Zu Besuch bei Sigmund und Anna Freud in Hampstead.

Am Nachmittag fahre ich nach Hampstead hinaus. Immer wieder habe ich mir das schon vorgenommen und immer wieder kam etwas dazwischen, aber diesmal nicht. In Hampstead tragen die Männer hellblaue Leinenhemden und kaufen Lotus und Pak Choi auf dem Markt. Die Kinder rollern die Straßen hinunter und die Frauen trinken sehr gesunde Säfte und winken Männern wie Kindern zu. Ich aber gehe schon weiter, schnaufe eine steile Straße hinauf und zähle die Hausnummern herunter, aber das Haus welches ich suche, braucht keine Hausnummer, sondern hat eine blaue Plakette. 20 Maresfield Garden. Roter Stein und pinke Kletterrosen.

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Sigmund und Anna Freud in Hampstead

Hier hinein nämlich, in die sonnige Straße, rettete sich Sigmund Freund und hier lebte für lange Jahrzehnte seine Tochter Anne. Der Boden knarrt, betritt man das Haus und dann ist man ganz allein mit Sigmund Freud. Damals im 1938er Jahr da war Sigmund Freud 81 Jahre alt und die Wiener Berggasse verdunkelte sich mehr und mehr, denn die Nazis sie traten schon die Türen ein und mit dem 12. März 1938 schlossen sich die Türen der Freiheit für lange Jahre. Eine Berühmtheit war jener Sigmund Freund da schon lange, nicht nur der Begründer der Psychoanalyse, sondern ihre Verkörperung selbst. Aber Sigmund Freud war eben auch Jude und das wird einem nie verziehen, schon gar nicht im 1938er Jahr und Freud, der nicht glauben wollte, was sich da unten auf der Berggasse und in der ganzen, großen Stadt Wien abspielte, musste es glauben, als die Gestapo schließlich seine Tochter Anna verhaftete. Freud, der doch Träume sammelte, fand sich in einem nimmer endenden Alptraum wieder. Max Schur, Freund und Hausarzt hatte sie mit einer tödlichen Dosis, Gift versorgt, denn obwohl nach 1945 keiner wissen wollte, was sich in deutschen Konzentrationslagern abgespielt hatte, machte sich niemand im 1938iger Jahr noch Illusionen. Sigmund Freud, der sich um Anna sorgte stimmte der Ausreise zu, dieser aber ging ein diplomatisches Tauziehen voraus und ohne das unermüdliche Insistieren englischer und amerikanischer Botschaften wäre die Flucht wohl kaum gelungen. 32.000 Mark zahlt Freud mit Hilfe seiner betuchten Freundin Marie Bonaparte als ‚Reichsfluchtsteuer‘ und kurz bevor der rettende Zug Wien verlässt, steht wieder einmal die Gestapo vor der Tür. Die Herren wollen sich bestätigen lassen, dass Familie Freud keinen Groll im Herzen gegen die neuen Herren trüge. Freud schrieb: „Ich kann die Gestapo jedermann nur auf das Beste empfehlen.“ Natürlich haben sie es nicht bemerkt.Drei Waggons für ein ganzes Leben. Die Bibliothek konnte nur als Bruchstück mitgenommen werden, dafür der Schreibtisch und all die G*tter die auf jenem wohnen und die heute im angedunkelten Zimmer in Hampstead überirdisch und gelassen ihrer eigenen Wege gehen. Hell ist das Haus und lichtgeschwängert, weiße Geländer und bunte Teppiche liegen auf dem Boden. Natürlich steht die Couch, dieses Sofa, in dem sich die Geschichten eingegraben haben, im Arbeitszimmer. Ein Kissen mit verblichener hebräischer Schrift, eine schwere teppichartige Decke und ein Stich an der Wand, das Freud mit seinem Lehrer Charcot in Paris zeigt. Am Kopfende des Sofas steht ein bescheidener Sessel. Zuhören ist anstrengende Arbeit, sagt der Stuhl.

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Das Sofa aller Sofas.

Aber vor allem die Geschichten, die Träume, die Ängste, die Wünsche und die vielen Leben, die hier versuchten sich an das zu erinnern, was in der repressiven Wiener Luft, in der selbst der alte Kaiser kaum atmen keinen Platz haben sollte. Bis zu 10 Stunden heißt es, soll Freud den Patienten zugehört haben. Vor dem Schreibtisch der maßgefertigte Stuhl, denn Freud war ein liegender Leser und vor allem auch ein begabter Zuhörer. Alles in diesem Arbeitszimmer wispert eine Geschichte, mag sie auch noch so abgebrochen sein, noch immer sind alle Geschichten hier sorgsam behütet und aufbewahrt.

Im Oberstock des Hauses aber sind die G*tter nicht ganz so zahlreich, denn hier geht es um Anna, die praktisch, pragmatisch und lebensklug hier lebte und arbeitete, viele Jahre lang nach dem Tod ihres Vaters. Am meisten beeindrucken mich ihre robusten Wanderstiefel, die genau so aussehen als könnte man in ihnen problemlos, einmal die ganze Welt umrunden, ohne auch nur eine einzige wehe Stelle am Fuß zu haben. Aber Anna war nicht nur Sigmund Freud’s Tochter. Weit gefehlt Anna Freud war begabte und begeisterte Psychologin, streitbar und spezialisiert auf die Analyse von Kindern und Jugendlichen. Gemeinsam mit ihrer Lebensgefährtin Dorothy Burlingham gründete sie die Hampstead Nursery und kümmerte sich während des Krieges um Waisen und Kinder in Not. Auf einer Photographie beugt sie sich über ein Gitterbettchen und lacht dem Kind zu, aber nicht auf so eine schrill-überdrehte Weise, wie sie Erwachsenen so oft eigen ist, mit ihrem Dutzitzidu—-sondern ein wissendes, ein mitnehmendes, ein so ernstliches Lachen, dass man nicht genug staunen kann über jene Anna Freud, die mit einer Selbstverständlichkeit genagelte Schuhe trug und eine Frau nicht nur küsste, sondern auch mit ihr lebte. Auf allen Fotos schein sie genau das gerade sagen zu wollen: „So ist das nun einmal. Nun aber weiter zu anderen, ernsthafteren Dingen. Still staunt der Besucher und kann sich nur schwer losreißen, vom hellen Zimmer und der starken Anna.

