Trauermarsch

Am vergangenen Mittwoch Abend stehe ich im Dorfladen und staple Kartoffeln, Lauch und Milch auf der Ladentheke, dann kaufe ich doch noch Ziegenkäse, denn mir ist nach Quiche am Abend. ( Kurz vor Pessach habe ich ohnehin immer das Bedürfnis mich in Mehl zu wälzen und noch mein Müsli zu panieren.) Da beugt sich die Frau des Krämers vor und sagt: „Mit dem Nachbarn aus dem blauen Haus geht es zu Ende.“ Die Frau des Krämers, die doch sonst eine Frau der klaren Worte ist, überfällt beim Tod ein Hang zur Metaphorik. Als ich schließlich die Einkäufe in den Korb staple und ich mich zum Gehen wende, sieht sie mich noch einmal nachdenklich an: Fräulein Read on, ich hab es schon im Januar gesagt, der Schnitter reitet über die Dörfer.“ Dann schüttelt die Frau des Krämers den Kopf und redet über ihre Pechsträhne beim Bingo. Ich aber laufe zurück ins Oberland und bin vor allem sehr, sehr müde. Am nächsten Tag aber ist der Nachbar aus dem blauen Haus schon tot. Die Frau des Krämers berichtet mit schluchzender Stimme von den letzten Minuten des Nachbars in seinem Bett ( das Frühstück noch auf dem Tisch.) Ich kondoliere der Frau des Verstorben und muss mich sehr zusammennehmen, auf die Karte nicht „Liebe blaue Frau“ zu schreiben, denn im Dorf kannte man sie nie anders als unter diesem von der Frau des Krämers keineswegs nur freundlich gemeinten Namen. Dann aber hatte mich die Woche wieder fest im Griff. Gestern aber war ich früher zu Haus als üblich und saß im windschiefen, alten Haus am Schreibtisch und nicht im Büro und gerade als ich beschloss eine Tasse Tee zu brühen und nach der Keksdose auf dem Regal angelte, fingen die Glocken St. Sylvesters an zu läuten, dabei war es weder 12 noch 18 Uhr. Die Beerdigung, dachte ich und von weitem schon konnte ich den Trauerzug der langsam die Straße hinaufschritt erahnen. Eine schwarze Limousine mit weißem Gesteck auf der Motorhaube führte den Zug an, der Sarg aber war nicht Inneren des Autos verborgen, sondern die Söhne und Neffen des Mannes aus dem blauen Haus, trugen den Sarg auf den Schultern. Schwitzend und mit hochroten Gesichtern, denn die Sonne schien keineswegs milde, sondern brannte unbarmherzig streng für einen Tag in März. Schluchzend läuft die blaue Frau gestützt auf die Frau des Krämers hinter dem Sarg und dann folgen der Priester, zwei Messdiener und schließlich das ganze Dorf in Schwarz gekleidet, als lange Reihe. Die Dorfbewohner aber die nicht hinter dem Sarg herlaufen, stehen vor den Türen, ziehen den Hund oder fahren mit dem Auto an den Straßenrand. Sie alle schlagen ein Kreuz passiert der Sarg ihre Schwellen und sehen betreten auf den Boden nähert sich der schluchzende Trauerzug. Schließlich nimmt die Trauergesellschaft auch den steilen Anstieg, der zu mir ins Oberland führt. Auch ich stehe vor dem Haus, mitten in der gleißenden Sonne, aber ich schlage kein Kreuz vor der Brust, sondern jüdisch-praktisch reiche ich den Sargträgern Taschentücher an, die diese gern annehmen, denn ihre Augen tränen nicht vor Ergriffenheit, sondern von der Anstrengung den Sarg auf den Schultern hinauf ins Oberland zu wuchten. Für einen Moment treffen meine Augen, die des Priesters, der mir fremder ist als sonst in seiner Soutane, dem etwas schleppenden Gang, den Gebeten und der mir fremd erscheint auch in diesem Trauermarsch, dessen Heulen und Schluchzen und Flehen um Seele und Leib sich so unterscheidet vom kühlen Blick des Priesters, mag er auch flankiert sein. von zwei Messdienern mit roten Gesichtern.

