Nicht alle Helden können ein Smartphone sein.

Am Abend sitze ich in der S-Bahn. Einen Wäschekorb voller Äpfel habe ich zum Bahnhof getragen, auf dem Bahnsteig traf ich meine liebe C. Für eine Minute und dreißig Sekunden umarmte ich meine liebe C. Seit langen Wochen habe ich zum ersten Mal wieder das Gefühl sicheren Boden unter den Füßen zu haben. Solche Arme hat meine liebe C. Dann muss die liebe C. wieder in den Zug einsteigen, ich schiebe den Äpfelwäschekorb hinterher und winke ihr auch noch, da ist der Zug schon weitergefahren und ein bisschen seltsam sehen die Leute auf dem Bahnsteig mich an, dass ich einem Zug hinterherwinke, der schon längst abgefahren ist. Dann laufe ich zurück zur S-Bahn und als die S-Bahn kommt, krame ich kein Buch aus der Tasche, sondern ich will mich wenigstens bis ich den kleinen Vorort der großen Stadt Berlin erreiche an den Armen meiner lieben C. festhalten. In der S- Bahn liest ein Mann vertieft die BILD-Zeitung. Eine Frau korrigiert mit ihrer Pinzette ihre Augenbrauen, ein zweiter Mann öffnet eine Flasche Bier. Plopp macht der Deckel und der Deckel rollt auf den Boden. Der Mann trinkt schmatzend aus der Bierflasche. Aber einmal stört mich das alles nicht, denn solche Arme hat meine liebe C.

Links von mir sitzt eine Familie. Es ist wie im Bilderbuch. Mutter, Vater und zwei Kinder. Die Stimmung aber ist nicht wie im Bilderbuch. Die Eltern nämlich sind bewusste Eltern, die Kinder kauen keine Schokolade oder lutschen Bonbons, sondern die Eltern kramen in dem Rucksack nach einer Dose und in der Dose ist undefinierbares: weiße Kugeln vielleicht aus Hirse, weiße dünne Plättchen, die aber keinesfalls Kekse sind und dann krümelige, weiße Brocken, die aussehen als wäre ein Rigipswand explodiert. Ich bin wirklich erstaunt, dass es sich bei dem Inhalt der Dose um Essbares handelt. Die Stimmung der Familie ist aber, schon vor der Dose angespannt. Ein Kind heult, das andere reißt am Rock der Mutter und alle sind genervt und irgendwie angetrengt und jetzt muss es die Dose retten, aber die Dose hat ja keine Schokolade oder Bonbons, die immer retten, wenn es zu retten gilt, sondern nur die Auswahl weißer Papiermaché-Teilchen. „Aber ordentlich essen, sagt die Mutter“ zu den Kindern und stellt die Dose zwischen die Kinder auf den Sitz. Die Mutter atmet durch und der Vater zieht ein Smartphone aus der Hosentasche und dann erklärt er seiner Frau irgendetwas und ich brauche einen Moment, bis ich realisiere, dass er ihr erklärt, dass eine Email fast das gleiche sei wie eine SMS. „Unbgrenzte Zeichen“, sagt er und sie sagt ja, ja wie Frauen immer ja, ja sagen wenn Männer über Autos, Fußballlergebnisse oder überhaupt Dinge sprechen, die niemanden interessieren. Sie holt derweil eine Broschüre über eine Nachbarschaftsinitiative aus dem Rucksack und will ihm vorlesen, was die Broschürenmacher aufgeschrieben haben, aber die Kinder und hatte sie nicht gesagt: „Ordentlich Essen“, bekommen Streit, wer ein weißes Kügelchen essen darf und für wen die Rigips-Krümel bleiben. Es folgen Handgemenge, Geschrei und in hohem Bogen fliegt die Dose hoch in die Luft, dreht sich einmal um die eigene Achse, um polternd auf den Boden zu fallen. Über Vater, Mutter und zwei Kinder liegt jetzt weißer Krümelschnee, weiße Brocken liegen auf Boden, Sitzen und auf der Broschüre. Die Frau ohnehin schon angespannt, ist den Tränen nah: Eine Katastrophe, schluchzt sie, alles hinüber, heult sie , und sieht schreckensstarr auf die Krümelberge, die Kinder sehen betreten auf den Boden und versuchen die weißen Brocken mit den Füßen wegzuschieben. „Alles deine Schuld“, „nein Deine“, „Doch“, Gar nicht“, neue Handgemenge, nur der Mann noch immer über das Smartphone gebeugt, erklärt noch immer wie genail die Sache mit der E-Mail sei. Die Frau hat genug gehört und die Sache mit der umgekippten Dose geht jetzt bedenklich ins Grundsätzliche: „Immer lässt Du mich hängen“ schluchzt sie und er sagt ausgerechnet: Gleich, nur einen Moment noch.“ Sie weint inzwischen und die Kinder heulen mit. Endlich legt er umständlich das Smartphone weg. Dann knien sie beide auf dem Boden und suchen der Krümel Herr zu werden, dabei aber zischen sie sich gar nicht so biologisch und nachhaltige Gemeinheiten zu. „Du nervst mit deiner Hysterie“, sagt er.

„Du bist so unsensibel“, faucht sie.

Die Kinder weinen weiter.

„Hysterisch“

„Unbelehrbar“

„Überspannt“

„Super-Egoman“

Wären noch Hirsekügelchen da, ginge das mit dem Beziehungsflummisvorwurfspiel noch viel besser. Aber die Hirsekügelchen sind ja alle längst zerdrückt.

