Die Ordnung der Dinge im Chaos der Zeit ( II )

Es hat wirklich sehr lange  gedauert bis ich den zweiten Einkaufszettel gefunden habe, denn ich finde sehr selten Dinge. Es gibt Menschen, die finden alle Tage etwas: Münzen und Taschenuhren, Biedermeierstühle am Straßenrand, Kaviardosen aus Odessa oder auch nur einen glänzenden Knopf auf der Straße. Ich hingegen suche zwar immer irgendetwas, aber noch während ich nach der Brille suche, habe ich die Zeitung verloren oder das Zopfgummi unauffindbar verlegt. Gestern aber, ich war gerade im Begriff eine Karte in den Postkasten zu werfen, da sah ich auf der Straße zwischen zwei alten Kienäpfeln einen blauen Zettel liegen und siehe da es war ein ganz und gar formidabler Einkaufszettel.

IMG_1963

Hier kommt Besuch. Der Besuch hat Ansprüche. Vielleicht der Sohn aus Stuttgart mit der schwierigen Freundin, die Weihnachten noch vegan lebte, jetzt aber auch wieder Käse isst. Mit Italienisch kann dich nicht viel schief gehen? Hoffentlich ist es das gute Olivenöl noch nicht aus. Schließlich haben die Nachbarn einen eigenen Olivenhain irgendwo im Süden und haben sich auf ein Glas Sekt eingeladen. Balsamico. natürlich, die Nachbarn sagen ohne Balsamico ist man kein Mensch. Na, die werden sich wundern und so viel Italienisch wie die können wir schon lang. Wein, ich habe ja gleich gesagt wir haben nicht mehr genug Wein im Keller und der Sohn ist ja taub bittet man ihn um drei Kisten aus Baden. Ach,Wasser hat der Mann ja gestern schon eingeholt. Wenigstens etwas.
Auf jeden fall Limetten. Wozu wird man noch sehen. Schließlich muss man ja auch etwas anbieten. Den Nachbarn und auch nicht dem Sohn kann mit mit einfachem Mozzarella kommen. Piekfein soll es sein. Oder wenigstens mit edler Note. Man muss sehen wo man bleibt.
Aber am Sonntag da machen wir Spargel. Spargel kauft man resch auf dem Markt und nicht im Supermarkt am Eck. Petersilie bloß nicht die Petersilie vergessen. Tante Hannelore ( es bleibt einem nichts erspart ) besteht auf Petersilienkartoffeln und wenn Tante Hannelore auf etwas besteht, wackeln die Wände. Schon als Kind hat die Tante ein ganzes Ausflugslokal zusammengeschrien als die Kartoffeln blank in der Schüssel lagen und scheut sich nicht dies auch daheim zu tun. Was soll denn da nur die empfindliche Freundin denken? Kochschinken natürlich, schon immer hat Kochschinken zum ersten Spargel des Jahres gehört. Soll die Freundin doch das Gesicht verziehen. Tradition ist Tradition. Spargel ohne Kochschinken ist kein Spargel. Da kann man auch Luft essen und am Spargel ist ja auch nichts dran außer Wasser. Butter auf jeden Fall. So etwas vergisst man ja immer.
Kartoffeln, hoffentlich hat es schon Frühkartoffeln. In Stuttgart gibt es auf dem Markt bestimmt schon Kartoffeln aus dem Languedoc. Aber der Sohn arbeitet ja soviel, immer schon war er ein so fleißiger Bub, da wird er sich nicht um die rechten Kartoffeln kümmern können und die empfindliche Freundin meidet Kartoffeln ja ohnehin wie Weizen. Dafür will sie natürlich zum Frühstück Cranberrysaft haben. Was ich damit für eine Rennerei habe, das ist natürlich egal und das wir alle, selbst Tante Hannelore schon seit dem 1960er Jahr jeden Morgen ein Glas Grapefruitsaft zur Semmel trinken, dass zählt natürlich nicht. Nein für die Dame muss es natürlich Cranberrysaft, am liebsten noch handgepresst aus Kalifornien sein. Aber das kommt mir nicht in die Tüte. Irgendwann muss auch mal Schluss sein. Aber man will sich ja auch nicht vorwerfen lassen, das man die Wünsche der erwählten Herzdame nicht respektierte und immer noch der Susanne nachtrauere. Die Susanne war aber auch wirklich eine ganz Liebe. Die brauchte keine Extrawurst und hat auch ihr Messer nicht abgeleckt. Selbst Tante Hannelore war ganz begeistert von der Susanne und das will was heißen. Die Tante Hannelore hat ihrerzeit einem Verehrer in die Hand gebissen, als der der ihr erst ewige Liebe schwor, nur um dann sogleich sein Glück an ihren Blusenknöpfen zu versuchen. MAn kann viel sagen gegen Tante Hannelore aber Prinzipien, ob nun bei Petersilienkartoffeln oder beim Küssen, die hat sie. Das habe ich ja auch immer dem Sohn gesagt: Junge, Prinzipien muss man haben im Leben.“ Aber die Kinder machen ja ohnehin was sie wollen. Auf jeden Fall Eier. Eine ganze Kiste am besten. Neben dem Burrata mit Tomaten und Olivenöl. müsste man noch gefüllte Eier anbieten. Es wird ja geredet! Dann braucht es Eier mit Speck am Montagmorgen. Der Wein und Sekt will ja verdaut werden. Der Sohn will Pfannkuchen statt Semmeln und für einen raschen Kuchen gehen schnell einmal vier Eier drauf. Außerdem soll der Sohn ruhig ein paar hartgekochte Eier mit auf die Reise nehmen. Ach, der Herr Gemahl hat nun doch schon Eier mitgebracht. Ich hoffe der Rasen ist gemäht. Die Nachbarn haben ja längst schon einen Rasentrecker.Auf jeden Fall Schokolade- Bloß die Schokolade nicht vergessen. Man muss auch an die eigenen Nerven denken. Das muss man wirklich. Die Nachbarn, der Sohn, die empfindliche Freundin und Tante Hannelore, am besten gleich zwei Kilogramm und halbstündlich einen Ausflug in die Speisekammer.

