihnen den Weg abschneiden, bleibe an einer Wurzel hängen und liege nun mit dem Bauch voran in der schlammigen Pfütze. „Tierarzt knurre ich, du schläfst heute Nacht auf dem Sofa.“ Die Hühner im Wäschekorb wollen fast bersten vor Lachen. Ich buchstabiere sehr langsam Kochtopf und endlich ist Ruhe im Karton Wäschekorb. Dann endlich erwische ich eines der Hühner an den Beinen und wie ein Wilddieb trage ich das Huhn zum Korb. Die Hühner stimmen, ich bin mir ganz sicher Venceremos  an. Ich kann nur noch schnauben. Das letzte Huhn aber hockt hämisch auf einer Felskante, die tief in den Abgrund führt und da ein Paket ungeöffneter Nussschokolade auf mich wartet, habe ich wenig Lust ausgerechnet jetzt in die wild wogende irische See zu stürzen. Ich erinnere mich einer alten Brezel in meiner Tasche , renne zur Tasche und bete das Huhn möge dort bleiben, wo es ist. Dann locke ich das zeternde Huhn mit Krümeln von der Abbruchkante fort. Die Hühner im Korb heulkreischen etwas von unerlaubter Vorteilsnahme. Ich aber schnappe nach den Beinen des Huhnes und endlich, endlich sind alle Hühner im Korb. Eingeschnappte Stille und ich bleibe einfach liegen und befühle meine Knochen. Dann wird mir kalt und ich rapple mich hoch und wuchte den Wäschekorb mit Hühnern zurück ins Unterland. Die Hühner strafen mich mit schweigender Verachtung. Ein Danke hätte auch gereicht, zische ich zurück. Der Hühnernachbar kommt auf mich zugelaufen und weint vor Erleichterung um seine Mädels und begrüßt sie mit Namen. Wer bitte nennt ein Huhn Eliza? Endlich wieder hühnerlos, sitze ich auf den Stufen des Ladens, die Frau des Krämers, die Hände in die Hüften gestützt sagt zum Tierarzt, der als Gänsemagd um die Ecke biegt „Es muss Liebe sein“ und mit dem letzten Rest Atem, den ich noch habe, ächze ich: „Es ist Wahnsinn.“ Betroffen sieht der Tierarzt zu mir herüber. Die Frau des Krämers tätschelt ihm beruhigend die Schulter. Das Fräulein Read On meint das sicher nicht so.“

Bettelmann Hahn

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Dublin sommert. St Stephen’s Green Park Dublin.

