Berlin.

IMG_0460.jpgAch, Berlin. Du, die Stadt mit Himmelsleiter. Immer warst du schon ein Ort für Träume. Ob Wolkengucker oder Luftikusse, du bindest ihnen allen die Schnürsenkel zu. Deine Arme sind offen für Wunderkinder und Wundersame gleichermaßen. Du hast ein Auge auf die leichten Mädchen und pfeifst die Lieder der alten Damen auf dem Kudamm lauthals mit. Zu viele Fragen stellst du nicht. Lieber ziehst du deine Kinder mit zur Spree und leuchtest golden. Deine Sommer sind ein Wetterleuchten und deine Nächte, ja deine Nächte erst. Größenwahnsinn ist Dir eine zweite Haut.

Ach Berlin, Du warst immer schon Heimat für die Heimatlosen. Einmal und leider nicht mehr warst du auch das östliche Jerusalem. Für viele warst du die Stadt zum Atem holen: Franz Kafka konnte endlich Prag vergessen und W.H. Auden endlich einmal richtig küssen. 1926 fuhr Josephine Baker mit einer Straußenkutsche durch das Brandenburger Tor und du kannst natürlich nur lachen über Leute die durch dich auf Segways rasen. Ach, Berlin Du stolze Prüde, du mit der geflickten Lederjacke und dem Absinth in deiner Hosentasche. Du hast dich mit Joseph Roth betrunken und es wirklich wahr: bei dir ist für jeden Platz. Auch den Bettler vor dem Netto lässt du leben und ja Berlin, das ist sehr viel. Ach, Berlin Du Stadt der vielen Seelen: du riechst nach Istanbul, Krakau und Beirut. Wärst du Musik, es wäre Oper mit Orchesterbegleitung, natürlich draußen und auf einmal fingen alle an zu singen. Groß und klein und sehr, sehr laut. An Deinen Tischen ist die Welt zuhause und selbst in Mitte kann man Brezen wie im Breisgau kaufen. Berlin Du bist uns große Schwester. So cool und hart wären wir selber gern. Wir kleben dann an deinen Hacken. Du drehst dich um und sagt: das hättste jern!

Berlin, immer warst du schnell und oft verwegen. Mies van der Rohe machte doch für dich die ersten Pläne und Julius Fromm der Mann mit den Kondomen ist einer meiner größten Helden und Magnus Hirschfeld gehört ganz unbedingt dazu. Berlin Du füllst ganze Tagebücher und Berlin, deiner Stimme verfiel man auch in Hollywood. Berlin, Du bist die Stadt mit großen Tönen und einem rauen Charme. Oh ja Berlin, keine Stadt kann fluchen so wie du. Berlin manchmal hast du scharfe Zähne und ja wir alle schnitten uns an deinen scharfen Kanten. Berlin, du bist die Stadt mit Narben. Für lange Jahre warst du eine Insel. Alle die auf Mauern schwören, können von dir lernen, dass manche Schmerzen nie vergehen. Immer wenn ich die Bilder von jenem 9. November sehe, muss ich weinen, denn Berlin deine ausgetreckten Arme, das bist Du. Diese Hände, die nicht gehen liessen, Berlin, das werde ich dir nie vergessen. Berlin Du hast so viele aufgefangen: nein, Berlin du bist nicht nur Erfolgsgeschichten, sondern schon immer auch die Stadt der kleinen Leute, Trinkerdielen, Zille-Bilder, Trockenboden, Trickbetrüger, Hütchenspieler, Leierkastendreher und auch auch Schrebergärtner. Du zucktest immer mit den Achseln und sagtest Dir und uns und anderen: Berlin ist groß! Berlin radaut, das wusste schon Tucholsky und rauer Charme ist manchmal mehr als süße Liebeslieder. Berlin Du liebst die Müden wie die Immer-Wachen, Du hast ein offenes Ohr auch für die, die nur noch mit sich selber reden. Berlin Du und JFK, damals und so lange ist das noch gar nicht her. Nein, noch nie bist du einem Kampf aus dem Weg gegangen. Das wärst nicht du. Berlin Du hast uns alle aufgefangen und mitgenommen, aufgehoben und auch wiederlosgelassen. Ach, Berlin stumm sind wir angesichts der Bilder. Berlin, du bist mit so vielen ein Stück des Wegs gegangen. Ach, Berlin du Tausend-Augen-Stadt. Ob angelehnt, ob abgelehnt, ohne dich wäre vieles anders. Ob von mittendrin oder auch von anderswo, heute Nacht Berlin, bilden wir um dich eine Menschenkette. Nein, niemand könnte dich in Ketten legen. Aber wir deine Kinder, stellen uns vor dich. Nein, heute schließen wir nicht unsere Augen. Unsere Kette ist viel feiner, denn deine Bande aus Offenheit und Herzlichkeit, aus Würde und Mut und aus furchtlosem Gelächter, aus langen Tagen und hellen Nächten, aus Augenzwinkern und Jargon, aus Liebesgeschichten und verzweifelten Fluchten, aus Ankommen und Zurückkehren, aus auch mal laut sein und lieber mal leise sein, dass haben wir von dir in die Welt mitgenommen. Nein, Berlin unsere Herzen schlagen heute ganz allein in deinem Takt.