Erst später fällt mir auf, dass es der Priester ist, der als Einziges nicht schwitzt, und schnell die Augen abwendet von mir, die ich im Sonnenlicht an der Hauswand stehe. Für einen Moment überlege ich ob der Priester, dessen Glauben nichts Frömmelndes und nichts Volkstümliches hat, hier nicht genau so fremd ist wie ich. Noch nie habe ich und der Priester geht bei mir ein und aus ein Kreuz vor der Tür schlagen sehen, er hat keine Heiligenbildchen wie die Frau des Krämers im Auto befestigt und in seinem Arbeitszimmer hängt ein Bild seiner Mutter aber nicht des Papstes. Betet er vor Tisch, dann ausschließlich mit kühler Ernsthaftigkeit und als die Frau des Krämers behauptete einen heiligen Fingernagel im Nachtkastel liegen zu haben, erzählte mir der Priester davon als einer absurden Kuriosität und wir beide hatten schließlich einen Schluckauf vor Lachen. Aber schon ist der Trauerzug an mir vorbei und biegt in den Kirchhof ein. Ich gehe nicht mit zum Gottesdienst, sondern folge der Trauergemeinschaft erst wieder auf dem Friedhof. Das Quietschen der Kirchentüren nämlich höre ich auf dem Sofa liegend. Auf dem Friedhof dann erneute Gebete, der Priester schwenkt Weihrauch, das Schluchzen gerade abgebbt, hebt wieder an, als der Sarg in der Erde verschwindet. Neue Gebete und alter Gesang. Reihum werfen wir Erde auf den Sarg und die Frau des Krämers und die blaue Frau schluchzen um die Wette. Hat der Priester nicht einen säuerlichen Gesichtsausdruck? Aber lange bleibe ich nicht, sondern lege nur einen Blumenstrauß auf das Grab des Mannes aus dem blauen Haus. Dann laufe ich langsam über den Friedhof zurück nach Haus, schon sitze ich wieder am Schreibtisch, die Trauergesellschaft sehe ich noch einmal als große, schwarze Wolke am Haus vorbeiziehen. Erleichtert die Sargträger, gefasst auch die blaue Frau und die Frau des Krämers: der Pub des Dorfes ist für die Trauergäste reserviert.

Später, es wird schon dunkel und ich richte gerade Käse und Brot ( vor Pessach, ich sage ihnen, zählt jede Scheibe doppelt ), da klopft der Priester. „Kommen Sie doch herein“, sage ich und hole einen zweiten Teller aus dem Schrank. Der Preister zeigt auf die Flasche Wein in seiner Hand. „Stört es Sie, wenn ich trinke?“ Ich schüttle den Kopf und als wir auf den dunklen Kirchhof schauen, sehe ich hinüber zum Priester, der in Sakko und Hosen auf dem Sessel sitzt, mit übereinandergeschlagenen Beinen und dem Kopf in eine Hand gestützt. „Fremd waren Sie mir Priester“, sage ich im Halbdunkel des Zimmers. Für einen Moment schweigt der Priester und sieht mich an: Ach Fräulein Read On, ich bin mir doch selber fremd.“ Dann müssen wir lachen, nicht lauthals, nicht dröhnend, nicht scheppernd, sondern leise und vor allem gemeinsam.

Die Schaffnerin.

