Ein Lied im Rücken

Früh ist es, denn früh ist es ja immer. Noch aber ist die Wärmflasche an meinen Füßen warm genug. Noch gluckert das Wasser in der Heizung nicht, noch nicht einmal das Milchauto ist durchs Dorf gefahren, noch ist der Tag noch gar nicht da. Der Tierarzt aber ist schon auf, denn im Bad rauscht leise Wasser. Der Tierarzt, der doch selten spricht und ungern überhaupt vor Mittwoch den ersten Satz sagt, singtOh don’t be sorry, boy, it’s easy/Yes, you can release me/ Gotta lay it on the line /Feeling pretty fine now. Ein leises Summen erst, denn ich stecke mit dem Kopf noch tief im Federbett. Aber ganz eindeutig und nicht zu überhören: der Tierarzt singt. Saving all my time now /Love’s no friend of mine. Der Tierarzt singt hell und mit warmen Ton. Das erste Mal habe ich den Tierarzt für ein krankes Lamm singen hören. Ein Schlaflied für das weiße Bündel Fell in seinen Armen und warte ich manchmal vor einem Stall auf ihn, bin ich mir sicher der Tierarzt singt noch ein Trostlied für die Kühe. Selbst schlafschwer muss ich mein Herz festhalten, singt der Tierarzt, der doch in der Stille zu Hause ist. I do it on my own/And I’m ready to go. Endlich aber wickle ich mich aus dem Federbett in den Bademantel, putze die Zähne, ordne mein wildes Haar, setze den Teekessel auf und suche nach den Haferflocken. Indes sitzt die Katze auf den Treppenstufen vor dem Badezimmer und die Katze, wippt ganz eindeutig und sehr rhythmisch mit der Schwanzspitze: I just think of all that I could do /No more need to fight, right? Nicht einmal das Rascheln der Tüte kann die Katze locken. Der Porridge quillt und ich klappe das Notebook auf. Siebzehn Männer schickten mir eine Email in der sie mich zu überzeugen versuchen, dass ihr Penis zwei Meter lang/ hart wie Stahl/ da zu da sei, es mir einmal richtig zu besorgen. Sie bemühen sich vergeblich. Die Bilder, die sie schicken sind von obskurer Traurigkeit. Im Hintergrund ihrer heruntergelassenen Hosen liegt Müll, steht eine zerschlissene Couch, oder hängt eine fleckige Gardine. In einem Bild, so scheint mir steht ein Schatten in der Tür. Ist das dann die Ehefrau, die sich wundert oder auch nicht, warum ihr Mann mit heruntergelassenen Hosen vor dem Computer steht? Eine elegante Pose ist das ja nicht und vor allem nicht zu dem Demonstrationszweck geeignet, den sie mir in groben Worten ankündigen. I survived way worse before /And all these words ain’t got me chokin’ singt der Tierarzt und ich antworte fünf Männern. „Sehr geehrter Herr XYZ, bitte suchen sie schnellstmöglich einen Facharzt für Geschlechtskrankheiten auf. Ihre Erkrankung ist akut behandlungsbedürftig und meldepflichtig.“ Wenn man immer vorher wüsste, was einem Lebensthema würde. Die restlichen Bilder lösche ich. Cause my heart it ain’t that broken /And I can’t hear you I’m like I won’t be missing, be missing you. Der Porridge ist schließlich auch längst fertig, Bananen, Nüsse, Zimt und Zucker und Honig müssen angerichtet, der Tisch gedeckt, die Zeitung herein und die Katze herausgelassenen werden. Endlich tanzt auch der Tierarzt die Treppe hinunter und zieht mich sich in seine Arme: Love can be like magic/ What we had was tragic/ Do it baby, set me free, singt der Tierarzt in mein Ohr und wir die doch so traurigen Kinder tanzen im Morgengrauen. There’s no need to wonder und du lachst heiser in mein kaltes Ohr. „Was machst du mit mir?“ sagst du. Help, help me Rhonda /Get your hook right off me, sagt das Lied und ich lehne mich an dir an. Der Tierarzt würgt am Porridge, die Katze will immer noch mehr, ich nun endlich auch unter die Dusche, denn das Ticken der Uhr schreckt auch vor Gesang nicht zurück. Als ich endlich in Kleid und Jacke die Treppe hinunterlaufe, wäscht der Tierarzt ab. Schon hupt der Priester, der mich heute mit in die Stadt nimmt dreimal, ich winke dem Tierarzt, schnappe Tasche und Bananenbrot und laufe hinaus. Morgen Fräulein Read On, sagt der Priester und nimmt das Bananenbrot gerne an. Morgen Priester sage ich, der Tierarzt winkt mit dem Geschirrhandtuch: ‘Cause my heart it ain’t that broken/I survived way worse before /And all these words ain’t got me chokin’/Cause my heart it ain’t that broken. „Ist das der Tierarzt, der da singt“, fragt der Priester, da fahren wir schon die Dorfstraße hinunter, zu unserer Rechten das Meer eisblau und spiegelglatt und schon wird das Dorf im Spiegel kleiner und kleiner, doch das Lied bleibt uns im Rücken.Ich nicke „Ja, sage ich, das ist der Tierarzt der da singt“ und der Priester und ich lächeln uns zu. Cause my heart it ain’t that broken/ Cause my heart it ain’t that broken.

