40 Stunden

In fast 40 Stunden Berlin kann man zweimal im See schwimmen, einmal alle Fenster putzen, dreißig Minuten Klavier üben, einen großen, gelben Plastikeimer mit roten Johannisbeeren pflücken, eine letzte Erdbeertorte backen und den endgültig durchgelaufenen Sandalen hinterhertrauern. An der Spree sitzen und erst fährt einem der Wind und dann der Tierarzt durchs Haar. In 40 Stunden funkeln die Sterne ziemlich wild und die Liebespaare küssen sich unter dem weichen, gelben Licht einer Laterne. Unter dem Lampenkegel halten die Motten ihren jährlichen Sommerball ab und mir fällt ein: in diesem Sommer habe ich noch nicht einziges Mal getanzt. Dafür ein ernsthaftes Telefongespräch geführt. Holzhärten in einer Werkstatt ausprobiert, Postkarten an Deniz und Mesale geschrieben, zur Post preschen und den Postbeamten, der 18.01 Uhr noch Briefmarken verkauft, erst umarmt und dann auf ein Eis einladen, fast vergessen die Postkarten in den Postkasten zu werfen, auf einem Bein hüpfen, mit dem Tierarzt ausprobieren, ob unsere Arme wohl weit genug reichen, um die Kastanie zu umarmen (fast treffen sich unsere Fingerspitzen) . Mit der alten Freundin Wildtaube über einer Handvoll Rosinen ( die Wildtaube ) und einer Tasse Milchkaffee ( das Fräulein Read On ) eine halbe Stunde verratschen. Eine dreiviertel Wassermelone verschlingen. Wassereis für die Nachbarskinder machen und bestaunen wie schnell sehr viel Eis in Kindermündern verschwindet und mit noch mehr Vergnügen feststellen, dass der Tierarzt an halbgeeister Wassermelone am Stiel, Gefallen findet. Wer hätte das gedacht? Adam Thorpe’s Ulverton zu Ende lesen und sich gleich darauf in Chimamanda Ngozi Adichies Americanah stürzen. Eine ganze Menge Arbeit erledigen. Endlich einmal alle Bleistifte anspitzen. Den Tierarzt in der Hängematte in den Schlaf schaukeln. Die ewig dicken Shetlandponyhaare waschen und beim Kämmen einen Kammzinken in selbigem Haar verlieren. ( Glaubt man es denn? ) Einer Freundin die Zehennägel nach der OP im Krankenhaus lackieren.( Mintgrün ). Immer noch mehr arbeiten. Den Fahrradschlüssel suchen. Endlich den Fahrradschlüssel wiederfinden. Ein Honigbrot essen. Mit Freunden auf einer Dachterrasse albern sein und dann sehr ernst. Sich ernstlich Sorgen machen und dann noch ein paar Sorgen mehr. Die ersten Tomaten ernten und Abends noch einmal die Fledermäuse zählen. Einen Knopf annähen und sehr oft gähnen. Der lieben C. ein Gartenfürsorgepaket schicken. Glenn Gould beim Klavier spielen zuhören. Auf den Gesang der Nachtigall warten. Die Nachtigall schweigt. Ein Gedicht von Hilde Domin geschenkt bekommen können. Unverhältnismäßig oft niesen, die Füße auf die Balkonbrüstung legen und den Regentropfen bei der Wanderung über die zehn Zehenberge zusehen. Den Tierarzt im Gartenstuhl im Zwiegespräch mit der Kröte belauschen. ( Ja, das macht man nicht.) Schon wieder Eis für die Nachbarskinder und dann die Zinkwanne mit Wasser füllen für das kleinste der Kinder mit Ambitionen doch einmal alle sieben Weltmeere zu bereisen. Weiterarbeiten. Weiteratmen. Fernweh bekommen und ein Päckchen aus Italien. Von einem so schrecklichen Alptraum heimgesucht werden gegen den nichts hilft, auch kein kaltes Wasser. Im Garten einen großen Blumenstrauß pflücken ganz für mich allein. Hummelgesumm bestaunen und von einem ganz anderen Leben träumen. Alte Briefumschläge in die Hand nehmen. Die Handschrift meiner Mutter. Aufhören zu atmen.
Den Tierarzt zum Bahnhof fahren. Der Tierarzt hält sein luggage holdall in der einen und ein Englisch-Deutsch Wörterbuch in der anderen Hand. Ich versuche dem Tierarzt zu erklären, dass Mädchen eines der deutschen Lieblingswörter des Tierarztes sich nicht uneingeschränkter Beliebtheit bei deutschen Frauen erfreut. Aber das lernt der Tierarzt in unter 40 Sekunden als er eine Frau beim Koffer tragen zur Hand gehen will: „Mädchen, soll ich anfassen helfen?“ „Finger weg“ herrscht die Frau ihn an und der Tierarzt hält sein Wörterbuch ein bisschen fester. Ich winke immerhin mit einem weißen Taschentuch. „Auf nächste Woche“, rufe ich ihm hinterher.
Andere Bücher und ein anderer Schlüssel. Wieder zum Flughafen. Der Flug fällt aus. Mit zusammengebissenen Zähnen und nur mühsamen unterdrückten Fluchen eine komplizierte Ersatzroute zusammengeflickt. Erst gezögert, dann doch noch einmal nach Hause gefahren. Drei Stunden später die komplizierte Rückreise begonnen und 40 Stunden später wieder in Dublin ins Büro gelaufen.

Reparaturen

Am Samstag  machte der Tierarzt eine schauderliche Entdeckung. Er hat seinen Führerschein in der tierärztlichen Arbeitshose vergessen und mit in die Waschmaschine getan. Der Führerschein des Tierarztes nämlich ist kein Plastikkärtchen, sondern ein papiernes, zerknicktes Ding aus früher Vorzeit. Der Tierarzt hat seinen Führerschein im UK gemacht und weil die Umstände so waren wie sie waren oder das Laminiergerät kaputt, so trug der Tierarzt für Jahrzehnte das dünner und dünner werdende Papier von Hose zu Hose bis es in der Waschmaschine landete und bei 60 Grad Eco Spar die letzte große Reise antrat, denn als der Tierarzt panisch nach der feuchten Hose griff, war vom Führerschein nur noch Papiergatsch übrig und der Tierarzt verzweifelt. Da der Tierarzt aber trotzdem nach Lamas mit Haarausfall und Krokodilen mit Zahnweh sehen muss, fuhr die Dame des Hauses den Tierarzt umher und der Tierarzt hatte ein grauslich schlechtes Gewissen, das er nicht haben muss, denn so oft wie der Tierarzt mich aufliest, so lange kann die Neuausstellung des Führerscheins schon nicht dauern. ( Aber es dauert wohl doch länger als gedacht, denn erst muss man die irische Führerscheinstelle zu einem kleinen Ort in Wales Kontakt aufnehmen und die Führerscheinbestätigungsbeauftragte ist im Begriff ein Kind zu bekommen.) Aber wir fahren ohnehin weg und der Tierarzt weigert sich standhaft auf dem Kontinent zu fahren. „Die Dame fährt“ sagt er und es klingt als klapperten wir nicht mit dem Oldsmobile über die Straßen, sondern führen sechsspännig in einer Kutsche durch die Lande.

