Zum goldenen Kalb

Manchmal aber besonders heute, schniefend und hustend auf dem Sofa liegend, neben mir ein Everest von Taschentüchern und eine Schale selbstgebrauten Tees des Tierarztes in der Hand haltend, in dem Birkenrinde und altes Moos mir angeblich zur Genesung verhelfen wollen, stelle ich mir vor ich wäre jemand ganz anders. Auf keinen Fall wäre ich nämlich dann das immer etwas angestrengt umher eilende Fräulein Read On.img_0417-2

Wäre alles ganz anders als es ist, dann wäre ich Fleischhauerin und hätte eine eigene Metzgerei. Niemals wäre ich, wie es in der Tat der Fall ist, immer fast schon zu spät, sondern in einem kleinen Dorf in der Wetterau oder im Hochschwarzwald, schlüge die Kirchturmuhr immer genau dann neun Uhr, schlösse ich mit einem großen Schlüssel die Ladentür auf. Groß wäre ich und natürlich stattlich. Blonde Haare hätte ich, die zu schweren Flechten um den Hinterkopf gelegt, auf das Vortrefflichste zu der gestärkten weißen Schürze passte, die ich trüge. Auf der Schürze aber stünde nicht etwa eitel, der Name meines Geschäfts, sondern zwei goldene Rostbratwürstel zeugten von meiner Profession, wie beim Bäcker die vergoldete Brezen vor der Tür. Die Metzgerei hieße „Zum Goldenen Kalb.“ Weiß gekachelt wäre der Ladenraum und nur eine Zierleiste mit blauen Delfter Kacheln auf denen unter Windmühlen, Kühe grasen, sorgten dafür das es im „Goldenen Kalb“ ganz und gar nicht steril aussähe. Alberne Porzellanschweinchen aber hätten dort nichts suchen. Schwere Schinken und geräucherte Würste hingen an glänzenden Kupferhaken aufgereiht anstelle von Urkunden und Meisterprüfungen hinter der Vitrine. In der Schaufensterauslage aber läge wöchentlich wechselnd ein Paradestück. Prächtige Schweinshaxn und dann wieder ein gespickter Rehrücken oder auch ein prächtiger Kapaun. Befriedigt stützte ich die Arme in die Hände, ob der appetitlichen Sauberkeit und der Fülle der Auslage und winkte täglich um 9.10 Uhr dem Bürgermeister auf dem Weg ins Rathaus zu. Natürlich führten alle Wege der kleinen Stadt am „Goldenen Kalb“ vorbei, denn so war es schon immer gewesen und immer würde es genau so sein. Berühmt wäre das „Goldene Kalb“ natürlich wegen seiner hauchdünn gesäbelten Kalbschnitzel, seines Kalbsgulasches und seinem in Milch geschmorten Kalbsfilet. So ein Name kommt ja nicht von ungefähr und von weit her kämen die Leute angereist, nur um auch einmal ein in weißes Papier gewickeltes Stück Fleisch in Empfang zu nehmen. An der Ladentheke selbst aber stünde ich nur noch selten, etwa wenn der Bürgermeister am Freitag nach Ende der letzten Sitzung eine Leberwurst wünschte oder gar nach etwas Hausgeselchtem verlangte. Trotzdem hätte ich die beiden Ladenmädchen aus den Augenwinkeln genau im Blick. Natürlich würden sie es niemals zu der Meisterschaft bringen, die es nur den Inhabern des „Goldenen Kalbs“ erlaubt 500 Gramm Gehacktes exakt und auf den Punkt abzuwiegen, ohne auch nur die alte Messingwaage anzusehen. Gleiches gilt auch für das Absäbeln der Kalbsschnitzel, durch die das Messer wie durch Butter fahren muss, atemlos sähen Kunden wie Ladenmädchen zu und mit wohlwollenden Lächeln, nickte ich den Ladenmädchen beim Einschlagen der Ware zu und schnitte derweil eine Scheibe Lyoner für den vor der Tür hechelnden Hund der Zugehfrau des Bürgermeisters ab. Eigentlich aber versuchte ich mich an neuen Rezepten: eine mit Kräutern gefüllte Bratwurst vielleicht oder eine Sülzenvariante mit Äpfeln und Speck. Schon Urgroßmutter Kalb selig pflegte zu sagen: „Ein jeder muss sich sein goldenes Kalb verdienen.“ „Das Goldene Kalb“ war schließlich schon immer fest in Frauenhand gewesen und wer je Großmutter Kalb mit dem Fleischbeschauer hat verhandeln sehen, der weiß auch warum. Fragen an die Welt hätte ich keine. Ist die Welt nicht vortrefflich geordnet in Keule und Filet, Kotelett und Nierenstück? Sind nicht Schulter und Vorderkeule exakt aufeinander abgestimmt? Ist die Wohlgeordnetheit von Speck, Rippe und Bauch denn zu übertreffen? Für etwagige Fragen gibt es ja immer noch das von Generation zu Generation überlieferte Rezeptbuch derer zu Kalb. Begonnen anno 1703 mit dem denkwürdigen Motto: „Kalb sei unser Leben!“ Von dort an sorgsam geführt und achtsam bewahrt für die kommenden Generationen. Hatten sich die dort begonnenen Rezepte nicht bewährt? War dort nicht alles aufgeschrieben, was es braucht um das „Goldenen Kalb“ sicher und ohne allzu arges Schwanken durch die Zeit zu führen?“ So ausgerüstet, wäre ich kaum der elende Zweifler und Zauderer, der Lippenbeisser und Nachtswachlieger geworden, der ich schließlich noch immer bin. Nein das „Goldene Kalb“ erforderte Strenge und praktische Umsicht. Schließlich kommt des Mittags genau Schlag Zwölf das Rathaus geschlossen zum Mittagstisch. Montags: Rostbratwürstel mit Sauerkraut aus dem großen Fass unten im Keller, Dienstags, Kalbsleber mit Kartoffelstampf, Mittwoch: Tafelspitz mit Kren, Donnerstags: ein resches Gulasch und Freitags schließlich: ein Markknochen in deftiger Brühe. Nicht nur zu Weihnachten oder zu Ostern stünden die Käufer, Schlange, sondern selbst die Kurreisenden der Umgebung ließen sich sozusagen auf Rezept einen Zipfel Salami oder eine gewaltige Scheibe Apfelleberpastete mitgeben. Manchmal erreichten mich Karten aus fernen Weltgegenden und man bestellte mir Grüße versehen mit der Bemerkung, das der Schinken auch hoch auf dem K2 vorzüglich mundete und die Blutwurst im Glas auch in Südafrika gut angekommen sei. Ein ganzer Wäschekorb solch bunter Karten stünde in der Remise und ich wäre wohl doch mehr geschmeichelt als ich es mir selbst eingestünde. Vielleicht sänge ich Donnerstags Abends im Kirchenchor, auch wenn der schönste Choral niemals so mein Herz erweichte, als es das Surren des Fleischwolfs vermag.

