Grünes Glück

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Trotz der ziemlichen Kälte am Morgen besteht die D., die auf einen Sprung vorbeischaut, im Garten zu frühstücken. Liebe Gäste lässt man gewähren und reicht ein dickes Wollplaid zum Nusszopf und der Marmelade. Weil es sich noch dazu, um die liebe D. handelt, bekommt sie auch noch ein paar dicke Socken und ich mache ihr zu Ehren das letzte Glas Stachelbeermarmelade auf. Im Gras zwitschert die Amsel und meine alte Freundin die Wildtaube gurrt leise, sie will ja nicht stören und frühstückt Rosinen auf dem Brett über der Regentonne. Die D. seufzt. „Wirklich sagt sie Süße, ich beneide dich um deinen Garten.“ „Uff, sage ich und denke an die vielen, vielen Morgen an denen ich vor Sonnenaufgang schon im Garten harke, jäte, grabe, gieße, schneide und immer noch lacht die Wildnis aus vollem Halse über meine Mühen. „Aber D. sage ich, Du hast doch deine Datscha.“

Die D. nämlich ist vor einigen Jahren aus dem schönen München und dem elterlichen Haus mit dem riesigen Walnussbaum im Garten in eine Wohnung mit Balkon aber ohne Grün in Charlottenburg verzogen, dem H. ihren Mann zuliebe, der seine Midlife Crisis nicht mit einer Geliebten, sondern mit dem Umzug in eine neue Stadt kurieren wollte. Der H. jedenfalls schimpft seitdem den ganzen Tag auf Berlin und verehrt die Stadt an der Isar als sie die Heiligkeit selbst. Die D. aber fand Freunde, gründete eine Firma und vergass München, nur die Sehnsucht nach dem elterlichen Walnussbaum, die blieb ungestillt. Dann aber hörte die D., dass immer mehr Menschen, die Gartenzwerge nicht Monets Seerosen vorziehen und Hobbyfunker aus Leidenschaft sind, sich ein Stück Gartenglück in einer Laubenkolonie erpachten. Der Wunsch nach Mutter Erde und dreckigen Fingern also wuchs und wuchs auch in der lieben D. und eines schönen Tages übernahm sie ein Stück Land in einer Gartenkolonie, die wir hier der Einfachheit halber einmal „Grünes Glück“ nennen wollen. Es ließ sich gut an für die D., die nach der Arbeit gern mit dem Rad in ihre Laube fuhr, sich die Füße in der Sonne wärmte und nach Herzenslust Sträucher und Blumen pflanzte, sich Erdbeeren von der Hand in den Mund wachsen ließ und ein Vogelhaus in den Apfelbaum hängte. Gegen den seltsamen Nachbarn, der im Unterhemd Rasen mähte und Scherben gegen die Vogelbrut auf das Dach platzierte half eine Buchenhecke und gegen die „100 besten Militärmärsche der NVA“, die die ansonsten ganz passable Nachbarin zur Linken und ihr Gemahl auflegten während sie dem Unkraut zu Leibe rückten, konnte mit Ohropax begegnet werden. So also ließ sich wenn nicht Alles, so doch Vieles zum Guten wenden und mit Stolz sah die liebe D., der ich gerade ein zweites Stück Nusszopf auf den Teller lege auf ihr Stück begrüntes Land. Dann aber entschloss die D., denn die Sommer sind kurz und der Berliner Winter sehr, sehr lang und von zäher Kälte auch morgens noch bevor sie zur Arbeit fuhr auf eine Stunde im Garten zu werkeln und den Tag mit Rosenduft in der Nase zu beginnen. Wer will es ihr verdenken? Doch auch die anderen Laubenpieper sahen in der Morgenstunde die rechte Zeit, und so sah die D. nicht etwa allein die Sonne, sondern den Nachbarn im Unterhemd, der die Rasenkanten trimmte und schlimmer noch mit einem auf den Rücken geschnallten Giftkanister gegen die „Schädlinge“ vorging, denn dies Stück Land erklärte er der verdutzten D. gehöre ihm und ihm allein. Über die Hand der D. läuft derweil eine Spinne. Hier bei mir im Garten am Rande der Stadt wohnen ja neben der Igelfamilie, der Kröte ( noch nicht aus dem Süden zurückgekehrt ) in der alten Gießkanne, der alten Freundin Wildtaube und ungezählten Vögeln, so viele Insekten und Spinnen, dass die örtliche Grundschule immer wieder mit Kindern vorbeikommt. Die Kinder sind heute ja immer alle sehr, sehr gut angezogen und fürchten sich vor den Regenwürmern, aber wenn sie dann mit ihren Bechergläsern endlich durchs Gras robben und Getier beobachten, dann dauert es nicht mehr lang und schon bestaunen sie Spinnen, Hummeln, Würmer und wollen alle, dass der Marienkäfer auf ihrem Finger landet. Der grandiose Nebeneffekt dieser Naturstunden ist, dass die durstigen Kinder nicht nach Cola schreien, sondern Wasser mit Himbeersirup, den ich in Massen herstelle, herunterstürzen, denn der nächste Sommer mit seiner Himbeerschwemme kommt bestimmt. Ich hoffe, dass die Kinder noch immer Spinnen in den Hosentaschen mit nach Hause nehmen, denn wenn die Welt schon nicht besser zu machen ist, dann doch wenigstens nicht immer nur noch steriler. Aber schon schweife ich ab, denn in der Laubenkolonie „Grünes Glück“ ist die Natur vor allem eins: Gegner. Die D. sah betrübt auf ihre Rosen und den Nachbarn mit der Giftspritze. Aber dann schien die Sonne und die D. sagte sich, besser als nur der kleine, ewig verschattete Balkon in Charlottenburg ist es allemal. Aber dann eines Morgens die D. trank gerade Kaffee vor ihrer Datscha und hielt die Füße ins taufrische Gras,  doch dann hörte sie ein „Schnipp“ und dann ein „Schnapp“, und ein dumpfes „Plopp“ erst dachte die D., dass die NVA-Nachbarn vielleicht das Gras mit der Nagelschere in Stellung brachten wie einst der Pionierappell die Kinder, aber die D. sollte sich irren und eine Nagelschere macht vielleicht „Sirrrr“ und „Simmm“ aber erzeugte wohl kaum ein metallisch-klirrendes „Schnipp“ und „Schnapp.“ Die D. jedenfalls tappte zum Gartenzaun. Herr und Frau Nachbarin in Trainingsanzügen robbten tiefgebeugt über den Rasen, in den Händen große, silberne Scheren. „Morgen Nachbarn“ rief die D. und winkte. Die Nachbarn sahen kaum auf. „Psst Frau D.“, riefen sie, „die Biester sind schneller als man denkt.“ Die D. beugte sich noch ein Stück weiter zum Gartenzaun vor und endlich verstand auch sie: die Nachbarn jagten Schnecken. Aber nicht einfach so oder gar um sie auf den Kompost zu befördern, oder meinetwegen über den Gartenzaun zur D. zu schleduern, sondern Schnecke für Schnecke packten sie mit gelben Gummihandschuhen bewehrt und zerschnitten die Schnecken dann mit den scharfen, silbernen Scheren genau in der Mitte, um sie dann mit einem „Plopp“ in einen metallenen Kübel fallen zu lassen. Die D. aber drehte sich um und übergab sich ins Rosenbeet. Am gleichen Tag noch kündigte sie ihre Parzelle in der Laubenkolonie „Grünes Glück“. Die Nachpächter haben die Rosenstöcke sogleich planiert.

