Woanders ist es auch schön

Die Wissenschaft, das Geld und überhaupt.

Die verehrte Miss Kitty, die bald, da bin ich mir sicher geadelt wird, baut um, baut auf und macht einfach und wir dürfen mit durch das Schlüsselloch schauen.

Heute beginnen, so ließ der Tierarzt mich wissen, beginnen die Olympischen Winterspiele, ich hatte schon wieder vergessen, dass es auch im Winter Olympiaden gibt und war zu nachtschichtmüde, um dem Tierarzt in der Annahme zu widersprechen, dass Kälbchen sich auf dem Eis sicher hervorragend machte. Hervorragend aber ist diese Recherche über das systematische Doping im russischen Staatssport.

Frau Frische Brise weiß etwas über die Liebe und Torten. Beides steht in jeder Hinsicht in einem nicht zu unterschätzendem Zusammenhang.

Herr Buddenbohm hat den Offline-Knopf zum Bloggen gefunden. Man staunt.

Einmal Herzwärme zum Freitag.

Ich hoffe trotzdem, dass bald wieder Drachen fliegen in Lahore

Tierarzt, hast Du Musik für uns? Der Tierarzt tanzt schon die Treppe hinunter, dreht eine Pirouette, wirft sich den Schal um den Hals und summt: aber immer doch. Sollte Kälbchen je auf dem Eise reüssieren, dann zur Musik von Sudan Archives. Well then.

Pink Lady oder Auf einen Apfel mit Paul Cézanne.

Es ist natürlich ziemlich verrückt an einem ganz gewöhnlichen Dienstag Vormittag nicht ins Büro zu fahren, sondern zum Flughafen. Pfeifend zudem, so dass die Business-Reisenden ungläubig schauen, denn auch sie stehen aktentaschenbeschwert für den Flug nach London-Gatwick an, ich aber habe keine Aktentasche und pfeife noch immer. Im Flugzeug wippe ich ungeduldig mit den Beinen und ich zähle die Sekunden mit den Zehenspitzen, denn ich fliege ja geradewegs in Schwesterchens Arme hinein. Aber noch schaukelt das Flugzeug zwischen Irland und England, dann endlich landet es, schon renne ich los, pfeife noch immer, sitze im Zug, ab Clapham Junction sehe ich, wie Schwesterchen die Wohnungstür hinter sich zu zieht, zwei Stufen auf einmal nimmt, einmal links, einmal rechts, ich tausche die Bahn gegen die Tube und aus entgegengesetzter Richtung fährt auch Schwesterchen auf Westminster zu. Ich sehe sie schon weitem, das Kleid mit den Punkten, die Hand in den Locken und einen Moment bleibe ich stehen, fast ist es so als träfe ich einen Geliebten und wollte wirklich sicher gehen, dass er sich wirklich in mich verliebte, dabei hat Schwesterchen mich doch in Zuständen gesehen, die keiner meiner Geliebten kennt. Schon laufe ich los und dann sieht sie mich, läuft mir entgegen, da sind ihre Arme, und ihr Mund an meinen Ohren, der Herr mit Bowler-Hut sieht verwundert zu, wie wir beide über den Boden wirbeln, zwei Derwische kreiseln lachend und kichernd über den Trafalgar Square, selbst zwei kläffende Hunde verstummen und für den Rest des Tages halte ich Schwesterchens Hand in meiner.

Dann gehen wir zur National Portrait Gallery hinunter, Sonnenschein und Wolkenschafe. Cézanne. Die Portraits. heißt die Ausstellung und ich lächle Schwesterchen zu und Schwesterchen nickt. „Komm“, sagt sie und wir gehen in die Ausstellung hinein und schon stehen wir vor den Bildern, die die Farbe der Provence haben allesamt und schon Schwesterchen nickt mir zu: „Erzähl noch einmal“ sagt sie in meine Haare, legt mir den Arm auf die Schulter und zieht mich in eine Ecke wo kaum Besucher stehen.
Vor anderthalb Jahren, verlor meine Schwester ein Kind und schlief nicht mehr, sie blieb einfach wach und weinte, sie rief mich an in der Nacht, saß dort in London auf dem Sofa, sagte: „Erzähl mir eine Geschichte.“ „Was für eine Geschichte willst Du hören?“, fragte ich sie, meine Schwester zog einen Bildband von Paul Cézanne aus dem Regal, ich nahm den selben Band aus dem Regal und sie suchte ein Bild aus und ich erfand ihr eine Geschichte. Ich dachte mir einen Geschichte aus zu den Kartenspielern , einer der beiden versetzte seinen Ehering und konnte sich nicht mehr nach Hase trauen, ich erfand eine Geschichte über die roten Äpfel  im Korb und den hellen Landwein daneben, eine Frühstückspartie, bei der erst ein Korkenzieher, dann ein Tuch und schließlich eine Frau verschwindet, ich dachte mir aus wie die Badenden  eine Kommune auf dem Meeresgrund gründen, eine Revolution bricht aus, die Meermänner greifen an und jeden Abend suchte meine Schwester sich ein Bild aus und ich dachte mir eine Geschichte für sie aus. Nein, es sind nicht 1000 Nächte gewesen, aber auch nicht nur 10, vielleicht 100 wir haben sie nie gezählt, die Nächte nicht, und auch nicht die Geschichten, aber eines Nachts da rief sie nicht mehr an und wir sprachen nicht mehr über Cézanne, bis meine Schwester mich anrief vor ein paar Tagen und sagte: „Ich weiß es ist sehr spontan, aber ich würde gerne mit Dir die Cézanne-Portraits sehen, und Du erzählst mir eine letzte Geschichte. „Ich komme“, sagte ich und dann stehen wir wirklich in der Ausstellung und ich erzähle noch einmal, aber diesmal sind es andere Geschichten. Ich erzähle meiner Schwester von Émile Zola , dem frühen und engen Freund, der im Schneidersitz auf dem Porträt sitzt, so als sei er eigentlich ein Flaschengeist, während Paul Alexis ihm vorliest, dabei ist der Stuhl viel zu klein und viel zu fragil für den Mann, der auf ihm sitzt.