Leslie Clio, “My Heart Ain’t That Broken”

Ein weißes Hemd

Der ehemalige geschätzte Gefährte, der liebenswürdige F. sitzt mit einigermaßen finsterer Miene am Frühstückstisch. „Ich bin sagt der F., als kommissarischer Chefarzt berufen wurden. “Mazal tov! F.”, sage ich und erinnere mich wie wir, so lange ist das noch gar nicht her, für die Facharztprüfung lernten. Aber als ich das warme Brot auf den Tisch stelle, sieht der F. noch immer sehr finster drein. Das ist doch wunderbar sage ich und nicke dem F. aufmunternd zu. Der F. knurrt. „Ich habe keine weißen Hemden“, sagt er schließlich und als Chefarzt kann ich ja nicht mehr so herumlaufen und zeigt auf sein Polo-Shirt. Der F. trägt nämlich seit vielen Jahren unter dem weißen Kittel ein Poloshirt von Lacoste. In seinem Büro hängen weiter identische Poloshirts, selbst im Auto für Notfälle sozusagen liegt ein weiteres Poloshirt der benannten Firma bereit. Komme was wolle, mag Blut den F. bespritzen oder Kinder auf ihn speien, noch niemand hat den F. je anders als in gestärktem und auf Kante gebügelten Polohemden durch die Krankenhausflure eilen sehen. Jetzt aber schüttelt er sich vor heißem Degout. „So kann ich wirklich nicht mehr gehen, greint er und zupft am Poloshirt ( lindgrün) herum und schüttelt sich vor Ärger. Ich sehe ja aus wie ein Strolch, ein Scharlatan, jeder Barbier hat mehr Schick als ich und der F. schlägt jammernd die Arme über dem Kopf zusammen: „Schande werde ich über die Klinik bringen und man wird sagen, das Unglück begann mit dem Tag als der Chefarzt keine weißen Hemden mehr trug.“ “Überhaupt” sagt der F. “habe ich den Professor, noch nie in etwas anderem als einem weißen Hemd gesehen.” Ich esse derweil ein Marmeladenbrot, aber nicht mehr lange, denn der F. ist wild entschlossen, hier, jetzt und heute weiße Hemden zu erstehen. Wenig später also, ich esse das zweite Brot mit Brombeermarmelade eben im Gehen, sitzen wir im Auto und fahren stadteinwärts. Dann betreten wir das Lafayette und sehr zielstrebig eilen wir in die Herrenabteilung. Eine sehr freundliche Verkäuferin, die noch nicht weiß, was sie erwartet, nimmt sich unser an. „Ich suche “sagt der F. ein weißes Hemd.“ Die Verkäuferin strahlt. Wenig später, ich suche mir inzwischen eine Sitzgelegenheit, kehrt die Verkäuferin mit einem weißen Hemd zurück. „Nein”, sagt der F. und schüttelt den Kopf. “Dies sei kein weißes Hemd, dies ist eine Schande.” Die Verkäuferin nickt. Noch immer lächelnd bringt sie zwei, neue Hemden. “Aus Frankreich” sagt sie, “Seidenzwirn.” Der F. besieht die Hemden misstrauisch und probiert immerhin eines der Hemden an. Aus der Kabine tönt ein Klagelaut. “F. frage ich, ist alles in Ordnung?” Der F. tritt aus der Kabine hervor und schüttelt den Kopf: „Ich sehe doch aus wie ein drittklassiger Versicherungsvertreter!“ “Es gibt sehr nette Versicherungsvertreter” sage ich, aber der F. bedeutet der Verkäuferin, neue weiße Hemden hervorzuholen. Die Verkäuferin nun mit einem etwas angestrengterem Lächeln, bringt einen Stapel neuer Hemden. Alle sind weiß, glänzend, schön und neu. Hemd um Hemd probiert der F. an, nur um Hemd um Hemd zu verwerfen. “Der Kragen kneift, das ist kein Weiß sondern Creme, solch ein Hemd trüge ich nicht auf meiner eigenen Beerdigung , kein Hemd, sondern ein Zumutung, die Brusttaschen kratzen, die Ärmel sind mir widerlich, dieses Hemd hat keine Seele, ich sehe aus wie der Preisprüfer eines Kaninchenschauwettbewerbs, ein Lumpen von einem Hemd, dieses Hemd macht mir einen dicken Hals, in diesem Hemd habe ich eine Hühnerbrust, die Knöpfe sind jämmerlich, das Hemd fasst sich widerlich an”, sind nur einige der wenigen Bemerkungen, die der F. in den nächsten Stunden aus der Umkleidekabine greint, raunt, flucht und schnauft. Ich lese die Zeitung und die Verkäuferin schleppt inzwischen mit immer verzweifelterer Miene, unterstützt von einer Kollegin immer neue Hemden heran. Ein Hemd nach dem anderen aber wird vom F. als vollkommen inakzeptabel verworfen. Schließlich stürmt er verdrossen aus der Umkleidekabine heraus. „Hemden schnaubt er, kann überhaupt nur in London kaufen” und dann stürmt er davon.Ich packe die Zeitung ein, lächele die Verkäuferin an und kaufe zehn Hemden des ersten Modells. Schmaler Schnitt, blütenweiß, breiter Kragen, runde Knöpfe, Seidenzwirn aus Frankreich. Die Verkäuferin sieht mich an und räuspert sich: „Kompliziert, ja? „fragt sie, aber ich schüttle den Kopf, „Ach was sage ich, Sie waren noch nie mit ihm Schuhe kaufen.“ Dann suche ich den F. Der ehemalige, geschätzte Gefährte und kommissarische Chefarzt ist in der Lebensmittelabteilung und isst Macarons. „Die sind für dich“, sagt er und schiebt den Teller zu mir herüber. Ich überreiche ihm im Gegenzug die Tüte mit den Hemden.Später im Auto sieht der F. zu mir herüber.”Schreibst Du das alles in Internet?, fragt der F. seufzend. Ich nicke. Der F. seufzt noch einmal wie ein Galeerensklave.Dann sind wir endlich wieder zu Haus.