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Im Garten

Das Museum ist ein sehr offenes Haus, wie seine Bewohner es gewesen sein mussten, mit der Freiheit die im Denken liegt und so stört sich niemand daran, als ich mich in den sonnigen Garten setze und in die rauschenden Bäume sehe, hier im Freud Museum in Hampstead sind Besucher wirklich willkommen. Bevor ich schließlich im Sonnenschein einschlafen kann, gehe ich noch einmal in die Diele, über die man das Haus betritt zurück. Dort in einem Glaskastel hängt der Mantel mit dem Freud Wien verließ, neben seiner Brille und dem Menü der Hochzeit mit Martha Bernays. Der Biesenmantel ist weder grün, noch grau oder braun, sondern ein starres Stück Stoff mit runden, dicken Knöpfen und scharf geschnittenem Kragen. Ein Stück Mantel, das auch ein Panzer ist, eine Hülle gegen die feindliche Welt, eine borstige Außenhaut, um das Innen des 1938iger Jahres irgednwie doch noch heraus zu retten, aus den Untiefen jener Jahre. Mit einem solchen Mantel, der einem die Wange zerkratzt, mit einem solchen Mantel rettet man wenn alles gut geht, die eigene Haut. Ich kenne den Mantel gut, denn es ist der gleiche Mantel der im Kleiderschrank meiner Großmutter hing. Es war der erste Mantel, den sie in einem DP Camp bekam, der erste Mantel nach Auschwitz. Meine Großmutter hat den Mantel ein ganzes Leben lang behalten, im Kragen des Mantels eingenäht der Name einer Frau, die sehr wahrscheinlich deportiert wurde. Die Adresse lautete Berggasse 4. Die eigene Haut retten gelingt nur selten ganz. Das kann man lernen, wenn man an einem Samstagnachmittag nach Hampstead in das Wohnhaus von Sigmund und Anna Freud fährt.

 
Freud Museum London, 20 Marshfield Gardens, Hampstead, London, Öffnungszeiten: Mittwoch bis Sonntag, 12-17 Uhr, Eintritt: 8 ermäßigt 4 Pfund, Tube: Finchley Road

( Wie immer gilt: Selbstbezahlt, Selbstgeknipst und Selbstgeschrieben ist es auch.)
 

 

Ein unendlicher Sommer

IMG_2300.jpgDie Juninächte in Kensington sind noch immer mild und regnerisch zugleich. Der Mond hängt tief über den Dächern und noch immer sind die Häuser so herrschaftlich wie englisch treu. Die Bäume der Straße sind eine Geschichte des Empires für sich. Die Bewohner der Häuser lächeln leise und nur manchmal öffnet sich ein Tor und ein Auto fährt fast geräuschlos davon.

