Was soll hier schon sein.

Manchmal bekomme ich eine E-mail. Fast leer ist die E-mail. Ein Satz nur: „Was soll das hier?“ fragt die E-mail mich und dann etwas versetzt,  etwa zwei Zeilen darunter steht: „Lern endlich anständig Deutsch!“. Anrede oder Abrede hat die Email keine und auch die Adresszeile ist nur eine Ansammlung von Buchstaben etwa so: dbazg@dzghi, oder so ähnlich. Nur die Frage und die Aufforderung eben. Gern würde ich die Frage besser beantworten können, aber das hier ist schon schwer zu finden.

Hier ist die Küche und auf dem Tisch steht eine blaue Tasse. Aus ihr trinke ich gern. Milch mit Kaffee, nein nicht andersherum. Hier ist auch der Wind, Windstärke 10 sagt der Radiosprecher und doch weht hier in meinen Haaren nur der Wind der Abwesenheit, den können Sie und auch ich nicht ermessen. Hören Sie? Hier ist es ganz still. Hier halte ich einen Stein in der Tasche. Hier liegt die Katze auf dem bunten Plaid. Hier bin ich fremd, aber auch überall sonst. Hier versenke ich Narzissen in die Erde und hier suche ich Bücher und Wörter und schon so lange einen Ring, den ich nicht mehr finde. Hier gibt es eine lange Liste aus Erinnerungen, Dingen, einem grünen, alten Sofa, Träumen, Händen, unbeantworteten Briefen, Geräuschen, Musik, Gespenstern, Freunden und Blut, alten Dielen, dem Duft von Flieder, Nussschokolade, und neuen Marotten und dem Hinabfallen. Vor allem das Hinabfallen. Besser man fällt mit Geschichten hinab als mit einer Betriebsanleitung scheint mir, aber da mag ich mich irren. Hier sind Abschiede und Anfänge und immer auch Fußangeln. Stolpern Sie nicht. Hier und dort. Hier verliert man nur Zeit, Herr oder Frau E-mailschreiber, das müssen Sie wissen. Hier gibt es nichts zu gewinnen und selbst nach den Rezepten müssen Sie selber suchen, hier gilt immer: Volle Fahrt nach vorn und volle Fahrt zurück. Das Ende der Straße ist schon immer weit weg und länger als Sie glauben bin ich schon unterwegs. Nennen Sie die Straße doch Horizont, dann wird es schon eine Andere werden. Hier gibt es viele verschlossene Türen. „Erzähl mir noch mal eine Geschichte“, sagte ich zu meiner Großmutter, der die Asche auf der Zunge lag. Das ist hier. Die Asche und die Geschichten der Juden.
Hier habe ich einmal einen Bleistift gefunden und dann wurde es dunkel. So will ich nicht ausschließen, dass auch ich eines Tages wieder verschwinde und dann ist hier nicht mehr da. Sehen Sie endlich wie ich, dass das hier nichts soll? Atmen sehr geehrter Herr oder Frau E-Mailschreiber sollen sie, denn Sie und ich wir sind nun einmal beide in die Welt geworfen und müssen nun Sie hier und ich dort wohl oder übel damit auskommen lernen.

Deutsch aber habe ich nicht vom Anstand gelernt, auch nicht im Handstand und schon das Wort lernen, greift fehl. In meinen Mund gelegt hat mir meine Großmutter alle deutschen Worte, die sie hatte, auch die, die es nicht mehr gab. Sie meine Großmutter, die das Deutsche liebte und der auch nachdem sie zurück kam nach Deutschland, an Deutschland, den Deutschen und Deutsch das Herz zerbrach, gab mir alles, was sie hatte, das kleine Wort Ach, wie das große Wort Sollbruchstelle. Nachbuchstabieren kann ich nicht mehr.