Aber vor allem erzähle ich meiner Schwester von den Kritikern, die Cézanne schmähten: „Cézanne hieß es, malt seine Frauen, seine Familie und seine Freunde wie Äpfel.“ Aber das sagt nur, dass Kunstkritiker nichts von Frauen und auch nichts von Äpfeln verstehen. Jedenfalls nichts vom Geheimnis der Äpfel, in denen schon immer die ganze Welt liegt, alle Farben haben die Äpfel, alle Formen, immer verbergen sie ihren Kern vor der äußeren Welt und so sind auch die Menschen, die Cézanne malte immer eindeutig, farbiger und niemals plakativ, immer sind sie im Bild. Vielleicht ist Cézanne derjenige Maler, der nicht daran glaubte eine Frau müsste gefallen, denn gefällig ist keines seiner Bilder. Weder die Männer noch die Frauen entsprechen dem landläufigen Ideal der Schönheit. Nirgendwo wird dies vielleicht so deutlich wie in den Bildern, die er von seiner langjährigen Lebensgefährtin und Frau Hortense Fiquet malte. Hortense ist diejenige, die Cézanne am häufigsten porträtiert hat und Hortense ist eine Frau, die nicht lächelt, Hortense ist der Apfel in jedem Bild, jemand der da ist, der da sein muss, aber eben als er selbst, nicht als jemand mit einer bestimmten Rolle oder einer Funktion. In einem einzigen Porträt nur näht Hortense, sonst hält sie die Hände geschlossen, halb geöffnet, sieht uns von schräg unten oder links oben an, aber vor allem ist sie da, ist da als Hortense Fiquet, nicht als Madame Cézanne, sie kocht nicht, strickt nicht, flickt nicht, erzieht nicht, sie ist nicht die ferne Phantasie, oder die ferne Geliebte, sie ist der zentrale Dreh- und Angelpunkt seiner Bilder und seines Lebens und Cézanne hat Hortense auf eine Art geliebt, die nicht mehr auf die Gefälligkeit der Geliebten angewiesen ist. Hortense lächelt nicht, Hortense ist wirklich da.
Schwesterchen und ich sehen ihr Gesicht, ihre Hände, beneiden ihre Kleider, wundern uns über ihre Einsamkeit, ihre Zuversicht und ich versuche mich an alles zu erinnern, was ich von ihr weiß.

Zu den zärtlichsten Porträts der Ausstellung aber gehören zwei Bilder von Paul fils , Paul dem Sohn von Hortense und Paul Cézanne. Wieder hat sich die Kunstgeschichte verächtlich über das stillebenartige, Starre und Unbewegte der Bilder mokiert, aber ich glaube und dabei habe ich keine Kinder, dass man vielleicht versucht, obwohl es doch niemals gelingt einen Moment festzuhalten, einen Augenblick nur, das Kind vor der Welt zu bewahren, einzufrieren wie es singt und lacht, mit dem Teddybären Pläne macht und auf einem Pappkarton die Weltmeere unsicher macht und das Kind ruft doch schon wieder: „Wann bin ich endlich groß?“ Lange stehen Schwesterchen und ich vor den Kinderbildern und ich ziehe meine große Schwester noch ein Stück enger an mich heran. Dann wandern wir weiter, wandern zu den Selbstporträts in denen Cézanne sich als selbstbewussten Pariser malt, um dann doch in die Provence zurückzukehren. Da sind sie noch einmal die Gärtner, die Landarbeiter, eine alte Frau mit weißer Haube und natürlich auch die Frau mit cafetière, aufrecht sitzt sie in dem Stuhl mit hoher Lehne, auch sie aber schält keine Kartoffeln, stopft keine Socken, auch sie ist genug. Es ist das Erstaunliche an den Bildern von Paul Cézanne und ich habe mich darüber niemals beruhigen können, dass seine Bilder immer hierarchiefrei sind, der Kaffeelöffel in der Tasse ist genau so zentral für das Porträt wie die Frau, der Stuhl, die Tapeten, die Schleife, die das Kleid hält. Auf Cézannes Bildern kann nichts weggelassen werden, radierte man den Löffel aus, das Bild wäre im gleichen Augenblick verschwunden. Vielleicht gilt es doch nach jenen Menschen, Männern wie Frauen Ausschau zu halten, die nehmen sie einen Apfel in die Hand, immer schon den Atem der Geliebten spüren und küssen sie Augenbraue des Geliebten etwas von der Süßigkeit des Apfels ahnen. Dann höre ich endlich auf zu reden. Schwesterchen lacht: Dass Dir als Shetlandpony an den Äpfeln liegt, ist nicht verwunderlich.“

Dann zieht sie doch ernster als sonst meinen Kopf zu sich heran, noch einmal stehen wir vor Hortense Fiquet. „Es ist gut“, sagt sie und wir gehen hinaus zurück in die Welt, wir trinken Kakao im Sonnenschein machen alberne Bilder, überlegen ob uns Cézanne wohl eines Apfels würdig hielte, ich erinnere mich an den Nachmittag den ich, es kamen keine anderen Besucher, im Wohnhaus des Künstlers in Aix-en-Provence verbrachte, Schwesterchen sagt: „ich halte mich noch immer an deinen Geschichten fest,“ und kurz bevor die Kühle des Februars in den Nachmittag zurückkehrt, legt meine Schwester meine Hand auf ihren Bauch. „Wir brauchen neue Geschichten“, sagt sie schließlich und ich nicke: Bon, bébe numéro 5, sage ich, lass mich dir erzählen, wie deine Mama, sie war dreizehn Jahre alt einmal auf den Kirschbaum stieg“, Schwesterchen quietscht, was soll bébé nur von mir denken?“ „Auf jeden Fall, dass Du mehr Apfel als Kirsche bist“, Schwesterchen kichert und dann brechen wir auf, denn wie die heimlichen Geliebten haben wir uns diesen Nachmittag gestohlen und zu Hause warten die Kinder und ich muss zurück nach Irland reisen. In der Bahn schließe ich die Augen, gehe mit ihr die Treppen zur U-Bahn herunter, sehe sie einsteigen, aussteigen, links und dann rechts gehen, den Schlüssel suchen, die Tür quietscht, 16 Kinderhände: Mama, wo bist du gewesen?“. Ein Geheimnis wird sie sagen, dann klingelt mein Telefon: „Bin da.“ Ich lächle, so wie man sonst nur lächelt, weiß man den Geliebten geborgen und vom Unheil bewahrt.
Im Flugzeug nehme ich den Apfel aus der Tasche.
Pink Lady, steht auf dem Aufkleber.
Danke, Paul Cézanne, flüstere ich und schließe die Augen.

