Angesehen: Elle

Ich gehe fast nie ins Kino. Selten öfter als ein- oder zweimal im Jahr. Zu schnell sind die Bilder mir, oft ist der Film schon zu Ende, bin ich noch beim dritten Bild und noch viel öfter erschließen sich mir die Bilder nicht, schon schlafe ich ein oder lege lange Listen kommender Tage an und nicke abwesend fragt man mich, ob mir der Film gefiele.
Eine einzige Ausnahme gibt es, ich gehe immer dann ins Kino gibt es einen Film mit Isabelle Huppert. So sitze ich am Samstag Abend nicht mit Buch im Sofaeck, sondern neben dem Tierarzt im Kino. Elle heißt der Film und sie, Isabelle Huppert ist dieser Film. Alle anderen Rollen, alle Szenen, alle Motive, all das könnte auch verschwommen sein, denn sie sind überflüssig, immer ein fast schon schroffer Gegensatz zu ihr, zu dieser Frau, die in diesem Film Michèle heißt. Es geht, aber das können sie anderswo besser  nachlesen, um eine Vergewaltigung, aus der eine Geschichte aus losen, miteinander verbundenen Enden wird. Aber all das sehe ich nicht, denn ich sehe ja vor allem Isabelle Huppert zu, die ja keine Rolle verkörpert, sondern eine Möglichkeit darstellt. So kann es sein, das kann eine Frau sein und sagen, so geht es und es geht auch ganz anders, es ist alles ganz anders, denn wir sind nie nur wir, sondern in uns liegen Biographien der anderen und nur Bruchstücke und Splitter davon zeigen wir in dem was wir unser Leben nennen der Welt. Isabelle Huppert anzusehen, ist ein Blick in einen verschwommenen Spiegel, denn anders als für andere Sprachen gilt für Französisch noch immer das, was für andere Sprachen nie gelten wird, ich verstehe die Sätze, die sie sagt, nicht allein im Wortsinne, sondern in ihren Andeutungen, in ihrer Melodie, die ich mitgenommen habe in andere Sprachen, auch noch als ich meinen Akzent verlor. Ich höre meine Mutter, ich höre meine Mutter schon lange nicht mehr, aber hier auf der Leinwand, höre ich sie noch einmal in einem Satzanfang, ich schließe die Augen, aber nicht vor dem Geschehen, das wäre zu einfach. Ich sehe Isabelle Huppert und ich sehe meine Handbewegungen gespiegelt, eine Haarsträhne hinter das Ohr geschoben, eine angdeutete Augenbraue nach oben verzogen, links von mir sitzt eine Französin, und in ihr liegt die gleiche Handbewegung, wir sehen uns an, wir sehen Isabelle Huppert. Ich weiß nicht, ob es richtig ist zu sagen, dass dies ein Film mit Isabelle Huppert ist, es sind Bilder von Isabelle Huppert. Eins dieser Bilder: ein Sturm dräut und die schweren türhohen Fensterläden schlagen klappernd gegen die Hauswand. Der Nachbar kommt herüber ihr bei der Befestigung der Läden zur Hand zu gehen und dann beugt sie sich hinaus in den tobenden Wind, ein nur angedeutetes Lächeln, ein wenig fliegendes Haar auch, aber in ihrem Gesicht, unter den halbgeschlossenen Augen, ist Isabelle Huppert, Ikarus und Amazone und niemand wunderte sich schlösse sie die Augen, stieße sich vom Boden ab und flöge davon. Nichts wäre realistischer, als wenn sie es täte, aber sie schließt die Tür, und noch bevor sie sich wieder dem Nachbarn zuwendet, hat sie uns gezeigt, die wir dort vor ihr sitzen im dunklen Zimmer, was eine Möglichkeit sein kann. Ein anderes Bild schon am Ende des Filmes: Isabelle Huppert steht als Michèle auf einer Firmenfeier. Der Abend ist das was man erfolgreich nennt. Gläserklirren, feine Kleider, gelöste Stimmung wie man so sagt und sie und ihre Geschäftspartnerin, stehen zusammen. Dann plötzlich und ohne Vorwarnung, ähnlich als sagte bemerkte sie etwas über das Wetter, ein paar Schuh, erzählt sie ihrer Freundin, dass sie die letzten sechs Monate mit deren Mann geschlafen habe und wieder ist es ein Bild, keine Handlungsebene der ewig gleichen Schemata, es ist eine Möglichkeit. Sehen Sie so kann es sein, so kann radikale, schonungslose Ehrlichkeit aussehen. Ob das auszuhalten wäre, sei damit nicht gesagt, aber die Möglichkeit immerhin, die Möglichkeit besteht. Isabelle Huppert macht es vor. Nein, leicht anzusehen ist das nicht, die Folge dieser Möglichkeiten, in ihren Andeutungen, die uns verunsichern in uns selbst, wieder und wieder, wie wir ihr gegenübersitzen, zwei Stunden eingeschlossen mit dieser Frau, deren Möglichkeit Isabelle Huppert für uns ergründet. Glaubt man sich sicher, auf vertrautem Terrain und schon dreht sie sich weg, dreht sie sich weiter, schon steht eine neue Möglichkeit vor uns, schon erinnern wir uns unserer Möglichkeiten, schon wird uns kalt und der Blick in den Spiegel, verschwimmt, denn natürlich lässt sie den Spiegel beiläufig fallen, und erst später, viel später merken wir, wo genau wir uns eine Scherbe eingetreten haben. Es ist das Vertraute in dieser Frau, die ja nicht von jener schauspielerinnenhaften Schönheit ist, die immer wieder durch Lächeln und Brust raus und Bauch rein manifestiert werden muss, sondern es ist eine verstörende Vertrautheit, und eine großartige Fremde, denn natürlich ist Isabelle Huppert keine Allerweltsfrau, sondern das sie auch das sein kann, ist nur eine Möglichkeit. Selten aber will ich jemanden so unbedingt ansehen, und gleichzeitig wegsehen, weil es nicht auszuhalten ist, diese Präsenz, die in so alltäglichen, banalen Gesten in einem „Bon“ und einem „Ouf“ alles erzählt, auch und vor allem das was sich nicht erzählen lässt, erzählt sie während sie den Reißverschluss eines Kleides herunterzieht. Man möchte sich verstecken vor diesen Bildern und immer noch näher heran, es ist ein gieriges und fast schon unverschämtes Ansehen wollen, das mich überfällt, wenn ich sie sehe, diese Isabelle Huppert. Dann endet der Film, ein letztes Bild, natürlich geht sie ohne sich umzudrehen, ich aber verberge meine zitternden Hände in den weiten Manteltaschen und eine halbe Stunde braucht es im Auto neben dem Tierarzt bis Englisch in meinen Kopf zurückkehrt. Vollmond über den Dächern, der Tierarzt spricht über den Film, ich denke an Isabelle Huppert und streiche mir die Haare zurück hinters Ohr. Die Handlung des Films habe ich schon wieder vergessen, die Bilder hingegen nah unter der Haut.

