In der Schlange vor Kasse Sieben

Gestern Abend, spät war es schon und ich arg müde nach einem langen Tag und dem späten Flug zurück nach Berlin, da entschied ich mich doch noch auf einen Sprung in den Supermarkt am Zoologischen Garten zu gehen, denn ich kenne mich schon und weiß wie unleidlich ich bin, habe ich am Morgen keine Milch im Haus. Die Stimmung im Supermarkt ist gereizt. Zwei Touristen haben mit ihren Everest-Reise-Tornistern einen Karton Limonade von einem Stapel gefegt und auf dem Boden breitet sich ein klebriger Limonadensee gespickt mit Glassplittern aus. Die Touristen mit ihren Rucksäcken, die wohl auch Bäume fällen könnten, haben das Drama nicht einmal bemerkt, wohl aber der Marktleiter. Der schreit: „Aber hallo, sofort stehengeblieben.“ Eine Ader pulsiert drohend an seiner Schläfe, er verliert die Contenance und kann nur noch bellen. Dann verlässt er den Tatort und schon knarzt es drohend durch den Marktlautsprecher: „Frau Tesche zum Aufwischen.“ Frau Tesche eine ältliche, etwas untersetzte Frau kommt mit Zellstoffpapier und einem Eimer herbeigehechtet und beginnt die Sauerei aufzuwischen. „Ick hab schon janz andere Scheiße uffgejewischt“, sagt sie zu den Touristen, die bedeppert neben ihr stehen. Frau Tesche hat zwar wasserstoffblondes Haar und sehr lange Fingernägel mit Leopardenprint, aber sie ist bestimmt schon 65 Jahre alt und sehr wahrscheinlich reicht die Rente nicht und die Männer auf die ist wohl auch kein Verlass mehr. Vielleicht hat der Sohn auch Schulden oder die Tochter ist mit dem Bubble-Tea Laden pleite gegangen. Frau Tesche jedenfalls klaubt Scherben zusammen und wischt den Limonadensee auf. Ich drücke mich an zwei Männern vorbei die Centstücke zählen und wohl ausrechnen, ob die Münzen für zwei Flaschen Bier reichen. Dann kaufe ich eine Flasche Milch und zwei Becher Joghurt und stelle mich an eine Kasse an. Auch hier ist die Stimmung nicht gut. Eine Frau hat in ihrer Einkaufstasche mehr Sachen als auf dem Band liegen und der Kassierer, der eigentlich nur die Tomaten noch einmal über das Band ziehen wollte, ist ihr auf die Schliche gekommen. Jetzt rauft er sich das Haar und deklamiert: „Ick fass es nicht.“ Dit is ne Riesensauerei.“ Ich weiß nicht ob Frau Tesche ihm hier zustimmen würde. Jedenfalls schreit er in das quietschende Kassenmikrofon: „Marktleiter, Marktleiter sofort zur Kassen Sieben.“ Seine Stimme überschlägt sich fast und das Kassenmikrofon kreischt so wie ich mir den Gesang der Erinnyen vorstelle. Vom Marktleiter indes keine Spur. Wahrscheinlich sitzt er vor einem Ventilator im Marktleiterbüro, nimmt Magentabletten und hustet böse über sein Schicksal, das ihm beständig Touristen und Trinker beschert. Die Frau vorn an der Kasse, die wohl Eier und Brot und auch einen Kohlkopf auf das Band getan hat, aber Fleisch und Gemüse in eine dunkelbraune, zerbeulte Tasche gestopft hat, steht mit gesenktem Blick an der Kasse und starrt auf ihre Schuhe, die ebenso zerbeult sind wie ihre Tasche. „Hören Sie, sage ich zum Kassierer, denn ich bin müde, wirklich müde und öffentliche Tribunale mag ich auch nicht, ich bezahle die Dinge ja?“ Aber der Kassierer starrt mich böse an: „Dit is ne Riesensauerei“, hebt er wieder an und rudert mit den Armen. „Dit wird uffjeklärt.“ Andere Kunden protestieren auch. „Da könnte ja jeder kommen“ und „Schnauze, Sie Gutmensch. Ich aber bin ja nur sehr müde, auch sehr müde daran, dass ein Exempel immer dann statuiert werden soll, wo keines ist, sondern nur traurige Geschichten liegen, vor denen ich mich fürchte. Geschichten von denen ich mit Biomilch und Biojoghurt und einer Gemüsekiste am Samstag und einem gefüllten Vorratsschrank nichts wissen muss, aber doch einiges weiß. Der Mann, der besonders laut pöbelt, ist mehr als nur gut genährt und die Fleischbeutel in seiner Hand und der teure Schnaps sind eine andere Kategorie als die dünnen Plastiktüten der Frau an der Kasse. Der Kassierer schreit noch immer nach dem Marktleiter, da dreht ein Mann, der direkt vor mir steht sich zu mir um. „Ich würde auch was geben“, sagt er und lächelt schüchtern. Er sieht so aus, als müsse er sich erst erinnern, wie das geht mit dem Lächeln. Auf dem Einkaufsband liegen zwei Flaschen Sekt, verschiedene Tafeln Schogetten und vielleicht zwanzig Becher mit Maggi-Instantnudeln. „Mysterious Asia“ oder „Flavourful India“ oder so ähnlich steht auf den Bechern, auf deren Deckel ein roter Drachen einen Hauch Exotik vermitteln soll. „Sie mögen indisches Essen?“, frage ich ihn und der Mann wird rot. Er muss sich nicht nur an das Lächeln erinnern, sondern auch daran wie man spricht, wird man gefragt. Er nickt. „Er träume davon einmal nach Indien oder Thailand oder China, am liebsten aber nach Shanghai zu fahren.“ Dann aber reibt er den Daumen gegen den Zeigefinger, so als zähle er Geld. „Es reicht nicht“, sagt er und ich nicke. Außerdem könne er nicht weg, wegen seiner Mutter, die ist bettlägerig und er könne sie nicht mehr länger als ein paar Stunden allein lassen. „Ob ich, fasst er sich ein Herz, schon einmal in Asien gewesen sei?“ Ich nicke und deute auf die indisch inspirierten Maggibecher. „Indien, sage ich, immer wieder Indien.“ Dann erzähle ich ihm wie ich damals in Indien bei Frau Rajasthani am Küchentisch zum ersten Mal scharfen Reis gegessen habe und vor Überraschung über die plötzliche Schärfe erst anfing zu husten und dann zu tanzen, um die Schärfe abzuschütteln. Noch heute schütteln sich die Nachbarn, die durch die offenen Balkone hereinsahen und mich wirbeln sahen wie einen Derwisch darüber wie ich den scharfen Reis entdeckte. Der Mann muss auch lachen. Ein offenes, herzliches Lachen. „Er äße sehr gern scharf“ sagt er und ich nicke und denke an Frau Rajasthani in ihrer Küche, die immer offen ist für Gäste und die mit einem bestimmten: „Accha!“ die Kinder, ihren Mann und mich mit einer dampfenden Schale voll Reis, Dhal und was immer eben gerade im Topf schmort, herunterschickt, damit auch der Mann die Plastikflaschen sammelt satt wird. Accha! Hier im Supermarkt aber wird die Schlange länger, die Stimmung gereizter und der Marktleiter bleibt noch immer verschwunden. Der Kassierer ist krebsrot im Gesicht und auch sein Rufen nach einer „zweiten Kasse“ verhallt ungehört in den Supermarktgängen. Frau Tesche ist ja auch mit dem Limonadensee befasst. „Ich versuche es noch einmal und sage, „Ich bezahle das jetzt.“ Der Kassierer gibt endlich nach, wohl weniger meinem Blick als dem drohenden Gebräu der unzufriedenen Kunden und dem abwesenden Marktleiter geschuldet. „Nun jeben se schon her“, blafft er die Frau an, die scheu und ebenso rot wie er, die Beutel aus der Tasche auf das Band legt. 9 Euro 58 beträgt der Wert des Diebesgutes. Gehacktes, zwei Auberginen, eine Rispe Tomaten und Kartoffeln. Der Mann mit den Maggi-Packungen legt fünf Euro zu den Sachen der Frau. Sie packt die Sachen hastig in die zerbeulte Tasche und nickt uns flüchtig zu, schon verschwindet sie in der Menge. Der Mann bezahlt und endlich ich auch meine Flasche Milch. „Es hat mich sehr gefreut“, sage ich und nun ist er auch sehr rot. Namasté. Dann laufe ich wirklich müde die Treppen zur S-Bahn hinauf und mache die Augen erst wieder auf, als die S-Bahn quietschend den kleinen Vorort im äußersten Südwesten Berlins erreicht.

