Fundstücke

img_4495-1Das Dorf liegt still im letzten Licht. Die Frau des Krämers winkt mir: Fräulein Read On, da sind sie ja wieder! Ich winke zurück: Ja-ha, Frau des Krämers, ich bin wieder da. Fünf Minuten später verlasse ich ihr Geschäft mit einem Stapel voller Bücher. Die Frau des Krämers nimmt nämlich die Pakete für das ganze Dorf entgegen. Über meine Bücherlieferungen schüttelt sie nur den Kopf: „So viel kann man doch gar nicht lesen, Fräulein Read On!“ Dann gehe ich hinauf ins Oberland. Still ist das Haus, die Katze liegt wie gewöhnlich auf dem Sessel und schläft. Mein Eintreten ist für sie kein Grund auch nur mit der Schwanzspitze zu zucken. Der Tierarzt hat einen Zettel auf dem Tisch hinterlassen: „Verspäte mich“, kann ich entziffern und das reicht ja auch schon. Ich mache die Fenster auf, aber schon schlägt mir eine heftige Böe entgegen und dann fängt es an zu gewittern, heftig, ein Gewitter wie man es eigentlich nur aus dem Sommer kennt. Rasend schlägt der Regen gegen die Scheiben und schon verschwindet die Kirchturmspitze inmitten der Wolkenberge. Das Meer oder der Himmel schäumen wild und ans Fenster gelehnt, bin ich nicht mehr sicher, wo oben und unten ist. In Irland erst habe ich gelernt wie viele Grautöne es gibt: das Gewitter aber das draußen vorbei stürmt ist dunkelgrau aber noch nicht schwarz, die Welt vor dem Fenster ist schiefergrau, eine zementgraue Wand ist der Himmel und die Wellen brechen den Strand in viele, tausend kleine aschgraue Splitter. Die Wolken aber sind grauer Rauch, wie er so typisch ist für dieses Land in dem so viele ihre Öfen noch immer mit Torf befeuern. Hier macht der Fliegende Holländer Pause da bin ich mir sicher und ich liege mit dem Rücken auf dem Bett und warte ob er vielleicht bei mir klopft und einen grauen Mantel aus Dachsfell über den Küchenstuhl hängt. Ob er wohl Rum für den Tee verlangte oder sich eine Pfeife mit krümeligen, grauen Tabak stopfte? Noch aber ist er nicht da. Das Haus, oder besser die windschiefe Kate, knirscht und ächzt unter dem Ansturm der grauen Gewalten. Als ich hier einzog, misstrauisch beäugt von allen, besonders aber von der Frau des Krämers, sagten mir alle hier würde es spuken. Ich nickte und sagte, ich sei Jude und Flüche gewohnt. Die Frau des Krämers erstarrte und dies war wohl das einzige Mal, dass ihr die Worte versagten.

Der Mann, der vor langen Jahre in diesem Haus lebte, der letzte Engländer des Dorfes, der aushielt, auch nachdem die anderen das Land verlassen hatten, der einfach blieb, so erzählte mir die Mutter des Krämers einmal hatte stets ein Gewehr neben dem Telefon stehen. Die Mutter des Krämers trug eine Betthaube aus feiner Spitze und war die erste im Dorf, die mich duldete. Kindchen sagte sie und hieß mich eine Truhe aus dem Schrank holen. Der Schrank wie die Truhe war voller Erinnerungen und sie holte noch einmal in langsamen Bewegungen eine der vielen Erinnerungen heraus. Ein vergilbtes Foto, eines jungen Mannes, mit einem hübschen Setter auf den Knien, der Engländer also und wichtiger noch eine Tanzkarte, dort verzeichnet in ordentlicher Handschrift der Name desselben und der Mädchenname der alten Dame im Lehnstuhl. „Kindchen, der Mann konnte tanzen.“ Ich sehe sie noch die Frau, wie sie die Erinnerung vorsichtig in den Händen hielt, sie hin- und her dreht, damit auch ich sah und verstand, der Mann konnte tanzen. Ich verstand. Der Mann aber, der blieb, trotzig und trotzdem, war nicht mehr Teil des Dorfes, heiratete nicht, nicht das Mädchen, das dann die Frau des alten Krämers wurde und auch keine andere Frau. Niemals kaufte er im Laden des Dorfes Milch, Eier und Butter, sondern fuhr mit einem alten Citröen zwei Dörfer weiter um alles Notwendige zu besorgen. Am Anfang warfen die Kinder und Jugendlichen Steine nach dem Auto, aber bald schon hatte ihn das Dorf ganz und gar und so gründlich wie nur ein Dorf es kann ihn vergessen, selbst seinen Namen erinnerte nach einigen Jahren niemand mehr, er wurde der Engländer, auch sie vergass ihn schließlich, die Zeiten waren auch nicht nach Sommer und Tanz und getrockneten Rosen, sondern recht grau und bleiern schwer.