Dublin sommert so vor sich hin. Schäfchenwolken und Sonnenstrahlen wohin man auch sieht. Die B. und ich verlagern unsere Mittagspause nach draußen in was auf Deutsch so schön mit städtischer Grünanlage bezeichnet wird und wirklich kein Park ist. Da sitzen wir also mit vielen anderen Anzugträgern, die über Akten ein Sandwich kauen und halten die Gesichter in die warme Sonne. Kinder jagen Tauben. Der Springbrunnen ist angestellt. Schulklassen üben gelangweilte Gesichter. Mütter schieben Kinder spazieren ,alte Ehepaare sammeln Erinnerungen auf , einige Frauen machen Yoga und zwei Mädchen neben uns erzählen sich ihre letzten Romanzen. 15 Grad hat es hier in der Sonne und wärmer wird es in Irland eigentlich nicht einmal im August.
Die B. erzählt mir von ihrem Kuba-Aufenthalt und den sauertöpfischen Beamten, die mit gelangweilten Gesichtern hinter dem Schalter sitzen und sich jeder Zugänglichkeit verweigern und den vielen Buchläden, die für Pfennigbeträge sozialistische Erbauungsliteratur verkaufen: Eintopfrezepte für den Sieg des Kommunismus und Mies van der Rohe und das sozialistische Haus. Bestimmt gibt es dort auch einen Band „Topfpflanzen-Der Bitterfelder Weg“ aber wir essen lieber Tiramisu, die eigentliche Antwort auf die Ideologen aller Coleur ist wohl immer schon Dekadenz gewesen. Die B. seufzt und ich seufze und in der winterlichen Sommerfrische strecken wir die Beine aus und die B. macht für einen Moment die Augen zu. Zur Linken nähert sich eine Frau mittleren Alters und von weitem schon ist zu erkennen, dass sie bettelt. Auf eine Krücke gestützt und in einen unförmigen Umhang gewickelt unter dem verschlissene Jogginghosen hervorsehen, die Füße in dicken Wollsocken, die in einem Paar ausgetretener Sandalen stecken, schiebt sie sich mehr vorwärts, als das sie geht. Unter ihren schlurfenden Füßen wirbelt der trockene Staub auf und die Frau hustet, ein scharfes Krächzen, immer wieder bleibt sie stehen und stützt sich auf der Krücke ab. Help the homeless ruft sie in einem eigentümlichen Sprechgesang, es ist ein Wehklagen, das sie da ausstösst. Help the homeless ruft sie wieder und wieder und dann I want to buy food. Schließlich nähert sie sich auch unserer Bank mit ihrer Klage und dem Pappbecher in dem nichts klimpert und klingelt. Für einen Moment zögere ich unter den halbgeschlossenen Augen, hier in der Sonne, die mir die Wangen wärmt, der lauen Luft, der Mittagsmüdigkeit und der schwebenden Leichtigkeit eines Sommertages mitten im Winter. Aber dann legt sich die Hand meiner Großmutter auf meine Schulter, wie damals in der kleinen Stadt in der ich bei ihr die langen Sommerferien verbrachte und wir auf dem Markt standen und Erdebeeren einholten. Da näherte sich uns ein Bettler, der in der kleinen Stadt von allen nur Bettelmann Hahn geheißen wurde, wohl deshalb weil die bunten zusammengewürfelten Kleidungsstücke, die er trug, zum Beispiel ein violettes Samtjackett über einem grünen Regenmantel und gelben Galoschen, wohl an einen Hahnenkamm erinnerten. Aber wohl auch weil in kleinen Städten niemand einfach so davon kommt. Bettelmann Hahn also näherte sich schlurfenden Schrittes, die Augen auf die Straße gerichtet, denn seine ohnehin schmale Gestalt wurde durch einen Buckel weiter nach unten gedrückt , den Arm hatte er auf einen kaputten Regenschirm gestützt.
