Dresden.Unter der Asche.

Der Tierarzt sitzt am Küchentisch und liest. Konzentriert liest er , denn der Tierarzt ist ein ernsthafter Mann. Niemals würde er wie ich, drei Bücher auf einmal lesen und dazu noch einen Apfel und Nussschokolade essen. Der Tierarzt sitzt schweigend über das Buch gebeugt und liest. Victor Klemperers Tagebücher, mein Weihnachtsgeschenk an ihn. Ich indes stehe an der Anrichte und schäle Kartoffeln und Möhren, denn schon braust die Orgel und das heißt das bald der Priester zum Sonntagstisch kommt. Der Wind brüllt und im Radio spielt jemand das Dritte Klavierkonzert  von Rachmaninoff. Dann sieht der Tierarzt auf. „Ist Dresden eine schöne Stadt?“, fragt er und mir fällt das Messer aus der Hand. Aber der Tierarzt fragt mich noch einmal und ernsthaft: „Ist Dresden eine schöne Stadt?“ Ich sehe den Tierarzt an.

Vor drei Jahren war ich das letzte Mal in Dresden, auf dem Weg nach Prag wie so oft. Die Wohnung von A. zweifellos schön, an der Elbe gelegen und ich lief morgens am Fluss entlang, viele Kilometer. Natürlich möchte ich dem Tierarzt sagen, ist Dresden eine schöne Stadt. Ein Spaziergang auf dem Weißen Hirsch. Schöne Häuser, geleckte Straßen, überhaupt immer wieder das Elbufer, Schloss Pillnitz und abends zum Konzert in die Frauenkirche. Ich habe vergessen welches Konzert. Rachmaninoff aber war es nicht. Ich saß schräg links neben einem Engel mit Trompete. Das Grüne Gewölbe. Natürlich schön. Schön ist kein Wort für die Prachtentfaltung. Der Audioguide schallerte dementsprechend auch von Raum zu Raum lauter, dass jetzt das Schönste und Allerschönste und Besonders Schöne käme. Ich stellte ihn ab und bewunderte die halbautomatische Spinne und langweilte die liebe C. glaube ich gründlich mit Ausführungen über die Kakaokultur am sächsischen Hof. Wir fuhren nach Hellerau und ich war im Glück. Kafkas wegen und weil die Sonne schien. Die C. und ich aßen Eis und später saßen wir wieder an der Elbe mit A. und Freunden und aßen sehr, sehr guten Käse aus Pfund’s Molkerei. Der Tierarzt nickt und ich streiche mir über die Stirn, denn den Satz Dresden ist eine der schönsten Städte der Welt, den die Stadtführerin sagte, der blieb an mir hängen, ein Haken in der Haut.

Nicht nur weil er forsch vorgetragen war, trotzig fast, sondern weil er auf eine Frage antwortete. Meine Frage war: „Lesen Dresdner Schüler Viktor Klemperers Tagebücher?“ Die Antwort der Stadtführerin war: „Nein.“ Und dann „Dresden ist eine der schönsten Städte der Welt.“ Ich sah die Stadtführerin an und dann verließ ich die Stadtführung und als ich fortging, da fragte ich mich ob Dresden nur dann schön sein kann, wenn es andere Städte es nicht sind oder nur beinahe, ob die Schönheit, die teuer erkaufte Schönheit nur besteht, als ein Einzelnes. Ich weiß es nicht. Ich ging in die Loschwitzer Straße, dort standen die Judenhäuser in denen auch Klemperer und seine Frau auf das Ende warteten. Ihr Ende, nicht das der Stadt. Als Klemperer und seine Frau auf die Loschwitzer Straße hinuntersahen, da mögen sie vielleicht auch eine jener Jugendstil-Figuren gesehen haben, die so oft zwischen Paris, Dresden und Budapest Europa mit Stier zeigen. Aber vielleicht haben Victor und Eva Klemperer vor Angst gar nichts mehr gesehen. Ich erinnere mich noch genau wie ich vor vielen Jahren zum ersten Mal in Klemperers Tagebüchern las. Ich fand sie furchtbar. Banal und dann das ewige Damoklesschwert Hausbau. Ich hatte mir mehr versprochen. Mit vierzehn glaubte ich Leid seine heroische Erfahrung und dürfe niemals von fehlendem Klopapier berichten. Ich beschwerte mich bei meiner Großmutter und mit hochtrabendem, vierzehnjährigen Ton, anklagend also fragte ich sie warum sie kein Tagebuch geführt habe in jenen Jahren. Sie aber sah mich kühl an und schwieg lange: „Es habe in Auschwitz kein Papier gegeben“, sagte sie und ich schämte mich. Schämte mich zum Erbrechen. Erst Jahre später las ich die Tagebücher erneut, las sie als das nie geschriebene Tagebuch meiner Großmutter, wie Klemperer an der Assimilation zerbrochen, sie die preußischste unter den deutschen Juden, ich las mit klopfendem Herzen. Ich las und las und las und ich kann nicht sagen, dass Dresden eine schöne Stadt ist, gesehen von der Loschwitzer Straße aus, in der noch einige wenige Familien ausharren im Februar 1945. Ich komme nicht weg, mit den Füßen nicht und den Gedanken. Schließlich findet mich die C. Ich sitze auf dem Bordstein auf den Knien das aufgeschlagene Tagebuch. Die Dresdner Alte Synagoge abgebrannt 1938, die Steine zur Straßenpflasterung verwandt, sage ich zu C. und die C. zieht mich zu sich heran.

Wir gingen in eine Ausstellung. Paul Klee im Orient und in den Vitrinen liegen Postkarten, die Klee an seine Frau schrieb, ein Tagebuch der Liebe. Dresden hat mit dem Albertinum eine wunderschöne Kunstsammlung. Auf dem Balkon der A. sahen wir auf die Elbe hinunter und aßen Kuchen. Kreutzkamm. Einstmals königlicher Hoflieferant. Die Dresdner Silhouette im Sommerlicht. Canaletto Bilder. Dresden als glänzende Schönheit. Auf meinen Knien das Tagebuch. Der Sommer in Dresden 1943 ist auch schön. Nur die Verhaftungen, Mittwoch der und Donnerstag ein Anderer stören das Panorama und Klemperer beginnt in einer Tee-Ersatz Fabrik zu arbeiten. Natürlich haben wir uns in Dresden die berühmte Yenidze Zigaretten Fabrik angesehen. Heute frage ich mich, ob die Proteste auch die Minaretttürme mit einschließen, damals fragte ich mich das nicht. Ich überlegte ob Kafka die Türme wohl schon bei der Einfahrt aus Prag bemerkt hat oder auch nicht. Wir essen schlecht am Neumarkt zu Abend. Ein gräulicher Bänkelsänger scherzt grob und ich bin zu ungeduldig für seine Scherze und müde, vielleicht auch das.

