Der Mann mit Hut

In der S-Bahn sitzt mir ein Mann gegenüber. Glattrasierte Wangen, ein scharfes Kinn, aschblonde Haare, über der Nase ( rotgeädert ) zwei scharfe Falten. Keine Brille, blonde, fast durchsichtige Wimpern. Ein schmaler Mund, kein Bart. Die Augen so blass wie das Gesicht des Mannes. Ob es nun aber ein blasses Blau, oder ein blasses Grün oder gar ein verschwommenes Braun gewesen sein mag, ich habe nur die Blässe in den Augen des Fremden bemerkt. Einen Hut trug der Mann der mir gegenüber die gleichen Bürohäuser und Industriebrachen sah, nur eben von der anderen Seite. Einen Hut also, aber keinen breitkrempigen wie einmal Harry Graf Kessler auch keinen Stetson oder gar einen Jägerhut mit Gamsbart und der Feder des ersten selbstgeschossenen Fasan, es ist mehr ein Filzhütchen, das dem Mann auf dem Kopf sitzt. Bräunlich, aber im rechten Licht betrachtet vielleicht auch erbsensuppengrün ist das Hütchen mit seiner merkwürdigen Delle in der Mitte, die dem Hut und auch dem Träger etwas seltsam Gedämpftes verleihen. Einen solchen Hut, wie der Mann ihn trägt ist besonders in Berlin, wo Kleidung allenfalls ironisch gemeint ist, schwer zu bekommen. Der Hut, weder rund, noch oval, sondern fast schon trapezförmig, ließe sich indes ohne Probleme  bei einem Herrenausstatter in Gaziantep oder auch Jičín besorgen. In beiden Städten, ich bin mir ganz sicher habe ich in den Auslagen eines solchen Geschäftes, in denen immer eine schwere Standuhr tickt,die Hemden in Zellophan eingepackt sind und der Besitzer mit einem Maßband um den Hals geschlungen der Kundschaft die Tür aufhält, einen solchen Hut gesehen. Einen Hut indes habe ich anders als der Mann gegenüber weder in Gaziantep noch in Jičín erworben. Der Hut, wenn auch etwas zerdrückt sitzt augenscheinlich fest auf dem Kopf des Mannes, denn während der Fahrt bleibt es gänzlich unbeeindruckt vom Bremsen und erneuten Anfahren der Bahn. Auf den Knien hält der Mann mit beiden Händen eine Aktentasche fest. Die Tasche, schwarz, quadratisch und mit Schnappschlössern versehen passt ganz genau auf den Schoss des schweigend aus dem Fenster sehenden Mannes. Ganz und gar unauffällig ist dieser Mann und ist das frage ich mich, über meinen Buchrand blickend, nicht schon eine Auffälligkeit? Ist die Unauffälligkeit nicht gewollt und ganz und gar gekonnt in Szene gesetzt? Kann nicht offensichtliche Unscheinbarkeit, auch Methode sein?

Wer weiß ob der Mann nicht in seiner Akentasche eine Flasche Champagner ( Roederer, sogar?) verbirgt und auf dem Weg zu seiner Geliebten eben die S-Bahn nimmt und nicht den eigenen Wagen. Noch die misstrauischste Ehefrau würde diesem Mann dessen Gesicht blass und schmal und etwas spitzmäusig nach unten verläuft, nichts zutrauen, was auch nur den leisesten Anschein des Verbotenen hätte. Gäbe es zu Max Mustermann ein Gesicht, es wäre dieser Mann mit seinem Hütchen. Vielleicht ist alles aber auch ganz anders, und im Aktenkoffer ( treten die Fingerknöchel des Mannes nicht übermäßig stark hervor?) liegen feinsäuberlich gestapelte Banknoten? Der Mann so auffällig unauffällig ist vielleicht Agent und sammelt sich für eine schwierige Mission.  Ein verschütteter Winkel, ein kurzes Kopfnicken, dann der Koffertausch oder auch nur die Übergabe eines Schlüssels der in das letzte Schließfach des Florentiner Bahnhofes passt. Selbst noch der gerissenste Räuber, der gewiefteste Hütchenspieler, der verschlagenste Fälscher vermutete in diesem Mann je ihr Ziel. Wer weiß, vielleicht ist der Mann ja auf dem Weg zum Flughafen und unter dem Hütchen liegt lange schon ein neuer Pass. Morgen schon geht der Mann in Bogota spazieren und das Hütchen landet nachlässig in einem Abfallbehälter, am Rande der Stadt. Mag es aber auch ganz anders sein und der Mann ist Briefmarkenhändler und der Koffer ist leer, bis auf die blaue Mauritius, die ein unbekannter Sammler anonym erwarb und in einem Schrebergarten ungeduldig nun auf ihre Übergabe wartet. Kein noch so gieriger Philatelist, ich versichere es Ihnen, traute diesem Mann solch einen Coup zu. Man kann nur hoffen, dass sich im Koffer des Mannes kein Strick befindet und er auf dem Weg in ein entlegenes Waldstück ist, um mit des Seilers Tochter Hochzeit zu halten. Damals als ich ein kleines Mädchen war und meine Großmutter mir das Märchen vom Meisterdieb erzählte, habe ich mich nie wieder so recht zu beruhigen vermocht und nie habe ich seitdem meine Furcht vor dem prachtvoll illustrierten Band Grimm’scher Märchen überwinden können.

Aber alles mag ja anders sein, nichts anderes als ein Wurstbrot und die Märkische Allgemeine mag sich in dem Koffer befinden, für den späteren Verzehr gedacht und vielleicht ist ja auch das Hütchen ein Geschenk der Mama, die nun vor dem Jahresschluss noch einmal besucht werden soll und im Koffer ist eine Flasche Parfüm. Vielleicht aber liebte der Mann auch einmal ein Mädchen aus Gaziantep oder Jičín und das Mädchen ging ihm verloren und nur der Hut blieb bei ihm. Erfahren aber werde ich es nicht, denn als ich noch überlegte und mich ärgerte niemals einen Agentenfilm gesehen zu haben, erhob der Mann sich, nahm den Koffer in die rechte Hand, rückte den Hut ganz unnötigerweise zu Recht, stieg aus und als die Bahn wieder anfuhr, hatte ich ihn schon aus den Augen verloren.

