Ein halbes Königreich für vier Tennisbälle.

Sechs Uhr: Das Fräulein Read On hat eine weitere Nachtschicht überstanden, ist nach jener im Meer geschwommen, hat sich die Shetlandponyhaare gewaschen, die Zähne geputzt, die Bettdecke aufgeschlagen, sich vom Tierarzt eine Wärmflasche ( die ewig kalten Füße ) ans Fußende legen lassen und seufzt. Das Fräulein seufzt noch einmal, denn dem Fräulein ist wohl zu Mute. Das Meerwasser war nicht zu kalt, die Bettwäsche ist frisch gewaschen und riecht nach Seewind und Garten, des Fräuleins Zehenspitzen sind warm und die Uhr zeigt gerade sechs Uhr. Das heißt, dass ganze vier selige Stunden Schlaf vor ihr liegen, denn um 11 bekommt das Fräulein Besuch von einer lieben Freundin, die auf dem Weg nach New York in Dublin Station macht, um das Fräulein zu besuchen. Der Kühlschrank ist angefüllt mit Käse und Marmeladen, Joghurt und Salaten, unter einem weißen Leintuch schläft der Hefezopf und der Tisch ist auch schon gedeckt. Der Volvo ist TÜV- geprüft und so kann die liebste Freundin vom Flughafen abgeholt werden, das Fräulein seufzt ein drittes Mal und vor ihren müden Augen wiegen sich Banyan Bäume sacht im Wind, Papageien kreischen leise und die Sonne scheint heiter und sacht auf des Fräuleins Nasenspitze. Von fern ist leises Rauschen zuhören ( kein Wasserfall, sondern ein sich brausender Tierarzt ) und darüber schläft das Fräulein ein. Ein Papagei landet auf des Fräulein’s Schulter, aber als sie mühsam blinzelt ist es gar kein grün-grau getupfter Papagei, sondern die Hand des Tierarztes, die an meine Schulter fasst.

„Oh Prinz aus dem Morgenland mit den silbergrauen Augen und dem Dolch aus Edelsteinen, murmele ich: Feuer, Wasser oder Wind?“

„Mädchen flüstert es an mein Ohr, ich suche meine Tennisbälle.“ Der Tierarzt muss man wissen spielt am Samstag Tennis mit dem R. Der Tennisplatz aber ist eher ein begradigter Acker mit einem Netz und man muss Schläger und Bälle mitbringen. Der R. und der Tierarzt sind zu meinem kompletten Unbegreifen strenge Anhänger des Tennissportes. Ich habe auf diesem Platz nur einmal einen Tennisschläger in die Hand genommen, dann traf mich ein Tennisball und ich fiel um. (Mehr braucht man über mich nicht zu wissen.) Der R. und der Tierarzt aber fröhnen dem Tennisspiel mit Hingabe und ächzen dabei wie die Galeerensklaven.

„Mädchen?“, flüstert der Tierarzt noch einmal. „Hmm“, murmele ich, denn ich schlafe ja und die Banyanbäume wiegen sich im Wind und die Papageien singen frohe Lieder.

„Kommode, Flur“ krächze ich und drehe mich nach links. Die Papageien singen schöner denn je. Der Tierarzt rennt die Treppe hinunter, aber vielleicht tappt ja auch ein Tiger durch meine Träume. Aber schon ist der Tierarzt zurück:

„Nein, Mädchen auf der Kommode sind die Tennisbälle auch nicht.“

„Prinz aus dem Morgenland, flüstere ich, irgendwo werden sie schon sein, dieses Haus ist ja nun weiß G*tt kein Palast. Damit will ich meine Schuldigkeit für getan erklären und rutsche noch ein Stück tiefer unter die Decke. Banyanbäume! Papageien! Inzwischen aber hat der Hund, das Wort Ball gehört, er hechtet nun seinerseits die Treppe hinauf und weil der Tierarzt noch immer murmelt: Oh, wo ist nur der Ball, Mädchen, wo nur ist der Ball, Mädchen?“, springt der Hund auf das Bett und leckt mir begeistert über das Gesicht. Vergessen sind Banyanbäume und Papageien und ich fahre hoch. Ich sehe einen ewartungsvoll hechelnden Hund und den Tierarzt: „ Mädchen, wenn Du jetzt wach bist, kannst du mir doch suchen helfen. Bitte.“

Ich strecke meine warmen Zehen ins kalte Zimmer. „Ein halbes Königreich für vier Tennisbälle, murmele ich und dann suche ich missgestimmt nach vier gelben Bällen. Es ist 7:02. Es sind schon Prinzen wegen geringerer Dinge in den Kerker geworfen worden und dann halte ich mir den Zeh, den ich mir am Bettpfosten stieß. Ich suche im Bettkasten, im Kleiderschrank, im Schmutzwäschekorb, bei den Putzmitteln, der Hund liegt inzwischen schlafend in der frisch gewaschenen Bettwäsche und träumt sehr sicher von Banyanbäumen und tirillierenden Papageien. Ich suche in den Taschen der Wintermäntel und in allen Taschen und Beuteln nach vier elenden Tennisbällen.

Der Tierarzt liegt unter dem Schuhbord, durchsucht die Papierkörbe, öffnet die Schreibtischschubladen, nur um sie ergebnislos zu schließen, steigt auf den Dachboden und rennt in den Garten hinaus. Ich mache inzwischen Tee.

„Wie kannst du jetzt an Tee denken?“, fragt der Tierarzt deutlich echauffiert.

Ich sage lieber nichts, sondern puste über den Rand der Teetaste. Der Blick, den ich dem Tierarzt zuwerfe, ist der Blick der dreizehnten Fee, nicht der Blick der lieben Fee. Der Tierarzt gräbt sich achtzigsten Mal durch seine Sporttasche. Aber auch in der Sporttasche sind keine vier gelben Bälle.

„Du solltest auch einen Tee trinken Tierarzt“, sage ich, das beruhigt. Dann stelle ich die leere Tasse in die Spüle und sage: „Ruf doch den R. an, soll er halt an die Bälle denken.

„Ich kann den R. doch nicht um 7. 41 wecken!“ ereifert sich der Tierarzt.

Ich zähle sehr langsam bis zwanzig. Dann schlägt die alte Standuhr dreiviertelacht. Als die Uhr aufhört zu schlagen, rollen vier gelbe Tennisbälle vom Schrank und knallen mir auf den Kopf. „Ach,ja ruft der Tierarzt“, ich hatte ja die Tennisbälle auf den Schrank gelegt, damit die Katze sie nicht erhascht.