Elle
France/ UK, 2016

Nach Norden

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Am Morgen aber nicht zum Zug gerannt, statt dessen den treuen, alten Volvo bestiegen, nordwärts diesmal. Schon liegt das Dorf hinter mir, im Rückspiegel noch einmal schiefergrau der Kirchturm St. Sylvester, dann fliegen andere Dörfer vorbei, der treue Volvo beklagt sich kaum, schon liegt Drogheda hinter uns, dann Dundalk, vergessene Städte, Grenzorte, vernachlässigt seit Jahrzehnten allen beschwörenden Reden aus Dublin zum Trotz. Dann Schafe, Kühe, schiefergraue Häuser, die Wiesen auch im März irisch-grün, die Grenze bei Newry, noch merkt man den Landeswechsel nur an der miles statt Kilometerzahl. Benzin für den Volvo, Kaffee für mich. Weiter und immer weiter. Portadown und dann endlich Belfast. Die Anfahrtsskizze zur dem Tierarzt befreundeten Kollegin an die Windschutzscheibe geklemmt, der Volvo erweist sich als treuer Freund und lässt sich auch am steilen Hang nicht lange bitten. Roter Backstein, weiße Balken, auf dem Eisenzaun schwarze Zacken. Endlich da. Ich lassen den Türöffner zweimal gegen die Tür schlagen. Blau ist die Tür. Die Frau hinter der Tür ist von strenger Kühle. „Sie sind ja ein Mädchen“, ruft sie noch bevor ich sagen kann: „Fräulein Read On sehr erfreut.“ Große ist die Tierärztin, ein weißer Kittel, raspelkurze Haare, noch einmal schüttelt sie den Kopf: „Ein Mädchen.“ „Wollen Sie mit mir Arm drücken?“ frage ich und immerhin bleibt mir nun das dritte „Mädchen“ erspart. Endlich werde ich auch den schweren Karton mit tierärztlichem Bedarf los, den ich versprach zu übergeben. Die Tierärztin macht Tee. Si e schüttet Kekse auf einen Teller mit gesprungenem Rand. Resopalstühle. Auf der Untertasse Pferde,-Hunde oder Katzenhaare. Vielleicht auch alle zusammen. Die knallroten Fingernägel an ihrer Hand trommeln auf die Tischplatte. Der Geruch von Desinfektionsmittel und Barry’s Tee. Die Tierärztin sieht meinen Blick auf ihren Fingernägeln. „Der schwarzen Ränder wegen“, sagt sie, ich hatte sie nicht gefragt. Sie erzählt vom Tierarzt. „Er sei ganz anders als ich glaube“, sagt sie, dann lacht sie tief und dunkel. Anekdoten aus Studientagen. Dazu schlecht verborgene, offene Absichten. Ich sehe aus dem Fenster. Die Tierärztin schwärmt von einem Veterinärball aus anderen Tagen. „Nichts für Mädchen“, fügt sie hinzu. Vor dem Fenster repariert ein Mann ein Neon-Kreuz. Die Kirche selbst ist ein zwischen die Häuser gepresster grauer Block. Der Mann konzentriert auf das Kreuz, die Tierärztin auf längst vergangene Nächte. Schuljungen laufen vor dem Fenster vorbei, gescheitelte Köpfe, marine-blaue Schuluniformen, rosa Kaugummiblasen vor ihren Gesichtern. Frauen mit Einkaufstaschen, keine von ihnen kaut Kaugummi, keine hat eine rosa Schleife im Haar. Ernste Gesichter, ernst ist es auch der Tierärztin mit ihrer Erzählung: goldene Jahre seien es gewesen. Sie und er. Er und ich, was für ein Abstieg. Weiße Röcke tragen die Frauen vor dem Fenster zu ihren ernsten Gesichtern, schwarze Strümpfe, schwarz-grau-beige Schuhe. Regen und dann Sonnenschein. Nass glänz das Pflaster. „Wir wissen nichts über andere Menschen“, verabschiede ich mich von der Tierärztin, längst ist der Tee kalt, sie allein aß von den Keksen. „Schickt er mir doch ein Mädchen“, höre ich sie sagen, dann fällt die Tür ins Schloss. Vorsichtig manövriere ich den Volvo zurück in die Stadt. Noch hängen die Wahlplakate die einen Sonderstatus für Nord-Irland in der EU fordern an den Laternen. An einer Ampel sehe ich eine Modigliani-Frau. Seit Jahren schon begegnen sie mir immer wieder. Unverhofft fast immer, so auch hier, an einer Straßenkreuzung, steht sie eine Hand ins schwarze Haar geschoben, ein grünes Samtjäckchen, die Nase gen Himmel, eckig das Kinn, die Augen jettschwarz, die aufgeworfenen Lippen ganz nach Modigliani geformt, ein kleines Handtäschchen an goldener Kette baumelt über ihrer Schulter, schaukelt im Wind. Sie schließt die Augen im Sonnenschein. Hinter mir aber hupen die Autos, der Volvo heult empört auf. In der Universität, universitäre Dinge. Der angereiste finnische Kollege erinnert sich an ein Gespräch einmal in Oslo begonnen. Ich könnte schwören, ich hätte ihn nie gesehen, lieber aber nicke ich. Hände schütteln, bekannte Gesichte, veratmete Luft. Sind da nicht Hunde,-Pferde oder Katzenhaare auf meinem Mantel? Ungeduldig klopfe ich sie ab, dann für eine halbe Stunde nach draußen. Milde Luft. Ein Oxfam –Laden, neben einem Wettbüro, ein Schnellimbiss: Chinesisch-Koreanisch-Indisch, passend dazu eine „All- you-can-eat Offerte“. Eine Gruppe Bauarbeiter reibt sich die Hände, ich kaufe eine Flasche Wasser, eine Banane und einen Stapel Bücher bei No Alibis. Der Volvo wartet treu im Sonnenlicht. Wer weiß vielleicht liest er ja im Bücherstapel herum. Die Nachmittagssonne tritt auch in das Konferenzzimmer hinein, die Anwesenden gähnen einvernehmlich, Schlussworte, Abschiedshonneurs. Freitag-Abend. Der finnische Kollege will auf ein Bier, ich nach Hause, schon zieht der Finne mich mit. Ich starre ins Wasserglas, der finnische Kollege erzählt mir eine komplizierte Geschichte über eine Hochzeit, die nicht mit einem „Ja-Wort“ endet, ob er der Bräutigam war mit den Ringen noch immer in der Tasche, will ich nicht fragen, sondern fahre den schlingernden Finnen ins Hotel. Dann zurück durch die Dunkelheit. Erst Dvořáks Bagatelles op. 47 im Ohr, dann müder werdend, irgendein Sender, der im Dreivierteltakt zum Mithopsen auffordert, eine halbe Banane und die gleichen Städte, endlich bekannte Namen, absehbare Kilometerzahlen, dann das Meer zur Linken, Fenster auf, auf schlingernden Wegen durch größere Dörfer und schon sehe ich St. Sylvester, das Dorf ist still, bei mir Zuhause ist Licht, Fenster zu und Motor aus. „Du bist zurück mein Mädchen“, sagt der Tierarzt.

