Zwischen Hut und fliegendem Haar

Am späten Nachmittag fahre ich zurück zu Schwesterchen. Warm ist es und müde bin ich und so sehe ich das Paar erst als ich nach der Wasserflasche in der ewig großen Tasche suche und dann sehe ich sie doch. Ein Mann und ein Frau sitzen mir genau gegenüber. Anfang Dreißig vielleicht. Er trägt eine dunkelblaue Leinenhose, ein weißes Jackett mit marineblauer Krawatte, ein sorgfältig vernachlässigter Bart und auf dem Kopf ein Hut wie Humphrey Bogart. Seine Freundin hat ein luftiges Sommerkleid an: dunkelblau-grau und auf dem fliegenden Rock Blumenornamente, Lilien und Rosen und ich glaube auch Margariten. Auch sie trägt einen Hut, breitkrempig, wenn auch ohne Schleife. Hutgesichter wie Humphrey Bogart und Lauren Bacall haben sie beide nicht, aber sie beide sind Menschen, die einen Hut tragen, weil man eben ein Hut trägt, denn ganz sicher sind die beiden zu einem Sommerfest im Garten der Eltern oder Schwiegereltern eingeladen und sicher wäre es akzeptabler ohne Unterwäsche als ohne Hut zu erscheinen. Der Mann seufzt und sieht auf sein Telefon. Seine Freundin aber zieht sich mit langsamen Bewegungen die Lippen nach. Fuchsiarot. Ihr Freund will sie dabei auf die Nasenspitze küssen, aber das kommt nicht gut an, sondern sie dreht den Kopf hastig weg und schlägt ihm auf die Hand. Er wird rot. Ein Hut, aber das sage ich ihm nicht, reicht noch nicht um dort dazu zugehören, wo noch der bitterste Scheidungskrieg nicht anders als mit einer hochgezogenen Augenbraue begonnen wird. Unterdessen aber, die Frau besieht ihr Gesicht in einem kleinen Perlmuttspiegel, steigen zwei Frauen zu. Sie sind, es lässt sich nicht überhören Cousinen. Sie haben wasserstoffblonde Haare und einen Hut tragen sie nicht. Dafür hat die eine der Beiden, einen Overall mit aufgedruckten Ananassen an und die andere ein weißes Kleid mit pinken Blumen. Auch sie wollen zu einem Sommerfest und sie kichern aufgeregt, denn Overall und Kleid haben ein gewaltiges Dekolleté und die beiden Cousinen zupfen am Stoff herum und überlegen ob wohl John oder Jake sie zum Tanzen auffordert und mit dem Telefon machen sie Bilder und lustige Kussmünder dazu. Sie lachen und eine der beiden Cousinen knufft die andere in die Seite und ruft: „Ich freu mich so.“ Dann lachen die beiden Cousinen und versichern sich gegenseitig, dass John und Jake auf jeden Fall heute Abend geküsst werden müssen. Die Frau mit Hut aber, die inzwischen perfekt nachgezeichnete Lippen hat, sieht mit angewidertem Blick zu den beiden Frauen neben ihr hinüber. „Geschmeiss“, sagt ihr Blick und dann rümpft sie das porzellanfarbene Näschen um ihre Gemütslage erst noch zu unterstreichen. Dann beugt sie sich zu ihrem Freund vor und macht eine abschätzige Bemerkung, vermutlich über die hergezeigten Brüste oder die falsche Bräune auf den Beinen und ihr Freund, der doch eben noch versuchte ihre Nasenspitze zum Leben zu erwecken, nimmt den Faden auf und auch er versucht ein überheblich, herablassendes Kichern und hämisches Gackern, doch seine verzogene Augenbraue gelingt nur fast: zu fröhlich sind die Frauen, zu schön ihre Brüste und die Cousinen haben zu dem sehr lange Beine und bonbonfarbene Nägel. Die Frau mit Hut aber macht den Rücken steif und tupft sich einen Hauch Parfum hinter die Ohren. Ihr Blick bohrt sich in den Fußboden und die beiden Frauen eben ihr sind nicht einmal mehr Luft. Ihr Freund dreht den Hut in den Händen und will ihr etwas Witziges auf dem Telefon zeigen, doch sie verzieht nur ein ganz klein wenig die Oberlippe. Er küsst sie auf die Schulter und sie schnipst den Kuss auf den Fussboden da bleibt er liegen. Die beiden Cousinen stehen auf, zupfen sich spärlich Stoff zurück, wirbeln sich durch die Haare, kichern und stöckeln auf irrsinnig hohen Schuhen der U-Bahn Tür zu. Die Frau mit Hut kramt wieder in einem Täschchen. Ihr Freund sieht den beiden Cousinen ein bisschen zu lang hinterher. „Laufen Sie“, will ich ihm zurufen, laufen Sie, die beiden Frauen sind wunderbar. Die beiden Frauen mögen chinesische Glückssymbole auf dem Knöchel tragen, aber die beiden Frauen die kennen das leben und halten es trotzdem aus, und immer noch können sie lachen. Die Träume sind den beiden Cousinen noch nicht abhanden gekommen und die beiden Frauen können einen tropfenden Wasserhahn reparieren und Plastikfingernägel wieder ankleben. Diese Frauen tragen ihr Herz auf der Zunge und haben es nicht unter leeren Formeln begraben. Diese Frauen sind öfter ausgelacht worden, als wir beide zusammen und strahlen noch immer. Diese beiden Frauen sind lebenspraktisch und diese Frauen haben starke Hände, einen echten Rücken und gegen Windmühlen haben die beiden bestimmt schon mehr als einmal gekämpft. Aber schon schließen sich die Türen wieder und der Mann bleibt zurück, mit dem nun etwas zerknautschten Hut in den Händen. Sogleich rügt seine Freundin ihn und er setzt sich den Hut wieder auf. Sie sieht erleichtert auf und rümpft noch einmal die Nase. Wieder steht der Zug, wieder öffnen sich Türen, ihr Freund bekommt Schultertuch und Bolerojäckchen überreicht, sie steht auf und er geht ihr nach. Die Türen öffnen sich und auf dem Bahnhof steht eine Frau, dreißig Jahre älter als sie aber unverkennbar ihre Mutter. Die gleiche Haltung, und auch fast dasselbe Kleid. Sie küsst ihre Tochter auf die Wangen, ihr Freund erhält immerhin zwei Luftküsse und zwei weitere Taschen. Dann fährt der Zug weiter und ich mache noch einmal die Augen zu und höre von fern die beiden Cousinen laut und herzlich lachen.