Vielleicht ist auch alles ganz anders und Tante Hannelore verabscheut Petersilie von ganzem Herzen, die Tochter kommt aus Uruguay und der Kochschinken fehlte noch zum Toast Hawaii.
Leider und zu meinem großen Bedauern bloggt  Frau Wiesenraute , die doch das Genre der Einkaufslyrik etablierte nicht mehr.

Das Fräulein ist recht schadenfroh.

FullSizeRender-25

Nein, ich gebe es offen zu ein angenehmer Zug meines Wesens ist es nicht: und doch nach der ewigen Pessachputzerei, dem gähnend leeren Brotfach, der Überzahl an gekochten Eiern und dem schauderhaften Rezept für Selleriesalat, den die A. mir empfohlen hatte, und einer gewissen Grundmiesepetrigkeit darüber, dass die gesamte Familie nach Israel reiste und nur ich zurückblieb und der Seder-Abend zwar durch Kälbchen, den Tierarzt und den Priester erhellt wurde, aber nicht das war, was ich gern gehabt hätte, tragen noch zu dieser Lust an hundsgemeiner Schadenfreude bei. Zudem reist der Tierarzt erst morgen an und als ich den Einkaufskorb schnappte, schlief der ehemalige geschätzte Gefährte noch selig und so konnte ich voller Glück und Seligkeit meinem gemeinen Wesen freien Lauf lassen. Mit dem Fahrrad nämlich radelte ich nicht wie sonst üblich gleich zum Markt, sondern in einen Supermarkt. Der Supermarkt ist am Gründonnerstag um 10 Uhr ein wahres Fest für Menschen wie mich, die nach den Dramen anderer Familien und  ihrer Feiern lechzen. So sie heute morgen also ein Fräulein in Mantel und Tuch und pinken Schuhen sehr langsam mit einem roten Korb durch den Einkaufsmarkt haben wandern sehen, so war das sehr wahrscheinlich niemand anders als ich selbst.

Schon am Gemüsestand- ich inspizierte Avocados zur Tarnung-, wurde ich fündig. Ein älteres Ehepaar-er mit Segelschuhen und blauem Matrosenpullover um die Schultern geschwungen- und sie mit in die Haare geschobener Sonnenbrille funkelten sich über kilometerlange Einkaufszettel an- „Deine Tochter“ schrie er während er empört eine Orange schüttelte: „Deine Tochter hat in ihrem Leben noch nie nicht am Essen gemäkelt. Wir schulden ihr gar nichts. “ Seine Frau aber weiß, wer jetzt nachgibt, hat auf immer verloren: „Dein Sohn“ ätzt sie zurück „duscht so lang wie alle meine drei Töchter zusammen.“ Ihrem Mann fällt die Orange aus der Hand. „Jetzt ist mein Sohn schuld, ja?“ Sie steht mit verkniffenen Lippen vor den Auberginen und wirft wahllos Salatköpfe in den Einkaufswagen. Er indes streicht den Posten Orangen vom Einkaufszettel und stapft in Richtung Käseregal. Und auch ich laufe weiter. Weit muss ich nicht gehen. Vor dem Regal mit gefärbten Eiern stapelt ein Mann Eierkarton um Eierkarton in den Einkaufswagen. „Mehr, mehr wir brauchen mehr Eier, Günther“ feuert sie ihren Mann an. Der sieht nach dem fünften Karton skeptisch zu ihr herüber. „Echt jetzt?“ Sie nickt bekräftigend. „Ick will aber nich bis Pfingsten die Eier uffessen“, sagt er, aber sie winkt nur ab. „Dein Vater, sagt sie, mit seine vier Hunde, hat sich letztes Jahr uffjeregt ohne Ende, dit wir keine Nester im Garten mit Eiern hatten für die Viecher. Dit mach ick nicht noch mal mit. „Der Mann der Günther heißt und auf dessen dunkler Jogginghose ein Löwe sein Maul aufreißt, lädt weitere Eierkartons in den Einkaufswagen. „Die Scheißköter“ höre ich ihn murmeln als ich vorbeigehe. Ein Drama ganz anderer Natur spielt sich am Stand mit den Lindt-Hasen ab, eine ältere Dame, zählt ab: zehn Lindt-Hasen braucht siefür:LEOANNIKAJOHANNAJAKOBTHEALIAYANNICKPETERMAJALEA. Das Lindt-Regal jedoch weist schon große Lücken auf. Zwar gibt es noch Hasen mit goldenem Glöckchen, doch es gibt nicht mehr zehn Hasen, die identisch gleich groß sind. Sondern nur noch Zwerg- oder Riesenhasen. Die alte Dame steht wie vom Blitz getroffen vor dem geplünderten Hasenregal und sieht das Drama, das sich entfaltet wenn LEOANNIKAJOHANNAJAKOBTHEALIAYANNICKPETERMAJALEA realisieren, dass ihr jeweiliger Hase kleiner oder größer ist als derjenige der anderen. Denn auch großmütterliche Liebe will bewiesen werden und wird aufgewogen in Schokoladenhasen eingewickelt in goldenes Staniolpapier und einem Glöckchen mit rotem Band um den Hals. Die alte Dame jedenfalls ist zu allem entschlossen, den familiären Ernstfall: „Du hast mich nie geliebt und selbst deine Enkelkinder liebst du weniger als die des Goldsohnes“ gilt es unbedingt zu vermeiden. Hektisch und mit roten Flecken auf den Wangen, sucht sie erst eine Verkäuferin, die abweisend den Kopf schüttelt: „Dit sind die Letzten.“ „Da kommt nüscht mehr nach.“ Die alte Dame aber ist zu allem entschlossen. Sie beginnt sofort andere Ostereinkäufer, in deren Wagen auch Goldhasen sitzen anzusprechen und größere wie kleinere Hasen gegen ihre mittelgroßen Wunschhasen einzutauschen. Auch ich tausche meinen Hasen gegen einen der ihren ein. Noch einmal zählt die Dame durch und endlich geht die Rechnung auf und für
LEOANNIKAJOHANNAJAKOBTHEALIAYANNICKPETERMAJALEA gibt es je einen identischen Hasen. Die Frau atmet durch, sie sieht aus als hätte sie einen Marathon absolviert, fester umklammert sie den Einkaufswagen und murmelt entschlossen: Milka-Eier: Vollmilch, Zartbitter, keine weiße Schokolade. Es klingt wie ein Stoßgebet. Wahrscheinlich ist es das.

