Ausreißer

Es regnet. Es regnet sogar sehr. Der Wind klappert gegen die Fensterläden und ich mache mir ein Marmeladenbrot. Der Hund jaunelt, weil er kein Marmeladenbrot abbekommt und die Katze lacht über den Hund, denn wenn die Katze ein Marmeladenbrot will, dann würde sie sich eines machen, nur sie will eben keines. Sie hat ja Prinzipien. Die Uhr zeigt 9.05 Uhr und dann klopft es an der Tür. „Fräulein Read On, Fräulein Read On“, ruft der Nachbar atemlos auf dessen Weide Kälbchen Obdach gefunden hat: „Kälbchen ist ausgerissen.“ Ich verfluche den Tag an dem der Tierarzt Kälbchen anschleppte, dann springe ich in Gummistiefel, und stopfe mir die Jackentaschen voller Karotten und renne los. Der Tierarzt, ist aushäusig und ich verfluche einen Orang-Utan mit Zahnweh, der für diesen Zustand verantwortlich ist. Kälbchen hat zwar feuchte Kälbchenaugen und tut als sei es die Unschuld selbst, aber vor allem hat Kälbchen herausgefunden, wie man das Weidegatter öffnet und wenn der Tierarzt nicht so kommt, wie Kälbchen sich das vorstellt, dann macht Kälbchen sich eben selbst auf die Suche und geht spazieren. Nur spaziert eben nicht nur Kälbchen auf der Straße entlang, sondern es biegen Autos um die Ecke, Rennradfahrer heizen die Straße entlang und dann und wann tuckert ein Traktor vorbei und man kann sich alles mögliche vorstellen, nur ein zerdrücktes, zerquetschtes, überfahrenes Kälbchen, dass möchte man sich wirklich nicht vorstellen. Ich renne zur Weide herunter und schreie die anderen Kühe an: „Welche Richtung, los sagt mir  schon welche Richtung!“ Die Kühe sehen mich langsam wiederkäuend an, drei Kühe wedeln mit dem Schwanz: eine nach links, zwei nach rechts.  Dann starren sie wie ich finde impertinent und verschlagen zu mir herüber und kauen stumm weiter. „Sehr hilfreich, vielen Dank auch“, murre ich und renne den vermatschten Weg hinter der Weide entlang, ich rufe: „Käääääääälbchen“ und „Kälbchen, komm zu Read On“. Zwei Spaziergänger starren mich an als sei ich einer Anstalt entlaufen, aber es hilft ja nichts. Ich renne und rufe und renne und rufe und renne, immer weiter in Richtung Wasser, denn Kälbchen weiß nicht nur, wie man das Gatter aufbekommt, sondern auch, dass von dort ein Weg Richtung Oberland, sprich zum Tierarzt führt. Und tatsächlich Kälbchen steht vor einer Pfütze und schlürft Wasser und patscht mit den Hufen im Schlamm. Ich atme durch. Ich habe Seitenstechen und meine Stiefel sind schlammbedeckt. Es regnet ja auch schon seit gestern Abend. „Kälbchen“, rufe ich! Kälbchen dreht mir sein Hinterteil zu. „Hör mal Kälbchen“ rufe ich und dann sage ich jenen Satz, den ich als Kind gehasst habe: „sieh mich gefälligst an, wenn ich mit dir rede.“ ( Funktioniert aber ). Vielleicht hat aber Kälbchen auch nur die Karotten in meiner Jacke erspäht und jetzt gilt es taktisch klug vorzugehen, ich halte also eine Mohrrübe in Richtung Kälbchen und gehe rückwärts in Richtung Heimatweide davon. Für 500 Meter glaube ich zu triumphieren: Kälbchen läuft willig der Mohrrüber hinterher. Dann verfängt sich mein Gummistiefel in einer Schlingpflanze und ich knalle rückwärts in eine Pfütze: „PLATSCH“. Als Moorleiche richte ich mich wieder auf. Kälbchen grinst und knuspert eine Möhre, die mir aus der Tasche fiel. Ich mache Kalbsschnitzel aus dir, rufe ich und Kälbchen grinst, marschiert an mir vorbei, verfällt in einen leichten Trab und die Spaziergänger rufen: „Oh ein Kälbchen, wie süüüüüß.“ Dann fällt ihr Blick auf die hinter Kälbchen herhetzende Moorleiche. Ihre Blicke sprechen Bände. Ich starre finster zurück. Kälbchen blökt und die Spaziergänger rufen: „Geben Sie gut auf Kälbchen acht.“ Ich unterdrücke mühsam den Ruf nach Kalbsgulasch und renne weiter. Vor der Weide lässt Kälbchen sich eine weitere Mohrrübe reichen und dann schnappt es mit dem Maul nach dem Torriegel und stolziert zurück zu den anderen Kühen. Ich zisches Böses und der Nachbar sichert das Tor mit einem Fahrradschloss. Dann wanke ich zurück nach Hause. Dort ist inzwischen auch der Tierarzt eingetroffen.