Vor aller Augen

Der Tierarzt will einen Film sehen. Ich will nicht mit. Die B. will mir von ihrer unglücklichen Liebe zur H. erzählen. Ich mag die H. mehr als die B. und mag die Geschichte nicht hören. Der K. will mit mir in einem Club zu einer Frau, die davon singt wie nah der Winter ist. Ich will nichts vom Winter und seinen kalten Händen wissen. Die J. will mit mir scharfen Thunfisch essen, aber ich habe keinen Hunger. Ich sage allen ab.
Einen Termin außerhalb der Innenstadt habe ich zu dem und als ich das Gebäude endlich verlasse, bin ich so müde, dass ich mir nicht genau vorstellen kann, wie ich wohl zurück in die Stadt komme und ich laufe auf den nächstbesten Pub zu, der Stühle vor die Tür gestellt hat und setze mich einfach hin. Dann stehe ich doch noch einmal auf und bestelle eine große Flasche, kaltes Sprudelwasser und ein Glas mit klirrenden Eiswürfeln und zwei Scheiben Zitrone. Der Mann hinter dem Tresen sieht so müde aus wie ich. Ihm fehlt ein Frontzahn und vielleicht reißt auch deswegen der tätowierte Tiger auf seinem Oberarm das Maul mit den scharfen Zähnen so weit auf, um die klaffende Lücke zu verdecken. Der Mann schneidet Zitronenscheiben auf und nickt mir zu: „Setz Dich doch“ sagt er und wir nicken uns über die Müdigkeit hinweg zu. Ich setze mich hin und sehe auf die Straße. Ein Mann sammelt Zigarettenkippen auf und setzt sich auf die Bordsteinkante, dann zählt er die Stummel, sucht nach einem Feuerzeug und als er es findet, zündet er die längste Zigarettenspitze an. Von der anderen Straßenseite und meinem Stuhl aus betrachtet, sieht es so aus als stiege der Rauch direkt aus seinen Fingerspitzen hervor. Der Mann mit dem Tiger auf dem Oberarm stellt die Flasche, das Glas mit Eis und einen Teller mit Zitronenscheiben vor mir auf den Tisch. Die Tischplatte ist schmierig, und der Aschenbecher voll. Er wischt mit dem Zipfel einer Schürze auf der Tischplatte herum , bis zwei Frauen in bunten, engen Tops und Paillettensandalen Bier bestellen wollen. Der Mann auf dem Bordstein hat inzwischen den zweiten Zigarettenstummel angezündet, zwei Kinder schütten sich Tütchen mit Brausepulver in den Mund. Ein zweiter Mann durchwühlt die Mülltonnen auf der Suche nach Essbarem vielleicht und sein zweiter Schuh hat keine Sohle mehr. Die beiden Frauen haben inzwischen Bierschaum zwischen den Lippen und rufen:“ Mach doch mal Musik an.“ Der Mann hinter dem Tresen dreht das Radio auf, ich lutsche eine Zitronenscheibe und die beiden Frauen auf den Barhockern schnippen mit den Fingern. Die drei Männer aber, die im Innenraum des Pubs sitzen, sehen nicht auf, sondern spielen mit abgegriffenen Karten um einen Stapel Münzen. Eine Frau schreit von der anderen Seite auf einen nur für sie sichtbaren Gegenüber ein, viele Fenster der Häuser haben eine Pappscheibe hinter ein zerbrochenes Fenster geklebt und in den Hauseingängen stapeln sich schwarze Müllsäcke, um die sich die Krähen scharren und hartnäckig mit ihren Schnäbeln die Plastikhülle zerhacken. Der Geruch von Fäulnis und lange schon nicht mehr entsorgten Windeln liegt über der Straße. Die Frauen, die jetzt in den Pub kommen, tragen schweres Parfüm und bestellen süßen roten Wein mit Eiswürfeln und schwarzem Strohhalm. Auf den Dächern der Häuser wachsen Ahornbäume und die Teerpappe wellt sich, eine Frau sitzt auf den Stufen, die zu ihrem Hauseingang führen und raucht, neben sich eine fleckige Kaffeetasse. Die Männer tragen ausnahmelos Jogginghosen und die Frauen tragen alle enge, sehr enge, zu enge Elasthantops. Ich zerbeiße eine zweite Scheibe Zitrone und die Frauen neben mir lachen oder weinen, so genau weiß man es nicht, über einen ‚feckin eejit’. Ich mache die Augen zu, das kalte Glas hinter der Hand und die Zitrone scharf auf den Lippen. Als ich die Augen wieder öffne, steht ein Schatten vor mir am Tisch. Erst einen Schluck kaltes Wasser späte, wird der Schatten zu einer Frau in einem gestreiften Zebraoverall. „Hast Du Make-up dabei?“, fragt die Frau mich. Ich schüttle den Kopf. „Und Puder?“ wieder muss ich verneinen und die Frau starrt mich durchdringend an. „Fünf Euro?“, fragt sie kaum hörbar und ich fische einen zerknitterten fünf Euro Schein aus meiner Hosentasche. Die Frau dreht sich um und geht. Ich mache die Augen wieder auf und zu. Die Eiswürfel schmelzen im Glas und ich gieße Wasser nach. Eine dritte Zitronenscheibe. Die Frau im gestreiften Overall ist zurück, sie ist nicht länger allein, sondern zieht eine Freundin hinter sich her. Die beiden Frauen setzen sich an den Tisch der am nächsten zur Straße steht und der Mann hinter dem Tresen überlegt, ob er die Frauen nach ihrer Bestellung fragen soll. Dann überlegt er es sich anders. Ich sehe die Frauen an. Die Frau im gestreiften Overall redet auf ihre Freundin ein. Die Freundin mit langen, schwarz gefärbten Haaren, billigen Ohrringen und einem grünen Military-Parka über dem Rock hat ihre linke Hand in ein Geschirrhandtuch gewickelt. Je länger ich auf das Handtuch sehe, desto stärker färbt sich das Handtuch dunkelrot. Weder die Frau, noch ihre Freundin aber sind nicht um die blutende Hand besorgt. Die Frauen holen einen kleinen Kosmetikspiegel aus einer Handtasche und dann sehe ich es auch: die Frau im Zebraoverall, die mich nach Make-up fragte, zeigt ihrer Freundin wie sie ihr blaues Auge, die zerplatzte Augenbraue und den grün verfärbten Wangenknochen überschminkt hat. Dann holt sie eine Tube Flüssigmakeup, aus der Tasche, bevor sie noch einmal aufsteht, in den Pub hineinläuft und mit Händen voll Toilettenpapier zurückkommt. Der Mann hinter dem Tresen bringt den Frauen, die zur Radiomusik wippen neuen, süßen Wein. Die Frau mit der blutenden Hand starrt in den Taschenspiegel und dann wischt ihre Freundin ihr das Gesicht mit Toilettenpapier ab. Die Frau blutet aus der Nase, blutet von einer Schnittwunde auf der Wange, und ihr linkes Auge ist fast vollständig zugeschwollen. Ihre Freundin schmiert Makeup über ihr Gesicht und versichert ihr, dass Sie super aussehen würde. Perfect. Pretty and tough. Die Frau starrt noch immer in den Spiegel. Blut tropft vom Handtuch auf den Boden unter dem Stuhl. Dann stehe ich auf und gehe zu den Frauen herüber. „Ich kann mit euch nach drüben in die Klinik gehen, sage ich und deute auf das durchweichte Handtuch. Die Frauen sehen mich entsetzt an. „Warum?“ fragen sie mich, es sei doch alles in Ordnung. Ich lasse ihnen trotzdem eine Karte da. Ein Telefon klingelt. Die Frauen versichern dem Anrufer, dass sie gleich kommen würden. Die Frau im Zebra-Overall versichert ihr Freundin, dass sie perfekt aussähe. Beautiful. „Er liebt mich doch?“ fragt die Freundin. „Natürlich“, erwidert sie, natürlich liebt er dich. Dann sieht auch sie noch einmal in den Spiegel und betastet ihren Wangenknochen. Schließlich klingelt das Telefon wieder und die Frauen stehen auf und gehen davon. Der Mann hinter dem Tresen kommt mit einem Scheuerlappen und wischt das Blut unter dem Stuhl auf. Die Eiswürfel sind längst geschmolzen, die Zitrone ist schal und der Rest Wasser längst warm geworden. Ich stehe auf und nehme die Bahn zurück in die Innenstadt. Der Tierarzt steht vor dem Kino. „Wie war der Film?“ frage ich. Der Tierarzt erzählt mir von Wonder Woman. Unbesiegbar. Hervorragend im Nahkampf. Eine Tiara, die auch ein Boomerang ist. Dann muss ich lachen. Ich lache so lange und so laut bis ich nicht mehr aufhören kann zu weinen.

