Das Fräulein ist recht schadenfroh.

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Nein, ich gebe es offen zu ein angenehmer Zug meines Wesens ist es nicht: und doch nach der ewigen Pessachputzerei, dem gähnend leeren Brotfach, der Überzahl an gekochten Eiern und dem schauderhaften Rezept für Selleriesalat, den die A. mir empfohlen hatte, und einer gewissen Grundmiesepetrigkeit darüber, dass die gesamte Familie nach Israel reiste und nur ich zurückblieb und der Seder-Abend zwar durch Kälbchen, den Tierarzt und den Priester erhellt wurde, aber nicht das war, was ich gern gehabt hätte, tragen noch zu dieser Lust an hundsgemeiner Schadenfreude bei. Zudem reist der Tierarzt erst morgen an und als ich den Einkaufskorb schnappte, schlief der ehemalige geschätzte Gefährte noch selig und so konnte ich voller Glück und Seligkeit meinem gemeinen Wesen freien Lauf lassen. Mit dem Fahrrad nämlich radelte ich nicht wie sonst üblich gleich zum Markt, sondern in einen Supermarkt. Der Supermarkt ist am Gründonnerstag um 10 Uhr ein wahres Fest für Menschen wie mich, die nach den Dramen anderer Familien und  ihrer Feiern lechzen. So sie heute morgen also ein Fräulein in Mantel und Tuch und pinken Schuhen sehr langsam mit einem roten Korb durch den Einkaufsmarkt haben wandern sehen, so war das sehr wahrscheinlich niemand anders als ich selbst.

Schon am Gemüsestand- ich inspizierte Avocados zur Tarnung-, wurde ich fündig. Ein älteres Ehepaar-er mit Segelschuhen und blauem Matrosenpullover um die Schultern geschwungen- und sie mit in die Haare geschobener Sonnenbrille funkelten sich über kilometerlange Einkaufszettel an- „Deine Tochter“ schrie er während er empört eine Orange schüttelte: „Deine Tochter hat in ihrem Leben noch nie nicht am Essen gemäkelt. Wir schulden ihr gar nichts. “ Seine Frau aber weiß, wer jetzt nachgibt, hat auf immer verloren: „Dein Sohn“ ätzt sie zurück „duscht so lang wie alle meine drei Töchter zusammen.“ Ihrem Mann fällt die Orange aus der Hand. „Jetzt ist mein Sohn schuld, ja?“ Sie steht mit verkniffenen Lippen vor den Auberginen und wirft wahllos Salatköpfe in den Einkaufswagen. Er indes streicht den Posten Orangen vom Einkaufszettel und stapft in Richtung Käseregal. Und auch ich laufe weiter. Weit muss ich nicht gehen. Vor dem Regal mit gefärbten Eiern stapelt ein Mann Eierkarton um Eierkarton in den Einkaufswagen. „Mehr, mehr wir brauchen mehr Eier, Günther“ feuert sie ihren Mann an. Der sieht nach dem fünften Karton skeptisch zu ihr herüber. „Echt jetzt?“ Sie nickt bekräftigend. „Ick will aber nich bis Pfingsten die Eier uffessen“, sagt er, aber sie winkt nur ab. „Dein Vater, sagt sie, mit seine vier Hunde, hat sich letztes Jahr uffjeregt ohne Ende, dit wir keine Nester im Garten mit Eiern hatten für die Viecher. Dit mach ick nicht noch mal mit. „Der Mann der Günther heißt und auf dessen dunkler Jogginghose ein Löwe sein Maul aufreißt, lädt weitere Eierkartons in den Einkaufswagen. „Die Scheißköter“ höre ich ihn murmeln als ich vorbeigehe. Ein Drama ganz anderer Natur spielt sich am Stand mit den Lindt-Hasen ab, eine ältere Dame, zählt ab: zehn Lindt-Hasen braucht siefür:LEOANNIKAJOHANNAJAKOBTHEALIAYANNICKPETERMAJALEA. Das Lindt-Regal jedoch weist schon große Lücken auf. Zwar gibt es noch Hasen mit goldenem Glöckchen, doch es gibt nicht mehr zehn Hasen, die identisch gleich groß sind. Sondern nur noch Zwerg- oder Riesenhasen. Die alte Dame steht wie vom Blitz getroffen vor dem geplünderten Hasenregal und sieht das Drama, das sich entfaltet wenn LEOANNIKAJOHANNAJAKOBTHEALIAYANNICKPETERMAJALEA realisieren, dass ihr jeweiliger Hase kleiner oder größer ist als derjenige der anderen. Denn auch großmütterliche Liebe will bewiesen werden und wird aufgewogen in Schokoladenhasen eingewickelt in goldenes Staniolpapier und einem Glöckchen mit rotem Band um den Hals. Die alte Dame jedenfalls ist zu allem entschlossen, den familiären Ernstfall: „Du hast mich nie geliebt und selbst deine Enkelkinder liebst du weniger als die des Goldsohnes“ gilt es unbedingt zu vermeiden. Hektisch und mit roten Flecken auf den Wangen, sucht sie erst eine Verkäuferin, die abweisend den Kopf schüttelt: „Dit sind die Letzten.“ „Da kommt nüscht mehr nach.“ Die alte Dame aber ist zu allem entschlossen. Sie beginnt sofort andere Ostereinkäufer, in deren Wagen auch Goldhasen sitzen anzusprechen und größere wie kleinere Hasen gegen ihre mittelgroßen Wunschhasen einzutauschen. Auch ich tausche meinen Hasen gegen einen der ihren ein. Noch einmal zählt die Dame durch und endlich geht die Rechnung auf und für
LEOANNIKAJOHANNAJAKOBTHEALIAYANNICKPETERMAJALEA gibt es je einen identischen Hasen. Die Frau atmet durch, sie sieht aus als hätte sie einen Marathon absolviert, fester umklammert sie den Einkaufswagen und murmelt entschlossen: Milka-Eier: Vollmilch, Zartbitter, keine weiße Schokolade. Es klingt wie ein Stoßgebet. Wahrscheinlich ist es das.