 

Portrait des Fräuleins als Hühnerschreck

Leise pfeifend laufe ich vom Bahnhof die Dorfstraße hinunter. In Gedanken beglückwünsche ich mich, dass ich gestern trotz Müdigkeit noch Brot gebacken habe, der Tierarzt immerhin Rührei isst und damit ein freier Abend vor mir liegt. Badewanne und Buch summe ich und freue mich darauf in Nathan Hills sehr großartigem Buch Nix weiterzulesen. Außerdem hat die liebe C. mir ein Paket voller Nussschokolade geschickt. Nur Milch muss ich noch kaufen, erinnere ich mich selbst und hüpfe trotz der schweren Büchertasche vor mich hin. Schon von weitem aber sehe ich, dass das halbe Dorf versammelt vor dem einzigen Laden steht. Je näher ich komme, desto größer wird auch die Menge aufgeregter Dorfbewohner, deren Wortführerin natürlich die Frau des Krämers ist. „Fräulein Read On“ schreit sie als ich näher komme, etwas Schreckliches ist passiert!“ „Feuer, Wasser, Wind?“, frage ich aber die Frau des Krämers schüttelt den Kopf. „Die Gänse sind ausgebrochen und jagen die Hühner.Oh, sage ich und seufze in Richtung des betroffen Hühnernachbars und des neben der Frau des Krämers stehenden Gänsebesitzers. Wann genau die Feindschaft zwischen den Gänsen und den Hühnern ausgebrochen ist, kann niemand mehr sagen. In den Dorfannalen sucht man das Stichwort Gänsekrieg vergeblich und die Frau des Krämers, die inoffizielle Chronistin, weiß auch nicht mehr als wieder und wieder zu betonen, dass es eben schon immer so gewesen sei. Der Hühnerbesitzer aber zetert und wehklagt über seine von den Gänsen wer weiß wohin gehetzten Hühnerdamen. Er fordert den Bau einer Mauer. Scharfe Proteste der Gänsefraktion folgen sofort.

Ich nicke noch einmal sehr betroffen, lasse die Milch , Milch sein und will weiter nach Haus in Oberland gehen, um endlich zu Badewanne und Buch zu kommen. Da biegt der Tierarzt in die Ecke. Er hält einen, meinen leeren Wäschekorb in der Hand. „Read On“ sagt er dich schickt der Himmel. “Mich lieber Tierarzt sage ich, rufen Buch und Badewanne.“ Aber der Tierarzt will davon nichts wissen. „Ich brauche deine Hilfe.“ „Nein, sage ich und nochmals nein.“ Aber wieder überhört der Tierarzt mich vollständig und nimmt auch mein Kopfschütteln nicht zu Kenntnis. „Du musst die Hühner fangen, während ich die Gänse jage.“ Ich schüttle den Kopf. Auf gar keinen Fall, fange ich Hühner. „Bitte“ sagt der Tierarzt und das ganze Dorf echot: Bitte Fräulein Read On, Sie müssen die Hühner fangen.“ Noch einmal sehe ich vor meinem inneren Auge, Badewanne und Buch. Mit versagender Stimme wimmert der Hühnernachbar: Bitte Fräulein Read On, bringen sie mir meine Mädchen wieder.“ Ich knurre missmutig. Die Frau des Krämers bemerkt wohlwollend, dass sich nun meine ewige Joggerei endlich einmal auszahle. Ich knirsche mit den Zähnen.