Im Sonnenlicht

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10 Uhr und 8 Grad über Null

In Dublin scheint die Sonne. Die Sonne scheint als habe sie vergessen, dass dies eine Insel im westlichen Atlantik ist und nicht Vincenza oder Grasse in der Provence. Die Sonne funkelt und strahlt, der Himmel ist so blau wie in Palermo mittags um zwei Uhr und die Sonne ändert alles- obwohl es trotz Sonnenschein sehr frisch, um nicht zu sagen, wirklich sehr kalt ist. Aber die Sonne ändert hier alles, wirklich alles. Kaum kitzelt die Sonne den Tierarzt an den Zehenspitzen, springt er auf und reißt das Fenster auf: „Mädchen, der Sommer ist da.“ Das Mädchen aber liegt bibbernd unter zwei Daunendecken und greift mit gefrorenen Fingern nach dem wollenen Plaid. Der Tierarzt aber schüttelt den Kopf und beharrt auf der Ankunft des Sommers. Ausgerechnet der Tierarzt, der so durchscheinend mager ist, dass jeder, einzelne Sonnenstrahl dicker ist als seine Rippen sitzt barfüßig und im T-Shirt am Tisch, während ich die dicken, marineblauen Strumpfhosen mit Zopfmuster zum warmen Wollkleid trage und den Schal über die Tasche liege. Denn die Sonne obwohl sie gerade über den Kirchturm steigt, golden und so strahlend wie schön, hat ein kaltes Herz. Das habe ich gelernt mit den Jahren. Die Frau des Krämers aber, die doch tagein, tagaus eine dicke Wollstrickjacke über der Kittelschürze trägt, aber schüttelt den Kopf als ich an ihr vorbei dem Bahnhof zu strebe. „Fräulein Read On“, schreit sie, Sie gehen als sei finsterster Winter“, dabei scheint doch die Sonne. Schon hat sie die Strickjacke ausgezogen und streckt mir die entblößten Beine entgegen. Ich bibbere mit den Zähnen, dem vom Meer her, weht ein scharfer Wind. Im Zug obwohl doch die Sonne gerade erst erwacht, sich die Zähne putzt und herzhaft gähnt, reißen die Pendler die Fenster auf: „Wir ersticken. Diese Hitze.“ Ich vergrabe mich bis zur Nasenspitze im Wollmantel und bedauere keine Handschuhe mehr in der Tasche zu haben. Ein Mann zeigt einer Frau stolz den ersten Sonnenbrand. Meine Nasenspitze ist auch rot, aber vor Frost und Kälte. Das Thermometer zeigt drei Grad über Null. Auf dem Weg zur Universität zähle ich drei Frauen in Sandalen, zwei Männer in Shorts, sieben Mädchen in Röcken die weit vor dem Knie enden, sie kichern und hüpfen und singen Sommerlieder. Mit mir friert allein ein frischgeschorener Hund. Wir werfen uns verwunderte Blicke zu. Die Sonne steht inzwischen hoch über den Häusern, Männer knöpfen ihre Hemden auf, wie es in Vincenza niemals vor Ende Juli der Fall wäre und die Kollegen tragen offene Birkenstock-Sandalen in Silber oder Flip-Flops, als sei der Strand von Nice nur 100 Meter weit entfernt. „Es ist doch Sommer“ sagen sie verwundert, als ich ihnen ein Paar Socken antragen will, denn wenn die Sonne scheint ändert sich hier alles. Um 14 Uhr ist die Wiese vor meinem Büro vor Menschen nur mehr zu erahnen. Draußen hat es etwas über 13 Grad und der Atlantikwind pfeift durch die Bäume. Die einzige mit Mantel und Schal bin ich. Alle Welt entkleidet sich nämlich, Jacken fallen, Hosenbeine rollen sich ein, T-Shirts werden bauchfreie Tops und von einer Minute zur anderen sind so viele Sonnenbrillen wie sonst nur auf der Maximilianstraße in München zu sehen. Eis tropft, Limonadenflaschen werden herumgereicht, eine Flasche Sonnencreme wird herumgereicht und aus den Telefonen scheppern Sommerlieder. Nel pintu di blu. Alles verändert die Sonne, schon streckt sich alle Welt auf dem Rasen aus, den Rasen stelle ich mir tiefgefroren vor, kalt und hart, aber mit dieser Vorstellung bin ich ganz allein. Alle Welt hält sich bei den Händen, Haare fliegen, ein Frisbee-Scheibe fliegt über den Rasen, Mädchen kichern, Männer vergleichen angestrengt Bauchmuskelhärtegrade und Bizepsumfänge, die Mädchen flechten sich die Haare und führen lange Listen über mögliche Sommerliebeleikonstellationen. Ob und wie entscheidend dafür der Bauchmuskelhärtegrad ist, vermag ich nicht zu sagen, denn meine Mittagspausenbegleitung und ich sitzen auf einer Holzbank im Sonnenschein, der nicht wärmt, sondern kühlt. Der Begleiter legt Mantel und Pullover ab, ich schlürfe heiße Gemüsesuppe, der Begleiter krempelt die Hemdsärmel auf und schwärmt von langen Abenden mit Campari Soda auf dem Balkon. Ich schlottere allein beim Gedanken, noch nach Sonnenuntergang auf einem Windfang- genannt Balkon-sitzen zu müssen, der Begleiter isst derweil Vanilleeis. Auf dem Rasen sind derweil fast alle Schultern frei und alle Rottöne von blassrosa bis hummerrot vertreten. „Sieh mal, da kommt der Tierarzt“ ruft der Begleiter und nickt einem großen, sehr dünnen Mann zu, der sich uns mit großen Schritten nähert und der dem vertrauten Bild des Tierarztes in dickem Wollpullover und Tuch nicht recht entspricht. Der Mann nämlich trägt eine Ray Ban Sonnenbrille, ein marineblaues Hemd, mit sehr weit geöffneten Knöpfen und eine dünne Leinenhose. „Ist das warm“, sagt der Mann, der sich bei näherer Betrachtung tatsächlich als der Tierarzt herausstellt und der Begleiter nickt voller Begeisterung. Ich schüttle den Kopf und mit mir wundern sich bestimmt alle Mütter, Frauen und Tanten zwischen Vincenza und Palermo, wie man 15 Grad über Null für warm, heiß oder gar schweißtreibend halten kann. Der Tierarzt zieht sich mit Buch auf die Wiese zurück und winkt mir zu. Ich ziehe den Schal enger an mich heran. Zurück im Büro drehe ich die Heizung höher, dann mache ich mir eine Schale kochend heißen Tee. Endlich kann ich meine Fingerspitzen wieder fühlen. Draußen vor dem Fenster aber tanzt die Sonne, der Wind pfeift und noch das letzte Stück Rasen ist belegt. Die Sonne nämlich ändert hier alles und ich fürchte alle außer mir haben schon vergessen, dass dies eine Insel im westlichen Atlantik ist und nicht Sizilien oder Vincenza im glühend- heißen Sommerlicht, doch die Sonne scheint einfach weiter und ich reibe mir die kalten Hände.