Bettelmann Hahn aber hörte man nicht wehklagend singen, sondern da ihm fast alle Zähne fehlten, klang sein „Eine kleine Spende bitte für einen armen Mann“ wie ein Stoßseufzer. Ich obwohl doch in einem Land lebend in dem Armut ein so brutales, ein so zerstörendes Antlitz hatte, so unweigerlich zum Alltag gehörte, ich fürchtete mich vor Bettelmann Hahn und versteckte mich im weiten Sommerrock meiner Großmutter. Meine Großmutter aber ließ Feigheit nicht gelten und zog mich hervor. „Morgen, Bettelmann Hahn“ sagte sie und schob mich nach vorn: „Das ist mein Enkelkind Read On. Sie ist zu Besuch für die langen Sommerferien.“ Bettelmann Hahn nickte und deutete einen Diener an. Mich schauderte, denn ich glaubte Quasimodo selbst, sei hier mitten auf dem hellen Marktplatz auf einmal erschienen. Dann gab meine Großmutter, Bettelmann Hahn die Hand, drehte sich um, nahm meine Hand und legte sie in die arthritisch verkrümmte Hand des alten Mannes. Bettelmann Hahn sprach mit meiner Großmutter und hielt meine Hand, dann wühlte er in dem grünen Regenmantel, fand zwei Karamellbonbons und legte sie mir in die Hand. Für die kleine Mademoiselle sagte er und lächelte zahnlos und ich lächelte endlich zurück. Meine Großmutter legte ihre Hand auf meine Schulter und nickte. Unterdessen hatte sie Bettelmann Hahn ein Fünfmarkstück in die Hand gedrückt, beiläufig fast, als käme es darauf nicht an, als sei einzig das Wetter, die Qualität der Erdbeeren und das Rheuma, das Bettelmann Hahn plagte von Bedeutung. Dann gingen wir weiter, wahrscheinlich aßen wir Eis und hielten die Gesichter in die Sonne. Bettelmann Hahn habe ich noch oft getroffen und stets blieb ich ich die kleine Mademoiselle. Ich hatte verstanden. Zurück in Dublin, auf de rParso mache ich endlich die Augen auf der Bank, die Frau steht unmittelbar vor mir, ich krame nach Münzen und während ich noch suche, lobe ich die Sonne, frage nach ihrer Gesundheit und lege die Münzen in ihre Hand, ganz genau so wie damals als ich begriff, dass man hinsehen muss, wieder und wieder, ob nun im Sonnenschein oder im Schatten. Dann wacht auch die B. auf, die Frau ist längst weiter, nur von Ferne hört man ihr singendes Klagen und die B. und ich müssen zurück ins Büro.

Frauensache

Heute nach einem Malheur in dem eine Packung Eier eine nicht ganz unwesentliche Rolle spielte, musste ich in den Supermarkt. Nun werden Sie sagen, so etwas ist selbst für Ihre Verhältnisse Fräulein Read On doch zu banal. Aber ich bin wirklich nur sehr selten im Supermarkt, bin ich doch in der trefflichen Lage, eine Biokiste vor die Tür gestellt zu bekommen, Obst bei Herrn Yilmaz zu kaufen, mit ihm, der Käsefrau und dem Blumenmann zu ratschen und alles andere eben im Bioladen einzuholen. Dass dies nicht selbstverständlich, weiß ich wohl und weiß es zu schätzen. Wäre also das Malheur mit den Eiern auf der rutschigen Spülleiste nicht gewesen, wäre ich also kaum in den Supermarkt gelaufen.img_1042-3

