Unvergänglichkeit

Fast alles habe ich schon von dir vergessen. Nur manchmal schickt mir die B. ein Bild von dir. Die Vernissage des Malers X heißt es dort war gut besucht und auch der Künstler selbst mischte sich unter die Anwesenden. Oft muss ich zwei- oder dreimal auf das Bild sehen, bevor ich dich unter den Anwesenden finde. Merkwürdig, kommt es mir vor, dass aus dir dem Verschwiegenen jetzt ein Anwesender geworden sein soll, mit Weinglas in der Hand und rotem Tuch um den Hals. Das Weinglas hältst du mit gespreizten Fingern, ich suche nach der Narbe auf deinem Handrücken, aber ich sehe sie nicht. Vielleicht irre ich mich nun auch schon in deinen Händen, denn warum sollten ausgerechnet deine Hände meine Erinnerungen an dich aufbewahrt haben.
Wenn ich mich an dich erinnern will, muss ich die Zeitungsausschnitte weglegen, die die B. mir mit beiläufigen Bemerkungen unterschiebt. Erst dann sehe ich dich noch einmal in deiner Wohnung, die auch einmal meine gewesen ist, aber vielleicht geht meine Erinnerung hier schon fehl, denn nur weil ich auch einmal dort gewohnt habe und deine Weinflaschen zum Altglas an der Ecke trug, machte das deine noch lange nicht zu meiner Wohnung. Trotzdem seitdem stelle ich mir vor, wie in der Küche, diesem schlauchartigen, langen Raum die Weinflaschenberge wüchsen wie Zimmerpflanzen anderswo, bis sie schließlich an die Decke reichten, ein turmhoher Wald aus grünem Glas. Aber wer weiß. Bestimmt tragen heute andere Frauen deine Flaschen zum Altglascontainer an der Yehuda / Ecke Malakoffstraße, oder du hast doch irgendwann eine Zugehfrau eingestellt, am unwahrscheinlichsten aber, du trinkst Wein aus Gläsern und stehst in deiner Küche mit abgespreizten Finger und suchst nach dem roten Schal. Deine Küche also, erinnere ich noch immer. Das gelbe Trockengestell für Geschirr, das immer tropfte, auch wenn gar keine Tasse oder ein Teller mehr dort standen. Der stete Tropfen blieb. Meinen Versuchen dem Tropfen doch auf den Grund zu gehen, traf auf dein Stirnrunzeln. Ich gab es auf und wachte manchmal nachts auf von dem leisen pling, pling, pling und stand auch ein- oder zweimal auf mitten in der Nacht, um dem Tropfen auf den Grund zu gehen. Immer aber wachtest du auf, bevor ich endlich und immer war ich kurz davor, dem Tropfen auf den Grund gehen konnte. Du zogst mich zurück ins Zimmer. Dein Zimmer war damals voller Abbildungen der Portraits von Fayum. Immer sahen sie uns an, die mumifizierten Frauen deren Porträt man auf einem Stück Holz festhielt. Später, da wohnte ich schon lange woanders, habe ich in einer Ausstellung einmal gelesen, dass diese Porträts an den Mumien selbst befestigt wurden, sie dienten als eine Art Personalausweis, vorzulegen offenbar beim Eintritt in die Unterwelt. Die Porträtmaler von Fayum malten nie lebendige Menschen, sondern sollten Erinnerungen an ein Mädchen oder einen Mann konservieren. Mir waren die Toten unheimlich und du lachtest. Immer schon lag ein Schweigen in den Gesichtern und sehe ich heute deine Bilder an, erinnert mich keines von ihnen an die Portraits von Fayum. Damals aber als ich dich liebte, suchtest du nach der Unvergänglichkeit der Schönheit in den Bildern: in denen die du ansahst und in denen die du malen wolltest. Ich erinnere mich wie wir gemeinsam in einer Ausstellung vor den Bildern von Peter Paul Rubens standen: „Sie altern noch während man sie nur ansieht“ , sagtest du und gingst schon wietre nur um über Giacometti dasselbe zu sagen. Alt schon noch vor dem Trocknen der Farbe. Ich aber behielt mir die schweren Rubens-Mädchen. Noch immer glaube ich, würde ich auf sie zählen, traute ihnen die Beherztheit zu auch mir zu Hilfe zu kommen, auf die Rubens-Frauen scheint mir ist Verlass, die Passbilder der Toten aber, verschwimmen schon und nachts, damals im Zimmer, ich bin mir ganz sicher, lachten sie spöttisch und keineswegs nachsichtig über uns. Dein Zimmer erinnere ich nur im Dunkeln, dabei war es das hellste Zimmer der Wohnung. Hellblaue Gardinen und Pinsel in Honigtöpfen. Der Geruch von Terpentin zwischen allen. Dabei maltest du nie in der Wohnung, sondern immer nur in deinem Atelier. Drei Farben: Rot, Ocker und Braun, daran erinnere ich mich. Alle anderen Farben ließest du aus. Heute sind auf deinen Bildern alle Farben, nur das Rot ist verschwunden, nur noch als rotes Tuch liegt es um deinen Hals. Aber wenn ich mich erinnere, sehe ich das Rot deiner Bilder überall, in deinen Haaren, deiner Haut, irgendwann auch auf meiner und noch immer, noch heute macht mich roter Nagellack sofort und so unmittelbar nervös, das ich ihn abmachen muss, kaum ist er getrocknet. Da unter meinen Nägeln bist du also noch. Ich habe dich fast schon vergessen. Ich weiß noch, dass wenn Du dir Kaffee mit Honig süßtetst und ich habe nach dir niemanden mehr gekannt, der zwei Teelöffel Honig in die Tasse gab, immer blieb eine Spur von Honig auf deiner Oberlippe kleben. Kaffee schwarz, keine Milch, kein Zucker, dafür mit Honig. Ich sah deinem Löffel in der Tasse zu und ließ dich schwören, dass der Oberlippenhonig auf ewig mir gehöre. Du machtest ein feierliches Gesicht. Auf dem Zeitungsbild aber nur ein scharfgeschnittener Mund, ein glattrasiertes Kinn und nirgendwo ein Hauch Honig an Dir. Einmal rauschte durch das Küchenfenster eine Taube herein, aufgeregt flatterte sie auf der anrichte umher, schlug mit den Flügeln, gurrte und schrie, du aber nahmst die Taube in beide Hände und stiegst mit ihr in den Händen aufs Dach, dort hoch über Jerusalem schließlich standest du und mit der verirrten Taube, und auch nachdem sie lange schon davon war, verschwunden im weiten und gleißenden Himmel, sahst du ihr nach. Eine Feder blieb von ihr in deinen Händen zurück und mit ihr strichst du mir über mein Schlüsselbein, dann nahmst du dir einen Finger zu Hilfe. Vielleicht war das der Moment in dem du begannst mich zu vergessen. Es ist das letzte Bild von dir, was ich erinnere. Verwaschen blau, war die Hose, auf dem Zeitungsbild trägst du ein weißes Hemd. Keine Feder, keine Taube, kein Honigtopf ist auf deinen Bildern zu sehen, in der Hand ein Weinglas, es ist weder halbvoll noch halbleer, kein einziger Tropfen an seinem Rand.Ich hatte dich schon fast vergessen. „Unvergänglichkeit“ sagt der Zeitungsartikel, so hieße die neue Ausstellung von dir.

