Die Sache mit den Elektrofahrrädern, dem Nachbarn zur Linken und meinem Gartenzaun.

Etwas wehmütig stehe ich auf der Straße und winke meiner lieben C. hinterher, denn die liebe C. sehe ich immer lieber kommen und gehen, aber schon holpert das Oldsmobile um die Ecke und ich ziehe seufzend die Schultern hoch: es ist mürrisch grau und kalt auch im südlichen Vorort der großen Stadt Berlin. Als ich mich aber umdrehe kommt der Nachbar zur Linken an den Gartenzaun: FRÄULEIN READ ON, ruft er ES TUT MIR JA SO LEID!“ Ich sehe etwas verwundert zu ihm herüber und sage: Oh! Aber der Nachbar zur Linken humpelt an zwei Krücken herbei und sagt: Fräulein Read On, es ist unverzeihlich. „Nachbar zur Linken“ sage ich, „haben Sie meine alte Freundin die Wildtaube gefangen und an Papageno verkauft?“ Der Nachbar zur Linken sagt: „Fräulein Read On, gleich werden Sie nicht mehr scherzen.“ „Mag sein, Nachbar zur Linken erwidere ich, aber warum kommen Sie nicht mir rauf auf einen Tee, Kuchen gibt es auch und ich mache eine kleine Kunstpause: „und auch Pralinen.“ Der Nachbar zur Linken nickt und murmelt finster: „ Wahrscheinlich ist es das letzte Mal, das wir so beieinander sitzen, Fräulein Read On.“ Das Teewasser kocht und ich lege dem Nachbarn zur Linken ein gewaltiges Stück Apfelkuchen auf den Teller und der Nachbar zur Linken erzählt:

„Der Herr Sohn bemüht sich ohnehin nur Weihnachten nach Berlin, denn schon lange sind die alten Eltern ihm lästig und kommt er so hat Herr Sohn Ratschläge im Gepäck. Sie wissen schon: Weniger Cholesterin, mehr Hühnerfleisch, Solarpaneele, die alten Biberschwänze des Hausdaches abklopfen, die Sauna aus dem 72er Jahr herausbrechen, den Garten asphaltieren, den alten Mercedes gegen ein Hybridwunder eintauschen und neben den guten Ratschlägen verstauben die Wanderstöcke, die Neoprenanzüge zum Tauchen, die Wanderstiefel für das Hochgebirge und allerlei anderen Tand den der Herr Sohn so ins Haus schleppt, dabei hoffen die Eltern noch immer Jahr für Jahr, dass der Herr Sohn einmal länger bliebe als die 48 Stunden. In diesem Jahr aber fährt der Nachbar zur Linken fort, sei der Herr Sohn nur einen Tag geblieben, denn am 25. Dezember schon fuhr gegen die Mittagsstunde ein weißer Mercedes vor. Im weißen Mercedes saß eine blonde Frau, dass hat die Nachbarin zur Linken,die gerade den Weihnachtsbraten ins Rohr schob schon genau gesehen und die blonde Frau war nicht die Frau, die im vorigen Jahr den Herrn Sohn abholte. Die Frau aber die heuer im Auto saß, die stieg nicht aus, die hupte nur und der Herr Sohn schlüpfte in Mantel und Schuh, rief seinen Eltern: Bussi und Bye zu und schon war er aus der Tür. Die Nachbarn zur Linken jedenfalls sahen dem Sohn hinterher, wie ich meiner lieben C, im Oldsmobile, dann gingen sie zurück ins Haus und vom Braten aßen nur mehr der Nachbar zur Linken, seine Frau und die alte Katze. Aber am 24. sagt der Nachbar zur Linken und löffelt Zucker in den Tee da habe er sie in die Garage geführt und dort standen zwei Elektrofahrräder mit roter Schleife. Der Herr Sohn habe den Eltern die Vorzüge der Räder erklärt, nun könnten auch sie Tagestouren von 80 Kilometern machen, und überhaupt Fahrrad fahren wäre so gesund, so praktisch, so umweltfreundlich und und auch die Eltern dürften sich dieser neuen und ganz und gar elektrischen Zukunft auf keinen Fall länger verweigern. Dann schwang sich Herr Sohn selbst auf eines der nagelneuen Räder, preschte zischend davon und erst nach einer halben Stunde kehrte er mit roten Wangen zurück, die rote Schleife aber war wohl abgefallen. Der Herr Sohn also war zufrieden, den Eltern den Weg in die Zukunft geebnet zu haben und die Eltern lächelten, denn Eltern wollen ihre Kinder zufrieden sehen. Dann aber vergaßen die Eltern die Räder in der Garage, das neue Jahr kam und auch die Nachbarn zur Linken machten wie so viele Menschen eine Liste mit guten Vorsätzen. Auf der Liste stand: die Elektrofahrräder ausprobieren. Aber erst einmal kam die Schwester des Nachbarn zur Linken zu Besuch und die wollte die Attraktionen der großen Stadt Berlin im bequemen Mercedes erleben und nicht hoch zu Ross. Dann aber reiste die Schwester zurück an die schöne Mosel und am Freitag war es dann soweit, die Nachbarn zur Linken bestiegen die Elektroräder, die Räder brummten, die Straße des südlichen Vorortes ist leicht abschüssig, die Räder rasten schneller, der Nachbar zur Linken rief noch „Hilde, warte!“, aber Hilde raste schon schneller und schneller dahin, und auch der Nachbar zur Linken sah die Kurve der Straße auf sich zukommen und sein letzter Strohhalm Hoffnung war mein Gartenzaun und lenkte er das rasende und buckelnde Rad in den Zaun und der Zaun knirschte und ächzte, aber er hielt, den Nachbarn zur Linken aber katapultierte das Rad in den Zaun, unglücklich schlug er auf und verstauchte sich den Knöchel und auch seiner Frau erging es nicht besser, ein Strauch hielt sie zwar auf, doch auch sie kugelte auf den Gehweg und ist voller blauer Flecke. Die Elektroräder aber knurrten böse und unwillig, mühsam schleiften die Nachbarn zur Linken die Räder zurück in die Garage. Nie wieder schworen die Nachbarn zur Linken würden sie noch einmal auf diese Höllenrösser klettern und so stehen verbogen und verschrammt nun die Räder neben den Alpenstiefeln, den Wanderstöcken, den Tauchanzügen und all den anderen Dingen, die Herr Sohn einmal im Jahr nach Berlin mitbringt in der Garage.“

Der Nachbar zur Linken sagt: „Ihren Gartenzaun Fräulein Read On haben wir auf dem Gewissen.“

Papperlapapp sage ich, aber der Nachbar zur Linken sagt: „Sobald der Fuß besser ist, ja Fräulein Read On kümmere ich mich.

