Kopflos

In der Nacht kehrt der Sturm zurück in das kleine Dorf. Stößt gegen die Türen, rüttelt an den Fensterrahmen, wirft mit hässlichem Gelächter die Blumentöpfe des Priesters zu Boden, greift schließlich mit spitzen , kalten Fingern nach dem Dach des kleinen windschiefen Hauses, in dem ich lebe. Aber auf dem Boden, da stehe auch ich, mit wirr wehenden Shetlandponyhaaren, einem ausgeleierten T-Shirt mit einem Krokodil darauf, den Winterflanellbetthosen und einer Taschenlampe. Sturm gegen Fräulein heißt es und der Wind heult triumphierend auf, aber schon muss er sich die Hände vor das Gesicht halten, zu hell ist die Taschenlampe, zu erinnyengleich wehen die Haare und gräulich öffnet das Krokodil auf dem T-Shirt sein schreckliches Maul. Der Sturm aber dreht sich polternd und fluchend um, wirft eine Handvoll Gischt und Sand in meine Richtung, dann aber dreht er ab, um im Unterland nach losen Schindeln zu suchen.

Am nächsten Morgen wird der Sturm schauerliche Rache am von der Frau des Krämers angeschafften Weihnachtsmann genommen haben. Die Frau des Krämers hat nämlich einen riesigen aufblasbaren Weihnachtsmann angeschafft. Der Weihnachtsmann war zwei Meter fünfzig hoch, hatte eine ungesunde Gesichtsfarbe und da er nicht nur als Weihnachtsmann fungierte, sondern auch als Werbeträger hatte die Frau des Krämers mit schwarzem Edding quer über sein Gesicht geschmiert: „Ho Ho Ho- Christmas offers. Beats every High Street.“ Da die Frau des Krämers aber nicht allein auf die Kraft des Weihnachtsmannes und die Wirkung des schwarzen Eddings vertraute behängte sie das bedauernswerte Geschöpf mit blau, rot und grün funkelnden Lichterketten und da vor dem Krämerladen ein gewaltiger Baum steht, hieß sie den Krämer dickes Seil besorgen und am letzten Sonntag wurde der Weihnachtsmann unter Ächzen und Seufzen, unter Klagen und Schreien von der Tochter der Frau des Krämers, dem Elektriker und dem Krämer selbst am Baum gefesselt und wer immer unser Dorf durchfuhr, der sah sich einem gewaltigen Weihnachtsmann gegenüber, der mit dicken Seilen um die Brust und wackelndem Kopf an einen Baum gefesselt war. Die Frau des Krämers aber war stolz, stolz es den Städtern, die die Frau des Krämers herzlich verachtet einmal so richtig gezeigt zu haben, stolz darauf früher als alle anderen weihnachtlich sinnstiftend zu wirken, stolz darauf, dass unser kleines Dorf, weitab von den Lichtern der Stadt und seit Jahr und Tag schon ohne Straßenlaternen nun auch im Dunkeln rot, blau und grün fluoreszierte und niemanden der im Krämersladen eine Flasche Milch und Brot einholte, vergaß sie darauf hinzuweisen, dass der Weihnachtsmann dort drüben, genau der, der gefesselt am Baum hing, ihre und allein ihre Idee gewesen sei und bis auf den Tierarzt, der die Frau des Krämers der üblen Quälerei alter Männer bezichtige, machten wir alle Ahhhhh und Ohhhh und liefen so schnell wir konnten davon, denn wer weiß schon ob die Frau des Krämers nicht auch uns an Bäume kettete, verspräche sie sich dadurch höheren Absatz.

Dann aber kam der Sturm, gereizt ohnehin schon, durch meine Taschenlampe und mich, unbefriedigt darüber, mir das Dach nicht entreißen zu können. Was sind schon ein paar läppische Blumentöpfe für einen Herrn von und zu Sturm? Missmutig pfeifend, fluchend und schreiend, rannte der Sturm ins Unterland hinunter. Still lag das Dorf in seligem Schlummer. Die Frau des Krämers nämlich schwört auf warmen Whiskey als Einschlafhilfe: „Nur für die Gesundheit, Fräulein Read On“ und so schlief die Frau des Krämers tief und träumte vielleicht vom Weihnachtsmann draußen vor der Tür. Auch ich lag schon wieder im Bett, zog mir die Decke bis zur Nasenspitze und der Tierarzt murmelte etwas von: „Kälbchen, ach Kälbchen hast du kalte Zehen.“ Der Sturm aber rastlos und von heftigem Zorn gepackt, erreichte den Krämersladen, sah die Bank und den schlafenden, gefesselten Weihnachtsmann. Das Elend, das nun folgte ist kaum zu beschreiben und gesehen habe ich es ja auch nicht. Aber der Sturm tat sein grässliches Werk, ohrfeigte den Weihnachtsmann heftig, riss ihm ohne Gnade den Kopf ab, zerfetzte die Lichterketten, schlug ihm ein Bein ab und stie0 ihn so fest in die Rippen, bis die Luft aus seinen Rippen entwich. Dann hatte der Sturm genug vom Dorf und seinen Bewohnern, bestieg die gut vertäute Barke am Ufer und segelte schon davon, hinfort an neue Ufer und neue Dächer, als Pfand wohl behielt er den Kopf des Weihnachtsmannes, denn der blieb unauffindbar.

Am Morgen aber, ich rannte zur Bahnstation bot sich ein schreckliches Bild. Ein kopfloser, schlaffer Torso war alles was vom Weihnachtsmann blieb, so schlaff, dass auch die Seile ihn nicht mehr hielten, ein zusammengesunkenes, kopfloses Elend ohne Spannung und gänzlich beraubt seines Lebens und auch seiner Lichterketten.