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Von wegen Idylle

„Mädchen, sagt er, warum bist du so schlammbedeckt?

„Tierarzt, warum hast Du Kälbchen nicht besser erzogen?“, knurre ich.

„Mädchen, Kälbchen so jung verwaist, so anhänglich, so zart, und so klug, braucht eben besonders viel Liebe und Nachsicht. Der Tierarzt hat feuchte Augen.

„Tierarzt rufe ich und ziehe vergeblich an einem verschlammten Stiefel: Kälbchen braucht klare Regeln, eine strenge Hand, Konsequenz, klassische Musik zur Beruhigung, eine Aufgabe und KONSEQUENZ, KONSEQUENZ UND NOCHMAL KONSEQUENZ.“ Dann endlich ist der Stiefel vom Fuß.

Der Tierarzt lacht schallend: KONSEQUENZ, KONSEQUENZ, KONSEQUENZ und das ausgerechnet von Dir Mädchen?“ Weißt Du noch als Du Moos gesammelt hast, damit die Igel im Garten wohler ruhen und dass Su deine alte Freundin Wildtaube mit Rosinen aus dem Bioladen fütterst? Der Tierarzt quietscht vor Lachen und japst nach Luft.

„Ungeschwefelte Rosinen“, sind halt besser und gesünder“, schnarre ich und reiße am anderen Stiefel und außerdem hat mich die alte Freundin Wildatube noch niemals in Schlammbäder verwickelt.

Der Tierarzt lachtkreischt wie eine Hyäne: U-N-G-E-S-C-H-W-E-F-E-L-T-E Rosinen. Ich schleudere den zweiten Stiefel in den Flur und mache ein vertrotztes Gesicht:

„Sehr witzig, Tierarzt.“  Du bist so witzig“. Der Tierarzt schnappt nach Luft. Ich werfe die verschlammten Hosen, das nasse T-Schirt und die eingesaute Jacke in die Waschmaschine, der Tierarzt kichert wie wildgeworden, hinter ihm hopst die Katze auf den Küchentisch und beißt herzhaft in das Marmeladenbrot. Der Hund jaunelt, ich stapfe die Treppe hinauf und schließe vor dem Badezimmerspiegel die Augen. In meinen Haaren kleben Schlammbrocken, ich drehe das Wasser auf und eine braune Brühe läuft an meinen Beinen herunter. Selbst durch das rauschende Wasser hindurch kann ich das wiehernde Gelächter des Tierarztes hören: Konsequenz, kichert er, Konsequenz. Kalbskotelett murmele ich, ganz bestimmt, schon bald, wenn ich wieder trocken bin.

Von Fern ist das Meer niemals nah (1)