„Klemperer hat, sagt der Tierarzt während des Krieges, Kartoffeln und Kohl gegessen.“ Ich denke an meine Großmutter, die in Auschwitz alles gegessen hat, auch Dinge, die man nicht essen kann. Meine Großmutter hat sich das nie verziehen, diesen rohen Hunger und niemals wieder hat meine Großmutter nur mit den Händen gegessen, sondern immer mit Besteck und Leinenserviette, selbst ein Ei auf der Zugfahrt. Am 13. Februar 1945 gibt es in Dresden noch hundert Juden. Am Abend des 13. Februars wird Dresden bombardiert. Am 13. Februar 1945 sind alle Juden Europas schon tot und meine Großmutter zieht mit den Gerippen der anderen aus Auschwitz fort und wird sich für Monate auf einem Friedhof verborgen halten, der sehr weit weg von Dresden liegt. Victor und Eva wiederlegen die Wahrscheinlichkeit des Todes und Victor Klemperer schreibt in sein Tagebuch diesen einen Satz, der sich mir eingegraben hat: „Dresden. Modernes Pompeji.“ Das schreibt der Jude Klemperer und es wird viele Jahre dauern, Jahrzehnte vielleicht bis die Deutschen oder die Dresdner vielleicht ist das gleich, etwas aufschreiben, aber dieser Satz ist das Wahrste was je geschrieben wurde über Dresden. Die Zerstörung Dresdens begann doch wie die Pompeijs nicht mit dem Knall der ersten Bomben, sondern als feiner Haarriss im Jahr 1933, zog sich langsam durch die Mauern, bis dann alles zerbarst in dem unfasslichen Schrecken jener Februarnacht. Nein, ich kann nichts weiter als düstere Fassungslosigkeit empfinden angesichts der zerborstenen Häuserwände und der abgebrannten Straßenzüge.

Pompeij die Mutter aller Zerstörung, das grundsätzliche und gänzliche Begraben alles Bestehenden und die Flucht, denn Victor und Eva Klemperer verschwinden aus dem Trümmerfeld und: „Ich bin wie ein Gespenst“ schreibt Klemperer. Ich bin wie ein Gespenst. Dresden ist eine Opferstadt hört man wieder und wieder sagen. Ich glaube nicht, dass diejenigen die das sagen als erstes an Victor Klemperer denken, und ich denke an jenen Nachmittag auf dem Balkon mit Elbblick zurück. In Hiroshima sagt der Tierarzt, der viele Jahre in Japan lebte, empfinden die Opfer Scham und sprechen nicht, in Dresden aber ist die Ursache des Krieges nur eine Nuance, ist die Schönheit, die über Pompeij gelegt worden ist, wie ein Tuch, das gegen die nagende und bohrende Erinnerung abschirmen soll. In all den aufgebauten und auch abgerissenen Dresdner Bauten liegen oft nur als winzige Splitter, plötzliche Erinnerungen und Gespenster verborgen. Dresden ist Pompeij geworden und niemand weiß, was passiert wäre, hätte man das vor Jahrhunderten zerstörte Pompeij wieder aufgebaut. Dresden ist wieder schön, ist wieder da und ist trotzdem Pompeij geblieben, unter dem Schutt und der Asche liegt Europa begraben, und jeder Neuankömmling so scheint es, sei allein schon durch seine Anwesenheit, durch seinen möglichen Zweifel an der Schönheit Dresdens in der Lage, die Stadt selbst zum Einsturz zu bringen. Es reichen drei Busse oder ein Jude, jedwede Erinnerung an den Haarriss, der sich in zwölf Jahren durch die Stadt zu ziehen begann.

Meine Großmutter sammelte Meissner Porzellan und mahnte zur Vorsicht. Ich liebte die Tasse mit den Rosen und meine Großmutter, die mit den Veilchen. Wir, die wir Weimar und Erfurt, Meissen und Görlitz und Dessau und Jena besuchten, nach Dresden sind wir nie gemeinsam gefahren. Ich weiß nicht warum.

Ein letztes Mal bevor wir nach Prag fuhren vor drei Jahren, die C. und ich, gingen wir in die Loschwitzer Straße und trafen Freunde in Tolkewitz, wieder nah an der Elbe. Warm war der Tag, wir kauften Granatapfelsaft und Orangen bei einem Gemüsehändler am Eck. Die C. wollte gern Erdbeeren haben und ich wartete im dunklen Ladenraum. Der Verkäufer Vietnamese, aber mehr noch Dresdner mit breitem sächsischen Akzent beklagte die Hakenkreuzschmierereien an seinem Laden. Über der Kasse hing ein vergilbter Zeitungsartikel. Ein grobkörniges Bild zeigt den Mann wie er zwei Buben, die auf dem Eis eingebrochen waren, herauszog. „Sie sind ein echter Held“, sagte die C., die solche Sätze sagen kann, und sie zum Glück auch sagt. Der Mann strahlte und schenkte uns eine riesige Melone. An anderen Morgen fuhren wir nach Prag. An einer Ampel halten wir neben einem italienischen Restaurant. Pizzeria Napoli. Dresden ist Pompeji geworden, niemals wieder wird es nur Dresden geben können, so ist das.

Niemand hat so über Dresden geschrieben, so schmerzhaft, so schön, so einfach und so selbstverständlich wie Victor Klemperer, den man in Dresden nicht liest. Doch er ist der tektonische Sockel dieser Stadt. Dresden. Modernes Pompeji, sage ich zum Tierarzt in der Küche, das Buch liegt aufgeschlagen auf dem Tisch, die Mohrrübenschalen neben mir, der Wind und die Orgel, Glockengeläut, das Klavierkonzert lange schon zu Ende. „Fahr mit mir nach Dresden, sagt der Tierarzt. Ich sehe ihn an und zögere zu lang. „Überleg es dir“, sagt der Tierarzt, streicht über meinen Rücken und deckt den Tisch.

Hören und Sehen.

Am Abend ins Konzert. Der Tierarzt geht mit einer Freundin ins Kino und ich laufe durch den eisigen Wind, fast einmal um St. Stephen’s Green herum zum Konzerthaus. Vorbei an stattlichen Häusern, Backstein von außen, doch von innen noch immer imperiale Pracht. Der Union Jack natürlich längst ausgetauscht gegen die irische Fahne, doch die schweren Lüster und goldenen Rahmen sind noch immer sichtbares Zeichen viktorianischer Jahre. Die Speisekarten, ich bin mir sicher, sind noch immer näher am Jahr 1850 als am Jahr 2017 gelegen. Wachteleier vielleicht oder ein ganzer Kapaun oder Rehrücken mit gedünsteten Pflaumen. Die Damen im Abendkleid und die Männer im Frack, selbst im Vorübergehen, Gelächter, Zigarrenrauch und das Klirren feiner, alter Gläser. Immer auf dem Weg ins Konzert erinnere ich mich, was ich sonst und vor allem auf dem Dorf vergesse: Dublin ist vielerorts eine reiche Stadt, wohlhabend und schwer in den Hüften, etwas matronenhaft zwar aber immerhin mit Austernbesteck aus elegant graviertem Silber. Dann aber biege ich um die Ecke und bin im Konzerthaus angelangt. Später hätte ich nicht kommen dürfen, schon gongt es und als ich auf meinen Platz eile, kommen schon die Geigen auf die Bühne, rascheln mit Notenpapier, der Cellist lacht munter und bevor der Dirigent die Bühne betritt, senkt sich diese einzigartige Konzerthausstille über den Saal. Immer bedauere ich, in diesem Moment keine Nadel zu haben, die bestimmt noch in der letzten Reihe zu hören wäre. Der Abend aber beginnt mit Gerald Barrys Vertonung eines Dostoyevsky Romans:„Humiliated and Insulted“ ( Das Stück beginnt ab Minute 7:10 und ich lege Ihnen die folgenden 18 Minuten, sehr ans Herz. )