Der F. probiert die Hemden vor dem Spiegel an und dreht sich vorwärts, rückwärts und seitwärts, zieht am Kragen, öffnet und schließt die Knöpfe, bevor er sich endlich den weißen Kittel über das Hemd zieht.Damals in Göttingen dachte ich mit der Facharztprüfung sei das Schlimmste überstanden, wer konnte da schon ahnen, wie schwer es ist, wird man zum Chefarzt berufen. „Kommissarisch”, ruft der F. aus dem Badezimmer, “nur kommissarisch” und sucht nach Stethoskop, den Schlüsseln und dem Herold für Innere Medizin.

Ein Tag in zwölf Bildern, Dublin

Zum letzten Mal in diesem Jahr. Ein Tag in zwölf Bildern:

The world still dark #1v12 #12von12 #12v12 #earlymorning #dublin #monday #work #herewegoagain

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Eigentlich ist es ja nur früh und sehr, sehr still und bekanntlich mache
ich ja auch die schlechtesten Bilder der Welt.Aber hier beginnt der Tag,
so als ob es doch eine Glaskugel gäbe und in ihr verborgen die Wunder
der Welt. Es ist kurz nach sieben Uhr und von Wundern nichts zu sehen

Thou shall not speak. #2v12 #12von12 #12v12 #library #tcd #font #books #sobeit

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Die Bibliothek bittet um Ruhe, denn hier dürfen nur die Bücher wispern und
wer weiß, vielleicht wechseln sie Nachts ja die Plätze und tanzen Foxtrott oder eine eilige Polka, denn die Bücher, die ich suche sind nicht an ihrem Platz. Man
weiß nichts über das Leben der Dinge