Aber bevor wir noch die Insel verließen kam der Sonntag und ich küsste den Tierarzt auf die Nasenspitze und arbeite von acht bis acht im Büro und um neun war ich zurück im Dorf. Zuhaus traf ich auf einen geknickten Tierarzt und aus Solidarität eine traurige Katze und einen wimmernden Hund. „Tierarzt?“ fragte ich, was ist euch drei Hübschen geschehen?“ Der Tierarzt vergräbt den Kopf in den Händen: „Mädchen, die Waschmaschine ist hinüber.“ Ich besehe die Waschmaschine und nicke. „Tierarzt“ sage ich, „dass kommt vor.“ Die Waschmaschinenhersteller wollen auch leben. „Wir schaffen morgen eine neue Maschine an.“ Der Tierarzt sieht so aus, wie ich mir ein Krokodil mit Zahnweh vorstelle und schüttelt den Kopf: „Das ist doch nicht normal, erst der Führerschein, dann die Waschmaschine. „Tierarzt, sage ich, Dinge gehen verloren und manchmal geht eine Waschmaschine einfach kaputt, das ist nicht schön, aber und noch dazu sind wir in der famosen Lage, einfach in einen Waschmaschinenladen zu gehen und eine neue Maschine anzuschaffen.“ Der Tierarzt aber sieht mich noch immer verzweifelt an: „Aber ich bin schuld, verstehst du nicht?“ „Tierarzt“, sage ich seufzend: „Hast du mit einem Hammer auf die Waschmachine einegschlagen?“ Nein, nun dann kannst du wohl nicht schuld sein.“ Der Tierarzt aber sieht mich zweifelnd an. Dann werfe ich Bücher in das luggage holdall, die Dienstag mit nach Berlin sollen und bin ganz müde. Der Tierarzt aber steht lange am Fenster und fragt: „Soll ich auf dem Sofa schlafen?“

Am Montag Nachmittag kaufen wir eine neue Waschmaschine und zwei Stunden später kniet der Waschmaschinenmaschinenmann in der Küche und ich reiche ihm Werkzeug an, der Waschmaschinenmaschinenmann erzählt mir von seinem Drachen von Schwiegermutter, ich koche Kaffee und reiche Kuchen an, denn meine Großmutter versicherte mir nachdrücklich, dass man niemals an gutem Kaffee und Kuchen für Handwerker sparen sollte, denn dies zahle sich drei- und vierfach aus und dann nahm sie mich mit hinunter in den Hof, wo der Vorgänger des Oldsmobiles stand, zeigte mir wie man einen Reifen wechselt und ließ mich üben, bis ich es ihr nachtun konnte. Dann lächelte sie und sagte: „Kind, Du siehst, wer kann, der muss nicht.“ Ich nickte und brauchte Wochen bis ich die letzten Ölflecken los war. Am Montag aber willigte der Waschmaschinenmann bereitwillig ein die kaputte Maschine mitzunehmen und zu entsorgen und sah mich sehr erleichtert, denn die Vorstellung, dass der strichdünne Tierarzt und das zwergenhafte Fräulein die Waschmaschine in den alten Volvo hieven, war keine Schöne. Ich winkte dem Waschmaschinenmann und erst dann fiel mir auf, dass der Tierarzt nirgendwo zu sehen war. Ich fand ihn schließlich im Garten. „Ich schäme mich so, sagte der Tierarzt“ und ich wusste nicht mehr was zu antworten wäre und schüttelte den Kopf. „Komm sage ich, wir müssen packen“ und strich dem Tierarzt über das Haar.

Heute morgen schließlich rief ich dem Tierarzt etwas eilig, denn ich bin ja immer eilig zu: „Tu mir die Liebe und gieß mir einen Schluck Milch in den Tee“ und der Tierarzt, der doch den Kühlschrank meidet, wie wenig sonst, nahm sich ein Herz und ich trocknete mir die Haare, während Schwesterchen mir Ankunftszeiten diktierte. Schon aber schrie der Tierarzt auf und ich schmiss Schwesterchen Küsse hinterher, band mir das Haar zum Zopf und fürchtete dem Tierarzt sei die Flasche entglitten und in seinen Füßen steckten Scherben über Scherben. Dabei flockte nur die Milch im Tee. „Tierarzt“, sage ich, meine Schuld, mir war entfallen, dass die Milch schon weit über die Zeit über ist.“ Der Tierarzt aber geht schweigend aus der Küche und ich trauere kurz um den sorgfältig gehüteten Kefir, den der Tierarzt mit der Milch verwechselt hatte. Dann denke ich an viele andere Sachen, die es zu bedenken gilt, schließt man die Haustür für ein paar Tage hinter sich zu. Dann fahren wir zum Flughafen, also ich fahre den klapperigen Volvo und der Tierarzt sieht mich an: „Was willst Du eigentlich mit jemanden wie mir.“ Mir wird das Herz schwer und mit steinschwerem Herzen verfahre ich mich immer, dabei haben wir gar keine Zeit uns zu verfahren. Mit hängender Zunge erreichen wir das Flugzeug und über dem Meer schläft der Tierarzt ein. Ich starre auf das Buch in meinen Händen, aber lesen kann ich nicht und ich ziehe seine Hand zu meinen Rippen. Manchmal denke ich, geht eine Waschmaschine kaputt und man lernt wenig über Ventile und mehr über die Ehe, die da vor einen war, als durch all die Fragen und das was man lernt, will man nicht wissen, denn das wenn Schuldige gesucht werden, Schuldige gefunden werden, das wusste ich schon und niemals hat dies eine Sache, eine Ehe oder ein Leben zum Besseren gewendet. Die Hände des Tierarztes aber sind kälter als sonst.

