Auf der Fensterbank

Nach der Aufklärungssprechstunde laufe ich müde die Treppen hinauf. In der Tür steht die liebe C. und küsst mich auf die Stirn. „Eine halbe Stunde“, sagt sie und lächelt mir zu, „allein für dich.“ Dann ruft die liebe C. die Kinderschar, Schwesterchen und Schwager, meinen Vater, den geschätzten ehemaligen Gefährten und den Tierarzt zusammen, der Tierarzt fragt: „Aber das Mädchen weint nicht?“ Das ist sein neuster deutscher Satz, die liebe C. schüttelt den Kopf und schon Treppengetrappel, dann fällt die Haustür ins Schloss. Ich sitze auf dem breiten Fenstersitz auf dem ich schon als Kind, ganze Tage verlas, nur das Sofa auf dem meine Großmutter saß, das steht längst woanders. In dreißig Minuten kann alles passieren. Nichts muss in dreißig Minuten passieren. Unten auf dem Markt schreit eine kleine Königin: ERDBEEREIS. Dann verliere ich sie aus den Augen. Still liegt der Marktplatz da, mit dem blanken Kopfsteinpflaster und dem Kirchturm, dessen goldene Kugeln im Abendlicht schimmern. Aber dann geht eine Frau über den Marktplatz. Ein weißes Leinenkleid trägt sie und eine rote Kette dazu um den Hals. Dicke Perlen. Holz vielleicht aber auch ein seltener Stein. Eine Hand aber hält ein Telefon, die Hülle glitzert fast so sehr wie das Tutu meiner Nichte. Für einen Moment scharrt sie nervös mit den Füßen, aber dann endlich geht jemand ans Telefon. Die Frau lacht sofort, unverhohlen und mit geöffnetem Mund. Obwohl das Fenster geschlossen ist, kann ich sie hören, das laute Lachen der Frau, die sich ganz deutlich bemüht, wenigstens für heute Abend für einen anderen, der lustigste Mensch der Welt zu sein. Noch immer zirkeln ihre Füße nervös über das Pflaster, aber die Stimme am anderen Ende des Telefons scheint guter Dinge. Noch einmal lacht sie schallend, lässt die Hand von den roten Perlen zu ihrer Brust gleiten, dann gestikuliert sie als solle die Stimme am Telefon noch einmal in ihr Bekräftigung finden, dann legt sie auf, noch einmal richtet sie ihre Frisur, in der leider eine große und hässliche, schwarze Plastikklammer steckt, sieht auf die Uhr und mit geröteten Wangen stolpert sie mehr als das sie rennt über das glatte Kopfsteinpflaster, schwankend und dabei doch sehr lebendig, denn die Nacht, wenigstens diese eine, verspricht etwas von einem Glück mit scharfen Zähnen vielleicht, oder auch nur warme Hände, die später einmal den Reissverschluss des weißen Leinenkleides herunterziehen und langsam, bei schwachem Licht im hohen Zimmer, schließlich die Frau, die schon aus meinem Blickfeld verschwindet zwischen die Schulterblätter zu küssen.
Dann wieder liegt der Marktplatz still vor mir im dämmrigen Licht. Ein Mann mit Schnurrbart schiebt sein Rad über das Pflaster auf dem Gepäckträger ist eine Kiste mit Gemüse befestigt, schützend hält er eine Hand über Tomaten und Paprika und doch springt ihm ein Salatkopf vom Karton und rollt über das Trottoir. Kopfschüttelnd lehnt der Mann sein Fahrrad an eine Hauswand und läuft dem Widerspenstigen hinterher. Fast sieht es so als als ermahne er den Ausreißer, aber dann klemmt er den Salat mit drei Mohrrüben fest und festen Schrittes biegt er über den Marktplatz und verschwindet in einer kleinen Gasse. Tiefer und tiefer sinkt die Sonne schon und dann erst sehe ich das Mädchen, das schon eine ganze Weile vor der gelben Villa steht, die früher einmal einem Marmeladenfabrikanten gehörte und von dem mein Großvater den Konzertflügel erwarb, der noch immer, noch heute hinter mir im Zimmer steht. Der Marmeladenfabrikant ging in den Westen und gab meinen Großeltern zwei Koffer in Verwahrung. Meine Großeltern trugen die Koffer auf den Speicher und nickten. Das 20. Jahrhundert ist vielleicht das Jahrhundert der Koffer gewesen. Reisekoffer, Deportationskoffer, Persilkoffer, Überseekoffer, Fluchtkoffer, überall abgebrochene Geschichten. Aber heute steht ein Mädchen mit einem Veilchenstrauß vor der gelben Villa. Sie hat keinen Koffer bei sich, auch keine Handtasche, kein luggage holdall oder einen Rucksack. Nur einen senfgelben Mantel über dem Arm und das Veilchensträußchen fest an ihre Brust gedrückt. Sie drückt auf die Klingel. Aber die gelbe Villa liegt verschwiegen, schon fast völlig im Dunkeln. Kein Licht geht an, keine Gardine bewegt sich und auch das eiserne Gartentor summt nicht, bevor es sich öffnet. Noch einmal beugt das Mädchen sich vor und legt all ihre Hoffnungen auf den Klingelknopf, aber alles bleibt stumm. Dann tritt das Mädchen zur Seite und tritt vor das Fenster. Sie legt ihren Kopf in den Nacken, schönes kastanienbraunes Haar fällt ihr in Wellen über den Rücken. Was sie ruft, kann ich nicht hören. Vielleicht: „Mach auf, ich will dir etwas sagen! Oder: „ Wie kannst du die Nacht vergessen, in der du nach mir riefst?“ Aber vielleicht ist alles auch ganz anders und das Mädchen bleibt stumm und sieht hinauf in das Fenster, das sich im allerletzten Sonnenstrahl spiegelt und mag sein, wie der Mann dem sie Herz und Veilchen antrug, die Hände schon längst in anderen Haaren, blonden Locken vielleicht vergraben hatte. Dann dreht das Mädchen sich zur Seite, verschwindet fast ganz im senfgelben Mantel, vergräbt das Gesicht für einen Moment in den Veilchen, dann holt sie Luft und wirft die Veilchen in den Papierkorb, der zehn Meter vielleicht von der gelben Villa entfernt steht und für einen langen Moment sieht sie dem Veilchenstrauß, der durch die Luft schleudert, bevor er mit dumpfen Knall im Papierkorb landet hinterher. Dann strafft sie die Schultern und schon hat sie den Marktplatz verlassen und erst jetzt geht ein Licht in einem Zimmer der gelben Villa an.