Am Fleischstand an dem ich mich unauffällig vorbeischlängele, holt ein Frau Hahn ihre Bestellung ab. „13 Paar Weißwürste“ ruft der Fleischhauer ihr zu:“Dit is richtig wa?“ Die Frau nickt. Der Fleischhauer aber bleibt ungläubig. „Dit sind ganz schön viele, wa!“ Die Frau mustert ihn ungerührt, während sie die Tüte mit den Würsten entgegen nimmt. „Haben Sie eine Schwiegermutter?“, fragt sie den Fleischhauer schließlich. Der nickt. „Eben darum“ sagt sie und Rache kann nicht nur süß, sondern auch ein Paket voller Weißwürste sein.
Ich lächele milde und gehe weiter. Über die Tiefkühltruhe unterhalten sich zwei Pärchen. „Was macht ihr Schönes“ fragen sie sich gegenseitig, in dieser aufgeräumten Tonlage, mit denen man sich das eigene Leben schönzureden versucht. „Osterbrunch am Samstag“ seufzt der Mann bei „ihren Eltern“ und nickt in Richtung seiner Frau. „Mit der Schlagerparade“ seufzt sie zurück, nur um gleich zu drohen: „Weihnachten waren wir ja bei ihm, das war auch kein Fest.“ Er schmollt beleidigt. Das andere Pärchen lächelt honigsüß. „Meine Frau“ sagt sie und legt ihre Hand auf die Schulter der Frau im violetten Kleid neben ihr, hat uns ein Überraschungswochenende in Heiligendamm gebucht. Wir brauchen nur ein bisschen Reiseproviant.“ Das andere Pärchen lächelt nicht mehr, sondern bemerkt mit dem letzten Rest an Kraft und Willen: „Ach ihr seid zu beneiden, wir planen das auch Jahr für Jahr.“ Ciao und Tschüssi. Luftküsse knallen über die Tiefkühltruhen hinweg. Die beiden Frauen, die Hand in Hand zur Kasse schlenkern haben das vorösterliche Gesellschaftstennis haushoch für sich entschieden.

Dann stelle auch ich mich an eine Kasse an. Vier Lindt-Hasen und zwei Avocados lege ich aufs Band. Hinter mir streitet eine Frau mit ihrem Sohn. „Das kann doch nicht dein Ernst sein“,“ sagt sie und zeigt auf das Band: „Toastbroat und Nutella und das zu Ostern.“ Doch ihr vielleicht 16 jähriger Sohn zuckt nur ungerührt mit den Achseln. „Feiertage sind zum Schlafen da“, sagt er und gähnt überdeutlich. „Undankbare Brut“ murmelt die Mutter und lädt weitere Lebensmittel aus dem Wagen. Ich aber schwinge mich vergnügt aufs Rad und fahre zum Markt. „Nein, für mich noch kein Brot“ rufe ich dem Bio-Bäcker zu und kaufe Gemüse bei Herrn Yilmaz ein.
Fast ist mir als pfiffe ich ein fröhlich-schadenfroh ein Lied, während ich zurück nach Hause radle, denn leider, leider vertreibt nichts meine Pessachmüdigkeit und meinen Seder-Kummer so gut wie ein wenig vorösterliche Schadenfreude es vermag. Sie haben Recht, und ich kann es Ihnen nicht verdenken, schüttelten sie den Kopf und sagten: „Nein Fräulein Read On, dies schickt sich nicht.“ Natürlich haben Sie Recht, aber vergessen sie nicht, morgen haben die Geschäfte zu und der Schwiegervater freut sich schon so.

