Zwei Schwestern

In der S-Bahn sitzt ein Mädchen neben mir. Das Mädchen ist vielleicht acht Jahre alt. Das Mädchen wippt mit den Knien, es trägt lila Ballerinas und einen pinken Rock mit großen Blumen. Um den Rock beneide ich das Mädchen. Das Mädchen hat einen Schulranzen neben sich stehen, aus dem Schulranzen lugt ein abgewetzter Bär heraus. Dem Bären fehlt ein Ohr, aber er lächelt dem kleinen Mädchen zu.

Das Mädchen wippt mit den Knien und sieht aus dem Fenster der Bahn, das Mädchen hat fünf Gummibären in der Hand, die lutscht das Mädchen sehr langsam und sehr genießerisch. Die S-Bahn fährt an einem See vorbei und als die S-Bahn hält und die Türen sich öffnen, steigt eine Gruppe von Jugendlichen ein. Sie sind vielleicht fünfzehn oder sechzehn Jahre alt.
Drei Mädchen und drei Jungen, die Jungs tragen kurze Hosen und viel zu viel Deodorant. Die Mädchen tragen kurze Tops und viel zu süßes Parfüm. Ein Mädchen hat einen glitzernden Stein im Bauchnabel. Die Jungs machen Fotos mit den Mädchen, die Mädchen strecken die Zunge heraus und die Jungen lachen. Die Mädchen kichern, ein Telefon klingelt, der Junge mit weißen Hosen und schwarzen Sneakern öffnet eine Cola-Flasche zu schnell, in der S-Bahn ist jetzt auch ein See.
Die Jungs lachen, die Mädchen kreischen, ein Mädchen schüttelt sich die Haare, Cola- Schaum tropft aus ihren Haaren, sie hat wilde, schwarze Locken, der Junge mit den schwarzen Schuhen starrt sie an. Er starrt mit weit offenem Mund.

Vielleicht wird er sich in vielen Jahren nicht mehr an das Mädchen erinnern, eine andere Frau heiraten, in der Arktis mit Eisbären leben, aber dieser Moment, der wird ihm bleiben, ein warmer Tag im April und das lachende Mädchen, die Locken, die tropfende Cola.

Aber dann ist der Moment vorbei. Das kleine Mädchen neben mir nämlich ruft: „Mia!“ Sie ruft es so wie kleine Schwestern nach ihrer großen Schwester rufen. Es liegt etwas von jener ehrfürchtigen Bewunderung in ihrer Stimme, die jüngere Schwestern ihren großen Schwestern entgegenbringen und das weiß ich genau, denn ich bin auch eine kleine Schwester. Das Mädchen neben mir ruft noch einmal: „Mia“ und sie ruft es mit so viel Vorfreude, so viel Spannung, so viel Glück und Leichtigkeit, denn da ist ihre große Schwester und ganz bestimmt klettert das Mädchen nachts zu Mia ins Bett und lässt sich etwas erzählen von der großen Welt in die Schwester sich über eine fiese Physiklehrerin beklagt, ihr etwas ins Ohr flüstert von Hamdis grünen Augen und Andrés Sommersprossen, vielleicht schluchzt sie vor Gemeinheit darüber, dass Tina ein Piercing darf und sie nicht und ihre kleine Schwester wird ganz sicher den abgewetzten Bären in die Hand ihrer großen Schwester schieben, obwohl sie selbst sich manchmal fürchtet wenn die Dielen knacken nachts halb zwei. So und nicht anders ruft das kleine Mädchen, das neben mir sitzt nach Mia.

Der Junge mit den schwarzen Schuhen sieht zu dem kleinen Mädchen herüber, dreht sich zu Mia herüber und sagt: Kennst Du das Baby etwa?