Scharf und schnell fährt einem das Stück unter die Rippen und während der Chor in sich wiederholenden Schleifen, echogleich „Humiliating and Insulted“ wiederholt, denke ich an das Obdachlosenpaar zurück, an dem ich vorbeilief auf dem Weg zum Konzert. Sie hatten vom Blumenhändler riesige und längliche Pappkartons erhalten, die wohl ursprünglich zum Transport von Amaryllis gedacht nun zu ihren Betten wurden. Gerade als ich vorbei kam, rollten sie sich in den Kartons zusammen. Ein Pappsarg, aber keine Mumien mit Öl gesalbt, sondern lebendige Menschen mitten auf der belebten Straße. Dieses Stück aber von Gerald Barry aber ist nicht für den Konzertsaal gemacht, sondern ein Stück für die Straße. Einen Musikkantenzug wie anno dazumals, als man sich das Cello um den Bauch schlang und durch die Straßen zog, dafür ist dieses Stück wie gemacht. Ein langer, musikalischer Trauerzug, begleitet von einem Chor, der zum Dáil zieht, singend und klagend: „Humilitated and Insulted“ nicht nachlassend, in endlos anschwellenden Gesängen bis nicht einmal die hartnäckigsten Daíl Abgeordneten sich dem Gesang verweigern könnten und endlich einmal dem gewahr werden müssten, dass Menschen die in Pappkartonsärgen im Februarwind liegen erniedrigt und verletzt werden.

Ausatmen und aufatmen nach diesem Stück, aber nur kurz, denn es folgen schon Mahlers Rückert Lieder. Ausgerechnet als das Kunstlied schon längst milde geworden und nach höherer Töchter klang und gelangweilten Herren, die genug hatten vom ewigen Lindenbaum, da kommt Gustav Mahler und nimmt diese entrückten Rückert-Texte in die Hand, gerade als das 20. Jahrhundert begann als doch Schönberg schon Zemlinksy entdeckte und wohl schon von den Gurre-Liedern träumte, da kommt Gustav Mahler und vertont diese Lieder und an einem frostigen Februarabend, zieht er einen unter die Linde. Ausgerechnet zurück unter die Linde und ich sitze dort und schon singt Dietrich Henschel, singt so unaushaltbar schmerzhaft schön und man muss den Blick abwenden und obwohl man alles, alles hören will und hören muss, will man sich die Ohren zu halten, denn diese Lieder, diese Musik, diese fünf Lieder brechen einen sofort und vollständig entzwei. Eine Hand voll Glasscherben hält man in der Hand. Fünf Lieder bloß.

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Konzertpausentraditionspflege

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es folgen Strauss‘Metamorphosen, die ich fast nie höre, weinerlich und selbstgefällig sind sie mir und donnernd Bruckners Te Deum , ein Stück für Menschen, die gern kalt duschen und unter dem harten Wasserstrahl noch vergnügt pfeifen.

Das ganze und sehr lohnende Konzert zum Nachhören gibt es hier.

Dann anders als in Berlin, nicht Gerangel nach Mänteln und Taschen sondern gepflegtes Schlange stehen. Vor dem Konzerthaus sitzen drei obdachlose Frauen, und ich sehe wieder das Orchester als singenden Trauerzug vor mir. Aus Hilflosigkeit dreimal Münzen in drei Becher. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite der Tierarzt mit Auto. Der Tierarzt zeigt auf das Radio, das Konzert wurde übertragen und nickt, Bruckner sagt er und lächelt, ich habe ganz genau hingehört, aber dein Atem war nicht zu hören. Nächstes Mal verspreche ich, huste ich ganz leise und nur für deine Ohren. Der Tierarzt nickt und wir fahren in Schlangenlinien durch die Stadt, lauter betrunkene Mädchen und Buben taumeln vor uns über die Straßen. Auf der Autobahn endlich erzählt mir der Tierarzt vom Film. Eine Frau erschießt sich vor laufender Kamera, sagt er, aber eigentlich erzählt er vom Unbehagen des Voyeurs auch im Film. Die Dorfstraße still und wir gehen fast auf Zehenspitzen. Ich lege die Platte mit den Rückert-Liedern für den Tierarzt auf, da ist es schon weit nach Mitternacht. Der Tierarzt küsst die Glasscherben von meinen Händen.

Am nächsten Morgen durch das nebelgrau hinunter ans Meer zum Schwimmen. Der Tierarzt hält Handtuch und Bademantel und ich laufe in die grauen Wellen, und schon verschluckt das kalte Meer auch mich, legt sich als ein schwerer Mantel aus Blei um meine Schultern. Mit klappernden Zähnen und brennenden Beinen aus dem Wasser und in das Handtuch gewickelt, und dann in den Bademantel und die Wollsocken, immerhin ist die Kälte eine gute Ausrede dem Tierarzt so nah es nur geht unter die Haut und in die Rippen zu kriechen. Da muss man nicht lange suchen, selbst unter dem dicken Wollpullover nicht. Zurück ins Dorf. Auf den Fensterbänken liegen die alten Frauen auf einem dicken Federkissen und wissen auch nicht mehr so Recht weiter mit jemanden mit mir, der im Februar ins Wasser geht und die Hand in der Hosentasche des Tierarztes vergraben hält. Das Dorf ist wachsam und wenn es auch nur wenig mehr als eine Handvoll Einwohner hat, so hat es tausend Augen und viele, gut gefüllte Federkissen. Die Frau des Krämers schimpft: „Sie werden sich den Tod holen Fräulein Read On.“ Ich schüttle den Kopf: „Nein, Frau des Krämers, der Tod findet einen ohne Hilfe.“ Die Frau des Krämers ermahnt den Tierarzt mich doch zu Vernunft zu bringen. Wir gehen zurück ins Oberland und nicken den vielen Augen auf den Fensterbrettern zu. „Als ich ein Kind war, glaubte ich das Mittelalterbilderbuch müsste sich irren, eine Brustwehr, da war ich ganz sicher, war keine Festungsanlage, sondern die Donnerbusen auf den Fensterbrettern, hinter den Geranien, unbeweglich wie Beton und unerbittlich auf der Lauer, im perfekten 90 Grad Winkel in die Fensterbretter eingepasst. Der Tierarzt geht vor Lachen in die Knie. Das ganze Dorf lauscht und wir verstecken uns hinter der Tür.
Erst nach einer ganzen Weile Porridge mit sehr viel Himbeermarmelade, Zeitung und Licht, obwohl kaum da, schiebt sich für einen Moment nur durch Fenster und Tür, trifft nicht das Auge, hält kaum für einen Wimpernschlag, sondern sinkt schon wieder zurück in ein milchiges und müdes Grau.