Morgengrauen

img_0764-1Alle Menschen, die im ersten Zug nach Dublin sitzen, sehen müde aus. Ich sehe mein müdes Spiegelbild im Fenster und mache lieber die Augen zu. Der Zug erreicht die Stadt um 6. 30 Uhr. Um 6.28 Uhr wickele ich mich in einen sehr, sehr warmen orangenen Schal, setze eine graue Mütze aus Alpaka-Wolle auf und meine Hände verschwinden in kunterbunten Wollfäustlingen. Kalt ist mir trotzdem fast immer. Dann steige ich mit all den anderen müden Menschen aus und die morgenmüden Gesichter verlieren sich bald. 1,8 Kilometer sind es vom Bahnhof bis zur Universität und so wende ich mich nach links in eine tagsüber vielbelebte Straße. Jetzt aber am frühen Morgen ist alles still. Nur ein Lieferwagen mit „Avonmore Milk“ hält, der Fahrer steigt aus, wirft seine Zigarette in den Rinnstein, gähnt und lässt die Laderampe herunter. Das Kopfsteinpflaster ist nass und die gelben Straßenlaternen schimmern nur blass gegen die Dunkelheit. Noch sind die Rollläden der Geschäfte heruntergelassen. Schwere, metallene Gitter, die am Abend herunterrasseln und groteske Schatten auf die andere Straßenseite. Außer mir aber ist niemand unterwegs, aber das heißt nicht, dass niemand außer mir zugegen ist. Tatsächlich ist die Straße nämlich voller Menschen. Vor dem Schuhgeschäft eng an das eiserne Gitter gedrückt, schläft ein Mann. Zwei Pappkartons sind sein Bett und sonst schützen ihn nur zwei Schlafsäcke vor der nassen Novemberkälte, die durch den Boden dringt. Seine Habseligkeiten, die in zwei Lidl Tüten passen, stehen neben ihm, etwas verdeckt nur von den Schuhen, die exakt aneinandergereiht dort stehen, wo in etwa ein Nachtkastel stünde, wäre dies nicht die Straße, sondern ein Zimmer. Der Mann von dem nur der Haaransatz zu sehen ist, hat beide Arme über dem Gesicht verschränkt. Der einzige Schutz wohl gegen den rauen Wind und schlechte Träume. Zehn Schritte weiter aber vor einer Supermarktkette liegen ein junger Mann und seine Freundin. Auch sie liegen auf Pappkartons, die einmal Yoghurt-Behälter waren. Eng umschlungen liegen sie nicht, trotz der nassen Kälte, nur ihre Hände berühren sich, fast zaghaft, als einzige Versicherung wohl, dass zwischen dem Fußboden und dem Abgrund in ihm, noch immer eine Verbindung zur Welt besteht, wenn auch nur noch schwach und kaum mehr mit den Fingerspitzen zu greifen. Aschblondes Haar hat der Mann, der dort zusammengerollt liegt und weiche, fast kindliche Züge. Nichts ist richtig an diesem Bild das mich jeden Morgen begleitet, alles ist falsch, der Mann und das Mädchen dort auf dem kalten, nassen Boden, die feuchten Kartons, die verschlissenen Schlafsäcke, der Dreck der Straße und die greisenhaften Kinderzüge derer die auf der Straße liegen. Jeden Morgen bücke ich mich vorsichtig und lege Geld in den Becher, der neben neben den beiden steht. Sie sind die Einzigen, die einen solchen Becher haben. Vielleicht reicht das für eine Dusche oder ein Frühstück, ich weiß nicht was einem am dringendsten ist, schläft man auf der Straße. Auch neben ihnen stehen die Beutel in Reih und Glied, ist das Kleiderbündel sorgfältig gefaltet, stehen die Schuhe, Kante an Kante. Vor dem polnischen Lebensmittelladen liegt eine ältere Frau, ein Tuch fest um das Gesicht gebunden, in zwei zerlumpte Decken gewickelt keine Kartons, nur Zeitungspapier unter dem Rücken. Halb liegt sie unter einem Wagen, auf dem tagsüber Gemüse und Obst feilgeboten wird, jetzt aber liegen Lauchreste und zermatschte Orangen, neben einer zerweichten Pizzaschachtel und zerdrückten Bierdosen. Inmitten des Unrats die schlafende Frau. Passiere ich die Ecke und biege nach links, bleibt den Schlafenden vielleicht noch eine Viertelstunde bevor der Supermarkt aufsperrt, die Stadtreinigung kommt, Lieferfahrzeuge mit laufendem Motor parken und mehr und mehr Menschen, die Straße hinunterlaufen, die ich noch ganz für mich passiere. An der Ecke, am Zeitungskiosk auch er noch geschlossen, streckt sich ein Mann und gießt Wasser in eine Bierdose in der seine Zahnbürste steckt. In der Hand hält er einen kleinen zerbrochenen Spiegel und einen Plastikkamm. Morgentoilette, ohne Waschbecken, Seife, Handtuch, warmes Wasser und Rasierapparat und ich als schweigender Voyeur, vorbei schon aber doch peinvoll genug ein langer Schatten an all das was auf der Straße schon lange verloren gegangen ist. Es ist inzwischen 6.40. Die Trafik, in der ich an jedem Morgen eine Zeitung kaufe, sperrt auf und wie jeden Morgen schreit der Verkäufer in sein Headset. Hinter der Trafik aber packt wie an jedem Morgen ein Mann seine Sachen in eine blaue IKEA-Tüte, rollt den Schlafsack zusammen und zieht weiter, wohin weiß ich nicht. 500 Meter noch, dann stehe ich vor der Universität. Das große und schwere Holztor ist nur halb geöffnet, der Innenhof mit seinem Glockenturm liegt still vor mir. Die Studenten, die in den angrenzenden Gebäuden liegen, schlafen noch denn nirgendwo brennt Licht. 1, 8 Kilometer sind es vom Bahnhof bis zu meinem Büro. Heute wie jeden Tag, laufe ich die gleiche Strecke, fünfzehn Männer und Frauen lagen heute auf der Straße, regennass und kalt ist die Straße. Schlüpfrig und glatt sind die Steine. Unrat liegt in den Ecken und fröstelnd zog ich die Schultern zusammen, eingehüllt in Wollschall, Mantel, Mütze und dicke Fäustlinge, laufe ich vorbei an den vielen, die auf der Straße liegen wie einem Schlafsaal des Schreckens, den nicht einmal Dickens hat erfinden können und der sich hier Nacht für Nacht und Tag für Tag wiederholt. Ich krame nach der Schlüsselkarte und mache das Licht an. Es ist 7 Uhr.

Im September diesen Jahres haben 168 Menschen in Dublin auf der Straße geschlafen. Die Zahl der Obdachlosen nimmt weiter, wenn auch langsamer zu.