Für einen Moment sieht Mia zu ihrer kleinen Schwester herüber und noch immer strahlt das kleine Mädchen ihre große Schwester an, will fast schon aufspringen und auf sie zu rennen, sich in ihre Arme fallen lassen und sagen: „Ich bin kein Baby und wenn Du das noch mal sagst, dann bekommst Du Ärger mit Mia, meiner großen Schwester. Aber Mia sieht auf den Fußboden, holt ein Bubblegum aus ihrer Hosentasche, kaut zwei oder dreimal und macht eine große, pinke Blase und dann sagt: „Nee, kenne ich nicht, wie kommst du denn darauf?“ Der Junge zuckt mit den Schultern: „Nur so“, sagt er, weil die halt deinen Namen kannte. Aber jetzt zuckt Mia mit den Schultern: „Die verwechselt mich halt mit jemanden den sie kennt.“ Dann dreht Mia sich weg und der Junge stolpert ihr hinterher, er will ihr etwas auf dem mobile phone zeigen und sie lacht. Das Mädchen mit dem Piercing im Bauchnabel verdreht die Augen, aber tanzen der Junge und Mia zu der Musik aus dem Telefon: If you are under him / you ain’t getting over him.
Sie singt schöner als er und er tanzt sicherer als sie und das Mädchen das Mia heißt schließt die Augen als könnte sie nicht glauben, dass der Junge mit dne schwarzen Schuhen wirklich mit ihr tanzt.

Aber was sie nicht sieht, hinter dem Rücken des Jungen und den Fahrgästen, die einsteigen an der nächsten und übernächsten Station ist wie ihre kleine Schwester den Bären aus dem Ranzen zieht und ihren Kopf im abgewetzten Bärenfell vergräbt, damit niemand sieht, dass sie weint. Das sitzen das kleine Mädchen und der alte Bär und obwohl Mia ihre große Schwester nur sieben Meter entfernt steht, ist das kleine Mädchen ganz allein und hat zum ersten Mal keine große Schwester mehr. Zwei Stationen später steigen die Jugendlichen aus, denn sie wollen zusammen zu Vanessa, deren Eltern sind nicht da und das Haus ist groß. Mia fällt ein bisschen zurück als die anderen nach ihren Rucksäcken, Taschen und der Cola-Flasche suchen und sieht zu ihrer kleinen Schwester herüber. „Hey“ ruft sie, obwohl es kein Rufen ist, sondern ein zartes Flüstern, es ist ein Große Schwestern Flüstern, aber das kleine Mädchen sieht nicht auf, sondern presst die Hände fest in den Bären und starrt aus dem Fenster. „Mia, was machst du denn rufen?“ rufen ihre Freund und Mia dreht sich und geht. „Du kennst das Baby doch!“ ruft der Junge mit den schwarzen Schuhen, aber Mia schüttelt den Kopf und läuft ihm hinterher.

 

Eisläufer viele Jahre nach Pieter Breughel

Ein sonniger Nachmittag ist es, trotz der klirrenden Kälte und der Mantel ist wattiert und dunkelblau und der Schal ist lila und ich kann ihn mir zweimal um den Hals wickeln und dann stehe ich am See, in dem ich das ganze Jahr schwimme. Aber jetzt ziehe ich die dicken gefütterten Stiefel nicht aus, sondern stehe am Rand des Wassers und da ist das Eis. Ein sonniger Freitagnachmittag ist es und dann ist mir als kippt die Welt ein bisschen und es ist nicht mehr 2018, sondern ich stehe an einem anderen Ufer, in einem anderen Land und neben mir sitzt der Maler Pieter Breughel und er sieht auf das Eis des Weilers Sint-Anna-Pede bei Bruxelles. Das Bild, dieses Jahres 1565 aber ist das Spiegelbild zum sonnigen Nachmittag am Rand von Berlin so viele Jahrhunderte später.