Die Frau des Krämers aber stand nicht minder fassungslos vor den Trümmern ihres ganzen Stolzes. „Das ist Sabotage“ schrie sie und reckte die Faust zum Himmel. Der Krämer indes kehrte den traurigen Haufen, der einmal an einen Baum gefesselter Weihnachtsmann war, zusammen. Später sagte der Tierarzt, „die Frau des Krämers habe ein christliches Begräbnis für den so hinterrücks Ermordeten gefordert“, aber der Priester habe abgewiegelt und der Frau des Krämers versichert, dass aus ihr nur der erste Schmerz spreche“, die Frau des Krämers aber habe vor Zeugen versichert, dass der Weihnachtsmann gerächt werde und der Priester sich besser der Liebe zu aller Kreatur erinnern möge.“ Der Priester sei dann schnell gegangen. Das Barometer im Dorf aber stünde auf Sturm.

Sonntag

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Das Meer ist wild und wirklich kalt. Das Meer ist aber auch pastellfarben und der Himmel ist so milde, wie er es in Irland nur im November ist. Im Sommer liegt im Himmel immer eine kalte Härte, aber im späten Herbst ist der Himmel zahm und blütenblau. Aber das Wasser ist wirklich kalt und ich habe ziemlich blaue Lippen. Lieber nicht allzu lange am Meer entlang gewandert, denn selbst die Möwen sehen ziemlich verstört herüber nähert sich ein Klabauterfräulein mit klappernden Zähnen und Blaubeerlippen. Eine Muschel finden, die aussieht wie eine Trompete, ganz fest halte ich sie mir ans Ohr, bevor ich durch Dünengras und Heidekraut klappernd und zitternd zurück ins Oberland steige.

Zuhaus noch einmal unter die Decken kriechen und geduldig warten, bis der Tierarzt erst ein, dann zwei und dreimal mit den Wimpern klimpert. „Tierarzt“, sage ich, sieh mal eine Trompetenmuschel. Der Tierarzt sieht mich nur mäßig begeistert an und sucht vor meinen kalten Füßen zu fliehen. „Tierarzt sage ich, es ist nämlich so: schon seit Tagen vor unserer Zeit sammelt Neptun tief unten auf dem Meeresgrund in den langen und schäumenden Novembernächten das Unterwasserorchester um seinen Thron. Neben den berühmten Seetanggeigen und den Fischgrätencelli, treten die Krebse mit ihren Steintrommeln auf und während der Champagner in Strömen fließt, nähern sich die Plattfische dem Muschelthron und spielen „O Sole Mare“ auf den Trompetenmuscheln. Neptun selbst erhebt sich dann und singt in seinem vollen Bariton: „Keine Klippen sollt ihr missen/ Flut sei euer Untergang“ aus dem Liederbuch für Meeresbewohner und Seeungeheuer. In diesen Nächten Tierarzt schäumt das Meer lauter, um nicht zu sagen melodischer als sonst und am anderen Morgen schläft die ganze Unterwasserwelt und das Meer ist so pastell wie still. Der Tierarzt nimmt mir die Muschel aus den Händen, hält sie sich dicht ans Ohr und hört von fern noch einmal Neptun singen, schaurig- schön, vom Untergang und schwarzen Klippen.

Um ein Uhr kommt der Priester zum Sonntagstisch herüber. Der Priester hat einen Gast mit dabei. Einen ökumenischen Gast, denn der Gast ist evangelischer Pfarrer und aus Dresden. Der Tierarzt versucht sich an einer Kartoffel, ich verteile Roastbeef und Honigmöhren auf die Teller und der Pfarrer ist ausgesprochen angenehm, der Priester so zugewandt wie immer und der Tierarzt probiert zu dem noch die Honigmöhren und so sitzen wir im sonnigen Zimmer, die Standuhr tickt freundlich, die Katze schläft dekorativ und der Hund ist einmal bescheiden genug sich mit dem ihm zuggeteilten Stück Roastbeef zu begnügen und sabbert dem Gast nicht gierig auf die Schuh. Man reicht Flan mit Beeren zum Dessert, der Tierarzt brüht Tee und Kaffee und der Pfarrer sieht auf die Heine-Ausgabe, die auf dem Tisch neben dem Sofa liegt. Dann seufzt er und erzählt: er sei Pfarrer, das wüssten wir ja schon und er sei ein Pfarrer mit einem Hang zur Musik, seine Frau sei zudem Musiklehrerin und eines Tages sei er auf die Idee gekommen, Gedichte zu vertonen, Gedichte von Heine und Anderen und seine Frau habe diese von ihm vertonten Gedichte mit dem Schulchor einstudiert. Gefallen gefunden hätten diese vertonten Gedichte auch über die Schule hinaus und so sei eine Veranstaltungsreihe für andere Schulklassen anderer Gymnasien organisiert worden, um auch jene Schüler mit Musik und Gedichten zu erfreuen. Die erste Veranstaltung aber musste abgebrochen werden, die Schüler hätten so gelärmt und gestört, ihre Telefone mit schollernder Musik gegen das Schülerorchester in Stellung gebracht, die Sängerin mit Hohngelächter bedacht und schließlich Papierkügelchen auf die Bühne geschossen. Das Konzert wurde abgebrochen. Johlend verließen die Störer das Konzert, das zweite Konzert sei besser gegangen, aber auch nicht störungsfrei, das dritte und vierte Konzert aber hätten sie abgesagt. Das Orchester traute sich nicht mehr auf die Bühne, die Sängerin, eine Schülerin der zehnten Klasse, sei noch immer krank geschrieben. Der Pfarrer zuckt mit den Schultern und sieht verzweifelt aus, ein kostenloses Konzert mit vertonten Gedichten, sagt er und er sagt wie jemand der die Welt nicht mehr versteht. So sitzen wir da im sonnigen Zimmer und ich denke an die Kübel voll Wut und Verachtung, die für die Aufklärungssprechstunde über mich ausgegossen werden, die höhnischen Kommentare für die Postkarten an Mesale Tolu und Deniz Yücel: Scheißtypen, Scheißklaue, Du sowieso, besonders scheiße nur an zwei Gefangene zu schreiben und nicht an alle. Ich denke an all die Häme, die einem entgegenfliegt, wenn man Hygiene Kits an obdachlose Frauen verteilt, immer Verachtung, immer johlende Häme, immer hässliche Zoten, immer so weiter, immer so weiter. Zu keinem der Dinge, die ich mache, habe ich mehr Freude, dazu pfeift es zu laut und so wird man müde und müder und immer nur müder und lachend und munter pfeifen die johlenden Allesverächter und Jedenbeschimpfer. Der Pfarrer vertont keine Gedichte mehr, die Frau des Pfarrers gibt die Leitung des Schulorchesters ab, die Sängerin singt nicht mehr und bald verstauben dann auch die Geigenkästen.