Natürlich ist so ein Supermarkt am Samstag gerappelt voll. Mit meiner Packung Eier stand ich für fast zwanzig Minuten in einer länger und länger werdenden Schlange und sah eben so vor mich hin und da fiel es mir auf: im Supermarkt arbeiteten nur Frauen. Einzig der Marktleiter mit seinem bulligen Gesicht, dem öligen Lächeln und der scheußlichen Krawatte, dessen Foto neben der Uhr hängt, wie einmal im alten Österreich, Franz Joseph überall zwischen Wien und Triest, ist keine Frau. Dafür sah ich gleich am Eingang zum Supermarkt, wo ein Schild auf dem Ähren prangen mit: „Frische Backwaren“ wirbt, wie eine Frau mittleren Alters, ein sperriges, metallenes Gerät, das sich als so eine Art fahrender Ofen erwies und zur Warmhaltung der frischen Backwaren gedacht ist, in der engen Regalreihe zu manövrieren sucht. Mit hochrotem Gesicht, die Frau reichte ungefähr bis an die Mitte des rollenden Ungetüms zog sie, sich reckend, die heißen Bleche aus dem Ofen und schüttete die Brötchen in zur Selbstbedienung gedachte Plastikbehälter. Dann sortiert sie neue halbgefrorene Brötchen auf die Bleche stemmt sie in den Ofen und zerrt das Gerät erneut zur Seite, bis es wieder durch einen schrillen Pfeiffton verkündet, dass neue Brötchen aufgebacken sind. Indes scheitert die Kassiererin an einer Rückbuchung, denn ein Herr mit grauem Hut will anstatt zwei Packungen Billigfusel nun nur noch eine Packung bezahlen. Die Kassiererin, eine junge Frau mit pinken Plastikohrringen bekommt rote Flecken auf den Wangen und sie ruft gellend: Nathalie, ick weiß nicht weiter. Dit is janz große Scheiße mit der Kasse hier. Nathalie, die Frau die mit den heißen Blechen hantiert schreit: Mensch echt jetzt, Yvonne, ick bin hier mit die Bleche und dann krachen die heißen Bleche auf den Boden und die Frau, die Nathalie heißt flucht, denn eins der Bleche ist an ihr die Beine geraten. Die Schlange an der Kasse flucht und droht und schimpft und eine Frau, deren Wagen fast birst, zetert, sie werde sich beschweren. Dann kommt Nathalie und hilft Yvonne mit der widerspenstigen Kasse. In ein knarzendes Mikrofon, ruft sie: „Eine zweite Kasse!“ Dann geht sie zurück zu den Blechen. Vielleicht ist sie vierzig Jahre alt. Das ist schwer zu sagen, denn Frauen wie sie, haben schon lange einen harten Zug um den Mund und schon ihre Mütter haben ihnen erklärt, dass es im Leben nichts umsonst gibt. Vielleicht warten zuhause zwei Kinder und schon lange kein Mann mehr auf die Frau, die jetzt die Bleche zusammenräumt und die Augenringe hat in denen alle Träume begraben liegen. Aber vielleicht ist auch alles ganz anders und die Frau, die Nathalie heißt wohnt allein in einer Neubauwohnung und in der hellbraunen Schrankwand stehen vielleicht Nippesfiguren oder ein Hund aus weißem Porzellan.

Indes wird es nichts mit der zweiten Kasse, denn die Frau, auch sie jung und schmal und sehr, sehr zart, steht dort wo die Schlange endet und zieht einen Palettenwagen hinter sich her. Der Wagen ist hoch beladen mit Getränken, genauer mit in Plastik verschweißten Sprudel und Colaflaschen. Die Frau verschwindet hinter dem Berg von Flaschen und dann schneidet sie mit einer einfachen Küchenschere, die Bänder auf und beginnt die in Sechser-Packs verschweißten Flaschen vom Wagen in die Regale zu schichten. Sie hat weder Handschuhe, noch genagelte Schuhe, keine Trittleiter oder was auch immer hilft, um schwere Getränke Paletten von einem Wagen zu wuchten. Ein Mann, der mit seinem bulligen Gesicht, ein jüngerer Bruder des Marktleiters sein könnte, lässt sich von der Frau unter dröhnendem Gelächter einen Bierkasten auf den Einkaufswagen wuchten. „Selbst ist die Frau“ baldowert er und aus seinem Handy an den Gürtel geklemmt schallert es „I am sexy and I know it!“ Die Frau aber wuchtet weiter Flaschenpack um Flaschenpack in die Regale. Indes aber ist die Kassenschlange kurz vor der offenen Revolte und selbst die Kassiererin befürchtet, dass Kunden ihre Lauchstangen zu Schwertern umfunktionieren und beugt sich wieder über das schnarrende Mikrofon und ruft, nein fleht um Hilfe, fleht nach Kasse 2. Nach bangen Minuten kommt die Frau, die Nathalie heißt gelaufen und es gibt Gerangel, wer denn nun wie zugangsberechtigt zu Kasse 2 sei. „Keinen Zentimeter weiche ich“ keift ein Frau, deren hässlicher Terrier, vor dem Supermarkt ununterbrochen kläfft. Irgendwann stehe auch ich vor der Kassiererin, die einen harten Husten hat und „Deutschlandcard? ( Ich weiß gar nicht was das ist) mehr bellt als fragt. „Ihr Husten sage ich gehört auskuriert.“ Aber die Frau mit den pinken Plastikohrringen sieht mich an und sagt: „Dit können se ja ma dem Chef erklären.“ Ich sehe hinauf auf das Bild des feist lächelnden Marktleiters, der mit „seinem Namen für das Frischeversprechen bürgt“, nicke der Frau zu, nehme das Wechselgeld und die Packung Eier. Noch als ich die Eier greife, pfeift der Brötchenbackautomat erneut. Die Frau, die Nathalie heißt, schließt die Kasse und im Vorübergehen, sagt sie zu Yvonne, der Kassiererin: „Das Lager muss auch noch jemacht werden.“ Dann zieht sie erneut die heißen Bleche aus dem Ofen.

