Ein leeres Haus

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Stralsund ist eine ehrwürdige Stadt. Roter Backstein und die Hanse, ja die Hanse, der Reichtum der Stadt schon anno 1231 und auch die Kirchtürme ragen weit über die Giebel der Bürgerhäuser hinweg. Stralsunds Kirchen sehen hinaus in die Welt und die Bürgerhäuser haben noch immer noch heute deutlich sichtbare Kontore, obwohl auch in Stralsund kein Getreideschiff mehr anlegt. Aber die Hanse ist noch immer ein Grund zum Stolzsein und die Türen der Kirchen sind schwer und kalt liegen die Türgriffe in meinen Händen.

Mein Großvater ist in Stralsund geboren. Anno 1917, da hatte Deutschland noch einen Kaiser und der Vater meines Großvaters, war der kaisertreuste unter den deutschen Juden und lag in Frankreich im Schützengraben, da schrie sein Sohn in die Welt hinaus, der war das fünfte der Kinder, die alle Kaisernamen hatten, und Kaiser’s Geburtstag wurde genauso gefeiert wie die Geburststage der fünf Kinder. Shabbat hielt man weniger feierlich. In Stralsund lebten doch freie Bürger und der preußischste unter den deutschen Juden, der trank ohnehin lieber Bier.

Wir gehen ins Stralsund-Museum, das Museum war früher einmal ein Gymnasium und mein Großvater ging dort zur Schule und wir gehen durch die Räume. Es gibt Hanseobjekte und Piraterie und Stralsund hatte einmal eine Spielkartenfabrik erfahren wir und das Warenhaus Tieck wurde arisiert. Das erfährt man über die Juden der Stadt. Man erfährt das, was man immer schon wusste. Der Jude ist ein Händler und dann übernahm ein anderer das Geschäft. So waren die Zeiten damals und die Zeiten man konnte sie doch nicht ändern und damit ist im Museum der Stadt Stralsund das Kapitel Juden auch schon abgeschlossen. Die Juden waren eben weg. Dann im nächsten Raum kommt ein Wikingerschatz. Glänzendes Gold und der Reichtum der Stralsund wiederholt sich wieder und wieder. Aber ich will nichts vom Schatz und stehe in einem großen Raum mit hohen Decken, der sicher einmal die Aula der Schule war, in die mein Großvater ging. Und mein Großvater, spielte zum Entsetzen seines Vaters, Klavier. Sein Vater schrie: „Ein deutscher Jude klimpert nicht am Klavier herum.“ Aber mein Großvater spielte trotzdem, spielte auf Schulkonzerten, spielte und spielte und auch als mein Urgroßvater drohte, er würde das gebrauchte Klavier, das in das Haus zog mit der Axt zerschlagen, spielte er weiter und weiter. Es lag in seinen Händen. Mein Großvater war der letzte Jude, der am Gymnasium die Matura machte, denn die Schule war dann judenrein. Noch immer steht ein schöner schwarzer Flügel in der Aula. Zugedeckt ist der Flügel mit schwarzem Tuch. Es ist verboten auf dem Flügel zu spielen. Der Direktor.“ It is forbidden to use the piano“ sage ich zum Tierarzt, der Tierarzt versteht nicht, denn der Tierarzt will, dass ich auf dem Klavier spiele. Aber ich ziehe die schwere Decke nicht vom Flügel herunter. Im zweiten Stock des Museuems sind Bilder von Elisabeth Büchsel ausgestellt. Im Juni 1945 malte sie blonde Kinderköpfe. In Deutschland ist immer alles voller Unschuld und dann gehen wir aus dem Museum zurück in die Stadt. Stehen auf dem Marktplatz, trinken Tee in einem der ehemaligen Kontore, und der Kellner sagt er sei Tee-Sommelier und ich nicke zu allem, nicke zu der Hausmischung Stralsund Gold und nicke und nicke und nicke und sehe aus dem Fenster heraus und sehe meinen Großvater mit Notenpapier unter dem Arm und einem Koffer die Stadt verlassen, denn wer Pianist werden wollte, der blieb hier nicht und so blieben die Eltern und die Brüder zurück und in der Wohnung hing noch immer das Bild des Kaisers und mein Urgroßvater hielt ihm und dem erledigten Preußen die Treue. Der Kaiser in Doorn wusste davon nichts. Wir gehen am Moorteich entlang und man erzählt sich, dass mit der dräuenden Niederlage des tausendjährigen Reiches, nach zwölf langen Jahren, sich ein Menschenzug bildete, und all die Bürger sie warfen die vielen Devotionalien ihrer deutschen Jahre in den Moorteich hinein. Schon waren sie verschwunden die Hitler-Bilder und all die anderen Dinge, die man lieber schnell vergaß. Der Moorteich liegt in der Sonne. Ein Café ist am Ufer geöffnet und man fährt Boot auf dem Teich und die Boote sind Tretboote in Schwanengestalt. Wir aber gehen weiter, eine lange Allee entlang und die Häuser liegen im stillen Sonnenlicht. Wir gehen schweigend und ich zähle die Schritte, denn war dies nicht der Schulweg meines Großvaters und vielleicht stolperte er über seine Schnürsenkel und fiel über einen Stein, denn über dem Knie meines Großvaters verlief eine lange, zackige Narbe, aber vielleicht ist es auch ganz anders gewesen und dann stehen wir in der Straße, in der mein Urgroßvater noch vor dem Ausbruch des ersten großen Krieges hinzog.