Die D. schüttelt den Kopf und seufzt. Ich seufze mit ihr und lege ihr noch ein Stück Nusszopf auf den Teller. „Hör Süße, sage ich, Du kannst kommen wann immer du willst und wenn Du magst pflanzen wir einen Nussbaum. Der Garten ist schließlich groß genug.“ Die liebe D. nickt. Dann muss ich aber wirklich los, die alte Freundin Wildtaube sage ich, ist eine gute Zuhörerin und streue ihr noch eine Hand Rosinen hin Die Wildtaube gurrt und die D. zieht trotz der Kälte ihr Schuhe aus und vergräbt die Füße im weichen, duftenden Gras.

Erscheinungen

Der Mittwoch aber war ein seltsamer Tag. Schon früh am Morgen im Zug saß ich einem Mann gegenüber, der unermüdlich Papiere in unendlich kleine Schnipsel zerriss. Briefe, Kontoauszüge, Einkaufszettel und Notizen waren bald nur noch lose Fetzen Papier. Damit indes nicht genug, denn kaum waren die Papiere zerrissen, nahm der Mann die Schnipsel zur Hand, um sie in nummerierte Briefumschläge einzusortieren. Während er ganz und gar vertieft in das Zerreißen und Ordnen der Schnipsel war, pfiff er ein fröhliches Lied vor sich hin, so als gäbe es nichts Hübscheres und Heiteres als unverdrossen Papier zu zerreißen. Gerade als der Zug hielt, hatte der Mann die Briefumschläge in seiner sonst vollständig leeren Aktenmappe verstaut und ging seiner Wege. Ob er noch immer pfiff, befriedigt und aufgerichtet und innerlich gestärkt von den nummerierten Schnipselbergen- ich weiß es nicht.

Auf dem Weg in die Universität passiere ich zwei Brücken. Steinerne Ungetümer, noch gebaut von der einstigen Kolonialmacht England, die ja niemals nur nach den Meeren griff, sondern Länder, Städte und Flussläufe mit harter Hand für sich reklamierte. Heute aber fahren kaum noch Handelsschiffe auf der Liffey und auch die Brücken sind längst Kulisse für italienische und spanische Touristen geworden, die sich mit ihren Selfiestöcken bewehrt, postieren und wahlweise auf die Straße oder fast in den Fluss stürzen beim Versuch Handstand auf dem Brückenkopf zu üben. Zu so früher Stunde aber schlafen die Touristen noch. Statt ihrer steht eine Frau auf der Brücke und langt in einen weißen Plastikbeutel. Der Beutel ist voller Wecken, die Frau teil diese in vier unregelmäßig große Brocken und wirft sie den Möwen zu. Die Möwen kreischen schrill, dass es noch die letzten Langschläfer hören: „Frühstück fassen.“ Mehr und mehr Möwen segeln kreischend auf die Brücke und die Frau mit ihrer Plastiktüte zu. Möwen scheinen ganz generell nicht besonders am Prinzip des Teilens und Teilhabens interessiert zu sein, sondern die Möwen, die sich gegenseitig den scharfen Schnabel zeigen, fordern nicht ein Viertel trockenes Brötchen, sondern eine ganze Wecke und das bitteschön jetzt und gleich. Die Frau inzwischen umzingelt von Möwen mit ihren scharfen gelben Schnäbeln, reißt Brötchen um Brötchen entzwei und wirft sie den Möwen zu, doch längst schon sind weit mehr Möwen als Wecken auf der Brücke zugegen. Zwei Möwen mit scharfem Blick und elegant gebogenen Schnäbeln haben verstanden, dass mit Diplomatie hier nichts zu erreichen ist, und nur kurz heben sie die Flügel an und schon hacken sie in die weiße Plastiktüte und schnappen nach den verbliebenen Wecken. Die Frau sieht entsetzt auf den Riss in der Plastiktüte und die scharfen Möwenschnäbel ganz dicht an ihrem Bein. Aufheulend lässt sie die Plastiktüte fallen und rennt ohne sich noch einmal umzusehen davon. Die Möwen aber balgen sich siegesgewiss um die auf die Straße kullernden Wecken. Die Frau ist nicht mehr zu sehen.

 
Später am Tage bekommt ein Kollege, der doch als ausnehmend besonnen, zurückhaltend und als ausgesucht höflich bekannt ist, einen Wutanfall über einen defekten Fahrstuhl. Neben dem Fahrstuhl befindet sich die Treppe doch der Kollege denkt gar nicht daran nachzugeben, sondern schreit wie von Sinnen erst den Fahrstuhl und dann mich an, die ich zufällig vorbeilaufe. „Frechheit“ und „Liederlicher Saftladen“ schallt es mir entgegen und dann läuft der Kollege auch schon rot an, Tränen spritzen aus seinen Augenwinkeln, so überfällt ihn die Wut, er stampft mit dem Fuß, hämmert gegen die Fahrstuhltür, und will nichts wissen, von meinen Versuchen ihn doch zu beruhigen. Schließlich aber nachdem nur noch Wut da ist und keine Worte mehr, kehrt er auf dem Ansatz um und eilt schnellen Schrittes davon. Für den Rest des Tages habe ich nicht weiter gesehen. Alldieweil Telefonate und auch hier behält das Sonderbare die Oberhand. Ein langes Gespräch über ein kompliziertes Gespräch bricht mitten im Satz ab. „Hallo?“ rufe ich mehrfach vergeblich in den Hörer. Doch die Leitung bleibt stumm. Alle weiteren Versuche eine erneute Verbindung herzustellen, scheitern. Am anderen Ende nur stummes, endloses und dunkles Tuten.