Der Mann, der auch ein Mörder war.

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Einmal in der Woche verantworte ich an der hiesigen Universität eine abendliche Vortragsveranstaltung. Jede Woche also kommt ein anderer Vortragender und versucht die Studenten aus dem Pub und die Professoren aus ihren Höhlen Büros zu locken. Damit aber nicht genug, denn auch die interessierte Öffentlichkeit ist herzlich willkommen. Die interessierte Öffentlichkeit erscheint zahlreich, ob das an den aufregenden Vorträgen oder am bereitgestellten Wein liegt, vermag ich nicht zu sagen, denn bekanntlich trinke nicht, weder an diesem noch an einem anderen Abend. Die interessierte Öffentlichkeit trägt hier Cordjackett, Tweed, Krawatte, Perlenkette und Twin-Set. Die Frauen waren vor dem Vortrag beim Friseur und die Männer auf ein Bier im Pub. Leider habe ich noch nicht herausgefunden, warum die Männer, nicht aber die Studenten aus dem Pub zum Vortragsabend zurückkommen. Die Frauen fragen den Vortragenden nie etwas, aber machen Notizen, die Männer haben keine Stifte dabei und fragen den Vortragenden immer etwas und mag der Vortragende auch über Ludovico Medici sprechen, die anschließenden Diskussionen drehen sich natürlich um die Frage, ob Ludovico nicht doch aus Kildare kam. Ich mag die Abende gern, und das die interessierte Öffentlichkeit auch vor dem Fernseher sitzen könnte, ist mir natürlich klar. So weit so gut. Woche für Woche.

Eines Abends aber, vor ein paar Wochen kam nach dem Vortrag eine Frau in rosa Twin-Set und elegant geknoteter Perlenkette zu mir: „Sie wolle sich beschweren.“ Ich glaubte der Wein sei wohlmöglich sauer und ich möge nun Ersatz beschaffen. Aber am Wein hatte die Dame nichts zu bemängeln. Wohl aber am Publikum. „Ein Mörder“ sagte die Frau mit verzerrter Stimme zu mir „säße im Publikum, ganz hinten links, gleich neben der Tür“ und sie sei „nicht gewillt ihre Atemluft mit der eines Verbrechers zu teilen.“ Ich lächelte freundlich und versprach mich der Sache anzunehmen. Der Mann auf den die Frau mit vor Empörung zitternder Hand zeigte, sah genau so aus, wie alle anderen im Raum: Cordhose, Tweedjacket, braune Schuhe. Die Frau verließ mit ihrem Mann am Hacken den Raum. Ich räumte die Stühle zusammen, trug die Weinflaschen in den Container und lüftete einmal durch. Ein Mörder murmelte ich und schüttelte den Kopf. Als ich am Flaschencontainer über eine schwarze Katze stolperte, erschrak ich, vor allem über mich und fuhr nach Hause. Dann dachte ich nicht mehr an den Mörder und streichelte die Katze auf der Fensterbank.

In der nächsten Woche schon erreichte mich eine Vielzahl von Emails. Die wenigsten von ihnen waren freundlicher Natur, sondern forderten im besten Wutbürgerstil den Rauswurf des Mörders aus der Veranstaltung. Wieder andere entwarfen schlecht gephotoshoppte Fahndungsplakate und montierten meinen Kopf neben den des Mörders auf eine Arte Holzgalgen. Andere wiederum entwarfen ein Szenario, dass Dantes Höllenzirkel als lustige Fahrt mit dem Kremser und anschließendem Biergartenbesuch erscheinen ließ.
Ich googelte den Namen des Mörders. Der Mann hatte fast 25 Jahre im Gefängnis verbracht, las ich und dann machte ich das Notebook wieder zu. Ich lese keine Krimis, mich interessieren auch keine Splatter-Movies und mein Teufel ist immer der bebrillte Musikintelligenzler Thomas Manns gewesen niemals ein Clown mit blutunterlaufenen Augen. Nachts aber lag ich lange wach und besah mir die Emails und Bilder, bis der Tierarzt den ausgedruckten Stapel nahm und in den Papierkorb warf.
Am folgenden Vortragsabend wunderte ich mich und sah in die Runde. Die Anwesenden mit Perlenketten und Tweedjackets also, allesamt höflich, kultiviert und mit Universitätsabschluss vor mir im Raum also sollten dieselben Menschen sein, die wenn auch erst einmal auf dem Papier die Guillotine in Betrieb zu nehmen gedächten? Die interessierte Öffentlichkeit trank Wein, ich nahm eine Kopfschmerztablette und der Mörder saß ganz hinten links im Raum, wie üblich nah an der Tür. Ich sah nicht hin.
In der folgenden Woche kamen mehr Emails und neue Briefe. „Du musst dich dazu verhalten“, sagte der Tierarzt. Ich nickte und nahm noch eine Kopfschmerztablette.