Sonntag

Am Morgen ist der Himmel noch unentschieden. Ich blinzele in das frühe Licht. Noch ist mehr Grau denn Blau, doch schon schiebt die Sonne die Wolken zur Seite und ich gehe zu Herrn Zingarelli hinüber und Herr Zingarelli überreicht mir galant eine Schüssel Walnuss- und Pistazieneis. Die Sonne klettert über den Dachfirst, ich steige die knarrende, alte Holztreppe zum Trockenboden hinauf. Dort trocknet im Winter noch immer die Wäsche, die Zitronenbäume überwintern dort und auch die Fahrräder lagern dort ein. Das Schönste am Trockenboden aber sind die Fenstergauben mit ihren breiten Balken. Ein Kissen im Rücken, die Schüssel mit Eis auf dem Schoss und ein Buch in der Hand, baumeln meine Beine aus dem Fenster. Ungefähr auf halber Höhe des Kirchturms sitze ich und direkt neben mir funkelt die Sonne auf den roten Dachschindeln. Aber unten auf dem Kirchplatz ist viel zu viel zu entdecken, als das ich meine Buch wirklich aufklappen würde. Ein Pudel hat sich in seiner Leine verheddert und ein Dackel lacht hämisch. Eine Frau ruft: „Heinrich, Heinrich!“ und meint ihren Mann, aber ihr Mann hat wohl andere Pläne, denn sie ruft vergebens nach ihm. Immer mehr Stühle füllen sich vor der Trattoria der Familie Zingarelli und auch vor der Eisdiele: lange Schlangen. Ein Bube heult: „A-B-E-R D-A-S E-I-S I-S-T J-A K-A-L-T. Seine Schwester frohlockt und versucht ihm die Waffel zu entreissen. Das geht schief. Zwei Waffeln liegen auf dem Pflaster schon kommen die Elstern, Erdbeereis krächzen sie und schon ist das Eis Vergangenheit. Entsetzte Kinderaugen. Gemeinsames Geheul. Der Vater schüttelt den Kopf: „Ich habe euch doch gesagt!“ Zum Glück ist Frau Zingarelli schon zur Stelle und streicht den Kindern über den Kopf, schon halten sie eine neue Waffel in den Händen und Frau Zingarelli winkt zu mir nach oben. Ich winke zurück. Ein Mann läuft mit einem Blumenstrauß gedankenverloren über den Marktplatz. Der Blumenstrauß sagt: „Sabine, ich liebe nur dich- verzeih mir- es wird nie wiedervorgekommen- du bist das Licht, mein Leben- Sabine, was soll neben dir eine Annika sein?“ Der Mann probt in Gedanken noch einmal seine Entschuldigungsrede, sein Jackett ( hellblau ), seine Jeans dunkelblau und seine Schuhe frisch gewienert, er ist die Reue selbst. Fast er übersieht er eine Frau auf dem Fahrrad, die böse klingelt, aber der Mann sieht nicht einmal auf: „Liebe Sabine, ohne dich sind alle Tage grau, alle Tauben verflogen und mein Leben nur Ödnis.“ Er trägt den Bluemnstrauß wie ein Schutzschild vor der Brust. Schon biegt er um die Ecke. Jeder Schritt ein Schritt zurück zu Sabine.
Eine Ehepaar schließt ein Tandem an. Der Wirt vom „Goldenen Krug“ schickt den Lehrling ihnen mit dem Gepäck zu helfen. Dem Lehrling ist das Tandem nicht geheuer. Aber das Tandempaar teilt sich nicht nur ein Fahrrad, sondern auch das gleiche Sportdress. Rote Hosen und ein weißes Laiberl. Der Lehrling zieht das Käppi tiefer. Mit dem Tandempaar will er lieber nicht gesehen werden von den Freunden, die auf dem Marktbrunnen sitzen und johlen. Der Tandembesitzer hat endlich das komplizierte Nummernschluss richtig hingefummelt und er und sie humpeln im Gleichschritt, dem „Goldenen Krug“ entgegen. Schon stehen zwei Stadtführer auf dem Marktplatz. Waren für Jahre Regenschirme ihr beliebtestes Accessoire, so schwenken sie jetzt Länderfahnen, um ihre Gruppen zu sammeln. Einmal Spanien gegen Italien. Die Stadtführer schreien „Una città vecchia“ und „la ciudad vieja“. Die Touristen knipsen Marktplatz und Kirchturm, aber eigentlich sehen sie sehnsüchtig in Richtung Eisdiele, wo die Schlangen immer länger werden. Endlich muss der Stadtführer einmal Luft holen, seine Atempause wird sofort in Eiskugeln umgesetzt. Der Stadtführer wischt sich den Schweiß von der Stirn und ich muss an mich halten, um nicht: „Nehmen Sie Walnuss und Pistazie“ vom Dach zu schreien. Zwei ältere Damen tauchen ihre Taschentücher in das Brunnenwasser und kühlen sich die Arme. Der Pfarrer noch im Talar läuft mit Bibel unter dem Arm raschen Schrittes über den Kirchplatz hinüber. Beliebt ist er nicht. Die Leute sagen, er würde den Gläubigen nach dem Gottesdienst nicht mehr die Hand geben. Er fürchtete sich vor Keimen. Die Gläubigen aber fühlen sich eines Händedrucks würdig und wünschen sich den alten Pastor zurück, der alle Frauen zwischen fünf und fünfundfünzig in die Wangen kniff. Mit der Kantorin soll sich der alte Pastor noch ganz andere Zärtlichkeiten herausgenommen haben, so jedenfalls habe es die Frau Pastorin, Frau Zingarelli im Vertrauen erzählt, die aber habe es bei der Beichte dem katholischen Priester sagen müssen und anderntags wusste die ganze Stadt, dass der Pfarrer auf dem Sofa schlafen musste. Dann wurde der Pfarrer versetzt. „Vom Regen in die Traufe“ sagen die Leute und ich kratze den letzten Rest Walnusseis aus der Schüssel und gähne im warmen Sonnenlicht. Die Kantorin schließt die Kirchentür ab. Herr Zingarelli serviert knusprig heiße Pizza. Mürrisch sieht der Wirt vom „Goldenen Krug“ herüber. Seine Gaststube ist nur für diejenigen zu empfehlen, die sich ihres Erzfeindes erledigen wollen. Es gibt Leute die sagen, dass sie rostige Nägel im Kartoffelpüree gefunden hätten. Aber meine Großmutter sagte, noch nie haben die Wirte vom „Goldenen Krug“ zu kochen verstanden. Das Tandemehepaar will es trotzdem wagen und diskutiert die Speisekarte. Inzwischen haben alle Touristen eine Kugel Eis erstanden und trotten dem Stadtführer mit seiner Fahne hinterher: „Il castello vecchio!“ Ein Auto, das in der Innenstadt gar nicht fahren dürfte, fährt langsam vorüber, denn auch die Oberstufenschönste mit ihren blonden Engelslöckchen und dem goldenen Overall steht an der Eisdiele an. Der BMW hält und die Musik knallt über den Marktplatz. Die Stufenschönste ( Erdbeereis ! ) dreht sich langsam auf dem Hacken um, ihr Lächeln knallt gegen die Musik, langsam fährt sie mit der Zungenspitze über die Eiskugel, kostet ganz langsam und fährt sich mit der Zunge über die Mundwinkel. Dann aber wendet sie sich ab und geht auf einen jungen Mann zu, der mit einem klapprigen Fahrrad am Brunnen wartet, steigt auf den Gepäckträger, er tritt an und sie schleckt Erdbeereis, der wind fährt durch ihre Locken. Der BMW-Fahrer aber steht als verlassenes Hündchen am Straßenrand. Er isst kein Eis mehr.
Ein Mädchen läuft einem roten Luftballon hinter her, der BMW-Fahrer fährt mit heulendem Motor davon und die große Schwester des kleinen Mädchens zeigt nach oben, wo ich noch immer mit den Beinen baumelnd im Sonnenschein sitze: „Guck mal ruft sie, Karlsson auf dem Dach.“ Mutter, Vater und Kinder starren mit offenem Mund zu mir herauf. Ich zwinkere dem Mädchen zu.