 
Schließlich stehe ich bei der Post in einer langen Schlange um Briefmarken an. Etwas so scheint mir hat sich in meinem Haar verfangen und unwillig schüttle ich den Kopf, doch kaum habe ich das vermeintliche Insekt vertrieben, fährt schon wieder etwas in mein Haar und ich drehe mich um. Eine ältliche Frau in fliederfarbenem Trenchcoat befühlt mit ihren Fingern meine Haare. „Lassen Sie doch bitte mein Haar los“ sage ich und glaube die Angelegenheit damit für erledigt. Die Frau aber mustert mich mit offensichtlicher Empörung; „Stellen Sie sich doch nicht so an!“ ruft sie und schon wieder streckt sie ihre Hände nach meinen Haaren aus. „Hören Sie“ erwidere ich, ich möchte nicht, dass Sie meine Haare befummeln.“ Die Frau blinzelt wütend zu mir herüber: „ Wer so lange Haare hat wie sie, muss das eben aushalten, zischt sie und faselt etwas von ihrem guten Recht, bevor sie erneut versucht eine Haarflechte zu sich heran zu ziehen. Sehr unwirsch, trete ich einen Schritt zurück und die Hände der Frau angeln ins Leere. Schließlich gibt sie auf, nicht jedoch ohne mir einen bösen Blick zuzuwerfen. „Sie werde sich beschweren, tönt sie lauthals.“ Einem einfach die Haare zu verweigern, das sei doch unverschämt und überhaupt ihr gutes Recht. Ich kaufe Briefmarken. Die Frau sehe ich nicht noch einmal wieder.

Spät in der Nacht erst, nach Ende der Nachtschicht kehre ich ins lange schon schlafende Dorf zurück. Es ist schon zu spät, um sich noch einmal ins Bett zu legen und so krieche ich nur unter das wollene Plaid auf dem Sofa. Die alte Standuhr tickt, vor dem Fenster rascheln die Bäume, im Oberstock schläft fest der Tierarzt, der Hund auf dem Boden zuckt mit den Ohren, nur die Katze liegt nicht auf dem Fensterbrett. Dies scheint mir sonderbar, denn die Katze ist mit einem sehr gesunden Schlaf gesegnet und verlässt nach 20 Uhr grundsätzlich nicht mehr das Haus. Doch als ich noch einmal aufstehe und in den Garten sehe, sitzt die Katze auf dem Gartenmäuerchen, welches mein Haus vom Kirchhof trennt, neben ihr hockt der von ihr schon immer verachtete Kater des Priesters, beide scheinen in ein inniges Zwiegespräch vertieft. Ich krieche zurück unter das Plaid, als drei Stunden später der Wecker klingelt, liegt die Katze regungslos auf der Fensterbank und auf der Gartenmauer singt nur eine Amsel dem Morgen ein Lied.

 