Dann erreicht der Streit jenen neuralgischen Punkt, an dem man entweder die Kurve bekommt oder sich Sachen sagt wie: Am Baggersee habe ich mich deiner Schwester geknutscht“ oder „ich esse zweimal in der Woche heimlich bei McDonalds“ und das nächste Mal sieht man sich dann beim Scheidungsanwalt.

Dem Mann, der eben noch die Frau hysterisch schalt, sieht sich diesem Moment gefährlich nah gekommen und jetzt sucht er nach dem rettenden Ausweg, und dann fällt ihm das Smartphone ein:

„Das mit der Dose war das Smartphone“ sagt er zu der Frau. „Die Strahlung macht uns alle nervös.“

Seine Frau nickt und wischt sich die Tränen ab: „Ganz genau, pflichtet sie ihm bei: „das ist das Smartphone gewesen, die Dinger machen wirklich alles kaputt.“

„Ganz wuschig ist mir geworden“, sagt der Mann.

„Mir war auch ganz schwindelig“, sagt sie.

Dann schaufeln sie die Krümel in eine Tüte und die Kinder hören auch auf zu schluchzen. „Das Smartphone“ sagt er bestimmt, wird jetzt weggesperrt und dann legen seine Frau und er das Telefon in die ja jetzt leere Dose und sie macht den Deckel ganz fest zu.“ Die Dose wird in den Rucksack verbannt und der Rucksack wird auch fest verschlossen. Dann nimmt der Mann die Hand seiner Frau und die seiner Kinder, in die Seine: „Das Smartphone ist zu und wir haben unsere Ruh“, ruft er und die drei stimmen begeistert ein.

Dann muss ich aussteigen und denke wie gut es ist, dass inzwischen auch die Samrtphones so schuld sein können, wie einstmals nur die Schweigermütter, und dieses Smartphone, ein wahrer Ritter im Handyformat, das soll hier nicht verschwiegen werden, hat gestern Abend in der S7 eine Ehe gerettet. Das Smartphone, könnte man sagen, hat ähnliche Kräfte wie die Arme meiner lieben C.

In einer Reihe.

Heute Mittag, so gegen 12 Uhr, da saß ich im Flugzeug von Dublin nach Frankfurt. Ich sitze immer auf Platz 26 A. Es ist schon merkwürdig, dass ich die ich doch mehrere Pässe und keine Heimat besitze, auf einer Platznummer beharre, und immer wenn ich nicht auf dem Platz 26 A sitze, werde ich unruhig und mehr als einmal habe ich den Platzhalter auf 26 A dann schon gefragt, ob er nicht mit mir tauschen wolle. Aber heute, saß ich auf meinem Platz und hinter mir saß eine Familie. Ihr Arabisch ist mein Arabisch und so hörte ich, wie die Familie leise flüsternd ihren Heimaturlaub in Tunis plante. Dann aber kamen drei weitere Reisende und beanspruchten die Reihe 27 und eine Stewardess besah die Flugkarten der Familie und stellte fest, dass diese zwar tatsächlich in Reihe 27 sitzen würden, aber nicht auf dem Flug von Dublin nach Frankfurt, sondern auf der Weiterreise von Frankfurt nach Tunis. Der Mann der Familie sagte: Verzeihen Sie vielmals, wir wollen gleich aufstehen, sorry, so sorry. I am so sorry, wiederholte er wieder und wieder, deutete eine Verbeugung in Richtung der Stewardess an und wieder sagte er : We are so sorry, so very sorry.“

