Blau

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Am Abend aber als ich die Dorfstraße hinaufgehe ist der Himmel noch blau. Nicht mehr so gleißend und glänzend wie noch am Morgen als ich die Straße zum Zug hinunterjagte, aber immer noch ein freundlicher, blauer Mantel den ich mir um die Schultern lege, wie ein feines Seidentuch. Als ich ein kleines Mädchen war, glaubte ich und war unbeirrbar darin, dass die Sonne nach getaner Arbeit sich auf ein goldenes Sofa legte und langsam Stück für Stück wie im Theater wenn der Vorhang fällt, käme ein blauer Vorhang herunter würde dunkler und dunkler und wenn schließlich, kurz bevor das Blaue ins Schwarze umschlüge, die Sterne und auch der Mond auf dem samtenen Vlies erschienen, dann machte die Sonne die Augen zu und erwachte mit blau geküssten Lippen am anderen Morgen. Ich hätte diese Geschichte nicht in der Physikprobe niederscheiben sollen, doch auch als der Physiklehrer vor Lachen über meine Dummheit schrie, hielt ich an der Sonne und ihren blauen Lippen fest. Heute aber auf den Sessel im Eck und die Blumen in der Vase leuchten mir blau entgegen, und auch die Notiz auf dem Tisch vom Tierarzt hinterlassen: „Bin an der See“ funkelte bläulich, wenn auch die Sonne schon zweimal gähnte und mich zur Eile mahnte. Ein weißes Handtuch indes, und alte Jeans, denn wer nicht durchs Unterland will um ans Meer zu kommen, der muss über die Ginsterhecke steigen, und sich nicht von den blauen Schatten zu allzu großen Sprüngen verführen lassen, denn mag das Meer von fern schon glitzern wie der Golf von Sorrent, so schlägt der Wind mit den Wellen um die Wette und mehr als ein Wanderer ist schon an den Klippen, die ich mich herunterangle, zerschellt, am besten geht man dort wo auch die Schafe die steile Wand hinunterklettern und atemlos unten angekommen, vor mir die wilde, wogende See. Der Tierarzt aber sitzt an einen Stein gelehnt und winkt mir zu. Auch ihm ist das Abendblau um den Hals gefallen, an die Schulter lehnt sich das Blau und ich renne schnell ins Meer hinein. Zum ersten Mal in diesem Jahr ist auch das Meer blau, kalt zwar noch immer, eben eisiger Atlantik mit zischenden Schaumkronen und harter Brandung, aber während das Meer im Januar und Februar schiefergrau über mich hinwegschlug und auch im März noch von solch schwarzer dunkler Tiefe war als sei ein Tintenfass ausgelaufen, so ist das Meer heute aquamarinblau, duftend und schimmernd verkleidet sich hier im äußersten Westen Europas als sei es heute Morgen noch in Nice oder Sizilien gewesen und habe sich nun zur Abendstunde doch noch einmal dazu entschlossen, auch uns zu einer blauen Stunde zu verhelfen. Ich in den Wellen halte die Luft an, denn unter dem Blau liegt die gleiche Kälte und doch für einen Moment bin ich wirklich zurück im liebenswürdigen Süden und weiter und weiter schwimme ich hinaus, denn wer weiß vielleicht dort bei der goldenen Sonne, mag auch das Meer wieder so leicht und warm sein, leise gurgelnd nur und niemals von dieser nördlichen, eisigen Schärfe, an die ich mich niemals recht habe gewöhnen können. Schon aber ruft der Tierarzt am Strand nach mir: „Komm doch zurück.“ Und ich drehe um. Blaue Perlen laufen mir über den Rücken und der Tierarzt wickelt mich in das Handtuch ein. Mir klappern die Zähne und der Tierarzt fährt mit dem Zeigfinger über meine blauen Lippen. „Was wolltest du so weit draußen, fragt er mich und schüttelt mit dem Kopf.“ „Das Blau suchen“, sage ich und dann sitzen wir doch noch einen Moment lang im kühlen Sand und sehen die Segelboote mit ihren weißen und roten Segeln auf den Wellen tanzen, zwei Frachtschiffe fahren am Horizont vorüber und ein Ruderboot sucht seinen Hafen. Langsam nur verschwindet das Blau und gibt der Dunkelheit nach. „Vielleicht fahren wir im Sommer doch auf eine Woche in den Süden?“, sage ich und der Tierarzt nickt. Eine ganze Woche mitten im gleißenden Blau, das es hier nur als Ausnahme gibt, denn schon zieht Wind auf, schon immer sind die Wolken schneller als noch die kräftigste Sonne und niemals hat die Sonne in diesen Breiten blaue Lippen. Der Tierarzt lacht. Dann müssen wir in den Süden,mein blaues Mädchen sagt er und streicht mir einen letzten Rest vom Blau des Tages aus dem Gesicht.

Zurück nach Haus aber klettern wir nicht die dunklen Klippen zurück, sondern gehen am Strand entlang ins Dorf und wandern zurück ins Oberland. Über der Kirch St. Sylester liegt dunkelblau, ein samtener Vorhang gebreitet und ich lege dem Tierarzt den Finger auf die Lippen. „Still“ sage ich, die Sonne macht gerade die Augen zu, der Mond steckt sich eine Pfeife an und die Sterne erzählen, wie damals in anderen Tagen die Wassernymphen versuchten das Blau mit dem Fischernetz einzufangen und doch Tag für Tag ernüchtert mit leeren Händen ins Schilf zurückkehrten.“ Anders als der Physiklehrer aber lacht der Tierarzt nicht, sondern andachtsvoll sehen wir über den Kirchturm hinauf in den unendlich weiten, dunkelblauen Himmel. Dann kommt die Frau des Krämers uns entgegengelaufen: „Fällt Geld vom Himmel, Fräulein Read On?“ „Nein, Frau des Krämers sage ich, der Tierarzt und ich wir machen bloß blau.“