Manchmal durch ein Missgeschick bloß, rutschen einem vier Eier durch die Finger und im Supermarkt besorgt man sich Ersatz, zwanzig Minuten nur muss man warten und schon wirft man einen Blick in einen Abgrund, der einen schwindelig macht und dabei ist es nur ein Supermarkt, einer von vielen, in denen die Frauen allein packen, stapeln, kassieren, aufräumen, putzen, abrechnen, die pöblenden Trinker besänftigen, die verfaulten Obstkisten sortieren, sich um das Leergut kümmern und natürlich wie könnte es anders sein, dem Marktleiter zu Rechenschaft verpflichtet, fehlen am Ende des Tages siebzehn Cent. Dann gehe ich nach Haus und bin sicher, so schnell nicht zurück in einen Supermarkt.

Ein Lied im Rücken

Früh ist es, denn früh ist es ja immer. Noch aber ist die Wärmflasche an meinen Füßen warm genug. Noch gluckert das Wasser in der Heizung nicht, noch nicht einmal das Milchauto ist durchs Dorf gefahren, noch ist der Tag noch gar nicht da. Der Tierarzt aber ist schon auf, denn im Bad rauscht leise Wasser. Der Tierarzt, der doch selten spricht und ungern überhaupt vor Mittwoch den ersten Satz sagt, singtOh don’t be sorry, boy, it’s easy/Yes, you can release me/ Gotta lay it on the line /Feeling pretty fine now. Ein leises Summen erst, denn ich stecke mit dem Kopf noch tief im Federbett. Aber ganz eindeutig und nicht zu überhören: der Tierarzt singt. Saving all my time now /Love’s no friend of mine. Der Tierarzt singt hell und mit warmen Ton. Das erste Mal habe ich den Tierarzt für ein krankes Lamm singen hören. Ein Schlaflied für das weiße Bündel Fell in seinen Armen und warte ich manchmal vor einem Stall auf ihn, bin ich mir sicher der Tierarzt singt noch ein Trostlied für die Kühe. Selbst schlafschwer muss ich mein Herz festhalten, singt der Tierarzt, der doch in der Stille zu Hause ist. I do it on my own/And I’m ready to go. Endlich aber wickle ich mich aus dem Federbett in den Bademantel, putze die Zähne, ordne mein wildes Haar, setze den Teekessel auf und suche nach den Haferflocken. Indes sitzt die Katze auf den Treppenstufen vor dem Badezimmer und die Katze, wippt ganz eindeutig und sehr rhythmisch mit der Schwanzspitze: I just think of all that I could do /No more need to fight, right? Nicht einmal das Rascheln der Tüte kann die Katze locken. Der Porridge quillt und ich klappe das Notebook auf. Siebzehn Männer schickten mir eine Email in der sie mich zu überzeugen versuchen, dass ihr Penis zwei Meter lang/ hart wie Stahl/ da zu da sei, es mir einmal richtig zu besorgen. Sie bemühen sich vergeblich. Die Bilder, die sie schicken sind von obskurer Traurigkeit. Im Hintergrund ihrer heruntergelassenen Hosen liegt Müll, steht eine zerschlissene Couch, oder hängt eine fleckige Gardine. In einem Bild, so scheint mir steht ein Schatten in der Tür. Ist das dann die Ehefrau, die sich wundert oder auch nicht, warum ihr Mann mit heruntergelassenen Hosen vor dem Computer steht? Eine elegante Pose ist das ja nicht und vor allem nicht zu dem Demonstrationszweck geeignet, den sie mir in groben Worten ankündigen. I survived way worse before /And all these words ain’t got me chokin‘ singt der Tierarzt und ich antworte fünf Männern. „Sehr geehrter Herr XYZ, bitte suchen sie schnellstmöglich einen Facharzt für Geschlechtskrankheiten auf. Ihre Erkrankung ist akut behandlungsbedürftig und meldepflichtig.“ Wenn man immer vorher wüsste, was einem Lebensthema würde. Die restlichen Bilder lösche ich. Cause my heart it ain’t that broken /And I can’t hear you I’m like I won’t be missing, be missing you. Der Porridge ist schließlich auch längst fertig, Bananen, Nüsse, Zimt und Zucker und Honig müssen angerichtet, der Tisch gedeckt, die Zeitung herein und die Katze herausgelassenen werden. Endlich tanzt auch der Tierarzt die Treppe hinunter und zieht mich sich in seine Arme: Love can be like magic/ What we had was tragic/ Do it baby, set me free, singt der Tierarzt in mein Ohr und wir die doch so traurigen Kinder tanzen im Morgengrauen. There’s no need to wonder und du lachst heiser in mein kaltes Ohr. „Was machst du mit mir?“ sagst du. Help, help me Rhonda /Get your hook right off me, sagt das Lied und ich lehne mich an dir an. Der Tierarzt würgt am Porridge, die Katze will immer noch mehr, ich nun endlich auch unter die Dusche, denn das Ticken der Uhr schreckt auch vor Gesang nicht zurück. Als ich endlich in Kleid und Jacke die Treppe hinunterlaufe, wäscht der Tierarzt ab. Schon hupt der Priester, der mich heute mit in die Stadt nimmt dreimal, ich winke dem Tierarzt, schnappe Tasche und Bananenbrot und laufe hinaus. Morgen Fräulein Read On, sagt der Priester und nimmt das Bananenbrot gerne an. Morgen Priester sage ich, der Tierarzt winkt mit dem Geschirrhandtuch: ‚Cause my heart it ain’t that broken/I survived way worse before /And all these words ain’t got me chokin‘/Cause my heart it ain’t that broken. „Ist das der Tierarzt, der da singt“, fragt der Priester, da fahren wir schon die Dorfstraße hinunter, zu unserer Rechten das Meer eisblau und spiegelglatt und schon wird das Dorf im Spiegel kleiner und kleiner, doch das Lied bleibt uns im Rücken.Ich nicke „Ja, sage ich, das ist der Tierarzt der da singt“ und der Priester und ich lächeln uns zu. Cause my heart it ain’t that broken/ Cause my heart it ain’t that broken.