Die schlimmste Zeit des Jahres.

Bekanntlich lebt das Fräulein Read On ja ein betulich-beschauliches Leben, und noch dazu ein beschaulich-betuchliches, ökologisch und kompostierbares Leben dazu. Wie der geneigte Leser längst weiß, bekommt das Fräulein eine Biokiste frei haus geliefert und was nicht in der Biokiste ist, holt das Fräulein bei Herrn Yilmaz ( der im Moment Rücken hat ) auf dem Wochenmarkt ein. Was sie nicht auf dem Wochenmarkt einholt, das wächst im Garten und wie jedes Jahr seufzt das Fräulein über die ungeheure Menge an Fisolen, die Eimer an Johannisbeeren und Schüsseln voll Himbeeren. So lebt das Fräulein so vor sich hin.

Nur selten und höchst widerwillig sucht selbiges Fräulein einen Supermarkt auf, tut sie es doch, so verläuft sich das Fräulein und stellt verwundert fest, dass es tatsächlich Menschen gibt, die vorgeschälte Kartoffeln aus dem Glas kaufen und gehobelte Gurken aus der Plastikbox. Das betuchlich-beschauliche Fräulein aber brauchte Filtertüten, denn selbiges Fräulein besitzt als letzter Mensch auf Erden keine: RUCK-ZUCK-HAU DRUFF-KAPSEL-REIN- MOCCACHINO-RAUS-MASCHINE, sondern eine kleine röhrend, fauchende und spuckende Maschine, die sie von ihrer Großmutter übernahm und die der Kaffeeboy heißt. Das Fräulein lässt sich nichts kommen auf diesen vortrefflichen Hausboy. Wie so oft schweift es aber ab, denn es wollte eigentlich erzählen, dass es vor dem meterlangen Regal mit Kaffeekapseln stand, in dem sich laut Angabe der Verkäuferin auch die Filtertüten versteckt hielten befanden. Neben dem Fräulein standen zwei Damen und ratschten.

Dame A: Ach, Tilli, es ist wieder soweit. Die schlimmste Zeit des Jahres ist angebrochen.

Dame: B: Ach, Lilli, Du sagst es. Das sagt einem ja keiner, weder im Kindergarten noch in der Sprechstunde der Schule, noch im Elternbeirat. Da lächeln immer nur alle und zucken mit den Schultern: „Hauptsache Spaß macht die Schule.“
Dabei ist es das Schlimmste. Schlimmer noch als die schlaflosen Nächte wenn Sie zahnen. Viel Schlimmer. Gar kein Vergleich. Die Zeit der großen Qualen.

Dame A: Die Zeit der größten Kümmernisse.

Dame B: Die Zeit der Sorgen.

Dame A ( fasst sich in das Haar): Die Zeit der ewigen Pein.

Dame B: ( Hände hoch erhoben ) : Fegefeuer!

Dame A: Die Hölle.

Dame B: Am 20. Juli erst haben wir Gewissheit.

Dame A: Eine Ewigkeit.
 
Dame B: Weißt Tilli man reflektiert halt auch noch einmal alles. Haben wir wirkliches alles gegeben beim Referat über die Delfine. Hätt da nicht doch noch ein Video mit dem Delfinguru aus Teneriffa was reißen können?

Dame A: Die Biologielehrerin ist aber auch eine Schnake.

Dame B: Ja, Sowieso.

Dame A: Mir geht es ja ähnlich. Weißt den anderen Tag habe ich mich ertappt, wie ich einen Fehler in der Hausaufgabe übersehen hab. Aufgefahrn bin ich mitten in der Nacht und zu Burlis Ranzen gerannt und hab die Hefte gesucht. Richtig Herzrasen hatte ich. Dann hab Ich die verteufelte Gleichung noch einmal neu gemacht und weil ich eh dabei war, die Matheprobe noch einmal neu ins Heft übertragen. Weißt der Burli schmiert immer so in seinen Heften. Dabei sag ich ihm schon seit er ein Taferlklasserl war: „Für den ersten Eindruck, gibt es keine zweite Chance.“ Aber weißt ja wie die Buben sind, sie hören halt net und schmieren die Hefte voll. Dabei kann des entscheidend sein für einen Zweier oder Dreier ob die Probe anständig daherkommt.

Dame B: Der Matheprofessor ist sowieso ein ganz arger Hund. In der Sprechstund hat der mich angefahren wie weiß was. Dabei hab ich ihm nur gesagt, dass wir die Aufgabe einfach nicht verstanden haben. Da muss es halt an seinen Erklärungen hapern. Da hat der doch gesagt, dass er sich wundert, was mich die Matheprobe vom Burli angeht. Na wir kümmern uns halt, hab ich dem gesagt. Da darf man net einknicken.Aber Lehrer null kritikfähig, dabei selbst immer den Rotstift in der Hand. Des deprimiert die Kinder ja auch.

Dame B: So recht hast Du. Keinen Zentimeter darf man weichen, weißt wenn man es erst nachgibt, dann kommt der Burli überhaupt nimmer mehr auf einen grünen Zweig. Das hab ich der Turnfrau nie verzeihen, dass sie dem Mädi einen Vierer reingedrückt hat. Stundenlang haben wir im Garten hangeln geübt.
Weißt sie kann halt unter Stress nicht gleich auf Anhieb performen. Da bin ich zur der Turnfrau hingekrochen. Auf allen Vieren! Gefleht habe ich, auf Knien um sie vor dem Vierer zu bewahren. Aber nein, natürlich drückt sie uns einen Vierer rein. Aber des wird dieses Jahr net passieren. Der Matthias hat am Anfang des Schuljahres Bälle und eine neue Tischtennisplatte gestiftet. Kann er ja alles absetzen von der Steuer. Das gibt mindestens einen Zweier.

Dame A: schaut neidisch und grimmig.

Dame A: Mir graut schon vor dem nächsten Schuljahr, sag ich dir.
Da bekommt der Burli Chemie und Physik obendrauf. Da muss ich mich erst einmal einlesen über den Sommer. Man ist ja doch raus. Ich hab mir einen ganzen Stapel Bücher angelegt.