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Wirklich aber sind sie alle noch da, die Menschen seiner Bilder, sie gleiten über das Eis, sie tragenähnliche Mützen, sie lachen und jauchzen, sie rufen: „Vorsicht“, Obacht oder auch „Autsch“, ganz wie die Menschen die 1565 mit einer falschen Drehung auf dem Eis landeten und sich den Steiß rieben. Schon aber kommt ein anderer und zieht den Freund wieder hoch. Damals wie heute haben die Kinder rote Wangen-

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Ein Vater hat sich ein Seil um den Bauch gebunden und am Seil entlang zieht er das Kind über das Eis. Eine Mutter richtet ein schluchzendes Kind wieder auf, vielleicht kam ein Zweig zwischen die Kufen und schon schlug es hin. Zum Glück gibt es auch 2018 noch immer offene Arme. Ein Liebespaar hält sich bei den Händen und vielleicht sind sie  gerade erst vierzehn Tage zusammen und teilen sich später andächtig Kakao. Jetzt aber hält sie seine Hände, denn es ist klar, er holpert auf den Kufen während sie ganz andächtig, federleicht und schwungvoll über das Eis fährt, aber ihre Hände sind warm, denke ich mir und er lächelt mit roter Nasenspitze, der Frau zu, über die er jetzt schon mehr weiß, als er dachte und schon gleiten sie vorüber. Ihr roter Schal leuchtet noch lange und dann fahren zwei Mädchen vorüber mit schwarzen Ohrenschützern aus Plüsch und Glitzerjacken und eines der Mädchen hat eine Tasche mit Katzenohren. Selbst die Eishockeyjungs sind sehr beeindruckt. Einer von ihnen, fährt plötzlich ruckwärts, einen eleganten Bogen schlägt er, das sollen natürlich die Mädchen bemerken, aber schon stolpert er, schlittert auf dem Eis entlang, die Mädchen kichern, die Freunde grölen, er ist hochrot und ruft: „Na nun macht doch mal Tempo“ und schon ist der Puck wieder auf dem Eis und die Mädchen drehen sich doch noch einmal um.

Eine Mutter hat einen grünen Kinderwagen, ein Sportwagen und den Kinderwagen und sie trägt einen eleganten blauen Mantel. Vielleicht Jil Sander oder so und ihre Schlittschuhe erinnern eher an Anna Karenina, mit langen ausgreifenden Bewegungen aber schiebt sie das Kind über das Eis, schneller ist sie, selbst als die großen Männer, die doch mit Kraft über das Eis fahren, alle hängt sie ab, schon ist sie hinter einer Kurve gefunden, aus meinen Augenwinkeln fährt sie genau so schnell wie die Dame auf Pieter Breughels Bild. Neidisch sehen ihr diejenigen hinterher, die Kinder und Proviant auf Schlitten über das Eis ziehen, mühsam ist da, im Eis sind schon tiefe Rillen und die Kinder wollen natürlich kein Käsebrot sondern Kuchen. Ein anderer Mann älter schon ruft: „Hannelore!, Dir ist doch ganz kalt, sie stehen unter zwei Bäumen und haben keine Schlittschuhe dafür aber Schneeeisen unter die Füße geschnallt, aber jetzt gibt es Tee mit Schuss, der Mann holt nämlich einen kleinen silbernen Flachmann hervor und ruft: „Hannelore Du wirst gleich sehen!“ Hannelore pustet über den Tee und wärmt sich die Hände. Ihr Mann genehmigt sich noch einen Schluck. Diesmal ohne Tee.

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Ein Hund läuft auf das Eis, kläglich versagen seine Pfoten und verdattert schlittert er einem Kind hinterher, welches doch auch so gerne mit den Großen Eishockey spielen möchte, aber die Großen wollen nicht und so kickt es den Puck zum Hund, aber dem Hund ist das Eis unheimlich, er jault, bemauzt über die kalten Pfoten, aber zurück kommt er auch nicht und schließlich schleppt sein Herrchen ihn vom Eis. Mit finsterer Miene sitzt der Hund schließlich am Ufer. Auf einer Bank sitzen  zwei Jungs mit Musik, sie sind zu cool für das Eis und vielleicht können sie auch nicht Schlittschuh laufen und so sitzen sie ähnlich bedropst wie der Hund am Ufer, immerhin im Sonnenschein. Eine andere Gruppe hat keine Hockeyschläger, aber schon gibt es Holzstöcker und wieder nickt Pieter Breughel mir zu. Ich aber wandere weiter, am anderen Ufer ist es still, denn hier planschen die Enten und das Eis ist dünn und brüchig, der See ist nicht ganz zugefroren und immer wieder gleiten die Menschen auf dem Eis gefährlich nah an die Bruchkanten heran.