Leslie Clio, „My Heart Ain’t That Broken“

Ein weißes Hemd

Der ehemalige geschätzte Gefährte, der liebenswürdige F. sitzt mit einigermaßen finsterer Miene am Frühstückstisch. „Ich bin sagt der F., als kommissarischer Chefarzt berufen wurden. „Mazal tov! F.“, sage ich und erinnere mich wie wir, so lange ist das noch gar nicht her, für die Facharztprüfung lernten. Aber als ich das warme Brot auf den Tisch stelle, sieht der F. noch immer sehr finster drein. Das ist doch wunderbar sage ich und nicke dem F. aufmunternd zu. Der F. knurrt. „Ich habe keine weißen Hemden“, sagt er schließlich und als Chefarzt kann ich ja nicht mehr so herumlaufen und zeigt auf sein Polo-Shirt. Der F. trägt nämlich seit vielen Jahren unter dem weißen Kittel ein Poloshirt von Lacoste. In seinem Büro hängen weiter identische Poloshirts, selbst im Auto für Notfälle sozusagen liegt ein weiteres Poloshirt der benannten Firma bereit. Komme was wolle, mag Blut den F. bespritzen oder Kinder auf ihn speien, noch niemand hat den F. je anders als in gestärktem und auf Kante gebügelten Polohemden durch die Krankenhausflure eilen sehen. Jetzt aber schüttelt er sich vor heißem Degout. „So kann ich wirklich nicht mehr gehen, greint er und zupft am Poloshirt ( lindgrün) herum und schüttelt sich vor Ärger. Ich sehe ja aus wie ein Strolch, ein Scharlatan, jeder Barbier hat mehr Schick als ich und der F. schlägt jammernd die Arme über dem Kopf zusammen: „Schande werde ich über die Klinik bringen und man wird sagen, das Unglück begann mit dem Tag als der Chefarzt keine weißen Hemden mehr trug.“ „Überhaupt“ sagt der F. „habe ich den Professor, noch nie in etwas anderem als einem weißen Hemd gesehen.“ Ich esse derweil ein Marmeladenbrot, aber nicht mehr lange, denn der F. ist wild entschlossen, hier, jetzt und heute weiße Hemden zu erstehen. Wenig später also, ich esse das zweite Brot mit Brombeermarmelade eben im Gehen, sitzen wir im Auto und fahren stadteinwärts. Dann betreten wir das Lafayette und sehr zielstrebig eilen wir in die Herrenabteilung. Eine sehr freundliche Verkäuferin, die noch nicht weiß, was sie erwartet, nimmt sich unser an. „Ich suche „sagt der F. ein weißes Hemd.“ Die Verkäuferin strahlt. Wenig später, ich suche mir inzwischen eine Sitzgelegenheit, kehrt die Verkäuferin mit einem weißen Hemd zurück. „Nein“, sagt der F. und schüttelt den Kopf. „Dies sei kein weißes Hemd, dies ist eine Schande.“ Die Verkäuferin nickt. Noch immer lächelnd bringt sie zwei, neue Hemden. „Aus Frankreich“ sagt sie, „Seidenzwirn.“ Der F. besieht die Hemden misstrauisch und probiert immerhin eines der Hemden an. Aus der Kabine tönt ein Klagelaut. „F. frage ich, ist alles in Ordnung?“ Der F. tritt aus der Kabine hervor und schüttelt den Kopf: „Ich sehe doch aus wie ein drittklassiger Versicherungsvertreter!“ „Es gibt sehr nette Versicherungsvertreter“ sage ich, aber der F. bedeutet der Verkäuferin, neue weiße Hemden hervorzuholen. Die Verkäuferin nun mit einem etwas angestrengterem Lächeln, bringt einen Stapel neuer Hemden. Alle sind weiß, glänzend, schön und neu. Hemd um Hemd probiert der F. an, nur um Hemd um Hemd zu verwerfen. „Der Kragen kneift, das ist kein Weiß sondern Creme, solch ein Hemd trüge ich nicht auf meiner eigenen Beerdigung , kein Hemd, sondern ein Zumutung, die Brusttaschen kratzen, die Ärmel sind mir widerlich, dieses Hemd hat keine Seele, ich sehe aus wie der Preisprüfer eines Kaninchenschauwettbewerbs, ein Lumpen von einem Hemd, dieses Hemd macht mir einen dicken Hals, in diesem Hemd habe ich eine Hühnerbrust, die Knöpfe sind jämmerlich, das Hemd fasst sich widerlich an“, sind nur einige der wenigen Bemerkungen, die der F. in den nächsten Stunden aus der Umkleidekabine greint, raunt, flucht und schnauft. Ich lese die Zeitung und die Verkäuferin schleppt inzwischen mit immer verzweifelterer Miene, unterstützt von einer Kollegin immer neue Hemden heran. Ein Hemd nach dem anderen aber wird vom F. als vollkommen inakzeptabel verworfen. Schließlich stürmt er verdrossen aus der Umkleidekabine heraus. „Hemden schnaubt er, kann überhaupt nur in London kaufen“ und dann stürmt er davon.Ich packe die Zeitung ein, lächele die Verkäuferin an und kaufe zehn Hemden des ersten Modells. Schmaler Schnitt, blütenweiß, breiter Kragen, runde Knöpfe, Seidenzwirn aus Frankreich. Die Verkäuferin sieht mich an und räuspert sich: „Kompliziert, ja? „fragt sie, aber ich schüttle den Kopf, „Ach was sage ich, Sie waren noch nie mit ihm Schuhe kaufen.“ Dann suche ich den F. Der ehemalige, geschätzte Gefährte und kommissarische Chefarzt ist in der Lebensmittelabteilung und isst Macarons. „Die sind für dich“, sagt er und schiebt den Teller zu mir herüber. Ich überreiche ihm im Gegenzug die Tüte mit den Hemden.Später im Auto sieht der F. zu mir herüber.“Schreibst Du das alles in Internet?, fragt der F. seufzend. Ich nicke. Der F. seufzt noch einmal wie ein Galeerensklave.Dann sind wir endlich wieder zu Haus.

Der F. probiert die Hemden vor dem Spiegel an und dreht sich vorwärts, rückwärts und seitwärts, zieht am Kragen, öffnet und schließt die Knöpfe, bevor er sich endlich den weißen Kittel über das Hemd zieht.Damals in Göttingen dachte ich mit der Facharztprüfung sei das Schlimmste überstanden, wer konnte da schon ahnen, wie schwer es ist, wird man zum Chefarzt berufen. „Kommissarisch“, ruft der F. aus dem Badezimmer, „nur kommissarisch“ und sucht nach Stethoskop, den Schlüsseln und dem Herold für Innere Medizin.

