Zu Boden gehen

Als die Nachtschicht am Freitag Morgen endet geht über Dublin die Sonne auf. Es lohnt sich nicht noch einmal zurück aufs Dorf zu fahren, beschließe ich und fahre in die Univresität. „Tierarzt“ sage ich, „es ist Birchermüsli im Kühlschrank, bitte iß doch ein Schälchen,ja?“ „Soll sein, Mädchen, soll sein, sagt der Tierarzt und dann: „Mädchen leg dich aber heute untertags wenigstens eine Stunde hin, ja?“ „Soll sein, Tierarzt, soll sein.“ Dann lege ich auf und ratsche mit der Zugehfrau, die um 6.30 Uhr fast fertig ist mit dem Saubermachen und deren Sohn gerade Schulabschlussprüfungen hatte. Er ist der erste in der Familie, der einen Schulabschluss macht. Ihre Schule wurde im Krieg zerstört und dann zerstörte der Krieg ein ganzes Land. Die Zugehfrau ist aus Sierra Leone und ihr Sohn macht gerade mehr als einen Schulabschluss. „Read On“ sagt sie streng „ sie müssen auch einmal schlafen.“ Ich nicke und gelobe Besserung. Dann fängt der Tag mich ein. Ich schreibe und telefoniere, ich renne Treppen hinauf und hinunter, und dann noch einmal hinauf ( den grünen Aktenordner hatte ich liegen lassen.) Wieder klingelt das Telefon, ich verschwinde in der Bibliothek, und tauche bücherbeladen wieder auf . Für einen grässlichen Moment glaube ich, mir sein der „WICHTIGWICHTIG“-USB Stick abhanden gekommen, aber er war nur in der linken statt rechten Rocktasche. Ich puste siebenundzwanzig Mal über den Tee und verbrenne mir doch die Zunge. Dann klingelt schon wieder das Telefon. Fast noch pünktlich rausche ich in das Konferenzzimmer hinunter. Für zwei Stunden versuche ich nicht zu gähnen und bloß keinen der Punkte auf dem grünen Zettel zu vergessen. Ein bisschen tanzen die Buchstaben, aber das mag auch am Wind liegen, der die Bäume vor dem Fenster tanzen lässt und Schatten über das Papier wirft. Bestimmt glühen die Augen des ungeliebten Kollegen auch nicht, weil ich so müde bin, sondern weil das Sonnenlicht schräg durch das Fenster fällt und er auf einmal gelbäugig zu mir herüberstarrt. Ich pfeife meiner wunderschönen Chefin hinterher, die im roten Leinenkleid vorüberläuft und sie wird wirklich rot. Zum ersten Mal an diesem Tag bin ich wirklich wach. Für zehn Minuten sitzen wir auf dem warmen Rasen vor der Universität. „Was Du für ein wunderschöner Mensch bist“, sage ich ihr und bin selbst überrascht wie ernst es mir ist. Jetzt ist sie wirklich so rot wie ihr leuchtend- rotes Kleid und muss sich eilen, um rechtzeitig zum Flughafen zu kommen. Ich klopfe mir das Gras ab, denn schon wieder klingelt das Telefon, ich beantworte eine E-Mail nach der anderen und habe das unheimliche Gefühl, dass es immer mehr werden, anstatt weniger. Dann hat die B. eine Frage und aus der Frage wird ein ziemlich, großes Problem, das gelöst werden muss. Die B. schluchzt und ich nehme eine Aspirin-Tablette bevor ich wieder nach dem Telefonhörer greife. Zum Glück hat die Frau am anderen Ende der Leitung irgendwo einen Vermerk mit: „Read On, stur wie der Esel sieben, Abschütteln sinnlos“ und als ich auflege, kann ein Formular auch noch am Montag nachgereicht werden. Die B. schluchzt wieder und dann höre ich ein dumpfes RUMMS. Ich jage wieder die Treppen nach oben. Dem G. ist es gelungen den vollbeladenen Geschirrspüler umzustoßen. „Read On“, ehrlich ich schwöre ich wollte mir nur einen Tee machen.“ „Im Geschirrspüler G.?“ Der G. schüttelt den Kopf: „Natürlich nicht. Ich brauchte halt eine Tasse.“ „Das hat ja gut funktioniert, sage ich und dann bin ich sehr lange, damit beschäftigt eine ganze Geschirrspülladung voller Scherben in Kartons zu stapeln und in den Müll zu schaffen. Der G. steht greinend daneben und beklagt sich über die Ungerechtigkeit der Welt, die ihm eine Tasse Tee verwehrt. Ich sauge Glassplitter auf und erinnere den G. wie er ganz ohne sein Zutun einen riesigen Aktenschrank zum Umfallen brachte. Dann endlich ist der G. still. Der Geschirrspülautomat rumst erst mürrisch und als ich denke, er ist kaputt hickst er und funktioniert wieder. Dann hole ich Ersatzgeschirr. Da ist der G. schon lange nicht mehr da. Ich packe meine Sachen zusammen und gehe einkaufen. Das geht nicht besonders gut, denn ich sehe auf den Blumenkohl in meiner Hand und weiß nicht mehr, was das eigentlich ist. Also trolle ich mich und warte auf den Zug. Der Zug hat Verspätung und mich befällt der unangenehme Gedanke etwas vergessen zu haben. Aber die Schlüssel, die Geldbörse und Unterlagen sind in der Tasche. Aber auch im Zug kann ich nicht aufhören immer wieder in der Tasche zu kramen, aber ich finde nicht was ich suche. Dann laufe ich durch das stille Dorf und winke der Frau des Krämers, die mir zuruft, dass ich aussehe wie einmal durch die Mangel gedreht. Die Frau des Krämers kann Komplimente. Dann öffne ich die Wohnungstür und zweimal fällt mir dabei das Schlüsselbund aus den Händen. Dann fällt mir ein, was ich vergessen habe: ich wollte mich doch wenigstens für eine Stunde hinlegen. Aber mehr erinnere ich nicht, denn als zwei Stunden später der Tierarzt aus dem Zoo zurückkommt, stolpert er über mich auf dem Flurläufer: WhatthehelljesusMädchenisthatyou? Sehr langsam mache ich die Augen auf. Neben mir liegt meine Tasche und ein Schuh liegt vor Tür. Aber auf das Sofa habe ich es nicht mehr geschafft, sondern muss direkt auf dem Kokosläufer eingeschlafen sein. „Ach Mädchen“, sagt der Tierarzt und zieht mich zu sich heran. Aus dem Flurspiegel sehen uns ein Mann, der nicht essen kann und ein Mädchen, das vergisst zu schlafen an. Das sind wohl wir.

