Während du schliefest.

FullSizeRender-24

Nachts um Zwei Uhr klingelt das Telefon. Nein, nicht das alte iphone neben meinem Bett, sondern das irische Telefon unten neben dem Sessel auf dem die Katze selig schläft. Nicht nur weil es Nachts um Zwei ist, und auch nicht weil die Nummer nicht mehr als fünf Menschen haben, ahne ich doch, dass es nur meine liebe C. sein kann. Niemals würde Sie mich zu dieser Stunde- auf dem scheppernden Mobile anrufen, um mich und den Tierarzt zu wecken, sondern sie lässt das Telefon klingen, leise und fragend und wachte ich nicht auf, so bin ich mir sicher, wäre sie fast erleichterter, als sie es ist, als ich die Treppe hinunterlaufe, mich auf die Sesselkante setze und sage: „Liebes bist Du in Ordnung?“ „Ich schon flüstert die C. aber die drei Grazien- ihre Arzthelferinnen sind krank.“ F. der einspringen könnte, kommt aus dem Krankenhaus nicht los, mein Vater ist gar nicht in Deutschland und dann flüstert die C. fast unhörbar: „Könntest du kommen?“ Die liebe C. kann mich nicht nur Nachts um Zwei anrufen, sondern für die C. würde ich von viel weiter weg kommen, als nur von Irland aus. „JA“, sage ich und die C. am anderen Ende des Hörers atmet aus. „Warum bist du überhaupt wach Süße?“ sagt sie und wir wissen beide: alte Träume, die mir durch die Nächte fahren. Dann schicke ich die C. zurück ins Bett. Ich packe Tasche und Bücher zusammen, räume weiter die Küchenschränke aus ( Pessach kommt mit großen Schritten näher ) und alles Chametz- haltige kommt zum Tierarzt. Die Katze kommt auf eine Untertasse Milch vorbei und ich richte eine Tomatensuppe mit Reis, denn beim Tierarzt muss man sich wirklich fürchten, dass er verhungert, ist man auf ein paar Tage verreist. Bevor aber der Tag wirklich und vollständig anbricht und ich aufstehen muss, gehe ich noch einmal die Treppe hinauf, und ziehe ein kleines, bisschen, aber ganz vorsichtig nur am Federbett, von dem der Tierarzt mir eine Ecke abgeben soll. Für eine dreiviertel Stunde sehe ich den Tierarzt an. Im Licht und am helllichten Tage ist der Tierarzt immer im Schatten, lehnt halb verborgen hinter einem Türrahmen oder verschwindet fast in der Hand. Selbst in einer Schafherde, die dem Tierarzt doch höchstens bis zum Knie reicht, muss man den Tierarzt suchen, der mit dem Rücken an einen Baumstamm gelehnt ein Lamm auf den Knien hält. Auf dem Bild, das unten im Wohnzimmer auf dem Kaminsims steht, und auf dem die ganze Tierarztfamilie versammelt ist, sieht man nur das Bein und einen halben Ellenbogen. Da ist der Tierarzt zehn Jahre alt und damals schon ließ sich der Tierarzt mehr erahnen als wirklich sehen. Ganz anders aber am Schlaf: während ich nur unter Decken und Kissen vergraben, und einem riesigen afrikanischen Tuch mumiengleich eingewickelt schlafen kann, liegt der Tierarzt mit den Armen hinter dem Kopf ausgetreckt neben mir. Fast verschwunden sind die Schatten, die mit dem Tageslicht zu ihm kommen, jetzt aber in der letzten Stunde der Nacht, atmet der Tierarzt leise ein- und aus. Ein heimliches Lächeln gar zieht sich über seine Lippen und ich sehe den Tierarzt an, dem die Haare tief in die Stirn fallen, und der auf dem Rücken liegend sacht und zart vom Schlaf selbst behütet inmitten der Träume geht. Zart sind seine Züge, im Schlaf ist der Tierarzt noch immer acht Jahre alt und noch immer liegt dort das Kind, das kaum sprach vor allem nicht mit Menschen, sondern vor allem mit dem Hund, der eigentlich auf dem Bettvorleger verbleiben sollte, uneigentlich aber Nacht für Nacht neben dem Tierarzt schlief. Schöne, schwarze Wimpern, ganz leicht zuckt ein Wangenmuskel, so als wolle der Tierarzt eigentlich gleich lachen, herzhaft und heiter, er der traurige Schatten immer in den Mundwinkeln trägt. Ich will es mir festhalten, dieses dein Bild für später und lange schon magst du irgendwann neben jemand anderen liegen, diese Stunde neben dir in der Dunkelheit, die gehört mir, ich werde sagen können, ich habe dich schlafen sehen und sah wie die Schatten Dir entwichen und still habe ich dagelegen und dir beim Schlafen zugesehen. Dann dämmert der Morgen herein, ich stehe auf und mache Tee, dann küsse ich Dir die Mundwinkel rosig und erzähle dir vom Anruf der C. Noch immer halten die Schatten sich von dir fern und erst als ich Dir Tür hinter mir zuziehe, kehren die Schatten zu dir zurück. Im Flugzeug dann endlich, schon neigt der Tag sich dem Ende zu, schlafen zwei schwere Männer neben mir tief und fest, schnarchen und neigen die Köpfe, aber ich sehe nicht hin, nicht umsonst kann ich weder im Flugzeug noch in der Bahn schlafen, und immer muss ich ein Tuch um mich herum gewickelt wissen, denn der Moment der Entblößung im Schlaf schien mir immer zu groß für das, was ich der Welt zu zeigen gewillt bin. Als Kind glaubte ich die Nachtwächter, die in alten Tagen die Städte vor dem Feuersturm aufwecken sollten, würden eigentlich den Schlaf bewachen und für viele Jahre gab ich als Berufswunsch Schlafwächter an und stellte mir vor ich zöge von Fenster zu Fenster und pflückte den Nachtmahr von den Köpfen in den Federbetten. Dann zöge ich weiter und sänge: Hört ihr Leut, und lasst Euch sagen:Unsre Glock hat Elf geschlagen! Aber ich bin etwas anderes geworden und lasse die beiden Männer mit ihrem Schlaf allein. Im Fenster weiße Wolken, blass blau und hell rosa, vielleicht liegen hier die Träume begraben. In Berlin schwarze Nacht, mit dem Auto schließlich vorbei an Grillstuben, Spielhöllen, Apotheken, einem McFit, dem Gefängnis, dort brennt kein Licht mehr, eine Bäckerei und Wohnhäusern, in vielen Fenstern flimmert Fernsehlicht, eine Frau schon im Nachthemd raucht aus dem Fenster, ein Mann im Unterhemd stemmt Hanteln auf dem kleinen Balkon, schon bin ich auf der Autobahn immer noch weiter und weiter, der kleinen Stadt und der lieben C. entgegen. LKW’s und vereinzelte Autos bloß, nur nicht noch müder werden und lieber leise mitsingen.