Verheiratet wäre ich wohl auch als Fleischhauerin nicht. Dafür aber käme der Bürgermeister jeden Freitag Abend gegen Acht Uhr zu mir nach Haus. Ein paar Kalbsschnitzel holte ich resch aus der Pfanne und der Bürgermeister breitete eine weiße Serviette auf seinen Knien aus. Ich ließe mir etwas aus dem Rathaus erzählen und fügte Klatsch aus dem „Goldenen Kalb“ hinzu. Da säßen wir beiden und manchmal aber nicht öfter als zwei- oder dreimal im Monat küssten wir uns auch. Bevor wir begönnen, verlegen zu werden, holte ich schnell Wellfleisch und Grahambrot aus der Küche und schon wäre alles beim Alten. Sonntags führen wir manchmal in die Berge und schauten in die Ferne. Kritisch beäugte ich die Speisekarten und äße nur Käsespätzle machten wir Rast, denn niemals würde ich je ein Stück Fleisch anrühren, dass nicht unter meinen Händen kritisch geprüft und für gut befunden worden wäre.
In der Nacht aber schliefe ich tief und fest und nur manchmal stünde ich auf, träte ans Fenster und sähe hinüber auf die andere Seite des Marktplatzes, wo seit Jahrhunderten schon und unverändert in großen Lettern „Zum Goldenen Kalb“ auf das Geschäft verwiese, für dessen Namen ich selbstverständlich stünde ununterscheidbar und unbeirrt, das alte Buch in der Lade gleich rechts, neben der Kasse beständiger Beweis.