 

 

Das Postauto

Als ich ein kleines Mädchen war, damals vor vielen Jahren, da war die Ankunft des gelben Postautos eine Sensation. Meine Großmutter erwartete nämlich regelmäßig ein Paket aus Israel. Darin Datteln und Feigen, Honig aus dem Kibbuz von Onkel A., Kardamomkaffee und natürlich Briefe und Bilder aus Jerusalem. Im Gegenzug versorgte meine Großmutter fast ganz Rehavia, da bin ich mir sicher, mit Lübecker Marzipan und Dresdner Christstollen. Onkel A. indes bezog über meine Großmutter allerlei Saatgut, denn Onkel A. wollte die Wüste zum Blühen bringen. Die Ankunft des Postautos durfte also auf gar keinen Fall verpasst werden. So wurde ich zum Postspion ernannt, erhielt eine Handvoll Kekse und stieg aufs Fensterbrett um meiner Großmutter, die Ankunft desselben zu verkünden. Dann hieß es aushalten, ob das Postauto auch tatsächlich vor dem großmütterlichen Haus anhalten würde oder doch nur bei den Nachbarn klingeln würde. Hielt das Auto aber, nahm meine Großmutter zwei Mark in die Hand und ich hüpfte vor ihr die Treppen hinunter. Der Postbote legte das Paket auf den steinernen Pfeiler und schüttelte den Kopf: „Aber nicht doch Frau Doktor“, sagte er und nahm das Geldstück dann doch nicht ungern. Dann ratschten meine Großmutter und er. Über seine geschwollenen Füße, die geplatzte Matura des Sohnes oder über das heiße Wetter. War es besonders heiß, hieß meine Großmutter mich eine Flasche Sprudel holen und war es besonders kalt, brachte die Zugehfrau ein Glas Tee hinunter. Dann trug meine Großmutter das Paket hinauf, und offerierte mir die erste Dattel.” Denn das Amt des Postspions” sagte meine Großmutter, “sei ein besonders Bedeutsames”. Dann schloss sie sich ins Schlafzimmer ein und öffnete die Briefe aus Jerusalem und anderswo.

Heute sitze ich am Schreibtisch und ich kann die Uhr stellen, irgendwann so gegen 11 Uhr klingelt es zum ersten Mal. Es ist das gelbe Postauto, das fast noch genauso aussieht wie damals als ich Postspion war. Aber ich bekomme sehr selten Pakete, denn weder bestelle ich Dinge noch ist Onkel A. oder einer der Anderen am Leben. Dafür bestellen meine Nachbarn, endlose Schuhpakete und Kleidertaschen, Weinkisten, Bücherregale, Rasenmäher, Sonnenschirme, Fahrräder, Kinderwägen, Fernsehapparate und Kinderrutschen. Dies weiß ich nicht, weil ich immer noch Postspion bin, sondern weil niemand sonst die Türen öffnet und besonders zwischen November und Weihnachten sieht meine Diele oft aus wie ein Warenlager. Das Ganze setzte sich am Nachmittag munter fort, da kommen Hermes und UPS und DPD und noch immer ist niemand außer mir daheim. Wahrscheinlich sind die Nachbarn gerade auf der Post bestellten Kramuri, den man dann doch nicht brauchte, wieder zurückzusenden. Kostet ja nichts. Ich laufe also zehnmal treppauf und treppab und schleppe die oft sehr schweren Pakete zu mir hinauf. Oft sehe ich aus dem Fenster wie die Männer, es sind ausschließlich Männer, fast in die Knie gehen vor dem Stapel schwerer Pakete und ich sehe sie oft an den Haustüren klingeln an denen doch niemand öffnet und dann den ganzen Stapel die Straße hinunterzutragen bis zu mir. Die Paketboten haben keine Zeit für einen Plausch mehr und ich weiß nicht ob die Söhne den Abschluss schaffen, die Frauen geduldig zu Hause warten oder die Schwiegermutter von ihrem Mann verlassen wurde. 90 Sekunden hat ein Paketzusteller Zeit, habe ich einmal gelesen, um ein Paket zuzustellen. Wann immer ich per Zufall einmal in die geöffnete Ladeluke sehe, sind die Autos bis zum Bersten gefüllt. Was ich auchweiß ist, dass die Paketboten alle müde aussehen und im Sommer erst sah ich einen Paketboten, dessen Kleidung nass an ihm klebte. Eine Familie hatte sich einen Sessel bestellt.

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DPD bringt Paket No. 15 des heutigen Tages.

Soweit ich es übersehe, haben nur die DHL-Zusteller eine Sackkarre und die anderen stapeln sich die Gewichte eben auf die Arme. Irgendwann so gegen Abend klingelt es dann wieder. Dann kommt die halbe Straße, um Ihre Pakete einzusammeln. Sie alle schwören, dass Sie natürlich zu Hause wären, wie ich damals als Kind lägen Sie auf der Lauer und warteten auf nichts anderes als die Ankunft des gelben Postautos, welches nicht käme. Natürlich seien an allem die Paketboten schuld. Liederliche Burschen seien es, die aus purer Böswilligkeit nicht schellten, missverständliche Nachrichten oder am liebsten gar keine Nachrichten im Briefkasten hinterließen und wer sich einmal für fünf Minuten Kommentare im Internet über Paketboten liest, der wird sich wundern, wie Menschen, die sonst zur Achtsamkeit mahnen, sehr schnell wütenden Megären ähneln, die nun endlich einmal Leistung einfordern. Schließlich ist man doch Amazon Prime Kunde. Dass die Paketzusteller nur 5 Prozent aller Pakete in die Filialen zurückgeben können, spielt dabei natürlich keine Rolle, auch nicht, dass die meisten Paketzusteller, vor allem die nicht für die Deutsche Post ausliefern zu Sklavenlöhnen treppauf, treppab rennen. Erstaunt nehmen die Nachbarn dann zu Kenntnis wie schwer die Pakete sind, die inzwischen bei mir in der Diele lagern. Dann schimpfen sie weiter, denn es scheint als erwarteten sie tatsächlich, dass die neuen Diener, die man heute gern Dienstleister nennt, vor ihren Türen warten, bis die hohen Herren, ihre unendliche Menge an Dingen dann doch entgegen nehmen können. Niemand findet jedoch, dies sei ein Anlass das eigene Konsumverhalten vielleicht einmal zu überdenken. Allein heute habe ich bis 16 Uhr siebzehn Pakete angenommen. Das UPS-Auto war da noch nicht einmal nicht da.

