Der Himmel ist eine gerade Linie

23.04 Uhr. Der Himmel ist ein gerade Linie. Der Himmel ist nicht mehr blau und auch nicht mehr schwarz. Der Himmel läuft langsam in die Nacht hinein. Vielleicht sitzt die Sonne noch immer an einem kleinen Sekretär. Mahagoni? Und schreibt an den Mond den immer fernen Geliebten und wer weiß, vielleicht hatte die Sonne genug von den ewigen Worten, stand auf und rannte zum Fenster herüber und dabei fiel ihr das Tintenfass um. Blauschwarz läuft der Himmel am Fenster herüber und vielleicht küsst der Mond die Sonne ja doch. Schwarz tropft der Himmel am Fenster herunter und vielleicht winkt die Sonne dem Mond mit einem kleinen weißen Taschentuch. Der Himmel versinkt und die Nacht sieht zu mir ins Fenster herein. St Sylvester, der Kirchturm ist nur noch ein ferner Schatten. Die Spitze des Turms ist schon in der Nacht verschwunden und es ist ja schon spät genug, selbst für einen alten, verwitterten Kirchturm in einem kleinen, nicht minder verwitterten Dorf. Der Himmel hat einen dunkelblauen Schatten unter dem Kinn. Im Haus des Priesters Licht aus, Licht an und ich weiß, dass der Priester sich jetzt die letzte Pfeife stopft und lange in die Nacht hineinsieht, mit der Pfeife aus braunem Holz. Kein Mahagoni. Den Priester aber, die braune Pfeife, den Knaster und das Streichholz kann ich nicht sehen und ob blauer Pfeifenrauch als sich kringelnde grau-blaue Wolke in die Nacht aufsteigt, ich weiß es nicht, denn das letzte Blau weicht vor der Nacht zurück. Der Priester raucht ganz ungesehen. Noch einmal Licht aus, Licht an. Bestimmt hat er das Streichholz vergessen. Dann liegt Haus und Kirchhof wieder im Dunkeln. Mehr Häuser gibt es hier nicht und so rauscht die alte Kastanie im Garten, so fährt ein Hauch unter den grünen Fliederbusch, so rauscht der Efeu leise und hinter dem Haus da liegt das Meer. Aber auch das Meer sehe ich nicht mehr, nur der Leuchtturm blinkt von fern, ein schwaches Licht, undeutlich schimmernd durch die Wogen der ewigen See fällt sein Schatten auch in den Garten bis zur Kastanie. Die Schafe auf der Weide, die steil abfällt zum Meer, schlafen wohl schon, denn nicht einmal das leiseste Blöken lässt sich vernehmen, hier im Zimmer mit den weit geöffneten Fenstern. Zwei Hunde bellen, natürlich der Hofhund der Frau des Krämers unten im Dorf und der kleine Spitz des altern Herrn G., der den Priester immer nur Monsignore nennt, aber nicht im Spott, sondern ganz ernst, so ernst wie er mit dem Spitz lange Gespräche führt und am Abend immer noch einmal mit ihm durchs Dorf geht, wahrscheinlich um die 11 Uhr Nachrichten gründlich zu analysieren. Jedes Dorf hat einen der wacht. Unser Hund aber schläft auf dem alten Teppich mit dem verschlungenen Muster aus Blüten und Ästen, nur manchmal seufzt der Hund im Traum und seine Pfote zuckt zwei oder dreimal, denn wer weiß schon, was einem Hund im Schlaf geschieht. Am Schrank hängt die Bluse, nachtschwarz auch sie, dabei ist sie im Tageslicht perlgrau. „Die Regenbluse“ sagt der Tierarzt und legt seinen Kopf in meine Schulterblätter, wann immer ich sie anziehe. Aber jetzt wird die Bluse dunkel und dunkler wie die Nacht und sieht nicht mehr wie Regen aus. „Morgen soll die Sonne scheinen“, sagt die Frau von Met Éireann, denn auch im Zimmer ist die Nachrichtensprecherin ans Ende der Nachrichten angekommen, aber die Regenbluse weiß nichts vom Wetter und leise klirrt der Bügel gegen den Schrank. Wind kommt auf. Eine leise Brise nur, auf dem Bücherregal eine Vase mit Rosen und im letzten Licht fallen zwei zarte, gelbe Blätter langsam herunter, schaukeln im Wind und sind schon verschwunden, denn die knarrenden Dielen sind selbst schon so dunkel wie die Nacht vor dem Fenster. In meinen Händen liegt noch immer das Buch, aufgeklappt auf der Decke, aber ich bin zu müde für die Geschichte und auch das Buch ist ja schon in der dunklen Nacht verschwunden wie die Welt vor dem Fenster. Durch den Türspalt fällt Licht herein, dann knarrt die Tür und der Tierarzt läuft leise, die Dielen drei und fünf auslassend zu mir herüber. Sehen kann ich nur seine Nasenspitze. „Schläfst Du schon Mädchen?“ Ich schüttele den Kopf und dann liegt sein Kopf neben Meinem. „Ist das die Regenbluse?“ fragt er und ich nicke, dann liegt auch seine Hand auf meinen Rippen und wir sehen hinaus aus dem Fenster in die dunkle Nacht. 23.04 Uhr sagt die Nachrichtensprecherin und dann liest jemand im Radio eine Geschichte vor. Ich schließe die Augen und der Tierarzt atmet in mein Haar. Der Himmel ist ein senkrechter, schwarzer Strich.