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Immer habe ich mir den Styx, der in die Unterwelt führt und auf dem Charon rudert so vorgestellt, als teilte jener Fluss, in die Welt mit festem Grund und jenen Teil ohne Boden und so gluckert das Wasser und in der Luft liegt das Geräusch der Kufen, die in weiten Bögen über das Eis gleiten. Vielleicht aber ist es auch der Nöck, der hämisch lachend mit den Fingerknöcheln gegen das Eis klappert, denn der Nöck sieht es nicht gern steigt man ihm zu sehr auf die Zehen und nicht zum ersten Mal hat der Nöck mit kalten Händen einen Hund, ein Kind oder einen Mann tief unter das -Eis gezogen. Aber dann erreiche ich nach einer dreiviertel Stunde wieder das Ufer an dem Pieter Breughel sitzen könnte, um die lachenden, verschwitzten, kreischenden Kinder, Eltern, Tanten und auch die ältere Damen einzufangen, die wagemutig wie vielleicht keiner mit zwei Krücken und Schlittschuhen auf das Eis geht und erst trippelnd, dann aber sicherer werdend davongleitet, ein Schwan unter vielen, zwei Männer haben Drachen aufgespannt, die sie über das Eis ziehen, dicht heran an das dunkel-dräuende Wasser. Noch einmal Glück gehabt und am Ufer sehe ich noch einmal Anna Karenina im blauen Mantel, die Sonne lacht golden und ein Mann vor mir da bin ich mir sicher, packt gerade sein Skizzenbuch ein, zwinkert mir zu. „Au Revoir Mademoiselle“ und in vielen Jahren wird in einem großen Museum ein Bild enthüllt. Ein später Pieter Breughel wird es dann heißen und die Szene ist diesmal der Schlachtensee am Rande der großen Stadt Berlin.

Wie der Februar riecht.

Der Februar riecht nach Eiszapfen an der Regenrinne und geforenen Tannennadeln auf dem Boden. Der Februar riecht noch einmal nach Schnee und Eis und klirrender Kälte. Der Winter zieht sich noch einmal die genagelten Stiefel an, lacht schallend, knackt mit den Knöcheln, dann bricht das Eis. Der Februar lacht. Der Februar riecht nach dem hellgelben Topf meiner Großmutter, im Februar wenn Purim kam, buk sie Schmalzgebäck, heiße Krapfen holte sie mit der Schaumkelle aus dem siedenden Öl. Ich durfte die Krapfen im Zucker wälzen, der Februar riecht nach Pflaumenmus und leicht karamellisierten Zucker. Der Februar riecht nach fahler Sonne, nach blassen Wangen, der Februar riecht immer ein bisschen nach Sanatorium, nach Linoleum und den roten Wangen der Schwestern, im Februar ist selbst im Flachland, Zauberbergwetter. Thomas Mann seufzte am 7. Februar 1936 über ein „Stößchen Ergebenheitsbriefe“. Der Februar riecht nach trockenem Papier, nach einem abgebrannten Streichholz, im Februar findet man die letzten Kastanien vom Vorjahr in den Taschen. Der Februar riecht nach dicken Mänteln, die zu lange im Schrank unten im Keller oder auf dem Boden lagen, nach Mottenpulver, Lavendelseife und dem Parfum von ältlichen Tanten, die Lieselotte oder Margarethe heißen und niemals bei Rot über die Straße liefen. Der Februar riecht nach Erkältungsbädern, nassen Socken, nach der siebenten Grippe, nach Eukalyptusbonbons und im Februar kann man die Armut so deutlich riechen, wie nirgendwann sonst.