Über diese Gedanken aber ist viel Zeit vergangen und der Tierarzt sieht etwas verwundert zu mir herüber: „Woran denkst Du?“ fragt er und zeigt auf den Tee, den es möglich heiß zu trinken gilt. „An ein Dasein als Fleischhauerin, genauer gesagt als Inhaberin der Metzgerei „Zum Goldenen Kalb“. Äußerst irritiert, sieht der Tierarzt mich an: „Eindeutig Fieber“ murmelt er auf dem Weg in die Küche, um erneut Tee anzusetzen.

Prozession zu nächtlicher Stunde

Geträumt:

Dicht ist der Wald und dunkel wie die Nacht an ihrem tiefsten Punkt. Barfuss bin ich, aber kalt ist mir nicht. Zu dunkel ist es aber um zu erkennen, ob meine Füße auf Moos treten oder sich tief in die feuchte Erde graben. Es riecht nach Regen und sind es nicht auch dicke Tropfen, die von meinen Wimpern bis auf die Lippen tropfen? Erst sehe ich die Schildkröten nicht, die sich langsam aus dem Dunkel herausbewegen. Erste sehe ich eine und dann sehe ich viele. Zweihundert oder vielleicht auch dreihundert Schildkröten treten aus dem Dickicht hervor. Von Ferne gleichen sie einer religiösen Prozession, ein gewaltiger Leichenzug für einen lange schon verstorbenen Kaiser oder eine Prinzessin aus fernen Landen. In je einer Klaue tragen die Schildkröten eine lange, weiße Kerze, das flackernde Licht erhellt für Sekunden bloß, die Gesichter der Schildkröten, sie alle sehen einander sehr ähnlich, aber das sie alle gleich aussähen kann ich nicht sagen. Ernste und sehr alte Schildkrötengesichter sehen mich an. Ich stehe schweigend noch immer im tiefen Dunkel verborgen und sehe die Schildkröten an. Dann erst fällt mein Blick auf ihre Panzer. Die im Kerzenlicht flackernden Panzer der Schildkröten sind nämlich nicht grau oder grünlich gemustert sondern aus feinem Marmor gearbeitet. Bedeckt sind die Panzer mit Schriftzeichen und Wörtern. Hindi und Farsi, Chinesisch, Japanisch, Koreanisch, aber auch Hieroglyphen und lange Zahlenreihen kann ich erkennen. Dann bleiben die Schildkröten vor mir stehen. Die offenbar Älteste unter ihnen tritt vor und sieht mich an. „Lies“ befiehlt sie und sieht mich aus kleinen, schwarz und böse funkelnden Augen an. Dann heißt sie eine Schildkröte nach der anderen vortreten. „Lies“ sagt sie noch einmal. Ich lese. Ich mühe mich redlich mit Hindi, Farsi und all den anderen golden, glänzenden Schriften und Zeichen auf den Panzern der sich langsam nach vorn schiebenden Echsen. Aber so sehr ich mich auch mühe, die alte und erste der Schildkröten ist nicht zufrieden. „Zu langsam“ zischt sie, oder „falsch“ oder „ungenügend“ und „Gestümper“, „erbarmungswürdig“ gar als ich schließlich an den Hieroglyphen scheitere. Die anderen Schildkröten kichern leise und schwenken ihre Hälse langsam vor und zurück, das macht das Lesen aber nicht gerade einfacher. Dann aber fängt es heftiger an zu regnen und die alte Schildkröte ruft: „zurück in den Wald, na los macht schon der Regen verdirbt die Schrift und dann krächzen die Schildkröten in gemeinsamen, schauerlichen Chor: „bewahrt das Geheimnis, das Geheimnis seid“ ihr und ziehen zurück in den dunklen, schwarzen und unendlich dichten Wald. Ich will ihnen hinterher, aber als auch ich loslaufen will, wache ich auf.