„Soso“, grummele ich finster. Aber während ich mir noch den Kopf reibe, und der Tierarzt sich seiner abendlichen Klugheit rühmt, ist der Hund schon „Ball, Ball“ die Treppe heruntergestürzt und kaut begeistert auf einem der Bälle. „Aus, aus“, ruft der Tierarzt und der Hund speit den Tennisball endlich aus. Das Fräulein wäscht einen Tennisball mit ‚Rai aus der Tube’ und der Tierarzt föhnt den Tennisball trocken.

„Oh Prinz aus dem Morgenland mit den silbergrauen Augen, suchst du noch etwas, oder darf sich die Kammerzofe wohl zurückziehen?“

Doch der Tierarzt hört mich schon nicht mehr, draußen hupt der R. Ich wanke die Treppe hinauf, und sehe auf die Uhr: 9:01 Uhr. Die Wärmflasche ist kalt, im Bettbezig sind Hundehaare und die Papageien singen längst in anderen Träumen schöne Lieder.

Schaumbad

Am Küchenschrank hängt ein Zettel. Auf dem Zettel steht: TÜV, Volvo. Nicht vergessen. Drei Ausrufezeichen.Wann immer der Tierarzt eine Tasse aus dem Schrank nimmt, seufzt er. Der Tierarzt liebt den klapprigen, alten ,roten Volvo sehr. Auf der Liste der tierärztlichen Lieben steht ganz oben Kälbchen, dann folgt Stille und dann kommt der klapperige Volvo und irgendwo kurz bevor die Liste abreißt steht auch noch Mädchen. Der Tierarzt und der Volvo sind ähnlich unzertrennlich wie Stan und Olly und noch bevor ich den Tierarzt kennen lernte, wusste ich dass der Tierarzt im roten Volvo über die Dörfer klappert. Man erzählt, dass sogar die Tiger und Bären im Dubliner Zoo, Haltung annehmen, fährt der rote Volvo vor und der Tierarzt klettert mit Tierarztkoffer aus dem Wagen. Der Volvo und der Tierarzt sind unzertrennlich und als ich meinen Haustürschlüssel an den Tierarzt gab, erhielt auch ich Schlüsselgewalt über den Volvo. Sehr lange saßen wir im Auto und der Tierarzt sagte: „Volvo-Mädchen, Mädchen-Volvo. Ich deutete einen Knicks an und der Volvo akzeptierte mich als Co-Piloten. ( Ob es nun daran liegt, dass der Tierarzt mich dem treuen Gefährten vorstellte, oder mein Bedürfnis den Volvo immer mal wieder gründlich durchzusaugen, ist schwer zu entscheiden. Aber auch am Hang lässt der Volvo mich nie hängen. Ganze Generationen von Lämmern sind im Volvo geboren worden, Kälbchen ging im Volvo auf große Fahrt, eine Zebradame wurde im Volvo Mutter und die Hundehaare reichen garantiert zurück bis zu Christi Geburt. Der Volvo hat also viele Vorteile, ist heiß geliebt, und nur zwei Nachteile: er ist alt und wenn es sehr feucht ist, lässt sich die Beifahrertür nicht verschließen. Das ist an sich kein Problem, wer stiehlt schon ein altes Auto, das riecht wie eine fahrende Tierarztpraxis und nach von mir großzügig verteiltem Desinfektionsmittel? Einmal allerdings das sei nicht verschwiegen, gereichte das lose Türschloss dem Tierarzt doch zum Nachteil. Die Frau des Tierarzts hatte vor Jahr und Tag gesehen, wie der Tierarzt mein Haus verließ und fröhlich pfeifend den im Unterland geparkten Volvo auslöste und witterte Böses. Anderntags, es war im grauen Monat November, warf der Tierarzt die Tasche in den Kofferraum und neben ihm auf dem Beifahrersitz wartete die Tochter der Frau des Krämers. „She wanted to make a move at me, Mädchen“ sagte der Tierarzt und „I was quite taken aback.“ „This girl, Tierarzt, sagte ich, is in love with you since forever.“

Der Tierarzt bestellte von einem Händler in Hongkong ein neues Paar alter Volvo Schlösser und seitdem hat der Volvo nur noch ein Problem: er ist sehr alt und muss durch den TÜV. Letzte Woche war der Volvo in der Werkstatt zur Kur und heute begaben sich Tierarzt, Fräulein Read On und das treue Auto in den Waschsalon für Automobile. Ich sah ungefähr ungenau so aus, wie Karl Lagerfeld sich Menschen vorstellt, die die Kontrolle über ihr Leben verloren haben: Adidas Hosen mit Knöpfen an der Seite, Flip-Flops und ein indisches NAIK-statt Nike T-Shirt und auf meinem Schoss stand ein Eimer mit Hochglanzputzutensilien, die der Waschsalon bestimmt nicht vorrätig hat. ( Ich komme aus einer Familie preußischer Juden, ich komme vorbereitet. ) Dann also shampoonierten und polierten wir den treuen Gefährten. Wir wienerten die Scheiben, entkrusteten die Scheibenwischer, und der Tierarzt saugte mehre Löwenfelle aus den Polstern. Ich brachte Politur auf, hantierte mit einem Lackstift und der Volvo, ich schwöre, ich habe es selbst gehört, quiekte vor Freude und grunzte wie Kälbchen schrubbert der Tierarzt ihn mit dem Reisigbesen. Dann fiel mir auf, dass das Dach ja noch nicht glänzte wie eine Speckschwarte. Leider überfiel mich in diesem Moment auch der Übermut: Ich stieg auf einen umgedrehten Eimer und schwang mich auf das Dach und schrubbte das Dach. Der Schwamm indes hatte sich schon voller Wasser und Schaum gesogen und so war das Fräulein auf dem Dach ziemlich schnell sehr nass, aber alles für den Volvo, alles für den treuen, roten Gefährten des Tierarztes. Dann pfeift es vom Volvo her, da liege ich gerade auf dem Bauch und schrubbe die hintere Dachkante.