Der Tierarzt kommt mit Tassen, der Teekanne und dem Kaffee zurück, ich hole die Dose mit den Keksen und der Tierarzt strahlt: „Sachsen German so sweet“, sagt er und nickt mir zu: „Did the pastor tell you a nice story in Sachsen German?“

Wir sitzen da schweigend und still, draußen vor dem Fenster fährt das Drei-Uhr Boot vorbei.

The kids? Oh,the kids are just doing fine.

Dear Irish mummies, dear Irish daddys,

do you know your children? Sometimes I wonder and you may wonder why I am asking you. Whenever I meet you, you’ re telling me: “The kids do grand.” Great kids you all have: they all are superstars, daddy’s little princess, mummy’s good boy. Just the best. Outperformers in school, on the pitch, even at home. Really the kids do great. You tell me. Tell more about it. Summer camp in Florida, and Christmas in Connemara, mummy is the school shuttle, daddy does barbecue, the kids do so appreciate. We trust them. No worries. Apple of our eye. “It’s a shame you don’t have kids” you are telling me. I don’t know. Maybe and maybe not. Your kids are private school kids, you just want the very best. They will be investment bankers, youtube superstars, or lawyers in a few years time. Sometimes I wish I would meet your children, but I never do. Whenever I meet your children and I unfortunately do quite often, I meet kids but they never seem to be the children you are having such a great time with.

I live in a rundown village. In the rundown village ahead of my rundown village, a rundown hotel is running parties for children like yours. Great kids, I know. You have money and the kids have a great night out. You remember how you once fumbled a woman you can’t remember behind the bins. But a great night out it was. You remember puking behind the bushes, but oh my, the fun we had. You don’t remember the skinny kid with pimples anymore you kicked around like a coke can. But oh my, these were the golden days, weren’t they? Your kids deserve such greatness too and this I when I meet your kids. I left work late last night and the last train was gone ( we have a great public transport here in Ireland, just great!) and I took the bus home. When I got on the bus, the bus was empty and I was so relieved. I didn’t last long though. Your kids were coming. Your children came and this was it. My quiet night was gone. Yeah, I know I am such a loser. I have always been. Your kids did great. Shouting and bitchin around. Fuck me bae say your kids and they snigger. The bae was an old Irish granny, the bae was staring on the floor, your kids were opening Lucozade bottles. Smellin’ like champagne? Oh that pussy smells good, are your kids shouting. The Irish granny leaves. Your kids are delighted. They shout: “What a pussy.” Fuckin’ pussy.” Your kids wear Michael Kors handbags, ADIDAS rucksacks, skinny jeans and fake tan. Glitter in the face and a shitface on the phone. So funny. Your kids are really humorous. Your kids open their handbags and rucksacks. The open Listerine bottles are full of vodka. So yummy. “Bitch be humble” do they shout. They mean me. Your boys are drinking beer. Bottle after bottle, great kids don’t you think? Just fifteen and drinking straight. Really men. The girls drink the hard stuff. Girls always worry. Beer has so many calories, and nobody wants to fat fuck fat girls, don’t you know that? This is why there are no fat kids on the bus anymore. They got off the moment your kids get on the bus. Better leave before it is too late, they are smart kids, too. “Bitch you better holin’ up, are your kids shouting.” They still mean me. Are you talking like that at home? When you are having dinner do you shout: “Hey bitch get me a piece of bread, please. Thank you very much bitch, I appreciate bitch”. I wonder, because it comes so easy to them. “Nobody is going to fuck a bitch like you”, are your kids telling me. “You better sit down” that is what I am saying to a son of yours stumbling after can number ten. He is not too grateful. The bus is packed with your kids, drinking, swearing, singing, having a great time. “Get the fuck off me,” shouts a girl. Your son doesn’t listen. So the bus drives on. Your kids are getting more and more drunk and I wonder how you do at home. Are you getting drunk there as well night after night? Are beer bottles littering your kitchen and do you throw wine bottles through your living room? Your kids do. They are throwing beer bottles through the bus, they are throwing beer bottles out of the throwing bus. So funny! So talented, so gifted, so inventive are your kids! Who would have thought that? Have you ever been hit by a beer bottle? I have been. Last night on the bus, straightfaced, your kids did. Not a moment of consideration. “Be bold”, is this what you tell your children? Is this how you do it at home? Is this how you live?

Your kids are shoutin: CUNT. They mean me. Look at this cunt they say and they sing. She is just a fuckin cunt. Is this how it is? Do you talk like this? Do you say: “Pass me the bread, cunt! Sleep well, cunt. Have a great day cunt, please call me back cunt?2 Is this how you do. Your children are pissed by now. They are singing: “Paki, go home, Paki, go home. You’re a feckin Paki bitch.” Is this what you teach your children? Is this you telling them that just the Irish and only the Irish are great people? The rest is just scum? Do you tell your children that they have every right to shout: “Feckin Paki bitch” at everyone they suspect of not being born and raised south of Tipperary? I have fond memories of Pakistan, I have none of your kids. Your children laugh and shout at me and I wonder, what do you know about your children at all? I don’t have children. I don’t know how much time one has as a parent to clear the essentials. You had maybe fifteen or sixteen years. It is painful being with your children, they are abusive, shameless, violent and cruel. When I was sixteen years old and not in a great shape, a loser, a ‘losin feckin Paki bitch’ as your kids would say, she said: “Stop looking for excuses my child.” I did. She was right. What excuses do your children have? Or do you think they are right?