Eine Klasse für sich.

Müde bin ich und die S-Bahn ist übervoll. Zwar öffnen sich die Türen, aber viel zu oft ist die Luft schon ein- und ausgeatmet worden, als das der Wind Abkühlung verspräche. Schwer hängt die Tasche an meinem Arm, und nicht nur deswegen würde ich mich gern hinsetzen, sondern ich bin vor allem Aufklärungssprechstunden-Blutspenden-müde und lehnte mich gern irgendwo an. Aber nirgendwo ist Platz. Im S-Bahn Waggon nämlich ist eine jener vielen Schulklassen, die einen Ausflug nach Berlin machen. 14 oder 15 Jahre alt sind die Mädchen und Jungen und sie alle liegen kreuz und quer über die Sitze verteilt. Vielleicht macht die große Stadt ja müde Beine. Die Jugendlichen haben die Ohren verstöpselt und wie in wohl allen Schulklassen gibt es Paare, die trotz der Hitze wie ein Wollknäuel ineinander gewickelt sind und sehr demonstrativ knutschen: „Sehr her,so sieht die Liebe aus. Natürlich sehen alle hin, ohne hinzusehen. Ich überlege, ob ich wohl in der Tasche nach Kondomen graben soll, denn ich habe immer Kondome in jeder Tasche. Aber dann erinnere ich meines Neffens, der mich in die Rippen stieße und sagte: „Read On, Du bist so peinlich.“
Außerdem ist die Tasche so schwer und ich so müde. Das Paar knutscht also weiter, es ist schwer wenn man 14 ist und sehr verliebt und gleichzeitig aber auch sehr cool sein muss und so verhaken sich nicht nur Lippen und Zahnspangen, sondern auch die Kappe seiner Schirmütze mit ihrer Sonnenbrille. Gejaul. Verstohlenes Kichern der Mädchen, die eben noch neidisch über die Telefone hinweg das Stufenpaar bestaunten. Die Jungs, die keine coolen Kappen, sondern Socken in den braunen Sandalen tragen, lesen alle dicke Computerzeitschriften und dann und wann kursiert eine Flasche Spezi. Gesprochen wird wenig, nur dann und wann, etwa wenn die Flasche weitergereicht wird, raunt es: 48 RAM oder LINUX- irgendetwas und die anderen Buben nicken staunend.
Die Prinzessin der Klasse trägt ein weißes Sommerkleid und telefoniert mit einer Freundin. Sie telefoniert nicht, sie singt ein Klagelied: „Berlin sei voll öde, die Typen seien voll die Loser, die Jugendherberge schlimmer als der Knast und sie habe gleich gesagt man hätte nach Milan fahren müssen“ „Da geht es nämlich ab und hier sei alles scheiße. Die Schuhe hätte sie trotzdem gekauft. 200 Euro. Schnäppchen.“ Dann schnalzt sie Küsse durch das Telefon.
Die Mädchen, die gerade noch kicherten über die verunglückte Kusseinlage zeigen sich inzwischen ihre Einkäufe: Gelbe Plastiktüten von NANU-NANA: gebogene Strohhalme mit bunten Plastikfiguren, rührend fast schon die Kuscheltiere, die sie ein bisschen verschämt untereinander tauschen und vorsichtig betasten. Dann folgen lauter Schminktiegel, weil sie sich der Kuscheltiere-Hasen, Katzen und ein rotes Herz mit Berlin-Aufdruck- doch eigentlich schon schämen und nur Nachts wohl, wenn alles schläft vorsichtig nach ihnen tasten.
Aber nun begutachten sie nicht weniger intensiv als der Zirkel der Computerfreunde, die bunten Farbtöpfe und raunen: Ruuuuuschhh. Es liegt ja ein großes Versprechen in den Farben und den falschen Wimpern und den wilden Nagellackfarben. Die große Welt und die große Liebe und endlich auch einen richtigen Freund. Aufgeregt stecken die Mädchen die Köpfe zusammen und umklammern die Kuscheltiere für einen Moment noch einmal fester. Die anderen Mädchen umschwärmen die Klassenprinzessin. Sie haben keine Plastiktüten von NANU-NANA in den Händen, sondern ernsthafte, erwachsene Tüten: Calvin Klein und Victoria’s Secret mit einer schwarzen Schleife und raschelndem Seidenpapier. Sie tragen die Tüten so das wir alle die Aufschrift lesen können und nicht wenige von ihnen haben die Taschen stolz über den Arm gehängt, damit jeder auch lesen kann, was eine der Damen lauthals herausschreit: „Mein Papa hat gesagt, ich kann seine Kreditkarte zum Glühen bringen.“ Die Lehrerin starrt müde auf ihre abgetragenen, blauen Sandalen. Zwischen ihren Beinen steht eine H&M Tüte und kein Seidenpapier raschelt verheißungsvoll, ihr Haar klebt an der Stirn und mit etwas angekeltem Blick trinkt sie lauwarmes Wasser aus einer Aldi-Flasche. Die Prinzessinnen trinken wie auf Kommando Grapefruit-White Tea und besprechen die Problemhaut einer gewissen D., die scheint aber nicht bei ihnen zu sitzen. Die Lehrerin schließt die Augen.
Ihr Kollege ein bulliger Typ, der bestimmt bei der Bundeswehr war und dann doch irgendwie Sportlehrer wurde, trägt kurze Jogginghosen ( die gibt es wirklich ) ein T-Shirt mit der Aufschrift Drill-Instructor und eine verspiegelte Sonnebrille zum Dreimillimeter Haarschnitt. Er sitzt nicht. Er macht Stimmung. Die Computerjungs bekommen einen herzhaften Stoß und er baldowert: „10 Liegestützen!“ Die blassen Buben erschauern. Da lacht der Lehrer schallend. Es ist schwer zu sagen was er wohl lustiger findet, seinen Witz oder die erschreckten Gesichter der Jungs. Dann lässt er seinen Bizeps spielen und johlt über das Liebespaar, denn wer ein solch humoriger Charakter ist, der muss einfach zeigen, dass er es kann und brülllachend quäkt er: „NataschaundAndrésindvaaaaliebt.“ Die Klassenprinzessin rollt mit den Augen. Ihr Hofstaat tut es ihr gleich. Die Lehrerin kneift die Augen fest zusammen. Dann klingelt sein Telefon. Natürlich klingelt es nicht, sondern durch den Wagon tönt eine Polizeisirene. Er lacht wieder schallend bevor ein lautes: „Schatz!“ in den Hörer knallt. Schatz will einen neuen Grill anschaffen, aber er will nicht, dass Schatz einen Luschengrill anschafft und so wird das Thema vertagt. Er legt auf aber nicht ohne ein lautes „Weiber ey“ in die Luft zu knallen. Die Mädchen verräumen lieber schnell ihre Kuscheltiere und starren auf den Fußboden. Dann holt der Lehrer eine Trillerpfeife aus dem Army-Rucksack und pfeift aus ganzem Herzen. Der Pfiff ist so markdurchdringend, dass mir fast die schwere Tasche vom Arm rutscht, und auch das Stufenpaar entwirrt sich verschreckt. Allein die Klassenprinzessin bläst gelangweilt Kaugummiblasen in die stickige Luft. Die Lehrerin versucht sich zu erinnern, warum sie wohl Teil dieser Strafexpedition ist und dann brüllt ihr Kollege schon los: „Ansage! Essen fassen um 18 Uhr. Um 20 Uhr beginnt die Disco. „Jeder, ich betone jeder“ grölt er, „erscheint kostümiert.“ Ende der Ansage. Die Mädchen kichern aufgeregt und diskutieren Kostüme: Wonder Woman führt klar, und ist möglicherweise mit sehr viel Toilettenpapier auch zu realisieren.
Die Prinzessin und ihr Hofstaat legen die Reihenfolge der Bad- und Föhnbenutzung fest. Als was gehst du denn, fragt eine ihrer Zofen. „Sexy Lehrerin“ sagt sie und pinselt sich kirschrotes Lipgloss auf die Lippen. Der Hofstaat starrt sie neidisch an. Den Mitgliedern des Computerzirkels jedoch steht die Furcht vor dem Abend ins Gesicht geschrieben. Einzig das Liebespaar küsst sich unverdrossen weiter. Dann erreicht die Bahn den Bahnhof. „Abmarsch“ schreit der Lehrer und die Lehrerin zählt durch. Ihr Stimme ist so hart, wie ihr Gesicht müde. Dann aber pfeift der Kollege schon wieder und im untertunnelten S-Bahnhof demonstriert er den Schülern was ein Echo ist in dem er laut gröhlend plärrt: BERLIN, BERLIN, WIR FAHREN NACH BERLIN, so dass uns allen die Ohren schallen. Die Prinzessin und ihr Hofstaat ist da schon vorgelaufen, das Liebespaar stolpert eng umschlungen hinterher, die Mädchen rennen kichernd zur Tür und nur der Computerkreis schlurft langsam hinterher: „Dalli, Dalli, schreit der Lehrer.

