Nicht alle Helden können ein Smartphone sein.

Am Abend sitze ich in der S-Bahn. Einen Wäschekorb voller Äpfel habe ich zum Bahnhof getragen, auf dem Bahnsteig traf ich meine liebe C. Für eine Minute und dreißig Sekunden umarmte ich meine liebe C. Seit langen Wochen habe ich zum ersten Mal wieder das Gefühl sicheren Boden unter den Füßen zu haben. Solche Arme hat meine liebe C. Dann muss die liebe C. wieder in den Zug einsteigen, ich schiebe den Äpfelwäschekorb hinterher und winke ihr auch noch, da ist der Zug schon weitergefahren und ein bisschen seltsam sehen die Leute auf dem Bahnsteig mich an, dass ich einem Zug hinterherwinke, der schon längst abgefahren ist. Dann laufe ich zurück zur S-Bahn und als die S-Bahn kommt, krame ich kein Buch aus der Tasche, sondern ich will mich wenigstens bis ich den kleinen Vorort der großen Stadt Berlin erreiche an den Armen meiner lieben C. festhalten. In der S- Bahn liest ein Mann vertieft die BILD-Zeitung. Eine Frau korrigiert mit ihrer Pinzette ihre Augenbrauen, ein zweiter Mann öffnet eine Flasche Bier. Plopp macht der Deckel und der Deckel rollt auf den Boden. Der Mann trinkt schmatzend aus der Bierflasche. Aber einmal stört mich das alles nicht, denn solche Arme hat meine liebe C.

Links von mir sitzt eine Familie. Es ist wie im Bilderbuch. Mutter, Vater und zwei Kinder. Die Stimmung aber ist nicht wie im Bilderbuch. Die Eltern nämlich sind bewusste Eltern, die Kinder kauen keine Schokolade oder lutschen Bonbons, sondern die Eltern kramen in dem Rucksack nach einer Dose und in der Dose ist undefinierbares: weiße Kugeln vielleicht aus Hirse, weiße dünne Plättchen, die aber keinesfalls Kekse sind und dann krümelige, weiße Brocken, die aussehen als wäre ein Rigipswand explodiert. Ich bin wirklich erstaunt, dass es sich bei dem Inhalt der Dose um Essbares handelt. Die Stimmung der Familie ist aber, schon vor der Dose angespannt. Ein Kind heult, das andere reißt am Rock der Mutter und alle sind genervt und irgendwie angetrengt und jetzt muss es die Dose retten, aber die Dose hat ja keine Schokolade oder Bonbons, die immer retten, wenn es zu retten gilt, sondern nur die Auswahl weißer Papiermaché-Teilchen. „Aber ordentlich essen, sagt die Mutter“ zu den Kindern und stellt die Dose zwischen die Kinder auf den Sitz. Die Mutter atmet durch und der Vater zieht ein Smartphone aus der Hosentasche und dann erklärt er seiner Frau irgendetwas und ich brauche einen Moment, bis ich realisiere, dass er ihr erklärt, dass eine Email fast das gleiche sei wie eine SMS. „Unbgrenzte Zeichen“, sagt er und sie sagt ja, ja wie Frauen immer ja, ja sagen wenn Männer über Autos, Fußballlergebnisse oder überhaupt Dinge sprechen, die niemanden interessieren. Sie holt derweil eine Broschüre über eine Nachbarschaftsinitiative aus dem Rucksack und will ihm vorlesen, was die Broschürenmacher aufgeschrieben haben, aber die Kinder und hatte sie nicht gesagt: „Ordentlich Essen“, bekommen Streit, wer ein weißes Kügelchen essen darf und für wen die Rigips-Krümel bleiben. Es folgen Handgemenge, Geschrei und in hohem Bogen fliegt die Dose hoch in die Luft, dreht sich einmal um die eigene Achse, um polternd auf den Boden zu fallen. Über Vater, Mutter und zwei Kinder liegt jetzt weißer Krümelschnee, weiße Brocken liegen auf Boden, Sitzen und auf der Broschüre. Die Frau ohnehin schon angespannt, ist den Tränen nah: Eine Katastrophe, schluchzt sie, alles hinüber, heult sie , und sieht schreckensstarr auf die Krümelberge, die Kinder sehen betreten auf den Boden und versuchen die weißen Brocken mit den Füßen wegzuschieben. „Alles deine Schuld“, „nein Deine“, „Doch“, Gar nicht“, neue Handgemenge, nur der Mann noch immer über das Smartphone gebeugt, erklärt noch immer wie genail die Sache mit der E-Mail sei. Die Frau hat genug gehört und die Sache mit der umgekippten Dose geht jetzt bedenklich ins Grundsätzliche: „Immer lässt Du mich hängen“ schluchzt sie und er sagt ausgerechnet: Gleich, nur einen Moment noch.“ Sie weint inzwischen und die Kinder heulen mit. Endlich legt er umständlich das Smartphone weg. Dann knien sie beide auf dem Boden und suchen der Krümel Herr zu werden, dabei aber zischen sie sich gar nicht so biologisch und nachhaltige Gemeinheiten zu. „Du nervst mit deiner Hysterie“, sagt er.

„Du bist so unsensibel“, faucht sie.

Die Kinder weinen weiter.

„Hysterisch“

„Unbelehrbar“

„Überspannt“

„Super-Egoman“

Wären noch Hirsekügelchen da, ginge das mit dem Beziehungsflummisvorwurfspiel noch viel besser. Aber die Hirsekügelchen sind ja alle längst zerdrückt.

Dann erreicht der Streit jenen neuralgischen Punkt, an dem man entweder die Kurve bekommt oder sich Sachen sagt wie: Am Baggersee habe ich mich deiner Schwester geknutscht“ oder „ich esse zweimal in der Woche heimlich bei McDonalds“ und das nächste Mal sieht man sich dann beim Scheidungsanwalt.

Dem Mann, der eben noch die Frau hysterisch schalt, sieht sich diesem Moment gefährlich nah gekommen und jetzt sucht er nach dem rettenden Ausweg, und dann fällt ihm das Smartphone ein:

„Das mit der Dose war das Smartphone“ sagt er zu der Frau. „Die Strahlung macht uns alle nervös.“

Seine Frau nickt und wischt sich die Tränen ab: „Ganz genau, pflichtet sie ihm bei: „das ist das Smartphone gewesen, die Dinger machen wirklich alles kaputt.“

„Ganz wuschig ist mir geworden“, sagt der Mann.

„Mir war auch ganz schwindelig“, sagt sie.