Do you want to know how the story ended? I got up and accompanied by a chorus of your children shouting: “The Paki bitch is leavin’ fuck, fuck, fuck. We fucked the Paki bitch,” I went down to the bus driver.

I said: “Hiya, I am really sorry, but please do stop the bus.” The bus driver did. I said: “Do you want to call the police or shall I do?”

The bus driver said: “I do.”

Fifteen minutes later- your children were still shouting relentlessly- the police came and it was silent. I just realized I was holding my breath. The police was quite nice. They were looking like in the movies. They were good with your kids and your kids had to leave the bus. One of the policemen said to me: “I am sorry this is not how it should be.” I said: “You know this is just how it is. This is Ireland. These are your children.”

I left the bus and walked home. Your kids were having a great night anyway, I have no doubt about that.

As ever,

Your Read On

 

Im Wind

Der Sturm kommt und die Universität schließt ihre Tore. Schließt die Universität ihre Tore, so gilt dies auch für das Institut. Die Universität verschickt mehr als eine E-Mail, es gibt das alles auch in kürzer auf Twitter und Facebook, ich schicke eine Email an das gesamte Institut, natürlich alles auch noch einmal in kürzer auf Twitter und Facebook und dann fange ich an die Emails der Fellows zu beantworten:

„Ist das Institut geschlossen?“ ( Ja ) , Ist das Institut WIRKLICH geschlossen. ( Ja). Warum ist das Institut verschlossen? ( Ein Sturm namens Ophelia zieht über Irland.) Bei mir vor dem Fenster weht gar kein Wind, kann ich ins Institut kommen? ( Nein.) Wann fängt das Yoga heute an? (Die Auszubildende).
Ich habe meine Lieblingstasse/ mein Schnuffeltuch / meinen Zettel mit der Weltformel im Institut vergessen, kann ich das abholen? ( Nein ). Kannst du mir die Dinge bringen? ( Nein ). Das ist ungerecht/ eine bodenlose Frechheit / ich bestehe auf dem freien Willen ( Kant !!!!!) wie komme ich ins Institut. ( Gar nicht. Die Universität und Institut sind vernagelt.) Ich werde mich beschweren. Ganz oben. Es ist mein gutes Recht ( Tausend Ausrufezeichen.) Dann fällt der Strom aus und ich finde, ich habe ohnehin genug Fragen beantwortet. Das Dach des kleinen windschiefen Hauses wackelt, aber es hält. Die Kirchglocken St Sylvesters aber schlagen laut und unermüdlich, der Priester kommt vom Meer zurück: „Fräulein Read On“, sagt er, da sind Leute mit Surfbrettern auf dem Wasser.

Die Stunde des Sturms aber ist die Stunde des großen Triumphes der Frau des Krämers. Die großen Supermärkte, erst Dunnes, dann aber auch Tesco schließen, aber ihr Laden trotzt allen Gewalten und der Krämer zurrt ein großes: „We are open“-Schild an einem Baum fest. Die Schlangen vor dem Geschäft werden immer länger und die Frau des Krämers hat gerötete Wangen vor Aufregung und deklariert den Laden zur Sturmversorgungsnotzentrale. Deswegen heißen die sausage rolls, dann auch emergency rolls und kosten 50 Cent mehr als sonst. Die Touristen sind begeistert und die Frau des Krämers herrscht ihre Tochter an, doch schneller zu sein mit dem Nachfüllen der Milchpackungen, der Kekstüten und belegten Brote. „Ich dachte der Laden sei schon zwanzig Jahren pleite“, sagt ein Mann und erntet einen Todesblick der Frau des Krämers, die finster knurrt: „nur über meine Leiche.“ Er bekommt die unverkäuflichen, steinharten Haferkekse, ein Experiment der Frau des Krämers, welches fehlschlug, aber nicht fehl genug, um es dem dreisten Städter nicht einmal so richtig zu zeigen. „Have a very good day“, schnalzt sie als der Mann mit den Haferkeksen und der Milch den Laden verlässt. Dann rüffelt sie ihre Tochter, die zu verschwenderisch mit dem Einwickelpapier für die “Emergency Rolls“ umgeht. Vor der Tür verkauft der Krämer Kaminholzscheite und Kohlenbriketts, dann wirft eine heftige Windböe den Tisch und die Frau des Krämers schilt auch ihn geschäftsschädigenden Verhaltens, kann aber mir ihrer Schimpftirade nicht fortfahren, denn der Sturm knickt den Baum mit dem „We’re open“ Schild einfach um.

Der Tierarzt indes erklärt einer Gruppe unverschämt gutaussehender, amerikanischer Touristinnen, die ihm an den Lippen kleben, auch er sei in einer Sturmnnacht geboren. Die wunderschönen, blondgelockten Frauen seufzen und der Tierarzt- wehendes Haar und wehender Mantel- fügt hinzu: in der Nacht also, in der ich geboren wurde, da schwammen die Fische auf den Straßen als sei es das Meer. Die blonden Sirenen sind der Ohnmacht nahe, nur leider komme eben auch ich die Straße hinunter und sage: „Na Heathcliffe, bist du soweit?“ Die Damen sehen fassungslos zu mir herüber: warum ein Beau sich wohl mit einem Shetlandpony abgibt, fragen sie sich und sie fragen ihn: „Heathcliffe, what an extraordinary name?“ Der Tierarzt schüttelt den Kopf: „Mädchenhumor.“ „There was no possibility of taking a walk that day“ , sage ich und rate den schönäugigen Damen ihre Dorf und Tierarztbetrachtung doch an einem anderen Tag fortzusetzen. Die Damen heben Stöcke und Äste auf. „We survived a hurricane.“ Es fängt an zu regnen.