Während du schliefest.

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Nachts um Zwei Uhr klingelt das Telefon. Nein, nicht das alte iphone neben meinem Bett, sondern das irische Telefon unten neben dem Sessel auf dem die Katze selig schläft. Nicht nur weil es Nachts um Zwei ist, und auch nicht weil die Nummer nicht mehr als fünf Menschen haben, ahne ich doch, dass es nur meine liebe C. sein kann. Niemals würde Sie mich zu dieser Stunde- auf dem scheppernden Mobile anrufen, um mich und den Tierarzt zu wecken, sondern sie lässt das Telefon klingen, leise und fragend und wachte ich nicht auf, so bin ich mir sicher, wäre sie fast erleichterter, als sie es ist, als ich die Treppe hinunterlaufe, mich auf die Sesselkante setze und sage: „Liebes bist Du in Ordnung?“ „Ich schon flüstert die C. aber die drei Grazien- ihre Arzthelferinnen sind krank.“ F. der einspringen könnte, kommt aus dem Krankenhaus nicht los, mein Vater ist gar nicht in Deutschland und dann flüstert die C. fast unhörbar: „Könntest du kommen?“ Die liebe C. kann mich nicht nur Nachts um Zwei anrufen, sondern für die C. würde ich von viel weiter weg kommen, als nur von Irland aus. „JA“, sage ich und die C. am anderen Ende des Hörers atmet aus. „Warum bist du überhaupt wach Süße?“ sagt sie und wir wissen beide: alte Träume, die mir durch die Nächte fahren. Dann schicke ich die C. zurück ins Bett. Ich packe Tasche und Bücher zusammen, räume weiter die Küchenschränke aus ( Pessach kommt mit großen Schritten näher ) und alles Chametz- haltige kommt zum Tierarzt. Die Katze kommt auf eine Untertasse Milch vorbei und ich richte eine Tomatensuppe mit Reis, denn beim Tierarzt muss man sich wirklich fürchten, dass er verhungert, ist man auf ein paar Tage verreist. Bevor aber der Tag wirklich und vollständig anbricht und ich aufstehen muss, gehe ich noch einmal die Treppe hinauf, und ziehe ein kleines, bisschen, aber ganz vorsichtig nur am Federbett, von dem der Tierarzt mir eine Ecke abgeben soll. Für eine dreiviertel Stunde sehe ich den Tierarzt an. Im Licht und am helllichten Tage ist der Tierarzt immer im Schatten, lehnt halb verborgen hinter einem Türrahmen oder verschwindet fast in der Hand. Selbst in einer Schafherde, die dem Tierarzt doch höchstens bis zum Knie reicht, muss man den Tierarzt suchen, der mit dem Rücken an einen Baumstamm gelehnt ein Lamm auf den Knien hält. Auf dem Bild, das unten im Wohnzimmer auf dem Kaminsims steht, und auf dem die ganze Tierarztfamilie versammelt ist, sieht man nur das Bein und einen halben Ellenbogen. Da ist der Tierarzt zehn Jahre alt und damals schon ließ sich der Tierarzt mehr erahnen als wirklich sehen. Ganz anders aber am Schlaf: während ich nur unter Decken und Kissen vergraben, und einem riesigen afrikanischen Tuch mumiengleich eingewickelt schlafen kann, liegt der Tierarzt mit den Armen hinter dem Kopf ausgetreckt neben mir. Fast verschwunden sind die Schatten, die mit dem Tageslicht zu ihm kommen, jetzt aber in der letzten Stunde der Nacht, atmet der Tierarzt leise ein- und aus. Ein heimliches Lächeln gar zieht sich über seine Lippen und ich sehe den Tierarzt an, dem die Haare tief in die Stirn fallen, und der auf dem Rücken liegend sacht und zart vom Schlaf selbst behütet inmitten der Träume geht. Zart sind seine Züge, im Schlaf ist der Tierarzt noch immer acht Jahre alt und noch immer liegt dort das Kind, das kaum sprach vor allem nicht mit Menschen, sondern vor allem mit dem Hund, der eigentlich auf dem Bettvorleger verbleiben sollte, uneigentlich aber Nacht für Nacht neben dem Tierarzt schlief. Schöne, schwarze Wimpern, ganz leicht zuckt ein Wangenmuskel, so als wolle der Tierarzt eigentlich gleich lachen, herzhaft und heiter, er der traurige Schatten immer in den Mundwinkeln trägt. Ich will es mir festhalten, dieses dein Bild für später und lange schon magst du irgendwann neben jemand anderen liegen, diese Stunde neben dir in der Dunkelheit, die gehört mir, ich werde sagen können, ich habe dich schlafen sehen und sah wie die Schatten Dir entwichen und still habe ich dagelegen und dir beim Schlafen zugesehen. Dann dämmert der Morgen herein, ich stehe auf und mache Tee, dann küsse ich Dir die Mundwinkel rosig und erzähle dir vom Anruf der C. Noch immer halten die Schatten sich von dir fern und erst als ich Dir Tür hinter mir zuziehe, kehren die Schatten zu dir zurück. Im Flugzeug dann endlich, schon neigt der Tag sich dem Ende zu, schlafen zwei schwere Männer neben mir tief und fest, schnarchen und neigen die Köpfe, aber ich sehe nicht hin, nicht umsonst kann ich weder im Flugzeug noch in der Bahn schlafen, und immer muss ich ein Tuch um mich herum gewickelt wissen, denn der Moment der Entblößung im Schlaf schien mir immer zu groß für das, was ich der Welt zu zeigen gewillt bin. Als Kind glaubte ich die Nachtwächter, die in alten Tagen die Städte vor dem Feuersturm aufwecken sollten, würden eigentlich den Schlaf bewachen und für viele Jahre gab ich als Berufswunsch Schlafwächter an und stellte mir vor ich zöge von Fenster zu Fenster und pflückte den Nachtmahr von den Köpfen in den Federbetten. Dann zöge ich weiter und sänge: Hört ihr Leut, und lasst Euch sagen:Unsre Glock hat Elf geschlagen! Aber ich bin etwas anderes geworden und lasse die beiden Männer mit ihrem Schlaf allein. Im Fenster weiße Wolken, blass blau und hell rosa, vielleicht liegen hier die Träume begraben. In Berlin schwarze Nacht, mit dem Auto schließlich vorbei an Grillstuben, Spielhöllen, Apotheken, einem McFit, dem Gefängnis, dort brennt kein Licht mehr, eine Bäckerei und Wohnhäusern, in vielen Fenstern flimmert Fernsehlicht, eine Frau schon im Nachthemd raucht aus dem Fenster, ein Mann im Unterhemd stemmt Hanteln auf dem kleinen Balkon, schon bin ich auf der Autobahn immer noch weiter und weiter, der kleinen Stadt und der lieben C. entgegen. LKW’s und vereinzelte Autos bloß, nur nicht noch müder werden und lieber leise mitsingen.