Dann schaufeln sie die Krümel in eine Tüte und die Kinder hören auch auf zu schluchzen. „Das Smartphone“ sagt er bestimmt, wird jetzt weggesperrt und dann legen seine Frau und er das Telefon in die ja jetzt leere Dose und sie macht den Deckel ganz fest zu.“ Die Dose wird in den Rucksack verbannt und der Rucksack wird auch fest verschlossen. Dann nimmt der Mann die Hand seiner Frau und die seiner Kinder, in die Seine: „Das Smartphone ist zu und wir haben unsere Ruh“, ruft er und die drei stimmen begeistert ein.

Dann muss ich aussteigen und denke wie gut es ist, dass inzwischen auch die Samrtphones so schuld sein können, wie einstmals nur die Schweigermütter, und dieses Smartphone, ein wahrer Ritter im Handyformat, das soll hier nicht verschwiegen werden, hat gestern Abend in der S7 eine Ehe gerettet. Das Smartphone, könnte man sagen, hat ähnliche Kräfte wie die Arme meiner lieben C.

Die Qual der Wahl

„Mädchen“, sagt der Tierarzt. „Tierarzt“, sage ich und sehe vom Computer auf. Der Tierarzt ist tief über die Zeitung gebeugt. „Sag mir doch Mädchen, was hat es mit den deutschen Parteien auf sich? Was Mädchen, sind die Unterschiede zwischen CDU und SPD? Was wollen die Grünen und wer ist Herr Lindner? Und erst die AfD! und dann noch die Linken?

Ich hole tief Luft:

Die SPD lieber Tierarzt ist die alte Tante unter den deutschen Parteien, stolz verwahrt man die Uhr August Bebels und auch sonst ist die SDP eine Partei, die etwas aus der Zeit gefallen scheint. SPD-Politiker sprechen noch immer exakt genau so als gäbe es noch Zechen im großen Stil, und Stahlwerke mit glühenden Öfen und auch der Kapitalist an sich hat bei ihnen noch immer etwas von Manchester, Wollspinnereien und feisten Herren mit dicken Zigarren. ( Dabei vergessen die SPD Politiker gern, dass auch ihresgleichen gern bei den Mächtigen Schnäpse trinken.) Die SPD träumt noch immer von einer Welt aus Reihenhaussiedlungen, Laubenpiepern, ehrlicher Arbeit, und einem VW Passat. Frische Luft und Ganztagsschulen und etwas diffus auch: Gerechtigkeit will die SPD zum Glück der Welt erklären. Oft ist die SPD dann enttäuscht, dass der ehrliche Arbeiter lieber auch einen SUV hätte, sich nach einem Eigenheim mit Kinokeller verzehrt und den Fabrikdirektor nicht über den Jordan jagt, sondern sich zu Weihnachten eine Kiste Wein schenken lässt. Die SPD, lieber Tierarzt ist am meisten über sich selbst gerührt. Worte wie Angestellter und Fachabitur, Kumpel und Zukunftsqualifikation röten die Augen eines jeden Genossen und wie auch die ältlichen Tanten lutscht die SPD gern Werther-Bonbons und liefert darüber etwas lustlose Analysen zur Lage der Welt.

Die GRÜNEN dagegen waren lange die schwarzen Schafe in der Politikfamilie. Doch die sockenstrickenden Frauen, die mit tränenerstickter Stimme nach Mutter Erde riefen und die Wollsocken tragenden Lehrer mit ihrer Gitarre und Venceremos Gesängen sind lange passé. Niemand will mehr Geschichten über die Kommune hören und längst tragen die Grünen gut geschnittene Anzüge und wissen wo es das Beste Vitello Tonnato gibt. Die GRÜNEN aber glauben noch immer an ihnen läge es die Welt zu befreien nämlich von Dieselmotoren, den gutmütigen Onkels von der SPD und allen Anderen, die nicht so recht wissen, ob man Chia Samen eigentlich essen kann. Die GRÜNEN aber stolpern über das eigene Wohlgefallen und auch darüber, dass ihre Wähler nicht so sehr über Vollkorn, sondern Steuernachteile für ihre selten kleinen Autos grübeln. Konzepte haben die GRÜNEN nur selten, dafür Emotionen und damals wie heute verdrehen nicht nur die Schüler beim Venceremos die Augen.

Die FDP hingegen, lieber Tierarzt, ist die Partei der Immobilienmakler und Bootsclubmitglieder. Der FDP-Wähler ordert einen Latte-Macchiato und ist auch schon einmal auf Bali gewesen. Das lässt er jeden, ob nun gewollt oder nicht auch spüren und trotzdem der Liberale hadert mit der Welt, wie auch der Immobilienmakler, die Augen verdreht, will eine Familie ein Haus beziehen, das auch sein Start-Up Cousin schon ins Auge fasste. Der Liberale ist im steten Wettbewerb, Payback-Punkte, Business-Class-Upgrades und ein Superior-Zimmer, daran misst er die Welt. Oft will der Liberale weltgewandt und großzügig sein, doch niemals wollen Wille und Wirklichkeit so ganz zusammenpassen. Die FDP schwärmt von Moet-Chandon, um dann doch Prosecco bei ALDI zu kaufen und missgestimmt, die Etiketten abzunibbeln. Schuld daran, aber sind niemals die Liberalen selbst, sondern immer nur die, von denen die FDP vermutet, das man ihnen das Glück nicht gönnt. Groteskerweise sind das alleinerziehende Mütter, Rentner und quasi alle Menschen, die ohne MacBook leben.

DIE LINKE ist ähnlich unzufrieden, aber auf eine Art, die wohl schon Karl Liebknecht peinlich gewesen wäre: dann nehmen wir es den Reichen eben weg, geht den Linken noch immer allzu leicht über die Lippen. Die Linken haben etwas vom Hochstapler, an sich kein unangenehmer Mensch, aber in seinen Hosentaschen ist eben auch immer ein Loch. Wie das Geld verdient werden soll, dass die LINKE schon auszugeben wüsste, weiß niemand so genau. Während die SPD noch immer von Arbeitervolksschulheimen träumt, so hat auch die LINKE eine oft etwas unangenehme Beziehung zur Vergangenheit. Wäre, um bei deinem Lieblingsthema, den Hundewägelchen zu bleiben, Tierarzt, die Linke sicher dafür, dass jeder Hund ein Wägelchen gleicher Bauart bekäme und die Doggenbesitzer zahlten für den Spitz der alten Frau aus dem 3. Stock mit, so bezahlten alte Kader der Linken wohl doch noch Katzen als Spione und so haftet der LINKEN immer auch etwas Uneindeutiges und wohl auch Zweifelhaftes an.