Der Tierarzt überreicht mir Wäschekorb und ein Paar Gartenhandschuhe.“ Wohin sind die Hühner gerannt?, will ich wissen. Tumult. Geschrei. Beschuldigungen. Die Hühner sind in Richtung Oberland geflüchtet, sagt er und“ Danke Read On“. Ich sage lieber nichts mehr und stapfe davon. In meinem Garten sind die Hühner nicht, auch nicht auf der Schafsweide, die hinter meinem Haus beginnt und ich renne weiter, hinauf zu den Klippen. Hoffentlich liegen die Hühner nicht schon zerschmettert im Meer. Das erste Huhn sehe ich nass in einer Pfütze hocken. Ich nähere mich in gebückter Haltung. Das Huhn zetert, ich schnappe nach dem Huhn, in der Hand halte ich indes nichts als ein paar weiße Federn, inzwischen nähern sich immerhin die anderen Hühner. Sie gackern spöttisch. Ich sprinte erneut auf das Huhn zu. Ich erwische einen Flügel und dann liege ich in der Pfütze. Gelächter des versammelten Hühnerhaufens. Ich wünsche mir die Gänse herbei. Beim dritten Mal endlich bekomme ich das Huhn oberhalb des Flügels zu fassen und verfrachte es in den Wäschekorb. Ich werfe eine Decke über das Huhn. „Jetzt ihr“ sage ich zu den Hühnern. Die Hühner gackern und rennen weiter. Hühner sind gerissen und sehr, sehr schnell. Nach dem dritten Huhn habe ich einen aufgeschlagenen Ellenbogen. Ein Huhn finde ich unter einem Strauch. Es schreit Zeter und Mordio. Die Schafe sehen empört zu mir herüber. Ich verfluche das Dorf und die Hühner. Zwei Hühner rennen im Kreis wie die Berserker, ich will ihnen den Weg abschneiden, bleibe an einer Wurzel hängen und liege nun mit dem Bauch voran in der schlammigen Pfütze. „Tierarzt knurre ich, du schläfst heute Nacht auf dem Sofa.“ Die Hühner im Wäschekorb wollen fast bersten vor Lachen. Ich buchstabiere sehr langsam Kochtopf und endlich ist Ruhe im Karton Wäschekorb. Dann endlich erwische ich eines der Hühner an den Beinen und wie ein Wilddieb trage ich das Huhn zum Korb. Die Hühner stimmen, ich bin mir ganz sicher Venceremos  an. Ich kann nur noch schnauben. Das letzte Huhn aber hockt hämisch auf einer Felskante, die tief in den Abgrund führt und da ein Paket ungeöffneter Nussschokolade auf mich wartet, habe ich wenig Lust ausgerechnet jetzt in die wild wogende irische See zu stürzen. Ich erinnere mich einer alten Brezel in meiner Tasche , renne zur Tasche und bete das Huhn möge dort bleiben, wo es ist. Dann locke ich das zeternde Huhn mit Krümeln von der Abbruchkante fort. Die Hühner im Korb heulkreischen etwas von unerlaubter Vorteilsnahme. Ich aber schnappe nach den Beinen des Huhnes und endlich, endlich sind alle Hühner im Korb. Eingeschnappte Stille und ich bleibe einfach liegen und befühle meine Knochen. Dann wird mir kalt und ich rapple mich hoch und wuchte den Wäschekorb mit Hühnern zurück ins Unterland. Die Hühner strafen mich mit schweigender Verachtung. Ein Danke hätte auch gereicht, zische ich zurück. Der Hühnernachbar kommt auf mich zugelaufen und weint vor Erleichterung um seine Mädels und begrüßt sie mit Namen. Wer bitte nennt ein Huhn Eliza? Endlich wieder hühnerlos, sitze ich auf den Stufen des Ladens, die Frau des Krämers, die Hände in die Hüften gestützt sagt zum Tierarzt, der als Gänsemagd um die Ecke biegt „Es muss Liebe sein“ und mit dem letzten Rest Atem, den ich noch habe, ächze ich: „Es ist Wahnsinn.“ Betroffen sieht der Tierarzt zu mir herüber. Die Frau des Krämers tätschelt ihm beruhigend die Schulter. Das Fräulein Read On meint das sicher nicht so.“

Berlin.

IMG_0460.jpgAch, Berlin. Du, die Stadt mit Himmelsleiter. Immer warst du schon ein Ort für Träume. Ob Wolkengucker oder Luftikusse, du bindest ihnen allen die Schnürsenkel zu. Deine Arme sind offen für Wunderkinder und Wundersame gleichermaßen. Du hast ein Auge auf die leichten Mädchen und pfeifst die Lieder der alten Damen auf dem Kudamm lauthals mit. Zu viele Fragen stellst du nicht. Lieber ziehst du deine Kinder mit zur Spree und leuchtest golden. Deine Sommer sind ein Wetterleuchten und deine Nächte, ja deine Nächte erst. Größenwahnsinn ist Dir eine zweite Haut.

Ach Berlin, Du warst immer schon Heimat für die Heimatlosen. Einmal und leider nicht mehr warst du auch das östliche Jerusalem. Für viele warst du die Stadt zum Atem holen: Franz Kafka konnte endlich Prag vergessen und W.H. Auden endlich einmal richtig küssen. 1926 fuhr Josephine Baker mit einer Straußenkutsche durch das Brandenburger Tor und du kannst natürlich nur lachen über Leute die durch dich auf Segways rasen. Ach, Berlin Du stolze Prüde, du mit der geflickten Lederjacke und dem Absinth in deiner Hosentasche. Du hast dich mit Joseph Roth betrunken und es wirklich wahr: bei dir ist für jeden Platz. Auch den Bettler vor dem Netto lässt du leben und ja Berlin, das ist sehr viel. Ach, Berlin Du Stadt der vielen Seelen: du riechst nach Istanbul, Krakau und Beirut. Wärst du Musik, es wäre Oper mit Orchesterbegleitung, natürlich draußen und auf einmal fingen alle an zu singen. Groß und klein und sehr, sehr laut. An Deinen Tischen ist die Welt zuhause und selbst in Mitte kann man Brezen wie im Breisgau kaufen. Berlin Du bist uns große Schwester. So cool und hart wären wir selber gern. Wir kleben dann an deinen Hacken. Du drehst dich um und sagt: das hättste jern!