Dann endlich vertraute Straßen, den Kirchturm noch vor der Stadt erahnen, die C. hat für mich das Licht angelassen. Motor aus. Die Treppenstufen fünf und acht auslassen, doch die C. läuft mir schon entgegen. Endlich Schuhe aus und mich küssen lassen. Für zehn Minuten sitze ich auf der breiten Fensterbank und sehe auf den Marktplatz herunter. Alles schläft, Hört ihr Leut, und lasst Euch sagen:Unsre Glock hat Zwölf geschlagen! Kein Nachtwächter kommt mehr. Müde bin ich, aber mit dem Kopf an das kühle Fensterglas gelehnt, denke ich an den Tierarzt, der ungefähr jetzt die Zähne putzt und die Bettdecke aufschlägt, die Arme hinter dem Kopf verschränkt, die Augen schließt und verborgen vor der Welt einschläft mit heiter zuckenden Mundwinkeln und immer kleiner werdenden Schatten. Dann stehe ich auf, und gehe selbst ins Bad, und nicke der müden Frau im Spiegel leise zu.

Der Herrenreiter

Still liegt die Straße vor mir im frühen Morgenlicht.Es ist kurz nach halb Sieben. Die Pendler haben sich in alle vier Winde zerstreut und auch ich gehe mit Büchern bepackt die Straße hinunter.Eine Kehrmaschine fährt kreiselnd über das Pflaster, ein Zeitungsverkäufer sperrt seinen Kiosk auf und die Gemüsehandlung am Eck bekommt Tomaten geliefert. Halb sieben Uhr ist es erst und der Tag selbst gähnt noch ein wenig und ich gähne auch, ja selbst der Mann vom Zeitungskiosk reckt sich und streckt sich. Blank ist der Morgen, milder Himmel und blasses Licht, eine Ecke Morgenrot sogar und in den Blumenkübeln recken die Stiefmütterchen ihre Köpfe. Schon biege ich nach links und passiere das alte, ehrwürdige Dubliner Postamt, noch heute kann man dort Briefmarken kaufen, vor allem aber erinnert es an das Anfang vom Ende der englischen Kolonialherrschaft in Irland. Noch einmal gähne ich und plötzlich vernehme ich hinter mir ein leises Surren, ein Zischen gar.
Kaum drehe ich mich um, wird mir alles klar: hinter mir nähert sich ein Herrenreiter. Nein, die Herrenreiter des Jahres 2017 kommen nicht mehr auf einem schwarzen Rappen daher, sie tragen keinen schwarzen, hohen Zylinder wie einstamls die Herrenreiter die am Morgen durch den Hyde Park preschten oder Unter den Linden entlang galoppierten. Aber ein Herrenreiter ist er doch, der Mann auf dem Fahrrad, der sich mit leisem Surren nähert. Wie die Herrenreiter anderer Tage sitzt er aufrecht und mit geschwellter Brust auf seinem- nun eben stählernem Ross- Cannondale steht in blitzenden Buchstaben auf rotem Lack geschrieben. Cannondale ist heute das, was einmal der Schimmel Wotan war. Während jener schnaubte, quietschen die Bremsen, denn was ein Herrenreiter ist, der bremst nur in letzter Sekunde vor dem Kisten schleppenden Lieferanten. Denn ein echter und wahrer Herrenreiter, der kennt nur vorwärts und niemals zurück. Keine Konfrontation ist dem Herrenreiter zu gering und während Wotan am Zügel stieg, bricht vom Cannondale eben das Hinterrad aus. Ein Herrenreiter gibt kein Pardon. Was dem Herrenreiter warmes Kulmbacher Bier und eine behagliche Zigarre waren, das ist dem Herrenreiter der Neuzeit die glimmende Zigarettenspitze, die er im hohen Bogen auf das Pflaster wirft. Soll doch die Kehrmaschine sich mit solchen Kleinigkeiten befassen. Hier sprengt ein Herrenreiter vorbei. Der Herrenreiter- so wandeln sich die Moden- aber trägt keine Lederhandschuhe mehr, sondern riesige Kopfhörer auf den Ohren, daraus dröhnt lauter Gesang. Ein Herrnreiter will schließlich angekündigt werden, prescht er hoch zu Ross dahin. Alles andere wäre Verschwendung, natürlich trägt der Herrenreiter keinen Helm. Wie alle Welt weiß, ist nichts leichter zu kränken als die Ehre eines Herrenreiters.
So prescht der Herrenreiter auch am bücherschleppenden Fräulein vorbei. Er sitzt nicht im Sattel, nein er thront, alles an ihm ist Anspannung und Muskelspiel, ist gezähmter Wille und mühelose Eleganz, dass dabei das Fräulein zur Seite springen muss, nehme nicht Wunder, denn wenn einst Wotan am Zügel stieg, mussten die Gouvernanten mit Hans und Franz und Grete am Arm eben in die Pfütze springen. Seit wann hat sich je ein Herrenreiter mit solchen Lässlichkeiten abgegeben? Schon hat der Herrenreiter mich überholt, sein Können stellt er in Schlangenlinien und gewagten Kurven unter Beweis, selbst die Möwen verziehen sich krächzend auf die Bäume. Alles stehe und staune: ein Herrenreiter weilt unter uns.
An der nächsten Querstraße aber verläuft die Trambahn, die hier auf den hübschen Namen LUAS hört quer zum Straßenverlauf und justament biegt Selbige um die Ecke. Ist dies nun ein Grund für einen Herrenreiter hoch zu Ross, beflügelt vom milden Morgen und lauter Musik, vom schneidigen Cannondale über Stock und Stein getragen ein Grund abzubremsen, ja gar anzuhalten? Dies entspräche vielleicht der Natur eines ängstlichen Fräuleins, auf dem Rücken eines Ponys klammernd aber doch niemals einem wahren und echten Herrenreiter. Hätte denn Wotan jemals gezögert, ginge es darum ein Rennen zu gewinnen? Nein, nein und dreimal nein. Gemäß des alten Herrenreiterehrenkodexes also legt auch dieser,unser morgendlicher Herrenreiter alle Kraft in die Pedale, das Rad bricht vorwärts, die Speichen klirrren, gut geölt zischt die Kette, ein höherer Gang, da mag die Trambahn auch noch so vorwurfsvoll schellen- ein Herrenreiter will vorbei- vorübergebeugt wie bei einer Hatz im Englischen Garten liegt der Herrenreiter über dem Lenker, doch oh- das Rennen ist schon verloren und mit einem dumpfen RUMS knallt der Herrenreiter gegen die Trambahn.
Das Cannondale hat seinen Reiter abgeworfen und liegt mit verdrehtem Lenker und rotierenden Reifen auf der Straße. Es ist als hätte der schöne Wotan sich die Fesseln verstaucht. Ach, Herrenreiter! Ach, Cannondale, welche Weh.
Hinzu kommt der fluchende Trambahnfahrer, dessen Achtung vor Herrenreitern deutlich zu wünschen übrig lässt. Keine Achtung, kein Benehmen: „Freundchen“, dir will ich es geben!, statt Bewunderung für den Schneid des Herrenreiters. Wäre dies 1900 so wäre die Trambahn einer Brauereiwagen gewesen und der Bierkutscher hätte Schwielen an den Händen und beim Wort Polizei nur gelacht. Hier aber setzt es weitere Flüche und Häme dazu. Tritt da der Trambahnführer nicht auch gegen das gestürzte, jämmerlich daliegende Cannondale? Ein Schmock, der sich an Wotan vergreift. Der Herrenreiter inzwischen berappelt, und offensichtlich- das Glück ist den Herrenreitern gewogen- ohne größeren Schaden, keift ganz nach Herrnreiterart zurück. Doch auch die Trambahn scheint unversehrt. Inzwischen hupen Autos ob der versperrten Straße und mit grimmigen Blick kehrt der Trambahnfahrer ins Führerhaus zurück. Dann ruckt die Bahn an. Der Herrenreiter aber ist ein Bild des Jammers, wo eben noch stolze Schönheit war, ist nun geducktes Elend. Die Kopfhörer zerborsten, die Jacke voll Straßendreck, aber ein Herrenreiter trägt seine Blessuren mit Würde und kennt keinen Schmerz.
Schlimmer jedoch wiegt der Zustand des Cannondale. Eine dicke Acht hat das Vorderrad davongetragen, zerkratzt ist der rote Lack, missmutig hebt der Herrenreiter das Fahrrad auf. Ein letzter Blick geschlagen ziehen Ross und Reiter von dannen. Gebückter, trauriger und ganz und gar von Gram gebeugt hat man jemals, auch nicht um 1900 einen Herrenreiter seinen Wotan mit schleifenden Zügeln zurück zum Stall führen sehen.