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14 Uhr und 15 Grad über Null

Blau

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Am Abend aber als ich die Dorfstraße hinaufgehe ist der Himmel noch blau. Nicht mehr so gleißend und glänzend wie noch am Morgen als ich die Straße zum Zug hinunterjagte, aber immer noch ein freundlicher, blauer Mantel den ich mir um die Schultern lege, wie ein feines Seidentuch. Als ich ein kleines Mädchen war, glaubte ich und war unbeirrbar darin, dass die Sonne nach getaner Arbeit sich auf ein goldenes Sofa legte und langsam Stück für Stück wie im Theater wenn der Vorhang fällt, käme ein blauer Vorhang herunter würde dunkler und dunkler und wenn schließlich, kurz bevor das Blaue ins Schwarze umschlüge, die Sterne und auch der Mond auf dem samtenen Vlies erschienen, dann machte die Sonne die Augen zu und erwachte mit blau geküssten Lippen am anderen Morgen. Ich hätte diese Geschichte nicht in der Physikprobe niederscheiben sollen, doch auch als der Physiklehrer vor Lachen über meine Dummheit schrie, hielt ich an der Sonne und ihren blauen Lippen fest. Heute aber auf den Sessel im Eck und die Blumen in der Vase leuchten mir blau entgegen, und auch die Notiz auf dem Tisch vom Tierarzt hinterlassen: „Bin an der See“ funkelte bläulich, wenn auch die Sonne schon zweimal gähnte und mich zur Eile mahnte. Ein weißes Handtuch indes, und alte Jeans, denn wer nicht durchs Unterland will um ans Meer zu kommen, der muss über die Ginsterhecke steigen, und sich nicht von den blauen Schatten zu allzu großen Sprüngen verführen lassen, denn mag das Meer von fern schon glitzern wie der Golf von Sorrent, so schlägt der Wind mit den Wellen um die Wette und mehr als ein Wanderer ist schon an den Klippen, die ich mich herunterangle, zerschellt, am besten geht man dort wo auch die Schafe die steile Wand hinunterklettern und atemlos unten angekommen, vor mir die wilde, wogende See. Der Tierarzt aber sitzt an einen Stein gelehnt und winkt mir zu. Auch ihm ist das Abendblau um den Hals gefallen, an die Schulter lehnt sich das Blau und ich renne schnell ins Meer hinein. Zum ersten Mal in diesem Jahr ist auch das Meer blau, kalt zwar noch immer, eben eisiger Atlantik mit zischenden Schaumkronen und harter Brandung, aber während das Meer im Januar und Februar schiefergrau über mich hinwegschlug und auch im März noch von solch schwarzer dunkler Tiefe war als sei ein Tintenfass ausgelaufen, so ist das Meer heute aquamarinblau, duftend und schimmernd verkleidet sich hier im äußersten Westen Europas als sei es heute Morgen noch in Nice oder Sizilien gewesen und habe sich nun zur Abendstunde doch noch einmal dazu entschlossen, auch uns zu einer blauen Stunde zu verhelfen. Ich in den Wellen halte die Luft an, denn unter dem Blau liegt die gleiche Kälte und doch für einen Moment bin ich wirklich zurück im liebenswürdigen Süden und weiter und weiter schwimme ich hinaus, denn wer weiß vielleicht dort bei der goldenen Sonne, mag auch das Meer wieder so leicht und warm sein, leise gurgelnd nur und niemals von dieser nördlichen, eisigen Schärfe, an die ich mich niemals recht habe gewöhnen können. Schon aber ruft der Tierarzt am Strand nach mir: „Komm doch zurück.“ Und ich drehe um. Blaue Perlen laufen mir über den Rücken und der Tierarzt wickelt mich in das Handtuch ein. Mir klappern die Zähne und der Tierarzt fährt mit dem Zeigfinger über meine blauen Lippen. „Was wolltest du so weit draußen, fragt er mich und schüttelt mit dem Kopf.“ „Das Blau suchen“, sage ich und dann sitzen wir doch noch einen Moment lang im kühlen Sand und sehen die Segelboote mit ihren weißen und roten Segeln auf den Wellen tanzen, zwei Frachtschiffe fahren am Horizont vorüber und ein Ruderboot sucht seinen Hafen. Langsam nur verschwindet das Blau und gibt der Dunkelheit nach. „Vielleicht fahren wir im Sommer doch auf eine Woche in den Süden?“, sage ich und der Tierarzt nickt. Eine ganze Woche mitten im gleißenden Blau, das es hier nur als Ausnahme gibt, denn schon zieht Wind auf, schon immer sind die Wolken schneller als noch die kräftigste Sonne und niemals hat die Sonne in diesen Breiten blaue Lippen. Der Tierarzt lacht. Dann müssen wir in den Süden,mein blaues Mädchen sagt er und streicht mir einen letzten Rest vom Blau des Tages aus dem Gesicht.