„Weißt Du Mädchen, sagt der Tierarzt, ich muss sagen, ich hatte es bis heute wirklich nicht mit so Fraue-Schaum-und Autoszenarien, aber ich muss sagen…
Weiter kommt der Tierarzt nicht: „Tierarzt sage ich, Du starrst mich doch nicht auf den Hintern, während ich den treuen, alten Volvo grundreinige?“ Der Tierarzt schweigt. Ich werfe den Schwamm nach ihm und der Tierarzt singtdieses entwürdigende Lied: Ich rutsche vom Autodach herunter, leider verliere ich dabei das Gleichgewicht, glitsche auf dem feuchten Schaum aus und lade mit Schwung im bereitgehaltenen Wassereimer. Es macht: Wuuusch und aus den Fluten steigt nicht Venus, sondern etwas was verdächtig einer Wasserratte ähnelt. ( Das bin ich.) Der Tierarzt versucht nicht zu lachen. Natürlich lacht er. Er lacht bis er rot anläuft. Mit ihm lachen alle anderen Besucher des Waschsalons und die Nachbarjungs auf der Mauer, lachen und pfeifen johlend. Karl Lagerfeld hätte keine Worte mehr für mich übrig. Tierarzt wird all das Kälbchen erzählen, wenn Kälbchen es weiß, wissen es morgen die Schafe und wenn die Schafe es wissen, weiß es am Samstag das ganze Dorf. Die Frau des Krämers wird es mich nie vergessen lassen, der Tierarzt lacht, ich setze mich tropfnass auf einen schwarzen, nassen Müllsack und versuche weiterzuatmen, überlege ob es statt eines Zeugenschutzprogrammes wohl auch ein Programm gibt, in denen die peinlichsten Menschen der Welt eine neue Identität annehmen können? Beim Dachrutschmanöver sind die Knöpfe der Adidas Hosen aufgesprungen und die Hose schlottert nass um meine Beine. Neben mir kichert der Tierarzt und ich rieche nach altem Öl und Putzmitteln. „Tierarzt, sage ich, wenn Du nicht sofort aufhörst zu lachen, dann kannst du heute Nacht im Auto schlafen.“ Der Tierarzt aber erklärt mir, dass er seit Jahren, noch nie, never, ever, so gelacht habe wie heute. „I am quite taken aback“, sage ich. Dann verschwinde ich ins Badezimmer. Morgen muss der Volvo zum TÜV, bitte beten sie zu ihren G*ttern, beschwören sie ihre Hausheiligen, nehmen sie ein Bad im Ganges, verbrennen sie Weihrauch, drücken sie alles was sie haben und noch mehr.

Der treue, alte, rote Volvo muss durch den TÜV. Ich brauche ein Fluchtfahrzeug, sollte die Frau des Krämers ein Bild von mir im Dorfladen aufhängen, auf denen ich in Adidas-Hosen und NAIK Shirt ein Autodach shampooniere. Es geht nicht mehr nur länger um das Fortleben des guten Autos, es geht um alles.

Sag Read On, was machst du eigentlich den ganzen Tag?

Frau Brüllen will es wissen. An jedem 5. eines Monats fragt sie in Groß-Bloggersdorf herum und der Großbloggersdorfer schreibt auf was er so erlebt. Et voilà.

5 AM: Um fünf Uhr in der Früh zum See hinunter fahren. Vorsichtig die Dielen zählen, um den Tierarzt nicht zu wecken. Aber der Tierarzt schläft und atmet leise und ich lege das Handtuch in den Korb und zehn Minuten später schon, steige ich ins Wasser. Das Wasser ist dunkelgrün, flackert hellgrün, lächelt zuweilen lindgrün, die ganze Welt um den See herum ist grün, so grün, grün, grün, grün sind alle meine Kleider, aber die Bäume summen nur stumm. Hier am Berliner Stadtrand gibt es keine Jäger. Der Schwan putzt sich und der See gurgelt leise und grün. Es ist ganz still. Ich schwimme langsam tiefer und tiefer in das stille Grün hinein und denke an meine Großmutter, die hier mit mir schwamm, immer war sie schneller, aber niemals war sie stumm, immer legte sie mir neue Wörter in den Mund und ließ mich probieren, sie die großzügigste Liebhaberin der deutschen Sprache hielt nichts zurück vor mir und neben mir nicht nur im See ist die sich täglich vergrößernde Lücke ihrer Abwesenheit und ich wünschte, sie schwömme noch einmal neben mir. Aber sie kommt nicht und schließlich wate ich ans Ufer zurück. Mein Handtuch ist grün wie der See und meine Hände sind immer kalt.

 
7 AM: Ich ernte Johannisbeeren im Garten und meine alte Freundin die Wildtaube pickt Rosinen und unterhält mich mit Neuigkeiten aus der Gartenwelt und Nachbarschaft. Den gelben Eimer mit roten und schwarzen Johannisbeeren bekommen die Nachbarn und die blau-weiß gestreifte Schüssel mit Beeren auf dem Tisch bleibt bei uns. Die Biokiste kommt und ich freue mich. Die Biokiste macht mich immer wieder froh. Für einen Moment sitze ich auf der Bank und sehe in den stillen Garten. Der Garten atmet leise ein und aus wie der Tierarzt oben in die dünne Sommerdecke gewickelt.

8AM Der Tierarzt wickelt sich in meinen Bademantel, der ihm etwa bis zum Bauchnabel reicht und seufzt behaglich. Der Tierarzt hegt eine etwas seltsame Obsession zu meinem alten Bademantel und welch Glück, dass die Frau des Krämers nicht sehen kann, dass der Tierarzt zum allen Überfluss indische Schnabelschuhe an den Füßen trägt und unter dem Bademantel eine Kurta anhat. „Fräulein Read On“ schrie sie, was machen sie nur mit unserem Tierarzt?“ Ich zuckte die Schultern und verwiese auf die Bequemlichkeit der Schnabelschuhe. Neben meinem Bademantel hat der Tierarzt warmen Sanddornsaft für sich entdeckt. Mich kann man mit Sanddorn jagen, aber der Tierarzt schlürft mit sichtlichem Wohlgefallen täglich zwei Gläser und ich bin fassungslos vor Wunder und Glück.

11 AM Nach einem Vortrag über, wer wunderte sich noch- Aufklärung als Präventionsmittel für eine große internationale Organisation belehrt mich ein Mann über das richtige Einführen eines Tampons in langer Ausführlichkeit. Er erzählt etwas von Beschleunigung und hygienischer Ausrichtung aber leider kommt er meinem Vorschlag mir das ganze auf der Toilette doch zu demonstrieren nicht nach, sondern entschuldigt sich mit einem „dringenden Termin.“ Ich bin enttäuscht, nicht einmal mehr auf einen Mansplainer ist Verlass.