Der Februar riecht nach Kräutertee, kratzigen Handschuhen und Sorgen, der Februar riecht nicht nach großen Romanzen und auch nicht dem Grand-Hotel. Der Februar riecht nach einer Pension am Stadtrand, einem feuchten Mantel am Haken, nach Katzenfell auf den Hosenbeinen, nach dem Ende, nach Auf Wiedersehen, ohne Telefonnummer und ohne Geigen. Der Februar riecht nach Waschmittel und dann nach gefrorener Wäsche auf der Leine im Garten. Die Nachbarin ruft : „Alles umsonst“. Der Februar riecht nach Tweed, nach Kernseife, nach Dreck an den Schuhen, nach Altmetall und in Irland riecht der Februar immer nach dem Torf im Ofen, der Februar riecht nach Birkenholz. Der Februar riecht nach der Dämmerung und nach dem Kinderlachen, das da war, bevor der Ball wegrollte, unauffindbar blieb einen ganzen Winter lang. Der Ball ist grün. Die Wiese ist es noch nicht. Der Februar riecht nach Brustbonbons, nach angebrannter Milch und dem letzten Rest Vanillezucker im grünen Glas. Der Februar riecht immer nach dem Mann, der in der S-Bahn in sein Telefon schreit, er riecht nach Angst vor dem Chef, nach scharfem Mundwasser, nach der gescheiterten Ehe, nach dem Anruf seiner Mutter von vor fünf Minuten: „Junge hast Du dich denn auch warm genug angezogen. Der Mann trägt Hosenträger, Schnürschuhe, einen Mantel mit Krümel an den Ärmeln, einen roten Schal, aber keine Mütze und Handschuhe hat er auch nicht. Dafür rote Knöchel, es sind Knöchel des Februars. Seine Mutter schimpft, der Februar riecht nach kaltem Rauch, nach altem Atem, nach abgelaufenen Konservendosen, nach Bewährungsproben, die man nie besteht, nach Blumenwasser, nach Senfeiern und langweiligen Leitartikeln. Der Februar riecht nach der Müdigkeit, nach billigem Schnaps, nach Spülwasser und einem Honigbrot.

Der Februar riecht nach nassem Hund.

Pink Lady oder Auf einen Apfel mit Paul Cézanne.

Es ist natürlich ziemlich verrückt an einem ganz gewöhnlichen Dienstag Vormittag nicht ins Büro zu fahren, sondern zum Flughafen. Pfeifend zudem, so dass die Business-Reisenden ungläubig schauen, denn auch sie stehen aktentaschenbeschwert für den Flug nach London-Gatwick an, ich aber habe keine Aktentasche und pfeife noch immer. Im Flugzeug wippe ich ungeduldig mit den Beinen und ich zähle die Sekunden mit den Zehenspitzen, denn ich fliege ja geradewegs in Schwesterchens Arme hinein. Aber noch schaukelt das Flugzeug zwischen Irland und England, dann endlich landet es, schon renne ich los, pfeife noch immer, sitze im Zug, ab Clapham Junction sehe ich, wie Schwesterchen die Wohnungstür hinter sich zu zieht, zwei Stufen auf einmal nimmt, einmal links, einmal rechts, ich tausche die Bahn gegen die Tube und aus entgegengesetzter Richtung fährt auch Schwesterchen auf Westminster zu. Ich sehe sie schon weitem, das Kleid mit den Punkten, die Hand in den Locken und einen Moment bleibe ich stehen, fast ist es so als träfe ich einen Geliebten und wollte wirklich sicher gehen, dass er sich wirklich in mich verliebte, dabei hat Schwesterchen mich doch in Zuständen gesehen, die keiner meiner Geliebten kennt. Schon laufe ich los und dann sieht sie mich, läuft mir entgegen, da sind ihre Arme, und ihr Mund an meinen Ohren, der Herr mit Bowler-Hut sieht verwundert zu, wie wir beide über den Boden wirbeln, zwei Derwische kreiseln lachend und kichernd über den Trafalgar Square, selbst zwei kläffende Hunde verstummen und für den Rest des Tages halte ich Schwesterchens Hand in meiner.