Southall, England. Häuser, ein Bollywood-Kino, die größte Gurudwara außerhalb Indiens, Markstände ( Jalebis, Gemüse, T-Shirts ), ein Cricket-Feld, eine Straße, seine Straße führt hinunter zum Bahnhof. Southall steht auf dem Schild. Es steht dort in Englisch und in Gurmurkhi. Vor dem Bahnhof Fahrradständer, verrostete Fahrräder, Mülleimer, an der Ecke ein Reisebüro: „Punjab Special Offer.“ Kleben am Fenster.Eine vertrocknete Palme und alte Prospekte: „Jewels of Punjab 2001“liegen auf dem Tisch. Er ist schon weiter. Die Straße endet mit seinem Geschäft. „Punjabi Tresor“ hatte sein Vater damals gesagt, hatte es ins Telefon geschrien, denn sein Vater schrie immer, aber der Contractor am Telefon hatte verstanden: „Punjabi Resort“ und das Schild war teuer genug gewesen, sagte sein Vater und dann blieb das Schild so wie es war. Er lebt das Leben seines Vaters. Er als der älteste Sohn, sagt sein Vater, sei seine rechte Hand, seine Mutter sagt seine linke Hand halte die Ehre der Schwestern, seine vier Schwestern nennen ihn Kurta, den Hund, den Schoßhund des Vater nennen sie ihn. So nennt ihn die ganze Straße. Ganz Southall flüstert, betritt er die Gurudwara: „Da kommt Kurta, der Hund.“ Er ist der Hund seines Vaters. Er steht um 4 Uhr auf und um 4.12 Uhr küsst er die Füße des Vaters, um 4.14 Uhr schlägt die Haustür hinter ihm zu. Er geht die Straße hinunter, am Mittwoch werden die Mülltonnen abgeholt, um 4.30 werden die Zeitschriften geliefert, um 5.25 Uhr fährt das Milchauto vor sein Geschäft. Er öffnet die Tür und im Halbdunkel steht er ganz still, er kann sich atmen hören, dann zieht er den eisernen Rollladen hoch, der Rollladen ist hellblau. Es war noch Farbe übrig, das Zimmer seiner Schwester Preeti hat hellblaue Wände, die Rollläden des Geschäfts jetzt auch. Der Rollladen klemmt und ihm läuft der Schweiß über den Rücken, endlich rastet der Laden ein. Er schaltet das Licht ein, er rollt die Zeitungsständer hinaus, sie klappern auf der stillen Straße. Noch sind die Straßenlaternen an, er sieht sich im Fenster des Ladens. 17 Jahre war er, da kaufte der Vater den Laden, nahm ihn aus der Schule, er war der älteste Sohn, er war der Musterschüler, sein Vater wollte keine Zeit verlieren. Er wischt die Kasse mit einem feuchten Lappen ab, er holt den Besen aus dem Nebenraum, er fegt den Laden. Im Laden von Kurta, dem Hund kann man vom Fußboden essen, sagen die Leute. Es ist nicht als Kompliment gemeint. Seine Hände sind kalt, dabei sagte sein Vater gestern Abend, es würde wärmer werden, er fegt den Laden. An der Wand hinter Kasse hängt ein Bild des Vaters, hängt ein Kalender der Punjabi Pharmacy Southall, hängt eine billige Uhr. Tick-Tack macht die Uhr, er stellt den Besen zurück, er füllt Kaugummi, Cadbury-Riegel, und Bombay-Mix nach, er unterschreibt die Zeitschriftenlieferung. Der Mann, der die Zeitschriften von der Ladefläche des Lasters wirft, hat eine Zigarette im Mundwinkel kleben, sein Kopf ist rot vor Anstrengung, er sieht auf den Zettel in der Hand des Mannes, schwielige Hände hat der Lieferant, schwarz-behaarte Finger, er weiß nicht, ob er mit seinem Namen oder mit dem seines Vaters unterschreibt. Macht das einen Unterschied? Der Lieferant zieht ungeduldig an seiner Zigarette, ihm fällt der Stift aus der Hand, der Mann tritt die Zigarette aus, und noch einmalhält er ihm den Lieferschein hin, ein grauer Zettel, Tabakkrümel und Druckerschwärze zu ihm herüber. Er schreibt einen Namen, die Fingernägel des Lieferanten sind gelb und brüchig, auf dem Ringfinger aber unter den sich kräuselnden Haaren, sieht er das Bild eines Ankers, zwei Buchstaben D und L hängen an der Ankerkette. Er starrt auf den Anker und schreibt seinen Namen auf das Papier. Aber noch immer starrt er auf den Anker und der Lieferant folgt seinen Augen: „ Been a sailor meself“ sagt er und reibt sich über den Finger, „long time ago ye know, in me youth.“ Er nickt. Der Lieferant zuckt mit den Schultern. „Both gettin in me head, the sea and the drink.“ Dann knickt er den Zettel, tippt sich an den Kopf, und sucht nach einer neuen Zigarette, dann blinken die Lichter des Lieferwagens und wieder liegt die Straße still im ersten Licht des Morgens. Er hebt die Zeitungen auf, schneidet die schwarzen Bänder auseinander, sortiert: Des Pardes Weekly nach oben, die Sun, Times, den Guardian und Daily Mirror nach unten. Er holt eine Plastiktüte für die schwarzen Bänder, die Folie und das Papier, er stapelt die Zeitungen sorgfältig in die Fächer:
Er liest:

„ WORLD SEXIEST WEATHER GIRL ( SUN )

PRINCESS ANNE: WE SHOULD EAT HORSE ( DAILY MIRROR )

TIME ON THE COUCH HELPED POPE TO DEAL WITH PRESSURE ( LONDON TIMES )

„BREXIT-ON-SEA“ ( GUARDIAN )

Er dreht sich um, die Zeitungsständer verschließt er mit einem Fahrradschloss, die Straßenlaternen gehen gleich aus, bald kommt das Milchauto, er muss den Bestellzettel aus dem Fach unter der Kasse holen, er geht hinein den Laden, ein Glöckchen über der Tür klingelt, er hört es nicht mehr. „Punjabi Resort“ steht auf dem Schild, rote Buchstaben auf gelbem Grund, zwei Palmen links und rechts, etwas verwaschen schon, blaue Wellen lecken an den roten Buchstaben, am T. des Resort, hängt eine Ankerkette, den Anker selbst sieht man nicht mehr. Der Contractor, ein Mann aus Goa, hatte seinem Vater das Schild mit Stolz überreicht: „Bloody Foreigners“ schrie sein Vater und übermalte den Anker, bis nur noch die Ankerkette am äußersten Rand des T von „Punjabi Resort“ übrig blieb.