4PM Ich breche den Versuch ab ein Sommerkleid zu erstehen, frustriert ab. Es ist erstaunlich wie ein simples Kleid mit Zitrone bedruckt jemanden wie mich entstellen kann. Das Spiegelbild fördert ein so entsetzliches Bild zu Tage, dass ich auf der Stelle in Tränen ausbrechen könnte zu Tage. Ich schüttle mich vor mir selbst und hänge das Kleid zurück auf den Bügel.
Dann kaufe ich Kalbsalsiccia und T-Bone Steaks, denn der F. und zwei weitere Freunde wollen abends zum Grillen im Garten vorbeisehen. Ich meide alle Spiegel und schleppe mich gebückt zurück nach Haus.

 
6.30 PM Der Tierarzt ist am Telefon. Er spricht mit der Mali-Tant. Die Mali-Tant hat ungefähr 7 Englische Vokabeln und der Tierarzt zwanzig deutsche Wörter zur Verfügung. Der Tierarzt flötet „Mali-Darling“ und die Mali-Tant haucht: „Tierarzt Sweetheart“ und die beiden kichern und trillern und der Tierarzt säuselt als hätte er sich ein Honigfass einverleibt. Die Mali-Tanz zwitschert wie sonst nur nach dem dritten Glas Champagner und mit sichtlichem Bedauern und vielfachen in die Hörer geschnalzten Luftküssen, reicht der Tierarzt das Telefon an mich weiter. „Read On“ sagt die Mali-Tant weißt, wenn ich den Jean nicht hät, ich tät dir den Tierarzt glatt abnehmen. „Wie außerordentlich zuvorkommend von Dir Mali-Tant“, sage ich und die Mali-Tant schimpft mich eine fade Blunzen. Als ich auflege, stapelt der Tierarzt gerade Geschirr auf das schwarze Lacktablett. „Weißt Du Mädchen, sagt er, wenn die Mali-Tant den Jean nicht hätte, ich glaube ich würde schwach werden.“ „Oh“, sage ich, dann will ich einmal hoffen, dass der Jean noch lange lebt. „Deinen Bademantel“, sagt der Tierarzt, aber würde ich mitnehmen nach Wien.“ Aha, erwidere ich, nur du wirst dich mit F. dem liebenswürdigen, ehemaligen geschätzten Gefährten einigen müssen, denn er hat vor Jahr und Tag schon den Bademantel zu seinem persönlichen Erbstück erklärt.“ Der Tierarzt zieht einen Flunsch. „Oh dear.“

 
8 PM: Der F. grillt, der Tierarzt steckt die Lampions an. Der J. und die B. streiten über das Dieselauto der abwesenden G. Die Y. erzählt von einer Wanderung durch Portugal, ich esse grüne Chillies und als alle essen und lachen und die alte Freundin Wildtaube sich zu uns setzt unter die Lampions und die Mückenkerzen, da stehe ich auf und gehe nach oben, um die zwei täglichen Karten an Mesale Tolu und Deniz Yücel zu schreiben, in einem zusammengesetzten Türkisch aus dem PONS Intensivkurs „Türkisch in vier Wochen“ und diversen Wörterbüchern. Peinlich und verlegen macht mich das und ich muss mich ermahnen nicht nachzugeben. Auf dem Fensterbrett steht ein Bild meiner Großmutter und ich sehe sie an. „Komm doch zurück“ will ich ihr sagen, komm doch zurück“, doch sie sieht schweigend zu mir herüber und dann kommt der Tierarzt ins Zimmer und legt mir die Hand auf die Schulter: „Mädchen kommst du zurück?“ Ich nicke und klebe die Briefmarken auf die Karten. Dann gehe ich zurück in den Garten. Der J. und die B. streiten darüber, ob ein Glühwürmchen zwischen den Gläsern tanzte, der F. grillt Pfirsiche und meine alte Freundin Wildtaube nickt mir zu.

Sonntag

In der Nacht zweimal vom vermeintlichen Tropfen eines Wasserhahnes aufgewacht. Weder in der Küche noch im Bad aber tropfte ein Hahn. Die Katze, die den Hahn aufbekommt, schlief tief und selig und der Hund käme nicht auf die Idee sich selbst zu Getränken zu verhelfen. Damit ist es also bewiesen: es spukt bei uns und da auch Gespenster nicht Durst leiden sollen, zucke ich mit den Schultern, trinke selbst ein großes Glas Wasser und gehe zurück ins Bett. Am Morgen sagt der Tierarzt:„Mädchen, mir war in der Nacht als hätte der Wasserhahn getropft.“ Eindeutig Gespenster.

Dann wickele ich mich in einen warmen Bademantel und gehe hinunter ans Meer. Lange schwimme ich im Regen, der fein und grau Meer und Himmel überzieht. Kalt ist das Wasser und doch von eisiger Schönheit. Erst als ich meine Füße nicht mehr spüre, schwimme ich zurück ans Ufer. Eine ganze Weile liege ich im feuchten Sand, dann kommt der Tierarzt und legt sich dazu. Wir zählen die Wolken und erzählen uns Dinge, die man sich nur an kühlen Sonntagmorgen erzählen kann, wenn das Meer die Geschichten sogleich mit sich in die dunkle Tiefe zieht. „Du bist ganz kalt, Mädchen“, sagt der Tierarzt schließlich und ich nicke. Langsam gehen wir zurück ins Dorf. Ich mache Tee und der Tierarzt röstet Scones, die Katze schlürft Milch und der Hund stolpert über seinen roten Gummiknochen. Die Untertasse mit Milch fliegt scheppernd um. Handgemenge zwischen Hund und Katze. Der Hund muss auf die stille Treppe, die Katze wird in den Garten geschickt. Wir trinken Tee und der Tierarzt quält sich mit einem Scone. Ich dusche heiß und während der Tierarzt mir aus der Zeitung vorliest, schlafe ich wieder ein. Dann geht der Tierarzt auf einen Sprung zu Kälbchen herüber, um es mit dem eigens angeschafften Reisigbesen unter dem Kinn zu kratzen. Zwei Tage war Kälbchen trotzig und hielt dem Tierarzt die Canada-Reise vor. Zwei Tage lang blökte Kälbchen verstimmt, schnaubte bitter und verweigerte die Annahme von- vorgeschnittenen Äpfeln und Möhren ( das Fräulein darf diese richten ) und der Tierarzt schwor mit tränenglänzenden Augen, dass Kälbchen ganz bestimmt: „Du liebst mich überhaupt nicht mehr“ geblökt habe. Aber am dritten Tag aber war Kälbchen wieder frech und guter Dinge und dem Tierarzt von Herzen zugetan.