Dame B: Du, Lilli, da gibst was ganz Fesches mit Video, da verstehst Dinge, die hast nie begriffen, nicht einmal wie wir in der Schule waren, hab Ich des verstanden und jetzt mit die Videos, weißt alles ist ja im Internet heutzutage, da machen die des Schritt für Schritt und du hast richtig eine Erleuchtung, eine richtige Erleuchtung haste da. Alles ganz easy und Schritt für Schritt. Easy, sag ich dir. Ich text dir die Seite, da kannst Dir ein Paket zusammen stellen. Englisch und Physik und überhaupt alles. Ganz easy, sag ich dir.

Dame A: Ach, Tilli, wenn du mir das schicken tätst. Du glaubst net, wie ich mich fürchte vor der Physik.

Dame B: Weißt mit der Englisch-Note mache ich mir halt auch Gedanken. Das ist ja auch eine so Großkopferte, die dem Burli immer sein ‚th’ madig macht. Dabei sagt der Burli, dass er halt nur Amerikanisches Englisch kann, wegen des Rap, weißt. Er hört ja den ganzen Tag nix anderes wie den Rap. Ganz nervös macht mich der Rap, aber weißt, ich denk schon, dass der Rap gut ist für den Spracherwerb. Die Englisch- Großkopferte hat in der Sprechstunde jedenfalls nur gelacht, als ich ihr das erklärt hab mit dem Burli, dem Rap und dem th. Hat die nur gelacht. Man fasst das nicht. Jedenfalls haben wir geübt wie die Blöden und des Nachts ertapp ich mich, wie ich englische Vokabeln vor mir her sag. Hoffentlich haben wir in Englisch mindestens einen Dreier.

Dame A: Ach, es ist grässlich. Das Warten. Der Burli erzählt ja auch nix. Keinen blassen Schimmer hab ich was wir für ein Zeugnis kriegen.

Dame B: Ach, es ist die schlimmste Zeit. Das Mädi heult schon,wenn das Wort nur Zeugnis nur fällt. Der Bub sagt auch nix, weißt ja eh wie die Buben sind.

Dame A: Hoffentlich setzt es keinen Fünfer.

Dame B: Hoffentlich setzt es nur einen Fünfer.

( Beide Damen seufzen schwer.)

 

Das Fräulein Read On aber entfernt sich eilig, denn es ist wohl ungehörig als beschaulich-betuchliches, ökologisches Fräulein ohne Kinder den Zeugnissorgen der Wir-Mütter noch länger zu lauschen und außerdem hat das Fräulein endlich die Filtertüten erspäht.

Fast,aber wirklich nur fast.

Fast wäre ich morgens in der Früh, das Dorf wie das Meer schliefen noch fest über die ausgestreckten Füßen eines schnarchenden Baumes gestürzt und nur der halbwache Ginsterbusch, der sich in meinem Kleid verfing, bewahrte mich vor dem Absturz am steilen Hang. Fast nur wäre mir das Paar Flip-Flop mit den bunten Blüten davon geweht, als ich aus dem Wasser tappte, zum Glück hielt der Stein die Schuhe fester, als der Wind mit seinen kalten Fingern an ihnen riss. Fast nur ist mir der Bademantel-Gürtel ins Wasser gefallen, um sogleich unauffindbar zu versinken und gerade noch im allerletzten Augenblick bekam ich ihn zu packen. Fast nur fuhr mich ein Tourist auf seinem Skateboard um, das ein grauer Windhund kläffend zog, denn so ein Fräulein weiß wann es besser schnell zur Seite springt. Fast nur wäre ich dabei ins Rosenbeet der Frau des Krämers gekugelt. Aber ein Fräulein weiß natürlich, dass ein gestauchter Rücken nichts ist, gegen den Zorn der Frau des Krämers, fällt man in ihr Allerheiligstes. Fast hätte ich einen so teuflischen Fluch gegen den Skateboard-Fahrer und seine abstoßende Töle ausgestoßen, bis ich mich erinnerte, dass meine Großmutter mit durchgedrücktem Rücken doch Contenance empfahl. Zurück Zuhaus, fiel mir die Schüssel mit dem Zimtschneckenteig nur fast aus der Hand, denn der hauseigene Hund mit dem Verstand einer sehr jungen Amöbe, schnappte nach dem tropfnassen Bademantelgürtel und wollte Ball spielen. „Frag doch den Tierarzt“ blaffte ich, während die Schüssel klappernd auf dem Küchentisch wie ein Derwisch tanzte um auf den Millimeter genau an der Tischkante zum Stehen zu kommen. Nur um ein Haarbreit, also wirklich nur fast, fast, fast kann ich mich so sehr beherrschen, den Tierarzt nicht mit meinen meerkalten Händen unter die Rippen zu fahren, um ihn zu wecken. Nur fast ersticke ich nicht an einem Stück Zimtschnecke, weil die unverschämte Katze, mein linkes Knie als Absprungsrampe verwendet um auf den Schoss des Tierarztes zu springen. Ich beschließe Lachs für die Katze vom Speiseplan zu streichen und nur fast beruhigt mich die Hand des Tierarztes auf meinem Knie. Nur fast hat Kälbchen später meinen Zeigefinger mit einer Mohrrübe verwechselt und so muss ich nicht über die Jahrmärkte tingeln: „Sehen Sie hier das Fräulein, welches ihren Zeigefinger an ein Kälbchen in den Flegeljahren verlor.“
Fast wäre mir das Rosmarinhühnchen im Ofen zu einem Stück Holzkohle verbrannt, weil ich fast vergessen hätte, dass ich den Ofen schon eingeschaltet hatte. Fast hätte es keinen grünen Salat zum Huhn gegeben , denn beinahe war mir entfallen, dass ich den Salat nicht im Eisschrank, sondern im Speisekämmerchen zwischengelagert hatte und jaulend vor Verzweiflung selbst im Bettkasten nachsah. ( Weiß man es denn?) Fast hätte ich endlich einmal wieder gegen den Priester im Schach gewonnen, da hat der Priester auf einmal einen Springer auf D4. Fast hätte ich ein Mittagsschläfchen gehalten, hätte nicht das Telefon nicht geklingelt. ( Glauben sie mir, ich werde der Nörgelrentner sein, der einen Besenstiel neben dem Sessel stehen hat) und Zettel mit „Bitte um Einhaltung der Mittagsruhe“ in die Briefkästen der Nachbarn verteilt. Fast wäre ich beim Versuch nach dem Telefon zu angeln vom alten, grünen Sofa gekracht und nur weil der Tierarzt mit vereinten Kräften meine Füße hielt, blieb dieses Schrecknis aus. Fast hätte ich in den Hörer geknurrt und dann erinnerte ich mich doch, wenn auch seufzend: Ich kann Schwesterchen einfach nicht Gram sein, auch wenn ich mich wirklich sehr bemühe. Fast wäre ich wieder eingeschlafen, aber natürlich nähert sich ein Hundeschnauze und will etwas von der Welt sehen. Fast hätte der Hund seine rechte Pfote in das Meer getaucht, aber wirklich nur fast, denn der Hund verachtet die Nässe, wie die Katze mich. Fast hätte der Tierarzt einen Stein an den Kopf gedeppert bekommen, denn der Strand ist voller Touristen und die naturwissenschaftlich interessierten Touristenkinder werfen mit Steinen nach dem Meer, aber das Meer hält sich natürlich nicht den Kopf wie der Tierarzt und ruft: Eeeek.
Geschlagen verlassen wir den Strand und wandern zurück ins Dorf. Nur fast fallen wir der Frau des Krämers in die Hände, aber ein Tourist kommt uns zuvor und will ein Foto mir ihr als originaler Eingeborener vor ihrem Laden machen. Von ihrer Schimpftirade bluten nicht nur dem Touristen mit seiner Profikamera, mit der man sicher auch den Mond fotografieren kann, sondern auch uns fast die Ohren und kichernd rennen wir zurück nach Haus, denn die schwarzen Wolken lassen nur einen Schluss zu: Wer noch nicht nass ist, wird es gleich sein. Fast trocken erreichen wir Hof und Tür. Fast wäre dann das Bücherregal im Flur ins Wanken geraten, weil der Hund glaubte er müsste es der Katze gleichtun und das Regalbrett erklimmen, aber nur fast, denn der Tierarzt führte mit dem Hund ein unter vier Augen Gespräch und der Hund hatte hernach fast eine verständige Miene. Fast aber nur fast wären der Tierarzt und ich dann aufs Sofa gefallen, aber nur fast, denn dort lag ausgestreckt schon die Katze und las ernsthaft und vertieft die Sonntagszeitung.