Zentralheizung und Warmwasser, das war das Deutschland des jungen Kaisers und das war des Deutschland dieser Familie und dann stehe auch ich dort und zähle die Hausnummern und dann stehe ich vor dem Haus und zähle die Stockwerke und obwohl ich es doch besser weiß, gehe ich über die Straße und suche auf dem Klingelschild meinen Namen. Aber der steht dort nicht und die Namen sagen mir nichts und ich sehe hinauf. In den Fensterscheiben spiegelt sich der Himmel und die Wolken sind schneeweiß und die Sonne glänzt und ich frage mich doch, ob mein Großvater hier in den Himmel sah, während sein Vater schrie, dass ein deutscher Jude doch nichts am Klavier verloren hätte. Ich sehe ihn nicht, denn ich kenne ihn nicht. Es gibt kein einziges Bild meines Urgroßvaters, meiner Urgroßmutter und ihrer Söhne mehr. Denn auch die preußischsten unter den deutschen Juden, auch der Primarschullehrer, mein Urgroßvater und seine Frau und die vier Söhne wurden deportiert, im Februar des Jahres 1940, standen sie da mit dem Koffer, jeder ein Koffer und vielleicht legte er das Kaiserbild hinein. Ich weiß es nicht, ich habe sie nie gekannt. Ich weiß nicht, ob ich den Schluckauf, den ich immer dann bekomme, wenn ich aufgeregt bin, nicht von meiner Urgroßmutter habe, oder ob mein Urgroßvater nicht heimlich doch die Augen schloss, wenn sein Sohn am Klavier saß und spielte. Ich weiß nicht ob wir uns nicht furchtbar anstrengend gefunden hätten oder ob wir uns in Zuneigung gegenüber gesessen hätten, bei seiner goldenen Hochzeit vielleicht, denn wir hatten niemals die Gelegenheit uns kennenzulernen. Meine Urgroßeltern und ihre vier Söhne waren unter jenen, die deportiert worden, so ging es in Deutschland, da holte man den Primarschullehrer aus der Wohnung und fuhr ihn nach Auschwitz und der Jude mit der Kaiserliebe und den vielen Söhnen und der einen Frau, der ging ins Gas und dann starb er, denn das taten die Juden im 20. Jahrhundert und in Deutschland zogen andere Nachbarn in die Häuser und ich stehe hier auf der Straße und meine Hände sind kalt und ich will sie herunterrufen, ich will Steine gegen ihre Fensterscheiben werfen, ich will rufen, lauft doch davon und ich will, sie über das Meer tragen, das Meer, das hier Sund heißt, soll sie davontragen. Bestimmt hätte es in New York Platz für eine Kaiser Wilhelm Gesellschaft gegeben und mein Urgroßvater hätte Kaisers Geburtstag feierlich begangen und ich müsste nicht so stumm auf der Straße stehen und ich stehe ja nur auf der Straße weil mein Großvater als einziger der Söhne aus Auschwitz zurückkam. Er kam nach seinen Eltern in das Lager, er wusste nicht, dass seine Eltern schon in der gleichen Schlange gestanden hatten, dass auch seine Brüder schon erstickt waren im Gas, in Auschwitz traf man niemanden mehr und mein Großvater, der Mann mit dem traurigen Lächeln, bekam in den Jahren nach Auschwitz, die für die Deutschen andere Jahre waren, als für meine Großeltern einen Brief des Gymnasiallehrer und der Jude, sollte dem Lehrer ein Leumundszeugnis ausstellen, darüber, dass er der Jude doch noch die Matura habe ablegen können. Und damit könnte es nicht so schlimm gewesen sein, wie man sich immer erzählte und man habe wirklich nichts gewusst davon. Aber mein Großvater antwortete nicht.
Und die Fenster des Hauses haben Gardinen und manchmal bewegt sich ein Schatten und ich drehe mich um und laufe davon und laufe zurück bis zum Auto und dann fahre ich los, fahre so schnell ich kann, fahre und fahre und denke wie der Tierarzt sagt: „Mädchen weiß Deutsch“, der Tierarzt sagt es bestimmt und ich im Auto, sehe die Hauswand und denke, nein, ich weiß nicht weiter, ich weiß es nicht, ich weiß nicht was das ist, ich weiß nicht wie man es wissen kann, es ist nichts mehr mit dem Deutsch der Juden und den Deutschen und Juden ist es zu Ende gegangen und die Straße im Rückspiegel ist schon eine andere, ist immer dieselbe und ich fahre weiter und weiter und sehe das Haus. Das Haus ist leer.

Sag Read On, was machst du eigentlich den ganzen Tag?

Frau Brüllen will es wissen. An jedem 5. eines Monats fragt sie in Groß-Bloggersdorf herum und der Großbloggersdorfer schreibt auf was er so erlebt. Et voilà.

5 AM: Um fünf Uhr in der Früh zum See hinunter fahren. Vorsichtig die Dielen zählen, um den Tierarzt nicht zu wecken. Aber der Tierarzt schläft und atmet leise und ich lege das Handtuch in den Korb und zehn Minuten später schon, steige ich ins Wasser. Das Wasser ist dunkelgrün, flackert hellgrün, lächelt zuweilen lindgrün, die ganze Welt um den See herum ist grün, so grün, grün, grün, grün sind alle meine Kleider, aber die Bäume summen nur stumm. Hier am Berliner Stadtrand gibt es keine Jäger. Der Schwan putzt sich und der See gurgelt leise und grün. Es ist ganz still. Ich schwimme langsam tiefer und tiefer in das stille Grün hinein und denke an meine Großmutter, die hier mit mir schwamm, immer war sie schneller, aber niemals war sie stumm, immer legte sie mir neue Wörter in den Mund und ließ mich probieren, sie die großzügigste Liebhaberin der deutschen Sprache hielt nichts zurück vor mir und neben mir nicht nur im See ist die sich täglich vergrößernde Lücke ihrer Abwesenheit und ich wünschte, sie schwömme noch einmal neben mir. Aber sie kommt nicht und schließlich wate ich ans Ufer zurück. Mein Handtuch ist grün wie der See und meine Hände sind immer kalt.

 
7 AM: Ich ernte Johannisbeeren im Garten und meine alte Freundin die Wildtaube pickt Rosinen und unterhält mich mit Neuigkeiten aus der Gartenwelt und Nachbarschaft. Den gelben Eimer mit roten und schwarzen Johannisbeeren bekommen die Nachbarn und die blau-weiß gestreifte Schüssel mit Beeren auf dem Tisch bleibt bei uns. Die Biokiste kommt und ich freue mich. Die Biokiste macht mich immer wieder froh. Für einen Moment sitze ich auf der Bank und sehe in den stillen Garten. Der Garten atmet leise ein und aus wie der Tierarzt oben in die dünne Sommerdecke gewickelt.

