Im Wind

Der Sturm kommt und die Universität schließt ihre Tore. Schließt die Universität ihre Tore, so gilt dies auch für das Institut. Die Universität verschickt mehr als eine E-Mail, es gibt das alles auch in kürzer auf Twitter und Facebook, ich schicke eine Email an das gesamte Institut, natürlich alles auch noch einmal in kürzer auf Twitter und Facebook und dann fange ich an die Emails der Fellows zu beantworten:

„Ist das Institut geschlossen?“ ( Ja ) , Ist das Institut WIRKLICH geschlossen. ( Ja). Warum ist das Institut verschlossen? ( Ein Sturm namens Ophelia zieht über Irland.) Bei mir vor dem Fenster weht gar kein Wind, kann ich ins Institut kommen? ( Nein.) Wann fängt das Yoga heute an? (Die Auszubildende).
Ich habe meine Lieblingstasse/ mein Schnuffeltuch / meinen Zettel mit der Weltformel im Institut vergessen, kann ich das abholen? ( Nein ). Kannst du mir die Dinge bringen? ( Nein ). Das ist ungerecht/ eine bodenlose Frechheit / ich bestehe auf dem freien Willen ( Kant !!!!!) wie komme ich ins Institut. ( Gar nicht. Die Universität und Institut sind vernagelt.) Ich werde mich beschweren. Ganz oben. Es ist mein gutes Recht ( Tausend Ausrufezeichen.) Dann fällt der Strom aus und ich finde, ich habe ohnehin genug Fragen beantwortet. Das Dach des kleinen windschiefen Hauses wackelt, aber es hält. Die Kirchglocken St Sylvesters aber schlagen laut und unermüdlich, der Priester kommt vom Meer zurück: „Fräulein Read On“, sagt er, da sind Leute mit Surfbrettern auf dem Wasser.

Die Stunde des Sturms aber ist die Stunde des großen Triumphes der Frau des Krämers. Die großen Supermärkte, erst Dunnes, dann aber auch Tesco schließen, aber ihr Laden trotzt allen Gewalten und der Krämer zurrt ein großes: „We are open“-Schild an einem Baum fest. Die Schlangen vor dem Geschäft werden immer länger und die Frau des Krämers hat gerötete Wangen vor Aufregung und deklariert den Laden zur Sturmversorgungsnotzentrale. Deswegen heißen die sausage rolls, dann auch emergency rolls und kosten 50 Cent mehr als sonst. Die Touristen sind begeistert und die Frau des Krämers herrscht ihre Tochter an, doch schneller zu sein mit dem Nachfüllen der Milchpackungen, der Kekstüten und belegten Brote. „Ich dachte der Laden sei schon zwanzig Jahren pleite“, sagt ein Mann und erntet einen Todesblick der Frau des Krämers, die finster knurrt: „nur über meine Leiche.“ Er bekommt die unverkäuflichen, steinharten Haferkekse, ein Experiment der Frau des Krämers, welches fehlschlug, aber nicht fehl genug, um es dem dreisten Städter nicht einmal so richtig zu zeigen. „Have a very good day“, schnalzt sie als der Mann mit den Haferkeksen und der Milch den Laden verlässt. Dann rüffelt sie ihre Tochter, die zu verschwenderisch mit dem Einwickelpapier für die “Emergency Rolls“ umgeht. Vor der Tür verkauft der Krämer Kaminholzscheite und Kohlenbriketts, dann wirft eine heftige Windböe den Tisch und die Frau des Krämers schilt auch ihn geschäftsschädigenden Verhaltens, kann aber mir ihrer Schimpftirade nicht fortfahren, denn der Sturm knickt den Baum mit dem „We’re open“ Schild einfach um.

Der Tierarzt indes erklärt einer Gruppe unverschämt gutaussehender, amerikanischer Touristinnen, die ihm an den Lippen kleben, auch er sei in einer Sturmnnacht geboren. Die wunderschönen, blondgelockten Frauen seufzen und der Tierarzt- wehendes Haar und wehender Mantel- fügt hinzu: in der Nacht also, in der ich geboren wurde, da schwammen die Fische auf den Straßen als sei es das Meer. Die blonden Sirenen sind der Ohnmacht nahe, nur leider komme eben auch ich die Straße hinunter und sage: „Na Heathcliffe, bist du soweit?“ Die Damen sehen fassungslos zu mir herüber: warum ein Beau sich wohl mit einem Shetlandpony abgibt, fragen sie sich und sie fragen ihn: „Heathcliffe, what an extraordinary name?“ Der Tierarzt schüttelt den Kopf: „Mädchenhumor.“ „There was no possibility of taking a walk that day“ , sage ich und rate den schönäugigen Damen ihre Dorf und Tierarztbetrachtung doch an einem anderen Tag fortzusetzen. Die Damen heben Stöcke und Äste auf. „We survived a hurricane.“ Es fängt an zu regnen.

Später, dann stehen der D. und ich im Wind und wir werden für viele Stundne im Wind stehen und Notversorgung organisieren, über Baumstämme schlittern und müsste ich mich nicht so konzentrieren, so streckte ich der Ballettlehrerin, die mich damals als aus dem Kurs warf: „Das ist Ballett kein Elefantenzirkus“ die Zunge heraus, denn die Bäume sind glitschig und dennoch irgendwie kommt man herüber auf die andere Seite und dann machen wir das, was wir eben machen, seit so vielen Jahren schon. Später, so viel später, als wir zurückfahren, nach langen Stunden, da denke ich an den B. Der B. war ein Mann für den Englisch das Wort hunk erfunden hat, ein Baumstamm von einem Mann, Mountain Rescue, einer von jenen, die nicht mehr zurückkamen, damals aber, in einer anderen Nacht, einem anderen Land, wir bauten Zelte auf, da sah er, zu mir herüber und sagte: Feuer bringt die Menschen näher zusammen, Wasser aber verdrängt, aber Wind, Wind Read On, der Wind zerrt an den Nerven der Menschen, lässt sie schneller die Nerven verlieren als sonst. „Wind Read On makes humans snappy“, nimm Dich in Acht vor dem Wind, über dem Wind verliert man den Verstand. Damals sah ich ihn verwundert an, denn dort wo wir Zelte aufbauten, da war doch der Krieg. Aber er sollte Recht behalten, und als ich spät am Abend wieder zurückkehre in das kleine Dorf, da ist das Dorf rastloser als sonst, und auch der Tierarzt, der Sturmgeboren, der niemals die Ruhe verliert, ist unruhiger als sonst, steht wartend am Fenster und endlich dann vergraben unter dicken Decken, der Sturm schüttelt noch immer an den Wänden des kleinen, windschiefen Hauses, ich ahne wie Recht der B. hatte, der Sturm zehrt an einem, fährt einem unter die Haut, versteckt sich in den Knochen und am Ende des Tages sind drei Menschen tot und am anderen Morgen noch immer 245, 000 Haushalte in Irland ohne Strom.