Dann endlich vertraute Straßen, den Kirchturm noch vor der Stadt erahnen, die C. hat für mich das Licht angelassen. Motor aus. Die Treppenstufen fünf und acht auslassen, doch die C. läuft mir schon entgegen. Endlich Schuhe aus und mich küssen lassen. Für zehn Minuten sitze ich auf der breiten Fensterbank und sehe auf den Marktplatz herunter. Alles schläft, Hört ihr Leut, und lasst Euch sagen:Unsre Glock hat Zwölf geschlagen! Kein Nachtwächter kommt mehr. Müde bin ich, aber mit dem Kopf an das kühle Fensterglas gelehnt, denke ich an den Tierarzt, der ungefähr jetzt die Zähne putzt und die Bettdecke aufschlägt, die Arme hinter dem Kopf verschränkt, die Augen schließt und verborgen vor der Welt einschläft mit heiter zuckenden Mundwinkeln und immer kleiner werdenden Schatten. Dann stehe ich auf, und gehe selbst ins Bad, und nicke der müden Frau im Spiegel leise zu.

Der Herrenreiter

Still liegt die Straße vor mir im frühen Morgenlicht.Es ist kurz nach halb Sieben. Die Pendler haben sich in alle vier Winde zerstreut und auch ich gehe mit Büchern bepackt die Straße hinunter.Eine Kehrmaschine fährt kreiselnd über das Pflaster, ein Zeitungsverkäufer sperrt seinen Kiosk auf und die Gemüsehandlung am Eck bekommt Tomaten geliefert. Halb sieben Uhr ist es erst und der Tag selbst gähnt noch ein wenig und ich gähne auch, ja selbst der Mann vom Zeitungskiosk reckt sich und streckt sich. Blank ist der Morgen, milder Himmel und blasses Licht, eine Ecke Morgenrot sogar und in den Blumenkübeln recken die Stiefmütterchen ihre Köpfe. Schon biege ich nach links und passiere das alte, ehrwürdige Dubliner Postamt, noch heute kann man dort Briefmarken kaufen, vor allem aber erinnert es an das Anfang vom Ende der englischen Kolonialherrschaft in Irland. Noch einmal gähne ich und plötzlich vernehme ich hinter mir ein leises Surren, ein Zischen gar.
Kaum drehe ich mich um, wird mir alles klar: hinter mir nähert sich ein Herrenreiter. Nein, die Herrenreiter des Jahres 2017 kommen nicht mehr auf einem schwarzen Rappen daher, sie tragen keinen schwarzen, hohen Zylinder wie einstamls die Herrenreiter die am Morgen durch den Hyde Park preschten oder Unter den Linden entlang galoppierten. Aber ein Herrenreiter ist er doch, der Mann auf dem Fahrrad, der sich mit leisem Surren nähert. Wie die Herrenreiter anderer Tage sitzt er aufrecht und mit geschwellter Brust auf seinem- nun eben stählernem Ross- Cannondale steht in blitzenden Buchstaben auf rotem Lack geschrieben. Cannondale ist heute das, was einmal der Schimmel Wotan war. Während jener schnaubte, quietschen die Bremsen, denn was ein Herrenreiter ist, der bremst nur in letzter Sekunde vor dem Kisten schleppenden Lieferanten. Denn ein echter und wahrer Herrenreiter, der kennt nur vorwärts und niemals zurück. Keine Konfrontation ist dem Herrenreiter zu gering und während Wotan am Zügel stieg, bricht vom Cannondale eben das Hinterrad aus. Ein Herrenreiter gibt kein Pardon. Was dem Herrenreiter warmes Kulmbacher Bier und eine behagliche Zigarre waren, das ist dem Herrenreiter der Neuzeit die glimmende Zigarettenspitze, die er im hohen Bogen auf das Pflaster wirft. Soll doch die Kehrmaschine sich mit solchen Kleinigkeiten befassen. Hier sprengt ein Herrenreiter vorbei. Der Herrenreiter- so wandeln sich die Moden- aber trägt keine Lederhandschuhe mehr, sondern riesige Kopfhörer auf den Ohren, daraus dröhnt lauter Gesang. Ein Herrnreiter will schließlich angekündigt werden, prescht er hoch zu Ross dahin. Alles andere wäre Verschwendung, natürlich trägt der Herrenreiter keinen Helm. Wie alle Welt weiß, ist nichts leichter zu kränken als die Ehre eines Herrenreiters.
So prescht der Herrenreiter auch am bücherschleppenden Fräulein vorbei. Er sitzt nicht im Sattel, nein er thront, alles an ihm ist Anspannung und Muskelspiel, ist gezähmter Wille und mühelose Eleganz, dass dabei das Fräulein zur Seite springen muss, nehme nicht Wunder, denn wenn einst Wotan am Zügel stieg, mussten die Gouvernanten mit Hans und Franz und Grete am Arm eben in die Pfütze springen. Seit wann hat sich je ein Herrenreiter mit solchen Lässlichkeiten abgegeben? Schon hat der Herrenreiter mich überholt, sein Können stellt er in Schlangenlinien und gewagten Kurven unter Beweis, selbst die Möwen verziehen sich krächzend auf die Bäume. Alles stehe und staune: ein Herrenreiter weilt unter uns.
An der nächsten Querstraße aber verläuft die Trambahn, die hier auf den hübschen Namen LUAS hört quer zum Straßenverlauf und justament biegt Selbige um die Ecke. Ist dies nun ein Grund für einen Herrenreiter hoch zu Ross, beflügelt vom milden Morgen und lauter Musik, vom schneidigen Cannondale über Stock und Stein getragen ein Grund abzubremsen, ja gar anzuhalten? Dies entspräche vielleicht der Natur eines ängstlichen Fräuleins, auf dem Rücken eines Ponys klammernd aber doch niemals einem wahren und echten Herrenreiter. Hätte denn Wotan jemals gezögert, ginge es darum ein Rennen zu gewinnen? Nein, nein und dreimal nein. Gemäß des alten Herrenreiterehrenkodexes also legt auch dieser,unser morgendlicher Herrenreiter alle Kraft in die Pedale, das Rad bricht vorwärts, die Speichen klirrren, gut geölt zischt die Kette, ein höherer Gang, da mag die Trambahn auch noch so vorwurfsvoll schellen- ein Herrenreiter will vorbei- vorübergebeugt wie bei einer Hatz im Englischen Garten liegt der Herrenreiter über dem Lenker, doch oh- das Rennen ist schon verloren und mit einem dumpfen RUMS knallt der Herrenreiter gegen die Trambahn.
Das Cannondale hat seinen Reiter abgeworfen und liegt mit verdrehtem Lenker und rotierenden Reifen auf der Straße. Es ist als hätte der schöne Wotan sich die Fesseln verstaucht. Ach, Herrenreiter! Ach, Cannondale, welche Weh.
Hinzu kommt der fluchende Trambahnfahrer, dessen Achtung vor Herrenreitern deutlich zu wünschen übrig lässt. Keine Achtung, kein Benehmen: „Freundchen“, dir will ich es geben!, statt Bewunderung für den Schneid des Herrenreiters. Wäre dies 1900 so wäre die Trambahn einer Brauereiwagen gewesen und der Bierkutscher hätte Schwielen an den Händen und beim Wort Polizei nur gelacht. Hier aber setzt es weitere Flüche und Häme dazu. Tritt da der Trambahnführer nicht auch gegen das gestürzte, jämmerlich daliegende Cannondale? Ein Schmock, der sich an Wotan vergreift. Der Herrenreiter inzwischen berappelt, und offensichtlich- das Glück ist den Herrenreitern gewogen- ohne größeren Schaden, keift ganz nach Herrnreiterart zurück. Doch auch die Trambahn scheint unversehrt. Inzwischen hupen Autos ob der versperrten Straße und mit grimmigen Blick kehrt der Trambahnfahrer ins Führerhaus zurück. Dann ruckt die Bahn an. Der Herrenreiter aber ist ein Bild des Jammers, wo eben noch stolze Schönheit war, ist nun geducktes Elend. Die Kopfhörer zerborsten, die Jacke voll Straßendreck, aber ein Herrenreiter trägt seine Blessuren mit Würde und kennt keinen Schmerz.
Schlimmer jedoch wiegt der Zustand des Cannondale. Eine dicke Acht hat das Vorderrad davongetragen, zerkratzt ist der rote Lack, missmutig hebt der Herrenreiter das Fahrrad auf. Ein letzter Blick geschlagen ziehen Ross und Reiter von dannen. Gebückter, trauriger und ganz und gar von Gram gebeugt hat man jemals, auch nicht um 1900 einen Herrenreiter seinen Wotan mit schleifenden Zügeln zurück zum Stall führen sehen.