Feste feiern

Große Ereignisse werfen auch in einem kleinen, irischen Dorf ihre Schatten voraus. Die Frau des Krämers nämlich hat bald Geburtstag. Natürlich weiß niemand- wohl nicht einmal der Krämer selbst- wie alt sie ist. Denn eine Frau wie die Frau des Krämers altert nicht wie wir Normalsterblichen, sondern gewinnt mit den Jahren nur an Würde und Macht. Unzweifelhaft ist nämlich auch: nicht die Frau des Krämers feiert ihren Geburtstag, sondern wir das Dorf feiern den Geburtstag der neben den Schafen mächtigsten Person des Dorfes. Die Frau des Krämers ist nämlich gleichzeitig auch die inoffizielle Bürgermeisterin des Ortes. Zwar trägt sie keine keine goldenen Kette und der Dorfladen ist auch kein Rathaus mit kupfernen Zinnen und einer Kettenbrücke, aber unmissverständlich ist es die Frau des Krämers die über Wohl und Wehe des Dorfes befindet. Die Frau des Krämers kennt jeden und weiß alles. Ihr Gedächtnis reicht bis in das 8. Jahrhundert zurück, und wem die Gilden des Mittelalters als strenge Institutionen sozialer Kontrolle erschienen, der hat niemals versucht einen Kuchen, der nicht auf der von der Frau des Krämers geführten Liste erschien, auf dem Kuchenbasar der Kirchgemeinde zu verkaufen. Die Frau des Krämers vergisst nichts und über jeden Dorfbewohner, da bin ich mir sicher führt sie mit strenger Feder Buch, mag anderswo gegen die Vorratsspeicherung demonstriert werden, hier werden geöffnete Briefe über den Ladentisch gereicht, denn hier ist der Absolutismus das, was er niemals war.
Und so nickte ich eines schönen Frühlingstages als ich nach dem Schwimmen in der eisig kalten Irischen See zwei ofenwarme Himbeerscones für das Frühstück einholte g’ttergeben als die Frau des Krämers mit Händen in die Hüften gestemmt verkündete: Fräulein Read On, wie Sie wissen mein Geburtstag naht und natürlich sind Sie und der Tierarzt eingeladen.“ Ich dankte artig. Aber die Frau des Krämers war noch nicht fertig: „Aber zusammen können sie nicht sitzen, das schickt sich nicht.“ Ihr Tischherr wird der Priester sein, und der Tierarzt sitzt natürlich neben meiner Tochter.“ Ich nickte noch einmal, denn das die Frau des Krämers inständig darauf hofft der Tierarzt würde sein Köfferchen nehmen, vor der Tochter der Frau des Krämers mit Diamantring auf die Knie fallen und noch am gleichen Tag würde Hochzeit gehalten, ist eine solch unumstößliche Tatsache, dass es nicht lohnt darüber auch nur ein Wort zu verlieren. Der Tierarzt sieht das naturgemäß anders und jammert und klagt über sein Schicksal. Der Tierarzt nämlich kann die Tochter des Hauses nicht ausstehen, dabei ist die Tochter der Königin ein wie die Mali-Tant sagen würde „Armes Hascherl“, aber der Tierarzt knurrte Böses und ich ging meiner Wege. Dann aber vor ein paar Tagen, ich stapelte gerade Zwiebeln, Salat und Honig auf die Ladentheke, warf die Frau des Krämers sich erneut in die Brust: „Fräulein Read On“ rief sie, mein Geburtstag nähert sich, wie sie vielleicht wissen.“ Aber Frau des Krämers“ erwiderte ich, „wie könnte ich Ihren Fest- und Ehrentag vergessen?“
Die Frau des Krämers nickte befriedigt. „Ich dachte mir“ fuhr sie fort, sie könnten ein wenig Klavier spielen“ ( es folgte eine sieben Meter lange Liste mit Titeln, die von den Beatles bis zu „It’s a long way to Tipperary alles umfasste, was die Frau des Krämers an Musikstücken kennt. ) „Der Priester jedenfalls“ sagte sie und lächelte in der ihr eigenen spöttisch- majestätischen Weise auf mich herab „findet sie klimperten doch ganz schön.“ Ich lächelte siebensüß zurück: „Nun übertreiben Sie aber wirklich, Frau des Krämers.“ Aber sagte ich weiter: „Ich habe hier kein Klavier.“ Die Frau des Krämers winkte ab. „Der Elektriker ( der ihrer Tochter den Hof macht ) kümmert sich.“ Ich wankte nach Haus und hängte die Liste an den Kühlschrank. Der Tierarzt suchte im Internet nach Häusern in anderen Dörfern und murmelte: „fort, nur fort von hier.“ Ich ging meinen Dingen nach und über der Liste hingen bald Briefmarken, Rezepte und ein Bild von Kälbchen. Gestern aber, ich hatte mich nach einer langen Nachtschicht gerade ins Bett gelegt, klopfte es an der Tür und der Tierarzt, der hartnäckig wiederholte: „Das Mädchen schläft aber!“, scheiterte am „Papperlapp“ der Frau des Krämers, die schon an die Schalfzimmertür bollerte: „Fräulein Read On, Aufgestanden!“ Das Klavier ist da.“ Der Elektriker schleppte ein schwarzes Ungetüm über die Schwelle. „Ebay, 30 Euro!“ „Was ist das?“ fragte ich und die Frau des Krämers schüttelte ob meiner Begriffsstutzigkeit den Kopf: „Na ein prima Klavier.“ Das Ungetüm entpuppte sich als Keyboard. „Das ist kein Klavier“, sagte ich zur Frau des Krämers. Selbige bebte vor Empörung und in ihrem Blick war sehr deutlich: „Sie undankbare Kröte“ zu lesen. Dann ging ich zurück ins Bett und zog mir die Decke bis über die Ohren. Am Abend kam der Priester, er darf die Fest- und Lobrede auf die Frau des Krämers halten- herüber und besah sich das Ungetüm. Bei näherer Betrachtung stellte sich das Monstrum als ein defektes Keyboard heraus. Diesen schauderhaften Geräten nämlich sind vorgefertigte Tonkonserven beigefügt, in diesem Falle ein blechern schepperndes „Muhahahaha“ oder ein die Töne verzerrendes „Ghost Theme“, während sich dies bei funktionierenden Geräten wohl abstellen oder zumindest einstellen lässt, ist dieses bei diesem Schnäppchen nicht vorgesehen und als ich „A yellow subamrine“ zu klimpern begann, durchbrach ein gellendes Konservengelächter das Stück.
Der Priester verschluckte sich am kalten Braten, der Tierarzt hielt sich die Ohren zu, der Hund heulte und die Katze, sonst nur schwer vom Sessel zu bewegen, verzog sich umgehend in den Oberstock. Ich machte mir erst einmal ein Käsebrot. Nach dem Stand der Dinge also werde ich wohl auf der Geburtstagsfeier der Königin wie Kaiserin unseres kleinen Dorfes fern von den Toren der großen Stadt „A long way to Tipperary“ unterlegt mit wieherndem Konservengelächter spielen. „Es darf so die Frau des Krämers“ heute morgen als ich Milch und Scones einholte mir getanzt werden.“ Natürlich sei es selbstverständlich, dass der Tierarzt ihr Töchterchen um den ersten Tanz bitte. „Sie sind ja ohnehin am Klavier verhindert.“
Der Tierarzt aber googelt energisch Immobilienangebote und der Priester, der die Rede auf die Frau des Krämers in Reimen vortragen soll, hat nach Rom geschrieben, ich aber backe einen Kuchen und lese ganz zufällig ein Buch, das sich mit Palastrevolutionen befasst.