8AM Der Tierarzt wickelt sich in meinen Bademantel, der ihm etwa bis zum Bauchnabel reicht und seufzt behaglich. Der Tierarzt hegt eine etwas seltsame Obsession zu meinem alten Bademantel und welch Glück, dass die Frau des Krämers nicht sehen kann, dass der Tierarzt zum allen Überfluss indische Schnabelschuhe an den Füßen trägt und unter dem Bademantel eine Kurta anhat. „Fräulein Read On“ schrie sie, was machen sie nur mit unserem Tierarzt?“ Ich zuckte die Schultern und verwiese auf die Bequemlichkeit der Schnabelschuhe. Neben meinem Bademantel hat der Tierarzt warmen Sanddornsaft für sich entdeckt. Mich kann man mit Sanddorn jagen, aber der Tierarzt schlürft mit sichtlichem Wohlgefallen täglich zwei Gläser und ich bin fassungslos vor Wunder und Glück.

11 AM Nach einem Vortrag über, wer wunderte sich noch- Aufklärung als Präventionsmittel für eine große internationale Organisation belehrt mich ein Mann über das richtige Einführen eines Tampons in langer Ausführlichkeit. Er erzählt etwas von Beschleunigung und hygienischer Ausrichtung aber leider kommt er meinem Vorschlag mir das ganze auf der Toilette doch zu demonstrieren nicht nach, sondern entschuldigt sich mit einem „dringenden Termin.“ Ich bin enttäuscht, nicht einmal mehr auf einen Mansplainer ist Verlass.

4PM Ich breche den Versuch ab ein Sommerkleid zu erstehen, frustriert ab. Es ist erstaunlich wie ein simples Kleid mit Zitrone bedruckt jemanden wie mich entstellen kann. Das Spiegelbild fördert ein so entsetzliches Bild zu Tage, dass ich auf der Stelle in Tränen ausbrechen könnte zu Tage. Ich schüttle mich vor mir selbst und hänge das Kleid zurück auf den Bügel.
Dann kaufe ich Kalbsalsiccia und T-Bone Steaks, denn der F. und zwei weitere Freunde wollen abends zum Grillen im Garten vorbeisehen. Ich meide alle Spiegel und schleppe mich gebückt zurück nach Haus.

 
6.30 PM Der Tierarzt ist am Telefon. Er spricht mit der Mali-Tant. Die Mali-Tant hat ungefähr 7 Englische Vokabeln und der Tierarzt zwanzig deutsche Wörter zur Verfügung. Der Tierarzt flötet „Mali-Darling“ und die Mali-Tant haucht: „Tierarzt Sweetheart“ und die beiden kichern und trillern und der Tierarzt säuselt als hätte er sich ein Honigfass einverleibt. Die Mali-Tanz zwitschert wie sonst nur nach dem dritten Glas Champagner und mit sichtlichem Bedauern und vielfachen in die Hörer geschnalzten Luftküssen, reicht der Tierarzt das Telefon an mich weiter. „Read On“ sagt die Mali-Tant weißt, wenn ich den Jean nicht hät, ich tät dir den Tierarzt glatt abnehmen. „Wie außerordentlich zuvorkommend von Dir Mali-Tant“, sage ich und die Mali-Tant schimpft mich eine fade Blunzen. Als ich auflege, stapelt der Tierarzt gerade Geschirr auf das schwarze Lacktablett. „Weißt Du Mädchen, sagt er, wenn die Mali-Tant den Jean nicht hätte, ich glaube ich würde schwach werden.“ „Oh“, sage ich, dann will ich einmal hoffen, dass der Jean noch lange lebt. „Deinen Bademantel“, sagt der Tierarzt, aber würde ich mitnehmen nach Wien.“ Aha, erwidere ich, nur du wirst dich mit F. dem liebenswürdigen, ehemaligen geschätzten Gefährten einigen müssen, denn er hat vor Jahr und Tag schon den Bademantel zu seinem persönlichen Erbstück erklärt.“ Der Tierarzt zieht einen Flunsch. „Oh dear.“

 
8 PM: Der F. grillt, der Tierarzt steckt die Lampions an. Der J. und die B. streiten über das Dieselauto der abwesenden G. Die Y. erzählt von einer Wanderung durch Portugal, ich esse grüne Chillies und als alle essen und lachen und die alte Freundin Wildtaube sich zu uns setzt unter die Lampions und die Mückenkerzen, da stehe ich auf und gehe nach oben, um die zwei täglichen Karten an Mesale Tolu und Deniz Yücel zu schreiben, in einem zusammengesetzten Türkisch aus dem PONS Intensivkurs „Türkisch in vier Wochen“ und diversen Wörterbüchern. Peinlich und verlegen macht mich das und ich muss mich ermahnen nicht nachzugeben. Auf dem Fensterbrett steht ein Bild meiner Großmutter und ich sehe sie an. „Komm doch zurück“ will ich ihr sagen, komm doch zurück“, doch sie sieht schweigend zu mir herüber und dann kommt der Tierarzt ins Zimmer und legt mir die Hand auf die Schulter: „Mädchen kommst du zurück?“ Ich nicke und klebe die Briefmarken auf die Karten. Dann gehe ich zurück in den Garten. Der J. und die B. streiten darüber, ob ein Glühwürmchen zwischen den Gläsern tanzte, der F. grillt Pfirsiche und meine alte Freundin Wildtaube nickt mir zu.

Woanders ist es auch schön

Glück ist auch ein Weizenmeer. #rügen #ostsee #weizenfeld #hintermhaus #weizenmeer #feldein #glück

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Der Tierarzt und ich gondeln heute mit dem Oldsmobile zurück nach Berlin. Wenn Sie aber noch in einem rot-weiß gestreiften Liegestuhl in die Sonne blinzeln und alle Bücher schon ausgelesen sind, ist vielleicht Phileas Empfehlung etwas für Sie? 

Ein lesenswertes Gespräch mit Emilia Smichowski über das Selbst, die Anderen und Integration als etwas sehr Privates.

Der Titel ist mindestens so großartig wie der Text und überhaupt das ganze Blog ist eine Schatzkiste. 1. FC Huhn.