Kalte Füsse

Immer aber wenn das Flugzeug nördlich der walisischen Küste langsam zu sinken beginnt, bevor es Anflug auf Dublin nimmt, beuge ich mich vor und sehe aus dem Fenster. Ob es mir wohl diesmal gelingt, das kleine irische Dorf in dem ich lebe auszumachen? Den Leuchtturm nämlich, den ich aus dem Schlafzimmerfenster sehe, kann ich immer entdecken und auch die Dorfstraße glaube ich zu sehen, aber dann wenn ich den Kirchturm suche und nach dem Schieferdach meines Hause schaue, verliere ich erst das Dorf und dann auch den Leuchtturm aus den Augen und bald sinkt das Flugzeug tiefer und tiefer und schon rollt es auf der Landebahn und kommt zum Halten. In Dublin ist der Himmel hellblau und weich und mir ist, ich könnte fast schon den Frühling riechen, dabei sagt das Kalenderblatt doch laut und unüberhörbar: Winter. Aber auf den Straßen tragen die Leute Sonnenbrillen, Kinder jagen Sonnenstrahlen und ich zähle bestimmt fünf Männer mit Eis in der Hand. Die Studenten halten ihre Gesichter in die Sonne. Das würde ich auch gern, aber der Tag, mag er auch noch so himmelblau sein, zieht an mir und lässt mich nicht wieder los und ich sehe erst wieder aus dem Fenster, sitze ich im Zug nach Haus. Niemand außer mir steigt an der dem Dorf am nächsten gelegenen Bahnstation aus und vor dem Bahnhof wartet ans Auto gelehnt der Tierarzt. Groß und schmal und mit verschränkten Armen, neigt der Tierarzt den Kopf zu Seite und nickt mir zu: „Du bist zurück.“
Schon fahren wir am Meer entlang. Die dunklen Felsen zu unserer Linken, schroff und mattschwarz führen geradewegs hinunter zum Meer. „Hältst Du kurz an?“, frage ich den Tierarzt und der Tierarzt nickt wieder und parkt den alten Volvo am Straßenrand. „Komm“ sage ich und ziehe mir im Laufen die Stiefel aus und die Socken gleich mit dazu. Fast bis an Knie kremple ich mir die Hosen herauf. Nass klebt der Sand an meinen Füßen und der Tierarzt zögert für einen Moment. „Ernsthaft?“, fragt er und ich nicke ihm zu, bis er sich auch Schuhe und Strümpfe von den Füßen streift und dann ziehe ich den Tierarzt mit mir ans Wasser. Schwarz und dunkel ist die See, tief und kalt schlägt sie uns um die Knöchel, ein wenig taumeln wir, denn das Meer gibt nicht nach. Das kalte Wasser macht uns atemlos. So eisig ist das Wasser, dass es uns scharf in die Knöchel schneidet, beißend und unnachgiebig und ich bin sicher, dass uns sofort Eiskristalle an den Fußsohlen wachsen, durchsichtig und eisig klar.Der Tierarzt neben mir schnappt nach Luft. „Du bist verrückt“, sagt er leise, aber ich schüttle den Kopf und ziehe den Tierarzt näher zu mir. Nein, sage ich nur und halte die Hand des Tierarztes fester.
Ich will mich erinnern, an das eisige Wasser und deine Hand, in vielen Jahren vielleicht von einem anderen Ufer, will ich diesen Abend aus einer Rocktasche ziehen und noch einmal neben dir stehen, in den Wellen, mit Wind im Haar und deiner Hand in meiner. Wir, ausgerechnet wir die verlorenen Kinder stehen hier mit dem Kopf in den Wolken und den Füßen in der schäumenden See.

Klar ist die Nacht und fast wolkenlos, mild dazu als sei es April. Wir zählen die Sterne und erst als der Tierarzt ernstlich beginnt mit den Zähnen zu klappern, rennen wir los, vergessen fast Schuhe und Socken und mit sandigen Füßen sind wir zehn Minuten später daheim Die Katze sieht uns verwundert an, wie wir atemlos und mit roten Füßen, Sand in der Diele verteilen. Der Tierarzt sucht nach den dicksten Socken und ich fülle die Wärmeflasche auf. Bald schon sieht man vom Tierarzt nur noch eine rote Nasenspitze unter dem wollenen Plaid. Ich richte eine schnelle Suppe und während ich noch die Teller wärme, beginnt der Tierarzt erst leise, denn den Tierarzt hört man fast nie, zu kichern, bald aber schon lacht er und schüttelt sich, krümmt sich und lacht und lacht ein Lachen, dass unter den Rippen sitzt und ihn nicht aufhören lässt ,sogar die Katze nun endgültig verstört, springt von seinen Füßen. Noch später, nach Suppe und Butterbrot, als der Tierarzt in der Badewanne liegt, lacht er und lacht, lacht wild und wunderbar. Später noch, mitten in der Nacht wache ich auf und der Tierarzt schläft mit kalten Füßen aber einem Lächeln auf den Lippen weiter. Ich trinke ein Glas kaltes Wasser in der Küche, noch immer aber liegt Salz auf meinen Lippen und ganz bestimmt glitzern Eiskristalle auf meinen Füßen und als ich zurück ins Bett gehe, sehe ich noch einmal herüber zur leise, rauschenden See und dem blinkenden Leuchtturm, nah und doch so fern, weit draußen, inmitten der wilden Wogen.