Well. Lunch is not a too great affair these days. #3v12 #12von12 #12v12 #lunch #canteen #leekpotatosoup #marblecake

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Eigentlich würde ich gern sagen, dass dies die schlechteste Kartoffel-Lauch-Suppe ist, die ich je aß, aber ich versuche meinen Studenten immer zu sagen, dass sie vorsichtig sein sollen mit Superlativen. Das beste Buch ist noch nicht geschrieben und sehr sicher, die schlechteste auch noch nicht bereitet. Dies aber war eine am wenigsten ansprechenden Kartoffel-Lauch-Suppen, die man sich nur vorstellen kann, klebrig und zäh und von schlieriger Konsistenz. Über den Kuchen will ich gar nicht erst reden.

We make a plan #4v12 #12von12 #12v12 #planning #work #hereyougomonday

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Am späten Nachmittag treffe ich den B. Wir machen einen Plan und der Plan klingt gut, wenigstens auf dem Papier.

I am devoted to Bramley apples. #6v12 #12von12 #12v12 #bramley #thebestapple #bake #winterindulgence #green

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Ich brauche Bramley Äpfel und die Frau des Krämers daheim im Dorf hat keine mehr
und so eile ich hinüber und kaufe so viele wie in die Tasche passen. Ich mag die Äpfel sehr gern,ihren Geruch nach nassen Sommerwiesen und die ihnen eigene Schwere, niemals vermutete man, dass diese Äpfel butterweich und zart zerfallen. Aber der Priester hat am Mittwoch Geburtstag und wünscht sich einen Kuchen, der nur mit Bramley Äpfeln gelingt.

Dublin has light up #5v12 #12v12 #12von12 #dublin #lights #streetlife

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Dublin ist hell erleuchtet und alle machen Bilder. Jedes Jahr aufs Neue. Ich mache natürlich mit. Glitter and Gold.

Home bound. #7v12 #12von12 #12v12 #commute #irishrail #countryside #tired #commuterlife

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Schon ist es Abend und ich sitze im Zug. Neben mir sitzt eine Frau, die angeregt telefoniert. Dabei schüttelt sie ihre Handgelenke und ihre goldenen und silbernen Armreifen klirren sehr melodiös, zart und doch sehr durchdringend, noch als die Frau aussteigt, ist mir als hörte ich das leise Klingen noch immer dicht und unmittelbar an meinem Ohr

Finally. #8v12 #12von12 #12v12 #home #nightfall #ireland #strangelight #lantern #glow

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Auf dem Weg nach Haus. Würde ich Kriminalfilme sehen, käme der Weg mir wohl wie ein Krimi vor. Aber ich sehe nie Kriminalfilme und richtig dunkel wird es sowieso erst in 200 Metern.

Donal Ryan ist ein grandioser irischer Schriftsteller. Diesen Tonfall vergisst man nie und immer sind seine Geschichten so leise wie schmerzhaft, die Charaktere sie stolpern und straucheln und fallen und er der Erzähler zwingt uns hinzusehen. Es hat etwas erbarmungsloses diese Literatur, aber auch etwas Zartes und vor allem erzählt von einem Irland jenseits des gängigen Klischees.

Dessert. Homemade date-coconut cookie #10v12 #12v12 #12von12 #kosherkitchen #kosherbaking #datecoconutcookie #kosher #pareve #yummy

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Selbst Schwesterchen, die sich aus Keksen nichts macht gibt zu, dass die Dattel-Makronen sehr, sehr gut sind. Sie sind es wirklich.

An fast jedem Abend stelle ich ein Hygiene-Kit zusammen, denn früh am Morgen auf dem Weg zur Arbeit, schlafen so viele Menschen auf der Straße, dass man nicht einfach nur vorbeigehen kann. Vor allem für Frauen ist es schwierig adäquate Monatshygiene zu erhalten und ob auf der Straße ode nicht, es ist ein Recht eines jeden Menschen sich vor sexuell übertragenen Krankheitserregern zu schützen, deswegen sind immer Kondome und Binden und Tampons in den Beuteln neben ganz banalen Dingen, wie Zahnbürsten oder Seife. Trotzdem ist das nur ein Tropfen auf dem heißen Stein und es macht mich so müde wie traurig, dass in Dublin so viele Menschen auf der Straße leben.