Nein, Berlin Du bist nicht allein.

Alles ganz natürlich!

Was man weiß ( schon immer ): Ärzte sind alle Halsabschneider ( besonders Orthopäden)- Diagnosen googelt man am besten selbst ( Der Doktor will ja doch nur verdienen)- Was der hat dir kein Rezept geschrieben?-Scharlatan!!!!- Geh doch zur X. die macht Naturheilkunde- alles ganz natürlich- (Was wegen so etwas gleich ein Rezept?)-Der will ja nur verdienen!- Chirurgen sind alles Alkoholiker- der Arzt vom Y. hat auch gesagt: Impfen ist gefährlich!- Ärzten darf man gar nichts glauben- Die Osteopathin fühlt sich immer so ein, da habe ich 100% Vertrauen- die Ärzte stecken ja alle (!!!!) mit der Pharmaindustrie unter einer Decke- „dagegen gibt es auch etwas auf Schlangenöl-Lakritzwurzel-Basis-da-schwören-auch-die-Inka-drauf-(das Rezept hab ich gleich weggeworfen)-Ärzte wollen alle nur verdienen ( besonders Internisten )- Kardiologen sind öfter auf dem Tennisplatz als im OP- Ärzte wollen alle nur verdienen ( am schlimmsten sind die Radiologen)- Kreuzbandriss?-Ach was, deine Muskeln sind nur nicht im chi, ich gehe seit Jahren schon zu einer Frau, die hat wirklich heilende Hände- ( Haben sie überhaupt studiert?)- in Grey’s Anatomy sind die Ärzte irgendwie attraktiver- ( da geht niiiiie jemand ans Telefon- die machen wirklich immer Kaffeepause)- der Doktor hat den Opa totgespritzt- 99,9% aller Operationen sind vollkommen überflüssig-( die wollen nur die Betten vollkriegen )- im Krankenhaus holt man sich den Tod-( bei der Visite hat der Arzt überhaupt nicht zugehört, als ich ihm erzählte, dass meine Mutter an einer Fischgräte erstickt und mein Uropa mit sieben den Keuchhusten hatte, dabei sagen alle, dass nur ein ganzheitlicher Ansatz hilft )- alle Ärzte wollen nur verdienen- alle wissenschaftlichen Studien sind gekauft ( die Z. sagt, dass die K. also die Freundin der D. sagt, dass die Ärzte pro verschriebenem Medikament eine fette Provision einstreichen)-Ärzte wollen alle nur verdienen- Ärzte schreiben ihre Doktorarbeit beim Segeln- ( da will ich aber eine zweite Meinung hören)- Die Ärztin von der G. hat auch gesagt, dass die alten Hausmittel doch die besten sind. Ärzte wollen alle nur verdienen.

Alles kann man über Ärzte sagen, nur man kann nicht sagen, dass nicht alles über Ärzte gesagt wird und sich über Ärzte zu beschweren ist längst schon ein Breitensport geworden. Es gibt vielfache und in vielen Fällen berechtigte Kontrollinstanzen, es gibt Bewertungsportale und es gibt eine Vielzahl an berechtigten Richtlinien, die nicht nur für Ärzte, sondern vor allem auch für die Pharmaindustrie gelten. Ein Arzt ist schon längst kein Halbgott mehr, sondern nur eines von vielen Angeboten, das Menschen wahrnehmen. Das Misstrauen aber gegen ärztliche Empfehlungen ist um es freundlich zu formulieren nicht gerade klein, gerade deswegen bin ich gelinde gesagt doch erstaunt, werben medizinische Laien für Hustensaft, dem sie im besten assoziativen Verfahren allesamt enorme Wirkkraft unterstellen, dessen  Wirkstoff ( und dessen Verträglichkeit ) jedoch umstritten sind. Besieht man sich die Inhaltsstoffe taucht dort auch Sorbitol auf, ein mehrwertiger Alkohol, der nicht für Taumelei auf der Gasse sorgt, sondern dafür sehr häufig Durchfall verursacht und in pädiatrischen Zusammenhängen keineswegs als natürliches Helferlein gilt. Dass dies nun auf Elternblogs  die Runde  macht , finde ich doch nachhaltig irritierend.