Berlin, immer warst du schnell und oft verwegen. Mies van der Rohe machte doch für dich die ersten Pläne und Julius Fromm der Mann mit den Kondomen ist einer meiner größten Helden und Magnus Hirschfeld gehört ganz unbedingt dazu. Berlin Du füllst ganze Tagebücher und Berlin, deiner Stimme verfiel man auch in Hollywood. Berlin, Du bist die Stadt mit großen Tönen und einem rauen Charme. Oh ja Berlin, keine Stadt kann fluchen so wie du. Berlin manchmal hast du scharfe Zähne und ja wir alle schnitten uns an deinen scharfen Kanten. Berlin, du bist die Stadt mit Narben. Für lange Jahre warst du eine Insel. Alle die auf Mauern schwören, können von dir lernen, dass manche Schmerzen nie vergehen. Immer wenn ich die Bilder von jenem 9. November sehe, muss ich weinen, denn Berlin deine ausgetreckten Arme, das bist Du. Diese Hände, die nicht gehen liessen, Berlin, das werde ich dir nie vergessen. Berlin Du hast so viele aufgefangen: nein, Berlin du bist nicht nur Erfolgsgeschichten, sondern schon immer auch die Stadt der kleinen Leute, Trinkerdielen, Zille-Bilder, Trockenboden, Trickbetrüger, Hütchenspieler, Leierkastendreher und auch auch Schrebergärtner. Du zucktest immer mit den Achseln und sagtest Dir und uns und anderen: Berlin ist groß! Berlin radaut, das wusste schon Tucholsky und rauer Charme ist manchmal mehr als süße Liebeslieder. Berlin Du liebst die Müden wie die Immer-Wachen, Du hast ein offenes Ohr auch für die, die nur noch mit sich selber reden. Berlin Du und JFK, damals und so lange ist das noch gar nicht her. Nein, noch nie bist du einem Kampf aus dem Weg gegangen. Das wärst nicht du. Berlin Du hast uns alle aufgefangen und mitgenommen, aufgehoben und auch wiederlosgelassen. Ach, Berlin stumm sind wir angesichts der Bilder. Berlin, du bist mit so vielen ein Stück des Wegs gegangen. Ach, Berlin du Tausend-Augen-Stadt. Ob angelehnt, ob abgelehnt, ohne dich wäre vieles anders. Ob von mittendrin oder auch von anderswo, heute Nacht Berlin, bilden wir um dich eine Menschenkette. Nein, niemand könnte dich in Ketten legen. Aber wir deine Kinder, stellen uns vor dich. Nein, heute schließen wir nicht unsere Augen. Unsere Kette ist viel feiner, denn deine Bande aus Offenheit und Herzlichkeit, aus Würde und Mut und aus furchtlosem Gelächter, aus langen Tagen und hellen Nächten, aus Augenzwinkern und Jargon, aus Liebesgeschichten und verzweifelten Fluchten, aus Ankommen und Zurückkehren, aus auch mal laut sein und lieber mal leise sein, dass haben wir von dir in die Welt mitgenommen. Nein, Berlin unsere Herzen schlagen heute ganz allein in deinem Takt.

Nein, Berlin Du bist nicht allein.

Alles ganz natürlich!