Am Fleischstand an dem ich mich unauffällig vorbeischlängele, holt ein Frau Hahn ihre Bestellung ab. „13 Paar Weißwürste“ ruft der Fleischhauer ihr zu:“Dit is richtig wa?“ Die Frau nickt. Der Fleischhauer aber bleibt ungläubig. „Dit sind ganz schön viele, wa!“ Die Frau mustert ihn ungerührt, während sie die Tüte mit den Würsten entgegen nimmt. „Haben Sie eine Schwiegermutter?“, fragt sie den Fleischhauer schließlich. Der nickt. „Eben darum“ sagt sie und Rache kann nicht nur süß, sondern auch ein Paket voller Weißwürste sein.
Ich lächele milde und gehe weiter. Über die Tiefkühltruhe unterhalten sich zwei Pärchen. „Was macht ihr Schönes“ fragen sie sich gegenseitig, in dieser aufgeräumten Tonlage, mit denen man sich das eigene Leben schönzureden versucht. „Osterbrunch am Samstag“ seufzt der Mann bei „ihren Eltern“ und nickt in Richtung seiner Frau. „Mit der Schlagerparade“ seufzt sie zurück, nur um gleich zu drohen: „Weihnachten waren wir ja bei ihm, das war auch kein Fest.“ Er schmollt beleidigt. Das andere Pärchen lächelt honigsüß. „Meine Frau“ sagt sie und legt ihre Hand auf die Schulter der Frau im violetten Kleid neben ihr, hat uns ein Überraschungswochenende in Heiligendamm gebucht. Wir brauchen nur ein bisschen Reiseproviant.“ Das andere Pärchen lächelt nicht mehr, sondern bemerkt mit dem letzten Rest an Kraft und Willen: „Ach ihr seid zu beneiden, wir planen das auch Jahr für Jahr.“ Ciao und Tschüssi. Luftküsse knallen über die Tiefkühltruhen hinweg. Die beiden Frauen, die Hand in Hand zur Kasse schlenkern haben das vorösterliche Gesellschaftstennis haushoch für sich entschieden.

Dann stelle auch ich mich an eine Kasse an. Vier Lindt-Hasen und zwei Avocados lege ich aufs Band. Hinter mir streitet eine Frau mit ihrem Sohn. „Das kann doch nicht dein Ernst sein“,“ sagt sie und zeigt auf das Band: „Toastbroat und Nutella und das zu Ostern.“ Doch ihr vielleicht 16 jähriger Sohn zuckt nur ungerührt mit den Achseln. „Feiertage sind zum Schlafen da“, sagt er und gähnt überdeutlich. „Undankbare Brut“ murmelt die Mutter und lädt weitere Lebensmittel aus dem Wagen. Ich aber schwinge mich vergnügt aufs Rad und fahre zum Markt. „Nein, für mich noch kein Brot“ rufe ich dem Bio-Bäcker zu und kaufe Gemüse bei Herrn Yilmaz ein.
Fast ist mir als pfiffe ich ein fröhlich-schadenfroh ein Lied, während ich zurück nach Hause radle, denn leider, leider vertreibt nichts meine Pessachmüdigkeit und meinen Seder-Kummer so gut wie ein wenig vorösterliche Schadenfreude es vermag. Sie haben Recht, und ich kann es Ihnen nicht verdenken, schüttelten sie den Kopf und sagten: „Nein Fräulein Read On, dies schickt sich nicht.“ Natürlich haben Sie Recht, aber vergessen sie nicht, morgen haben die Geschäfte zu und der Schwiegervater freut sich schon so.