Die Ausstellung Cézanne Portraits ist noch bis zum 11 Februar 2018 in der National Portrait Gallery in London zu sehen, bevor die Ausstellung dann nach Washington geht.
Der Katalog kostet 20 Pfund und ist ein Wunderwerk an Cézanne-Forschung und Geschichten.

Wie immer gilt: Selbstbezahlt, selbstgesehen, selbstgeknipst und selbstgeschrieben ist es auch.

Eine Papiertüte

Vom Konzert mit dem Auto zurückfahren.

Ausnahmsweise.

Der Tierarzt schläft. Der Tierarzt ist oft müde in diesen Tagen.

Ich höre Schubert im Konzert und dann noch einmal im Auto.

Irgendwo läuft immer Schubert.

Ein ganzes Jahrhundert hat sich da selbst in Musik gesetzt, denke ich. Die Ampel ist auf rot.

Auf einem Bierbike fahren Frauen auf der Straße umher. Sie singen: „Don’t look back in anger.“ Sie tragen Plastikkronen und dicke Jacken.

Das Bierbike schlingert.

Ich klopfe den Takt auf das Lenkrad.

1835 wurde Felix Mendelssohn-Bartholdy Kapellmeister in Leipzig.

Er ließ Bach spielen. Die Deutschen hatten Bach vergessen, 1835.

Man erzählt sich es hat einmal ein Konzert gegeben da spielten Clara Schumann und Franz Liszt, Bach am Klavier und Mendelssohn dirigierte.

Die drei wurden mit Blumen überschüttet.

Ich träume manchmal von diesem Deutschland in dem ein Jude fast an Blumen stirbt. Man hätte vielleicht 1945 ein Ministerium für Träume, Blumen und Bonbonnieren schaffen sollen, denke ich immer noch klopfen meine Finger im Takt.

Mir fallen wenig deutsche Träume ein in letzter Zeit, die nicht hart klingen und bitter, in denen die anderen etwas haben, was man selbst besser gebrauchen könnte, Turnschuhe zum Beispiel, die Träume der Deutschen sind hart und voller Eisen. Ich weiß nicht, ob die Welt nicht endlich doch genug gesehen hat vom deutschen Eisen und immer noch zu wenig Blumen.

Die Straße aber führt nicht nach Deutschland, sondern in ein kleines, irisches Dorf.

Ich sehe aus dem Autofenster.

Mülltüten, traurige Tauben. North Inner City Centre Dublin ist ein trüber Ort.

Dauert die Vernachlässigung nur lange genug, dann ist es egal, dass Bäume aus den Fenstern wachsen, aber keine Menschen mehr hinter den Fentern leben. Ein Fastfood Restaurant. Fish&Chips, Kepab, Fries und Chicken Wings. Die Leuchtreklame geht nicht mehr, ging vielleicht nie, wer weiß das schon. Dann wird es grün, hinter mir hupt es, der Volvo schnauft, ich fahre an, ich fahre an einem Mann vorbei. Der Mann sitzt auf dem Boden. Ein schmutziger Schlafsack liegt neben ihm. Das ist was ich sehe, zweiter Gang, Volvo, eine Straße in Irland, ich denke als ich weiterfahre: Der Mann hatte doch eine Papiertüte auf dem Kopf.

Ich denke: Der Mann hatte wirklich eine Papiertüte auf dem Kopf.

Manchmal sagen Frauen über viel schönere Frauen: „Die würde auch noch mit einer Papiertüte bekleidet so aussehen wie man selbst niemand im Abendkleid.“

Da sitzt ein Mann auf dem Boden mit einer Papiertüte auf dem Weg.

Das ist rein reiches Land.

Das ist Europa.

Warum kann man hier denn nirgendwo abbiegen. Dann geht es doch, ich stelle den Volvo ziemlich verkehrswidrig ab.

Meine Großmutter sagte: Das erste Mal nachzugeben, ist am Schwierigsten, Kind, es gilt das erste Mal in dem man sich nachgibt, so lange heraus zu zögern, wie nur irgend möglich. Ich gebe häufiger nach als sie.

Dann steige ich aus und gehe zu dem Mann herüber. Hiya, sage ich, I was just wondering if you are alright?“

Was ist das für eine Frage?

Was fragt man jemanden, der eine Papiertüte über dem Kopf trägt.

Das ist was ich frage.

Der Mann kann kein Englisch.

Vielleicht hat er einmal English gesprochen, aber jetzt kann er nicht mehr sprechen, er sieht unter der Papiertüte hervor und sein Gesicht ist von Geschwüren bedeckt.

Ich rufe einen Krankenwagen.

Der Mann zieht sich seine Tüte über den Kopf zurück.

Neben dem Mann und mir steht eine Gruppe von Jungen und Mädchen. Die Mädchen haben übermalte Gesichter und makellose Augenbrauen, die Jungs riechen nach Deodorant und Bier. Sie hören Musik, sie halten die gleichen braunen Papiertüten in der Hand, die der Mann auf dem Kopf trägt, sie essen Fries und Burger aus den Tüten, sie schnipsen Chipsbröckchen in Richtung des Mannes, sie erwarten noch etwas vom Leben und der Welt, sie wissen, dass der Mann da auf dem Boden nichts mehr zu erwarten hat, sie lachen und die Jungs versuchen die Mädchen zu beeindrucken, die Mädchen lachen nur. Die Mädchen wollen keine Jungs aus der North Inner City.