Was man weiß ( schon immer ): Ärzte sind alle Halsabschneider ( besonders Orthopäden)- Diagnosen googelt man am besten selbst ( Der Doktor will ja doch nur verdienen)- Was der hat dir kein Rezept geschrieben?-Scharlatan!!!!- Geh doch zur X. die macht Naturheilkunde- alles ganz natürlich- (Was wegen so etwas gleich ein Rezept?)-Der will ja nur verdienen!- Chirurgen sind alles Alkoholiker- der Arzt vom Y. hat auch gesagt: Impfen ist gefährlich!- Ärzten darf man gar nichts glauben- Die Osteopathin fühlt sich immer so ein, da habe ich 100% Vertrauen- die Ärzte stecken ja alle (!!!!) mit der Pharmaindustrie unter einer Decke- „dagegen gibt es auch etwas auf Schlangenöl-Lakritzwurzel-Basis-da-schwören-auch-die-Inka-drauf-(das Rezept hab ich gleich weggeworfen)-Ärzte wollen alle nur verdienen ( besonders Internisten )- Kardiologen sind öfter auf dem Tennisplatz als im OP- Ärzte wollen alle nur verdienen ( am schlimmsten sind die Radiologen)- Kreuzbandriss?-Ach was, deine Muskeln sind nur nicht im chi, ich gehe seit Jahren schon zu einer Frau, die hat wirklich heilende Hände- ( Haben sie überhaupt studiert?)- in Grey’s Anatomy sind die Ärzte irgendwie attraktiver- ( da geht niiiiie jemand ans Telefon- die machen wirklich immer Kaffeepause)- der Doktor hat den Opa totgespritzt- 99,9% aller Operationen sind vollkommen überflüssig-( die wollen nur die Betten vollkriegen )- im Krankenhaus holt man sich den Tod-( bei der Visite hat der Arzt überhaupt nicht zugehört, als ich ihm erzählte, dass meine Mutter an einer Fischgräte erstickt und mein Uropa mit sieben den Keuchhusten hatte, dabei sagen alle, dass nur ein ganzheitlicher Ansatz hilft )- alle Ärzte wollen nur verdienen- alle wissenschaftlichen Studien sind gekauft ( die Z. sagt, dass die K. also die Freundin der D. sagt, dass die Ärzte pro verschriebenem Medikament eine fette Provision einstreichen)-Ärzte wollen alle nur verdienen- Ärzte schreiben ihre Doktorarbeit beim Segeln- ( da will ich aber eine zweite Meinung hören)- Die Ärztin von der G. hat auch gesagt, dass die alten Hausmittel doch die besten sind. Ärzte wollen alle nur verdienen.

Alles kann man über Ärzte sagen, nur man kann nicht sagen, dass nicht alles über Ärzte gesagt wird und sich über Ärzte zu beschweren ist längst schon ein Breitensport geworden. Es gibt vielfache und in vielen Fällen berechtigte Kontrollinstanzen, es gibt Bewertungsportale und es gibt eine Vielzahl an berechtigten Richtlinien, die nicht nur für Ärzte, sondern vor allem auch für die Pharmaindustrie gelten. Ein Arzt ist schon längst kein Halbgott mehr, sondern nur eines von vielen Angeboten, das Menschen wahrnehmen. Das Misstrauen aber gegen ärztliche Empfehlungen ist um es freundlich zu formulieren nicht gerade klein, gerade deswegen bin ich gelinde gesagt doch erstaunt, werben medizinische Laien für Hustensaft, dem sie im besten assoziativen Verfahren allesamt enorme Wirkkraft unterstellen, dessen  Wirkstoff ( und dessen Verträglichkeit ) jedoch umstritten sind. Besieht man sich die Inhaltsstoffe taucht dort auch Sorbitol auf, ein mehrwertiger Alkohol, der nicht für Taumelei auf der Gasse sorgt, sondern dafür sehr häufig Durchfall verursacht und in pädiatrischen Zusammenhängen keineswegs als natürliches Helferlein gilt. Dass dies nun auf Elternblogs  die Runde  macht , finde ich doch nachhaltig irritierend.

Wenn auch Heilpraktiker kein geschützter Begriff ist, erstaunt mich, dass Medikamente inzwischen auf Blogs empfohlen werden wie Lindtschokolade oder Hallenturnschuhe, ohne auch nur erkennbare, medizinische oder pharmazeutische Kompetenz nachweisen zu wollen oder zu müssen. Ob da wieder das Zauberwort ( ist doch alles ganz natürlich) oder die lange Kette :“aber bei Pia-Marie-Luca-Charlotte“ hilft es doch auch, die Versicherung bietet, weiß ich nicht. Warum sich aber die sonst so allgegenwärtige Kritik so vornehm zurück hält, die doch im Arzt und Apotheker stets das Dunkle und Böse vermutet, kann ich kaum begreifen. Vielleicht ist das auch nur ein Beispiel dafür, dass längst wahr ist,was Michael Gove so verächtlich ausspie: „people in this country have had enough of experts”, dafür übernehmen dann die, die es nicht wissen können, aber es dafür fühlen.

( Frau Doktor, es ist Krebs! Mein Gefühl hat mich noch nie betrogen )-Alle Ärzte wollen nur verdienen-Ich hör da lieber auf meine Intuition- ( Ärzte sind auch nur Menschen.)