Angesehen: Elle

Ich gehe fast nie ins Kino. Selten öfter als ein- oder zweimal im Jahr. Zu schnell sind die Bilder mir, oft ist der Film schon zu Ende, bin ich noch beim dritten Bild und noch viel öfter erschließen sich mir die Bilder nicht, schon schlafe ich ein oder lege lange Listen kommender Tage an und nicke abwesend fragt man mich, ob mir der Film gefiele.
Eine einzige Ausnahme gibt es, ich gehe immer dann ins Kino gibt es einen Film mit Isabelle Huppert. So sitze ich am Samstag Abend nicht mit Buch im Sofaeck, sondern neben dem Tierarzt im Kino. Elle heißt der Film und sie, Isabelle Huppert ist dieser Film. Alle anderen Rollen, alle Szenen, alle Motive, all das könnte auch verschwommen sein, denn sie sind überflüssig, immer ein fast schon schroffer Gegensatz zu ihr, zu dieser Frau, die in diesem Film Michèle heißt. Es geht, aber das können sie anderswo besser  nachlesen, um eine Vergewaltigung, aus der eine Geschichte aus losen, miteinander verbundenen Enden wird. Aber all das sehe ich nicht, denn ich sehe ja vor allem Isabelle Huppert zu, die ja keine Rolle verkörpert, sondern eine Möglichkeit darstellt. So kann es sein, das kann eine Frau sein und sagen, so geht es und es geht auch ganz anders, es ist alles ganz anders, denn wir sind nie nur wir, sondern in uns liegen Biographien der anderen und nur Bruchstücke und Splitter davon zeigen wir in dem was wir unser Leben nennen der Welt. Isabelle Huppert anzusehen, ist ein Blick in einen verschwommenen Spiegel, denn anders als für andere Sprachen gilt für Französisch noch immer das, was für andere Sprachen nie gelten wird, ich verstehe die Sätze, die sie sagt, nicht allein im Wortsinne, sondern in ihren Andeutungen, in ihrer Melodie, die ich mitgenommen habe in andere Sprachen, auch noch als ich meinen Akzent verlor. Ich höre meine Mutter, ich höre meine Mutter schon lange nicht mehr, aber hier auf der Leinwand, höre ich sie noch einmal in einem Satzanfang, ich schließe die Augen, aber nicht vor dem Geschehen, das wäre zu einfach. Ich sehe Isabelle Huppert und ich sehe meine Handbewegungen gespiegelt, eine Haarsträhne hinter das Ohr geschoben, eine angdeutete Augenbraue nach oben verzogen, links von mir sitzt eine Französin, und in ihr liegt die gleiche Handbewegung, wir sehen uns an, wir sehen Isabelle Huppert. Ich weiß nicht, ob es richtig ist zu sagen, dass dies ein Film mit Isabelle Huppert ist, es sind Bilder von Isabelle Huppert. Eins dieser Bilder: ein Sturm dräut und die schweren türhohen Fensterläden schlagen klappernd gegen die Hauswand. Der Nachbar kommt herüber ihr bei der Befestigung der Läden zur Hand zu gehen und dann beugt sie sich hinaus in den tobenden Wind, ein nur angedeutetes Lächeln, ein wenig fliegendes Haar auch, aber in ihrem Gesicht, unter den halbgeschlossenen Augen, ist Isabelle Huppert, Ikarus und Amazone und niemand wunderte sich schlösse sie die Augen, stieße sich vom Boden ab und flöge davon. Nichts wäre realistischer, als wenn sie es täte, aber sie schließt die Tür, und noch bevor sie sich wieder dem Nachbarn zuwendet, hat sie uns gezeigt, die wir dort vor ihr sitzen im dunklen Zimmer, was eine Möglichkeit sein kann. Ein anderes Bild schon am Ende des Filmes: Isabelle Huppert steht als Michèle auf einer Firmenfeier. Der Abend ist das was man erfolgreich nennt. Gläserklirren, feine Kleider, gelöste Stimmung wie man so sagt und sie und ihre Geschäftspartnerin, stehen zusammen. Dann plötzlich und ohne Vorwarnung, ähnlich als sagte bemerkte sie etwas über das Wetter, ein paar Schuh, erzählt sie ihrer Freundin, dass sie die letzten sechs Monate mit deren Mann geschlafen habe und wieder ist es ein Bild, keine Handlungsebene der ewig gleichen Schemata, es ist eine Möglichkeit. Sehen Sie so kann es sein, so kann radikale, schonungslose Ehrlichkeit aussehen. Ob das auszuhalten wäre, sei damit nicht gesagt, aber die Möglichkeit immerhin, die Möglichkeit besteht. Isabelle Huppert macht es vor. Nein, leicht anzusehen ist das nicht, die Folge dieser Möglichkeiten, in ihren Andeutungen, die uns verunsichern in uns selbst, wieder und wieder, wie wir ihr gegenübersitzen, zwei Stunden eingeschlossen mit dieser Frau, deren Möglichkeit Isabelle Huppert für uns ergründet. Glaubt man sich sicher, auf vertrautem Terrain und schon dreht sie sich weg, dreht sie sich weiter, schon steht eine neue Möglichkeit vor uns, schon erinnern wir uns unserer Möglichkeiten, schon wird uns kalt und der Blick in den Spiegel, verschwimmt, denn natürlich lässt sie den Spiegel beiläufig fallen, und erst später, viel später merken wir, wo genau wir uns eine Scherbe eingetreten haben. Es ist das Vertraute in dieser Frau, die ja nicht von jener schauspielerinnenhaften Schönheit ist, die immer wieder durch Lächeln und Brust raus und Bauch rein manifestiert werden muss, sondern es ist eine verstörende Vertrautheit, und eine großartige Fremde, denn natürlich ist Isabelle Huppert keine Allerweltsfrau, sondern das sie auch das sein kann, ist nur eine Möglichkeit. Selten aber will ich jemanden so unbedingt ansehen, und gleichzeitig wegsehen, weil es nicht auszuhalten ist, diese Präsenz, die in so alltäglichen, banalen Gesten in einem „Bon“ und einem „Ouf“ alles erzählt, auch und vor allem das was sich nicht erzählen lässt, erzählt sie während sie den Reißverschluss eines Kleides herunterzieht. Man möchte sich verstecken vor diesen Bildern und immer noch näher heran, es ist ein gieriges und fast schon unverschämtes Ansehen wollen, das mich überfällt, wenn ich sie sehe, diese Isabelle Huppert. Dann endet der Film, ein letztes Bild, natürlich geht sie ohne sich umzudrehen, ich aber verberge meine zitternden Hände in den weiten Manteltaschen und eine halbe Stunde braucht es im Auto neben dem Tierarzt bis Englisch in meinen Kopf zurückkehrt. Vollmond über den Dächern, der Tierarzt spricht über den Film, ich denke an Isabelle Huppert und streiche mir die Haare zurück hinters Ohr. Die Handlung des Films habe ich schon wieder vergessen, die Bilder hingegen nah unter der Haut.