Der Krankenwagen kommt und der Mann zieht sich die Papiertüte fester um den Kopf und dann helfen wir dem Mann auf. Zwei Plastiktüten, der Schlafsack, die Tüte.

Die Mädchen und Jungen lachen.

Alles Gute, sage ich zu dem Mann.

Ich starre dem Krankenwagen hinterher.

Du wirst dich noch daran gewöhnen, sagte die Freunde damals in Berlin, als ein Mann mit einer Federdecke und Sandalen aus Biederdosen über die Straße lief.

Ich gebe öfter nach als die Frau, die meine Großmutter war.

Ein Mann sitzt mit einer Papiertüte auf der Straße, denke ich und sehe dem Krankenwagen hinterher. Die Mädchen und Jungen spielen ein anderes Lied.

Ich gehe zurück, der Volvo steht noch immer im Halteverbot.

Im Radio wird noch immer Schubert gespielt.

Die Ampel ist grün, ich fahre nach links, schon liegt die Stadt hinter mir, die Sonne geht unter. Lila-Grau, dann dunkel der Himmel, die Straße führt auf das Meer zu, Weideland zur Rechten, ein Friedhof, eine verfallene Kirche, die enge Kurve, zwischen Waldesrand und Meer, schließlich das Dorf.

Es ist nicht mehr Schubert im Radio.

Der Tierarzt schläft noch immer.

Mittwoch: Papiertonne steht auf dem Zettel am Kühlschrank.

Der Zettel ist gelb.

 

Szenen aus dem Leben eines seltsamen Fräuleins (3) oder Wiedersehen mit Stalin

Die Szene: Ein windschiefes Haus irgendwo in einem kleinen, irischen Dorf. Ein Küchentisch ( Eichenholz ), auf dem Küchentisch die Irish Times, das TLS Supplement (die beste Frauenzeitschrift der Welt), eine große Tasse mit Milch und Kaffee, ein Strauß Narzissen, ein Teller mit einem Croissant und ein Schälchen Himbeermarmelade aus dem Ostseegarten. Am Tisch sitzt das Fräulein Read On, das Fräulein liest behaglich die Zeitung, an ihrer Oberlippe kleben Croissantkrümel, das Fräulein summt. Im Hintergrund: Wasserrauschen, der Tierarzt nimmt ein Bad. Dann verstummt das Plätschern aus dem Badezimmer, der Tierarzt betritt in des Fräuleins Bademantel und mehrere Handtücher gehüllt, die Küche. Es folgt nachstehender Dialog:

Tierarzt (= T ), Fräulein Read On ( R )

T: „Mädchen, kann ich dich kurz bei der Lektüre unterbrechen?“
( Der Tierarzt knetet nervös mit den Fingern.) Ich müsste einmal mit Dir reden.

R: „Hmmm, ja ( das Fräulein legt die Zeitung zur Seite ), hat sich eine schöne Tierärztin namens Monika aus Witten-Herdecke gemeldet und will mit Dir ein neues Leben beginnen und Du musst mir jetzt schonend beibringen, dass ihr mit dem 12 Uhr Boot das Land verlasst?“

T: „Mädchen, am Samstag fährt das 12 Uhr Boot,  doch um 13.30 Uhr, aber nein, keine Monika und wo ist Witten-Herdecke? Aber ich will etwas anderes mit Dir bereden.“

R: „So rede!“ Das Fräulein schielt zur Zeitung.

T: „Heute ist doch das Spiel.“

Das Fräulein legt die Stirn in Falten ( im Winter finden ihres Wissens keine Tennisturniere statt).

R: „Was für ein Spiel, Tierarzt?“

T: „Aber Mädchen, heute spielt doch Irland gegen Frankreich.“

R: „Hmm ( zögerlich ) ist schon wieder Fußball?“

T:“ Mädchen, RUGBY, RUGBY, SIX NATIONS.“

R: „Oh!“ (Das Fräulein Read On interessiert sich wirklich kein kleines bisschen für Sport.)

R: „Tierarzt, was kann ich um Himmels Willen mit diesem Spiel zu schaffen haben, von dem ich nichts weiß als das erwachsene Männer und Frauen vergnügt durch den Schlamm robben.“

T: „Also, ich wollte folgendes mit Dir besprechen, ( der Tierarzt knetet schon wieder nervös mit den Händen ), du weißt es kommen nachher Rory, Gary and Jerry für ein Pre-Match-Zusammensein hierher.“

R: „Ich weiß,,es steht ein Kuchen auf der Bank im Garten, es sind Häppchen im Kühlschrank, Getränke im Keller, und wenn die Herren von der Quiche nehmen mögen, so gilt es diese auf 200 Grad im Backofen zu erhitzen.“

T: „Das ist genau das Problem, die Quiche.“

R: „Die Quiche ist biologisch-organisch- handgemacht und hervorragend, selbst Du hast eine halbe Ecke verzehrt, dann wird sie ja wohl gut genug sein für den feinen Besuch.“

T: „Mädchen verstehst Du nicht, es geht um die Quiche als solche.“

R: „Die Quiche als solche?“

T: „Versteh doch, es spielt FRANKREICH gegen Irland.“

R: „Ja, das sagtest du bereits.“

T: „Die Quiche ist aber ein Symbol Frankreichs, sozusagen ein rotes Tuch in den Augen von Rory, Gary und Jerry, die eben äh etwas empfindsam sind, in solchen Fragen, an denen es um Irland um alles geht und dieses Haus ist eben sehr Französisch und da wollte ich Dich fragen, ob wir äh, dieses Haus nicht ähm entfranzösisieren könnten, nur für diesen Tag natürlich.“

Das Fräulein Read On starrt den Tierarzt entgeistert an.

R: „Dieses Haus ist aber sehr Französisch?“

T: „Sieh Dich doch mal um.“

Der Tierarzt zeigt auf den Stapel französischer Bücher auf dem Tisch neben dem alten, grünen Sessel.