Angesehen: Elle

Ich gehe fast nie ins Kino. Selten öfter als ein- oder zweimal im Jahr. Zu schnell sind die Bilder mir, oft ist der Film schon zu Ende, bin ich noch beim dritten Bild und noch viel öfter erschließen sich mir die Bilder nicht, schon schlafe ich ein oder lege lange Listen kommender Tage an und nicke abwesend fragt man mich, ob mir der Film gefiele.
Eine einzige Ausnahme gibt es, ich gehe immer dann ins Kino gibt es einen Film mit Isabelle Huppert. So sitze ich am Samstag Abend nicht mit Buch im Sofaeck, sondern neben dem Tierarzt im Kino. Elle heißt der Film und sie, Isabelle Huppert ist dieser Film. Alle anderen Rollen, alle Szenen, alle Motive, all das könnte auch verschwommen sein, denn sie sind überflüssig, immer ein fast schon schroffer Gegensatz zu ihr, zu dieser Frau, die in diesem Film Michèle heißt. Es geht, aber das können sie anderswo besser  nachlesen, um eine Vergewaltigung, aus der eine Geschichte aus losen, miteinander verbundenen Enden wird. Aber all das sehe ich nicht, denn ich sehe ja vor allem Isabelle Huppert zu, die ja keine Rolle verkörpert, sondern eine Möglichkeit darstellt. So kann es sein, das kann eine Frau sein und sagen, so geht es und es geht auch ganz anders, es ist alles ganz anders, denn wir sind nie nur wir, sondern in uns liegen Biographien der anderen und nur Bruchstücke und Splitter davon zeigen wir in dem was wir unser Leben nennen der Welt. Isabelle Huppert anzusehen, ist ein Blick in einen verschwommenen Spiegel, denn anders als für andere Sprachen gilt für Französisch noch immer das, was für andere Sprachen nie gelten wird, ich verstehe die Sätze, die sie sagt, nicht allein im Wortsinne, sondern in ihren Andeutungen, in ihrer Melodie, die ich mitgenommen habe in andere Sprachen, auch noch als ich meinen Akzent verlor. Ich höre meine Mutter, ich höre meine Mutter schon lange nicht mehr, aber hier auf der Leinwand, höre ich sie noch einmal in einem Satzanfang, ich schließe die Augen, aber nicht vor dem Geschehen, das wäre zu einfach. Ich sehe Isabelle Huppert und ich sehe meine Handbewegungen gespiegelt, eine Haarsträhne hinter das Ohr geschoben, eine angdeutete Augenbraue nach oben verzogen, links von mir sitzt eine Französin, und in ihr liegt die gleiche Handbewegung, wir sehen uns an, wir sehen Isabelle Huppert. Ich weiß nicht, ob es richtig ist zu sagen, dass dies ein Film mit Isabelle Huppert ist, es sind Bilder von Isabelle Huppert. Eins dieser Bilder: ein Sturm dräut und die schweren türhohen Fensterläden schlagen klappernd gegen die Hauswand. Der Nachbar kommt herüber ihr bei der Befestigung der Läden zur Hand zu gehen und dann beugt sie sich hinaus in den tobenden Wind, ein nur angedeutetes Lächeln, ein wenig fliegendes Haar auch, aber in ihrem Gesicht, unter den halbgeschlossenen Augen, ist Isabelle Huppert, Ikarus und Amazone und niemand wunderte sich schlösse sie die Augen, stieße sich vom Boden ab und flöge davon. Nichts wäre realistischer, als wenn sie es täte, aber sie schließt die Tür, und noch bevor sie sich wieder dem Nachbarn zuwendet, hat sie uns gezeigt, die wir dort vor ihr sitzen im dunklen Zimmer, was eine Möglichkeit sein kann. Ein anderes Bild schon am Ende des Filmes: Isabelle Huppert steht als Michèle auf einer Firmenfeier. Der Abend ist das was man erfolgreich nennt. Gläserklirren, feine Kleider, gelöste Stimmung wie man so sagt und sie und ihre Geschäftspartnerin, stehen zusammen. Dann plötzlich und ohne Vorwarnung, ähnlich als sagte bemerkte sie etwas über das Wetter, ein paar Schuh, erzählt sie ihrer Freundin, dass sie die letzten sechs Monate mit deren Mann geschlafen habe und wieder ist es ein Bild, keine Handlungsebene der ewig gleichen Schemata, es ist eine Möglichkeit. Sehen Sie so kann es sein, so kann radikale, schonungslose Ehrlichkeit aussehen. Ob das auszuhalten wäre, sei damit nicht gesagt, aber die Möglichkeit immerhin, die Möglichkeit besteht. Isabelle Huppert macht es vor. Nein, leicht anzusehen ist das nicht, die Folge dieser Möglichkeiten, in ihren Andeutungen, die uns verunsichern in uns selbst, wieder und wieder, wie wir ihr gegenübersitzen, zwei Stunden eingeschlossen mit dieser Frau, deren Möglichkeit Isabelle Huppert für uns ergründet. Glaubt man sich sicher, auf vertrautem Terrain und schon dreht sie sich weg, dreht sie