Der Taschendieb

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Vor ein paar Wochen war mir, als fehlte Geld. Als ich bei der Frau des Krämers nämlich Milch, Brot, Eier und Brie bezahlen wollte, war mein Portemonnaie bis auf eine Handvoll Münzen leer. Das wunderte mich. Am Morgen schien mir als hätte ich einen 50Euro Schein in der Geldbörse gesehen. Ich ließ anschreiben und brachte der Frau des Krämers selbstredend am nächsten Morgen das Geld. Dann vergaß ich das Ganze fast wieder, denn schon oft habe ich geschworen, ein Paar Schuh ganz gewiss von Berlin nach Irland mitgenommen zu haben und Stein und Bein habe ich geschworen, dass mein Adressbüchlein in Irland auf dem Tisch läge, da fiel es in Berlin vom Schreibtisch. Zudem teilen der Tierarzt und ich nicht nur die Rechnungen miteinander, sondern im Küchenschrank steht ein hölzernes Kistchen in das wir wechselseitig Bargeld legen, für alles was ein Leben so braucht und niemand muss Rechenschaft ablegen wofür das Geld verwendet wird und so vergaß ich die fehlende Summe und schalt mich für meine Unachtsamkeit, die mich bei der Frau des Krämers in Verlegenheit brachte. Heute aber bat mich die J. sie noch einmal zu vertreten und auch wenn die Fußstapfen für mich zu groß sind, es gibt nichts was ich der J. abschlagen würde und so lehnte ich die Bürotür an und ging meiner Wege. Noch niemals in fast dreieinhalb Jahren habe ich meine Bürotür verschlossen, zu oft klopfen Menschen, zu oft renne ich hinauf und hinab und außer Büchern, Aktenordnern, einer Palme, einer Zeichnung meiner Nichte ( sie auf dem Schlossberg mit dem treuen Kanzler Bär ) und einem- es sei von allen Dächern getrommelt und gepfiffen- Stapel korrigierter Essays ist das Büro ein denkbar nüchterner Ort. Unter dem Schreibtisch meine Handtasche, in der sich mein Portemonnaie nicht aber die Münzsammlung von Onkel A. befindet.
Noch immer also pfeife ich und summe etwas von Sonnenschein und tralalala vor mir her. Dann öffne ich die Tür. Über meinem Schreibtischstuhl gebeugt steht der G. meine Schlüssel liegen auf dem Tisch und als ich das Zimmer betrete, zieht der G. einen 50 Euro-Schein aus meiner Geldbörse. Für einen Augenblick ist alles ganz still und ich sehe den G. an und der G. steht dort starr mit dem Geld in der Hand. Der G. fängt sich schneller als ich und brabbelt los: „Außergwöhnliche Notlage“, das Geld gerade in das Portemonnaie zurücklegen, ich solle keine vorschnellen Rückschlüsse ziehen. Aber ich stehe an die Tür gelehnt und höre den G. nur von weiter Ferne. Denn eigentlich bin ich wieder 12 Jahre alt und ist man am Ende nicht immer 12 Jahre alt? Ich sitze bei meiner Großmutter am Küchentisch und meine Großmutter sieht mich an: „Kind sagte meine Großmutter, sei großzügig in Geldangelegenheiten, denn man wird dir nie vergeben, dass du ein Jude bist. Immer wird man dir misstrauisch auf die Finger sehen, ob du nicht oft ihrer Vorstellung des Geldleihers entsprichst und sie alle mein Kind, darüber besteht kein Zweifel haben das Bild vor Augen. Niemals Kind, hörst du, darfst du dir Geld borgen, und niemals Kind von einem der Anderen Geld einfordern. Hast du mich verstanden? Ich hatte verstanden, denn die katholischen Schwestern der Schule, die ich besuchte, hatten oft genug das Bild vom gierigen Juden, der dem armen Schuster das Darlehen mit Zins und Zinseszins begleichen lässt, während erst Frau und dann Kinder verhungern , gezeigt und immer in meine Richtung gedeutet. Ich schämte mich in Grund und Boden im festen Wissen darum auch so ‚einer’ zu sein. Geld habe ich selbst nie geborgt, aber immer denen die es brauchten oder auch nur glaubten es zu tun, Geld gegeben und viele kleine, und mittlere und auch gar nicht so kleine Beträge wohlwollend vergessen, um ja nur nicht in die Nähe des gierigen Judens zurückzugeraten. Hast du verstanden Kind? Verstanden hatte ich es, aber ich erinnere mich nicht mehr, ob sie damals am Küchentisch auch etwas darüber sagte, wie man sich wohl verhielte, ertappte man einen Dieb mit dem Händen im Portemonnaie. A
uf keinen Fall die Contenance verlieren hätte sie gewiss gesagt und so atme ich ein und aus. Unter gar keinen Umständen aber ein Geschrei beginnen, mit den Händen fuchteln, den Dieb zur Seite drängen und den Dieb bei den Ohren packen. Also schreie ich nicht, drängle nicht, halte die Arme in den Tasche verborgen und frage nicht einmal: „ Wie viel?“ Denn hinter mir steht ja immer das Bild des gierigen Juden und der hungernde Schuster. Das nämlich lernte ich damals am Küchentisch, das gälte es wieder und wieder zu beweisen, dass wir nicht so seien, wie sie es sich vorstellten. Der G. ist inzwischen bei „Willst du die Polizei rufen?“ angekommen. Langsam sehe ich wieder den G. vor mir und schüttle den Kopf: Glaubst Du hier wäre mit Blaulicht und Handschellen geholfen?“ Dann ist der G. endlich still. G. sage ich endlich: „Warum bestiehlst du mich?“ „Warum stiehlst du dich in mein Büro?“
Der G. beginnt erneut irgendwelche Geschichten zu erzählen, die auf einen dummen Fehler, eine kleine Schwäche, nicht aber auf das Problem an sich hinauslaufen. Zum wievielten Mal, frage ich dann. Der G. zuckt mit den Schultern und befindet: „Er sage jetzt besser gar nichts mehr.“ Das ist der gleiche G. wundere ich mich, der bei mir zum Geburtstag, zu Sommerfesten und mit seiner Freundin in der Berliner Wohnung eine Woche verbracht hat? Das Geld auf den Tisch, sage ich und dann muss ich noch einmal tief ein-und ausatmen, bevor ich sage: „Verschwinde.“

Dann fällt die Tür ins Schloss, ich sortiere den verschütteten Kram in meine Handtasche zurück und rolle den 50 Euro-Schein zusammen. Er brennt in meinen Handflächen. Von der E. lasse ich mir einen Schlüssel geben. Zehn Minuten später klopft die J. „Alles in Ordnung bei Dir?“, fragt sie und ich nicke und verstecke die zitternden Hände in den Rocktaschen.
Dann sehe ich hinaus in den Sonnenschein. Eine Stunde später klopft der Tierarzt. „Ein Mädchen sagt er, hat versprochen mich auf ein Eis einzuladen.“ Ich nicke und der Tierarzt sieht mich fragend an. Dann sitzen wir auf der Parkbank. „Der G. ist ein Dieb“ sage ich und der Tierarzt sieht mich an. „Weißt du sage ich zum Tierarzt, das Schlimmste ist nicht, dass der G. mir ins Portemonnaie gefasst hat, sondern das ich für einen sehr langen Moment geglaubt habe, ich hätte das verdient. Ich der Jude, sei doch Schuld daran, dass der G. mir in die Geldbörse griff und habe es eigentlich nicht anders verdient.
Da sitzen wir, der Tierarzt und ich und langsam tropft uns das Eis auf die Füße.