Schon aber höre ich wie sich unten im Haus der Schlüssel im Schloss dreht, Fußgetrappel, fliegende Schuhe, die Tür fliegt auf, eine kleine Königin stürmt auf mich zu. Glitzernd und funkelnd, den geliebten Kanzler Bär in einer Jackentasche und strahlend hält sie mir ein Erdbeereis hin. „Fast ungeschmolzen“ sagt sie und ich teile es mit ihr. Schwesterchen winkt, ihr Mann und F. streiten über irgendeinen Sport, mein Vater trägt seinen Enkel auf den Schultern die Treppe hinauf und singt ein Räuberlied, die liebe C. verspricht den Nichten 2 und 3, dass sie mich mit dem Stethoskop untersuchen dürfen und der Tierarzt kommt zu mir auf die Fensterbank und küsst mich auf die Stirn. „Das Mädchen weint nicht“, sagt er und ich lege mein Gesicht an seine Schulter. Der Marktplatz aber ist dunkel und nur die Straßenlaternen werfen einen blassen Schimmer auf das Pflaster. Ein Zimmer der gelben Villa aber bleibt hell erleuchtet.

Frische Brise

Der Tierarzt steht am Fenster und nickt. „Ein frischer Wind“ sagt er und dreht sich zu mir um. Vor dem Fenster fliegen derweil die Mülltonnen der Nachbarn aus dem Unterland über die Straße, die Möwen rudern verzweifelt im Wind und das eiserne Gartentor schwingt quietschend auf und zu. „Du meinst den Sturm, Tierarzt? sage ich und zeige auf die so eben vorbefliegenden Plastikflaschen. Aber der Tierarzt schüttelt nur den Kopf. „Von Sturm kann doch keine Rede sein.“ Er müsse es doch wissen, schließlich sei er in einer wahren und wirklichen Sturmnacht geboren wurden. Da knickten die Bäume um wie Streichhölzer, da wurde es tiefe, finstere Nacht und der Dorftierarzt, der ihn auf die Welt brachte, hätte nicht mehr unterscheiden können, ob er seine Lunge ausprobierte, so heulte, so fauchte, so zischte, so knallte der Wind in jener Nacht. Kälber seien in dieser Nacht über die Häuser geflogen und Schafe erst in Schottland wieder an Land gegangen und so fährt der Tierarzt fort, könne nicht die Rede davon sein, dass er das Licht der Welt erblickt habe, sondern er sei ein wahrlich Sturmgeborener und deswegen könne er mir versichern, dass dieses Lüftchen dort draußen, wirklich und wahrhaftig nicht als Sturm gelten könnte. Ich sehe den Tierarzt zweifelnd an, denn draußen vor dem Fenster rollen zwei weitere Mülltonnen geradewegs auf das Gartentor zu. Der Tierarzt aber hat sich schon abgewandt und wägt ab, welche Hemden er mit nach Berlin nehmen will. Der Tierarzt lebt nämlich in der Annahme in Berlin seien die Männer erstaunlich gut angezogen, trügen maßgeschneiderte Hemden und rahmengenähte Schuhe und lachten schon am Flughafen mit ausgestreckten Fingern über einen Tierarzt vom Lande, mag er auch ein Kind des Sturmes sein. Meinen Ausführungen, dass in Berlin, Männer mit Jogginghose in die Oper gehen, wollte er keinen Glauben schenken. Die Frau im Radio indes kündigt meterhohe Wellen und Sturmböen des Sturmtiefs Doris an. „Papperlapp“ sagt der Tierarzt und wägt ab, ob ein Wollpullover mit oder ohne Zopfmuster in sein luggage holdall wandern soll. „Doris“ schnaubt er niemals hieße ein richtiger Sturm Doris, seinerzeit hätte der Sturm nicht wie eine Gouvernante geheißen, sondern mindestens Draco, der Zerstörer oder so ähnlich. Auf der Straße neigt sich ein Baum zur Seite und kippt längsüber auf die Schafsweide. Der Tierarzt sucht den Schuhspanner. Ich gehe nach oben, denn ich sehe vor meinem inneren Auge schon das Dach davonfliegen. Lieber verschließe ich die Fenster mit den Haken, denn der Tierarzt kann sein luggage holdall wieder auspacken, drückt der Wind uns die Scheiben ein. Das Meer schäumt und bricht sich in dunklen, unheilvollen Wellen am Strand, dort wo sonst die sieben Boote des Dorfes liegen, ist nur eine schwarze Wand aus Wasser zu sehen während die Mole gänzlich verschwunden ist. Auf dem Bett liegt ein weiterer Kleiderberg. „Ich wusste gar nicht, dass Du auch in Berlin einziehst“, sage ich zum Tierarzt, der nach einer violetten Krawatte sucht.“ „Ich will mich vor der lieben C. eben nicht blamieren, murmelt der Tierarzt und ich schüttle den Kopf: Tierarzt sage ich, die C. hat dich kniehoch im Mist stehend mit deinem vielfach geflickten Wetterfleck gesehen. Der Tierarzt winkt ab. Er habe, fährt er aus, die Vogue für Men besehen, dort seien nicht nur ausnehmend viele sehr gut angezogene Männer zu sehen gewesen, sondern diese lebten allesamt in Berlin oder gedächten in Kürze nach Berlin zu ziehen. Noch bevor ich den Tierarzt angemessen darüber ins Bild setzen kann, dass des Berliner Mannes liebstes Accessoire nicht ein leichter Mantel von Chanel ist, sondern das Wegbier, kracht es laut und vernehmlich vom Kirchhof gegenüber. Der Schuppen in dem der Priester, Gartengeräte verwahrt ist, vom Wind gegen die Steinmauer gedrückt worden und liegt als Holzhaufen des Elends stumm im Kirchgarten. Der Tierarzt aber runzelt nur unwillig mit der Stirn und wendet sich wieder dem luggage holdall zu. Dann klingelt das Telefon. „Für dich Tierarzt“ rufe ich und der Tierarzt nimmt wohl oder übel den Hörer in die Hand. Zwei Minuten später steigt der Tierarzt in die Gummistiefel und nimmt den Wetterfleck aus Loden vom Haken. Es gibt ein Problem mit den Schafen sagt er und als er die Tür nach draußen öffnet, drückt der Wind sie von außen zu und es braucht unsere vereinten Kräfte, bis der Tierarzt das Haus verlassen kann. „Fahr vorsichtig“, sage ich zum Tierarzt, aber der Tierarzt winkt ab. Eine steife Brise nichts weiter sagt er und wird vom Wind prompt in Richtung Auto gepustet. Schlingernd fährt er vom Hof. Gegen acht fällt der Strom aus. Gegen zehn kommt der Tierarzt zurück. Aus den Gummistiefeln läuft Wasser, der Wetterfleck hat einen neuen Riss und der Tierarzt sieht zerzaust aus, allerdings nicht wie in einer Fotostrecke, sondern wie Robinson Crusoe nach sieben Tagen und acht Nächten auf dem Floß im schäumenden Meer. Der Tierarzt klappert mit den Zähnen. Ich reiche Wärmflasche und warme Socken ( selbstgestrickt und garantiert nicht en vogue an.) Der Tierarzt schlürft heißen Tee und erschrickt mich mit seinen kalten Händen, der wind zischt durch die Fenster und pfeift unter den Dielen. „Auf jeden Fall die schwarzen Hosen von Comme des Garcons“ sagt der Tierarzt nach der zweiten Tasse und muss sich wiederholen, denn der Wind brüllt draußen vor dem Fenster. „Also wirklich sagt der Tierarzt“, bevor er sich wieder dem luggage holdall und den schwierigen Kleiderfragen der Berliner Reise zuwendet, wenigstens im Radio hätten sie den Sturm doch ankündigen können. Ich nicke und schiebe ganz beiläufig einen Band von Doris Lessing in Richtung Reisetasche: „ A Ripple from the Storm.“ Dann steige ich auf den Dachboden, noch einmal nachzusehen, ob das Dach wohl hält.