Elle
France/ UK, 2016

Der Mann, der auch ein Mörder war.

unnamed-1.jpg

Einmal in der Woche verantworte ich an der hiesigen Universität eine abendliche Vortragsveranstaltung. Jede Woche also kommt ein anderer Vortragender und versucht die Studenten aus dem Pub und die Professoren aus ihren Höhlen Büros zu locken. Damit aber nicht genug, denn auch die interessierte Öffentlichkeit ist herzlich willkommen. Die interessierte Öffentlichkeit erscheint zahlreich, ob das an den aufregenden Vorträgen oder am bereitgestellten Wein liegt, vermag ich nicht zu sagen, denn bekanntlich trinke nicht, weder an diesem noch an einem anderen Abend. Die interessierte Öffentlichkeit trägt hier Cordjackett, Tweed, Krawatte, Perlenkette und Twin-Set. Die Frauen waren vor dem Vortrag beim Friseur und die Männer auf ein Bier im Pub. Leider habe ich noch nicht herausgefunden, warum die Männer, nicht aber die Studenten aus dem Pub zum Vortragsabend zurückkommen. Die Frauen fragen den Vortragenden nie etwas, aber machen Notizen, die Männer haben keine Stifte dabei und fragen den Vortragenden immer etwas und mag der Vortragende auch über Ludovico Medici sprechen, die anschließenden Diskussionen drehen sich natürlich um die Frage, ob Ludovico nicht doch aus Kildare kam. Ich mag die Abende gern, und das die interessierte Öffentlichkeit auch vor dem Fernseher sitzen könnte, ist mir natürlich klar. So weit so gut. Woche für Woche.

Eines Abends aber, vor ein paar Wochen kam nach dem Vortrag eine Frau in rosa Twin-Set und elegant geknoteter Perlenkette zu mir: „Sie wolle sich beschweren.“ Ich glaubte der Wein sei wohlmöglich sauer und ich möge nun Ersatz beschaffen. Aber am Wein hatte die Dame nichts zu bemängeln. Wohl aber am Publikum. „Ein Mörder“ sagte die Frau mit verzerrter Stimme zu mir „säße im Publikum, ganz hinten links, gleich neben der Tür“ und sie sei „nicht gewillt ihre Atemluft mit der eines Verbrechers zu teilen.“ Ich lächelte freundlich und versprach mich der Sache anzunehmen. Der Mann auf den die Frau mit vor Empörung zitternder Hand zeigte, sah genau so aus, wie alle anderen im Raum: Cordhose, Tweedjacket, braune Schuhe. Die Frau verließ mit ihrem Mann am Hacken den Raum. Ich räumte die Stühle zusammen, trug die Weinflaschen in den Container und lüftete einmal durch. Ein Mörder murmelte ich und schüttelte den Kopf. Als ich am Flaschencontainer über eine schwarze Katze stolperte, erschrak ich, vor allem über mich und fuhr nach Hause. Dann dachte ich nicht mehr an den Mörder und streichelte die Katze auf der Fensterbank.