Der Stein des Anstoßes.

Meine Großmutter praktizierte nur für kurze Zeit in der Poliklinik der kleinen Stadt, in der sie lebte. Bald schon eröffnete sie eine eigene Praxis, zum Entsetzen des Direktors der Poliklinik. Ihre Approbation hatte meine Großmutter schließlich in Israel erhalten, ihren Facharzt am Hadassa-Hospital in Jerusalem gemacht und ihre Doktorarbeit zu einen Zeitpunkt verteidigt, als die DDR- Führung Frauen riet doch Traktoristin zu werden. Meine Großmutter hängte ein Bild von Magnus Hirschfeld in den Praxisraum, befestige ein Schild mit ihren Sprechzeiten an der Tür und kaufte ein gebrauchtes Vorkriegsmotorrad für Hausbesuche. Aus dem Fenster ihres Sprechzimmers konnte sie das Haus des Poliklinikdirektors sehen. Der Direktor der Poliklinik ließ Jalousien an seine Fenster anbringen um den Stein des Anstoßes, die Privatpraxis auf der anderen Marktseite nicht sehen zu müssen. Meine Großmutter machte die Fenster auf. „Frische Luft“ das war ihr stetes Credo „hat noch niemals geschadet.“ Am Anfang sah sie lange auf den Marktplatz, denn der Direktor der Poliklinik wollte ein Exempel statuieren, aber die Ausstattung der Poliklinik war schlecht und meine Großmutter hatte Medikamente aus dem Westen, einen sauberen Kittel und ehe man sich versah, war meine Großmutter Frau Doktor geworden und die Praxis von nun an immer voll.
Der Direktor der Poliklinik hasste meine Großmutter von ganzem Herzen. Meine Großmutter winkte ihm vom Motorrad aus zu. Sie trug maßgeschneiderte Lederhandschuhe , die ihr eine Patientin ohne Geld aber mit schwerer Diabetes schneiderte. Der Direktor der Poliklinik schäumte: „Dekadenz und Bourgeoisie.“ Meine Großmutter kräuselte ihre Oberlippe. Schon mit sechs Jahren hatte sie doch beherzt zur Küchenschere gegriffen und sich die schweren Zöpfe abgeschnitten. 1928. Ihr Vater war begeistert: „Die moderne Frau.“ Er ging mit ihr zum Friseur und sie bekam einen Bubikopf. In der ganzen Stadt ging er damals herum mit dem sechsjährigen Mädchen auf seinen Schultern: „Das Mädchen wird Matura machen.“ Er würde Recht behalten. Der Direktor der Poliklinik besorgte Lederhandschuhe aus dem Intershop für seine Frau. Meine Großmutter stellte seine Geliebte als Arzthelferin ein. Der Direktor schäumte. Meine Großmutter behandelte die Migräne seiner Frau: „ Der Herr Direktor darf davon nichts wissen.“ Meine Großmutter hielt still. Die Geliebte des Direktors bekam ein Kind. Der Herr Direktor wollte davon nichts wissen. Meine Großmutter besorgte einen weinroten Kinderwagen aus dem Westen, der in ihrem Fall eben Israel hieß. Die Jalousien im Haus gegenüber aber blieben unten. Meine Großmutter stellte einen jungen Mann ein, der als systemkritisch galt. „Was wollen sie mit dem?“ fragte der Direktor der Poliklinik. Meine Großmutter zog die linke Augenbraue nach oben. „Es braucht gutes Personal, eine Praxis zu führen.“ Der Direktor schlug die Tür hinter sich zu.
Der junge Mann aber übernahm die Anmeldung, vergab Termine, putzte das Messingschild vor der Tür und heiratete schließlich die Geliebte des Direktors. Der Direktor der Poliklinik schickte keine Blumen. So vergingen die Jahre, der Direktor der Poliklinik nahm sich eine neue Geliebte, die Arzthelferin bekam ein zweites Kind und an jedem 8. März sperrte meine Großmutter am Nachmittag die Praxis zu. Ihre Mitarbeiter aber lud sie ein zu sich nach Haus zu Sachertorte und Kaffee. Der Direktor der Poliklinik aber berief an jedem 8. März eine Versammlung der Poliklinik ein. Eine Tasse Kaffee und zwei Schinkenbrötchen pro Frau. So stellte sich der Staat der Werktätigen, Großzügigkeit vor. Lange Reden und kleine Prämien. Der Direktor aber der sich eins, zwei, drei, mehr Schnäpse in den Kaffee goss, schrie je länger der Abend dauerte, umso lauter gegen meine Großmutter an, die