Nite-nite #12von12 #12v12 #nitenite #sweetdreams #brushedteeth #theend

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Am Ende des Tages noch einmal Zähne putzen. Ihnen eine gute Nacht.

Andere Tage in zwölf Bildern gibt es wie immer bei Draußen nur Kännchen.

Ein Sonntag im Dezember

Der Tierarzt sitzt am Küchentisch. Glücklich sieht er nicht aus. Der Tierarzt schreibt an einem Aufsatz zum Thema: Der Einsatz von Antibiotika in der Schweinezucht und dann folgt eine lange Reihe sehr komplizierter Fachtermini. Das Notebook vor dem der Tierarzt sitzt, zeigt eine leere, weiße Seite. Der Tierarzt seufzt. Auf dem Küchentisch stapeln sich die Fachbücher und turmhoch sind die Notizen durch die der Tierarzt sich wühlt. Ich sitze in Decken gehüllt auf dem alten, grünen Sofa, denn mir ist kalt. Passend zu meiner roten Nasenspitze, höre ich Schuberts “Winterreise”  und schlürfe sehr, sehr heißen Earl Grey Tee. Auf meinem Schoß liegt ein belangloses, aber mich über die Maßen erheiterndes Buch aus dem 19. Jahrhundert. Dann und wann esse ich ein Stück Nussschokolade und sehe hinüber in die Küche. Dort tigert der Tierarzt inzwischen zwischen Herd und Spüle hin- und her und murmelt unverständliche Sätze und rauft sich die Haare, bevor er erneut den Küchentisch umkreist. Caged animals pace. Children fidget. A gentlemen sits quietly lese ich dem Tierarzt vor. Der Tierarzt grunzt nicht unähnlich seinen Studienobjekten und faucht: „Sehr hilfreich Read On“. „Das dachte ich mir Tierarzt“, sage ich milde lächelnd, wenn auch sehr, sehr fröstelnd. Der Tierarzt setzt sich erneut an den Tisch und jammert: Die Abgabefrist sei von unmenschlicher Kürze, das Thema von epischer Breite, die anderen Tierärzte viel klüger und überhaupt hätte er im August beginnen müssen, die Notizen der letzten zwei Jahre zu ordnen. The perfect gentleman rufe ich vom Sofa herüber keeps his affairs in order at all times. Der Tierarzt wirft das Plumb’s Veterinary Handbook nach mir. Das Buch landet einen halben Meter vor dem Sofa. The perfect gentleman verlese ich never looses sight of his goals. Der Tierarzt kommt ins Wohnzimmer und vorsorglich bewaffne ich mit einem Quastenkissen, aber der Tierarzt knurrt nur misssmutig und selbst die Katze, die den Tierarzt abgöttisch als sei er Anubis selbst verehrt, wird nur kurz getätschelt und der Tierarzt kehrt zurück an den Küchentisch. Dann ist es still. Der Tierarzt hackt frenetisch in die Tastatur und ich wechsle von der Winterreise zu Schuberts Vertonung von “Auf dem Wasser zu singen” Eines jener Lieder über die ich mich nie habe beruhigen können, immer ist mir als zöge das Lied mich mit hinaus aufs Wasser und von dort aus immer nur weiter und weiter in die Unendlichkeit: Morgen entschwinde mit schimmerndem Flügel/ Wieder wie gestern und heute die Zeit. Darüber schlafe ich ein und als ich erwache, sitzt der Tierarzt neben mir auf dem Sofa. Eine Zumutung von Text sei es klagt er, noch nie sei Dümmeres und schlimmer noch Banaleres geschrieben wurden als von ihm in diesem Aufsatz, der eine Schande für die ganze Zunft sei und wahrscheinlich drohe ihm der baldige Entzug der Approbation. Seinen Namen müsse er ändern, das Land verlassen, die Praxis aufgeben und am besten als Schafscherer in Neuseeland anheuern. Ich schlage das Buch auf und richte mich auf: Life is not theatre, ballet or opera. Scenes belong on the stage. Der Tierarzt sieht mich entsetzt an. Du bist, beginnt er und schnappt nach Luft wirklich, aber bevor er noch unmöglich rufen kann, falle ich ihm ins Wort: Curiosity about womenfolk is a luxury a perfect gentleman can not afford. Der Tierarzt schüttelt den Kopf. “Ich weiß wirklich nicht, warum ich dich so mag.” A perfect gentleman has a clear conscience at all times, erwidere ich und schäle mich seufzend aus dem Deckenberg, schütte den kalten Tee in den Ausguss, bedauere nicht mehr Nussschokolade gekauft zu haben, stoppe den Plattenspieler und suche nach einem Lesezeichen für das so erquickliche Buch. „Dann lass uns deine Notizen mal besehen“, sage ich zum Tierarzt und schon sitzen der Tierarzt und ich am Küchentisch und sortieren Notizen und Aufzeichnungen, der Tierarzt seufzt und isst aus Verzweiflung mehr Kekse und Kuchen als er sonst je täte und immerhin das ist ein Lichtblick an diesem ansonsten recht trüben, und nasskalten Sonntag, der ganz unter dem Zeichen des Schweins und der Wissenschaft steht.