Ich schäle Karotten, salze und pfeffere den Lachs, gebe Rosmarin, Zitronensaft, Knoblauch und Za’atar dazu und schiebe den Fisch mit Kartoffeln und Möhren in den Ofen. „Ach, Read On“, ruft der Priester, „riecht das gut.“ Ich bin eitel genug mich zu freuen und der Tierarzt deckt den Tisch. Gerade als ich die Platte mit dem Fisch zum Priester reiche, klingelt es an der Tür. Ein älteres Ehepaar aus Dänemark wandert durch Irland und sie hat sich eine böse Blase gelaufen: „Ob wir wohl…?“ Ich suche den Verbandskasten und der Wandersmann bittet um ein Glas Wasser und die Benutzung des Badezimmers. Das letzte Haus im Dorf zu sein, ist nicht nur von Vorteil, sondern Wanderer, Radfahrer, Reiter und Schatzsucher, die sich aber Geocacher nennen, fällt immer bei uns ein, was sie alles vergessen haben oder brauchen könnten und klopfen gegen die Tür. Wir reichen Wasser, pflastern Füße und legen ein Gästehandtuch ins Bad. Als sich die Tür hinter den Wanderern wieder schließt, fehlt im Bad die Seife. ( Bergamotte-Lavendel). Die Beiden werden sie wohl nötiger haben als wir.

Dann aber doch Gabelkratzen und hymnisches Juchzen des Priesters. Der Priester sieht sehr glücklich aus und das macht mich sehr froh. Endlich einmal bleibt nichts übrig. Das wiederum macht den Tierarzt sehr froh. ( Zwei Kartoffeln, Baby!) Der Priester und der Tierarzt waschen erst ab und gehen dann zum Priester hinüber irgendeinen Sport im Fernsehen ansehen. Ich rolle mich wieder auf dem Sofa zusammen und der Hund und ich schlafen seufzend ein. Dann klingelt das tierärztliche Telefon.

„Tierärztliches Telefon, Fräulein Read On am Apparat, wie kann ich Ihnen helfen?“ Ähm, Fräulein Read On, hier ist der Zoodirektor ein Känguru plagt heftiger Rückenschmerz. Ob der Tierarzt wohl…?“ Ich seufze und eine halbe Stunde später rollen wir mit dem Volvo erst in der Tierarztpraxis vorbei und fahren in die Stadt zum Zoo. Das Känguru sieht sehr grimmig drein und hat sehr große Füße. „Read On, kannst du mir helfen?“, fragt der Tierarzt und ich muss mich wirklich sehr überwinden mit anzufassen. Das Känguru schwingt unlustig seinen Schwanz und starrt mich missmutig an. Der Zoodirektor erklärt uns, dass das Känguru sich den ganzen Tag den Rücken gehalten habe und dann fiel es einfach um. So ein Känguru ist ziemlich schwer und dann die seltsamen Füße. Der Tierarzt macht tierärztliche Dinge und ich reiche tierärztliche Dinge an und Kängurus riechen nicht wirklich gut, aber ich finde meine Abneigung auch ein bisschen peinlich und nehme mich zusammen, das kann ich ja so gut. Irgendwann nickt der Tierarzt und ein Zoopfleger wird die Rekonvaleszenz des Kängurus begleiten. Ich wasche mir sehr lange die Hände und der Zoodirektor bedankt sich wortreich. Immerhin bekommt man als Tierarzthilfskraft ein Grantapfeleis und der Tierarzt murrt fast gar nicht über seine Kugel Erdbeereis und erzählt begeistert über andere verunfallte Kängurus. Ich nicke und versuche die grausigen Kängurufüße zu vergessen. Dann fahren wir zurück nach Hause. Die Katze starrt uns tödlich beleidigt an, so lange war sie schon lange nicht mehr im Garten, der Hund jault vor Begeisterung über unsere Rückkehr und der Tierarzt zieht mich auf das Sofa zurück. „Komm sagt er Mädchen, Sonntage sind zum Küssen da.“