Montag

Am Morgen ist der Himmel ein schweres, graues Tuch. Das Tuch verschluckt das Meer und eines Tages, da bin ich mir sicher, verschluckt es auch die Katze und mich. Die Katze schläft, ich lehne in der offenen Terrassentür und meine Füße liegen kühl auf den kalten Steinen. So dicht liegt der Nebel über dem Haus, das ich die Kastanie nur erahnen, den Kirchturm St. Sylvester aber nicht mehr sehen kann. Schiffbruchwetter ist es, ein Wetter aus anderen Tagen, Tagen vor unserer Zeit in denen die schweren Schoner gegen die Felsen krachten, im Nebel die Sicht und wohl auch den Glauben an G*tt verloren und ihre Splitter, ihre Planken, ihre zerbrochenen Glieder liegen wohl noch immer auf dem Grund der eisigen See. Verschlungen sind ihre Gesichter und heute, da noch immer Menschen an den Küsten Europas ertrinken, verschwinden diese wie jene und noch immer ruft es vielleicht: „Mann über Bord“ und doch ist dann alles schon immer verloren. Aber ich habe morgens gar keine Zeit, für Geschichten nicht und auch nicht für das Wetter. Die Tasche greifen und den Kaffeebecher, denn den Weg ins Unterland, den Weg zur bahn finde ich auch im dichten Nebel.

Der Zug fällt aus. Eine Lautsprecherstimme knarrt Erklärungen, aber wer hat denn morgens schon Zeit für Erklärungen. Ich renne zum Bus und springe mit einem gewaltigen Satz gerade noch so hinein. Aber wer aufatmen will, der darf nicht Bus fahren , denn der Bus ist übervoll und ein Mann steht auf meinen Fußspitzen. Er schreit in sein Telefon. Aber nicht nur der Angerufene wird darüber in Kenntnis gesetzt, wie er es seiner Freundin so richtig gemacht hat. Aber so richtig. Stundenlang. „Til devastation, shagged her like that“ brüllt er als glaubte er sich selbst nicht. In der kleinen deutschen Stadt, in der meine liebe C. lebt, da gibt es als ein Überbleibsel der DDR etwas das sich Jugendweihe nennt, wie die Jugend genau geweiht wird, weiß ich nicht. Aber einmal habe ich gesehen, ich ging gerade über den Marktplatz, wie den Geweihten so eine Art Atlas überreicht wurde. Statt eines solchen Atlasses finde ich sollte jeder ob nun geweiht, oder nicht ein Wörterbuch der Liebe bekommen, denn es schallt energisch: „oh, wie hab ich sie geknallt“ durch den Bus und das ginge doch auch Schöner.

In der Uni angekommen mache ich den Kaffeebecher auf und will endlich ausatmen, aber eine Viertelsekunde später spucke ich ins Waschbecken. Ich hatte vergessen, Seifenlauge aus und Kaffee und Milch einzugießen. Meine Spiegelbild sieht mich verdrossen an: „Nichts auslassen Read On! Bloß nichts auslassen.“ Ich strecke meinem Spiegelbild die Zunge heraus. Dann hält der Tag sich an mir fest. Hartnäckig ist er und kalte Hände legt er mir in den Nacken. Mehr mit Zufall als mit Können den Wagen der besten Chefin der Welt wieder flott gekriegt. Die beste Chefin der Welt hat den Flug nach Brasilien noch erwischt. Gegoogelt ob ich meine Hände wohl am besten mit Terpentin reinigen sollte. Die Meinungen sind gemischt. Lange Zeit zwischen Papieren verbracht. Statt eines Snickers einen Mars Riegel gekauft. Mir geschworen alle weitreichenden Entscheidungen zu verschieben.

Im Zug nach Hause. Noch immer hängt der Himmel tief und dunkelschwer über allem. Aber immerhin steigen je länger der Zug fährt, immer mehr Menschen aus. Ich lehne mich ans Fenster. Kurz vor dem Dorf passieren wir das Feld des Nachbarn. Der Nachbar ist ein alter Mann. Sein letztes Feld. Weizen. Der Weizen leuchtet selbst unter den grauen Regenwolken. In die Mitte des Feldes hat jemand eine kaputte Couchgarnitur und einen Kühlschrank geschmissen. Der alte Nachbar entsorgt jeden Sommer zwei Container Hausmüll, die ihm in den wogenden Weizen geworfen werden. Das muss die Idylle sein, von der sie alle reden.

Am Bahnhof steht der Tierarzt. Er hat einen Regenschirm, Handtuch und mein Badezeug dabei. Oh, sage ich und küsse den Tierarzt zweimal links und zweimal rechts und dann laufe ich ins Meer, ein schweres, graues Tuch legt sich um meine Schultern. Ich schließe die Augen, Schiffbruchwetter, dann schwimme ich nach links. Der Strand ist eine graue Wand und für einen Moment glaube ich, die Welt hat sich schon aufgelöst, wer würde ihr den Schiffbruch schon verübeln, aber dann ruft der Tierarzt nach mir: „Mädchen, wo bist du?“ Ich wate zurück an Land. „Und Du, rufe ich zurück?“ Zweimal links, dann rechts, bei den schwarzen Steinen“, ruft es zurück und nach einmal im Kreis herum mäandern, finde ich den Tierarzt und die Steine. Ich wickle mich in das Handtuch und wir steigen den Trampelpfad hinauf. Der Ginster klebt an meinen Beinen, feucht und satt ist das Gras, die Brombeerhecke legt sich mir in die Haare und der Himmel, der Himmel ist ein dichter, schwerer, grauer Mantel, der Himmel legt sich um meine Schultern, bedeckt mir die Arme und Beine und als wir vor dem Haus stehen, ist auch das Meer schon längst wieder unter dem selbergrauen Tuch verschwunden.