Der Herrenreiter

Still liegt die Straße vor mir im frühen Morgenlicht.Es ist kurz nach halb Sieben. Die Pendler haben sich in alle vier Winde zerstreut und auch ich gehe mit Büchern bepackt die Straße hinunter.Eine Kehrmaschine fährt kreiselnd über das Pflaster, ein Zeitungsverkäufer sperrt seinen Kiosk auf und die Gemüsehandlung am Eck bekommt Tomaten geliefert. Halb sieben Uhr ist es erst und der Tag selbst gähnt noch ein wenig und ich gähne auch, ja selbst der Mann vom Zeitungskiosk reckt sich und streckt sich. Blank ist der Morgen, milder Himmel und blasses Licht, eine Ecke Morgenrot sogar und in den Blumenkübeln recken die Stiefmütterchen ihre Köpfe. Schon biege ich nach links und passiere das alte, ehrwürdige Dubliner Postamt, noch heute kann man dort Briefmarken kaufen, vor allem aber erinnert es an das Anfang vom Ende der englischen Kolonialherrschaft in Irland. Noch einmal gähne ich und plötzlich vernehme ich hinter mir ein leises Surren, ein Zischen gar.
Kaum drehe ich mich um, wird mir alles klar: hinter mir nähert sich ein Herrenreiter. Nein, die Herrenreiter des Jahres 2017 kommen nicht mehr auf einem schwarzen Rappen daher, sie tragen keinen schwarzen, hohen Zylinder wie einstamls die Herrenreiter die am Morgen durch den Hyde Park preschten oder Unter den Linden entlang galoppierten. Aber ein Herrenreiter ist er doch, der Mann auf dem Fahrrad, der sich mit leisem Surren nähert. Wie die Herrenreiter anderer Tage sitzt er aufrecht und mit geschwellter Brust auf seinem- nun eben stählernem Ross- Cannondale steht in blitzenden Buchstaben auf rotem Lack geschrieben. Cannondale ist heute das, was einmal der Schimmel Wotan war. Während jener schnaubte, quietschen die Bremsen, denn was ein Herrenreiter ist, der bremst nur in letzter Sekunde vor dem Kisten schleppenden Lieferanten. Denn ein echter und wahrer Herrenreiter, der kennt nur vorwärts und niemals zurück. Keine Konfrontation ist dem Herrenreiter zu gering und während Wotan am Zügel stieg, bricht vom Cannondale eben das Hinterrad aus. Ein Herrenreiter gibt kein Pardon. Was dem Herrenreiter warmes Kulmbacher Bier und eine behagliche Zigarre waren, das ist dem Herrenreiter der Neuzeit die glimmende Zigarettenspitze, die er im hohen Bogen auf das Pflaster wirft. Soll doch die Kehrmaschine sich mit solchen Kleinigkeiten befassen. Hier sprengt ein Herrenreiter vorbei. Der Herrenreiter- so wandeln sich die Moden- aber trägt keine Lederhandschuhe mehr, sondern riesige Kopfhörer auf den Ohren, daraus dröhnt lauter Gesang. Ein Herrnreiter will schließlich angekündigt werden, prescht er hoch zu Ross dahin. Alles andere wäre Verschwendung, natürlich trägt der Herrenreiter keinen Helm. Wie alle Welt weiß, ist nichts leichter zu kränken als die Ehre eines Herrenreiters.
So prescht der Herrenreiter auch am bücherschleppenden Fräulein vorbei. Er sitzt nicht im Sattel, nein er thront, alles an ihm ist Anspannung und Muskelspiel, ist gezähmter Wille und mühelose Eleganz, dass dabei das Fräulein zur Seite springen muss, nehme nicht Wunder, denn wenn einst Wotan am Zügel stieg, mussten die Gouvernanten mit Hans und Franz und Grete am Arm eben in die Pfütze springen. Seit wann hat sich je ein Herrenreiter mit solchen Lässlichkeiten abgegeben? Schon hat der Herrenreiter mich überholt, sein Können stellt er in Schlangenlinien und gewagten Kurven unter Beweis, selbst die Möwen verziehen sich krächzend auf die Bäume. Alles stehe und staune: ein Herrenreiter weilt unter uns.
An der nächsten Querstraße aber verläuft die Trambahn, die hier auf den hübschen Namen LUAS hört quer zum Straßenverlauf und justament biegt Selbige um die Ecke. Ist dies nun ein Grund für einen Herrenreiter hoch zu Ross, beflügelt vom milden Morgen und lauter Musik, vom schneidigen Cannondale über Stock und Stein getragen ein Grund abzubremsen, ja gar anzuhalten? Dies entspräche vielleicht der Natur eines ängstlichen Fräuleins, auf dem Rücken eines Ponys klammernd aber doch niemals einem wahren und echten Herrenreiter. Hätte denn Wotan jemals gezögert, ginge es darum ein Rennen zu gewinnen? Nein, nein und dreimal nein. Gemäß des alten Herrenreiterehrenkodexes also legt auch dieser,unser morgendlicher Herrenreiter alle Kraft in die Pedale, das Rad bricht vorwärts, die Speichen klirrren, gut geölt zischt die Kette, ein höherer Gang, da mag die Trambahn auch noch so vorwurfsvoll schellen- ein Herrenreiter will vorbei- vorübergebeugt wie bei einer Hatz im Englischen Garten liegt der Herrenreiter über dem Lenker, doch oh- das Rennen ist schon verloren und mit einem dumpfen RUMS knallt der Herrenreiter gegen die Trambahn.
Das Cannondale hat seinen Reiter abgeworfen und liegt mit verdrehtem Lenker und rotierenden Reifen auf der Straße. Es ist als hätte der schöne Wotan sich die Fesseln verstaucht. Ach, Herrenreiter! Ach, Cannondale, welche Weh.
Hinzu kommt der fluchende Trambahnfahrer, dessen Achtung vor Herrenreitern deutlich zu wünschen übrig lässt. Keine Achtung, kein Benehmen: „Freundchen“, dir will ich es geben!, statt Bewunderung für den Schneid des Herrenreiters. Wäre dies 1900 so wäre die Trambahn einer Brauereiwagen gewesen und der Bierkutscher hätte Schwielen an den Händen und beim Wort Polizei nur gelacht. Hier aber setzt es weitere Flüche und Häme dazu. Tritt da der Trambahnführer nicht auch gegen das gestürzte, jämmerlich daliegende Cannondale? Ein Schmock, der sich an Wotan vergreift. Der Herrenreiter inzwischen berappelt, und offensichtlich- das Glück ist den Herrenreitern gewogen- ohne größeren Schaden, keift ganz nach Herrnreiterart zurück. Doch auch die Trambahn scheint unversehrt. Inzwischen hupen Autos ob der versperrten Straße und mit grimmigen Blick kehrt der Trambahnfahrer ins Führerhaus zurück. Dann ruckt die Bahn an. Der Herrenreiter aber ist ein Bild des Jammers, wo eben noch stolze Schönheit war, ist nun geducktes Elend. Die Kopfhörer zerborsten, die Jacke voll Straßendreck, aber ein Herrenreiter trägt seine Blessuren mit Würde und kennt keinen Schmerz.
Schlimmer jedoch wiegt der Zustand des Cannondale. Eine dicke Acht hat das Vorderrad davongetragen, zerkratzt ist der rote Lack, missmutig hebt der Herrenreiter das Fahrrad auf. Ein letzter Blick geschlagen ziehen Ross und Reiter von dannen. Gebückter, trauriger und ganz und gar von Gram gebeugt hat man jemals, auch nicht um 1900 einen Herrenreiter seinen Wotan mit schleifenden Zügeln zurück zum Stall führen sehen.

Ungeduld

Schon früh am Morgen packt mich die Ungeduld, denn der Zug kommt nicht. Zu früh aber stehe ich auf Tag für Tag, um gedankenverloren und tänzerisch träumend auf dem Bahnhof zu stehen und heitere Gedanken zu hegen. Noch dazu fegt mir ein scharfer Wind ins Gesicht und die Ungeduld brennt mir unter den Fußsohlen. Erst zehn, dann zwanzig Minuten Verspätung schnarrt eine Lautsprecherstimme hämisch hervor, dann hören die Ansagen auf. Ich entwerfe böse und geschliffen scharfe Briefe an die Vorstandsetage von Ianród Éireann, die ja schon lange kein Unternehmen mehr führen, sondern nur Missstände verwalten und sich wohl erfolgreich selbst belügen: alte Züge, ein noch älteres Schienennetz und der Bahnhof des nächstgelegenen Dorfes hat nicht einmal mehr ein Dach.
Nur wenn ich zu spät die Straße herunterrenne, dann ist die Bahn pünktlich aber an vier von fünf Tagen ist die Bahn zu spät. Inzwischen hat es zu regnen begonnen, vom Zug ist auch nach 40 Minuten nichts zu sehen, ich renne zum Bus, steige dreimal um und bin 1,5 Stunden später als sonst im Büro. Ianród Éireann apologizes for the inconvenience. In meinem Kopf hat der Brief inzwischen zehn Seiten Stärke erreicht und auf der Stelle bräche die Vorstandsetage in Tränen aus, hätte ich nur Stift, Papier und eine Briefmarke zur Hand.