Wenn auch Heilpraktiker kein geschützter Begriff ist, erstaunt mich, dass Medikamente inzwischen auf Blogs empfohlen werden wie Lindtschokolade oder Hallenturnschuhe, ohne auch nur erkennbare, medizinische oder pharmazeutische Kompetenz nachweisen zu wollen oder zu müssen. Ob da wieder das Zauberwort ( ist doch alles ganz natürlich) oder die lange Kette :”aber bei Pia-Marie-Luca-Charlotte” hilft es doch auch, die Versicherung bietet, weiß ich nicht. Warum sich aber die sonst so allgegenwärtige Kritik so vornehm zurück hält, die doch im Arzt und Apotheker stets das Dunkle und Böse vermutet, kann ich kaum begreifen. Vielleicht ist das auch nur ein Beispiel dafür, dass längst wahr ist,was Michael Gove so verächtlich ausspie: “people in this country have had enough of experts”, dafür übernehmen dann die, die es nicht wissen können, aber es dafür fühlen.

( Frau Doktor, es ist Krebs! Mein Gefühl hat mich noch nie betrogen )-Alle Ärzte wollen nur verdienen-Ich hör da lieber auf meine Intuition- ( Ärzte sind auch nur Menschen.)

Ein großer, schwarzer Rabe

“Guten Morgen Katze“ will ich sagen, denn nur weil die Katze schnurrend auf dem Sofa schläft, ist dies ja noch kein Grund die guten Manieren zu vergessen. Aber als ich den Mund öffne, kann ich nicht sprechen, sondern nur krächzen. Eben da fällt mir der große schwarze Rabe auf ,der seine Klauen schmerzhaft in meine Schultern gräbt. „Hey, schwarzer Rabe“ sage ich, „was willst du denn von mir?“ Der schwarze Rabe aber schweigt, auch durch mein hartnäckiges Niesen lässt er sich nicht beeindrucken, sondern plustert seine Federn auf und hackt mir in das linke Ohrläppchen. Ich krächze und huste auf dem Weg zur Bahn und der Rabe freut sich sichtlich an meinem Übel. Im Zug sehe ich ihn sofort, denn unzweifelhaft ist er der Herr aller schwarzer Raben. Jeden Morgen sitzt er im Zug niest und schnieft, all dies jedoch ohne ein Taschentuch zu benutzen. Wo auch immer man sitzt, er ist nie zu überhören, schnaubt und schnieft er doch so laut und vernehmlich durch seine Nasenlöcher, dass man ihm nicht entkommen kann. In meiner Verzweiflung bot ich ihm einmal ein Taschentuch an. Natürlich lehnte er es voller Empörung ab. „Was ich mir denken würde?“, schnarrte er und schniefte nur noch lauter. Die schwarzen Raben tanzten vor Glück. Ich stolpere hustend und keuchend aus dem Zug.

Ich belle reibeisenheiser in Telefone und während der schwarze Rabe die Zeitung liest, belle ich wie ein zahnwehkranker Löwe umher und verschrecke die Teilnehmer einer Tagung, die eigentlich etwas über die Kreuzzüge lernen wollen und nur auf mich treffen, einen Ritter von armer Gestalt, der schnieft und niest als sei er sieben Wochen im Regen gewandert. Der schwarze Rabe indes lacht aus ganzem Herzen. Dann fange ich an zu frieren und zu zittern, auch das zusätzliche Paar Socken und eine hervorgekramte Decke mögen daran nicht das Geringste zu ändern. Zitternd und keuchend tippe ich lauter Dinge in den Computer, denn der schwarze Rabe, wirft schon Watte in meinen Kopf und langsam beginnt die Welt vor mir und hinter mir zu verschwimmen. Mit der D. und dem W. spreche ich durch eine dichte Wolke weißen Nebels. Ich glaube die beiden zucken nur mit den Achseln. Wer hat je verstanden, was Raben wirklich sagen wollen? Ich jedenfalls habe heute mit großer Sicherheit das große Rabendiplom bestanden.

Irgendwann steht der Tierarzt in der Tür. „Du gehörst ins Bett“, höre ich ihn sagen und dann schiebt er mich in sein Auto. Der Schwarze Rabe ist uns dicht auf den Fersen und ich liege mit einer Kleenex-Box auf der Rückbank. Da die Polizei aber im Moment streikt, mache ich einfach die Augen zu während der schwarze Rabe fröhlich aus dem Fenster sieht. Wie ich aus dem Auto auf das Sofa gekommen bin, weiß ich nicht mehr. Der schwarze Rabe sieht mich mit seinen stechend-scharfen, schwarzen Augen an. Der Tierarzt reibt Ingwer. Ich will ihm sagen, dass ich Ingwer fast so sehr verabscheue wie Sellerie. Aber es klingt wie ein sehr langgezogenes, endlos dauerndes Krächzen und der Tierarzt schüttelt den Kopf. „Liegenbleiben, hörst du, sagt er und ich wanke zum Sofa zurück. Selbst die Katze schleicht mit trübem Blick um mich herum, aber vielleicht fürchtet sie sich auch nur vor dem großen, schwarzen Raben, der auf der Sofalehne hockt und sein großes, schwarzes Gefieder über mich legt, unter dem ich ganz verschwinde, nur das Krächzen und Husten bleibt übrig von mir.