In der nächsten Woche schon erreichte mich eine Vielzahl von Emails. Die wenigsten von ihnen waren freundlicher Natur, sondern forderten im besten Wutbürgerstil den Rauswurf des Mörders aus der Veranstaltung. Wieder andere entwarfen schlecht gephotoshoppte Fahndungsplakate und montierten meinen Kopf neben den des Mörders auf eine Arte Holzgalgen. Andere wiederum entwarfen ein Szenario, dass Dantes Höllenzirkel als lustige Fahrt mit dem Kremser und anschließendem Biergartenbesuch erscheinen ließ.
Ich googelte den Namen des Mörders. Der Mann hatte fast 25 Jahre im Gefängnis verbracht, las ich und dann machte ich das Notebook wieder zu. Ich lese keine Krimis, mich interessieren auch keine Splatter-Movies und mein Teufel ist immer der bebrillte Musikintelligenzler Thomas Manns gewesen niemals ein Clown mit blutunterlaufenen Augen. Nachts aber lag ich lange wach und besah mir die Emails und Bilder, bis der Tierarzt den ausgedruckten Stapel nahm und in den Papierkorb warf.
Am folgenden Vortragsabend wunderte ich mich und sah in die Runde. Die Anwesenden mit Perlenketten und Tweedjackets also, allesamt höflich, kultiviert und mit Universitätsabschluss vor mir im Raum also sollten dieselben Menschen sein, die wenn auch erst einmal auf dem Papier die Guillotine in Betrieb zu nehmen gedächten? Die interessierte Öffentlichkeit trank Wein, ich nahm eine Kopfschmerztablette und der Mörder saß ganz hinten links im Raum, wie üblich nah an der Tür. Ich sah nicht hin.
In der folgenden Woche kamen mehr Emails und neue Briefe. „Du musst dich dazu verhalten“, sagte der Tierarzt. Ich nickte und nahm noch eine Kopfschmerztablette.

Für einen der nächsten Vortragsabend lud ich jemanden ein, der darüber sprach, wie die Halsgerichtsordnung ab 1532 in Kraft die Strafen am Körper vollziehen ließ: „nach mit dem fewer vom lebn zum todt richten heißt es dort und es heißt noch anders, denn der Mörder hatte sein Leben wahrlich verwirkt und die Strafe, die Strafe sollte man fühlen, unter den Fingerspitzen und auch im Atem der Zuschauer sollte der Schrecken fasslich werden. Aber schon in diesem so zentralen Werk mitteleuropäischer Rechtssprechung liegt der Gedanke zu Grunde, der bis heute unsere Strafgesetzordnung prägt, dort nämlich wo Rache nicht sein darf, muss für die Tat eine Entsprechung gefunden werden. Keine Strafe wird jemals den Schmerz des Opfers entsprechen können, sondern immer nur näherungsweise ein Verhältnis abbilden. Darin liegt auch die nicht selten weniger schmerzliche Erkenntnis, dass zur Rechtstaatlichkeit auch gehört das wenn die Strafe verbüßt ist, auch ein Mörder wieder zu Herrn XYZ wird, der eben in der letzten Reihe sitzt, wie üblich in Cordhosen und Tweedjacket, ununterscheidbar von allen anderen im Raum. Wie wir sieht er die drastischen Holzschnitte, die eine Art Begleitkommentar zum Vortrag und auch zu den vielen Emails und Schmierzetteln bilden, die ich im analogen wie digitalen Postfach fand. Was Herr XYZ angesichts der verdrehten Glieder denkt, weiß ich nicht und ich weiß auch nicht, ob die interessierte Öffentlichkeit, die ganz gewiss den Rechtsstaat bei jeder sich bietenden Gelegenheit verteidigt, wohl schwant, dass ihre Nähe zum Mörder in ihren Wünschen vom Fegefeuer und ewiger Qual wohl größer ist, als sie sich selbst glauben machen, angesichts des aufs Rad geflochtenen Körpers wohl denken. Ich denke an das Bild meines Kopfes auf dem Galgen und den mit Plastikplane bedeckten Körper des Opfers aus dem ergoogelten Zeitungsartikel und muss schlucken. Der Raum verschluckt die sonore Stimme des Vortragenden und ich atme wieder aus. „Machst du es dir nicht zu einfach?“, frage ich mich und weiß keine Antwort. „Vielleicht verteidige ich auch nur meinen Kopf, dort auf dem Clipart-Balken und nichts weiter? Nenne ich nicht insgeheim Herrn XYZ nicht auch den Mörder?“ Schon aber klatscht der Saal und die Diskussion verlässt für einmal Irland und dreht sich in erregten Debatten um Gewalt als Mittel der Distanz zwischen Opfer und Täter und die Gefährdungen der Blutrache. Herr XYZ geht bevor die Diskussion endet. Ich bin erleichterter als ich es sein will.

„Das reicht nicht“, sagt der Tierarzt,“ Ich weiß sage ich und nicke müde.
In der darauffolgenden Woche ging ich bevor der Vortragende sich räusperte, einen Schluck Wasser nahm und seine Zettel sortierte zum Mörder. „Schön, dass Sie hier sind Herr XYZ“ sagte ich und lächelte bis die Glühbirnen knallten. Nein, sein Händedruck war weder fester noch weicher als der aller anderen Männer im Raum. Nein Herr XYZ atmet nicht anders und steht auch nicht anders als Sie und ich, nein man sieht es niemanden an, man sieht nicht, dass Herr XYZ jemanden erschlagen hat und Herr ZYX eben nicht.
Alle Blicke im Raum aber zielten auf meinen Rücken. Dann drehte ich mich um und sage Nettigkeiten über den Vortragenden. Still ist es im Raum und ich sehe auf meine Hände hinab und bekämpfe den Impuls doch ins Bad zu laufen.Der Vortragende spricht über Ästhetik und Melancholie. Die Diskussion hinterher sieht wie üblich schweigende Frauen und redende Männer, der Ursprung aller Ästhetik und auch der Melancholie liegt natürlich in Irland begraben. Am Ende des Abends wird mehr Wein getrunken als sonst. Ich stelle die Stühle zusammen und bringe die leeren Flaschen hinunter zum Container. Die schwarze Katze rennt mir zwischen die Beine. Ich erschrecke mich nicht.

Am nächsten Morgen erhalte zum ersten Mal seit Wochen keine Emails außerhalb der üblichen Post.

