Werden und Sein

Auf den Steinen sitzen.jpgManchmal frage ich mich, wann weiß man wer man ist? An diesem Tag, dass weiß ich noch war ich ein Spion. Die anderen Kinder in der Straße lachten. Ich konnte kein Deutsch, wie ich da sitze auf den Steinen vor dem Haus. Ein bisschen neidisch war ich auf die Kinder, die da tobten in der sommerhellen Straße. Die Mädchen hatten HulaHoop Reifen und ich hatte keinen. Die Buben hatten einen neuen, glänzenden Ball und knallten den Ball gegen das Garagentor. Ich hatte keinen Ball. Ich musste mich mächtig zusammen nehmen, um nicht bei jedem bumm-bumm-bumm zusammenzuzucken. In Kenya nämlich wo ich lebte, kündigte bumm-bumm immer Gefahren an.

Aber ich hatte mir fest vorgenommen, dass ein richtiger Spion unbehelligt und unbeeindruckt von jedem noch so grässlichem Geräusch bleibt. Mein Freund war ein Russe. Das Haus nämlich stand im Russenviertel der kleinen Stadt in der ich meine Großmutter in den großen Sommerferien besuchte. Bald, aber das wusste ich noch nicht, würden die Russen zurück nach Russland gehen. Am Abend würde mein Großvater mir Russland auf dem Globus zeigen. Der Russe konnte auch kein Deutsch, das gefiel mir gut. Russisch konnte ich auch nicht, aber eben Jiddisch und der Russe verstand sofort, dass ich ein Spion war und ein großes Glas Zitronenlimonade äußerst wichtig für Nachwuchsspione ist. Der Russe lachte und hob mich auf die Schultern. Er galoppierte mit mir durch den Garten und ich glaubte, dies sei die wahre Freiheit und vielleicht war sie das auch. Der Russe nannte mich Superspion 007-Null Null Sjem. Erst viele Jahre später sollte mir klar werden, dass dieser Superspion James Bond war und nicht das kleine Mädchen auf den Steinen. Aber damals wusste ich das nicht und blieb in der festen Überzeugung, dass wenn ich nur geduldig ausharrte, sich ein Geheimnis vor meinen Augen entfalten würde. Damals als ich auf den Steinen saß liebte ich meine Großmutter. Meine Großmutter behandelte die Frau des Russen. Ich durfte ihren Arztkoffer tragen und meine Arme fielen fast ab, so schwer war der Koffer und so klein war ich. Aber ich wollte so sehr, dass meine Großmutter stolz auf mich war und so schleppte ich die schwere Tasche neben ihr her. Meine Großmutter verschwand in dem Haus und hieß mich warten. Ich wartete geduldig, damals war ich viel geduldiger als heute. Ich wartete also und kletterte auf die Steine. Ich konnte gut klettern, sogar hinauf bis in den großen Affenbrotbaum, in dessen Ästen ich in den nächsten Jahren sehr viel Zeit verbringen würde. Blau war meine Lieblingsfarbe, ich mochte nur Kuchen und zum Glück bestritt meine Großmutter zeitlebens die Existenz von Kalorien und war überzeugt es gebe nichts Besseres als eine Crèmeschnitte um die Stimmung zu heben. Ich liess mir vorlesen und in diesem Sommer las meine Großmutter mir die Reisen Odysseus vor. Ich verstand kein Wort. Aber das die Geschichte so groß wie die Welt selbst war, dass verstand ich doch, nie wieder habe ich so zugehört und nie wieder glaube ich habe ich danach eine Geschichte so verstanden, wie damals die lange Suche nach Ithaka von der ich objektiv betrachtet doch kein Wort verstand. Ich war das Kind mit dem niemand soielen sollte. In Kibera wo wir lebten, war ich das weiße Kind mit den kalten Händen. Die Frauen sagten in mir lebe der böse Geist des Kilimandscharo. Ich versuchte ihnen zu erklären, dass ich noch nie einen Geist persönlich getroffen hatte, sondern der einzige Geist, den ich kannte, erschreckte einen Müller im Märchenbuch meiner Großmutter. In der Schule war ich der Judenlümmel und die katholischen Schwestern warnten die anderen Kinder eindringlich genug vor einem Kind wie mir. Aber ich ging ohnehin nie gern zur Schule. Ich war ja auch ein Spion in einer geheimen Mission. Auf dem Bücherregal meiner Großeltern stand ein Krokodil aus schwarzem Stein, wenn man den Schwanz des Krokodils herunterdrückte konnte man Nüsse knacken. Ich knackte Nüsse am laufenden Band und aß immer eine Hand voll Nüsse und dann wieder eine Hand voll Schokolade. Leider gab es immer mehr Nüsse als Schokolade. Als Spion wusste ich aber natürlich, dass meine Großmutter in der Speisekammer stets Vorräte vor meinen Fingern versteckte. Aber ich kletterte mühelos auch auf die hohen Regalbretter und nur einmal blieb ich mit einem Bein im Gurkenfass stecken und meine Großmutter fürchtete ich würde ein eben solcher Gesetzesbrecher werden, wie Onkel A. Aber Onkel A. blieb unerreicht. In der Nacht aber musste ich auf dem Sofa schlafen wie ein gemeiner Dieb sagte meine Großmutter und ich fürchtete mich vor den Schatten und schlich mich mitten in der Nacht zu meiner Großmutter, die mich in ihre Arme zog und für mich sang, bis ich einschlief. Das Mädchen da auf den Steinen, das spielte damals schon Klavier, auf dem Schoß meines Großvaters sitzend und ich dachte mir niemand würde wohl annehmen, dass ein Mädchen am Klavier eigentlich ein Spion ist und ganz genau sieht, dass das Mädchen mit dem gelben Hula-Hoop Reifen, dem Mädchen mit dem blauen Reifen ein Bein stellt. Ich aber hatte es gesehen und dann endlich kam meine Großmutter aus dem Haus, mein Freund der russische Soldat gab mir ein Vanilleis mit und ich sah auch die Frau des Russen, die schüchtern lächlend mir dem Mädchen auf den Steinen zuwinkte. Ich winkte zurück. Superspion Null. Null. Sjem rief ich und sprang von den Steinen, denn da stand meine Großmutter und noch besser als ein Spion zu sein, war es in ihre Arme zu laufen und sie hob mich hoch und ich war das Mädchen in ihren Armen.Mehr wollte ich niemals sein.