„Aber Nachbar zur Linken, sage ich, ich kann wirklich jemanden kommen lassen, der das repariert.“

Der Nachbar zur Linken aber schüttelt den Kopf: „Wissen Sie, nur wenn einen niemand mehr braucht, kommt man auf die Idee mit Rädern im Kreis herum zu fahren.“

Dann sehen wir beide aus dem Fenster in den grauen Himmel hinaus.

„Abgemacht“, sage ich zum Nachbarn zur Linken und der Nachbar zur Linken schlägt ein.

 

 

 

Der letzte Sonntag

Vielleicht wird dieses Jahr, das Jahr der Abschiede, denke ich mir und sehe aus dem Fenster in den Kirchhof herüber. St Sylvester läutet 12 Uhr und die Kirchgemeinde läuft durch die Kirchentüren hinaus und die Straße herunter. Gleich wird der Priester die Kirche zusperren, den Talar auf einen Bügel hängen, sich die Hände waschen, in einer halben Stunde wird der Priester im Türrahmen stehen und sagen: Fräulein Read On, ich störe doch nicht?“ Ich werde sagen: „Aber Priester, nur zu, Sie stören doch nie.“ Der Priester begrüßt Katze wie Hund, nur um sich umzudrehen und zu sagen: „Fräulein Read On, wie kommt es, dass es jeden Sonntag noch besser duftet, als am vorherigen Sonntag? Ich werde etwas über das Auge des Betrachters anmerken, der Tierarzt befüllt unterdessen die Wasserkaraffe und ermahnt Hund wie Katze, wenigstens am Sonntag doch etwas Benehmen zu zeigen.

An jedem Sonntag in den vergangenen vier Jahren, an dem ich in Irland war, stand der Priester um 12.30 Uhr im Türrahmen. Gestern kam er zum letzten Mal, heute da kommen die Umzugswagen, denn der Priester verlässt das Dorf und auch Irland. Im Sommer, da kam er an einem gewöhnlichen Dienstag herüber, saß auf dem alten, grünen Sofa und sagte: „Fräulein Read On, Sie sollen es von niemand Anderem erfahren, aber der Orden ruft mich nach Italien zurück. Der Priester zeigte mir ein Bild, ich schluckte und sah auf den blauen Himmel, das Ocker der Häuser, die schneeweiße Kirche, die keine Ähnlichkeit hat mit dem trotzigen Kirchturm St Sylvester, und dachte wie oft der Priester sagte, den Blick zum Meer gewandt: „Es ist eine andere Erde.“ 35 Jahre hat der Priester in Italien verbracht und nun kehrt er zurück, St. Sylvester aber und der kleine Kirchsprengel, bleiben zurück, neu besetzt wird die Pfarrstelle nicht mehr, denn die Gemeinde ist viel zu klein.

Aber noch war die schneeweiße Kirche nur ein Bild und der Priester noch immer da. Aber gestern, da stand ich am Fenster und sah auf den Kirchhof und dachte daran, wie es war, als ich ins Dorf zog und so einsam war, wie nie zu vor. Da gab es den Tierarzt noch nicht, der in der Besteckschublade rumort, in der Uni kannte ich keinen und auch sonst war ich sehr allein und nichts war irisch-heimelig oder romantisch-global oder Expat-exciting. Die Frau des Krämers sagte: „Ausländer sehen wir hier nicht so gern“ und die Katze starrte feindselig zu mir herüber, ich war allein und die Stille war lauter als alles andere, lauter selbst das Meer vor dem Fenster. Eines Nachmittags hängte ich Wäsche im Garten auf und plötzlich rief jemand vor der Kirchenmauer herüber: „Darf ich mich vorstellen?“ „Ich bin der Priester.“ Ich schluckte und rief: „Ich bin der Jude.“ Der Mann am Gartenzaun lachte und sagte: „Hat der Jude auch einen Namen?“ Ich sagte: „Weiß ihr G*tt nicht alles?“ Der Mann auf der Gartenmauer lachte und ich sah ein schmales Gesicht, eine randlose Brille, zu kurz geschnittene Haare und einen schwarzen Rollkragenpullover, das was ich sah gefiel mir und in sein Lachen hinein sagte ich: „Wollen Sie am Sonntag zum Essen herüberkommen?“ Ich wartete auf sein Nein, denn bis zu jenem Nachmittag war nein, das häufigste Wort meines irischen Aufenthaltes gewesen, aber während ich noch auf das Unvermeidliche wartete, sagte er: „Sehr gern. Was darf ich mitbringen?“ „Auf keinen Fall Kochschinken“, sagte ich und der Priester lachte wieder und winkte mir zu. Am Sonntag brachte er Margariten mit. Wir stritten uns von der ersten Minute an, über alles über die Kirche als solche, über die unbefleckte Empfängnis, über alle Päpste, über Straßenbau und seine Affinität zu Nagetieren. Am Ende des ersten Mittagstisches sagte der Priester: „Wissen Sie was, Sie sind schlimmer als die Jesuiten.“ Diesmal lachte ich und sagte: „Kommen Sie wieder?“ Der Priester kam.