sich weiter, schon steht eine neue Möglichkeit vor uns, schon erinnern wir uns unserer Möglichkeiten, schon wird uns kalt und der Blick in den Spiegel, verschwimmt, denn natürlich lässt sie den Spiegel beiläufig fallen, und erst später, viel später merken wir, wo genau wir uns eine Scherbe eingetreten haben. Es ist das Vertraute in dieser Frau, die ja nicht von jener schauspielerinnenhaften Schönheit ist, die immer wieder durch Lächeln und Brust raus und Bauch rein manifestiert werden muss, sondern es ist eine verstörende Vertrautheit, und eine großartige Fremde, denn natürlich ist Isabelle Huppert keine Allerweltsfrau, sondern das sie auch das sein kann, ist nur eine Möglichkeit. Selten aber will ich jemanden so unbedingt ansehen, und gleichzeitig wegsehen, weil es nicht auszuhalten ist, diese Präsenz, die in so alltäglichen, banalen Gesten in einem „Bon“ und einem „Ouf“ alles erzählt, auch und vor allem das was sich nicht erzählen lässt, erzählt sie während sie den Reißverschluss eines Kleides herunterzieht. Man möchte sich verstecken vor diesen Bildern und immer noch näher heran, es ist ein gieriges und fast schon unverschämtes Ansehen wollen, das mich überfällt, wenn ich sie sehe, diese Isabelle Huppert. Dann endet der Film, ein letztes Bild, natürlich geht sie ohne sich umzudrehen, ich aber verberge meine zitternden Hände in den weiten Manteltaschen und eine halbe Stunde braucht es im Auto neben dem Tierarzt bis Englisch in meinen Kopf zurückkehrt. Vollmond über den Dächern, der Tierarzt spricht über den Film, ich denke an Isabelle Huppert und streiche mir die Haare zurück hinters Ohr. Die Handlung des Films habe ich schon wieder vergessen, die Bilder hingegen nah unter der Haut.

Elle
France/ UK, 2016

Der Mann, der auch ein Mörder war.

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Einmal in der Woche verantworte ich an der hiesigen Universität eine abendliche Vortragsveranstaltung. Jede Woche also kommt ein anderer Vortragender und versucht die Studenten aus dem Pub und die Professoren aus ihren Höhlen Büros zu locken. Damit aber nicht genug, denn auch die interessierte Öffentlichkeit ist herzlich willkommen. Die interessierte Öffentlichkeit erscheint zahlreich, ob das an den aufregenden Vorträgen oder am bereitgestellten Wein liegt, vermag ich nicht zu sagen, denn bekanntlich trinke nicht, weder an diesem noch an einem anderen Abend. Die interessierte Öffentlichkeit trägt hier Cordjackett, Tweed, Krawatte, Perlenkette und Twin-Set. Die Frauen waren vor dem Vortrag beim Friseur und die Männer auf ein Bier im Pub. Leider habe ich noch nicht herausgefunden, warum die Männer, nicht aber die Studenten aus dem Pub zum Vortragsabend zurückkommen. Die Frauen fragen den Vortragenden nie etwas, aber machen Notizen, die Männer haben keine Stifte dabei und fragen den Vortragenden immer etwas und mag der Vortragende auch über Ludovico Medici sprechen, die anschließenden Diskussionen drehen sich natürlich um die Frage, ob Ludovico nicht doch aus Kildare kam. Ich mag die Abende gern, und das die interessierte Öffentlichkeit auch vor dem Fernseher sitzen könnte, ist mir natürlich klar. So weit so gut. Woche für Woche.

Eines Abends aber, vor ein paar Wochen kam nach dem Vortrag eine Frau in rosa Twin-Set und elegant geknoteter Perlenkette zu mir: „Sie wolle sich beschweren.“ Ich glaubte der Wein sei wohlmöglich sauer und ich möge nun Ersatz beschaffen. Aber am Wein hatte die Dame nichts zu bemängeln. Wohl aber am Publikum. „Ein Mörder“ sagte die Frau mit verzerrter Stimme zu mir „säße im Publikum, ganz hinten links, gleich neben der Tür“ und sie sei „nicht gewillt ihre Atemluft mit der eines Verbrechers zu teilen.“ Ich lächelte freundlich und versprach mich der Sache anzunehmen. Der Mann auf den die Frau mit vor Empörung zitternder Hand zeigte, sah genau so aus, wie alle anderen im Raum: Cordhose, Tweedjacket, braune Schuhe. Die Frau verließ mit ihrem Mann am Hacken den Raum. Ich räumte die Stühle zusammen, trug die Weinflaschen in den Container und lüftete einmal durch. Ein Mörder murmelte ich und schüttelte den Kopf. Als ich am Flaschencontainer über eine schwarze Katze stolperte, erschrak ich, vor allem über mich und fuhr nach Hause. Dann dachte ich nicht mehr an den Mörder und streichelte die Katze auf der Fensterbank.