Fragestunde

Die Frau im Spiegel sieht müde aus. Die Frau im Spiegel, das bin wohl ich. “Wie kann man nur überall und immer so fremd sein?”, frage ich die Frau im Spiegel. Die Frau im Spiegel zuckt mit den Achseln. Sie antwortet nicht so gern. “Ist das Fremden eigen?” Gefragt werde ich sehr oft. Allein heute: fünfzehnmal. „Woher kommen Sie?” Fünfzehnmal scheitert meine Antwort. Manchmal wundere ich mich, dass es wirklich nur Menschen mit einem Heimatland gibt. Ich habe keins. Auch meine beiden Pässe können diese Frage nicht vollständig oder auch nur ausreichend beantworten. „ Wann gehen Sie wieder weg?“ Diese Frage zähle ich schon nicht mehr, so oft fragt man mich das. Frage ich aber zurück: „Wohin denn?“ sind die Fragesteller patzig und oft verstimmt. Siebenmal spielen Leute heute mit mir das Spiel: „Ich errate ihren Akzent.“ Siebenmal irren die Spielteilnehmer und sind enttäuscht. Nein, das hätten sie nicht gedacht. „Was denn meine Muttersprache sei?“ Ich zucke mit den Achseln. “Meine Großmuttersprache sage ich dann sei Deutsch.” „Sie sind ein komischer Vogel“ sagen die Leute und ich streiche mir vorsichtshalber über den Arm, aber da ist kein Gefieder, da ist nur meine Haut, dieser fremde Fetzen, der an mir klebt und klebt. Diejenigen die fragen sehen mich an und gehen kopfschüttelnd weg. Es ist fast Mitternacht und ich frage die Frau im Spiegel: „Was suchst Du hier?“ Die Frau wendet sich ab, endgültig und legt sich auf das Sofa, die Füße auf den immer wachsenden Bücherstapel gelehnt, die Katze kommt herbeistolziert und wandert über die Arme der Frau, also meine und sieht mich halb ironisch, halb hochnäsig an, als wäre ich hier nur ein geduldeter Besucher und wer weiß vielleicht hat die Katze wirklich Recht. Im blassen Licht der Straßenlaterne streichle ich das weiche Fell der Katze. Langsam schläft die Katze ein. Ich liege ganz still denn Liebende und Schlafende soll man nicht stören und ich versuche die Bücher nicht mit dem Fuß auf den Boden fallen zu lassen. Sieben Sprachen polterten dann zu Boden, aber keine von ihnen hat etwas mit meiner Mutter zu tun. Schon wieder verzögen die Fragenden ihr Gesicht und riefen mir missmutig zu: welchen Zweck haben Sie denn diese Sprachen, wenn Sie doch zu keiner wirklich gehören?“ Aber mein Widerwillen zu antworten ist zu groß. Ich denke an Alexej Tuchinski, der vielleicht noch immer in der gleichen, kleinen Wohnung gemeinsam mit seiner Mutter in Jerusalem lebt. Alexej Tuchinski sprach fünfzehn Sprachen, aber wann immer man ihn traf, im Hausflur oder im Laden an der Ecke in dem er Tnuva Ziegenkäse kaufte, wie wir alle, da hatte er stets ein Vokabelheft in der Hand und überhaupt murmelte er beständig Vokabeln vor sich her. Oft ist er gefragt worden: „Hey Alexej Tuchinski sind fünfzehn Sprachen noch immer nicht genug?” Aber Alexej Tuchinksi der damals, als auch ich im Laden am Eck Tnuva Käse und Butter kaufte, Japanisch lernte, schüttelte den Kopf und seine immer etwas versunkenen Augen blickten noch trauriger als sonst. Er verstand die Frage nicht. „Als Jude kann man nicht vorsichtig genug sein“, sagte er dann und schüttelte den Kopf über diese Fragenden, die sich sicher glaubten dort auf der sonnigen Straße, sicher in den Worten und sicher auch in der Welt, die sie als die ihre begriffen. Dann aber lief Alexej Tuchinski zurück in die Wohnung in der seine Mutter schon auf ihn wartete. Schon aber schlägt die Standuhr ein Uhr und ich schiebe vorsichtig die Katze von meinen Rippen, die Katze schläft weiter und ich lese noch ein paar Seiten in einem Buch auf Hindi.