Der erste Teil dieser Geschichte ist ein Beitrag zu Kikis #SepteMeerund Teil 2 der Geschichte folgt hier am nächsten Samstag.  

Woanders ist es auch schön

Es gibt Diskussionen, die kann man sich in Paris nicht einmal vorstellen, aber in Berlin werden sie mit viel Verve geführt und Miz Kitty hat aufgeschrieben wie das ist mit dem Kaffee und den Berliner Cafés.

Seen machen Menschen.

Der Text will mir nicht aus dem Kopf gehen , ich weiß ich sage es immer wieder, aber man gar nicht genug aufeinander acht geben.

Manchmal ist ein seidener Faden der Anfang eines hoffentlich besseren Lebens.

Noch einmal ein Stück vom Sommer.

Ich mag Uwe Johnson und wenn ich im Moment nicht dazu komme seine Jahrestage weiterzulesen, so lege ich Ihnen doch dieses Blog heiß ans Herz.

Geben Sie sich einen Ruck, hauen Sie in die Tasten, befeuchten Sie die Pinsel, singen Sie Shantys, denn im September geht es mit Kiki ans Meer.

Hier sind all die Gründe versammelt, warum ich nirgendwo lieber Zug fahre als in Indien.

Stellen Sie sich einfach vor, wie das Fräulein bei diesem Lied vor Rührung in die Teetasse weint, der Hund stimmungsvoll dazu jault und der Tierarzt die Treppe hinuntereilt, um zu fragen: „Gehen die Sirenen?“ Die Katze verschläft natürlich wieder alles.