Dann gingen der Mann, seine Frau und ihre kleine Tochter nach vorn, ihre neuen Sitzplätze zu suchen und ich hörte ihnen zu, sah die Stewardess an, die ungeduldig über die Verwechslung, die langen Entschuldigungen und die nachdrängenden Passagiere, die Augen verdrehte und auch als ich den Mann und seine Familie schon nicht mehr sehen und auch nicht mehr hören konnte, da erinnerte ich mich, denn der Mann und seine Familie, das waren ja wir. Das waren meine Großmutter und ich. Als ich ein kleines Mädchen war und in den langen Sommerferien zu meiner Großmutter nach Deutschland kam, da fuhren auch wir zusammen in die Sommerfrische. Nicht mit dem Flugzeug, sondern mit dem Zug. Wir fuhren nach Norden und verbrachten vier Wochen auf Borkum oder tief in den Süden und wanderten durch Oberbayern, aber immer begannen unsere Reisen mit einer Zugfahrt. Immer warnte mich meine Großmutter, denn mein Deutsch war damals noch viel Schlechter als heute, dass ich im Zug doch so wenig wie möglich sprechen sollte. Auf keine Fall gälte es laute Fragen zu stellen, oder durch das Abteil zu krähen, am Besten sei es ich flüsterte ihr, wenn ich etwas wollte, leise in ihr Ohr. Besser noch aber sei es, während der Fahrt zu schweigen. So saßen wir nebeneinander im Zugabteil. Die schweigende Frau und das verstummte Kind. Meine Großmutter nahm meine Hand in ihre und so fuhren wir mit fest ineinander verschränkten Händen durch Deutschland. Meine Großmutter sprach das schönste Deutsch, das ich jemals hörte. Ihr Deutsch war makellos, sie verschluckte keine Silben, sie verachtete Redensarten und vieles verzieh sie aber niemals vergab sie Schlampereien mit der deutschen Sprache. Meine Großmutter sprach nicht einfach Deutsch, meine Großmutter liebte Deutsch, liebte jedes einzelne Wort, trug Gedichte, Romane und Novellen unter ihrer Zunge, und niemals gab sie meinen Fehlern nach. Noch mehr aber war sie die großzügigste Liebhaberin der deutschen Sprache, sie hielt kein Wort vor mir zurück, auch die Wörte, die ihr die teuersten waren, legte sie mir in die Arme, bis ich sie nicht mehr vergaß. Aber im Zug, auf jenen Reisen da sprach meine Großmutter ein künstliches Deutsch, das Deutsch des Mannes im Flugzeug. „Entschuldigen Sie bitte vielmals.“ Ich bitte um Verzeihung für die Verzögerung.“ Bitte entschuldigen Sie doch. Stumm reichte sie dem Schaffner die Fahrkarte an, ängstlich darauf bedacht diese nicht zu knicken, den Ausweis vorsichtshalber gleich mit bereit zuhalten und die Reservierungsnummer überprüfte meine Großmutter mindestens dreimal, bevor wir uns wirklich setzten. Einmal da hatten auch wir übersehen, dass die Wagenreihung geändert worden war und wir auf den falschen Plätzen saßen, da bekam meine Großmutter rote Flecken auf den Wangen und entschuldigte sich wieder und wieder für den begangenen Frevel nun einmal auf dem falschen Platz gelandet zu sein. Die roten Flecken wichen auf dieser Reise nicht mehr von ihrem Gesicht. Sprach einer der Reisenden aber meine Großmutter an und bat um ein zu öffnendes Fenster, eine Auskunft über die nächste Haltestelle oder um Aufsicht über das Gepäck, um auf die Toilette zu gehen, so antwortete meine Großmutter:“ aber selbstverfreilich“, gewiss doch, gehen Sie unbesorgt, gern haben wir ein Auge auf ihr Gepäck. Es fehlte nur noch, dass sie sich noch einmal entschuldigt hätte, die Gepäckbeaufsichtigung nicht schon vorauseilend angeboten zu haben. Auch wir hatten in unseren Rucksäcken und Taschen glänzende Äpfel und Käsebrote, Bad Lauchstädter Wasser und eine Thermoskanne voll Tee mit Zitrone. Aber gegessen oder getrunken haben wir niemals auf unseren Reisen, wie wir auch niemals sprachen. Denn in der Stimme meiner Großmutter lag das gleiche Bemühen des Mannes aus Tunis, bloß keinen Fehler zu machen, nur nicht die Deutschen und ihre Launen auf die Probe zu stellen, unter gar keinen Umständen aufzufallen, ein Aufsehen zu erregen und das Unbehagen des Schaffners oder der Mitreisenden zu erregen. „Kind, sagte meine Großmutter, es gilt das Stillschweigen zu bewahren, denn man weiß nie.“

Ich sah sie an und meine Hand lag in ihrer, und meine Großmutter sah aus dem Fenster und vor ihr zog Deutschland vorbei am Fenster und so wie ich ihre Hand umfasste, umklammerte sie meine , so fest, dass die Abdrücke ihrer Finger noch Tage später auf meiner Haut zu sehen waren, „man weiß nie, mein Kind“ sagte meine Großmutter, dann schloss sie sich für lange Stunden im Schlafzimmer ein und ich lag vor der Tür, und wollte sie zurück in meine Arme ziehen. „Man weiß nie mein Kind!, sagte meine Großmutter und schlug auf den Tisch als ich das ch, nicht vom sch unterscheiden konnte, die Tassen wackelten und ich übte mit verknoteter Zunge. Meine Großmutter hatte ja einmal auch im Zug nach Auschwitz gesessen, vielleicht hielt ihre Hand, die Hand ihres Vaters, wie ich mich an ihrer Hand festhielt und als sie gen Auschwitz fuhren, erzählte mir meine Großmutter, später, da war ich kein Kind mehr, da habe ihr Vater noch einmal erzählt die Mädchen seiner Kindheit, die Lieder seiner Jugend, die Gedichte, die er lernte, um ihre Mutter, seine Frau zu beeindrucken, als wusste er schon, dass er nicht mehr zurückkehren würde von dieser letzten Fahrt. Und meine Großmutter legte sich seine Lieder, seine Geschichten, seine Gedichte unter die Zunge und meine Wiener Wörter, meine Wiener Geschichten, meine Wiener Lieder und meine Wiener Gedichte sind einmal seine gewesen. „Man weiß nie“, sagte meine Großmutter und sah die Mitreisenden, den Schaffner und den Mann der Kaffee servierte niemals an. „In Deutschland weiß man nie“, sagte sie und wir schwiegen auf der Reise. Erst als wir ausstiegen, um in eine Pension oder ein Hotel zu gehen, da öffnete meine Großmutter ihre Handtasche, brach uns beiden ein gewaltiges Stück Nussschokolade ab, und kehrte zurück zu ihrem Deutsch, das immer ironisch und liebevoll, floskelfrei und zärtlich war, erzählte mir vom Schwabinger Fasching 1910, von der Kaiserkrönung in Aachen, von der Rosstrappe und Goethe, der in Weimar mit dem Herzog auf dem Marktplatz Peitschen knallte, aber als wir einmal nach vielen Stunden in Florenz ausstiegen, da hob sie mich hoch und lachte: „Oh wie dürstet mich nach der Sonn.“ Und so lernte ich Albrecht Dürer kennen. Bis ganz zum Ende aber sind wir beide schweigend durch Deutschland gefahren und als ich dem Mann aus Tunis zuhöre, höre ich meine Großmutter reden, höre ich mich, denn auch ich rede mit deutschen Autoritäten anders als üblich, immer in der Vorstellung lebend, etwas grundsätzlich falsch zu machen, so fundamental falsch zu sein, die Sitzordnung zu empfindlich zu stören und auch ich halte zur Fahrkarte immer auch schon die Bahncard bereit, denn in ihr und auch in mir, lebt noch immer die Frage, wie es denn sein konnte, dass ihr Vater, der Wiener Jude mit der Liebe zum Meer und dem Herzen voller Geschichten in einen Zug nach Auschwitz stieg, um nie wieder zurückzukehren. Kalt waren die Hände meiner Großmutter während unserer Reisen und schlief ich neben ihr ein schlug ihr Herz laut und schnell und heute im Flugzeug von Dublin nach Frankfurt, Platz 26 A, da blieben meine Hände noch lange so ineinander verschränkt, wie damals auf jenen Reisen, als ihre Hand meine hielt.