Ein neues Jahr

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Das Fräulein Read On wünscht Ihnen ein heiteres, gutes, neues Jahr!

Ach, denke ich mir und sehe auf das noch leere Kalenderblatt und noch einmal ach, denn der Neujahrsmorgen eben noch blau verzieht sich schon wieder und graue Wolken lassen mich gähnen. Ach, denke ich und strecke die Arme, wie schön wäre das jetzt einen Stapel Bücher einzupacken, in einen alten Überseekoffer zu stapeln, diesen gut festzuzurren auf dem Gepäckträger und dann führe ich einfach los. Natürlich fährt das Fräulein Read On ein höchst unpraktisches, im Grunde längst von den Straßen verbanntes Automobil. Groß ist es nicht, dafür aber natürlich furchtbar unpraktisch. Das Verdeck lässt sich nur mit Kurbel bedienen, das Auto kann natürlich nicht mit 200km/h durch Brandenburg rasen und es säuft Benzin wie einstmals die Kutschpferde, Hafer fraßen. Ein richtiges Oldsmobile also und wie dafür gemacht, und oh wie lange bin ich nicht dort gewesen, die südfranzösische Küste entlangzufahren. Endlich einmal wieder von Nice bis nach Port Bou fahren, nein gondeln, denn so ein Fräulein im Oldsmobile hat es nicht eilig. Lieber also die Landstraßen entlang und über die Raser nur müde lächeln. Lieber von einer alten Frau am Straßenrand einen Korb Kirschen kaufen, auf dem Markt am Samstag, völlig falsch parken und sehr lange zwischen den verschiedenen Törtchen schwanken. Die Männer des Ortes indes bewundern das Oldsmobile diesen treuen Gefährten. Endlich einmal wieder zurück nach Banyuls-sur-Mer und mit Buch in der Hand das Meer beschauen. Von Ort zu Ort also wandern, denn fahren mit dem Oldsmobile ist beschaulich und niemals überhastet zu nennen. Hier und da einen the la menthe trinken und im sommerlichen Morgenlicht einen Café au lait. Den Fischern winken und Mittags unter Zypressen schlafen, gut bewacht vom Mitfahrer, denn wichtig ist es auf Wanderschaft gute Begleitung zu haben. Reifen wechseln kann das Fräulein selber, aber unterhaltlicher ist doch, reist man mit Vorleser, der einem eine hübsche Geschichte, warum nicht auch eine alte ägyptische Sage verliest, hier und dann ein paar Bilder knipst und nicht abgeneigt ist, in den späten Abendstunden noch einmal über den Marktplatz zu schlendern. Ziel hätte die Reise keines, jeder Oldsmobilebesitzer kann ja nur den Kopf schütteln über die verwegenen Recken, die 900 Kilometer fensterblind rasen, lieber kauft man sich in Avignon ein hübsches Tuch, denn nichts ist lästiger als wehen einem die Haare fortwährend vor die Augen. Überhaupt muss man natürlich bis nach Monte Carlo fahren, denn einmal im Leben muss man wenn auch mit geschlossenen Augen, so lachen, so lieben und so fahren wie damals Grace Kelly, die zum Tuch sogar noch weiße Handschuhe trug, die ich leider nicht besitze. Dafür aber sind im Kofferraum neben Bücherstapeln und leichten Sommerkleidern, auch ein Set von Tennisschlägern aus Holz, denn bestimmt, gibt es zwischen Aix-en-Provence und Arles kundige Herren, die dann und wann, so ein Oldsmobile braucht ja auch Ruhepausen, vor dem Fünf Uhr Tee nichts einzuwenden hätten gegen eine Partie Rasentennis. Ein Oldsmobile das hat so seine Tücken, Montage zum Beispiel schätzt es wenig, deswegen bieten sich ausführliche Galerienbesuche an solchen Tagen an. Am wichtigsten aber, wie könnte es anders sein, ist es immer dann anzuhalten und niemand wäre verlässlicher als das alte und Fahrten erprobte Auto, sieht man eine Geschichte am Straßenrand stehen. Im Handschuhfach liegen natürlich Stift und Papier bereit und erst wenn die Notizen auch dem Krokodil behagen geht es weiter und weiter, immer nach Süden. Ihnen also, ein solches, neues Jahr, nicht zu schnell mag es an Ihnen vorbei rauschen, ich hoffe Sie finden sich öfter auf Alleen wieder als auf sechsspurigen Straßen, ich wünsche Ihnen eine heitere und leichte Fahrt, mögen Sie aus Umwegen stets herausfinden und bloß nicht Verzweifeln weil der Motor anfängt zu rauchen. Ein Oldsmobile ist unzerbrechlich. Umwege und falsche Abkürzungen wird es wohl geben und manchmal muss noch einmal nachsehen, ob man noch auf der richtigen Straße ist, trotzdem wie meine Großmutter sagte, am Ende wird nicht alles gut, aber vieles endlich besser. Lassen Sie sich den Mut und den Eigensinn nicht nehmen und sehen Sie ein Fräulein, das sehr langsam fährt und über das die Rennfahrer hupend spotten, winken Sie ruhig, das Fräulein Read On nimmt Sie gern ein Stück mit. Natürlich ist auch Nussschokolade im Handschuhfach- zögern Sie bloß nicht zu fragen und wo immer Sie fahren, wandern, gehen und stehen, behalten Sie sich wohl in diesem, neuen Jahr.