Fast immer ist noch alles genau so, wie in jenem Sommer vor vielen Jahren, als der D. und ich, das Haus seiner Eltern hüteten. Auch jener Sommer begann mit einem Vollmond und dicken Regentropfen. Der D. küsste mich unter einem Frangipani-Baum und wir sprachen nicht davon, dass die neue Freundin seines Vaters, mit dem Lieblingskleid seiner toten Mutter in der Stadt spazieren ging und vermutlich auch im Koffer den sie mit in den Urlaub nahm mehr als eines ihrer Kleider eingepackt hatte. Wir winkten dem Bentley bis er um die Ecke bog. Dann küssten wir uns und später saßen wir auf den Steinen, die das Bassin mit den Seerosen umschlossen. Wir wären gern aufgestanden, denn der Regen wurde heftiger und schon klebte uns die Kleidung an den Knochen. Aber wir waren wie festgewachsen, die Seerosen leuchteten weiß und schwer zu unseren Füßen. Später habe ich zähneklappernd in der großen, schwarzen Badewanne gelegen und in den Regen hinausgesehen. Der D. saß auf der Fensterbank und wir beide schwiegen, der Regen war ja laut genug. An einem anderen Abend da sprang die G., in einem goldenen Paillettenkleid, das ungefähr so viel gekostet hatte, wie ich damals in einem Jahr verdiente in den Pool, als eine goldene Nixe tauchte sie wieder auf. Schon damals ging die G. niemals einer Wette aus dem weg und als der betrunkene F2 seinen Siegelring in den Swimmingpool warf, war sie die erste, die wettete diesen auch in goldenem Kleid und goldenen, hochhackigen Sandalen herausholen zu können und natürlich die G. ihr Versprechen eingelöst. Getanzt haben wir in diesem Sommer als ob es um unser Leben ginge und vielleicht ging es das ja auch. Alte Platten in dunkel getäfelten Wohnzimmern mit Tischen an denen ohne Mühe die Queen samt Hofstaat beköstigt werden könnte und wer weiß, vielleicht kommt sie noch immer in eines jener Häuser zum Tee. Wir aber drehten uns nächtelang zur kratzenden Nadel der Plattenspieler und verliebten uns wechselseitig ineinander und trennten uns zwischen Atempausen. Obwohl es uns doch vor allem an Atem fehlte. Vielleicht zogen wir deshalb auch durch die Gärten. Lampions und kalter Wein. Mit dem D. ganz oben auf einem Dachfirst balancieren. Mit geschlossenen Augen und eng verschränkten Händen. Der D. drehte die Bilder seines Vaters um und ich hängte weiße Lampions im Garten auf. Die G. trug ein feuerrotes Kleid in jener Nacht und wir alle hörten erst ihr Lachen und dann spät in der Nacht, die Kerzen in den Lampions schimmerten nur schwach ein leises Platschen und plötzlich schwamm die G. stumm und still im Bassin und verschwand fast ganz in den Seerosen. Ophelia dachte ich und der D. sprang ins Wasser und zog sie heraus. Ophelia sagte sie und wir nickten, denn auch wir wollten mit dem Leben im eigentlichen Sinne nichts zu tun haben. Irgendwann war die G. wieder warm und trocken. Vielleicht war daran auch der 200 Jahre alte Brandy schuld und der D. wickelte die G. in einen Bademantel seiner Mutter. Manchmal verschwand der D. für Tage und manchmal war er nicht zurück, wenn es schon dunkel. Es dauerte ein paar Tage bis ich herausfand, wo der Friedhof war und der D. lag auf dem Grab seiner Mutter, verdeckt und kaum zu erkenne, zwischen all dem Efeu und den weißen Lilien, die ein Gärtner brachte. Ich zog den D. an beiden Händen wieder in die Welt zurück. Wie zwei Schlafwandler taumelten wir zurück und der D. hatte kalte Hände. Der Sommer aber , jener Sommer war warm und wir glaubten, dieser Sommer müsste reichen für ein ganzes Leben. Vielleicht ist das ja wahr. Am Ende des Sommers kehrte der Vater des D. schließlich zurück. Da hatten wir die die Sachen seiner Mutter schon in das Haus, in das er schließlich ziehen würde, gebracht. Sein Vater sagte nichts zu den leeren Schränken und schwieg über die geleerten Flaschen. Der D. fuhr auf zwei Jahre ins ewige Eis. Die G. packte eine leichte Tasche und eines Tages lag eine Karte aus Los Angeles in meinem Briefkasten. Es würden viele Sommer vergehen, bis ich sie schließlich wiederträfe. Ein jadegrünes Kleid trug sie am Flughafen und ich sah sie sofort. Ich aber begann nach jenem Sommer zu studieren und über meinem Schreibtisch hängt noch immer ein Bild von D. und seiner Mutter. Nach Kensington bin ich für viele Jahre nie wieder zurückgekehrt, bis zu dieser Woche. Auch in dieser Woche ist Sommer, aber niemand trägt ein goldenes Kleid und auch den Bentley habe ich nicht gesehen. Dazu habe ich zu viel gearbeitet und kaum aus dem Fenster gesehen. Drei Tage, dreimal 18 Stunden und doch als endlich alles erledigt ist, laufe ich durch die regenschwere Nacht, über den Kaminen steht der Mond und laufe die Straße hinunter. Das Haus des D. liegt dunkel in der Nacht. Nur hinter einem Vorhang schimmert ein kleines Licht. Aber der Frangipani Baum steht noch immer an gleicher Stelle und meine Hände finden unsere Namen. Eine ganze Weile lege ich meine Hände auf den Baumstamm und schließe die Augen. Dieser Sommer hört nicht auf zu sein, flüstere ich und denke an D. und G. Dann gehe ich zurück durch das stille Viertel. Schließlich fängt es an zu regnen, denn die Juninächte in Kensington sind noch immer mild und regnerisch zugleich.