Der Tierarzt und ich küssen die liebe C. und laufen zum Bahnhof. Nach Berlin zurück fahren wir nicht mit dem ICE, sondern mit der Bimmbelbahn, die aus mir völlig unverständlichen Gründen Regionalexpress heißt. Ich sehe in die Zeitung, der Tierarzt sieht aus dem Fenster und streicht abwesend über mein Knie. ( Der Tierarzt lange erprobt an Kuhknien und Schafsknöcheln macht seine Sache sehr gut. )
Die Schaffnerin kommt durch den Wagen: „Hallöchen“ ruft sie „die Fahrscheine bitte.“ Ich reiche die Fahrscheine zu ihr herüber, übereinstimmend beklagen wir den Regen und der Tierarzt übt mit ihr die richtige Aussprache eines trällernden, kurzen und affirmativen „Hallöchens.“ Dann rollt der Zug weiter, durch Dörfer und kleine Städte, Männer in Arbeitshosen steigen zu, alte Frauen mit Einkaufstaschen auf Rädern auf dem Weg in die größere Stadt, junge Mütter, die selbst noch Kindergesichter haben, zerren ihre Wagen in den Zug und sehen den Tierarzt überrascht an, als er ihnen zur Hand geht. Es sind Frauen, die das Wort Zugewandheit vielleicht einmal gehört, nie aber erlebt haben.
Schließlich steigt auch ein Grüppchen junger Männer – ich glaube aus Eritrea- in den Zug. Ob sie nun Flüchtlinge sind, oder schon länger in einer der vielen, kleinen Städte im Umkreis der großen Stadt Berlin ansässig sind, weiß ich nicht. Ihnen folgt ein weiteres Brandenburger Männergrüppchen, fast identisch gekleidet: weiße Turnschuhe und bonbonfarbene Trainingsanzüge aus seltsam seidigen Material. Wie die jungen Männer aus Eritrea tragen sie Schirmmützen mit den immer gleichen absurden Botschaften: „F*CK ALL“ oder so. Zusätzlich schleppen sie Sportbeutel, so groß wie kleine Reisetaschen mit sich herum. Wieder rollt der Zug an, ich lese dem Tierarzt vor, dass in einer anderen Stadt zehn Jahre alte Bonbons und wurmzerfressene Schokolade von den Karnevalswagen geworfen wurde und ungläubig sahen die Kinder, wie ihre Kamellebeute in den Müll wanderte. Der Tierarzt schüttelt den Kopf: „Dit is Berlin“ sagt er und sagt es als sänge er ein gälisches Klagelied. Dabei ist Berlin diesmal die Unschuld selbst. Wieder geht die Schaffnerin mit ihrem „Hallöchen“ durch den Zug. Der Tierarzt zwinkert ihr zu.
Dann sagt sie zu den jungen Männern aus Eritrea „ Die Fahrscheine bitte!“, drei der fünf Männer haben keinen Fahrschein. Ob Sie keinen Fahrschein haben, weil der Automat nicht ging, sie kein Münzgeld haben, oder eben weil die 4,70 Euro Fahrtpreis für etwas anderes eingeplant waren, weiß ich nicht. Bekanntlich treffen Menschen ökonomische Entscheidungen nicht nach rationalen Gesichtspunkten, wäre das der Fall, es gäbe keine Fernreisen auf Kredit. Die Schaffnerin jedenfalls befragt die jungen Männer nach ihrem Zielort und tippt auf dem Gerät herum, und macht ein strenges Gesicht. Sie sagt:“Für alle gilt: erst Fahrkarte, dann Zugfahrt.“ Sie sagt es als jemand der den lieben langen Tag mit diesem Problem befasst ist. Sie sagt es so wie der F. „erst Anamnesebogen-dann OP.“ Die jungen Männer nicken ziemlich peinlich berührt. Währenddessen aber erheben sich die jungen Männer von der Sitzreihe gegenüber und beginnen ziemlich lautstark zu schimpfen: „Was’n Scheiß ey, raus aus’m Zug mit denen, aber dalli- dalli. Alles Schmarotzer ey, kann doch wohl nicht sein“, dann folgt eine Flut von Schimpfwörtern, die können Sie sich gut selbst vorstellen, und münden in dem Schlussatz, „dass die dort, die Männer aus Eritrea also „noch die Fahrkarte in den Arsch geschoben bekommen.“ Dies ist nun faktisch falsch, denn die Schaffnerin tippt ja emsig auf das Gerät. Der Mann jedenfalls der am lautesten Schimpfwörter spie, richtet sich nun auf und bläkt: „Die Jesetzeslage sacht 200 Euro also sofort her damit.“ Das wiederum empört nun die fünf jungen Männer, die ihrerseits deutsche Versatzstücke mit Schimpfwortresten auf die gegenüberliegende Wagonseite schmettern. Unf auf einmal riecht der Wagon nach Eskalation, nach Revolte und geballten Fäusten. Da richtet sich die Schaffnerin plötzlich auf. Sie stemmt die Hände in die Hüften und stampft einmal mit dem rechten Fuß auf den Boden, so stark, dass ein Fahrrad gar in Schräglage gerät. „Schluss jetzt“ donnert sie und stampft noch einmal nachdrücklich mit dem Fuß auf. „Dit is hier ja wie Kinnerjeburtstag“ sagt sie und fügt hinzu: oder noch schlimmer.“ Der Schreihhals will noch einmal ansetzen, aber die Schaffnerin wirft ihm einen Blick zu, der alle weiteren Nachfragen obsolet macht. Ein junger Mann aus der Gruppe der Eritreer will nun seinerseits nachlegen und auch der junge Mann von der Sitzreihe gegenüber schnaubt als sei er halb Stier, halb Mensch und die Schaffnerin, legt das Gerät aus der Hand, legt den Zeigefinger vor die Lippen und macht: „Shhhhh“ und dann noch einmal „Shhhhh….Shhhhh.“Dieses „Shhhh“ nämlich ist das universale Geräusch, dass alle Mütter auf der ganzen Welt miteinander verbindet und dieses „Shhhhh“ das im ALDI von Berlin-Pankow und dem Fünfjährigen, der sich vor dem Schokoladenregal wälzt, wirkt, entfaltet die gleiche Kraft ganz sicher auch in Asmara und auch hier und heute im Zugwagon der Bimmbelbahn, fährt den jungen Männern das „shhhhh“ in die Glieder. Der Schreihhals nämlich fällt auf den Sitz zurück und schaut auf den Boden und auch der Mann aus Eritrea schaut bedropst auf seine Schuhe hinunter.Sie sehen exakt so aus, wie meine Nichten und Neffen, wenn meine Schwester für Mäßigung im Krisengebiet Kinderzimmer sorgt.Die Schaffnerin schüttelt den Kopf: „Man ey,“ sagt sie dit kann doch nich euer Ernst sein, wa!“
Dann sind die Fahrkarten ausgedruckt und sie dreht sich herüber zu den Jungs aus Brandenburg: „Fahrkarten bitte“, sagt sie in ihrem ganz, eigenen singenden Tonfall.
Nur zwei der Männer haben eine gültigen Fahrschein. Sie sagt: „Erst Fahrkarte- dann Zugfahrt.“ Dann tippt sie wieder in ihr Gerät, die Männer Brandenburger wie Eritreer sehen schweigend zu Boden. Wir nehmen unsere Jacken vom Haken und der Tierarzt strahlt die Schaffnerin an wie sonst nur die schönsten Lämmer eines Wurfs und trilliert: „Hallöchen“ und die Schaffnerin wird ein kleines bisschen rot. Dann muss sie weiter, wir steigen aus und sie ist schon im nächsten Wagon angelangt: „Hallöchen, hören wie sie „ die Fahrkarten bitte.“

Was soll hier schon sein.