Frau Brüllen ist einer jener Menschen mit denen sich auch die Apokalypse noch als ein heiterer Spaziergang gestalten ließe. Große Liebe auch für den Bettenwechsel.

Julia rettet die Bienen. Gar nicht so einfach.

Die Nachrichten sind voll davon, dass China erfolgreich Apple und Co. dazu gebracht hat VPN Player aus ihren Angeboten zu nehmen, weniger hört man darüber, dass in Vietnam kritische Bloggerinnen zu langen Haftstrafen verurteilt wurden. 

Wasser auf meine Mühlen.

Musik gibt es auch im Oldsmobile und so fahren wir singend auf das Festland zurück.

 

‚Der deutsche Mann ist ein Esel.‘

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Der Tierarzt und ich sitzen auf einer weißen Bank auf der Kurpromenade. Im Kurpavillon führt ein Mann Zaubertricks vor. Meine Neffe und die Nichten 1 und 3 besehen die Zauberei. Meinen Neffen habe ich eindringlich verwarnt: unter Androhung der Höchstrafe: „Nur zwei Kugeln Eis“ ist es ihm untersagt auf die Bühne zu springen und die Zaubertricks des schwitzenden Zauberers mit seinem blauen Hut zu enttarnen. Mein Neffe schiebt schmollend die Unterlippe vor: „Aber ist das nicht Betrug?“ Aber ich wiederhole nur drohend: „Nur zwei Kugeln Eis“ und hoffe der Zauberer wird nicht von meinem naturwissenschaftlich enthusiasmierten Neffen gestellt. Nichte Nummer 2 lehnt an mir und liest ein Buch über Moorleichen. Niemand anders als Nichte 2 hätte in der Buchhandlung-, in der wir für Jonny, Harry Potter besorgten- dieses Buch aufgetan. Jetzt also murmelt sie fasziniert, welche Konservierungstechniken Moore bieten. Den Zauberer hatte sie gleich abgetan. Der Tierarzt und ich sehen also auf die belebte Kurpromenade, die direkt zum Strand führt. Es sind Ferien und die Kurpromenade ist gut gefüllt. Vor uns bewegt sich eine Gruppe von Lasteseln die Promenade hinauf. Aber nicht, dass Sie denken, langohrige Fellnasen trotteten die Straße hinauf, nein es sind Männer, die Bollerwagen aus Holz oder Stoffplanen ziehen. Die Männer schwitzen. Die Wägen sind nämlich voll beladen: Angeln, Käscher, Luftmatratzen, Proviantboxen, Handtücher, Kinderspielzeug, Wechselsachen, Getränkekisten und Laufräder türmen sich auf den Wägen. Die Männer ziehen trotzig und verbissen die schweren Karren. Die Kinder, wie die Mütter, die so mutmaßen wir, wohl zu den Männern gehören sind nirgendwo zu sehen. Vielleicht sind sie schon am Strand oder föhnen sich noch die Haare. Die Kurpromenade ist recht steil, die Wägen schwer, die Sonne sticht und es ist eine lange wie langsame Promenade, die still und schweigend die Karren zieht. Es hat, das lässt sich nicht anders sagen, etwas von der berühmten Seidenstraße, nur eben sind hier nicht die Kamele bepackt. Eine Frau sehen wir doch. Sie ruft: „Mensch Jochen, wo bleibst Du denn?“ Jochen schnauft. Die Frau dreht sich weg. Ich bewundere die Karrenzieher sehr, denn ich verweigere mich solcher Dienste. Mit an den Strand kommt, was sich ans Rad hängen lässt, was sich nicht ans Rad hängen lässt, bleibt daheim. ( Vielleicht lebe ich erziehungstechnisch gesehen noch in den 50er Jahren? Aber ich habe gar keine Erziehungsambitionen, mein Schwesterchen hat einfach vier formidable Kinder ). Die Männer jedenfalls ziehen die Karren und dabei kommt das Schlimmste ja noch: auf der gepflasterten Promenade lassen sich die Handwägen ja noch ziehen, aber auf dem feuchten Strand muss das ein schauderliches Geschleppe und Geziehe sein. Aber dann ist der Zauberer mit seinen magischen Tricks schon fertig und auch wir laufen zum Strand hinunter. Bevor die Lastenmänner ankommen, sind wir schon zweimal im Wasser gewesen und Jonny ist vertieft in die Geschehnisse im Ligusterweg, die kleine Königin bespricht sich mit Kanzler Bär, Nichte 2 liest weiter über Moorleichen, Nichte 3 kaut auf einer Waffel und mein Neffe und der Tierarzt sind in Mendels Theorien vertieft. Die Lastenmänner aber die inzwischen den Strand erreicht haben, sitzen nicht wie wir auf Strandtüchern, sondern sie kramen in den Wägen nach Gummihämmern und Heringen um die Strandstoffburgen in den Sand zu hämmern. Das ist nicht einfach, denn der Sand ist mal tiefer, mal hindert Muschelkalk oder ein Stein die erfolgreiche Befestigung oder ein Kind rennt in das fast vollbrachte Werk. Die Männer schwitzen und kloppen verzweifelt mit dem Gummihammer auf die Heringe ein oder versuchen sich zu erinnern, wie die verfluchte Strandmuschel gleich noch aufgebaut gehörte. Die Damen der Familie liegen auf Luftmatratzen und halten das Gesicht in die Sonne. Stehen die Muscheln und so fällt der Lastenmann nicht in einen Liegestuhl, sondern ölt die Frauen der Familie ein und teilt rote Schaufeln und grüne Käscher an die Kinder aus. „Jochen was machst du da nur so lange?“ ruft eine Frau.