Der Mann mit Hut

In der S-Bahn sitzt mir ein Mann gegenüber. Glattrasierte Wangen, ein scharfes Kinn, aschblonde Haare, über der Nase ( rotgeädert ) zwei scharfe Falten. Keine Brille, blonde, fast durchsichtige Wimpern. Ein schmaler Mund, kein Bart. Die Augen so blass wie das Gesicht des Mannes. Ob es nun aber ein blasses Blau, oder ein blasses Grün oder gar ein verschwommenes Braun gewesen sein mag, ich habe nur die Blässe in den Augen des Fremden bemerkt. Einen Hut trug der Mann der mir gegenüber die gleichen Bürohäuser und Industriebrachen sah, nur eben von der anderen Seite. Einen Hut also, aber keinen breitkrempigen wie einmal Harry Graf Kessler auch keinen Stetson oder gar einen Jägerhut mit Gamsbart und der Feder des ersten selbstgeschossenen Fasan, es ist mehr ein Filzhütchen, das dem Mann auf dem Kopf sitzt. Bräunlich, aber im rechten Licht betrachtet vielleicht auch erbsensuppengrün ist das Hütchen mit seiner merkwürdigen Delle in der Mitte, die dem Hut und auch dem Träger etwas seltsam Gedämpftes verleihen. Einen solchen Hut, wie der Mann ihn trägt ist besonders in Berlin, wo Kleidung allenfalls ironisch gemeint ist, schwer zu bekommen. Der Hut, weder rund, noch oval, sondern fast schon trapezförmig, ließe sich indes ohne Probleme  bei einem Herrenausstatter in Gaziantep oder auch Jičín besorgen. In beiden Städten, ich bin mir ganz sicher habe ich in den Auslagen eines solchen Geschäftes, in denen immer eine schwere Standuhr tickt,die Hemden in Zellophan eingepackt sind und der Besitzer mit einem Maßband um den Hals geschlungen der Kundschaft die Tür aufhält, einen solchen Hut gesehen. Einen Hut indes habe ich anders als der Mann gegenüber weder in Gaziantep noch in Jičín erworben. Der Hut, wenn auch etwas zerdrückt sitzt augenscheinlich fest auf dem Kopf des Mannes, denn während der Fahrt bleibt es gänzlich unbeeindruckt vom Bremsen und erneuten Anfahren der Bahn. Auf den Knien hält der Mann mit beiden Händen eine Aktentasche fest. Die Tasche, schwarz, quadratisch und mit Schnappschlössern versehen passt ganz genau auf den Schoss des schweigend aus dem Fenster sehenden Mannes. Ganz und gar unauffällig ist dieser Mann und ist das frage ich mich, über meinen Buchrand blickend, nicht schon eine Auffälligkeit? Ist die Unauffälligkeit nicht gewollt und ganz und gar gekonnt in Szene gesetzt? Kann nicht offensichtliche Unscheinbarkeit, auch Methode sein?