Ein großer, schwarzer Rabe

“Guten Morgen Katze“ will ich sagen, denn nur weil die Katze schnurrend auf dem Sofa schläft, ist dies ja noch kein Grund die guten Manieren zu vergessen. Aber als ich den Mund öffne, kann ich nicht sprechen, sondern nur krächzen. Eben da fällt mir der große schwarze Rabe auf ,der seine Klauen schmerzhaft in meine Schultern gräbt. „Hey, schwarzer Rabe“ sage ich, „was willst du denn von mir?“ Der schwarze Rabe aber schweigt, auch durch mein hartnäckiges Niesen lässt er sich nicht beeindrucken, sondern plustert seine Federn auf und hackt mir in das linke Ohrläppchen. Ich krächze und huste auf dem Weg zur Bahn und der Rabe freut sich sichtlich an meinem Übel. Im Zug sehe ich ihn sofort, denn unzweifelhaft ist er der Herr aller schwarzer Raben. Jeden Morgen sitzt er im Zug niest und schnieft, all dies jedoch ohne ein Taschentuch zu benutzen. Wo auch immer man sitzt, er ist nie zu überhören, schnaubt und schnieft er doch so laut und vernehmlich durch seine Nasenlöcher, dass man ihm nicht entkommen kann. In meiner Verzweiflung bot ich ihm einmal ein Taschentuch an. Natürlich lehnte er es voller Empörung ab. „Was ich mir denken würde?“, schnarrte er und schniefte nur noch lauter. Die schwarzen Raben tanzten vor Glück. Ich stolpere hustend und keuchend aus dem Zug.

Ich belle reibeisenheiser in Telefone und während der schwarze Rabe die Zeitung liest, belle ich wie ein zahnwehkranker Löwe umher und verschrecke die Teilnehmer einer Tagung, die eigentlich etwas über die Kreuzzüge lernen wollen und nur auf mich treffen, einen Ritter von armer Gestalt, der schnieft und niest als sei er sieben Wochen im Regen gewandert. Der schwarze Rabe indes lacht aus ganzem Herzen. Dann fange ich an zu frieren und zu zittern, auch das zusätzliche Paar Socken und eine hervorgekramte Decke mögen daran nicht das Geringste zu ändern. Zitternd und keuchend tippe ich lauter Dinge in den Computer, denn der schwarze Rabe, wirft schon Watte in meinen Kopf und langsam beginnt die Welt vor mir und hinter mir zu verschwimmen. Mit der D. und dem W. spreche ich durch eine dichte Wolke weißen Nebels. Ich glaube die beiden zucken nur mit den Achseln. Wer hat je verstanden, was Raben wirklich sagen wollen? Ich jedenfalls habe heute mit großer Sicherheit das große Rabendiplom bestanden.

Irgendwann steht der Tierarzt in der Tür. „Du gehörst ins Bett“, höre ich ihn sagen und dann schiebt er mich in sein Auto. Der Schwarze Rabe ist uns dicht auf den Fersen und ich liege mit einer Kleenex-Box auf der Rückbank. Da die Polizei aber im Moment streikt, mache ich einfach die Augen zu während der schwarze Rabe fröhlich aus dem Fenster sieht. Wie ich aus dem Auto auf das Sofa gekommen bin, weiß ich nicht mehr. Der schwarze Rabe sieht mich mit seinen stechend-scharfen, schwarzen Augen an. Der Tierarzt reibt Ingwer. Ich will ihm sagen, dass ich Ingwer fast so sehr verabscheue wie Sellerie. Aber es klingt wie ein sehr langgezogenes, endlos dauerndes Krächzen und der Tierarzt schüttelt den Kopf. „Liegenbleiben, hörst du, sagt er und ich wanke zum Sofa zurück. Selbst die Katze schleicht mit trübem Blick um mich herum, aber vielleicht fürchtet sie sich auch nur vor dem großen, schwarzen Raben, der auf der Sofalehne hockt und sein großes, schwarzes Gefieder über mich legt, unter dem ich ganz verschwinde, nur das Krächzen und Husten bleibt übrig von mir.