Manchmal bekomme ich eine E-mail. Fast leer ist die E-mail. Ein Satz nur: „Was soll das hier?“ fragt die E-mail mich und dann etwas versetzt,  etwa zwei Zeilen darunter steht: „Lern endlich anständig Deutsch!“. Anrede oder Abrede hat die Email keine und auch die Adresszeile ist nur eine Ansammlung von Buchstaben etwa so: dbazg@dzghi, oder so ähnlich. Nur die Frage und die Aufforderung eben. Gern würde ich die Frage besser beantworten können, aber das hier ist schon schwer zu finden.

Hier ist die Küche und auf dem Tisch steht eine blaue Tasse. Aus ihr trinke ich gern. Milch mit Kaffee, nein nicht andersherum. Hier ist auch der Wind, Windstärke 10 sagt der Radiosprecher und doch weht hier in meinen Haaren nur der Wind der Abwesenheit, den können Sie und auch ich nicht ermessen. Hören Sie? Hier ist es ganz still. Hier halte ich einen Stein in der Tasche. Hier liegt die Katze auf dem bunten Plaid. Hier bin ich fremd, aber auch überall sonst. Hier versenke ich Narzissen in die Erde und hier suche ich Bücher und Wörter und schon so lange einen Ring, den ich nicht mehr finde. Hier gibt es eine lange Liste aus Erinnerungen, Dingen, einem grünen, alten Sofa, Träumen, Händen, unbeantworteten Briefen, Geräuschen, Musik, Gespenstern, Freunden und Blut, alten Dielen, dem Duft von Flieder, Nussschokolade, und neuen Marotten und dem Hinabfallen. Vor allem das Hinabfallen. Besser man fällt mit Geschichten hinab als mit einer Betriebsanleitung scheint mir, aber da mag ich mich irren. Hier sind Abschiede und Anfänge und immer auch Fußangeln. Stolpern Sie nicht. Hier und dort. Hier verliert man nur Zeit, Herr oder Frau E-mailschreiber, das müssen Sie wissen. Hier gibt es nichts zu gewinnen und selbst nach den Rezepten müssen Sie selber suchen, hier gilt immer: Volle Fahrt nach vorn und volle Fahrt zurück. Das Ende der Straße ist schon immer weit weg und länger als Sie glauben bin ich schon unterwegs. Nennen Sie die Straße doch Horizont, dann wird es schon eine Andere werden. Hier gibt es viele verschlossene Türen. „Erzähl mir noch mal eine Geschichte“, sagte ich zu meiner Großmutter, der die Asche auf der Zunge lag. Das ist hier. Die Asche und die Geschichten der Juden.
Hier habe ich einmal einen Bleistift gefunden und dann wurde es dunkel. So will ich nicht ausschließen, dass auch ich eines Tages wieder verschwinde und dann ist hier nicht mehr da. Sehen Sie endlich wie ich, dass das hier nichts soll? Atmen sehr geehrter Herr oder Frau E-Mailschreiber sollen sie, denn Sie und ich wir sind nun einmal beide in die Welt geworfen und müssen nun Sie hier und ich dort wohl oder übel damit auskommen lernen.

Deutsch aber habe ich nicht vom Anstand gelernt, auch nicht im Handstand und schon das Wort lernen, greift fehl. In meinen Mund gelegt hat mir meine Großmutter alle deutschen Worte, die sie hatte, auch die, die es nicht mehr gab. Sie meine Großmutter, die das Deutsche liebte und der auch nachdem sie zurück kam nach Deutschland, an Deutschland, den Deutschen und Deutsch das Herz zerbrach, gab mir alles, was sie hatte, das kleine Wort Ach, wie das große Wort Sollbruchstelle. Nachbuchstabieren kann ich nicht mehr.

 

Portrait des Fräuleins als Hühnerschreck

Leise pfeifend laufe ich vom Bahnhof die Dorfstraße hinunter. In Gedanken beglückwünsche ich mich, dass ich gestern trotz Müdigkeit noch Brot gebacken habe, der Tierarzt immerhin Rührei isst und damit ein freier Abend vor mir liegt. Badewanne und Buch summe ich und freue mich darauf in Nathan Hills sehr großartigem Buch Nix weiterzulesen. Außerdem hat die liebe C. mir ein Paket voller Nussschokolade geschickt. Nur Milch muss ich noch kaufen, erinnere ich mich selbst und hüpfe trotz der schweren Büchertasche vor mich hin. Schon von weitem aber sehe ich, dass das halbe Dorf versammelt vor dem einzigen Laden steht. Je näher ich komme, desto größer wird auch die Menge aufgeregter Dorfbewohner, deren Wortführerin natürlich die Frau des Krämers ist. „Fräulein Read On“ schreit sie als ich näher komme, etwas Schreckliches ist passiert!“ „Feuer, Wasser, Wind?“, frage ich aber die Frau des Krämers schüttelt den Kopf. „Die Gänse sind ausgebrochen und jagen die Hühner.Oh, sage ich und seufze in Richtung des betroffen Hühnernachbars und des neben der Frau des Krämers stehenden Gänsebesitzers. Wann genau die Feindschaft zwischen den Gänsen und den Hühnern ausgebrochen ist, kann niemand mehr sagen. In den Dorfannalen sucht man das Stichwort Gänsekrieg vergeblich und die Frau des Krämers, die inoffizielle Chronistin, weiß auch nicht mehr als wieder und wieder zu betonen, dass es eben schon immer so gewesen sei. Der Hühnerbesitzer aber zetert und wehklagt über seine von den Gänsen wer weiß wohin gehetzten Hühnerdamen. Er fordert den Bau einer Mauer. Scharfe Proteste der Gänsefraktion folgen sofort.