 Ungeduldig sitze ich im Bus, denn nichts macht mich so ungeduldig wie Bus fahren, das ewige Geruckel, das quietschende Halten, die quäkende Stimme der Haltestellenansagestimme. Ungeduldig wippe ich mit den Füßen. Vor mir isst zu meinem Erschauern ein Mann ein Butterbrot und beißt von einer Dauerwurst ab und ungeduldig und mit knirschenden Zähnen, warte ich bis auch das letzte Stück Wurstzipfel von ihm verschlungen ist. Die Frau, die ganz vorn im Bus sitzt plärrt in ihr Telefon so als sei ihr Gesprächspartner nicht am Ende des Telefons, sondern stünde 200 Meter entfernt am anderen Ende der Straße und versuchte ihre Stimme über den Autoverkehr hinweg zu verstehen. Mit würgender Ungeduld höre ich die nächsten zwanzig Minuten zu wie sie schrill beklagt, dass ihr Leben eine Katastrophe, ihr Mann ein fauler Apfel, ihre Kinder undankbar und die Busfahrt eine Zumutung sei, außerdem hätte sie eine Warze an prominenter Stelle. Ich bin kurz davor, die Wasserflasche aus meiner Tasche zu ziehen und über da Telefon gießen. Dann steigt sie aus. Noch von der Straße höre ich ihre Stimme über einen Gordon zetern, der ihr Geld schulde. Ich knirsche mit den Zähnen.

Die Ungeduld aber ist nur schon einmal vorgelaufen. Im Büro hat sie mich schon wieder. „Fräulein Read On heißt es, Sie sind die einzige mit genug Geduld für diese Besprechung.“ Ich balle die Fäuste und für drei geschlagene Stunden erklärte ich einen Sachverhalt zum zehnten Mal, die Ungeduld zieht mir an den Haaren und nur mit Mühe kann ich mich selbst daran hindern aufzuspringen mit der Faust auf den Tisch zu hämmern und zu schreien: LESEN SIE DAS DOKUMENT DOCH ENDLICH ,bevor sie mir zum zehnten Mal mitteilen, was sie auf keinen Fall können. Ich atme so tief ein wie ich kann, scheppernd lacht die Ungeduld in meinen Ohren, ich lese sehr, sehr langsam noch einmal die Kernpunkte vor und beantworte noch viel langsamer und mit vor Ungeduld zitternder Zunge die selben 100 Fragen. Endlich zückt mein Gegenüber umständlich und mit verkniffener Miene seinen Füllfederhalter und unterschreibt.

Ich kann mich nur mit allerletzter Mühe beherrschen die Tinte nicht trocken zu pusten und ihm den Füller aus der Hand zu reißen. Durst habe ich, einen glühenden und rasenden in der Kehle brennenden Durst zudem, natürlich habe ich vergessen, dass die Thermoskanne Tee auch über Stunden siedend heiß bewahrt und gierig den Tee herunterstürzend, verbrenne ich mir den Gaumen und gieße wutentbrannt den Tee in den Ausguss. Ungeduldig hacke ich auf die Tastatur, schnaubend beantworte ich Emails und muss mich bremsen, um nicht hinter jeden zweiten Satz sieben dicke Ausrufezeichen zu setzen. Selbst die Büropalme schnarre ich an, weil sie ihre Palmenarme zu langsam zur Seite bewegt, als ich das Fenster öffnen will, beleidigt schnellt die Palme zurück und fegt mir die Brille von der Nase, in meiner reizbaren Ungeduld aber schmettere ich im Versuch die Brille zu finden und somit dreiviertelblind die Wasserflasche vom Schreibtisch, die am Papierkorb zerschellt. Flüche murmelnd und der Palme herzhaft mit Vergeltung drohend fege ich die Scherben auf, beleidigt verschränkt die Palme ihre Arme. Endlich stecke ich meinen Kopf aus dem Fenster, natürlich erleichtert sich eine Taube genau in dieser Zehntelsekunde in der ich die Nase durch den Fensterrahmen stecke. Ich brülle ihr sehr textsicher: „Tauben vergiften im Park.“ hinterher.„Du brauchst gar nicht so dumm zu kichern“, fahre ich die Palme an. Dann renne ich ins Bad. Ungeduldig drehe ich den Wasserhahn auf und natürlich schießt mir ein gewaltiger Wasserstrahl ins Gesicht. Die Frau im Spiegel ähnelt verdächtig einer Erinnye.