Auf der Fensterbank

Nach der Aufklärungssprechstunde laufe ich müde die Treppen hinauf. In der Tür steht die liebe C. und küsst mich auf die Stirn. „Eine halbe Stunde“, sagt sie und lächelt mir zu, „allein für dich.“ Dann ruft die liebe C. die Kinderschar, Schwesterchen und Schwager, meinen Vater, den geschätzten ehemaligen Gefährten und den Tierarzt zusammen, der Tierarzt fragt: „Aber das Mädchen weint nicht?“ Das ist sein neuster deutscher Satz, die liebe C. schüttelt den Kopf und schon Treppengetrappel, dann fällt die Haustür ins Schloss. Ich sitze auf dem breiten Fenstersitz auf dem ich schon als Kind, ganze Tage verlas, nur das Sofa auf dem meine Großmutter saß, das steht längst woanders. In dreißig Minuten kann alles passieren. Nichts muss in dreißig Minuten passieren. Unten auf dem Markt schreit eine kleine Königin: ERDBEEREIS. Dann verliere ich sie aus den Augen. Still liegt der Marktplatz da, mit dem blanken Kopfsteinpflaster und dem Kirchturm, dessen goldene Kugeln im Abendlicht schimmern. Aber dann geht eine Frau über den Marktplatz. Ein weißes Leinenkleid trägt sie und eine rote Kette dazu um den Hals. Dicke Perlen. Holz vielleicht aber auch ein seltener Stein. Eine Hand aber hält ein Telefon, die Hülle glitzert fast so sehr wie das Tutu meiner Nichte. Für einen Moment scharrt sie nervös mit den Füßen, aber dann endlich geht jemand ans Telefon. Die Frau lacht sofort, unverhohlen und mit geöffnetem Mund. Obwohl das Fenster geschlossen ist, kann ich sie hören, das laute Lachen der Frau, die sich ganz deutlich bemüht, wenigstens für heute Abend für einen anderen, der lustigste Mensch der Welt zu sein. Noch immer zirkeln ihre Füße nervös über das Pflaster, aber die Stimme am anderen Ende des Telefons scheint guter Dinge. Noch einmal lacht sie schallend, lässt die Hand von den roten Perlen zu ihrer Brust gleiten, dann gestikuliert sie als solle die Stimme am Telefon noch einmal in ihr Bekräftigung finden, dann legt sie auf, noch einmal richtet sie ihre Frisur, in der leider eine große und hässliche, schwarze Plastikklammer steckt, sieht auf die Uhr und mit geröteten Wangen stolpert sie mehr als das sie rennt über das glatte Kopfsteinpflaster, schwankend und dabei doch sehr lebendig, denn die Nacht, wenigstens diese eine, verspricht etwas von einem Glück mit scharfen Zähnen vielleicht, oder auch nur warme Hände, die später einmal den Reissverschluss des weißen Leinenkleides herunterziehen und langsam, bei schwachem Licht im hohen Zimmer, schließlich die Frau, die schon aus meinem Blickfeld verschwindet zwischen die Schulterblätter zu küssen.
Dann wieder liegt der Marktplatz still vor mir im dämmrigen Licht. Ein Mann mit Schnurrbart schiebt sein Rad über das Pflaster auf dem Gepäckträger ist eine Kiste mit Gemüse befestigt, schützend hält er eine Hand über Tomaten und Paprika und doch springt ihm ein Salatkopf vom Karton und rollt über das Trottoir. Kopfschüttelnd lehnt der Mann sein Fahrrad an eine Hauswand und läuft dem Widerspenstigen hinterher. Fast sieht es so als als ermahne er den Ausreißer, aber dann klemmt er den Salat mit drei Mohrrüben fest und festen Schrittes biegt er über den Marktplatz und verschwindet in einer kleinen Gasse. Tiefer und tiefer sinkt die Sonne schon und dann erst sehe ich das Mädchen, das schon eine ganze Weile vor der gelben Villa steht, die früher einmal einem Marmeladenfabrikanten gehörte und von dem mein Großvater den Konzertflügel erwarb, der noch immer, noch heute hinter mir im Zimmer steht. Der Marmeladenfabrikant ging in den Westen und gab meinen Großeltern zwei Koffer in Verwahrung. Meine Großeltern trugen die Koffer auf den Speicher und nickten. Das 20. Jahrhundert ist vielleicht das Jahrhundert der Koffer gewesen. Reisekoffer, Deportationskoffer, Persilkoffer, Überseekoffer, Fluchtkoffer, überall abgebrochene Geschichten. Aber heute steht ein Mädchen mit einem Veilchenstrauß vor der gelben Villa. Sie hat keinen Koffer bei sich, auch keine Handtasche, kein luggage holdall oder einen Rucksack. Nur einen senfgelben Mantel über dem Arm und das Veilchensträußchen fest an ihre Brust gedrückt. Sie drückt auf die Klingel. Aber die gelbe Villa liegt verschwiegen, schon fast völlig im Dunkeln. Kein Licht geht an, keine Gardine bewegt sich und auch das eiserne Gartentor summt nicht, bevor es sich öffnet. Noch einmal beugt das Mädchen sich vor und legt all ihre Hoffnungen auf den Klingelknopf, aber alles bleibt stumm. Dann tritt das Mädchen zur Seite und tritt vor das Fenster. Sie legt ihren Kopf in den Nacken, schönes kastanienbraunes Haar fällt ihr in Wellen über den Rücken. Was sie ruft, kann ich nicht hören. Vielleicht: „Mach auf, ich will dir etwas sagen! Oder: „ Wie kannst du die Nacht vergessen, in der du nach mir riefst?“ Aber vielleicht ist alles auch ganz anders und das Mädchen bleibt stumm und sieht hinauf in das Fenster, das sich im allerletzten Sonnenstrahl spiegelt und mag sein, wie der Mann dem sie Herz und Veilchen antrug, die Hände schon längst in anderen Haaren, blonden Locken vielleicht vergraben hatte. Dann dreht das Mädchen sich zur Seite, verschwindet fast ganz im senfgelben Mantel, vergräbt das Gesicht für einen Moment in den Veilchen, dann holt sie Luft und wirft die Veilchen in den Papierkorb, der zehn Meter vielleicht von der gelben Villa entfernt steht und für einen langen Moment sieht sie dem Veilchenstrauß, der durch die Luft schleudert, bevor er mit dumpfen Knall im Papierkorb landet hinterher. Dann strafft sie die Schultern und schon hat sie den Marktplatz verlassen und erst jetzt geht ein Licht in einem Zimmer der gelben Villa an.