Ein Tag in zwölf Bildern, Dublin

Zum letzten Mal in diesem Jahr. Ein Tag in zwölf Bildern:

The world still dark #1v12 #12von12 #12v12 #earlymorning #dublin #monday #work #herewegoagain

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Eigentlich ist es ja nur früh und sehr, sehr still und bekanntlich mache
ich ja auch die schlechtesten Bilder der Welt.Aber hier beginnt der Tag,
so als ob es doch eine Glaskugel gäbe und in ihr verborgen die Wunder
der Welt. Es ist kurz nach sieben Uhr und von Wundern nichts zu sehen

Thou shall not speak. #2v12 #12von12 #12v12 #library #tcd #font #books #sobeit

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Die Bibliothek bittet um Ruhe, denn hier dürfen nur die Bücher wispern und
wer weiß, vielleicht wechseln sie Nachts ja die Plätze und tanzen Foxtrott oder eine eilige Polka, denn die Bücher, die ich suche sind nicht an ihrem Platz. Man
weiß nichts über das Leben der Dinge

Well. Lunch is not a too great affair these days. #3v12 #12von12 #12v12 #lunch #canteen #leekpotatosoup #marblecake

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Eigentlich würde ich gern sagen, dass dies die schlechteste Kartoffel-Lauch-Suppe ist, die ich je aß, aber ich versuche meinen Studenten immer zu sagen, dass sie vorsichtig sein sollen mit Superlativen. Das beste Buch ist noch nicht geschrieben und sehr sicher, die schlechteste auch noch nicht bereitet. Dies aber war eine am wenigsten ansprechenden Kartoffel-Lauch-Suppen, die man sich nur vorstellen kann, klebrig und zäh und von schlieriger Konsistenz. Über den Kuchen will ich gar nicht erst reden.

We make a plan #4v12 #12von12 #12v12 #planning #work #hereyougomonday

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Am späten Nachmittag treffe ich den B. Wir machen einen Plan und der Plan klingt gut, wenigstens auf dem Papier.

I am devoted to Bramley apples. #6v12 #12von12 #12v12 #bramley #thebestapple #bake #winterindulgence #green

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Ich brauche Bramley Äpfel und die Frau des Krämers daheim im Dorf hat keine mehr
und so eile ich hinüber und kaufe so viele wie in die Tasche passen. Ich mag die Äpfel sehr gern,ihren Geruch nach nassen Sommerwiesen und die ihnen eigene Schwere, niemals vermutete man, dass diese Äpfel butterweich und zart zerfallen. Aber der Priester hat am Mittwoch Geburtstag und wünscht sich einen Kuchen, der nur mit Bramley Äpfeln gelingt.

Dublin has light up #5v12 #12v12 #12von12 #dublin #lights #streetlife

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Dublin ist hell erleuchtet und alle machen Bilder. Jedes Jahr aufs Neue. Ich mache natürlich mit. Glitter and Gold.

Home bound. #7v12 #12von12 #12v12 #commute #irishrail #countryside #tired #commuterlife

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Schon ist es Abend und ich sitze im Zug. Neben mir sitzt eine Frau, die angeregt telefoniert. Dabei schüttelt sie ihre Handgelenke und ihre goldenen und silbernen Armreifen klirren sehr melodiös, zart und doch sehr durchdringend, noch als die Frau aussteigt, ist mir als hörte ich das leise Klingen noch immer dicht und unmittelbar an meinem Ohr

Finally. #8v12 #12von12 #12v12 #home #nightfall #ireland #strangelight #lantern #glow

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Auf dem Weg nach Haus. Würde ich Kriminalfilme sehen, käme der Weg mir wohl wie ein Krimi vor. Aber ich sehe nie Kriminalfilme und richtig dunkel wird es sowieso erst in 200 Metern.

Donal Ryan ist ein grandioser irischer Schriftsteller. Diesen Tonfall vergisst man nie und immer sind seine Geschichten so leise wie schmerzhaft, die Charaktere sie stolpern und straucheln und fallen und er der Erzähler zwingt uns hinzusehen. Es hat etwas erbarmungsloses diese Literatur, aber auch etwas Zartes und vor allem erzählt von einem Irland jenseits des gängigen Klischees.

Selbst Schwesterchen, die sich aus Keksen nichts macht gibt zu, dass die Dattel-Makronen sehr, sehr gut sind. Sie sind es wirklich.

An fast jedem Abend stelle ich ein Hygiene-Kit zusammen, denn früh am Morgen auf dem Weg zur Arbeit, schlafen so viele Menschen auf der Straße, dass man nicht einfach nur vorbeigehen kann. Vor allem für Frauen ist es schwierig adäquate Monatshygiene zu erhalten und ob auf der Straße ode nicht, es ist ein Recht eines jeden Menschen sich vor sexuell übertragenen Krankheitserregern zu schützen, deswegen sind immer Kondome und Binden und Tampons in den Beuteln neben ganz banalen Dingen, wie Zahnbürsten oder Seife. Trotzdem ist das nur ein Tropfen auf dem heißen Stein und es macht mich so müde wie traurig, dass in Dublin so viele Menschen auf der Straße leben.

Nite-nite #12von12 #12v12 #nitenite #sweetdreams #brushedteeth #theend

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Am Ende des Tages noch einmal Zähne putzen. Ihnen eine gute Nacht.

Andere Tage in zwölf Bildern gibt es wie immer bei Draußen nur Kännchen.