Blutrote Rosen

Wäre ich nicht so müde, ich zöge die Schuhe aus und die Strumpfhosen mit dazu, denke ich als ich die lange Straße hinuntergehe an deren Ende ich wohne. Drei lange Stunden im ICE eingeklemmt zwischen Knien und harten Schultern und schlechtem Atem. Die Schaffnerin mit ihren dummen Witzen und den gesprungen Adern auf der Nase, schrie ihrem Kollegen zu: „Die da sind noch dran, na dann mal fertigmachen zum einseifen und rasieren.“ Ich starre sie an und weiß nicht, ob sie hört, was sie da sagt. Ein fremdes Knie in meinem Rücken und ich blinzele gegen das Licht. Deutsche Bilder vertreiben, nennt man das wohl. Der fremde Kniebesitzer liest Gedichte von Thomas Rosenlöcher und ich lehne meinen Kopf gegen die Scheibe. 10 Zentimeter gegen die Welt. Endlich hält der Zug in Berlin und ich ziehe mein Bein unter einem Koffer hervor und atme aus. Die stille Straße aber liegt schon im Schatten und ich läge so gern im weichen Laub. Dort wo ich wohne stehen , große, alte Kastanien und als ich näherkomme, stehen eine Frau und ihr Sohn unter den Bäumen. Mit beiden Händen schaufeln sie Kastanien in mitgebrachte Plastiktüten. Die Gier in ihren Gesichtern lässt mich schlucken. Was sie wohl mit den vielen Kastanien machen? Heizen sie mit ihnen einen Kachelofen? Bauen Sie 10000 Kastanienmännchen oder mästen sie im Garten ein Schwein, das nur von Kastanien lebt? Als ich fast unmittelbar vor ihnen stehe, zieht die Frau eine Schere aus der Tüte und will das Weinlaub, das über meinem Gartentor rankt, abschneiden. „Lassen Sie das doch bitte sein“, sage ich zu ihr. Sie sieht mich mit scharfen Augen an und erklärt mir, auch „Scheißreiche Leute wie ich hätten die Erde nur geborgt.“ Ich gehe an ihr vorbei und schließe die Haustür auf. „Sie widern mich an“, denke ich aber bleibe stumm. Eine Stunde später gehe ich in den Garten hinunter, die Frau und ihr Sohn befüllen weiter Plastiktüten mit Kastanien und neben dem herausgeschnittenem Weinlaub, liegen auch herausgerissene Ebereschenzweige neben ihr auf einem großen Haufen.

Im Garten liegt F. der ehemalige geschätzte Gefährte in einem Laubhaufen und sieht in den Himmel. „Hey, sage ich.“ Aber der F. antwortet nicht. Aber ich falle einfach neben ihn in das Laub. F. zieht meine Hände zu sich herüber und ich sage: „So schlimm?“ Der F. nickt: „schlimmer, ein roter Rosen Tag.” Ich schließe die Augen. „Vor drei Wochen sagt er leise, war die Frau schon einmal da: Milzruptur. Karate. Diesmal gebrochene Rippen, geplatzte Augenbrauen und Prellungen im Brustbereich. Im Treppenhaus ausgerutscht.”Der F. hält sich die Hand vor den Mund und seine Hand drückt schmerzhaft gegen meine. „Ihr Mann war schon da, natürlich mit roten Rosen. Langstielig und dunkelrot. 30 oder 40 Stück. Opulent und von einem so tiefen Rot, dass es auch schwarz sein könnte. Immer bringen sie rote Rosen. Blutrot und wunderschön. Immer flüstern sie leise Worte in die Ohren der Frauen, die sie kurz zuvor zerschlagen haben. Immer fragen sie erst nach hohen Vasen und dann gleich nach dem Entlassungsdatum. Immer erwarten sie von Ärzten das Beste und bestehen auf Vorzugsbehandlung. In ihren Händen werden indes die langstieligen roten Rosen schwer.

Dann ist es still. Gelbes Laub fällt auf uns herab. Der F. zieht meine Hand auf seine Brust und sein Herz klopft unter meinen Fingerspitzen schnell und hart. “Weißt Du noch?”, fragt mich der F. und ich weiß es sofort, denn immer wenn der F. traurig war und weinte, sang ich dieses Lied für ihn und heute singe ich es wieder und wieder , solange bis der F. schließlich ganz leise und zart mit einstimmt.Dann geht sein Pieper an und mein Telefon klingelt. Wir schütteln uns Laub und Gras aus den Haaren und bevor der F. zurück in die Klinik fährt schneide ich die wirklich letzten Gartenrosen ab, binde Weinlaub und Lavendel in den Strauß und schiebe dem F. eine Handvoll Kastanien in die Tasche. „Stell die Rosen weg“, sage ich, wenigstens für heute Nacht.“ F. nickt und dann kehren wir zurück in die Welt.Noch immer schaufeln die Frau und ihr Sohn, Kastanien in immer, neue Plastiktüten.