Schon aber höre ich wie sich unten im Haus der Schlüssel im Schloss dreht, Fußgetrappel, fliegende Schuhe, die Tür fliegt auf, eine kleine Königin stürmt auf mich zu. Glitzernd und funkelnd, den geliebten Kanzler Bär in einer Jackentasche und strahlend hält sie mir ein Erdbeereis hin. „Fast ungeschmolzen“ sagt sie und ich teile es mit ihr. Schwesterchen winkt, ihr Mann und F. streiten über irgendeinen Sport, mein Vater trägt seinen Enkel auf den Schultern die Treppe hinauf und singt ein Räuberlied, die liebe C. verspricht den Nichten 2 und 3, dass sie mich mit dem Stethoskop untersuchen dürfen und der Tierarzt kommt zu mir auf die Fensterbank und küsst mich auf die Stirn. „Das Mädchen weint nicht“, sagt er und ich lege mein Gesicht an seine Schulter. Der Marktplatz aber ist dunkel und nur die Straßenlaternen werfen einen blassen Schimmer auf das Pflaster. Ein Zimmer der gelben Villa aber bleibt hell erleuchtet.

Frische Brise

Der Tierarzt steht am Fenster und nickt. „Ein frischer Wind“ sagt er und dreht sich zu mir um. Vor dem Fenster fliegen derweil die Mülltonnen der Nachbarn aus dem Unterland über die Straße, die Möwen rudern verzweifelt im Wind und das eiserne Gartentor schwingt quietschend auf und zu. „Du meinst den Sturm, Tierarzt? sage ich und zeige auf die so eben vorbefliegenden Plastikflaschen. Aber der Tierarzt schüttelt nur den Kopf. „Von Sturm kann doch keine Rede sein.“ Er müsse es doch wissen, schließlich sei er in einer wahren und wirklichen Sturmnacht geboren wurden. Da knickten die Bäume um wie Streichhölzer, da wurde es tiefe, finstere Nacht und der Dorftierarzt, der ihn auf die Welt brachte, hätte nicht mehr unterscheiden können, ob er seine Lunge ausprobierte, so heulte, so fauchte, so zischte, so knallte der Wind in jener Nacht. Kälber seien in dieser Nacht über die Häuser geflogen und Schafe erst in Schottland wieder an Land gegangen und so fährt der Tierarzt fort, könne nicht die Rede davon sein, dass er das Licht der Welt erblickt habe, sondern er sei ein wahrlich Sturmgeborener und deswegen könne er mir versichern, dass dieses Lüftchen dort draußen, wirklich und wahrhaftig nicht als Sturm gelten könnte. Ich sehe den Tierarzt zweifelnd an, denn draußen vor dem Fenster rollen zwei weitere Mülltonnen geradewegs auf das Gartentor zu. Der Tierarzt aber hat sich schon abgewandt und wägt ab, welche Hemden er mit nach Berlin nehmen will. Der Tierarzt lebt nämlich in der Annahme in Berlin seien die Männer erstaunlich gut angezogen, trügen maßgeschneiderte Hemden und rahmengenähte Schuhe und lachten schon am Flughafen mit ausgestreckten Fingern über einen Tierarzt vom Lande, mag er auch ein Kind des Sturmes sein. Meinen Ausführungen, dass in Berlin, Männer mit Jogginghose in die Oper gehen, wollte er keinen Glauben schenken. Die Frau im Radio indes kündigt meterhohe Wellen und Sturmböen des Sturmtiefs Doris an. „Papperlapp“ sagt der Tierarzt und wägt ab, ob ein Wollpullover mit oder ohne Zopfmuster in sein luggage holdall wandern soll. „Doris“ schnaubt er niemals hieße ein richtiger Sturm Doris, seinerzeit hätte der Sturm nicht wie eine Gouvernante geheißen, sondern mindestens Draco, der Zerstörer oder so ähnlich. Auf der Straße neigt sich ein Baum zur Seite und kippt längsüber auf die Schafsweide. Der Tierarzt sucht den Schuhspanner. Ich gehe nach oben, denn ich sehe vor meinem inneren Auge schon das Dach davonfliegen. Lieber verschließe ich die Fenster mit den Haken, denn der Tierarzt kann sein luggage holdall wieder auspacken, drückt der Wind uns die Scheiben ein. Das Meer schäumt und bricht sich in dunklen, unheilvollen Wellen am Strand, dort wo sonst die sieben Boote des Dorfes liegen, ist nur eine schwarze Wand aus Wasser zu sehen während die Mole gänzlich verschwunden ist. Auf dem Bett liegt ein weiterer Kleiderberg. „Ich wusste gar nicht, dass Du auch in Berlin einziehst“, sage ich zum Tierarzt, der nach einer violetten Krawatte sucht.“ „Ich will mich vor der lieben C. eben nicht blamieren, murmelt der Tierarzt und ich schüttle den Kopf: Tierarzt sage ich, die C. hat dich kniehoch im Mist stehend mit deinem vielfach geflickten Wetterfleck gesehen. Der Tierarzt winkt ab. Er habe, fährt er aus, die Vogue für Men besehen, dort seien nicht nur ausnehmend viele sehr gut angezogene Männer zu sehen gewesen, sondern diese lebten allesamt in Berlin oder gedächten in Kürze nach Berlin zu ziehen. Noch bevor ich den Tierarzt angemessen darüber ins Bild setzen kann, dass des Berliner Mannes liebstes Accessoire nicht ein leichter Mantel von Chanel ist, sondern das Wegbier, kracht es laut und vernehmlich vom Kirchhof gegenüber. Der Schuppen in dem der Priester, Gartengeräte verwahrt ist, vom Wind gegen die Steinmauer gedrückt worden und liegt als Holzhaufen des Elends stumm im Kirchgarten. Der Tierarzt aber runzelt nur unwillig mit