Der Mann mit Hut

In der S-Bahn sitzt mir ein Mann gegenüber. Glattrasierte Wangen, ein scharfes Kinn, aschblonde Haare, über der Nase ( rotgeädert ) zwei scharfe Falten. Keine Brille, blonde, fast durchsichtige Wimpern. Ein schmaler Mund, kein Bart. Die Augen so blass wie das Gesicht des Mannes. Ob es nun aber ein blasses Blau, oder ein blasses Grün oder gar ein verschwommenes Braun gewesen sein mag, ich habe nur die Blässe in den Augen des Fremden bemerkt. Einen Hut trug der Mann der mir gegenüber die gleichen Bürohäuser und Industriebrachen sah, nur eben von der anderen Seite. Einen Hut also, aber keinen breitkrempigen wie einmal Harry Graf Kessler auch keinen Stetson oder gar einen Jägerhut mit Gamsbart und der Feder des ersten selbstgeschossenen Fasan, es ist mehr ein Filzhütchen, das dem Mann auf dem Kopf sitzt. Bräunlich, aber im rechten Licht betrachtet vielleicht auch erbsensuppengrün ist das Hütchen mit seiner merkwürdigen Delle in der Mitte, die dem Hut und auch dem Träger etwas seltsam Gedämpftes verleihen. Einen solchen Hut, wie der Mann ihn trägt ist besonders in Berlin, wo Kleidung allenfalls ironisch gemeint ist, schwer zu bekommen. Der Hut, weder rund, noch oval, sondern fast schon trapezförmig, ließe sich indes ohne Probleme  bei einem Herrenausstatter in Gaziantep oder auch Jičín besorgen. In beiden Städten, ich bin mir ganz sicher habe ich in den Auslagen eines solchen Geschäftes, in denen immer eine schwere Standuhr tickt,die Hemden in Zellophan eingepackt sind und der Besitzer mit einem Maßband um den Hals geschlungen der Kundschaft die Tür aufhält, einen solchen Hut gesehen. Einen Hut indes habe ich anders als der Mann gegenüber weder in Gaziantep noch in Jičín erworben. Der Hut, wenn auch etwas zerdrückt sitzt augenscheinlich fest auf dem Kopf des Mannes, denn während der Fahrt bleibt es gänzlich unbeeindruckt vom Bremsen und erneuten Anfahren der Bahn. Auf den Knien hält der Mann mit beiden Händen eine Aktentasche fest. Die Tasche, schwarz, quadratisch und mit Schnappschlössern versehen passt ganz genau auf den Schoss des schweigend aus dem Fenster sehenden Mannes. Ganz und gar unauffällig ist dieser Mann und ist das frage ich mich, über meinen Buchrand blickend, nicht schon eine Auffälligkeit? Ist die Unauffälligkeit nicht gewollt und ganz und gar gekonnt in Szene gesetzt? Kann nicht offensichtliche Unscheinbarkeit, auch Methode sein?

Wer weiß ob der Mann nicht in seiner Akentasche eine Flasche Champagner ( Roederer, sogar?) verbirgt und auf dem Weg zu seiner Geliebten eben die S-Bahn nimmt und nicht den eigenen Wagen. Noch die misstrauischste Ehefrau würde diesem Mann dessen Gesicht blass und schmal und etwas spitzmäusig nach unten verläuft, nichts zutrauen, was auch nur den leisesten Anschein des Verbotenen hätte. Gäbe es zu Max Mustermann ein Gesicht, es wäre dieser Mann mit seinem Hütchen. Vielleicht ist alles aber auch ganz anders, und im Aktenkoffer ( treten die Fingerknöchel des Mannes nicht übermäßig stark hervor?) liegen feinsäuberlich gestapelte Banknoten? Der Mann so auffällig unauffällig ist vielleicht Agent und sammelt sich für eine schwierige Mission.  Ein verschütteter Winkel, ein kurzes Kopfnicken, dann der Koffertausch oder auch nur die Übergabe eines Schlüssels der in das letzte Schließfach des Florentiner Bahnhofes passt. Selbst noch der gerissenste Räuber, der gewiefteste Hütchenspieler, der verschlagenste Fälscher vermutete in diesem Mann je ihr Ziel. Wer weiß, vielleicht ist der Mann ja auf dem Weg zum Flughafen und unter dem Hütchen liegt lange schon ein neuer Pass. Morgen schon geht der Mann in Bogota spazieren und das Hütchen landet nachlässig in einem Abfallbehälter, am Rande der Stadt. Mag es aber auch ganz anders sein und der Mann ist Briefmarkenhändler und der Koffer ist leer, bis auf die blaue Mauritius, die ein unbekannter Sammler anonym erwarb und in einem Schrebergarten ungeduldig nun auf ihre Übergabe wartet. Kein noch so gieriger Philatelist, ich versichere es Ihnen, traute diesem Mann solch einen Coup zu. Man kann nur hoffen, dass sich im Koffer des Mannes kein Strick befindet und er auf dem Weg in ein entlegenes Waldstück ist, um mit des Seilers Tochter Hochzeit zu halten. Damals als ich ein kleines Mädchen war und meine Großmutter mir das Märchen vom Meisterdieb erzählte, habe ich mich nie wieder so recht zu beruhigen vermocht und nie habe ich seitdem meine Furcht vor dem prachtvoll illustrierten Band Grimm’scher Märchen überwinden können.

Aber alles mag ja anders sein, nichts anderes als ein Wurstbrot und die Märkische Allgemeine mag sich in dem Koffer befinden, für den späteren Verzehr gedacht und vielleicht ist ja auch das Hütchen ein Geschenk der Mama, die nun vor dem Jahresschluss noch einmal besucht werden soll und im Koffer ist eine Flasche Parfüm. Vielleicht aber liebte der Mann auch einmal ein Mädchen aus Gaziantep oder Jičín und das Mädchen ging ihm verloren und nur der Hut blieb bei ihm. Erfahren aber werde ich es nicht, denn als ich noch überlegte und mich ärgerte niemals einen Agentenfilm gesehen zu haben, erhob der Mann sich, nahm den Koffer in die rechte Hand, rückte den Hut ganz unnötigerweise zu Recht, stieg aus und als die Bahn wieder anfuhr, hatte ich ihn schon aus den Augen verloren.