Bloß keine Umstände!

Manchmal kommen Gäste zu mir nach Haus. Ich mag das sehr gern. Ich treffe furchtbar gern Menschen und lasse mir etwas erzählen. Ich koche passabel, jedenfalls meistens und ich habe immer genug Zutaten für einen reschen Kuchen im Haus. Ich mag sogar die B., die neue Freundin des G., die mir immer die Tarotkarten legt und mit verfinsternder Miene beklagt, dass Mars allein meinem Liebesglück im Weg stünde. Es gibt nur eine Art von Besuch, die ich nicht ausstehen mag. Das sind diejenigen, die ins Telefon flöten: „Oh Read On, mach Dir bloß keine Umstände.“ Wie ich diesen Satz fürchte. Denn ich laufe natürlich los, kaufe bei Herrn Yilmaz, Feigen und Schafskäse, nehme noch Ziegenkäse und Lamm dazu. Im Garten pflücke ich Pflaumen, Birnen und die schönsten Äpfel. Ich kaufe Kaffee aus Brasilien und öffne die Teeschatzkiste aus Indien. Ich richte eine Kürbissuppe und renne noch einmal ins Reformhaus um Kürbiskernöl aus der Steiermark anzuschaffen. Ich poliere das Silber, bügele die schweren Tischdecken und decke den Tisch ein. In die Mitte des Tisches kommt der Strauß mit den wohl letzten Gartenrosen. Dann noch schnell eine Zitronentorte, denn schon meine Großmutter fand, es könne gar nie genug Kuchen geben. Wie immer hatte meine Großmutter Recht. Irgendwann, denn Gäste, die keine Umstände machen wollen, rufen grundsätzlich nicht an, um ihre Ankunftszeit mitzuteilen, schellt es dann an der Tür. Man küsst sich zweimal links und zweimal rechts. Die Gäste schütteln den Kopf. „Aber Du sollst Dir doch keine Umstände machen.“ Ich verkneife mir zu sagen, dass es mir größere Umstände machen würde, Plastikgabeln und Pappteller aufzutreiben als das KPM-Geschirr aus dem Schrank zu holen, aber ich lächle nur milde und nicke artig. Dann will man den Gästen- ich trinke ja nicht- Rotwein in die Gläser füllen, aber die Gäste schütteln den Kopf. Rotwein vetrügen sie schon seit Jahren nicht mehr. Ich renne in den Keller und bete, dass der F. hoffentlich nicht den letzten Weißwein mit den Kollegen geleert hat. Hinter mir tönt es höhnisch: „Aber bloß keine Umstände.“ Das Kürbiskernöl können die Gäste auf keine Fall vertragen. Diesmal aber stehen Grundsatzfragen im Weg: „Nein aus politischen Gründen würden sie nichts aus der Steiermark verzehren. Der Fall Haider steckte ihnen noch in den Knochen. “Ich versuche nur kurz anzumerken, dass Haider aus Kärnten kam, aber die Umstandslosen wollen davon nichts wissen. Aber nur wenn es keine Umstände macht, würden sie dann doch auf geröstete Kübriskerne ausweichen. Natürlich verbrennt mir die erste Portion in der Pfanne. Der Geruch verkohlter Kürbiskerne übrigens hat etwas von einem mittelgroßen Chemieunfall. Natürlich essen die Gäste kein Lamm aus Mitleid mit den hübschen Tieren. „Aber bloß keine Umstände“ rufen sie in die Küche, in der ich versuche aus Restgemüse ein Curry, das keine völlige Schande ist, zu produzieren. Die Gäste inzwischen unterhalten sich gut- inzwischen sind sie bei der zweiten Flasche Wein angekommen und ich versuche mich krampfhaft zu erinnern, ob noch eine dritte im Kellerregal stand. Pflaumen machen dem Gast indes schlechte Laune, während seine Frau nur Kuchen aus Maismehl verzehrt. „Weizen sei böse“ sagt sie und ich atme tief ein und aus. Immerhin verzehren die Gäste, die keine Umstände machen wollen Käse und Birnen. Nur die Äpfel taugen ihnen nicht. Ich nicke nur weiter, denn sonst käme ich vielleicht in Versuchung einen Apfel quer über den Tisch zu schleudern und es reute mich um die schönen, alten Gläser. “Espresso, G’tt bewahre”, sagen die Gäste, vom indischen Tee nehmen sie nicht mehr als einen Fingerhut. Schlafen können sie nur in den mitgebrachten Alpakadaunensäcken, die wahrscheinlich vom Dalai Lama selbst geweiht worden sind, ich ziehe also die Bettwäsche wieder ab. „Das Ei“ sagen die Gäste, “ginge in Ordnung,allein es müsse wachsweich sein und das Brot bitte gänzlich ohne Rinde.”Vor allen Dingen aber solle ich mir bloß keine Umstände machen. Sie seien doch wahrhaft bescheiden und mit dem kleinsten Krümel, der vom Tische abfiele, wirklich und völlig zufrieden. Das Schlimmste, dass sie sich vorstellen könnten, sei mir Umstände zu bereiten.