Zwischen Hut und fliegendem Haar

Am späten Nachmittag fahre ich zurück zu Schwesterchen. Warm ist es und müde bin ich und so sehe ich das Paar erst als ich nach der Wasserflasche in der ewig großen Tasche suche und dann sehe ich sie doch. Ein Mann und ein Frau sitzen mir genau gegenüber. Anfang Dreißig vielleicht. Er trägt eine dunkelblaue Leinenhose, ein weißes Jackett mit marineblauer Krawatte, ein sorgfältig vernachlässigter Bart und auf dem Kopf ein Hut wie Humphrey Bogart. Seine Freundin hat ein luftiges Sommerkleid an: dunkelblau-grau und auf dem fliegenden Rock Blumenornamente, Lilien und Rosen und ich glaube auch Margariten. Auch sie trägt einen Hut, breitkrempig, wenn auch ohne Schleife. Hutgesichter wie Humphrey Bogart und Lauren Bacall haben sie beide nicht, aber sie beide sind Menschen, die einen Hut tragen, weil man eben ein Hut trägt, denn ganz sicher sind die beiden zu einem Sommerfest im Garten der Eltern oder Schwiegereltern eingeladen und sicher wäre es akzeptabler ohne Unterwäsche als ohne Hut zu erscheinen. Der Mann seufzt und sieht auf sein Telefon. Seine Freundin aber zieht sich mit langsamen Bewegungen die Lippen nach. Fuchsiarot. Ihr Freund will sie dabei auf die Nasenspitze küssen, aber das kommt nicht gut an, sondern sie dreht den Kopf hastig weg und schlägt ihm auf die Hand. Er wird rot. Ein Hut, aber das sage ich ihm nicht, reicht noch nicht um dort dazu zugehören, wo noch der bitterste Scheidungskrieg nicht anders als mit einer hochgezogenen Augenbraue begonnen wird. Unterdessen aber, die Frau besieht ihr Gesicht in einem kleinen Perlmuttspiegel, steigen zwei Frauen zu. Sie sind, es lässt sich nicht überhören Cousinen. Sie haben wasserstoffblonde Haare und einen Hut tragen sie nicht. Dafür hat die eine der Beiden, einen Overall mit aufgedruckten Ananassen an und die andere ein weißes Kleid mit pinken Blumen. Auch sie wollen zu einem Sommerfest und sie kichern aufgeregt, denn Overall und Kleid haben ein gewaltiges Dekolleté und die beiden Cousinen zupfen am Stoff herum und überlegen ob wohl John oder Jake sie zum Tanzen auffordert und mit dem Telefon machen sie Bilder und lustige Kussmünder dazu. Sie lachen und eine der beiden Cousinen knufft die andere in die Seite und ruft: „Ich freu mich so.“ Dann lachen die beiden Cousinen und versichern sich gegenseitig, dass John und Jake auf jeden Fall heute Abend geküsst werden müssen. Die Frau mit Hut aber, die inzwischen perfekt nachgezeichnete Lippen hat, sieht mit angewidertem Blick zu den beiden Frauen neben ihr hinüber. „Geschmeiss“, sagt ihr Blick und dann rümpft sie das porzellanfarbene Näschen um ihre Gemütslage erst noch zu unterstreichen. Dann beugt sie sich zu ihrem Freund vor und macht eine abschätzige Bemerkung, vermutlich über die hergezeigten Brüste oder die falsche Bräune auf den Beinen und ihr Freund, der doch eben noch versuchte ihre Nasenspitze zum Leben zu erwecken, nimmt den Faden auf und auch er versucht ein überheblich, herablassendes Kichern und hämisches Gackern, doch seine verzogene Augenbraue gelingt nur fast: zu fröhlich sind die Frauen, zu schön ihre Brüste und die Cousinen haben zu dem sehr lange Beine und bonbonfarbene Nägel. Die Frau mit Hut aber macht den Rücken steif und tupft sich einen Hauch Parfum hinter die Ohren. Ihr Blick bohrt sich in den Fußboden und die beiden Frauen eben ihr sind nicht einmal mehr Luft. Ihr Freund dreht den Hut in den Händen und will ihr etwas Witziges auf dem Telefon zeigen, doch sie verzieht nur ein ganz klein wenig die Oberlippe. Er küsst sie auf die Schulter und sie schnipst den Kuss auf den Fussboden da bleibt er liegen. Die beiden Cousinen stehen auf, zupfen sich spärlich Stoff zurück, wirbeln sich durch die Haare, kichern und stöckeln auf irrsinnig hohen Schuhen der U-Bahn Tür zu. Die Frau mit Hut kramt wieder in einem Täschchen. Ihr Freund sieht den beiden Cousinen ein bisschen zu lang hinterher. „Laufen Sie“, will ich ihm zurufen, laufen Sie, die beiden Frauen sind wunderbar. Die beiden Frauen mögen chinesische Glückssymbole auf dem Knöchel tragen, aber die beiden Frauen die kennen das leben und halten es trotzdem aus, und immer noch können sie lachen. Die Träume sind den beiden Cousinen noch nicht abhanden gekommen und die beiden Frauen können einen tropfenden Wasserhahn reparieren und Plastikfingernägel wieder ankleben. Diese Frauen tragen ihr Herz auf der Zunge und haben es nicht unter leeren Formeln begraben. Diese Frauen sind öfter ausgelacht worden, als wir beide zusammen und strahlen noch immer. Diese beiden Frauen sind lebenspraktisch und diese Frauen haben starke Hände, einen echten Rücken und gegen Windmühlen haben die beiden bestimmt schon mehr als einmal gekämpft. Aber schon schließen sich die Türen wieder und der Mann bleibt zurück, mit dem nun etwas zerknautschten Hut in den Händen. Sogleich rügt seine Freundin ihn und er setzt sich den Hut wieder auf. Sie sieht erleichtert auf und rümpft noch einmal die Nase. Wieder steht der Zug, wieder öffnen sich Türen, ihr Freund bekommt Schultertuch und Bolerojäckchen überreicht, sie steht auf und er geht ihr nach. Die Türen öffnen sich und auf dem Bahnhof steht eine Frau, dreißig Jahre älter als sie aber unverkennbar ihre Mutter. Die gleiche Haltung, und auch fast dasselbe Kleid. Sie küsst ihre Tochter auf die Wangen, ihr Freund erhält immerhin zwei Luftküsse und zwei weitere Taschen. Dann fährt der Zug weiter und ich mache noch einmal die Augen zu und höre von fern die beiden Cousinen laut und herzlich lachen.

Sag Read On, was machst Du eigentlich den ganzen Tag?