Grünes Glück

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Trotz der ziemlichen Kälte am Morgen besteht die D., die auf einen Sprung vorbeischaut, im Garten zu frühstücken. Liebe Gäste lässt man gewähren und reicht ein dickes Wollplaid zum Nusszopf und der Marmelade. Weil es sich noch dazu, um die liebe D. handelt, bekommt sie auch noch ein paar dicke Socken und ich mache ihr zu Ehren das letzte Glas Stachelbeermarmelade auf. Im Gras zwitschert die Amsel und meine alte Freundin die Wildtaube gurrt leise, sie will ja nicht stören und frühstückt Rosinen auf dem Brett über der Regentonne. Die D. seufzt. „Wirklich sagt sie Süße, ich beneide dich um deinen Garten.“ „Uff, sage ich und denke an die vielen, vielen Morgen an denen ich vor Sonnenaufgang schon im Garten harke, jäte, grabe, gieße, schneide und immer noch lacht die Wildnis aus vollem Halse über meine Mühen. „Aber D. sage ich, Du hast doch deine Datscha.“

Die D. nämlich ist vor einigen Jahren aus dem schönen München und dem elterlichen Haus mit dem riesigen Walnussbaum im Garten in eine Wohnung mit Balkon aber ohne Grün in Charlottenburg verzogen, dem H. ihren Mann zuliebe, der seine Midlife Crisis nicht mit einer Geliebten, sondern mit dem Umzug in eine neue Stadt kurieren wollte. Der H. jedenfalls schimpft seitdem den ganzen Tag auf Berlin und verehrt die Stadt an der Isar als sie die Heiligkeit selbst. Die D. aber fand Freunde, gründete eine Firma und vergass München, nur die Sehnsucht nach dem elterlichen Walnussbaum, die blieb ungestillt. Dann aber hörte die D., dass immer mehr Menschen, die Gartenzwerge nicht Monets Seerosen vorziehen und Hobbyfunker aus Leidenschaft sind, sich ein Stück Gartenglück in einer Laubenkolonie erpachten. Der Wunsch nach Mutter Erde und dreckigen Fingern also wuchs und wuchs auch in der lieben D. und eines schönen Tages übernahm sie ein Stück Land in einer Gartenkolonie, die wir hier der Einfachheit halber einmal „Grünes Glück“ nennen wollen. Es ließ sich gut an für die D., die nach der Arbeit gern mit dem Rad in ihre Laube fuhr, sich die Füße in der Sonne wärmte und nach Herzenslust Sträucher und Blumen pflanzte, sich Erdbeeren von der Hand in den Mund wachsen ließ und ein Vogelhaus in den Apfelbaum hängte. Gegen den seltsamen Nachbarn, der im Unterhemd Rasen mähte und Scherben gegen die Vogelbrut auf das Dach platzierte half eine Buchenhecke und gegen die „100 besten Militärmärsche der NVA“, die die ansonsten ganz passable Nachbarin zur Linken und ihr Gemahl auflegten während sie dem Unkraut zu Leibe rückten, konnte mit Ohropax begegnet werden. So also ließ sich wenn nicht Alles, so doch Vieles zum Guten wenden und mit Stolz sah die liebe D., der ich gerade ein zweites Stück Nusszopf auf den Teller lege auf ihr Stück begrüntes Land. Dann aber entschloss die D., denn die Sommer sind kurz und der Berliner Winter sehr, sehr lang und von zäher Kälte auch morgens noch bevor sie zur Arbeit fuhr auf eine Stunde im Garten zu werkeln und den Tag mit Rosenduft in der Nase zu beginnen. Wer will es ihr verdenken? Doch auch die anderen Laubenpieper sahen in der Morgenstunde die rechte Zeit, und so sah die D. nicht etwa allein die Sonne, sondern den Nachbarn im Unterhemd, der die Rasenkanten trimmte und schlimmer noch mit einem auf den Rücken geschnallten Giftkanister gegen die „Schädlinge“ vorging, denn dies Stück Land erklärte er der verdutzten D. gehöre ihm und ihm allein. Über die Hand der D. läuft derweil eine Spinne. Hier bei mir im Garten am Rande der Stadt wohnen ja neben der Igelfamilie, der Kröte ( noch nicht aus dem Süden zurückgekehrt ) in der alten Gießkanne, der alten Freundin Wildtaube und ungezählten Vögeln, so viele Insekten und Spinnen, dass die örtliche Grundschule immer wieder mit Kindern vorbeikommt. Die Kinder sind heute ja immer alle sehr, sehr gut angezogen und fürchten sich vor den Regenwürmern, aber wenn sie dann mit ihren Bechergläsern endlich durchs Gras robben und Getier beobachten, dann dauert es nicht mehr lang und schon bestaunen sie Spinnen, Hummeln, Würmer und wollen alle, dass der Marienkäfer auf ihrem Finger landet. Der grandiose Nebeneffekt dieser Naturstunden ist, dass die durstigen Kinder nicht nach Cola schreien, sondern Wasser mit Himbeersirup, den ich in Massen herstelle, herunterstürzen, denn der nächste Sommer mit seiner Himbeerschwemme kommt bestimmt. Ich hoffe, dass die Kinder noch immer Spinnen in den Hosentaschen mit nach Hause nehmen, denn wenn die Welt schon nicht besser zu machen ist, dann doch wenigstens nicht immer nur noch steriler. Aber schon schweife ich ab, denn in der Laubenkolonie „Grünes Glück“ ist die Natur vor allem eins: Gegner. Die D. sah betrübt auf ihre Rosen und den Nachbarn mit der Giftspritze. Aber dann schien die Sonne und die D. sagte sich, besser als nur der kleine, ewig verschattete Balkon in Charlottenburg ist es allemal. Aber dann eines Morgens die D. trank gerade Kaffee vor ihrer Datscha und hielt die Füße ins taufrische Gras,  doch dann hörte sie ein „Schnipp“ und dann ein „Schnapp“, und ein dumpfes „Plopp“ erst dachte die D., dass die NVA-Nachbarn vielleicht das Gras mit der Nagelschere in Stellung brachten wie einst der Pionierappell die Kinder, aber die D. sollte sich irren und eine Nagelschere macht vielleicht „Sirrrr“ und „Simmm“ aber erzeugte wohl kaum ein metallisch-klirrendes „Schnipp“ und „Schnapp.“ Die D. jedenfalls tappte zum Gartenzaun. Herr und Frau Nachbarin in Trainingsanzügen robbten tiefgebeugt über den Rasen, in den Händen große, silberne Scheren. „Morgen Nachbarn“ rief die D. und winkte. Die Nachbarn sahen kaum auf. „Psst Frau D.“, riefen sie, „die Biester sind schneller als man denkt.“ Die D. beugte sich noch ein Stück weiter zum Gartenzaun vor und endlich verstand auch sie: die Nachbarn jagten Schnecken. Aber nicht einfach so oder gar um sie auf den Kompost zu befördern, oder meinetwegen über den Gartenzaun zur D. zu schleduern, sondern Schnecke für Schnecke packten sie mit gelben Gummihandschuhen bewehrt und zerschnitten die Schnecken dann mit den scharfen, silbernen Scheren genau in der Mitte, um sie dann mit einem „Plopp“ in einen metallenen Kübel fallen zu lassen. Die D. aber drehte sich um und übergab sich ins Rosenbeet. Am gleichen Tag noch kündigte sie ihre Parzelle in der Laubenkolonie „Grünes Glück“. Die Nachpächter haben die Rosenstöcke sogleich planiert.