der Stirn und wendet sich wieder dem luggage holdall zu. Dann klingelt das Telefon. „Für dich Tierarzt“ rufe ich und der Tierarzt nimmt wohl oder übel den Hörer in die Hand. Zwei Minuten später steigt der Tierarzt in die Gummistiefel und nimmt den Wetterfleck aus Loden vom Haken. Es gibt ein Problem mit den Schafen sagt er und als er die Tür nach draußen öffnet, drückt der Wind sie von außen zu und es braucht unsere vereinten Kräfte, bis der Tierarzt das Haus verlassen kann. „Fahr vorsichtig“, sage ich zum Tierarzt, aber der Tierarzt winkt ab. Eine steife Brise nichts weiter sagt er und wird vom Wind prompt in Richtung Auto gepustet. Schlingernd fährt er vom Hof. Gegen acht fällt der Strom aus. Gegen zehn kommt der Tierarzt zurück. Aus den Gummistiefeln läuft Wasser, der Wetterfleck hat einen neuen Riss und der Tierarzt sieht zerzaust aus, allerdings nicht wie in einer Fotostrecke, sondern wie Robinson Crusoe nach sieben Tagen und acht Nächten auf dem Floß im schäumenden Meer. Der Tierarzt klappert mit den Zähnen. Ich reiche Wärmflasche und warme Socken ( selbstgestrickt und garantiert nicht en vogue an.) Der Tierarzt schlürft heißen Tee und erschrickt mich mit seinen kalten Händen, der wind zischt durch die Fenster und pfeift unter den Dielen. „Auf jeden Fall die schwarzen Hosen von Comme des Garcons“ sagt der Tierarzt nach der zweiten Tasse und muss sich wiederholen, denn der Wind brüllt draußen vor dem Fenster. „Also wirklich sagt der Tierarzt“, bevor er sich wieder dem luggage holdall und den schwierigen Kleiderfragen der Berliner Reise zuwendet, wenigstens im Radio hätten sie den Sturm doch ankündigen können. Ich nicke und schiebe ganz beiläufig einen Band von Doris Lessing in Richtung Reisetasche: „ A Ripple from the Storm.“ Dann steige ich auf den Dachboden, noch einmal nachzusehen, ob das Dach wohl hält.

Ländliches Idyll

img_1180Der Gast reckt und streckt sich, gähnt und verschränkt die Hände hinter dem Kopf. „Wirklich“ sagt der Gast und gähnt noch einmal herzhaft. Diese Ruhe hier bei euch auf dem Land. Man schläft doch ganz anders als in der Stadt. Überhaupt sagt der Gast und nickt wohlgefällig, schön ist das hier bei euch. Mit dem Haus Read On, hast du richtig Glück gehabt wo findet man denn noch so etwas Uriges? Ich nicke und sage nicht, dass man im Dorf die Sterne deshalb so gut sieht, weil die Straßenbeleuchtung schon seit Jahren defekt ist und sich niemand für die Reparatur zuständig fühlt. Es ist eben einfach dunkel.

Nimmst Du Milch zum Tee?, frage ich lieber und sage nicht, dass im letzten Herbst die Schindeln, eimerweise vom Dach flogen und die Reparatur ein gar nicht mal so kleines Vermögen verschlang. Ich erzähle aucht nicht, dass die Vermieterin eines Tages nicht mehr ans Telefon ging und irgendwann ein Brief der NAMA im Briefkasten lag. Seitdem überweise ich meine Miete an die Institution, die alle Geisterhäuser der irischen Finanzkrise verwaltet und im Backbuch zwischen Nussecken und Käsekuchen liegt der Zettel,der mich darauf hinweist, dass ich im Fall eines Verkaufs des Hauses unmittelbar auszuziehen hätte. Ich nicke noch einmal und der Tierarzt bringt die ofenwarmen Scones. Ommmm und Nommm sagt der Gast und wir reichen Butter und Marmelade zum Gebäck.„Ach, das Landleben, sagt der Gast“ und schwärmt ( zu Recht ) von den Backkünsten der Frau des Krämers, der schmackhaften Milch und der goldgelben Butter. „Ach, seufzt der Gast wohlig. So ein richtiger, kleiner Laden wo man sich kennt, ist ja doch etwas anderes. Keine anonymen Schlangen, sondern ein gemütlicher Schwatz beim Einkauf.“ Ich lege dem Gast einen zweiten Scone auf den Teller und sage lieber nicht, dass der Krämer und seine Frau vom Laden nicht leben können. Der Krämer schiebt Schichten in der Cadbury Schokoladenfabrik, und jeden Sommer nehmen die Beiden, spanische Jugendliche auf, die Englischkurse belegen. Der Krämer und seine Frau sind an die 70 Jahre alt und wollen ihre Ruhe.Ihre Vorstellung eines gelungen Abends ist Shepard Pie und Coronation Street im Fernsehen. Die Jugendlichen betrinken sich am Strand und der Krämer muss Nachts mit der Taschenlampe los, sie suchen gehen. Der Laden hat sieben Tage die Woche geöffnet und nur am Sonntag während der Messe geschlossen. Urlaub haben der Krämer und seine Frau schon seit vielen Jahren nicht mehr machen können, denn auch in Irland kaufen die Leute ihre Scones längst für 70 Cent bei Tesco und nicht mehr für 1, 95 Euro bei der Frau des Krämers, die selber backt. Schön, dass es dir schmeckt, sage ich und nicke dem Gast zu. Der Gast verdreht die Augen zum Himmel: Diese Scones sind ein Gedicht.Ich erzähle nicht, dass in meinem ersten Jahr hier im Dorf niemand mit mir ein Schwätzchen hielt und die Himbeerscones, deren Krümel der Gast sich gerade von den Fingerspitzen leckt, immer schon aus waren, kam ich in den Laden.