Trauermarsch

Am vergangenen Mittwoch Abend stehe ich im Dorfladen und staple Kartoffeln, Lauch und Milch auf der Ladentheke, dann kaufe ich doch noch Ziegenkäse, denn mir ist nach Quiche am Abend. ( Kurz vor Pessach habe ich ohnehin immer das Bedürfnis mich in Mehl zu wälzen und noch mein Müsli zu panieren.) Da beugt sich die Frau des Krämers vor und sagt: „Mit dem Nachbarn aus dem blauen Haus geht es zu Ende.“ Die Frau des Krämers, die doch sonst eine Frau der klaren Worte ist, überfällt beim Tod ein Hang zur Metaphorik. Als ich schließlich die Einkäufe in den Korb staple und ich mich zum Gehen wende, sieht sie mich noch einmal nachdenklich an: Fräulein Read on, ich hab es schon im Januar gesagt, der Schnitter reitet über die Dörfer.“ Dann schüttelt die Frau des Krämers den Kopf und redet über ihre Pechsträhne beim Bingo. Ich aber laufe zurück ins Oberland und bin vor allem sehr, sehr müde. Am nächsten Tag aber ist der Nachbar aus dem blauen Haus schon tot. Die Frau des Krämers berichtet mit schluchzender Stimme von den letzten Minuten des Nachbars in seinem Bett ( das Frühstück noch auf dem Tisch.) Ich kondoliere der Frau des Verstorben und muss mich sehr zusammennehmen, auf die Karte nicht „Liebe blaue Frau“ zu schreiben, denn im Dorf kannte man sie nie anders als unter diesem von der Frau des Krämers keineswegs nur freundlich gemeinten Namen. Dann aber hatte mich die Woche wieder fest im Griff. Gestern aber war ich früher zu Haus als üblich und saß im windschiefen, alten Haus am Schreibtisch und nicht im Büro und gerade als ich beschloss eine Tasse Tee zu brühen und nach der Keksdose auf dem Regal angelte, fingen die Glocken St. Sylvesters an zu läuten, dabei war es weder 12 noch 18 Uhr. Die Beerdigung, dachte ich und von weitem schon konnte ich den Trauerzug der langsam die Straße hinaufschritt erahnen. Eine schwarze Limousine mit weißem Gesteck auf der Motorhaube führte den Zug an, der Sarg aber war nicht Inneren des Autos verborgen, sondern die Söhne und Neffen des Mannes aus dem blauen Haus, trugen den Sarg auf den Schultern. Schwitzend und mit hochroten Gesichtern, denn die Sonne schien keineswegs milde, sondern brannte unbarmherzig streng für einen Tag in März. Schluchzend läuft die blaue Frau gestützt auf die Frau des Krämers hinter dem Sarg und dann folgen der Priester, zwei Messdiener und schließlich das ganze Dorf in Schwarz gekleidet, als lange Reihe. Die Dorfbewohner aber die nicht hinter dem Sarg herlaufen, stehen vor den Türen, ziehen den Hund oder fahren mit dem Auto an den Straßenrand. Sie alle schlagen ein Kreuz passiert der Sarg ihre Schwellen und sehen betreten auf den Boden nähert sich der schluchzende Trauerzug. Schließlich nimmt die Trauergesellschaft auch den steilen Anstieg, der zu mir ins Oberland führt. Auch ich stehe vor dem Haus, mitten in der gleißenden Sonne, aber ich schlage kein Kreuz vor der Brust, sondern jüdisch-praktisch reiche ich den Sargträgern Taschentücher an, die diese gern annehmen, denn ihre Augen tränen nicht vor Ergriffenheit, sondern von der Anstrengung den Sarg auf den Schultern hinauf ins Oberland zu wuchten. Für einen Moment treffen meine Augen, die des Priesters, der mir fremder ist als sonst in seiner Soutane, dem etwas schleppenden Gang, den Gebeten und der mir fremd erscheint auch in diesem Trauermarsch, dessen Heulen und Schluchzen und Flehen um Seele und Leib sich so unterscheidet vom kühlen Blick des Priesters, mag er auch flankiert sein. von zwei Messdienern mit roten Gesichtern.

Erst später fällt mir auf, dass es der Priester ist, der als Einziges nicht schwitzt, und schnell die Augen abwendet von mir, die ich im Sonnenlicht an der Hauswand stehe. Für einen Moment überlege ich ob der Priester, dessen Glauben nichts Frömmelndes und nichts Volkstümliches hat, hier nicht genau so fremd ist wie ich. Noch nie habe ich und der Priester geht bei mir ein und aus ein Kreuz vor der Tür schlagen sehen, er hat keine Heiligenbildchen wie die Frau des Krämers im Auto befestigt und in seinem Arbeitszimmer hängt ein Bild seiner Mutter aber nicht des Papstes. Betet er vor Tisch, dann ausschließlich mit kühler Ernsthaftigkeit und als die Frau des Krämers behauptete einen heiligen Fingernagel im Nachtkastel liegen zu haben, erzählte mir der Priester davon als einer absurden Kuriosität und wir beide hatten schließlich einen Schluckauf vor Lachen. Aber schon ist der Trauerzug an mir vorbei und biegt in den Kirchhof ein. Ich gehe nicht mit zum Gottesdienst, sondern folge der Trauergemeinschaft erst wieder auf dem Friedhof. Das Quietschen der Kirchentüren nämlich höre ich auf dem Sofa liegend. Auf dem Friedhof dann erneute Gebete, der Priester schwenkt Weihrauch, das Schluchzen gerade abgebbt, hebt wieder an, als der Sarg in der Erde verschwindet. Neue Gebete und alter Gesang. Reihum werfen wir Erde auf den Sarg und die Frau des Krämers und die blaue Frau schluchzen um die Wette. Hat der Priester nicht einen säuerlichen Gesichtsausdruck? Aber lange bleibe ich nicht, sondern lege nur einen Blumenstrauß auf das Grab des Mannes aus dem blauen Haus. Dann laufe ich langsam über den Friedhof zurück nach Haus, schon sitze ich wieder am Schreibtisch, die Trauergesellschaft sehe ich noch einmal als große, schwarze Wolke am Haus vorbeiziehen. Erleichtert die Sargträger, gefasst auch die blaue Frau und die Frau des Krämers: der Pub des Dorfes ist für die Trauergäste reserviert.

Später, es wird schon dunkel und ich richte gerade Käse und Brot ( vor Pessach, ich sage ihnen, zählt jede Scheibe doppelt ), da klopft der Priester. „Kommen Sie doch herein“, sage ich und hole einen zweiten Teller aus dem Schrank. Der Preister zeigt auf die Flasche Wein in seiner Hand. „Stört es Sie, wenn ich trinke?“ Ich schüttle den Kopf und als wir auf den dunklen Kirchhof schauen, sehe ich hinüber zum Priester, der in Sakko und Hosen auf dem Sessel sitzt, mit übereinandergeschlagenen Beinen und dem Kopf in eine Hand gestützt. „Fremd waren Sie mir Priester“, sage ich im Halbdunkel des Zimmers. Für einen Moment schweigt der Priester und sieht mich an: Ach Fräulein Read On, ich bin mir doch selber fremd.“ Dann müssen wir lachen, nicht lauthals, nicht dröhnend, nicht scheppernd, sondern leise und vor allem gemeinsam.

Die Schaffnerin.