Einmal nur habe sie ihn besucht, da war ihr Sohn schon groß und ihr Mann schon verstorben, einmal noch habe sie Tee mit ihm getrunken und sah es selbst das Gewehr neben dem Telefon, von dem alle im Dorf immer sprachen. Warum er es habe, fragte sie ihn und er murmelte etwas von Vagabunden und rachsüchtigen Iren, aber dann für einen kleinen Moment wohl, verwandelte er sich noch einmal in den jungen Mann, der er doch einmal war, lächelte vielleicht so wie Männer immer dann lächeln wenn Sie wollen, dass ein Mädchen sich ihrer erinnert und sagte: natürlich habe ich das Gewehr nur für den Fall ein so unwiderstehliches Mädchen wie sie, würde von Banditen überfallen und er endlich in die glückliche Lage versetzt ihr zu Hilfe zu eilen. Die alte Dame aber errötete zart, damals im Bett und rückte ihre weiße Haube zurecht. Dann verpackten wir die Erinnerung vorsichtig und schoben sie zurück erst in die Truhe, dann in den Schrank und die Mutter des Krämers strich mir sacht über die Wange.

Weder das Telefon noch das Gewehr habe ich selbst gesehen, als ich hier einzog, waren nur noch graue Spinnweben an den Wänden, aber eines Abends, da war die alte Dame schon verstorben, brachte der Krämer mir eine Schachtel. Darin liegen noch immer die Erinnerungen sorgfältig eingeschlagen in Seidenpapier. Das Foto des Engländers aber hängt neben dem Bücherregal schräg gegenüber des Sessels auf dem die Katze so tief und fest schläft, nicht einmal das Klingeln an der Tür mag sie wecken. „Du hast doch Schlüssel“, sage ich zum Tierarzt, der im Türrahmen lehnt, aber der Tierarzt lächelt, schräg von unten, langsam von einem zum anderen Mundwinkel, ein Romeo- sieht-Julia Lächeln, ein lockendes, ein glitzerndes, ein silbergrau-funkelndes Lächeln, ein bisschen übermütig sogar wie es da aufblitzt zwischen Türrahmen und grauer Welt, ein Lächeln das nicht einmal vor den kalten Händen des Tierarztes verschreckt davonläuft, der sagt: ich will dich aber schon auf der Schwelle küssen, das schließlich immer noch auf seinen Lippen liegt, da küsst er mich schon und als ich mich umdrehe und das Bild des Engländers sehe, da spiegelt das Lächeln sich im Gesicht des Engländers wieder, fällt in den Spiegel, vervielfacht sich und will nicht vergessen werden.

Lange Schatten

Früh am Morgen noch einmal am Fenster. Zum letzten Mal in diesem Jahr. Unsichtbar liegt links vom Fenster die See. Nur der Wind zerrt an den alten Fensterrahmen. Ein Schatten nur St. Silvester. Kirche und Pfarrhaus liegen im Dunkeln. Auf dem Sessel und halb verbogen unter dem bunten Plaid liegt schlafend die Katze. Der Tierarzt auch er und noch mehr als am Tage ein schmaler Schatten im Bett. Leise fahre ich ihm mit dem Finger über die Wange. Dann schlägt der Schatten die Augen auf. Noch einmal pfeift der Teekessel und ich nehme die schöne, silberne Teedose aus Odessa aus dem Regal. Zwei großzügige Teelöffel voll Zucker schütte ich dem Tierarzt in die Tasse. Für einmal sagt der Tierarzt nichts. Ich schweige mich lieber über die Flaschen voll hochkalorischer Flüssignahrung in seinen Taschen aus, die ich dort hineinschmuggelte. Denn morgen fahren Tierarzt und Katze zur Schwester nach Kerry, die im vorherigen Jahr befand, vom Bruder ließe sich vor allem das Abnehmen lernen. Auf dem Flughafen angekommen, ist es noch immer nicht hell. Auf bald sage ich und der Tierarzt oder sein Schatten zieht mich noch einmal zu sich heran. „Komm zurück”, sagt der Tierarzt. Ich nicke.