Zu nächtlicher Stunde

„Kommst du mit zurück?“, fragt mich die liebe C. als Herr Zingarelli verarztet und die Spaghetti aufgegessen sind. Ich schüttle den Kopf. „Ich geh noch auf einen Sprung zum D.“ sage ich und die liebe C. nickt. „ Aber sieh noch einmal bei mir herein, wenn du zurück bist, ja?“, sagt die C. und ich muss lachen. Aber gerührt bin ich eben doch. „Versprochen“ sage ich und küsse meine liebe C. Herr Zingarelli gibt mir zwei Flaschen Wein, die braucht der D. sagt er und ich nicke. Am Morgen in der Zeitung, die Anzeige: „bekunden sich ihre Verlobung anzuzeigen: Fräulein B. und Herr C. beide Ärzte im Städtischen Klinikum der Stadt X.“ Ich legte die Zeitung weg, denn schon schellte es an der Praxistür. Aber die Anzeige vergaß ich nicht. Die liebe C. und Familie Zingarelli winken mir zu: „Grüßen Sie uns den D.“ rufen sie und ich nicke. Über den Marktplatz also, vorbei am stattlichen Haus der Familie der B. Altes Geld sagen die Leute und meine Großmutter sagte mir: ich sollte nichts darauf geben, was die Leute sagen. Drei Querstraßen weiter drücke ich die Haustür auf. Noch immer der gleiche Muschelkalk auf dem Boden, eine Reihe von Briefkästen, zwei Fahrräder, eins ist kaputt. Der Stiegenlauf schon lange nicht mehr gestrichen. Erbaut im Jahre des Herrn über dem Türsims, ich laufe die Treppen hinauf, bis ganz hinauf ins Dachgeschoss. Dreimal kurz und zweimal lang klopfe ich an die Tür. „Mach auf“ rufe ich und klopfe noch einmal. Endlich knarrt der Dielenboden und dann öffnet sich die Tür. „Poltergeist“, sagt der D. „Sehr witzig sage ich und stelle die Weinflaschen auf den Tisch. „Von Herrn Zingarelli“ sage ich und du suchst einen Korkenzieher. „Immer noch nüchtern Read On?“ fragt der D. und ich nicke. Die gleiche Zeitung liegt auf dem Tisch. „Bekunden sich ihre Verlobung anzuzeigen.“ Nun ist es also soweit“ sagt der D. und der Korken ploppt aus der Flasche. Der D. sieht auf seine Hände und ich sehe auf den Kamin. Dort steht im silbernen Rahmen das Bild von B. und D. Lächelnd, sonnenbestrahlt. Arles. Ein langer Sommer. Der D. auf dem Bild hat keine Schatten unter den Augen, sondern trägt die Sonne vor sich her. „Dir will ich die Welt zu Füßen legen“ steht in unsichtbarer Tinte unter der Fotografie geschrieben. Der D. sieht meine Augen und dreht das Bild abrupt um. „Was willst du?“,fragt er und ich zucke mit den Achseln: „Ich will nicht das du allein trinkst, sage ich und der D. lacht. „Ach so, das Fräulein Read On, mit ihrem Patent zum Sorgen machen. Die ewig Besorgte, die Kümmerin, die Ach-ich-weiß-wie-es-dir-geht, die lass uns doch reden-Madame. „Bist du fertig?“ frage ich. „Scheiße“ sagt der D. und dann räumt er einen Stapel Zeitungen für mich vom Stuhl. Ich mache mir einen Tee. „Fühl Dich wie zu Hause“ sagt der D. und ich drehe mich um. „D. sage ich, ich gehe nicht.“ „Scheiße“, sagt der D. Neben der Zeitung liegt die dokumentierte Beziehung des D. und der B. Fotostapel über Fotostapel. Ein glückliches Leben. Fast zehn Jahre lang und dort wo ich sitze, einem breiten Rattanstuhl hat die B. jahrelang gesessen und dem D. nach der Nachtschicht in den Schoß gelegt. Der D. ist Krankenpfleger und die B. inzwischen Ärztin. Zehn Jahre lang war es der B. egal und dann verlobte sie sich mit dem Anästhesisten und nicht mit dem Krankenpfleger D. Der D. starrt auf die Zeitung. Ich auch. Der Teekessel pfeift. Keiner von uns steht auf. Der D. lacht bitter. „Was wollen Sie als Krankenpfleger denn im Arztzimmer?“, hat sie am Freitag gesagt. „Scheiße“, sage ich. Der D. nickt und legt den Kopf auf die Arme. Die Kirchturmglocken schlagen und vor dem Haus hält ein Auto. Wir stehen nicht auf. Das Auto fährt fort und die Scheinwerfer ziehen einen hellen Lichtstrahl durch die Küche. Der D. erinnert sich der Weinflasche, dann schüttelt er den Kopf. „Es wäre besser, wenn wir uns jetzt siezen“ sagte sie ,murmelt er und ich ziehe seine Hände zu mir heran. Der Korkenzieher fällt klappernd zu Boden. Ich würde gern sagen, dass sie es nicht so meint, dass sie schon jetzt vielleicht drüben im stattlichen Haus, nervös auf den Fingernägeln kaut, die Jacke vom Haken nimmt, und hinüberläuft zum D., aber vor uns auf dem Küchentisch liegt die Anzeige, rot umrandet vom D. zwei Turteltäubchen halten einen Zweig im Schnabel: „Bekunden sich ihre Verlobung anzuzeigen.“ Am Haken im Flur hängt noch ihr Wintermantel, ihre Handtasche, so als sie sei nur auf einen Sprung nach Haus gegangen, denn ihr Zuhause war doch die letzten zehn Jahre die Dachgeschosswohnung des D.
Der D. trinkt ein Glas Wein. „Was soll ich jetzt machen?“ „Ruf sie an2, sage ich. Du wirst doch nicht hereinfallen wollen auf das Sie und das Arztzimmer. Der D. legt eine Platte auf. Gluck. Orpheus und Eurydike. Unten vor dem Fenster steht eine Frau im Hauseingang, schon kommt ein Taxi, hastig steigt sie ein und schon liegt die Straße wieder im Dunkeln. Der D. und ich liegen auf dem alten Smyrnateppich und die Musik, diese klagende Stimmen im Wechsel schwappt in Wellen über uns hinweg. Unten auf der Straße quietschen die Bremsen, auf dem Marktplatz schlägt die Uhr, im Treppenhaus lässt jemand ein Schlüsselbund fallen, der Symrnateppich riecht nach dem Lavendelparfum der B. „Ich dreh mich doch nicht um, doch nicht nach ihr“, sagt der D. und klingt nicht einmal weinselig dabei, sondern nur bitter. „Ruf Sie an“, sage ich und stehe auf das Telefon suchen. Im Papierkorb mehr Bilder der letzten Jahre. Unter der Zeitung endlich das Telefon. „Ruf sie an“, sage ich und der D. dreht den Kopf weg. „Willst du lieber in die Kirche stürmen, kurz vor dem Ja-Wort?“, frage ich und der D. nimmt das Telefon. „Du bist unerträglich, sagt der D.“ „Dafür bin ich hier“, sage ich und der D. wählt die Nummer, die einzige Nummer, die er inwendig behalten kann. Am anderen Ende nimmt die B. den Hörer ab. Für einen Moment noch, stehe ich am Küchenfenster, dann suche ich Mantel, Schuh, und ziehe die Wohnungstür hinter mir zu. Zurück zum Marktplatz also, die Straßen menschenleer. Alle Häuser sind dunkel. Nur im stattlichen Haus an der Ecke des Marktes brennt Licht. Im Erker steht die B. das Telefon in der Hand, den Hörer dicht ans Ohr gepresst, die andere Hand im Haar vergraben. Ich bleibe nicht stehen, schon suche ich nach dem Schlüssel, im Haus meiner Großmutter hat die liebe C. mir Licht angelassen, ich lasse die Treppenstufen fünf und acht aus, öffne leise die Tür zum Zimmer der C. und küsse sie auf die Stirn. „Der D?“ murmelt sie, telefoniert mit der B. sage ich und die C. lächelt. „Schlaf gut“, „Du auch“ flüstere ich und gehe ins Bad. Bevor ich endlich ins Bett falle, sehe ich noch einmal über den Marktplatz. Bei der B. ist noch Licht, strengte mich an, könnte ich bestimmt erkennen, ob sie noch immer mit dem Telefon am Fenster steht, aber ich ziehe den Vorhang vor, und sehe auf den Wecker neben dem Bett. Es ist halb Zwei.

An allem,( wirklich) allem sind nur die Ärztinnen schuld.

Neulich einmal habe ich gelesen, dass das Unglück der Welt im Grunde darauf zurückzuführen ist, dass es zu viele Ärztinnen und nicht genug Ärzte gäbe. Denn wie alle Welt wisse, so der Tenor interessieren sich Frauen nur für Schuhe und Handtaschen nicht aber mehr für eine Praxis in der Provinz und so sie sich doch durch das Physikum schlafen, arbeiten sie dann nur von Montag bis Mittwoch und das auch nur von 9-12, denn am Nachmittag gilt es die Nägel zu lackieren und beim Tänzchentee eine gute Figur zu machen. Nun ist es aber auch so, dass ich nicht nur auf katastrophale Liebesgeschichten mit Chirurgen zurückblicken kann und der zweite von meinen drei Berufen etwas mit Medizin zu tun hat, sondern meine liebe C. ist genau eine solche als faul und feige gescholtene Landärztin und, da bekanntlich stimmt was in der Zeitung steht, lohnt es sich doch die Probe aufs Exempel zu machen und da trifft es sich gut, dass ich heuer aushelfe in der Praxis meiner lieben C., deren drei Grazien ( anderswo bekannt als medizinische Fachangestellte ) momentan unpässlich sind.