Der Tierarzt und ich küssen die liebe C. und laufen zum Bahnhof. Nach Berlin zurück fahren wir nicht mit dem ICE, sondern mit der Bimmbelbahn, die aus mir völlig unverständlichen Gründen Regionalexpress heißt. Ich sehe in die Zeitung, der Tierarzt sieht aus dem Fenster und streicht abwesend über mein Knie. ( Der Tierarzt lange erprobt an Kuhknien und Schafsknöcheln macht seine Sache sehr gut. )
Die Schaffnerin kommt durch den Wagen: „Hallöchen“ ruft sie „die Fahrscheine bitte.“ Ich reiche die Fahrscheine zu ihr herüber, übereinstimmend beklagen wir den Regen und der Tierarzt übt mit ihr die richtige Aussprache eines trällernden, kurzen und affirmativen „Hallöchens.“ Dann rollt der Zug weiter, durch Dörfer und kleine Städte, Männer in Arbeitshosen steigen zu, alte Frauen mit Einkaufstaschen auf Rädern auf dem Weg in die größere Stadt, junge Mütter, die selbst noch Kindergesichter haben, zerren ihre Wagen in den Zug und sehen den Tierarzt überrascht an, als er ihnen zur Hand geht. Es sind Frauen, die das Wort Zugewandheit vielleicht einmal gehört, nie aber erlebt haben.
Schließlich steigt auch ein Grüppchen junger Männer – ich glaube aus Eritrea- in den Zug. Ob sie nun Flüchtlinge sind, oder schon länger in einer der vielen, kleinen Städte im Umkreis der großen Stadt Berlin ansässig sind, weiß ich nicht. Ihnen folgt ein weiteres Brandenburger Männergrüppchen, fast identisch gekleidet: weiße Turnschuhe und bonbonfarbene Trainingsanzüge aus seltsam seidigen Material. Wie die jungen Männer aus Eritrea tragen sie Schirmmützen mit den immer gleichen absurden Botschaften: „F*CK ALL“ oder so. Zusätzlich schleppen sie Sportbeutel, so groß wie kleine Reisetaschen mit sich herum. Wieder rollt der Zug an, ich lese dem Tierarzt vor, dass in einer anderen Stadt zehn Jahre alte Bonbons und wurmzerfressene Schokolade von den Karnevalswagen geworfen wurde und ungläubig sahen die Kinder, wie ihre Kamellebeute in den Müll wanderte. Der Tierarzt schüttelt den Kopf: „Dit is Berlin“ sagt er und sagt es als sänge er ein gälisches Klagelied. Dabei ist Berlin diesmal die Unschuld selbst. Wieder geht die Schaffnerin mit ihrem „Hallöchen“ durch den Zug. Der Tierarzt zwinkert ihr zu.
Dann sagt sie zu den jungen Männern aus Eritrea „ Die Fahrscheine bitte!“, drei der fünf Männer haben keinen Fahrschein. Ob Sie keinen Fahrschein haben, weil der Automat nicht ging, sie kein Münzgeld haben, oder eben weil die 4,70 Euro Fahrtpreis für etwas anderes eingeplant waren, weiß ich nicht. Bekanntlich treffen Menschen ökonomische Entscheidungen nicht nach rationalen Gesichtspunkten, wäre das der Fall, es gäbe keine Fernreisen auf Kredit. Die Schaffnerin jedenfalls befragt die jungen Männer nach ihrem Zielort und tippt auf dem Gerät herum, und macht ein strenges Gesicht. Sie sagt:“Für alle gilt: erst Fahrkarte, dann Zugfahrt.“ Sie sagt es als jemand der den lieben langen Tag mit diesem Problem befasst ist. Sie sagt es so wie der F. „erst Anamnesebogen-dann OP.“ Die jungen Männer nicken ziemlich peinlich berührt. Währenddessen aber erheben sich die jungen Männer von der Sitzreihe gegenüber und beginnen ziemlich lautstark zu schimpfen: „Was’n Scheiß ey, raus aus’m Zug mit denen, aber dalli- dalli. Alles Schmarotzer ey, kann doch wohl nicht sein“, dann folgt eine Flut von Schimpfwörtern, die können Sie sich gut selbst vorstellen, und münden in dem Schlussatz, „dass die dort, die Männer aus Eritrea also „noch die Fahrkarte in den Arsch geschoben bekommen.“ Dies ist nun faktisch falsch, denn die Schaffnerin tippt ja emsig auf das Gerät. Der Mann jedenfalls der am lautesten Schimpfwörter spie, richtet sich nun auf und bläkt: „Die Jesetzeslage sacht 200 Euro also sofort her damit.“ Das wiederum empört nun die fünf jungen Männer, die ihrerseits deutsche Versatzstücke mit Schimpfwortresten auf die gegenüberliegende Wagonseite schmettern. Unf auf einmal riecht der Wagon nach Eskalation, nach Revolte und geballten Fäusten. Da richtet sich die Schaffnerin plötzlich auf. Sie stemmt die Hände in die Hüften und stampft einmal mit dem rechten Fuß auf den Boden, so stark, dass ein Fahrrad gar in Schräglage gerät. „Schluss jetzt“ donnert sie und stampft noch einmal nachdrücklich mit dem Fuß auf. „Dit is hier ja wie Kinnerjeburtstag“ sagt sie und fügt hinzu: oder noch schlimmer.“ Der Schreihhals will noch einmal ansetzen, aber die Schaffnerin wirft ihm einen Blick zu, der alle weiteren Nachfragen obsolet macht. Ein junger Mann aus der Gruppe der Eritreer will nun seinerseits nachlegen und auch der junge Mann von der Sitzreihe gegenüber schnaubt als sei er halb Stier, halb Mensch und die Schaffnerin, legt das Gerät aus der Hand, legt den Zeigefinger vor die Lippen und macht: „Shhhhh“ und dann noch einmal „Shhhhh….Shhhhh.“Dieses „Shhhh“ nämlich ist das universale Geräusch, dass alle Mütter auf der ganzen Welt miteinander verbindet und dieses „Shhhhh“ das im ALDI von Berlin-Pankow und dem Fünfjährigen, der sich vor dem Schokoladenregal wälzt, wirkt, entfaltet die gleiche Kraft ganz sicher auch in Asmara und auch hier und heute im Zugwagon der Bimmbelbahn, fährt den jungen Männern das „shhhhh“ in die Glieder. Der Schreihhals nämlich fällt auf den Sitz zurück und schaut auf den Boden und auch der Mann aus Eritrea schaut bedropst auf seine Schuhe hinunter.Sie sehen exakt so aus, wie meine Nichten und Neffen, wenn meine Schwester für Mäßigung im Krisengebiet Kinderzimmer sorgt.Die Schaffnerin schüttelt den Kopf: „Man ey,“ sagt sie dit kann doch nich euer Ernst sein, wa!“
Dann sind die Fahrkarten ausgedruckt und sie dreht sich herüber zu den Jungs aus Brandenburg: „Fahrkarten bitte“, sagt sie in ihrem ganz, eigenen singenden Tonfall.
Nur zwei der Männer haben eine gültigen Fahrschein. Sie sagt: „Erst Fahrkarte- dann Zugfahrt.“ Dann tippt sie wieder in ihr Gerät, die Männer Brandenburger wie Eritreer sehen schweigend zu Boden. Wir nehmen unsere Jacken vom Haken und der Tierarzt strahlt die Schaffnerin an wie sonst nur die schönsten Lämmer eines Wurfs und trilliert: „Hallöchen“ und die Schaffnerin wird ein kleines bisschen rot. Dann muss sie weiter, wir steigen aus und sie ist schon im nächsten Wagon angelangt: „Hallöchen, hören wie sie „ die Fahrkarten bitte.“