Im Flugzeug nach Berlin sitze ich inmitten polnischer Familien. Neben mir eine Mutter mit ihrem Buben. Die polnischen Mütter haben alles dabei. Schokoladenwaffeln, Trinkpäckchen, kreischendes Spielzeug, Taschentücher und während ihre Männer schweigend neben ihnen sitzen, verhindern die Mütter, dass Bruderfehden entbrennen, einer Prinzessin der Haarreif entwunden und alle Mützen verloren gehen. Ein deutscher Bube, von schräg gegenüber, ganz offensichtlich Sohn von Eltern, die alles richtig machen wollen, kaut missmutig auf einer Reiswaffel und betrachtet das pädagogisch, wertvolle Spielzeug in seiner Hand mit großem Widerwillen. Aber auf die polnischen Mütter ist natürlich Verlass. Schon werden Schokoladenwaffeln und Kekse durch die Reihen gereicht und wenig später sind Plätze getauscht und die Prinzessin weiht den Buben in die Geheimnisse des kreischenden Spielzeuges ein. Ich tausche mit der polnischen Mutter neben mir einen Bounty Riegel gegen ein formidables Käsebrot. „Berlin?“ sagt die Frau? Ich nicke und Sie? Die Frau, die sehr, sehr gut aussieht, ungefähr so wie die junge Kate Moss, seufzt. Ein kleines Dorf bei Poznan sagt sie und schüttelt den Kopf. Von Berlin aus geht es mit dem Bus weiter und dann steht mein Vater an der Bushaltestelle und wir fahren noch eine Stunde bis nach Hause. „Oh, sage ich, das ist noch weit.” Die Frau lächelt und nickt. Wir sprechen über den Anschlag in Berlin und entsetzt schüttelt sie den Kopf. „Sonst, sagt sie und es klingt bitter genug, sind die Polen immer die Verbrecher.“ Entsetzt genug muss ich sie angesehen haben. Aber sie gibt nicht nach. Sieben Jahre in Deutschland sagt sie und dann sagt sie all das was man in Deutschland eben so sagt über Polen. Meine Erwiderungsversuche sind hilflos genug. Abrupt fragt sie mich, ob ich schon einmal in Polen gewesen wäre. Noch immer habe ich auf diese Frage keine passende Antwort. Zögernd sehe ich sie an. “Ich bin in Auschwitz gewesen” sage ich und sie sieht mich immer noch an, “mit meiner Großmutter” sage ich und dann kann ich nichts mehr sagen. Endlich müssen Kinder, Tüten und Mützen sortiert werden, als wir uns verabschieden, zieht mich meine schöne Nachbarin in die Arme. „Kommen Sie gut an“, sagt sie, „kommen Sie gut nach Hause“, sage ich.

Zurück in Berlin. Vor dem Fenster kein Meer, dafür rauschen die Kiefern und der Kirchturm am anderen Ende der Rehwiese hat fast die gleiche Spitze wie St. Silvester im irischen Dorf. Die Hortensien auf dem Fensterbrett sind lange vertrocknet und die Blüten, die Blüten fallen auf die Dielen. Auf der Holzbank im Garten sitzen die Amseln. Alle Bäume sind kahl und nur am Birnbaum funkeln Eiskristalle. Der gefrorene, ausgeblichene Rasen knirscht unter meinen Schritten und schon gibt das Licht wieder nach. Die Nachbarn winken und ich bewundere, den schönen, gelben Herrnhuter Stern an ihrem Fenster. Aus dem Briefkasten, drei Stapel: wichtig, vielleicht und ungeöffnet wegzuwerfen. Der Brief auf den ich warte, kommt ohnehin nicht. Ein anderer Brief, der an A. in der Ukraine, geschrieben vor zwei Jahren zum ersten Mal, dann in kürzeren und drängenderen Abständen, wiederholt, entlang von Jahreszeiten, Tages- und manchmal auch Uhrzeiten bleibt weiter unbeantwortet. Die Telefonnummer in der Kiewer Wohnung ist seit zwei Jahren schon still. Anderen in den Mund gelegte Botschaften, ergaben manchmal Schatten, kleinere oder größere und einmal sogar fast etwas wie Hoffnung, aber eben nie eine Antwort von A. Es gibt in der Ukraine, so habe ich gelernt, in den letzten zwei Jahren kein Anrecht auf Auskunft, schon gar nicht über einen Dichter, namens A., der hoffte sich des Krieges mit Worten zu erwehren. Seit zwei Jahren schon, wirft der Briefkasten, lange und längere Schatten. Am Fenster, noch einmal Tee, hier am Rand der großen Stadt ist es fast so still und so dunkel wie im kleinen, irischen Dorf. Im Fenster spiegelt sich der Sessel, auch hier ein buntes Plaid obenauf, aber keine schlafende Katze und der Schatten, ist auch nur der ganz, gewöhnliche Schatten und nicht der verschwindend, magere Tierarzt, der im Türrahmen lehnt.