Die verehrte Frau Brüllen fragt an jedem 5. des Monats was man so macht und da in Irland Feiertag ist, kann ich endlich einmal mitmachen. Voilà, ein Tag im Leben des seltsamen Fräuleins:

Um 6 Uhr in der Früh falle ich nachtschichtmüde kopfüber ins Bett. Ich träume von einem spitzem Metallkegel, der kopfüber mitten im Garten steht und den ich hartnäckigzu erklimmen versuche. Daraus aber wird nichts, denn der riesige Kegel ist so glatt, dass ich wieder und wieder abrutsche und in das nasse Gras falle. Gerade als mir im Traum die Idee kommt doch eine Leiter an den Kegel heranzustellen, macht es RUMMS. Schlagartig bin ich wach. Nachdem im letzten Jahr bei einem heftigen Sturm die Schindeln vom Dach flogen, fürchte ich beständige Wiederholung. Mit wirren Haaren, dicken Wollsocken, einem ausgeleierten T-Shirt und pinken Hosen bekleidet, stürze ich die Treppe hinunter und kreische: „Das Dach, das Dach!“ Doch das Dach zuckt nicht einmal mit der Wimper.
In der Küche treffe ich dafür auf den Tierarzt. Vor ihm liegt der Karton mit der Küchenmaschine, die auf dem Flurschrank lagert. „Mädchen“ sagt der Tierarzt erschrocken „habe ich dich geweckt?“ „Tierarzt“ sage ich, „dieser Rumms hat selbst Neptun und seinen Hofstaat geweckt.“ Der Tierarzt sieht unglücklich auf den Karton zu seinen Füßen. „Mädchen“ sagt er, „ich bin verzweifelt“. „Gleich“, sage ich „Tierarzt, erst muss ich Zähne putzen.“ Die Uhr zeigt Elf. Ich putze mir die Zähne und während ich meinem Spiegelbild die Zunge herausstrecke, erinnere ich mich, dass ich doch am Freitag Cottage Cheese und Ananas gekauft habe und dies ein formidables Frühstück abgäbe. Ich stecke meinem Spiegelbild etwas vergnügter die Zunge heraus und ziehe mir etwas an.

Zurück in der Küche sitzt der Tierarzt mit verzweifeltem Gesicht am Küchentisch und rauft sich die Haare. „Read On“ ruft er „du musst mir helfen.“ Sagt der Tierarzt Read On zu mir, muss etwas wirklich Schwerwiegendes vorgefallen sein. „Ich finde den Zettel nicht mehr“, klagt der Tierarzt. Der Tierarzt müssen Sie wissen hält übermorgen einen Vortrag in Toronto und schreibt seit Tagen schon fluchend an seinem Vortrag. Nun hatte der Tierarzt also während ich schlief, einen Geistesblitz, einen Einfall dergestalter Natur, dass er diesen Gedanken auf ein gelbes Post-It notiert habe, um diesen ja nicht wieder zu vergessen. Dann habe er die Katze gefüttert und den Hund gekrault und als er sich umdrehte sei der Zettel verschwunden gewesen. „Ach was“, sage ich, „ein Zettel verschwindet nicht einfach so.“ Der Tierarzt greint. Dann suchen wir. Ich sehe in den Toaster und in den Ofen, ich durchwühle den Kühlschrank und hebe alle Teppiche an, ich sehe in den Schmutzwäschekorb und in die Kleiderschränke, der Tierarzt hebt alle Blumentöpfe an und durchwühlt die Besteckschublade, ich sortiere alle vortragsvorbereitenden Papierhaufen auf dem Küchentisch, der Tierarzt schüttelt alle Kissen auf, doch auch um 12 Uhr 30 bleibt der Post-It Zettel spurlos verschwunden. Der Tierarzt greint etwas von Weltformel, die er Unglücksrabe auf diesem Zettel notiert habe. Ich seufze, denn ich würde sehr gern Cottage Cheese mit Ananas essen und Milchkaffee trinken. Aber es hilft ja nichts, ich nehme einen Tritt und durchwühle draußen im Garten die Papiertonne. In der Papiertonne sind jedoch sehr viele, gelbe Post-It’s zu finden, denn ich notiere unter der Woche sehr viele, sehr banale Dinge und leider nie die Weltformel auf den Klebezetteln und grabe mich durch „ Buch abholen“, „Brief D.“, „Eier, Zucker, Mehl“ und das gleich bergeweise. Gerade als ich nach einem zusammengeknüllten Zettel taste, muss die faulste aller Katzen, die ganze Nachmittage verschläft zwischen meine Beine springen, ich verliere den Halt und falle kopfüber in die Papiertonne. Die Papiertonne kracht mit einem lauten „RUMMS“ nach hinten und der Deckel der Papiertonne knallt mir mit Schwung auf den Kopf. Der Tierarzt kommt aus dem Haus gelaufen: „Hast du den Zettel?“ fragt er mich noch Atem holend. Ich zähle sehr langsam bis 30 bevor ich aus der Papiertonne herausklettere. „Liebling, sage ich, „ich schlage vor du gehst jetzt und zwar jetzt sofort zu Kälbchen, bevor ich etwas sage oder tue , was ich nicht heute, oder morgen aber vielleicht in zehn Jahren bereuen könnte.“ „Der Katze sage ich, „kannst du gern den Weg in den Garten zeigen.“ Der Tierarzt verlässt den Garten rückwärts. Als ich das Papier zurück in die Tonne geschaufelt habe, ist das Haus leer und sehr, sehr ruhig. Der Hund hat sich in den Oberstock verkrochen. Die Katze sitzt mit verdrossener Miene im Garten. Ich fülle einen Waschlappen mit Eiswürfeln und kühle mir die angehauene Nase und Oberlippe. Dann endlich Milchkaffee. Ich zähle noch vier Mal sehr langsam bis dreißig, dann lässt das hartnäckige Gefühl die Sachen des Tierarztes auf die Straße pfeffern zu wollen nach. Ich hebe ein Sofakissen auf und bis die Milch warm ist, spüle ich die Teetasse des Tierarztes aus. Unter der Teetasse klebt ein gelbes Post-It. Darauf stehen vier erratische Abkürzungen. Ich klebe den Zettel mit Tesa auf der Tischplatte fest, mit Milchkaffee und einem Marmeladenbrot krieche ich auf das Sofa, auf dem sonst die Katze residiert und schließe die Augen. So fühlt sich die Freiheit an. Dann rufe ich die C. an und lasse mich von ihr trösten. Es ist 14.00 Uhr und der Tierarzt klopft sehr vorsichtig an. „Mädchen, es tut mir so leid.“ Aber ich sage nichts, sondern schiebe sehr, sehr langsam, so wie die italienischen Mafiosi im Film, den Zettel zu ihm herüber. Der Tierarzt wird wirklich rot. Ich lege mich noch einmal hin und der Tierarzt bringt endlich diesen Vortrag zu Ende.
Dann packt der Tierarzt seinen Koffer. Ich sehe ihm zu und lese ein bisschen in Sally Rooney’s „Conversations with Friends“ herum. Zu meiner Überraschung ist mir das Buch ziemlich egal. Dann laden wir Koffer und Tasche in den treuen, alten Volvo und ich fahre den Tierarzt zum Flughafen. Der Tierarzt streicht sehr vorsichtig das Haar hinter meine Ohren als wir vor dem Check-in Schalter von British Airways stehen. „Mädchen“, sagt er „darf man dich denn küssen?“ Ich nicke und irgendwann pfeifen die Jugendlichen, die des Spracherwerbs wegen nach Spanien fahren. Der Tierarzt gibt seinen Koffer auf und ich fahre zurück aufs Dorf. Am Hafen sehe ich auf die Segelschiffe. Klabautermannwetter, denke ich und bete für das Dach. Zurück zu Haus, esse ich Cottage Cheese mit Ananas und hole neue Eiswürfel aus dem Gefrierfach, als ich mit der Zeitung in Richtung Sofa wanke, rückt die Katze respektvoll zur Seite und der Hund kaut auf einem Gummiknochen. Als ich aufwache ist es 19 Uhr, ich rieche an den Rosen und als ich nach oben sehe, fliegt ein Flugzeug genau über dem Haus hinweg. Ich winke dem Tierarzt hinterher.