Unter Wasser

Zwei Tage regnet es schon in Mumbai. Die G. schickt mir ein Bild. Sie steht bis zu den Hüften im Wasser und ihr grünes Fahrrad hat der Regen davongespült. Vom Balkon ihrer Wohnung kann man das Meer sehen, aber das Meer ist seit zwei Tagen schon hinter der Wand aus Regen verschwunden und es regnet und regnet in Mumbai und die der D. legt Handtücher in die Terrassentüren, denn in Mumbai gibt es keine Sandsäcke und der Regen steigt und der D. und seine Freundin packen die Bücher aus den Regalen lieber in Kartons und tragen sie in den Oberstock. Der F. schickt mir Bilder von einem Wasserfall und der Wasserfall ist direkt vor dem Bahnhof zu finden. Der F. lacht am Telefon, aber fröhlich klingt er nicht: „ Read On, wenigstens die Schlaglöcher sind im Regen verschwunden.“ Die B. die Tochter vom Y. und der L. freut sich: „Read On, es ist keine Schule wegen des Regens und Mami hat mir einen Film versprochen und ein Eis.“ Es regnet in Mumbai und die B. bekommt ihr Eis. „So lange der Strom noch da ist.“, sagt die L. und die G. steht auf dem Balkon, auf dem wir beide so lange und so oft schon viele Stunden verbracht haben. Mit einem Besen kehrt sie das Wasser vom Balkon. Alle fünfzehn Minuten. Der Unrat schwimmt auf dem Wasser, eine große, dunkelbraune Welle und die Züge fallen aus. Die Menschen gehen an den Schienen entlang. Diejenigen die Regenschirme haben, haben Regenschirme und diejenigen, die keine Regenschirme haben, haben keine Regenschirme. Mumbai hat einen der größten Slums der Welt und wer dort lebt, der ist schon lange nass, denn Plastikplanen hat der Regen schon lange zerfetzt. Schon einmal 2005 hat der Regen und der Sturm, der mit dem Regen kam Mumbai verwüstet. Wochenlang beschworen die Zeitungen und Politiker, die Fernsehsendungen und überhaupt alle, dass dies nicht wieder geschehen dürfe. Aber bald schon war der Regen vergessen und irgendwer in Bollywood küsste jemand anderen in Bollywood und ganz Mumbai auch die Politiker interessierten sich dafür, ob nicht ganz jemand anders hätte geküsst werden müssen. Dann verstummten die Stimmen der Politiker und vom Regen war nichts mehr zu hören. Aber als die G. damals und in all den Jahren danach Proteste organisierte, die sich gegen die Abholzung der Mangrovenwälder um Mumbai aussprachen, da lachte man über die G. und noch im Dezember holzte man für den Bau einer Brücke auf 22 Kilometern Mangroven ab. Die G. und ihre NGO aber, die auf den Flutschutz den die Mangroven liefern in immer neuen Versuchen hinwiesen, machte man verächtlich in Mumbai. In Indien ist man schon weiter als in Amerika, wo man noch Zweifel hat, aber in Mumbai sprachen die Politiker schon lange nur noch vom „sogenannten Regen“ und von radikalen Kräften wie der G. die das Neue Indien verhindern wollten, die Bäume besetzten, diese naiven Idioten, die nichts anderes als Ohrfeigen und Kopfnüsse verdient hätten und die G. ließ sich ohrfeigen und umarmte die Mangrove. Aber inzwischen sind kaum noch Mangroven übrig und das Wasser läuft ungehindert in die Stadt hinein und läuft den Politikern Mumbais nun selbst über die Füße, denn selbst in Juhu Beach, wo sich die Politiker und die Bollywood Prominenz Ruhe und Frieden verspricht, steht das Wasser. Jetzt sind die Politiker eifrig dabei zu betonen, dass man sich kümmern werde, dass der Regen so stark sei wie niemals wieder seit 2005 und dass Mumbai jetzt zusammenstehen müsse. Fragen, warum die Stadt Mumbai nicht in Flutschutz investiert habe, beantworten die Politiker lieber nicht, über Mangroven schweigen sie sich aus. Nur in ihren Gärten stehen die Bäume noch. Der Regen aber fällt und fällt. Der F., der Architekt ist hat vor zwei Jahren seinen Job verloren, als er sich weigerte Häuser auf Wasserabflussrinnen zu bauen oder Wasserabflussrinnen zu überbauen oder auf Wasserabflussrinnen zu verzichten. Parel, wo der F. damals bauen sollte, ist heute am Schlimmsten überflutet und das Wasser kann nirgendwo hin. „Get out, you lazy dog“ schrie sein Chef damals der doch so viel Bestechungsgeld bezahlt hatte, um dort bauen zu dürfen, wo man heute gar keine Häuser mehr sind, sondern nur noch Wasser und der Regen fällt in Mumbai und fällt und fällt und im ehemaligen Architekturbüro des F. geht nur ein Anrufbeantworter an und der Regen deckt die Häuser zu und der F. lacht und es klingt bitter. Über uns alle, haben die Nachbarn damals gelacht, als wir, der Y. und die L. und Baby B und der A. und ich damals Papierkörbe im Viertel aufstellten. Die Nachbarn lachten und nur wir füllten am Sonntag Plastiksäcke mit Plastiktüten und Flaschen und Zweigen und Müll und mehr Plastiktüten, die sich in den wenigen Regenrinnen verfangen hatten. Die Nachbarn lachten so hart und fanden uns so dumm. Aber der Y. und die L. und Tochter B. reinigen noch immer die Regenrinnen und nur deswegen kann bei ihnen etwas Wasser ablaufen und es regnet und regnet in Mumbai und die Nachbarn stehen auf den Balkonen und starren in die Regenwand und in den Nachrichten zeigen sie wie low-caste Männer und Frauen im strömenden Regen versuchen die verstopften Regenrinnen und Gullys auszuheben und das Wasser steht auf den Straßen und auf den Bahnhöfen, es läuft über die Balkone hinein und die Nachbarn sehen in den Regen und hoffen, wie auch die L. der Y. und die kleine B. das der Strom hält und es regnet in Mumbai und die Straßenhunde und Katzen ertrinken und die Kadaver schwimmen durch die Straßen und diejenigen, die draußen durch den verschlammten Regen waten sollen, sind unterwiesen Doxycycline einzunehmen, aber diejenigen, die es einnehmen müssten, wissen nicht einmal was Doxycycline ist. Wie immer ist auf die Verwaltung kein Verlass aber auf die Gurudwaras, die Chai-Wallahs, auf die Vielen, die vom Wenigen das Meiste abgeben und es regnet in Mumbai und die Krankenhäuser stehen unter Wasser und Shiv Sena, die in Mumbai politische Verantwortung tragen, schlagen die Hände über dem Kopf zusammen und wollen sich nicht mehr erinnern, warum noch immer nichts geschehen ist, um die Stadt besser vor den Fluten zu schützen, denn Mumbai mit seinen vielen Kanälen und Flüssen besitzt im Grunde ein so natürlich wie effektives Flutschutzsystem und dann waren da natürlich die Mangroven, aber die Mangroven gibt es nicht mehr und die G. steht auf dem Balkon und sieht das Meer nicht mehr und es regnet in Mumbai. Es nicht vermeintlicher Regen, sondern Regen, der eine ganze Stadt verschluckt . Es regnet in Mumbai. Es regnet schon seit zwei Tagen.

Aufgewacht

Immer wache ich vom Regen auf. Der Regen läuft durch die schwarze Nacht und hält sich an den Fensterscheiben fest. Der Regen hat eine dichte Haut und feste Fingerknöchel, ich starre in den Regen hinaus und der Regen gibt nicht nach. Kalte Hände hat der dunkle Regen und kalte Hände habe auch ich.