Ich nicke noch einmal sehr betroffen, lasse die Milch , Milch sein und will weiter nach Haus in Oberland gehen, um endlich zu Badewanne und Buch zu kommen. Da biegt der Tierarzt in die Ecke. Er hält einen, meinen leeren Wäschekorb in der Hand. „Read On“ sagt er dich schickt der Himmel. “Mich lieber Tierarzt sage ich, rufen Buch und Badewanne.“ Aber der Tierarzt will davon nichts wissen. „Ich brauche deine Hilfe.“ „Nein, sage ich und nochmals nein.“ Aber wieder überhört der Tierarzt mich vollständig und nimmt auch mein Kopfschütteln nicht zu Kenntnis. „Du musst die Hühner fangen, während ich die Gänse jage.“ Ich schüttle den Kopf. Auf gar keinen Fall, fange ich Hühner. „Bitte“ sagt der Tierarzt und das ganze Dorf echot: Bitte Fräulein Read On, Sie müssen die Hühner fangen.“ Noch einmal sehe ich vor meinem inneren Auge, Badewanne und Buch. Mit versagender Stimme wimmert der Hühnernachbar: Bitte Fräulein Read On, bringen sie mir meine Mädchen wieder.“ Ich knurre missmutig. Die Frau des Krämers bemerkt wohlwollend, dass sich nun meine ewige Joggerei endlich einmal auszahle. Ich knirsche mit den Zähnen.

Der Tierarzt überreicht mir Wäschekorb und ein Paar Gartenhandschuhe.“ Wohin sind die Hühner gerannt?, will ich wissen. Tumult. Geschrei. Beschuldigungen. Die Hühner sind in Richtung Oberland geflüchtet, sagt er und“ Danke Read On“. Ich sage lieber nichts mehr und stapfe davon. In meinem Garten sind die Hühner nicht, auch nicht auf der Schafsweide, die hinter meinem Haus beginnt und ich renne weiter, hinauf zu den Klippen. Hoffentlich liegen die Hühner nicht schon zerschmettert im Meer. Das erste Huhn sehe ich nass in einer Pfütze hocken. Ich nähere mich in gebückter Haltung. Das Huhn zetert, ich schnappe nach dem Huhn, in der Hand halte ich indes nichts als ein paar weiße Federn, inzwischen nähern sich immerhin die anderen Hühner. Sie gackern spöttisch. Ich sprinte erneut auf das Huhn zu. Ich erwische einen Flügel und dann liege ich in der Pfütze. Gelächter des versammelten Hühnerhaufens. Ich wünsche mir die Gänse herbei. Beim dritten Mal endlich bekomme ich das Huhn oberhalb des Flügels zu fassen und verfrachte es in den Wäschekorb. Ich werfe eine Decke über das Huhn. „Jetzt ihr“ sage ich zu den Hühnern. Die Hühner gackern und rennen weiter. Hühner sind gerissen und sehr, sehr schnell. Nach dem dritten Huhn habe ich einen aufgeschlagenen Ellenbogen. Ein Huhn finde ich unter einem Strauch. Es schreit Zeter und Mordio. Die Schafe sehen empört zu mir herüber. Ich verfluche das Dorf und die Hühner. Zwei Hühner rennen im Kreis wie die Berserker, ich will ihnen den Weg abschneiden, bleibe an einer Wurzel hängen und liege nun mit dem Bauch voran in der schlammigen Pfütze. „Tierarzt knurre ich, du schläfst heute Nacht auf dem Sofa.“ Die Hühner im Wäschekorb wollen fast bersten vor Lachen. Ich buchstabiere sehr langsam Kochtopf und endlich ist Ruhe im Karton Wäschekorb. Dann endlich erwische ich eines der Hühner an den Beinen und wie ein Wilddieb trage ich das Huhn zum Korb. Die Hühner stimmen, ich bin mir ganz sicher Venceremos  an. Ich kann nur noch schnauben. Das letzte Huhn aber hockt hämisch auf einer Felskante, die tief in den Abgrund führt und da ein Paket ungeöffneter Nussschokolade auf mich wartet, habe ich wenig Lust ausgerechnet jetzt in die wild wogende irische See zu stürzen. Ich erinnere mich einer alten Brezel in meiner Tasche , renne zur Tasche und bete das Huhn möge dort bleiben, wo es ist. Dann locke ich das zeternde Huhn mit Krümeln von der Abbruchkante fort. Die Hühner im Korb heulkreischen etwas von unerlaubter Vorteilsnahme. Ich aber schnappe nach den Beinen des Huhnes und endlich, endlich sind alle Hühner im Korb. Eingeschnappte Stille und ich bleibe einfach liegen und befühle meine Knochen. Dann wird mir kalt und ich rapple mich hoch und wuchte den Wäschekorb mit Hühnern zurück ins Unterland. Die Hühner strafen mich mit schweigender Verachtung. Ein Danke hätte auch gereicht, zische ich zurück. Der Hühnernachbar kommt auf mich zugelaufen und weint vor Erleichterung um seine Mädels und begrüßt sie mit Namen. Wer bitte nennt ein Huhn Eliza? Endlich wieder hühnerlos, sitze ich auf den Stufen des Ladens, die Frau des Krämers, die Hände in die Hüften gestützt sagt zum Tierarzt, der als Gänsemagd um die Ecke biegt „Es muss Liebe sein“ und mit dem letzten Rest Atem, den ich noch habe, ächze ich: „Es ist Wahnsinn.“ Betroffen sieht der Tierarzt zu mir herüber. Die Frau des Krämers tätschelt ihm beruhigend die Schulter. Das Fräulein Read On meint das sicher nicht so.“