Die CDU hinegegen lieber Tierarzt war immer die Partei der Sparkassendirektoren und Schützenkönige, eine Partei der Stammtische und festen Reden, und nie so ganz sicher, wie man sich denn nun eigentlich zur Moderne verhalte. Gut findet die CDU auf jeden Fall Autos und findige Tüftler, ansonsten aber wird alles Neue mit Argwohn bestaunt, denn im Grunde steht die Welt nur den Schützenkönigen und ihren Kindern offen. Dass auch Kinder mit Eltern aus Izmir Klassensprecher werden oder Frauen Konzerne leiten behagt dem CDU’ler niemals ganz und darauf einen Kräuterschnaps beim Stammtisch. Die CDU glaubt an gemähte Rasen, polierte Karossen, aber inzwischen auch an das eigene Heizkraftwerk im Keller, Solarpanele auf dem Dach und, dass die Mia nun lieber mit Lia knutscht, als mit Hans-Peter, ist schwer aber dennoch verdaulich. 12 Jahre Merkel gehen auch am ordentlichen CDU-Wähler nicht spurlos vorbei und wenn beim Stammtisch auch noch von den Zeiten geschwärmt wird, wo man im Büro ein Gespusi hatte, so ist die CDU doch weltverhaftet, und wenn nicht innovativ, so doch behaglich eingerichtet.

Die AfD aber Tierarzt sage ich, träumt nicht von einer Welt in der es nur einigermaßen gerecht und geordnet zuginge, sondern die Afd gefällt sich in der Rolle des ungehörigen Bruders, der mit dem Taschenmesser den Käfern die Beine abschnitt und später der Freundin mit Ohrfeigen drohte, die AfD ist die Wiedergeburt von Diederich Heßling, dem brutalen, deutschen Spießer. Die AfD will eine Welt zurück in der Opa ruhig mal erzählt und zwar mit Stolz und den alten Orden der SS an der Brust, wie es war damals als es hieß: „Jeder Russ, ein Schuss!“ Wenn Hans die Grete nachts im Park überfällt, hat sie es nicht anders gewollt und wenn die Ehefrau sich eine fängt, so hat sie es nicht anders verdient. Wenn der AfD-Wähler über den Pastor schimpft, die Behinderten verlacht, die Ausländer verachtet und die Juden wie die Muslime hasst, so ist es sein gutes Recht, aber wehe der AfD’ler soll sich mäßigen müssen, dann schreit er Vaterlandsverrat und Zeter und Mordio, wie damals als Vatern ihn durch den Garten jagte, als er Bonbons aus dem Zuckerglas stahl. Das Lügen aber hat ihm schon immer gelegen, und nur wer Böses will, würde sagen, dass er hat von Opa gelernt.

Nicht vergessen werden aber soll über all dem die CSU. Die CSU hat ein Programm und das Programm heißt: Bayern. Dass was Trump Amerika versprach, ist in Bayern schon immer der Fall und so ließe sich wohl in einem bayerischen Biergarten unter Kastanien, die Wahl am Besten verfolgen, denn Mia san Mia, das ist dort Gesetz.

„Yikes“, sagt der Tierarzt und ich wende mich wieder dem Schreibtisch zu.

Der Himmel ist eine gerade Linie

23.04 Uhr. Der Himmel ist ein gerade Linie. Der Himmel ist nicht mehr blau und auch nicht mehr schwarz. Der Himmel läuft langsam in die Nacht hinein. Vielleicht sitzt die Sonne noch immer an einem kleinen Sekretär. Mahagoni? Und schreibt an den Mond den immer fernen Geliebten und wer weiß, vielleicht hatte die Sonne genug von den ewigen Worten, stand auf und rannte zum Fenster herüber und dabei fiel ihr das Tintenfass um. Blauschwarz läuft der Himmel am Fenster herüber und vielleicht küsst der Mond die Sonne ja doch. Schwarz tropft der Himmel am Fenster herunter und vielleicht winkt die Sonne dem Mond mit einem kleinen weißen Taschentuch. Der Himmel versinkt und die Nacht sieht zu mir ins Fenster herein. St Sylvester, der Kirchturm ist nur noch ein ferner Schatten. Die Spitze des Turms ist schon in der Nacht verschwunden und es ist ja schon spät genug, selbst für einen alten, verwitterten Kirchturm in einem kleinen, nicht minder verwitterten Dorf. Der Himmel hat einen dunkelblauen Schatten unter dem Kinn. Im Haus des Priesters Licht aus, Licht an und ich weiß, dass der Priester sich jetzt die letzte Pfeife stopft und lange in die Nacht hineinsieht, mit der Pfeife aus braunem Holz. Kein Mahagoni. Den Priester aber, die braune Pfeife, den Knaster und das Streichholz kann ich nicht sehen und ob blauer Pfeifenrauch als sich kringelnde grau-blaue Wolke in die Nacht aufsteigt, ich weiß es nicht, denn das letzte Blau weicht vor der Nacht zurück. Der Priester raucht ganz ungesehen. Noch einmal Licht aus, Licht an. Bestimmt hat er das Streichholz vergessen. Dann liegt Haus und Kirchhof wieder im Dunkeln. Mehr Häuser gibt es hier nicht und so rauscht die alte Kastanie im Garten, so fährt ein Hauch unter den grünen Fliederbusch, so rauscht der Efeu leise und hinter dem Haus da liegt das Meer. Aber auch das Meer sehe ich nicht mehr, nur der Leuchtturm blinkt von fern, ein schwaches Licht, undeutlich schimmernd durch die Wogen der ewigen See fällt sein Schatten auch in den Garten bis zur Kastanie. Die Schafe auf der Weide, die steil abfällt zum Meer, schlafen wohl schon, denn nicht einmal das leiseste Blöken lässt sich vernehmen, hier im Zimmer mit den weit geöffneten Fenstern. Zwei Hunde bellen, natürlich der Hofhund der Frau des Krämers unten im Dorf und der kleine Spitz des altern Herrn G., der den Priester immer nur Monsignore nennt, aber nicht im Spott, sondern ganz ernst, so ernst wie er mit dem Spitz lange Gespräche führt und am Abend immer noch einmal mit ihm durchs Dorf geht, wahrscheinlich um die 11 Uhr Nachrichten gründlich zu analysieren. Jedes Dorf hat einen der wacht. Unser Hund aber schläft auf dem alten Teppich mit dem verschlungenen Muster aus Blüten und Ästen, nur manchmal seufzt der Hund im Traum und seine Pfote zuckt zwei oder dreimal, denn wer weiß schon, was einem Hund im Schlaf geschieht. Am Schrank hängt die Bluse, nachtschwarz auch sie, dabei ist sie im Tageslicht perlgrau. „Die Regenbluse“ sagt der Tierarzt und legt seinen Kopf in meine Schulterblätter, wann immer ich sie anziehe. Aber jetzt wird die Bluse dunkel und dunkler wie die Nacht und sieht nicht mehr wie Regen aus. „Morgen soll die Sonne scheinen“, sagt die Frau von Met Éireann, denn auch im Zimmer ist die Nachrichtensprecherin ans Ende der Nachrichten angekommen, aber die Regenbluse weiß nichts vom Wetter und leise klirrt der Bügel gegen den Schrank. Wind kommt auf. Eine leise Brise nur, auf dem Bücherregal eine Vase mit Rosen und im letzten Licht fallen zwei zarte, gelbe Blätter langsam herunter, schaukeln im Wind und sind schon verschwunden, denn die knarrenden Dielen sind selbst schon so dunkel wie die Nacht vor dem Fenster. In meinen Händen liegt noch immer das Buch, aufgeklappt auf der Decke, aber ich bin zu müde für die Geschichte und auch das Buch ist ja schon in der dunklen Nacht verschwunden wie die Welt vor dem Fenster. Durch den Türspalt fällt Licht herein, dann knarrt die Tür und der Tierarzt läuft leise, die Dielen drei und fünf auslassend zu mir herüber. Sehen kann ich nur seine Nasenspitze. „Schläfst Du schon Mädchen?“ Ich schüttele den Kopf und dann liegt sein Kopf neben Meinem. „Ist das die Regenbluse?“ fragt er und ich nicke, dann liegt auch seine Hand auf meinen Rippen und wir sehen hinaus aus dem Fenster in die dunkle Nacht. 23.04 Uhr sagt die Nachrichtensprecherin und dann liest jemand im Radio eine Geschichte vor. Ich schließe die Augen und der Tierarzt atmet in mein Haar. Der Himmel ist ein senkrechter, schwarzer Strich.