Später, dann stehen der D. und ich im Wind und wir werden für viele Stundne im Wind stehen und Notversorgung organisieren, über Baumstämme schlittern und müsste ich mich nicht so konzentrieren, so streckte ich der Ballettlehrerin, die mich damals als aus dem Kurs warf: „Das ist Ballett kein Elefantenzirkus“ die Zunge heraus, denn die Bäume sind glitschig und dennoch irgendwie kommt man herüber auf die andere Seite und dann machen wir das, was wir eben machen, seit so vielen Jahren schon. Später, so viel später, als wir zurückfahren, nach langen Stunden, da denke ich an den B. Der B. war ein Mann für den Englisch das Wort hunk erfunden hat, ein Baumstamm von einem Mann, Mountain Rescue, einer von jenen, die nicht mehr zurückkamen, damals aber, in einer anderen Nacht, einem anderen Land, wir bauten Zelte auf, da sah er, zu mir herüber und sagte: Feuer bringt die Menschen näher zusammen, Wasser aber verdrängt, aber Wind, Wind Read On, der Wind zerrt an den Nerven der Menschen, lässt sie schneller die Nerven verlieren als sonst. „Wind Read On makes humans snappy“, nimm Dich in Acht vor dem Wind, über dem Wind verliert man den Verstand. Damals sah ich ihn verwundert an, denn dort wo wir Zelte aufbauten, da war doch der Krieg. Aber er sollte Recht behalten, und als ich spät am Abend wieder zurückkehre in das kleine Dorf, da ist das Dorf rastloser als sonst, und auch der Tierarzt, der Sturmgeboren, der niemals die Ruhe verliert, ist unruhiger als sonst, steht wartend am Fenster und endlich dann vergraben unter dicken Decken, der Sturm schüttelt noch immer an den Wänden des kleinen, windschiefen Hauses, ich ahne wie Recht der B. hatte, der Sturm zehrt an einem, fährt einem unter die Haut, versteckt sich in den Knochen und am Ende des Tages sind drei Menschen tot und am anderen Morgen noch immer 245, 000 Haushalte in Irland ohne Strom.

Montag

Am Morgen ist der Himmel ein schweres, graues Tuch. Das Tuch verschluckt das Meer und eines Tages, da bin ich mir sicher, verschluckt es auch die Katze und mich. Die Katze schläft, ich lehne in der offenen Terrassentür und meine Füße liegen kühl auf den kalten Steinen. So dicht liegt der Nebel über dem Haus, das ich die Kastanie nur erahnen, den Kirchturm St. Sylvester aber nicht mehr sehen kann. Schiffbruchwetter ist es, ein Wetter aus anderen Tagen, Tagen vor unserer Zeit in denen die schweren Schoner gegen die Felsen krachten, im Nebel die Sicht und wohl auch den Glauben an G*tt verloren und ihre Splitter, ihre Planken, ihre zerbrochenen Glieder liegen wohl noch immer auf dem Grund der eisigen See. Verschlungen sind ihre Gesichter und heute, da noch immer Menschen an den Küsten Europas ertrinken, verschwinden diese wie jene und noch immer ruft es vielleicht: „Mann über Bord“ und doch ist dann alles schon immer verloren. Aber ich habe morgens gar keine Zeit, für Geschichten nicht und auch nicht für das Wetter. Die Tasche greifen und den Kaffeebecher, denn den Weg ins Unterland, den Weg zur bahn finde ich auch im dichten Nebel.

Der Zug fällt aus. Eine Lautsprecherstimme knarrt Erklärungen, aber wer hat denn morgens schon Zeit für Erklärungen. Ich renne zum Bus und springe mit einem gewaltigen Satz gerade noch so hinein. Aber wer aufatmen will, der darf nicht Bus fahren , denn der Bus ist übervoll und ein Mann steht auf meinen Fußspitzen. Er schreit in sein Telefon. Aber nicht nur der Angerufene wird darüber in Kenntnis gesetzt, wie er es seiner Freundin so richtig gemacht hat. Aber so richtig. Stundenlang. „Til devastation, shagged her like that“ brüllt er als glaubte er sich selbst nicht. In der kleinen deutschen Stadt, in der meine liebe C. lebt, da gibt es als ein Überbleibsel der DDR etwas das sich Jugendweihe nennt, wie die Jugend genau geweiht wird, weiß ich nicht. Aber einmal habe ich gesehen, ich ging gerade über den Marktplatz, wie den Geweihten so eine Art Atlas überreicht wurde. Statt eines solchen Atlasses finde ich sollte jeder ob nun geweiht, oder nicht ein Wörterbuch der Liebe bekommen, denn es schallt energisch: „oh, wie hab ich sie geknallt“ durch den Bus und das ginge doch auch Schöner.

In der Uni angekommen mache ich den Kaffeebecher auf und will endlich ausatmen, aber eine Viertelsekunde später spucke ich ins Waschbecken. Ich hatte vergessen, Seifenlauge aus und Kaffee und Milch einzugießen. Meine Spiegelbild sieht mich verdrossen an: „Nichts auslassen Read On! Bloß nichts auslassen.“ Ich strecke meinem Spiegelbild die Zunge heraus. Dann hält der Tag sich an mir fest. Hartnäckig ist er und kalte Hände legt er mir in den Nacken. Mehr mit Zufall als mit Können den Wagen der besten Chefin der Welt wieder flott gekriegt. Die beste Chefin der Welt hat den Flug nach Brasilien noch erwischt. Gegoogelt ob ich meine Hände wohl am besten mit Terpentin reinigen sollte. Die Meinungen sind gemischt. Lange Zeit zwischen Papieren verbracht. Statt eines Snickers einen Mars Riegel gekauft. Mir geschworen alle weitreichenden Entscheidungen zu verschieben.