Angesichts der Zerstörung

Die ganze Woche kracht es und zieht zwischen meinen Rippen. Immer und immer wieder lese ich diesen Satz: 17 jüdische Gräber  sind in Belfast am vergangenen Wochenende zerstört wurden. Acht Jugendliche so liest man weiter, sind mit Hammer und Meißel auf die Grabsteine losgegangen, um sie auseinanderzuhacken, auseinanderzuschlagen und die Namen auszuradieren. Es knistert in meinen Rippen. Ich stelle mir das vor. Was sind das für Jugendliche? Fahren sie zusammen in den Baumarkt um Werkzeug zu kaufen und haben sie dann an Oma’s Gartenzwergen ausprobiert, welcher Hammer der Schlagkräftigste ist? Kippt man bevor man die Werkzeuge in einen Rucksack wirft noch ein paar Bier oder hört man Hitlerlieder? Fragt man Mama, Papa, Onkel, Tante und den Skinheadbruder um Rat? Oder gibt es inzwischen schon Youtube-tutorials gesponsert von den nimmermüden Antisemiten hier und dort? Es gibt auch in Belfast keine jüdische Gemeinde mehr. In den 1980er Jahren sind die meisten der in Nordirland lebenden Juden nach Israel, die USA oder mainland Britain emigriert. Natürlich hat man nicht versucht sie aufzuhalten. Darin sind sich die ewig verstrittenen Protestanten und Katholiken einig.Die Zeitung indes vermeidet sorgfältig das Wort Antisemitismus auszuschreiben.Es lohnt ja die Mühe nicht, dort wo es keine Juden mehr gibt. Hate crime klingt doch auch schlimm und noch dazu so schön allgemein.

Es kracht in meinen Rippen und ich stelle mir vor, wie die Jugendlichen johlend und lachend auf dem Friedhof stehen und den Hammer schwingen so lange und wieder und wieder bis die Steine n dem Druck und den Schlägen nicht mehr standhalten und zerbrechen. Ob sie das filmen? Ob sie wohl mit stolzgeschwellter Brust sich gegenseitig anfeuernd, denn es braucht ja Kraft und Ausdauer für ihr Tun? Zerstörung ist anstrengend und zehrt an den Kräften. Es zieht zwischen meinen Rippen. Natürlich hat kein Passant etwas gesehen, wundert sich kein Elternteil darüber, dass acht Kinder mit Hammer und Meißel nach Hause kommen. In Europa ist die Zerstörung von siebzehn jüdischen Gräbern natürlich keine Nachricht, man kennt sich aus in Europa und man ist gründlich gewesen in Europa, so gründlich wie selten sonst. Nicht einmal eine Stunde entfernt von dem kleinen irischen Dorf in dem ich wohne, liegt Belfast und meine Rippen pressen sich schmerzhaft gegen meine Hand. Wie jeden Sonntag kommt der Priester um ein Uhr zu Tisch. Heute gibt es Zitronenhuhn. “Ein Rezept aus der Levante”, sage ich und der Priester sieht mich an. „Read On“ sagt er, ich habe doch auch davon gelesen. Dass er nicht über Steuervorteile amerikanischer Konzerne redet, ist uns beiden klar. Ich lege mir die Hand auf die Rippen. Dann reden wir über andere Dinge. Über Brahms Drittes Klavierkonzert. Über John le Carré und englische Kindheiten. Über meine lange Nächte. Über die Sache der Kirche. Wären da nicht meine stechenden Rippen, wäre es ein Sonntag wie jeder andere Sonntag auch. „Read On“ sagt der Priester, „ich bin darüber doch genau so traurig, wütend und entsetzt wie Sie.“ Lange sehe ich ihn an. Schmale Hände. Ein schmales Gesicht. Müde Augen. „Nein“ sage ich und es zieht zwischen meinen Rippen, nein sage ich, dass Sie sind nicht.“ Das ist ja Teil des Problems. Zum ersten Mal hole ich das Schachbrett nicht aus der Kommode hervor und der Priester steht auf. „Read On“ sagt er und dann sagt er nichts weiter. Ich sage ihm nicht, dass es zwischen meinen Rippen kracht über der Vorstellung, dass nicht einmal auf einer kleinen, verregneten Insel im nördlichen Atlantik, die jüdischen Toten in Ruhe gelassen werden, sondern auch hier schlägt man die kaum wahrnehmbaren Reste jüdischen Lebens einfach kaputt. Ich denke an meine Großmutter, die mit bitterem Lächeln sagte: 1938 schrie man in Europa: “Juden geht nach Palästina.” 1948 schrie man: “Juden raus aus Palästina” und heute nimmt man einfach Hammer und Meißel und schlägt, die Gräber derjenigen, die sich sicher glaubten in Stücke. Noch immer steht der Priester vor mir und will etwas sagen bevor er auf seine Hände sieht. Wäre er nicht Priester und wäre ich nicht ich, wäre ich nicht die mit den krachenden Rippen, er nähme mich jetzt bei den Händen. So gehen wir nur auseinander und zum ersten Mal in den zwei Jahren brechen die Worte ein. Dann drehe ich mich und sitze lange auf dem alten, grünen Sofa. Es kracht und zieht, es reißt und knackt in meinen Rippen und will nicht enden.