Fragestunde

Die Frau im Spiegel sieht müde aus. Die Frau im Spiegel, das bin wohl ich. „Wie kann man nur überall und immer so fremd sein?“, frage ich die Frau im Spiegel. Die Frau im Spiegel zuckt mit den Achseln. Sie antwortet nicht so gern. „Ist das Fremden eigen?“ Gefragt werde ich sehr oft. Allein heute: fünfzehnmal. „Woher kommen Sie?“ Fünfzehnmal scheitert meine Antwort. Manchmal wundere ich mich, dass es wirklich nur Menschen mit einem Heimatland gibt. Ich habe keins. Auch meine beiden Pässe können diese Frage nicht vollständig oder auch nur ausreichend beantworten. „ Wann gehen Sie wieder weg?“ Diese Frage zähle ich schon nicht mehr, so oft fragt man mich das. Frage ich aber zurück: „Wohin denn?“ sind die Fragesteller patzig und oft verstimmt. Siebenmal spielen Leute heute mit mir das Spiel: „Ich errate ihren Akzent.“ Siebenmal irren die Spielteilnehmer und sind enttäuscht. Nein, das hätten sie nicht gedacht. „Was denn meine Muttersprache sei?“ Ich zucke mit den Achseln. „Meine Großmuttersprache sage ich dann sei Deutsch.“ „Sie sind ein komischer Vogel“ sagen die Leute und ich streiche mir vorsichtshalber über den Arm, aber da ist kein Gefieder, da ist nur meine Haut, dieser fremde Fetzen, der an mir klebt und klebt. Diejenigen die fragen sehen mich an und gehen kopfschüttelnd weg. Es ist fast Mitternacht und ich frage die Frau im Spiegel: „Was suchst Du hier?“ Die Frau wendet sich ab, endgültig und legt sich auf das Sofa, die Füße auf den immer wachsenden Bücherstapel gelehnt, die Katze kommt herbeistolziert und wandert über die Arme der Frau, also meine und sieht mich halb ironisch, halb hochnäsig an, als wäre ich hier nur ein geduldeter Besucher und wer weiß vielleicht hat die Katze wirklich Recht. Im blassen Licht der Straßenlaterne streichle ich das weiche Fell der Katze. Langsam schläft die Katze ein. Ich liege ganz still denn Liebende und Schlafende soll man nicht stören und ich versuche die Bücher nicht mit dem Fuß auf den Boden fallen zu lassen. Sieben Sprachen polterten dann zu Boden, aber keine von ihnen hat etwas mit meiner Mutter zu tun. Schon wieder verzögen die Fragenden ihr Gesicht und riefen mir missmutig zu: welchen Zweck haben Sie denn diese Sprachen, wenn Sie doch zu keiner wirklich gehören?“ Aber mein Widerwillen zu antworten ist zu groß. Ich denke an Alexej Tuchinski, der vielleicht noch immer in der gleichen, kleinen Wohnung gemeinsam mit seiner Mutter in Jerusalem lebt. Alexej Tuchinski sprach fünfzehn Sprachen, aber wann immer man ihn traf, im Hausflur oder im Laden an der Ecke in dem er Tnuva Ziegenkäse kaufte, wie wir alle, da hatte er stets ein Vokabelheft in der Hand und überhaupt murmelte er beständig Vokabeln vor sich her. Oft ist er gefragt worden: „Hey Alexej Tuchinski sind fünfzehn Sprachen noch immer nicht genug?“ Aber Alexej Tuchinksi der damals, als auch ich im Laden am Eck Tnuva Käse und Butter kaufte, Japanisch lernte, schüttelte den Kopf und seine immer etwas versunkenen Augen blickten noch trauriger als sonst. Er verstand die Frage nicht. „Als Jude kann man nicht vorsichtig genug sein“, sagte er dann und schüttelte den Kopf über diese Fragenden, die sich sicher glaubten dort auf der sonnigen Straße, sicher in den Worten und sicher auch in der Welt, die sie als die ihre begriffen. Dann aber lief Alexej Tuchinski zurück in die Wohnung in der seine Mutter schon auf ihn wartete. Schon aber schlägt die Standuhr ein Uhr und ich schiebe vorsichtig die Katze von meinen Rippen, die Katze schläft weiter und ich lese noch ein paar Seiten in einem Buch auf Hindi.