Schwelende Stille

Gestern Morgen noch bevor der Tag begann, fuhr ich wie so oft mit dem Rad, zweimal links, einmal rechts, dann geradeaus, wieder links hinunter zum See. Alle Nachbarn und selbst noch die ganz alten Nachbarn, die nicht mehr schlafen können und die ganz, kleinen Kinder, die nicht mehr schlafen wollen, schliefen noch. Verhangen war der Tag, so als deckte die Sonne sich gerade noch einmal mit einer leichten Decke zu und so fuhr ich weder besonders schnell, noch besonders langsam durch den stillen Morgen. Aber während ich im Sommerkleid, bunten Flip-Flops und dem Handtuch im Korb zum See fuhr, da waren die Männer und Frauen der Hamburger Stadtreinigung schon seit mehr als zwei Stunden auf den Beinen. Denn während die Randalierer selig schlafen, im Stolz ihrer heißen Gewalt, da kommen diejenigen, deren Renault Twingo nur noch ein ausgebranntes Wrack ist und kehren die Scherben zusammen. Das ist ja alles, was vom Auto noch übrig ist, die ausgebrannte Karosserie und vielleicht stand das Auto dort, weil die Frau desjenigen Müllmannes der jetzt aufräumt im Schichtdienst arbeitet. Altenpflege vielleicht und wenn ihre Schicht endet, dann fährt noch kein Bus, keine Straßenbahn und auch die U-Bahn Tore sind noch verriegelt. Mag sein, dass die Frau noch ein paar Minuten in ihrem kleinen Auto sitzt, die Augen schließt, denn die alte Frau, die in der Nacht stundenlang schreit, die vergisst man nicht so schnell und sicher hofft die Frau im Auto, das es jetzt nicht mehr gibt, dass es noch zwei Jahre hält. In zwei Jahren nämlich macht ihr Sohn nämlich den Führerschein, dafür hat sie viele Extraschichten geschoben und ihr Sohn hat: Rasen gemäht, im Getränkelager ausgepackt und Autos gewaschen. Aber das kleine, alte Auto in dem der Sohn doch neben seinem Vater, der jetzt ein zertretenes, verbogenes und halb verkohltes Fahrrad in den Müllwagen wirft, sicher fahren lernen, sollte dieses Auto gibt es nicht mehr. Vielleicht gehört das Fahrrad seiner Tochter und vielleicht steht es genau dort, wo die Gewalt eben zugriff, denn es sind immer ja nur die Leben der Anderen, die zerbrechen. Mag sein, dass der Tochter nämlich am Bahnhof schon zweimal das Rad geklaut worden ist und auch die Billig-Billig-Räder sind auf Dauer gerechnet zu teuer, um sie zu ersetzten und die Tochter stellt ihr Rad immer in einer belebten Straße ab, denn da wird doch nichts passieren. Die Tochter des Müllmannes ist vielleicht ein kluges Mädchen, schnell und witzig und fährt mit dem Zug von der Vorstadt, wo die Mieten billig sind ins altsprachliche Gymnasium und ist kurz vor dem Abitur. Ihr Vater, der jetzt Müll schaufelt schreibt den Verwandten in der Türkei oder in Griechenland in jedem Brief: „Das Kind, das wird studieren.“ Jetzt liegt ihr Fahrrad mit verbogener Gabel auf der Straße. Vielleicht hat die Freundin aber auch ihren ersten Freund im Schanzenviertel. Ihr Freund heißt Leonhard und seine Eltern haben geputzte Messingsschilder im Hausflur und eine Privatpraxis, aber Leonhard sagen ihre Eltern ist „ein guter Junge“, aber wenn es Abends mal später wird, ist es besser ein Fahrrad zur Hand zu haben, denn Eltern im Schichtdienst, können ihre Kinder nicht immer einfach so abholen kommen.

Ich unterdessen schwimme im kühlen See, der See liegt genau so stumm im frühen Licht wie die Straße und selbst die Enten schlafen tief und fest. Blätter rauschen und im Schilf, da gähnen die Nymphen und machen noch einmal die Augen zu. Ich tauche tief. Vielleicht räumt der Müllmann gerade einen zerstörten Laden auf und mag sein, dass seine Schuhsohlen knirschen unter den vielen Glasscherben der letzten Nacht. Ich schwimme im spiegelglatten See unter dem dunstigen Himmel, irgendetwas um 3 Kilometer und während ich Meter um Meter weiter in die Mitte des Sees schwimme, betritt der Müllmann vielleicht den zerstörten und geplünderten REWE-Supermarkt  .Sieht die umgestoßenen Kühlschränke, die zerschlagenen und zertretenen Regale, geht über den klebrigen, verschmierten Boden auf dem Eier, geköpfte Flaschen und zerplatzte Joghurtbecher eine glitschige wie klebrige Firnis bilden. Mag sein, er steigt über das in den Supermarkt geschmissene Gemüse und Obst. Mag sein, dass der Müllmann daran denkt, dass er und seine Frau nur vor Weihnachten zu Rewe gehen, weil man sich etwas gönnt. Einmal im Jahr und an der Käsetheke einmal nicht auf den Preis sieht und Gulasch an der Fleischtheke kaufen, wie die reichen Leit.’ Denn allen anderen Tagen im Jahr kaufen der Mann, der jetzt aufliest, und Mülltüte um Mülltüte füllt, bei ALDI und LIDL ein. Der Müllmann und seine Frau haben kein „BITTE KEINE WERBUNG“ Schild am Briefkasten kleben, so wie ich, weil sie die Preise vergleichen und dann lieber zum Aldi gehen, wenn es dort Brie im Angebot gibt. Aber der Müllmann und seine Frau, die wissen warum, denn die Tochter soll mit auf Klassenfahrt und dort in Italien eine genauso gute Zeit haben wie die Eltern von Leonhard es ihrem Sohn wünschen. Und der Sohn soll auch ein Paar Fußballschuhe haben, die etwas taugen, denn er spielt gern und gut. Am Essen kann man immer sparen und jetzt liegen die Mangos aus Brasilien und teuren Bio-Äpfel auf dem Boden und auf dem Kalbsfleisch sitzen die grünen Fliegen.

Vielleicht denkt der Müllmann aber auch an seine Mutter, die im Rewe an der Kasse sitzt und ihre schmale Rente aufbessert. „So komme ich wenigstens unter die Leute“, sagt die Mutter, aber ihr Sohn, der kehrt und räumt und kehrt und räumt, stundenlang, der weiß, dass seine Mutter Rückenschmerzen hat und er weiß, dass seine Mutter nicht so sehr ihre Rente aufbessert, sondern immer wieder hier und da etwas „dazu schießt“ für den Sommerurlaub vielleicht oder für das schicke Abiballkleid der Tochter, die so ein kluges Mädchen ist. Mathe-Leistungskurs. Vielleicht hat seine Mutter aber auch schon seit Jahr und Tag etwas beiseite gelegt für Studium und Ausbildung der Kinder. „Das Kind soll studieren“, sagt seine Mutter jeden Tag, wenn sie an der Kasse sitzt und die Lebensmittel über das Band zieht, die sie selbst niemals kaufen würde. Jetzt aber gibt es keinen Supermarkt mehr.

Vielleicht sieht der Müllmann aber auch auf die Uhr und macht sich Sorgen wie seine Frau jetzt nach Hause kommt, denn noch immer ist so viel Müll übrig. Vielleicht sitzt seine Frau bei einer Tasse Früchtetee im Schwesternzimmer und wartet bis die erste Bahn nach Hause fährt, vielleicht überlegt sie, ob irgendjemand der Tochter ein Rad borgen kann, damit das klappt mit der Schule am Montag Morgen und vielleicht überlegt ihre Schwiegermutter, wann der Markt wohl wieder eröffnet wird, oder ob sie in einen anderen Markt versetzt wird, viel weiter entfernt von jenem, nah bei ihrer Wohnung. Der Müllmann aber muss weiter, zwei Kollegen brauchen Hilfe, die Bauzäune wieder von den Straßen zu sammeln, die Stein aufzuklauben und noch immer schmort der Müll auf den Straßen.