Um 6.30 Uhr trinken wir beide also einen Becher Kaffee, und sperren die Praxis auf. Um Sieben Uhr ist die Praxis voller Patienten und meine liebe C. hat schon zehnmal gesagt: „Der Nächste bitte.“ Ich nehme Blut ab, springe zwischen Sprechzimmer und Anmeldung hin-und her und schreie nebenher ins Telefon. Dazwischen gehe ich der lieben C. zur Hand. Es kommt eine Frau mit akuten Magenkrämpfen, der Dachdecker zum Verband wechseln, eine ältere Frau bekommt schlecht Luft, ein Mittvierziger klagt über Herzrasen, und dann kommt eine aufgeregte Mutter mit ihrem Bub an der Hand, der seinen Asthmainhalator verlegt hat. Der Kinderarzt der kleinen Stadt hat nämlich am Freitag zu. Ich drucke Rezepte aus und als der Dachdecker sich einen Termin zum Fäden ziehen geben lässt, beugt er sich vor: „Du Read On sagt er“ ich weiß was du immer sagst, aber meiner ist wirklich länger als alle anderen.“ „Ach Dachdecker“ sage ich während das Telefon schon wieder klingelt, der bundesdeutsche Penis ist sechzehn Zentimeter lang.“ Der Dachdecker verlässt die Praxis mit roten Ohren, aber einem neuen Verband. Es kommen: Verdacht auf eine Prellung, Verdacht auf Krätze, eine nässende Wunde, Salmonellen, und einer Frau fällt ein, das sie doch Vorgestern zum Impfen bestellt war. Der Hautarzt und der Orthopäde wie auch alle anderen Fachärzte der kleinen Stadt haben Freitag schon seit Jahr und Tag keine Sprechstunde mehr und so kommen die Leute eben zur lieben C. „Kannst du den Lungenfunktionstest machen, ruft die C. Ich nicke und weiter geht es. Ein Mann mit schwerer Diabetes kommt zur ‚Madentherapie’, Fliegenlarven werden dabei zur Entfernung nekrotischen Gewebes eingesetzt. Ein anderer Mann hat seine Überweisung zum Physiotherapeuten verloren und benötigt eine Neue. Eine Frau übergibt sich in eine eilige hingehaltene Nierenschale: „Ich habe Angst, dass ich schwanger bin“, weint sie. Sie habe doch gerade erst einen neuen Job angefangen. Die. C. zieht sie vor. Eine demenzkranke Patientin, weiß nicht mehr ob sie ihre Tabletten genommen hat. Ein Mann ist von der Leiter gefallen und kann sich nicht mehr erinnern, wie es zu dem Unfall kam. Verdacht auf Lungenentzündung. Eine schwangere Patientin hat Krämpfe und keine Kinderbetreuung. Die Kinder bekommen Stifte und Papier und malen, bis Oma kommt, der Mann arbeitet auf Montage in den Niederlanden. Aber immer geht es weiter und weiter: Bronchitis, chronische Rückenschmerzen, ein eingeklemmter Nerv, Ohrenschmerzen, ein zugeschwollenes Auge ( der Augenarzt geht Freitags Nachmittags immer zum Angeln. Denn am Freitag Nachmittag beißen die Fische am Besten.) Der Parkinson-Patient war im Krankenhaus, dort hat man bei der Entlassung vergessen, ihm die Braunüle aus dem Handrücken zu entfernen. Nun macht es die C. Gleich nach ihm kommt eine Frau, die schweres Rheuma und eine papierdünne Haut hat. Beim Versuch sich ein grossflächiges Pflaster abzuziehen, hat sie sich die Haut abgerissen und das Pflaster hängt noch immer an ihrem Ellenbogen. Eine halb Stunde judiziere ich an dem Pflaster herum. Derweil überschlägt sich das Telefon. Inzwischen hat die C. die Medikation einer Krebspatientin neu eingestellt, zweimal Fäden gezogen und ein EKG gemeinsam mit dem Patienten ausgewertet. Es folgen Patienten mit enorm erhöhten Blutdruck, und die Frau, die seit Jahr und Tag von ihrem Mann „ eine fängt“, kommt für einen Verband und eine Tasse Tee. „ Er meint es nicht so“, sagt sie seit Jahr und Tag.

Es kommt eine Frau mit Schwindelanfällen, die sich als Angstattacken herausstellen und natürlich ist die Aufnahmestation der Psychiatrie überlastet. Aber ich kann gut Krach machen, und schließlich findet sich wenigstens für das Wochenende ein Bett. So geht das weiter und weiter. Es kommen große und kleine Krankheiten, es kommen Sorgen und Unsicherheiten und Schmerzen. Es kommen immer wieder Geschichten durch die Tür. Es kommen müde und traurige, wütende und entspannte, ungeduldige und natürlich- ICH BIN ABER PRIVATPATIENT-Rufer. Eine Frau bringt eine Packung Eier. Herr Zingarelli, der die Eisdiele des Ortes betreibt, hat sich die Hand am Eisspatel verletzt. Erst gibt es einen Verband und verspricht uns einen himmelhohen Eisbecher für später. Den ganzen Tag kommen und gehen Menschen. Es kommen auch die Menschen, die man sonst nur bei RTL vorführt, aber die haben auch ein richtiges Leben und kranke Kinder. In diesem Falle fünf Kinder, eines mit Magenschmerzen, ein anderes schreit. Die Kinder heißen natürlich Jakkeline und Kevin-Matteo und die Eltern haben Mühe mit dem Lesen, dem Schreiben und dem Leben an sich. Aber die Eltern und man wird erinnert an einem Nachmittag in einer kleinen Praxis lieben ihre Kinder genauso wie die Eltern der Kinder, die auf keinen Fall mit Jakkeline spielen sollen. Jakkeline brüllt wie am Spieß und ihr Vater, dessen Deutsch ich nicht verstehe, obwohl es seine und nicht meine Muttersprache ist, himmelt Jakkeline an und sagt immer wieder: Was du für eine schöne Stimme hast, Jakki. Wir können dann feststellen, dass nicht nur Anhimmelei, sondern auch eine frische Windel gegen das Geschrei hilft und Fencheltee müsste auch gegen die Magenschmerzen helfen, besonders wenn das Kind sehr viel Cola getrunken hat.