Morgengrauen

img_0764-1Alle Menschen, die im ersten Zug nach Dublin sitzen, sehen müde aus. Ich sehe mein müdes Spiegelbild im Fenster und mache lieber die Augen zu. Der Zug erreicht die Stadt um 6. 30 Uhr. Um 6.28 Uhr wickele ich mich in einen sehr, sehr warmen orangenen Schal, setze eine graue Mütze aus Alpaka-Wolle auf und meine Hände verschwinden in kunterbunten Wollfäustlingen. Kalt ist mir trotzdem fast immer. Dann steige ich mit all den anderen müden Menschen aus und die morgenmüden Gesichter verlieren sich bald. 1,8 Kilometer sind es vom Bahnhof bis zur Universität und so wende ich mich nach links in eine tagsüber vielbelebte Straße. Jetzt aber am frühen Morgen ist alles still. Nur ein Lieferwagen mit „Avonmore Milk“ hält, der Fahrer steigt aus, wirft seine Zigarette in den Rinnstein, gähnt und lässt die Laderampe herunter. Das Kopfsteinpflaster ist nass und die gelben Straßenlaternen schimmern nur blass gegen die Dunkelheit. Noch sind die Rollläden der Geschäfte heruntergelassen. Schwere, metallene Gitter, die am Abend herunterrasseln und groteske Schatten auf die andere Straßenseite. Außer mir aber ist niemand unterwegs, aber das heißt nicht, dass niemand außer mir zugegen ist. Tatsächlich ist die Straße nämlich voller Menschen. Vor dem Schuhgeschäft eng an das eiserne Gitter gedrückt, schläft ein Mann. Zwei Pappkartons sind sein Bett und sonst schützen ihn nur zwei Schlafsäcke vor der nassen Novemberkälte, die durch den Boden dringt. Seine Habseligkeiten, die in zwei Lidl Tüten passen, stehen neben ihm, etwas verdeckt nur von den Schuhen, die exakt aneinandergereiht dort stehen, wo in etwa ein Nachtkastel stünde, wäre dies nicht die Straße, sondern ein Zimmer. Der Mann von dem nur der Haaransatz zu sehen ist, hat beide Arme über dem Gesicht verschränkt. Der einzige Schutz wohl gegen den rauen Wind und schlechte Träume. Zehn Schritte weiter aber vor einer Supermarktkette liegen ein junger Mann und seine Freundin. Auch sie liegen auf Pappkartons, die einmal Yoghurt-Behälter waren. Eng umschlungen liegen sie nicht, trotz der nassen Kälte, nur ihre Hände berühren sich, fast zaghaft, als einzige Versicherung wohl, dass zwischen dem Fußboden und dem Abgrund in ihm, noch immer eine Verbindung zur Welt besteht, wenn auch nur noch schwach und kaum mehr mit den Fingerspitzen zu greifen. Aschblondes Haar hat der Mann, der dort zusammengerollt liegt und weiche, fast kindliche Züge. Nichts ist richtig an diesem Bild das mich jeden Morgen begleitet, alles ist falsch, der Mann und das Mädchen dort auf dem kalten, nassen Boden, die feuchten Kartons, die verschlissenen Schlafsäcke, der Dreck der Straße und die greisenhaften Kinderzüge derer die auf der Straße liegen. Jeden Morgen bücke ich mich vorsichtig und lege Geld in den Becher, der neben neben den beiden steht. Sie sind die Einzigen, die einen solchen Becher haben. Vielleicht reicht das für eine Dusche oder ein Frühstück, ich weiß nicht was einem am dringendsten ist, schläft man auf der Straße. Auch neben ihnen stehen die Beutel in Reih und Glied, ist das Kleiderbündel sorgfältig gefaltet, stehen die Schuhe, Kante an Kante. Vor dem polnischen Lebensmittelladen liegt eine ältere Frau, ein Tuch fest um das Gesicht gebunden, in zwei zerlumpte Decken gewickelt keine Kartons, nur Zeitungspapier unter dem Rücken. Halb liegt sie unter einem Wagen, auf dem tagsüber Gemüse und Obst feilgeboten wird, jetzt aber liegen Lauchreste und zermatschte Orangen, neben einer zerweichten Pizzaschachtel und zerdrückten Bierdosen. Inmitten des Unrats die schlafende Frau. Passiere ich die Ecke und biege nach links, bleibt den Schlafenden vielleicht noch eine Viertelstunde bevor der Supermarkt aufsperrt, die Stadtreinigung kommt, Lieferfahrzeuge mit laufendem Motor parken und mehr und mehr Menschen, die Straße hinunterlaufen, die ich noch ganz für mich passiere. An der Ecke, am Zeitungskiosk auch er noch geschlossen, streckt sich ein Mann und gießt Wasser in eine Bierdose in der seine Zahnbürste steckt. In der Hand hält er einen kleinen zerbrochenen Spiegel und einen Plastikkamm. Morgentoilette, ohne Waschbecken, Seife, Handtuch, warmes Wasser und Rasierapparat und ich als schweigender Voyeur, vorbei schon aber doch peinvoll genug ein langer Schatten an all das was auf der Straße schon lange verloren gegangen ist. Es ist inzwischen 6.40. Die Trafik, in der ich an jedem Morgen eine Zeitung kaufe, sperrt auf und wie jeden Morgen schreit der Verkäufer in sein Headset. Hinter der Trafik aber packt wie an jedem Morgen ein Mann seine Sachen in eine blaue IKEA-Tüte, rollt den Schlafsack zusammen und zieht weiter, wohin weiß ich nicht. 500 Meter noch, dann stehe ich vor der Universität. Das große und schwere Holztor ist nur halb geöffnet, der Innenhof mit seinem Glockenturm liegt still vor mir. Die Studenten, die in den angrenzenden Gebäuden liegen, schlafen noch denn nirgendwo brennt Licht. 1, 8 Kilometer sind es vom Bahnhof bis zu meinem Büro. Heute wie jeden Tag, laufe ich die gleiche Strecke, fünfzehn Männer und Frauen lagen heute auf der Straße, regennass und kalt ist die Straße. Schlüpfrig und glatt sind die Steine. Unrat liegt in den Ecken und fröstelnd zog ich die Schultern zusammen, eingehüllt in Wollschall, Mantel, Mütze und dicke Fäustlinge, laufe ich vorbei an den vielen, die auf der Straße liegen wie einem Schlafsaal des Schreckens, den nicht einmal Dickens hat erfinden können und der sich hier Nacht für Nacht und Tag für Tag wiederholt. Ich krame nach der Schlüsselkarte und mache das Licht an. Es ist 7 Uhr.

Im September diesen Jahres haben 168 Menschen in Dublin auf der Straße geschlafen. Die Zahl der Obdachlosen nimmt weiter, wenn auch langsamer zu.