Wer weiß ob der Mann nicht in seiner Akentasche eine Flasche Champagner ( Roederer, sogar?) verbirgt und auf dem Weg zu seiner Geliebten eben die S-Bahn nimmt und nicht den eigenen Wagen. Noch die misstrauischste Ehefrau würde diesem Mann dessen Gesicht blass und schmal und etwas spitzmäusig nach unten verläuft, nichts zutrauen, was auch nur den leisesten Anschein des Verbotenen hätte. Gäbe es zu Max Mustermann ein Gesicht, es wäre dieser Mann mit seinem Hütchen. Vielleicht ist alles aber auch ganz anders, und im Aktenkoffer ( treten die Fingerknöchel des Mannes nicht übermäßig stark hervor?) liegen feinsäuberlich gestapelte Banknoten? Der Mann so auffällig unauffällig ist vielleicht Agent und sammelt sich für eine schwierige Mission.  Ein verschütteter Winkel, ein kurzes Kopfnicken, dann der Koffertausch oder auch nur die Übergabe eines Schlüssels der in das letzte Schließfach des Florentiner Bahnhofes passt. Selbst noch der gerissenste Räuber, der gewiefteste Hütchenspieler, der verschlagenste Fälscher vermutete in diesem Mann je ihr Ziel. Wer weiß, vielleicht ist der Mann ja auf dem Weg zum Flughafen und unter dem Hütchen liegt lange schon ein neuer Pass. Morgen schon geht der Mann in Bogota spazieren und das Hütchen landet nachlässig in einem Abfallbehälter, am Rande der Stadt. Mag es aber auch ganz anders sein und der Mann ist Briefmarkenhändler und der Koffer ist leer, bis auf die blaue Mauritius, die ein unbekannter Sammler anonym erwarb und in einem Schrebergarten ungeduldig nun auf ihre Übergabe wartet. Kein noch so gieriger Philatelist, ich versichere es Ihnen, traute diesem Mann solch einen Coup zu. Man kann nur hoffen, dass sich im Koffer des Mannes kein Strick befindet und er auf dem Weg in ein entlegenes Waldstück ist, um mit des Seilers Tochter Hochzeit zu halten. Damals als ich ein kleines Mädchen war und meine Großmutter mir das Märchen vom Meisterdieb erzählte, habe ich mich nie wieder so recht zu beruhigen vermocht und nie habe ich seitdem meine Furcht vor dem prachtvoll illustrierten Band Grimm’scher Märchen überwinden können.

Aber alles mag ja anders sein, nichts anderes als ein Wurstbrot und die Märkische Allgemeine mag sich in dem Koffer befinden, für den späteren Verzehr gedacht und vielleicht ist ja auch das Hütchen ein Geschenk der Mama, die nun vor dem Jahresschluss noch einmal besucht werden soll und im Koffer ist eine Flasche Parfüm. Vielleicht aber liebte der Mann auch einmal ein Mädchen aus Gaziantep oder Jičín und das Mädchen ging ihm verloren und nur der Hut blieb bei ihm. Erfahren aber werde ich es nicht, denn als ich noch überlegte und mich ärgerte niemals einen Agentenfilm gesehen zu haben, erhob der Mann sich, nahm den Koffer in die rechte Hand, rückte den Hut ganz unnötigerweise zu Recht, stieg aus und als die Bahn wieder anfuhr, hatte ich ihn schon aus den Augen verloren.

Alte Fragen

IMG_0945 (1).jpgDer Himmel ist verwaschen und von einem milchigen Grau. Verabschiedet sind Familie samt Kinderschar, nur die Mali-Tant, Kater Mau, der ehemalige geschätzte Gefährte und ich bleiben zurück in Berlin. Seltsam still ist es auf einmal, so als sei nach einem heftigen Sturm das Fenster klappernd zugeschlagen. Die Mali-Tant, aber die bei sich in Wien-Döbling täglich ausführliche Spaziergänge unternimmt und überhaupt kein schlechtes Wetter kennt, steht schon im Lodenmantel an der Tür, da suchen der F. und ich noch nach den Schuhen. Unten auf der Straße wollen die Nachbarn natürlich mit der Mali-Tant, die schon seit vielen Jahren hierher zu Besuch kommt, ratschen und die 93-jährige Mali-Tant verblüfft die Nachbarn mit ihrer Gesundheit, denn die Mali-Tant obwohl Ärztin wie meine Großmutter hat die meisten Krankheiten mit einem: “ach geh”, zur Seite geschoben und behauptet noch mit 39 Fieber, dass man doch nicht wegen jeden “Wehwehchens gleich ein G’schrei” machen müsste. Endlich also sind die Nachbarn abgeschüttelt und wir laufen entlang der alten Häuser, die hier die Geschichte des aufstrebenden Bürgertums erzählen, die um 1900 hier Grundstücke kauften. Es waren Familien wie die des Vaters der Mali-Tant, die hier zu bauen begannen und so ist ein Spaziergang durch dieses Viertel auch immer eine Reise zurück in die Kindheit der zierlichen Dame, die schnellen Schritts neben dem F. und mir herläuft. Schließlich aber verlassen wir die breite Straße und biegen in einen kleinen Schleichweg, aber der hinunter zum See führt, den einmal Leistikow malte, auch wenn er heute schemenhaft verborgen nichts von dessen Leuchten hat. Über uns rauschen die Kiefern und unter unseren Füßen knirscht märkischer Sand. Der F. hat die Hände tief in den Taschen vergraben. Im Krankenhaus sagt er und sieht auf den Boden, habe es einen Vorfall gegeben. Ein Patient habe, sobald er des F.’s ansichtig geworden sei, angefangen zu zetern: „Deutsche Ärzte für deutsche Krankenhäuser“ sei noch das Harmloseste gewesen und dann habe der Mann lauthals begonnen zu krakeelen, dass er sich beschweren werde, über die Zustände hier, „denn der Araber da“, damit meinte er den F. hätte neben einem gefälschten Pass doch gefälschte Zeugnisse und sollten endlich wieder abhauen. Dann schrie er weitere Obszönitäten, die darin endeten, dass solche wie der F. den einstmaligen Weltruf deutscher Kliniken zu Schanden gerichtet hätten. Immer noch nicht erstickt an Wut und Ekel schrie der Mann nach dem Oberarzt. „Der bin ich“, sagte der F. und klärte den Mann über die vortags verlaufene Operation auf. Schon gestern war der Mann dadurch aufgefallen, dass er die polnische Krankenschwester ebenso übel verfluchte wie dann den F.