Zwischen Hut und fliegendem Haar

Am späten Nachmittag fahre ich zurück zu Schwesterchen. Warm ist es und müde bin ich und so sehe ich das Paar erst als ich nach der Wasserflasche in der ewig großen Tasche suche und dann sehe ich sie doch. Ein Mann und ein Frau sitzen mir genau gegenüber. Anfang Dreißig vielleicht. Er trägt eine dunkelblaue Leinenhose, ein weißes Jackett mit marineblauer Krawatte, ein sorgfältig vernachlässigter Bart und auf dem Kopf ein Hut wie Humphrey Bogart. Seine Freundin hat ein luftiges Sommerkleid an: dunkelblau-grau und auf dem fliegenden Rock Blumenornamente, Lilien und Rosen und ich glaube auch Margariten. Auch sie trägt einen Hut, breitkrempig, wenn auch ohne Schleife. Hutgesichter wie Humphrey Bogart und Lauren Bacall haben sie beide nicht, aber sie beide sind Menschen, die einen Hut tragen, weil man eben ein Hut trägt, denn ganz sicher sind die beiden zu einem Sommerfest im Garten der Eltern oder Schwiegereltern eingeladen und sicher wäre es akzeptabler ohne Unterwäsche als ohne Hut zu erscheinen. Der Mann seufzt und sieht auf sein Telefon. Seine Freundin aber zieht sich mit langsamen Bewegungen die Lippen nach. Fuchsiarot. Ihr Freund will sie dabei auf die Nasenspitze küssen, aber das kommt nicht gut an, sondern sie dreht den Kopf hastig weg und schlägt ihm auf die Hand. Er wird rot. Ein Hut, aber das sage ich ihm nicht, reicht noch nicht um dort dazu zugehören, wo noch der bitterste Scheidungskrieg nicht anders als mit einer hochgezogenen Augenbraue begonnen wird. Unterdessen aber, die Frau besieht ihr Gesicht in einem kleinen Perlmuttspiegel, steigen zwei Frauen zu. Sie sind, es lässt sich nicht überhören Cousinen. Sie haben wasserstoffblonde Haare und einen Hut tragen sie nicht. Dafür hat die eine der Beiden, einen Overall mit aufgedruckten Ananassen an und die andere ein weißes Kleid mit pinken Blumen. Auch sie wollen zu einem Sommerfest und sie kichern aufgeregt, denn Overall und Kleid haben ein gewaltiges Dekolleté und die beiden Cousinen zupfen am Stoff herum und überlegen ob wohl John oder Jake sie zum Tanzen auffordert und mit dem Telefon machen sie Bilder und lustige Kussmünder dazu. Sie lachen und eine der beiden Cousinen knufft die andere in die Seite und ruft: „Ich freu mich so.“ Dann lachen die beiden Cousinen und versichern sich gegenseitig, dass John und Jake auf jeden Fall heute Abend geküsst werden müssen. Die Frau mit Hut aber, die inzwischen perfekt nachgezeichnete Lippen hat, sieht mit angewidertem Blick zu den beiden Frauen neben ihr hinüber. „Geschmeiss“, sagt ihr Blick und dann rümpft sie das porzellanfarbene Näschen um ihre Gemütslage erst noch zu unterstreichen. Dann beugt sie sich zu ihrem Freund vor und macht eine abschätzige Bemerkung, vermutlich über die hergezeigten Brüste oder die falsche Bräune auf den Beinen und ihr Freund, der doch eben noch versuchte ihre Nasenspitze zum Leben zu erwecken, nimmt den Faden auf und auch er versucht ein überheblich, herablassendes Kichern und hämisches Gackern, doch seine verzogene Augenbraue gelingt nur fast: zu fröhlich sind die Frauen, zu schön ihre Brüste und die Cousinen haben zu dem sehr lange Beine und bonbonfarbene Nägel. Die Frau mit Hut aber macht den Rücken steif und tupft sich einen Hauch Parfum hinter die Ohren. Ihr Blick bohrt sich in den Fußboden und die beiden Frauen eben ihr sind nicht einmal mehr Luft. Ihr Freund dreht den Hut in den Händen und will ihr etwas Witziges auf dem Telefon zeigen, doch sie verzieht nur ein ganz klein wenig die Oberlippe. Er küsst sie auf die Schulter und sie schnipst den Kuss auf den Fussboden da bleibt er liegen. Die beiden Cousinen stehen auf, zupfen sich spärlich Stoff zurück, wirbeln sich durch die Haare, kichern und stöckeln auf irrsinnig hohen Schuhen der U-Bahn Tür zu. Die Frau mit Hut kramt wieder in einem Täschchen. Ihr Freund sieht den beiden Cousinen ein bisschen zu lang hinterher. „Laufen Sie“, will ich ihm zurufen, laufen Sie, die beiden Frauen sind wunderbar. Die beiden Frauen mögen chinesische Glückssymbole auf dem Knöchel tragen, aber die beiden Frauen die kennen das leben und halten es trotzdem aus, und immer noch können sie lachen. Die Träume sind den beiden Cousinen noch nicht abhanden gekommen und die beiden Frauen können einen tropfenden Wasserhahn reparieren und Plastikfingernägel wieder ankleben. Diese Frauen tragen ihr Herz auf der Zunge und haben es nicht unter leeren Formeln begraben. Diese Frauen sind öfter ausgelacht worden, als wir beide zusammen und strahlen noch immer. Diese beiden Frauen sind lebenspraktisch und diese Frauen haben starke Hände, einen echten Rücken und gegen Windmühlen haben die beiden bestimmt schon mehr als einmal gekämpft. Aber schon schließen sich die Türen wieder und der Mann bleibt zurück, mit dem nun etwas zerknautschten Hut in den Händen. Sogleich rügt seine Freundin ihn und er setzt sich den Hut wieder auf. Sie sieht erleichtert auf und rümpft noch einmal die Nase. Wieder steht der Zug, wieder öffnen sich Türen, ihr Freund bekommt Schultertuch und Bolerojäckchen überreicht, sie steht auf und er geht ihr nach. Die Türen öffnen sich und auf dem Bahnhof steht eine Frau, dreißig Jahre älter als sie aber unverkennbar ihre Mutter. Die gleiche Haltung, und auch fast dasselbe Kleid. Sie küsst ihre Tochter auf die Wangen, ihr Freund erhält immerhin zwei Luftküsse und zwei weitere Taschen. Dann fährt der Zug weiter und ich mache noch einmal die Augen zu und höre von fern die beiden Cousinen laut und herzlich lachen.

Woanders ist es auch schön

Biographie ist ein Spiel und so ist Max Frisch auf einmal auch Filmstar. Wenn auch inkognito sozusagen.

Es gibt Nächte und dann gibt es diese Nächte, die niemals ganz vorübergehen.

Arundhati Roy hat ein neues Buch geschrieben. Mein indisches Herz klopft vorfreudig und sehr gespannt. Hier ein Interview, das sich zu lesen lohnt.

Schreiben Sie noch mit der Hand?

Greta sieht den Pflanzen beim Wachsen zu.

Dieses Blog möchte ich jeden Tag aufs Neue empfehlen. Fast jeden Tag lassen sich dort beunruhigende Sätze finden, die es in unruhigen Zeiten braucht.

Der Tierarzt weilt in Canada und so muss ich durch die Plattenkiste sehen. Caro Emerald singt nicht zu leicht und nicht zu schwer und auch wenn man zum Bahnhof rennt,kann man es noch mitsummen.

Sag Read On, was machst Du eigentlich den ganzen Tag?