Dann gehen wir zur National Portrait Gallery hinunter, Sonnenschein und Wolkenschafe. Cézanne. Die Portraits. heißt die Ausstellung und ich lächle Schwesterchen zu und Schwesterchen nickt. „Komm“, sagt sie und wir gehen in die Ausstellung hinein und schon stehen wir vor den Bildern, die die Farbe der Provence haben allesamt und schon Schwesterchen nickt mir zu: „Erzähl noch einmal“ sagt sie in meine Haare, legt mir den Arm auf die Schulter und zieht mich in eine Ecke wo kaum Besucher stehen.
Vor anderthalb Jahren, verlor meine Schwester ein Kind und schlief nicht mehr, sie blieb einfach wach und weinte, sie rief mich an in der Nacht, saß dort in London auf dem Sofa, sagte: „Erzähl mir eine Geschichte.“ „Was für eine Geschichte willst Du hören?“, fragte ich sie, meine Schwester zog einen Bildband von Paul Cézanne aus dem Regal, ich nahm den selben Band aus dem Regal und sie suchte ein Bild aus und ich erfand ihr eine Geschichte. Ich dachte mir einen Geschichte aus zu den Kartenspielern , einer der beiden versetzte seinen Ehering und konnte sich nicht mehr nach Hase trauen, ich erfand eine Geschichte über die roten Äpfel  im Korb und den hellen Landwein daneben, eine Frühstückspartie, bei der erst ein Korkenzieher, dann ein Tuch und schließlich eine Frau verschwindet, ich dachte mir aus wie die Badenden  eine Kommune auf dem Meeresgrund gründen, eine Revolution bricht aus, die Meermänner greifen an und jeden Abend suchte meine Schwester sich ein Bild aus und ich dachte mir eine Geschichte für sie aus. Nein, es sind nicht 1000 Nächte gewesen, aber auch nicht nur 10, vielleicht 100 wir haben sie nie gezählt, die Nächte nicht, und auch nicht die Geschichten, aber eines Nachts da rief sie nicht mehr an und wir sprachen nicht mehr über Cézanne, bis meine Schwester mich anrief vor ein paar Tagen und sagte: „Ich weiß es ist sehr spontan, aber ich würde gerne mit Dir die Cézanne-Portraits sehen, und Du erzählst mir eine letzte Geschichte. „Ich komme“, sagte ich und dann stehen wir wirklich in der Ausstellung und ich erzähle noch einmal, aber diesmal sind es andere Geschichten. Ich erzähle meiner Schwester von Émile Zola , dem frühen und engen Freund, der im Schneidersitz auf dem Porträt sitzt, so als sei er eigentlich ein Flaschengeist, während Paul Alexis ihm vorliest, dabei ist der Stuhl viel zu klein und viel zu fragil für den Mann, der auf ihm sitzt.

Aber vor allem erzähle ich meiner Schwester von den Kritikern, die Cézanne schmähten: „Cézanne hieß es, malt seine Frauen, seine Familie und seine Freunde wie Äpfel.“ Aber das sagt nur, dass Kunstkritiker nichts von Frauen und auch nichts von Äpfeln verstehen. Jedenfalls nichts vom Geheimnis der Äpfel, in denen schon immer die ganze Welt liegt, alle Farben haben die Äpfel, alle Formen, immer verbergen sie ihren Kern vor der äußeren Welt und so sind auch die Menschen, die Cézanne malte immer eindeutig, farbiger und niemals plakativ, immer sind sie im Bild. Vielleicht ist Cézanne derjenige Maler, der nicht daran glaubte eine Frau müsste gefallen, denn gefällig ist keines seiner Bilder. Weder die Männer noch die Frauen entsprechen dem landläufigen Ideal der Schönheit. Nirgendwo wird dies vielleicht so deutlich wie in den Bildern, die er von seiner langjährigen Lebensgefährtin und Frau Hortense Fiquet malte. Hortense ist diejenige, die Cézanne am häufigsten porträtiert hat und Hortense ist eine Frau, die nicht lächelt, Hortense ist der Apfel in jedem Bild, jemand der da ist, der da sein muss, aber eben als er selbst, nicht als jemand mit einer bestimmten Rolle oder einer Funktion. In einem einzigen Porträt nur näht Hortense, sonst hält sie die Hände geschlossen, halb geöffnet, sieht uns von schräg unten oder links oben an, aber vor allem ist sie da, ist da als Hortense Fiquet, nicht als Madame Cézanne, sie kocht nicht, strickt nicht, flickt nicht, erzieht nicht, sie ist nicht die ferne Phantasie, oder die ferne Geliebte, sie ist der zentrale Dreh- und Angelpunkt seiner Bilder und seines Lebens und Cézanne hat Hortense auf eine Art geliebt, die nicht mehr auf die Gefälligkeit der Geliebten angewiesen ist. Hortense lächelt nicht, Hortense ist wirklich da.
Schwesterchen und ich sehen ihr Gesicht, ihre Hände, beneiden ihre Kleider, wundern uns über ihre Einsamkeit, ihre Zuversicht und ich versuche mich an alles zu erinnern, was ich von ihr weiß.