Berlin.

IMG_0460.jpgAch, Berlin. Du, die Stadt mit Himmelsleiter. Immer warst du schon ein Ort für Träume. Ob Wolkengucker oder Luftikusse, du bindest ihnen allen die Schnürsenkel zu. Deine Arme sind offen für Wunderkinder und Wundersame gleichermaßen. Du hast ein Auge auf die leichten Mädchen und pfeifst die Lieder der alten Damen auf dem Kudamm lauthals mit. Zu viele Fragen stellst du nicht. Lieber ziehst du deine Kinder mit zur Spree und leuchtest golden. Deine Sommer sind ein Wetterleuchten und deine Nächte, ja deine Nächte erst. Größenwahnsinn ist Dir eine zweite Haut.

Ach Berlin, Du warst immer schon Heimat für die Heimatlosen. Einmal und leider nicht mehr warst du auch das östliche Jerusalem. Für viele warst du die Stadt zum Atem holen: Franz Kafka konnte endlich Prag vergessen und W.H. Auden endlich einmal richtig küssen. 1926 fuhr Josephine Baker mit einer Straußenkutsche durch das Brandenburger Tor und du kannst natürlich nur lachen über Leute die durch dich auf Segways rasen. Ach, Berlin Du stolze Prüde, du mit der geflickten Lederjacke und dem Absinth in deiner Hosentasche. Du hast dich mit Joseph Roth betrunken und es wirklich wahr: bei dir ist für jeden Platz. Auch den Bettler vor dem Netto lässt du leben und ja Berlin, das ist sehr viel. Ach, Berlin Du Stadt der vielen Seelen: du riechst nach Istanbul, Krakau und Beirut. Wärst du Musik, es wäre Oper mit Orchesterbegleitung, natürlich draußen und auf einmal fingen alle an zu singen. Groß und klein und sehr, sehr laut. An Deinen Tischen ist die Welt zuhause und selbst in Mitte kann man Brezen wie im Breisgau kaufen. Berlin Du bist uns große Schwester. So cool und hart wären wir selber gern. Wir kleben dann an deinen Hacken. Du drehst dich um und sagt: das hättste jern!

Berlin, immer warst du schnell und oft verwegen. Mies van der Rohe machte doch für dich die ersten Pläne und Julius Fromm der Mann mit den Kondomen ist einer meiner größten Helden und Magnus Hirschfeld gehört ganz unbedingt dazu. Berlin Du füllst ganze Tagebücher und Berlin, deiner Stimme verfiel man auch in Hollywood. Berlin, Du bist die Stadt mit großen Tönen und einem rauen Charme. Oh ja Berlin, keine Stadt kann fluchen so wie du. Berlin manchmal hast du scharfe Zähne und ja wir alle schnitten uns an deinen scharfen Kanten. Berlin, du bist die Stadt mit Narben. Für lange Jahre warst du eine Insel. Alle die auf Mauern schwören, können von dir lernen, dass manche Schmerzen nie vergehen. Immer wenn ich die Bilder von jenem 9. November sehe, muss ich weinen, denn Berlin deine ausgetreckten Arme, das bist Du. Diese Hände, die nicht gehen liessen, Berlin, das werde ich dir nie vergessen. Berlin Du hast so viele aufgefangen: nein, Berlin du bist nicht nur Erfolgsgeschichten, sondern schon immer auch die Stadt der kleinen Leute, Trinkerdielen, Zille-Bilder, Trockenboden, Trickbetrüger, Hütchenspieler, Leierkastendreher und auch auch Schrebergärtner. Du zucktest immer mit den Achseln und sagtest Dir und uns und anderen: Berlin ist groß! Berlin radaut, das wusste schon Tucholsky und rauer Charme ist manchmal mehr als süße Liebeslieder. Berlin Du liebst die Müden wie die Immer-Wachen, Du hast ein offenes Ohr auch für die, die nur noch mit sich selber reden. Berlin Du und JFK, damals und so lange ist das noch gar nicht her. Nein, noch nie bist du einem Kampf aus dem Weg gegangen. Das wärst nicht du. Berlin Du hast uns alle aufgefangen und mitgenommen, aufgehoben und auch wiederlosgelassen. Ach, Berlin stumm sind wir angesichts der Bilder. Berlin, du bist mit so vielen ein Stück des Wegs gegangen. Ach, Berlin du Tausend-Augen-Stadt. Ob angelehnt, ob abgelehnt, ohne dich wäre vieles anders. Ob von mittendrin oder auch von anderswo, heute Nacht Berlin, bilden wir um dich eine Menschenkette. Nein, niemand könnte dich in Ketten legen. Aber wir deine Kinder, stellen uns vor dich. Nein, heute schließen wir nicht unsere Augen. Unsere Kette ist viel feiner, denn deine Bande aus Offenheit und Herzlichkeit, aus Würde und Mut und aus furchtlosem Gelächter, aus langen Tagen und hellen Nächten, aus Augenzwinkern und Jargon, aus Liebesgeschichten und verzweifelten Fluchten, aus Ankommen und Zurückkehren, aus auch mal laut sein und lieber mal leise sein, dass haben wir von dir in die Welt mitgenommen. Nein, Berlin unsere Herzen schlagen heute ganz allein in deinem Takt.