An jedem Sonntag kam der Priester, wir aßen, ich kochte seine Kindheitserinnerungen nach ( nur den Schinken ließen wir aus ), und wir stritten kaum waren Kartoffeln und Stew verteilt, stritten so heftig, so beißend, so herzhaft lachend, dass die alte Standuhr quietschte, und während der Priester abwusch, setzte ich Tee auf und dann spielten wir Schach, natürlich nicht ohne fortgesetzte Streitereien über Irland an sich, Angela Merkel, das Konkordat von 1870, und einmal da erzählte mir der Priester von einer Frau im roten Kleid und ich im von einem Schatten in meinem Rücken und wir waren ganz still. Irgendwann, aber dazwischen lagen zwei Jahre, kam der Tierarzt dazu saß mit uns am Tisch und sprach vielleicht nach einem halben Jahr den ersten Satz: „Mir war nicht klar, dass es Menschen gibt, die so viel reden.“ Da lachten wir beide und inzwischen streitet auch der Tierarzt mit, streitet um Kopf und Kragen und der Priester und ich lachten und der Priester flüstert mir zu: „Ein Jesuit.“ Vier Jahre und viele Sonntage und immer öfter auch Mittwochs oder Donnerstags kam der Priester auf einen Sprung herüber und immer hoffte ich er bliebe noch länger.

Gestern stand der Priester noch einmal in der Tür: „Fräulein Read, ich störe doch nicht?, sagte er, ich schüttelte den Kopf. Der Tierarzt stellte die Gläser auf den Tisch, aber sein Platz blieb leer. „I leave you to it“, sagte er und nahm den Hund mit heraus. „Ich kann heute nicht mit Ihnen streiten, Priester“, sage ich und der Priester nickt. Ich schenke dem Priester ein Bild von St Sylvester, dem Kirchhof und dem kleinen windschiefen Haus. „Vergessen Sie uns nicht“, Priester. „Kommen Sie mich besuchen“, sagt er und ich nicke. Der Priester schenkt mir das Bild einer Amsel. „Fräulein Amsel“, so habe ich Sie genannt, bevor Sie erklärten, Sie seien der Jude“, sagt der Priester und legt mir den Schlüssel für St Sylvester in die Hände. „Bei Ihnen ist er in guten Händen“, sagt er. Ich sage: „Der Jude hat den Kirchturmschlüssel.“ Der Priester lacht, lacht so wie damals, als wir uns zum ersten Mal trafen an der Mauer, die den Kirchhof vom Garten trennt, der Priester lacht bis er weinen muss. Das Essen wird kalt und meine Hände sind es auch. Der letzte Sonntag im Jahr ist manchmal schon im Januar.

 

Berliner Geschichten

Der Morgen versteckt sich hinter einer Wand aus Regen. Meine alte Freundin die Wildtaube versteckt sich unter den dichten Tannenzweigen, da wohnt sie schon immer. Ich kann mich nicht erinnern, an ein davor, immer war da schon der Baum, die große Tanne und in der Tanne lebte die Wildtaube, mit der ich mich befreundete. Heute aber überlegt sie trotz meiner Frühstücksofferten, auf dem Balkon liegen Rosinen, aber es ist auch nass auf dem Balkon. Die alte Freundin Wildtaube kommt. Sie weiß schon, was die Nachbarn mit später erzählen. Die Wildschweine sind in den Nachbarsgarten eingebrochen, haben zwei Kirschbäume umgerissen, den Geräteschuppen in einen Bretterhaufen verwandelt, den Rasenmäher verstümmelt und dabei so sagt die Nachbarin noch hämisch gelacht. Die alte Freundin Wildtaube aber gurrt. Der Mann der Nachbarin, nämlich ist Hobbyjäger und der Hausflur ist voller Geweihe und vor dem Kamin liegt ein Wildschweinfell. Die Wildtaube und ich, wir wissen beide, irgendwann im Leben da muss man bezahlen, so oder anders oder mit einem Rasenmäher. Meinen Garten aber habe die Wildschweine ausgelassen. Ich sammle die letzten, schon matschig-braunen Quitten ein und an einem anderen Tag wäre ich wohl in die Pfützen gesprungen, aber heute kehre ich an den Schreibtisch zurück, meine Freundin die Wildtaube ist längst schon wieder unter die dichten Tannenzweige zurückgekehrt.

Der Tag läuft zwischen Schreibtisch und Klavier hin und her. Am Schreibtisch erinnere ich mich, am Klavier fallen die Erinnerungsstücke zwischen die schwarzen und weißen Tasten. Das Klavier weiß alles von mir und vergisst es sogleich wieder. Manchmal verwirre ich das Klavier und lege eine falsche Spur, lenke ab und lege Bach, Beethoven und Chopin zwischen die Tasten. Das Klavier ist älter als meine Erinnerungen und damals als ich es kaufte, da hatte es Jahre schon auf einem Speicher verbracht und davor sagte der Mann, der es mir verkaufte, sei es lange in einem Nachtclub gewesen. Das gefiel mir. Ein Klavier mit Vergangenheit und leider auch ziemlich viel Zigarettenasche im Inneren. Aber die Vergangenheit zählte mehr und das Klavier schwieg für ein Jahr, immer wieder wurde es gereinigt und gestimmt und irgendwann spielte es wieder. Das Klavier hatte lange überlegt und wer weiß schon, vielleicht war das letzte Lied im Nachtclub, der vielleicht zur „Einsamen Trompete“ hieß, auch: Man sagt einer Dame nicht beim ersten Mal komm mit…“

Am Abend aber fahre ich in die Stadt, denn ich wohne ja im Wald und in der Stadt da wohnt die L. Die L. will mich küssen und dann einen Fisch beim Griechen essen und das in genau dieser Reihenfolge. Soll sein, liebe L. sage ich, bringe ihr Blumen, die L. küsst mich und die Dorade hat kleine, spitze Zähne. Der Grieche heißt Alexandrou. Er seufzt und sagt: „Ach, die Damen.“ Das Lokal ist leer, bis auf vier betrunkene Frauen. Aber das kennt Alexandrou schon. „Das sind vier Witwen“ sagt er, „die haben keine Freude mehr, nur noch den Wein. „Wir trinken Wasser und Alexandrou sagt: „Die Miete ist erhöht worden. Aber die Leute wollen trotzdem einen Gyros-Teller für 5, 80 Euro.“ Er zuckt mit den Schultern. Wir sehen stumm auf den Tisch. Eine halbe Zitronenscheibe zwischen den Zähnen. Tomatenscheiben und Salatblätter unter dem Rücken und es ist als seufzte auch die Dorade über die Ungerechtigkeit des eigenen Endes und der ganzen Welt. „Ich bin ein einfacher Mann“, sagt Alexandrou. „Ich bin doch nur ein einfacher Mann.“ Was antwortet man. Bevor wir antworten müssen, rufen die vier Frauen nach einer neuen Flasche. Sie singen: Griechischer Wein.