Die C. aber verzieht nicht ein einziges Mal das Gesicht, sondern die C. hat für jeden, selbst für den Privatpatientenrüpel noch ein Wort übrig. In der Mittagspause teilen wir uns eine Avocado und trinken kalten Kamillentee. Ich esse meine Avocado am Telefon. „Ich habe schon zehn Mal angerufen“ schreit die Frau am Telefon, die doch morgen verreisen will und der nun einfällt, dass ihr noch eine Impfung fehlt. Ich rufe bei der Apotheke an. Um fünf Uhr am Nachmittag, mache ich meine Aufklärungssprechstunde. Um fünf Uhr sitzen also die Jungs auf den Stühlen, aber niemand will über Penislängen sprechen, sondern alle zeigen mir verwackelte Videos aus Schweden. Alle schreien und reden und alle wollen wissen, wo Schweden ist. Und dann erzählen sie wie es war, als die Bomben bei ihnen explodierten, in Städten und Dörfern, die uns so unbekannt sind, wie ihnen Schweden. Der älteste Teilnehmer, der in den Aufklärungssprechstunden nie spricht, aber beugt sich plötzlich vor und krempelt die Jeanshose hoch, dort wo sie und ich ein Knie haben, hat er einen Stumpf und eine Prothese und wir sehen auf den Stumpf und wir wissen schon und wissen doch nicht und überhaupt gibt es nicht genug Worte für das was hinter den Videos und den Stümpfen liegt.

Die liebe C. macht unterdes die Hausbesuche für die sie kein Auto braucht. Dann machen wir die Hausbesuche für die man ein Auto braucht. 12 Namen stehen auf der Liste und die letzte Patientin, es ist kurz vor halb acht Uhr am Abend. Die Frau ist demenzkrank und eigentlich sollte ihre Betreuerin uns die Tür öffnen. Aber die Tür öffnet niemand, dafür hören wir die alte Frau rufen. Der Nachbar hat einen Schlüssel und es stellt sich heraus, dass die Betreuerin schon seit zwei Tagen nicht mehr aufgetaucht sei. Die Frau liegt verängstigt, eingenässt und verwirrt im Bett. Haben sie schon einmal versucht Kurzzeitpflege an einem Freitag Abend kurz vor Acht zu organisieren? Ich schon. Um 21 Uhr fahren wir über die Dörfer zurück in die kleine Stadt. Komm Liebe, sagt die C. lass uns auf einen Teller Spaghetti zu Herrn Zingarelli gehen. Ich nicke und müde lächeln wir uns an.

Dafür, dass Ärztinnen alle nur halbtags arbeiten und den Berufsstand selbst ruinieren sind wir seit dreizehn Stunden auf den Beinen. Aber natürlich ist das nichts im Vergleich zur guten, alten, zur goldenen Zeit als man Ärzte niemals nach fünf Uhr am Abend zu stören hatte, denn gestorben wird bekanntlich immer und wirklich es waren Halbgötter in Weiß, die vollmundig tönten: „Hier rettet der Chef noch selbst“, nur nicht am Wochenende und schon gar nicht am Freitag Abend, wenn Doppelkopf gegen den Bürgermeister gespielt wird. Als Frau Zingarelli um 21. 30 Uhr zwei Teller mit dampfenden Spaghetti vor uns hinstellt, und wir gerade zur Gabel greifen, kommt Herr Zingarelli mit blutender Hand im Geschirrtuch angelaufen. „Ich geh schon“, sage ich zu meiner lieben C. und hole die Arzttasche aus dem Auto.

Während du schliefest.

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Nachts um Zwei Uhr klingelt das Telefon. Nein, nicht das alte iphone neben meinem Bett, sondern das irische Telefon unten neben dem Sessel auf dem die Katze selig schläft. Nicht nur weil es Nachts um Zwei ist, und auch nicht weil die Nummer nicht mehr als fünf Menschen haben, ahne ich doch, dass es nur meine liebe C. sein kann. Niemals würde Sie mich zu dieser Stunde- auf dem scheppernden Mobile anrufen, um mich und den Tierarzt zu wecken, sondern sie lässt das Telefon klingen, leise und fragend und wachte ich nicht auf, so bin ich mir sicher, wäre sie fast erleichterter, als sie es ist, als ich die Treppe hinunterlaufe, mich auf die Sesselkante setze und sage: „Liebes bist Du in Ordnung?“ „Ich schon flüstert die C. aber die drei Grazien- ihre Arzthelferinnen sind krank.“ F. der einspringen könnte, kommt aus dem Krankenhaus nicht los, mein Vater ist gar nicht in Deutschland und dann flüstert die C. fast unhörbar: „Könntest du kommen?“ Die liebe C. kann mich nicht nur Nachts um Zwei anrufen, sondern für die C. würde ich von viel weiter weg kommen, als nur von Irland aus. „JA“, sage ich und die C. am anderen Ende des Hörers atmet aus. „Warum bist du überhaupt wach Süße?“ sagt sie und wir wissen beide: alte Träume, die mir durch die Nächte fahren. Dann schicke ich die C. zurück ins Bett. Ich packe Tasche und Bücher zusammen, räume weiter die Küchenschränke aus ( Pessach kommt mit großen Schritten näher ) und alles Chametz- haltige kommt zum Tierarzt. Die Katze kommt auf eine Untertasse Milch vorbei und ich richte eine Tomatensuppe mit Reis, denn beim Tierarzt muss man sich wirklich fürchten, dass er verhungert, ist man auf ein paar Tage verreist. Bevor aber der Tag wirklich und vollständig anbricht und ich aufstehen muss, gehe ich noch einmal die Treppe hinauf, und ziehe ein kleines, bisschen, aber ganz vorsichtig nur am Federbett, von dem der Tierarzt mir eine Ecke abgeben soll. Für eine dreiviertel Stunde sehe ich den Tierarzt an. Im Licht und am helllichten Tage ist der Tierarzt immer im Schatten, lehnt halb verborgen hinter einem Türrahmen oder verschwindet fast in der Hand. Selbst in einer Schafherde, die dem Tierarzt doch höchstens bis zum Knie reicht, muss man den Tierarzt suchen, der mit dem Rücken an einen Baumstamm gelehnt ein Lamm auf den Knien hält. Auf dem Bild, das unten im Wohnzimmer auf dem Kaminsims steht, und auf dem die ganze Tierarztfamilie versammelt ist, sieht man nur das Bein und einen halben Ellenbogen. Da ist der Tierarzt zehn Jahre alt und damals schon ließ sich der Tierarzt mehr erahnen als wirklich sehen. Ganz anders aber am Schlaf: während ich nur unter Decken und Kissen vergraben, und einem riesigen afrikanischen Tuch mumiengleich eingewickelt schlafen kann, liegt der Tierarzt mit den Armen hinter dem Kopf ausgetreckt neben mir. Fast verschwunden sind die Schatten, die mit dem Tageslicht zu ihm kommen, jetzt aber in der letzten Stunde der Nacht, atmet der Tierarzt leise ein- und aus. Ein heimliches Lächeln gar zieht sich über seine Lippen und ich sehe den Tierarzt an, dem die Haare tief in die Stirn fallen, und der auf dem Rücken liegend sacht und zart vom Schlaf selbst behütet inmitten der Träume geht. Zart sind seine Züge, im Schlaf ist der Tierarzt noch immer acht Jahre alt und noch immer liegt dort das Kind, das kaum sprach vor allem nicht mit Menschen, sondern vor allem mit dem Hund, der eigentlich auf dem Bettvorleger verbleiben sollte, uneigentlich aber Nacht für Nacht neben dem Tierarzt schlief. Schöne, schwarze Wimpern, ganz leicht zuckt ein Wangenmuskel, so als wolle der Tierarzt eigentlich gleich lachen, herzhaft und heiter, er der traurige Schatten immer in den Mundwinkeln trägt. Ich will es mir festhalten, dieses dein Bild für später und lange schon magst du irgendwann neben jemand anderen liegen, diese Stunde neben dir in der Dunkelheit, die gehört mir, ich werde sagen können, ich habe dich schlafen sehen und sah wie die Schatten Dir entwichen und still habe ich dagelegen und dir beim Schlafen zugesehen. Dann dämmert der Morgen herein, ich stehe auf und mache Tee, dann küsse ich Dir die Mundwinkel rosig und erzähle dir vom Anruf der C. Noch immer halten die Schatten sich von dir fern und erst als ich Dir Tür hinter mir zuziehe, kehren die Schatten zu dir zurück. Im Flugzeug dann endlich, schon neigt der Tag sich dem Ende zu, schlafen zwei schwere Männer neben mir tief und fest, schnarchen und neigen die Köpfe, aber ich sehe nicht hin, nicht umsonst kann ich weder im Flugzeug noch in der Bahn schlafen, und immer muss ich ein Tuch um mich herum gewickelt wissen, denn der Moment der Entblößung im Schlaf schien mir immer zu groß für das, was ich der Welt zu zeigen gewillt bin. Als Kind glaubte ich die Nachtwächter, die in alten Tagen die Städte vor dem Feuersturm aufwecken sollten, würden eigentlich den Schlaf bewachen und für viele Jahre gab ich als Berufswunsch Schlafwächter an und stellte mir vor ich zöge von Fenster zu Fenster und pflückte den Nachtmahr von den Köpfen in den Federbetten. Dann zöge ich weiter und sänge: Hört ihr Leut, und lasst Euch sagen:Unsre Glock hat Elf geschlagen! Aber ich bin etwas anderes geworden und lasse die beiden Männer mit ihrem Schlaf allein. Im Fenster weiße Wolken, blass blau und hell rosa, vielleicht liegen hier die Träume begraben. In Berlin schwarze Nacht, mit dem Auto schließlich vorbei an Grillstuben, Spielhöllen, Apotheken, einem McFit, dem Gefängnis, dort brennt kein Licht mehr, eine Bäckerei und Wohnhäusern, in vielen Fenstern flimmert Fernsehlicht, eine Frau schon im Nachthemd raucht aus dem Fenster, ein Mann im Unterhemd stemmt Hanteln auf dem kleinen Balkon, schon bin ich auf der Autobahn immer noch weiter und weiter, der kleinen Stadt und der lieben C. entgegen. LKW’s und vereinzelte Autos bloß, nur nicht noch müder werden und lieber leise mitsingen.