Im Zug nach Hause. Noch immer hängt der Himmel tief und dunkelschwer über allem. Aber immerhin steigen je länger der Zug fährt, immer mehr Menschen aus. Ich lehne mich ans Fenster. Kurz vor dem Dorf passieren wir das Feld des Nachbarn. Der Nachbar ist ein alter Mann. Sein letztes Feld. Weizen. Der Weizen leuchtet selbst unter den grauen Regenwolken. In die Mitte des Feldes hat jemand eine kaputte Couchgarnitur und einen Kühlschrank geschmissen. Der alte Nachbar entsorgt jeden Sommer zwei Container Hausmüll, die ihm in den wogenden Weizen geworfen werden. Das muss die Idylle sein, von der sie alle reden.

Am Bahnhof steht der Tierarzt. Er hat einen Regenschirm, Handtuch und mein Badezeug dabei. Oh, sage ich und küsse den Tierarzt zweimal links und zweimal rechts und dann laufe ich ins Meer, ein schweres, graues Tuch legt sich um meine Schultern. Ich schließe die Augen, Schiffbruchwetter, dann schwimme ich nach links. Der Strand ist eine graue Wand und für einen Moment glaube ich, die Welt hat sich schon aufgelöst, wer würde ihr den Schiffbruch schon verübeln, aber dann ruft der Tierarzt nach mir: „Mädchen, wo bist du?“ Ich wate zurück an Land. „Und Du, rufe ich zurück?“ Zweimal links, dann rechts, bei den schwarzen Steinen“, ruft es zurück und nach einmal im Kreis herum mäandern, finde ich den Tierarzt und die Steine. Ich wickle mich in das Handtuch und wir steigen den Trampelpfad hinauf. Der Ginster klebt an meinen Beinen, feucht und satt ist das Gras, die Brombeerhecke legt sich mir in die Haare und der Himmel, der Himmel ist ein dichter, schwerer, grauer Mantel, der Himmel legt sich um meine Schultern, bedeckt mir die Arme und Beine und als wir vor dem Haus stehen, ist auch das Meer schon längst wieder unter dem selbergrauen Tuch verschwunden.