Ob die Bestellwütigen und neuen Primaner den Paketboten zwei Euro oder mehr geben für die Gartenerde, die in den achten Stock muss, weiß ich nicht, denn ich bestelle nichts. Aber schon damals, als ich noch mit Begeisterung auf das Postauto wartete und dann später mit beklommenen Blick in Richtung Schlafzimmertür sah, da wusste ich das meine Großmutter, wenn sie sagte, dass alles seinen Preis hätte, Recht behalten würde.

Mit scharfer Klinge

Im Flugzeug nach Berlin verteilt sich eine Gruppe pensionierter Geschichtslehrer um mich herum. Sie kreischen und johlen unablässig, so als wollten sie Rache nehmen an den Klassenfahrten vergangener Jahre in denen sie LucaCharleneSeánEva zu Ruhe, Rücksicht und Respekt ermahnten. Jetzt wollen sie es abschütteln und haben große Pläne, die alle Bier involvieren. Sie alle tragen T-Shirts mit dem Aufdruck „Wir fahren nach Berlin.“ Unter dem Schriftzug prangt ein großes Bierglas. Eine der Damen muss beständig aufstehen, um ihren gewaltigen Handgepäckskoffer zu öffnen und in dessen Inhalt zu wühlen, bevor der Koffer wieder nach oben gewuchtet wird, nur um wenige Minuten später erneut, heruntergerissen und eröffnet zu werden. Die Dame findet nichts dabei mir, während sie sich reckt und streckt auf die Zehen zu steigen, aber schlimmer noch mir beständig ihren Donnerbusen ins Gesicht zu drücken. Ich träume davon, denn wenig ist mir widerwärtiger als das mich Fremde anfassen, mich in eine Ziehharmonika oder gar eine kleine Regenwolke zu verwandeln. Nach dem achten Mal der Kofferinspektion und der Massage meiner Zehen habe ich genug. “Madame” sage ich, “wären Sie so freundlich” und ich zeige auf meine Zehen. Sie ist überrascht, dass andere Menschen Gliedmaßen haben und diese offensichtlich nicht einfach so preiszugeben bereit sind. Dann erzählt sie mir, laut und ausdauernd von der Berlinfahrt, dem großen Spaß, dem Abenteuer, der großen Stadt. Ich nicke und versichere der Dame, dass Sie sich in Berlin sicher sehr wohl fühlen werde. Dann zeige ich noch einmal auf meine Zehen und endlich gibt die Dame auf.

In Berlin murmle ich: Milch, Joghurt, Brot, Trauben und Pulmotin vor mich her. Ich kenne mich ja schon länger und kaufe am Ende Bananen, Camembert, Zwieback und Fencheltee, nur um mich dann gründlich zu wundern. Ich telefoniere mit meiner lieben C., die mich zum Lachen bringt mit einer hübschen Verwechslungskomödie und mit der ich mich unbedingt verabreden will. Ich quere die Ampel am Bahnhof Zoo, denn schräg gegenüber ist ein großer Supermarkt, der ganz bestimmt Milch, Joghurt, Brot, Trauben führt und wo wenn nicht an einem Bahnhof, lässt sich einfach eine Apotheke finden? Ich bin Gedanken als ich den Supermarkt verlasse und so laufe ich fast ungebremst in eine Gruppe, die mir zunächst als Hochzeitsprozession erscheint. Denn der Mann an der Spitze, trägt einen hohen Zylinder, wie man ihn an einem gewöhnlichen Mittwoch Morgen eigentlich nicht mehr sieht. Aber dann sehe ich die speckige Weste aus schwarzem Cord, nicht unähnlich, wie sie Schornsteinfeger tragen und überhaupt ist der Mann seltsam verwachsen, wie er da zwergenhaft klein, dabei alt und mit faltigen Zügen und weit vorgeschobenem Bauch, einen merkwürdigen Zug anführt, hinter ihm in seinem Schlepttau laufen nämlich fünf Männer und Frauen. Sie alle haben etwas von Lumpenhochzeit. Die Frau etwas trägt einen einmal wohl weißen, jetzt aber schliergrauen Schleier, ein anderer Mann indes trägt einen vollständig durchlöcherten Frack und ein anderer hat eine Plastikrose im Knopfloch und der Vollständigkeit halber sei auch noch jener erwähnt, der einen singenden Spazierstock in seiner rechten Hand hält. Sie alle gehen langsam, teils tänzelnd und schleppend, eine seltsame Karikatur eines Brautzuges, an der Spitze, der seltsame Stutzer mit seinem Zylinder. Muss man sich frage ich mich, so eine Bettelprozession vorstellen, die über die Landstraßen zog? Aber betteln im eigentlichen Sinne ist es nicht, es liegt etwas Unangenehmes und Verschobenes in dieser Hochzeitsgesellschaft, die keine ist, sondern etwas von einem gräulichen Zirkus hat, der sein Publikum auf das Gekonnteste verhöhnt. Dann geht alles ganz schnell. Ein Mann tritt aus dem Dunkel und der eben noch so schleppend-spazierende Brautvater, der keiner ist, zieht ein Messer und drückt umrundete von seiner Gesellschaft, die Klinge dem Mann im Schatten gegen den Hals. Ich also, die ich noch immer an Ort und Stelle stehe, lasse den Beutel mit Milch, Joghurt, Brot und Trauben fallen und mache das was man wohl man, wenn es auf Messers Schneide steht: ich rufe die Polizei und gehe zurück in den Supermarkt. Die Polizei kommt schnell und der Alte mit seinem Zylinder verzieht das Gesicht zu einem scheußlichen Grinsen und zieht den Zylinder als ging es um nichts weiter als einen gekonnten Zaubertrick. Das Messer schließlich fällt klappernd aus seiner Hand.

Schließlich aber fängt der Tag mich wieder ein und den ganzen Nachmittag rase ich durch die Gegend und am Abend sitze ich an einem Tisch mit lauter reichlich langweiligen Leuten, die mich warum auch immer über die Steuerpolitik Irlands befragen und mit schepperndem Gelächter von großen Geschäften zu berichten wissen, die sie unter mächtigen Regelbrüchen erfolgreich und sie sagen wirklich „eingetütet haben.“ Die einzig andere Frau am Tisch fordert mit etwas weinerlicher oder weinseliger Stimme, dass Europa doch wieder ein Herzensprojekt werden solle, die Männer versuchen sich zu erinnern, ob auch sie ein Herz besitzen und was sich damit wohl verdienen ließe. Auf dem Weg zurück nach Hause stehe ich noch einmal an der Kreuzung, an der am Vormittag der falsche Hochzeitszug vorbeiparadierte begleitet vom plärrenden Spazierstock und dem munteren Alten mit seinem hohen Zylinder. Nicht erinnert mehr an das blanke Messer und ob an einem Pfeiler wirklich ein Fetzen eines verschlissenen Schleiers hängt, vermag ich in der Dunkelheit nicht mit Sicherheit zu erkennen. Ein kalter Wind fährt durch die Straßen und kalt, eisig kalt ist mir als ich endlich die Wohnungstür aufschließe und die Welt wenigstens für die Nacht vor die Tür verbanne.