Ländliches Idyll

img_1180Der Gast reckt und streckt sich, gähnt und verschränkt die Hände hinter dem Kopf. „Wirklich“ sagt der Gast und gähnt noch einmal herzhaft. Diese Ruhe hier bei euch auf dem Land. Man schläft doch ganz anders als in der Stadt. Überhaupt sagt der Gast und nickt wohlgefällig, schön ist das hier bei euch. Mit dem Haus Read On, hast du richtig Glück gehabt wo findet man denn noch so etwas Uriges? Ich nicke und sage nicht, dass man im Dorf die Sterne deshalb so gut sieht, weil die Straßenbeleuchtung schon seit Jahren defekt ist und sich niemand für die Reparatur zuständig fühlt. Es ist eben einfach dunkel.

Nimmst Du Milch zum Tee?, frage ich lieber und sage nicht, dass im letzten Herbst die Schindeln, eimerweise vom Dach flogen und die Reparatur ein gar nicht mal so kleines Vermögen verschlang. Ich erzähle aucht nicht, dass die Vermieterin eines Tages nicht mehr ans Telefon ging und irgendwann ein Brief der NAMA im Briefkasten lag. Seitdem überweise ich meine Miete an die Institution, die alle Geisterhäuser der irischen Finanzkrise verwaltet und im Backbuch zwischen Nussecken und Käsekuchen liegt der Zettel,der mich darauf hinweist, dass ich im Fall eines Verkaufs des Hauses unmittelbar auszuziehen hätte. Ich nicke noch einmal und der Tierarzt bringt die ofenwarmen Scones. Ommmm und Nommm sagt der Gast und wir reichen Butter und Marmelade zum Gebäck.„Ach, das Landleben, sagt der Gast“ und schwärmt ( zu Recht ) von den Backkünsten der Frau des Krämers, der schmackhaften Milch und der goldgelben Butter. „Ach, seufzt der Gast wohlig. So ein richtiger, kleiner Laden wo man sich kennt, ist ja doch etwas anderes. Keine anonymen Schlangen, sondern ein gemütlicher Schwatz beim Einkauf.“ Ich lege dem Gast einen zweiten Scone auf den Teller und sage lieber nicht, dass der Krämer und seine Frau vom Laden nicht leben können. Der Krämer schiebt Schichten in der Cadbury Schokoladenfabrik, und jeden Sommer nehmen die Beiden, spanische Jugendliche auf, die Englischkurse belegen. Der Krämer und seine Frau sind an die 70 Jahre alt und wollen ihre Ruhe.Ihre Vorstellung eines gelungen Abends ist Shepard Pie und Coronation Street im Fernsehen. Die Jugendlichen betrinken sich am Strand und der Krämer muss Nachts mit der Taschenlampe los, sie suchen gehen. Der Laden hat sieben Tage die Woche geöffnet und nur am Sonntag während der Messe geschlossen. Urlaub haben der Krämer und seine Frau schon seit vielen Jahren nicht mehr machen können, denn auch in Irland kaufen die Leute ihre Scones längst für 70 Cent bei Tesco und nicht mehr für 1, 95 Euro bei der Frau des Krämers, die selber backt. Schön, dass es dir schmeckt, sage ich und nicke dem Gast zu. Der Gast verdreht die Augen zum Himmel: Diese Scones sind ein Gedicht.Ich erzähle nicht, dass in meinem ersten Jahr hier im Dorf niemand mit mir ein Schwätzchen hielt und die Himbeerscones, deren Krümel der Gast sich gerade von den Fingerspitzen leckt, immer schon aus waren, kam ich in den Laden.