Mehr und andere Tage finden Sie hier

Die Ordnung der Dinge im Chaos der Zeit ( II )

Es hat wirklich sehr lange  gedauert bis ich den zweiten Einkaufszettel gefunden habe, denn ich finde sehr selten Dinge. Es gibt Menschen, die finden alle Tage etwas: Münzen und Taschenuhren, Biedermeierstühle am Straßenrand, Kaviardosen aus Odessa oder auch nur einen glänzenden Knopf auf der Straße. Ich hingegen suche zwar immer irgendetwas, aber noch während ich nach der Brille suche, habe ich die Zeitung verloren oder das Zopfgummi unauffindbar verlegt. Gestern aber, ich war gerade im Begriff eine Karte in den Postkasten zu werfen, da sah ich auf der Straße zwischen zwei alten Kienäpfeln einen blauen Zettel liegen und siehe da es war ein ganz und gar formidabler Einkaufszettel.

IMG_1963

Hier kommt Besuch. Der Besuch hat Ansprüche. Vielleicht der Sohn aus Stuttgart mit der schwierigen Freundin, die Weihnachten noch vegan lebte, jetzt aber auch wieder Käse isst. Mit Italienisch kann dich nicht viel schief gehen? Hoffentlich ist es das gute Olivenöl noch nicht aus. Schließlich haben die Nachbarn einen eigenen Olivenhain irgendwo im Süden und haben sich auf ein Glas Sekt eingeladen. Balsamico. natürlich, die Nachbarn sagen ohne Balsamico ist man kein Mensch. Na, die werden sich wundern und so viel Italienisch wie die können wir schon lang. Wein, ich habe ja gleich gesagt wir haben nicht mehr genug Wein im Keller und der Sohn ist ja taub bittet man ihn um drei Kisten aus Baden. Ach,Wasser hat der Mann ja gestern schon eingeholt. Wenigstens etwas.
Auf jeden fall Limetten. Wozu wird man noch sehen. Schließlich muss man ja auch etwas anbieten. Den Nachbarn und auch nicht dem Sohn kann mit mit einfachem Mozzarella kommen. Piekfein soll es sein. Oder wenigstens mit edler Note. Man muss sehen wo man bleibt.
Aber am Sonntag da machen wir Spargel. Spargel kauft man resch auf dem Markt und nicht im Supermarkt am Eck. Petersilie bloß nicht die Petersilie vergessen. Tante Hannelore ( es bleibt einem nichts erspart ) besteht auf Petersilienkartoffeln und wenn Tante Hannelore auf etwas besteht, wackeln die Wände. Schon als Kind hat die Tante ein ganzes Ausflugslokal zusammengeschrien als die Kartoffeln blank in der Schüssel lagen und scheut sich nicht dies auch daheim zu tun. Was soll denn da nur die empfindliche Freundin denken? Kochschinken natürlich, schon immer hat Kochschinken zum ersten Spargel des Jahres gehört. Soll die Freundin doch das Gesicht verziehen. Tradition ist Tradition. Spargel ohne Kochschinken ist kein Spargel. Da kann man auch Luft essen und am Spargel ist ja auch nichts dran außer Wasser. Butter auf jeden Fall. So etwas vergisst man ja immer.
Kartoffeln, hoffentlich hat es schon Frühkartoffeln. In Stuttgart gibt es auf dem Markt bestimmt schon Kartoffeln aus dem Languedoc. Aber der Sohn arbeitet ja soviel, immer schon war er ein so fleißiger Bub, da wird er sich nicht um die rechten Kartoffeln kümmern können und die empfindliche Freundin meidet Kartoffeln ja ohnehin wie Weizen. Dafür will sie natürlich zum Frühstück Cranberrysaft haben. Was ich damit für eine Rennerei habe, das ist natürlich egal und das wir alle, selbst Tante Hannelore schon seit dem 1960er Jahr jeden Morgen ein Glas Grapefruitsaft zur Semmel trinken, dass zählt natürlich nicht. Nein für die Dame muss es natürlich Cranberrysaft, am liebsten noch handgepresst aus Kalifornien sein. Aber das kommt mir nicht in die Tüte. Irgendwann muss auch mal Schluss sein. Aber man will sich ja auch nicht vorwerfen lassen, das man die Wünsche der erwählten Herzdame nicht respektierte und immer noch der Susanne nachtrauere. Die Susanne war aber auch wirklich eine ganz Liebe. Die brauchte keine Extrawurst und hat auch ihr Messer nicht abgeleckt. Selbst Tante Hannelore war ganz begeistert von der Susanne und das will was heißen. Die Tante Hannelore hat ihrerzeit einem Verehrer in die Hand gebissen, als der der ihr erst ewige Liebe schwor, nur um dann sogleich sein Glück an ihren Blusenknöpfen zu versuchen. MAn kann viel sagen gegen Tante Hannelore aber Prinzipien, ob nun bei Petersilienkartoffeln oder beim Küssen, die hat sie. Das habe ich ja auch immer dem Sohn gesagt: Junge, Prinzipien muss man haben im Leben.“ Aber die Kinder machen ja ohnehin was sie wollen. Auf jeden Fall Eier. Eine ganze Kiste am besten. Neben dem Burrata mit Tomaten und Olivenöl. müsste man noch gefüllte Eier anbieten. Es wird ja geredet! Dann braucht es Eier mit Speck am Montagmorgen. Der Wein und Sekt will ja verdaut werden. Der Sohn will Pfannkuchen statt Semmeln und für einen raschen Kuchen gehen schnell einmal vier Eier drauf. Außerdem soll der Sohn ruhig ein paar hartgekochte Eier mit auf die Reise nehmen. Ach, der Herr Gemahl hat nun doch schon Eier mitgebracht. Ich hoffe der Rasen ist gemäht. Die Nachbarn haben ja längst schon einen Rasentrecker.Auf jeden Fall Schokolade- Bloß die Schokolade nicht vergessen. Man muss auch an die eigenen Nerven denken. Das muss man wirklich. Die Nachbarn, der Sohn, die empfindliche Freundin und Tante Hannelore, am besten gleich zwei Kilogramm und halbstündlich einen Ausflug in die Speisekammer.