Die verehrte Frau Brüllen fragt an jedem 5. des Monats was man so macht und da in Irland Feiertag ist, kann ich endlich einmal mitmachen. Voilà, ein Tag im Leben des seltsamen Fräuleins:

Um 6 Uhr in der Früh falle ich nachtschichtmüde kopfüber ins Bett. Ich träume von einem spitzem Metallkegel, der kopfüber mitten im Garten steht und den ich hartnäckigzu erklimmen versuche. Daraus aber wird nichts, denn der riesige Kegel ist so glatt, dass ich wieder und wieder abrutsche und in das nasse Gras falle. Gerade als mir im Traum die Idee kommt doch eine Leiter an den Kegel heranzustellen, macht es RUMMS. Schlagartig bin ich wach. Nachdem im letzten Jahr bei einem heftigen Sturm die Schindeln vom Dach flogen, fürchte ich beständige Wiederholung. Mit wirren Haaren, dicken Wollsocken, einem ausgeleierten T-Shirt und pinken Hosen bekleidet, stürze ich die Treppe hinunter und kreische: „Das Dach, das Dach!“ Doch das Dach zuckt nicht einmal mit der Wimper.
In der Küche treffe ich dafür auf den Tierarzt. Vor ihm liegt der Karton mit der Küchenmaschine, die auf dem Flurschrank lagert. „Mädchen“ sagt der Tierarzt erschrocken „habe ich dich geweckt?“ „Tierarzt“ sage ich, „dieser Rumms hat selbst Neptun und seinen Hofstaat geweckt.“ Der Tierarzt sieht unglücklich auf den Karton zu seinen Füßen. „Mädchen“ sagt er, „ich bin verzweifelt“. „Gleich“, sage ich „Tierarzt, erst muss ich Zähne putzen.“ Die Uhr zeigt Elf. Ich putze mir die Zähne und während ich meinem Spiegelbild die Zunge herausstrecke, erinnere ich mich, dass ich doch am Freitag Cottage Cheese und Ananas gekauft habe und dies ein formidables Frühstück abgäbe. Ich stecke meinem Spiegelbild etwas vergnügter die Zunge heraus und ziehe mir etwas an.

Zurück in der Küche sitzt der Tierarzt mit verzweifeltem Gesicht am Küchentisch und rauft sich die Haare. „Read On“ ruft er „du musst mir helfen.“ Sagt der Tierarzt Read On zu mir, muss etwas wirklich Schwerwiegendes vorgefallen sein. „Ich finde den Zettel nicht mehr“, klagt der Tierarzt. Der Tierarzt müssen Sie wissen hält übermorgen einen Vortrag in Toronto und schreibt seit Tagen schon fluchend an seinem Vortrag. Nun hatte der Tierarzt also während ich schlief, einen Geistesblitz, einen Einfall dergestalter Natur, dass er diesen Gedanken auf ein gelbes Post-It notiert habe, um diesen ja nicht wieder zu vergessen. Dann habe er die Katze gefüttert und den Hund gekrault und als er sich umdrehte sei der Zettel verschwunden gewesen. „Ach was“, sage ich, „ein Zettel verschwindet nicht einfach so.“ Der Tierarzt greint. Dann suchen wir. Ich sehe in den Toaster und in den Ofen, ich durchwühle den Kühlschrank und hebe alle Teppiche an, ich sehe in den Schmutzwäschekorb und in die Kleiderschränke, der Tierarzt hebt alle Blumentöpfe an und durchwühlt die Besteckschublade, ich sortiere alle vortragsvorbereitenden Papierhaufen auf dem Küchentisch, der Tierarzt schüttelt alle Kissen auf, doch auch um 12 Uhr 30 bleibt der Post-It Zettel spurlos verschwunden. Der Tierarzt greint etwas von Weltformel, die er Unglücksrabe auf diesem Zettel notiert habe. Ich seufze, denn ich würde sehr gern Cottage Cheese mit Ananas essen und Milchkaffee trinken. Aber es hilft ja nichts, ich nehme einen Tritt und durchwühle draußen im Garten die Papiertonne. In der Papiertonne sind jedoch sehr viele, gelbe Post-It’s zu finden, denn ich notiere unter der Woche sehr viele, sehr banale Dinge und leider nie die Weltformel auf den Klebezetteln und grabe mich durch „ Buch abholen“, „Brief D.“, „Eier, Zucker, Mehl“ und das gleich bergeweise. Gerade als ich nach einem zusammengeknüllten Zettel taste, muss die faulste aller Katzen, die ganze Nachmittage verschläft zwischen meine Beine springen, ich verliere den Halt und falle kopfüber in die Papiertonne. Die Papiertonne kracht mit einem lauten „RUMMS“ nach hinten und der Deckel der Papiertonne knallt mir mit Schwung auf den Kopf. Der Tierarzt kommt aus dem Haus gelaufen: „Hast du den Zettel?“ fragt er mich noch Atem holend. Ich zähle sehr langsam bis 30 bevor ich aus der Papiertonne herausklettere. „Liebling, sage ich, „ich schlage vor du gehst jetzt und zwar jetzt sofort zu Kälbchen, bevor ich etwas sage oder tue , was ich nicht heute, oder morgen aber vielleicht in zehn Jahren bereuen könnte.“ „Der Katze sage ich, „kannst du gern den Weg in den Garten zeigen.“ Der Tierarzt verlässt den Garten rückwärts. Als ich das Papier zurück in die Tonne geschaufelt habe, ist das Haus leer und sehr, sehr ruhig. Der Hund hat sich in den Oberstock verkrochen. Die Katze sitzt mit verdrossener Miene im Garten. Ich fülle einen Waschlappen mit Eiswürfeln und kühle mir die angehauene Nase und Oberlippe. Dann endlich Milchkaffee. Ich zähle noch vier Mal sehr langsam bis dreißig, dann lässt das hartnäckige Gefühl die Sachen des Tierarztes auf die Straße pfeffern zu wollen nach. Ich hebe ein Sofakissen auf und bis die Milch warm ist, spüle ich die Teetasse des Tierarztes aus. Unter der Teetasse klebt ein gelbes Post-It. Darauf stehen vier erratische Abkürzungen. Ich klebe den Zettel mit Tesa auf der Tischplatte fest, mit Milchkaffee und einem Marmeladenbrot krieche ich auf das Sofa, auf dem sonst die Katze residiert und schließe die Augen. So fühlt sich die Freiheit an. Dann rufe ich die C. an und lasse mich von ihr trösten. Es ist 14.00 Uhr und der Tierarzt klopft sehr vorsichtig an. „Mädchen, es tut mir so leid.“ Aber ich sage nichts, sondern schiebe sehr, sehr langsam, so wie die italienischen Mafiosi im Film, den Zettel zu ihm herüber. Der Tierarzt wird wirklich rot. Ich lege mich noch einmal hin und der Tierarzt bringt endlich diesen Vortrag zu Ende.
Dann packt der Tierarzt seinen Koffer. Ich sehe ihm zu und lese ein bisschen in Sally Rooney’s „Conversations with Friends“ herum. Zu meiner Überraschung ist mir das Buch ziemlich egal. Dann laden wir Koffer und Tasche in den treuen, alten Volvo und ich fahre den Tierarzt zum Flughafen. Der Tierarzt streicht sehr vorsichtig das Haar hinter meine Ohren als wir vor dem Check-in Schalter von British Airways stehen. „Mädchen“, sagt er „darf man dich denn küssen?“ Ich nicke und irgendwann pfeifen die Jugendlichen, die des Spracherwerbs wegen nach Spanien fahren. Der Tierarzt gibt seinen Koffer auf und ich fahre zurück aufs Dorf. Am Hafen sehe ich auf die Segelschiffe. Klabautermannwetter, denke ich und bete für das Dach. Zurück zu Haus, esse ich Cottage Cheese mit Ananas und hole neue Eiswürfel aus dem Gefrierfach, als ich mit der Zeitung in Richtung Sofa wanke, rückt die Katze respektvoll zur Seite und der Hund kaut auf einem Gummiknochen. Als ich aufwache ist es 19 Uhr, ich rieche an den Rosen und als ich nach oben sehe, fliegt ein Flugzeug genau über dem Haus hinweg. Ich winke dem Tierarzt hinterher.