„Erzähl mir von Dir“, sagt die L. Ich will sagen: „Ich fürchte mich vor allem.“ Ich sage: Es wird schon gehen.“ Ihre Hand liegt auf meiner und zum ersten Mal fällt mir auf, wie alt ihre Hände geworden sind. Ich wünschte, ihre Hände blieben bei mir. Die L. will mit mir über ihr Testament reden. Ich will mit ihr über das ewige Leben redne. Sie lacht und wir reden über ihre Reise nach Hamburg. Über Michel Houllebecq im Thalia Theater, die Akustik der Elbphilharmonie, wir wollen gerade über die D. sprechen, da stößt eine der betrunkenen Witwen gegen unseren Tisch auf dem Weg zur Toilette, die Dorade rutscht grinsend vom Salatbett herunter, die Wassergläser fliegen über den Tisch tropfen auf Kleider und Tisch. Die Witwe ist schon schwankend im Bad verschwunden. Alexandrou entschuldigt sich, wir zahlen und küssen uns noch einmal im Regen, ich winke ihrem Regenschirm. Sie ruft mir etwas hinterher. Ich werfe Küsse zurück.

An einer Straßenecke sehe ich einen Briefkasten. Neben dem Briefkasten steht ein Leierkastenmann. Ich habe seit Jahr und Tag keinen Leierkastenmann mehr gesehen, aber hier steht er mit grünem Filzhut und einem Äffchen neben sich auf dem Leierkasten. Er spielt „Veronika, der Lenz ist da.“ Ich werfe Münzen in den grünen Filzhut. „Wem darf ick denn danken?“,sagt er einer Dame oder nem Frollein?“ Frollein, bitte, sage ich und winke ihm zu. Als ich auf die U-Bahn warte da wühlt ein Mann sich durch die Mülleimer, schließlich zieht er einen verbeulten Regenschirm mit gebrochenen Speichen aus dem orangen Eimer. „Heute ist mein Glückstag“, sagt er und strahlt, ihm fehlen zwei Zähne und ein Schuh ist fast. aufgelöst. Pfeifend geht er davon, ich kenne das Lied nicht, dann kommt die Bahn. Zurück im Wald rauschen die Bäume, der Regen oder die Erinnerungen. Wer weiß das schon.

Licht, Schatten und Gold

Gestern war ein bemerkenswerter, ein merkwürdiger Tag. Gestern morgen schrieb ich Karte Nummer 172 an Mesale Tolu, denn ich bin so abergläubisch wie man es bei der Enkeltochter der preußischsten aller Juden niemals annehmen würde und fürchtete mich noch mehr vor der Fortsetzung des Prozesses als ohnehin schon. Den ganzen Tag während das Institut und seine Bewohner mich mit vorweihnachtlichen Problemen in Atem hielten,

„Fräulein Read On, was schenkt man einer Schwiegermutter mit Hang zur Esoterik?“-Eine Glaskugel.

„Fräulein Read On im Materialraum sind nur noch rote Büroklammern, ich brauche aber grüne für die Weltformel, an der ich schreibe, was soll ich jetzt tun?-Weiteratmen.

„Fräulein Read On, bis wann sollte ich mich bei Ihnen melden, wegen der Weihnachtskarte?-Bis zum 10. Dezember.

„Fräulein Read On, warum ist das Institut schon am 23.12. vernagelt? Da kommen die Männer, die die Teppiche shampoonieren und brauchen ihre Ruhe.

„Aber Fräulein Read On, wenn mir am 23.12. nun die Idee zur Weltformel kommt?“-Die Bibliothek ist geöffnet.

„Fräulein Read On ich habe ein zehn Kilogramm schwere Pute ins Institut bestellt, aber der Kühlschrank ist voll. -Sie haben was?

rannte ich ins Büro zurück oder zog das Telefon aus der Tasche und wartete auf Nachrichten aus Istanbul und endlich kam die Nachricht, dass Mesale Tolu wirklich freigelassen würde- frei bis zur Fortführung des Prozesses im April, frei ohne ausreisen zu dürfen, aber endlich befreit von den Mauern des Gefängnisses von Bakirköy. Irgendwann kam der Tierarzt ins Institut und wir starrten auf den Computer und das Bild mit dem Gefängnistor und das ist kein Briefkasten am Gefängnistor sagte ich zum Tierarzt und der Tierarzt nickte und das Tor öffnete sich nicht und die Nachrichten wurden konfuser und Franz Kafka lehnte auf einmal wissend im Türrahmen und der deutsche Botschafter und die Anwältinnen fuhren durch die Stadt und suchten Mesale Tolu und es würde lange dauern, bis man sie endlich gefunden hatte und sie wirklich, wirklich frei war. Sie ist frei, sagte ich zum Tierarzt und der Tierarzt und ich atmeten auf. So ein Tag war das, aber es war dann doch auch noch ein andere Tag. Ein Tag, der zweimal mit einem goldenen Schein zu Ende ging.