Graue Wirklichkeiten

Ich bin nur einmal in Bautzen gewesen. Vor zwei Jahren mit meinem Freund Yoav aus New York. Yoav ist offensichtlicher Jude als ich es bin. Yoav ist frumm und man sieht es ihm an. Schon seine Großeltern noch zu Bautzen geboren, vor vielen Jahren als es in Deutschland noch Juden gab, waren frumm. 1938 als die wenigen Juden der Stadt Bautzen in einem Schandzug durch die Stadt geführt wurden, mitten durch die Gassen und Straßen zu Hohngeschrei und später zerbarsten dann die Scheiben und standen die Läden der Juden in Flammen. Da verließen sie die Stadt und das Land. In Deutschland, das muss man wissen hat immer schon alles eine Geschichte. Yoav aber besuchte mich und wollte einmal durch die Straßen der Ahnen gehen. Wir fuhren hin und es war ein schöner, warmer Sommertag. Die Stadt hat viele, feste Türme, kleine Straßen und einen Markt. Sieh sagte Yoav, lass uns dort Weintrauben kaufen. Aber auf dem Markt gab es nur Käse in gelben Plastikeimern, die ein Mann mit Mikrofon in der Hand werbend beschrie. 5 Euro ein Kilo Käse. Die Schlangen waren sehr lang. Ein anderer Mann verkaufte Würste. Nicht unser Interessengebiet. Andere Stände verkauften Filzlatschen, Polyester T-Shirts oder nach Plastikdämpfen riechende Turnschuhe. Einen Stand mit Obst fanden wir nicht. Ohne Weintrauben suchten wir das Haus der Großeltern und fanden es schließlich auch. Yoav war gerührt. „Hier hat es begonnen“, sagte er und fotografierte. Das kam nicht gut an, denn eine Frau und ein Mann, beide weder jung noch alt, mit bulligen Gesichtern kamen auf uns zu und plärrten: „Judenschweine verpisst euch.“ Yoav spricht kein Deutsch, aber wer Yiddisch spricht so wie er und ich, versteht was das heißt. Wir gingen lieber, aber nicht ohne, dass wir dem Paar nicht sehr deutlich an die Existenz der Polizei erinnert hätten, die wir riefen, sollten sie noch einmal so ausfällig werden. Dann gingen wir hinaus auf den Jüdischen Friedhof und Yoav und ich beteten, das Shema Israel, wie man es hält auf allen Jüdischen Friedhöfen der Welt. Es war ein sonniger Nachmittag und wir saßen auf dem Marktplatz in der warmen Mittagssonne. „Die Menschen hier haben alle graue Gesichter“ sagte Yoav und ich nickte, denn er hatte Recht. Die Leute auf dem Markt ob jung oder alt, nicht so alt oder doch schon älter, sie sahen weder zufrieden noch froh oder gar strahlend aus. Sondern es war als läge über vielen Gesichtern ein Grauschleier nicht immer und überall gleich wahrnehmbar, aber doch auch nicht zu leugnen. Deswegen kommen mir die Reaktionen auf Bautzen, deren Schlüsselsatz lautet: Bautzen bleibt bunt“ so merkwürdig vor. Denn nichts in dieser Stadt ist bunt, hier ist schon seit langen Jahren, vielleicht schon seit dem Schandzug des 1938er Jahres nichts mehr bunt gewesen. Hier leben Menschen für die, die Welt schwarz und weiß ist. Hie gehörte die SED und der Pionierzug zum Stadtbild, von den Stasigefangenen nebenan wollte man lieber nichts so genau wissen. Die Welt war doch eingeteilt, von oben geordnet in Volksfeinde und ehrliche Arbeiter. Wer je einmal durch unsanierte Straßenviertel von Aschersleben oder Bernburg ging, dem wird sich der Eindruck nicht verhehlen, dass sie DDR ein durch und durch graues Land war. Die roten Fahnen hingen alle grau und krank/ Im Regenhimmel rum, sang Wolf Biermann. Den sollte man aber auch nicht hören. Blätternder Putz und Kohlepartikel, der Staat als eine Schule der Gifte. Die Elbe und all ihre Nebenarme schlammgrau. Kohleberge auf dem grauen Pflaster der Trottoirs. Die Mauer war ja auch nicht mit Mosaikkunst der späten Sowjetunion verziert sondern ein grauer Block.