Dann endlich vertraute Straßen, den Kirchturm noch vor der Stadt erahnen, die C. hat für mich das Licht angelassen. Motor aus. Die Treppenstufen fünf und acht auslassen, doch die C. läuft mir schon entgegen. Endlich Schuhe aus und mich küssen lassen. Für zehn Minuten sitze ich auf der breiten Fensterbank und sehe auf den Marktplatz herunter. Alles schläft, Hört ihr Leut, und lasst Euch sagen:Unsre Glock hat Zwölf geschlagen! Kein Nachtwächter kommt mehr. Müde bin ich, aber mit dem Kopf an das kühle Fensterglas gelehnt, denke ich an den Tierarzt, der ungefähr jetzt die Zähne putzt und die Bettdecke aufschlägt, die Arme hinter dem Kopf verschränkt, die Augen schließt und verborgen vor der Welt einschläft mit heiter zuckenden Mundwinkeln und immer kleiner werdenden Schatten. Dann stehe ich auf, und gehe selbst ins Bad, und nicke der müden Frau im Spiegel leise zu.

Woanders ist es auch schön.

Ich bin außer in Gedanken mit Gustav von Aschenbach, der ja bekanntlich am „Nördlichen Friedhof die Tram erwartete“ noch niemals über einen der Münchener Friedhöfe gegangen, aber auch der alte Südfriedhof ist wohl mehr als nur einen Spaziergang wert und die kleine und beunruhigend große Novelle von Thomas Mann lässt sich auch in einem Frühjahrsmantel gut verstauen.

Immer liegen die großen Geschichten, die zum Weinen neigen oder auch zum Lachen reizen schon in den kleinen Szenen verborgen und Frau Trippmadam hat sie festgehalten .

Der verehrte Herr Buddenbohm hat ein neues Türschild. Seien Sie gewarnt, aus diesem wunderbaren Geschichtenhaus findet man niemals wieder heraus. Welch ein Glück.

Die wunderbare Philea empfiehlt ein Buch.

Ein verstörend und berührendes Fotografieprojekt über Menschen, die wir mit den echten, richtigen, wichtigen Leben, gern übersehen. Hier hört jemand nicht auf hinzusehen.

Die sehr verehrte Frau Arboretum hat Post.

Der Tierarzt in diesem Haushalt zuständig für Sprechgesang empfiehlt Emily Galan. Der Tierarzt jedenfalls summt es vor sich hin und das ist für einen Montag Morgen doch kein schlechter Anfang. Schrödinger’s Letter ist auch ein besonders hübscher Titel.