„Weißt du noch?“ fragt der F. dort unten am Ufer des Sees und dreht sich zu mir. Natürlich weiß ich es noch. Damals in Göttingen, frisch promoviert, beschwerten sich Patienten, die gern Medizintouristen genannt werden, dass da ein Arzt mit Kippa auf dem Kopf zur Visite erschien. Sie wollten nicht von einem Juden behandelt werden. Der Chefarzt nahm damals den F. ins Gebet: „Junger Mann, verstehen Sie doch, er persönlich hätte nichts gegen das Hütchen da auf seinem Kopf, aber die Patienten gingen eben vor.“ Nehmen Sie doch Vernunft an. Der F. nahm Vernunft an und wechselte nach Berlin.

Da stehen wir also, am Ufer an einem grauen und mürben Dezembertag, wir drei Juden, und sehen uns an. Der F. zuckt mit den Schultern. “Man wird darüber lachen müssen”, sagt er und die Mali-Tant zieht seine Hand aus der Manteltasche und hält sie ganz fest. Hält sie noch immer als wir schließlich zurücklaufen, an den stattlichen Häusern vorbei, die noch immer groß und schön unter nicht minder imposanten Bäumen stehen. Hier, wo die deutschen Juden einmal glaubten, sie dürften Deutsche sein, laufen auch wir und die Frage warum das nicht geht, warum noch immer die Wut, das Gebrüll und die Verachtung derjenigen, gegenüber denjenigen die nicht in den Grenzen Deutschlands von 1937 geboren sind, so groß ist, geht uns noch immer hinterher.

Kaum zurück Zuhaus, geht das Telefon und der F. fährt in die Klinik. Still, denn es ist ein stummer Tag sehen die Mali-Tant und ich hinaus in das matte Blau des Himmels.

Eine große Liebe

Das Nichtenkind zieht meine Augenlider nach oben: „Du bist wach“ sagt sie. Es ist halb sechs sagt der Wecker und auf meinem Brustkorb kniet ein kleines Mädchen im Schlafanzug, darüber trägt es ein lila Tutu und natürlich dürfen die obligatorischen Feenflügel nicht fehlen. In der Hand hält sie den alten Bären, den ich ihr, als sie geboren wurde ans Kopfkissen setzte. Auf ihrem Kopf etwas schief eine golden-glänzende Krone. „Was wollen wir machen?“, frage ich die kleine Königin. „Zeig mir das Buch“ sagt sie und ich gähne, greife nach dem Morgenmantel und ziehe das große, schwere Buch, das eigentlich ein Ausstellungskatalog über die Tudors ist aus dem Regal. Wir besehen Elisabeth I und ich darf nur sehr, sehr langsam blättern und soll zu jedem Bild eine Geschichte erzählen. Zum Glück bekommen auch kleine Königinnen irgendwann einmal Appetit. Das Nichtenkind frühstückt Honigsemmeln und Kakao. Auch Bär, ihr Kanzler bekommt ein Gedeck. Schließlich taucht auch Kater Mau in der Küchentür auf und macht große Augen. Als Palastköchin sollen auch die Katzen nicht darben und so schleckt Mau Milch von einer Untertasse mit Goldrand. Im Badezimmerspiegel übt die kleine Königin den Herrschaftsgestus Elisabeths. Ernsthaft und hochkonzentriert. Es staunen Bär, Kater Mau und ich.

Im Wohnzimmer knien der Neffe und die beiden großen Nichten, neben F. auf dem Boden. Um sie herum ein Meer von Legosteinen. Die Mali-Tant thront im Sessel und macht der kleinen Königin eine elegante Frisur: „Geh fesch bist Du, viel schöner wie die Sissi.“ Schwesterchen will Chia-Brei, der Schwager lieber Porridge, F. und alle anderen ein Ei und gebratene Tomaten. Die Mali-Tant dann auch. Die Palastköchin serviert Frühstück ohne auf einem Legostein auszugleiten. Die Lego-Bauer essen hastig und kehren sogleich an ihre Baustelle zurück, die in etwa den Umfang des Assuan-Staudamms erreicht hat. Was genau das Bauwerk auf dem Boden einmal sein mag, kann ich nicht sagen. Es ist weder Polizeistation noch Ritterburg, sondern ein seltsames Gerät aus dem mir gänzlich fremden Star Wars Kosmos. Auf dem Bild sieht es aus wie eine sehr große, fahrende Suppenschüssel. Für diese Bemerkung ernte ich entsetzte Blicke. Der Neffe teilt die Lego Sklaven Bauer in kleinere Arbeitsgruppen ein. Die Mali-Tant feuert an. Die Königin malt lieber an einer Schlossparkskizze, ich reiche dann und wann Erfrischungen und halte Kater Mau ab, die Baustelle zu stürmen. Mau ist beleidigt. Vorwurfsvoll mauzend liegt er auf der Fensterbank und lässt eine Pfote zornig gegen die Fensterscheibe knallen. Von der Mali-Tant lasse ich mir Großmuttergeschichten erzählen. Für einen schönen langen Moment bin ich noch einmal acht Jahre alt. Dann bricht Mau aus der Küche aus und stürmt entschlossen den Steineberg. Aufregung. Geheul. Geschrei. Nur die kleine Königin vertieft ins Zwiegespräch mit Kanzler Bär ist unbeeindruckt vom Tumult und der erneuten Exilierung Kater Maus’.