In der Schlange vor Kasse Sieben

Gestern Abend, spät war es schon und ich arg müde nach einem langen Tag und dem späten Flug zurück nach Berlin, da entschied ich mich doch noch auf einen Sprung in den Supermarkt am Zoologischen Garten zu gehen, denn ich kenne mich schon und weiß wie unleidlich ich bin, habe ich am Morgen keine Milch im Haus. Die Stimmung im Supermarkt ist gereizt. Zwei Touristen haben mit ihren Everest-Reise-Tornistern einen Karton Limonade von einem Stapel gefegt und auf dem Boden breitet sich ein klebriger Limonadensee gespickt mit Glassplittern aus. Die Touristen mit ihren Rucksäcken, die wohl auch Bäume fällen könnten, haben das Drama nicht einmal bemerkt, wohl aber der Marktleiter. Der schreit: „Aber hallo, sofort stehengeblieben.“ Eine Ader pulsiert drohend an seiner Schläfe, er verliert die Contenance und kann nur noch bellen. Dann verlässt er den Tatort und schon knarzt es drohend durch den Marktlautsprecher: „Frau Tesche zum Aufwischen.“ Frau Tesche eine ältliche, etwas untersetzte Frau kommt mit Zellstoffpapier und einem Eimer herbeigehechtet und beginnt die Sauerei aufzuwischen. „Ick hab schon janz andere Scheiße uffgejewischt“, sagt sie zu den Touristen, die bedeppert neben ihr stehen. Frau Tesche hat zwar wasserstoffblondes Haar und sehr lange Fingernägel mit Leopardenprint, aber sie ist bestimmt schon 65 Jahre alt und sehr wahrscheinlich reicht die Rente nicht und die Männer auf die ist wohl auch kein Verlass mehr. Vielleicht hat der Sohn auch Schulden oder die Tochter ist mit dem Bubble-Tea Laden pleite gegangen. Frau Tesche jedenfalls klaubt Scherben zusammen und wischt den Limonadensee auf. Ich drücke mich an zwei Männern vorbei die Centstücke zählen und wohl ausrechnen, ob die Münzen für zwei Flaschen Bier reichen. Dann kaufe ich eine Flasche Milch und zwei Becher Joghurt und stelle mich an eine Kasse an. Auch hier ist die Stimmung nicht gut. Eine Frau hat in ihrer Einkaufstasche mehr Sachen als auf dem Band liegen und der Kassierer, der eigentlich nur die Tomaten noch einmal über das Band ziehen wollte, ist ihr auf die Schliche gekommen. Jetzt rauft er sich das Haar und deklamiert: „Ick fass es nicht.“ Dit is ne Riesensauerei.“ Ich weiß nicht ob Frau Tesche ihm hier zustimmen würde. Jedenfalls schreit er in das quietschende Kassenmikrofon: „Marktleiter, Marktleiter sofort zur Kassen Sieben.“ Seine Stimme überschlägt sich fast und das Kassenmikrofon kreischt so wie ich mir den Gesang der Erinnyen vorstelle. Vom Marktleiter indes keine Spur. Wahrscheinlich sitzt er vor einem Ventilator im Marktleiterbüro, nimmt Magentabletten und hustet böse über sein Schicksal, das ihm beständig Touristen und Trinker beschert. Die Frau vorn an der Kasse, die wohl Eier und Brot und auch einen Kohlkopf auf das Band getan hat, aber Fleisch und Gemüse in eine dunkelbraune, zerbeulte Tasche gestopft hat, steht mit gesenktem Blick an der Kasse und starrt auf ihre Schuhe, die ebenso zerbeult sind wie ihre Tasche. „Hören Sie, sage ich zum Kassierer, denn ich bin müde, wirklich müde und öffentliche Tribunale mag ich auch nicht, ich bezahle die Dinge ja?“ Aber der Kassierer starrt mich böse an: „Dit is ne Riesensauerei“, hebt er wieder an und rudert mit den Armen. „Dit wird uffjeklärt.“ Andere Kunden protestieren auch. „Da könnte ja jeder kommen“ und „Schnauze, Sie Gutmensch. Ich aber bin ja nur sehr müde, auch sehr müde daran, dass ein Exempel immer dann statuiert werden soll, wo keines ist, sondern nur traurige Geschichten liegen, vor denen ich mich fürchte. Geschichten von denen ich mit Biomilch und Biojoghurt und einer Gemüsekiste am Samstag und einem gefüllten Vorratsschrank nichts wissen muss, aber doch einiges weiß. Der Mann, der besonders laut pöbelt, ist mehr als nur gut genährt und die Fleischbeutel in seiner Hand und der teure Schnaps sind eine andere Kategorie als die dünnen Plastiktüten der Frau an der Kasse. Der Kassierer schreit noch immer nach dem Marktleiter, da dreht ein Mann, der direkt vor mir steht sich zu mir um. „Ich würde auch was geben“, sagt er und lächelt schüchtern. Er sieht so aus, als müsse er sich erst erinnern, wie das geht mit dem Lächeln. Auf dem Einkaufsband liegen zwei Flaschen Sekt, verschiedene Tafeln Schogetten und vielleicht zwanzig Becher mit Maggi-Instantnudeln. „Mysterious Asia“ oder „Flavourful India“ oder so ähnlich steht auf den Bechern, auf deren Deckel ein roter Drachen einen Hauch Exotik vermitteln soll. „Sie mögen indisches Essen?“, frage ich ihn und der Mann wird rot. Er muss sich nicht nur an das Lächeln erinnern, sondern auch daran wie man spricht, wird man gefragt. Er nickt. „Er träume davon einmal nach Indien oder Thailand oder China, am liebsten aber nach Shanghai zu fahren.“ Dann aber reibt er den Daumen gegen den Zeigefinger, so als zähle er Geld. „Es reicht nicht“, sagt er und ich nicke. Außerdem könne er nicht weg, wegen seiner Mutter, die ist bettlägerig und er könne sie nicht mehr länger als ein paar Stunden allein lassen. „Ob ich, fasst er sich ein Herz, schon einmal in Asien gewesen sei?“ Ich nicke und deute auf die indisch inspirierten Maggibecher. „Indien, sage ich, immer wieder Indien.“ Dann erzähle ich ihm wie ich damals in Indien bei Frau Rajasthani am Küchentisch zum ersten Mal scharfen Reis gegessen habe und vor Überraschung über die plötzliche Schärfe erst anfing zu husten und dann zu tanzen, um die Schärfe abzuschütteln. Noch heute schütteln sich die Nachbarn, die durch die offenen Balkone hereinsahen und mich wirbeln sahen wie einen Derwisch darüber wie ich den scharfen Reis entdeckte. Der Mann muss auch lachen. Ein offenes, herzliches Lachen. „Er äße sehr gern scharf“ sagt er und ich nicke und denke an Frau Rajasthani in ihrer Küche, die immer offen ist für Gäste und die mit einem bestimmten: „Accha!“ die Kinder, ihren Mann und mich mit einer dampfenden Schale voll Reis, Dhal und was immer eben gerade im Topf schmort, herunterschickt, damit auch der Mann die Plastikflaschen sammelt satt wird. Accha! Hier im Supermarkt aber wird die Schlange länger, die Stimmung gereizter und der Marktleiter bleibt noch immer verschwunden. Der Kassierer ist krebsrot im Gesicht und auch sein Rufen nach einer „zweiten Kasse“ verhallt ungehört in den Supermarktgängen. Frau Tesche ist ja auch mit dem Limonadensee befasst. „Ich versuche es noch einmal und sage, „Ich bezahle das jetzt.“ Der Kassierer gibt endlich nach, wohl weniger meinem Blick als dem drohenden Gebräu der unzufriedenen Kunden und dem abwesenden Marktleiter geschuldet. „Nun jeben se schon her“, blafft er die Frau an, die scheu und ebenso rot wie er, die Beutel aus der Tasche auf das Band legt. 9 Euro 58 beträgt der Wert des Diebesgutes. Gehacktes, zwei Auberginen, eine Rispe Tomaten und Kartoffeln. Der Mann mit den Maggi-Packungen legt fünf Euro zu den Sachen der Frau. Sie packt die Sachen hastig in die zerbeulte Tasche und nickt uns flüchtig zu, schon verschwindet sie in der Menge. Der Mann bezahlt und endlich ich auch meine Flasche Milch. „Es hat mich sehr gefreut“, sage ich und nun ist er auch sehr rot. Namasté. Dann laufe ich wirklich müde die Treppen zur S-Bahn hinauf und mache die Augen erst wieder auf, als die S-Bahn quietschend den kleinen Vorort im äußersten Südwesten Berlins erreicht.