Immer weckt mich der gleiche Alptraum auf und wache ich auf, erinnere ich mich, dass der Alptraum niemals vergehen wird. Mit der Zeit verblassen die Träume sagen die Leute, aber die Leute irren, nur ich werde blässer und der Alptraum bleibt einfach vor mir stehen. Der Alptraum hat genau so kalte Hände wie ich. Vielleicht hat der Alptraum mir ja seine Kälte in die Seiten gelegt. An eine Zeit ohne den Alptraum erinnere ich mich nicht. Der Alptraum und ich wir sind alte Freunde. Treffen wir uns tagsüber auf der Straße, sehen wir schnell zur Seite. Im Hellen wollen wir uns lieber nicht kennen.

 
Mich wecken weinende Frauen und Männer auf. Immer. Ich habe Frauen und Männer weinen gehört, von denen ich glaubte sie seien schon tot, aber sie weinten noch immer und ich bin mir nicht sicher, ob sie je wieder aufgehört haben. Wo immer sie weinen ob auf einer Liege im Krankenhaus oder in einem weißen Plastikzelt oder in einer alten Wohnung mit Dielenboden, ich wache auf und ich kann auch lange nach den Taschentüchern und der Hand auf der Stirn oder nach all den anderen vergeblichen Versuchen, dem Weinen zu begegnen nicht mehr einschlafen. Ich wache einfach auf.

Aufgewacht bin ich von Schüssen, die tief flogen und die mich immer nur fast trafen. Ich wache auf von klingelnden Telefonen, von einem Schlüsselbund in der Tür, von den Schatten an der Wand. Die Schatten erinnern sich gern an mich. Ich würde sie gern vergessen. Aufgewacht von Händen an meinen Rippen und aufgewacht vor lauter Müdigkeit. Nein lachen Sie nicht, dass ist eine ernste Angelegenheit. Aufgewacht bin ich von Hundegebell und Hummelgesumm, einmal mit einem Sonnenbrand, den ich für Tage mit Melonenscheiben kühlte am Strand von Cannes. Aufgewacht bin ich immer erst, wenn die Tür schon hinter mir zu geschlagen war. Es gibt Menschen, die sagen: ich habe die Gefahr schon kommen sehen. Mir ist es niemals so ergangen. Ich habe am Besten in den Armen eines hartnäckigen Lügners geschlafen. Aber ich glaube den Lügnern auch immer noch, wenn sie es wohl selbst nicht mehr tun. Tun Sie es nicht.

Ich bin aufgewacht als sich der Mond durch das dunkle Zimmer schob und die Sonne schon wieder unterging. Gestört haben mich weder Sonne noch Mond und oft wache ich nicht vom Wecker auf, sondern weil der Hund findet, die beste Art das Frühstück serviert zu bekommen, sei mit der Pfote an meine Stirn zu klopfen.

Das klappt garantiert. Aufgewacht vor Zahnschmerzen und vor immer neuen Sorgen. Aufgewacht auf einer satten Wiesen, auf Betonböden, in einer Badewanne. Die Badewanne stand frei im Raum. Aufgewacht mit kalten Füßen. Aufgewacht und manchmal trotz besseren Wissens die Augen lieber geschlossen gelassen. Aufgewacht mit Händen auf meinen Rippen. Die Hände immer wieder fortgeschoben. Unter meinen Rippen liegt zu viel vergraben.

Aufgewacht mit der Aussicht auf Schwimmen im kühlen See. Aufgewacht bei einer indischen Hochzeit. Ein Dorf in Himchal Pradesh. Mit dem Rücken an einen Dachvorsprung gelehnt unten auf der Straße gingen die Frauen des Dorfes, in der Hand ein Gefäß mit Wasser, in die Felder gingen die Frauen, denn die Felder sind ihre Toiletten. Erst da bin ich aufgewacht, da waren wir mit der Klinik schon zwei Jahre im Slum und niemals fragten wir uns, wo eigentlich die Toiletten waren. Hart aufgewacht in der Realität. Aufgewacht von Steinen gegen die Fensterscheibe, aufgewacht im festen Glauben, der neben mir liebte mich. Ich sollte mich irren.