Vielleicht ist auch alles ganz anders und Tante Hannelore verabscheut Petersilie von ganzem Herzen, die Tochter kommt aus Uruguay und der Kochschinken fehlte noch zum Toast Hawaii.
Leider und zu meinem großen Bedauern bloggt  Frau Wiesenraute , die doch das Genre der Einkaufslyrik etablierte nicht mehr.

Das Fräulein ist recht schadenfroh.

FullSizeRender-25

Nein, ich gebe es offen zu ein angenehmer Zug meines Wesens ist es nicht: und doch nach der ewigen Pessachputzerei, dem gähnend leeren Brotfach, der Überzahl an gekochten Eiern und dem schauderhaften Rezept für Selleriesalat, den die A. mir empfohlen hatte, und einer gewissen Grundmiesepetrigkeit darüber, dass die gesamte Familie nach Israel reiste und nur ich zurückblieb und der Seder-Abend zwar durch Kälbchen, den Tierarzt und den Priester erhellt wurde, aber nicht das war, was ich gern gehabt hätte, tragen noch zu dieser Lust an hundsgemeiner Schadenfreude bei. Zudem reist der Tierarzt erst morgen an und als ich den Einkaufskorb schnappte, schlief der ehemalige geschätzte Gefährte noch selig und so konnte ich voller Glück und Seligkeit meinem gemeinen Wesen freien Lauf lassen. Mit dem Fahrrad nämlich radelte ich nicht wie sonst üblich gleich zum Markt, sondern in einen Supermarkt. Der Supermarkt ist am Gründonnerstag um 10 Uhr ein wahres Fest für Menschen wie mich, die nach den Dramen anderer Familien und  ihrer Feiern lechzen. So sie heute morgen also ein Fräulein in Mantel und Tuch und pinken Schuhen sehr langsam mit einem roten Korb durch den Einkaufsmarkt haben wandern sehen, so war das sehr wahrscheinlich niemand anders als ich selbst.

Schon am Gemüsestand- ich inspizierte Avocados zur Tarnung-, wurde ich fündig. Ein älteres Ehepaar-er mit Segelschuhen und blauem Matrosenpullover um die Schultern geschwungen- und sie mit in die Haare geschobener Sonnenbrille funkelten sich über kilometerlange Einkaufszettel an- „Deine Tochter“ schrie er während er empört eine Orange schüttelte: „Deine Tochter hat in ihrem Leben noch nie nicht am Essen gemäkelt. Wir schulden ihr gar nichts. “ Seine Frau aber weiß, wer jetzt nachgibt, hat auf immer verloren: „Dein Sohn“ ätzt sie zurück „duscht so lang wie alle meine drei Töchter zusammen.“ Ihrem Mann fällt die Orange aus der Hand. „Jetzt ist mein Sohn schuld, ja?“ Sie steht mit verkniffenen Lippen vor den Auberginen und wirft wahllos Salatköpfe in den Einkaufswagen. Er indes streicht den Posten Orangen vom Einkaufszettel und stapft in Richtung Käseregal. Und auch ich laufe weiter. Weit muss ich nicht gehen. Vor dem Regal mit gefärbten Eiern stapelt ein Mann Eierkarton um Eierkarton in den Einkaufswagen. „Mehr, mehr wir brauchen mehr Eier, Günther“ feuert sie ihren Mann an. Der sieht nach dem fünften Karton skeptisch zu ihr herüber. „Echt jetzt?“ Sie nickt bekräftigend. „Ick will aber nich bis Pfingsten die Eier uffessen“, sagt er, aber sie winkt nur ab. „Dein Vater, sagt sie, mit seine vier Hunde, hat sich letztes Jahr uffjeregt ohne Ende, dit wir keine Nester im Garten mit Eiern hatten für die Viecher. Dit mach ick nicht noch mal mit. „Der Mann der Günther heißt und auf dessen dunkler Jogginghose ein Löwe sein Maul aufreißt, lädt weitere Eierkartons in den Einkaufswagen. „Die Scheißköter“ höre ich ihn murmeln als ich vorbeigehe. Ein Drama ganz anderer Natur spielt sich am Stand mit den Lindt-Hasen ab, eine ältere Dame, zählt ab: zehn Lindt-Hasen braucht siefür:LEOANNIKAJOHANNAJAKOBTHEALIAYANNICKPETERMAJALEA. Das Lindt-Regal jedoch weist schon große Lücken auf. Zwar gibt es noch Hasen mit goldenem Glöckchen, doch es gibt nicht mehr zehn Hasen, die identisch gleich groß sind. Sondern nur noch Zwerg- oder Riesenhasen. Die alte Dame steht wie vom Blitz getroffen vor dem geplünderten Hasenregal und sieht das Drama, das sich entfaltet wenn LEOANNIKAJOHANNAJAKOBTHEALIAYANNICKPETERMAJALEA realisieren, dass ihr jeweiliger Hase kleiner oder größer ist als derjenige der anderen. Denn auch großmütterliche Liebe will bewiesen werden und wird aufgewogen in Schokoladenhasen eingewickelt in goldenes Staniolpapier und einem Glöckchen mit rotem Band um den Hals. Die alte Dame jedenfalls ist zu allem entschlossen, den familiären Ernstfall: „Du hast mich nie geliebt und selbst deine Enkelkinder liebst du weniger als die des Goldsohnes“ gilt es unbedingt zu vermeiden. Hektisch und mit roten Flecken auf den Wangen, sucht sie erst eine Verkäuferin, die abweisend den Kopf schüttelt: „Dit sind die Letzten.“ „Da kommt nüscht mehr nach.“ Die alte Dame aber ist zu allem entschlossen. Sie beginnt sofort andere Ostereinkäufer, in deren Wagen auch Goldhasen sitzen anzusprechen und größere wie kleinere Hasen gegen ihre mittelgroßen Wunschhasen einzutauschen. Auch ich tausche meinen Hasen gegen einen der ihren ein. Noch einmal zählt die Dame durch und endlich geht die Rechnung auf und für
LEOANNIKAJOHANNAJAKOBTHEALIAYANNICKPETERMAJALEA gibt es je einen identischen Hasen. Die Frau atmet durch, sie sieht aus als hätte sie einen Marathon absolviert, fester umklammert sie den Einkaufswagen und murmelt entschlossen: Milka-Eier: Vollmilch, Zartbitter, keine weiße Schokolade. Es klingt wie ein Stoßgebet. Wahrscheinlich ist es das.