Ein Ei, frage ich? Der Gast stimmt zu. „Mensch Tierarzt“, sagt der Gast. „Du hast doch einen wunderbaren Beruf. Frische Luft und die Tiere, alle das ganze Jahr auf der Weide, du bist wirklich zu beneiden. Der Tierarzt nickt und schenkt Tee nach. Er sagt lieber nicht, dass die Bauern hier alle hoch verschuldet sind und in der Apotheke Antibiotika für die Schweine und Kühe kaufen. Meist geht das mit der Selbstmedikation nicht gut. Der Tierarzt soll dann kommen und die Tiere mit Antibiotika behandeln. Es gibt längst nicht mehr genug zu tun für einen Landtierarzt und so fährt der Tierarzt etwa 100 Kilometer am Tag von Hof zu Hof. Gern wenn die Kühe kalben, auch Nachts. Die Aktenordner mit den Außenständen sind dicker,als die mit den bezahlten Rechnungen.An drei Tagen in der Woche arbeitet der Tierarzt im Zoo. Mehr Idylle kann er sich nicht leisten.

Dann stehen wir auf und gehen vom Oberland hinunter ins Dorf, bis hinunter ans Meer. Spiegelglatt ist die See nach dem gestrigen, heftigen Sturm und der Gast lässt sich vom Wind ins Gesicht wehen und breitet die Arme aus. Wunderbar sagt er und stahlt. Die Luft und das Meer. Der Salz und der knirschende Sand unter den Füßen, lobt er und strahlt und lässt sich vom Tierarzt erklären wo einmal die Schmuggler Goldmünzen vergruben, bis sie über ihre Gier die Flut vergaßen und niemand sie mehr lebend fand. Der Gast und wir wandern die Dünen entlang, und der Gast sammelt Muscheln und Steine. „Wirklich sieht er uns an und stemmt die Arme in die Hüften. Ihr lebt wirklich mitten im Paradies.“

Wir lächeln leise und sagen nicht, dass jeden Morgen kurz vor sechs der älteste Dorfbewohner mit schwarzen Müllsäcken zum Strand hinuntergeht und das einsammelt, was die Müllkippe Meer eben so an den Strand spült: Autoreifen, Benzinkanister, Plastiktüten mit Müll gefüllt, Flaschen und Schuhe, Stoßstangen, selbst einen Kühlschrank hat der Nachbar schon aus dem Meer gezogen und entsorgen lassen. Da ich ganzjährig draußen im Meer schwimmen gehe, treffe ich den Nachbarn morgens fast immer und lasse mir stets die schwarzen Müllsäcke zeigen. „Schlecht steht es, Fräulein Read On“ sagt er und schüttelt den Kopf. Schon wieder Hundewelpen und Katzenbabies in den Plastiktüten, sagt er und wir beide seufzen tiefimg_1177Der Gast aber ist schon weiter gelaufen in Richtung der Klippen, grünschwarz glänzen die Stein im Wasser, ich halte Ausschau ob nicht heute die Meerjungfrau kommt, und der Tierarzt erzählt dem Gast wie er zwölfjährig mit einem Freund in die Höhle paddelt, um nach dem Piratenschatz zu suchen. Schließlich aber zieht der Himmel zu, schon beginnt es zu regnen und wir laufen zurück ins Dorf. Noch einmal sieht der Gast sich um: „Wirklich idyllisch“, sagt er und schließt auf zu uns.

Fundstücke

img_4495-1Das Dorf liegt still im letzten Licht. Die Frau des Krämers winkt mir: Fräulein Read On, da sind sie ja wieder! Ich winke zurück: Ja-ha, Frau des Krämers, ich bin wieder da. Fünf Minuten später verlasse ich ihr Geschäft mit einem Stapel voller Bücher. Die Frau des Krämers nimmt nämlich die Pakete für das ganze Dorf entgegen. Über meine Bücherlieferungen schüttelt sie nur den Kopf: „So viel kann man doch gar nicht lesen, Fräulein Read On!“ Dann gehe ich hinauf ins Oberland. Still ist das Haus, die Katze liegt wie gewöhnlich auf dem Sessel und schläft. Mein Eintreten ist für sie kein Grund auch nur mit der Schwanzspitze zu zucken. Der Tierarzt hat einen Zettel auf dem Tisch hinterlassen: „Verspäte mich“, kann ich entziffern und das reicht ja auch schon. Ich mache die Fenster auf, aber schon schlägt mir eine heftige Böe entgegen und dann fängt es an zu gewittern, heftig, ein Gewitter wie man es eigentlich nur aus dem Sommer kennt. Rasend schlägt der Regen gegen die Scheiben und schon verschwindet die Kirchturmspitze inmitten der Wolkenberge. Das Meer oder der Himmel schäumen wild und ans Fenster gelehnt, bin ich nicht mehr sicher, wo oben und unten ist. In Irland erst habe ich gelernt wie viele Grautöne es gibt: das Gewitter aber das draußen vorbei stürmt ist dunkelgrau aber noch nicht schwarz, die Welt vor dem Fenster ist schiefergrau, eine zementgraue Wand ist der Himmel und die Wellen brechen den Strand in viele, tausend kleine aschgraue Splitter. Die Wolken aber sind grauer Rauch, wie er so typisch ist für dieses Land in dem so viele ihre Öfen noch immer mit Torf befeuern. Hier macht der Fliegende Holländer Pause da bin ich mir sicher und ich liege mit dem Rücken auf dem Bett und warte ob er vielleicht bei mir klopft und einen grauen Mantel aus Dachsfell über den Küchenstuhl hängt. Ob er wohl Rum für den Tee verlangte oder sich eine Pfeife mit krümeligen, grauen Tabak stopfte? Noch aber ist er nicht da. Das Haus, oder besser die windschiefe Kate, knirscht und ächzt unter dem Ansturm der grauen Gewalten. Als ich hier einzog, misstrauisch beäugt von allen, besonders aber von der Frau des Krämers, sagten mir alle hier würde es spuken. Ich nickte und sagte, ich sei Jude und Flüche gewohnt. Die Frau des Krämers erstarrte und dies war wohl das einzige Mal, dass ihr die Worte versagten.