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Sonntag

Um fünf Uhr rufe ich mein Schwesterchen an. Schwesterchen wohnt in London mitten in der Stadt. Schwesterchen seufzt und dann schweigen wir lange am Telefon und ich höre lange und ganz genau meiner großen Schwester beim Atmen zu. Es gibt nur wenig Geräusche die mich so beruhigen wie das ein- und ausatmen meiner Schwester. Atem holen, wenn einem schon die Worte fehlen, nach dieser Nacht.

Um 6 Uhr gehe ich hinunter zum Meer. Grau und kalt ist das Meer und auch als ich in die kalten Wellen laufe, das Wasser über meinem Kopf zusammenschlägt und ich hinausschwimme in die morgenkalte See bin ich anders als sonst nicht getröstet vom Wind und dem salzigen Wasser, der rauschenden Brandung und dem weiten Himmel über mir. Nur kalt und taub krallt sich das Wasser an meine Fersen und als ich schließlich schon fast wieder das Ufer erreiche, zieht mir eine Welle den Boden unter den Füßen fort. Vielleicht ist das die gefürchtete neunte Welle. Ich habe nicht genug Atem und nicht die richtigen Worte, die Welle zu fragen. Am Strand bohre ich die Füße in den kalten Sand. Der Muschelkalk knirscht unter meinen Füßen. Ein scharfe Muschel schneidet mir die Fußsohle auf. Ich sehe nicht hin, sondern laufe einfach weiter und weiter, bis zu mir nach Haus.

Der Tierarzt und ich tragen den Tisch in den Garten. Das bunte Tischtuch flattert im Wind. Sonnenschein und Vogelzwitschern. Dabei verlangt so ein Tag doch nach tiefen, grauen Wolken und schwarzen Regentropfen. Ein großes Tuch der Trauer müsste sich doch über die Erde legen, ein Tuch so dicht und von so unendlicher Größe, dass die Welt innehielte, sich nicht weiterdrehte, stehenbliebe unweigerlich und unverrückbar und sich die Trauer, die Verzweiflung und die Schmerzen zwischen Kabul und London Bahn brechen könnten. Die Welt selbst bliebe stehen und legte ein schützendes Tuch über die Toten.
Der Himmel aber bleibt blau, ich gieße Tee auf und der Tierarzt sitzt auf dem Küchenstuhl und hört die Nachrichten im Radio. Wir haben keinen Fernseher und das Internet hier auf dem Land reicht mit ein bisschen Glück für einen geschrieben Text, aber nicht für ein Bild. So sitzen wir vor dem Radio und der Tee wird kalt. Das Tischtuch flattert im Wind. Wir tragen die Teetassen hinaus und sehen schweigend in die große Kastanie, Blätterrauschen, Rosenblüten fallen auf den Tisch und in der Küche noch immer die Stimme des Radiosprechers: die neuesten Erkenntnisse. Wir drehen die Teetassen in unseren Händen. Im Kirchhof, der an den Garten grenzt läuft der Priester wieder und wieder an der Mauer entlang, vorbei an der langen Reihe verwitterter Grabsteine. Hier liegt James O’Neill, Carpenter, Verdun 1916, der Priester bliebt stehen und sieht lange auf die verwitterte Tafel und James O’Neill. Schließlich kommt er zu uns herüber. Ich hole eine dritte Teetasse. Der Priester schüttelt den Kopf: „Ich muss etwas sagen, ich muss etwas sagen in der Predigt, ich weiß nicht was ich sagen kann.“ Wir nicken und der Priester zeigt mit dem Kopf herüber zu James O’Neill, Carpenter, Verdun 1916. „Nachgesehen, habe ich einmal sagt er, was es auf sich hatte mit jenem James O’Neill und einen Brief habe ich gefunden, den letzten Brief vielleicht an seine Mutter, er schrieb ihr: Mutter, dieser Krieg wird niemals enden, denn es gibt zu viele Lebende. „Der Priester schlägt die Hände vor die Augen. Wir schweigen still. Die Lebenden und die Toten. Der Priester ringt nicht nur nach Worten, der Priester in den langen, einsamen Runden um den Kirchhof herum, ringt um G*tt. Von fern die Radiosprecherstimme, wieder wird der Tee kalt und der Tierarzt und ich stehen vor der Platte für James O’Neill, stehen still vor den Toten dieser Nacht, die so lebendig waren, wie James O’Neill, der dem Krieg nicht entkommen sollte.