Ein Lied im Rücken

Früh ist es, denn früh ist es ja immer. Noch aber ist die Wärmflasche an meinen Füßen warm genug. Noch gluckert das Wasser in der Heizung nicht, noch nicht einmal das Milchauto ist durchs Dorf gefahren, noch ist der Tag noch gar nicht da. Der Tierarzt aber ist schon auf, denn im Bad rauscht leise Wasser. Der Tierarzt, der doch selten spricht und ungern überhaupt vor Mittwoch den ersten Satz sagt, singtOh don’t be sorry, boy, it’s easy/Yes, you can release me/ Gotta lay it on the line /Feeling pretty fine now. Ein leises Summen erst, denn ich stecke mit dem Kopf noch tief im Federbett. Aber ganz eindeutig und nicht zu überhören: der Tierarzt singt. Saving all my time now /Love’s no friend of mine. Der Tierarzt singt hell und mit warmen Ton. Das erste Mal habe ich den Tierarzt für ein krankes Lamm singen hören. Ein Schlaflied für das weiße Bündel Fell in seinen Armen und warte ich manchmal vor einem Stall auf ihn, bin ich mir sicher der Tierarzt singt noch ein Trostlied für die Kühe. Selbst schlafschwer muss ich mein Herz festhalten, singt der Tierarzt, der doch in der Stille zu Hause ist. I do it on my own/And I’m ready to go. Endlich aber wickle ich mich aus dem Federbett in den Bademantel, putze die Zähne, ordne mein wildes Haar, setze den Teekessel auf und suche nach den Haferflocken. Indes sitzt die Katze auf den Treppenstufen vor dem Badezimmer und die Katze, wippt ganz eindeutig und sehr rhythmisch mit der Schwanzspitze: I just think of all that I could do /No more need to fight, right? Nicht einmal das Rascheln der Tüte kann die Katze locken. Der Porridge quillt und ich klappe das Notebook auf. Siebzehn Männer schickten mir eine Email in der sie mich zu überzeugen versuchen, dass ihr Penis zwei Meter lang/ hart wie Stahl/ da zu da sei, es mir einmal richtig zu besorgen. Sie bemühen sich vergeblich. Die Bilder, die sie schicken sind von obskurer Traurigkeit. Im Hintergrund ihrer heruntergelassenen Hosen liegt Müll, steht eine zerschlissene Couch, oder hängt eine fleckige Gardine. In einem Bild, so scheint mir steht ein Schatten in der Tür. Ist das dann die Ehefrau, die sich wundert oder auch nicht, warum ihr Mann mit heruntergelassenen Hosen vor dem Computer steht? Eine elegante Pose ist das ja nicht und vor allem nicht zu dem Demonstrationszweck geeignet, den sie mir in groben Worten ankündigen. I survived way worse before /And all these words ain’t got me chokin‘ singt der Tierarzt und ich antworte fünf Männern. „Sehr geehrter Herr XYZ, bitte suchen sie schnellstmöglich einen Facharzt für Geschlechtskrankheiten auf. Ihre Erkrankung ist akut behandlungsbedürftig und meldepflichtig.“ Wenn man immer vorher wüsste, was einem Lebensthema würde. Die restlichen Bilder lösche ich. Cause my heart it ain’t that broken /And I can’t hear you I’m like I won’t be missing, be missing you. Der Porridge ist schließlich auch längst fertig, Bananen, Nüsse, Zimt und Zucker und Honig müssen angerichtet, der Tisch gedeckt, die Zeitung herein und die Katze herausgelassenen werden. Endlich tanzt auch der Tierarzt die Treppe hinunter und zieht mich sich in seine Arme: Love can be like magic/ What we had was tragic/ Do it baby, set me free, singt der Tierarzt in mein Ohr und wir die doch so traurigen Kinder tanzen im Morgengrauen. There’s no need to wonder und du lachst heiser in mein kaltes Ohr. „Was machst du mit mir?“ sagst du. Help, help me Rhonda /Get your hook right off me, sagt das Lied und ich lehne mich an dir an. Der Tierarzt würgt am Porridge, die Katze will immer noch mehr, ich nun endlich auch unter die Dusche, denn das Ticken der Uhr schreckt auch vor Gesang nicht zurück. Als ich endlich in Kleid und Jacke die Treppe hinunterlaufe, wäscht der Tierarzt ab. Schon hupt der Priester, der mich heute mit in die Stadt nimmt dreimal, ich winke dem Tierarzt, schnappe Tasche und Bananenbrot und laufe hinaus. Morgen Fräulein Read On, sagt der Priester und nimmt das Bananenbrot gerne an. Morgen Priester sage ich, der Tierarzt winkt mit dem Geschirrhandtuch: ‚Cause my heart it ain’t that broken/I survived way worse before /And all these words ain’t got me chokin‘/Cause my heart it ain’t that broken. „Ist das der Tierarzt, der da singt“, fragt der Priester, da fahren wir schon die Dorfstraße hinunter, zu unserer Rechten das Meer eisblau und spiegelglatt und schon wird das Dorf im Spiegel kleiner und kleiner, doch das Lied bleibt uns im Rücken.Ich nicke „Ja, sage ich, das ist der Tierarzt der da singt“ und der Priester und ich lächeln uns zu. Cause my heart it ain’t that broken/ Cause my heart it ain’t that broken.