Sitzt der Lastenmann endlich auch, so ist die Mittagsstunde herangekommen und der Lastenmann eilt los, um an einer Strandbude Fischfrikadellen und Pommes zu holen. Da sind die Schlangen lang, denn da stehen schon all die anderen Männer mit dem gleichen Auftrag an. Endlich stolpert der Lastenmann mit beiden Armen voll Esswaren zurück zu den Seinen, da verteile ich gerade Obstspieße und Samosas ( bestes Strandessen immer ) an Neffen, Nichten und Jonny. ( Jonny’s Oma schreit: Dit is ja nen Ding wat die Ausländers da essen. Jonny wenn dich dit nicht schmeckt, musst du dit nicht essen.) Jonny greift zum zweiten Samosa. Die Damen der Männer aber futtern selig Fischbuletten und Pommes, die Lastenmänner aber mit vollen Händen und Durchzählen beschäftigt: Pommes mit Ketchup für Lisa-Marie, ohne alles für Leon-Lucas, und Buletten mit Krautsalat für die liebe Frau haben darüber vergessen, etwas für sich selbst einzuholen und Lisa-Marie, Leon-Lucas und die geliebte Ehefrau haben kein Mitleid mit Papas hungrigen Magen. Immerhin kann der Lastenmann sich jetzt setzen.

Ich pfeife die Kinder zusammen und wir fahren zum Eismann, der Eismann glaube ich seufzt wenn wir kommen. Denn mein Neffe verlangt Tag für Tag vier Kugeln Schokoladeneis ( die Eiserlaubnishöhe hängt mit überprüftem: Mir wird speiübel Level zusammen, der Neffe führt bei Weitem ), die kleine Königin will eine Kugel Erdbeereis und sehr viel bunte Streusel, Nichte Nummer 2 ißt Lakritzeis ( so ähnlich Read On sahen die Moorleichen aus ) und Nichte Nummer 1 hat den Flitz Eiskugeln ( immer drei ) nach Länderfahnen zusammenzustellen. Heute ist Island dran: Blaubeer-Erdbeer-Vanille-Eis, der Tierarzt hat mit einer Kugel Pfirischeis zu tun und ich habe Pisatzieneis auf der Nasenspitze wir sitzen so ähnlich gestapelt auf einer Bank wie unsere Räder an einer Kiefer lehnen, da kommt eine andere Familie zum Eismann. Mutter, Tochter, Vater und Hund. Mutter und Tochter lehnen das Rad an eine Kiefer und stellen sich beim Eismann an, doch der Wuff reißt sich vom Fahrradkorb los, und die Fahrräder kippen um. Aus den Fahrradkörben kippen Tüten und Taschen und der Mann hebt mit Geduld und Nachsicht die Sachen auf, faltet Handtücher, sortiert die Räder und beruhigt den Hund. Frau und Tochter schlecken Eis und die Tochter braucht irgendetwas aus ihrem Rucksack: Dabei fährt sie zu hastig in die Taschen und wieder kippen die Räder krachend um. Die Mutter sagt achselzuckend zu ihrem Mann: „Ich hab Urlaub.“ Der Mann hebt die Räder auf und sortiert die Sachen wieder neu zusammen. Wir bestaunen den Mann und seinen Gleichmut stumm. Dann fahren wir nach Haus. Auf der Kurpromenade bewegt sich die Lastenmannkarawane wieder ortseinwärts.

„Mädchen“, sagt der Tierarzt, ich glaube der deutsche Mann ist ein Esel.“

Morgenstunde

In den Dünen rauscht das Meer und steckt sich in die Kiefernwälder. #ostsee #rügen #dünen #meer