Blutrote Rosen

Wäre ich nicht so müde, ich zöge die Schuhe aus und die Strumpfhosen mit dazu, denke ich als ich die lange Straße hinuntergehe an deren Ende ich wohne. Drei lange Stunden im ICE eingeklemmt zwischen Knien und harten Schultern und schlechtem Atem. Die Schaffnerin mit ihren dummen Witzen und den gesprungen Adern auf der Nase, schrie ihrem Kollegen zu: „Die da sind noch dran, na dann mal fertigmachen zum einseifen und rasieren.“ Ich starre sie an und weiß nicht, ob sie hört, was sie da sagt. Ein fremdes Knie in meinem Rücken und ich blinzele gegen das Licht. Deutsche Bilder vertreiben, nennt man das wohl. Der fremde Kniebesitzer liest Gedichte von Thomas Rosenlöcher und ich lehne meinen Kopf gegen die Scheibe. 10 Zentimeter gegen die Welt. Endlich hält der Zug in Berlin und ich ziehe mein Bein unter einem Koffer hervor und atme aus. Die stille Straße aber liegt schon im Schatten und ich läge so gern im weichen Laub. Dort wo ich wohne stehen , große, alte Kastanien und als ich näherkomme, stehen eine Frau und ihr Sohn unter den Bäumen. Mit beiden Händen schaufeln sie Kastanien in mitgebrachte Plastiktüten. Die Gier in ihren Gesichtern lässt mich schlucken. Was sie wohl mit den vielen Kastanien machen? Heizen sie mit ihnen einen Kachelofen? Bauen Sie 10000 Kastanienmännchen oder mästen sie im Garten ein Schwein, das nur von Kastanien lebt? Als ich fast unmittelbar vor ihnen stehe, zieht die Frau eine Schere aus der Tüte und will das Weinlaub, das über meinem Gartentor rankt, abschneiden. „Lassen Sie das doch bitte sein“, sage ich zu ihr. Sie sieht mich mit scharfen Augen an und erklärt mir, auch „Scheißreiche Leute wie ich hätten die Erde nur geborgt.“ Ich gehe an ihr vorbei und schließe die Haustür auf. „Sie widern mich an“, denke ich aber bleibe stumm. Eine Stunde später gehe ich in den Garten hinunter, die Frau und ihr Sohn befüllen weiter Plastiktüten mit Kastanien und neben dem herausgeschnittenem Weinlaub, liegen auch herausgerissene Ebereschenzweige neben ihr auf einem großen Haufen.

Im Garten liegt F. der ehemalige geschätzte Gefährte in einem Laubhaufen und sieht in den Himmel. „Hey, sage ich.“ Aber der F. antwortet nicht. Aber ich falle einfach neben ihn in das Laub. F. zieht meine Hände zu sich herüber und ich sage: „So schlimm?“ Der F. nickt: „schlimmer, ein roter Rosen Tag.“ Ich schließe die Augen. „Vor drei Wochen sagt er leise, war die Frau schon einmal da: Milzruptur. Karate. Diesmal gebrochene Rippen, geplatzte Augenbrauen und Prellungen im Brustbereich. Im Treppenhaus ausgerutscht.“Der F. hält sich die Hand vor den Mund und seine Hand drückt schmerzhaft gegen meine. „Ihr Mann war schon da, natürlich mit roten Rosen. Langstielig und dunkelrot. 30 oder 40 Stück. Opulent und von einem so tiefen Rot, dass es auch schwarz sein könnte. Immer bringen sie rote Rosen. Blutrot und wunderschön. Immer flüstern sie leise Worte in die Ohren der Frauen, die sie kurz zuvor zerschlagen haben. Immer fragen sie erst nach hohen Vasen und dann gleich nach dem Entlassungsdatum. Immer erwarten sie von Ärzten das Beste und bestehen auf Vorzugsbehandlung. In ihren Händen werden indes die langstieligen roten Rosen schwer.

Dann ist es still. Gelbes Laub fällt auf uns herab. Der F. zieht meine Hand auf seine Brust und sein Herz klopft unter meinen Fingerspitzen schnell und hart. „Weißt Du noch?“, fragt mich der F. und ich weiß es sofort, denn immer wenn der F. traurig war und weinte, sang ich dieses Lied für ihn und heute singe ich es wieder und wieder , solange bis der F. schließlich ganz leise und zart mit einstimmt.Dann geht sein Pieper an und mein Telefon klingelt. Wir schütteln uns Laub und Gras aus den Haaren und bevor der F. zurück in die Klinik fährt schneide ich die wirklich letzten Gartenrosen ab, binde Weinlaub und Lavendel in den Strauß und schiebe dem F. eine Handvoll Kastanien in die Tasche. „Stell die Rosen weg“, sage ich, wenigstens für heute Nacht.“ F. nickt und dann kehren wir zurück in die Welt.Noch immer schaufeln die Frau und ihr Sohn, Kastanien in immer, neue Plastiktüten.