Leslie Clio, „My Heart Ain’t That Broken“

Höhere Mächte

Fast so lange wie ich die D. kenne war D. mit dem E. liiert. Die D. müssen sie sich als eine überaus vernunftbegabte Person vorstellen. Auf keinen Fall ist sie je solch ein Zausel gewesen wie das Fräulein Read On. Die D. mit ihren roten Locken und grün gesprenkelten braunen Augen und ihrer immer aristokratisch-gelassenen Haltung ist das genaue Gegenteil des benannten Fräuleins. Die D. weiß gar nicht was eine Laufmasche ist, während das Fräulein Read On schon Vorträge mit abgebrochenem Hacken absolviert hat. Nicht nur weil das Wort patent so überaus treffend für die D. ist, ist sie Patentanwältin geworden und der E. ihr langjähriger Gefährte tat es ihr nach. Den E. allerdings habe ich nie recht leiden mögen, vor allem weil er stets mit weinerlicher Stimme von seinen vielen Wehwehchen klagte und mir einmal sogar sein Taschentuch mit Inhalt unter die Nase hielt-wohl in der Erwartung, dass ich einstimmte in sein Jammern und Klagen. Aber wer das Fräulein Read On kennt, wird wissen, dass der E. mit schallendem Gelächter noch einmal milde davongekommen ist. Aber die Gefährten lieber Freunde ertrage man mit nachsichtiger Milde und als die D. vor einem Jahr, etwa um diese Zeit ankündigte, dass sie und ihr lieber E. das Weihnachtsfest statt bei seinen Eltern im schönen Schwetzingen zu verbringen, nach Mexiko fliegen würde, nickte ich beipflichtend und fragte, es sage ja keiner, dass Fräulein Read On sei ein Unmensch, ob der E. sich denn für solch eine Reise gesundheitlich gerüstet fühle. Der E. so die D. hat eine ausführliche Beratung bei einem Institut für Tropenkrankheiten absolviert und sei guter Dinge. Ich wünschte das Allerbeste und bestärkte die D. in der Annahme der E. würde vor Palmen und weißem Sand einen Ring aus der Hosentasche ziehen und die D. bräuchte nur mehr romantisch: „Ja ich will“ zu hauchen. Der D. patent wie sie nun einmal ist, war diese Fantasie so konventionell sie auch sein mag, durchaus peinlich. Die D. ist in allen Fragen des Lebens praktisch und hat sich nie mit derselben Begabung in amouröse Katastrophen gestürzt wie sagen wir das Fräulein Read On. Auf dem Flughafen jedenfalls stießen die G. und der K. dazu, aber beide kenne ich nicht. Der E. habe sie wohl auf einem Juristenkongress kennengelernt und man habe sich sympathisch genug gefunden, um auch eine Fernreise unbeschadet zu überstehen. Mexiko jedenfalls habe sich gut angelassen. Die Sonne schien. Der Wind hauchte mild. Schwetzingen und die seltsamen Eltern des E. waren fern. Kühl war der Weißwein in den Gläsern und wenn der E. auch über Kopfschmerzen und ein Stechen in der Brust klagte, so war doch alles von mexikanischem Blau- es war ja Weihnachten-überzuckert. In den nächsten Tagen besichtigte man gemeinsam Tempel und bestaunte alte Götter. Abends aß man guten Fisch und trank noch mehr vom kühlen und sehr angenehmen Wein. Die D. schaute dann und wann zum E. herüber, ob er nicht wohl doch einen Ring? Aber dann unterhielt sie sich mit der K. über gemeinsame Berliner Bekannte und mit dem G. über den Kauf einer Ferienwohnung in der Toscana. Der E. sprach munter dem Wein zu, nieste, schniefte und keuchte wenig und so schlief man gut im weihnachtlich beleuchteten Hotel. Anderntags las man am Pool, schwamm und die D. ließ sich massieren. Am Abend klagte der E. über Druck auf der Brust. Die G. aber bot dem E. etwas Homöopathisches aus ihrer Reiseapotheke an. Der E. nahm dankend an und folgte der G. Zurück blieben D. und K. Lange sahen sie der Sonne beim Versinken zu. Dann ging die D. schlafen, der E. indes war noch nicht zurück von den heilenden Händen der G. Am anderen Morgen jedoch lag der E. leise schnarchend an ihrer Seite. Aber auf den geplanten Ausflug hatte er keine Lust und auch die G. fühlte sich nicht ganz an Deck. Den Ausflug machten dann die eben der K. und die E. Überraschend stellte sich der K. als Kenner aztekischer Kultur und die D. hörte dem K. gern zu und schickte Fotos zu mir nach Berlin. Als sie schließlich in das Hotel zurückkehrten wand sich der E. jedoch keineswegs auf dem Boden noch tappte die G. halbstündlich ins Bad. Vielmehr saßen die E. und der G. sehr lebendig auf der Terrasse, mit Blick aufs Meer, der kühle und sehr gute Weißwein in Reichweite und hielten sich bei den Händen. Der E. so die D. trug einen überaus albernen Sombrero und als die D. und der G. ins Bild traten, beugte sich die G. vor und küsste den E. auf die etwas zu schmalen Lippen. Noch am selben Nachmittag aber zog der E. ins Zimmer der G. und der K. nahm sich ein Einzelzimmer. Die verbleibenden Urlaubstage aber sah die D. lange aufs Meer und nahm die Arbeit zur Hand, die sie, patent wie sie ist eingesteckt hatte. Manchmal machte sie einen Spaziergang mit dem K., der für lange Stunden in einem Buch über aztekische Zahlensymbole las. Auf dem Rückflug tauschte die D. den Sitzplatz, aber neben dem K. saß sie nicht. Zurück in Berlin, packte der E. seinen Koffer in der gemeinsamen Wohnung gar nicht mehr aus. „Unsere Immunsysteme harmonieren nicht“ ließ er die D. wissen und sah sich nicht noch einmal um.