Der Tierarzt hebt mit spitzen Fingern den Canard enchaîné auf, den die B. von einer Tagung in Paris mitgebracht hat.

Der Tierarzt zeigt auf die Eierwärmer in Form eines Hahns.

Der Tierarzt hebt die Augenbraue in Richtung Kupferstich, der den Ballhausschwur bebildert.

Der Tierarzt zeigt vorwurfsvoll auf das Poster, welches eine Ausstellung im Musée Picasso bewirbt.

Das Fräulein starrt den Tierarzt an.

R:“ Du willst das Haus einer stalinistischen Säuberung unterziehen und Gary, Jerry und Rory vorgauklen, ich hätte keine französische Mutter, ist das so?“

T: „Mädchen Du formulierst sehr scharf. Stalin, um Himmels Willen, ich will doch nur vermeiden, dass die Lads annähmen, ich sei nicht mit ganzem Herzen der irischen Sache zugetan, will ihnen an diesem speziellen Nachmittag kein französisches Salz in die Suppe streuen.“

R: „Aber mein französisches Herz bekümmert dich wenig, ja?“

T: „Mädchen, Dir ist Sport doch völlig gleichgültig. Es ist doch nur für diesen einen Nachmittag. Wir könnten einen Naturkalender über den Ballhausschwur hängen, die Bücher im Arbeitszimmer verstecken, das Plakat in der Küche verbergen und die Quiche als ähm Gemüsepie bezeichnen.“

R: „Picasso war Katalane, wir haben keinen Naturkalender, die Bücher haben niemanden etwas getan und dann- sehr langsam- das ist eine Quiche und kein Gemüsepie.“ Das Fräulein verschränkt die Arme vor der Brust.

T: „Aber das Rugbyherz ist eben auch sehr empfindlich, sogar die Katze schnarcht auf Französisch- die Katze, die bis dahin selig auf der Fensterbank schlief, erhebt sich und starrt den Tierarzt an, die Katze verg*ttert den Tierarzt, aber jetzt starrt die Katze den Tierarzt entsetzt an. Es ist unmöglich Rory, Gary und Jerry einen gallischen Hahn zuzumuten.“

Das Fräulein erhebt sich.

R: „Stalin.“

Tierarzt zuckt zusammen.

R: „Ich werde das Haus in zwanzig Minuten verlassen, um 18 Uhr bin ich zurück. Es liegt bei Dir, ob in diesem Haus dann ein Naturkalender hängt oder der Ballhausschwur. ( Leise, aber nicht ungefährlich ): Es ist eine Gemüsequiche.“

T: Mädchen, ich, äh, ich weiß nicht, ich wollte nicht, es ist nur…“

R: „Es ist alles gesagt.“

Die Katze begleitet das Fräulein nach oben, der Hund folgt dem Fräulein in Solidarität nach, das Fräulein verlässt zwanzig Minuten später das Haus, in der Handtasche liegen die Eierwärmer in Hühnerform, im Radio läuft Rameau, das Fräulein kauft auf dem Wochenmarkt Kartoffeln aus dem Roussillon und verschmäht den Stilton beim Käsehändler. Dann fährt das Fräulein in die Stadt, denn sie ist mit der K. zum Kammermusikonzert verabredet. Man küsst sich zweimal links und zweimal rechts.

Die K sagt: „Read On, Du bist ganz blass. Alles in Ordnung?“

R: „Alles gut, ich habe heute früh nur Stalin getroffen.“

K: „Stalin?“

R: „Ja, verrückt nicht wahr? Ausgerechnet bei mir Zuhause.“

K: „Bist Du Dir sicher?“

R: „Todsicher.“

Dann beginnt das Konzert.

James Joyce und Sonnenschein

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Nach langen Tagen des Regens, findet dann doch die Sonne nach Irland zurück, sie kommt schon im leichten Mantel daher, klopft auch an meine Fensterscheibe, zeigt auf den blauen Himmel, lächelt und schon nehme ich Mantel, Tasche und Tuch und laufe ihr hinterher, sie schlendert mit mir durch Straßen, runzelt die Stirn als ich unseren Spaziergang noch einmal einer leidigen Angelegenheit wegen unterbreche, die Sonne streichelt so lange einen sandfarbenen Hund, der angebunden vor einem Café auf seine Besitzerin wartet, die Besitzerin trägt lila Stiefel, um die ich sie doch ein kleines bisschen beneide, aber die Sonne will das nicht gelten lassen und zieht mich lieber am Ärmel hinter sich her. Fast wäre ich wieder gestolpert, denn ein kleines Mädchen zieht ihre Barbiepuppen auf einem Skatebord hinter sich. Eine Puppe aber ist in den Rinnstein gepurzelt, abrupt bremst die kleine Madame und zusammen bergen wir vorsichtig die Seejungfraubarbie, die etwas erschreckt vom Ausflug in die große Welt ins Sonnenlicht blinzelt. Die kleine Madame zeigt mir 2,50 Euro in ihrer Hand, die sie mit Erlaubnis der Großmama in ein erstes Eis umsetzen darf und ich rate ihr energisch zu zwei Kugeln und wie durch ein Wunder hat die kleine Madame auf einmal 3,20 Euro in der Hand auf das es für eine Kugel Erdbeer und Schokoladeneis reiche, die Sonne blinzelt mir verschwörerisch zu.

Aber dann müssen wir wirklich weiter, denn bis Rathgar ist der Weg noch weit und die Sonne hat ja nun weiß G*tt auch andere Aufgaben als mit einem Fräulein eingehakt spazieren zu gehen, so also gehen wir geschwinden Schrittes die Straßen herunter, Vögel singen, eine Katze lauert, ein Postbote trägt Briefe aus, ein Mann gähnt hinter einem Fenster, eine Frau ruft: Christine, aber weder die Sonne noch ich werden bei diesem Namen gerufen und so wandern wir weiter, auf dem Kanal schwimmen die Schwäne. Familienausflug? Wochenmarkt? Die Sonne und ich sind unentschlossen, aber wir müssen ja schließlich auch weiter. Vorbei an einer letzten Ecke, ein Pub hängt Rugbyfahnen heraus, ein Lieferwagen bringt Milch, der Fahrer steigt aus, fummelt mit einer Liste, flucht schon blendet ihn das gleißende Sonnenlicht und die Sonne und ich kichern-gemeinerweise, dann aber sind wir da Brighton Square steht an einem Mäuerchen, ein bisschen zu weit laufen wir die Straße hinauf, um dann doch nach einer kleinen Kurve, vor dem richtigen Haus zu stehen zu kommen.