Nein, Berlin Du bist nicht allein.

Alles ganz natürlich!

Was man weiß ( schon immer ): Ärzte sind alle Halsabschneider ( besonders Orthopäden)- Diagnosen googelt man am besten selbst ( Der Doktor will ja doch nur verdienen)- Was der hat dir kein Rezept geschrieben?-Scharlatan!!!!- Geh doch zur X. die macht Naturheilkunde- alles ganz natürlich- (Was wegen so etwas gleich ein Rezept?)-Der will ja nur verdienen!- Chirurgen sind alles Alkoholiker- der Arzt vom Y. hat auch gesagt: Impfen ist gefährlich!- Ärzten darf man gar nichts glauben- Die Osteopathin fühlt sich immer so ein, da habe ich 100% Vertrauen- die Ärzte stecken ja alle (!!!!) mit der Pharmaindustrie unter einer Decke- „dagegen gibt es auch etwas auf Schlangenöl-Lakritzwurzel-Basis-da-schwören-auch-die-Inka-drauf-(das Rezept hab ich gleich weggeworfen)-Ärzte wollen alle nur verdienen ( besonders Internisten )- Kardiologen sind öfter auf dem Tennisplatz als im OP- Ärzte wollen alle nur verdienen ( am schlimmsten sind die Radiologen)- Kreuzbandriss?-Ach was, deine Muskeln sind nur nicht im chi, ich gehe seit Jahren schon zu einer Frau, die hat wirklich heilende Hände- ( Haben sie überhaupt studiert?)- in Grey’s Anatomy sind die Ärzte irgendwie attraktiver- ( da geht niiiiie jemand ans Telefon- die machen wirklich immer Kaffeepause)- der Doktor hat den Opa totgespritzt- 99,9% aller Operationen sind vollkommen überflüssig-( die wollen nur die Betten vollkriegen )- im Krankenhaus holt man sich den Tod-( bei der Visite hat der Arzt überhaupt nicht zugehört, als ich ihm erzählte, dass meine Mutter an einer Fischgräte erstickt und mein Uropa mit sieben den Keuchhusten hatte, dabei sagen alle, dass nur ein ganzheitlicher Ansatz hilft )- alle Ärzte wollen nur verdienen- alle wissenschaftlichen Studien sind gekauft ( die Z. sagt, dass die K. also die Freundin der D. sagt, dass die Ärzte pro verschriebenem Medikament eine fette Provision einstreichen)-Ärzte wollen alle nur verdienen- Ärzte schreiben ihre Doktorarbeit beim Segeln- ( da will ich aber eine zweite Meinung hören)- Die Ärztin von der G. hat auch gesagt, dass die alten Hausmittel doch die besten sind. Ärzte wollen alle nur verdienen.

Alles kann man über Ärzte sagen, nur man kann nicht sagen, dass nicht alles über Ärzte gesagt wird und sich über Ärzte zu beschweren ist längst schon ein Breitensport geworden. Es gibt vielfache und in vielen Fällen berechtigte Kontrollinstanzen, es gibt Bewertungsportale und es gibt eine Vielzahl an berechtigten Richtlinien, die nicht nur für Ärzte, sondern vor allem auch für die Pharmaindustrie gelten. Ein Arzt ist schon längst kein Halbgott mehr, sondern nur eines von vielen Angeboten, das Menschen wahrnehmen. Das Misstrauen aber gegen ärztliche Empfehlungen ist um es freundlich zu formulieren nicht gerade klein, gerade deswegen bin ich gelinde gesagt doch erstaunt, werben medizinische Laien für Hustensaft, dem sie im besten assoziativen Verfahren allesamt enorme Wirkkraft unterstellen, dessen  Wirkstoff ( und dessen Verträglichkeit ) jedoch umstritten sind. Besieht man sich die Inhaltsstoffe taucht dort auch Sorbitol auf, ein mehrwertiger Alkohol, der nicht für Taumelei auf der Gasse sorgt, sondern dafür sehr häufig Durchfall verursacht und in pädiatrischen Zusammenhängen keineswegs als natürliches Helferlein gilt. Dass dies nun auf Elternblogs  die Runde  macht , finde ich doch nachhaltig irritierend.