Am Nachmittag gehen Schwesterchen und Kinderschar zum Besuch von Freunden. Ich lege mich vor der Nachtschicht noch einmal hin. Die Mali-Tant tut es mir gleich und selig schlafen wir beide. Kater Mau allein liegt grimmig im Arbeitszimmer und hadert mit dem Schicksal. Später längst wieder wach und Latkes bratend erzählt mir Schwesterchen vom Ausflug. Der Bub der Familie nämlich ob nun überfordert von Festlichkeit oder nur im Schokoladenkoma lag heulkreischend vor dem imposanten Tannenbaum und tobte. Die umstehenden Geschwister, Familie und eben auch Schwesterchen nebst Kindern war nun hineingeworfen in einer jener Szenen, die Weihnachten zu Katastrophen werden lassen, weil sie wohl nur schlecht ins Selbstbild feiner Festlichkeit zu passen scheinen. Der Bub also rollte sich auf dem Boden kreischte und schrie und heulte. Die Mutter peinlich berührt, der Vater hilflos, die Geschwister hämisch und die Gäste zu Eis erstarrt. Plötzlich aber tritt eine kleine Königin vor. Nicht mehr im Schlafanzug, sondern in voller Montur: ein grellpinkes Rüschenkleid, blinkende lila Schuhe, natürlich die goldene Krone und die geliebten Feenflügel. Fest in einer Hand natürlich Kanzler Bär. Die kleine Königin also setzt sich neben den Buben und tippt ihm auf die Schulter. „Du” sagt sie, willst du nicht lieber mit mir spielen?“ Der Bub, so meine Schwester drehte sich auf den Rücken und sah die kleine, glitzernde Königin. Dann rappelte er sich auf und das Nichtenkind stellte ihm Bär vor. Einträchtig verzogen sich die Kinder und die Erwachsenen, so die Königin später zu mir, redeten sehr langweilige Erwachsendinge. Von der Nachtschicht heute früh zurückgekehrt, liegt die kleine Königin in meinem Bett. Sehr vorsichtig nehme ich die Krone von ihrem Kopf und sehe erst dann den Teller mit Marzipankartoffeln und Latkes auf dem Bücherstapel stehen: Du sollst nicht hungrik ins Bett, steht da drauf. Die königliche Notiz ist natürlich auf einem pinken Papier geschrieben. Sehr vorsichtig ziehe ich die kleine Königin in meine Arme, Bär der Kanzler sitzt auf dem Kopfkissen und am Fußende zusammengerollt, schläft Mau, inzwischen trägt er eine rosa Schleife und neben ihm liegen mehrere erjagte Legosteine. Die kleine Königin schläft tief und fest.

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Der treue Kanzler Bär in Diensten der kleinen Königin.

 