Auf der Bank im Garten

IMG_4591 (2)Vor drei Jahren seufzte mein Lieblingsnachbar schwer und hörbar. Dann nahm er sein Schlüsselbund aus der Hosentasche und machte den Schlüssel vom Gartentor ab. „Read On“, sagte er, mir fällt niemand ein außer Dir. Dann schob er das Schlüsselbund langsam über den Tisch zu mir herüber. Ich nickte sehr zögerlich. Dann gingen wir in den Garten hinunter. Der Lieblingsnachbar wies mich in die Funktionsweise der Wasserpumpe ein, ließ mich in einen Klarapfel beißen, und stellte mich den Mitbewohnern vor: der Kröte in der rostigen Gießkanne, der Igelfamilie unter der Buchenhecke und all den Vögeln, die hier und dort ihre Nester haben. Dann saßen wir auf der Bank , die schräg unter der großen Kastanie steht. „Hör mal Read On“, sagte er, “Du fürchtest dich doch nicht so schnell,oder?“ Ich fuhr über mir über die Rippen und erinnerte mich: „Nein, sagte ich“ , so schnell fürchte ich mich nicht.“ Der Lieblingsnachbar nickte zufrieden. Seit Jahr und Tag schon, fuhr er fort, vor allem in den warmen Sommermonaten, sieht oft ein obdachloser Mann vorbei. Manchmal schläft er hier auf der Bank im Schatten der Kastanie oder wäscht sich das Gesicht an der Wasserpumpe. “Jedenfalls eine arme Seele”, sagte der Nachbar, der ja nicht ohne Grund der Lieblingsnachbar war und sah mich an. Wieder nickte ich. Wenige Wochen später zogen die Lieblingsnachbarn aus und sehr traurig sah ich ihnen hinterher. Seitdem also grabe und jäte ich, hacke und gieße, stutze und schneide ich und ernte und ernte und ernte. Die Kröte fand mich wohl reichlich fad, denn bald schon zog ein Kröterich zu ihr in die Gießkanne ein und nun hüpft man gemeinsam durch das immer ein wenig zu hohe Gras. Die Amseln gehen morgens spazieren und die Igel verlangt es dann und wann nach einer Erdbeere zum abendlichen Dessert oder ein paar Brombeeren gegen das Nachmittagstief. Allein der obdachlose Mann ließ auf sich warten. Eines Tages kam er dann doch. Bemerkt aber habe ich zunächst nicht, denn ich stecket kopfüber in der dichten Buchenhecke und sägte dichte Äste heraus. Die Hecke allerdings verlor die Geduld mit mir und beförderte mich mit Schwung aus der Hecke heraus. „Hoppla“, sagte da eine Stimme hinter mir. Ich drehte mich um und sah einen Mann an der Wasserpumpe stehen, der sich so gründlich wie es eigentlich nur Chirurgen tun, die Hände wusch. Eigentümlich bekannt schien mir der Mann, aber erst später als das Wasser schon nicht mehr über seine Hände lief und er die Frage nach einem Stück Kuchen mit einem kurzen Kopfnicken beantwortet hatte, fiel es mir wieder ein. Der Mann, der nun dort unten im Garten auf der weißen Bank unter der alten Kastanie saß, dass war doch Innstetten, Baron von Innstetten, der da unter der Kastanie seine Füße in die Sonne hielt. Denn der, der dort in der Sonne saß, der lümmelte nicht, der saß nicht hingefläzt, sondern gerade und mit durchgedrücktem Rücken, ganz wie Innstetten eben der doch auch und vor allem ein Mann von Charakter, von Stellung und guten Sitten war. Dieser erste Eindruck aber setzte sich fort, denn wie Innstetten ist er diszipliniert und noch bei schlechtestem Wetter und auch an den widrigsten Tagen geht er mit festem Schritt durch das Gartentor und niemals lässt seine Haltung auch nur das leiseste zu wünschen übrig. Mit mir wie schon mit Effi, diesem Luftkind, spricht Innstetten nur das Nötigste. Ausführlicher hält er mit der Kröte in der rostigen Kanne Zwiesprache. Allerdings, denn Privatheit ist ein hohes Gut, halte ich mich fern und kann nicht sagen, ob er über Kunst referiert oder gar vom Chinesen anfängt zu sprechen. Seit Jahr und Tag also richte ich Kuchen und Kaffee, sehe ich seine hochgewachsene Gestalt in der Straße auftauchen. Zweimal im Jahr, stelle ich eine Tasche mit neuen Anziehsachen auf die Bank und längst schon liegt ein Stück Seife und ein Handtuch neben der Wasserpumpe. Lange Zeit versuchte ich herauszufinden, wie er wohl über den Winter käme, aber die Antwort, die ich bekomme lautet immer: „Dies wird ein gutes Jahr für die Äpfel“ oder „hat der Regen viele Pflaumen zerschlagen?“ Aber hat Innstetten je auf etwas direkt Antwort gegeben? Ich muss zugeben, ich habe immer eine Schwäche für Innstetten gehabt, der im Buch als ewiger Langweiler von Anfang an auf recht verlorenem Posten steht, und schließlich Effi dann Crampas, diesem Geck und Stutzer dreingeben muss, nein leicht hat er es nicht gehabt und dann noch die Briefe im Nähkästchen, die ja auch keine Größe, sondern nur Preußisch-Verdruckstes enthielten. Auch sein Wiedergänger, unten im Garten, das sieht man sofort hat es nicht leichtgehabt mit dem Leben und wer weiß schon, wer sein Crampas gewesen sein mag. Noch aber scheint die Sonne, das Gartentor quietscht in den Angeln, der Kirschkuchen kommt warm aus dem Rohr, die Brombeeren werden schwarz und die erste Schale bekommen wie stets die Lieblingsnachbarn und unter der Kastanie im Garten sitzt derweil Baron von Innstetten und sieht in die dichten, grünen Blätter der Hecke, in der die Vögel ihre Nester bauen.Aber dennoch hier im Garten am südwestlichen Ende der großen Stadt Berlin, da sei noch einmal daran erinnert, dass es Innstetten war, der fand ” Man ist nicht bloß ein einzelner Mensch, man gehört einem Ganzen an, und auf das Ganze haben wir beständig Rücksicht zu nehmen” und der aller schneidenden Strenge zum Trotz etwas davon verstand, was es heißt nicht mehr dazuzugehören.