Was soll hier schon sein.

Manchmal bekomme ich eine E-mail. Fast leer ist die E-mail. Ein Satz nur: „Was soll das hier?“ fragt die E-mail mich und dann etwas versetzt,  etwa zwei Zeilen darunter steht: „Lern endlich anständig Deutsch!“. Anrede oder Abrede hat die Email keine und auch die Adresszeile ist nur eine Ansammlung von Buchstaben etwa so: dbazg@dzghi, oder so ähnlich. Nur die Frage und die Aufforderung eben. Gern würde ich die Frage besser beantworten können, aber das hier ist schon schwer zu finden.

Hier ist die Küche und auf dem Tisch steht eine blaue Tasse. Aus ihr trinke ich gern. Milch mit Kaffee, nein nicht andersherum. Hier ist auch der Wind, Windstärke 10 sagt der Radiosprecher und doch weht hier in meinen Haaren nur der Wind der Abwesenheit, den können Sie und auch ich nicht ermessen. Hören Sie? Hier ist es ganz still. Hier halte ich einen Stein in der Tasche. Hier liegt die Katze auf dem bunten Plaid. Hier bin ich fremd, aber auch überall sonst. Hier versenke ich Narzissen in die Erde und hier suche ich Bücher und Wörter und schon so lange einen Ring, den ich nicht mehr finde. Hier gibt es eine lange Liste aus Erinnerungen, Dingen, einem grünen, alten Sofa, Träumen, Händen, unbeantworteten Briefen, Geräuschen, Musik, Gespenstern, Freunden und Blut, alten Dielen, dem Duft von Flieder, Nussschokolade, und neuen Marotten und dem Hinabfallen. Vor allem das Hinabfallen. Besser man fällt mit Geschichten hinab als mit einer Betriebsanleitung scheint mir, aber da mag ich mich irren. Hier sind Abschiede und Anfänge und immer auch Fußangeln. Stolpern Sie nicht. Hier und dort. Hier verliert man nur Zeit, Herr oder Frau E-mailschreiber, das müssen Sie wissen. Hier gibt es nichts zu gewinnen und selbst nach den Rezepten müssen Sie selber suchen, hier gilt immer: Volle Fahrt nach vorn und volle Fahrt zurück. Das Ende der Straße ist schon immer weit weg und länger als Sie glauben bin ich schon unterwegs. Nennen Sie die Straße doch Horizont, dann wird es schon eine Andere werden. Hier gibt es viele verschlossene Türen. „Erzähl mir noch mal eine Geschichte“, sagte ich zu meiner Großmutter, der die Asche auf der Zunge lag. Das ist hier. Die Asche und die Geschichten der Juden.
Hier habe ich einmal einen Bleistift gefunden und dann wurde es dunkel. So will ich nicht ausschließen, dass auch ich eines Tages wieder verschwinde und dann ist hier nicht mehr da. Sehen Sie endlich wie ich, dass das hier nichts soll? Atmen sehr geehrter Herr oder Frau E-Mailschreiber sollen sie, denn Sie und ich wir sind nun einmal beide in die Welt geworfen und müssen nun Sie hier und ich dort wohl oder übel damit auskommen lernen.

Deutsch aber habe ich nicht vom Anstand gelernt, auch nicht im Handstand und schon das Wort lernen, greift fehl. In meinen Mund gelegt hat mir meine Großmutter alle deutschen Worte, die sie hatte, auch die, die es nicht mehr gab. Sie meine Großmutter, die das Deutsche liebte und der auch nachdem sie zurück kam nach Deutschland, an Deutschland, den Deutschen und Deutsch das Herz zerbrach, gab mir alles, was sie hatte, das kleine Wort Ach, wie das große Wort Sollbruchstelle. Nachbuchstabieren kann ich nicht mehr.

 

Portrait des Fräuleins als Hühnerschreck

Leise pfeifend laufe ich vom Bahnhof die Dorfstraße hinunter. In Gedanken beglückwünsche ich mich, dass ich gestern trotz Müdigkeit noch Brot gebacken habe, der Tierarzt immerhin Rührei isst und damit ein freier Abend vor mir liegt. Badewanne und Buch summe ich und freue mich darauf in Nathan Hills sehr großartigem Buch Nix weiterzulesen. Außerdem hat die liebe C. mir ein Paket voller Nussschokolade geschickt. Nur Milch muss ich noch kaufen, erinnere ich mich selbst und hüpfe trotz der schweren Büchertasche vor mich hin. Schon von weitem aber sehe ich, dass das halbe Dorf versammelt vor dem einzigen Laden steht. Je näher ich komme, desto größer wird auch die Menge aufgeregter Dorfbewohner, deren Wortführerin natürlich die Frau des Krämers ist. „Fräulein Read On“ schreit sie als ich näher komme, etwas Schreckliches ist passiert!“ „Feuer, Wasser, Wind?“, frage ich aber die Frau des Krämers schüttelt den Kopf. „Die Gänse sind ausgebrochen und jagen die Hühner.Oh, sage ich und seufze in Richtung des betroffen Hühnernachbars und des neben der Frau des Krämers stehenden Gänsebesitzers. Wann genau die Feindschaft zwischen den Gänsen und den Hühnern ausgebrochen ist, kann niemand mehr sagen. In den Dorfannalen sucht man das Stichwort Gänsekrieg vergeblich und die Frau des Krämers, die inoffizielle Chronistin, weiß auch nicht mehr als wieder und wieder zu betonen, dass es eben schon immer so gewesen sei. Der Hühnerbesitzer aber zetert und wehklagt über seine von den Gänsen wer weiß wohin gehetzten Hühnerdamen. Er fordert den Bau einer Mauer. Scharfe Proteste der Gänsefraktion folgen sofort.