Der Kindergarten war kostenfrei, die Schulspeisung zwar zäher Griesbrei aus Leim aber dafür zu 30 Pfennigen zu haben, die Schule war umsonst und es gab keinen Singekreis und die Ferienspiele gingen sechs Wochen. Vor allem aber wusste man was man sagen durfte und was besser nicht. Dass die Nachbarin etwas schon wieder in Dresden gewesen sei und den Trabant nach nur mehr vier Jahren bekam, das konnte ruhig einmal auf den Tisch, aber das der Opa im Krieg auf den Russen geschossen hat, das behielt man wohl lieber für sich. Obwohl der Opa natürlich Recht hatte. Der hatte den Russen kennen gelernt. Natürlich war man nicht rechts, sondern man war auf Opas Seite. Auf welcher denn sonst? Überhaupt warum sollte die Welt denn bunt sein müssen? Es gab doch staatlich geprüfte Schlagersänger und das waren keine Rowdys wie die westlichen Kollegen, die auf Englisch jaulten, während doch in der DDR auf Deutsch gesungen wurde wie sich das gehört. Die Zeitungen des Staates zog man wohl eher selten zu Rate und man war es doch nicht anders gewohnt, als das dass ganze Leben nichts anderes war, als eine lange Linie der Wahrheitsbiegung,-unterdrückung, und der Überschreibungen, in der die DDR wirklich Weltmarktführer war. Dabei war die DDR auf der anderen Seite doch immer eine Welt der einfachen Wahrheiten. Niemand konnte behaupten, es sei kompliziert im Staat der für alle Lebenslagen eine Antwort und vor allem die richtige Antwort bereit hielt. Einfach und einprägsam. Jugendweihe als Menschwerdung. Frauen auch auf die Traktoren. Ins Erzgebirge ja, nach Dänemark, nein. Der Friede muss bewaffnet sein. Überall Feinde, mit den Klassenfeinden begann es ,aber wo ein Feind ist, sind auch viele imaginäre Gegner nicht weit. Mein grauer Delphin nannte Sarah Kirsch den sterbenden Johannes Bobrowski, der ging in der Poliklinik, in der alles umsonst war an einer Blinddarmentzündung ein.in Kessel Buntes lud zum Mitklatschen ein Das Bunteste was es gab war wahrscheinlich das Leipziger Allerlei. Aber auch das war ja meistens schon alle bevor man selbst an die Reihe kam. Das war unerfreulich, aber wenigstens war die Ordnung gewahrt. Diese Ordnung wurde von einer als unordentlich empfundenen Welt hinweggespült, die ihrerseits kein Ordnungsangebot machte, sondern über die Figuren, die in ihren unförmigen Anoraks nun in den Westen kamen,lachte. Aber man hat zu früh gelacht, denn Menschen, die Feuer nicht austreten, sondern anflammen, die Rettungswagen blockieren und neben Parolen auch Pflastersteine zu werfen wissen, denen vorzulesen, dass Bautzen doch bunt sei und bleibt, das erscheint mir als hochgradig naiv. Jemanden mit Hüpfburg und Straßenfest zu besänftigen, der das Gewaltmonopol des Staates in die eigene Hand nimmt, denn: „dass ist unsere Stadt“ heißt ja nichts anderes, als das diejenigen jetzt sich anmaßen, die Institutionen des Staates durch gewalttätiges Handeln abzulösen. Der Pflasterstein ist ja keineswegs nur Symbol, sondern auch Baumaterial. Die, die sich jetzt hier des Staates selbst entledigen, sie treffen auch wenn sie es nicht wissen-es kamen im Geographieunterricht der DDR und in Opas Geschichten ja nicht alle Länder vor- auf Menschen, die wie sie das staatliche Gewaltmonopol als nicht adäquat erleben, sondern mit denselben Mitteln zu agieren wissen, wie diejenigen die auf der anderen Seite des Marktplatzes stehen. Das ausgerechnet die Nachfolgepartei der SED zum bunten Miteinander aufruft, erzählt etwas davon, dass in Deutschland immer schon alles eine Geschichte hat, auch wenn die so gerne und so schnell wieder vergessen wird, wie es geht. Aber vielleicht wäre es an der Zeit den Grauschleier, so bunt er auch sein mag, einmal einzutauschen gegen eine schmerzhafte und keineswegs angenehme Analyse derjenigen, die klatschend und pfeifend zum Totentanz des Staates als Ordnungsmodell aufrufen.