Kaffee im Wartesaal

Ein Treffen mit einem mir zutiefst unsympathischen Kollegen in einem Coffeeshop. Natürlich ist er noch nicht da. Ein scheußlicher Ort. Eine Mischung aus Raststätte und Altenheimcafeteria. Das Mobiliar aus schwarzem, quietschenden Kunstleder, eine traurige Palme an der Wand repräsentiert wohl das Konzept Wohlfühloase. An den Wänden großflächige Fotografien an denen Menschen jauchzend vor Kaffeetassen sitzen. An der Kasse eine lange Schlange von Menschen, die versuchen die absurden Namen der Getränke herbeizubuchstabieren. Die Mitarbeiter ausnahmelos aus Osteuropa versuchen verzweifelt, die absurden Namen an den Barista, so steht es auf einem grauen T-Shirt gedruckt, weiterzugeben. Ein aussichtloses Unterfangen, denn keiner derjenigen in der Schlange entsinnt sich mehr ob sein Kaffee nun „Super-Festive-Almond-Mocha-Frappucino-Mint-Cherry“ heißt oder Mint-Cherry-Super-Almond-Festive-Mocha. Mit versteinerten Mienen balancieren die Wartenden ihre Tassen zu den Tischen. Alles wird in abstrus großen Tassen oder Gläsern serviert. Es hat etwas von einer Gesellschaft von Riesen, die hier verköstigt werden soll. In der Wirklichkeit aber sitzen nur erschlaffte Menschen vor den Tassen und starren in die sahnebehäufte See vor ihnen auf dem Tisch. Eine Gruppe von Chinesen, wohl auf dem Weg zum Flughafen legt ihre Köpfe auf die Tischplatte und ist auch nicht durch die lauthals plärrende Musik („Driving home for Christmas“ – immerhin passend zur Raststättenatmosphäre), die aus den Lautsprechern kreischt, zu stören.

Vielleicht sind diese Orte ja die neuen Bahnhofcafés, gedacht nur für Durchreisende und keinesfalls zum Bleiben einladend. Mit den Cafés des alten Europas hat dieser Ort nichts mehr zu tun. Es hängen keine Zeitungen mehr aus und die alten Ober, die Gäste so gekonnt zu ignorieren wussten und in einem Winkel Tarock spielten, mag es noch in einer vergessenen Straße Budapests geben, aber nicht mehr hier. Hier gibt es nur noch Servicekräfte, die in einer unendlichen Reihe verschlissen werden und immer warten schon die Nächsten, die noch länger für noch weniger Lohn bereit sind zu arbeiten. Niemand sagt hier „Guten Morgen, gnä Frau“ und auch die Kellner, die in diesen Cafés dann und wann an der Bar ein Schlückchen Wermut tranken sind lange schon wegrationalisiert.