Ich nicke noch einmal sehr betroffen, lasse die Milch , Milch sein und will weiter nach Haus in Oberland gehen, um endlich zu Badewanne und Buch zu kommen. Da biegt der Tierarzt in die Ecke. Er hält einen, meinen leeren Wäschekorb in der Hand. „Read On“ sagt er dich schickt der Himmel. “Mich lieber Tierarzt sage ich, rufen Buch und Badewanne.“ Aber der Tierarzt will davon nichts wissen. „Ich brauche deine Hilfe.“ „Nein, sage ich und nochmals nein.“ Aber wieder überhört der Tierarzt mich vollständig und nimmt auch mein Kopfschütteln nicht zu Kenntnis. „Du musst die Hühner fangen, während ich die Gänse jage.“ Ich schüttle den Kopf. Auf gar keinen Fall, fange ich Hühner. „Bitte“ sagt der Tierarzt und das ganze Dorf echot: Bitte Fräulein Read On, Sie müssen die Hühner fangen.“ Noch einmal sehe ich vor meinem inneren Auge, Badewanne und Buch. Mit versagender Stimme wimmert der Hühnernachbar: Bitte Fräulein Read On, bringen sie mir meine Mädchen wieder.“ Ich knurre missmutig. Die Frau des Krämers bemerkt wohlwollend, dass sich nun meine ewige Joggerei endlich einmal auszahle. Ich knirsche mit den Zähnen.

Der Tierarzt überreicht mir Wäschekorb und ein Paar Gartenhandschuhe.“ Wohin sind die Hühner gerannt?, will ich wissen. Tumult. Geschrei. Beschuldigungen. Die Hühner sind in Richtung Oberland geflüchtet, sagt er und“ Danke Read On“. Ich sage lieber nichts mehr und stapfe davon. In meinem Garten sind die Hühner nicht, auch nicht auf der Schafsweide, die hinter meinem Haus beginnt und ich renne weiter, hinauf zu den Klippen. Hoffentlich liegen die Hühner nicht schon zerschmettert im Meer. Das erste Huhn sehe ich nass in einer Pfütze hocken. Ich nähere mich in gebückter Haltung. Das Huhn zetert, ich schnappe nach dem Huhn, in der Hand halte ich indes nichts als ein paar weiße Federn, inzwischen nähern sich immerhin die anderen Hühner. Sie gackern spöttisch. Ich sprinte erneut auf das Huhn zu. Ich erwische einen Flügel und dann liege ich in der Pfütze. Gelächter des versammelten Hühnerhaufens. Ich wünsche mir die Gänse herbei. Beim dritten Mal endlich bekomme ich das Huhn oberhalb des Flügels zu fassen und verfrachte es in den Wäschekorb. Ich werfe eine Decke über das Huhn. „Jetzt ihr“ sage ich zu den Hühnern. Die Hühner gackern und rennen weiter. Hühner sind gerissen und sehr, sehr schnell. Nach dem dritten Huhn habe ich einen aufgeschlagenen Ellenbogen. Ein Huhn finde ich unter einem Strauch. Es schreit Zeter und Mordio. Die Schafe sehen empört zu mir herüber. Ich verfluche das Dorf und die Hühner. Zwei Hühner rennen im Kreis wie die Berserker, ich will ihnen den Weg abschneiden, bleibe an einer Wurzel hängen und liege nun mit dem Bauch voran in der schlammigen Pfütze. „Tierarzt knurre ich, du schläfst heute Nacht auf dem Sofa.“ Die Hühner im Wäschekorb wollen fast bersten vor Lachen. Ich buchstabiere sehr langsam Kochtopf und endlich ist Ruhe im Karton Wäschekorb. Dann endlich erwische ich eines der Hühner an den Beinen und wie ein Wilddieb trage ich das Huhn zum Korb. Die Hühner stimmen, ich bin mir ganz sicher Venceremos  an. Ich kann nur noch schnauben. Das letzte Huhn aber hockt hämisch auf einer Felskante, die tief in den Abgrund führt und da ein Paket ungeöffneter Nussschokolade auf mich wartet, habe ich wenig Lust ausgerechnet jetzt in die wild wogende irische See zu stürzen. Ich erinnere mich einer alten Brezel in meiner Tasche , renne zur Tasche und bete das Huhn möge dort bleiben, wo es ist. Dann locke ich das zeternde Huhn mit Krümeln von der Abbruchkante fort. Die Hühner im Korb heulkreischen etwas von unerlaubter Vorteilsnahme. Ich aber schnappe nach den Beinen des Huhnes und endlich, endlich sind alle Hühner im Korb. Eingeschnappte Stille und ich bleibe einfach liegen und befühle meine Knochen. Dann wird mir kalt und ich rapple mich hoch und wuchte den Wäschekorb mit Hühnern zurück ins Unterland. Die Hühner strafen mich mit schweigender Verachtung. Ein Danke hätte auch gereicht, zische ich zurück. Der Hühnernachbar kommt auf mich zugelaufen und weint vor Erleichterung um seine Mädels und begrüßt sie mit Namen. Wer bitte nennt ein Huhn Eliza? Endlich wieder hühnerlos, sitze ich auf den Stufen des Ladens, die Frau des Krämers, die Hände in die Hüften gestützt sagt zum Tierarzt, der als Gänsemagd um die Ecke biegt „Es muss Liebe sein“ und mit dem letzten Rest Atem, den ich noch habe, ächze ich: „Es ist Wahnsinn.“ Betroffen sieht der Tierarzt zu mir herüber. Die Frau des Krämers tätschelt ihm beruhigend die Schulter. Das Fräulein Read On meint das sicher nicht so.“