Zurück nach Haus aber klettern wir nicht die dunklen Klippen zurück, sondern gehen am Strand entlang ins Dorf und wandern zurück ins Oberland. Über der Kirch St. Sylester liegt dunkelblau, ein samtener Vorhang gebreitet und ich lege dem Tierarzt den Finger auf die Lippen. „Still“ sage ich, die Sonne macht gerade die Augen zu, der Mond steckt sich eine Pfeife an und die Sterne erzählen, wie damals in anderen Tagen die Wassernymphen versuchten das Blau mit dem Fischernetz einzufangen und doch Tag für Tag ernüchtert mit leeren Händen ins Schilf zurückkehrten.“ Anders als der Physiklehrer aber lacht der Tierarzt nicht, sondern andachtsvoll sehen wir über den Kirchturm hinauf in den unendlich weiten, dunkelblauen Himmel. Dann kommt die Frau des Krämers uns entgegengelaufen: „Fällt Geld vom Himmel, Fräulein Read On?“ „Nein, Frau des Krämers sage ich, der Tierarzt und ich wir machen bloß blau.“

Feste feiern

Große Ereignisse werfen auch in einem kleinen, irischen Dorf ihre Schatten voraus. Die Frau des Krämers nämlich hat bald Geburtstag. Natürlich weiß niemand- wohl nicht einmal der Krämer selbst- wie alt sie ist. Denn eine Frau wie die Frau des Krämers altert nicht wie wir Normalsterblichen, sondern gewinnt mit den Jahren nur an Würde und Macht. Unzweifelhaft ist nämlich auch: nicht die Frau des Krämers feiert ihren Geburtstag, sondern wir das Dorf feiern den Geburtstag der neben den Schafen mächtigsten Person des Dorfes. Die Frau des Krämers ist nämlich gleichzeitig auch die inoffizielle Bürgermeisterin des Ortes. Zwar trägt sie keine keine goldenen Kette und der Dorfladen ist auch kein Rathaus mit kupfernen Zinnen und einer Kettenbrücke, aber unmissverständlich ist es die Frau des Krämers die über Wohl und Wehe des Dorfes befindet. Die Frau des Krämers kennt jeden und weiß alles. Ihr Gedächtnis reicht bis in das 8. Jahrhundert zurück, und wem die Gilden des Mittelalters als strenge Institutionen sozialer Kontrolle erschienen, der hat niemals versucht einen Kuchen, der nicht auf der von der Frau des Krämers geführten Liste erschien, auf dem Kuchenbasar der Kirchgemeinde zu verkaufen. Die Frau des Krämers vergisst nichts und über jeden Dorfbewohner, da bin ich mir sicher führt sie mit strenger Feder Buch, mag anderswo gegen die Vorratsspeicherung demonstriert werden, hier werden geöffnete Briefe über den Ladentisch gereicht, denn hier ist der Absolutismus das, was er niemals war.
Und so nickte ich eines schönen Frühlingstages als ich nach dem Schwimmen in der eisig kalten Irischen See zwei ofenwarme Himbeerscones für das Frühstück einholte g’ttergeben als die Frau des Krämers mit Händen in die Hüften gestemmt verkündete: Fräulein Read On, wie Sie wissen mein Geburtstag naht und natürlich sind Sie und der Tierarzt eingeladen.“ Ich dankte artig. Aber die Frau des Krämers war noch nicht fertig: „Aber zusammen können sie nicht sitzen, das schickt sich nicht.“ Ihr Tischherr wird der Priester sein, und der Tierarzt sitzt natürlich neben meiner Tochter.“ Ich nickte noch einmal, denn das die Frau des Krämers inständig darauf hofft der Tierarzt würde sein Köfferchen nehmen, vor der Tochter der Frau des Krämers mit Diamantring auf die Knie fallen und noch am gleichen Tag würde Hochzeit gehalten, ist eine solch unumstößliche Tatsache, dass es nicht lohnt darüber auch nur ein Wort zu verlieren. Der Tierarzt sieht das naturgemäß anders und jammert und klagt über sein Schicksal. Der Tierarzt nämlich kann die Tochter des Hauses nicht ausstehen, dabei ist die Tochter der Königin ein wie die Mali-Tant sagen würde „Armes Hascherl“, aber der Tierarzt knurrte Böses und ich ging meiner Wege. Dann aber vor ein paar Tagen, ich stapelte gerade Zwiebeln, Salat und Honig auf die Ladentheke, warf die Frau des Krämers sich erneut in die Brust: „Fräulein Read On“ rief sie, mein Geburtstag nähert sich, wie sie vielleicht wissen.“ Aber Frau des Krämers“ erwiderte ich, „wie könnte ich Ihren Fest- und Ehrentag vergessen?“