Die D. schüttelt den Kopf und seufzt. Ich seufze mit ihr und lege ihr noch ein Stück Nusszopf auf den Teller. „Hör Süße, sage ich, Du kannst kommen wann immer du willst und wenn Du magst pflanzen wir einen Nussbaum. Der Garten ist schließlich groß genug.“ Die liebe D. nickt. Dann muss ich aber wirklich los, die alte Freundin Wildtaube sage ich, ist eine gute Zuhörerin und streue ihr noch eine Hand Rosinen hin Die Wildtaube gurrt und die D. zieht trotz der Kälte ihr Schuhe aus und vergräbt die Füße im weichen, duftenden Gras.

Erscheinungen

Der Mittwoch aber war ein seltsamer Tag. Schon früh am Morgen im Zug saß ich einem Mann gegenüber, der unermüdlich Papiere in unendlich kleine Schnipsel zerriss. Briefe, Kontoauszüge, Einkaufszettel und Notizen waren bald nur noch lose Fetzen Papier. Damit indes nicht genug, denn kaum waren die Papiere zerrissen, nahm der Mann die Schnipsel zur Hand, um sie in nummerierte Briefumschläge einzusortieren. Während er ganz und gar vertieft in das Zerreißen und Ordnen der Schnipsel war, pfiff er ein fröhliches Lied vor sich hin, so als gäbe es nichts Hübscheres und Heiteres als unverdrossen Papier zu zerreißen. Gerade als der Zug hielt, hatte der Mann die Briefumschläge in seiner sonst vollständig leeren Aktenmappe verstaut und ging seiner Wege. Ob er noch immer pfiff, befriedigt und aufgerichtet und innerlich gestärkt von den nummerierten Schnipselbergen- ich weiß es nicht.

Auf dem Weg in die Universität passiere ich zwei Brücken. Steinerne Ungetümer, noch gebaut von der einstigen Kolonialmacht England, die ja niemals nur nach den Meeren griff, sondern Länder, Städte und Flussläufe mit harter Hand für sich reklamierte. Heute aber fahren kaum noch Handelsschiffe auf der Liffey und auch die Brücken sind längst Kulisse für italienische und spanische Touristen geworden, die sich mit ihren Selfiestöcken bewehrt, postieren und wahlweise auf die Straße oder fast in den Fluss stürzen beim Versuch Handstand auf dem Brückenkopf zu üben. Zu so früher Stunde aber schlafen die Touristen noch. Statt ihrer steht eine Frau auf der Brücke und langt in einen weißen Plastikbeutel. Der Beutel ist voller Wecken, die Frau teil diese in vier unregelmäßig große Brocken und wirft sie den Möwen zu. Die Möwen kreischen schrill, dass es noch die letzten Langschläfer hören: „Frühstück fassen.“ Mehr und mehr Möwen segeln kreischend auf die Brücke und die Frau mit ihrer Plastiktüte zu. Möwen scheinen ganz generell nicht besonders am Prinzip des Teilens und Teilhabens interessiert zu sein, sondern die Möwen, die sich gegenseitig den scharfen Schnabel zeigen, fordern nicht ein Viertel trockenes Brötchen, sondern eine ganze Wecke und das bitteschön jetzt und gleich. Die Frau inzwischen umzingelt von Möwen mit ihren scharfen gelben Schnäbeln, reißt Brötchen um Brötchen entzwei und wirft sie den Möwen zu, doch längst schon sind weit mehr Möwen als Wecken auf der Brücke zugegen. Zwei Möwen mit scharfem Blick und elegant gebogenen Schnäbeln haben verstanden, dass mit Diplomatie hier nichts zu erreichen ist, und nur kurz heben sie die Flügel an und schon hacken sie in die weiße Plastiktüte und schnappen nach den verbliebenen Wecken. Die Frau sieht entsetzt auf den Riss in der Plastiktüte und die scharfen Möwenschnäbel ganz dicht an ihrem Bein. Aufheulend lässt sie die Plastiktüte fallen und rennt ohne sich noch einmal umzusehen davon. Die Möwen aber balgen sich siegesgewiss um die auf die Straße kullernden Wecken. Die Frau ist nicht mehr zu sehen.