Am Fleischstand an dem ich mich unauffällig vorbeischlängele, holt ein Frau Hahn ihre Bestellung ab. „13 Paar Weißwürste“ ruft der Fleischhauer ihr zu:“Dit is richtig wa?“ Die Frau nickt. Der Fleischhauer aber bleibt ungläubig. „Dit sind ganz schön viele, wa!“ Die Frau mustert ihn ungerührt, während sie die Tüte mit den Würsten entgegen nimmt. „Haben Sie eine Schwiegermutter?“, fragt sie den Fleischhauer schließlich. Der nickt. „Eben darum“ sagt sie und Rache kann nicht nur süß, sondern auch ein Paket voller Weißwürste sein.
Ich lächele milde und gehe weiter. Über die Tiefkühltruhe unterhalten sich zwei Pärchen. „Was macht ihr Schönes“ fragen sie sich gegenseitig, in dieser aufgeräumten Tonlage, mit denen man sich das eigene Leben schönzureden versucht. „Osterbrunch am Samstag“ seufzt der Mann bei „ihren Eltern“ und nickt in Richtung seiner Frau. „Mit der Schlagerparade“ seufzt sie zurück, nur um gleich zu drohen: „Weihnachten waren wir ja bei ihm, das war auch kein Fest.“ Er schmollt beleidigt. Das andere Pärchen lächelt honigsüß. „Meine Frau“ sagt sie und legt ihre Hand auf die Schulter der Frau im violetten Kleid neben ihr, hat uns ein Überraschungswochenende in Heiligendamm gebucht. Wir brauchen nur ein bisschen Reiseproviant.“ Das andere Pärchen lächelt nicht mehr, sondern bemerkt mit dem letzten Rest an Kraft und Willen: „Ach ihr seid zu beneiden, wir planen das auch Jahr für Jahr.“ Ciao und Tschüssi. Luftküsse knallen über die Tiefkühltruhen hinweg. Die beiden Frauen, die Hand in Hand zur Kasse schlenkern haben das vorösterliche Gesellschaftstennis haushoch für sich entschieden.

Dann stelle auch ich mich an eine Kasse an. Vier Lindt-Hasen und zwei Avocados lege ich aufs Band. Hinter mir streitet eine Frau mit ihrem Sohn. „Das kann doch nicht dein Ernst sein“,“ sagt sie und zeigt auf das Band: „Toastbroat und Nutella und das zu Ostern.“ Doch ihr vielleicht 16 jähriger Sohn zuckt nur ungerührt mit den Achseln. „Feiertage sind zum Schlafen da“, sagt er und gähnt überdeutlich. „Undankbare Brut“ murmelt die Mutter und lädt weitere Lebensmittel aus dem Wagen. Ich aber schwinge mich vergnügt aufs Rad und fahre zum Markt. „Nein, für mich noch kein Brot“ rufe ich dem Bio-Bäcker zu und kaufe Gemüse bei Herrn Yilmaz ein.
Fast ist mir als pfiffe ich ein fröhlich-schadenfroh ein Lied, während ich zurück nach Hause radle, denn leider, leider vertreibt nichts meine Pessachmüdigkeit und meinen Seder-Kummer so gut wie ein wenig vorösterliche Schadenfreude es vermag. Sie haben Recht, und ich kann es Ihnen nicht verdenken, schüttelten sie den Kopf und sagten: „Nein Fräulein Read On, dies schickt sich nicht.“ Natürlich haben Sie Recht, aber vergessen sie nicht, morgen haben die Geschäfte zu und der Schwiegervater freut sich schon so.