Ich wate aus dem See, trockne mich ab und fahre zurück nach Haus. Noch immer liegt die Stille über Allem.

Zwischen Hut und fliegendem Haar

Am späten Nachmittag fahre ich zurück zu Schwesterchen. Warm ist es und müde bin ich und so sehe ich das Paar erst als ich nach der Wasserflasche in der ewig großen Tasche suche und dann sehe ich sie doch. Ein Mann und ein Frau sitzen mir genau gegenüber. Anfang Dreißig vielleicht. Er trägt eine dunkelblaue Leinenhose, ein weißes Jackett mit marineblauer Krawatte, ein sorgfältig vernachlässigter Bart und auf dem Kopf ein Hut wie Humphrey Bogart. Seine Freundin hat ein luftiges Sommerkleid an: dunkelblau-grau und auf dem fliegenden Rock Blumenornamente, Lilien und Rosen und ich glaube auch Margariten. Auch sie trägt einen Hut, breitkrempig, wenn auch ohne Schleife. Hutgesichter wie Humphrey Bogart und Lauren Bacall haben sie beide nicht, aber sie beide sind Menschen, die einen Hut tragen, weil man eben ein Hut trägt, denn ganz sicher sind die beiden zu einem Sommerfest im Garten der Eltern oder Schwiegereltern eingeladen und sicher wäre es akzeptabler ohne Unterwäsche als ohne Hut zu erscheinen. Der Mann seufzt und sieht auf sein Telefon. Seine Freundin aber zieht sich mit langsamen Bewegungen die Lippen nach. Fuchsiarot. Ihr Freund will sie dabei auf die Nasenspitze küssen, aber das kommt nicht gut an, sondern sie dreht den Kopf hastig weg und schlägt ihm auf die Hand. Er wird rot. Ein Hut, aber das sage ich ihm nicht, reicht noch nicht um dort dazu zugehören, wo noch der bitterste Scheidungskrieg nicht anders als mit einer hochgezogenen Augenbraue begonnen wird. Unterdessen aber, die Frau besieht ihr Gesicht in einem kleinen Perlmuttspiegel, steigen zwei Frauen zu. Sie sind, es lässt sich nicht überhören Cousinen. Sie haben wasserstoffblonde Haare und einen Hut tragen sie nicht. Dafür hat die eine der Beiden, einen Overall mit aufgedruckten Ananassen an und die andere ein weißes Kleid mit pinken Blumen. Auch sie wollen zu einem Sommerfest und sie kichern aufgeregt, denn Overall und Kleid haben ein gewaltiges Dekolleté und die beiden Cousinen zupfen am Stoff herum und überlegen ob wohl John oder Jake sie zum Tanzen auffordert und mit dem Telefon machen sie Bilder und lustige Kussmünder dazu. Sie lachen und eine der beiden Cousinen knufft die andere in die Seite und ruft: „Ich freu mich so.“ Dann lachen die beiden Cousinen und versichern sich gegenseitig, dass John und Jake auf jeden Fall heute Abend geküsst werden müssen. Die Frau mit Hut aber, die inzwischen perfekt nachgezeichnete Lippen hat, sieht mit angewidertem Blick zu den beiden Frauen neben ihr hinüber. „Geschmeiss“, sagt ihr Blick und dann rümpft sie das porzellanfarbene Näschen um ihre Gemütslage erst noch zu unterstreichen. Dann beugt sie sich zu ihrem Freund vor und macht eine abschätzige Bemerkung, vermutlich über die hergezeigten Brüste oder die falsche Bräune auf den Beinen und ihr Freund, der doch eben noch versuchte ihre Nasenspitze zum Leben zu erwecken, nimmt den Faden auf und auch er versucht ein überheblich, herablassendes Kichern und hämisches Gackern, doch seine verzogene Augenbraue gelingt nur fast: zu fröhlich sind die Frauen, zu schön ihre Brüste und die Cousinen haben zu dem sehr lange Beine und bonbonfarbene Nägel. Die Frau mit Hut aber macht den Rücken steif und tupft sich einen Hauch Parfum hinter die Ohren. Ihr Blick bohrt sich in den Fußboden und die beiden Frauen eben ihr sind nicht einmal mehr Luft. Ihr Freund dreht den Hut in den Händen und will ihr etwas Witziges auf dem Telefon zeigen, doch sie verzieht nur ein ganz klein wenig die Oberlippe. Er küsst sie auf die Schulter und sie schnipst den Kuss auf den Fussboden da bleibt er liegen. Die beiden Cousinen stehen auf, zupfen sich spärlich Stoff zurück, wirbeln sich durch die Haare, kichern und stöckeln auf irrsinnig hohen Schuhen der U-Bahn Tür zu. Die Frau mit Hut kramt wieder in einem Täschchen. Ihr Freund sieht den beiden Cousinen ein bisschen zu lang hinterher. „Laufen Sie“, will ich ihm zurufen, laufen Sie, die beiden Frauen sind wunderbar. Die beiden Frauen mögen chinesische Glückssymbole auf dem Knöchel tragen, aber die beiden Frauen die kennen das leben und halten es trotzdem aus, und immer noch können sie lachen. Die Träume sind den beiden Cousinen noch nicht abhanden gekommen und die beiden Frauen können einen tropfenden Wasserhahn reparieren und Plastikfingernägel wieder ankleben. Diese Frauen tragen ihr Herz auf der Zunge und haben es nicht unter leeren Formeln begraben. Diese Frauen sind öfter ausgelacht worden, als wir beide zusammen und strahlen noch immer. Diese beiden Frauen sind lebenspraktisch und diese Frauen haben starke Hände, einen echten Rücken und gegen Windmühlen haben die beiden bestimmt schon mehr als einmal gekämpft. Aber schon schließen sich die Türen wieder und der Mann bleibt zurück, mit dem nun etwas zerknautschten Hut in den Händen. Sogleich rügt seine Freundin ihn und er setzt sich den Hut wieder auf. Sie sieht erleichtert auf und rümpft noch einmal die Nase. Wieder steht der Zug, wieder öffnen sich Türen, ihr Freund bekommt Schultertuch und Bolerojäckchen überreicht, sie steht auf und er geht ihr nach. Die Türen öffnen sich und auf dem Bahnhof steht eine Frau, dreißig Jahre älter als sie aber unverkennbar ihre Mutter. Die gleiche Haltung, und auch fast dasselbe Kleid. Sie küsst ihre Tochter auf die Wangen, ihr Freund erhält immerhin zwei Luftküsse und zwei weitere Taschen. Dann fährt der Zug weiter und ich mache noch einmal die Augen zu und höre von fern die beiden Cousinen laut und herzlich lachen.