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Am Morgen aber früh aufwachen, der alte Reisewecker meiner Großmutter zeigt dreiviertelfünf. Vorsichtig eine kleine Königin von meinem Bauch herunterschieben und wieder zudecken mit dem bunten Plaid. Den Tierarzt sieht man kaum, denn zwei Nichten und ein Neffe liegen kreuz und quer auf ihm herum. Die Luft anhalten, ein Kleid und die Schuhe nehmen und auf Zehenspitzen die alte, knarrenden Bodentreppe heruntertappen. Die Treppe schläft zum Glück wie das ganze Haus. Dem Tierarzt lege ich einen Zettel unter den blauen Milchtopf. Dann drehe ich den Schlüssel noch immer mit angehaltenem Atem im Schloss herum. Regennass ist das Gras und vom Reeetdach taumeln noch immer Wassertropfen herunter, die Stockrosen lehnen schwer gegen den Zaun und ich hole ein Fahrrad aus dem Schuppen. Aber noch immer mit angehaltenem Atem, denn es gilt weder den Hofhund der Nachbarn zur Rechten noch den Hahn der Nachbarn zur Linken zu wecken. Denn wenn der Hofhund erwacht, kläfft er den Hahn auf der Stange wach und ist der Hahn wach, so steigt er schnurstracks auf den Misthaufen und steht der Hahn auf den Misthaufen, dann verwandelt er sich augenblicklich in Enrico Caruso und schmettert eine Arie und dann eine zweite und spätestens dann ist das ganze Dorf wach, vor allem aber springen dann auch drei Nichten und ein Neffe aus dem Bett und krakeelen und niemals käme ich allein an die See. Der Hofhund aber schnarcht noch selig und der Hahn und mit ihm seine Hühnerdamen schlummert heiter. Ich springe endlich aufs Rad und atme aus. Die Kühe, die der Tierarzt so schätzt, haben noch Schlaf in den Augen und blinzeln ins frühe Sonnenlicht, die Straße ist menschenleer und kein einziges Auto fährt mir entgegen. Ich fahre Schlangenlinien und pfeife ein Lied. Links von mir liegt der See, das Schilf macht Morgengymnastik und wiegt sich taktvoll von links nach rechts und wieder zur Seite und in die Mitte und dann wieder von vorn. Im Wasser schwappen Segelboote, weiß und blau, Masten knarren und die Taue gähnen müde. Ich jedoch, ich fahre weiter, schneller, schneller ruft der Wind und klingt ganz entfernt wie eine kleine Königin, die unter einem bunten Plaid selig weiterschläft. Zum Meer fährt man durch ein Kiefernwäldchen. Auf dem Boden Sand und Tannennadeln, über mir rauschen die Wipfel der Bäume. Auch sie sind noch immer reichlich verschlafen und gähnen mir Nadeln ins Haar. Am Strand liegen Fischerboote. Schwere Kähne, schwarz von Teer, alte Bohlen, am Bug klebt fester Muschelkalk. Die Boote heißen Undine, Suntje und Margarethe. Feste Namen für schweren Seegang. Die Netze der Fischer trocknen schon und nur zwei gelbe Kisten erzählen noch vom Sturm der Nacht. Ich aber fahre noch ein Stück weiter, noch ein Stück tiefer hinein in den Kiefernwald, und lehne schließlich das Rad an einen Stamm. Im Stamm sind zwei Herzen eingeschnitten: R. und J. und ein grobes Herz. Immer lehne ich hier das Rad an den Baum aber noch niemals habe ich R und J getroffen und wer weiß vielleicht hat J. R. schon aus dem Herzen gestrichen und R. J. nicht einmal mehr im Adressbuch zu stehen. Dann werfe ich die Pantinen in den Fahrradkorb, und unter meinen Füßen knacken Tannennadeln, Kienäpfel liegen im kühlen Sand, der Strandhafer und das Dünengras wiegen die Köpfe, ich streife mir das Kleid über den Kopf und renne schon los und hinein in das schäumende Wasser, kalt schlägt die Ostsee über meinem Kopf zusammen und für einen Moment sind da nur noch Meer und Luft und kalte Seligkeit. Dann aber doch auftauchen und weit und weiter hinaus in die See hinein, die See schimmert flaschengrün und weißer Schaum tanzt auf den Wellen. Bis zu den weißen Bojen schwimme ich, der Strand ist nur noch ein schmaler Streifen, fast vergessen lässt sich das Land, fern und fern entschwindet die Welt und ich schwimme nur langsam ans Ufer zurück. Zurück durch den Kiefernwald, ein letzter Blick auf die Fischerboote, die Straße zum See einschlagen an den alten Bädervillen vorbei mit ihren Verranden auf denen noch niemand sitzt mit einer Tasse Tee in der Hand, zurück an der Kuhweide vorbei, die Kühe sehen gutmütig zu mir herüber und schon biege ich ein in das Dorf und von fern schon blitzt das Reetdach herüber. Natürlich kläfft der Hofhund schon wie von Sinnen, fahre ich die Dorfstraße entlang, der Hahn schreit als ginge es ihm ans Leben und auf dem Walnussbaum übt der Krähenchor für das nächste Sängerfest. Ich lehne das Fahrrad gegen den Schuppen und schließe vorsichtig die Haustür auf. Ich komme bis zur Küchentür. Auf dem Küchenstuhl sitzt eine kleine Königin mit strengem Gesicht. Die kleine Königin sieht finster zu mir herüber: „Wer sich wegschleicht, der muss in den Kerker.“ Ich fasse mir erschrocken ans Herz. „Aber wenn ich im Kerker lande, kann ich dir keinen Kakao mehr machen und keine Waffeln backen.“ Die kleine Königin zieht sich zur Beratung mit Kanzler Bär zurück. Ich koche einen riesigen Topf Kakao und rühre Waffelteig an. „Knarrend öffnet sich die Küchentür. „Dir sei vergeben, murmelt eine kleine Königin.“ Ich bin sehr erleichtert nicht im Kerker zu landen und siebe vorsichtig Kakao und Puderzucker auf die königliche Waffel. In Ermangelung eines Gongs schlägt die Königin mit einem Löffel gegen einen Topf. Dreißig Sekunden später rennen zwei Nichten und ein Neffe, gefolgt vom gähnenden Tierarzt die Treppe hinunter und stürzen sich wie die jungen Raubtiere auf Waffelberge und Kakaobecher, dazu singen sie so schief wie schön Räuberlieder und die kleine Königin schlägt den Topf dazu. Endlich verstummen der bellende Hofhund und der kreischende Hahn gegen die Kinder aus der Krachmacherstraße haben sie nicht den Hauch einer Chance.