Aufgewacht von den Toten, die durch die Flure laufen, still und schweigend sehen sich mich an, wieder und wieder kehren sie zu mir zurück und legen mir ihre kalten Hände auf die Stirn. Aufgewacht von vielen Nichtenfüßen auf meinen Rippen und dem Klingeln des Telefons nachts um halb drei. Aufgewacht, wenn es zu spät war und aufgewacht, obwohl es doch noch immer so früh ist. Aufgewacht vom Monsun und wieder fällt in Mumbai der Regen. Aufgewacht von den Dachschindeln, die in Irland herabpolterten, da sind in Assam und Bihar schon wieder 500 oder mehr Menschen in den Fluten ertrunken oder vom Sturm erschlagen worden. Aufgewacht, da war der Zug an der Endhaltestelle angekommen und ich musste doch eigentlich in eine andere Richtung. Aufgewacht mit Angst in der Magengrube, noch immer ist die Angst, das erste was mir morgens einfällt. Wir haben uns aneinander gewöhnt. Aufgewacht in den Armen meiner Großmutter, ich kenne keine sicheren Arme als die ihren. Immer legte meine Großmutter mich in ihre Arme hinein und am anderen Morgen waren sie noch immer da. Ich habe mich an die Abwesenheit ihrer Arme nie gewöhnen können. Auch davon wieder und wieder aufgewacht.

Spielerfrau

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Das Fräulein Read On ist unter die Spielerfrauen gegangen und das kam so:

Vor ein paar Wochen brachte der Tierarzt einen Zettel mit nach Haus. Auf dem Zettel stand: Tennisturnier, 1.F.C. Grün Weiß Celtic“, 27. August: Auch Nicht-Mitglieder HERZLICH WILLKOMMEN. Tennisplatz Celtic, Celtic Street 1, Celtic Village. Der Tierarzt sah auf den Zettel und dann sah der Tierarzt mich an: „Mädchen, was denkst Du?“ Ich verkniff mir einen Tennisturnierwitz und sagte: Tierarzt, warum denn nicht?“ Dann fraß der Hund den Zettel und ich vergaß alles über den 1.F.C Celtic und das Turnier, denn wie alle Welt weiß: ich kann einen Handball nicht von einem Fußball unterscheiden. Eines Abends aber, ich war fast schon eingeschlafen, lehnte der Tierarzt sich zu mir herüber, strich mir die Shetlandponyhaare hinter die Stirn und sagte: „Du Mädchen, ich habe mich für das Tennisturnier angemeldet.“ „Bravo, Tierarzt“ murmelte ich und schlief prompt ein. Am Freitag aber sagte der Tierarzt: „Mädchen, kannst du bitte mitkommen zum Tennisturnier?“

Ich hätte sehr gern gesagt: „Nein, lieber Tierarzt, mich interessiert Tennis Null, mein Verhältnis zu Vereinen ist ein angespanntes und ich möchte meinen Sonntag mit allem verbringen, nur nicht auf einem Sportturnier. Dann denke ich an all die Tage an denen der Tierarzt auf dem Sofa lag, aus dem Fenster starrte und nichts anderes von der Welt wollte, als aus ihr zu verschwinden. „Gut“, sage ich, ich komme mit. Der Tierarzt atmete aus, und ich sagte: Eine Schüssel Porridge mit Honig, sonst bliebe ich hier.“ Der Tierarzt nickt und rannte herüber Kälbchen, die frohe Botschaft zu überbringen.