( Back then I wished I would have screamed or shouted or at least having spilled some tea. But I never did and I did not scream or shout today either. I was a quiet, a rather solemn child back then.)

Völlerei

Am Montag Abend beschliessen der Tierarzt und ich fein essen zu gehen. Also richtig fein. Servietten mit Silberringen, festes Tischtuch und Fischarten auf der Speiskarte, die ich in keiner Sprache entziffern kann. Außerdem stelle ich mir vor, dass die Teller zwar sehr groß und gewärmt- auch das Fräulein Read On übrigens besitzt Tellerwärmer- die Portionen aber sehr klein sind, und so die Chancen höher sind, dass auch der Tierarzt sich nicht sofort schaudernd abwendet. Die liebenswürdige P. empfahl uns ein entzückendes Restaurant, berühmt für seine exquisiten Fische, ich bestellte in meinem schauerlichen Italienisch einen Tisch für zwei und Arm in Arm erreichen wir das Restaurant, das hier einmal zu den „Silbernen Langustinen“ heißen soll. Alles ist genau so wie es sein soll: die Gläser glänzen, im Silber der Messer kann man Grimassen ziehen, und die Teller sind warm. Das Restaurant gehört dem Patron, er steht hinter der Kasse, seine Frau strahlt aus der Küche und die Söhne, drei an der Zahl bemühen sich um die Gäste. Die Söhne sind von atemberaubender Schönheit. Es ist schon sehr ungerecht, wie gut Männer mit einer grünen Schürze über dem weißen Hemd aussehen können. Ich sehe mit einer Schürze immer aus wie auf einem Bild von Zille. Der Tierarzt starrt den Mann also an, wie sonst nur Kälbchen und ich starre den Mann an, wie sonst nur den Tierarzt. Aber eigentlich sollen wir uns ja der Speisekarte zuwenden. Das tun wir auch prompt. Dickes, schweres Papier und eine schwere rote Kordel. Ich kann nur ein Drittel überhaupt entziffern und der Tierarzt und ich wir beschließen, dass doch ein Menü wohl das Beste wäre und überhaupt, soll man ja offen sein im Leben für neue Erlebnisse und kulinarische Erkenntnisse. Der schöne Mann nickt und fragt nach dem Wein. Ich schüttle den Kopf, denn ich trinke ja nicht. Der Tierarzt ( hier Jubelchöre ) will sich an einem Glas Rotwein versuchen. Der schöne Mann starrt uns an und ich bin sicher, er flüstert: „Barbaren.“ Denn weder Wasser noch Rotwein gelten ihm als Begleitung zu fünf Gängen Fisch. Wir sehen betreten auf unsere Fingerspitzen und mit ironisch-gekräuselten Mundwinkeln lässt der schöne Mann, den Tierarzt Rotwein probieren. Der Tierarzt nickt. ( Hier bitte Jubelchöre.)

Wir plaudern so vor uns hin und dann stellt der schöne Mann einen kleinen, weißen, warmen Teller vor uns auf den Tisch. Auf dem Teller liegen, zwei rote, rosige, lange Langustinen und der schöne Mann erklärt uns in welchen Ölen und Salzen dieses Tier mariniert worden sei und welche rohe Köstlichkeit da vor uns liege. Wir sind sprachlos, aber nicht vor Glück. Der Tierarzt starrt auf das rote Tier und seine schwarzen Augen. „Es guckt wie Kälbchen,“ sagt er und schüttelt den Kopf. Ich starre noch immer auf das Tier und finde es starrt besonders aufmüpfig zurück. Neben Schwein würde ich niemals Krustentiere essen und schon das leichte Zucken der Fühler im Kerzenlicht macht mir Unbehagen. Von Fern höre ich meine Großmutter kichern, die nichts albernder fand, als mein Bestehen auf koscheren Speiseregeln und albern war in ihrem Sprachgebrauch, ein derart verächtliches Wort, dass es kaum auszuhalten war. Aber ich kann dieses Tier einfach nicht essen. Der schöne Mann starrt uns entgeistert an, als wir die Tiere unberührt zurückgehen lassen. „Es tut mir wirklich leid“, sage ich doch der schöne Mann wendet die Augen ab. „Banausen“ knurrt er da bin ich mir sicher, als er die Teller in die Küche zurück zu seiner Mutter bringt und vielleicht essen sie dann beide mit langen, eleganten Handbewegungen die roten Tiere.

Es kommen Seeschnecken. Der Tierarzt probiert eine Schnecke und belässt es bei dem Versuch. Ich esse das artistisch angerichtete Schnittlauch, und einen sehr wohlschmeckenden Pilz. Der schöne Mann schickt seinen Bruder, um die vollen Teller abzuräumen.