Vor aller Augen

Der Tierarzt will einen Film sehen. Ich will nicht mit. Die B. will mir von ihrer unglücklichen Liebe zur H. erzählen. Ich mag die H. mehr als die B. und mag die Geschichte nicht hören. Der K. will mit mir in einem Club zu einer Frau, die davon singt wie nah der Winter ist. Ich will nichts vom Winter und seinen kalten Händen wissen. Die J. will mit mir scharfen Thunfisch essen, aber ich habe keinen Hunger. Ich sage allen ab.
Einen Termin außerhalb der Innenstadt habe ich zu dem und als ich das Gebäude endlich verlasse, bin ich so müde, dass ich mir nicht genau vorstellen kann, wie ich wohl zurück in die Stadt komme und ich laufe auf den nächstbesten Pub zu, der Stühle vor die Tür gestellt hat und setze mich einfach hin. Dann stehe ich doch noch einmal auf und bestelle eine große Flasche, kaltes Sprudelwasser und ein Glas mit klirrenden Eiswürfeln und zwei Scheiben Zitrone. Der Mann hinter dem Tresen sieht so müde aus wie ich. Ihm fehlt ein Frontzahn und vielleicht reißt auch deswegen der tätowierte Tiger auf seinem Oberarm das Maul mit den scharfen Zähnen so weit auf, um die klaffende Lücke zu verdecken. Der Mann schneidet Zitronenscheiben auf und nickt mir zu: „Setz Dich doch“ sagt er und wir nicken uns über die Müdigkeit hinweg zu. Ich setze mich hin und sehe auf die Straße. Ein Mann sammelt Zigarettenkippen auf und setzt sich auf die Bordsteinkante, dann zählt er die Stummel, sucht nach einem Feuerzeug und als er es findet, zündet er die längste Zigarettenspitze an. Von der anderen Straßenseite und meinem Stuhl aus betrachtet, sieht es so aus als stiege der Rauch direkt aus seinen Fingerspitzen hervor. Der Mann mit dem Tiger auf dem Oberarm stellt die Flasche, das Glas mit Eis und einen Teller mit Zitronenscheiben vor mir auf den Tisch. Die Tischplatte ist schmierig, und der Aschenbecher voll. Er wischt mit dem Zipfel einer Schürze auf der Tischplatte herum , bis zwei Frauen in bunten, engen Tops und Paillettensandalen Bier bestellen wollen. Der Mann auf dem Bordstein hat inzwischen den zweiten Zigarettenstummel angezündet, zwei Kinder schütten sich Tütchen mit Brausepulver in den Mund. Ein zweiter Mann durchwühlt die Mülltonnen auf der Suche nach Essbarem vielleicht und sein zweiter Schuh hat keine Sohle mehr. Die beiden Frauen haben inzwischen Bierschaum zwischen den Lippen und rufen:“ Mach doch mal Musik an.“ Der Mann hinter dem Tresen dreht das Radio auf, ich lutsche eine Zitronenscheibe und die beiden Frauen auf den Barhockern schnippen mit den Fingern. Die drei Männer aber, die im Innenraum des Pubs sitzen, sehen nicht auf, sondern spielen mit abgegriffenen Karten um einen Stapel Münzen. Eine Frau schreit von der anderen Seite auf einen nur für sie sichtbaren Gegenüber ein, viele Fenster der Häuser haben eine Pappscheibe hinter ein zerbrochenes Fenster geklebt und in den Hauseingängen stapeln sich schwarze Müllsäcke, um die sich die Krähen scharren und hartnäckig mit ihren Schnäbeln die Plastikhülle zerhacken. Der Geruch von Fäulnis und lange schon nicht mehr entsorgten Windeln liegt über der Straße. Die Frauen, die jetzt in den Pub kommen, tragen schweres Parfüm und bestellen süßen roten Wein mit Eiswürfeln und schwarzem Strohhalm. Auf den Dächern der Häuser wachsen Ahornbäume und die Teerpappe wellt sich, eine Frau sitzt auf den Stufen, die zu ihrem Hauseingang führen und raucht, neben sich eine fleckige Kaffeetasse. Die Männer tragen ausnahmelos Jogginghosen und die Frauen tragen alle enge, sehr enge, zu enge Elasthantops. Ich zerbeiße eine zweite Scheibe Zitrone und die Frauen neben mir lachen oder weinen, so genau weiß man es nicht, über einen ‚feckin eejit’. Ich mache die Augen zu, das kalte Glas hinter der Hand und die Zitrone scharf auf den Lippen. Als ich die Augen wieder öffne, steht ein Schatten vor mir am Tisch. Erst einen Schluck kaltes Wasser späte, wird der Schatten zu einer Frau in einem gestreiften Zebraoverall. „Hast Du Make-up dabei?“, fragt die Frau mich. Ich schüttle den Kopf. „Und Puder?“ wieder muss ich verneinen und die Frau starrt mich durchdringend an. „Fünf Euro?“, fragt sie kaum hörbar und ich fische einen zerknitterten fünf Euro Schein aus meiner Hosentasche. Die Frau dreht sich um und geht. Ich mache die Augen wieder auf und zu. Die Eiswürfel schmelzen im Glas und ich gieße Wasser nach. Eine dritte Zitronenscheibe. Die Frau im gestreiften Overall ist zurück, sie ist nicht länger allein, sondern zieht eine Freundin hinter sich her. Die beiden Frauen setzen sich an den Tisch der am nächsten zur Straße steht und der Mann hinter dem Tresen überlegt, ob er die Frauen nach ihrer Bestellung fragen soll. Dann überlegt er es sich anders. Ich sehe die Frauen an. Die Frau im gestreiften Overall redet auf ihre Freundin ein. Die Freundin mit langen, schwarz gefärbten Haaren, billigen Ohrringen und einem grünen Military-Parka über dem Rock hat ihre linke Hand in ein Geschirrhandtuch gewickelt. Je länger ich auf das Handtuch sehe, desto stärker färbt sich das Handtuch dunkelrot. Weder die Frau, noch ihre Freundin aber sind nicht um die blutende Hand besorgt. Die Frauen holen einen kleinen Kosmetikspiegel aus einer Handtasche und dann sehe ich es auch: die Frau im Zebraoverall, die mich nach Make-up fragte, zeigt ihrer Freundin wie sie ihr blaues Auge, die zerplatzte Augenbraue und den grün verfärbten Wangenknochen überschminkt hat. Dann holt sie eine Tube Flüssigmakeup, aus der Tasche, bevor sie noch einmal aufsteht, in den Pub hineinläuft und mit Händen voll Toilettenpapier zurückkommt. Der Mann hinter dem Tresen bringt den Frauen, die zur Radiomusik wippen neuen, süßen Wein. Die Frau mit der blutenden Hand starrt in den Taschenspiegel und dann wischt ihre Freundin ihr das Gesicht mit Toilettenpapier ab. Die Frau blutet aus der Nase, blutet von einer Schnittwunde auf der Wange, und ihr linkes Auge ist fast vollständig zugeschwollen. Ihre Freundin schmiert Makeup über ihr Gesicht und versichert ihr, dass Sie super aussehen würde. Perfect. Pretty and tough. Die Frau starrt noch immer in den Spiegel. Blut tropft vom Handtuch auf den Boden unter dem Stuhl. Dann stehe ich auf und gehe zu den Frauen herüber. „Ich kann mit euch nach drüben in die Klinik gehen, sage ich und deute auf das durchweichte Handtuch. Die Frauen sehen mich entsetzt an. „Warum?“ fragen sie mich, es sei doch alles in Ordnung. Ich lasse ihnen trotzdem eine Karte da. Ein Telefon klingelt. Die Frauen versichern dem Anrufer, dass sie gleich kommen würden. Die Frau im Zebra-Overall versichert ihr Freundin, dass sie perfekt aussähe. Beautiful. „Er liebt mich doch?“ fragt die Freundin. „Natürlich“, erwidert sie, natürlich liebt er dich. Dann sieht auch sie noch einmal in den Spiegel und betastet ihren Wangenknochen. Schließlich klingelt das Telefon wieder und die Frauen stehen auf und gehen davon. Der Mann hinter dem Tresen kommt mit einem Scheuerlappen und wischt das Blut unter dem Stuhl auf. Die Eiswürfel sind längst geschmolzen, die Zitrone ist schal und der Rest Wasser längst warm geworden. Ich stehe auf und nehme die Bahn zurück in die Innenstadt. Der Tierarzt steht vor dem Kino. „Wie war der Film?“ frage ich. Der Tierarzt erzählt mir von Wonder Woman. Unbesiegbar. Hervorragend im Nahkampf. Eine Tiara, die auch ein Boomerang ist. Dann muss ich lachen. Ich lache so lange und so laut bis ich nicht mehr aufhören kann zu weinen.