Ein Ei, frage ich? Der Gast stimmt zu. „Mensch Tierarzt“, sagt der Gast. „Du hast doch einen wunderbaren Beruf. Frische Luft und die Tiere, alle das ganze Jahr auf der Weide, du bist wirklich zu beneiden. Der Tierarzt nickt und schenkt Tee nach. Er sagt lieber nicht, dass die Bauern hier alle hoch verschuldet sind und in der Apotheke Antibiotika für die Schweine und Kühe kaufen. Meist geht das mit der Selbstmedikation nicht gut. Der Tierarzt soll dann kommen und die Tiere mit Antibiotika behandeln. Es gibt längst nicht mehr genug zu tun für einen Landtierarzt und so fährt der Tierarzt etwa 100 Kilometer am Tag von Hof zu Hof. Gern wenn die Kühe kalben, auch Nachts. Die Aktenordner mit den Außenständen sind dicker,als die mit den bezahlten Rechnungen.An drei Tagen in der Woche arbeitet der Tierarzt im Zoo. Mehr Idylle kann er sich nicht leisten.

Dann stehen wir auf und gehen vom Oberland hinunter ins Dorf, bis hinunter ans Meer. Spiegelglatt ist die See nach dem gestrigen, heftigen Sturm und der Gast lässt sich vom Wind ins Gesicht wehen und breitet die Arme aus. Wunderbar sagt er und stahlt. Die Luft und das Meer. Der Salz und der knirschende Sand unter den Füßen, lobt er und strahlt und lässt sich vom Tierarzt erklären wo einmal die Schmuggler Goldmünzen vergruben, bis sie über ihre Gier die Flut vergaßen und niemand sie mehr lebend fand. Der Gast und wir wandern die Dünen entlang, und der Gast sammelt Muscheln und Steine. „Wirklich sieht er uns an und stemmt die Arme in die Hüften. Ihr lebt wirklich mitten im Paradies.“

Wir lächeln leise und sagen nicht, dass jeden Morgen kurz vor sechs der älteste Dorfbewohner mit schwarzen Müllsäcken zum Strand hinuntergeht und das einsammelt, was die Müllkippe Meer eben so an den Strand spült: Autoreifen, Benzinkanister, Plastiktüten mit Müll gefüllt, Flaschen und Schuhe, Stoßstangen, selbst einen Kühlschrank hat der Nachbar schon aus dem Meer gezogen und entsorgen lassen. Da ich ganzjährig draußen im Meer schwimmen gehe, treffe ich den Nachbarn morgens fast immer und lasse mir stets die schwarzen Müllsäcke zeigen. „Schlecht steht es, Fräulein Read On“ sagt er und schüttelt den Kopf. Schon wieder Hundewelpen und Katzenbabies in den Plastiktüten, sagt er und wir beide seufzen tiefimg_1177Der Gast aber ist schon weiter gelaufen in Richtung der Klippen, grünschwarz glänzen die Stein im Wasser, ich halte Ausschau ob nicht heute die Meerjungfrau kommt, und der Tierarzt erzählt dem Gast wie er zwölfjährig mit einem Freund in die Höhle paddelt, um nach dem Piratenschatz zu suchen. Schließlich aber zieht der Himmel zu, schon beginnt es zu regnen und wir laufen zurück ins Dorf. Noch einmal sieht der Gast sich um: „Wirklich idyllisch“, sagt er und schließt auf zu uns.

Fundstücke

img_4495-1Das Dorf liegt still im letzten Licht. Die Frau des Krämers winkt mir: Fräulein Read On, da sind sie ja wieder! Ich winke zurück: Ja-ha, Frau des Krämers, ich bin wieder da. Fünf Minuten später verlasse ich ihr Geschäft mit einem Stapel voller Bücher. Die Frau des Krämers nimmt nämlich die Pakete für das ganze Dorf entgegen. Über meine Bücherlieferungen schüttelt sie nur den Kopf: „So viel kann man doch gar nicht lesen, Fräulein Read On!“ Dann gehe ich hinauf ins Oberland. Still ist das Haus, die Katze liegt wie gewöhnlich auf dem Sessel und schläft. Mein Eintreten ist für sie kein Grund auch nur mit der Schwanzspitze zu zucken. Der Tierarzt hat einen Zettel auf dem Tisch hinterlassen: „Verspäte mich“, kann ich entziffern und das reicht ja auch schon. Ich mache die Fenster auf, aber schon schlägt mir eine heftige Böe entgegen und dann fängt es an zu gewittern, heftig, ein Gewitter wie man es eigentlich nur aus dem Sommer kennt. Rasend schlägt der Regen gegen die Scheiben und schon verschwindet die Kirchturmspitze inmitten der Wolkenberge. Das Meer oder der Himmel schäumen wild und ans Fenster gelehnt, bin ich nicht mehr sicher, wo oben und unten ist. In Irland erst habe ich gelernt wie viele Grautöne es gibt: das Gewitter aber das draußen vorbei stürmt ist dunkelgrau aber noch nicht schwarz, die Welt vor dem Fenster ist schiefergrau, eine zementgraue Wand ist der Himmel und die Wellen brechen den Strand in viele, tausend kleine aschgraue Splitter. Die Wolken aber sind grauer Rauch, wie er so typisch ist für dieses Land in dem so viele ihre Öfen noch immer mit Torf befeuern. Hier macht der Fliegende Holländer Pause da bin ich mir sicher und ich liege mit dem Rücken auf dem Bett und warte ob er vielleicht bei mir klopft und einen grauen Mantel aus Dachsfell über den Küchenstuhl hängt. Ob er wohl Rum für den Tee verlangte oder sich eine Pfeife mit krümeligen, grauen Tabak stopfte? Noch aber ist er nicht da. Das Haus, oder besser die windschiefe Kate, knirscht und ächzt unter dem Ansturm der grauen Gewalten. Als ich hier einzog, misstrauisch beäugt von allen, besonders aber von der Frau des Krämers, sagten mir alle hier würde es spuken. Ich nickte und sagte, ich sei Jude und Flüche gewohnt. Die Frau des Krämers erstarrte und dies war wohl das einzige Mal, dass ihr die Worte versagten.