C’est l’halloween…

“Est-ce que tu-as peur/ des méchants esprits?”, Matt Maxwell

364 Tage im Jahr schläft das kleine, irische Dorf in dem ich lebe. Nur die letzte Woche eines jeden Oktobers verwandelt das Dorf in einen gänzlich anderen Ort. Alles beginnt damit, dass die Frau des Krämers einen gewaltigen, spitzen Hut aufsetzt, einen Plastikschädel an die Eingangstür hängt und künstliche Spinnenweben über alle und alles verteilt. Glauben sie mir, haben sie einmal gegen künstliche Spinnenweben in ihrem Haar gekämpft, können sie mit einem Oktopus um den letzten Seetangkeks ringen. Der Elektriker des Nachbardorfes seit neuestem mit der Tochter des Hauses liiert- sehr zur Enttäuschung ihrer Mutter, die doch den Tierarzt für das liebe Kind ins Auge gefasst hatte- hat sich dieses Jahr ins Herz seiner zukünftigen Schwiegermutter gespielt. Das Glöckchen über der Tür nämlich, welches sonst beim Eintreten schellt, hat er durch schauerliches Konservengelächter ersetzt. Betritt man also nun den Laden grölt es zunächst durchdringend, bevor die Frau des Krämers mit ihrem gewaltigen Hut auf einen zutritt und während man noch versucht, den Lärm des muhahahaha zu übertönen, kleben einem schon wieder die Hände vor lauter Spinnenweben. Natürlich schilt die Frau des Krämers mich herzlich. „Fräulein Read On“ sagt sie, ihr Haus ist das einzige vor dem kein Kürbis steht und leuchtet. Sie haben gar nicht geschmückt und ihr Hexenhut rutscht vor Empörung weit in ihre Stirn: sie haben sicher noch gar kein Kostüm. Ich huste wie ein alter Hofhund und lächle so mild ich kann und beuge mich ganz langsam vor. „Aber Frau des Krämers hust-keuche ich in ihr Ohr, wissen sie denn nicht, dass nur bei den wahren und wirklichen Hexen, die des Nachts mit dem Nordwind reiten und ihre Füße im Schornstein wärmen, niemals ein Licht brennt?“ „Mit dem Nordwind reiten“, echot die Frau des Krämers und ich nicke mit sehr ernster Miene. „Der Ostwind, Frau des Krämers taugt nicht für Höllenritte.“ Für einen sehr langen Moment sieht die Frau des Krämers mich mit weit aufgerissenen Augen an. „Fräulein Read On“, schnauft sie „mir solchen einen Schrecken einzujagen.“ Ich weiß wirklich nicht, wie der Tierarzt das mit ihnen aushält. Ich lächle milde und krächze: bitte noch ein Brot und ein Kilo Kartoffeln.“ Unter infernalischem Plastikgelächter verlasse ich den Laden.

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Kürbisverkaufsmobil

Der Tierarzt indes steht vor dem Laden und begutachtet Kürbisse. „Auf gar keinen Fall“, sage ich. „Den kleinen“, dort sagt der Tierarzt. „Nein, sage ich.“ Da ist kein kleiner, das sind alles Trümmer von Kürbissen. Ich will keinen Kürbis. Der Tierarzt schüttelt den Kopf. Doch, der da links-mittig, ist kleiner und sieht nachgerade bemitleidenswert aus. Du hast doch sonst so ein Herz für Außenseiter.“ Ich knurre. Dann huste ich bösartig während der Tierarzt den Kürbis wie ein stolzer Vater seinen Nachwuchs vor der Brust trägt. Triumphierend lacht die Frau des Krämers aus dem Schaufenster, untermalt vom muahahaha des künstlichen Gerippes.„Ruinier mir nicht das Brotmesser“ sage ich noch immer knurrend und falle zurück aufs Sofa. Zwei Stunden später wache ich auf und backe einen schnellen Apfelkuchen. Zwanzig Minuten später nähert sich ein niedergeschlagener Tierarzt. Der Kürbis ist in an drei Seiten eingedrückt und aus der Mitte des Kürbis quillt gelbes Fleisch. Mein Brotmesser ist verbogen. Die Krähen in den Bäumen gackern höhnisch und wenig später liegen nur noch Kürbisschalen auf dem Hof. Wenigstens grinst nun kein debiler Kürbis vor dem Haus, denke ich mir und verkneife mir jedweden Spott. Der Tierarzt quält sich mit Apfelkuchen und ich würge am Ingwertee. Als ich ein Kind war, sagt der Tierarzt, hat meine Mutter zu Halloween jedes Jahr einen „Barmbrack“ gebacken. Das war ein Hefekuchen mit Rosinen und Gewürzen. Der Tierarzt lächelt. Das tut er nicht oft. „Meine Mutter sagte wer den Ring im Kuchen fand, der würde glücklich heiraten, weil derjenige, der die Erbse fand, auf ewig allein bliebe und derjenige, dem der Kuchen ein Stöckchen bescherte, dessen Ehe würde über kurz oder lang geschieden. Nur wer die Münze bekam, dem fiele das Glück selbst in den Schoß.“ Ich frage den Tierarzt lieber nicht, was er auf dem Teller fand und räume lieber ab. „Erzähl mir eine Geschichte, sagt der Tierarzt und schon springt die Katze auf seinen Schoß. Ich huste, nehme noch einen Schluck Ingwertee und erzähle dem Tierarzt von der Hexe, die mit ihren fünf Schwestern einmal in einem Dorf lebte, nicht unähnlich dem unsrigen, unauffällig waren die Frauen, nur im Oktober machten sie sich Hochsteckfrisuren und rieben sich mit Schlangenöl ein. Dann warteten sie bis der Nordwind über die Häuser pfiff und sie mit sich trug in ferne Länder oder gar zum großen Hexenball, wo die fünf Schwestern jeder einmal Walzer mit dem großen Hexenmeister tanzten, bevor der Nordwind sie wieder zurück nach Hause trug. Der Tierarzt lächelt noch immer und gemeinsam sehen wir den Wolken zu, die wild und weiß vor dem Fenster tanzen.