Im Sonnenlicht

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10 Uhr und 8 Grad über Null

In Dublin scheint die Sonne. Die Sonne scheint als habe sie vergessen, dass dies eine Insel im westlichen Atlantik ist und nicht Vincenza oder Grasse in der Provence. Die Sonne funkelt und strahlt, der Himmel ist so blau wie in Palermo mittags um zwei Uhr und die Sonne ändert alles- obwohl es trotz Sonnenschein sehr frisch, um nicht zu sagen, wirklich sehr kalt ist. Aber die Sonne ändert hier alles, wirklich alles. Kaum kitzelt die Sonne den Tierarzt an den Zehenspitzen, springt er auf und reißt das Fenster auf: „Mädchen, der Sommer ist da.“ Das Mädchen aber liegt bibbernd unter zwei Daunendecken und greift mit gefrorenen Fingern nach dem wollenen Plaid. Der Tierarzt aber schüttelt den Kopf und beharrt auf der Ankunft des Sommers. Ausgerechnet der Tierarzt, der so durchscheinend mager ist, dass jeder, einzelne Sonnenstrahl dicker ist als seine Rippen sitzt barfüßig und im T-Shirt am Tisch, während ich die dicken, marineblauen Strumpfhosen mit Zopfmuster zum warmen Wollkleid trage und den Schal über die Tasche liege. Denn die Sonne obwohl sie gerade über den Kirchturm steigt, golden und so strahlend wie schön, hat ein kaltes Herz. Das habe ich gelernt mit den Jahren. Die Frau des Krämers aber, die doch tagein, tagaus eine dicke Wollstrickjacke über der Kittelschürze trägt, aber schüttelt den Kopf als ich an ihr vorbei dem Bahnhof zu strebe. „Fräulein Read On“, schreit sie, Sie gehen als sei finsterster Winter“, dabei scheint doch die Sonne. Schon hat sie die Strickjacke ausgezogen und streckt mir die entblößten Beine entgegen. Ich bibbere mit den Zähnen, dem vom Meer her, weht ein scharfer Wind. Im Zug obwohl doch die Sonne gerade erst erwacht, sich die Zähne putzt und herzhaft gähnt, reißen die Pendler die Fenster auf: „Wir ersticken. Diese Hitze.“ Ich vergrabe mich bis zur Nasenspitze im Wollmantel und bedauere keine Handschuhe mehr in der Tasche zu haben. Ein Mann zeigt einer Frau stolz den ersten Sonnenbrand. Meine Nasenspitze ist auch rot, aber vor Frost und Kälte. Das Thermometer zeigt drei Grad über Null. Auf dem Weg zur Universität zähle ich drei Frauen in Sandalen, zwei Männer in Shorts, sieben Mädchen in Röcken die weit vor dem Knie enden, sie kichern und hüpfen und singen Sommerlieder. Mit mir friert allein ein frischgeschorener Hund. Wir werfen uns verwunderte Blicke zu. Die Sonne steht inzwischen hoch über den Häusern, Männer knöpfen ihre Hemden auf, wie es in Vincenza niemals vor Ende Juli der Fall wäre und die Kollegen tragen offene Birkenstock-Sandalen in Silber oder Flip-Flops, als sei der Strand von Nice nur 100 Meter weit entfernt. „Es ist doch Sommer“ sagen sie verwundert, als ich ihnen ein Paar Socken antragen will, denn wenn die Sonne scheint ändert sich hier alles. Um 14 Uhr ist die Wiese vor meinem Büro vor Menschen nur mehr zu erahnen. Draußen hat es etwas über 13 Grad und der Atlantikwind pfeift durch die Bäume. Die einzige mit Mantel und Schal bin ich. Alle Welt entkleidet sich nämlich, Jacken fallen, Hosenbeine rollen sich ein, T-Shirts werden bauchfreie Tops und von einer Minute zur anderen sind so viele Sonnenbrillen wie sonst nur auf der Maximilianstraße in München zu sehen. Eis tropft, Limonadenflaschen werden herumgereicht, eine Flasche Sonnencreme wird herumgereicht und aus den Telefonen scheppern Sommerlieder. Nel pintu di blu. Alles verändert die Sonne, schon streckt sich alle Welt auf dem Rasen aus, den Rasen stelle ich mir tiefgefroren vor, kalt und hart, aber mit dieser Vorstellung bin ich ganz allein. Alle Welt hält sich bei den Händen, Haare fliegen, ein Frisbee-Scheibe fliegt über den Rasen, Mädchen kichern, Männer vergleichen angestrengt Bauchmuskelhärtegrade und Bizepsumfänge, die Mädchen flechten sich die Haare und führen lange Listen über mögliche Sommerliebeleikonstellationen. Ob und wie entscheidend dafür der Bauchmuskelhärtegrad ist, vermag ich nicht zu sagen, denn meine Mittagspausenbegleitung und ich sitzen auf einer Holzbank im Sonnenschein, der nicht wärmt, sondern kühlt. Der Begleiter legt Mantel und Pullover ab, ich schlürfe heiße Gemüsesuppe, der Begleiter krempelt die Hemdsärmel auf und schwärmt von langen Abenden mit Campari Soda auf dem Balkon. Ich schlottere allein beim Gedanken, noch nach Sonnenuntergang auf einem Windfang- genannt Balkon-sitzen zu müssen, der Begleiter isst derweil Vanilleeis. Auf dem Rasen sind derweil fast alle Schultern frei und alle Rottöne von blassrosa bis hummerrot vertreten. „Sieh mal, da kommt der Tierarzt“ ruft der Begleiter und nickt einem großen, sehr dünnen Mann zu, der sich uns mit großen Schritten nähert und der dem vertrauten Bild des Tierarztes in dickem Wollpullover und Tuch nicht recht entspricht. Der Mann nämlich trägt eine Ray Ban Sonnenbrille, ein marineblaues Hemd, mit sehr weit geöffneten Knöpfen und eine dünne Leinenhose. „Ist das warm“, sagt der Mann, der sich bei näherer Betrachtung tatsächlich als der Tierarzt herausstellt und der Begleiter nickt voller Begeisterung. Ich schüttle den Kopf und mit mir wundern