WordPress schickte mir eine Nachricht und sagte: Fräulein Read On heute ist Bloggeburtstag. Peinlich ist das, ich hatte nicht einmal ein Stück Kuchen zur Hand, der Kühlschrank ist ja auch mit einer Pute blockiert und dann schrieb Kiki meine große Schwester im Internet mir: Fräulein Read Sie stehen auf der Shortlist für die goldenen Blogger . Der Tierarzt gluckste vergnügt und fand: „Mädchen, das ist als sei Kälbchen für den großen Preis des weidewirtschaftlichen Verbandes nominiert.“ Was für eine Ehre. „Überhaupt fuhr der Tierarzt fort, scheint mir, gilt die Nominierung wohl doch überhaupt Kälbchen, denn um über Kälbchens Werden und Wachsen informiert zu sein, besuchen die Leute doch dein Blog.“ „Mag sein Tierarzt, mag sein“, sagte ich und sah noch einmal auf die Liste mit den Namen und wirklich neben der großartigen Kaltmamsell, der zauberhaften Juna , der besten Schwester Schwester und vielen Anderen stand immer noch der Name desselben Fräuleins.
Ich bin sehr, sehr sprachlos, aber was ich weiß ist, ohne sie alle gäbe es dieses Blog nicht. Ohne sie alle wäre Readonmydear, read on, nur eine Seite, aber sie alle, die seit vier Jahren, vier Monaten, vier Tagen, oder vier Minuten hier vorbeisehen, sie alle machen das Blog zu einem Ort. Es wäre nicht dasselbe ohne ihr Teilhaben am Leben eines seltsamen Fräuleins, ihre Kommentare, ihr Witz, ihre Geduld, ihr Humor, ihre Nachsicht und ihren bestärkenden Mut, der die Texte verändert und sie begleitet machen den Kern dieses Blogs aus. Dafür danke ich Ihnen sehr und von Herzen. Danke, dass sie mit mir auf das Meer und auf die Welt schauen und mich an meine Schlüssel und noch so viel mehr erinnern, wenn ich wieder einmal besonders eilig bin. Danke. Ich bin reich beschenkt. Im Januar werde ich bestimmt stolpern, meine Haare werden sich im Türrahmen verfangen, Kälbchen wird den Saal stürmen, vermutlich fange ich aus reiner Hilflosigkeit an zu singen und man wird murmeln: Himmel, dieses Fräulein Read On, ist ja noch viel schräger als wir dachten und ich werde an sie alle denken, die seit vier Jahren mit mir stolpern, lachen und weinen, traurig und heiter sind und immer weiterlesen. Danke und ja, sie ist wirklich frei. Ich kann es noch immer kaum glauben und meine Freude ist grenzenlos.

40 Stunden

In fast 40 Stunden Berlin kann man zweimal im See schwimmen, einmal alle Fenster putzen, dreißig Minuten Klavier üben, einen großen, gelben Plastikeimer mit roten Johannisbeeren pflücken, eine letzte Erdbeertorte backen und den endgültig durchgelaufenen Sandalen hinterhertrauern. An der Spree sitzen und erst fährt einem der Wind und dann der Tierarzt durchs Haar. In 40 Stunden funkeln die Sterne ziemlich wild und die Liebespaare küssen sich unter dem weichen, gelben Licht einer Laterne. Unter dem Lampenkegel halten die Motten ihren jährlichen Sommerball ab und mir fällt ein: in diesem Sommer habe ich noch nicht einziges Mal getanzt. Dafür ein ernsthaftes Telefongespräch geführt. Holzhärten in einer Werkstatt ausprobiert, Postkarten an Deniz und Mesale geschrieben, zur Post preschen und den Postbeamten, der 18.01 Uhr noch Briefmarken verkauft, erst umarmt und dann auf ein Eis einladen, fast vergessen die Postkarten in den Postkasten zu werfen, auf einem Bein hüpfen, mit dem Tierarzt ausprobieren, ob unsere Arme wohl weit genug reichen, um die Kastanie zu umarmen (fast treffen sich unsere Fingerspitzen) . Mit der alten Freundin Wildtaube über einer Handvoll Rosinen ( die Wildtaube ) und einer Tasse Milchkaffee ( das Fräulein Read On ) eine halbe Stunde verratschen. Eine dreiviertel Wassermelone verschlingen. Wassereis für die Nachbarskinder machen und bestaunen wie schnell sehr viel Eis in Kindermündern verschwindet und mit noch mehr Vergnügen feststellen, dass der Tierarzt an halbgeeister Wassermelone am Stiel, Gefallen findet. Wer hätte das gedacht? Adam Thorpe’s Ulverton zu Ende lesen und sich gleich darauf in Chimamanda Ngozi Adichies Americanah stürzen. Eine ganze Menge Arbeit erledigen. Endlich einmal alle Bleistifte anspitzen. Den Tierarzt in der Hängematte in den Schlaf schaukeln. Die ewig dicken Shetlandponyhaare waschen und beim Kämmen einen Kammzinken in selbigem Haar verlieren. ( Glaubt man es denn? ) Einer Freundin die Zehennägel nach der OP im Krankenhaus lackieren.( Mintgrün ). Immer noch mehr arbeiten. Den Fahrradschlüssel suchen. Endlich den Fahrradschlüssel wiederfinden. Ein Honigbrot essen. Mit Freunden auf einer Dachterrasse albern sein und dann sehr ernst. Sich ernstlich Sorgen machen und dann noch ein paar Sorgen mehr. Die ersten Tomaten ernten und Abends noch einmal die Fledermäuse zählen. Einen Knopf annähen und sehr oft gähnen. Der lieben C. ein Gartenfürsorgepaket schicken. Glenn Gould beim Klavier spielen zuhören. Auf den Gesang der Nachtigall warten. Die Nachtigall schweigt. Ein Gedicht von Hilde Domin geschenkt bekommen können. Unverhältnismäßig oft niesen, die Füße auf die Balkonbrüstung legen und den Regentropfen bei der Wanderung über die zehn Zehenberge zusehen. Den Tierarzt im Gartenstuhl im Zwiegespräch mit der Kröte belauschen. ( Ja, das macht man nicht.) Schon wieder Eis für die Nachbarskinder und dann die Zinkwanne mit Wasser füllen für das kleinste der Kinder mit Ambitionen doch einmal alle sieben Weltmeere zu bereisen. Weiterarbeiten. Weiteratmen. Fernweh bekommen und ein Päckchen aus Italien. Von einem so schrecklichen Alptraum heimgesucht werden gegen den nichts hilft, auch kein kaltes Wasser. Im Garten einen großen Blumenstrauß pflücken ganz für mich allein. Hummelgesumm bestaunen und von einem ganz anderen Leben träumen. Alte Briefumschläge in die Hand nehmen. Die Handschrift meiner Mutter. Aufhören zu atmen.
Den Tierarzt zum Bahnhof fahren. Der Tierarzt hält sein luggage holdall in der einen und ein Englisch-Deutsch Wörterbuch in der anderen Hand. Ich versuche dem Tierarzt zu erklären, dass Mädchen eines der deutschen Lieblingswörter des Tierarztes sich nicht uneingeschränkter Beliebtheit bei deutschen Frauen erfreut. Aber das lernt der Tierarzt in unter 40 Sekunden als er eine Frau beim Koffer tragen zur Hand gehen will: „Mädchen, soll ich anfassen helfen?“ „Finger weg“ herrscht die Frau ihn an und der Tierarzt hält sein Wörterbuch ein bisschen fester. Ich winke immerhin mit einem weißen Taschentuch. „Auf nächste Woche“, rufe ich ihm hinterher.
Andere Bücher und ein anderer Schlüssel. Wieder zum Flughafen. Der Flug fällt aus. Mit zusammengebissenen Zähnen und nur mühsamen unterdrückten Fluchen eine komplizierte Ersatzroute zusammengeflickt. Erst gezögert, dann doch noch einmal nach Hause gefahren. Drei Stunden später die komplizierte Rückreise begonnen und 40 Stunden später wieder in Dublin ins Büro gelaufen.