Die Frau des Krämers nickte befriedigt. „Ich dachte mir“ fuhr sie fort, sie könnten ein wenig Klavier spielen“ ( es folgte eine sieben Meter lange Liste mit Titeln, die von den Beatles bis zu „It’s a long way to Tipperary alles umfasste, was die Frau des Krämers an Musikstücken kennt. ) „Der Priester jedenfalls“ sagte sie und lächelte in der ihr eigenen spöttisch- majestätischen Weise auf mich herab „findet sie klimperten doch ganz schön.“ Ich lächelte siebensüß zurück: „Nun übertreiben Sie aber wirklich, Frau des Krämers.“ Aber sagte ich weiter: „Ich habe hier kein Klavier.“ Die Frau des Krämers winkte ab. „Der Elektriker ( der ihrer Tochter den Hof macht ) kümmert sich.“ Ich wankte nach Haus und hängte die Liste an den Kühlschrank. Der Tierarzt suchte im Internet nach Häusern in anderen Dörfern und murmelte: „fort, nur fort von hier.“ Ich ging meinen Dingen nach und über der Liste hingen bald Briefmarken, Rezepte und ein Bild von Kälbchen. Gestern aber, ich hatte mich nach einer langen Nachtschicht gerade ins Bett gelegt, klopfte es an der Tür und der Tierarzt, der hartnäckig wiederholte: „Das Mädchen schläft aber!“, scheiterte am „Papperlapp“ der Frau des Krämers, die schon an die Schalfzimmertür bollerte: „Fräulein Read On, Aufgestanden!“ Das Klavier ist da.“ Der Elektriker schleppte ein schwarzes Ungetüm über die Schwelle. „Ebay, 30 Euro!“ „Was ist das?“ fragte ich und die Frau des Krämers schüttelte ob meiner Begriffsstutzigkeit den Kopf: „Na ein prima Klavier.“ Das Ungetüm entpuppte sich als Keyboard. „Das ist kein Klavier“, sagte ich zur Frau des Krämers. Selbige bebte vor Empörung und in ihrem Blick war sehr deutlich: „Sie undankbare Kröte“ zu lesen. Dann ging ich zurück ins Bett und zog mir die Decke bis über die Ohren. Am Abend kam der Priester, er darf die Fest- und Lobrede auf die Frau des Krämers halten- herüber und besah sich das Ungetüm. Bei näherer Betrachtung stellte sich das Monstrum als ein defektes Keyboard heraus. Diesen schauderhaften Geräten nämlich sind vorgefertigte Tonkonserven beigefügt, in diesem Falle ein blechern schepperndes „Muhahahaha“ oder ein die Töne verzerrendes „Ghost Theme“, während sich dies bei funktionierenden Geräten wohl abstellen oder zumindest einstellen lässt, ist dieses bei diesem Schnäppchen nicht vorgesehen und als ich „A yellow subamrine“ zu klimpern begann, durchbrach ein gellendes Konservengelächter das Stück.
Der Priester verschluckte sich am kalten Braten, der Tierarzt hielt sich die Ohren zu, der Hund heulte und die Katze, sonst nur schwer vom Sessel zu bewegen, verzog sich umgehend in den Oberstock. Ich machte mir erst einmal ein Käsebrot. Nach dem Stand der Dinge also werde ich wohl auf der Geburtstagsfeier der Königin wie Kaiserin unseres kleinen Dorfes fern von den Toren der großen Stadt „A long way to Tipperary“ unterlegt mit wieherndem Konservengelächter spielen. „Es darf so die Frau des Krämers“ heute morgen als ich Milch und Scones einholte mir getanzt werden.“ Natürlich sei es selbstverständlich, dass der Tierarzt ihr Töchterchen um den ersten Tanz bitte. „Sie sind ja ohnehin am Klavier verhindert.“
Der Tierarzt aber googelt energisch Immobilienangebote und der Priester, der die Rede auf die Frau des Krämers in Reimen vortragen soll, hat nach Rom geschrieben, ich aber backe einen Kuchen und lese ganz zufällig ein Buch, das sich mit Palastrevolutionen befasst.