 
Später am Tage bekommt ein Kollege, der doch als ausnehmend besonnen, zurückhaltend und als ausgesucht höflich bekannt ist, einen Wutanfall über einen defekten Fahrstuhl. Neben dem Fahrstuhl befindet sich die Treppe doch der Kollege denkt gar nicht daran nachzugeben, sondern schreit wie von Sinnen erst den Fahrstuhl und dann mich an, die ich zufällig vorbeilaufe. „Frechheit“ und „Liederlicher Saftladen“ schallt es mir entgegen und dann läuft der Kollege auch schon rot an, Tränen spritzen aus seinen Augenwinkeln, so überfällt ihn die Wut, er stampft mit dem Fuß, hämmert gegen die Fahrstuhltür, und will nichts wissen, von meinen Versuchen ihn doch zu beruhigen. Schließlich aber nachdem nur noch Wut da ist und keine Worte mehr, kehrt er auf dem Ansatz um und eilt schnellen Schrittes davon. Für den Rest des Tages habe ich nicht weiter gesehen. Alldieweil Telefonate und auch hier behält das Sonderbare die Oberhand. Ein langes Gespräch über ein kompliziertes Gespräch bricht mitten im Satz ab. „Hallo?“ rufe ich mehrfach vergeblich in den Hörer. Doch die Leitung bleibt stumm. Alle weiteren Versuche eine erneute Verbindung herzustellen, scheitern. Am anderen Ende nur stummes, endloses und dunkles Tuten.

 
Schließlich stehe ich bei der Post in einer langen Schlange um Briefmarken an. Etwas so scheint mir hat sich in meinem Haar verfangen und unwillig schüttle ich den Kopf, doch kaum habe ich das vermeintliche Insekt vertrieben, fährt schon wieder etwas in mein Haar und ich drehe mich um. Eine ältliche Frau in fliederfarbenem Trenchcoat befühlt mit ihren Fingern meine Haare. „Lassen Sie doch bitte mein Haar los“ sage ich und glaube die Angelegenheit damit für erledigt. Die Frau aber mustert mich mit offensichtlicher Empörung; „Stellen Sie sich doch nicht so an!“ ruft sie und schon wieder streckt sie ihre Hände nach meinen Haaren aus. „Hören Sie“ erwidere ich, ich möchte nicht, dass Sie meine Haare befummeln.“ Die Frau blinzelt wütend zu mir herüber: „ Wer so lange Haare hat wie sie, muss das eben aushalten, zischt sie und faselt etwas von ihrem guten Recht, bevor sie erneut versucht eine Haarflechte zu sich heran zu ziehen. Sehr unwirsch, trete ich einen Schritt zurück und die Hände der Frau angeln ins Leere. Schließlich gibt sie auf, nicht jedoch ohne mir einen bösen Blick zuzuwerfen. „Sie werde sich beschweren, tönt sie lauthals.“ Einem einfach die Haare zu verweigern, das sei doch unverschämt und überhaupt ihr gutes Recht. Ich kaufe Briefmarken. Die Frau sehe ich nicht noch einmal wieder.

Spät in der Nacht erst, nach Ende der Nachtschicht kehre ich ins lange schon schlafende Dorf zurück. Es ist schon zu spät, um sich noch einmal ins Bett zu legen und so krieche ich nur unter das wollene Plaid auf dem Sofa. Die alte Standuhr tickt, vor dem Fenster rascheln die Bäume, im Oberstock schläft fest der Tierarzt, der Hund auf dem Boden zuckt mit den Ohren, nur die Katze liegt nicht auf dem Fensterbrett. Dies scheint mir sonderbar, denn die Katze ist mit einem sehr gesunden Schlaf gesegnet und verlässt nach 20 Uhr grundsätzlich nicht mehr das Haus. Doch als ich noch einmal aufstehe und in den Garten sehe, sitzt die Katze auf dem Gartenmäuerchen, welches mein Haus vom Kirchhof trennt, neben ihr hockt der von ihr schon immer verachtete Kater des Priesters, beide scheinen in ein inniges Zwiegespräch vertieft. Ich krieche zurück unter das Plaid, als drei Stunden später der Wecker klingelt, liegt die Katze regungslos auf der Fensterbank und auf der Gartenmauer singt nur eine Amsel dem Morgen ein Lied.

 