Für einen der nächsten Vortragsabend lud ich jemanden ein, der darüber sprach, wie die Halsgerichtsordnung ab 1532 in Kraft die Strafen am Körper vollziehen ließ: „nach mit dem fewer vom lebn zum todt richten heißt es dort und es heißt noch anders, denn der Mörder hatte sein Leben wahrlich verwirkt und die Strafe, die Strafe sollte man fühlen, unter den Fingerspitzen und auch im Atem der Zuschauer sollte der Schrecken fasslich werden. Aber schon in diesem so zentralen Werk mitteleuropäischer Rechtssprechung liegt der Gedanke zu Grunde, der bis heute unsere Strafgesetzordnung prägt, dort nämlich wo Rache nicht sein darf, muss für die Tat eine Entsprechung gefunden werden. Keine Strafe wird jemals den Schmerz des Opfers entsprechen können, sondern immer nur näherungsweise ein Verhältnis abbilden. Darin liegt auch die nicht selten weniger schmerzliche Erkenntnis, dass zur Rechtstaatlichkeit auch gehört das wenn die Strafe verbüßt ist, auch ein Mörder wieder zu Herrn XYZ wird, der eben in der letzten Reihe sitzt, wie üblich in Cordhosen und Tweedjacket, ununterscheidbar von allen anderen im Raum. Wie wir sieht er die drastischen Holzschnitte, die eine Art Begleitkommentar zum Vortrag und auch zu den vielen Emails und Schmierzetteln bilden, die ich im analogen wie digitalen Postfach fand. Was Herr XYZ angesichts der verdrehten Glieder denkt, weiß ich nicht und ich weiß auch nicht, ob die interessierte Öffentlichkeit, die ganz gewiss den Rechtsstaat bei jeder sich bietenden Gelegenheit verteidigt, wohl schwant, dass ihre Nähe zum Mörder in ihren Wünschen vom Fegefeuer und ewiger Qual wohl größer ist, als sie sich selbst glauben machen, angesichts des aufs Rad geflochtenen Körpers wohl denken. Ich denke an das Bild meines Kopfes auf dem Galgen und den mit Plastikplane bedeckten Körper des Opfers aus dem ergoogelten Zeitungsartikel und muss schlucken. Der Raum verschluckt die sonore Stimme des Vortragenden und ich atme wieder aus. „Machst du es dir nicht zu einfach?“, frage ich mich und weiß keine Antwort. „Vielleicht verteidige ich auch nur meinen Kopf, dort auf dem Clipart-Balken und nichts weiter? Nenne ich nicht insgeheim Herrn XYZ nicht auch den Mörder?“ Schon aber klatscht der Saal und die Diskussion verlässt für einmal Irland und dreht sich in erregten Debatten um Gewalt als Mittel der Distanz zwischen Opfer und Täter und die Gefährdungen der Blutrache. Herr XYZ geht bevor die Diskussion endet. Ich bin erleichterter als ich es sein will.

„Das reicht nicht“, sagt der Tierarzt,“ Ich weiß sage ich und nicke müde.
In der darauffolgenden Woche ging ich bevor der Vortragende sich räusperte, einen Schluck Wasser nahm und seine Zettel sortierte zum Mörder. „Schön, dass Sie hier sind Herr XYZ“ sagte ich und lächelte bis die Glühbirnen knallten. Nein, sein Händedruck war weder fester noch weicher als der aller anderen Männer im Raum. Nein Herr XYZ atmet nicht anders und steht auch nicht anders als Sie und ich, nein man sieht es niemanden an, man sieht nicht, dass Herr XYZ jemanden erschlagen hat und Herr ZYX eben nicht.
Alle Blicke im Raum aber zielten auf meinen Rücken. Dann drehte ich mich um und sage Nettigkeiten über den Vortragenden. Still ist es im Raum und ich sehe auf meine Hände hinab und bekämpfe den Impuls doch ins Bad zu laufen.Der Vortragende spricht über Ästhetik und Melancholie. Die Diskussion hinterher sieht wie üblich schweigende Frauen und redende Männer, der Ursprung aller Ästhetik und auch der Melancholie liegt natürlich in Irland begraben. Am Ende des Abends wird mehr Wein getrunken als sonst. Ich stelle die Stühle zusammen und bringe die leeren Flaschen hinunter zum Container. Die schwarze Katze rennt mir zwischen die Beine. Ich erschrecke mich nicht.

Am nächsten Morgen erhalte zum ersten Mal seit Wochen keine Emails außerhalb der üblichen Post.

Der Reisende

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Pearse Station Dublin, Abends so gegen Sechs Uhr

Einen Reisenden gilt es zur Bahn zu begleiten. Der Reisende steht schon parat. Hut, Schirm, Mantel und Überseekoffer und ein missmutiges Gesicht gleich mit dazu. Ich bewundere den Überseekoffer. Der Reisende knurrt verächtlich: „Ein sperriges Ding. Besser wäre ich ohne ihn dran.“ Ich bezweifle das, aber so verächtlich wie der Reisende den Koffer durch den Kies zieht, schweige ich mich lieber aus.

Draußen scheint die Sonne. Das ist in Irland immer wieder ein Bemerknis wert. Niemand würde hier über den Regen sprechen, denn der Regen, Wind und Wellen schlagen uns doch ständig über die Füße. Die Sonne aber hier immer vermisst und als wahrhafte G*ttin verehrt, wird euphorisch begrüßt und völlig fremde Menschen auf der Straße werfen sich Sonnenkusshände und Sonnengrüße zu. Der Reisende will aber davon nichts wissen. „Die Sonne könnte ihm egaler nicht sein“, erwidert er auf mein euphorisches Juchzen und holte seine Sonnenbrille hervor und reicht mir Hut, Koffer und Stock an, um die Sicht auf die Dinge zu verdunkeln. Ich halte das Gesicht in die Sonne und einem stummen Diener gleich, Hut, Stock und Koffer. Dann gehen wir weiter. Eine Schulklasse spielt Fangen und der Reisende, nein der Reisende lächelt nicht großväterlich-milde, sondern seufzt und zieht heftiger an seinem Koffer, der den weißen Kies in hohem Bogen spritzen lässt. Der Reisende verzieht keine Miene, nicht über meine Ausführungen zum Bahnhofsnamen und der Irischen Revolution von 1916. Pádraig Pearse von dem man erzählt, er habe auf dem Weg zu seiner Hinrichtung gepfiffen, ist hier Namensgeber. Der Reisende schüttelt den Kopf. „Reichlich morbide, finden sie nicht?“ „Der Tod ist doch ernst genug“, sage ich aber der Reisende verscheucht Tauben mit dem Spazierstock und sorgt sich um den Erwerb einer Fahrkarte. Ich suche ihn zu beruhigen und betone in bester Gouvernantenart, dass ich ihm persönlich zusichere, ihm beim Erwerb einer Fahrkarte beizustehen. Der Reisende packt seinen Spazierstock fester und murmelt Undeutliches. Offenbar sieht er meine Fähigkeiten nicht primär im Erwerb von Fahrkarten. Dabei kann ich dem Reisenden doch versichern, dass ich jeden Tag den Zug benutze und stets eine gültige Fahrkarte in der Tasche habe. Der Reisende grunzt. Meine Ausführungen zur Pendelei zwischen dem kleinen Dorf und Dublin machen auf ihn keinerlei Eindruck. „Was wohnen Sie auch so weit draußen?“ bellt der Reisende und schüttelt den Kopf. Ich lache,“ die frische Luft“ sage ich und schon kommt der Wind mir zur Hilfe und weht den Hut vom Kopf des Reisenden herunter. Leider ist kein Hund zur Stelle, der fröhlich kläffend den Hut mit sich nähme und im hellen Sonnenlicht verschwände. So klopft der Reisende den Hut ab und beschwert sich über den Wind und die Welt, die allein darauf aus seien ihm das Leben schwer zu machen. Ich zucke mit den Schultern. Mit der scharfen Spitze seines Spazierstocks spießt der Reisende ein Stück loses Papier auf, das auf dem Weg vor uns herfliegt auf. „Überall dieser Dreck“ schimpft der Reisende und ich bewundere die Bestimmtheit und Geschicklichkeit mit der der Reisende, das Papier von der Spazierstockspitze in den Mülleimer befördert. Ich denke an Delhi, wo in den kalten Januar und Februarnächten die Menschen, die auf den Müllkippen leben, und sich mit Papierfetzen zu decken und Müll in Brand setzen gegen die Kälte und oft noch bevor sie die Wärme in den Fingern spüren, verbrennen. Der Zündfunken oft nicht größer als ein Bonbonpapier.