Am Tisch neben mir setzen sich derweil Mutter-Vater-Kind. Der Buggy ist schwer beladen mit Tüten voller Geschenke. Der Vater reiht sich in die lange Schlange ein und die Mutter schiebt ihr Telefon zum Kind herüber, dass obwohl noch klein dort sofort Geräusch erzeugen kann. „Peppa Pig“ kreischt es begeistert und die Mutter nickt erschöpft. Der Vater schließlich kommt zurück, schwer beladen mit einem Tablett und man sieht all das kommen, was dann auch so kommt. Die schweren Tassen geraten ins Rutschen, kleine Kinderhände greifen nach der monströsen Kakaotasse, die Tasse ist zu schwer für eine kleine Kinderhand und zerschellt auf dem Boden. Kakao überall, Geheul. Die Eltern sind versteinert, eine der jungen Frauen kommt mit blauen Zellstofftüchern und wischt beharrlich Kind und Tisch ab. Dann kehrt sie die Scherben zusammen und rennt zurück hinter den Tresen. Die Familie schließlich verlässt geschlagen von zu großen Mächten das Café. Don Quixote und Sancho Pansa hätten nicht trauriger durch Kastilien ziehen können, als dieses traurige Gespann mit der schwer beladenen Rosinante. Indes fällt die Tür die den Abfallbehälter verdecken soll mit lautem Scheppern auf den Boden. Die Angestellten aber haben kein Werkzeug und die junge blonde Frau lehnt die Tür resigniert gegen den Mülleimerschrank. Dann endlich kommt der Kollege, auch er reiht sich in die lange Schlange ein und als er mit Kaffee zum Tisch zurückkehrt, reibt er sich die Hände: „ Ganz schön hier nicht wahr? Schon richtig weihnachtlich.“

Im Dunkeln

Immer ist es dunkel. Am Morgen, wenn ich aus dem Haus gehe ist es noch dunkel und kehre ich am Abend zurück ist es schon wieder dunkel. Die Dunkelheit hat kalte Hände. Nur zwei der Straßenlaternen im Dorf gehen noch, die anderen sind längst verloschen.Nur die ganz Alten im Dorf erinnern sich noch an die Zeiten als die ganze Dorfstraße beleuchtet war. Ihre Erzählungen variieren. 20 Jahre ungefähr, da kommt es auf ein Jahr weniger oder mehr auch nicht an. Es sind 900 Schritte vom Oberland ins Unterland. Die Dunkelheit verschluckt alle meine Schritte und sehe ich auf meine Zehenspitzen ist mir, als hätte mir jemand ein schwarzes Tintenfass über die Stiefel gekippt. Alle Fenster sind dunkel. Nur im einzigen Lebensmittelladen des Dorfes brennt Licht. Die Frau des Krämers fegt die Backstube aus. In der Fensterscheibe flackert es schwarz und weiß. „Was ist das Frau des Krämers?“ frage ich sie und zeige auf die merkwürdigen Gebilde. „Aber Fräulein Read On, sagt sie, das sind blinkende Schneeflocken.“ Ich sehe es nicht, aber ich nicke. Auf dem Weg zum Bahnhof legt sich die Dunkelheit wie ein schwerer Schal um mich herum. Pechschwarz ist die Welt und ob auf dem Dachfirst des Bahnhofes wirklich Krähen hocken oder doch nur der Nachtmar lacht, kann ich nicht sagen. Eines von beiden wird es schon sein. Im Zug ist die Dunkelheit ein dichter Vorhang, schwerer Brokat vielleicht oder auch nur ein alter Samtvorhang, der vor vielen Jahren einmal vor dem Eingang eines Zirkuszelts hing. In der Stadt bricht der Tag dann an, aber immer ist das Licht nur verhalten, nur eine müde Entschuldigung für die immer schon in den Schuhen stehende Dunkelheit, die dem Tag den Atem nimmt. Zurück am Abend, zurück durch die dunkle Straße, drehe ich das Licht überall an. Den Leuchter im Wohnzimmer, die Schlafzimmerlappe, das Oberlicht in Küche und Bad, die Stehlampe im Arbeitszimmer und auch die schwere Messinglampe im Flur schalte ich ein. Trotzdem, die Dunkelheit spiegelt sich heller als das Licht im Zimmer und auf dem Dielenschrank sitzt schon die Schwärze, sie kriecht zu mir auf den Küchentisch und als es an der Terrassentür klopft, glaube ich für einen Moment, dass die Dunkelheit selbst nun vorstellig wird und Hut und Stiefel in das Zimmer wirft. Es ist aber nur der Priester, der in seiner schwarzen Soutane, einem Chamäleon gleich, ununterscheidbar von der Dunkelheit fragt: „Fräulein Read on, habe ich sie erschreckt?“ “Ein bisschen, Priester” sage ich und deute in Richtung Tisch: „bleiben sie zum Essen?“ Der Priester nickt, aber erst einmal braucht er eine Taschenlampe. Das Licht im Kirchhof ist ausgegangen. Dann kommt der Tierarzt und für eine Weile verzieht die Dunkelheit sich. Später erst als ich im Bett liege kehrt die Dunkelheit zurück. Legt sich wie ein dunkelschwarzes Gefieder auf mich und drehe ich den Kopf zum Fenster sehe ich nur schwarze Kälte und nicht das Meer. Das leckt vielleicht schon an meinen Füßen, aber so schwarz ist mir vor Augen, dass ich nichts mehr sehe vor lauter Dunkelheit.