sich mit ihrer privaten Praxis am anderen Ende des Marktes als wahrer Schädling des Volkes erwiesen hatte, keine sozialistischen Werte verinnerlichte, dekadent sei und sich nicht einmal am Internationalen Frauentag solidarisch zu den Werktätigen verhalte. Meine Großmutter servierte derweil Kaffee in Meißener Tassen, mein Großvater spielte Klavier und die Kinder spielten Ball im Garten. Der Direktor der Poliklinik machte anzügliche Witze, und lachte laut über den Mann an der Anmeldung. Über sein Kind schwieg er sich aus. Wieder verging Zeit, am 8. März des folgenden Jahres saß meine Großmutter zum letzten Mal mit ihrer Arzthelferin, ihrem Mann und den beiden Kindern bei Kuchen und Kaffee zusammen. In der Nacht verließen sie das Land. Republikflucht, nannte man das im solidarischsten aller Länder, natürlich wurde das Paar verraten, denn nichts blieb verborgen in diesem Land, das mit besten Wissen und Gewissen, und ganz nach Belieben Menschen zerbrach, im Zeichen der internationalen Solidarität. Nur der Frau und ihren beiden Kindern gelang die Flucht. Ihren Mann aber fand man erhängt in seiner Zelle. Am nächsten Morgen durchsuchte die Staatssicherheit die Praxisräume. „Beihilfe zur Republikflucht.“ Grinsend sahen auch der Direktor der Poliklinik und seine Frau zur Tür herein. Das Gesicht von Magnus Hirschfeld hatte einen Sprung. Meine Großmutter trug es zum Glaser. Als sie schließlich aus dem Gewahrsam der Polizei entlassen wurde, räumten ihr Mann und sie die Praxis auf. Im Haus des Direktors der Poliklinik brannte noch immer Licht. Anderntags sperrte sie die Praxis wieder auf. Die neue Arzthelferin und die neue Sprechstundenhilfe und alle die ihnen folgten in den nächsten Jahren, die bald Jahrzehnte wurden, berichteten direkt an die Stasi und dem Direktor der Poliklinik, der ja nicht umsonst in die Staatspartei eingetreten war. Das Bild Magnus Hirschfelds aber blieb den Arzthelferinnen und auch der Stasi ein Rätsel. Sie vermochten einfach nicht herauszufinden, wer der Mann auf dem Bild gewesen sein könnte. Einmal fragte die Frau des Poliklinikdirektors, die noch immer ihre Migräne bei meiner Großmutter behandeln ließ. Meine Großmutter aber antwortet: „Ein Mann aus einem anderen Deutschland.“ In der Stasiakte hieß bald darauf: Die Ärztin stellt imperialistische und klassenfeindliche Propaganda in ihren Praxisräumen zur Schau. Meine Großmutter lachte und warf die Briefe, die ihr in dieser Sache zugingen, ungeöffnet in den Papierkorb.
Noch immer sperrte meine Großmutter ihre Praxis an jedem 8. März zu, aber die Arzthelferinnen und ihre Familien lud sie nicht mehr zu sich nach Hause ein. Die Arzthelferinnen erbaten sich von meiner Großmutter doch an den Feierlichkeiten zum Internationalen Frauentag in der Poliklinik teilnehmen zu dürfen. Meine Großmutter hielt niemanden von Schinkenbroten ab. Der Direktor der Poliklinik lobte den ehrlichen, sozialistischen Ethos der Arzthelferinnen. Eine Prämie bekamen sozialistisch akkurat die vorwiegend männlichen Kollegen und die Frauen warme Worte.
Meistens sperrte meine Großmutter am Abend des 8. Märzes noch einmal ihre Praxis auf,selten habe sie so viele betrunkene Männer auf den Straßen gesehen, wie am Internationalen Frauentag sagte sie, denn dem Brigadeethos der Männer ihren weiblichen Kolleginnen gegenüber sei nicht so sehr mit sozialistischem Schwung denn mit Alkohol auf die Sprünge geholfen worden und meine Großmutter klammerte eben die Wunden. Irgendwann wankte auch der Direktor der Poliklinik gestützt von seiner Geliebten über den Marktplatz seinem Zuhause zu, hinter den Jalousien die Ehefrau mit Hauptweh im Bett. Noch in der Nacht des Mauerfalls aber sagte meine Großmutter mir, habe der Direktor der Poliklinik die Stadt verlassen und auch seine Frau habe nie wieder von ihm gehört.