Reparaturen

Am Samstag  machte der Tierarzt eine schauderliche Entdeckung. Er hat seinen Führerschein in der tierärztlichen Arbeitshose vergessen und mit in die Waschmaschine getan. Der Führerschein des Tierarztes nämlich ist kein Plastikkärtchen, sondern ein papiernes, zerknicktes Ding aus früher Vorzeit. Der Tierarzt hat seinen Führerschein im UK gemacht und weil die Umstände so waren wie sie waren oder das Laminiergerät kaputt, so trug der Tierarzt für Jahrzehnte das dünner und dünner werdende Papier von Hose zu Hose bis es in der Waschmaschine landete und bei 60 Grad Eco Spar die letzte große Reise antrat, denn als der Tierarzt panisch nach der feuchten Hose griff, war vom Führerschein nur noch Papiergatsch übrig und der Tierarzt verzweifelt. Da der Tierarzt aber trotzdem nach Lamas mit Haarausfall und Krokodilen mit Zahnweh sehen muss, fuhr die Dame des Hauses den Tierarzt umher und der Tierarzt hatte ein grauslich schlechtes Gewissen, das er nicht haben muss, denn so oft wie der Tierarzt mich aufliest, so lange kann die Neuausstellung des Führerscheins schon nicht dauern. ( Aber es dauert wohl doch länger als gedacht, denn erst muss man die irische Führerscheinstelle zu einem kleinen Ort in Wales Kontakt aufnehmen und die Führerscheinbestätigungsbeauftragte ist im Begriff ein Kind zu bekommen.) Aber wir fahren ohnehin weg und der Tierarzt weigert sich standhaft auf dem Kontinent zu fahren. „Die Dame fährt“ sagt er und es klingt als klapperten wir nicht mit dem Oldsmobile über die Straßen, sondern führen sechsspännig in einer Kutsche durch die Lande.

Aber bevor wir noch die Insel verließen kam der Sonntag und ich küsste den Tierarzt auf die Nasenspitze und arbeite von acht bis acht im Büro und um neun war ich zurück im Dorf. Zuhaus traf ich auf einen geknickten Tierarzt und aus Solidarität eine traurige Katze und einen wimmernden Hund. „Tierarzt?“ fragte ich, was ist euch drei Hübschen geschehen?“ Der Tierarzt vergräbt den Kopf in den Händen: „Mädchen, die Waschmaschine ist hinüber.“ Ich besehe die Waschmaschine und nicke. „Tierarzt“ sage ich, „dass kommt vor.“ Die Waschmaschinenhersteller wollen auch leben. „Wir schaffen morgen eine neue Maschine an.“ Der Tierarzt sieht so aus, wie ich mir ein Krokodil mit Zahnweh vorstelle und schüttelt den Kopf: „Das ist doch nicht normal, erst der Führerschein, dann die Waschmaschine. „Tierarzt, sage ich, Dinge gehen verloren und manchmal geht eine Waschmaschine einfach kaputt, das ist nicht schön, aber und noch dazu sind wir in der famosen Lage, einfach in einen Waschmaschinenladen zu gehen und eine neue Maschine anzuschaffen.“ Der Tierarzt aber sieht mich noch immer verzweifelt an: „Aber ich bin schuld, verstehst du nicht?“ „Tierarzt“, sage ich seufzend: „Hast du mit einem Hammer auf die Waschmachine einegschlagen?“ Nein, nun dann kannst du wohl nicht schuld sein.“ Der Tierarzt aber sieht mich zweifelnd an. Dann werfe ich Bücher in das luggage holdall, die Dienstag mit nach Berlin sollen und bin ganz müde. Der Tierarzt aber steht lange am Fenster und fragt: „Soll ich auf dem Sofa schlafen?“