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Lokales Brauchtum.

Dann gehen wir noch einmal hinunter ans Meer. Der Nachbar zur Rechten, ein an 364 Tagen des Jahres ganz und gar untadeliger Mann, hängt gerade einen Plastikfuß an den Baum. Im Pub steht ein ausgestopftes Eichhörnchen und an fast allen Türen klappern Skelette. Nicht zu vergessen, die debil grinsenden Kürbisgesichter.

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C’est l’halloween….

Kalt wird es und auch ein bisschen neblig. Zurück daheim mache ich eine Quiche und einen großen Salat. Der Tierarzt und der Priester spielen Schach und wollen immerzu helfen. Ich will lieber den Ingwertee in den Ausguss schütten und ein großes Glas kalten Apfelsaft trinken. Der Tierarzt macht Brennesseltee und der Priester steht am Fenster: „Fräulein Read On“, sagt er „der Wind kommt aus Norden.“ Ich nicke und bevor ich die Vorhänge schließe, ist mir als flatterte ein schwarzer Rock und eine steife, samtene Kostümjacke an meinen Augen vorbei, höher, hinauf zu den Wolken und immer weiter gen Norden.

Der vergiftete Apfel

img_4453Schwesterchen liest keine Zeitung und überhaupt vermeidet Schwesterchen Nachrichten, wann immer es sich vermeiden lässt. Für Nachrichten gibt es ja mich, die ich zu den Morgennachrichten, Zähne putze und zu den Spätnachrichten, Handstand übe. Noch dazu halte ich an der schon so altmodisch gewordenen Idee fest, eine Tageszeitung zu abonnieren und auch zu lesen. Dafür wusste Schwesterchen schon als es noch keiner ahnte, dass es ‚aus’ sei zwischen Angelina und Brad und riet mir dringend endlich etwas mit meinen Haaren zu machen. Meine Frage, ob sie wohl annähme, dass Brad Pitt sich mit seinem gebrochenen Herzen wohl bei uns in der irischen Provinz vergrübe, nahm Schwesterchen nur mäßig belustigt auf und schnarrte, dass meine Schlauheiten bis jetzt noch nicht zu einem Mann geführt hätten, der mir am Frühstückstisch beispielsweise die Zeitung anreiche. So erfuhr auch Schwesterchen, die bekanntlich in London lebt, auch von mir und nicht aus der Times vom Brexit. Schwesterchen schnaufte am Telefon und befand, dass die Engländer noch nie durch besondere Herzlichkeit oder Offenheit aufgefallen seien. Sie muss es schließlich wissen, denn die Frau, die heute ihre Schwiegermutter ist, gab ihr als Schwesterchen und ihr Sohn ausgingen, nicht einmal die Hand zur Begrüßung. Heute verehrt niemand Schwesterchen so, wie ihre Schwiegermutter, aber das ist eine ganz andere Geschichte. Damals also schnaufte Schwesterchen noch einmal und erzählte mir von einem karamellfarbenen Paar Stiefel, die ich unbedingt probieren solle. Ich nickte g*ttergeben. Dann sprachen wir über andere Dinge. Den Brexit erwähnte ich nur dann und wann denn Schwesterchen vermeidet Nachrichten, wann immer sie kann. Schwesterchen vermeidet Nachrichten, aber das heißt noch lange nicht, dass sie der Realität keine Beachtung schenkt. Jeden Morgen nämlich nachdem Schwesterchen ihre vier Kinder mit Küssen, Brotdosen und einer Umarmung in Schule und Kindergarten verabschiedet hat, fährt meine Schwester bepackt mit einem Rucksack und zwei gewaltigen Jutebeuteln mit der U-Bahn in eine Schule, die in einem sogenannten Problembezirk liegt. Zusammen mit zwei Freundinnen, bereitet sie dort allen Kindern, vor allem aber jenen die ohne Brotdose in die Schule kommen ein richtiges Frühstück. Die meisten Kinder, die ohne Brotdose kommen sind nicht aus Pakistan, Nigeria, Rumänien oder Polen, es sind besonders oft Kinder von Eltern, die oft besonders stolz darauf sind, Englisch zu sein, vielleicht weil sonst nicht viel Stolz übrig bleibt. Es sind Kinder aus Familien, in denen oft nicht zwischen wichtig ( Essen auf dem Tisch ) und einem neuen Tattoo ( nicht so wichtig ) unterschieden wird. Es sind Familien in denen der Fernseher oft der einzige Gesprächspartner ist, der nicht schreit. Es sind Familien ohne Väter und mit oft überforderten Müttern. Es sind Kinder, die Fäuste früher kennen gelernt haben, als offene Arme und die sich oft erstaunlich gut wegducken können. Es sind Kinder, die gemeinsame Mahlzeiten als etwas ganz und gar Außergewöhnliches wahrnehmen. Es sind Kinder, die morgens oft die einzigen sind die aufstehen, weil den anderen irgendwann der Tag entglitt.