Am Strand

Die Ostsee spielt heute Adria #ostsee #balticsea #atlanticmeetsbalticsea

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Ich trockne ein Nichtenbein und die Nichte, die zum Nichtenbein gehört, jammert: „Oh wie das kitzelt.“ Dann fällt ein Nichtenkind in den Sand und das nächste Kind tropft vor sich hin. Schließlich liegen vier Nichten und ein Tierarzt im Sand und bis auf den Tierarzt essen alle dicke Scheiben Zitronenkuchen. Dann fällt ein Schatten auf mein Gesicht. Der Schatten ist etwas acht Jahre alt und sagt: „Ick bin der Jonny.“
Jonny ist strohblond und mit seiner Oma am Strand. Seine Oma aber will Kreuzworträtsel lösen und ein Mann, den Jonny Opa nennen soll, soll ihr den Rücken eincremen. Jonny nennt den Mann trotzdem Heinz. Jetzt steht Jonny vor uns und bohrt die Zehen in den Sand. Jonny’s Oma ruft: „Jonny was machst du da drüben bei die Ausländers?“ Denn wir sind die Einzigen am Strand, die nicht Deutsch sprechen. „Der Jonny hört wieder nicht“, ruft Jonny’s Oma, Heinz zu. Heinz grunzt und die kleine Königinnennichte, die für diplomatische Sonderfälle ein Händchen hat, lacht Jonny an und sagt: „Ich bin eine Prinzessin und Du?“ Jonny sagt noch einmal: „Ich bin Jonny“. Dann bekommt Jonny auch ein dickes Stück Zitronenkuchen und fünf Sekunden später, sitzen fünf Kinder im Sand und buddeln den Tierarzt ein. Jonny sagt: Du bist echt voll dünn Tierarzt. Den Tierarzt freut so etwas ja immer sehr und er würde wohl nicken, schippten nicht fünf Kinder Sand auf ihn drauf. Dann kommt Jonny’s Oma zu uns herüber. Ich schlafe gerade unter einem großen Strohhut und so sagt der Tierarzt zu Jonny’s Oma: „Mädchen weiß Deutsch.“ Jonny’s Oma schreit: Die Ausländers können nich mal Deutsch sprechen, Heinz.“ Heinz schreit: „Sind des Polacken?“ Dann tauche ich unter dem Strohhut auf: „ Wie kann ich ihnen helfen.“ Die Ausländers können doch Deutsch, schreit Jonny’s Oma. „Ick wollt nur sagen, dit wenn der Jonny sie stört, denn schicken se den rüber.“ Ich versichere ihr, dass Jonny uns keineswegs stört. Sie sagt: „Schon seit die DDR-Zeit sind wa hier an der Ostsee, aber dit is och nicht so einfach mit nem Kind wie dem Jonny. Die Mandy, Jonny’s Mutter hat sich nämlich von so nem Ausländer een Kind machen lassen. Das Kind ist Jonny. Der Tierarzt sagt: Jonny is a good guy. Jonny’s Oma sagt: „Lassen sie sich nicht frech kommen von dem Rotzlöffel. Der Tierarzt sucht „Rotzlöffel“ im Wörterbuch. Dann geht Jonny’s Oma wieder zu Opa Heinz. „Und sind des Polacken?, fragt Heinz sie?“ Jonny’s Oma schüttelt den Kopf: „Dit hab ick janz verjessen zu fragen.“ Dann ölt Heinz ihr den Rücken ein. „Bei den Ausländers weiß man dit nie“, sagt er. Die Nichten, mein Neffe und der Tierarzt wollen schwimmen. Jonny will auch schwimmen, aber als vier Nichten ins Wasser rennen, sagt Jonny: „Du ich kann nicht schwimmen.“ Ich nicke und der Tierarzt hält Jonny fest und ich zeige Jonny wie man Schwimmzüge macht und die Nichten und mein Neffe zeigen Jonny wie man paddelt und rudert und sich über Wasser hält. Eine kleine Königin und Jonny tauchen um die Wette.
Am Ende haben wir alle blaue Lippen und Jonny hat drei Schwimmzüge geschafft. Jonny lacht stolz und glücklich und prustet. Jonny’s Oma bringt ein Badehandtuch. Darauf ist ein 50 Euro Schein abgedruckt. „Ick gehe ja nich ins Wasser“, sagt sie, so prinzipiell nicht. In der DDR ham die Kinder ja in der Schule schwimmen jelernt.“ Aber dit is nich drin im Kapitalismus. Der Tierarzt sagt: Jonny is a great swimmer. Jonny’s Oma sieht ihn zweifelnd an. Great Swimmer, wiederholt der Tierarzt. Die Kinder suchen Muscheln und der Tierarzt und ich reiben fünf Kinder mit Sonnenmilch ein und dann verteilen wir grüne Gummifrösche, Cola-Schnüre und saure Würmer an die Kinder. Es herrscht internationale Seligkeit. Jonny kennt Harry Potter nicht. Die nächsten zwei Stunden vergehen damit, dass mein Neffe Jonny anhand einer komplizierten Sandskizze in die Welt von Hogwarts einführt. Jonny ist sichtlich beeindruckt. Jonny’s Oma schläft und Opa Heinz liest die B.Z. Die Kinder, der Tierarzt und ich bauen eine Sandburg am Wasser mit spitzen Zinnen und eine Brücke, die zwei Wassereimern standhält. Jonny strahlt und die kleine Prinzessin erklärt Jonny warum sie später mal Königin werden will. Jonny sagt: „Super.“ Die kleine Prinzessin strahlt. Ihr Badeanzug ist natürlich auch knallpink und auf ihrem Bademantel sind lauter Einhörner und viele Kinder glauben sie sei eine Fee. Jonny aber hat gleich verstanden, dass hier eine echte Königin mit zwei sauren Würmern in der Hand Audienz hält. Ich blase den vielgeliebten Gummidelfin auf und Jonny darf auf dem Delfin zuerst reiten und der Tierarzt zieht in durch das flache Wasser. Geschwister, die sich um einen grünen Haribo Frosch balgen können, sind erstaunlich großzügig, wenn es um Strandfreundschaften geht. Irgendwann wanken der Tierarzt und ich geschlagen aus dem Wasser, denn fünf Kinder auf einem Delfin zu ziehen, ist nichts anderes als Galeerenarbeit. Fünf Kinder liegen geschafft im Sand. Jonny’s Oma kommt von ihrer Sandmuschel herüber. „Dit ihnen dit nichts ausmacht mit dem Jonny.“ „Jonny ist prima“ sage ich und der Tierarzt und die Kinder nicken. „Dit die Mandy uns dit antut, mit dem Ausländer so’n Kind.“ Sie schüttelt den Kopf. Jonny übt derweil mit den Mädchen Handstand. „Jonny ist prima“ ,wiederhole ich und Jonny’s Oma sagt zu Opa Heinz, dass die Ausländers echt seltsam seien. Irgendwann packen wir unsere Handtücher, Bücher zusammen und ich klemme mir den Plastikdelfin unter den Arm. „Jonny, sage ich wir müssen jetzt los.“ Jonny nickt. „Kommt ihr morgen wieder?“ „Klar“ sage ich und Jonny strahlt. „Schwimmt ihr morgen wieder?, fragt Jonny. „Klar sage ich.“ Jonny nickt und umarmt drei Nichten, einen Neffen, mich und den Tierarzt. Jonny’s Oma ruft: „Jonny mach dich rüber, jetze.“ Opa Heinz ruft: „Voll dünne der eine von die Ausländers.“ Der Tierarzt winkt: „Mädchen weiß Deutsch.“