Am Montag Nachmittag kaufen wir eine neue Waschmaschine und zwei Stunden später kniet der Waschmaschinenmaschinenmann in der Küche und ich reiche ihm Werkzeug an, der Waschmaschinenmaschinenmann erzählt mir von seinem Drachen von Schwiegermutter, ich koche Kaffee und reiche Kuchen an, denn meine Großmutter versicherte mir nachdrücklich, dass man niemals an gutem Kaffee und Kuchen für Handwerker sparen sollte, denn dies zahle sich drei- und vierfach aus und dann nahm sie mich mit hinunter in den Hof, wo der Vorgänger des Oldsmobiles stand, zeigte mir wie man einen Reifen wechselt und ließ mich üben, bis ich es ihr nachtun konnte. Dann lächelte sie und sagte: „Kind, Du siehst, wer kann, der muss nicht.“ Ich nickte und brauchte Wochen bis ich die letzten Ölflecken los war. Am Montag aber willigte der Waschmaschinenmann bereitwillig ein die kaputte Maschine mitzunehmen und zu entsorgen und sah mich sehr erleichtert, denn die Vorstellung, dass der strichdünne Tierarzt und das zwergenhafte Fräulein die Waschmaschine in den alten Volvo hieven, war keine Schöne. Ich winkte dem Waschmaschinenmann und erst dann fiel mir auf, dass der Tierarzt nirgendwo zu sehen war. Ich fand ihn schließlich im Garten. „Ich schäme mich so, sagte der Tierarzt“ und ich wusste nicht mehr was zu antworten wäre und schüttelte den Kopf. „Komm sage ich, wir müssen packen“ und strich dem Tierarzt über das Haar.

Heute morgen schließlich rief ich dem Tierarzt etwas eilig, denn ich bin ja immer eilig zu: „Tu mir die Liebe und gieß mir einen Schluck Milch in den Tee“ und der Tierarzt, der doch den Kühlschrank meidet, wie wenig sonst, nahm sich ein Herz und ich trocknete mir die Haare, während Schwesterchen mir Ankunftszeiten diktierte. Schon aber schrie der Tierarzt auf und ich schmiss Schwesterchen Küsse hinterher, band mir das Haar zum Zopf und fürchtete dem Tierarzt sei die Flasche entglitten und in seinen Füßen steckten Scherben über Scherben. Dabei flockte nur die Milch im Tee. „Tierarzt“, sage ich, meine Schuld, mir war entfallen, dass die Milch schon weit über die Zeit über ist.“ Der Tierarzt aber geht schweigend aus der Küche und ich trauere kurz um den sorgfältig gehüteten Kefir, den der Tierarzt mit der Milch verwechselt hatte. Dann denke ich an viele andere Sachen, die es zu bedenken gilt, schließt man die Haustür für ein paar Tage hinter sich zu. Dann fahren wir zum Flughafen, also ich fahre den klapperigen Volvo und der Tierarzt sieht mich an: „Was willst Du eigentlich mit jemanden wie mir.“ Mir wird das Herz schwer und mit steinschwerem Herzen verfahre ich mich immer, dabei haben wir gar keine Zeit uns zu verfahren. Mit hängender Zunge erreichen wir das Flugzeug und über dem Meer schläft der Tierarzt ein. Ich starre auf das Buch in meinen Händen, aber lesen kann ich nicht und ich ziehe seine Hand zu meinen Rippen. Manchmal denke ich, geht eine Waschmaschine kaputt und man lernt wenig über Ventile und mehr über die Ehe, die da vor einen war, als durch all die Fragen und das was man lernt, will man nicht wissen, denn das wenn Schuldige gesucht werden, Schuldige gefunden werden, das wusste ich schon und niemals hat dies eine Sache, eine Ehe oder ein Leben zum Besseren gewendet. Die Hände des Tierarztes aber sind kälter als sonst.

Die schlimmste Zeit des Jahres.

Bekanntlich lebt das Fräulein Read On ja ein betulich-beschauliches Leben, und noch dazu ein beschaulich-betuchliches, ökologisch und kompostierbares Leben dazu. Wie der geneigte Leser längst weiß, bekommt das Fräulein eine Biokiste frei haus geliefert und was nicht in der Biokiste ist, holt das Fräulein bei Herrn Yilmaz ( der im Moment Rücken hat ) auf dem Wochenmarkt ein. Was sie nicht auf dem Wochenmarkt einholt, das wächst im Garten und wie jedes Jahr seufzt das Fräulein über die ungeheure Menge an Fisolen, die Eimer an Johannisbeeren und Schüsseln voll Himbeeren. So lebt das Fräulein so vor sich hin.

Nur selten und höchst widerwillig sucht selbiges Fräulein einen Supermarkt auf, tut sie es doch, so verläuft sich das Fräulein und stellt verwundert fest, dass es tatsächlich Menschen gibt, die vorgeschälte Kartoffeln aus dem Glas kaufen und gehobelte Gurken aus der Plastikbox. Das betuchlich-beschauliche Fräulein aber brauchte Filtertüten, denn selbiges Fräulein besitzt als letzter Mensch auf Erden keine: RUCK-ZUCK-HAU DRUFF-KAPSEL-REIN- MOCCACHINO-RAUS-MASCHINE, sondern eine kleine röhrend, fauchende und spuckende Maschine, die sie von ihrer Großmutter übernahm und die der Kaffeeboy heißt. Das Fräulein lässt sich nichts kommen auf diesen vortrefflichen Hausboy. Wie so oft schweift es aber ab, denn es wollte eigentlich erzählen, dass es vor dem meterlangen Regal mit Kaffeekapseln stand, in dem sich laut Angabe der Verkäuferin auch die Filtertüten versteckt hielten befanden. Neben dem Fräulein standen zwei Damen und ratschten.

Dame A: Ach, Tilli, es ist wieder soweit. Die schlimmste Zeit des Jahres ist angebrochen.

Dame: B: Ach, Lilli, Du sagst es. Das sagt einem ja keiner, weder im Kindergarten noch in der Sprechstunde der Schule, noch im Elternbeirat. Da lächeln immer nur alle und zucken mit den Schultern: „Hauptsache Spaß macht die Schule.“
Dabei ist es das Schlimmste. Schlimmer noch als die schlaflosen Nächte wenn Sie zahnen. Viel Schlimmer. Gar kein Vergleich. Die Zeit der großen Qualen.

Dame A: Die Zeit der größten Kümmernisse.

Dame B: Die Zeit der Sorgen.