Auf der Fensterbank

Nach der Aufklärungssprechstunde laufe ich müde die Treppen hinauf. In der Tür steht die liebe C. und küsst mich auf die Stirn. „Eine halbe Stunde“, sagt sie und lächelt mir zu, „allein für dich.“ Dann ruft die liebe C. die Kinderschar, Schwesterchen und Schwager, meinen Vater, den geschätzten ehemaligen Gefährten und den Tierarzt zusammen, der Tierarzt fragt: „Aber das Mädchen weint nicht?“ Das ist sein neuster deutscher Satz, die liebe C. schüttelt den Kopf und schon Treppengetrappel, dann fällt die Haustür ins Schloss. Ich sitze auf dem breiten Fenstersitz auf dem ich schon als Kind, ganze Tage verlas, nur das Sofa auf dem meine Großmutter saß, das steht längst woanders. In dreißig Minuten kann alles passieren. Nichts muss in dreißig Minuten passieren. Unten auf dem Markt schreit eine kleine Königin: ERDBEEREIS. Dann verliere ich sie aus den Augen. Still liegt der Marktplatz da, mit dem blanken Kopfsteinpflaster und dem Kirchturm, dessen goldene Kugeln im Abendlicht schimmern. Aber dann geht eine Frau über den Marktplatz. Ein weißes Leinenkleid trägt sie und eine rote Kette dazu um den Hals. Dicke Perlen. Holz vielleicht aber auch ein seltener Stein. Eine Hand aber hält ein Telefon, die Hülle glitzert fast so sehr wie das Tutu meiner Nichte. Für einen Moment scharrt sie nervös mit den Füßen, aber dann endlich geht jemand ans Telefon. Die Frau lacht sofort, unverhohlen und mit geöffnetem Mund. Obwohl das Fenster geschlossen ist, kann ich sie hören, das laute Lachen der Frau, die sich ganz deutlich bemüht, wenigstens für heute Abend für einen anderen, der lustigste Mensch der Welt zu sein. Noch immer zirkeln ihre Füße nervös über das Pflaster, aber die Stimme am anderen Ende des Telefons scheint guter Dinge. Noch einmal lacht sie schallend, lässt die Hand von den roten Perlen zu ihrer Brust gleiten, dann gestikuliert sie als solle die Stimme am Telefon noch einmal in ihr Bekräftigung finden, dann legt sie auf, noch einmal richtet sie ihre Frisur, in der leider eine große und hässliche, schwarze Plastikklammer steckt, sieht auf die Uhr und mit geröteten Wangen stolpert sie mehr als das sie rennt über das glatte Kopfsteinpflaster, schwankend und dabei doch sehr lebendig, denn die Nacht, wenigstens diese eine, verspricht etwas von einem Glück mit scharfen Zähnen vielleicht, oder auch nur warme Hände, die später einmal den Reissverschluss des weißen Leinenkleides herunterziehen und langsam, bei schwachem Licht im hohen Zimmer, schließlich die Frau, die schon aus meinem Blickfeld verschwindet zwischen die Schulterblätter zu küssen.
Dann wieder liegt der Marktplatz still vor mir im dämmrigen Licht. Ein Mann mit Schnurrbart schiebt sein Rad über das Pflaster auf dem Gepäckträger ist eine Kiste mit Gemüse befestigt, schützend hält er eine Hand über Tomaten und Paprika und doch springt ihm ein Salatkopf vom Karton und rollt über das Trottoir. Kopfschüttelnd lehnt der Mann sein Fahrrad an eine Hauswand und läuft dem Widerspenstigen hinterher. Fast sieht es so als als ermahne er den Ausreißer, aber dann klemmt er den Salat mit drei Mohrrüben fest und festen Schrittes biegt er über den Marktplatz und verschwindet in einer kleinen Gasse. Tiefer und tiefer sinkt die Sonne schon und dann erst sehe ich das Mädchen, das schon eine ganze Weile vor der gelben Villa steht, die früher einmal einem Marmeladenfabrikanten gehörte und von dem mein Großvater den Konzertflügel erwarb, der noch immer, noch heute hinter mir im Zimmer steht. Der Marmeladenfabrikant ging in den Westen und gab meinen Großeltern zwei Koffer in Verwahrung. Meine Großeltern trugen die Koffer auf den Speicher und nickten. Das 20. Jahrhundert ist vielleicht das Jahrhundert der Koffer gewesen. Reisekoffer, Deportationskoffer, Persilkoffer, Überseekoffer, Fluchtkoffer, überall abgebrochene Geschichten. Aber heute steht ein Mädchen mit einem Veilchenstrauß vor der gelben Villa. Sie hat keinen Koffer bei sich, auch keine Handtasche, kein luggage holdall oder einen Rucksack. Nur einen senfgelben Mantel über dem Arm und das Veilchensträußchen fest an ihre Brust gedrückt. Sie drückt auf die Klingel. Aber die gelbe Villa liegt verschwiegen, schon fast völlig im Dunkeln. Kein Licht geht an, keine Gardine bewegt sich und auch das eiserne Gartentor summt nicht, bevor es sich öffnet. Noch einmal beugt das Mädchen sich vor und legt all ihre Hoffnungen auf den Klingelknopf, aber alles bleibt stumm. Dann tritt das Mädchen zur Seite und tritt vor das Fenster. Sie legt ihren Kopf in den Nacken, schönes kastanienbraunes Haar fällt ihr in Wellen über den Rücken. Was sie ruft, kann ich nicht hören. Vielleicht: „Mach auf, ich will dir etwas sagen! Oder: „ Wie kannst du die Nacht vergessen, in der du nach mir riefst?“ Aber vielleicht ist alles auch ganz anders und das Mädchen bleibt stumm und sieht hinauf in das Fenster, das sich im allerletzten Sonnenstrahl spiegelt und mag sein, wie der Mann dem sie Herz und Veilchen antrug, die Hände schon längst in anderen Haaren, blonden Locken vielleicht vergraben hatte. Dann dreht das Mädchen sich zur Seite, verschwindet fast ganz im senfgelben Mantel, vergräbt das Gesicht für einen Moment in den Veilchen, dann holt sie Luft und wirft die Veilchen in den Papierkorb, der zehn Meter vielleicht von der gelben Villa entfernt steht und für einen langen Moment sieht sie dem Veilchenstrauß, der durch die Luft schleudert, bevor er mit dumpfen Knall im Papierkorb landet hinterher. Dann strafft sie die Schultern und schon hat sie den Marktplatz verlassen und erst jetzt geht ein Licht in einem Zimmer der gelben Villa an.

Schon aber höre ich wie sich unten im Haus der Schlüssel im Schloss dreht, Fußgetrappel, fliegende Schuhe, die Tür fliegt auf, eine kleine Königin stürmt auf mich zu. Glitzernd und funkelnd, den geliebten Kanzler Bär in einer Jackentasche und strahlend hält sie mir ein Erdbeereis hin. „Fast ungeschmolzen“ sagt sie und ich teile es mit ihr. Schwesterchen winkt, ihr Mann und F. streiten über irgendeinen Sport, mein Vater trägt seinen Enkel auf den Schultern die Treppe hinauf und singt ein Räuberlied, die liebe C. verspricht den Nichten 2 und 3, dass sie mich mit dem Stethoskop untersuchen dürfen und der Tierarzt kommt zu mir auf die Fensterbank und küsst mich auf die Stirn. „Das Mädchen weint nicht“, sagt er und ich lege mein Gesicht an seine Schulter. Der Marktplatz aber ist dunkel und nur die Straßenlaternen werfen einen blassen Schimmer auf das Pflaster. Ein Zimmer der gelben Villa aber bleibt hell erleuchtet.