Der Mann, der vor langen Jahre in diesem Haus lebte, der letzte Engländer des Dorfes, der aushielt, auch nachdem die anderen das Land verlassen hatten, der einfach blieb, so erzählte mir die Mutter des Krämers einmal hatte stets ein Gewehr neben dem Telefon stehen. Die Mutter des Krämers trug eine Betthaube aus feiner Spitze und war die erste im Dorf, die mich duldete. Kindchen sagte sie und hieß mich eine Truhe aus dem Schrank holen. Der Schrank wie die Truhe war voller Erinnerungen und sie holte noch einmal in langsamen Bewegungen eine der vielen Erinnerungen heraus. Ein vergilbtes Foto, eines jungen Mannes, mit einem hübschen Setter auf den Knien, der Engländer also und wichtiger noch eine Tanzkarte, dort verzeichnet in ordentlicher Handschrift der Name desselben und der Mädchenname der alten Dame im Lehnstuhl. „Kindchen, der Mann konnte tanzen.“ Ich sehe sie noch die Frau, wie sie die Erinnerung vorsichtig in den Händen hielt, sie hin- und her dreht, damit auch ich sah und verstand, der Mann konnte tanzen. Ich verstand. Der Mann aber, der blieb, trotzig und trotzdem, war nicht mehr Teil des Dorfes, heiratete nicht, nicht das Mädchen, das dann die Frau des alten Krämers wurde und auch keine andere Frau. Niemals kaufte er im Laden des Dorfes Milch, Eier und Butter, sondern fuhr mit einem alten Citröen zwei Dörfer weiter um alles Notwendige zu besorgen. Am Anfang warfen die Kinder und Jugendlichen Steine nach dem Auto, aber bald schon hatte ihn das Dorf ganz und gar und so gründlich wie nur ein Dorf es kann ihn vergessen, selbst seinen Namen erinnerte nach einigen Jahren niemand mehr, er wurde der Engländer, auch sie vergass ihn schließlich, die Zeiten waren auch nicht nach Sommer und Tanz und getrockneten Rosen, sondern recht grau und bleiern schwer.

Einmal nur habe sie ihn besucht, da war ihr Sohn schon groß und ihr Mann schon verstorben, einmal noch habe sie Tee mit ihm getrunken und sah es selbst das Gewehr neben dem Telefon, von dem alle im Dorf immer sprachen. Warum er es habe, fragte sie ihn und er murmelte etwas von Vagabunden und rachsüchtigen Iren, aber dann für einen kleinen Moment wohl, verwandelte er sich noch einmal in den jungen Mann, der er doch einmal war, lächelte vielleicht so wie Männer immer dann lächeln wenn Sie wollen, dass ein Mädchen sich ihrer erinnert und sagte: natürlich habe ich das Gewehr nur für den Fall ein so unwiderstehliches Mädchen wie sie, würde von Banditen überfallen und er endlich in die glückliche Lage versetzt ihr zu Hilfe zu eilen. Die alte Dame aber errötete zart, damals im Bett und rückte ihre weiße Haube zurecht. Dann verpackten wir die Erinnerung vorsichtig und schoben sie zurück erst in die Truhe, dann in den Schrank und die Mutter des Krämers strich mir sacht über die Wange.

Weder das Telefon noch das Gewehr habe ich selbst gesehen, als ich hier einzog, waren nur noch graue Spinnweben an den Wänden, aber eines Abends, da war die alte Dame schon verstorben, brachte der Krämer mir eine Schachtel. Darin liegen noch immer die Erinnerungen sorgfältig eingeschlagen in Seidenpapier. Das Foto des Engländers aber hängt neben dem Bücherregal schräg gegenüber des Sessels auf dem die Katze so tief und fest schläft, nicht einmal das Klingeln an der Tür mag sie wecken. „Du hast doch Schlüssel“, sage ich zum Tierarzt, der im Türrahmen lehnt, aber der Tierarzt lächelt, schräg von unten, langsam von einem zum anderen Mundwinkel, ein Romeo- sieht-Julia Lächeln, ein lockendes, ein glitzerndes, ein silbergrau-funkelndes Lächeln, ein bisschen übermütig sogar wie es da aufblitzt zwischen Türrahmen und grauer Welt, ein Lächeln das nicht einmal vor den kalten Händen des Tierarztes verschreckt davonläuft, der sagt: ich will dich aber schon auf der Schwelle küssen, das schließlich immer noch auf seinen Lippen liegt, da küsst er mich schon und als ich mich umdrehe und das Bild des Engländers sehe, da spiegelt das Lächeln sich im Gesicht des Engländers wieder, fällt in den Spiegel, vervielfacht sich und will nicht vergessen werden.