Es folgt Seeteufel in Orangensauce an Polenta. Ich greife begeistert zu Messer und Gabel, denn ich esse wirklich sehr gern Fisch und Orangensauce mag ich natürlich auch. Der Tierarzt nippt an seinem Rotwein ( Jubelchöre ) und auch er nimmt Messer und Gabel zur Hand und probiert die Polenta (lautere Jubelchöre). Der schöne Mann starrt misstrauisch von der anderen Seite des Raumes zu uns herüber. Der Tierarzt probiert vorsichtig von der Orangensauce. „Aha“, sagt er und pickt noch ein Scheibchen Polenta auf.“ (Dreifache Jubelchöre.) Ich esse ein sehr scharfes Basilikumblatt und mein Messer nähert sich dem Fisch. Mein Messer zögert, dann fallen mir Messer und Gabel aus der Hand: Der Fisch ist in Schinken eingewickelt. Hinten im Raum zuckt der schöne Mann zusammen. Der Tierarzt isst die Polenta und eine Ecke Fisch. Für ihn ist das viel. Um nicht zu sagen enorm. Aber der schöne Mann blitzt uns mit kalten Augen an. Wir loben das Essen über den grünen Klee. Der schöne Mann schnappt nach Luft.

Dann gibt es Jakobsmuscheln. Ich esse das Gemüse und der Tierarzt isst die Brotchips, die mit den Jakobsmuscheln kommen und ich esse sein Gemüse gleich mit. Inzwischen, der schöne Mann hat der gesamten Familie mitgeteilt, was für grauslige Gäste wir sind, kommt auch der Patron und besieht sich uns aus der Nähe. Wir lächeln bis die Mundwinkel schmerzen. Dann kommt Panna Cotta. Ich liebe Panna Cotta. Das Panna Cotta kommt mit Walderdbeeren, Pistazienkernen und Walderdbeersoße. Das Panna Cotta ist sehr großartig. Ich esse den ganzen Teller leer. Der Tierarzt tritt mir freundlicherweise auch seinen Teller ab, aber immerhin isst er die Walderdbeeren und Pistazienkerne. Der schöne Mann starrt auf die leeren Teller und dann starrt er uns an. Ich krame alle meine sieben italienischen Lobesvokabeln zusammen und preise das Panna Cotta. Der schöne Mann versucht die Fassung zu bewahren. Der Tierarzt nippt an seinem Rotwein, da ist das Ehepaar am Nebentisch bereits bei der zweiten Flasche Weißwein angekommen. Wir zahlen und der schöne Mann starrt auf das noch immer gut gefüllte Rotweinglas. Als wir zahlen und das Restaurant zu den „Silbernen Langustinen“ verlassen, starrt uns die ganze Familie hinterher. Ich drehe mich noch einmal um und zwinkere dem schönen Mann zu. Er wird ein kleines bisschen rot und an der Ecke kaufen wir ein Viertel heiße Margarita Pizza mit frischem Basilikum für mich und einen Erdbeermilchshake für den Tierarzt.

Dann müssen wir lachen und zwar so sehr, dass wir uns eine Bank suchen müssen, um uns richtig auszulachen: „Gehen ein Jude und ein Magersüchtiger in ein Sterne-Restaurant…,“ sagt der Tierarzt als er wieder genug Luft zum Sprechen hat.

( Die Pizza und der Milchshake von der Trattoria ums Eck waren, wirklich sehr gut. )