Eine Klasse für sich.

Müde bin ich und die S-Bahn ist übervoll. Zwar öffnen sich die Türen, aber viel zu oft ist die Luft schon ein- und ausgeatmet worden, als das der Wind Abkühlung verspräche. Schwer hängt die Tasche an meinem Arm, und nicht nur deswegen würde ich mich gern hinsetzen, sondern ich bin vor allem Aufklärungssprechstunden-Blutspenden-müde und lehnte mich gern irgendwo an. Aber nirgendwo ist Platz. Im S-Bahn Waggon nämlich ist eine jener vielen Schulklassen, die einen Ausflug nach Berlin machen. 14 oder 15 Jahre alt sind die Mädchen und Jungen und sie alle liegen kreuz und quer über die Sitze verteilt. Vielleicht macht die große Stadt ja müde Beine. Die Jugendlichen haben die Ohren verstöpselt und wie in wohl allen Schulklassen gibt es Paare, die trotz der Hitze wie ein Wollknäuel ineinander gewickelt sind und sehr demonstrativ knutschen: „Sehr her,so sieht die Liebe aus. Natürlich sehen alle hin, ohne hinzusehen. Ich überlege, ob ich wohl in der Tasche nach Kondomen graben soll, denn ich habe immer Kondome in jeder Tasche. Aber dann erinnere ich meines Neffens, der mich in die Rippen stieße und sagte: „Read On, Du bist so peinlich.“
Außerdem ist die Tasche so schwer und ich so müde. Das Paar knutscht also weiter, es ist schwer wenn man 14 ist und sehr verliebt und gleichzeitig aber auch sehr cool sein muss und so verhaken sich nicht nur Lippen und Zahnspangen, sondern auch die Kappe seiner Schirmütze mit ihrer Sonnenbrille. Gejaul. Verstohlenes Kichern der Mädchen, die eben noch neidisch über die Telefone hinweg das Stufenpaar bestaunten. Die Jungs, die keine coolen Kappen, sondern Socken in den braunen Sandalen tragen, lesen alle dicke Computerzeitschriften und dann und wann kursiert eine Flasche Spezi. Gesprochen wird wenig, nur dann und wann, etwa wenn die Flasche weitergereicht wird, raunt es: 48 RAM oder LINUX- irgendetwas und die anderen Buben nicken staunend.
Die Prinzessin der Klasse trägt ein weißes Sommerkleid und telefoniert mit einer Freundin. Sie telefoniert nicht, sie singt ein Klagelied: „Berlin sei voll öde, die Typen seien voll die Loser, die Jugendherberge schlimmer als der Knast und sie habe gleich gesagt man hätte nach Milan fahren müssen“ „Da geht es nämlich ab und hier sei alles scheiße. Die Schuhe hätte sie trotzdem gekauft. 200 Euro. Schnäppchen.“ Dann schnalzt sie Küsse durch das Telefon.
Die Mädchen, die gerade noch kicherten über die verunglückte Kusseinlage zeigen sich inzwischen ihre Einkäufe: Gelbe Plastiktüten von NANU-NANA: gebogene Strohhalme mit bunten Plastikfiguren, rührend fast schon die Kuscheltiere, die sie ein bisschen verschämt untereinander tauschen und vorsichtig betasten. Dann folgen lauter Schminktiegel, weil sie sich der Kuscheltiere-Hasen, Katzen und ein rotes Herz mit Berlin-Aufdruck- doch eigentlich schon schämen und nur Nachts wohl, wenn alles schläft vorsichtig nach ihnen tasten.
Aber nun begutachten sie nicht weniger intensiv als der Zirkel der Computerfreunde, die bunten Farbtöpfe und raunen: Ruuuuuschhh. Es liegt ja ein großes Versprechen in den Farben und den falschen Wimpern und den wilden Nagellackfarben. Die große Welt und die große Liebe und endlich auch einen richtigen Freund. Aufgeregt stecken die Mädchen die Köpfe zusammen und umklammern die Kuscheltiere für einen Moment noch einmal fester. Die anderen Mädchen umschwärmen die Klassenprinzessin. Sie haben keine Plastiktüten von NANU-NANA in den Händen, sondern ernsthafte, erwachsene Tüten: Calvin Klein und Victoria’s Secret mit einer schwarzen Schleife und raschelndem Seidenpapier. Sie tragen die Tüten so das wir alle die Aufschrift lesen können und nicht wenige von ihnen haben die Taschen stolz über den Arm gehängt, damit jeder auch lesen kann, was eine der Damen lauthals herausschreit: „Mein Papa hat gesagt, ich kann seine Kreditkarte zum Glühen bringen.