Der Gang der Dinge

IMG_4556 (2).jpgDie Touristen, die am Sonntag mit dem Bus unser kleines und doch eigentlich vollständig vergessenes Dorf erreichen, steigen aus dem Bus, strecken ihre Glieder, gähnen herzhaft, sehen sich um und schreine: hier ist wirklich die Zeit stehengeblieben. Was auf den ersten Blick völlig logisch und zutreffend erscheinen mag, kann dennoch falscher kaum sein: haben nicht um halb sechs schon die Schafe, das Unterland verlassen, um den Tag hinter den wiesen, die sich an mein Haus im Oberland des Dorfes anschließen zu verbingen? Die Schafe nämlich haben schon viel früher als jeder Mensch es je könnte, den Fluch des Massentourismus erkannt und so ziehen sie ruhigen Schrittes an meinem Fenster vorbei. Ich schöre Ihnen, dass sie dabei das Lied: „ Wolle, Wolle, Wolle geben wir gern“ intonierend, moduliert nach der Bachmottete: “Der Geist hilft unserer Schwachheit auf.”  Der Altmeister Bach selbst, hat es steht ganz außer Frage zahlreiche Stücke für Schaf und Cembalo geschaffen und es mag sein, dass der große Bach selbst einmal vor den Toren Leipzigs einer Aufführung der berühmten Susanna Schaaf-anova beigewohnt haben mag, ganz zu Schweigen von den Darbietungen des einstmals so weltberühmten Don Schaf-onso, gegen den Enrico Caruso geklungen haben mag, wie eine alte Blechkanne. Dieser Tradition folgend also blöken die Schafe Bach, denn ihr Gedächtnis ist so dick wie ihr wolliges Fell und anders als die Musikverständigen unserer Tage sind sie völlig darüber im Bilde, dass die ewig hungrigen Bachsöhne die Schafmotteten und Schafchoräle nachlässig veräußert haben und nur durch ihr verständiges Blöken vor dem vollständigen Untergang bewahrt werden. Sind die Schafe im Oberland angekommen und rupfen Klee ist es gut sieben Uhr. Noch schlafen die Touristen im Bus. Eine gewisse Read On jedoch gehüllt in einen schweren Bademantel und Wollsocken in den Pantinen eilt hinunter ins Unterland und an den Strand. Besagte Madame taucht dann in die eisig kalten Fluten der irischen See. So kalt, so unendlich kalt ist das Wasser, dass ihnen die besagte Madame ohne zu zögern vergewissern würde, dass sich ein dünner Panzer aus Eis um ihre Haut legte und sie vollständig umschlossen hielte, dann steigt dieselbe aus dem Wasser und sitzt mit Wollsocken und Bademantel auf den grauen Schiefersteinen. In der Zwischenzeit schließt die Frau des Krämers den Laden, geht der Nachbar zur Rechten seine Morgenrunde, fahren die Nachbarn von links gegenüber das Boot zum Hafen und gehe ich zurück durch’s Dorf nach Haus, bleibe ich alle fünf Meter stehen, werfe Morgengrüsse zurück bevor ich mit zwei Himbeer-Scones frisch aus dem Ofen zurück nach Hause gehe. Noch sind die Touristen eine halbe Stunde von uns entfernt, aber das Dorf summt und brummt schon, gießt Blumen, scheucht Hühner und macht sich kirchfein, denn genau mit dem Eintreffen des Ersten Reisebusses sitzt das versammelte Dorf mit einer, nämlich meiner Ausnahme in der Kirche St. Sylvester. Die Touristen, die also nun gegen die Tür des Krämers und seiner Frau rütteln, finden sich in ihrer Annahme bestätigt: totenstill liegt das Dorf vor ihnen und so rumoren sie über sie Straßen und den Dorfplatz, hetzen vom Unter- ins Oberland, versuchen ihr erneutes Glück im Dorfladen, denn sie wissen, dass die Frau des Krämer’s obwohl nie fromm gewesen, natürlich in der Kirchenbank kniet, denn „überall wird geredet, sagt sie zu mir am Gartenzaun, bevor sie dann in ihr Geschäft eilt, um Scones und Crossiants zu verkaufen. Ich indes richte eine gekosherte Quiche Lorraine und grünen Salat an, denn in einer Stunde kommt schon der Priester und während die Touristen hinter den Schafen herjagen, die sich doch niemals fangen lassen, streiten wir auf das Vergnügteste über „Sense and Sensibility“, der Priester hat eine Schwäche für Marianne, die ich eine anstrengende Heulsuse findet, dafür findet meine Verteidigung von Robert Ferrars keinen Anklang. Ironie sagt der Priester schadet einem Roman mehr als er ihm nützt. Dann essen wir Wassermelone und der Priester geht zurück ins Pfarrhaus, während ich für fünf Minuten, die Augen auf dem grünen Sofa schließe, als ich aufwache schlägt St. Sylvester fünf Uhr und der Bus mit den Touristen verlässt soeben das Dorf. Die Frau des Krämers legt auf der Bank vor ihrem Laden, die Beine hoch, der Nachbar zur rechten beginnt seine Abendrunde, für sieben hat sich der Tierarzt angesagt und ich muss noch packen. Die Standuhr im Zimmer ist schon wieder stehen geblieben, ich ziehe mehr aus Gewohnheit auf, denn ist das Dorf nicht selbst eine leise tickendes Uhrwerk, das unsere Stunden so sorgfältig wie undurchdringlich bestimmt?