Weihnukka

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Um fünf Uhr in der Früh angelt das Fräulein Read On nach den Pantoffeln. Um 5.10 Uhr stellt das Fräulein Read On fest, dass das Huhn nicht in den Suppentopf passt. Um 5.25 köchelt das Huhn in einem eisernen Zuber, welcher schon um 1512 Landsknechtsheere versorgt haben mag. Nicht weniger später nämlich besteigt am Wiener Westbahnhof die Mali-Tant gemeinsam mit der Siamkatze Mau im Korb den Zug nach Berlin. Das Fräulein schält acht Kilo Kartoffeln für die abendliche Latkesproduktion. Das Fräulein Read On hackt Gemüse und richtet Obstspieße für die Kinderschar, die am liebsten nur Nudeln mit Butter mag. Um acht Uhr seufzt das Fräulein Read On und um Neun kühlen 300 Florentiner Kekse auf dem Balkon. Das Fräulein gähnt und deckt den Tisch. Das Ungeheuer von Chanukkia ( eine Selbstanfertigung von Onkel A. ), mit dem man problemlos eine Horde Einbrecher niederschlagen könnte, ist schwärzlich angelaufen. Das Fräulein googelt: Chanukka Leuchter selber machen. Die Ergebnisse lassen Onkel A. als geschmackvollen Künstler erscheinen. Eine Stunde später hat das Fräulein pechschwarze Hände und der Leuchter sieht aus wie mit Rostschutzfarbe gestrichen. „Im Dunkeln fällt das nicht weiter auf“, sagt der ehemalige, geschätzte Gefährte der F., der aus der Klinik nach Hause kommt, um steinschwer ins Bett zu fallen. Das Fräulein setzt Krapfenteig an und backt, einmal die Hände im Mehl noch einmal Vanillekipferln und dann noch Engelsaugen, die Schwesterchen doch so liebt. Die Mali-Tant steigt in Würzburg um und das Fräulein sucht hektisch die Liederhefte. Denn im letzten Jahr stimmte die Nichte: „Alle meine Entchen an“, als sie bei Yemei Ha Chanukka nicht weiterwusste. Zum Glück sind die gängigen Shabbes-Lieder in „Yehuda und Raizels“ Hochzeitsbuch abgedruckt. Dann klingelt das Telefon. Es ist die D. Die D. beschwert sich bitterlich über den goyishe Unsinn zu Chanukka Kekse zu backen. Ich richte derweil für die abendlichen Gäste bunte Teller an auf denen sich Marzipan, bunte Kringel, Orangen, ein Dreidel und Gelt ( goldene Schokoladenmünzen) mit Tannenzapfen Nikoläusen und vielfachen Sorten Plätzchen türmen. Die D. hält derweil einen Vortrag über den Niedergang frummen Lebens und schimpft auf den Rabbi der alles schleifen liesse. Ich hänge die roten Kugeln neben die Glaskugeln, die ich von meiner Großmutter erbte und verabschiede mich wortreich von der D. Mit rasender Geschwindigkeit nähern sich die Mali-Tant und Kater Mau Berlin. Ich rase zurück in die Küche und wirble dort wie der tanzende Derwisch. Abwasch und mit einer Hand in der Zitronencreme rühren, natürlich klemme ich mir die Finger in der Küchenschublade und als ich nach dem Leukoplast fummle, kocht die Zitronencreme fast über, aber neben Schnittwunden fallen Brandblasen ohnehin kaum auf. Ich mache Pasteten und Weihnukka wäre nicht Weihnukka gäbe es nicht den Kartoffelsalat, den schon mein Urgroßvater machte und den Rote-Bete-Salat mit Walnüssen für den meine Großmutter, die Chanukka nicht schreiben konnte und in der Küche zum Weihnachtsoratorium das Dressing rührte, selbst bei den frummsten der frummen Familien in Jerusalem, über den grünen Klee gepriesen wurde. Denn Onkel A. entlockte ihr in einer schwachen Stunde einmal das Rezept. Schneller und schneller aber rennt die Uhr und noch immer ist die Linzer Nusstorte nicht aus der Form. Fluchend und leicht hektisch hantiere ich mit Schiebern und Messern, finde den Topflappen nicht, stoße hektisch gegen den Abfallkübel mit seinem Everest aus Kartoffelschalen, vergesse, dass die Form doch heiß aus dem Ofen kommt, versuche mit dem Schürzenzipfel nach der Form zu greifen, glitsche auf den Kartoffelschalen aus, reiße dabei die Schüssel mit der Zitronencreme nach unten und mit Nusstorte auf dem Schoß und Zitronencreme im Dekolleté, sehe ich wie mir der Topflappen aus der hinteren Hosentasche rutscht. Ich zähle bis zwanzig bevor ich fluche. Die Nusstorte ist gerettet, die Zitronencreme muss neu gemacht werden, aber der Wecker verkündet die Ankunft der Mali-Tant in vierzig Minuten, die des Schwesterchens, Kindern, der C. und meines Vaters, und den alten Auschwitzer-Kreis für nicht viel später und so stürmen wir zum Auto, mit rauchenden Reifen halten wir kurz vor knapp vor dem Hauptbahnhof. Die Koffer der Mali-Tant tragen zwei schöne Epheben ( schön, aber einfältig wird die Mali-Tant im Auto sagen ), der F. bekommt den fauchenden Kater Mau im Korb überreicht und dann küsst die Mali-Tant mich zweimal rechts und links bevor sie den F. und mich kritisch mustert: „Geh Mädi, heuer ist aber Chanukka und nicht Purim, ja?“

Das Fräulein Read On nämlich trägt die Küchenschürze noch über dem Mantel und der F. nichts weiter als seinen zerknitterten, grünen OP-Kittel. Das Fräulein hält einen Kochlöffel ( die Zitronencreme ) in der Hand und die Mali-Tant lacht aus ganzem Herzen. Wer also glaubt, dass der Antisemitismus, das größte jüdische Problem sei, der hat noch nie Chanukka, Shabbat und Weihnachten auf ein und denselben Tag fallen sehen.

A freiliche Chanukka!

Fröhliche Weihnachten Ihnen allen!

Lange Schatten

Früh am Morgen noch einmal am Fenster. Zum letzten Mal in diesem Jahr. Unsichtbar liegt links vom Fenster die See. Nur der Wind zerrt an den alten Fensterrahmen. Ein Schatten nur St. Silvester. Kirche und Pfarrhaus liegen im Dunkeln. Auf dem Sessel und halb verbogen unter dem bunten Plaid liegt schlafend die Katze. Der Tierarzt auch er und noch mehr als am Tage ein schmaler Schatten im Bett. Leise fahre ich ihm mit dem Finger über die Wange. Dann schlägt der Schatten die Augen auf. Noch einmal pfeift der Teekessel und ich nehme die schöne, silberne Teedose aus Odessa aus dem Regal. Zwei großzügige Teelöffel voll Zucker schütte ich dem Tierarzt in die Tasse. Für einmal sagt der Tierarzt nichts. Ich schweige mich lieber über die Flaschen voll hochkalorischer Flüssignahrung in seinen Taschen aus, die ich dort hineinschmuggelte. Denn morgen fahren Tierarzt und Katze zur Schwester nach Kerry, die im vorherigen Jahr befand, vom Bruder ließe sich vor allem das Abnehmen lernen. Auf dem Flughafen angekommen, ist es noch immer nicht hell. Auf bald sage ich und der Tierarzt oder sein Schatten zieht mich noch einmal zu sich heran. „Komm zurück”, sagt der Tierarzt. Ich nicke.