Zu den zärtlichsten Porträts der Ausstellung aber gehören zwei Bilder von Paul fils , Paul dem Sohn von Hortense und Paul Cézanne. Wieder hat sich die Kunstgeschichte verächtlich über das stillebenartige, Starre und Unbewegte der Bilder mokiert, aber ich glaube und dabei habe ich keine Kinder, dass man vielleicht versucht, obwohl es doch niemals gelingt einen Moment festzuhalten, einen Augenblick nur, das Kind vor der Welt zu bewahren, einzufrieren wie es singt und lacht, mit dem Teddybären Pläne macht und auf einem Pappkarton die Weltmeere unsicher macht und das Kind ruft doch schon wieder: „Wann bin ich endlich groß?“ Lange stehen Schwesterchen und ich vor den Kinderbildern und ich ziehe meine große Schwester noch ein Stück enger an mich heran. Dann wandern wir weiter, wandern zu den Selbstporträts in denen Cézanne sich als selbstbewussten Pariser malt, um dann doch in die Provence zurückzukehren. Da sind sie noch einmal die Gärtner, die Landarbeiter, eine alte Frau mit weißer Haube und natürlich auch die Frau mit cafetière, aufrecht sitzt sie in dem Stuhl mit hoher Lehne, auch sie aber schält keine Kartoffeln, stopft keine Socken, auch sie ist genug. Es ist das Erstaunliche an den Bildern von Paul Cézanne und ich habe mich darüber niemals beruhigen können, dass seine Bilder immer hierarchiefrei sind, der Kaffeelöffel in der Tasse ist genau so zentral für das Porträt wie die Frau, der Stuhl, die Tapeten, die Schleife, die das Kleid hält. Auf Cézannes Bildern kann nichts weggelassen werden, radierte man den Löffel aus, das Bild wäre im gleichen Augenblick verschwunden. Vielleicht gilt es doch nach jenen Menschen, Männern wie Frauen Ausschau zu halten, die nehmen sie einen Apfel in die Hand, immer schon den Atem der Geliebten spüren und küssen sie Augenbraue des Geliebten etwas von der Süßigkeit des Apfels ahnen. Dann höre ich endlich auf zu reden. Schwesterchen lacht: Dass Dir als Shetlandpony an den Äpfeln liegt, ist nicht verwunderlich.“

Dann zieht sie doch ernster als sonst meinen Kopf zu sich heran, noch einmal stehen wir vor Hortense Fiquet. „Es ist gut“, sagt sie und wir gehen hinaus zurück in die Welt, wir trinken Kakao im Sonnenschein machen alberne Bilder, überlegen ob uns Cézanne wohl eines Apfels würdig hielte, ich erinnere mich an den Nachmittag den ich, es kamen keine anderen Besucher, im Wohnhaus des Künstlers in Aix-en-Provence verbrachte, Schwesterchen sagt: „ich halte mich noch immer an deinen Geschichten fest,“ und kurz bevor die Kühle des Februars in den Nachmittag zurückkehrt, legt meine Schwester meine Hand auf ihren Bauch. „Wir brauchen neue Geschichten“, sagt sie schließlich und ich nicke: Bon, bébe numéro 5, sage ich, lass mich dir erzählen, wie deine Mama, sie war dreizehn Jahre alt einmal auf den Kirschbaum stieg“, Schwesterchen quietscht, was soll bébé nur von mir denken?“ „Auf jeden Fall, dass Du mehr Apfel als Kirsche bist“, Schwesterchen kichert und dann brechen wir auf, denn wie die heimlichen Geliebten haben wir uns diesen Nachmittag gestohlen und zu Hause warten die Kinder und ich muss zurück nach Irland reisen. In der Bahn schließe ich die Augen, gehe mit ihr die Treppen zur U-Bahn herunter, sehe sie einsteigen, aussteigen, links und dann rechts gehen, den Schlüssel suchen, die Tür quietscht, 16 Kinderhände: Mama, wo bist du gewesen?“. Ein Geheimnis wird sie sagen, dann klingelt mein Telefon: „Bin da.“ Ich lächle, so wie man sonst nur lächelt, weiß man den Geliebten geborgen und vom Unheil bewahrt.
Im Flugzeug nehme ich den Apfel aus der Tasche.
Pink Lady, steht auf dem Aufkleber.
Danke, Paul Cézanne, flüstere ich und schließe die Augen.