Der Reisende aber mahnt zu Eile und verkneift sich nur schwer ein „Was bummeln Sie so? Sie wissen doch, ich brauche noch eine Fahrkarte.“ Also hasten wir weiter. Vorbei an den schönen alten Magnolienbäumen der Universität für die der Reisende keine Augen hat, auch die Liebespaare auf der Bank sind dem Reisenden nichts und schon sind wir vorbei. Hut, Stock und Überseekoffer sind hier eine Einheit, sind Mauer gegen Welt und Sonnenschein. Auf dem Bahnhof sodann bekümmere ich mich um eine Fahrkarte für den Reisenden, der mit Argusaugen über seinen so gescholtenen Überseekoffer wacht und ungeduldig mit dem Spazierstock auf die Bodenplatten pocht. Mit Fahrkarte in der Hand kehre ich zurück, die der Reisende genau prüft, so als fürchte ich er, ich hätte eine Fahrt nach Genua bezahlt und nicht nach Belfast. „Zeitung?, Kaffee?“ frage ich und voller Entsetzen sieht der Reisende mich an. „Geldverschwendung“ erklärt und unterbreitet mir, dass er für schlechte Nachrichten nicht auch noch bezahlen müsse und führt aus, warum Kaffee zu den Nervengiften zu zählen sei und er einzig Getreidekaffee als Stimulanz zu sich nähme. Ich kaufe aus Trotz ein buttertriefendes Croissant und schwöre bei mir einmal ein Parfüm aus Druckerschwärze, Kaffeebohnen und der Großstadt frühmorgens um sechs zu entwerfen. Dann fährt der Zug ein, der Reisende greift erneut nach Hut, Stock und Überseekoffer und eilt dem Zug entgegen- eine Platzreservierung hat er natürlich, aber das heißt doch nur, dass der Reisende mit der ganzen Härte eines Fetzens Papier erworbene Recht mögliche Bösewichte vom Platz zu vertreiben, in Anspruch zu nehmen gedenkt und schon entfernt sich der Reisende aus meinem Blick. Meine Abschiedshonneurs nimmt er mit einem kurzen Nicken entgegen und steigt in den kaum zum Halten gekommenen Zug.

Ich beiße in das Croissant, und sehe in die Zeitung, dann rollt der Zug langsam aus dem Bahnhof heraus und ich nicke noch einmal: „Leben Sie wohl“, sage ich leise, denn nur dazu sind Bahnhöfe eigentlich erfunden worden: für Abschiedsszenen, für ein weißes Taschentuch, für das kurze Zurücktreten von der Bahnsteigkante, für ein geflüstert, gehauchtes, gebrülltes, „Lebewohl“ in dem der Traum von der großen Welt, Schiffspassagen und dem Glück am anderen Ende der Welt, so wirklich ist, wie selten sonst. Erst dann drehe ich mich um, und trete zurück in die Welt in der noch immer die Sonne scheint.Der Zug hat den Bahnhof bereits verlassen.

Unter der Matratze

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Manchmal hat man ja so Ideen. Man sieht sich um und bemerkt grummelnd die Misslichkeiten des trauten Heims. Die Bilder an den Wänden haben hässliche Rahmen, das Sofa passt nicht zum Esstisch. Längst gehörten die Stühle neu lackiert und die Bücherstapel an allen Ecken und Enden sind überhaupt eine Schande. Dann blättert man durch Zeitschriften in denen sehr gut aussehende Menschen in perfekt abgestimmten Wohnungen sogar die Äpfel nach der Farbe des Strickzeugs auswählen und nimmt sich vor nun auch endlich in eine Ära größerer Ästhetik einzutreten und nicht mehr einfach so aus Bequemlichkeit vor sich hin zu schludern und endlich ernst zu machen mit dem dekorativen Dasein.

Ich zum Beispiel träume alle paar Monate von der Anschaffung eines Bauernschranks. 1700 und handbemalt mit weißen Rosen auf der Zierleiste, moosgrünes Holz und vor allem groß soll der Schrank meiner Träume sein, so groß das eine dreizehnköpfige Familie, die mit schweren Wintermänteln anreist den Schrank nicht gefüllt bekommt. Ein Schrank für die Diele, mit Intarsien und einem G*tt vergelt’s auf dem Türblatt in schöner, geschwungener Schrift. Ach, Stunden habe ich schon mit dem Besehen von Anzeigen verbracht und doch den Schrank, den ich so klar vor meinem inneren Auge sehe nie gefunden.