“ Die Lehrerin starrt müde auf ihre abgetragenen, blauen Sandalen. Zwischen ihren Beinen steht eine H&M Tüte und kein Seidenpapier raschelt verheißungsvoll, ihr Haar klebt an der Stirn und mit etwas angekeltem Blick trinkt sie lauwarmes Wasser aus einer Aldi-Flasche. Die Prinzessinnen trinken wie auf Kommando Grapefruit-White Tea und besprechen die Problemhaut einer gewissen D., die scheint aber nicht bei ihnen zu sitzen. Die Lehrerin schließt die Augen.
Ihr Kollege ein bulliger Typ, der bestimmt bei der Bundeswehr war und dann doch irgendwie Sportlehrer wurde, trägt kurze Jogginghosen ( die gibt es wirklich ) ein T-Shirt mit der Aufschrift Drill-Instructor und eine verspiegelte Sonnebrille zum Dreimillimeter Haarschnitt. Er sitzt nicht. Er macht Stimmung. Die Computerjungs bekommen einen herzhaften Stoß und er baldowert: „10 Liegestützen!“ Die blassen Buben erschauern. Da lacht der Lehrer schallend. Es ist schwer zu sagen was er wohl lustiger findet, seinen Witz oder die erschreckten Gesichter der Jungs. Dann lässt er seinen Bizeps spielen und johlt über das Liebespaar, denn wer ein solch humoriger Charakter ist, der muss einfach zeigen, dass er es kann und brülllachend quäkt er: „NataschaundAndrésindvaaaaliebt.“ Die Klassenprinzessin rollt mit den Augen. Ihr Hofstaat tut es ihr gleich. Die Lehrerin kneift die Augen fest zusammen. Dann klingelt sein Telefon. Natürlich klingelt es nicht, sondern durch den Wagon tönt eine Polizeisirene. Er lacht wieder schallend bevor ein lautes: „Schatz!“ in den Hörer knallt. Schatz will einen neuen Grill anschaffen, aber er will nicht, dass Schatz einen Luschengrill anschafft und so wird das Thema vertagt. Er legt auf aber nicht ohne ein lautes „Weiber ey“ in die Luft zu knallen. Die Mädchen verräumen lieber schnell ihre Kuscheltiere und starren auf den Fußboden. Dann holt der Lehrer eine Trillerpfeife aus dem Army-Rucksack und pfeift aus ganzem Herzen. Der Pfiff ist so markdurchdringend, dass mir fast die schwere Tasche vom Arm rutscht, und auch das Stufenpaar entwirrt sich verschreckt. Allein die Klassenprinzessin bläst gelangweilt Kaugummiblasen in die stickige Luft. Die Lehrerin versucht sich zu erinnern, warum sie wohl Teil dieser Strafexpedition ist und dann brüllt ihr Kollege schon los: „Ansage! Essen fassen um 18 Uhr. Um 20 Uhr beginnt die Disco. „Jeder, ich betone jeder“ grölt er, „erscheint kostümiert.“ Ende der Ansage. Die Mädchen kichern aufgeregt und diskutieren Kostüme: Wonder Woman führt klar, und ist möglicherweise mit sehr viel Toilettenpapier auch zu realisieren.
Die Prinzessin und ihr Hofstaat legen die Reihenfolge der Bad- und Föhnbenutzung fest. Als was gehst du denn, fragt eine ihrer Zofen. „Sexy Lehrerin“ sagt sie und pinselt sich kirschrotes Lipgloss auf die Lippen. Der Hofstaat starrt sie neidisch an. Den Mitgliedern des Computerzirkels jedoch steht die Furcht vor dem Abend ins Gesicht geschrieben. Einzig das Liebespaar küsst sich unverdrossen weiter. Dann erreicht die Bahn den Bahnhof. „Abmarsch“ schreit der Lehrer und die Lehrerin zählt durch. Ihr Stimme ist so hart, wie ihr Gesicht müde. Dann aber pfeift der Kollege schon wieder und im untertunnelten S-Bahnhof demonstriert er den Schülern was ein Echo ist in dem er laut gröhlend plärrt: BERLIN, BERLIN, WIR FAHREN NACH BERLIN, so dass uns allen die Ohren schallen. Die Prinzessin und ihr Hofstaat ist da schon vorgelaufen, das Liebespaar stolpert eng umschlungen hinterher, die Mädchen rennen kichernd zur Tür und nur der Computerkreis schlurft langsam hinterher: „Dalli, Dalli, schreit der Lehrer.