Nummer 41, Brighton Square, eine kleine bronzene Tafel erinnert daran, dass hier am 02. Februar des Jahres 1882 James Joyce geboren wurde. Ein rotes Backsteinhaus, neben vielen anderen, der Blick aus dem Oberstock fällt auf lange schon vernachlässigte Tennisplätze, die Straße liegt still im Sonnenlicht, die Sonne selbst wandert über den Tennisplatz und ich denke an James Joyce, den ich erst spät entdeckt habe, meine Großmuter durch deren Bibliothek ich mich las, hatte kein Verhältnis zu Joyce und zu wem meine Großmutter kein Verhältnis hatte, um den war es auch mir nicht schade, aber als ich einmal in Zürich auf jemanden wartete, der dann doch nicht kam, da kaufte ich für sieben Schweizer Franken in einer Buchhandlung der Heilsarmee Ulysses und als der Mann, der das Heilsarmeecafé betrieb sich schließlich räusperte, war es draußen dunkel und ich lief mit Leopold Bloom unter dem Arm zum Bahnhof zurück, denn der auf den ich wartete war ohnehin nicht gekommen. In Irland aber habe ich ihn nie wieder gelesen, vielleicht weil Joyce hier auf so vielen Kühlschrankmagneten, Kopfkissen und ausgekauten Zitaten sprang, das ich vergessen habe, wie gut man mit Joyce die Zeit vergisst, aber nun stehe ich doch vor dem Haus mit der grünen Tür und den weißen Ornamenten, den niedrigen Hecken, mitten im Sonnenschein, vielleicht haben die Eigentümer des Hauses ja heute Morgen Kuchen gefrühstückt ihm zu Ehren, aber vielleicht liegen unter den alten Dielen ja auch noch immer die Holzräder einer Giraffe zum Ziehen oder eine lange schon verschwundenes Taschentuch, denn hier in Rathgar da atmet die Welt gleichmäßig und gediegen, die Sonne schaut für mich zum Fenster hinein und nickt, noch immer sind die Fenster so dünn, dass man selbst an einem heißen Sommertag friert, die Gehwegplatten sind wunderbar uneben und bestimmt ist James mit blutigen Knien zurückgelaufen und hat die ganze Nachbarschaft zusammengeschrien. Besonders hübsch, aber ist das dass Gartentor offensteht, eine vielleicht ganz unbeabsichtigt und dennoch so zarte Geste, dass heute auch Gratulanten, die nichts weiter als Sonnenschein mit sich tragen willkommen sind. Passiert ist in den fünfzehn Sonnenminuten fast nichts. Ein Mann bringt Einkäufe nach Haus, eine bunte Tüte fliegt davon und er holt sie sich mit schnellen Schritten wieder, ein Mann mit traurigen oder müden Augen, das ist ja niemals einfach zu sagen, läuft am Haus vorbei, auf dem Tennisplatz hat wohl schon lange niemand mehr: Satz, Spiel, Sieg gerufen, irgendwo klingelt ein Telefon, nur auf der anderen Straßenseite, da sitzt eine Frau mit strähnigen Haaren und leerem Blick auf den Stufen, in einer Hand eine Kaffeetasse, eine Zigarette, viele Zigarettenstummel vor ihr auf dem Boden. Die Sonne erreicht die Frau nicht dort auf den Stufen, wen das Unglück gepackt hat, den lässt es nicht so schnell gehen. Als ich noch einmal zu ihr herübersehe, steht sie auf geht schwankenden Schrittes nur mit einem Pyjama und einem fadenscheinigen Bademantel, die Straße hinunter, schon ist sie im Schatten der Tennisplätze verschwunden.

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Die Sonne aber legt mir noch einmal die Arme auf die Schultern und plötzlich läuft eine schwarze Katze durch den Garten in dem James Joyce vielleicht mit Murmeln spielte. „Morning James“, sage ich, aber die Katze sieht mich ein bisschen spöttisch an und ziemlich sicher, sagte sie: „Das wäre doch ein bisschen zu einfach, nicht?“, sprächen wir die gleiche Sprache, so aber sehe ich auf die Uhr, küsse die Sonne zweimal links und einmal rechts, ich muss zurück in östliche Richtung, während die Sonne sich langsam nach Westen richtet, ein Blick zurück, schon steigt sie über die Dächer, ich laufe weiter und als ich am Nachmittag wieder von neuen und anderen leidigen Dingen zurückkehre ins Institut ist der Himmel schon wieder bleiern, grau und schwer.

Das Geburtshaus von James Joyce findet man unter 41 Brighton Square in Rathgar, Dublin, Irland.

Aus südlicher Richtung

Drei Tage schon kommt der Wind aus Süden, sagt der Tierarzt, er lehnt gegen den Volvo, der Wind fährt ihm durch das Haar und ich lege das luggage holdall in den Kofferraum. „Wirklich, schon seit drei Tagen?“ sage ich und der Tierarzt nickt. „Du hast dafür eine goldene Nasenspitze bekommen“, sagt er und ich stecke die Nase schnell so tief ich kann in den Schal. Der Tierarzt sagt: „Ich habe es dir gleich gesagt Mädchen, im Dezember, erinnerst Du Dich kurz bevor wir nach Deutschland fuhren, da hatte Kälbchen auf einmal drei goldene Haare im Fell
(Ich erinnere mich nicht, wohl aber erinnere ich wie Kälbchen sich im Dezember in einer Matschpfütze suhlte und als großer grauer Wolf vor mir stand, einen Weidepflock umriss und noch hämisch blökte und es war auch ein milder Dezembermorgen an dem Kälbchen den Esel zu einem Ringkampf herausforderte, der dem Esel schlecht bekam. Aber der Tierarzt beharrt auf den drei goldenen Haaren und überhaupt dem guten Einfluss den Kälbchen auf Dorf, Land, Welt, Blog und überhaupt hätte. Ich schweige lieber in meinen Schal hinein und hoffe, dass die Esel sich niemals an die UN wenden werden, denn dann sind wir geliefert.