Überraschungsgast

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Besuchskälbchen

Alle Tage sind gleich lang, aber meine Montage sind länger ( und breiter ) als alle anderen Tage. Um halb sechs Uhr steige ich in den Zug nach Dublin und erst wenn die Bahnhofsuhr des Dorfes vor dem kleinen Dorf auf viertel vor Neun steht, steige ich wieder aus dem Zug und laufe zurück nach Haus. Ich habe eine kalte Nasenspitze, einen schweren Bücherbeutel und Hunger. Tomatensuppe beschließe ich und freue mich des Camemberts in meiner Tasche, denn frischgebackenes Brot ist auch daheim. Ich winke der Frau des Krämers, die den Laden abschließt und freue mich, dass der klapperige alte Volvo des Tierarztes vor dem Haus steht. In der Küche ist Licht. Das wundert mich, denn der Tierarzt benutzt in der Küche nur die Waage. Magersüchtige wiegen alles. Blaubeeren, Selleriestangen, Knäckebrot und würde ich nicht so oft Kuchen backen, ich hätte die Küchenwaage längst abgeschafft.
Ich klopfe dreimal gegen die Tür, aber niemand öffnet, und so krame ich seufzend nach dem Schlüssel , streife die Schuh von den Füßen und stecke den Kopf durch die Tür. Zu meiner Verwunderung springt der Hund des Tierarztes nicht vor meine Füße, von der Katze indes erwarte ich schon lange kein begrüßendes Miauen mehr, aber nun auch der Hund? „Haaaaalllo“, rufe ich und strecke den Kopf nun auch zur Küchentür herein. Der Tierarzt steht mit dem Rücken zum Küchenschrank und mir ist als klapperte etwas hinter ihm. „Read On“ sagt der Tierarzt. „Tierarzt“ sage ich und sehe den Tierarzt erwartungsvoll an. Der Tierarzt sieht schräg zur Seite. „Man würde doch ganz gern geküsst werden“, sage ich. Der Tierarzt sieht verlegen auf seine Füße und bewegt sich vorsichtig vom Buffet zur Küchentür, die ins Wohnzimmer führt und stellt sich in die Türöffnung. „Versteckst du eine nackte Frau im Wohnzimmer?“, frage ich den Tierarzt und der Tierarzt bekommt tatsächlich rote Ohren und betrachtet äußerst eingehend seine Zehenspitzen. ( Verehrte Männer, liebe Frauen, sollte ihre Fünf-Uhr Geliebte oder ihr Neunzehn Uhr Gspusi noch nach den Socken oder der Rolex suchen, seien Sie vorbereitet und sehen sie niemals nie auf ihre Fußspitzen.) Ich sage: „ Das ist nicht dein Ernst?“ Der Tierarzt sagt: „ Read On“, es ist nicht wonach es aussieht!“ ( Sagen Sie niemals: es ist nicht wonach es aussieht. Es ist immer genau das wonach es aussieht. ). „Read On bitte“, sagt der Tierarzt. Ich öffne die Wohnzimmertür. Es blökt. Erst einmal, dann ein zweites Mal und als es ein drittes Mal blökt ( für einen kurzen Moment bin ich nicht sicher ob nicht auch ein 15 Uhr Spatzl im Versuch zu retten, was nicht zu retten ist zu blöken begänne ) aber hier kommt keine blonde Schönheit, sondern ein Kälbchen durch die Tür in die Küche gestakst. Der Tierarzt schlägt die Hände vor dem Gesicht zusammen. Das Kälbchen beäugt mich. Ich beäuge das Kälbchen. „Tierarzt sage ich, wie kommt es, dass ein Kälbchen im Haus ist?“ Es ist kompliziert, sagt der Tierarzt. ( Sagen Sie niemals: es ist kompliziert, haben sie stets eine einleuchtende und überzeugende Erklärung zur Hand.) Der Tierarzt beginnt eine komplizierte Geschichte an deren Ende eine tote Kuh steht, ein Bauer ohne Verwendung für ein Kälbchen und ein Tierarzt, der ein Kälbchen auf den Rücksitz legte und mit nach Hause nahm. Dort siedelte er das Kälbchen aufs Sofa um, sperrte den Hund ins Schlafzimmer und natürlich verschlief die Katze auch den Einzug des Kälbchens. Das Kälbchen blökt. „Tierarzt“ sage ich „wir können doch kein Kälbchen“, doch der Tierarzt verschränkt die Arme vor der Brust. „Du sagst doch immer, man muss sich kümmern.“ Das Kälbchen kaut an meiner Handtasche. Das Kälbchen hat fast so feuchte Augen wie der Tierarzt. Kälbchen und Tierärzte können einem sehr hartnäckig mit sehr feuchten Augen ansehen.
Das ist verrückt, sage ich schließlich und der Tierarzt zwinkert dem Kälbchen triumphierend zu ( machen sie das bloß nicht mit ihrem 16 Uhr Techtelmechtel). Das Kälbchen aber blökt wieder und da ich selbst inzwischen wirklich sehr hungrig bin, verstehe ich sofort. „Dein Übernachtungsgast Tierarzt hat Hunger.“ Das Kälbchen bekommt ein Fläschchen und während der Tierarzt das Kälbchen überredet an der Flasche zu nuckeln, wie ich ihn sonst wenigstens zu einem Löffel Suppe zu überzeugen versuche, viertele ich Tomaten und hacke Kräuter. Als die Tomatensuppe fast fertig ist, wacht auch die Katze auf: verwundert besieht sie das Kälbchen, sah der Hund am Nachmittag nicht ganz anders aus? Kälbchen sage ich, Katze. Katze, sage ich Kälbchen. Die Katze aber rollt sich auf dem Sessel zusammen und schnarcht schon wieder. Der Tierarzt liest dem Kälbchen indes aus der Zeitung vor und das Kälbchen rollt mit den Augen. Gerade als ich- wolfshungrig ( welch Glück für das Kälbchen, dass ich nur ein seltsames Fräulein bin) die Teller auf den Tisch stelle, klopft es an der Tür. Der Tierarzt und ich springen auf und verfrachten das Kälbchen zurück ins Wohnzimmer. Der Priester steht vor der Tür. „Abend Fräulein Read On, Abend Tierarzt“, ich wollte nur sagen: schön, dass Sie wieder da sind. Wir grinsen unisono wie die Honigkuchenpferde. „Alles in Ordnung?, fragt der Priester. Wir nicken. ( Versuchen sie lieber einen neutralen Gesichtsausdruck.) Sagen Sie mal Fräulein Read On“, habe ich es nicht eben blöken gehört? „Das war die Katze!“ sage ich, „Das war der Hund!“ sagt der Tierarzt. ( falls ihr Schatzl im Uhrenkasten steckt, einigen sich entweder auf die Geißlein oder die böse Großmutter ). Der Priester sieht uns verwundert an. Dann tappt das Kälbchen durch den Flur ( man muss wissen, wenn man verloren hat.). „Es ist genauso wie es aussieht Priester“ sage ich. „Essen Sie einen Teller Tomatensuppe mit?“ Der Priester nickt. Der Tierarzt atmet auf. Das Kälbchen blökt.