sich bestimmt alle Mütter, Frauen und Tanten zwischen Vincenza und Palermo, wie man 15 Grad über Null für warm, heiß oder gar schweißtreibend halten kann. Der Tierarzt zieht sich mit Buch auf die Wiese zurück und winkt mir zu. Ich ziehe den Schal enger an mich heran. Zurück im Büro drehe ich die Heizung höher, dann mache ich mir eine Schale kochend heißen Tee. Endlich kann ich meine Fingerspitzen wieder fühlen. Draußen vor dem Fenster aber tanzt die Sonne, der Wind pfeift und noch das letzte Stück Rasen ist belegt. Die Sonne nämlich ändert hier alles und ich fürchte alle außer mir haben schon vergessen, dass dies eine Insel im westlichen Atlantik ist und nicht Sizilien oder Vincenza im glühend- heißen Sommerlicht, doch die Sonne scheint einfach weiter und ich reibe mir die kalten Hände.

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14 Uhr und 15 Grad über Null

Blau

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Am Abend aber als ich die Dorfstraße hinaufgehe ist der Himmel noch blau. Nicht mehr so gleißend und glänzend wie noch am Morgen als ich die Straße zum Zug hinunterjagte, aber immer noch ein freundlicher, blauer Mantel den ich mir um die Schultern lege, wie ein feines Seidentuch. Als ich ein kleines Mädchen war, glaubte ich und war unbeirrbar darin, dass die Sonne nach getaner Arbeit sich auf ein goldenes Sofa legte und langsam Stück für Stück wie im Theater wenn der Vorhang fällt, käme ein blauer Vorhang herunter würde dunkler und dunkler und wenn schließlich, kurz bevor das Blaue ins Schwarze umschlüge, die Sterne und auch der Mond auf dem samtenen Vlies erschienen, dann machte die Sonne die Augen zu und erwachte mit blau geküssten Lippen am anderen Morgen. Ich hätte diese Geschichte nicht in der Physikprobe niederscheiben sollen, doch auch als der Physiklehrer vor Lachen über meine Dummheit schrie, hielt ich an der Sonne und ihren blauen Lippen fest. Heute aber auf den Sessel im Eck und die Blumen in der Vase leuchten mir blau entgegen, und auch die Notiz auf dem Tisch vom Tierarzt hinterlassen: „Bin an der See“ funkelte bläulich, wenn auch die Sonne schon zweimal gähnte und mich zur Eile mahnte. Ein weißes Handtuch indes, und alte Jeans, denn wer nicht durchs Unterland will um ans Meer zu kommen, der muss über die Ginsterhecke steigen, und sich nicht von den blauen Schatten zu allzu großen Sprüngen verführen lassen, denn mag das Meer von fern schon glitzern wie der Golf von Sorrent, so schlägt der Wind mit den Wellen um die Wette und mehr als ein Wanderer ist schon an den Klippen, die ich mich herunterangle, zerschellt, am besten geht man dort wo auch die Schafe die steile Wand hinunterklettern und atemlos unten angekommen, vor mir die wilde, wogende See. Der Tierarzt aber sitzt an einen Stein gelehnt und winkt mir zu. Auch ihm ist das Abendblau um den Hals gefallen, an die Schulter lehnt sich das Blau und ich renne schnell ins Meer hinein. Zum ersten Mal in diesem Jahr ist auch das Meer blau, kalt zwar noch immer, eben eisiger Atlantik mit zischenden Schaumkronen und harter Brandung, aber während das Meer im Januar und Februar schiefergrau über mich hinwegschlug und auch im März noch von solch schwarzer dunkler Tiefe war als sei ein Tintenfass ausgelaufen, so ist das Meer heute aquamarinblau, duftend und schimmernd verkleidet sich hier im äußersten Westen Europas als sei es heute Morgen noch in Nice oder Sizilien gewesen und habe sich nun zur Abendstunde doch noch einmal dazu entschlossen, auch uns zu einer blauen Stunde zu verhelfen. Ich in den Wellen halte die Luft an, denn unter dem Blau liegt die gleiche Kälte und doch für einen Moment bin ich wirklich zurück im liebenswürdigen Süden und weiter und weiter schwimme ich hinaus, denn wer weiß vielleicht dort bei der goldenen Sonne, mag auch das Meer wieder so leicht und warm sein, leise gurgelnd nur und niemals von dieser nördlichen, eisigen Schärfe, an die ich mich niemals recht habe gewöhnen können. Schon aber ruft der Tierarzt am Strand nach mir: „Komm doch zurück.“ Und ich drehe um. Blaue Perlen laufen mir über den Rücken und der Tierarzt wickelt mich in das Handtuch ein. Mir klappern die Zähne und der Tierarzt fährt mit dem Zeigfinger über meine blauen Lippen. „Was wolltest du so weit draußen, fragt er mich und schüttelt mit dem Kopf.“ „Das Blau suchen“, sage ich und dann sitzen wir doch noch einen Moment lang im kühlen Sand und sehen die Segelboote mit ihren weißen und roten Segeln auf den Wellen tanzen, zwei Frachtschiffe fahren am Horizont vorüber und ein Ruderboot sucht seinen Hafen. Langsam nur verschwindet das Blau und gibt der Dunkelheit nach. „Vielleicht fahren wir im Sommer doch auf eine Woche in den Süden?“, sage ich und der Tierarzt nickt. Eine ganze Woche mitten im gleißenden Blau, das es hier nur als Ausnahme gibt, denn schon zieht Wind auf, schon immer sind die Wolken schneller als noch die kräftigste Sonne und niemals hat die Sonne in diesen Breiten blaue Lippen. Der Tierarzt lacht. Dann müssen wir in den Süden,mein blaues Mädchen sagt er und streicht mir einen letzten Rest vom Blau des Tages aus dem Gesicht.