Das Hundewägelchen

Der Tierarzt, der von Deutschland nur Berlin, eine kleine Stadt und das Dessauer Bauhaus kennt, findet Rügen schön. Das Meer ist blau. Der Strand ist weiß und der Regen ist so irisch-grau, wie gehabt wenn auch wärmer, das so sagt die liebe C. der Tierarzt gemurmelt habe: „Heimwehregen.“ Vom Ferienhaus der lieben C. und meines Vater führt ein ausgetretener Weg zu einer Kuhherde hinunter und der Tierarzt geht morgens hinunter und spricht mit den braun-gefleckten Kühen. Dann und wann seufzt der Tierarzt, denn auch andere Kühe haben schöne Kälber und Tierarzt liebt doch sein irisches Kälbchen sehr. Aber dann kommt eine der Nichten angerannt und will vom Tierarzt in die Luft geworfen werden. Der Tierarzt sieht die Kreidefelsen und Walknochen vor einem Museum. Er pflückt wie der Rest der Familie Eimer voller Johannisbeeren und die liebe C. zeigt ihm die Lama-Farm. Der Tierarzt singt ein Wiegenlied für ein aufgeregtes Lama und das Lama sieht den Tierarzt dankbar an. Sogar mit dem alten Hofhund der Nachbarn von dem man sagt, er habe zwanzig Postbotenbeine angebissen, schließt der Tierarzt Freundschaft und der Hofhund lässt sich vom Tierarzt hinter den Ohren kraulen. Dann komme ich. „Mädchen“, sagt der Tierarzt und dann sagen wir eine ganze Weile erst mal nichts. Später, die Nichten suchen Badekram zusammen, kommt die liebe C. „Süße“ sagt sie, ich glaube der Tierarzt hat etwas.“ Zwar findet er alles „schön“ und hat sogar einen halben Matjes in Buttermilch verzehrt, aber etwas behagt dem Tierarzt nicht. Aber mir würde er es nicht sagen.“ Hmmm“, murmele ich und frage mich, ob der Tierarzt mir ein Unbehagen wohl mitteilen würde. Unsere Familie ist nämlich sehr laut und wild, alle reden durcheinander und das auch noch in fünf Sprachen, ständig kommen Leute vorbei und eine kleine Königin sucht elfmal am Tag lautstark nach ihrer Krone. In der Krachmacherstraße wohnte niemand anders als wir. Erst einmal aber fahren wir mit der johlenden Kinderherde an den Strand. Der Strand ist schön und die Sonne scheint. „Schön“, sagt der Tierarzt und dann renne ich mit den Kindern ins Wasser. Die Kinder verstehen unter einem gelungen Bad im Meer so oft es geht auf meinen Rücken zu klettern und mich ins Wasser zu tauchen. „Geh unter, schreit eine kleine Königin, dies ist ein königlicher Befehl“. Der Tierarzt hütet die Handtücher und den treuen Kanzler Bär, der kein Wasser verträgt und er verteidigt unseren Handtuchberg gegen eine Dame, die mit ihrem Mann eine Art Trutzburg aus Stoffplanen errichtet und den Tierarzt verscheuchen will. Aber der Tierarzt sagt: „Nein, hier Mädchen.“ Und er sagt es so bestimmt, dass die Stoffbahnenburg mit einer deutlichen Delle um unsere Handtücher herum errichtet wird. Schließlich trocknen wir vier Kinder ab, cremen vier Kinder ein, versorgen vier Kinder mit sauren Würmern ( eine vielgeliebte Süßigkeit) und verteilen den jeweils richtigen Harry Potter Band in die richtige Kinderhand und dann ist es plötzlich sehr still. Tierarzt sage ich und wringe meine Haare aus: „Die liebe C. sagt Dir sei etwas unbehaglich.“ Sind wir dir zu laut?“ Der Tierarzt reicht mir noch ein Handtuch an. „Mädchen, sagt er, nein, ihr seid genau richtig laut. Dann seufzt der Tierarzt. Das Meer schimmert blau, der Sand glitzert gelb, die Nichten und der Neffe murmeln behaglich Zaubersprüche. „Mädchen“ sagt der Tierarzt und flüstert fast: „Die Hunde der Deutschen sind alle malade.“ Ich sehe etwas verwundert zum Tierarzt herüber, denn der Deutsche liebt seinen Wauzi oft mehr noch als seine Ehefrau und fast so sehr, wie sein Automobil. „Allein gestern, sagt der Tierarzt und flüstert noch immer, habe ich vier Hunde gesehen, die nicht laufen konnten.“ Ein großer Labrador saß in einem Karren hinter einem Fahrrad und ließ sich ziehen. Ein großer, ganz ordinärer Labrador, in einem Karren, Mädchen. Als ich mit der lieben C. auf der Seebrücke war, habe ich genau gezählt: in der Hälfte aller Buggies auf der Brücke saßen keine, kleinen Kinder, sondern Hunde: Zwei Yorkshire-Terrier, ein Cockerspaniel und viele weitere Terrier. Lauter Hunde, Mädchen fuhren da spazieren.“ Dann war ich mit der lieben C. am Meer und wieder stand dort eine Familie mit vier Hunden und die liebe C. sagte sie diskutierten, wer der vier Hund im Fahrradanhänger kutschiert werden würde: „Emma kann laufen, Willy kommt in den Wagen.“ Der Tierarzt schüttelt den Kopf. Die deutschen Hunde müssen eine entsetzliche Krankheit haben oder Pfotenschwund, sonst müssten die armen Hunde doch nicht in Kinderwägen gefahren werden. „Tierarzt“ sage ich, weißt Du ich glaube die Hunde sind ganz quietschfidel und nur die Hundehalter leiden an ihrer Hundeliebe und fürchten vier Pfoten reichten nicht aus für einen Spaziergang am Meer entlang und dann ist der Deutsche ein findiger Kopf und konstruiert Hundewägelchen und so können die Hunde wie die Kinder ganz bequem liegender Weise umhergefahren werden. Weißt Du Tierarzt sage ich, der Deutsche erfindet sogar Dinge bevor es das Problem gibt und deswegen haben die deutschen Hunde niemals müde Pfoten und führen ein langes, gediegenes Hundeleben. Ganz bestimmt sind die Hunde wohlauf. Der Tierarzt sieht mich lange an. Dann zieht Regen auf. Wir stecken vier Kinder in Kleider, verteilen Fahrradhelme und Fahrradschlüssel und radeln zurück. Auf dem Weg sehen wir eine französische Bulldogge die majestätisch und wie auf einer Sänfte in einem Wägelchen liegt und aus einem Fahrradkorb hechelt ein Pudel. Daheim angekommen, kann ich die liebe C. beruhigen. „Dem Tierarzt waren die Hundewägelchen ein unbekanntes Phänomen, sage ich“ und er sorgte sich um das Wohl und Wehe der Tiere.“ Die liebe C. atmet erleichtert auf. Ich bürste vier Kindern Sand von den Füßen. Der Tierarzt liegt mit Buch in der Hängematte. Schön, sagt der Tierarzt, Rügen ist wirklich schön.“