Zu Boden gehen

Als die Nachtschicht am Freitag Morgen endet geht über Dublin die Sonne auf. Es lohnt sich nicht noch einmal zurück aufs Dorf zu fahren, beschließe ich und fahre in die Univresität. „Tierarzt“ sage ich, „es ist Birchermüsli im Kühlschrank, bitte iß doch ein Schälchen,ja?“ „Soll sein, Mädchen, soll sein, sagt der Tierarzt und dann: „Mädchen leg dich aber heute untertags wenigstens eine Stunde hin, ja?“ „Soll sein, Tierarzt, soll sein.“ Dann lege ich auf und ratsche mit der Zugehfrau, die um 6.30 Uhr fast fertig ist mit dem Saubermachen und deren Sohn gerade Schulabschlussprüfungen hatte. Er ist der erste in der Familie, der einen Schulabschluss macht. Ihre Schule wurde im Krieg zerstört und dann zerstörte der Krieg ein ganzes Land. Die Zugehfrau ist aus Sierra Leone und ihr Sohn macht gerade mehr als einen Schulabschluss. „Read On“ sagt sie streng „ sie müssen auch einmal schlafen.“ Ich nicke und gelobe Besserung. Dann fängt der Tag mich ein. Ich schreibe und telefoniere, ich renne Treppen hinauf und hinunter, und dann noch einmal hinauf ( den grünen Aktenordner hatte ich liegen lassen.) Wieder klingelt das Telefon, ich verschwinde in der Bibliothek, und tauche bücherbeladen wieder auf . Für einen grässlichen Moment glaube ich, mir sein der „WICHTIGWICHTIG“-USB Stick abhanden gekommen, aber er war nur in der linken statt rechten Rocktasche. Ich puste siebenundzwanzig Mal über den Tee und verbrenne mir doch die Zunge. Dann klingelt schon wieder das Telefon. Fast noch pünktlich rausche ich in das Konferenzzimmer hinunter. Für zwei Stunden versuche ich nicht zu gähnen und bloß keinen der Punkte auf dem grünen Zettel zu vergessen. Ein bisschen tanzen die Buchstaben, aber das mag auch am Wind liegen, der die Bäume vor dem Fenster tanzen lässt und Schatten über das Papier wirft. Bestimmt glühen die Augen des ungeliebten Kollegen auch nicht, weil ich so müde bin, sondern weil das Sonnenlicht schräg durch das Fenster fällt und er auf einmal gelbäugig zu mir herüberstarrt. Ich pfeife meiner wunderschönen Chefin hinterher, die im roten Leinenkleid vorüberläuft und sie wird wirklich rot. Zum ersten Mal an diesem Tag bin ich wirklich wach. Für zehn Minuten sitzen wir auf dem warmen Rasen vor der Universität. „Was Du für ein wunderschöner Mensch bist“, sage ich ihr und bin selbst überrascht wie ernst es mir ist. Jetzt ist sie wirklich so rot wie ihr leuchtend- rotes Kleid und muss sich eilen, um rechtzeitig zum Flughafen zu kommen. Ich klopfe mir das Gras ab, denn schon wieder klingelt das Telefon, ich beantworte eine E-Mail nach der anderen und habe das unheimliche Gefühl, dass es immer mehr werden, anstatt weniger. Dann hat die B. eine Frage und aus der Frage wird ein ziemlich, großes Problem, das gelöst werden muss. Die B. schluchzt und ich nehme eine Aspirin-Tablette bevor ich wieder nach dem Telefonhörer greife. Zum Glück hat die Frau am anderen Ende der Leitung irgendwo einen Vermerk mit: „Read On, stur wie der Esel sieben, Abschütteln sinnlos“ und als ich auflege, kann ein Formular auch noch am Montag nachgereicht werden. Die B. schluchzt wieder und dann höre ich ein dumpfes RUMMS. Ich jage wieder die Treppen nach oben. Dem G. ist es gelungen den vollbeladenen Geschirrspüler umzustoßen. „Read On“, ehrlich ich schwöre ich wollte mir nur einen Tee machen.“ „Im Geschirrspüler G.?“ Der G. schüttelt den Kopf: „Natürlich nicht. Ich brauchte halt eine Tasse.“ „Das hat ja gut funktioniert, sage ich und dann bin ich sehr lange, damit beschäftigt eine ganze Geschirrspülladung voller Scherben in Kartons zu stapeln und in den Müll zu schaffen. Der G. steht greinend daneben und beklagt sich über die Ungerechtigkeit der Welt, die ihm eine Tasse Tee verwehrt. Ich sauge Glassplitter auf und erinnere den G. wie er ganz ohne sein Zutun einen riesigen Aktenschrank zum Umfallen brachte. Dann endlich ist der G. still. Der Geschirrspülautomat rumst erst mürrisch und als ich denke, er ist kaputt hickst er und funktioniert wieder. Dann hole ich Ersatzgeschirr. Da ist der G. schon lange nicht mehr da. Ich packe meine Sachen zusammen und gehe einkaufen. Das geht nicht besonders gut, denn ich sehe auf den Blumenkohl in meiner Hand und weiß nicht mehr, was das eigentlich ist. Also trolle ich mich und warte auf den Zug. Der Zug hat Verspätung und mich befällt der unangenehme Gedanke etwas vergessen zu haben. Aber die Schlüssel, die Geldbörse und Unterlagen sind in der Tasche. Aber auch im Zug kann ich nicht aufhören immer wieder in der Tasche zu kramen, aber ich finde nicht was ich suche. Dann laufe ich durch das stille Dorf und winke der Frau des Krämers, die mir zuruft, dass ich aussehe wie einmal durch die Mangel gedreht. Die Frau des Krämers kann Komplimente. Dann öffne ich die Wohnungstür und zweimal fällt mir dabei das Schlüsselbund aus den Händen. Dann fällt mir ein, was ich vergessen habe: ich wollte mich doch wenigstens für eine Stunde hinlegen. Aber mehr erinnere ich nicht, denn als zwei Stunden später der Tierarzt aus dem Zoo zurückkommt, stolpert er über mich auf dem Flurläufer: WhatthehelljesusMädchenisthatyou? Sehr langsam mache ich die Augen auf. Neben mir liegt meine Tasche und ein Schuh liegt vor Tür. Aber auf das Sofa habe ich es nicht mehr geschafft, sondern muss direkt auf dem Kokosläufer eingeschlafen sein. „Ach Mädchen“, sagt der Tierarzt und zieht mich zu sich heran. Aus dem Flurspiegel sehen uns ein Mann, der nicht essen kann und ein Mädchen, das vergisst zu schlafen an. Das sind wohl wir.