In der Schlange vor Kasse Sieben

Gestern Abend, spät war es schon und ich arg müde nach einem langen Tag und dem späten Flug zurück nach Berlin, da entschied ich mich doch noch auf einen Sprung in den Supermarkt am Zoologischen Garten zu gehen, denn ich kenne mich schon und weiß wie unleidlich ich bin, habe ich am Morgen keine Milch im Haus. Die Stimmung im Supermarkt ist gereizt. Zwei Touristen haben mit ihren Everest-Reise-Tornistern einen Karton Limonade von einem Stapel gefegt und auf dem Boden breitet sich ein klebriger Limonadensee gespickt mit Glassplittern aus. Die Touristen mit ihren Rucksäcken, die wohl auch Bäume fällen könnten, haben das Drama nicht einmal bemerkt, wohl aber der Marktleiter. Der schreit: „Aber hallo, sofort stehengeblieben.“ Eine Ader pulsiert drohend an seiner Schläfe, er verliert die Contenance und kann nur noch bellen. Dann verlässt er den Tatort und schon knarzt es drohend durch den Marktlautsprecher: „Frau Tesche zum Aufwischen.“ Frau Tesche eine ältliche, etwas untersetzte Frau kommt mit Zellstoffpapier und einem Eimer herbeigehechtet und beginnt die Sauerei aufzuwischen. „Ick hab schon janz andere Scheiße uffgejewischt“, sagt sie zu den Touristen, die bedeppert neben ihr stehen. Frau Tesche hat zwar wasserstoffblondes Haar und sehr lange Fingernägel mit Leopardenprint, aber sie ist bestimmt schon 65 Jahre alt und sehr wahrscheinlich reicht die Rente nicht und die Männer auf die ist wohl auch kein Verlass mehr. Vielleicht hat der Sohn auch Schulden oder die Tochter ist mit dem Bubble-Tea Laden pleite gegangen. Frau Tesche jedenfalls klaubt Scherben zusammen und wischt den Limonadensee auf. Ich drücke mich an zwei Männern vorbei die Centstücke zählen und wohl ausrechnen, ob die Münzen für zwei Flaschen Bier reichen. Dann kaufe ich eine Flasche Milch und zwei Becher Joghurt und stelle mich an eine Kasse an. Auch hier ist die Stimmung nicht gut. Eine Frau hat in ihrer Einkaufstasche mehr Sachen als auf dem Band liegen und der Kassierer, der eigentlich nur die Tomaten noch einmal über das Band ziehen wollte, ist ihr auf die Schliche gekommen. Jetzt rauft er sich das Haar und deklamiert: „Ick fass es nicht.“ Dit is ne Riesensauerei.“ Ich weiß nicht ob Frau Tesche ihm hier zustimmen würde. Jedenfalls schreit er in das quietschende Kassenmikrofon: „Marktleiter, Marktleiter sofort zur Kassen Sieben.“ Seine Stimme überschlägt sich fast und das Kassenmikrofon kreischt so wie ich mir den Gesang der Erinnyen vorstelle. Vom Marktleiter indes keine Spur. Wahrscheinlich sitzt er vor einem Ventilator im Marktleiterbüro, nimmt Magentabletten und hustet böse über sein Schicksal, das ihm beständig Touristen und Trinker beschert. Die Frau vorn an der Kasse, die wohl Eier und Brot und auch einen Kohlkopf auf das Band getan hat, aber Fleisch und Gemüse in eine dunkelbraune, zerbeulte Tasche gestopft hat, steht mit gesenktem Blick an der Kasse und starrt auf ihre Schuhe, die ebenso zerbeult sind wie ihre Tasche. „Hören Sie, sage ich zum Kassierer, denn ich bin müde, wirklich müde und öffentliche Tribunale mag ich auch nicht, ich bezahle die Dinge ja?“ Aber der Kassierer starrt mich böse an: „Dit is ne Riesensauerei“, hebt er wieder an und rudert mit den Armen. „Dit wird uffjeklärt.“ Andere Kunden protestieren auch. „Da könnte ja jeder kommen“ und „Schnauze, Sie Gutmensch. Ich aber bin ja nur sehr müde, auch sehr müde daran, dass ein Exempel immer dann statuiert werden soll, wo keines ist, sondern nur traurige Geschichten liegen, vor denen ich mich fürchte. Geschichten von denen ich mit Biomilch und Biojoghurt und einer Gemüsekiste am Samstag und einem gefüllten Vorratsschrank nichts wissen muss, aber doch einiges weiß. Der Mann, der besonders laut pöbelt, ist mehr als nur gut genährt und die Fleischbeutel in seiner Hand und der teure Schnaps sind eine andere Kategorie als die dünnen Plastiktüten der Frau an der Kasse. Der Kassierer schreit noch immer nach dem Marktleiter, da dreht ein Mann, der direkt vor mir steht sich zu mir um. „Ich würde auch was geben“, sagt er und lächelt schüchtern. Er sieht so aus, als müsse er sich erst erinnern, wie das geht mit dem Lächeln. Auf dem Einkaufsband liegen zwei Flaschen Sekt, verschiedene Tafeln Schogetten und vielleicht zwanzig Becher mit Maggi-Instantnudeln. „Mysterious Asia“ oder „Flavourful India“ oder so ähnlich steht auf den Bechern, auf deren Deckel ein roter Drachen einen Hauch Exotik vermitteln soll. „Sie mögen indisches Essen?“, frage ich ihn und der Mann wird rot. Er muss sich nicht nur an das Lächeln erinnern, sondern auch daran wie man spricht, wird man gefragt. Er nickt. „Er träume davon einmal nach Indien oder Thailand oder China, am liebsten aber nach Shanghai zu fahren.“ Dann aber reibt er den Daumen gegen den Zeigefinger, so als zähle er Geld. „Es reicht nicht“, sagt er und ich nicke. Außerdem könne er nicht weg, wegen seiner Mutter, die ist bettlägerig und er könne sie nicht mehr länger als ein paar Stunden allein lassen. „Ob ich, fasst er sich ein Herz, schon einmal in Asien gewesen sei?“ Ich nicke und deute auf die indisch inspirierten Maggibecher. „Indien, sage ich, immer wieder Indien.“ Dann erzähle ich ihm wie ich damals in Indien bei Frau Rajasthani am Küchentisch zum ersten Mal scharfen Reis gegessen habe und vor Überraschung über die plötzliche Schärfe erst anfing zu husten und dann zu tanzen, um die Schärfe abzuschütteln. Noch heute schütteln sich die Nachbarn, die durch die offenen Balkone hereinsahen und mich wirbeln sahen wie einen Derwisch darüber wie ich den scharfen Reis entdeckte. Der Mann muss auch lachen. Ein offenes, herzliches Lachen. „Er äße sehr gern scharf“ sagt er und ich nicke und denke an Frau Rajasthani in ihrer Küche, die immer offen ist für Gäste und die mit einem bestimmten: „Accha!“ die Kinder, ihren Mann und mich mit einer dampfenden Schale voll Reis, Dhal und was immer eben gerade im Topf schmort, herunterschickt, damit auch der Mann die Plastikflaschen sammelt satt wird. Accha! Hier im Supermarkt aber wird die Schlange länger, die Stimmung gereizter und der Marktleiter bleibt noch immer verschwunden. Der Kassierer ist krebsrot im Gesicht und auch sein Rufen nach einer „zweiten Kasse“ verhallt ungehört in den Supermarktgängen. Frau Tesche ist ja auch mit dem Limonadensee befasst. „Ich versuche es noch einmal und sage, „Ich bezahle das jetzt.“ Der Kassierer gibt endlich nach, wohl weniger meinem Blick als dem drohenden Gebräu der unzufriedenen Kunden und dem abwesenden Marktleiter geschuldet. „Nun jeben se schon her“, blafft er die Frau an, die scheu und ebenso rot wie er, die Beutel aus der Tasche auf das Band legt. 9 Euro 58 beträgt der Wert des Diebesgutes. Gehacktes, zwei Auberginen, eine Rispe Tomaten und Kartoffeln. Der Mann mit den Maggi-Packungen legt fünf Euro zu den Sachen der Frau. Sie packt die Sachen hastig in die zerbeulte Tasche und nickt uns flüchtig zu, schon verschwindet sie in der Menge. Der Mann bezahlt und endlich ich auch meine Flasche Milch. „Es hat mich sehr gefreut“, sage ich und nun ist er auch sehr rot. Namasté. Dann laufe ich wirklich müde die Treppen zur S-Bahn hinauf und mache die Augen erst wieder auf, als die S-Bahn quietschend den kleinen Vorort im äußersten Südwesten Berlins erreicht.