In der nächsten Woche schon erreichte mich eine Vielzahl von Emails. Die wenigsten von ihnen waren freundlicher Natur, sondern forderten im besten Wutbürgerstil den Rauswurf des Mörders aus der Veranstaltung. Wieder andere entwarfen schlecht gephotoshoppte Fahndungsplakate und montierten meinen Kopf neben den des Mörders auf eine Arte Holzgalgen. Andere wiederum entwarfen ein Szenario, dass Dantes Höllenzirkel als lustige Fahrt mit dem Kremser und anschließendem Biergartenbesuch erscheinen ließ.
Ich googelte den Namen des Mörders. Der Mann hatte fast 25 Jahre im Gefängnis verbracht, las ich und dann machte ich das Notebook wieder zu. Ich lese keine Krimis, mich interessieren auch keine Splatter-Movies und mein Teufel ist immer der bebrillte Musikintelligenzler Thomas Manns gewesen niemals ein Clown mit blutunterlaufenen Augen. Nachts aber lag ich lange wach und besah mir die Emails und Bilder, bis der Tierarzt den ausgedruckten Stapel nahm und in den Papierkorb warf.
Am folgenden Vortragsabend wunderte ich mich und sah in die Runde. Die Anwesenden mit Perlenketten und Tweedjackets also, allesamt höflich, kultiviert und mit Universitätsabschluss vor mir im Raum also sollten dieselben Menschen sein, die wenn auch erst einmal auf dem Papier die Guillotine in Betrieb zu nehmen gedächten? Die interessierte Öffentlichkeit trank Wein, ich nahm eine Kopfschmerztablette und der Mörder saß ganz hinten links im Raum, wie üblich nah an der Tür. Ich sah nicht hin.
In der folgenden Woche kamen mehr Emails und neue Briefe. „Du musst dich dazu verhalten“, sagte der Tierarzt. Ich nickte und nahm noch eine Kopfschmerztablette.

Für einen der nächsten Vortragsabend lud ich jemanden ein, der darüber sprach, wie die Halsgerichtsordnung ab 1532 in Kraft die Strafen am Körper vollziehen ließ: „nach mit dem fewer vom lebn zum todt richten heißt es dort und es heißt noch anders, denn der Mörder hatte sein Leben wahrlich verwirkt und die Strafe, die Strafe sollte man fühlen, unter den Fingerspitzen und auch im Atem der Zuschauer sollte der Schrecken fasslich werden. Aber schon in diesem so zentralen Werk mitteleuropäischer Rechtssprechung liegt der Gedanke zu Grunde, der bis heute unsere Strafgesetzordnung prägt, dort nämlich wo Rache nicht sein darf, muss für die Tat eine Entsprechung gefunden werden. Keine Strafe wird jemals den Schmerz des Opfers entsprechen können, sondern immer nur näherungsweise ein Verhältnis abbilden. Darin liegt auch die nicht selten weniger schmerzliche Erkenntnis, dass zur Rechtstaatlichkeit auch gehört das wenn die Strafe verbüßt ist, auch ein Mörder wieder zu Herrn XYZ wird, der eben in der letzten Reihe sitzt, wie üblich in Cordhosen und Tweedjacket, ununterscheidbar von allen anderen im Raum. Wie wir sieht er die drastischen Holzschnitte, die eine Art Begleitkommentar zum Vortrag und auch zu den vielen Emails und Schmierzetteln bilden, die ich im analogen wie digitalen Postfach fand. Was Herr XYZ angesichts der verdrehten Glieder denkt, weiß ich nicht und ich weiß auch nicht, ob die interessierte Öffentlichkeit, die ganz gewiss den Rechtsstaat bei jeder sich bietenden Gelegenheit verteidigt, wohl schwant, dass ihre Nähe zum Mörder in ihren Wünschen vom Fegefeuer und ewiger Qual wohl größer ist, als sie sich selbst glauben machen, angesichts des aufs Rad geflochtenen Körpers wohl denken. Ich denke an das Bild meines Kopfes auf dem Galgen und den mit Plastikplane bedeckten Körper des Opfers aus dem ergoogelten Zeitungsartikel und muss schlucken. Der Raum verschluckt die sonore Stimme des Vortragenden und ich atme wieder aus. „Machst du es dir nicht zu einfach?“, frage ich mich und weiß keine Antwort. „Vielleicht verteidige ich auch nur meinen Kopf, dort auf dem Clipart-Balken und nichts weiter? Nenne ich nicht insgeheim Herrn XYZ nicht auch den Mörder?“ Schon aber klatscht der Saal und die Diskussion verlässt für einmal Irland und dreht sich in erregten Debatten um Gewalt als Mittel der Distanz zwischen Opfer und Täter und die Gefährdungen der Blutrache. Herr XYZ geht bevor die Diskussion endet. Ich bin erleichterter als ich es sein will.

„Das reicht nicht“, sagt der Tierarzt,“ Ich weiß sage ich und nicke müde.
In der darauffolgenden Woche ging ich bevor der Vortragende sich räusperte, einen Schluck Wasser nahm und seine Zettel sortierte zum Mörder. „Schön, dass Sie hier sind Herr XYZ“ sagte ich und lächelte bis die Glühbirnen knallten. Nein, sein Händedruck war weder fester noch weicher als der aller anderen Männer im Raum. Nein Herr XYZ atmet nicht anders und steht auch nicht anders als Sie und ich, nein man sieht es niemanden an, man sieht nicht, dass Herr XYZ jemanden erschlagen hat und Herr ZYX eben nicht.
Alle Blicke im Raum aber zielten auf meinen Rücken. Dann drehte ich mich um und sage Nettigkeiten über den Vortragenden. Still ist es im Raum und ich sehe auf meine Hände hinab und bekämpfe den Impuls doch ins Bad zu laufen.Der Vortragende spricht über Ästhetik und Melancholie. Die Diskussion hinterher sieht wie üblich schweigende Frauen und redende Männer, der Ursprung aller Ästhetik und auch der Melancholie liegt natürlich in Irland begraben. Am Ende des Abends wird mehr Wein getrunken als sonst. Ich stelle die Stühle zusammen und bringe die leeren Flaschen hinunter zum Container. Die schwarze Katze rennt mir zwischen die Beine. Ich erschrecke mich nicht.

Am nächsten Morgen erhalte zum ersten Mal seit Wochen keine Emails außerhalb der üblichen Post.