Auf der Suche nach Thomas Mann-Am Lido

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Zu den vielen unrealisierten Projekten meines Lebens gehört ein völlig verstiegenes Buch über Hotels, Pensionen und Zugfahrten im alten Europa. Ich besitze Baedeker Ausgaben für Österreich-Ungarn von vor 1914 und habe schon Zugfahrpläne ersteigert, weil ich die gleiche Streckenverbindung ausprobierte, mit der Max Brod von Prag nach Berlin zu seiner Geliebten eilte. Menschen, die mich ertragen, seufzen tief, wann immer sie mit mir verreisen, denn die eigentlichen Attraktionen der meisten Städte lassen mich kalt. Ich bin in böhmische Dörfer, die hohe Tatra, französische Marktflecken und englische Weiher gefahren, weil dort Thomas Mann in ein Taschentuch hustete, oder der Prager Kreis sich dort verliebte, trennte oder manchmal auch Beides. Fragen Sie mich niemals nach Restaurantempfehlungen, denn sie enden in einem Lokal in dem Egon Erwin Kisch Fischsuppe schlürfte und wären am Ende furchtbar enttäuscht, denn mir ist egal ob das Lamm nun zäh ist oder der Kuchen trocken, so lange ich nur auf eine halbe Stunde zurückfinde in das alte Europa, in dem meine Großmutter geboren war. So nimmt es auch nicht Wunder, dass als die liebe C. anruft, ich putze gerade meine Zähne, der Tierarzt ins Telefon ruft: „Liebe C. wir fahren an den Lido und suchen Thomas Mann.“ Das machen wir dann, wir nehmen ein Vaporetto und fahren hinüber zur Anlegestelle. Der Lido, das Seebad, ist so charmant wie unaufgemöbelt, ist nicht mehr wie 1900, nein, mehr wie ein Seebad der 1960er Jahre, und doch es hat etwas von der großen Vergänglichkeit unserer Tage und wir gehen die Hauptstraße hinunter, vorbei am Zeitungskiosk NuovoNuovo, der alle deutschen Zeitungen führt, hinunter an den Pizzerien in den die Kellner Hochdeutsch sprechen, und auch die Ernährungsmoden sind den deutschen Touristen schon nachgereist: auch glutenfrei steht auf den Tafeln. Wir aber essen ein Pistazieneis und sehen den jungen Herren zu, die die jungen Damen beeindrucken wollen: sie rejustieren Sonnebrillen, Schnürsenkel und Telefone, aber die jungen Damen lächeln nur blasiert und vergleichen Nagellackfarben. Ich schlage dem Tierarzt vor, er könnte den jungen Herren, doch den Trick mit den Haaren zeigen. Aber der Tierarzt befindet, dass Fräulein’s mit Shetlandponyhaaren, sich über dieses Thema lieber ausschweigen sollten und schon sind wir am Ende der Hauptstraße angekommen und dann wenden wir uns nach Rechts: zu übersehen ist es nicht das „Hotel des Bains“, das um 1900 eröffnet wurde, da war der Lido ein mondänes Seebad und das ganze Europa fuhr hier in die Sommerfrische. Hierher fuhr kam zum ersten Mal 1911 auch Thomas Mann und 1912 erschien jenes Buch, dem noch heute der Ruf des Skandals vorauseilt, das Buch über Gustav von Aschenbach, der erst das Herz an Tadzio, den vollkommen Schönen verlor, bevor ihm der Verstand entglitt und dann das Leben selbst. Hier also saß Thomas Mann und verlor ja selbst das Herz, aber Thomas Mann gab wohl niemals ganz und ob er mit dem jungen Baron Wladyslaw Moes je mehr als ein Kopfnicken gewechselt hat, weiß ich nicht. Aber damals vor vielen Jahren, als mir meine Großmutter den Tod in Venedig zu lesen gab, da traf es mich wie mich nur selten danach ein Buch getroffen hat. Denn es ist jenes Buch mit dem ich verstand, dass die Liebe eine verbotene, ja eine tödliche Seite haben kann und es ist eines der Bücher, die cih auswendig kann, ich habe nie darum bemüht, sondern das Buch ist in meinem Kopf geblieben und so viele Jahre später, stehen wir vor dem Hotel, vor dem Strandbad in dem Gustav Aschenbach lange in die Wellen sah. Aber das Hotel ist still und verschlossen, eine grüne Mauer umzieht es, fast als sei der ganze Blick auf den Verfall, etwas was der Welt besser verborgen bliebe. Wir stehen aber lange vor dem ausladenden Gebäude, der Tierarzt, steigt auf eine Bank und fotografiert und ich sehe hinauf auf die Uhr und die alten Lettern, die Schindeln liegen lose auf dem Dach, die grünen Fensterläden sind morsch, es wird vor Rattengift verwarnt und der Garten ist vewildert. Noch kann man lesen, wie damals die Gäste auf der Auffahrt: Hotel des Bains, aber es ist ein trauriges Wiederkennen und das Herz wird einem schwer, dass dieses Haus, nur noch Ruine ist, ein loser Backenzahn ausgehöhlt. Ein Investor habe ich gelesen, wollte Eigentumswohnungen aus dem Hotel machen. Er zerschlug die Möbel, dann zerschlugen sich die Pläne. Sieben Jahre rottet das Hotel schon vor sich hin und angeblich, ja angeblich, gäbe es neue Pläne, aber von denen sieht man nichts vor den verriegelten Toren. Das Schloss an der Seite, denn wir laufen um das Gebäude herum ist verrostet und keine Baumaschine wartet auf einen Einsatz. Es ist ein verlassener Ort, und wenn so oft der Geist Europas beschworen wird auf großen Pressekonferenzen, Dann wünschte man sich die Europaabgeordneten würden einmal ins Hotel des Bains fahren, denn hier kann man einatmen, wie es ist, wenn die europäische Idee verlischt, wenn sie einfach preisgegeben wird, dann kann man sich ansehen, wie man sie beerdigt. Oft wird die Interantionalität beschworen, aber in den Grand-Hotels des alten Europas ist sie gelebt worden, und doch noch einmal anders als auf Studentenfeiern in Lissabon. Denn der Tod in Venedig ist ja ein Buch über eine fatale Obsession eines deutschen Literaten mit einem polnischen Jungen, in einem italienischen Strandbad,es gibt einen englischen Konsularbeamten, französische Bonnen und russische Badegäste. Kein deutscher Gegenwartsautor aber sieht weiter als bis nach Berlin. Da stehen wir also und dann gehen wir hinunter zum Strand. Die Badehütten sind schon verschlossen, ein paar Spaziergänger sind am Meer und werfen Stöcker für die Hunde und wir setzen uns auf einen Stapel Bretter, wir sehen hinüber zum alten Europa, zum Hotel des Bains, die Uhr in der Mitte ist lange schon stehengeblieben und ich beginne noch einmal zu erzählen: „Gutav Aschenbach or von Aschenbach, as he had offically been known“. Denn hier, hier ist es, wo es begann und wo es wohl endete, jenes Europa, in dem meine Großmutter geboren wurde, und nach dem ich suche, wieder und wieder und immer mit einem alten, roten Baedeker von vor 1914 in der Tasche.

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Adresse:  Hotel des Bains, Lungomare Guglielmo Marconi, 17, 30100 Venezia. Vaporetto Station: Lido. 