Frische Brise

Der Tierarzt steht am Fenster und nickt. „Ein frischer Wind“ sagt er und dreht sich zu mir um. Vor dem Fenster fliegen derweil die Mülltonnen der Nachbarn aus dem Unterland über die Straße, die Möwen rudern verzweifelt im Wind und das eiserne Gartentor schwingt quietschend auf und zu. „Du meinst den Sturm, Tierarzt? sage ich und zeige auf die so eben vorbefliegenden Plastikflaschen. Aber der Tierarzt schüttelt nur den Kopf. „Von Sturm kann doch keine Rede sein.“ Er müsse es doch wissen, schließlich sei er in einer wahren und wirklichen Sturmnacht geboren wurden. Da knickten die Bäume um wie Streichhölzer, da wurde es tiefe, finstere Nacht und der Dorftierarzt, der ihn auf die Welt brachte, hätte nicht mehr unterscheiden können, ob er seine Lunge ausprobierte, so heulte, so fauchte, so zischte, so knallte der Wind in jener Nacht. Kälber seien in dieser Nacht über die Häuser geflogen und Schafe erst in Schottland wieder an Land gegangen und so fährt der Tierarzt fort, könne nicht die Rede davon sein, dass er das Licht der Welt erblickt habe, sondern er sei ein wahrlich Sturmgeborener und deswegen könne er mir versichern, dass dieses Lüftchen dort draußen, wirklich und wahrhaftig nicht als Sturm gelten könnte. Ich sehe den Tierarzt zweifelnd an, denn draußen vor dem Fenster rollen zwei weitere Mülltonnen geradewegs auf das Gartentor zu. Der Tierarzt aber hat sich schon abgewandt und wägt ab, welche Hemden er mit nach Berlin nehmen will. Der Tierarzt lebt nämlich in der Annahme in Berlin seien die Männer erstaunlich gut angezogen, trügen maßgeschneiderte Hemden und rahmengenähte Schuhe und lachten schon am Flughafen mit ausgestreckten Fingern über einen Tierarzt vom Lande, mag er auch ein Kind des Sturmes sein. Meinen Ausführungen, dass in Berlin, Männer mit Jogginghose in die Oper gehen, wollte er keinen Glauben schenken. Die Frau im Radio indes kündigt meterhohe Wellen und Sturmböen des Sturmtiefs Doris an. „Papperlapp“ sagt der Tierarzt und wägt ab, ob ein Wollpullover mit oder ohne Zopfmuster in sein luggage holdall wandern soll. „Doris“ schnaubt er niemals hieße ein richtiger Sturm Doris, seinerzeit hätte der Sturm nicht wie eine Gouvernante geheißen, sondern mindestens Draco, der Zerstörer oder so ähnlich. Auf der Straße neigt sich ein Baum zur Seite und kippt längsüber auf die Schafsweide. Der Tierarzt sucht den Schuhspanner. Ich gehe nach oben, denn ich sehe vor meinem inneren Auge schon das Dach davonfliegen. Lieber verschließe ich die Fenster mit den Haken, denn der Tierarzt kann sein luggage holdall wieder auspacken, drückt der Wind uns die Scheiben ein. Das Meer schäumt und bricht sich in dunklen, unheilvollen Wellen am Strand, dort wo sonst die sieben Boote des Dorfes liegen, ist nur eine schwarze Wand aus Wasser zu sehen während die Mole gänzlich verschwunden ist. Auf dem Bett liegt ein weiterer Kleiderberg. „Ich wusste gar nicht, dass Du auch in Berlin einziehst“, sage ich zum Tierarzt, der nach einer violetten Krawatte sucht.“ „Ich will mich vor der lieben C. eben nicht blamieren, murmelt der Tierarzt und ich schüttle den Kopf: Tierarzt sage ich, die C. hat dich kniehoch im Mist stehend mit deinem vielfach geflickten Wetterfleck gesehen. Der Tierarzt winkt ab. Er habe, fährt er aus, die Vogue für Men besehen, dort seien nicht nur ausnehmend viele sehr gut angezogene Männer zu sehen gewesen, sondern diese lebten allesamt in Berlin oder gedächten in Kürze nach Berlin zu ziehen. Noch bevor ich den Tierarzt angemessen darüber ins Bild setzen kann, dass des Berliner Mannes liebstes Accessoire nicht ein leichter Mantel von Chanel ist, sondern das Wegbier, kracht es laut und vernehmlich vom Kirchhof gegenüber. Der Schuppen in dem der Priester, Gartengeräte verwahrt ist, vom Wind gegen die Steinmauer gedrückt worden und liegt als Holzhaufen des Elends stumm im Kirchgarten. Der Tierarzt aber runzelt nur unwillig mit der Stirn und wendet sich wieder dem luggage holdall zu. Dann klingelt das Telefon. „Für dich Tierarzt“ rufe ich und der Tierarzt nimmt wohl oder übel den Hörer in die Hand. Zwei Minuten später steigt der Tierarzt in die Gummistiefel und nimmt den Wetterfleck aus Loden vom Haken. Es gibt ein Problem mit den Schafen sagt er und als er die Tür nach draußen öffnet, drückt der Wind sie von außen zu und es braucht unsere vereinten Kräfte, bis der Tierarzt das Haus verlassen kann. „Fahr vorsichtig“, sage ich zum Tierarzt, aber der Tierarzt winkt ab. Eine steife Brise nichts weiter sagt er und wird vom Wind prompt in Richtung Auto gepustet. Schlingernd fährt er vom Hof. Gegen acht fällt der Strom aus. Gegen zehn kommt der Tierarzt zurück. Aus den Gummistiefeln läuft Wasser, der Wetterfleck hat einen neuen Riss und der Tierarzt sieht zerzaust aus, allerdings nicht wie in einer Fotostrecke, sondern wie Robinson Crusoe nach sieben Tagen und acht Nächten auf dem Floß im schäumenden Meer. Der Tierarzt klappert mit den Zähnen. Ich reiche Wärmflasche und warme Socken ( selbstgestrickt und garantiert nicht en vogue an.) Der Tierarzt schlürft heißen Tee und erschrickt mich mit seinen kalten Händen, der wind zischt durch die Fenster und pfeift unter den Dielen. „Auf jeden Fall die schwarzen Hosen von Comme des Garcons“ sagt der Tierarzt nach der zweiten Tasse und muss sich wiederholen, denn der Wind brüllt draußen vor dem Fenster. „Also wirklich sagt der Tierarzt“, bevor er sich wieder dem luggage holdall und den schwierigen Kleiderfragen der Berliner Reise zuwendet, wenigstens im Radio hätten sie den Sturm doch ankündigen können. Ich nicke und schiebe ganz beiläufig einen Band von Doris Lessing in Richtung Reisetasche: „ A Ripple from the Storm.“ Dann steige ich auf den Dachboden, noch einmal nachzusehen, ob das Dach wohl hält.

Ländliches Idyll

img_1180Der Gast reckt und streckt sich, gähnt und verschränkt die Hände hinter dem Kopf. „Wirklich“ sagt der Gast und gähnt noch einmal herzhaft. Diese Ruhe hier bei euch auf dem Land. Man schläft doch ganz anders als in der Stadt. Überhaupt sagt der Gast und nickt wohlgefällig, schön ist das hier bei euch. Mit dem Haus Read On, hast du richtig Glück gehabt wo findet man denn noch so etwas Uriges? Ich nicke und sage nicht, dass man im Dorf die Sterne deshalb so gut sieht, weil die Straßenbeleuchtung schon seit Jahren defekt ist und sich niemand für die Reparatur zuständig fühlt. Es ist eben einfach dunkel.