Der Taschendieb

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Vor ein paar Wochen war mir, als fehlte Geld. Als ich bei der Frau des Krämers nämlich Milch, Brot, Eier und Brie bezahlen wollte, war mein Portemonnaie bis auf eine Handvoll Münzen leer. Das wunderte mich. Am Morgen schien mir als hätte ich einen 50Euro Schein in der Geldbörse gesehen. Ich ließ anschreiben und brachte der Frau des Krämers selbstredend am nächsten Morgen das Geld. Dann vergaß ich das Ganze fast wieder, denn schon oft habe ich geschworen, ein Paar Schuh ganz gewiss von Berlin nach Irland mitgenommen zu haben und Stein und Bein habe ich geschworen, dass mein Adressbüchlein in Irland auf dem Tisch läge, da fiel es in Berlin vom Schreibtisch. Zudem teilen der Tierarzt und ich nicht nur die Rechnungen miteinander, sondern im Küchenschrank steht ein hölzernes Kistchen in das wir wechselseitig Bargeld legen, für alles was ein Leben so braucht und niemand muss Rechenschaft ablegen wofür das Geld verwendet wird und so vergaß ich die fehlende Summe und schalt mich für meine Unachtsamkeit, die mich bei der Frau des Krämers in Verlegenheit brachte. Heute aber bat mich die J. sie noch einmal zu vertreten und auch wenn die Fußstapfen für mich zu groß sind, es gibt nichts was ich der J. abschlagen würde und so lehnte ich die Bürotür an und ging meiner Wege. Noch niemals in fast dreieinhalb Jahren habe ich meine Bürotür verschlossen, zu oft klopfen Menschen, zu oft renne ich hinauf und hinab und außer Büchern, Aktenordnern, einer Palme, einer Zeichnung meiner Nichte ( sie auf dem Schlossberg mit dem treuen Kanzler Bär ) und einem- es sei von allen Dächern getrommelt und gepfiffen- Stapel korrigierter Essays ist das Büro ein denkbar nüchterner Ort. Unter dem Schreibtisch meine Handtasche, in der sich mein Portemonnaie nicht aber die Münzsammlung von Onkel A. befindet.
Noch immer also pfeife ich und summe etwas von Sonnenschein und tralalala vor mir her. Dann öffne ich die Tür. Über meinem Schreibtischstuhl gebeugt steht der G. meine Schlüssel liegen auf dem Tisch und als ich das Zimmer betrete, zieht der G. einen 50 Euro-Schein aus meiner Geldbörse. Für einen Augenblick ist alles ganz still und ich sehe den G. an und der G. steht dort starr mit dem Geld in der Hand. Der G. fängt sich schneller als ich und brabbelt los: „Außergwöhnliche Notlage“, das Geld gerade in das Portemonnaie zurücklegen, ich solle keine vorschnellen Rückschlüsse ziehen. Aber ich stehe an die Tür gelehnt und höre den G. nur von weiter Ferne. Denn eigentlich bin ich wieder 12 Jahre alt und ist man am Ende nicht immer 12 Jahre alt? Ich sitze bei meiner Großmutter am Küchentisch und meine Großmutter sieht mich an: „Kind sagte meine Großmutter, sei großzügig in Geldangelegenheiten, denn man wird dir nie vergeben, dass du ein Jude bist. Immer wird man dir misstrauisch auf die Finger sehen, ob du nicht oft ihrer Vorstellung des Geldleihers entsprichst und sie alle mein Kind, darüber besteht kein Zweifel haben das Bild vor Augen. Niemals Kind, hörst du, darfst du dir Geld borgen, und niemals Kind von einem der Anderen Geld einfordern. Hast du mich verstanden? Ich hatte verstanden, denn die katholischen Schwestern der Schule, die ich besuchte, hatten oft genug das Bild vom gierigen Juden, der dem armen Schuster das Darlehen mit Zins und Zinseszins begleichen lässt, während erst Frau und dann Kinder verhungern , gezeigt und immer in meine Richtung gedeutet. Ich schämte mich in Grund und Boden im festen Wissen darum auch so ‚einer’ zu sein. Geld habe ich selbst nie geborgt, aber immer denen die es brauchten oder auch nur glaubten es zu tun, Geld gegeben und viele kleine, und mittlere und auch gar nicht so kleine Beträge wohlwollend vergessen, um ja nur nicht in die Nähe des gierigen Judens zurückzugeraten. Hast du verstanden Kind? Verstanden hatte ich es, aber ich erinnere mich nicht mehr, ob sie damals am Küchentisch auch etwas darüber sagte, wie man sich wohl verhielte, ertappte man einen Dieb mit dem Händen im Portemonnaie. A
uf keinen Fall die Contenance verlieren hätte sie gewiss gesagt und so atme ich ein und aus. Unter gar keinen Umständen aber ein Geschrei beginnen, mit den Händen fuchteln, den Dieb zur Seite drängen und den Dieb bei den Ohren packen. Also schreie ich nicht, drängle nicht, halte die Arme in den Tasche verborgen und frage nicht einmal: „ Wie viel?“ Denn hinter mir steht ja immer das Bild des gierigen Juden und der hungernde Schuster. Das nämlich lernte ich damals am Küchentisch, das gälte es wieder und wieder zu beweisen, dass wir nicht so seien, wie sie es sich vorstellten. Der G. ist inzwischen bei „Willst du die Polizei rufen?“ angekommen. Langsam sehe ich wieder den G. vor mir und schüttle den Kopf: Glaubst Du hier wäre mit Blaulicht und Handschellen geholfen?“ Dann ist der G. endlich still. G. sage ich endlich: „Warum bestiehlst du mich?“ „Warum stiehlst du dich in mein Büro?“
Der G. beginnt erneut irgendwelche Geschichten zu erzählen, die auf einen dummen Fehler, eine kleine Schwäche, nicht aber auf das Problem an sich hinauslaufen. Zum wievielten Mal, frage ich dann. Der G. zuckt mit den Schultern und befindet: „Er sage jetzt besser gar nichts mehr.“ Das ist der gleiche G. wundere ich mich, der bei mir zum Geburtstag, zu Sommerfesten und mit seiner Freundin in der Berliner Wohnung eine Woche verbracht hat? Das Geld auf den Tisch, sage ich und dann muss ich noch einmal tief ein-und ausatmen, bevor ich sage: „Verschwinde.“

Dann fällt die Tür ins Schloss, ich sortiere den verschütteten Kram in meine Handtasche zurück und rolle den 50 Euro-Schein zusammen. Er brennt in meinen Handflächen. Von der E. lasse ich mir einen Schlüssel geben. Zehn Minuten später klopft die J. „Alles in Ordnung bei Dir?“, fragt sie und ich nicke und verstecke die zitternden Hände in den Rocktaschen.
Dann sehe ich hinaus in den Sonnenschein. Eine Stunde später klopft der Tierarzt. „Ein Mädchen sagt er, hat versprochen mich auf ein Eis einzuladen.“ Ich nicke und der Tierarzt sieht mich fragend an. Dann sitzen wir auf der Parkbank. „Der G. ist ein Dieb“ sage ich und der Tierarzt sieht mich an. „Weißt du sage ich zum Tierarzt, das Schlimmste ist nicht, dass der G. mir ins Portemonnaie gefasst hat, sondern das ich für einen sehr langen Moment geglaubt habe, ich hätte das verdient. Ich der Jude, sei doch Schuld daran, dass der G. mir in die Geldbörse griff und habe es eigentlich nicht anders verdient.
Da sitzen wir, der Tierarzt und ich und langsam tropft uns das Eis auf die Füße.