Während du schliefest.

FullSizeRender-24

Nachts um Zwei Uhr klingelt das Telefon. Nein, nicht das alte iphone neben meinem Bett, sondern das irische Telefon unten neben dem Sessel auf dem die Katze selig schläft. Nicht nur weil es Nachts um Zwei ist, und auch nicht weil die Nummer nicht mehr als fünf Menschen haben, ahne ich doch, dass es nur meine liebe C. sein kann. Niemals würde Sie mich zu dieser Stunde- auf dem scheppernden Mobile anrufen, um mich und den Tierarzt zu wecken, sondern sie lässt das Telefon klingen, leise und fragend und wachte ich nicht auf, so bin ich mir sicher, wäre sie fast erleichterter, als sie es ist, als ich die Treppe hinunterlaufe, mich auf die Sesselkante setze und sage: „Liebes bist Du in Ordnung?“ „Ich schon flüstert die C. aber die drei Grazien- ihre Arzthelferinnen sind krank.“ F. der einspringen könnte, kommt aus dem Krankenhaus nicht los, mein Vater ist gar nicht in Deutschland und dann flüstert die C. fast unhörbar: „Könntest du kommen?“ Die liebe C. kann mich nicht nur Nachts um Zwei anrufen, sondern für die C. würde ich von viel weiter weg kommen, als nur von Irland aus. „JA“, sage ich und die C. am anderen Ende des Hörers atmet aus. „Warum bist du überhaupt wach Süße?“ sagt sie und wir wissen beide: alte Träume, die mir durch die Nächte fahren. Dann schicke ich die C. zurück ins Bett. Ich packe Tasche und Bücher zusammen, räume weiter die Küchenschränke aus ( Pessach kommt mit großen Schritten näher ) und alles Chametz- haltige kommt zum Tierarzt. Die Katze kommt auf eine Untertasse Milch vorbei und ich richte eine Tomatensuppe mit Reis, denn beim Tierarzt muss man sich wirklich fürchten, dass er verhungert, ist man auf ein paar Tage verreist. Bevor aber der Tag wirklich und vollständig anbricht und ich aufstehen muss, gehe ich noch einmal die Treppe hinauf, und ziehe ein kleines, bisschen, aber ganz vorsichtig nur am Federbett, von dem der Tierarzt mir eine Ecke abgeben soll. Für eine dreiviertel Stunde sehe ich den Tierarzt an. Im Licht und am helllichten Tage ist der Tierarzt immer im Schatten, lehnt halb verborgen hinter einem Türrahmen oder verschwindet fast in der Hand. Selbst in einer Schafherde, die dem Tierarzt doch höchstens bis zum Knie reicht, muss man den Tierarzt suchen, der mit dem Rücken an einen Baumstamm gelehnt ein Lamm auf den Knien hält. Auf dem Bild, das unten im Wohnzimmer auf dem Kaminsims steht, und auf dem die ganze Tierarztfamilie versammelt ist, sieht man nur das Bein und einen halben Ellenbogen. Da ist der Tierarzt zehn Jahre alt und damals schon ließ sich der Tierarzt mehr erahnen als wirklich sehen. Ganz anders aber am Schlaf: während ich nur unter Decken und Kissen vergraben, und einem riesigen afrikanischen Tuch mumiengleich eingewickelt schlafen kann, liegt der Tierarzt mit den Armen hinter dem Kopf ausgetreckt neben mir. Fast verschwunden sind die Schatten, die mit dem Tageslicht zu ihm kommen, jetzt aber in der letzten Stunde der Nacht, atmet der Tierarzt leise ein- und aus. Ein heimliches Lächeln gar zieht sich über seine Lippen und ich sehe den Tierarzt an, dem die Haare tief in die Stirn fallen, und der auf dem Rücken liegend sacht und zart vom Schlaf selbst behütet inmitten der Träume geht. Zart sind seine Züge, im Schlaf ist der Tierarzt noch immer acht Jahre alt und noch immer liegt dort das Kind, das kaum sprach vor allem nicht mit Menschen, sondern vor allem mit dem Hund, der eigentlich auf dem Bettvorleger verbleiben sollte, uneigentlich aber Nacht für Nacht neben dem Tierarzt schlief. Schöne, schwarze Wimpern, ganz leicht zuckt ein Wangenmuskel, so als wolle der Tierarzt eigentlich gleich lachen, herzhaft und heiter, er der traurige Schatten immer in den Mundwinkeln trägt. Ich will es mir festhalten, dieses dein Bild für später und lange schon magst du irgendwann neben jemand anderen liegen, diese Stunde neben dir in der Dunkelheit, die gehört mir, ich werde sagen können, ich habe dich schlafen sehen und sah wie die Schatten Dir entwichen und still habe ich dagelegen und dir beim Schlafen zugesehen. Dann dämmert der Morgen herein, ich stehe auf und mache Tee, dann küsse ich Dir die Mundwinkel rosig und erzähle dir vom Anruf der C. Noch immer halten die Schatten sich von dir fern und erst als ich Dir Tür hinter mir zuziehe, kehren die Schatten zu dir zurück. Im Flugzeug dann endlich, schon neigt der Tag sich dem Ende zu, schlafen zwei schwere Männer neben mir tief und fest, schnarchen und neigen die Köpfe, aber ich sehe nicht hin, nicht umsonst kann ich weder im Flugzeug noch in der Bahn schlafen, und immer muss ich ein Tuch um mich herum gewickelt wissen, denn der Moment der Entblößung im Schlaf schien mir immer zu groß für das, was ich der Welt zu zeigen gewillt bin. Als Kind glaubte ich die Nachtwächter, die in alten Tagen die Städte vor dem Feuersturm aufwecken sollten, würden eigentlich den Schlaf bewachen und für viele Jahre gab ich als Berufswunsch Schlafwächter an und stellte mir vor ich zöge von Fenster zu Fenster und pflückte den Nachtmahr von den Köpfen in den Federbetten. Dann zöge ich weiter und sänge: Hört ihr Leut, und lasst Euch sagen:Unsre Glock hat Elf geschlagen! Aber ich bin etwas anderes geworden und lasse die beiden Männer mit ihrem Schlaf allein. Im Fenster weiße Wolken, blass blau und hell rosa, vielleicht liegen hier die Träume begraben. In Berlin schwarze Nacht, mit dem Auto schließlich vorbei an Grillstuben, Spielhöllen, Apotheken, einem McFit, dem Gefängnis, dort brennt kein Licht mehr, eine Bäckerei und Wohnhäusern, in vielen Fenstern flimmert Fernsehlicht, eine Frau schon im Nachthemd raucht aus dem Fenster, ein Mann im Unterhemd stemmt Hanteln auf dem kleinen Balkon, schon bin ich auf der Autobahn immer noch weiter und weiter, der kleinen Stadt und der lieben C. entgegen. LKW’s und vereinzelte Autos bloß, nur nicht noch müder werden und lieber leise mitsingen.

Dann endlich vertraute Straßen, den Kirchturm noch vor der Stadt erahnen, die C. hat für mich das Licht angelassen. Motor aus. Die Treppenstufen fünf und acht auslassen, doch die C. läuft mir schon entgegen. Endlich Schuhe aus und mich küssen lassen. Für zehn Minuten sitze ich auf der breiten Fensterbank und sehe auf den Marktplatz herunter. Alles schläft, Hört ihr Leut, und lasst Euch sagen:Unsre Glock hat Zwölf geschlagen! Kein Nachtwächter kommt mehr. Müde bin ich, aber mit dem Kopf an das kühle Fensterglas gelehnt, denke ich an den Tierarzt, der ungefähr jetzt die Zähne putzt und die Bettdecke aufschlägt, die Arme hinter dem Kopf verschränkt, die Augen schließt und verborgen vor der Welt einschläft mit heiter zuckenden Mundwinkeln und immer kleiner werdenden Schatten. Dann stehe ich auf, und gehe selbst ins Bad, und nicke der müden Frau im Spiegel leise zu.