Zwischen Hut und fliegendem Haar

Am späten Nachmittag fahre ich zurück zu Schwesterchen. Warm ist es und müde bin ich und so sehe ich das Paar erst als ich nach der Wasserflasche in der ewig großen Tasche suche und dann sehe ich sie doch. Ein Mann und ein Frau sitzen mir genau gegenüber. Anfang Dreißig vielleicht. Er trägt eine dunkelblaue Leinenhose, ein weißes Jackett mit marineblauer Krawatte, ein sorgfältig vernachlässigter Bart und auf dem Kopf ein Hut wie Humphrey Bogart. Seine Freundin hat ein luftiges Sommerkleid an: dunkelblau-grau und auf dem fliegenden Rock Blumenornamente, Lilien und Rosen und ich glaube auch Margariten. Auch sie trägt einen Hut, breitkrempig, wenn auch ohne Schleife. Hutgesichter wie Humphrey Bogart und Lauren Bacall haben sie beide nicht, aber sie beide sind Menschen, die einen Hut tragen, weil man eben ein Hut trägt, denn ganz sicher sind die beiden zu einem Sommerfest im Garten der Eltern oder Schwiegereltern eingeladen und sicher wäre es akzeptabler ohne Unterwäsche als ohne Hut zu erscheinen. Der Mann seufzt und sieht auf sein Telefon. Seine Freundin aber zieht sich mit langsamen Bewegungen die Lippen nach. Fuchsiarot. Ihr Freund will sie dabei auf die Nasenspitze küssen, aber das kommt nicht gut an, sondern sie dreht den Kopf hastig weg und schlägt ihm auf die Hand. Er wird rot. Ein Hut, aber das sage ich ihm nicht, reicht noch nicht um dort dazu zugehören, wo noch der bitterste Scheidungskrieg nicht anders als mit einer hochgezogenen Augenbraue begonnen wird. Unterdessen aber, die Frau besieht ihr Gesicht in einem kleinen Perlmuttspiegel, steigen zwei Frauen zu. Sie sind, es lässt sich nicht überhören Cousinen. Sie haben wasserstoffblonde Haare und einen Hut tragen sie nicht. Dafür hat die eine der Beiden, einen Overall mit aufgedruckten Ananassen an und die andere ein weißes Kleid mit pinken Blumen. Auch sie wollen zu einem Sommerfest und sie kichern aufgeregt, denn Overall und Kleid haben ein gewaltiges Dekolleté und die beiden Cousinen zupfen am Stoff herum und überlegen ob wohl John oder Jake sie zum Tanzen auffordert und mit dem Telefon machen sie Bilder und lustige Kussmünder dazu. Sie lachen und eine der beiden Cousinen knufft die andere in die Seite und ruft: „Ich freu mich so.“ Dann lachen die beiden Cousinen und versichern sich gegenseitig, dass John und Jake auf jeden Fall heute Abend geküsst werden müssen. Die Frau mit Hut aber, die inzwischen perfekt nachgezeichnete Lippen hat, sieht mit angewidertem Blick zu den beiden Frauen neben ihr hinüber. „Geschmeiss“, sagt ihr Blick und dann rümpft sie das porzellanfarbene Näschen um ihre Gemütslage erst noch zu unterstreichen. Dann beugt sie sich zu ihrem Freund vor und macht eine abschätzige Bemerkung, vermutlich über die hergezeigten Brüste oder die falsche Bräune auf den Beinen und ihr Freund, der doch eben noch versuchte ihre Nasenspitze zum Leben zu erwecken, nimmt den Faden auf und auch er versucht ein überheblich, herablassendes Kichern und hämisches Gackern, doch seine verzogene Augenbraue gelingt nur fast: zu fröhlich sind die Frauen, zu schön ihre Brüste und die Cousinen haben zu dem sehr lange Beine und bonbonfarbene Nägel. Die Frau mit Hut aber macht den Rücken steif und tupft sich einen Hauch Parfum hinter die Ohren. Ihr Blick bohrt sich in den Fußboden und die beiden Frauen eben ihr sind nicht einmal mehr Luft. Ihr Freund dreht den Hut in den Händen und will ihr etwas Witziges auf dem Telefon zeigen, doch sie verzieht nur ein ganz klein wenig die Oberlippe. Er küsst sie auf die Schulter und sie schnipst den Kuss auf den Fussboden da bleibt er liegen. Die beiden Cousinen stehen auf, zupfen sich spärlich Stoff zurück, wirbeln sich durch die Haare, kichern und stöckeln auf irrsinnig hohen Schuhen der U-Bahn Tür zu. Die Frau mit Hut kramt wieder in einem Täschchen. Ihr Freund sieht den beiden Cousinen ein bisschen zu lang hinterher. „Laufen Sie“, will ich ihm zurufen, laufen Sie, die beiden Frauen sind wunderbar. Die beiden Frauen mögen chinesische Glückssymbole auf dem Knöchel tragen, aber die beiden Frauen die kennen das leben und halten es trotzdem aus, und immer noch können sie lachen. Die Träume sind den beiden Cousinen noch nicht abhanden gekommen und die beiden Frauen können einen tropfenden Wasserhahn reparieren und Plastikfingernägel wieder ankleben. Diese Frauen tragen ihr Herz auf der Zunge und haben es nicht unter leeren Formeln begraben. Diese Frauen sind öfter ausgelacht worden, als wir beide zusammen und strahlen noch immer. Diese beiden Frauen sind lebenspraktisch und diese Frauen haben starke Hände, einen echten Rücken und gegen Windmühlen haben die beiden bestimmt schon mehr als einmal gekämpft. Aber schon schließen sich die Türen wieder und der Mann bleibt zurück, mit dem nun etwas zerknautschten Hut in den Händen. Sogleich rügt seine Freundin ihn und er setzt sich den Hut wieder auf. Sie sieht erleichtert auf und rümpft noch einmal die Nase. Wieder steht der Zug, wieder öffnen sich Türen, ihr Freund bekommt Schultertuch und Bolerojäckchen überreicht, sie steht auf und er geht ihr nach. Die Türen öffnen sich und auf dem Bahnhof steht eine Frau, dreißig Jahre älter als sie aber unverkennbar ihre Mutter. Die gleiche Haltung, und auch fast dasselbe Kleid. Sie küsst ihre Tochter auf die Wangen, ihr Freund erhält immerhin zwei Luftküsse und zwei weitere Taschen. Dann fährt der Zug weiter und ich mache noch einmal die Augen zu und höre von fern die beiden Cousinen laut und herzlich lachen.

Sag Read On, was machst Du eigentlich den ganzen Tag?

Die verehrte Frau Brüllen fragt an jedem 5. des Monats was man so macht und da in Irland Feiertag ist, kann ich endlich einmal mitmachen. Voilà, ein Tag im Leben des seltsamen Fräuleins:

Um 6 Uhr in der Früh falle ich nachtschichtmüde kopfüber ins Bett. Ich träume von einem spitzem Metallkegel, der kopfüber mitten im Garten steht und den ich hartnäckigzu erklimmen versuche. Daraus aber wird nichts, denn der riesige Kegel ist so glatt, dass ich wieder und wieder abrutsche und in das nasse Gras falle. Gerade als mir im Traum die Idee kommt doch eine Leiter an den Kegel heranzustellen, macht es RUMMS. Schlagartig bin ich wach. Nachdem im letzten Jahr bei einem heftigen Sturm die Schindeln vom Dach flogen, fürchte ich beständige Wiederholung. Mit wirren Haaren, dicken Wollsocken, einem ausgeleierten T-Shirt und pinken Hosen bekleidet, stürze ich die Treppe hinunter und kreische: „Das Dach, das Dach!“ Doch das Dach zuckt nicht einmal mit der Wimper.
In der Küche treffe ich dafür auf den Tierarzt. Vor ihm liegt der Karton mit der Küchenmaschine, die auf dem Flurschrank lagert. „Mädchen“ sagt der Tierarzt erschrocken „habe ich dich geweckt?“ „Tierarzt“ sage ich, „dieser Rumms hat selbst Neptun und seinen Hofstaat geweckt.“ Der Tierarzt sieht unglücklich auf den Karton zu seinen Füßen. „Mädchen“ sagt er, „ich bin verzweifelt“. „Gleich“, sage ich „Tierarzt, erst muss ich Zähne putzen.“ Die Uhr zeigt Elf. Ich putze mir die Zähne und während ich meinem Spiegelbild die Zunge herausstrecke, erinnere ich mich, dass ich doch am Freitag Cottage Cheese und Ananas gekauft habe und dies ein formidables Frühstück abgäbe. Ich stecke meinem Spiegelbild etwas vergnügter die Zunge heraus und ziehe mir etwas an.