Lange Schatten

Früh am Morgen noch einmal am Fenster. Zum letzten Mal in diesem Jahr. Unsichtbar liegt links vom Fenster die See. Nur der Wind zerrt an den alten Fensterrahmen. Ein Schatten nur St. Silvester. Kirche und Pfarrhaus liegen im Dunkeln. Auf dem Sessel und halb verbogen unter dem bunten Plaid liegt schlafend die Katze. Der Tierarzt auch er und noch mehr als am Tage ein schmaler Schatten im Bett. Leise fahre ich ihm mit dem Finger über die Wange. Dann schlägt der Schatten die Augen auf. Noch einmal pfeift der Teekessel und ich nehme die schöne, silberne Teedose aus Odessa aus dem Regal. Zwei großzügige Teelöffel voll Zucker schütte ich dem Tierarzt in die Tasse. Für einmal sagt der Tierarzt nichts. Ich schweige mich lieber über die Flaschen voll hochkalorischer Flüssignahrung in seinen Taschen aus, die ich dort hineinschmuggelte. Denn morgen fahren Tierarzt und Katze zur Schwester nach Kerry, die im vorherigen Jahr befand, vom Bruder ließe sich vor allem das Abnehmen lernen. Auf dem Flughafen angekommen, ist es noch immer nicht hell. Auf bald sage ich und der Tierarzt oder sein Schatten zieht mich noch einmal zu sich heran. „Komm zurück“, sagt der Tierarzt. Ich nicke.

Im Flugzeug nach Berlin sitze ich inmitten polnischer Familien. Neben mir eine Mutter mit ihrem Buben. Die polnischen Mütter haben alles dabei. Schokoladenwaffeln, Trinkpäckchen, kreischendes Spielzeug, Taschentücher und während ihre Männer schweigend neben ihnen sitzen, verhindern die Mütter, dass Bruderfehden entbrennen, einer Prinzessin der Haarreif entwunden und alle Mützen verloren gehen. Ein deutscher Bube, von schräg gegenüber, ganz offensichtlich Sohn von Eltern, die alles richtig machen wollen, kaut missmutig auf einer Reiswaffel und betrachtet das pädagogisch, wertvolle Spielzeug in seiner Hand mit großem Widerwillen. Aber auf die polnischen Mütter ist natürlich Verlass. Schon werden Schokoladenwaffeln und Kekse durch die Reihen gereicht und wenig später sind Plätze getauscht und die Prinzessin weiht den Buben in die Geheimnisse des kreischenden Spielzeuges ein. Ich tausche mit der polnischen Mutter neben mir einen Bounty Riegel gegen ein formidables Käsebrot. „Berlin?“ sagt die Frau? Ich nicke und Sie? Die Frau, die sehr, sehr gut aussieht, ungefähr so wie die junge Kate Moss, seufzt. Ein kleines Dorf bei Poznan sagt sie und schüttelt den Kopf. Von Berlin aus geht es mit dem Bus weiter und dann steht mein Vater an der Bushaltestelle und wir fahren noch eine Stunde bis nach Hause. „Oh, sage ich, das ist noch weit.“ Die Frau lächelt und nickt. Wir sprechen über den Anschlag in Berlin und entsetzt schüttelt sie den Kopf. „Sonst, sagt sie und es klingt bitter genug, sind die Polen immer die Verbrecher.“ Entsetzt genug muss ich sie angesehen haben. Aber sie gibt nicht nach. Sieben Jahre in Deutschland sagt sie und dann sagt sie all das was man in Deutschland eben so sagt über Polen. Meine Erwiderungsversuche sind hilflos genug. Abrupt fragt sie mich, ob ich schon einmal in Polen gewesen wäre. Noch immer habe ich auf diese Frage keine passende Antwort. Zögernd sehe ich sie an. „Ich bin in Auschwitz gewesen“ sage ich und sie sieht mich immer noch an, „mit meiner Großmutter“ sage ich und dann kann ich nichts mehr sagen. Endlich müssen Kinder, Tüten und Mützen sortiert werden, als wir uns verabschieden, zieht mich meine schöne Nachbarin in die Arme. „Kommen Sie gut an“, sagt sie, „kommen Sie gut nach Hause“, sage ich.

Zurück in Berlin. Vor dem Fenster kein Meer, dafür rauschen die Kiefern und der Kirchturm am anderen Ende der Rehwiese hat fast die gleiche Spitze wie St. Silvester im irischen Dorf. Die Hortensien auf dem Fensterbrett sind lange vertrocknet und die Blüten, die Blüten fallen auf die Dielen. Auf der Holzbank im Garten sitzen die Amseln. Alle Bäume sind kahl und nur am Birnbaum funkeln Eiskristalle. Der gefrorene, ausgeblichene Rasen knirscht unter meinen Schritten und schon gibt das Licht wieder nach. Die Nachbarn winken und ich bewundere, den schönen, gelben Herrnhuter Stern an ihrem Fenster. Aus dem Briefkasten, drei Stapel: wichtig, vielleicht und ungeöffnet wegzuwerfen. Der Brief auf den ich warte, kommt ohnehin nicht. Ein anderer Brief, der an A. in der Ukraine, geschrieben vor zwei Jahren zum ersten Mal, dann in kürzeren und drängenderen Abständen, wiederholt, entlang von Jahreszeiten, Tages- und manchmal auch Uhrzeiten bleibt weiter unbeantwortet. Die Telefonnummer in der Kiewer Wohnung ist seit zwei Jahren schon still. Anderen in den Mund gelegte Botschaften, ergaben manchmal Schatten, kleinere oder größere und einmal sogar fast etwas wie Hoffnung, aber eben nie eine Antwort von A. Es gibt in der Ukraine, so habe ich gelernt, in den letzten zwei Jahren kein Anrecht auf Auskunft, schon gar nicht über einen Dichter, namens A., der hoffte sich des Krieges mit Worten zu erwehren. Seit zwei Jahren schon, wirft der Briefkasten, lange und längere Schatten. Am Fenster, noch einmal Tee, hier am Rand der großen Stadt ist es fast so still und so dunkel wie im kleinen, irischen Dorf. Im Fenster spiegelt sich der Sessel, auch hier ein buntes Plaid obenauf, aber keine schlafende Katze und der Schatten, ist auch nur der ganz, gewöhnliche Schatten und nicht der verschwindend, magere Tierarzt, der im Türrahmen lehnt.