„Dieses Jahr aber“ sagt die D. „bliebe sie über Weihnachten in Berlin“ und zuckt mit den Schultern. „Der G. und die E. wären inzwischen verheiratet, so hätte sie gehört und verbrächten ihre Flitterwochen in Mexiko“. „Der K. würde ihr immer mal schreiben, geantwortet hätte sie ihm nie. Vielleicht würde sie sich Weihnachten endlich einmal an einen Antwortbrief setzen, es sei ja schließlich keine Art sich so gar nicht zu melden“. Die D. aber das sagte ich ja bereits ist eine ausgenommen, praktische Person, ganz ohne Fehl und Tadel und wäre niemals wie das Fräulein Read On auf die Idee gekommen, dem frisch vermählten Paar eine sehr schlechte Kiste Weißwein zu schicken, von der man garantiert solche Kopfschmerzen bekommt, dass selbst die flucherprobten Götter der Maya und Azteken nicht ganz unbeeindruckt gewesen wären oder vielleicht sind, denn wir Sterblichen wissen nichts über ihr Wesen und Sein.

Ein Abschied, kein Wiedersehen

Für gute drei Stunden sah ich nur deinen Mantel. Hellgrau, mit blauen Fäden durchwirkter Stoff, an das Muster kann ich mich nicht mehr erinnern, nur an das Blau in deinem Rücken. Kornblumenblau aber ich mag mich täuschen. Dein Haar reichte bis an den Kragen aber nicht ein einziges Mal fuhrst du dir mit der Hand durch die Haare. Nicht ein einziges Mal aber drehtest du dich um und für gute drei Stunden überlegte ich immer einmal wieder was du wohl für ein Gesicht haben würdest. Hornbrille, Sommersprossen und einen rötlichen Bart? Lange Wimpern, einen scharf geschnittenen Mund und weit in die Stirn fallende Locken? Kieselsteingraue Augen, Schnurrbart und hochgezogene Augenbrauen? Dann endlich schob eine Frau einen Wagen mit Kaffee und Keksen durch den übervollen Zug und ganz plötzlich, völlig unerwartet drehtest du dich um. Ich sollte mich in allem irren. Kein Bart, nicht einmal dunkle Schatten auf den Wangen. Die Haare sandfarben und glatt. Deine Augen nämlich waren blau, aber Kornblumenblau waren sie nicht. Ein verschattetes Blau lag in deinen Augen. Ein Blau wie man es manchmal in Italien oder überhaupt im Süden sieht, wenn die Sonne eigentlich schon ihren Zenit überschritten hat, aber noch immer grell und gleißend über dem Himmel liegt, der sich selbst blendend vor der Sonne schützt. Dies war das Blau deiner Augen. „Gefällt Ihnen was Sie sehen?“ fragtest du mich. Ich hatte wohl sehr offensichtlich deine Augen in Beschlag genommen. „Wollen Sie mir gefallen?“ fragte ich dich. „Unbedingt“ sagtest du. Ich lachte. Du bliebst ganz ernst. „Gefalle ich Ihnen?“, fragtest du mich wieder, als ich mein Lachen wieder einfing und mir in meine Manteltasche schob. ( Dunkelrot, mit weiten Taschen.) Ich zuckte verlegen mit den Achseln. „Was würde das ändern?“ Du klangst sehr sicher: „Alles.“ Wieder musste ich lachen und wieder dauerte es bis das Lachen wieder im Mantel verschwand. „Niemals“ sagte ich dann zögernd, gegen deine Überzeugung“ ändert sich alles durch bloßes Gefallen.“ „Sie haben es in der Hand“ sagtest du.“ „Zeigen sie mir Ihre Hände“ bat ich dich. Du hieltest mir die Hände hin. Schmalgliedrige Finger, sorgfältig geschnittene Fingernägel, am Daumen der rechten Hand eine sichelförmige Narbe und bläulich schimmernde Adern liefen über deine Handrücken hinweg. „Arzt?“ fragte ich dich und strich dir einmal und wie ich hoffte beiläufig über die Fingerspitzen. Nun aber kam das Lachen zu dir und ich stahl dir ein bisschen davon und schob es mir in die Manteltasche. Für später. „Privatdetektivin?“, gabst du zurück. „Nicht einmal aus der Hand lesen kann ich“, sagte ich und gab dir deine Hände zurück. „Schade“ sagtest Du und ich weiß bis heute nicht, ob du meinen Beruf oder deine Hände meintest. „Wie heißen Sie“, wolltest Du wissen. „Man nennt mich das Fräulein Read On“ erwiderte ich und Sie, wie heißen Sie?“ „Man nennt mich „Herr Doktor“ sagtest Du und wir mussten lachen und das Gelächter wechselte die Manteltaschen und flog zwischen uns hin- und her. Zwischen uns drängten sich Reisetaschen, Zehenspitzen, ein hechelnder Spaniel, ein schwitzender Schaffner und wieder die Frau mit dem klirrenden Wagen. „Ich weiß noch immer nicht, ob ich Ihnen gefalle“, sagtest du und ich schüttelte den Kopf: „Alles zerreißen die Wörter“ sagte ich und ich sah auf deine Hände und dann wieder in deine blauen Augen, die weder kornblumenblau noch blau wie der Enzian sind. „Nein sage ich, Sie haben nichts Gefälliges an sich, aber bestimmt ist in ihren Augen schon mehr als einer ertrunken.“ Du bliebst ganz stumm und ich hielt den Atem an bevor du dich zu mir herüberlehntest „Eh die Träume rosten und brechen/ laß die Geliebten darauf hinunterfahren/ Die Großen und die Kleinen/ in den Grauen Mänteln / schaut her / die helle Bahn, das Eis.“ Dann hielt der Zug. Im Vorübergehen fast schon eilig, legtest du deine Lippen auf meine Schläfe. Der blaue Schatten auf deinen Wangen war das letzte was ich von dir sah. Später ich stand noch immer im Zug, suchte ich in meinem Mantel nach deinem Lachen. Ich fand einen dünnen Band in der Tasche. Gedichte von Ilse Aichinger hattest du mir untergeschoben und eine Nummer nicht unter dem Eis, wohl aber unter dem Gedicht „Winterfrüh“ gelassen. Eine Woche später und wieder auf einem Bahnhof stehend, rief ich dich an. Eine Frauenstimme ging an den Apparat. „Liebling“ hörte ich sie rufen, ein Fräulein Read On will dich sprechen.“ Da hatte ich schon lange aufgelegt und in dem Gedichtband mit dem blauen Lesezeichen blätterte ich nur dann und wann einmal flüchtig, nur ihm schnell wieder zur Seite zu legen. Aber heute, als ich vom Tod Ilse Aichingers las, sah ich sie vor mir deine dunklen, blauen Augen, nicht meerblau, nicht kornblumenblau, kein aquamarinblau, sondern ein seltener Schatten, vielleicht sogar ein wenig Rost von alten Träumen mag darunter gewesen sein und ich erinnere mich an einen Satz Ilse Aichingers, der mir zu dir doch nicht aus dem Kopf gehen mag:“ Es wär ja leichter, wenn alles mit dem Abschied begänne und mit einem Wiedersehen aufhörte“, denn so gerne hätte ich dich noch einmal angesehen, und mit diesem Abschied einen Anfang oder wenigstens den Beginn eines dunkelblauen, grau-durchwirkten Wiedersehens, vielleicht an einem eisigen Tag an hellem Sand gemacht.