Zehn Minuten

Die Sonne kommt und mit ihr spätes Sonnenlicht. Honiggelb und strahlend schön, steht die Sonne plötzlich und ganz unerwartet vor mir auf dem Fensterbrett. “Komm” sagt sie und macht mir schöne Augen. Das funktioniert bei mir ja immer gut. Zwei Minuten also lang und kostbar lege ich mich in die Sonnenstrahlen. Leuchtend gelb fährt mir die Sonne durch die Haare und malt mir auch die Lippen golden. “Prinzessin aus dem Morgenland” sagt sie mir zum Abschied leise und dann ich sehe ihr schon wieder nach. Schon biegt sie um die nächste Ecke und bestimmt küsst sie längst andere Lippen und verfängt sich bald in anderen Haaren. Zurück bleibt etwas goldener Flitter und zwei Minuten Seligkeit.

1Minute und 51 Sekunden telefoniere ich mit Schwesterchen: „Ich wollte nur deine Stimme hören“ sage ich. „Steht mir lilafarbener Samt?“ fragt Schwesterchen. (Jetzt bloß keine zu lange Pause machen). „Du bist wunderschön.“ Kann das eine falsche Antwort sein? „Nicht das ich aussehe wie eine Pflaume im Speckmantel?“, fährt Schwesterchen fort. „Ach was“ sage ich. „Dachte ich es mir doch’“, sagt Schwesterchen klagend und schwört das Samtkleid in die hinterste Schrankecke zu verbannen. „Ich dich auch“ sage ich und lege auf.

2,5 Minuten lang esse ich einen kleinen gelb-grünen Apfel aus dem Berliner Garten, den ich besonders mag. Reichlich unansehnlich ist der Apfel, mit seiner gefleckten Schale, aber nimmt man es nicht so genau mit der Schönheit, dann liegt im Apfel der ganze Sommer und während man kaut und schluckt, spielt ein lustiger Pan auf der Flöte, singen die Flusselfen von langen Nächten und wird der Boden unter den Füßen warm. Saftig und zart ist der Apfel und kaum habe ich ihn aufgegessen, wünschte ich mir, ich hätte einen zweiten in die Tasche getan, aber leider ist dem nicht so und der Sommer so schnell vorbei wie er kam.

2 Minuten und 20 Sekunden lang höre ich dieses Lied. Es ist eines der wenigen Lieder, welche ich pfeifen kann. Dafür pfeife ich es oft und immer sehr beherzt. Ich konnte vor diesem Lied überhaupt nicht pfeifen, aber glaubte mit diesem Lied auf den Lippen jemanden sehr beeindrucken zu können. Ich übte stundenlang. Was man für Zeit hat, wenn man nur genug verliebt ist! Am Ende der Geschichte sah der Mann für dessen Herz ich pfiff weiter durch mich hindurch, aber seitdem liegt dieses Lied auf meinen Lippen. Danke auch dafür, Wolf Biermann.Ein Hoch auf Sie und Ihre Drahtharfe an allen Tagen aber heute ganz besonders laut.

Eine Schrecksekunde lang glaube ich, mein Schlüssel sei verloren, dabei liegt er neben mir auf dem Tisch.

Ich esse ein Stück Nussschokolade und binde mir-Tollpatsch der ich bin- die Schnürsenkel zu. Länger als eine Minute, sollte dies nicht gedauert haben.

Für immerhin fünfzehn Sekunden denke ich darüber nach wie banal dieser Text doch ist, wie immer aber bin ich zu müde, um daraus wirklich Konsequenzen zu ziehen.

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Dann sind zehn Minuten um und ich muss weiter.