Zurück nach Haus aber klettern wir nicht die dunklen Klippen zurück, sondern gehen am Strand entlang ins Dorf und wandern zurück ins Oberland. Über der Kirch St. Sylester liegt dunkelblau, ein samtener Vorhang gebreitet und ich lege dem Tierarzt den Finger auf die Lippen. „Still“ sage ich, die Sonne macht gerade die Augen zu, der Mond steckt sich eine Pfeife an und die Sterne erzählen, wie damals in anderen Tagen die Wassernymphen versuchten das Blau mit dem Fischernetz einzufangen und doch Tag für Tag ernüchtert mit leeren Händen ins Schilf zurückkehrten.“ Anders als der Physiklehrer aber lacht der Tierarzt nicht, sondern andachtsvoll sehen wir über den Kirchturm hinauf in den unendlich weiten, dunkelblauen Himmel. Dann kommt die Frau des Krämers uns entgegengelaufen: „Fällt Geld vom Himmel, Fräulein Read On?“ „Nein, Frau des Krämers sage ich, der Tierarzt und ich wir machen bloß blau.“

Feste feiern

Große Ereignisse werfen auch in einem kleinen, irischen Dorf ihre Schatten voraus. Die Frau des Krämers nämlich hat bald Geburtstag. Natürlich weiß niemand- wohl nicht einmal der Krämer selbst- wie alt sie ist. Denn eine Frau wie die Frau des Krämers altert nicht wie wir Normalsterblichen, sondern gewinnt mit den Jahren nur an Würde und Macht. Unzweifelhaft ist nämlich auch: nicht die Frau des Krämers feiert ihren Geburtstag, sondern wir das Dorf feiern den Geburtstag der neben den Schafen mächtigsten Person des Dorfes. Die Frau des Krämers ist nämlich gleichzeitig auch die inoffizielle Bürgermeisterin des Ortes. Zwar trägt sie keine keine goldenen Kette und der Dorfladen ist auch kein Rathaus mit kupfernen Zinnen und einer Kettenbrücke, aber unmissverständlich ist es die Frau des Krämers die über Wohl und Wehe des Dorfes befindet. Die Frau des Krämers kennt jeden und weiß alles. Ihr Gedächtnis reicht bis in das 8. Jahrhundert zurück, und wem die Gilden des Mittelalters als strenge Institutionen sozialer Kontrolle erschienen, der hat niemals versucht einen Kuchen, der nicht auf der von der Frau des Krämers geführten Liste erschien, auf dem Kuchenbasar der Kirchgemeinde zu verkaufen. Die Frau des Krämers vergisst nichts und über jeden Dorfbewohner, da bin ich mir sicher führt sie mit strenger Feder Buch, mag anderswo gegen die Vorratsspeicherung demonstriert werden, hier werden geöffnete Briefe über den Ladentisch gereicht, denn hier ist der Absolutismus das, was er niemals war.
Und so nickte ich eines schönen Frühlingstages als ich nach dem Schwimmen in der eisig kalten Irischen See zwei ofenwarme Himbeerscones für das Frühstück einholte g’ttergeben als die Frau des Krämers mit Händen in die Hüften gestemmt verkündete: Fräulein Read On, wie Sie wissen mein Geburtstag naht und natürlich sind Sie und der Tierarzt eingeladen.“ Ich dankte artig. Aber die Frau des Krämers war noch nicht fertig: „Aber zusammen können sie nicht sitzen, das schickt sich nicht.“ Ihr Tischherr wird der Priester sein, und der Tierarzt sitzt natürlich neben meiner Tochter.“ Ich nickte noch einmal, denn das die Frau des Krämers inständig darauf hofft der Tierarzt würde sein Köfferchen nehmen, vor der Tochter der Frau des Krämers mit Diamantring auf die Knie fallen und noch am gleichen Tag würde Hochzeit gehalten, ist eine solch unumstößliche Tatsache, dass es nicht lohnt darüber auch nur ein Wort zu verlieren. Der Tierarzt sieht das naturgemäß anders und jammert und klagt über sein Schicksal. Der Tierarzt nämlich kann die Tochter des Hauses nicht ausstehen, dabei ist die Tochter der Königin ein wie die Mali-Tant sagen würde „Armes Hascherl“, aber der Tierarzt knurrte Böses und ich ging meiner Wege. Dann aber vor ein paar Tagen, ich stapelte gerade Zwiebeln, Salat und Honig auf die Ladentheke, warf die Frau des Krämers sich erneut in die Brust: „Fräulein Read On“ rief sie, mein Geburtstag nähert sich, wie sie vielleicht wissen.“ Aber Frau des Krämers“ erwiderte ich, „wie könnte ich Ihren Fest- und Ehrentag vergessen?“