Ein Morgen in Venedig

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Früh am Morgen, kurz vor sechs Uhr, da schläft Venedig noch, aber auch dies ist eigentlich nicht wahr. Natürlich schlafen nur die Touristen. Das Wasser schwappt gegen die Pfähle, gegen die Stufen, gegen das Ufer. Wir gehen eine dunkle Gasse hinunter. In einem Hauseingang raucht ein Mann eine erste Zigarette. Er lehnt mit dem Rücken an die Tür, und nickt uns freundlich zu. Wir nicken zurück und so leise, wie er raucht, gehen auch wir über eine Brücke mit Eisengeländer, halten uns links, um dann doch nach rechts zu gehen und schon liegt er vor uns der Marcusplatz. Leer, nämlich und still. Das Café Florian hat die Markisen noch eingerollt, die Stühle sind noch aufeinander gestapelt, nur eine Kehrmaschine kreist über den Platz und wir gehen durch die Torbögen hindurch und da ist das Wasser, dunkel, fast als träumte die Adria in der Nacht vom Atlantik und ich träume doch das ganze Jahr von südlichen Gefilden. Riva del Schiavoni und in den Hotels sind die Gardinen alle zugezogen, wir wandern weiter, weiter und weiter und mit uns geht das erste Licht. Ein Mann läuft mit seinem Hund und pfeift, ich glaube ein paar Takte Verdi, wir stehen am Ufer und am Ufer liegen die Gondeln, schwarz und mit gebogener Nase, gut verhüllt und die Sonne sie ist uns gewogen und legt uns einen goldenen Schal über die Arme, denn wir frösteln.

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Dann stehen wir vor dem Hotel Gabrielli-Neuwirth. Ein Portier gähnt. Dann legt ein Boot an, es sammelt die Hotelwäsche ein und dann tuckert ein Gemüsekahn vorbei und das Müllschiff kommt und der Portier macht ein wichtiges Gesicht. Aber wir bleiben hier nicht stehen, um endlich zu begreifen, wie eine Stadt wohl funktioniert, die auf Wasser gebaut ist und ob der Gemüsebootmann wohl frischen Mangold oder Spinat oder Jerusalemartischocken in den Kisten hat, sondern wir bleiben stehen, wegen Franz Kafka. Der blickte nämlich von einem der Fenster hinüber nach San Giorgio Maggiore. Franz Kafka nämlich löste hier seine Verlobung mit Felice Bauer. Auf Hotelbriefpapier. Damals hatte Hotelbriefpapier noch Illustrationen, aber ob Felice dafür Augen hatte, bezweifle ich sehr. „Ich laufe Traurigkeit fast über“ schrieb er ihr am 15. September 1913, der Blick ging weit über die Lagune hinaus und hier in dieser unwirklichen Stadt, kann man sich doch nicht verloben, nicht wenn einem der Boden doch beständig unter den Füßen schwankt, nicht wenn man doch kleiner und kleiner noch wird angesichts der Ewigkeit dieser Stadt. Und doch hat die P. meine Freundin, nach langen Minuten, denn die P. ist eine überlegte Frau, „JA“ gesagt in der Kirche, klein und stickig und dem Priester verrutschte der Schal und doch bleibt das Nein, von Franz Kafka mir eindrucksvoller in der Erinnerung, dabei ist es doch nur ein Blatt Papier. Die Sache mit Felice Bauer wollte ja auch bis 1917 hinein keine Ende nehmen. Da stehen wir also und ich schüttle den Kopf über mich, eine merkwürdige Sache ist es ja schon, diesem Franz Kafka so hinterherzulaufen, dann legt das Gemüseboot wieder ab und das Milchboot kommt an und wir gehen weiter und weiter am Ufer entlang.

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Am Ufer stehen jetzt Angler. Alte Männer, eine Thermosflasche, abgeschnittene Handschuhe, Sonnenbrillen und Angeln natürlich. Eine Frau macht Yoga und wir setzen uns auf eine Bank. Immer weiter steigt die Sonne. Dann plötzlich ein Schatten. Aber keine Wolken, kein plötzlicher Regenschauer, sondern vom Meer her, kommt der Schatten. Der Schatten ist ein riesiges Kreuzfahrtschiff. AIDA irgendwas. Auf jeden Fall aber riesenhaft groß. Ein dumpfes Brummen begleitet das riesige Schiff, das sich weiter und weiter in die Lagune hineindrängt, eine unheimliche Erscheinung, ein trojanisches Pferd, die Kirchenglocken beginnen zu läuten, vielleicht wie damals als die Serinissima sich vor Angriffen Zeit verschaffte, heute aber kommen Touristen und wir sitzen am Ufer und das Schiff schiebt sich an uns vorbei. Es ist gerade erst sieben Uhr. Die Touristen aber stehen in weißen Bademänteln oder bunten Schlafröcken auf den Balkonen oder an der Reling. Ein riesiger Bildschirm plärrt auf einem Deck und die Leute auf dem Schiff halten Selfiestangen in Richtung San Marco, eine andere Armee als die früherer Jahre, aber hochgereckt auch ihre Arme, hier gilt es Bilder zu erlegen, und viele Male blitzt es aus den vielen aufgeklemmten Fotoapparaten. Für einen langen Moment sitzen wir im Schatten des Schiffes und das Schiff verdeckt alles, verschluckt die ganze Stadt, saugt die Kulisse in sich hinein, ein langer Schatten, dumpfes Brummen und es schweigen die Angler, es pausiert die Frau mit ihren Yogaübungen und auch wir sitzen schweigend vor dem langen Schiff, und sind so erschrocken wie atemlos.