Ich schneide einen Strauß gelber Rosen ab. Dann fahren der Tierarzt und ich ins Krankenhaus. Eine Freundin von ihm liegt im Sterben. Leukämie. Ich lege ihr Rosenblüten in die Hände. Wir sitzen neben ihr und der Tierarzt hält ihre Hand. Das Zimmer ist hellgelb gestrichen, die Sonne taucht ihr Gesicht in goldenes Licht und der Tierarzt erzählt ihr flüsternd von einem spannenden Fall in dem ein Wolf an Heimweh erkrankte. Es ist eine lange und komplizierte Geschichte und doch ist mir als sei ihr Händedruck fester als vorher, als wolle sie den traurig-erschütterten Wolf selbst einmal gründlich examinieren und vielleicht gar dem Tierarzt aus der Verlegenheit zu helfen, kein Rezept zur Heilung eines untröstlichen Wolfes zu haben. Der Tierarzt küsst ihre Hand und dann gehen wir schweigend durch das fast leere Krankenhaus zurück auf den Parkplatz. Keiner von uns will den ersten Satz sagen. Keiner will sagen, was wir beide wissen, seine Freundin wird nicht mehr aufwachen, nicht heute, nicht morgen und auch nicht bald.

Dann fährt der Tierarzt mich in die Stadt, ein anderes Krankenhaus, eine neue Nachtschicht. Regen zieht auf und ich steige aus. „Gib auf Dich acht“, sagt der Tierarzt. Ich nicke. „Bis morgen früh“, sage ich , steige aus und laufe los.