Meist aber bin ich bescheidener und so sagte ich heute Abend als ich die Betten frisch bezog zum Tierarzt, der die Bücherstapel auf dem Nachtkastel sortierte: „Sag Tierarzt, glaubst du nicht, wir sollten eine neue Matratze anschaffen?“ „Hört man nicht allerorten, dass schauderhafte Milben in den Matratzen siedeln und des Nachts hämisch kichernd über ahnungslose Menschen herfallen und ihnen im Schlaf die Pest andrehen?“ „Überhaupt sind wir nicht furchtbar unmodern und altmodisch und hat nicht heute jedermann der auf sich hält Matratzen mit Gelkern und Härtegraden und allerlei Schikanen?“ Der Tierarzt, der gerade: „Charles I-An abbreviated life“ in der Hand hält, sieht mich verwundert an. „Read On sagt er und legt das Buch vorsichtig auf das Nachtkastel zurück, störe ich Dich in der Nacht?“ Was?, frage ich nun verwundert zurück und lasse das Kopfkissen fallen, das nur mit ein bisschen Glück die Lampe auf dem Fensterbrett verfehlt. Der Tierarzt aber sieht verzweifelt zu mir herüber: „Bestimmt“ fährt er fort,“wälze und wühle ich auf das Schauderhafteste, werfe mit Kissen nach dir, trete dich ununterbrochen und die Matratze wogt wie ein Segelboot draußen auf dem Meer nun auf dem Bett umher.“ „Tierarzt“ sage ich und sage es sehr, sehr langsam, „ich erwäge doch nur die Anschaffung einer neuen Matratze.“ Doch der Tierarzt schüttelt den Kopf: „Niemand erwägt einfach so den Kauf einer neuen Matratze, immer liegen schon in der Formulierung des Matratzenkaufs tiefe und schreckliche Ursachen begraben. Noch bevor die Erkenntnis, dass ich dich störe und dir die Nächte verderbe zu dir vorgedrungen ist, hat sie dir dein Unterbewusstsein schon eingeflüstert und dich gewarnt vor der schnarchenden und schnaubenden Gefahr, die neben dir wälzt und eröffnet dir mit einer neuen Matratze einen Ausweg in eine heitere Zukunft gesegnet mit festem Schlaf.“ „Tierarzt“ setze ich noch einmal an und betone die beruhigende Wirkung des leise atmenden Tierarztes auf meine unruhigen Nächte, und will doch nur für milbenfreie und rückenschonende Nächte sorgen mit meinem Matratzenkaufbegehr doch der Tierarzt schüttelt den Kopf. „Es beginnt, fährt er fort ganz harmlos mit einer Matratze, doch schon der Matratzenverkäufer unterzieht die Käufer einer derart inquistorischen, einer hochnotpeinlichen Befragung, dass es noch dem naivsten Matratzenkäufer einleuchtet, nicht die Matratze ist das Problem, sondern die neben ihm schlafende Susi. Die nämlich störe seit Jahr und Tag schon sein seelisches Gleichgewicht und an dieser Stelle machen Matratzenverkäufer eine lange und sorgenvollen Kunstpause und zehn Minuten später verlässt Susi weinend das Geschäft und 10 Monate später ist Susi längst ausgezogen und der Nachtschlaf des Matratzenkäufers süßer denn je zuvor.“ Inzwischen bin ich rückwärts auf die Matratze gefallen und atme vorsichtig ein und aus. Der Tierarzt sitzt noch immer auf dem Bettrand und starrt auf das Kissen neben mir. „Tierarzt“ sage ich, es tut mir sehr leid für Susie aber vielleicht hatte sie auch einfach genug von den Milben, die ihr über den Rücken liefen oder der Matratzenverkäufer roch nach Mentholzigaretten. Dann ziehe ich die Füße zu mir heran und hüpfe ein wenig auf dem Bett herum. „Eigentlich sage ich Tierarzt, wenn ich es also Recht bedenke ist die Matratze doch noch ganz gut und nicht zu hart und auch nicht zu weich.“
„Ach mein Mädchen, sagt der Tierarzt und lässt sich neben mich fallen, „immer kommt das Unglück in Kleinen daher, immer wechselt man erst die Gardinen und dann schon ist man ein Fremder im eigenen Leben. „Oder kennst du etwa jemanden der ein Lächeln gegen eine Meinung eintauschen würde? Selbst wir, wie wir hier legen, Kopf an Kopf rücken wir schon auch immer ein Stück voneinander weg und mit der Nacht kommt immer schon neuer und schärferer Wind. „Ach Tierarzt“ sage ich und ziehe seinen Kopf noch näher zu mir, „die Nacht hat doch andere Sorgen als Dich und mich.“

Dann sage ich nichts mehr, sondern singe dem Tierarzt ein Lied ins Ohr, bevor ich mich aufrapple und die Betten fertig beziehe, der Tierarzt sortiert die Bücherstapel, ich mache die Lampe auf dem Fensterbrett an und die Fenster noch einmal weit auf. So schnell werde ich wohl keine Matratze kaufen und so bleibt nur zu hoffen, dass die Milben sich vor der kalten Seeluft fürchten oder wenigstens die Traurigkeit des Tierarztes weit hinaus weht, weiter und weiter und weit über das Meer hinaus.

Sonntag

img_1230Über Nacht kommt der Frost zurück. Eiskristalle an den Fenstern und das gestern abgeschnittene Efeu funkelt ,selbst früh am Morgen als stünde die Sonne schon hoch über dem Wasser.
Dabei gähnt die Nacht noch einmal herzhaft über dem Garten und alles, alles schläft, Tierarzt wie Katze und nur unten im Unterland ist die Frau des Krämers wie ich in der Küche zu Gange. Albern ist das natürlich, denn die G*tter bekümmern sich unser nicht, aber doch in der letzten Stunde zwischen Tag und Nacht, glaube ich immer die Welt beginnt von vorn und noch einmal ist alles auch ganz anders möglich. Vielleicht hoffe sogar ich in dieser Stunde auf ein Wunder.
Abgesehen aber von zehn Minuten auf dem Fensterbrett mit warmem Tee in der Hand, bereite ich einen Nusszopf für das Frühstück vor, denn der lässt sich bitten, lese die Zeitung nach, richte Dinge für den Mittagstisch und endlich sehe ich mit mehr Tee in der Hand der Sonne beim Aufgehen zu. Ein bisschen unverschämt ist das schon, denn wer lässt sich schon gern mit zerzausten Haaren und Zahnpasta in den Mundwinkeln anstarren? Aurora aber nimmt es nicht übel, ich nehme die Teetasse und schleiche nach oben. Der Tierarzt tief unter Kissen und Decken vergraben, hört mich nicht und so ziehe ich ihm am Zeh. Erschrocken fährt der Tierarzt auf. „“Komm“ sage ich, „die Sonne ist da, lass uns ein Stück gehen.“ Der Tierarzt wirft ein Kissen nach mir und knurrt: „“Du bist mein Ende.“ Ich lache und zeige auf die Teetasse.

Dann endlich hinaus in die sonnige Kälte. Die Schafe hinterm Haus glitzern und funkeln, mit Eis in der dichten Wolle und den etwas hochnäsigen Nasen, sie sehen durch uns hindurch und wir steigen höher hinauf zu den Felsen, über das Heidekraut und die Stechpalmen an der anderen Seite des Weges vorbei, die krüppeligen Bäume, das ganze Jahr mitten in Sturm und Wind und Regen und über uns die Sonne, weich und mild gestimmt und warm trotz der Kälte. Ich stecke eine Hand in die Jackentasche des Tierarztes. Weiße Wolken vor unserem Gesicht und der Tierarzt legt sein Kinn auf meinen Kopf. Schon stehen wir am Rand der Felsen unter uns tobt und brüllt das Meer, das was hier in gewaltigen Wellen gegen die Felsen schlägt, ist im Haus nur als ein beständiges Murmeln und Flüstern, das niemals verstummt, zu vernehmen. „Erzähl mir etwas von dir“, sage ich zum Tierarzt herüber oder vielleicht sage ich es auch dem Wind ins Ohr, denn hier schreien der Wind und das Meer um die Wette. Von seiner ersten Liebe erzählt mir der Tierarzt. Einem Mädchen aus dem gleichen Dorf wie er, groß und mit roten Schleifen im Haar. Ein Mädchen mit Pferdepostern im Zimmer und Bettwäsche mit Katzenköpfen. Eine laute Stimme und feste Ansichten, schon damals als es noch gar keine brauchte. „Wie sie“, sagt der Tierarzt habe er sich seine Mutter als junges Mädchen vorgestellt und sei vielleicht deshalb mit ihr ausgegangen und nicht mit einem anderen Mädchen. Schon damals aber hat sie sich beschwert, dass er zu maulfaul sei und schließlich, vielleicht sogar zwangsläufig das Großmaul des Ortes geheiratet. Weihnachten habe er sie zum ersten Mal nach Jahren wiedergesehen. Erkannt habe er sie nicht mehr, nur ihre Stimme mit der sie den Supermarkt zumammenschrie: „Rory will ya put them cookies down.“ „Damals als sie ihn verließ, sagt der Tierarzt und schüttelt den Kopf habe er eine ganze Tüte Bonbons gegessen.“ „Eine ganze Tüte.“ Er schüttelt den Kopf nimmt den Kopf von meinem Kinn.
Ich kann es mir nicht vorstellen. Der Tierarzt mit verweinten Augen auf dem Bett sitzend und ihm herum Bonbonpapier, scheint so fern von hier und jetzt wie die Sonne selbst. Schon sind wir zurück und im Garten entdecke ich die allerersten Schneeglöckchen. „Morgen Fräulein Read On“ ruft der Priester über die Gartenmauer. „“Morgen Priester“ rufe ich zurück und der Priester staunt mit mir über die weißen Tupfen, die gestern noch völlig verborgen waren. „Fräulein Read On“, sagt der Priester, kann ich jemanden mitbringen, nachher zum Sonntagstisch?“ „Immer, Priester“, sage ich, „Sie wissen doch meine Großmutter sagte: „wo Zehn satt werden, ist auch genügend für Elf da und wir sind ja auch nur zu viert.“ „“Ein Glaubensbruder“, sagt der Priester und nickt mir zu, „Sie werden ihn mögen Fräulein Read On, er ist Jesuit und hat wie Sie Eisenspäne auf der Zunge.“