Schwelende Stille

Gestern Morgen noch bevor der Tag begann, fuhr ich wie so oft mit dem Rad, zweimal links, einmal rechts, dann geradeaus, wieder links hinunter zum See. Alle Nachbarn und selbst noch die ganz alten Nachbarn, die nicht mehr schlafen können und die ganz, kleinen Kinder, die nicht mehr schlafen wollen, schliefen noch. Verhangen war der Tag, so als deckte die Sonne sich gerade noch einmal mit einer leichten Decke zu und so fuhr ich weder besonders schnell, noch besonders langsam durch den stillen Morgen. Aber während ich im Sommerkleid, bunten Flip-Flops und dem Handtuch im Korb zum See fuhr, da waren die Männer und Frauen der Hamburger Stadtreinigung schon seit mehr als zwei Stunden auf den Beinen. Denn während die Randalierer selig schlafen, im Stolz ihrer heißen Gewalt, da kommen diejenigen, deren Renault Twingo nur noch ein ausgebranntes Wrack ist und kehren die Scherben zusammen. Das ist ja alles, was vom Auto noch übrig ist, die ausgebrannte Karosserie und vielleicht stand das Auto dort, weil die Frau desjenigen Müllmannes der jetzt aufräumt im Schichtdienst arbeitet. Altenpflege vielleicht und wenn ihre Schicht endet, dann fährt noch kein Bus, keine Straßenbahn und auch die U-Bahn Tore sind noch verriegelt. Mag sein, dass die Frau noch ein paar Minuten in ihrem kleinen Auto sitzt, die Augen schließt, denn die alte Frau, die in der Nacht stundenlang schreit, die vergisst man nicht so schnell und sicher hofft die Frau im Auto, das es jetzt nicht mehr gibt, dass es noch zwei Jahre hält. In zwei Jahren nämlich macht ihr Sohn nämlich den Führerschein, dafür hat sie viele Extraschichten geschoben und ihr Sohn hat: Rasen gemäht, im Getränkelager ausgepackt und Autos gewaschen. Aber das kleine, alte Auto in dem der Sohn doch neben seinem Vater, der jetzt ein zertretenes, verbogenes und halb verkohltes Fahrrad in den Müllwagen wirft, sicher fahren lernen, sollte dieses Auto gibt es nicht mehr. Vielleicht gehört das Fahrrad seiner Tochter und vielleicht steht es genau dort, wo die Gewalt eben zugriff, denn es sind immer ja nur die Leben der Anderen, die zerbrechen. Mag sein, dass der Tochter nämlich am Bahnhof schon zweimal das Rad geklaut worden ist und auch die Billig-Billig-Räder sind auf Dauer gerechnet zu teuer, um sie zu ersetzten und die Tochter stellt ihr Rad immer in einer belebten Straße ab, denn da wird doch nichts passieren. Die Tochter des Müllmannes ist vielleicht ein kluges Mädchen, schnell und witzig und fährt mit dem Zug von der Vorstadt, wo die Mieten billig sind ins altsprachliche Gymnasium und ist kurz vor dem Abitur. Ihr Vater, der jetzt Müll schaufelt schreibt den Verwandten in der Türkei oder in Griechenland in jedem Brief: „Das Kind, das wird studieren.“ Jetzt liegt ihr Fahrrad mit verbogener Gabel auf der Straße. Vielleicht hat die Freundin aber auch ihren ersten Freund im Schanzenviertel. Ihr Freund heißt Leonhard und seine Eltern haben geputzte Messingsschilder im Hausflur und eine Privatpraxis, aber Leonhard sagen ihre Eltern ist „ein guter Junge“, aber wenn es Abends mal später wird, ist es besser ein Fahrrad zur Hand zu haben, denn Eltern im Schichtdienst, können ihre Kinder nicht immer einfach so abholen kommen.

Ich unterdessen schwimme im kühlen See, der See liegt genau so stumm im frühen Licht wie die Straße und selbst die Enten schlafen tief und fest. Blätter rauschen und im Schilf, da gähnen die Nymphen und machen noch einmal die Augen zu. Ich tauche tief. Vielleicht räumt der Müllmann gerade einen zerstörten Laden auf und mag sein, dass seine Schuhsohlen knirschen unter den vielen Glasscherben der letzten Nacht. Ich schwimme im spiegelglatten See unter dem dunstigen Himmel, irgendetwas um 3 Kilometer und während ich Meter um Meter weiter in die Mitte des Sees schwimme, betritt der Müllmann vielleicht den zerstörten und geplünderten REWE-Supermarkt  .Sieht die umgestoßenen Kühlschränke, die zerschlagenen und zertretenen Regale, geht über den klebrigen, verschmierten Boden auf dem Eier, geköpfte Flaschen und zerplatzte Joghurtbecher eine glitschige wie klebrige Firnis bilden. Mag sein, er steigt über das in den Supermarkt geschmissene Gemüse und Obst. Mag sein, dass der Müllmann daran denkt, dass er und seine Frau nur vor Weihnachten zu Rewe gehen, weil man sich etwas gönnt. Einmal im Jahr und an der Käsetheke einmal nicht auf den Preis sieht und Gulasch an der Fleischtheke kaufen, wie die reichen Leit.’ Denn allen anderen Tagen im Jahr kaufen der Mann, der jetzt aufliest, und Mülltüte um Mülltüte füllt, bei ALDI und LIDL ein. Der Müllmann und seine Frau haben kein „BITTE KEINE WERBUNG“ Schild am Briefkasten kleben, so wie ich, weil sie die Preise vergleichen und dann lieber zum Aldi gehen, wenn es dort Brie im Angebot gibt. Aber der Müllmann und seine Frau, die wissen warum, denn die Tochter soll mit auf Klassenfahrt und dort in Italien eine genauso gute Zeit haben wie die Eltern von Leonhard es ihrem Sohn wünschen. Und der Sohn soll auch ein Paar Fußballschuhe haben, die etwas taugen, denn er spielt gern und gut. Am Essen kann man immer sparen und jetzt liegen die Mangos aus Brasilien und teuren Bio-Äpfel auf dem Boden und auf dem Kalbsfleisch sitzen die grünen Fliegen.