Vor aller Augen

Der Tierarzt will einen Film sehen. Ich will nicht mit. Die B. will mir von ihrer unglücklichen Liebe zur H. erzählen. Ich mag die H. mehr als die B. und mag die Geschichte nicht hören. Der K. will mit mir in einem Club zu einer Frau, die davon singt wie nah der Winter ist. Ich will nichts vom Winter und seinen kalten Händen wissen. Die J. will mit mir scharfen Thunfisch essen, aber ich habe keinen Hunger. Ich sage allen ab.
Einen Termin außerhalb der Innenstadt habe ich zu dem und als ich das Gebäude endlich verlasse, bin ich so müde, dass ich mir nicht genau vorstellen kann, wie ich wohl zurück in die Stadt komme und ich laufe auf den nächstbesten Pub zu, der Stühle vor die Tür gestellt hat und setze mich einfach hin. Dann stehe ich doch noch einmal auf und bestelle eine große Flasche, kaltes Sprudelwasser und ein Glas mit klirrenden Eiswürfeln und zwei Scheiben Zitrone. Der Mann hinter dem Tresen sieht so müde aus wie ich. Ihm fehlt ein Frontzahn und vielleicht reißt auch deswegen der tätowierte Tiger auf seinem Oberarm das Maul mit den scharfen Zähnen so weit auf, um die klaffende Lücke zu verdecken. Der Mann schneidet Zitronenscheiben auf und nickt mir zu: „Setz Dich doch“ sagt er und wir nicken uns über die Müdigkeit hinweg zu. Ich setze mich hin und sehe auf die Straße. Ein Mann sammelt Zigarettenkippen auf und setzt sich auf die Bordsteinkante, dann zählt er die Stummel, sucht nach einem Feuerzeug und als er es findet, zündet er die längste Zigarettenspitze an. Von der anderen Straßenseite und meinem Stuhl aus betrachtet, sieht es so aus als stiege der Rauch direkt aus seinen Fingerspitzen hervor. Der Mann mit dem Tiger auf dem Oberarm stellt die Flasche, das Glas mit Eis und einen Teller mit Zitronenscheiben vor mir auf den Tisch. Die Tischplatte ist schmierig, und der Aschenbecher voll. Er wischt mit dem Zipfel einer Schürze auf der Tischplatte herum , bis zwei Frauen in bunten, engen Tops und Paillettensandalen Bier bestellen wollen. Der Mann auf dem Bordstein hat inzwischen den zweiten Zigarettenstummel angezündet, zwei Kinder schütten sich Tütchen mit Brausepulver in den Mund. Ein zweiter Mann durchwühlt die Mülltonnen auf der Suche nach Essbarem vielleicht und sein zweiter Schuh hat keine Sohle mehr. Die beiden Frauen haben inzwischen Bierschaum zwischen den Lippen und rufen:“ Mach doch mal Musik an.“ Der Mann hinter dem Tresen dreht das Radio auf, ich lutsche eine Zitronenscheibe und die beiden Frauen auf den Barhockern schnippen mit den Fingern. Die drei Männer aber, die im Innenraum des Pubs sitzen, sehen nicht auf, sondern spielen mit abgegriffenen Karten um einen Stapel Münzen. Eine Frau schreit von der anderen Seite auf einen nur für sie sichtbaren Gegenüber ein, viele Fenster der Häuser haben eine Pappscheibe hinter ein zerbrochenes Fenster geklebt und in den Hauseingängen stapeln sich schwarze Müllsäcke, um die sich die Krähen scharren und hartnäckig mit ihren Schnäbeln die Plastikhülle zerhacken. Der Geruch von Fäulnis und lange schon nicht mehr entsorgten Windeln liegt über der Straße. Die Frauen, die jetzt in den Pub kommen, tragen schweres Parfüm und bestellen süßen roten Wein mit Eiswürfeln und schwarzem Strohhalm. Auf den Dächern der Häuser wachsen Ahornbäume und die Teerpappe wellt sich, eine Frau sitzt auf den Stufen, die zu ihrem Hauseingang führen und raucht, neben sich eine fleckige Kaffeetasse. Die Männer tragen ausnahmelos Jogginghosen und die Frauen tragen alle enge, sehr enge, zu enge Elasthantops. Ich zerbeiße eine zweite Scheibe Zitrone und die Frauen neben mir lachen oder weinen, so genau weiß man es nicht, über einen ‚feckin eejit’. Ich mache die Augen zu, das kalte Glas hinter der Hand und die Zitrone scharf auf den Lippen. Als ich die Augen wieder öffne, steht ein Schatten vor mir am Tisch. Erst einen Schluck kaltes Wasser späte, wird der Schatten zu einer Frau in einem gestreiften Zebraoverall. „Hast Du Make-up dabei?“, fragt die Frau mich. Ich schüttle den Kopf. „Und Puder?“ wieder muss ich verneinen und die Frau starrt mich durchdringend an. „Fünf Euro?“, fragt sie kaum hörbar und ich fische einen zerknitterten fünf Euro Schein aus meiner Hosentasche. Die Frau dreht sich um und geht. Ich mache die Augen wieder auf und zu. Die Eiswürfel schmelzen im Glas und ich gieße Wasser nach. Eine dritte Zitronenscheibe. Die Frau im gestreiften Overall ist zurück, sie ist nicht länger allein, sondern zieht eine Freundin hinter sich her. Die beiden Frauen setzen sich an den Tisch der am nächsten zur Straße steht und der Mann hinter dem Tresen überlegt, ob er die Frauen nach ihrer Bestellung fragen soll. Dann überlegt er es sich anders. Ich sehe die Frauen an. Die Frau im gestreiften Overall redet auf ihre Freundin ein. Die Freundin mit langen, schwarz gefärbten Haaren, billigen Ohrringen und einem grünen Military-Parka über dem Rock hat ihre linke Hand in ein Geschirrhandtuch gewickelt. Je länger ich auf das Handtuch sehe, desto stärker färbt sich das Handtuch dunkelrot. Weder die Frau, noch ihre Freundin aber sind nicht um die blutende Hand besorgt. Die Frauen holen einen kleinen Kosmetikspiegel aus einer Handtasche und dann sehe ich es auch: die Frau im Zebraoverall, die mich nach Make-up fragte, zeigt ihrer Freundin wie sie ihr blaues Auge, die zerplatzte Augenbraue und den grün verfärbten Wangenknochen überschminkt hat. Dann holt sie eine Tube Flüssigmakeup, aus der Tasche, bevor sie noch einmal aufsteht, in den Pub hineinläuft und mit Händen voll Toilettenpapier zurückkommt. Der Mann hinter dem Tresen bringt den Frauen, die zur Radiomusik wippen neuen, süßen Wein. Die Frau mit der blutenden Hand starrt in den Taschenspiegel und dann wischt ihre Freundin ihr das Gesicht mit Toilettenpapier ab. Die Frau blutet aus der Nase, blutet von einer Schnittwunde auf der Wange, und ihr linkes Auge ist fast vollständig zugeschwollen. Ihre Freundin schmiert Makeup über ihr Gesicht und versichert ihr, dass Sie super aussehen würde. Perfect. Pretty and tough. Die Frau starrt noch immer in den Spiegel. Blut tropft vom Handtuch auf den Boden unter dem Stuhl. Dann stehe ich auf und gehe zu den Frauen herüber. „Ich kann mit euch nach drüben in die Klinik gehen, sage ich und deute auf das durchweichte Handtuch. Die Frauen sehen mich entsetzt an. „Warum?“ fragen sie mich, es sei doch alles in Ordnung. Ich lasse ihnen trotzdem eine Karte da. Ein Telefon klingelt. Die Frauen versichern dem Anrufer, dass sie gleich kommen würden. Die Frau im Zebra-Overall versichert ihr Freundin, dass sie perfekt aussähe. Beautiful. „Er liebt mich doch?“ fragt die Freundin. „Natürlich“, erwidert sie, natürlich liebt er dich. Dann sieht auch sie noch einmal in den Spiegel und betastet ihren Wangenknochen. Schließlich klingelt das Telefon wieder und die Frauen stehen auf und gehen davon. Der Mann hinter dem Tresen kommt mit einem Scheuerlappen und wischt das Blut unter dem Stuhl auf. Die Eiswürfel sind längst geschmolzen, die Zitrone ist schal und der Rest Wasser längst warm geworden. Ich stehe auf und nehme die Bahn zurück in die Innenstadt. Der Tierarzt steht vor dem Kino. „Wie war der Film?“ frage ich. Der Tierarzt erzählt mir von Wonder Woman. Unbesiegbar. Hervorragend im Nahkampf. Eine Tiara, die auch ein Boomerang ist. Dann muss ich lachen. Ich lache so lange und so laut bis ich nicht mehr aufhören kann zu weinen.