Der Mann, der vor langen Jahre in diesem Haus lebte, der letzte Engländer des Dorfes, der aushielt, auch nachdem die anderen das Land verlassen hatten, der einfach blieb, so erzählte mir die Mutter des Krämers einmal hatte stets ein Gewehr neben dem Telefon stehen. Die Mutter des Krämers trug eine Betthaube aus feiner Spitze und war die erste im Dorf, die mich duldete. Kindchen sagte sie und hieß mich eine Truhe aus dem Schrank holen. Der Schrank wie die Truhe war voller Erinnerungen und sie holte noch einmal in langsamen Bewegungen eine der vielen Erinnerungen heraus. Ein vergilbtes Foto, eines jungen Mannes, mit einem hübschen Setter auf den Knien, der Engländer also und wichtiger noch eine Tanzkarte, dort verzeichnet in ordentlicher Handschrift der Name desselben und der Mädchenname der alten Dame im Lehnstuhl. „Kindchen, der Mann konnte tanzen.“ Ich sehe sie noch die Frau, wie sie die Erinnerung vorsichtig in den Händen hielt, sie hin- und her dreht, damit auch ich sah und verstand, der Mann konnte tanzen. Ich verstand. Der Mann aber, der blieb, trotzig und trotzdem, war nicht mehr Teil des Dorfes, heiratete nicht, nicht das Mädchen, das dann die Frau des alten Krämers wurde und auch keine andere Frau. Niemals kaufte er im Laden des Dorfes Milch, Eier und Butter, sondern fuhr mit einem alten Citröen zwei Dörfer weiter um alles Notwendige zu besorgen. Am Anfang warfen die Kinder und Jugendlichen Steine nach dem Auto, aber bald schon hatte ihn das Dorf ganz und gar und so gründlich wie nur ein Dorf es kann ihn vergessen, selbst seinen Namen erinnerte nach einigen Jahren niemand mehr, er wurde der Engländer, auch sie vergass ihn schließlich, die Zeiten waren auch nicht nach Sommer und Tanz und getrockneten Rosen, sondern recht grau und bleiern schwer.

Einmal nur habe sie ihn besucht, da war ihr Sohn schon groß und ihr Mann schon verstorben, einmal noch habe sie Tee mit ihm getrunken und sah es selbst das Gewehr neben dem Telefon, von dem alle im Dorf immer sprachen. Warum er es habe, fragte sie ihn und er murmelte etwas von Vagabunden und rachsüchtigen Iren, aber dann für einen kleinen Moment wohl, verwandelte er sich noch einmal in den jungen Mann, der er doch einmal war, lächelte vielleicht so wie Männer immer dann lächeln wenn Sie wollen, dass ein Mädchen sich ihrer erinnert und sagte: natürlich habe ich das Gewehr nur für den Fall ein so unwiderstehliches Mädchen wie sie, würde von Banditen überfallen und er endlich in die glückliche Lage versetzt ihr zu Hilfe zu eilen. Die alte Dame aber errötete zart, damals im Bett und rückte ihre weiße Haube zurecht. Dann verpackten wir die Erinnerung vorsichtig und schoben sie zurück erst in die Truhe, dann in den Schrank und die Mutter des Krämers strich mir sacht über die Wange.

Weder das Telefon noch das Gewehr habe ich selbst gesehen, als ich hier einzog, waren nur noch graue Spinnweben an den Wänden, aber eines Abends, da war die alte Dame schon verstorben, brachte der Krämer mir eine Schachtel. Darin liegen noch immer die Erinnerungen sorgfältig eingeschlagen in Seidenpapier. Das Foto des Engländers aber hängt neben dem Bücherregal schräg gegenüber des Sessels auf dem die Katze so tief und fest schläft, nicht einmal das Klingeln an der Tür mag sie wecken. „Du hast doch Schlüssel“, sage ich zum Tierarzt, der im Türrahmen lehnt, aber der Tierarzt lächelt, schräg von unten, langsam von einem zum anderen Mundwinkel, ein Romeo- sieht-Julia Lächeln, ein lockendes, ein glitzerndes, ein silbergrau-funkelndes Lächeln, ein bisschen übermütig sogar wie es da aufblitzt zwischen Türrahmen und grauer Welt, ein Lächeln das nicht einmal vor den kalten Händen des Tierarztes verschreckt davonläuft, der sagt: ich will dich aber schon auf der Schwelle küssen, das schließlich immer noch auf seinen Lippen liegt, da küsst er mich schon und als ich mich umdrehe und das Bild des Engländers sehe, da spiegelt das Lächeln sich im Gesicht des Engländers wieder, fällt in den Spiegel, vervielfacht sich und will nicht vergessen werden.