Ein Sonntag im Dezember

Der Tierarzt sitzt am Küchentisch. Glücklich sieht er nicht aus. Der Tierarzt schreibt an einem Aufsatz zum Thema: Der Einsatz von Antibiotika in der Schweinezucht und dann folgt eine lange Reihe sehr komplizierter Fachtermini. Das Notebook vor dem der Tierarzt sitzt, zeigt eine leere, weiße Seite. Der Tierarzt seufzt. Auf dem Küchentisch stapeln sich die Fachbücher und turmhoch sind die Notizen durch die der Tierarzt sich wühlt. Ich sitze in Decken gehüllt auf dem alten, grünen Sofa, denn mir ist kalt. Passend zu meiner roten Nasenspitze, höre ich Schuberts „Winterreise“  und schlürfe sehr, sehr heißen Earl Grey Tee. Auf meinem Schoß liegt ein belangloses, aber mich über die Maßen erheiterndes Buch aus dem 19. Jahrhundert. Dann und wann esse ich ein Stück Nussschokolade und sehe hinüber in die Küche. Dort tigert der Tierarzt inzwischen zwischen Herd und Spüle hin- und her und murmelt unverständliche Sätze und rauft sich die Haare, bevor er erneut den Küchentisch umkreist. Caged animals pace. Children fidget. A gentlemen sits quietly lese ich dem Tierarzt vor. Der Tierarzt grunzt nicht unähnlich seinen Studienobjekten und faucht: „Sehr hilfreich Read On“. „Das dachte ich mir Tierarzt“, sage ich milde lächelnd, wenn auch sehr, sehr fröstelnd. Der Tierarzt setzt sich erneut an den Tisch und jammert: Die Abgabefrist sei von unmenschlicher Kürze, das Thema von epischer Breite, die anderen Tierärzte viel klüger und überhaupt hätte er im August beginnen müssen, die Notizen der letzten zwei Jahre zu ordnen. The perfect gentleman rufe ich vom Sofa herüber keeps his affairs in order at all times. Der Tierarzt wirft das Plumb’s Veterinary Handbook nach mir. Das Buch landet einen halben Meter vor dem Sofa. The perfect gentleman verlese ich never looses sight of his goals. Der Tierarzt kommt ins Wohnzimmer und vorsorglich bewaffne ich mit einem Quastenkissen, aber der Tierarzt knurrt nur misssmutig und selbst die Katze, die den Tierarzt abgöttisch als sei er Anubis selbst verehrt, wird nur kurz getätschelt und der Tierarzt kehrt zurück an den Küchentisch. Dann ist es still. Der Tierarzt hackt frenetisch in die Tastatur und ich wechsle von der Winterreise zu Schuberts Vertonung von „Auf dem Wasser zu singen“ Eines jener Lieder über die ich mich nie habe beruhigen können, immer ist mir als zöge das Lied mich mit hinaus aufs Wasser und von dort aus immer nur weiter und weiter in die Unendlichkeit: Morgen entschwinde mit schimmerndem Flügel/ Wieder wie gestern und heute die Zeit. Darüber schlafe ich ein und als ich erwache, sitzt der Tierarzt neben mir auf dem Sofa. Eine Zumutung von Text sei es klagt er, noch nie sei Dümmeres und schlimmer noch Banaleres geschrieben wurden als von ihm in diesem Aufsatz, der eine Schande für die ganze Zunft sei und wahrscheinlich drohe ihm der baldige Entzug der Approbation. Seinen Namen müsse er ändern, das Land verlassen, die Praxis aufgeben und am besten als Schafscherer in Neuseeland anheuern. Ich schlage das Buch auf und richte mich auf: Life is not theatre, ballet or opera. Scenes belong on the stage. Der Tierarzt sieht mich entsetzt an. Du bist, beginnt er und schnappt nach Luft wirklich, aber bevor er noch unmöglich rufen kann, falle ich ihm ins Wort: Curiosity about womenfolk is a luxury a perfect gentleman can not afford. Der Tierarzt schüttelt den Kopf. “Ich weiß wirklich nicht, warum ich dich so mag.” A perfect gentleman has a clear conscience at all times, erwidere ich und schäle mich seufzend aus dem Deckenberg, schütte den kalten Tee in den Ausguss, bedauere nicht mehr Nussschokolade gekauft zu haben, stoppe den Plattenspieler und suche nach einem Lesezeichen für das so erquickliche Buch. „Dann lass uns deine Notizen mal besehen“, sage ich zum Tierarzt und schon sitzen der Tierarzt und ich am Küchentisch und sortieren Notizen und Aufzeichnungen, der Tierarzt seufzt und isst aus Verzweiflung mehr Kekse und Kuchen als er sonst je täte und immerhin das ist ein Lichtblick an diesem ansonsten recht trüben, und nasskalten Sonntag, der ganz unter dem Zeichen des Schweins und der Wissenschaft steht.