Während die Kinder also schreiben oder rechnen, schnitzt Schwesterchen, Apfelkronen, bastelt Bananenboote, richtet Mandarinenspalten als Schmetterlinge an, belegt Brote mit lustigen Gesichtern und füllt Müsli und Chocopops in Schüsseln. Schwesterchen weiß welche Kinder ihre Äpfel am Liebsten in Erdnußbutter tauchen und welche Kinder keine Milch mögen, sie weiß ganz genau, wer das Brot wie kross getoastet haben mag und wer ein Gurkenmännchen dem Bananenboot vorzieht. Schwesterchen kennt alle Kinder beim Namen und weiß wer prima Fußball spielt, wer toll Rechnen kann und wer die schönsten Bilder der Sonne malt. Schwesterchen lebt seit fast zwanzig Jahren in London und seit 18 Jahren bereitet sie jeden Morgen das Frühstück für die Kinder. Jedes Jahr zu Weihnachten bekommt Schwesterchen, Stapel von Karten ehemaliger Frühstückskinder, die längst erwachsen sind, aber die noch nicht vergessen haben, wie das ist, wenn man willkommen ist, so wie man ist. Es geht natürlich eigentlich nicht um Toastbrot und Müsli, auch nicht um Mandarinenschmetterlinge oder Apfelkronen, sondern Teil der Frühstücksrunde ist, dass Schwesterchen, wie auch die beiden Freundinnen jedem Kind eine oder auch mehrere, so viele Umarmungen wie ein Kind eben braucht, anbietet. Die Umarmungen meiner Schwester sind nämlich ganz besonders. Schwesterchen zieht jeden, vor allem aber diejenige, die es ganz besonders brauchen fest in ihre Arme. Die Kinder, die als frech und aufmüpfig gelten, die Kinder, die den Unterricht stören, die Kinder, die überall blaue Flecken haben, die Kinder, die selten sprechen und die Kinder, die man überall hört, vor allem aber auch die Kinder vor denen sich alle grausen, weil niemand ihnen die Haare wäscht oder mit ihnen die Fingernägel schrubbt, meine Schwester aber hält sie nur noch fester. Schwesterchen sagt ihnen allen, während sie in ihren Armen liegen, genau das was sie auch ihren Kindern und mir, wann immer sie uns umarmt sagt: „Du bist schön, du bist klug, du bist wunderbar, genau so wie du bist.“ Schwesterchens Umarmungen dauern immer genau so lange, wie jeder einzelne braucht, um diese Sätze zu verstehen. Die Umarmungen meiner Schwester sind die dickste Mauer gegen die Kränkungen der Welt, die man sich nur vorstellen kann. Schwesterchens Umarmungen sind Wellenbrecher und wo andere Umarmungen erdrücken, ist in den Armen meiner Schwester immer Platz zum Wachsen. Für manche Kinder müssen die Umarmungen für einen ganzen langen Tag reichen und viele Kinder laufen aus dem Frühstückszimmer noch einmal zurück in ihre Arme.

Selbst als Schwesterchens Kinder noch ganz klein waren, gab sie den Frühstückstisch nicht auf. Das jeweilige Kind band sie sich um die Hüfte und belud den Kinderwagen eben mit Lebensmitteln. Seit fast 19 Jahren also ist meine Schwester Frühstücksfee. Gestern aber kam meine Schwester wie jeden Tag beladen mit Jutebeuteln und Rucksack in die Schule. Nach dem Frühstück bat die Direktorin sie und die zwei Freundinnen zum Gespräch. “Eltern hätten sich beschwert”, sagte die Direktorin. “Die Eltern wollten nicht, dass ihre Kinder, Gemüse oder Obst bekämen, das aus der EU komme.” Die Eltern seien überhaupt gegen die EU-Diktatur, die nicht nur Gurken norme und die Bananenkrümmung messe, sondern die grundsätzlich  Obst und Gemüse als wertvollen Bestandteil jeder Ernährung propagiere, dabei entspräche dies nicht der Tradition eines englischen Frühstücks.” Schwerer aber noch wiege, das Schwesterchen als auch die beiden Frühstücksfeefreundinnen keine Hiesigen im richtigen Sinne seien und von den Eltern als „fremd“ wahrgenommen würden. Dies müsse die Schulleitung natürlich ernst nehmen. Sie möchten also bitte verstehen, dass das morgendliche Frühstück wohl nun nicht weiter stattfinden könne. Die Zeiten seien ohnehin nicht danach. Es sei schließlich auch ihre Verantwortung als Rektorin, darauf achtzugeben, dass an ihrer Schule keine vergifteten Äpfel in Umlauf wären.

Edit, 15.10. 2016. Many readers have asked me for an English version of the text. While I have no time anyway I just made one…It is not the best and certainly no literary translation but at least an attempt to make the story available in English, too.

“The poisoned apple”

My sister does not read a newspaper and she never listens to the radio. She has no TV either. Whenever she can my sister does her best to avoid news at all. For the news she has me. I brush my teeth to the morning news at 5 AM and I practice handstand to the midnight news. Old school as I am I do keep a newspaper and read it, too. My sister though knew when everybody else still believed in “Brangelina” that Angelina and Brad had split up. My sister said: “Read on, you should really do something with your messy hair now.” My question if she would really think that a heartbroken Brad Pitt would seek refuge in the small Irish village of mine did not make her laugh at all. “Your little clever remarks”, she said hissing angrily at me, “haven’t produced a man, who passes over the news to you, haven’t they?” While my sister, who lives in London by the way, is so good at avoiding news it was me who told her about Brexit and not the London Times. On the phone she sighed angrily. “The English” she said, “have never been to warm and welcoming as think they are.” She must know because the woman that would become her mother-in-law did not even greet her when she was dating her son. Today nobody loves my sister more than her mother-in-law. But that’s a story for another day. Back then however when I told her that a majority had voted for leaving the European Union, my sister sighed again and before she heavily advertised a pair of caramel-coloured boots I should try on. I nodded meekly. Then we spoke about other things. I brought up the Brexit here and then and my sister sighed. Saying that my sister does not care much about the news, however does not say, she avoids reality. Nothing could be more wrong.

Every morning after hugging and kissing her four children who go to kindergarten or school, my sister shoulders a big and heavy knapsack and two extremely heavy bags then she gets on the Tube and makes her way to a school in a neighbourhood most people would call a disadvantaged and poor one. My sister makes the trip to the school on every weekday. Together with two friends she prepares a breakfast for all children but especially for those children who do not get breakfast at home or bring a lunchbox with them. Most children who have no lunchbox or come hungry to school are not from Pakistan, Nigeria Romania or Poland. Most children come from families, being very proud of their English heritage because there isn’t so much else to be proud of. The children live in families where the distinction between what’s important ( food on the table ) and what can wait ( a new tattoo ) does not take place. The children grew up in a world, where the TV is the only one not shouting. Many children are from families, where the fathers are long missing and the mothers distressed and distraught. They are children knowing the force of fists better than open and warm arms and who know too well, how to back off. Most children don’t know anything about having a family meal together. Most children are the only one in their families who are getting up in the morning because the adults have lost track somehow on their way.