„Winterfrüh“ aus Ilse Aichinger s Gedichtband, Verschenkter Rat und ein Nachruf auf die Dichterin der stillen Töne.

Sie sagt,Er sagt.

    Das „Sie-Sagt-Er-Sagt“
   Das „Wie-Was-Wer-Hat“
   Was sie und was er
   Und wer was nie macht“ , Max Herre, „Er Sagt-Sie Sagt“

“Ein aufgeblasener Fasan“, sagt die D. sei er und schleudert ihr Stethoskop auf den Tisch. „Eitel und arrogant, eine menschliche Schnake, fürwahr ein Mensch aber mit dem Gefühlshaushalt einer Amöbe“, fährt die D. fort und hackt mit der Gabel in den Apfelkuchen, als sei er das Schlachtfeld der Bauernkriege. „Sind Amöben nicht weit komplexer als angenommen?“, frage ich zurück und versuche mich an den Aufbau des Pantoffeltierchens ( ist das noch eine Amöbe? ) zu erinnern. Leider fällt mir nichts ein. Das einzige was ich aus dem Biologieunterricht vergangener Tage noch erinnere, ist wie der Biologieprofessor durch die Bankreihen schlich, einem Mädchen an die Schulter fasste und schrie: „Rachida, geh fort ich will Dich beissen“, aber er war nicht als Vampir wiedergeboren, sondern wollte uns die Tollwut praktisch und plastisch erklären. Rachida daran kann kein Zweifel bestehen hatte zudem die apartesten Schultern. Von all dem aber will die vor Wut schäumende, wenn auch nicht vom Fuchs gebissene D. nichts wissen und so faucht sie in meine Richtung gewandt: „ Read On verschone mich mit deinen Spitzfindigkeiten.“ Da sie die Gabel auf mich gerichtet hält, halte ich mich zurück, denn die D. tendiert dazu Drohungen wahr zu machen. „Überhaupt“ schreit die D. „sie habe es schon im Grundstudium gewusst, Chirurgen seien die allerletzten, beziehungsgestört, potentielle Alkoholiker, eitle Maniker und überhaupt einer Nacktschnecke verwandter als noch dem primitivsten Primaten.“ „Ein aufgeblasener Gockel“, sei dieser Mann „und überhaupt ihre Großmutter hätte einen Blinddarm operieren können und eine schönere Näht gelegt als dieser Pantoffelheld.“ Ich muss kichern, denn Pantoffelheld klingt zu schön, vor allem aus dem Mund der fauchenden D. Die bemerkt zum Glück mein verstohlenes Kichern nicht und nickt als ich ihr die Sahne über den Tisch reiche. „Was ist denn passiert?“ frage ich die D. und die D. klopft mit dem Silberlöffel auf den Tisch. „Dieser Wiedehopf“, schnarrt die D. hat sich erdreistet mich vor allen dem Chefarzt, aber noch schlimmer den Schwesternschülerinnen und allen, wirklich allen die auf dem Stationsflur anwesend waren, zu küssen.“ Noch immer hämmert die D. mit dem Silberlöffel, keineswegs rhythmisch unbegabt auf den Tisch. „Küsst er gut?“, frage ich weiter, denn das scheint mir die naheliegendste Frage zu sein?“ Ja. Nein. Auf gar keinen Fall“, sagt die D. und versetzt dem Tisch einen letzten Hieb. „Read On“ faucht sie, nur Du kommst mit solchen dialektischen Spielereien an und dabei ist das nicht der Punkt. „Dieses Kamel, diese hohle Haselnuss küsst mich auf dem Flur vor allen und untergräbt meine Autorität.“ Dies scheint mir eine etwas forsche Annahme, denn die D. hat schon mit vier Jahren den Kindergarten mit eiserner Hand geleitet, aber als Freundin schenke ich Kaffee nach und nicke milde. „Schon als dieser Maulwurf meine Station zum ersten Mal betrat, wusste ich dies würde nur Ärger geben. Ein Sturkopf, ein Esel und dann dieses ewige Lächeln“, der Mund der D. ist unterdessen nur noch ein schmaler Strich, „sein ewiges Regel brechen und dann dieses alberne Motorrad. Wer bitte der noch etwas Verstand im Kopf hat, fährt denn Motorrad?“ Oh, denke ich und erinnere mich mit Wehmut der kleinen, roten Vespa mit der ich jahrelang und sehr, sehr gerne fuhr. Die D. schüttelt ihre schönen kastanienbraunen Locken und flucht: „eine eitle Giraffe, ein elender Grünfink, sei dieser Mann und fügt anklagend hinzu, dass dies alles meine Schuld sei, denn es sei mein Geburtstag gewesen, auf dem meine Erdbeerbowle, sie dazu verleitet habe, diesem Casanova das Du anzutragen.“ Ich verzichte darauf, die D. darauf hinzuweisen, dass die C. die Erdbeerbowle mitgebracht hatte, sondern lege der D. zwei Dattelmakronen auf den Teller und zähle bis zehn. „Sag, bist Du verliebt D?“. höre ich mich sagen und für eine lange Minute sieht die D. mich an. Dann springt sie auf, stößt den Stuhl zur Seite und zischt: „Ich hatte dich wirklich für eine Freundin gehalten.“ Dann schlägt die Tür und die D. ist fort.