Wenn auch Heilpraktiker kein geschützter Begriff ist, erstaunt mich, dass Medikamente inzwischen auf Blogs empfohlen werden wie Lindtschokolade oder Hallenturnschuhe, ohne auch nur erkennbare, medizinische oder pharmazeutische Kompetenz nachweisen zu wollen oder zu müssen. Ob da wieder das Zauberwort ( ist doch alles ganz natürlich) oder die lange Kette :“aber bei Pia-Marie-Luca-Charlotte“ hilft es doch auch, die Versicherung bietet, weiß ich nicht. Warum sich aber die sonst so allgegenwärtige Kritik so vornehm zurück hält, die doch im Arzt und Apotheker stets das Dunkle und Böse vermutet, kann ich kaum begreifen. Vielleicht ist das auch nur ein Beispiel dafür, dass längst wahr ist,was Michael Gove so verächtlich ausspie: „people in this country have had enough of experts”, dafür übernehmen dann die, die es nicht wissen können, aber es dafür fühlen.

( Frau Doktor, es ist Krebs! Mein Gefühl hat mich noch nie betrogen )-Alle Ärzte wollen nur verdienen-Ich hör da lieber auf meine Intuition- ( Ärzte sind auch nur Menschen.)

Ein großer, schwarzer Rabe

“Guten Morgen Katze“ will ich sagen, denn nur weil die Katze schnurrend auf dem Sofa schläft, ist dies ja noch kein Grund die guten Manieren zu vergessen. Aber als ich den Mund öffne, kann ich nicht sprechen, sondern nur krächzen. Eben da fällt mir der große schwarze Rabe auf ,der seine Klauen schmerzhaft in meine Schultern gräbt. „Hey, schwarzer Rabe“ sage ich, „was willst du denn von mir?“ Der schwarze Rabe aber schweigt, auch durch mein hartnäckiges Niesen lässt er sich nicht beeindrucken, sondern plustert seine Federn auf und hackt mir in das linke Ohrläppchen. Ich krächze und huste auf dem Weg zur Bahn und der Rabe freut sich sichtlich an meinem Übel. Im Zug sehe ich ihn sofort, denn unzweifelhaft ist er der Herr aller schwarzer Raben. Jeden Morgen sitzt er im Zug niest und schnieft, all dies jedoch ohne ein Taschentuch zu benutzen. Wo auch immer man sitzt, er ist nie zu überhören, schnaubt und schnieft er doch so laut und vernehmlich durch seine Nasenlöcher, dass man ihm nicht entkommen kann. In meiner Verzweiflung bot ich ihm einmal ein Taschentuch an. Natürlich lehnte er es voller Empörung ab. „Was ich mir denken würde?“, schnarrte er und schniefte nur noch lauter. Die schwarzen Raben tanzten vor Glück. Ich stolpere hustend und keuchend aus dem Zug.

Ich belle reibeisenheiser in Telefone und während der schwarze Rabe die Zeitung liest, belle ich wie ein zahnwehkranker Löwe umher und verschrecke die Teilnehmer einer Tagung, die eigentlich etwas über die Kreuzzüge lernen wollen und nur auf mich treffen, einen Ritter von armer Gestalt, der schnieft und niest als sei er sieben Wochen im Regen gewandert. Der schwarze Rabe indes lacht aus ganzem Herzen. Dann fange ich an zu frieren und zu zittern, auch das zusätzliche Paar Socken und eine hervorgekramte Decke mögen daran nicht das Geringste zu ändern. Zitternd und keuchend tippe ich lauter Dinge in den Computer, denn der schwarze Rabe, wirft schon Watte in meinen Kopf und langsam beginnt die Welt vor mir und hinter mir zu verschwimmen. Mit der D. und dem W. spreche ich durch eine dichte Wolke weißen Nebels. Ich glaube die beiden zucken nur mit den Achseln. Wer hat je verstanden, was Raben wirklich sagen wollen? Ich jedenfalls habe heute mit großer Sicherheit das große Rabendiplom bestanden.

Irgendwann steht der Tierarzt in der Tür. „Du gehörst ins Bett“, höre ich ihn sagen und dann schiebt er mich in sein Auto. Der Schwarze Rabe ist uns dicht auf den Fersen und ich liege mit einer Kleenex-Box auf der Rückbank. Da die Polizei aber im Moment streikt, mache ich einfach die Augen zu während der schwarze Rabe fröhlich aus dem Fenster sieht. Wie ich aus dem Auto auf das Sofa gekommen bin, weiß ich nicht mehr. Der schwarze Rabe sieht mich mit seinen stechend-scharfen, schwarzen Augen an. Der Tierarzt reibt Ingwer. Ich will ihm sagen, dass ich Ingwer fast so sehr verabscheue wie Sellerie. Aber es klingt wie ein sehr langgezogenes, endlos dauerndes Krächzen und der Tierarzt schüttelt den Kopf. „Liegenbleiben, hörst du, sagt er und ich wanke zum Sofa zurück. Selbst die Katze schleicht mit trübem Blick um mich herum, aber vielleicht fürchtet sie sich auch nur vor dem großen, schwarzen Raben, der auf der Sofalehne hockt und sein großes, schwarzes Gefieder über mich legt, unter dem ich ganz verschwinde, nur das Krächzen und Husten bleibt übrig von mir.