Der Jesuit, klein und untersetzt mit listigen Augen und etwas feuchten Händen, ist ein Freund des Priesters aus italienischen Tagen und erzählt atemlos und mit einer fast unmerklichen Schärfe und auch Genugtuung vom Scheitern der Reformation in Irland, der Krise des Papsttums und italienischer Politik. Wir essen erst Suppe, dann Zitronenhuhn mit Rosmarinkartoffeln, und bevor ich das Griesflammeri auf den Tisch stelle, mitten im Satz, unterbricht sich der Jesuit selbst und sagt: „Im Kolleg damals bekamen nur die zu essen, die die Vokabeln fehlerfrei herbeten konnten.“ „Also niemand“ und dann lächelt der Jesuit leise und schnell, als hätte er uns eine hübsche Anekdote erzählt und nicht Gewalt verschwiegen. Lächelt so wie der Tierarzt bei seiner Erzählung über das Mädchen mit den roten Schleifen und der Tüte Bonbons und wir alle drehen den Löffel in den Händen und es braucht einen tanzenden Vogel vor dem Fenster, der das Gespräch wieder in jene Bahn zu lenken, die einem Sonntagessen unter sich beinahe fremden Menschen wohl zuträglich ist.

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Später streiten der Jesuit und ich vortrefflich über Thomas von Aquin, denn seine Eisenspäne auf der Zunge muss man sich verdienen, der Tierarzt und der Priester spielen Schach, die Katze streckt über die ganze Fensterbank und durch das Fenster lacht die Sonne, lacht über unser Schweigen und unser Gerede und noch später gehen der Jesuit und der Priester spazieren und ich lege mich zum Tierarzt aufs Sofa, der malt mit seinen Händen, Sonnenkringel auf meinen Rücken und meine Stirn.

Was soll hier schon sein.

Manchmal bekomme ich eine E-mail. Fast leer ist die E-mail. Ein Satz nur: „Was soll das hier?“ fragt die E-mail mich und dann etwas versetzt,  etwa zwei Zeilen darunter steht: „Lern endlich anständig Deutsch!“. Anrede oder Abrede hat die Email keine und auch die Adresszeile ist nur eine Ansammlung von Buchstaben etwa so: dbazg@dzghi, oder so ähnlich. Nur die Frage und die Aufforderung eben. Gern würde ich die Frage besser beantworten können, aber das hier ist schon schwer zu finden.

Hier ist die Küche und auf dem Tisch steht eine blaue Tasse. Aus ihr trinke ich gern. Milch mit Kaffee, nein nicht andersherum. Hier ist auch der Wind, Windstärke 10 sagt der Radiosprecher und doch weht hier in meinen Haaren nur der Wind der Abwesenheit, den können Sie und auch ich nicht ermessen. Hören Sie? Hier ist es ganz still. Hier halte ich einen Stein in der Tasche. Hier liegt die Katze auf dem bunten Plaid. Hier bin ich fremd, aber auch überall sonst. Hier versenke ich Narzissen in die Erde und hier suche ich Bücher und Wörter und schon so lange einen Ring, den ich nicht mehr finde. Hier gibt es eine lange Liste aus Erinnerungen, Dingen, einem grünen, alten Sofa, Träumen, Händen, unbeantworteten Briefen, Geräuschen, Musik, Gespenstern, Freunden und Blut, alten Dielen, dem Duft von Flieder, Nussschokolade, und neuen Marotten und dem Hinabfallen. Vor allem das Hinabfallen. Besser man fällt mit Geschichten hinab als mit einer Betriebsanleitung scheint mir, aber da mag ich mich irren. Hier sind Abschiede und Anfänge und immer auch Fußangeln. Stolpern Sie nicht. Hier und dort. Hier verliert man nur Zeit, Herr oder Frau E-mailschreiber, das müssen Sie wissen. Hier gibt es nichts zu gewinnen und selbst nach den Rezepten müssen Sie selber suchen, hier gilt immer: Volle Fahrt nach vorn und volle Fahrt zurück. Das Ende der Straße ist schon immer weit weg und länger als Sie glauben bin ich schon unterwegs. Nennen Sie die Straße doch Horizont, dann wird es schon eine Andere werden. Hier gibt es viele verschlossene Türen. „Erzähl mir noch mal eine Geschichte“, sagte ich zu meiner Großmutter, der die Asche auf der Zunge lag. Das ist hier. Die Asche und die Geschichten der Juden.
Hier habe ich einmal einen Bleistift gefunden und dann wurde es dunkel. So will ich nicht ausschließen, dass auch ich eines Tages wieder verschwinde und dann ist hier nicht mehr da. Sehen Sie endlich wie ich, dass das hier nichts soll? Atmen sehr geehrter Herr oder Frau E-Mailschreiber sollen sie, denn Sie und ich wir sind nun einmal beide in die Welt geworfen und müssen nun Sie hier und ich dort wohl oder übel damit auskommen lernen.

Deutsch aber habe ich nicht vom Anstand gelernt, auch nicht im Handstand und schon das Wort lernen, greift fehl. In meinen Mund gelegt hat mir meine Großmutter alle deutschen Worte, die sie hatte, auch die, die es nicht mehr gab. Sie meine Großmutter, die das Deutsche liebte und der auch nachdem sie zurück kam nach Deutschland, an Deutschland, den Deutschen und Deutsch das Herz zerbrach, gab mir alles, was sie hatte, das kleine Wort Ach, wie das große Wort Sollbruchstelle. Nachbuchstabieren kann ich nicht mehr.