Sonntag

Früh morgens noch einmal durch den stillen Garten. Noch immer Frosthaut auf den Pfützen. Eichhörnchen in den Bäumen, die Rothkehlchen und Meisen wippen auf den Apfelbaumzweigen, in den Kiefern wohnt der Wind. Eine letzte Scheibe Honigbrot, der Tierarzt quält sich an einer, ich esse zwei, ein letztes Mal die Tassen spülen. Die Bücherberge in Tasche verteilen und dann die Straße hinunter. Die Autobahn, die wir aus dem S-Bahnfenster sehen ist fast leer, nur die grünen Flix-Busse fahren vorbei. Vor ein paar Wochen habe ich ein Bild gesehen, da fotografierte ein Reisender einen Busfahrer, der auf Knien die Bustoilette schrubbte. Der Reisende beschwerte sich über die dadurch auftretenden Verzögerungen der Abfahrt. Ich weiß nicht wie man diesen Zustand von Schamlosigkeit und eiskalter Hundeschnauze erreicht. Aber die Fassungslosigkeit über den Gestus dieses Bildes verlässt mich nicht.

Fast leer ist der Flughafen, das Flugzeug verspätet, der Tierarzt schläft gegen meine Schulter gelehnt, ich lese und versuche nicht gleichzeitg zu atmen und die Seiten umzublättern. Schlafende soll man nicht stören. Einer der Sicherheitskontrolleure lacht keckernd über einen Kollegenwitz und kann nicht mehr aufhören, lacht und lacht und weint irgendwann fast vor dem Gelächter, dass ihn fest beim Nacken fasst und nicht mehr loslässt. Irgendwann kommt das Flugzeug doch. Ein letzter Blick auf Berlin. „Fehlt dir das?“ fragt der Tierarzt. Ich schüttle den Kopf. „Nein, sage ich Tierarzt mir fehlt die Stadt nicht, aber ich vermisse das Leben, das es einmal in dieser Stadt gab.“ Der Tierarzt aber sieht zu mir herüber. Vielleicht erinnert er sich, so lange ist das ja auch noch nicht her, als immer mehr von ihm im kleinen windschiefen Haus im Oberland blieben, erst Zahnbürste, dann Bücher, dann ein blauer Schal, schließlich auch Rasierzeug und warme Socken, und vor allem er selbst, ich in der Tür stand und ihn fragend an ansah. „Du bleibst also?“ oder so ähnlich fragte ich ihn und der Tierarzt sah mich an, ähnlich fragend und sich vielleicht auch ein wenig versteckend vor meiner Antwort. Aber die war nicht besonders, war nicht ausschweifend, auch nicht witzig oder ironisch gelungen. Genickt habe ich wohl, den Zweitschlüssel aus dem Kästchen geholt und dem Tierarzt herüber geschoben. „Keine Geigen sagte ich, keine Rosen, keine Versprechen, kein Himmel“, vielleicht habe ich auch etwas anderes gesagt und der Tierarzt ist trotzdem geblieben, geblieben bei jemandem der immer noch und im eigentlichen Sinne wohl in Berlin auf dem Stuhl sitzt und die Scherben zählt, die Splitter nicht findet und wartet und wartet und wartet.

Ein Teil nur ist eben weitergezogen, sitzt jetzt im Flugzeug, mein Schlüssel zu diesem Leben liegt im windschiefen Haus nah an der irischen See und der Tierarzt neben mir hat den Schlüssel in der Tasche. In Dublin hat es geregnet, der alte und treue Volvo steht in der Garage. Die engen Straßen, hohe Ecken, tiefe Pfützen, die blasse Sonne schon tief am Himmel, der Tierarzt macht das Fenster auf, als wir schließlich das Meer erreichen, dann sind wir schon im Dorf. Die Frau des Krämers winkt. „Hallöchen“ trilliert der Tierarzt. Die Frau des Krämers sieht ihn verwundert an. „Das ist alles ihre Schuld, sagt sie zu mir, dass der Tierarzt erst ihre Tochter verschmähte und jetzt auch noch ausländisch spricht“ Ich nehme die Katze in Empfang und der Tierarzt seinen Hund und überreiche ihr Pralinen und einen Marmorkuchen, nebst violetten Tulpen. Dann schämt sich die Frau des Krämers doch für einen Moment. Aber als der Tierarzt sagt: „Dit is Berlin“, blinzelt sie mir finster zu. Die Katze springt aufs Fensterbrett und schläft sofort ein, der Hund kaut auf einem Socken, ich rufe Schwesterchen an und sehe die Post an, richte Bücherstapel und suche dies und das. Der Tierarzt aber hält das Gesicht in den Sturm und den leise einsetzenden Regen, ich lehne meinen Kopf an seinen Rücken, der Tierarzt hält meine immer kalten Hände und so werden wir langsam nass. „Wieder da“, sage ich. „Danke“, sagt der Tierarzt.

Die Mali-Tant seufzt über die Welt.