 

Seasonal

Everybody seems to be exhausted. The priest is exhausted because he is all alone in the parish and Easter has been an especially demanding time. The vet is exhausted because of the lambing season, which began recently. The grocer’s wife complains of her aching back as she usually does at this time of the year. She swears to give up this bloody business: meaning the shop. The shop that is otherwise known as the apple of her eye. I mumble soothing words. Queen Cat is exhausted of three days of constant rain. Queen she is, she utterly despises wet feet. I am exhausted of a long night-shift and a couple of other things I am too tired to name. The priest sighs. Queen Cat yawns and the vet falls asleep on the sofa before I even lit the fire. The grocer’s wife complains about her daughter. ( Things with the electrician which had begun so promising last autumn have cooled down recently.) I mumble soothing words while buying another broccoli for today’s supper. Two hours later two miserable men chew veal and dismiss the broccoli. Queen Cat scratches me badly because I dismiss her from the table. I said it before I am not happy to cook without being praised for my efforts. But today I am out of luck. The vet gets up, still chewing and leaves for the lambs. The priest gets up not much later returning to urgent church matters. Queen Cat pretends she doesn’t know me and I am all on my own with cleaning the dishes. Next Sunday I swear the, the kitchen will remain cold. I am exhausted but then I remember that there is homemade vanilla pudding in the fridge and a fruit-salad in the pantry. Then I close the door and when the phone rings and I see the vet’s number blinking on the screen I pretend not to notice. I too, have learnt from Queen Cat.