Vielleicht denkt der Müllmann aber auch an seine Mutter, die im Rewe an der Kasse sitzt und ihre schmale Rente aufbessert. „So komme ich wenigstens unter die Leute“, sagt die Mutter, aber ihr Sohn, der kehrt und räumt und kehrt und räumt, stundenlang, der weiß, dass seine Mutter Rückenschmerzen hat und er weiß, dass seine Mutter nicht so sehr ihre Rente aufbessert, sondern immer wieder hier und da etwas „dazu schießt“ für den Sommerurlaub vielleicht oder für das schicke Abiballkleid der Tochter, die so ein kluges Mädchen ist. Mathe-Leistungskurs. Vielleicht hat seine Mutter aber auch schon seit Jahr und Tag etwas beiseite gelegt für Studium und Ausbildung der Kinder. „Das Kind soll studieren“, sagt seine Mutter jeden Tag, wenn sie an der Kasse sitzt und die Lebensmittel über das Band zieht, die sie selbst niemals kaufen würde. Jetzt aber gibt es keinen Supermarkt mehr.

Vielleicht sieht der Müllmann aber auch auf die Uhr und macht sich Sorgen wie seine Frau jetzt nach Hause kommt, denn noch immer ist so viel Müll übrig. Vielleicht sitzt seine Frau bei einer Tasse Früchtetee im Schwesternzimmer und wartet bis die erste Bahn nach Hause fährt, vielleicht überlegt sie, ob irgendjemand der Tochter ein Rad borgen kann, damit das klappt mit der Schule am Montag Morgen und vielleicht überlegt ihre Schwiegermutter, wann der Markt wohl wieder eröffnet wird, oder ob sie in einen anderen Markt versetzt wird, viel weiter entfernt von jenem, nah bei ihrer Wohnung. Der Müllmann aber muss weiter, zwei Kollegen brauchen Hilfe, die Bauzäune wieder von den Straßen zu sammeln, die Stein aufzuklauben und noch immer schmort der Müll auf den Straßen.

Ich wate aus dem See, trockne mich ab und fahre zurück nach Haus. Noch immer liegt die Stille über Allem.

Zwischen Hut und fliegendem Haar

Am späten Nachmittag fahre ich zurück zu Schwesterchen. Warm ist es und müde bin ich und so sehe ich das Paar erst als ich nach der Wasserflasche in der ewig großen Tasche suche und dann sehe ich sie doch. Ein Mann und ein Frau sitzen mir genau gegenüber. Anfang Dreißig vielleicht. Er trägt eine dunkelblaue Leinenhose, ein weißes Jackett mit marineblauer Krawatte, ein sorgfältig vernachlässigter Bart und auf dem Kopf ein Hut wie Humphrey Bogart. Seine Freundin hat ein luftiges Sommerkleid an: dunkelblau-grau und auf dem fliegenden Rock Blumenornamente, Lilien und Rosen und ich glaube auch Margariten. Auch sie trägt einen Hut, breitkrempig, wenn auch ohne Schleife. Hutgesichter wie Humphrey Bogart und Lauren Bacall haben sie beide nicht, aber sie beide sind Menschen, die einen Hut tragen, weil man eben ein Hut trägt, denn ganz sicher sind die beiden zu einem Sommerfest im Garten der Eltern oder Schwiegereltern eingeladen und sicher wäre es akzeptabler ohne Unterwäsche als ohne Hut zu erscheinen. Der Mann seufzt und sieht auf sein Telefon. Seine Freundin aber zieht sich mit langsamen Bewegungen die Lippen nach. Fuchsiarot. Ihr Freund will sie dabei auf die Nasenspitze küssen, aber das kommt nicht gut an, sondern sie dreht den Kopf hastig weg und schlägt ihm auf die Hand. Er wird rot. Ein Hut, aber das sage ich ihm nicht, reicht noch nicht um dort dazu zugehören, wo noch der bitterste Scheidungskrieg nicht anders als mit einer hochgezogenen Augenbraue begonnen wird. Unterdessen aber, die Frau besieht ihr Gesicht in einem kleinen Perlmuttspiegel, steigen zwei Frauen zu. Sie sind, es lässt sich nicht überhören Cousinen. Sie haben wasserstoffblonde Haare und einen Hut tragen sie nicht. Dafür hat die eine der Beiden, einen Overall mit aufgedruckten Ananassen an und die andere ein weißes Kleid mit pinken Blumen. Auch sie wollen zu einem Sommerfest und sie kichern aufgeregt, denn Overall und Kleid haben ein gewaltiges Dekolleté und die beiden Cousinen zupfen am Stoff herum und überlegen ob wohl John oder Jake sie zum Tanzen auffordert und mit dem Telefon machen sie Bilder und lustige Kussmünder dazu. Sie lachen und eine der beiden Cousinen knufft die andere in die Seite und ruft: „Ich freu mich so.“ Dann lachen die beiden Cousinen und versichern sich gegenseitig, dass John und Jake auf jeden Fall heute Abend geküsst werden müssen. Die Frau mit Hut aber, die inzwischen perfekt nachgezeichnete Lippen hat, sieht mit angewidertem Blick zu den beiden Frauen neben ihr hinüber. „Geschmeiss“, sagt ihr Blick und dann rümpft sie das porzellanfarbene Näschen um ihre Gemütslage erst noch zu unterstreichen. Dann beugt sie sich zu ihrem Freund vor und macht eine abschätzige Bemerkung, vermutlich über die hergezeigten Brüste oder die falsche Bräune auf den Beinen und ihr Freund, der doch eben noch versuchte ihre Nasenspitze zum Leben zu erwecken, nimmt den Faden auf und auch er versucht ein überheblich, herablassendes Kichern und hämisches Gackern, doch seine verzogene Augenbraue gelingt nur fast: zu fröhlich sind die Frauen, zu schön ihre Brüste und die Cousinen haben zu dem sehr lange Beine und bonbonfarbene Nägel. Die Frau mit Hut aber macht den Rücken steif und tupft sich einen Hauch Parfum hinter die Ohren. Ihr Blick bohrt sich in den Fußboden und die beiden Frauen eben ihr sind nicht einmal mehr Luft. Ihr Freund dreht den Hut in den Händen und will ihr etwas Witziges auf dem Telefon zeigen, doch sie verzieht nur ein ganz klein wenig die Oberlippe. Er küsst sie auf die Schulter und sie schnipst den Kuss auf den Fussboden da bleibt er liegen. Die beiden Cousinen stehen auf, zupfen sich spärlich Stoff zurück, wirbeln sich durch die Haare, kichern und stöckeln auf irrsinnig hohen Schuhen der U-Bahn Tür zu. Die Frau mit Hut kramt wieder in einem Täschchen. Ihr Freund sieht den beiden Cousinen ein bisschen zu lang hinterher. „Laufen Sie“, will ich ihm zurufen, laufen Sie, die beiden Frauen sind wunderbar. Die beiden Frauen mögen chinesische Glückssymbole auf dem Knöchel tragen, aber die beiden Frauen die kennen das leben und halten es trotzdem aus, und immer noch können sie lachen. Die Träume sind den beiden Cousinen noch nicht abhanden gekommen und die beiden Frauen können einen tropfenden Wasserhahn reparieren und Plastikfingernägel wieder ankleben. Diese Frauen tragen ihr Herz auf der Zunge und haben es nicht unter leeren Formeln begraben. Diese Frauen sind öfter ausgelacht worden, als wir beide zusammen und strahlen noch immer. Diese beiden Frauen sind lebenspraktisch und diese Frauen haben starke Hände, einen echten Rücken und gegen Windmühlen haben die beiden bestimmt schon mehr als einmal gekämpft. Aber schon schließen sich die Türen wieder und der Mann bleibt zurück, mit dem nun etwas zerknautschten Hut in den Händen. Sogleich rügt seine Freundin ihn und er setzt sich den Hut wieder auf. Sie sieht erleichtert auf und rümpft noch einmal die Nase. Wieder steht der Zug, wieder öffnen sich Türen, ihr Freund bekommt Schultertuch und Bolerojäckchen überreicht, sie steht auf und er geht ihr nach. Die Türen öffnen sich und auf dem Bahnhof steht eine Frau, dreißig Jahre älter als sie aber unverkennbar ihre Mutter. Die gleiche Haltung, und auch fast dasselbe Kleid. Sie küsst ihre Tochter auf die Wangen, ihr Freund erhält immerhin zwei Luftküsse und zwei weitere Taschen. Dann fährt der Zug weiter und ich mache noch einmal die Augen zu und höre von fern die beiden Cousinen laut und herzlich lachen.