Angesichts der Zerstörung

Die ganze Woche kracht es und zieht zwischen meinen Rippen. Immer und immer wieder lese ich diesen Satz: 17 jüdische Gräber  sind in Belfast am vergangenen Wochenende zerstört wurden. Acht Jugendliche so liest man weiter, sind mit Hammer und Meißel auf die Grabsteine losgegangen, um sie auseinanderzuhacken, auseinanderzuschlagen und die Namen auszuradieren. Es knistert in meinen Rippen. Ich stelle mir das vor. Was sind das für Jugendliche? Fahren sie zusammen in den Baumarkt um Werkzeug zu kaufen und haben sie dann an Oma’s Gartenzwergen ausprobiert, welcher Hammer der Schlagkräftigste ist? Kippt man bevor man die Werkzeuge in einen Rucksack wirft noch ein paar Bier oder hört man Hitlerlieder? Fragt man Mama, Papa, Onkel, Tante und den Skinheadbruder um Rat? Oder gibt es inzwischen schon Youtube-tutorials gesponsert von den nimmermüden Antisemiten hier und dort? Es gibt auch in Belfast keine jüdische Gemeinde mehr. In den 1980er Jahren sind die meisten der in Nordirland lebenden Juden nach Israel, die USA oder mainland Britain emigriert. Natürlich hat man nicht versucht sie aufzuhalten. Darin sind sich die ewig verstrittenen Protestanten und Katholiken einig.Die Zeitung indes vermeidet sorgfältig das Wort Antisemitismus auszuschreiben.Es lohnt ja die Mühe nicht, dort wo es keine Juden mehr gibt. Hate crime klingt doch auch schlimm und noch dazu so schön allgemein.

Es kracht in meinen Rippen und ich stelle mir vor, wie die Jugendlichen johlend und lachend auf dem Friedhof stehen und den Hammer schwingen so lange und wieder und wieder bis die Steine n dem Druck und den Schlägen nicht mehr standhalten und zerbrechen. Ob sie das filmen? Ob sie wohl mit stolzgeschwellter Brust sich gegenseitig anfeuernd, denn es braucht ja Kraft und Ausdauer für ihr Tun? Zerstörung ist anstrengend und zehrt an den Kräften. Es zieht zwischen meinen Rippen. Natürlich hat kein Passant etwas gesehen, wundert sich kein Elternteil darüber, dass acht Kinder mit Hammer und Meißel nach Hause kommen. In Europa ist die Zerstörung von siebzehn jüdischen Gräbern natürlich keine Nachricht, man kennt sich aus in Europa und man ist gründlich gewesen in Europa, so gründlich wie selten sonst. Nicht einmal eine Stunde entfernt von dem kleinen irischen Dorf in dem ich wohne, liegt Belfast und meine Rippen pressen sich schmerzhaft gegen meine Hand. Wie jeden Sonntag kommt der Priester um ein Uhr zu Tisch. Heute gibt es Zitronenhuhn. „Ein Rezept aus der Levante“, sage ich und der Priester sieht mich an. „Read On“ sagt er, ich habe doch auch davon gelesen. Dass er nicht über Steuervorteile amerikanischer Konzerne redet, ist uns beiden klar. Ich lege mir die Hand auf die Rippen. Dann reden wir über andere Dinge. Über Brahms Drittes Klavierkonzert. Über John le Carré und englische Kindheiten. Über meine lange Nächte. Über die Sache der Kirche. Wären da nicht meine stechenden Rippen, wäre es ein Sonntag wie jeder andere Sonntag auch. „Read On“ sagt der Priester, „ich bin darüber doch genau so traurig, wütend und entsetzt wie Sie.“ Lange sehe ich ihn an. Schmale Hände. Ein schmales Gesicht. Müde Augen. „Nein“ sage ich und es zieht zwischen meinen Rippen, nein sage ich, dass Sie sind nicht.“ Das ist ja Teil des Problems. Zum ersten Mal hole ich das Schachbrett nicht aus der Kommode hervor und der Priester steht auf. „Read On“ sagt er und dann sagt er nichts weiter. Ich sage ihm nicht, dass es zwischen meinen Rippen kracht über der Vorstellung, dass nicht einmal auf einer kleinen, verregneten Insel im nördlichen Atlantik, die jüdischen Toten in Ruhe gelassen werden, sondern auch hier schlägt man die kaum wahrnehmbaren Reste jüdischen Lebens einfach kaputt. Ich denke an meine Großmutter, die mit bitterem Lächeln sagte: 1938 schrie man in Europa: „Juden geht nach Palästina.“ 1948 schrie man: „Juden raus aus Palästina“ und heute nimmt man einfach Hammer und Meißel und schlägt, die Gräber derjenigen, die sich sicher glaubten in Stücke. Noch immer steht der Priester vor mir und will etwas sagen bevor er auf seine Hände sieht. Wäre er nicht Priester und wäre ich nicht ich, wäre ich nicht die mit den krachenden Rippen, er nähme mich jetzt bei den Händen. So gehen wir nur auseinander und zum ersten Mal in den zwei Jahren brechen die Worte ein. Dann drehe ich mich und sitze lange auf dem alten, grünen Sofa. Es kracht und zieht, es reißt und knackt in meinen Rippen und will nicht enden.