Die Mali-Tant, war eine der liebsten Freundinnen meiner Großmutter. Wie meine Großmutter scheiterte die Mali-Tant an Israel. Die beiden Damen waren sich einig: die Hitze, der Staub, das schlechte Theater, die barbarische Sprache, die seichten Opern, da könne man trotz allem also auch nicht bleiben. Meine Großmutter ging zurück nach Deutschland und die Mali-Tant zog zurück in ihre Geburtsstadt Wien. Damals also im 1950er Jahr sagten die Nachbarn zur Mali-Tant: “Wir dachten die Juden sind alle durch den Rauchfang gegangen.” „Ja, sagte die Mali-Tant damals, das habt ihr euch wohl so gedacht.“ Die Nachbarn haben nicht widersprochen. Die Mali-Tant aber ist geblieben und noch immer, noch heute lebt die Mali-Tant in Wien. Jeden Samstag seit vielen Jahren also, rufe ich die Mali-Tant an.

Ich sitze mit den Füßen weit ausgestreckt in die späte Nachmittagssonne, die in die Diele fällt, habe ein Stück Marmorkuchen vor mir und blinzle gegen das Sonnenlicht. Eingehüllt aber bin ich trotzdem in das orangene Reiseplaid, denn warm genug ist mir nie, und wie mein Großvater vor vielen Jahren zu sagen pflegte als meine Großmutter die Mali-Tant anrief, telefoniere ich mit Wien.

Ich: Shavua tov! Shavua tov! A gite woch Dir Mali-Tant!

Mali-Tant: Shavua tov, Mädi. A gite Woch fia dich.

Ich: Geh Mali-Tant, geht es dir gut?

Mali-Tant: Ah geh Mädi, ist scho a Kreuz mit dem Rücken, aber es geht sich schon aus. Und bei Dir?

Ich: Ah geh, Mali-Tant , ist schon recht. Man soll nicht jammern all die Tage.

Wir wechseln weitere Bemerkungen über das Wetter, das Leben, die Gerti ( die Tochter der Mali-Tant, Schwesterchen und dies und das.) Dann aber seufzt die Mali-Tant und seufzt länger und schwerer sonst.

Mali-Tant: Ach, Mädi ich weiß net recht, was ist mit die Leit? Gestern war die Zugehfrau hia. Ganz schwummig ist mir worden von ihrem Gschwätz.
Ihr Herbert sogt die Zugehfrau sogt: Aufghengd gheans, die Leit. Da hab i die Zugehfrau, die scho kommt an die zwanzig Jahr gefragt, aber wen will dein Herbert aufghengd sehn? Na des wo die Goschn aufreissn Frau Mali hat die Zugehfrau gesogt, die als erstes. Dann die, die nicht hackeln gehen, die gehören a aufghengd sogt der Herbert. Die Schmarotzer und die Leit von die Bang ( =Bank ), die a.
Immer längter Mädi ist die Liste worden, von die Leit die aufghengd gehörn. Da hab i die Zugehfrau gefragt, wea denn da über bleibt van die Leit. Na koaner hat die Zugehfrau gesogt, die die net aufghengd gehören sogt der Herbert die muss man daschlogn oda daschissan oda vagifdn. Da hob i die Zugehfrau gefrogt ob sie des a find wos der Herbert sogt. Die Zugehfrau hat gesogt, der Herbert sogt sie fangt sich eine Watschen wenn sie so dumm daherfragt. Schon wie sie geheiratet han, hat de Herbert dos sogt und seit dem hat sie eben net mehr gefrogt.

Ich: Ach Mali-Tant, das tut mir leid. Ich weiß auch nicht warum die Leute so viel Wut im Bauch haben all die Tage.

Mali-Tant: Ach Mädi, i mog nimmer mehr. Ich kann doch nicht jetzt der Zugehfrau kündigen, die seit zwanzig Jahrn herkommt und die Wohnung besorgt. Die fangt sich doch wida a Watschn von dem Herbert, diesem Rindvieh.

Ich: Seufze lang und tief.

Mali-Tant: A Schmarrn erzähln die Leit den lieben langen Tag lang: Die Nachbarin von der Stiege sogt, dass der Nachbar von droben besoffn is und mittn in da Nocht bei da Haustia (= Haustür ) rumort. Dabei kenn in den Nachbar von droben gut, dea is a feiner Kerl, und net einmal hob i dem mit da Rum Flaschn gesehn, seit dem 54er Jahr, wo i eingezogen bin hia. Und die Sedlacezak vom Parterre sogt, dass die Nachabrin von de Stiege nimmer schtaubwischt. Und I bin so müd von dem Geschwätz. Maunchmoi (=manchmal ) mitn in da Nochd weri munta und ich sog mir, ist ned gut, wenn man so alt wird wie i Mädi.

Ich: Aber Mali-Tant ich fände es schreklich wärst du nicht da und gar nicht vorstellen, kann ich mir einen Samstag ohne dich, und gar nicht ausdenken mag ich mir die leeren Nachmittage an denen Du mir nicht erzählst von den Nachbarn und dem Hund des Greislers, und deinem Verehrer, dem alten Wien, und dem Wien der Juden und den Geschichten von meiner Großmutter und dir. Überhaupt sollst du mich anrufen, wenn du nachts im Bett liegst und nicht schlafen kannst.

Mali-Tant: Ach Mädi, du bist schon wie deine Großmama, die hat auch imma geredet und geredet und geredet und dann war ollas guad.

Dann müssen die Mali-Tant und ich beide lachen, wir lachen ziemlich laut sogar, denn die neue Woche soll man nicht nur mit Sorgenfalten auf der Stirn beginnen.

Hier gibt es noch ein Telefonat mit der Mali-Tant.