Vor aller Augen

Der Tierarzt will einen Film sehen. Ich will nicht mit. Die B. will mir von ihrer unglücklichen Liebe zur H. erzählen. Ich mag die H. mehr als die B. und mag die Geschichte nicht hören. Der K. will mit mir in einem Club zu einer Frau, die davon singt wie nah der Winter ist. Ich will nichts vom Winter und seinen kalten Händen wissen. Die J. will mit mir scharfen Thunfisch essen, aber ich habe keinen Hunger. Ich sage allen ab.
Einen Termin außerhalb der Innenstadt habe ich zu dem und als ich das Gebäude endlich verlasse, bin ich so müde, dass ich mir nicht genau vorstellen kann, wie ich wohl zurück in die Stadt komme und ich laufe auf den nächstbesten Pub zu, der Stühle vor die Tür gestellt hat und setze mich einfach hin. Dann stehe ich doch noch einmal auf und bestelle eine große Flasche, kaltes Sprudelwasser und ein Glas mit klirrenden Eiswürfeln und zwei Scheiben Zitrone. Der Mann hinter dem Tresen sieht so müde aus wie ich. Ihm fehlt ein Frontzahn und vielleicht reißt auch deswegen der tätowierte Tiger auf seinem Oberarm das Maul mit den scharfen Zähnen so weit auf, um die klaffende Lücke zu verdecken. Der Mann schneidet Zitronenscheiben auf und nickt mir zu: „Setz Dich doch“ sagt er und wir nicken uns über die Müdigkeit hinweg zu. Ich setze mich hin und sehe auf die Straße. Ein Mann sammelt Zigarettenkippen auf und setzt sich auf die Bordsteinkante, dann zählt er die Stummel, sucht nach einem Feuerzeug und als er es findet, zündet er die längste Zigarettenspitze an. Von der anderen Straßenseite und meinem Stuhl aus betrachtet, sieht es so aus als stiege der Rauch direkt aus seinen Fingerspitzen hervor. Der Mann mit dem Tiger auf dem Oberarm stellt die Flasche, das Glas mit Eis und einen Teller mit Zitronenscheiben vor mir auf den Tisch. Die Tischplatte ist schmierig, und der Aschenbecher voll. Er wischt mit dem Zipfel einer Schürze auf der Tischplatte herum , bis zwei Frauen in bunten, engen Tops und Paillettensandalen Bier bestellen wollen. Der Mann auf dem Bordstein hat inzwischen den zweiten Zigarettenstummel angezündet, zwei Kinder schütten sich Tütchen mit Brausepulver in den Mund. Ein zweiter Mann durchwühlt die Mülltonnen auf der Suche nach Essbarem vielleicht und sein zweiter Schuh hat keine Sohle mehr. Die beiden Frauen haben inzwischen Bierschaum zwischen den Lippen und rufen:“ Mach doch mal Musik an.“ Der Mann hinter dem Tresen dreht das Radio auf, ich lutsche eine Zitronenscheibe und die beiden Frauen auf den Barhockern schnippen mit den Fingern. Die drei Männer aber, die im Innenraum des Pubs sitzen, sehen nicht auf, sondern spielen mit abgegriffenen Karten um einen Stapel Münzen. Eine Frau schreit von der anderen Seite auf einen nur für sie sichtbaren Gegenüber ein, viele Fenster der Häuser haben eine Pappscheibe hinter ein zerbrochenes Fenster geklebt und in den Hauseingängen stapeln sich schwarze Müllsäcke, um die sich die Krähen scharren und hartnäckig mit ihren Schnäbeln die Plastikhülle zerhacken. Der Geruch von Fäulnis und lange schon nicht mehr entsorgten Windeln liegt über der Straße. Die Frauen, die jetzt in den Pub kommen, tragen schweres Parfüm und bestellen süßen roten Wein mit Eiswürfeln und schwarzem Strohhalm. Auf den Dächern der Häuser wachsen Ahornbäume und die Teerpappe wellt sich, eine Frau sitzt auf den Stufen, die zu ihrem Hauseingang führen und raucht, neben sich eine fleckige Kaffeetasse. Die Männer tragen ausnahmelos Jogginghosen und die Frauen tragen alle enge, sehr enge, zu enge Elasthantops. Ich zerbeiße eine zweite Scheibe Zitrone und die Frauen neben mir lachen oder weinen, so genau weiß man es nicht, über einen ‚feckin eejit’. Ich mache die Augen zu, das kalte Glas hinter der Hand und die Zitrone scharf auf den Lippen. Als ich die Augen wieder öffne, steht ein Schatten vor mir am Tisch. Erst einen Schluck kaltes Wasser späte, wird der Schatten zu einer Frau in einem gestreiften Zebraoverall. „Hast Du Make-up dabei?“, fragt die Frau mich. Ich schüttle den Kopf. „Und Puder?“ wieder muss ich verneinen und die Frau starrt mich durchdringend an. „Fünf Euro?“, fragt sie kaum hörbar und ich fische einen zerknitterten fünf Euro Schein aus meiner Hosentasche. Die Frau dreht sich um und geht. Ich mache die Augen wieder auf und zu. Die Eiswürfel schmelzen im Glas und ich gieße Wasser nach. Eine dritte Zitronenscheibe. Die Frau im gestreiften Overall ist zurück, sie ist nicht länger allein, sondern zieht eine Freundin hinter sich her. Die beiden Frauen setzen sich an den Tisch der am nächsten zur Straße steht und der Mann hinter dem Tresen überlegt, ob er die Frauen nach ihrer Bestellung fragen soll. Dann überlegt er es sich anders. Ich sehe die Frauen an. Die Frau im gestreiften Overall redet auf ihre Freundin ein. Die Freundin mit langen, schwarz gefärbten Haaren, billigen Ohrringen und einem grünen Military-Parka über dem Rock hat ihre linke Hand in ein Geschirrhandtuch gewickelt. Je länger ich auf das Handtuch sehe, desto stärker färbt sich das Handtuch dunkelrot. Weder die Frau, noch ihre Freundin aber sind nicht um die blutende Hand besorgt. Die Frauen holen einen kleinen Kosmetikspiegel aus einer Handtasche und dann sehe ich es auch: die Frau im Zebraoverall, die mich nach Make-up fragte, zeigt ihrer Freundin wie sie ihr blaues Auge, die zerplatzte Augenbraue und den grün verfärbten Wangenknochen überschminkt hat. Dann holt sie eine Tube Flüssigmakeup, aus der Tasche, bevor sie noch einmal aufsteht, in den Pub hineinläuft und mit Händen voll Toilettenpapier zurückkommt. Der Mann hinter dem Tresen bringt den Frauen, die zur Radiomusik wippen neuen, süßen Wein. Die Frau mit der blutenden Hand starrt in den Taschenspiegel und dann wischt ihre Freundin ihr das Gesicht mit Toilettenpapier ab. Die Frau blutet aus der Nase, blutet von einer Schnittwunde auf der Wange, und ihr linkes Auge ist fast vollständig zugeschwollen. Ihre Freundin schmiert Makeup über ihr Gesicht und versichert ihr, dass Sie super aussehen würde. Perfect. Pretty and tough. Die Frau starrt noch immer in den Spiegel. Blut tropft vom Handtuch auf den Boden unter dem Stuhl. Dann stehe ich auf und gehe zu den Frauen herüber. „Ich kann mit euch nach drüben in die Klinik gehen, sage ich und deute auf das durchweichte Handtuch. Die Frauen sehen mich entsetzt an. „Warum?“ fragen sie mich, es sei doch alles in Ordnung. Ich lasse ihnen trotzdem eine Karte da. Ein Telefon klingelt. Die Frauen versichern dem Anrufer, dass sie gleich kommen würden. Die Frau im Zebra-Overall versichert ihr Freundin, dass sie perfekt aussähe. Beautiful. „Er liebt mich doch?“ fragt die Freundin. „Natürlich“, erwidert sie, natürlich liebt er dich. Dann sieht auch sie noch einmal in den Spiegel und betastet ihren Wangenknochen. Schließlich klingelt das Telefon wieder und die Frauen stehen auf und gehen davon. Der Mann hinter dem Tresen kommt mit einem Scheuerlappen und wischt das Blut unter dem Stuhl auf. Die Eiswürfel sind längst geschmolzen, die Zitrone ist schal und der Rest Wasser längst warm geworden. Ich stehe auf und nehme die Bahn zurück in die Innenstadt. Der Tierarzt steht vor dem Kino. „Wie war der Film?“ frage ich. Der Tierarzt erzählt mir von Wonder Woman. Unbesiegbar. Hervorragend im Nahkampf. Eine Tiara, die auch ein Boomerang ist. Dann muss ich lachen. Ich lache so lange und so laut bis ich nicht mehr aufhören kann zu weinen.

Eine Klasse für sich.