Am Turniermorgen backe ich einen Pflaumenkuchen. Der Tierarzt ißt Porridge, ich richte Wasser und Obst, werfe mein Buch in die Tasche und verwarne den Hund, dass mustergültiges Verhalten heute die Norm ist, die Katze verwarne ich gleich mit, denn die Katze kann gar nicht oft genug verwarnt werden. Der Tierarzt trägt eine Reisetasche mit Tenniskramuri ins Auto, dann fahren Tierarzt, Hund und ich nach Celtic Village. Dort angekommen, geht der Tierarzt zur Wettbewerbsleitung und ich trage den Kuchen zur Spielerfrauenvorsitzenden, die erkennt man ja immer gleich an ihrem „Wichtig, Wichtig, Wichtig“. Gehabe und sage: „Fräulein Read On, Angenehm, ich habe einen Pflaumenkuchen gebacken.“ Ich halte ihr das Blech Pflaumenkuchen hin. Sie sieht mich streng an: „Sie können nicht irgendeinen Kuchen mitbringen. Wir haben eine Kuchenliste. Dann starrt sie auf den Kuchen als sei er des Teufels Sohn und ergeht sich in einem langen Spielerfrauenvorsitzendenmonolog, der auf den Satz: „Wenn jeder machen würde, wie er wollte, ja dann“ herausläuft. Ich denke, wenn die gleiche Sorge, die der Kuchenliste zu Teil wird, doch dem Welthunger gölte, dann gäbe es diesen nicht mehr.“ Ich sage: „Ein Danke hätte auch gereicht.“ Dann drücke ich ihr das Blech in die Hand und drehe mich um. Die Spielerfrauenvorsitzende ruft: „Wir tragen hier weiß.“ Ich trage ein altes, pinkes Kleid, dem Grasflecken und Hundespucke nichts mehr macht und rufe: „Glauben Sie mir, Sie wollen mich nicht in Weiß sehen.“ Dann suchen der Hund und ich den Tierarzt. „Viel Spaß“, sage ich und immer schön trinken und bitte steck Dir die Tennisbälle nicht in die Hose, wie der Kraftprotz dahinten, dann bekomme ich einen Schluckauf vor Lachen.“ Der Tierarzt gelobt niemals Bälle in die Hose zu stopfen und Hund und ich gehen zu einem Kreis von Spielerfrauen herüber und ich sage: „Hi, ich bin Fräulein Read On, kann ich mich zu euch setzen?“ Die Spielerfrauen nicken und sagen: „Wir tragen hier aber weiß.“ Ich versichere den Frauen eindringlich, dass Weiß nicht meine Farbe sei sei. Die Spielerfrauen reden über Turnierpunkte, über die Achillessehne von Tom, Berties schwache Rechte, Damiens starke Vorhand und die kommende Saison. Ich gähne. „Wie viele Runden hat Tennis?“ frage ich die Spielerfrauen. Die Spielerfrauen starren mich entsetzt an. „Spielt ihr auch?“, frage ich die Frauen. Die Frauen schütteln den Kopf: „Wir sind das Back-up Team“, sagen sie und sie klingen dabei sehr stolz. Dann holen sie Ferngläser und kommentieren das Spiel. Endlich bin ich einmal im Vorteil, denn der Zwei-Meter Tierarzt ist immer gut zu sehen. Ich winke dem Tierarzt und der Tierarzt wirft mit dem Tennisschläger Luftküsse zu mir herüber und ich, die es doch wirklich nicht mit Ballsport habe, fange jeden Einzelnen auf. Die Spielerfrauen sehen auf einmal ziemlich grünlich aus, denn Tom, Bertie und Damien werfen keine Küsse, sondern den Frauen nur durchgeschwitzte Handtücher zu.

Der Tierarzt verliert jedes Spiel, der Hund und ich reichen Wasser und Handtuch und ich hüpfe auf und ab, wann immer der Tierarzt auf den Ball haut und der Hund kläfft wann immer der Ball übers Netz geht. Das letzte Match ist gegen den Mann der Spielerfrauenvorsitzenden. Der Mann ist eine Maschine und wiegt vielleicht das Achtfache des Tierarzts und sein Schläger knallt gegen den Ball wie eine Kanonenkugel und der Ball saust pfeilschnell über den Platz: Der Tierarzt aber ist sehr zäh und die Spielerfrauenvorsitzende schreit ihrem Mann im Kommandoton taktische Ratschläge zu. Ich hüpfe lieber und der Hund versucht einen Schmetterling zu haschen. Irgendwann ist das Spiel zu Ende. Der Hund jagt begeistert einen Tennisball, ich umarme den Tierarzt, wir sammeln seinen Kramuri in die Reisetasche und mit Kuchen beladen sitzen wir unter einem Baum neben dem Tennisplatzdrahtkäfig.

Bist Du traurig, Tierarzt wegen der verlorenen Spiele?“, frage ich.

„Einen Fingerhut traurig vielleicht, sagt der Tierarzt, aber nicht wirklich, nein, wer kann schon traurig sein, wenn ein Mädchen hüpft wie ein pinker Floh?“

„Ha, sage ich Tierarzt, wenn Hüpfen olympisch wäre.“ Der Tierarzt lacht und ich zeige auf den Tennisplatz. Dort liegt der Mann der Spielerfrauenvorsitzenden, schwer atmend wälzt er such auf dem roten Boden, während seine Frau ihn mit einem Wasserschlauch duscht. „Er liegt und Du stehst“, sage ich zum Tierarzt und der Tierarzt lacht und lacht, der Hund bellt und ich esse ein sehr gutes, sehr großes Stück Schokoladenkuchen.

Woanders ist es auch schön.

Liebe Tante Anna Was für ein berührender Text und was für ein zauberhaftes Blog.

Die Welt ist eine andere in Georgien und immer wieder neu lässt sich fragen, wo ist das eigentlich dieses Europa?

Die Kaltmamsell wandert durch Galizien und nimmt uns alle mit!

Italien geht ja immer.

Es gibt ja keine einfachen Leute und auch kein einfaches Leben und dazu gehört auch das Leben jener DDR- Bürger, für die das Ende, kein Anfang war.

Ob die Kinder es wohl noch retten können?

Wie sehr ich diese Frauen doch bewundere.

Nach langen, grauen Tagen ist das Blau zurück  und der Tierarzt singt im Badezimmer  dieses Lied und singt es schief und laut und sehr, sehr schön.