Der Herrenreiter

Still liegt die Straße vor mir im frühen Morgenlicht.Es ist kurz nach halb Sieben. Die Pendler haben sich in alle vier Winde zerstreut und auch ich gehe mit Büchern bepackt die Straße hinunter.Eine Kehrmaschine fährt kreiselnd über das Pflaster, ein Zeitungsverkäufer sperrt seinen Kiosk auf und die Gemüsehandlung am Eck bekommt Tomaten geliefert. Halb sieben Uhr ist es erst und der Tag selbst gähnt noch ein wenig und ich gähne auch, ja selbst der Mann vom Zeitungskiosk reckt sich und streckt sich. Blank ist der Morgen, milder Himmel und blasses Licht, eine Ecke Morgenrot sogar und in den Blumenkübeln recken die Stiefmütterchen ihre Köpfe. Schon biege ich nach links und passiere das alte, ehrwürdige Dubliner Postamt, noch heute kann man dort Briefmarken kaufen, vor allem aber erinnert es an das Anfang vom Ende der englischen Kolonialherrschaft in Irland. Noch einmal gähne ich und plötzlich vernehme ich hinter mir ein leises Surren, ein Zischen gar.
Kaum drehe ich mich um, wird mir alles klar: hinter mir nähert sich ein Herrenreiter. Nein, die Herrenreiter des Jahres 2017 kommen nicht mehr auf einem schwarzen Rappen daher, sie tragen keinen schwarzen, hohen Zylinder wie einstamls die Herrenreiter die am Morgen durch den Hyde Park preschten oder Unter den Linden entlang galoppierten. Aber ein Herrenreiter ist er doch, der Mann auf dem Fahrrad, der sich mit leisem Surren nähert. Wie die Herrenreiter anderer Tage sitzt er aufrecht und mit geschwellter Brust auf seinem- nun eben stählernem Ross- Cannondale steht in blitzenden Buchstaben auf rotem Lack geschrieben. Cannondale ist heute das, was einmal der Schimmel Wotan war. Während jener schnaubte, quietschen die Bremsen, denn was ein Herrenreiter ist, der bremst nur in letzter Sekunde vor dem Kisten schleppenden Lieferanten. Denn ein echter und wahrer Herrenreiter, der kennt nur vorwärts und niemals zurück. Keine Konfrontation ist dem Herrenreiter zu gering und während Wotan am Zügel stieg, bricht vom Cannondale eben das Hinterrad aus. Ein Herrenreiter gibt kein Pardon. Was dem Herrenreiter warmes Kulmbacher Bier und eine behagliche Zigarre waren, das ist dem Herrenreiter der Neuzeit die glimmende Zigarettenspitze, die er im hohen Bogen auf das Pflaster wirft. Soll doch die Kehrmaschine sich mit solchen Kleinigkeiten befassen. Hier sprengt ein Herrenreiter vorbei. Der Herrenreiter- so wandeln sich die Moden- aber trägt keine Lederhandschuhe mehr, sondern riesige Kopfhörer auf den Ohren, daraus dröhnt lauter Gesang. Ein Herrnreiter will schließlich angekündigt werden, prescht er hoch zu Ross dahin. Alles andere wäre Verschwendung, natürlich trägt der Herrenreiter keinen Helm. Wie alle Welt weiß, ist nichts leichter zu kränken als die Ehre eines Herrenreiters.
So prescht der Herrenreiter auch am bücherschleppenden Fräulein vorbei. Er sitzt nicht im Sattel, nein er thront, alles an ihm ist Anspannung und Muskelspiel, ist gezähmter Wille und mühelose Eleganz, dass dabei das Fräulein zur Seite springen muss, nehme nicht Wunder, denn wenn einst Wotan am Zügel stieg, mussten die Gouvernanten mit Hans und Franz und Grete am Arm eben in die Pfütze springen. Seit wann hat sich je ein Herrenreiter mit solchen Lässlichkeiten abgegeben? Schon hat der Herrenreiter mich überholt, sein Können stellt er in Schlangenlinien und gewagten Kurven unter Beweis, selbst die Möwen verziehen sich krächzend auf die Bäume. Alles stehe und staune: ein Herrenreiter weilt unter uns.
An der nächsten Querstraße aber verläuft die Trambahn, die hier auf den hübschen Namen LUAS hört quer zum Straßenverlauf und justament biegt Selbige um die Ecke. Ist dies nun ein Grund für einen Herrenreiter hoch zu Ross, beflügelt vom milden Morgen und lauter Musik, vom schneidigen Cannondale über Stock und Stein getragen ein Grund abzubremsen, ja gar anzuhalten? Dies entspräche vielleicht der Natur eines ängstlichen Fräuleins, auf dem Rücken eines Ponys klammernd aber doch niemals einem wahren und echten Herrenreiter. Hätte denn Wotan jemals gezögert, ginge es darum ein Rennen zu gewinnen? Nein, nein und dreimal nein. Gemäß des alten Herrenreiterehrenkodexes also legt auch dieser,unser morgendlicher Herrenreiter alle Kraft in die Pedale, das Rad bricht vorwärts, die Speichen klirrren, gut geölt zischt die Kette, ein höherer Gang, da mag die Trambahn auch noch so vorwurfsvoll schellen- ein Herrenreiter will vorbei- vorübergebeugt wie bei einer Hatz im Englischen Garten liegt der Herrenreiter über dem Lenker, doch oh- das Rennen ist schon verloren und mit einem dumpfen RUMS knallt der Herrenreiter gegen die Trambahn.
Das Cannondale hat seinen Reiter abgeworfen und liegt mit verdrehtem Lenker und rotierenden Reifen auf der Straße. Es ist als hätte der schöne Wotan sich die Fesseln verstaucht. Ach, Herrenreiter! Ach, Cannondale, welche Weh.
Hinzu kommt der fluchende Trambahnfahrer, dessen Achtung vor Herrenreitern deutlich zu wünschen übrig lässt. Keine Achtung, kein Benehmen: „Freundchen“, dir will ich es geben!, statt Bewunderung für den Schneid des Herrenreiters. Wäre dies 1900 so wäre die Trambahn einer Brauereiwagen gewesen und der Bierkutscher hätte Schwielen an den Händen und beim Wort Polizei nur gelacht. Hier aber setzt es weitere Flüche und Häme dazu. Tritt da der Trambahnführer nicht auch gegen das gestürzte, jämmerlich daliegende Cannondale? Ein Schmock, der sich an Wotan vergreift. Der Herrenreiter inzwischen berappelt, und offensichtlich- das Glück ist den Herrenreitern gewogen- ohne größeren Schaden, keift ganz nach Herrnreiterart zurück. Doch auch die Trambahn scheint unversehrt. Inzwischen hupen Autos ob der versperrten Straße und mit grimmigen Blick kehrt der Trambahnfahrer ins Führerhaus zurück. Dann ruckt die Bahn an. Der Herrenreiter aber ist ein Bild des Jammers, wo eben noch stolze Schönheit war, ist nun geducktes Elend. Die Kopfhörer zerborsten, die Jacke voll Straßendreck, aber ein Herrenreiter trägt seine Blessuren mit Würde und kennt keinen Schmerz.
Schlimmer jedoch wiegt der Zustand des Cannondale. Eine dicke Acht hat das Vorderrad davongetragen, zerkratzt ist der rote Lack, missmutig hebt der Herrenreiter das Fahrrad auf. Ein letzter Blick geschlagen ziehen Ross und Reiter von dannen. Gebückter, trauriger und ganz und gar von Gram gebeugt hat man jemals, auch nicht um 1900 einen Herrenreiter seinen Wotan mit schleifenden Zügeln zurück zum Stall führen sehen.

Ungeduld

Schon früh am Morgen packt mich die Ungeduld, denn der Zug kommt nicht. Zu früh aber stehe ich auf Tag für Tag, um gedankenverloren und tänzerisch träumend auf dem Bahnhof zu stehen und heitere Gedanken zu hegen. Noch dazu fegt mir ein scharfer Wind ins Gesicht und die Ungeduld brennt mir unter den Fußsohlen. Erst zehn, dann zwanzig Minuten Verspätung schnarrt eine Lautsprecherstimme hämisch hervor, dann hören die Ansagen auf. Ich entwerfe böse und geschliffen scharfe Briefe an die Vorstandsetage von Ianród Éireann, die ja schon lange kein Unternehmen mehr führen, sondern nur Missstände verwalten und sich wohl erfolgreich selbst belügen: alte Züge, ein noch älteres Schienennetz und der Bahnhof des nächstgelegenen Dorfes hat nicht einmal mehr ein Dach.
Nur wenn ich zu spät die Straße herunterrenne, dann ist die Bahn pünktlich aber an vier von fünf Tagen ist die Bahn zu spät. Inzwischen hat es zu regnen begonnen, vom Zug ist auch nach 40 Minuten nichts zu sehen, ich renne zum Bus, steige dreimal um und bin 1,5 Stunden später als sonst im Büro. Ianród Éireann apologizes for the inconvenience. In meinem Kopf hat der Brief inzwischen zehn Seiten Stärke erreicht und auf der Stelle bräche die Vorstandsetage in Tränen aus, hätte ich nur Stift, Papier und eine Briefmarke zur Hand.