Auf meinen Schultern sitzt die Katze und fährt mir mit ihrer Zunge über das Gesicht. Zehn Minuten später reiche ich der Katze ein Schälchen voll Milch und starre durch den Regen hinaus in die dunkle Nacht. Aber so sehr ich mich auch bemühe, nirgendwo kann ich auch nur den Umriss einer Schildkröte erahnen.

As an exception in German: Unsichtbar

So viele Jahre ziehen sie schon durch meine Träume. Immer sind es dieselben Frauen oder jedenfalls ist es das was ich glaube. Ein langer Zug von Frauen. Alle in Schwarz. Hochgeschlossen ihre Kleider und ihre Gesichter nur Schatten, verborgen hinter geklöppelten Spitzen. Von fern könnte man meinen es sei eine schwarze Wolke die stetig näherrücke. Kommt man aber näher, so hört man die Frauen. Schreien und Weinen, Klagen und Schreien. Sie schlagen sich hart und unnachgiebig gegen die Brust und in einem seltsamen Rhytmus, den ich noch nie zu entziffern vermochte, schlagen sie sich die Fingernägel tief in die Gesichter, die dennoch schemenhaft- schwach hinter den schwarzen Schleiern verborgen bleiben. Verborgen auch vor mir. Aber mich sehe ich nie. Vielleicht gehe ich ja auch in ihrer Mitte, schreiend, klagend und weinend. Aber ich sehe mich nicht. Wann sieht man sich eigentlich? Hier jedenfalls in der Menge der schwarzen Frauen, der klagenden, schreienden, schmerzerrissenen Frauen sehe ich micht nicht. Etwas Warmes läuft an meinem Arm herunter. Blut denke ich zuerst, aber dann sehe ich es ist Gold, flüssiges Gold, das sich wie ein langer, ein seidiger Schal um mich legt, bald aber läuft es weiter und weiter, uneinholbar schnell bis es auch die anderen Frauen erreicht und ihre langen schwarzen Kleider nicht schmückt , sondern befleckt. Kalt wird es dann und die Stimmen der Frauen versiegen, kalt sehen sie mich an, obwohl ich mich doch nicht sehen kann, aber die anderen Frauen sehen: Gefahr. Leicht metallisch schmeckt die Luft und schwer wiegt das Gold auf meinen Armen, welches ich weder aufhalten noch anhalten kann und auf einmal riecht es nach rostigem Blut und Metall. Dann wache ich auf und lange muss ich die Stirn an die kühle Fensterscheibe drücken, bevor ich mich erinnere, dass dies doch nur ein kleines irisches Dorf ist, in dem niemand schreit oder klagt außer den Möwen und ich mich doch sehen kann, wenn auch nur als blassen Schatten hinter dem kühlen Glas.

Quicksand

I dreamt of sand last night. First I was standing on the top of a dune, sand everywhere around me and sand I breathed and sand I ate, someone passed a glass over to me, it was filled with fine, nearly white sand, I drank it hastily and accepted firmly the sand offered to me on a plate and searched long for fork and knife in my bag. The sand soon began to rise, to twist and to twirl, around I lost sight of my glass and my plate, the sand became more and more grained, harder and of a darker color, it cut my fingers as sharp paper does sometimes and I looked for a handkerchief to stop the bleeding,but there was no handkerchief in my pocket just more and more sand followed, not being directed by a clear source but growing and growing, transforming the world into a land of sand, a sea of yellow-brown colors, of heat and dust, rinsing like water but more heavily, massively, overwhelming everything, till the world lost its shapes and soon I released that I would be buried soon enough under this sand rushing towards me neither fast nor slow but with intense certainty, assuring me that there exits no ground beneath quicksand.