 
Knurrend sitze ich Stunden später im Zug nach Haus. Ungeduldig staple ich Milch, Butter und Brot auf dem Ladentisch. Die Frau des Krämers tippt die Beträge quälend langsam in die Kasse ein und erzählt mir umständlich vom Wasserrohrbruch ihrer Schwester. Die Frau des Krämers und ihre Schwester sind sich in herzlicher Abneigung zugetan und ich wippe mit den Füßen, denn ich kenne die Geschichte vom Liebesbrief, den die Schwester dem Krämer zukommen ließ, obwohl er da schon zweimal mit seiner zukünftigen Frau zum Tanz auf der Tenne gegangen war zur Genüge. Ich sage etwas unwirsch: „Ja, ja, ja“ und zum ein Glück bemerkt die Frau des Krämers es nicht und schon steht der nächste Kunde am Ladentisch, der über die späte Gerechtigkeit G*ttes in Form eines Wasserrohrbruches in Kenntnis gesetzt wird. Aber besser wird es mit mir und der tobenden Ungeduld nicht. Fest sitzt mir die Ungeduld in den Rippen noch als wir zu Abend essen. Scharfe Spagetti mit selbstgemachtem Ragù. Der Tierarzt zerkleinert die Spagetti bis nur noch hellgelber Gatsch auf dem Teller liegt und schiebt seit einer halben Stunde das Ragù mit dem Löffel vom Tellerrand zur Tellermitte und wieder zurück. Ich balle die Fäuste unter dem Tisch. Mit einem zum Zerreißen gespannten Geduldsfaden nehme ich mich zusammen und stehe nicht auf, ziehe den Teller nicht weg und werfe ihn nicht gegen die Wand. Ich stehe auch nicht auf und schreie: „WARUM KOCHE ICH NACH EINEM 12 STUNDEN TAG EIGENTLICH?“ Für einen Sekunde steht mir das Bild eines Fräuleins vor Augen, dass mit Spagetti-Ragù Matsch um sich wirft. Dann geht es wieder und ich sage auch nicht: „Iß den verdammten Teller leer.“ Ich grabe mir die Fingernägel in die Handflächen und überlege mir was andere Menschen wohl in der Zeit machen, in denen der Tierarzt an einer Gabel Spagetti würgt. Dann stehe ich auf und werfe nicht einmal den Stuhl um. Ich richte dem Tierarzt einen Obstalat und koche Grießbrei und trage den Rest Ragù und die Spagetti zum Priester hinüber. Der Priester wenigstens freut sich.

Im Bett liegend aber fange ich nach zwei Seiten an mit den Protagonisten des Romans an zu streiten, als ich mich dabei ertappe die Seiten böse anzuzischen gebe ich auf und lösche das Licht. Die Ungeduld tobt weiter und mit zuckenden Zehenspitzen schlafe ich endlich ein.

Das Tortendebakel

Wenn Sie heute so gegen 16. 28 Uhr ein still schluchzendes Fräulein auf dem Frankfurter Flughafen haben sitzen sehen, dann war das mit sehr großer Wahrscheinlichkeit niemand anders als ich selbst.
Eigentlich weine ich selten, vor allem aber weine ich nicht in derÖffentlichkeit. Nicht einmal als ich mich vor ein paar Wochen mit dem Fuß im Fahrradpedal verhakte und die Treppe herunterfiel und für einen Moment glaubte ich hätte mir mal wieder die Nase gebrochen, jammerte und greinte zwar, aber geweint habe ich nicht. Ich sehe nämlich nie so aus wie die Frauen im Film, denen man ein Taschentuch reicht und über die Schultern streicht. Ich sehe aus wie ein Krähenjunges, welches erst ins Wasserfass fiel, nur um dann auch noch die Katze zu treffen. Genau so nämlich saß ich auf einem der grauen Stühle und neben mir der nicht minder traurig hereinsehende Tierarzt, der der schluchzenden Krähe Taschentücher anreichte.

Das Ganze kam nämlich so: Gestern Nacht klingelte um drei Uhr mein Wecker. Siebenmal gähnte ich, streckte die Knie, angelte nach den Pantinen und schlich mich leise aus dem Schlafzimmer um weder Tierarzt, Hund oder gar die Königin-Katze zu wecken und machte das kleine Licht in der Küche an. Dann begann ich mit der Herstellung der Geburtstagstorte für meine liebe C., die an diesem Freitag ein Jahr älter wird. Jedes Jahr schüttelt die C. den Kopf, nein Liebes sagt sie: „ich wünsche mir nur, dass ihr kommt und wir haben es schön miteinander.“ Aber meine liebe C. liebt auch die Heidelbeercrèmetorte, die schon ihre Schwiegermutter, meine Großmutter also für sie buk und so steht auf dem Geburtstagstisch seit Jahr und Tag eben diese Torte. Ich schlage Eier für den Teig, pfeife beim Buttercreme Schlagen, aber nur leise es ist ja noch mitten in der Nacht, teile Tortenböden, streiche Heidelbeermarmelade auf die Tortenhälfte, füge Crème und Heidelbeeren hinzu und staple die Hälften aufeinander, hoffe das der Tortenring hält, bestreiche das ganze mit einer Joghurtsahnecreme, stelle den Kühlschrank so kalt es geht und sage zur Torte: „Augen zu.“ Zum Tierarzt, denn inzwischen ist es halb sechs Uhr morgens sage ich „Augen auf“ und reiche Tee. Dann muss ich mich beeilen, der Zug wartet nicht und der Tag zieht mich schon an den Armen. Auf dem Küchentisch liegt ein großer Zettel: „Torte nicht vergessen.“ Denn der Tierarzt, so der Plan bringt die Torte mit zum Flughafen, nebst Geschenken und feinen Kleidern. Bevor auch ich zum Flughafen fahre, rufe ich den Tierarzt öfter an als nötig: „Die Torte.“ Der Tierarzt und die Torte und ich passieren die Sicherheitskontrolle, das Sicherheitspersonal in Dublin ist liebenswürdig wie eh und je und der Tortenkarton und bald schon sitzen wir im Flugzeug nach Frankfurt. Die Torte sicher verstaut unter dem Sitz. Wir lernen unseren Text, denn die Nichten und Neffen haben der lieben C. ein Theaterstück geschrieben, so will es die Festtradition. Ich spiele einen bösen Prinzen, eine ältliche Hexe und einen Stein. Der Tierarzt ist die gütige Fee, ein einsames Dromedar und die gute Amme. Der Tierarzt will nicht mit mir tauschen und so übe ich Sätze wie: „Komm her du feiger Hund und stell dich dem Duell.“ Der Tierarzt hingegen säuselt Liebesworte vor sich hin und ehe wir uns versehen sind wir in Frankfurt. Ich atme leise auf und drücke dem Tierarzt den Tortenkarton in den Arm, denn es gilt ein Badezimmer aufzusuchen. Als ich aus dem Badezimmer zurückkehre gibt es keine Torte mehr.
Ein eilender Geschäftsreisender mit einem Rucksack als Brustschild bewaffnet, war in den Tierarzt gerannt, der groß zwar aber dünn wie ein Bambus den Halt verlor und schon fiel ihm der Tortenkarton aus den Händen. Das letzte was ich von der Torte sehe, ist wie eines der Flughafentransportautos über den Karton fährt und wie sich auf dem Boden lauter Heidelbeer-Joghurt-Sahne Gatsch ausbreitet. In diesem Moment wäre ich gern eine großzügige und gelassene Freundin, die milde lächelt und sagt: „Alles nicht so schlimm.“ Aber ich bin nur ein reichlich merkwürdiges Fräulein und das einzige wa sich tue, ist eine der Reinigungsfrauen herbeizurufen und dann knie ich mit der Reinigungsfrau auf dem Boden und wische den Gatsch auf. Die Zugehfrau will mich überzeugen, sie das doch machen zu lassen, aber ich wische einfach weiter, auch als schon gar kein Tortengatsch mehr auf dem Boden klebt. Der Tierarzt schließlich zieht mich und sagt: „Sag doch was.“ Aber ich kann nichts sagen, ich kann nicht einmal ans Telefon gehen, um der lieben C. zu sagen, dass wir in Frankfurt angekommen sind und auf den Flug nach Berlin warten. Ich sitze da und weine und schluchze: „Die schöne Torte.“
Die Leute sehen mich sehr unangenehm berührt an, der Tierarzt sieht mich sehr besorgt an und sucht nach den Taschentüchern. Ich sehe, wie ich die Torte um 5.25 Uhr in den Kühlschrank schob. Dann ist das Flugzeug da. In Berlin sage ich alles ab. F. der ehemalige geschätzte Gefährte, nimmt nur den Tierarzt mit. Ich fahre in den nächsten Supermarkt. Ich kaufe Zucker, Mehl und Sahne, Joghurt, Heidelbeeren und Heidelbeermarmelade, Eier und all das was es zu einer Torte eben so braucht. Dann fahre ich nach Haus. Es ist 21 Uhr, der Tierarzt hat mir dreizehnmal auf die Mailbox gesprochen, ich schlage Eier in die Schüssel und weine immer weiter, noch einmal also von vorn. 200 Gramm Zucker mit 250 Gramm gestückelter Butter…