Müde bin ich und die S-Bahn ist übervoll. Zwar öffnen sich die Türen, aber viel zu oft ist die Luft schon ein- und ausgeatmet worden, als das der Wind Abkühlung verspräche. Schwer hängt die Tasche an meinem Arm, und nicht nur deswegen würde ich mich gern hinsetzen, sondern ich bin vor allem Aufklärungssprechstunden-Blutspenden-müde und lehnte mich gern irgendwo an. Aber nirgendwo ist Platz. Im S-Bahn Waggon nämlich ist eine jener vielen Schulklassen, die einen Ausflug nach Berlin machen. 14 oder 15 Jahre alt sind die Mädchen und Jungen und sie alle liegen kreuz und quer über die Sitze verteilt. Vielleicht macht die große Stadt ja müde Beine. Die Jugendlichen haben die Ohren verstöpselt und wie in wohl allen Schulklassen gibt es Paare, die trotz der Hitze wie ein Wollknäuel ineinander gewickelt sind und sehr demonstrativ knutschen: „Sehr her,so sieht die Liebe aus. Natürlich sehen alle hin, ohne hinzusehen. Ich überlege, ob ich wohl in der Tasche nach Kondomen graben soll, denn ich habe immer Kondome in jeder Tasche. Aber dann erinnere ich meines Neffens, der mich in die Rippen stieße und sagte: „Read On, Du bist so peinlich.“
Außerdem ist die Tasche so schwer und ich so müde. Das Paar knutscht also weiter, es ist schwer wenn man 14 ist und sehr verliebt und gleichzeitig aber auch sehr cool sein muss und so verhaken sich nicht nur Lippen und Zahnspangen, sondern auch die Kappe seiner Schirmütze mit ihrer Sonnenbrille. Gejaul. Verstohlenes Kichern der Mädchen, die eben noch neidisch über die Telefone hinweg das Stufenpaar bestaunten. Die Jungs, die keine coolen Kappen, sondern Socken in den braunen Sandalen tragen, lesen alle dicke Computerzeitschriften und dann und wann kursiert eine Flasche Spezi. Gesprochen wird wenig, nur dann und wann, etwa wenn die Flasche weitergereicht wird, raunt es: 48 RAM oder LINUX- irgendetwas und die anderen Buben nicken staunend.
Die Prinzessin der Klasse trägt ein weißes Sommerkleid und telefoniert mit einer Freundin. Sie telefoniert nicht, sie singt ein Klagelied: „Berlin sei voll öde, die Typen seien voll die Loser, die Jugendherberge schlimmer als der Knast und sie habe gleich gesagt man hätte nach Milan fahren müssen“ „Da geht es nämlich ab und hier sei alles scheiße. Die Schuhe hätte sie trotzdem gekauft. 200 Euro. Schnäppchen.“ Dann schnalzt sie Küsse durch das Telefon.
Die Mädchen, die gerade noch kicherten über die verunglückte Kusseinlage zeigen sich inzwischen ihre Einkäufe: Gelbe Plastiktüten von NANU-NANA: gebogene Strohhalme mit bunten Plastikfiguren, rührend fast schon die Kuscheltiere, die sie ein bisschen verschämt untereinander tauschen und vorsichtig betasten. Dann folgen lauter Schminktiegel, weil sie sich der Kuscheltiere-Hasen, Katzen und ein rotes Herz mit Berlin-Aufdruck- doch eigentlich schon schämen und nur Nachts wohl, wenn alles schläft vorsichtig nach ihnen tasten.
Aber nun begutachten sie nicht weniger intensiv als der Zirkel der Computerfreunde, die bunten Farbtöpfe und raunen: Ruuuuuschhh. Es liegt ja ein großes Versprechen in den Farben und den falschen Wimpern und den wilden Nagellackfarben. Die große Welt und die große Liebe und endlich auch einen richtigen Freund. Aufgeregt stecken die Mädchen die Köpfe zusammen und umklammern die Kuscheltiere für einen Moment noch einmal fester. Die anderen Mädchen umschwärmen die Klassenprinzessin. Sie haben keine Plastiktüten von NANU-NANA in den Händen, sondern ernsthafte, erwachsene Tüten: Calvin Klein und Victoria’s Secret mit einer schwarzen Schleife und raschelndem Seidenpapier. Sie tragen die Tüten so das wir alle die Aufschrift lesen können und nicht wenige von ihnen haben die Taschen stolz über den Arm gehängt, damit jeder auch lesen kann, was eine der Damen lauthals herausschreit: „Mein Papa hat gesagt, ich kann seine Kreditkarte zum Glühen bringen.