Im Sonnenlicht

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10 Uhr und 8 Grad über Null

In Dublin scheint die Sonne. Die Sonne scheint als habe sie vergessen, dass dies eine Insel im westlichen Atlantik ist und nicht Vincenza oder Grasse in der Provence. Die Sonne funkelt und strahlt, der Himmel ist so blau wie in Palermo mittags um zwei Uhr und die Sonne ändert alles- obwohl es trotz Sonnenschein sehr frisch, um nicht zu sagen, wirklich sehr kalt ist. Aber die Sonne ändert hier alles, wirklich alles. Kaum kitzelt die Sonne den Tierarzt an den Zehenspitzen, springt er auf und reißt das Fenster auf: „Mädchen, der Sommer ist da.“ Das Mädchen aber liegt bibbernd unter zwei Daunendecken und greift mit gefrorenen Fingern nach dem wollenen Plaid. Der Tierarzt aber schüttelt den Kopf und beharrt auf der Ankunft des Sommers. Ausgerechnet der Tierarzt, der so durchscheinend mager ist, dass jeder, einzelne Sonnenstrahl dicker ist als seine Rippen sitzt barfüßig und im T-Shirt am Tisch, während ich die dicken, marineblauen Strumpfhosen mit Zopfmuster zum warmen Wollkleid trage und den Schal über die Tasche liege. Denn die Sonne obwohl sie gerade über den Kirchturm steigt, golden und so strahlend wie schön, hat ein kaltes Herz. Das habe ich gelernt mit den Jahren. Die Frau des Krämers aber, die doch tagein, tagaus eine dicke Wollstrickjacke über der Kittelschürze trägt, aber schüttelt den Kopf als ich an ihr vorbei dem Bahnhof zu strebe. „Fräulein Read On“, schreit sie, Sie gehen als sei finsterster Winter“, dabei scheint doch die Sonne. Schon hat sie die Strickjacke ausgezogen und streckt mir die entblößten Beine entgegen. Ich bibbere mit den Zähnen, dem vom Meer her, weht ein scharfer Wind. Im Zug obwohl doch die Sonne gerade erst erwacht, sich die Zähne putzt und herzhaft gähnt, reißen die Pendler die Fenster auf: „Wir ersticken. Diese Hitze.“ Ich vergrabe mich bis zur Nasenspitze im Wollmantel und bedauere keine Handschuhe mehr in der Tasche zu haben. Ein Mann zeigt einer Frau stolz den ersten Sonnenbrand. Meine Nasenspitze ist auch rot, aber vor Frost und Kälte. Das Thermometer zeigt drei Grad über Null. Auf dem Weg zur Universität zähle ich drei Frauen in Sandalen, zwei Männer in Shorts, sieben Mädchen in Röcken die weit vor dem Knie enden, sie kichern und hüpfen und singen Sommerlieder. Mit mir friert allein ein frischgeschorener Hund. Wir werfen uns verwunderte Blicke zu. Die Sonne steht inzwischen hoch über den Häusern, Männer knöpfen ihre Hemden auf, wie es in Vincenza niemals vor Ende Juli der Fall wäre und die Kollegen tragen offene Birkenstock-Sandalen in Silber oder Flip-Flops, als sei der Strand von Nice nur 100 Meter weit entfernt. „Es ist doch Sommer“ sagen sie verwundert, als ich ihnen ein Paar Socken antragen will, denn wenn die Sonne scheint ändert sich hier alles. Um 14 Uhr ist die Wiese vor meinem Büro vor Menschen nur mehr zu erahnen. Draußen hat es etwas über 13 Grad und der Atlantikwind pfeift durch die Bäume. Die einzige mit Mantel und Schal bin ich. Alle Welt entkleidet sich nämlich, Jacken fallen, Hosenbeine rollen sich ein, T-Shirts werden bauchfreie Tops und von einer Minute zur anderen sind so viele Sonnenbrillen wie sonst nur auf der Maximilianstraße in München zu sehen. Eis tropft, Limonadenflaschen werden herumgereicht, eine Flasche Sonnencreme wird herumgereicht und aus den Telefonen scheppern Sommerlieder. Nel pintu di blu. Alles verändert die Sonne, schon streckt sich alle Welt auf dem Rasen aus, den Rasen stelle ich mir tiefgefroren vor, kalt und hart, aber mit dieser Vorstellung bin ich ganz allein. Alle Welt hält sich bei den Händen, Haare fliegen, ein Frisbee-Scheibe fliegt über den Rasen, Mädchen kichern, Männer vergleichen angestrengt Bauchmuskelhärtegrade und Bizepsumfänge, die Mädchen flechten sich die Haare und führen lange Listen über mögliche Sommerliebeleikonstellationen. Ob und wie entscheidend dafür der Bauchmuskelhärtegrad ist, vermag ich nicht zu sagen, denn meine Mittagspausenbegleitung und ich sitzen auf einer Holzbank im Sonnenschein, der nicht wärmt, sondern kühlt. Der Begleiter legt Mantel und Pullover ab, ich schlürfe heiße Gemüsesuppe, der Begleiter krempelt die Hemdsärmel auf und schwärmt von langen Abenden mit Campari Soda auf dem Balkon. Ich schlottere allein beim Gedanken, noch nach Sonnenuntergang auf einem Windfang- genannt Balkon-sitzen zu müssen, der Begleiter isst derweil Vanilleeis. Auf dem Rasen sind derweil fast alle Schultern frei und alle Rottöne von blassrosa bis hummerrot vertreten. „Sieh mal, da kommt der Tierarzt“ ruft der Begleiter und nickt einem großen, sehr dünnen Mann zu, der sich uns mit großen Schritten nähert und der dem vertrauten Bild des Tierarztes in dickem Wollpullover und Tuch nicht recht entspricht. Der Mann nämlich trägt eine Ray Ban Sonnenbrille, ein marineblaues Hemd, mit sehr weit geöffneten Knöpfen und eine dünne Leinenhose. „Ist das warm“, sagt der Mann, der sich bei näherer Betrachtung tatsächlich als der Tierarzt herausstellt und der Begleiter nickt voller Begeisterung. Ich schüttle den Kopf und mit mir wundern sich bestimmt alle Mütter, Frauen und Tanten zwischen Vincenza und Palermo, wie man 15 Grad über Null für warm, heiß oder gar schweißtreibend halten kann. Der Tierarzt zieht sich mit Buch auf die Wiese zurück und winkt mir zu. Ich ziehe den Schal enger an mich heran. Zurück im Büro drehe ich die Heizung höher, dann mache ich mir eine Schale kochend heißen Tee. Endlich kann ich meine Fingerspitzen wieder fühlen. Draußen vor dem Fenster aber tanzt die Sonne, der Wind pfeift und noch das letzte Stück Rasen ist belegt. Die Sonne nämlich ändert hier alles und ich fürchte alle außer mir haben schon vergessen, dass dies eine Insel im westlichen Atlantik ist und nicht Sizilien oder Vincenza im glühend- heißen Sommerlicht, doch die Sonne scheint einfach weiter und ich reibe mir die kalten Hände.

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14 Uhr und 15 Grad über Null