Nimmst Du Milch zum Tee?, frage ich lieber und sage nicht, dass im letzten Herbst die Schindeln, eimerweise vom Dach flogen und die Reparatur ein gar nicht mal so kleines Vermögen verschlang. Ich erzähle aucht nicht, dass die Vermieterin eines Tages nicht mehr ans Telefon ging und irgendwann ein Brief der NAMA im Briefkasten lag. Seitdem überweise ich meine Miete an die Institution, die alle Geisterhäuser der irischen Finanzkrise verwaltet und im Backbuch zwischen Nussecken und Käsekuchen liegt der Zettel,der mich darauf hinweist, dass ich im Fall eines Verkaufs des Hauses unmittelbar auszuziehen hätte. Ich nicke noch einmal und der Tierarzt bringt die ofenwarmen Scones. Ommmm und Nommm sagt der Gast und wir reichen Butter und Marmelade zum Gebäck.„Ach, das Landleben, sagt der Gast“ und schwärmt ( zu Recht ) von den Backkünsten der Frau des Krämers, der schmackhaften Milch und der goldgelben Butter. „Ach, seufzt der Gast wohlig. So ein richtiger, kleiner Laden wo man sich kennt, ist ja doch etwas anderes. Keine anonymen Schlangen, sondern ein gemütlicher Schwatz beim Einkauf.“ Ich lege dem Gast einen zweiten Scone auf den Teller und sage lieber nicht, dass der Krämer und seine Frau vom Laden nicht leben können. Der Krämer schiebt Schichten in der Cadbury Schokoladenfabrik, und jeden Sommer nehmen die Beiden, spanische Jugendliche auf, die Englischkurse belegen. Der Krämer und seine Frau sind an die 70 Jahre alt und wollen ihre Ruhe.Ihre Vorstellung eines gelungen Abends ist Shepard Pie und Coronation Street im Fernsehen. Die Jugendlichen betrinken sich am Strand und der Krämer muss Nachts mit der Taschenlampe los, sie suchen gehen. Der Laden hat sieben Tage die Woche geöffnet und nur am Sonntag während der Messe geschlossen. Urlaub haben der Krämer und seine Frau schon seit vielen Jahren nicht mehr machen können, denn auch in Irland kaufen die Leute ihre Scones längst für 70 Cent bei Tesco und nicht mehr für 1, 95 Euro bei der Frau des Krämers, die selber backt. Schön, dass es dir schmeckt, sage ich und nicke dem Gast zu. Der Gast verdreht die Augen zum Himmel: Diese Scones sind ein Gedicht.Ich erzähle nicht, dass in meinem ersten Jahr hier im Dorf niemand mit mir ein Schwätzchen hielt und die Himbeerscones, deren Krümel der Gast sich gerade von den Fingerspitzen leckt, immer schon aus waren, kam ich in den Laden.

Ein Ei, frage ich? Der Gast stimmt zu. „Mensch Tierarzt“, sagt der Gast. „Du hast doch einen wunderbaren Beruf. Frische Luft und die Tiere, alle das ganze Jahr auf der Weide, du bist wirklich zu beneiden. Der Tierarzt nickt und schenkt Tee nach. Er sagt lieber nicht, dass die Bauern hier alle hoch verschuldet sind und in der Apotheke Antibiotika für die Schweine und Kühe kaufen. Meist geht das mit der Selbstmedikation nicht gut. Der Tierarzt soll dann kommen und die Tiere mit Antibiotika behandeln. Es gibt längst nicht mehr genug zu tun für einen Landtierarzt und so fährt der Tierarzt etwa 100 Kilometer am Tag von Hof zu Hof. Gern wenn die Kühe kalben, auch Nachts. Die Aktenordner mit den Außenständen sind dicker,als die mit den bezahlten Rechnungen.An drei Tagen in der Woche arbeitet der Tierarzt im Zoo. Mehr Idylle kann er sich nicht leisten.

Dann stehen wir auf und gehen vom Oberland hinunter ins Dorf, bis hinunter ans Meer. Spiegelglatt ist die See nach dem gestrigen, heftigen Sturm und der Gast lässt sich vom Wind ins Gesicht wehen und breitet die Arme aus. Wunderbar sagt er und stahlt. Die Luft und das Meer. Der Salz und der knirschende Sand unter den Füßen, lobt er und strahlt und lässt sich vom Tierarzt erklären wo einmal die Schmuggler Goldmünzen vergruben, bis sie über ihre Gier die Flut vergaßen und niemand sie mehr lebend fand. Der Gast und wir wandern die Dünen entlang, und der Gast sammelt Muscheln und Steine. „Wirklich sieht er uns an und stemmt die Arme in die Hüften. Ihr lebt wirklich mitten im Paradies.“

Wir lächeln leise und sagen nicht, dass jeden Morgen kurz vor sechs der älteste Dorfbewohner mit schwarzen Müllsäcken zum Strand hinuntergeht und das einsammelt, was die Müllkippe Meer eben so an den Strand spült: Autoreifen, Benzinkanister, Plastiktüten mit Müll gefüllt, Flaschen und Schuhe, Stoßstangen, selbst einen Kühlschrank hat der Nachbar schon aus dem Meer gezogen und entsorgen lassen. Da ich ganzjährig draußen im Meer schwimmen gehe, treffe ich den Nachbarn morgens fast immer und lasse mir stets die schwarzen Müllsäcke zeigen. „Schlecht steht es, Fräulein Read On“ sagt er und schüttelt den Kopf. Schon wieder Hundewelpen und Katzenbabies in den Plastiktüten, sagt er und wir beide seufzen tiefimg_1177Der Gast aber ist schon weiter gelaufen in Richtung der Klippen, grünschwarz glänzen die Stein im Wasser, ich halte Ausschau ob nicht heute die Meerjungfrau kommt, und der Tierarzt erzählt dem Gast wie er zwölfjährig mit einem Freund in die Höhle paddelt, um nach dem Piratenschatz zu suchen. Schließlich aber zieht der Himmel zu, schon beginnt es zu regnen und wir laufen zurück ins Dorf. Noch einmal sieht der Gast sich um: „Wirklich idyllisch“, sagt er und schließt auf zu uns.