Dame A ( fasst sich in das Haar): Die Zeit der ewigen Pein.

Dame B: ( Hände hoch erhoben ) : Fegefeuer!

Dame A: Die Hölle.

Dame B: Am 20. Juli erst haben wir Gewissheit.

Dame A: Eine Ewigkeit.
 
Dame B: Weißt Tilli man reflektiert halt auch noch einmal alles. Haben wir wirkliches alles gegeben beim Referat über die Delfine. Hätt da nicht doch noch ein Video mit dem Delfinguru aus Teneriffa was reißen können?

Dame A: Die Biologielehrerin ist aber auch eine Schnake.

Dame B: Ja, Sowieso.

Dame A: Mir geht es ja ähnlich. Weißt den anderen Tag habe ich mich ertappt, wie ich einen Fehler in der Hausaufgabe übersehen hab. Aufgefahrn bin ich mitten in der Nacht und zu Burlis Ranzen gerannt und hab die Hefte gesucht. Richtig Herzrasen hatte ich. Dann hab Ich die verteufelte Gleichung noch einmal neu gemacht und weil ich eh dabei war, die Matheprobe noch einmal neu ins Heft übertragen. Weißt der Burli schmiert immer so in seinen Heften. Dabei sag ich ihm schon seit er ein Taferlklasserl war: „Für den ersten Eindruck, gibt es keine zweite Chance.“ Aber weißt ja wie die Buben sind, sie hören halt net und schmieren die Hefte voll. Dabei kann des entscheidend sein für einen Zweier oder Dreier ob die Probe anständig daherkommt.

Dame B: Der Matheprofessor ist sowieso ein ganz arger Hund. In der Sprechstund hat der mich angefahren wie weiß was. Dabei hab ich ihm nur gesagt, dass wir die Aufgabe einfach nicht verstanden haben. Da muss es halt an seinen Erklärungen hapern. Da hat der doch gesagt, dass er sich wundert, was mich die Matheprobe vom Burli angeht. Na wir kümmern uns halt, hab ich dem gesagt. Da darf man net einknicken.Aber Lehrer null kritikfähig, dabei selbst immer den Rotstift in der Hand. Des deprimiert die Kinder ja auch.

Dame B: So recht hast Du. Keinen Zentimeter darf man weichen, weißt wenn man es erst nachgibt, dann kommt der Burli überhaupt nimmer mehr auf einen grünen Zweig. Das hab ich der Turnfrau nie verzeihen, dass sie dem Mädi einen Vierer reingedrückt hat. Stundenlang haben wir im Garten hangeln geübt.
Weißt sie kann halt unter Stress nicht gleich auf Anhieb performen. Da bin ich zur der Turnfrau hingekrochen. Auf allen Vieren! Gefleht habe ich, auf Knien um sie vor dem Vierer zu bewahren. Aber nein, natürlich drückt sie uns einen Vierer rein. Aber des wird dieses Jahr net passieren. Der Matthias hat am Anfang des Schuljahres Bälle und eine neue Tischtennisplatte gestiftet. Kann er ja alles absetzen von der Steuer. Das gibt mindestens einen Zweier.

Dame A: schaut neidisch und grimmig.

Dame A: Mir graut schon vor dem nächsten Schuljahr, sag ich dir.
Da bekommt der Burli Chemie und Physik obendrauf. Da muss ich mich erst einmal einlesen über den Sommer. Man ist ja doch raus. Ich hab mir einen ganzen Stapel Bücher angelegt.

Dame B: Du, Lilli, da gibst was ganz Fesches mit Video, da verstehst Dinge, die hast nie begriffen, nicht einmal wie wir in der Schule waren, hab Ich des verstanden und jetzt mit die Videos, weißt alles ist ja im Internet heutzutage, da machen die des Schritt für Schritt und du hast richtig eine Erleuchtung, eine richtige Erleuchtung haste da. Alles ganz easy und Schritt für Schritt. Easy, sag ich dir. Ich text dir die Seite, da kannst Dir ein Paket zusammen stellen. Englisch und Physik und überhaupt alles. Ganz easy, sag ich dir.

Dame A: Ach, Tilli, wenn du mir das schicken tätst. Du glaubst net, wie ich mich fürchte vor der Physik.

Dame B: Weißt mit der Englisch-Note mache ich mir halt auch Gedanken. Das ist ja auch eine so Großkopferte, die dem Burli immer sein ‚th’ madig macht. Dabei sagt der Burli, dass er halt nur Amerikanisches Englisch kann, wegen des Rap, weißt. Er hört ja den ganzen Tag nix anderes wie den Rap. Ganz nervös macht mich der Rap, aber weißt, ich denk schon, dass der Rap gut ist für den Spracherwerb. Die Englisch- Großkopferte hat in der Sprechstunde jedenfalls nur gelacht, als ich ihr das erklärt hab mit dem Burli, dem Rap und dem th. Hat die nur gelacht. Man fasst das nicht. Jedenfalls haben wir geübt wie die Blöden und des Nachts ertapp ich mich, wie ich englische Vokabeln vor mir her sag. Hoffentlich haben wir in Englisch mindestens einen Dreier.

Dame A: Ach, es ist grässlich. Das Warten. Der Burli erzählt ja auch nix. Keinen blassen Schimmer hab ich was wir für ein Zeugnis kriegen.

Dame B: Ach, es ist die schlimmste Zeit. Das Mädi heult schon,wenn das Wort nur Zeugnis nur fällt. Der Bub sagt auch nix, weißt ja eh wie die Buben sind.

Dame A: Hoffentlich setzt es keinen Fünfer.

Dame B: Hoffentlich setzt es nur einen Fünfer.

( Beide Damen seufzen schwer.)

 

Das Fräulein Read On aber entfernt sich eilig, denn es ist wohl ungehörig als beschaulich-betuchliches, ökologisches Fräulein ohne Kinder den Zeugnissorgen der Wir-Mütter noch länger zu lauschen und außerdem hat das Fräulein endlich die Filtertüten erspäht.