„Wind aus dem Süden also“, sage ich und der Tierarzt nickt und schon liegt der Flughafen hinter uns,“ schon seit drei Tagen. Im Dorf glaubt man, mit dem Wind aus dem Süden käme auch das Unheil zur Tür herein. „Der Wind aus dem Süden kommt auch aus der Fremde“, sagte die Frau des Krämers zu mir, als ich damals vor Jahr und Tag den Schlüssel zum windschiefen Haus von ihr abholte.

Kommt der Wind aus dem Süden überfällt die Frau des Krämers eine Migräne, die sie mit starkem Kaffee und Branntwein behandelt. „Weht der Wind aus dem Süden, sagt der Krämer dann träumt er des Nachts von fliegenden Katzen und einmal hat er den alten Hofhund und der Krämer schwört beim Leben seiner Frau Gemahlin dabei ertappt wie dieser mit gelb glühenden Augen vor dem Spiegel im Flur die Zähne fletschte. „Wenn der Wind aus Süden weht, dann liegen die Haare der Tochter der Frau des Krämers nicht, sondern stehen störrisch zu Berge und die Tochter, die wenn der Wind aus Norden, Osten oder Westen kommt, jedwedes Gemüse links liegen lässt, beißt wenn nur der Südwind gegen die Fenster drückt herzhaft in eine Tomate und ist zum Schrecken ihrer Mutter an jenen Tagen schon mit Bambussprossen in der Hand gesehen worden. Das macht der Südwind mit den Bewohnern des Dorfes und damit noch nicht genug, sagen die Leute im Unterland, wird man schon bei Krämers nervös, die doch Wohl und Wehe des Dorfes in den Händen halten, so sieht man selbst mit Sorge, wie der Südwind die Ordnung des Dorfes, wenn auch nur um wenige Millimeter verändert.

Ein Nachbar berichtet, seine Standuhr begönne seit drei Tagen exakt sechs Sekunden zu spät zu schlagen und ist die sechs nicht die südlichste Zahl des Ziffernblatts?

Eine Nachbarin wiederum, so erzählt der Tierarzt, habe am zweiten Tag der südlichen Winde geschworen, dass sämtliche Wellenspitzen der wogenden See in südliche Richtung wiesen.

Weitere Vorkommnisse, die das Dorf aufmerksam beobachtet habe und die die Frau des Krämers in einer Kladde festhielte, verzeichneten, so der Tierarzt, in den letzten Tagen: ungewöhnliche große Regentropfen, zwei Katzen auf der Quaimauer, die noch niemals im Dorf gesehen wurden, dafür aber über Stunden unentwegt auf die Strandpromenade starrten, nur um dann unauffindbar zu verschwinden. Ein Glas Milch sei vor den Augen der Frau des Krämers sauer geworden, die stille Helene, die den Krämersladen wischt und seit Jahren nicht mehr spricht, habe auf einmal angefangen von Dingen zu reden, über die aus gutem Grund niemals nicht einmal bei Südwind gesprochen werde, Dinge, über die für viele Jahre hat Gras wachsen müssen, Dinge von solcher Ungeheuerlichkeit, dass darüber niemals genug Gras wachsen könne und dann so etwas. Der Tierarzt sagt, die Frau des Krämers sei erschüttert gewesen und habe die stille Helene fortgeschickt. Das sei in all den Jahren noch niemals vorgekommen, aber auch der südliche Wind habe noch niemals so lange das Dorf fest im Griff gehabt.

Nur als die Frau des Krämers angefangen habe zu behaupten, dass auch Kälbchen schon ganz wirr im Kopf sei und irgendwie fremdländisch blöke, habe er sich gegen diesen Unsinn verwehrt, „Kälbchen sei schließlich hochbegabt und Hochbegabte Seelen seien per se erratisch, unabhängig und habe nicht auch die Renaissance im Süden begonnen?“ Die Frau des Krämers aber habe finstere Dinge gemurmelt von Versüdlichung, vom dahergelaufenen Fräulein mit den südlichen Augen, aber dann doch geschwiegen, ein Mann habe den Krämersladen betreten fremd auch er und noch dazu in gelben Hosen, verdächtig ähnlich jener Wüstenregionen mit ihren unheilvollen Winden. Der Tierarzt aber erklärt, er hätte die Ankunft des Fremden zur Flucht genutzt und auch wir biegen schon in die Dorfstraße ein und so flüstere ich lieber zum Tierarzt herüber, dass der Priester mir einmal eine Karte des Dorfes gezeigt habe, eine alte Karte schon fleckig und reichlich zerknittert, doch ganz deutlich sei zu erkennen gewesen, das ausgerechnet das Haus der Frau des Krämers am südlichsten Punkt des Dorfes stünde. Der Tierarzt aber kichert so wie der südliche Wind, der gegen die Fensterläden scheppert, kichert noch immer da sitze ich schon im alten grünen Sessel und sehe zum dunklen Pfarrhaus herüber. „Sie werden schon sehen Fräulein Read On“, sagte der Priester als wir zum letzten Mal im Garten standen, „ich will ihnen den Süden schon vor die Füße legen“ und dann lächelte der Priester ein anderes Lächeln, das Lächeln des Südens und seiner Winde.