Sonntag

Schon wieder ist es früh und der Tierarzt reibt sich verschlafen die Augen, selbst der treue Volvo murrt ob der frühen Stunde. Die Tierarzttasche in den Kofferraum. Notenpapier auf meinem Schoß. Wieder nach Norden. Der Tierarzt vertritt einen Kollegen, dem eine missmutige Kuh die Kniescheibe zertrat und ich vertrete eine vor Husten keuchende Cembalistin. Das grundlegende Problem des Protestantismus scheint mir noch immer vor allem in der schlichten Tatsache zu bestehen, dass die Kirchen zwar reinweiss gekalkt aber immer unbeheizt sind. Die Cemabalistin jedenfalls hustet verzweifelt und Irland, wäre nicht Irland, hätte nicht der Vater der Dame als Messdiener beim Priester viele Sonntage verbracht. Das Flehen der Geige, das Klagen des Cellos und der bellende Husten der Dame endeten mit dem Priester vor meiner Tür: Fräulein Read On? Könnten sie nicht…?“ Das Fräulein Read On, wäre ja nicht das Fräulein Read On, knickte es nicht nach zwei Minuten ein und nickte. „Natürlich Priester.“ So sitzt das Fräulein also in aller Frühe neben dem Tierarzt und jammert und greint. „Ich weiß gar nicht ob ich noch Cembalo spielen kann. Der Tierarzt, der in der Schule nur das Triangel schlagen durfte, bevor er zum Notenwart ernannt wurde, nickt mir beruhigend zu: Mein Mädchen, das ist wie Rad fahren.“ Ich schnaufe zweifelnd und sehe mich von einer kopfschüttelnden Konzertgemeinde ausgelacht und aus dem Saal vertrieben und am schlimmsten im Zustand der Schande in das kleine Dorf in dem ich eben wohne zurückkehren, wo die Frau des Krämers mich dies niemals vergessen liesse. „Hör zu, sagt der Tierarzt, sollte es so schlimm kommen, dann gehe ich mit ihrer Tochter tanzen und das ist mir Ansporn und Beunruhigung zugleich. Der Tierarzt legt seine Hand auf mein Knie. Nordwärts also nach Armagh, die lange gerade Autobahn, einzelne Häuser nur, dann Drogheda, schon fliegt Dundalk vorbei. Anders aber als noch vor ein paar Wochen, überall entlang des Weges Schilder: „No hard border.“

Als ich ein Kind war, sagt der Tierarzt, als wir uns der Grenze nähern, die man nicht sieht, da gab es hier keine Autobahn, sondern nur eine sich verengende Straße, die schließlich schmaler und schmaler wurde, der Tierarzt zeigt nach Rechts, dort in ungefähr 500 Metern Abstand sagt er, eingegraben, fast unsichtbar und zum Übersehen gedacht, war der britische Armeekontrollpunkt. Ebenerdig fast, um Heckenschützen keine Angriffsflächen zu bieten. Der Tierarzt schüttelt den Kopf. Kalt ist seine Hand auf meinem Knie. Über uns mildes Licht, gelber Ginster und die Ravendale Mountains, grün-und schiefergrau. In den Bergen liegen noch heute ungezählte Leichen jener Jahre, vergraben und verscharrt zwischen Ginster und Moos, oder mit Steinen beschwert. Schon sind wir weiter. Hinter der Grenze dominieren die Nationalists, irische Fahnen, weiße Holzkreuze am Straßenrand, in memoriam 1. April 1983, Hungerstreik, immer wieder hat es Tote gegeben, immer wieder die Toten zählen. Immer nur die, der einen, die Toten der Anderen, werden lieber vergessen, hinter den Bergen.Fünf Kilometer weiter: Union Jack um Union Jack, bemalte Bürgersteige, Lämmer und Kühe hinter den Gardinen bewegt sich nichts. Die Polizeistation von Armagh eingefasst von doppelten Zäunen, Stacheldraht und Videokameras an allen Seiten. Spiegel vor der Einfahrt. Ein Wachhäuschen. So sieht der Frieden aus.

In Armagh trennen sich unsere Wege. Der Tierarzt wird schon in der Praxis erwartet und ich gehe in den Ort hinein. An 15 Kirchen vorbei, schließlich stehe ich vor einem alten Pfarrhaus. Der Pfarrer selbst öffnet die Tür. „Das Fräulein Read On?“ fragt er und ich nicke. Zeit hatte ich mir erbeten, mich mit dem Instrument anzufreunden. Die Bibliothek mit dem Cembalo wie sollte es anders sein: eiskalt. „Guten Morgen Cembalo sage ich leise. Zu mir selbst sage ich viermal: Es ist doch auch nur ein Klavier. Dann hören meine Hände auf zu zittern. Aber kalt ist mir trotzdem, aber dann muss ich mich wirklich konzentrieren, denn so ein Instrument muss man kennenlernen. Der Pfarrer sitzt am Fenster und sieht mir zu. Protestantische Pfarrhäuser riechen immer nach nassen Wollpullovern, dünnem Tee mit Milch, staubigem Papier und immer glaube ich irgendwo eine Katze zu sehen, die aber niemals kommt. Der Pfarrer findet ich hätte Recht und erzählt von dem Pfarrer, der 15 Katzen auf dem Speicher hielt. Noch immer fänden sich an unmöglichen Stellen Katzenhaare an. Wir müssen beide lachen.

Die Haushältern bringt mir Tee, und auch zwei Cherry Scones. Eine Spezialität der Gegend. In den Teig kommen nämlich Belegkirschen. Die Frau des Krämers kann über so etwas nur die Nase rümpfen: „Typisch Proddies“,sagte sie und keiner käme auf die Idee, dies für ein Kompliment zu halten. So hört sich der Frieden an.

Dann kommen das Cello und die Geige. Endlich erinnern sich meine Finger und das Cembalo hört auf zu buckeln. Für eine halbe Stunde gehe ich noch einmal nach draußen. Dann kommen die Gäste. Es kommen nur Mitglieder der Kirchgemeinde und Mitglieder einer befreundeten Kirchgemeinde. Der Priester nur, der aus dem kleinen irischen Dorf heraufgekommen ist, wird der einzige Katholik sein und der Pfarrer eröffnet das Konzert mit den Worten: „wir freuen uns auf das Konzert, aber noch mehr darüber, dass drei Religionen heute hier zusammengekommen sind.“ Es ist ganz still. Stiller als es in Konzertsälen oder Pfarrhäusern sein kann. So ist das mit dem Frieden hier. Dann spricht Bach und meine Finger werden warm und mein Herz auch, denn der Pfarrer hat ein Taschentuch in der Hand, der Priester den Kopf zur Seite gelehnt, als spielten wir Schach und der Tierarzt, der eigentlich nur Musik mit singenden Mädchen hört hat sich hereingeschlichen und klatscht so laut, dass ich am Liebsten unter das Cembalo kriechen würde. Am Schluss kommt eine alte Frau zu mir. „Fräulein Read On“, sagt sie, meine Enkeltochter will Klavier spielen lernen. Was muss man dafür können?„Zuhören“, sage ich, man muss zuhören können. Mehr nicht. Sie nickt und ich bin mir nicht sicher, ob es wirklich eine Enkeltochter gibt und sie nicht eigentlich über den Frieden spricht.

Aber dann kommt der Priester mit Blumen, der Pfarrer mit einem Buch über die Stadtgeschichte, der Tierarzt lehnt lächelnd an der Tür und ich bedanke mich bei Cello und Geige und richte die besten Wünsche an die erkrankte Cembalistin aus. Unten im Hof aber zieht der Tierarzt mich zu sich heran und tanzt mit mir eine Runde über den Hof. „Gerade nochmal gut gegangen“, sagt er und ich atme endlich wieder aus.