Auf der Bank im Garten

IMG_4591 (2)Vor drei Jahren seufzte mein Lieblingsnachbar schwer und hörbar. Dann nahm er sein Schlüsselbund aus der Hosentasche und machte den Schlüssel vom Gartentor ab. „Read On“, sagte er, mir fällt niemand ein außer Dir. Dann schob er das Schlüsselbund langsam über den Tisch zu mir herüber. Ich nickte sehr zögerlich. Dann gingen wir in den Garten hinunter. Der Lieblingsnachbar wies mich in die Funktionsweise der Wasserpumpe ein, ließ mich in einen Klarapfel beißen, und stellte mich den Mitbewohnern vor: der Kröte in der rostigen Gießkanne, der Igelfamilie unter der Buchenhecke und all den Vögeln, die hier und dort ihre Nester haben. Dann saßen wir auf der Bank , die schräg unter der großen Kastanie steht. „Hör mal Read On“, sagte er, „Du fürchtest dich doch nicht so schnell,oder?“ Ich fuhr über mir über die Rippen und erinnerte mich: „Nein, sagte ich“ , so schnell fürchte ich mich nicht.“ Der Lieblingsnachbar nickte zufrieden. Seit Jahr und Tag schon, fuhr er fort, vor allem in den warmen Sommermonaten, sieht oft ein obdachloser Mann vorbei. Manchmal schläft er hier auf der Bank im Schatten der Kastanie oder wäscht sich das Gesicht an der Wasserpumpe. „Jedenfalls eine arme Seele“, sagte der Nachbar, der ja nicht ohne Grund der Lieblingsnachbar war und sah mich an. Wieder nickte ich. Wenige Wochen später zogen die Lieblingsnachbarn aus und sehr traurig sah ich ihnen hinterher. Seitdem also grabe und jäte ich, hacke und gieße, stutze und schneide ich und ernte und ernte und ernte. Die Kröte fand mich wohl reichlich fad, denn bald schon zog ein Kröterich zu ihr in die Gießkanne ein und nun hüpft man gemeinsam durch das immer ein wenig zu hohe Gras. Die Amseln gehen morgens spazieren und die Igel verlangt es dann und wann nach einer Erdbeere zum abendlichen Dessert oder ein paar Brombeeren gegen das Nachmittagstief. Allein der obdachlose Mann ließ auf sich warten. Eines Tages kam er dann doch. Bemerkt aber habe ich zunächst nicht, denn ich stecket kopfüber in der dichten Buchenhecke und sägte dichte Äste heraus. Die Hecke allerdings verlor die Geduld mit mir und beförderte mich mit Schwung aus der Hecke heraus. „Hoppla“, sagte da eine Stimme hinter mir. Ich drehte mich um und sah einen Mann an der Wasserpumpe stehen, der sich so gründlich wie es eigentlich nur Chirurgen tun, die Hände wusch. Eigentümlich bekannt schien mir der Mann, aber erst später als das Wasser schon nicht mehr über seine Hände lief und er die Frage nach einem Stück Kuchen mit einem kurzen Kopfnicken beantwortet hatte, fiel es mir wieder ein. Der Mann, der nun dort unten im Garten auf der weißen Bank unter der alten Kastanie saß, dass war doch Innstetten, Baron von Innstetten, der da unter der Kastanie seine Füße in die Sonne hielt. Denn der, der dort in der Sonne saß, der lümmelte nicht, der saß nicht hingefläzt, sondern gerade und mit durchgedrücktem Rücken, ganz wie Innstetten eben der doch auch und vor allem ein Mann von Charakter, von Stellung und guten Sitten war. Dieser erste Eindruck aber setzte sich fort, denn wie Innstetten ist er diszipliniert und noch bei schlechtestem Wetter und auch an den widrigsten Tagen geht er mit festem Schritt durch das Gartentor und niemals lässt seine Haltung auch nur das leiseste zu wünschen übrig. Mit mir wie schon mit Effi, diesem Luftkind, spricht Innstetten nur das Nötigste. Ausführlicher hält er mit der Kröte in der rostigen Kanne Zwiesprache. Allerdings, denn Privatheit ist ein hohes Gut, halte ich mich fern und kann nicht sagen, ob er über Kunst referiert oder gar vom Chinesen anfängt zu sprechen. Seit Jahr und Tag also richte ich Kuchen und Kaffee, sehe ich seine hochgewachsene Gestalt in der Straße auftauchen. Zweimal im Jahr, stelle ich eine Tasche mit neuen Anziehsachen auf die Bank und längst schon liegt ein Stück Seife und ein Handtuch neben der Wasserpumpe. Lange Zeit versuchte ich herauszufinden, wie er wohl über den Winter käme, aber die Antwort, die ich bekomme lautet immer: „Dies wird ein gutes Jahr für die Äpfel“ oder „hat der Regen viele Pflaumen zerschlagen?“ Aber hat Innstetten je auf etwas direkt Antwort gegeben? Ich muss zugeben, ich habe immer eine Schwäche für Innstetten gehabt, der im Buch als ewiger Langweiler von Anfang an auf recht verlorenem Posten steht, und schließlich Effi dann Crampas, diesem Geck und Stutzer dreingeben muss, nein leicht hat er es nicht gehabt und dann noch die Briefe im Nähkästchen, die ja auch keine Größe, sondern nur Preußisch-Verdruckstes enthielten. Auch sein Wiedergänger, unten im Garten, das sieht man sofort hat es nicht leichtgehabt mit dem Leben und wer weiß schon, wer sein Crampas gewesen sein mag. Noch aber scheint die Sonne, das Gartentor quietscht in den Angeln, der Kirschkuchen kommt warm aus dem Rohr, die Brombeeren werden schwarz und die erste Schale bekommen wie stets die Lieblingsnachbarn und unter der Kastanie im Garten sitzt derweil Baron von Innstetten und sieht in die dichten, grünen Blätter der Hecke, in der die Vögel ihre Nester bauen.Aber dennoch hier im Garten am südwestlichen Ende der großen Stadt Berlin, da sei noch einmal daran erinnert, dass es Innstetten war, der fand “ Man ist nicht bloß ein einzelner Mensch, man gehört einem Ganzen an, und auf das Ganze haben wir beständig Rücksicht zu nehmen“ und der aller schneidenden Strenge zum Trotz etwas davon verstand, was es heißt nicht mehr dazuzugehören.