Vergoldeter Dank

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Einen goldenen Dank an Sie alle, die so wunderbar mitreißend, Daumen und Tatzen gedrückt hielten, gute Gedanken, ihre Stimmen und überhaupt ihre Großzügigkeit in die Waagschale geworfen haben und dieses kleine Blog vergoldet haben. Ich danke Ihnen allen sehr und von Herzen, denn ohne sie ist dieses Blog ja nur eine Seite Papier im großen, weiten Internet und füllten Sie es nicht mit Leben, dann gäbe es dieses Blog zwar auch, aber nicht als einen Ort an dem man Tee trinkt, die Stirn runzelt, die Augenbraue hebt, lacht und erzählt, die Türen zu schlägt, doch wiederkommt und so ist dieser Preis, ein Preis für Sie alle, die sich einlassen mögen auf andere und vielleicht ungewohnte Perpsektiven auf die Welt und auf ein Leben. Dafür, dass Sie dies tun und damit das Internet selbst zu einem offenen Ort machen, in dem viele Geschichten, Platz haben, dafür kann es gar nicht genug Gold geben.

Oft ist „das Internet“ eine anonyme Riesenmaschine und auch diesem Blog weht immer wieder und immer anders kalter Wind entgegen, denn die Welt bleibt ja nicht außen vor, sondern findet auch hier statt, oft und mit Recht wird darüber geschrieben und geleitartikelt, dass es um Klicks und Werbung und und und und geht, und Blogs ohnehin tot seien, eine Art Fossil angespült an einem fernen Strand, längst überholt und längst überkommen. Aber dann steht während man dort und überlegt sich unter dem Tisch zu verstecken, da trifft man sie, die Erzähler des Internets. Die großartige, wortgewandte Chronistin der Tage und Dinge, die Kaltmamsell, die unermüdlich engagierte Juna , die fabulöse, zupackende und so herzenswarme Notaufnahmeschwester und kaum hat man sich versehen, schon schwatzt mit der so schnellen wie klaren Barbara Bierach aus Sligo und man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Geschichten und ihre Erzähler sehr lebendig und sehr, sehr eindrucksvoll sind und ist das nicht auch schon fast eine Geschichte für sich, dass man einem Abend vom Fröhlichen und Heiteren, zum Traurigen und Ernsten wandern und wechseln kann und die Welt mit anderen Augen sieht. Ein Dank von Herzen auch an die Organisatoren, die mit viel Engagement, Zeit und Kraft seit so vielen Jahren, die Blogs zu Wort kommen lassen und ihnen einen ganzen Abend widmen. Diese Arbeit, neben ihrer eigentlichen Arbeit lässt sich kaum in Gold aufwiegen. Danke.

Ansonsten gilt: Danke und wieder und wieder Danke und natürlich was der Bär sagt!

Da ich im gewinnen wirklich keine Übung habe, habe ich das gemacht, was ich seit 318 Tagen und so viele von Ihnen mir gemeinsam tun, nämlich eine Karte für Deniz geschrieben und  vorgelesen, denn darum geht es auch hier und heute, immer wieder an der Freiheit des Wortes festzuhalten:

Berlin, 29-01-2018 ( Karte No.318)

Merhaba Deniz,

ich habe noch nie etwas gewonnen, nicht einmal eine Papierrose auf dem Jahrmarkt, aber was man nie gewonnen hat, kann man nicht verlieren. Ich bin Meisterin im Verlieren. Gäbe es eine Olympiade ich wäre immer Erste. Vielleicht ist das der Grund dafür, dass ich selbst in den Mänteln ohne Taschen noch immer Worte eingenäht habe. Es ist seltsam pathetisch dies zu sagen, aber und man sieht es am deutlichsten blickt man vom Verlieren her, die Wörter erweisen sich am Ende und leider niemals am Anfang als hartnäckiger als alles Andere. 1000 und eine Nacht sprach Sherezade, noch immer gibt es die Zettel, die Briefe fast alle reißen mitten im Satz ab, die Männer und Frauen aus den Deportationszügen warfen, noch immer erzählen Mütter ihren Kindern, Geschichten, die sogar Monster unter den Betten vertreiben, noch immer werden Liebsbriefe geschrieben, meist zu später Stunde, in jedem Einkaufszettel lässt sich Goethe finden und wenn die „Hängt Sie alle auf-Schreier doch nur wüssten wer Karl Kraus wäre, dann da bin ich mir sicher, verstummten sie sofort und Karl Kraus gäbe nicht nach.

So schnell, wie man in ein Wort hineinfällt, so schwer ist es vergifteten Wörtern zu entkommen, jedes Wort hat seinen Preis und ob ein Wort zu spät kommt, weiß man immer erst hinterher oder man ist Harry Heine. Es gibt Wörter, die machen Seitenstechen vor Lachen und es gibt Wörter, die hören niemals auf weh zu tun. Jedes Wort hat Abgründe, einen doppelten Boden, klingt im Sommer anders als im Januar und auch deswegen fürchten sich Diktatoren so vor dem Wort, so vor Menschen, die wie wir hier alle heute Abend, um das Wort ringen, ob in 140 Zeichen oder 2000 Worten, alle hier setzen Worte aus mitten in die Landschaft und die Wörter laufen los, und man glaubt es nicht, aber die Furcht vor den Wortern, vor Postkarten, Liedern, Kochrezepten, Anleitungen für schöne Wimpern, und das Liebesleben der Oktopusse ist schon genug, damit sie zittern und die Worte versuchen zu ersticken, aber schon pfeift einer das nächste Lied und die persische Prinzessin liest auf den Zinnen ein langes Epos vor und der Armeegeneral träumt von langen Fliegenbeinwimpern, während er doch eigentlich Armeen gegen Wörter ins Feld führen soll und so gewinnen am Ende immer die Wörter, auch wenn das Warten einen so bange macht, so unruhig, schon kommen die Wörter, jeden Tag werden die Wände von Silvri und all den anderen Gefängnissen, dünner, immer werden die Wörter lauter und still und einsam wird es um die Diktatoren, die nicht verstanden haben, dass ein Echo immer weiter reicht, noch das kleinste Schlüsselloch brechen die freien Wörter herein. Deniz, die Wörter hören nicht auf und die Freiheit, die Freiheit, die kommt.

Immer herzlich,

Ihr,

Fräulein Read On