Lange Schatten

Früh am Morgen noch einmal am Fenster. Zum letzten Mal in diesem Jahr. Unsichtbar liegt links vom Fenster die See. Nur der Wind zerrt an den alten Fensterrahmen. Ein Schatten nur St. Silvester. Kirche und Pfarrhaus liegen im Dunkeln. Auf dem Sessel und halb verbogen unter dem bunten Plaid liegt schlafend die Katze. Der Tierarzt auch er und noch mehr als am Tage ein schmaler Schatten im Bett. Leise fahre ich ihm mit dem Finger über die Wange. Dann schlägt der Schatten die Augen auf. Noch einmal pfeift der Teekessel und ich nehme die schöne, silberne Teedose aus Odessa aus dem Regal. Zwei großzügige Teelöffel voll Zucker schütte ich dem Tierarzt in die Tasse. Für einmal sagt der Tierarzt nichts. Ich schweige mich lieber über die Flaschen voll hochkalorischer Flüssignahrung in seinen Taschen aus, die ich dort hineinschmuggelte. Denn morgen fahren Tierarzt und Katze zur Schwester nach Kerry, die im vorherigen Jahr befand, vom Bruder ließe sich vor allem das Abnehmen lernen. Auf dem Flughafen angekommen, ist es noch immer nicht hell. Auf bald sage ich und der Tierarzt oder sein Schatten zieht mich noch einmal zu sich heran. „Komm zurück“, sagt der Tierarzt. Ich nicke.

Im Flugzeug nach Berlin sitze ich inmitten polnischer Familien. Neben mir eine Mutter mit ihrem Buben. Die polnischen Mütter haben alles dabei. Schokoladenwaffeln, Trinkpäckchen, kreischendes Spielzeug, Taschentücher und während ihre Männer schweigend neben ihnen sitzen, verhindern die Mütter, dass Bruderfehden entbrennen, einer Prinzessin der Haarreif entwunden und alle Mützen verloren gehen. Ein deutscher Bube, von schräg gegenüber, ganz offensichtlich Sohn von Eltern, die alles richtig machen wollen, kaut missmutig auf einer Reiswaffel und betrachtet das pädagogisch, wertvolle Spielzeug in seiner Hand mit großem Widerwillen. Aber auf die polnischen Mütter ist natürlich Verlass. Schon werden Schokoladenwaffeln und Kekse durch die Reihen gereicht und wenig später sind Plätze getauscht und die Prinzessin weiht den Buben in die Geheimnisse des kreischenden Spielzeuges ein. Ich tausche mit der polnischen Mutter neben mir einen Bounty Riegel gegen ein formidables Käsebrot. „Berlin?“ sagt die Frau? Ich nicke und Sie? Die Frau, die sehr, sehr gut aussieht, ungefähr so wie die junge Kate Moss, seufzt. Ein kleines Dorf bei Poznan sagt sie und schüttelt den Kopf. Von Berlin aus geht es mit dem Bus weiter und dann steht mein Vater an der Bushaltestelle und wir fahren noch eine Stunde bis nach Hause. „Oh, sage ich, das ist noch weit.“ Die Frau lächelt und nickt. Wir sprechen über den Anschlag in Berlin und entsetzt schüttelt sie den Kopf. „Sonst, sagt sie und es klingt bitter genug, sind die Polen immer die Verbrecher.“ Entsetzt genug muss ich sie angesehen haben. Aber sie gibt nicht nach. Sieben Jahre in Deutschland sagt sie und dann sagt sie all das was man in Deutschland eben so sagt über Polen. Meine Erwiderungsversuche sind hilflos genug. Abrupt fragt sie mich, ob ich schon einmal in Polen gewesen wäre. Noch immer habe ich auf diese Frage keine passende Antwort. Zögernd sehe ich sie an. „Ich bin in Auschwitz gewesen“ sage ich und sie sieht mich immer noch an, „mit meiner Großmutter“ sage ich und dann kann ich nichts mehr sagen. Endlich müssen Kinder, Tüten und Mützen sortiert werden, als wir uns verabschieden, zieht mich meine schöne Nachbarin in die Arme. „Kommen Sie gut an“, sagt sie, „kommen Sie gut nach Hause“, sage ich.

Zurück in Berlin. Vor dem Fenster kein Meer, dafür rauschen die Kiefern und der Kirchturm am anderen Ende der Rehwiese hat fast die gleiche Spitze wie St. Silvester im irischen Dorf. Die Hortensien auf dem Fensterbrett sind lange vertrocknet und die Blüten, die Blüten fallen auf die Dielen. Auf der Holzbank im Garten sitzen die Amseln. Alle Bäume sind kahl und nur am Birnbaum funkeln Eiskristalle. Der gefrorene, ausgeblichene Rasen knirscht unter meinen Schritten und schon gibt das Licht wieder nach. Die Nachbarn winken und ich bewundere, den schönen, gelben Herrnhuter Stern an ihrem Fenster. Aus dem Briefkasten, drei Stapel: wichtig, vielleicht und ungeöffnet wegzuwerfen. Der Brief auf den ich warte, kommt ohnehin nicht. Ein anderer Brief, der an A. in der Ukraine, geschrieben vor zwei Jahren zum ersten Mal, dann in kürzeren und drängenderen Abständen, wiederholt, entlang von Jahreszeiten, Tages- und manchmal auch Uhrzeiten bleibt weiter unbeantwortet. Die Telefonnummer in der Kiewer Wohnung ist seit zwei Jahren schon still. Anderen in den Mund gelegte Botschaften, ergaben manchmal Schatten, kleinere oder größere und einmal sogar fast etwas wie Hoffnung, aber eben nie eine Antwort von A. Es gibt in der Ukraine, so habe ich gelernt, in den letzten zwei Jahren kein Anrecht auf Auskunft, schon gar nicht über einen Dichter, namens A., der hoffte sich des Krieges mit Worten zu erwehren. Seit zwei Jahren schon, wirft der Briefkasten, lange und längere Schatten. Am Fenster, noch einmal Tee, hier am Rand der großen Stadt ist es fast so still und so dunkel wie im kleinen, irischen Dorf. Im Fenster spiegelt sich der Sessel, auch hier ein buntes Plaid obenauf, aber keine schlafende Katze und der Schatten, ist auch nur der ganz, gewöhnliche Schatten und nicht der verschwindend, magere Tierarzt, der im Türrahmen lehnt.