Die Frau des Krämers nickte befriedigt. „Ich dachte mir“ fuhr sie fort, sie könnten ein wenig Klavier spielen“ ( es folgte eine sieben Meter lange Liste mit Titeln, die von den Beatles bis zu „It’s a long way to Tipperary alles umfasste, was die Frau des Krämers an Musikstücken kennt. ) „Der Priester jedenfalls“ sagte sie und lächelte in der ihr eigenen spöttisch- majestätischen Weise auf mich herab „findet sie klimperten doch ganz schön.“ Ich lächelte siebensüß zurück: „Nun übertreiben Sie aber wirklich, Frau des Krämers.“ Aber sagte ich weiter: „Ich habe hier kein Klavier.“ Die Frau des Krämers winkte ab. „Der Elektriker ( der ihrer Tochter den Hof macht ) kümmert sich.“ Ich wankte nach Haus und hängte die Liste an den Kühlschrank. Der Tierarzt suchte im Internet nach Häusern in anderen Dörfern und murmelte: „fort, nur fort von hier.“ Ich ging meinen Dingen nach und über der Liste hingen bald Briefmarken, Rezepte und ein Bild von Kälbchen. Gestern aber, ich hatte mich nach einer langen Nachtschicht gerade ins Bett gelegt, klopfte es an der Tür und der Tierarzt, der hartnäckig wiederholte: „Das Mädchen schläft aber!“, scheiterte am „Papperlapp“ der Frau des Krämers, die schon an die Schalfzimmertür bollerte: „Fräulein Read On, Aufgestanden!“ Das Klavier ist da.“ Der Elektriker schleppte ein schwarzes Ungetüm über die Schwelle. „Ebay, 30 Euro!“ „Was ist das?“ fragte ich und die Frau des Krämers schüttelte ob meiner Begriffsstutzigkeit den Kopf: „Na ein prima Klavier.“ Das Ungetüm entpuppte sich als Keyboard. „Das ist kein Klavier“, sagte ich zur Frau des Krämers. Selbige bebte vor Empörung und in ihrem Blick war sehr deutlich: „Sie undankbare Kröte“ zu lesen. Dann ging ich zurück ins Bett und zog mir die Decke bis über die Ohren. Am Abend kam der Priester, er darf die Fest- und Lobrede auf die Frau des Krämers halten- herüber und besah sich das Ungetüm. Bei näherer Betrachtung stellte sich das Monstrum als ein defektes Keyboard heraus. Diesen schauderhaften Geräten nämlich sind vorgefertigte Tonkonserven beigefügt, in diesem Falle ein blechern schepperndes „Muhahahaha“ oder ein die Töne verzerrendes „Ghost Theme“, während sich dies bei funktionierenden Geräten wohl abstellen oder zumindest einstellen lässt, ist dieses bei diesem Schnäppchen nicht vorgesehen und als ich „A yellow subamrine“ zu klimpern begann, durchbrach ein gellendes Konservengelächter das Stück.
Der Priester verschluckte sich am kalten Braten, der Tierarzt hielt sich die Ohren zu, der Hund heulte und die Katze, sonst nur schwer vom Sessel zu bewegen, verzog sich umgehend in den Oberstock. Ich machte mir erst einmal ein Käsebrot. Nach dem Stand der Dinge also werde ich wohl auf der Geburtstagsfeier der Königin wie Kaiserin unseres kleinen Dorfes fern von den Toren der großen Stadt „A long way to Tipperary“ unterlegt mit wieherndem Konservengelächter spielen. „Es darf so die Frau des Krämers“ heute morgen als ich Milch und Scones einholte mir getanzt werden.“ Natürlich sei es selbstverständlich, dass der Tierarzt ihr Töchterchen um den ersten Tanz bitte. „Sie sind ja ohnehin am Klavier verhindert.“
Der Tierarzt aber googelt energisch Immobilienangebote und der Priester, der die Rede auf die Frau des Krämers in Reimen vortragen soll, hat nach Rom geschrieben, ich aber backe einen Kuchen und lese ganz zufällig ein Buch, das sich mit Palastrevolutionen befasst.