While the children are learning to write or doing maths my sister and her two friends are preparing breakfast. My sister makes crowns from apples and is a master of making banana boats. She arranges mandarins in the shape of a butterfly and makes toast with funny faces. Further there is muesli and of course Chocopops. My sister knows all her children well. She knows which children love to dip their apples in peanut butter, and those despising milk as well as she can tell who needs his toast nearly burnt to coal. She knows who asks for a banana boat and who prefers a little man made of cucumber. My sister knows all the children by name. She knows who is the next football star and who is great at maths. She knows who paints the most beautiful pictures of the sun. Since nearly twenty years my sister lives in London now and for nearly eighteen years now, she makes breakfast for the children on every single day. Every year around Christmas time my sister is getting piles of cards, from all her former breakfast club children who are long grown ups now, but still they do remember that they were welcome, exactly as they are. The breakfast is of course not about brekafast, even if mandarin butterflies and banana boats make a nice treat. Part of every breakfast is that my sister and her friends are offering a big hug to all children who need one or more. My sister’s hugs are special. My sister especially draws those children in her arms, who are known as naughty and troublemakers. My sisters hugs those children who come with blue bruises, and those who nearly never speak and those you can always hear, even from afar. My sister embraces the children coming with greasy hair and pitch-black fingernails because nobody looks after them properly. As she says to her children or to me whenever she hugs us, she tells the children in her arms: “ You are beautiful, you are smart and you are perfect as you are.” My sister’s hugs are as long as you need them to be and they last as long as every child needs to grasp the sentence she whispers in their ears. My sister’s hugs are the strongest walls you can imagine against the injustice of the world. They are able to keep you safe and warm even against the strongest storm you can imagine. While some hugs pin you down, you can grown in my sister’s arms. For many children it is the only hug they get during a long day and many of them are running back to her to get another one before they return to class.

Even when my sister’s own children were very small, my sister did not give up her breakfast club.My sister carried her children on her hip and put all the food into the stroller. For nearly nineteen years my sister has been a breakfast fairy as we call her. Yesterday my sister came as she ever does with her knapsack and her heavy bags and prepared breakfast. But when the children had returned to class, the head of school called my sister and her two friends into her office. “Parents are complaining”, she said. “The parents did not want their children having fruit imported from the EU for breakfast. The parents anyway were opposed to the tyranny of the European Union not only standardizing the shape of cucumbers and regulating the curvature of bananas but advertising fruit and vegetables as part of a healthy nutrition; this being not part of the authentic tradition of a genuine English breakfast.” However the headmaster went on, even more problematic is the fact that they, my sister and her two friends, are no “locals” in the proper sense of the meaning but strangers. She as the headmaster had to take these complaints seriously. “You clearly” understand she said, “that the breakfast club could not go on any longer. Times have changed. She now had to make very sure there were no poisoned apples in her school.”

Zahnreihen

Im Bus auf dem Weg zum Flughafen. Eingeklemmt zwischen riesigen Koffern und in Käfigen hechelnden Hunden, stehe ich mit dem Rücken zur Wand. Vorsicht vor Rentnern mit Rucksäcken, sage ich mir nachdem ich schon mehr als einen in die Magengrube gestoßen bekam. Ich werde doch nicht etwa anfangen aus meinen Fehlern zu lernen? Erst später sehe ich den jungen Mann und seine vier Schwestern. Ich stehe zu weit weg, um zu hören woher sie kommen. Yemen glaube ich, aber ich mag mich irren. Keines der Mädchen ist älter siebzehn Jahre alt und die fünf Geschwister lachen und scherzen miteinander, selbst der Bruder, der selbst fast noch ein Kind, die Verantwortung trägt, wird mitgerissen. Eine der Schwestern muss eine witzige Geschichte erzählen, denn die vier anderen, kringeln sich vor Lachen und erst als ich mich an ihrem Lächelns sattgesehen habe, sehe ich die Zähne. Die Mädchen, die doch so hell lachen, haben klaffende Lücken im Kiefer, ganze Zahnreihen fehlen ihnen, schwarze Löcher tun sich auf, auch beim Bruder, der keinen einzigen Vorderzahn mehr besitzt. Die Zähne der kleinsten der Schwester, stehen schief und krumm, mager und bröcklig, fast möchte man sagen aufgegeben. Das ist der Krieg, der Krieg wo auch immer, das sind ja nicht nur zerberstende Häuser und brennende Straßen, sondern die gekappten Wasserleitungen, der Mangel an Hygieneprodukten, der Hunger, er frisst sich nicht nur in die Rippen hinein, sondern zieht die letzten Reserven aus den Zähnen, die dann nutzlose Stümpfe geworden, als Relikte anderer Zeiten vom Krieg erzählen.

Diese Zähne oder besser diese Lücken kenne ich gut. Die Kinder im indischen Slum haben sie auch. Verfault sind die Zähne, nach den Milchzähnen, fallen bald auch die bleibenden Zähne aus und Glück haben diejenigen, die mit zehn Jahren ein billiges, schweres Gebiss bekommen, eine Prothese, aber eine die nichts mit den Dritten zu tun hat, mit denen in der hiesigen Werbung, gut gelaunte Rentner herzhaft in einen grünen Apfel beißen. Viele Kämpfe führt man ja und ich seit Jahren einen mit der Zahnbürste. Ungezählte Kofferladungen und der hartnäckige Versuch, den Gebrauch der Zahnbürste zu etablieren. Dort wo es keine Zahnbürsten gibt, oder Zahnbürsten für diejenigen, die sie am dringendsten brauchen, unerschwinglich teuer sind. In den ersten Jahren sind mir stets mit stolzem Lächeln, die originalverpackten Zahnbürsten präsentiert worden. Aus diesem Fehler habe ich gelernt und heute immerhin, kommen die Kinder zum Putzen in die Klinik, es gibt Milch und Obst und dann geputzte Zähne. Inzwischen machen manchmal auch die Eltern mit. Aber auch hier ist es ein zäher Kampf gegen die Unterernährung und den allgegenwärtigen Mangel, der schwarze Abgründe hinterlässt.

In Dublin ist es kalt und stürmisch, aber von weitem schon sehe ich die schmale Figur des Tierarztes, so schmal, dass ich glaube der Wind zieht ihn mit. Aber da sieht er mich schon und läuft mir entgegen. Eine halbe Stunde später sitzt er am Küchentisch und ich richte eine Kokos-Möhrensuppe. „Mit Ingwer für Dich?“, frage ich ihn und der Tierarzt nickt. Einmal sagt er, während des Studiums noch, bei einem Praktikum in der Landwirtschaft, habe er einer Kuh einen Zahn gerissen, den habe er lange mit sich herum getragen. Der Tierarzt schüttelt den Kopf. „In den Zeiten des großen Hungers, sagt er und sieht mich an, brach mir einmal ein Zahn heraus, aber ich war nur froh darum und fühlte mich deutlicher leichter.“ Noch später als es sowieso schon ist, putze ich mir die Zähne, aber im Spiegel sehe ich nicht mich, sondern die Zahnlücken der vier Mädchen, klaffend und übergroß, verzerrt und unleugbar, das ist der Krieg, den wir so gern in großen Wörtern beschreiben und vor allem verdrängen, aber hier in den kaputten Mündern der anderen, können wir sehen, was wir alles nicht wissen wollen.