 Ungeduldig sitze ich im Bus, denn nichts macht mich so ungeduldig wie Bus fahren, das ewige Geruckel, das quietschende Halten, die quäkende Stimme der Haltestellenansagestimme. Ungeduldig wippe ich mit den Füßen. Vor mir isst zu meinem Erschauern ein Mann ein Butterbrot und beißt von einer Dauerwurst ab und ungeduldig und mit knirschenden Zähnen, warte ich bis auch das letzte Stück Wurstzipfel von ihm verschlungen ist. Die Frau, die ganz vorn im Bus sitzt plärrt in ihr Telefon so als sei ihr Gesprächspartner nicht am Ende des Telefons, sondern stünde 200 Meter entfernt am anderen Ende der Straße und versuchte ihre Stimme über den Autoverkehr hinweg zu verstehen. Mit würgender Ungeduld höre ich die nächsten zwanzig Minuten zu wie sie schrill beklagt, dass ihr Leben eine Katastrophe, ihr Mann ein fauler Apfel, ihre Kinder undankbar und die Busfahrt eine Zumutung sei, außerdem hätte sie eine Warze an prominenter Stelle. Ich bin kurz davor, die Wasserflasche aus meiner Tasche zu ziehen und über da Telefon gießen. Dann steigt sie aus. Noch von der Straße höre ich ihre Stimme über einen Gordon zetern, der ihr Geld schulde. Ich knirsche mit den Zähnen.

Die Ungeduld aber ist nur schon einmal vorgelaufen. Im Büro hat sie mich schon wieder. „Fräulein Read On heißt es, Sie sind die einzige mit genug Geduld für diese Besprechung.“ Ich balle die Fäuste und für drei geschlagene Stunden erklärte ich einen Sachverhalt zum zehnten Mal, die Ungeduld zieht mir an den Haaren und nur mit Mühe kann ich mich selbst daran hindern aufzuspringen mit der Faust auf den Tisch zu hämmern und zu schreien: LESEN SIE DAS DOKUMENT DOCH ENDLICH ,bevor sie mir zum zehnten Mal mitteilen, was sie auf keinen Fall können. Ich atme so tief ein wie ich kann, scheppernd lacht die Ungeduld in meinen Ohren, ich lese sehr, sehr langsam noch einmal die Kernpunkte vor und beantworte noch viel langsamer und mit vor Ungeduld zitternder Zunge die selben 100 Fragen. Endlich zückt mein Gegenüber umständlich und mit verkniffener Miene seinen Füllfederhalter und unterschreibt.

Ich kann mich nur mit allerletzter Mühe beherrschen die Tinte nicht trocken zu pusten und ihm den Füller aus der Hand zu reißen. Durst habe ich, einen glühenden und rasenden in der Kehle brennenden Durst zudem, natürlich habe ich vergessen, dass die Thermoskanne Tee auch über Stunden siedend heiß bewahrt und gierig den Tee herunterstürzend, verbrenne ich mir den Gaumen und gieße wutentbrannt den Tee in den Ausguss. Ungeduldig hacke ich auf die Tastatur, schnaubend beantworte ich Emails und muss mich bremsen, um nicht hinter jeden zweiten Satz sieben dicke Ausrufezeichen zu setzen. Selbst die Büropalme schnarre ich an, weil sie ihre Palmenarme zu langsam zur Seite bewegt, als ich das Fenster öffnen will, beleidigt schnellt die Palme zurück und fegt mir die Brille von der Nase, in meiner reizbaren Ungeduld aber schmettere ich im Versuch die Brille zu finden und somit dreiviertelblind die Wasserflasche vom Schreibtisch, die am Papierkorb zerschellt. Flüche murmelnd und der Palme herzhaft mit Vergeltung drohend fege ich die Scherben auf, beleidigt verschränkt die Palme ihre Arme. Endlich stecke ich meinen Kopf aus dem Fenster, natürlich erleichtert sich eine Taube genau in dieser Zehntelsekunde in der ich die Nase durch den Fensterrahmen stecke. Ich brülle ihr sehr textsicher: „Tauben vergiften im Park.“ hinterher.„Du brauchst gar nicht so dumm zu kichern“, fahre ich die Palme an. Dann renne ich ins Bad. Ungeduldig drehe ich den Wasserhahn auf und natürlich schießt mir ein gewaltiger Wasserstrahl ins Gesicht. Die Frau im Spiegel ähnelt verdächtig einer Erinnye.

 
Knurrend sitze ich Stunden später im Zug nach Haus. Ungeduldig staple ich Milch, Butter und Brot auf dem Ladentisch. Die Frau des Krämers tippt die Beträge quälend langsam in die Kasse ein und erzählt mir umständlich vom Wasserrohrbruch ihrer Schwester. Die Frau des Krämers und ihre Schwester sind sich in herzlicher Abneigung zugetan und ich wippe mit den Füßen, denn ich kenne die Geschichte vom Liebesbrief, den die Schwester dem Krämer zukommen ließ, obwohl er da schon zweimal mit seiner zukünftigen Frau zum Tanz auf der Tenne gegangen war zur Genüge. Ich sage etwas unwirsch: „Ja, ja, ja“ und zum ein Glück bemerkt die Frau des Krämers es nicht und schon steht der nächste Kunde am Ladentisch, der über die späte Gerechtigkeit G*ttes in Form eines Wasserrohrbruches in Kenntnis gesetzt wird. Aber besser wird es mit mir und der tobenden Ungeduld nicht. Fest sitzt mir die Ungeduld in den Rippen noch als wir zu Abend essen. Scharfe Spagetti mit selbstgemachtem Ragù. Der Tierarzt zerkleinert die Spagetti bis nur noch hellgelber Gatsch auf dem Teller liegt und schiebt seit einer halben Stunde das Ragù mit dem Löffel vom Tellerrand zur Tellermitte und wieder zurück. Ich balle die Fäuste unter dem Tisch. Mit einem zum Zerreißen gespannten Geduldsfaden nehme ich mich zusammen und stehe nicht auf, ziehe den Teller nicht weg und werfe ihn nicht gegen die Wand. Ich stehe auch nicht auf und schreie: „WARUM KOCHE ICH NACH EINEM 12 STUNDEN TAG EIGENTLICH?“ Für einen Sekunde steht mir das Bild eines Fräuleins vor Augen, dass mit Spagetti-Ragù Matsch um sich wirft. Dann geht es wieder und ich sage auch nicht: „Iß den verdammten Teller leer.“ Ich grabe mir die Fingernägel in die Handflächen und überlege mir was andere Menschen wohl in der Zeit machen, in denen der Tierarzt an einer Gabel Spagetti würgt. Dann stehe ich auf und werfe nicht einmal den Stuhl um. Ich richte dem Tierarzt einen Obstalat und koche Grießbrei und trage den Rest Ragù und die Spagetti zum Priester hinüber. Der Priester wenigstens freut sich.

Im Bett liegend aber fange ich nach zwei Seiten an mit den Protagonisten des Romans an zu streiten, als ich mich dabei ertappe die Seiten böse anzuzischen gebe ich auf und lösche das Licht. Die Ungeduld tobt weiter und mit zuckenden Zehenspitzen schlafe ich endlich ein.