12 von 12. Ein Sonntag in Irland

Morgens zum Schwimmen in die kalte See. Zwei Boote schaukeln im Wind.Ich schaukele in den Wellen, eisig ist das Wassern noch immer, aber ich will mir sagen, wärmer noch als im Februar ist es allemal, aber das ist nur Einbildung und Mutgemache, den rot vor Kälte tappe ich zurück ans Ufer, dort zittert der Tierarzt aus Solidarität mit mir mit und reicht erst Handtuch und dann Bademantel an und schließlich die Wollsocken dazu. Auf dem Heimweg zurück ins Oberland zwei Jogger mit umgehängten Westen in den Flaschen klemmen, dazu allerlei Uhren und Messapparate, von den Radfahrern und ihren Helmen mit Kamera ganz zu schweigen. Ich hingegen zähle nichts, messe nichts und schwimme in einem schwarzen Badeanzug und trage Wollsocken in Birkenstock-Pantinen. Ich mache also etwas grundsätzlich falsch. Darauf eine sehr heiße Dusche. Mein Arm übrigens, der Tierarzt hat es überprüft ist sonst ganz normal und keineswegs ein knochenloser Gummischwengel.

Morning shower #shower #sunday #1v12 #12von12 #morningme

A post shared by FräuleinReadOn (@mademoisellereadon) on

Es ist schließlich Sonntag und Sonntage schreien nach Marmeladenbrot, dazu reicht der Tierarzt die Zeitung und die Sonne legt Sonnenstrahlen auf den Frühstückstisch.

Marmeladenbrot für imma! #marmeladenbrot #jamontoast #harteliebe #2v12 #12von12 #diegutestulle #raspberryjam

A post shared by FräuleinReadOn (@mademoisellereadon) on

Ganz umsonntäglich wühle ich im Garten. Es gilt vor allem Kälbchen von den Blumen fernzuhalten. Der Tierarzt verteidigt Kälbchen und murmelt etwas von willensstark. Ich verteidige die mühsam gehegten Osterglocken. „Meine Kinder.“ Deine Kinder.“

Daffodils. Osterglocken. #inmygarden #spring #daffodils #ireland #3v12 #12von12

A post shared by FräuleinReadOn (@mademoisellereadon) on

Die Frau des Krämers jammert über kalte Hände, ein Ziehen im Rücken und befindet der Frühling bekomme ihr nicht. Die Frau des Krämers allerdings will hier niemand schlecht gelaunt oder frühlingslahm sehen und Wolle war auch noch da, also ein Paar Pulswärmer für Madame.

Der Sonntagstisch wird gefolgt von rituellem Sonntagsspaziergang und so wandern wir am Meer entlang und der Hund ( nicht im Bild ) jagt die hämisch kichernden Möwen.

Afternoon sea. #irishsea #walk #sundaywalk #5v12 #12v12

A post shared by FräuleinReadOn (@mademoisellereadon) on

Ich gäbe ein halbes Königreich für eine Mittagsschlafverordnung, aber immer am Sonntag versuche ich die Augen noch einmal zuzumachen. Auf das Sofa gesellen sich die Katze, Sonnenschein und der Tierarzt liest mir vor.

Oben, unten, mitte, links? Up, down, middle, left? Anyway team #nap #6v12 #12v12 #sleep #dots #funnyface #drowsy

A post shared by FräuleinReadOn (@mademoisellereadon) on

Ich weiß nicht ob Wörter wirklich helfen, oder überhaupt nicht, vielleicht verschwinden die Karten irgendwo im Nirgendwo, aber auf ein Wort will ich es ankommen lassen.

Ich lese ja in sklavischer Ergebenheit die London Review of Books und in der Sonntagsausgabe mit Himbeerscone.

Kafka for tea. #8v12 #12von12 #scone #londonreviewofbooks #kafka #fiveoclocktea #sunday #readonmydear

A post shared by FräuleinReadOn (@mademoisellereadon) on

Gelesen wird auch dieses Buch. Das Thema ist geradezu schauerlich tagesaktuell.

Books are in my bed. #nowreading #davidarmitage #history #9v12 #12von12

A post shared by FräuleinReadOn (@mademoisellereadon) on

Noch immer packe ich Hygienebeutel für die vielen Obdachlosen, die auf Dublins Straßen leben und dies wäre in der Form nicht möglich, gäbe es nicht so viele Freunde, die ihrerseits Zahnbürsten sammeln und Seifen und niemals einfach nur mit den Schultern zucken. Das ist ein großes Glück.