Im Flugzeug nach Berlin sitze ich inmitten polnischer Familien. Neben mir eine Mutter mit ihrem Buben. Die polnischen Mütter haben alles dabei. Schokoladenwaffeln, Trinkpäckchen, kreischendes Spielzeug, Taschentücher und während ihre Männer schweigend neben ihnen sitzen, verhindern die Mütter, dass Bruderfehden entbrennen, einer Prinzessin der Haarreif entwunden und alle Mützen verloren gehen. Ein deutscher Bube, von schräg gegenüber, ganz offensichtlich Sohn von Eltern, die alles richtig machen wollen, kaut missmutig auf einer Reiswaffel und betrachtet das pädagogisch, wertvolle Spielzeug in seiner Hand mit großem Widerwillen. Aber auf die polnischen Mütter ist natürlich Verlass. Schon werden Schokoladenwaffeln und Kekse durch die Reihen gereicht und wenig später sind Plätze getauscht und die Prinzessin weiht den Buben in die Geheimnisse des kreischenden Spielzeuges ein. Ich tausche mit der polnischen Mutter neben mir einen Bounty Riegel gegen ein formidables Käsebrot. „Berlin?“ sagt die Frau? Ich nicke und Sie? Die Frau, die sehr, sehr gut aussieht, ungefähr so wie die junge Kate Moss, seufzt. Ein kleines Dorf bei Poznan sagt sie und schüttelt den Kopf. Von Berlin aus geht es mit dem Bus weiter und dann steht mein Vater an der Bushaltestelle und wir fahren noch eine Stunde bis nach Hause. „Oh, sage ich, das ist noch weit.” Die Frau lächelt und nickt. Wir sprechen über den Anschlag in Berlin und entsetzt schüttelt sie den Kopf. „Sonst, sagt sie und es klingt bitter genug, sind die Polen immer die Verbrecher.“ Entsetzt genug muss ich sie angesehen haben. Aber sie gibt nicht nach. Sieben Jahre in Deutschland sagt sie und dann sagt sie all das was man in Deutschland eben so sagt über Polen. Meine Erwiderungsversuche sind hilflos genug. Abrupt fragt sie mich, ob ich schon einmal in Polen gewesen wäre. Noch immer habe ich auf diese Frage keine passende Antwort. Zögernd sehe ich sie an. “Ich bin in Auschwitz gewesen” sage ich und sie sieht mich immer noch an, “mit meiner Großmutter” sage ich und dann kann ich nichts mehr sagen. Endlich müssen Kinder, Tüten und Mützen sortiert werden, als wir uns verabschieden, zieht mich meine schöne Nachbarin in die Arme. „Kommen Sie gut an“, sagt sie, „kommen Sie gut nach Hause“, sage ich.

Zurück in Berlin. Vor dem Fenster kein Meer, dafür rauschen die Kiefern und der Kirchturm am anderen Ende der Rehwiese hat fast die gleiche Spitze wie St. Silvester im irischen Dorf. Die Hortensien auf dem Fensterbrett sind lange vertrocknet und die Blüten, die Blüten fallen auf die Dielen. Auf der Holzbank im Garten sitzen die Amseln. Alle Bäume sind kahl und nur am Birnbaum funkeln Eiskristalle. Der gefrorene, ausgeblichene Rasen knirscht unter meinen Schritten und schon gibt das Licht wieder nach. Die Nachbarn winken und ich bewundere, den schönen, gelben Herrnhuter Stern an ihrem Fenster. Aus dem Briefkasten, drei Stapel: wichtig, vielleicht und ungeöffnet wegzuwerfen. Der Brief auf den ich warte, kommt ohnehin nicht. Ein anderer Brief, der an A. in der Ukraine, geschrieben vor zwei Jahren zum ersten Mal, dann in kürzeren und drängenderen Abständen, wiederholt, entlang von Jahreszeiten, Tages- und manchmal auch Uhrzeiten bleibt weiter unbeantwortet. Die Telefonnummer in der Kiewer Wohnung ist seit zwei Jahren schon still. Anderen in den Mund gelegte Botschaften, ergaben manchmal Schatten, kleinere oder größere und einmal sogar fast etwas wie Hoffnung, aber eben nie eine Antwort von A. Es gibt in der Ukraine, so habe ich gelernt, in den letzten zwei Jahren kein Anrecht auf Auskunft, schon gar nicht über einen Dichter, namens A., der hoffte sich des Krieges mit Worten zu erwehren. Seit zwei Jahren schon, wirft der Briefkasten, lange und längere Schatten. Am Fenster, noch einmal Tee, hier am Rand der großen Stadt ist es fast so still und so dunkel wie im kleinen, irischen Dorf. Im Fenster spiegelt sich der Sessel, auch hier ein buntes Plaid obenauf, aber keine schlafende Katze und der Schatten, ist auch nur der ganz, gewöhnliche Schatten und nicht der verschwindend, magere Tierarzt, der im Türrahmen lehnt.