Open House or Scenes from Village Life

Often people look at me with unhidden astonishment. “Read On”, they say is the countryside not an awful boring place to live in? Especially on the weekends. No theater, no movies, no places to have a good dinner. It truly is a desert you are living in.     ( Even if it is quite a wet one, because this nevertheless is Ireland. They obviously imagine my existence as a silent and undisturbed one, seeing me doing not much more than reading a long, old book and drinking too much tea. I have to confess this was my plan as well when I decided to move to a tiny Irish village. I saw me with a cat on my lap, sitting in an old armchair and looking out of the window all day long. Reality overruled my plans in a nanosecond. The cat I inherited with the house has no ambitions to purr on my lap at all. Queen Cat just conquered the old armchair and dozes off happily and she would never, ever not in this or in the next two lives intend to give this place up for me looking out of the window. I leant this quite quickly. But now after two years of village life I just start laughing hysterically at the thought of leading an undisturbed existence, being all on my own and doing nothing more than reading long books. An ordinary Sunday in the village for example looks like this.Very early and always way too early Queen Cat jumps forcefully on my belly. Humble servant I am, I feed her and she jumps on the armchair to call the day a day. I go for run ( Going for a run, sounds better than to confess that I am just walking doesn’t it?), the sea is half a kilometer away, it is not even 7 AM but the neighbor from across the street is already up and waves to me, Read On, he shouts: “How are you doing?””Just fine neighbor-from-across-the-street “I am shouting back, but I am not getting away that easily. He comes closer and tells me all about his despised daughter-in-law, who is from Bristol and when came over to visit him last May was neither able nor willing to peel asparagus and wanted to convince him of buying pre-cooked potatoes. The neighbor- across- the- street tells me this story every Sunday morning. He is 94 years old and still quite a charmer: “Girl he always says, if I only were younger I would drag you into the church and marry your ass off.” I have to confess I am bit flattered and finally manage to walk down the street to the seaside. There the men from the sailing club are getting the boats ready and of course I have to stop to admire the boats and comment on the weather: ” No, not too bad at all.” When coming back from my walk I have talked with three more people and enter the shop of the grocer’s wife, who before she even thinks of handing over the best raspberry scones in the world to me, gives me un update of what happened during the week, this includes all intimate details of all of those living in the tiny village of ours. Sometimes when neighbors look quite strange at me I am sure the grocer’s wife has just revealed a dark secret I probably don’t even know I was hiding. But as long as the grocer’s wife knows everything it is just fine. When I come back to my place I find a bunch of sweet scenting roses on my doorstep, they are from the neighbor-across-the-street, who does so on every single Sunday. ( In return he receives a piece of cake every Sunday). Then, you might think I escaped all social life the village has to offer, but you couldn’t be any more wrong. In the very moment I am about to fall down on my sofa ( the armchair of course occupied ) wearing track pants and an old Batman t-shirt, eagerly waiting to get lost in Orhan Pamuk’s wonderful, dizzling, dazzling novel “A Strangeness in my Mind.It bangs loud against my door. It is the grocer’s wife. The grocer’s wife accompanied by a young man with a sheepish look. The grocer’s wife takes in lodgers, most often groups of students from all over the world, who want to improve their English and tend to get drunk, unfortunately very often right in front of my house, meaning they are hanging over the fence vomiting into the garden. This young gentlemen from Spain, has missed the bus that should take him and his fellow students back to town and to the airport. As it turns out the English of the young man is non-existing and the grocer’s wife decided to hand over the problem to me because: “you know languages, Read On”. That the languages I speak do not include Spanish does not irritate the grocer’s wife for a minute. “You’ll get along”, she says, slaps the young man on the back and hurries back to the shop. It tuns out that the young man only knows Spanish and it turns out that I only know the first few lines of “Feliz Navidad” in Spanish. After one hour of distress and endless phone calls ( the group did not even recognize someone was missing ) the bus could be located and the grocer’s wife husband hurries down with the young man to catch the bus. The grocer’s wife bangs against the door again to embrace me with one of her rib-cracking hugs and again I look longingly in the direction of the book and the sofa. Then I remember that today is Sunday. On Sundays the priest comes for lunch. ( How this happened to become an institution is another story I wouldn’t dare to bore you with.) I storm into the kitchen and work against the clock, which in this case is the church clock. The priest comes and brings two bags full of quinces and apples and we sit down. The priest is a most entertaining person. He makes me laugh tears when he recalls his times in Rome and his return to a tiny Irish village quite similar to our small place, he most politely praises whatever I cook and he is wonderful to argue with, because he never beats his chest. After lunch we play a game of chess. I always lose. Then the priest returns to his parsonage and I again look into the direction of the couch. But before I can even formulate: “Couch, now” it bangs against the door. The neighbor from the house next to my door on the opposite of the road looks at me and I sigh. Twenty minutes later I play hide and seek with two toddlers and bribe them with chocolate cookies, convincing them not to pour water over Queen Cat to wake her up. A few hours later, the toddler’s leave and I very convincingly swear to their mother that they ate plenty of fruits. Chocolate is kind of fruit as well, isn’t it? By now it is 5 PM, Couch for the rescue I think and finally fall down following Mevlut, the seller of boza and yogurt through the narrow lanes and wide alleys of Istanbul. After not even twenty minutes of blissful reading it bangs against the door again. I sigh and roll over to open the door. It is the vet. The vet looks wrecked. He stumbles in, shushes Queen Cat ( I would never dare) falls down on the armchair, Queen Cat jumps on his lap and dozes off again. Long day, I ask and the vet sighs deep and nods:”awful.””Hungry I say, and he just nods” In a remarkably short time, he wolfes down the leftover chicken from lunch and finishes all my cheese. “I owe you, he mumbles before he snores unisono with Queen Cat.” But I know in reality it means: I own you. This whole village does. Then I finally return to the couch.