“ Die Lehrerin starrt müde auf ihre abgetragenen, blauen Sandalen. Zwischen ihren Beinen steht eine H&M Tüte und kein Seidenpapier raschelt verheißungsvoll, ihr Haar klebt an der Stirn und mit etwas angekeltem Blick trinkt sie lauwarmes Wasser aus einer Aldi-Flasche. Die Prinzessinnen trinken wie auf Kommando Grapefruit-White Tea und besprechen die Problemhaut einer gewissen D., die scheint aber nicht bei ihnen zu sitzen. Die Lehrerin schließt die Augen.
Ihr Kollege ein bulliger Typ, der bestimmt bei der Bundeswehr war und dann doch irgendwie Sportlehrer wurde, trägt kurze Jogginghosen ( die gibt es wirklich ) ein T-Shirt mit der Aufschrift Drill-Instructor und eine verspiegelte Sonnebrille zum Dreimillimeter Haarschnitt. Er sitzt nicht. Er macht Stimmung. Die Computerjungs bekommen einen herzhaften Stoß und er baldowert: „10 Liegestützen!“ Die blassen Buben erschauern. Da lacht der Lehrer schallend. Es ist schwer zu sagen was er wohl lustiger findet, seinen Witz oder die erschreckten Gesichter der Jungs. Dann lässt er seinen Bizeps spielen und johlt über das Liebespaar, denn wer ein solch humoriger Charakter ist, der muss einfach zeigen, dass er es kann und brülllachend quäkt er: „NataschaundAndrésindvaaaaliebt.“ Die Klassenprinzessin rollt mit den Augen. Ihr Hofstaat tut es ihr gleich. Die Lehrerin kneift die Augen fest zusammen. Dann klingelt sein Telefon. Natürlich klingelt es nicht, sondern durch den Wagon tönt eine Polizeisirene. Er lacht wieder schallend bevor ein lautes: „Schatz!“ in den Hörer knallt. Schatz will einen neuen Grill anschaffen, aber er will nicht, dass Schatz einen Luschengrill anschafft und so wird das Thema vertagt. Er legt auf aber nicht ohne ein lautes „Weiber ey“ in die Luft zu knallen. Die Mädchen verräumen lieber schnell ihre Kuscheltiere und starren auf den Fußboden. Dann holt der Lehrer eine Trillerpfeife aus dem Army-Rucksack und pfeift aus ganzem Herzen. Der Pfiff ist so markdurchdringend, dass mir fast die schwere Tasche vom Arm rutscht, und auch das Stufenpaar entwirrt sich verschreckt. Allein die Klassenprinzessin bläst gelangweilt Kaugummiblasen in die stickige Luft. Die Lehrerin versucht sich zu erinnern, warum sie wohl Teil dieser Strafexpedition ist und dann brüllt ihr Kollege schon los: „Ansage! Essen fassen um 18 Uhr. Um 20 Uhr beginnt die Disco. „Jeder, ich betone jeder“ grölt er, „erscheint kostümiert.“ Ende der Ansage. Die Mädchen kichern aufgeregt und diskutieren Kostüme: Wonder Woman führt klar, und ist möglicherweise mit sehr viel Toilettenpapier auch zu realisieren.
Die Prinzessin und ihr Hofstaat legen die Reihenfolge der Bad- und Föhnbenutzung fest. Als was gehst du denn, fragt eine ihrer Zofen. „Sexy Lehrerin“ sagt sie und pinselt sich kirschrotes Lipgloss auf die Lippen. Der Hofstaat starrt sie neidisch an. Den Mitgliedern des Computerzirkels jedoch steht die Furcht vor dem Abend ins Gesicht geschrieben. Einzig das Liebespaar küsst sich unverdrossen weiter. Dann erreicht die Bahn den Bahnhof. „Abmarsch“ schreit der Lehrer und die Lehrerin zählt durch. Ihr Stimme ist so hart, wie ihr Gesicht müde. Dann aber pfeift der Kollege schon wieder und im untertunnelten S-Bahnhof demonstriert er den Schülern was ein Echo ist in dem er laut gröhlend plärrt: BERLIN, BERLIN, WIR FAHREN NACH BERLIN, so dass uns allen die Ohren schallen. Die Prinzessin und ihr Hofstaat ist da schon vorgelaufen, das Liebespaar stolpert eng umschlungen hinterher, die Mädchen rennen kichernd zur Tür und nur der Computerkreis schlurft langsam hinterher: „Dalli, Dalli, schreit der Lehrer.