Dann aber kommen Sie, die Touristen. Sie kommen mit Fotoapparaturen. Ich glaube die teuren Kaffeemaschinen und Grillapparate werden jetzt von Kameras abgelöst, die jedem professionellen Fotografen die Schau stehlen könnte. Mit verbissener Begeisterung wird nun justiert, Freundinnen werden justiert, die Sonne beschimpft, für ihren dummen Winkel, und schwer sind die Apparate ja noch dazu. Tauben erdreisten sich das Motiv zu stören und werden hektisch verscheucht und auch unsere Rücken, wir sitzen ja noch immer auf der Bank am Ufer verursacht Unbehagen. Dann kommt ein chinesisches Pärchen, sie in Federboa und feinem Kleid, er in einem glänzenden Anzug, sie wollen Tauben um jeden Preis, die Verbotsschilder sind ihnen nichts, sie streuen Brot und schon umflattern, graue Straßentauben die Frau mit Federboa und es folgen viele Fotos. Die Amateurfotografen schließlich schleppen ihre Ausrüstung weiter und auch wir gehen zurück am Ufer entlang, in Richtung San Marco und schon sind auch wir verschwunden, in einer Traube aus Reiseführern, Reisegruppen, Souvenirverkäufern und einem Kölner Junggesellenabschied: „Downtown Ehrenfeld“ steht auf ihren T-Shirts.

Szenen aus dem Leben eines seltsamen Fräuleins. (2)

Tierarzt, sage ich, darf ich einen Moment um deine ungeteilte Aufmerksamkeit bitten? ( Der Tierarzt wälzt sich mit dem Hund auf dem Boden. Angeblich soll der Hund bald Briefe apportieren, aber eher wird Kälbchen Lieder singen, als das dieser Fall eintritt.) Der Tierarzt rappelt sich mühsam hoch. Der Hund liegt hechelnd auf den kühlen Fliesen. „Immer doch Mädchen“, sagt er und noch immer schnaufend. „Gut“ sage ich also“ und entrolle eine lange Liste. Selbst die Katze macht ein halbwegs interessiertes Gesicht. Also sage ich noch einmal:

4.41: Weckerklingeln: Read On steht auf richtet sich und Tee und Porridge

5.07: Read On verlässt das Haus und fährt ins Büro

6: 30: Weckerklingeln Tierarzt

6: 36: Tierarzt hat die Katze unter dem Kinn gekrault und steht auf.

7:00: Tierarzt verzehrt Porridge.

7:30: Tierarzt ermahnt den Hund eindringlich, dass dieser in den kommenden Tagen nur Bestes und Allerbestes Benehmen an den Tag zu legen hat. Auf keinen Fall möge der Hund eine Schneide der Verwüstung in das priesterliche Haus schlagen.

7:45: Manövrieren der Katze in den Katzenkorb ( Lachshäppchen zu diesem Behufe befinden sich im Kühlschrank.

8:00: Übergabe der Tiere an den Priester. Der Präsentkorb für den Priester steht auf der Kommode, der Apfelkuchen für den Priester steht auf der Bank an der Haustür. ( Bitte den Apfelkuchen nicht vergessen. ) Den Präsentkorb auch nicht und die Tiere erst recht nicht.

8: 15: Aufbruch zu Kälbchen. Abschiedshonneurs.

8:35: Beladen des Volvos mit: Festkleidung- hängt im Schlafzimmer, dem luggage holdall, der Reisehandtasche des Fräuleins einer Kiste voll Baklava ( steht auf der Bank vor dem Haus, neben dem Apfelkuchen. Bitte nicht verwechseln die P. hasst Äpfel.

9:05: Verriegeln der Haustür.

10: 00: Abfahrt Tierarzt stadteinwärts

11:00: Einsammeln des Fräulein Read On’s.

11.04: Abfahrt zum Flughafen

12:00 Flughäfliche Dinge vor allem aber Flug nach Venedig

14:30: Ankunft Venedig

15: 00: ( Das müssen wir schaffen ) Fahrt mit dem rasenden Vaporetto zum Hotel

15.35: Ankunft im Hotel zu den zwei goldenen Gondeln.

15:38: : Anlegen der Festkleidung, Richten der Haare, Polieren der Schuhe

15:50: Unverzüglicher Aufbruch. Unter keinerlei Umständen gilt es das ins Hotel gelieferte Geschenk ( Ankunft bestätigt ) zu vergessen.

Tierarzt: Mädchen, was schenken wir eigentlich der P?

Ich: Ein Espressoservice mit Goldrand und Goldfischen von ihrer Hochzeitsliste

Tierarzt: Glaubst du die fertigen auch Schüsseln mit Kälbchen an?

Ich: Ruhe jetzt: Das ist eine ernste Angelegenheit

15:50 225 Schritte nach links und 18 weitere Schritte nach Rechts: Ankunft im Blumengeschäft: Zu den silbernen Orchideen. Abholen des Straußes für P. Sowie der Orchideenblüte für mein Haar und der Rosenblüte für deinen Anzug.

15:55: Eilenden Schrittes begibt man sich nun in die Kirche Santa Cecilia della nostre Madonna und möglichst noch vor dem Kirchengeläut schaffen wir es das Geschenkgeschirr auf der Hochzeitstafel zu positionieren, der lieben P. und ihrem Fast-Mann Luftküsse zuzuwerfen und auf die Kirchenbank zu fallen, ohne dabei gleich eine Nonna tödlich beleidigt zu haben.

16: 00 Glockengeläut. Hochzeit. Taschentücher.

Hast Du lieber Tierarzt noch Fragen, Anmerkungen und Verbesserungswünsche?

Der Tierarzt legt die Stirn in Falten und denkt nach.

Schweigen.

Nach langen weiteren Minuten des Nachdenkens, der schweigenden Reflektion und innigen Meditation räuspert sich der Tierarzt und sagt: „Bitte Mädchen, gib bei den Abschiedshonneurs von Kälbchen noch zehn Minuten dazu.“