Zurück in der Küche sitzt der Tierarzt mit verzweifeltem Gesicht am Küchentisch und rauft sich die Haare. „Read On“ ruft er „du musst mir helfen.“ Sagt der Tierarzt Read On zu mir, muss etwas wirklich Schwerwiegendes vorgefallen sein. „Ich finde den Zettel nicht mehr“, klagt der Tierarzt. Der Tierarzt müssen Sie wissen hält übermorgen einen Vortrag in Toronto und schreibt seit Tagen schon fluchend an seinem Vortrag. Nun hatte der Tierarzt also während ich schlief, einen Geistesblitz, einen Einfall dergestalter Natur, dass er diesen Gedanken auf ein gelbes Post-It notiert habe, um diesen ja nicht wieder zu vergessen. Dann habe er die Katze gefüttert und den Hund gekrault und als er sich umdrehte sei der Zettel verschwunden gewesen. „Ach was“, sage ich, „ein Zettel verschwindet nicht einfach so.“ Der Tierarzt greint. Dann suchen wir. Ich sehe in den Toaster und in den Ofen, ich durchwühle den Kühlschrank und hebe alle Teppiche an, ich sehe in den Schmutzwäschekorb und in die Kleiderschränke, der Tierarzt hebt alle Blumentöpfe an und durchwühlt die Besteckschublade, ich sortiere alle vortragsvorbereitenden Papierhaufen auf dem Küchentisch, der Tierarzt schüttelt alle Kissen auf, doch auch um 12 Uhr 30 bleibt der Post-It Zettel spurlos verschwunden. Der Tierarzt greint etwas von Weltformel, die er Unglücksrabe auf diesem Zettel notiert habe. Ich seufze, denn ich würde sehr gern Cottage Cheese mit Ananas essen und Milchkaffee trinken. Aber es hilft ja nichts, ich nehme einen Tritt und durchwühle draußen im Garten die Papiertonne. In der Papiertonne sind jedoch sehr viele, gelbe Post-It’s zu finden, denn ich notiere unter der Woche sehr viele, sehr banale Dinge und leider nie die Weltformel auf den Klebezetteln und grabe mich durch „ Buch abholen“, „Brief D.“, „Eier, Zucker, Mehl“ und das gleich bergeweise. Gerade als ich nach einem zusammengeknüllten Zettel taste, muss die faulste aller Katzen, die ganze Nachmittage verschläft zwischen meine Beine springen, ich verliere den Halt und falle kopfüber in die Papiertonne. Die Papiertonne kracht mit einem lauten „RUMMS“ nach hinten und der Deckel der Papiertonne knallt mir mit Schwung auf den Kopf. Der Tierarzt kommt aus dem Haus gelaufen: „Hast du den Zettel?“ fragt er mich noch Atem holend. Ich zähle sehr langsam bis 30 bevor ich aus der Papiertonne herausklettere. „Liebling, sage ich, „ich schlage vor du gehst jetzt und zwar jetzt sofort zu Kälbchen, bevor ich etwas sage oder tue , was ich nicht heute, oder morgen aber vielleicht in zehn Jahren bereuen könnte.“ „Der Katze sage ich, „kannst du gern den Weg in den Garten zeigen.“ Der Tierarzt verlässt den Garten rückwärts. Als ich das Papier zurück in die Tonne geschaufelt habe, ist das Haus leer und sehr, sehr ruhig. Der Hund hat sich in den Oberstock verkrochen. Die Katze sitzt mit verdrossener Miene im Garten. Ich fülle einen Waschlappen mit Eiswürfeln und kühle mir die angehauene Nase und Oberlippe. Dann endlich Milchkaffee. Ich zähle noch vier Mal sehr langsam bis dreißig, dann lässt das hartnäckige Gefühl die Sachen des Tierarztes auf die Straße pfeffern zu wollen nach. Ich hebe ein Sofakissen auf und bis die Milch warm ist, spüle ich die Teetasse des Tierarztes aus. Unter der Teetasse klebt ein gelbes Post-It. Darauf stehen vier erratische Abkürzungen. Ich klebe den Zettel mit Tesa auf der Tischplatte fest, mit Milchkaffee und einem Marmeladenbrot krieche ich auf das Sofa, auf dem sonst die Katze residiert und schließe die Augen. So fühlt sich die Freiheit an. Dann rufe ich die C. an und lasse mich von ihr trösten. Es ist 14.00 Uhr und der Tierarzt klopft sehr vorsichtig an. „Mädchen, es tut mir so leid.“ Aber ich sage nichts, sondern schiebe sehr, sehr langsam, so wie die italienischen Mafiosi im Film, den Zettel zu ihm herüber. Der Tierarzt wird wirklich rot. Ich lege mich noch einmal hin und der Tierarzt bringt endlich diesen Vortrag zu Ende.
Dann packt der Tierarzt seinen Koffer. Ich sehe ihm zu und lese ein bisschen in Sally Rooney’s „Conversations with Friends“ herum. Zu meiner Überraschung ist mir das Buch ziemlich egal. Dann laden wir Koffer und Tasche in den treuen, alten Volvo und ich fahre den Tierarzt zum Flughafen. Der Tierarzt streicht sehr vorsichtig das Haar hinter meine Ohren als wir vor dem Check-in Schalter von British Airways stehen. „Mädchen“, sagt er „darf man dich denn küssen?“ Ich nicke und irgendwann pfeifen die Jugendlichen, die des Spracherwerbs wegen nach Spanien fahren. Der Tierarzt gibt seinen Koffer auf und ich fahre zurück aufs Dorf. Am Hafen sehe ich auf die Segelschiffe. Klabautermannwetter, denke ich und bete für das Dach. Zurück zu Haus, esse ich Cottage Cheese mit Ananas und hole neue Eiswürfel aus dem Gefrierfach, als ich mit der Zeitung in Richtung Sofa wanke, rückt die Katze respektvoll zur Seite und der Hund kaut auf einem Gummiknochen. Als ich aufwache ist es 19 Uhr, ich rieche an den Rosen und als ich nach oben sehe, fliegt ein Flugzeug genau über dem Haus hinweg. Ich winke dem Tierarzt hinterher.

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