Homeless hygiene kitbag preparations #endhomlessnessnow #10v12 #12von12 #hygienebags #homelessoutreach

A post shared by FräuleinReadOn (@mademoisellereadon) on

Der Höhepunkt des Tages. Spannungsbogen. Tusch und Zahnpasta dazu. Das Fräulein gähnt und putzt die Zähne. Bitte bewundern Sie angemessen die Glitzerfliesen.

Oh, how very entertaining! #11v12 #12von12 #augenzuunddurch

A post shared by FräuleinReadOn (@mademoisellereadon) on

Das Fräulein liegt im Bett und betrachtet missmutig ihre großen Füße, die ganz und gar unproportional zu ihrer Gesamtgröße sind. Der Tierarzt schläft außenhäusig und so kann ich getrost diesen Umstand bejammern, beklagen und endlich auch die Augen schließen.

It's all over now, Baby Blue. #nitenite #12von12 #lichtaus #sweetdreams

A post shared by FräuleinReadOn (@mademoisellereadon) on

Mehr und andere Tage in zwölf Bildern gibt es hier Draußen nur Kännchen.

Sonntag

Früh morgens noch einmal durch den stillen Garten. Noch immer Frosthaut auf den Pfützen. Eichhörnchen in den Bäumen, die Rothkehlchen und Meisen wippen auf den Apfelbaumzweigen, in den Kiefern wohnt der Wind. Eine letzte Scheibe Honigbrot, der Tierarzt quält sich an einer, ich esse zwei, ein letztes Mal die Tassen spülen. Die Bücherberge in Tasche verteilen und dann die Straße hinunter. Die Autobahn, die wir aus dem S-Bahnfenster sehen ist fast leer, nur die grünen Flix-Busse fahren vorbei. Vor ein paar Wochen habe ich ein Bild gesehen, da fotografierte ein Reisender einen Busfahrer, der auf Knien die Bustoilette schrubbte. Der Reisende beschwerte sich über die dadurch auftretenden Verzögerungen der Abfahrt. Ich weiß nicht wie man diesen Zustand von Schamlosigkeit und eiskalter Hundeschnauze erreicht. Aber die Fassungslosigkeit über den Gestus dieses Bildes verlässt mich nicht.

Fast leer ist der Flughafen, das Flugzeug verspätet, der Tierarzt schläft gegen meine Schulter gelehnt, ich lese und versuche nicht gleichzeitg zu atmen und die Seiten umzublättern. Schlafende soll man nicht stören. Einer der Sicherheitskontrolleure lacht keckernd über einen Kollegenwitz und kann nicht mehr aufhören, lacht und lacht und weint irgendwann fast vor dem Gelächter, dass ihn fest beim Nacken fasst und nicht mehr loslässt. Irgendwann kommt das Flugzeug doch. Ein letzter Blick auf Berlin. „Fehlt dir das?“ fragt der Tierarzt. Ich schüttle den Kopf. „Nein, sage ich Tierarzt mir fehlt die Stadt nicht, aber ich vermisse das Leben, das es einmal in dieser Stadt gab.“ Der Tierarzt aber sieht zu mir herüber. Vielleicht erinnert er sich, so lange ist das ja auch noch nicht her, als immer mehr von ihm im kleinen windschiefen Haus im Oberland blieben, erst Zahnbürste, dann Bücher, dann ein blauer Schal, schließlich auch Rasierzeug und warme Socken, und vor allem er selbst, ich in der Tür stand und ihn fragend an ansah. „Du bleibst also?“ oder so ähnlich fragte ich ihn und der Tierarzt sah mich an, ähnlich fragend und sich vielleicht auch ein wenig versteckend vor meiner Antwort. Aber die war nicht besonders, war nicht ausschweifend, auch nicht witzig oder ironisch gelungen. Genickt habe ich wohl, den Zweitschlüssel aus dem Kästchen geholt und dem Tierarzt herüber geschoben. „Keine Geigen sagte ich, keine Rosen, keine Versprechen, kein Himmel“, vielleicht habe ich auch etwas anderes gesagt und der Tierarzt ist trotzdem geblieben, geblieben bei jemandem der immer noch und im eigentlichen Sinne wohl in Berlin auf dem Stuhl sitzt und die Scherben zählt, die Splitter nicht findet und wartet und wartet und wartet.

Ein Teil nur ist eben weitergezogen, sitzt jetzt im Flugzeug, mein Schlüssel zu diesem Leben liegt im windschiefen Haus nah an der irischen See und der Tierarzt neben mir hat den Schlüssel in der Tasche. In Dublin hat es geregnet, der alte und treue Volvo steht in der Garage. Die engen Straßen, hohe Ecken, tiefe Pfützen, die blasse Sonne schon tief am Himmel, der Tierarzt macht das Fenster auf, als wir schließlich das Meer erreichen, dann sind wir schon im Dorf. Die Frau des Krämers winkt. „Hallöchen“ trilliert der Tierarzt. Die Frau des Krämers sieht ihn verwundert an. „Das ist alles ihre Schuld, sagt sie zu mir, dass der Tierarzt erst ihre Tochter verschmähte und jetzt auch noch ausländisch spricht“ Ich nehme die Katze in Empfang und der Tierarzt seinen Hund und überreiche ihr Pralinen und einen Marmorkuchen, nebst violetten Tulpen. Dann schämt sich die Frau des Krämers doch für einen Moment. Aber als der Tierarzt sagt: „Dit is Berlin“, blinzelt sie mir finster zu. Die Katze springt aufs Fensterbrett und schläft sofort ein, der Hund kaut auf einem Socken, ich rufe Schwesterchen an und sehe die Post an, richte Bücherstapel und suche dies und das. Der Tierarzt aber hält das Gesicht in den Sturm und den leise einsetzenden Regen, ich lehne meinen Kopf an seinen Rücken, der Tierarzt hält meine immer kalten Hände und so werden wir langsam nass. „Wieder da“, sage ich. „Danke“, sagt der Tierarzt.