Gegen die Uhr

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„Chop against the clock“

Eigentlich fängt es immer so gut an: am Freitag Morgen stehe ich eine dreiviertel Stunde früher auf als sonst. Es ist also erst kurz nach vier. Ich setze den Hefeteig für die Challah an und der Teig schläft dann noch einmal während ich einmal durch die Wohnung putze, sauge, fege und eine Maschine in die Waschmaschine lade. Dann schlurft der Tierarzt aus dem Schlafzimmer und richtet sich an einer Tasse Tee auf und natürlich lasse ich mich auch zu Tee verleiten und natürlich küsst der Tierarzt ziemlich begabt meine Ohren und ich meine mich zu erinnern, dass auch ich die Nasenspitze des Tierarzts küsste. Jedenfalls grinst die Uhr hämisch als ich endlich beginne Karotten zu schneiden, dem Tierarzt einen Berg Kartoffeln hinstelle und das Kartoffelmesser herüberreiche, denn ich muss derweil das Huhn in suppenkompatible Teile zerlegen, denn immer schon steht am Beginn des Shabbats eine dampfende Suppenschüssel. Noch dazu haben die alten Damen des Auschwitzer-Kreises meiner Großmutter selbst an jedem Freitag Abend eine Suppe auf den Tisch gebracht und mit sechs alten Damen, ich schwöre ihnen wollen sie es sich nicht verscherzen. Ich übrigens auch nicht. Als die Suppe endlich leise auf dem Herd simmert, rasen wir los zum Wochenmarkt. Zu erst zu Herrn Yilmaz, bei dem ich einen Berg voll Obst und Gemüse einhole, aber Herr Yilmaz klagt erst über seine Bandscheibe, dann über den faulen Lehrling und schließlich über die Türkei. Dann befragt er den Tierarzt über seine Absichten und erkundigt sich schließlich nach dem Wohlbefinden der alten Damen. Nein, Herrn Yilmaz kann man nicht unterbrechen, es ist einfach ganz und gar unmöglich Herrn Yilmaz Redefluss zu stoppen und wer auf den Wochenmarkt geht, ist natürlich auch so ein verratschte Person wie ich. Trotzdem aber drängt die Uhr, wir kaufen Lammkeule und neue Kartoffeln, frische Fisolen und ich mir ein Schokoladencroissant. Dann im Eiltempo aber zurück, der Challah Teig will zu einem Zopf geflochten werden, in die Suppe gehören noch Grießklösschen, denn niemand an diesem Shabbestisch mag Matzomehl leiden, der Tierarzt bügelt das Tischtuch, dann klingelt die Tür und die liebe G. steht vor der Tür. Die liebe G. kann man nicht zwischen Tür und Angel abfertigen noch dazu hat die liebe G. Liebesleid und muss sich aussprechen. Zudem will sie getröstet werden und Trost kommt bekanntlich nicht nur von warmen Worten, sondern in Milchkaffee, Keksen und einem Teller heißer Suppe daher. Aufgerichtet also geht die G. Mir stehen die Haare zu Berge beim Blick auf die Uhr. Wie jeden Freitag suche ich den Kidduschbecher, der sich hartnäckig und bösartig, nur um mich zu foppen versteckt. Endlich fällt er unter den Serviettenringen hervor. Der Tierarzt schnauft und rückt Stühle. Die Tulpen liegen noch auf dem Tisch und sind nicht in der Vase. Warum bäckt die Challah auch ausgerechnet am Shabbat immer so lang? Schließlich soll auch noch die Lammkeule schmoren und die Fisolen sind auch noch immer nicht geputzt. Immerhin aber kühlt das Griesflammeri auf dem Balkon ab. Natürlich klingelt das Telefon. Die älteste Tochter von Onkel A. ist am Telefon. Zwei Stunden noch prahlt sie bis Sonnenuntergang und alles ist fertig. Der Tierarzt gestikuliert im Hintergrund. Ich fahre mir in die Haare und finde ein Stück Challah-Teig im Haar. Zum Glück kann die Tochter von Onkel A. die nämlich sehr viel frummer ist als ich mich nicht sehen. Gewiss krähte sie etwas von der Entweihung des heiligen Brotes und ließe mich von Neuem beginnen. Wir knallen Luftküsse ins Telefon und ich rase weiter umher, wir rücken Stühle, decken den Tisch ein, falten Servietten, richten die Challah an, der Tierarzt holt Rotwein herauf und Kedem Traubensaft für mich. Die liebe C. und mein Vater klopfen und schließlich fahren auch die sechs alten Damen vor. Ich rausche also hinunter und biete den Damen den Arm zum Geleit. „Read On“ sagen die Damen ob meines zerzausten Zustands, ist doch Shabbes! Ich werfe mich in ein Kleid und wir sagen Kiddusch, die Challah passiert den Tisch, die Suppenteller sind aufgefüllt, auf dem Ofen liegt ein Blech und wärmt die Speisen weiter. Der Tierarzt schwatzt mit meinem Vater, die liebe C. erzählt vom Praxistag, die alten Damen streiten wie an jedem Shabbat und ich könnte mit dem Kopf vornüber in den Suppenteller kippen, so müde bin ich. Immer dann denke ich an den Werbefilm der vor ein paar Jahren in Israel lief.Verlottert lümmelt die nicht frumme Familie auf dem Sofa und löffeln Cornflakes während die frummen Kinder am Tisch in weißen, gestärkten Hemden sitzen. Mich überfällt schwere Verzweiflung, denn wann soll der Mensch, der für zehn einen Shabbestisch richten, denn bitte noch Zeit finden, das Ganze im weißen Hemd und Spitzenbluse durchzustehen? Auf meinem Rock sind natürlich Suppenspritzer und die Fingerspitzen sind rot vom Rote Bete schneiden, und ich bin mir ziemlich sicher, dass an meiner Nasenspitze Mehlstaub klebt.

Aber trotzdem wenn ich dort alle versammelt sehe, streitend und lachend und schwatzend, nach mehr Suppe und mehr Lamm rufend, dann verdränge ich die blütenweißen Bilder wenigstens für die nächsten Stunden. Dann muss schließlich abgewaschen werden und ich wäre nicht die Enkeltochter der preußischsten aller deutschen Juden, hätte ich auf dem Blech nicht einen Topf heißen Wassers stehen. Shabbat Shalom.