Ich räume den Tisch ab, wasche meine Haare, richte den Bücherstapel der nach Irland zurück soll, harke Laub im Garten und lasse den Igeln einen besonders großen Haufen für den Winterschlaf, ich wasche den Wollpullover, lege ich mich für eine halbe Stunde schlafen, schnuppere an den Rosen, die die C. mir brachte und arbeite ein wenig hier und ein wenig dort.

Dann schellt es an der Tür. Vor mir steht groß und schön der T. „Eine Hyäne, sei diese Frau“, sagt der T. und schleudert sein Stethoskop auf den Tisch. Kalt wie ein Gletscher, kälter noch als die Eiger Nordwand und die Steppe Sibiriens sei diese Frau. „Apfelkuchen?“ frage ich und der T. nickt. Die Eisprinzessin selbst sei noch eine warmherzige Frau gegen diese Kobra. „Sind Schlangen nicht wechselwarm, frage ich den T?“ Denn als ich ein Kind war im Land K., da kamen abends die Schlangen, die tagsüber verborgen lagen und wärmten sich auf dem noch warmen Teer. „Ach Read On“, sagt der T. Du immer“. Ich schiebe die Sahneschüssel zu ihm hin. Der T. nimmt sie gern. Schon als Assistenzarzt habe er sich geschworen, niemals nie bliebe er auf der Inneren: Internisten seien ein einziger Graus. Entscheidungsunwillig, ewig noch über einem Schnupfen als Diagnose brütend, könnte ja auch Malaria sein, penibel, besserwisserisch, mimosenhaft ohne Ende und vom Charme eines einäugigen Tintenfisches. Eine Megäre und den Erinnyen nicht unverwandt, sei diese Person, schimpft der T. weiter und rührt mit dem Löffel in der Sahneschüssel als gelte es die Tiefsee zu erreichen. Selbst seine Tante könnte einen Magen-Darm-Virus einfacher mit Salzstangen kurieren, als die Pinguine von Internisten an erster Stelle, die D. mit ihren hochgezogenen Augenbrauen und einem Herzen aus Stahl. Der T. schüttelt sich wie ein nasser Hund und ich lege ihm ein zweites Stück Kuchen auf den Teller. „Was ist denn passiert?, frage ich so unschuldig wie ich nur kann“ Der T. seufzt. Ich habe die D. geküsst. „Weißt Du“, sagt der T. „ich wollte einmal alles richtig machen und bloß nichts Heimliches anfangen.“ Die D. sei auch niemand denn man im Vorratsraum küsse oder hinter ein Auto ziehe. „Ich nicke. Jedenfalls, sagt der T. wollte er gleich Nägel mit Köpfen machen und habe die D. kurz vor der Visite, wo also wirklich jeder zugegen sei geküsst. Klare Verhältnisse und so. Der T. streicht sich über die Wange. „Diese Frau hat einen harten rechten Haken.“ Ich schlucke mein ‚ich weiß’ lieber herunter und biete auch dem T. Dattelmakronen an. Der T. schüttelt den Kopf, aber nicht über das Gebäck und schnauft: „ eine Krähe ist diese Frau, ein windiger Aal und überhaupt stur wie ein Lama und vom Gemüt einer Bergziege. Überhaupt sagt der T. sei das alles meine Schuld, hätte ich damals doch auf meinem Geburtstag ihn neben die D. gesetzt, wo ich doch wisse, dass er keine Erdbeerbowle vertrage. Ich zähle wieder einmal bis zehn bevor ich den schnaubenden T. frage: „Sag T. bist Du verliebt.“ Der T. sieht mich zornig, sehr zornig an und schnarrt? Verliebt? In diese Person?, stößt seinen Stuhl um, schnappt sich die Jacke, dann schlägt die Tür und der T. ist fort. Etwas sinnend sitze ich am Tisch, dann räume ich ab und und auf.

Am Abend kommt der liebenswürdige S. und über die Liebe reden wir nur beiläufig, fast im Vorübergehen als ginge die Liebe uns nichts an, mögen auch andere toben und schreien, denn die Liebe lacht die einen an, geht an den anderen vorbei und das ändern zu wollen ist müßig und vielleicht ist das so und nicht einmal weiter schlimm.

Dichterlesung

Früher, vor allem in den ersten Berliner Jahren bin ich sehr oft und völlig ahnungslos in meistens ziemlich schummerige Kneipenzimmer gegangen und irgendjemand stand irgendwann auf, wenn es meist schon sehr spät war und las Gedichte vor. Meistens eigene, manchmal wenn die Leute zu auffällig gähnten die von anderen und wollte es gar nicht werden, spielte jemand Gitarre. Ich verstand nur die Hälfte von allem und ich glaube das war schon mehr als genug. Geschlafen habe ich kaum in jenen Jahren und so viele Gedichte wie damals habe ich nie wieder gehört oder gelesen in den Jahren und Nächten, die dann kamen. Die Dichter waren glaube ich meistens gescheiterte Germanistikstudenten, die hier im Dämmerlicht noch einmal versuchten, wenigstens für eine Nacht, uns und sich zu überzeugen, dass das Leben aufregend sei, voller Verheißung und das die Liebe schon auf uns wartete, wenn nicht heute Nacht so doch morgen früh. Einmal sogar, war ich kurz davor einen der Dichter zu küssen. Schließlich waren es doch verklärte Nächte und der Dichter roch angenehm nach Moos und Karamell, selbst sein stutzerhafter Schnurrbart erschien mir eher liebenswürdig denn eitel und so neigte der Dichter seinen Kopf zu meinen Lippen. Aber dann wollte der Dichter seinem Namen alle Ehre machen und flüsterte: Atmete die Nacht so laut / dass ich schlief und doch nicht schlief ganz nah an meinen Lippen. Ich aber wurde gewahr, dass der Dichter Rotweinflecken auf den gelben Zähnen hatte und drehte den Kopf weg. „Entschuldige, sagte ich und drehte mich weg. Der Dichter aber sah mich fassungslos an und was er mir dann hinterherrief hatte nichts Poetisches an sich und war auch kein Rudolf Borchardt Zitat. Dann hörte ich auf zu Dichterlesungen zu gehen.