Der Herrenreiter

Still liegt die Straße vor mir im frühen Morgenlicht.Es ist kurz nach halb Sieben. Die Pendler haben sich in alle vier Winde zerstreut und auch ich gehe mit Büchern bepackt die Straße hinunter.Eine Kehrmaschine fährt kreiselnd über das Pflaster, ein Zeitungsverkäufer sperrt seinen Kiosk auf und die Gemüsehandlung am Eck bekommt Tomaten geliefert. Halb sieben Uhr ist es erst und der Tag selbst gähnt noch ein wenig und ich gähne auch, ja selbst der Mann vom Zeitungskiosk reckt sich und streckt sich. Blank ist der Morgen, milder Himmel und blasses Licht, eine Ecke Morgenrot sogar und in den Blumenkübeln recken die Stiefmütterchen ihre Köpfe. Schon biege ich nach links und passiere das alte, ehrwürdige Dubliner Postamt, noch heute kann man dort Briefmarken kaufen, vor allem aber erinnert es an das Anfang vom Ende der englischen Kolonialherrschaft in Irland. Noch einmal gähne ich und plötzlich vernehme ich hinter mir ein leises Surren, ein Zischen gar.
Kaum drehe ich mich um, wird mir alles klar: hinter mir nähert sich ein Herrenreiter. Nein, die Herrenreiter des Jahres 2017 kommen nicht mehr auf einem schwarzen Rappen daher, sie tragen keinen schwarzen, hohen Zylinder wie einstamls die Herrenreiter die am Morgen durch den Hyde Park preschten oder Unter den Linden entlang galoppierten. Aber ein Herrenreiter ist er doch, der Mann auf dem Fahrrad, der sich mit leisem Surren nähert. Wie die Herrenreiter anderer Tage sitzt er aufrecht und mit geschwellter Brust auf seinem- nun eben stählernem Ross- Cannondale steht in blitzenden Buchstaben auf rotem Lack geschrieben. Cannondale ist heute das, was einmal der Schimmel Wotan war. Während jener schnaubte, quietschen die Bremsen, denn was ein Herrenreiter ist, der bremst nur in letzter Sekunde vor dem Kisten schleppenden Lieferanten. Denn ein echter und wahrer Herrenreiter, der kennt nur vorwärts und niemals zurück. Keine Konfrontation ist dem Herrenreiter zu gering und während Wotan am Zügel stieg, bricht vom Cannondale eben das Hinterrad aus. Ein Herrenreiter gibt kein Pardon. Was dem Herrenreiter warmes Kulmbacher Bier und eine behagliche Zigarre waren, das ist dem Herrenreiter der Neuzeit die glimmende Zigarettenspitze, die er im hohen Bogen auf das Pflaster wirft. Soll doch die Kehrmaschine sich mit solchen Kleinigkeiten befassen. Hier sprengt ein Herrenreiter vorbei. Der Herrenreiter- so wandeln sich die Moden- aber trägt keine Lederhandschuhe mehr, sondern riesige Kopfhörer auf den Ohren, daraus dröhnt lauter Gesang. Ein Herrnreiter will schließlich angekündigt werden, prescht er hoch zu Ross dahin. Alles andere wäre Verschwendung, natürlich trägt der Herrenreiter keinen Helm. Wie alle Welt weiß, ist nichts leichter zu kränken als die Ehre eines Herrenreiters.
So prescht der Herrenreiter auch am bücherschleppenden Fräulein vorbei. Er sitzt nicht im Sattel, nein er thront, alles an ihm ist Anspannung und Muskelspiel, ist gezähmter Wille und mühelose Eleganz, dass dabei das Fräulein zur Seite springen muss, nehme nicht Wunder, denn wenn einst Wotan am Zügel stieg, mussten die Gouvernanten mit Hans und Franz und Grete am Arm eben in die Pfütze springen. Seit wann hat sich je ein Herrenreiter mit solchen Lässlichkeiten abgegeben? Schon hat der Herrenreiter mich überholt, sein Können stellt er in Schlangenlinien und gewagten Kurven unter Beweis, selbst die Möwen verziehen sich krächzend auf die Bäume. Alles stehe und staune: ein Herrenreiter weilt unter uns.
An der nächsten Querstraße aber verläuft die Trambahn, die hier auf den hübschen Namen LUAS hört quer zum Straßenverlauf und justament biegt Selbige um die Ecke. Ist dies nun ein Grund für einen Herrenreiter hoch zu Ross, beflügelt vom milden Morgen und lauter Musik, vom schneidigen Cannondale über Stock und Stein getragen ein Grund abzubremsen, ja gar anzuhalten? Dies entspräche vielleicht der Natur eines ängstlichen Fräuleins, auf dem Rücken eines Ponys klammernd aber doch niemals einem wahren und echten Herrenreiter. Hätte denn Wotan jemals gezögert, ginge es darum ein Rennen zu gewinnen? Nein, nein und dreimal nein. Gemäß des alten Herrenreiterehrenkodexes also legt auch dieser,unser morgendlicher Herrenreiter alle Kraft in die Pedale, das Rad bricht vorwärts, die Speichen klirrren, gut geölt zischt die Kette, ein höherer Gang, da mag die Trambahn auch noch so vorwurfsvoll schellen- ein Herrenreiter will vorbei- vorübergebeugt wie bei einer Hatz im Englischen Garten liegt der Herrenreiter über dem Lenker, doch oh- das Rennen ist schon verloren und mit einem dumpfen RUMS knallt der Herrenreiter gegen die Trambahn.
Das Cannondale hat seinen Reiter abgeworfen und liegt mit verdrehtem Lenker und rotierenden Reifen auf der Straße. Es ist als hätte der schöne Wotan sich die Fesseln verstaucht. Ach, Herrenreiter! Ach, Cannondale, welche Weh.
Hinzu kommt der fluchende Trambahnfahrer, dessen Achtung vor Herrenreitern deutlich zu wünschen übrig lässt. Keine Achtung, kein Benehmen: „Freundchen“, dir will ich es geben!, statt Bewunderung für den Schneid des Herrenreiters. Wäre dies 1900 so wäre die Trambahn einer Brauereiwagen gewesen und der Bierkutscher hätte Schwielen an den Händen und beim Wort Polizei nur gelacht. Hier aber setzt es weitere Flüche und Häme dazu. Tritt da der Trambahnführer nicht auch gegen das gestürzte, jämmerlich daliegende Cannondale? Ein Schmock, der sich an Wotan vergreift. Der Herrenreiter inzwischen berappelt, und offensichtlich- das Glück ist den Herrenreitern gewogen- ohne größeren Schaden, keift ganz nach Herrnreiterart zurück. Doch auch die Trambahn scheint unversehrt. Inzwischen hupen Autos ob der versperrten Straße und mit grimmigen Blick kehrt der Trambahnfahrer ins Führerhaus zurück. Dann ruckt die Bahn an. Der Herrenreiter aber ist ein Bild des Jammers, wo eben noch stolze Schönheit war, ist nun geducktes Elend. Die Kopfhörer zerborsten, die Jacke voll Straßendreck, aber ein Herrenreiter trägt seine Blessuren mit Würde und kennt keinen Schmerz.
Schlimmer jedoch wiegt der Zustand des Cannondale. Eine dicke Acht hat das Vorderrad davongetragen, zerkratzt ist der rote Lack, missmutig hebt der Herrenreiter das Fahrrad auf. Ein letzter Blick geschlagen ziehen Ross und Reiter von dannen. Gebückter, trauriger und ganz und gar von Gram gebeugt hat man jemals, auch nicht um 1900 einen Herrenreiter seinen Wotan mit schleifenden Zügeln zurück zum Stall führen sehen.