Auf der Fensterbank

Nach der Aufklärungssprechstunde laufe ich müde die Treppen hinauf. In der Tür steht die liebe C. und küsst mich auf die Stirn. „Eine halbe Stunde“, sagt sie und lächelt mir zu, „allein für dich.“ Dann ruft die liebe C. die Kinderschar, Schwesterchen und Schwager, meinen Vater, den geschätzten ehemaligen Gefährten und den Tierarzt zusammen, der Tierarzt fragt: „Aber das Mädchen weint nicht?“ Das ist sein neuster deutscher Satz, die liebe C. schüttelt den Kopf und schon Treppengetrappel, dann fällt die Haustür ins Schloss. Ich sitze auf dem breiten Fenstersitz auf dem ich schon als Kind, ganze Tage verlas, nur das Sofa auf dem meine Großmutter saß, das steht längst woanders. In dreißig Minuten kann alles passieren. Nichts muss in dreißig Minuten passieren. Unten auf dem Markt schreit eine kleine Königin: ERDBEEREIS. Dann verliere ich sie aus den Augen. Still liegt der Marktplatz da, mit dem blanken Kopfsteinpflaster und dem Kirchturm, dessen goldene Kugeln im Abendlicht schimmern. Aber dann geht eine Frau über den Marktplatz. Ein weißes Leinenkleid trägt sie und eine rote Kette dazu um den Hals. Dicke Perlen. Holz vielleicht aber auch ein seltener Stein. Eine Hand aber hält ein Telefon, die Hülle glitzert fast so sehr wie das Tutu meiner Nichte. Für einen Moment scharrt sie nervös mit den Füßen, aber dann endlich geht jemand ans Telefon. Die Frau lacht sofort, unverhohlen und mit geöffnetem Mund. Obwohl das Fenster geschlossen ist, kann ich sie hören, das laute Lachen der Frau, die sich ganz deutlich bemüht, wenigstens für heute Abend für einen anderen, der lustigste Mensch der Welt zu sein. Noch immer zirkeln ihre Füße nervös über das Pflaster, aber die Stimme am anderen Ende des Telefons scheint guter Dinge. Noch einmal lacht sie schallend, lässt die Hand von den roten Perlen zu ihrer Brust gleiten, dann gestikuliert sie als solle die Stimme am Telefon noch einmal in ihr Bekräftigung finden, dann legt sie auf, noch einmal richtet sie ihre Frisur, in der leider eine große und hässliche, schwarze Plastikklammer steckt, sieht auf die Uhr und mit geröteten Wangen stolpert sie mehr als das sie rennt über das glatte Kopfsteinpflaster, schwankend und dabei doch sehr lebendig, denn die Nacht, wenigstens diese eine, verspricht etwas von einem Glück mit scharfen Zähnen vielleicht, oder auch nur warme Hände, die später einmal den Reissverschluss des weißen Leinenkleides herunterziehen und langsam, bei schwachem Licht im hohen Zimmer, schließlich die Frau, die schon aus meinem Blickfeld verschwindet zwischen die Schulterblätter zu küssen.
Dann wieder liegt der Marktplatz still vor mir im dämmrigen Licht. Ein Mann mit Schnurrbart schiebt sein Rad über das Pflaster auf dem Gepäckträger ist eine Kiste mit Gemüse befestigt, schützend hält er eine Hand über Tomaten und Paprika und doch springt ihm ein Salatkopf vom Karton und rollt über das Trottoir. Kopfschüttelnd lehnt der Mann sein Fahrrad an eine Hauswand und läuft dem Widerspenstigen hinterher. Fast sieht es so als als ermahne er den Ausreißer, aber dann klemmt er den Salat mit drei Mohrrüben fest und festen Schrittes biegt er über den Marktplatz und verschwindet in einer kleinen Gasse. Tiefer und tiefer sinkt die Sonne schon und dann erst sehe ich das Mädchen, das schon eine ganze Weile vor der gelben Villa steht, die früher einmal einem Marmeladenfabrikanten gehörte und von dem mein Großvater den Konzertflügel erwarb, der noch immer, noch heute hinter mir im Zimmer steht. Der Marmeladenfabrikant ging in den Westen und gab meinen Großeltern zwei Koffer in Verwahrung. Meine Großeltern trugen die Koffer auf den Speicher und nickten. Das 20. Jahrhundert ist vielleicht das Jahrhundert der Koffer gewesen. Reisekoffer, Deportationskoffer, Persilkoffer, Überseekoffer, Fluchtkoffer, überall abgebrochene Geschichten. Aber heute steht ein Mädchen mit einem Veilchenstrauß vor der gelben Villa. Sie hat keinen Koffer bei sich, auch keine Handtasche, kein luggage holdall oder einen Rucksack. Nur einen senfgelben Mantel über dem Arm und das Veilchensträußchen fest an ihre Brust gedrückt. Sie drückt auf die Klingel. Aber die gelbe Villa liegt verschwiegen, schon fast völlig im Dunkeln. Kein Licht geht an, keine Gardine bewegt sich und auch das eiserne Gartentor summt nicht, bevor es sich öffnet. Noch einmal beugt das Mädchen sich vor und legt all ihre Hoffnungen auf den Klingelknopf, aber alles bleibt stumm. Dann tritt das Mädchen zur Seite und tritt vor das Fenster. Sie legt ihren Kopf in den Nacken, schönes kastanienbraunes Haar fällt ihr in Wellen über den Rücken. Was sie ruft, kann ich nicht hören. Vielleicht: „Mach auf, ich will dir etwas sagen! Oder: „ Wie kannst du die Nacht vergessen, in der du nach mir riefst?“ Aber vielleicht ist alles auch ganz anders und das Mädchen bleibt stumm und sieht hinauf in das Fenster, das sich im allerletzten Sonnenstrahl spiegelt und mag sein, wie der Mann dem sie Herz und Veilchen antrug, die Hände schon längst in anderen Haaren, blonden Locken vielleicht vergraben hatte. Dann dreht das Mädchen sich zur Seite, verschwindet fast ganz im senfgelben Mantel, vergräbt das Gesicht für einen Moment in den Veilchen, dann holt sie Luft und wirft die Veilchen in den Papierkorb, der zehn Meter vielleicht von der gelben Villa entfernt steht und für einen langen Moment sieht sie dem Veilchenstrauß, der durch die Luft schleudert, bevor er mit dumpfen Knall im Papierkorb landet hinterher. Dann strafft sie die Schultern und schon hat sie den Marktplatz verlassen und erst jetzt geht ein Licht in einem Zimmer der gelben Villa an.

Schon aber höre ich wie sich unten im Haus der Schlüssel im Schloss dreht, Fußgetrappel, fliegende Schuhe, die Tür fliegt auf, eine kleine Königin stürmt auf mich zu. Glitzernd und funkelnd, den geliebten Kanzler Bär in einer Jackentasche und strahlend hält sie mir ein Erdbeereis hin. „Fast ungeschmolzen“ sagt sie und ich teile es mit ihr. Schwesterchen winkt, ihr Mann und F. streiten über irgendeinen Sport, mein Vater trägt seinen Enkel auf den Schultern die Treppe hinauf und singt ein Räuberlied, die liebe C. verspricht den Nichten 2 und 3, dass sie mich mit dem Stethoskop untersuchen dürfen und der Tierarzt kommt zu mir auf die Fensterbank und küsst mich auf die Stirn. „Das Mädchen weint nicht“, sagt er und ich lege mein Gesicht an seine Schulter. Der Marktplatz aber ist dunkel und nur die Straßenlaternen werfen einen blassen Schimmer auf das Pflaster. Ein Zimmer der gelben Villa aber bleibt hell erleuchtet.