Vorgestern aber ging ich doch. Alles war anders und dies ist ja auch Dublin und nicht Berlin. Der Raum war hell erleuchtet, die Stühle unbequem vielleicht um daran zu erinnern, dass Gedichte es ernst meinen und auf keinen Fall Bequemlichkeit und Müßiggang erzeugen. Mit mir saßen etwa 25 ältliche Damen im Raum. Keine von ihnen war unter 60 Jahren und sie alle trugen fast identische, pastellfarbene Strickwesten. Bald stellte ich fest, sie alle waren Mitglieder des örtlichen Literaturzirkels und dem Dichter in Verehrung zugetan. Sie selbst gaben die Damen mir zu verstehen würden auch dichten, aber bevor sie mir Kostproben ihres Könnens zuteil werden lassen konnten, betrat der Dichter die Bühne. Auch er ähnelte in keiner Weise den Epheben der Berliner Tage, sondern ein wohlgesetzter, älterer Herr in scheußlich braunen Cordhosen und einem zerbeulten Cordjackett setzte sich und schenkte sich großzügig ein Glas Wein ein. Der Moderator des Abends und Vorsitzender des Literaturzirkels führte langatmig ein, bis der Dichter dann selbst zu einem langen Dialog über seine wunderbaren Jahre im Schülertheater ansetzte und natürlich beredtes Zeugnis von sich als Musterschüler ablegte. Die alten Damen seufzten andächtig, denn wer weiß vielleicht haben sie selbst einmal in einer Aufführung unter dem Pappbalkon gestanden und geseufzt: „Oh Romeo“ oder immerhin eine Nebenrolle als Amme erhalten. Mich indes befällt tiefes Misstrauen haben Menschen nie etwas Erhebenderes erlebt, als ihr Dasein als Musterschüler. Um nicht einzuschlafen, sage ich mir Schillers Glocke vor und als ich endlich bei Freude dieser Stadt bedeute/Friede sei ihr erst Geläute!, hatte auch der Dichter endlich Abitur und nach tränenreichem Abschied ein Studium in Galway aufgenommen. Der Moderator kündigt mit salbungsvoller Stimme nun die erste Lesung an und der Dichter bleckt die Zähne, blättert in einem Band, um dann mit schleppender Stimme ein Gedicht zu verlesen, dass von einem Loch im Dach handelt durch das der Regen tropft. Das zweite Gedicht beschrieb einen Fernsehabend, bei dem seine Frau und er den Blick nicht von der flimmernden Mattscheibe wenden können. Ich muss mir auf die Lippen beißen, um nicht zu kichern und die alten Damen schreiben mit. Das dritte Gedicht habe ich sofort vergessen, ich glaube es ging um Steuerzahler und ein Hündchen. Dann begann ein langer und länger werdender Monolog über das Dichterleben in Galway. In der Pause bin ich gegangen, denn der Dichter drohte weitere Lesungen aus dem Spätwerk an. Das letzte Gedicht, dass er schrieb, wurde er vor zwanzig Jahren veröffentlicht. Die Damen seufzten selig und ich entfloh. Im Zug zurück zu mir ins Dorf, dachte ich noch einmal an jenen anderen Dichter, den ich vor vielen Jahren, als Berlin nur ein Ort auf der Landkarte war, einmal liebte. Ob ich ihn liebte oder seine Gedichte weiß ich nicht mehr, nur das es ein Glück war aus Sinken und Gefahr, dass wusste ich doch, denn der Dichter war verheiratet und hatte vier schöne Töchter. Einmal habe ich ihn geküsst, obwohl ich glaube, dass es vielmehr ein gemeinsames Atmen war, damals im Land A. in dem dies schon reichte, um alles und nicht nur die Ehefrau zu verlieren. Einmal knöpfte er sein Hemd auf und legte meine Hand auf sein klopfendes Herz. Aber das Gedicht, dass zum Herzschlag gehörte, das gehört allein mir. Danach habe ich ihn nie wiedergesehen und als er anrief legte ich wieder auf. Manchmal erscheint ein Gedicht von ihm in den Zeitungen des Landes A. Sie gleichen den Gedichten des irischen Poeten fast auf das Haar, so langweilig, so blutarm, so ohne Herzschlag sind sie und was dem einen das Hündchen sind, ist dem anderen der imperialistische Feind. Aber im Zugfenster ist da noch einmal die Hand und die Zeilen im Takt des Herzschlags. Sag indes er deine Träume kühlte /Sag, Du wußtest, daß ich rief/ Sag, Du weißt noch, wie ich Dich fühlte! Aber seitdem habe ich nie wieder ein Gedicht geschrieben und alle Gedichte, die ich schrieb, gibt es nicht mehr.

Zurück im Dorf liegt der Tierarzt auf dem Sofa. „Grauenhaft“ sage ich und schüttle den Kopf. „Würdest Du mich küssen, fragt der Tierarzt und sieht mich an, schriebe ich Dir ein Gedicht?“ „Nein, sage ich, wohl eher nicht.“ Schlimm und lächerlich und auch ein wenig zu traurig, ist es ausgegangen mit mir, den Gedichten und den Dichtern dazu. Der Tierarzt nickt und erzählt mir von einem seltenen Fall von Klauenfäule und ich ignoriere mein schlagendes Herz so gut ich kann.

Rudolf Borchardt, „Im Erwachen“, Lieder aus den drei Tagen, 1901 / 1912.