 

 

Das Postauto

Als ich ein kleines Mädchen war, damals vor vielen Jahren, da war die Ankunft des gelben Postautos eine Sensation. Meine Großmutter erwartete nämlich regelmäßig ein Paket aus Israel. Darin Datteln und Feigen, Honig aus dem Kibbuz von Onkel A., Kardamomkaffee und natürlich Briefe und Bilder aus Jerusalem. Im Gegenzug versorgte meine Großmutter fast ganz Rehavia, da bin ich mir sicher, mit Lübecker Marzipan und Dresdner Christstollen. Onkel A. indes bezog über meine Großmutter allerlei Saatgut, denn Onkel A. wollte die Wüste zum Blühen bringen. Die Ankunft des Postautos durfte also auf gar keinen Fall verpasst werden. So wurde ich zum Postspion ernannt, erhielt eine Handvoll Kekse und stieg aufs Fensterbrett um meiner Großmutter, die Ankunft desselben zu verkünden. Dann hieß es aushalten, ob das Postauto auch tatsächlich vor dem großmütterlichen Haus anhalten würde oder doch nur bei den Nachbarn klingeln würde. Hielt das Auto aber, nahm meine Großmutter zwei Mark in die Hand und ich hüpfte vor ihr die Treppen hinunter. Der Postbote legte das Paket auf den steinernen Pfeiler und schüttelte den Kopf: „Aber nicht doch Frau Doktor“, sagte er und nahm das Geldstück dann doch nicht ungern. Dann ratschten meine Großmutter und er. Über seine geschwollenen Füße, die geplatzte Matura des Sohnes oder über das heiße Wetter. War es besonders heiß, hieß meine Großmutter mich eine Flasche Sprudel holen und war es besonders kalt, brachte die Zugehfrau ein Glas Tee hinunter. Dann trug meine Großmutter das Paket hinauf, und offerierte mir die erste Dattel.“ Denn das Amt des Postspions“ sagte meine Großmutter, „sei ein besonders Bedeutsames“. Dann schloss sie sich ins Schlafzimmer ein und öffnete die Briefe aus Jerusalem und anderswo.

Heute sitze ich am Schreibtisch und ich kann die Uhr stellen, irgendwann so gegen 11 Uhr klingelt es zum ersten Mal. Es ist das gelbe Postauto, das fast noch genauso aussieht wie damals als ich Postspion war. Aber ich bekomme sehr selten Pakete, denn weder bestelle ich Dinge noch ist Onkel A. oder einer der Anderen am Leben. Dafür bestellen meine Nachbarn, endlose Schuhpakete und Kleidertaschen, Weinkisten, Bücherregale, Rasenmäher, Sonnenschirme, Fahrräder, Kinderwägen, Fernsehapparate und Kinderrutschen. Dies weiß ich nicht, weil ich immer noch Postspion bin, sondern weil niemand sonst die Türen öffnet und besonders zwischen November und Weihnachten sieht meine Diele oft aus wie ein Warenlager. Das Ganze setzte sich am Nachmittag munter fort, da kommen Hermes und UPS und DPD und noch immer ist niemand außer mir daheim. Wahrscheinlich sind die Nachbarn gerade auf der Post bestellten Kramuri, den man dann doch nicht brauchte, wieder zurückzusenden. Kostet ja nichts. Ich laufe also zehnmal treppauf und treppab und schleppe die oft sehr schweren Pakete zu mir hinauf. Oft sehe ich aus dem Fenster wie die Männer, es sind ausschließlich Männer, fast in die Knie gehen vor dem Stapel schwerer Pakete und ich sehe sie oft an den Haustüren klingeln an denen doch niemand öffnet und dann den ganzen Stapel die Straße hinunterzutragen bis zu mir. Die Paketboten haben keine Zeit für einen Plausch mehr und ich weiß nicht ob die Söhne den Abschluss schaffen, die Frauen geduldig zu Hause warten oder die Schwiegermutter von ihrem Mann verlassen wurde. 90 Sekunden hat ein Paketzusteller Zeit, habe ich einmal gelesen, um ein Paket zuzustellen. Wann immer ich per Zufall einmal in die geöffnete Ladeluke sehe, sind die Autos bis zum Bersten gefüllt. Was ich auchweiß ist, dass die Paketboten alle müde aussehen und im Sommer erst sah ich einen Paketboten, dessen Kleidung nass an ihm klebte. Eine Familie hatte sich einen Sessel bestellt.

IMG_0648.JPG

DPD bringt Paket No. 15 des heutigen Tages.

Soweit ich es übersehe, haben nur die DHL-Zusteller eine Sackkarre und die anderen stapeln sich die Gewichte eben auf die Arme. Irgendwann so gegen Abend klingelt es dann wieder. Dann kommt die halbe Straße, um Ihre Pakete einzusammeln. Sie alle schwören, dass Sie natürlich zu Hause wären, wie ich damals als Kind lägen Sie auf der Lauer und warteten auf nichts anderes als die Ankunft des gelben Postautos, welches nicht käme. Natürlich seien an allem die Paketboten schuld. Liederliche Burschen seien es, die aus purer Böswilligkeit nicht schellten, missverständliche Nachrichten oder am liebsten gar keine Nachrichten im Briefkasten hinterließen und wer sich einmal für fünf Minuten Kommentare im Internet über Paketboten liest, der wird sich wundern, wie Menschen, die sonst zur Achtsamkeit mahnen, sehr schnell wütenden Megären ähneln, die nun endlich einmal Leistung einfordern. Schließlich ist man doch Amazon Prime Kunde. Dass die Paketzusteller nur 5 Prozent aller Pakete in die Filialen zurückgeben können, spielt dabei natürlich keine Rolle, auch nicht, dass die meisten Paketzusteller, vor allem die nicht für die Deutsche Post ausliefern zu Sklavenlöhnen treppauf, treppab rennen. Erstaunt nehmen die Nachbarn dann zu Kenntnis wie schwer die Pakete sind, die inzwischen bei mir in der Diele lagern. Dann schimpfen sie weiter, denn es scheint als erwarteten sie tatsächlich, dass die neuen Diener, die man heute gern Dienstleister nennt, vor ihren Türen warten, bis die hohen Herren, ihre unendliche Menge an Dingen dann doch entgegen nehmen können. Niemand findet jedoch, dies sei ein Anlass das eigene Konsumverhalten vielleicht einmal zu überdenken. Allein heute habe ich bis 16 Uhr siebzehn Pakete angenommen. Das UPS-Auto war da noch nicht einmal nicht da.

Ob die Bestellwütigen und neuen Primaner den Paketboten zwei Euro oder mehr geben für die Gartenerde, die in den achten Stock muss, weiß ich nicht, denn ich bestelle nichts. Aber schon damals, als ich noch mit Begeisterung auf das Postauto wartete und dann später mit beklommenen Blick in Richtung Schlafzimmertür sah, da wusste ich das meine Großmutter, wenn sie sagte, dass alles seinen Preis hätte, Recht behalten würde.