Die Ausstellung Cézanne Portraits ist noch bis zum 11 Februar 2018 in der National Portrait Gallery in London zu sehen, bevor die Ausstellung dann nach Washington geht.
Der Katalog kostet 20 Pfund und ist ein Wunderwerk an Cézanne-Forschung und Geschichten.

Wie immer gilt: Selbstbezahlt, selbstgesehen, selbstgeknipst und selbstgeschrieben ist es auch.

Eine Papiertüte

Vom Konzert mit dem Auto zurückfahren.

Ausnahmsweise.

Der Tierarzt schläft. Der Tierarzt ist oft müde in diesen Tagen.

Ich höre Schubert im Konzert und dann noch einmal im Auto.

Irgendwo läuft immer Schubert.

Ein ganzes Jahrhundert hat sich da selbst in Musik gesetzt, denke ich. Die Ampel ist auf rot.

Auf einem Bierbike fahren Frauen auf der Straße umher. Sie singen: „Don’t look back in anger.“ Sie tragen Plastikkronen und dicke Jacken.

Das Bierbike schlingert.

Ich klopfe den Takt auf das Lenkrad.

1835 wurde Felix Mendelssohn-Bartholdy Kapellmeister in Leipzig.

Er ließ Bach spielen. Die Deutschen hatten Bach vergessen, 1835.

Man erzählt sich es hat einmal ein Konzert gegeben da spielten Clara Schumann und Franz Liszt, Bach am Klavier und Mendelssohn dirigierte.

Die drei wurden mit Blumen überschüttet.

Ich träume manchmal von diesem Deutschland in dem ein Jude fast an Blumen stirbt. Man hätte vielleicht 1945 ein Ministerium für Träume, Blumen und Bonbonnieren schaffen sollen, denke ich immer noch klopfen meine Finger im Takt.

Mir fallen wenig deutsche Träume ein in letzter Zeit, die nicht hart klingen und bitter, in denen die anderen etwas haben, was man selbst besser gebrauchen könnte, Turnschuhe zum Beispiel, die Träume der Deutschen sind hart und voller Eisen. Ich weiß nicht, ob die Welt nicht endlich doch genug gesehen hat vom deutschen Eisen und immer noch zu wenig Blumen.

Die Straße aber führt nicht nach Deutschland, sondern in ein kleines, irisches Dorf.

Ich sehe aus dem Autofenster.

Mülltüten, traurige Tauben. North Inner City Centre Dublin ist ein trüber Ort.

Dauert die Vernachlässigung nur lange genug, dann ist es egal, dass Bäume aus den Fenstern wachsen, aber keine Menschen mehr hinter den Fentern leben. Ein Fastfood Restaurant. Fish&Chips, Kepab, Fries und Chicken Wings. Die Leuchtreklame geht nicht mehr, ging vielleicht nie, wer weiß das schon. Dann wird es grün, hinter mir hupt es, der Volvo schnauft, ich fahre an, ich fahre an einem Mann vorbei. Der Mann sitzt auf dem Boden. Ein schmutziger Schlafsack liegt neben ihm. Das ist was ich sehe, zweiter Gang, Volvo, eine Straße in Irland, ich denke als ich weiterfahre: Der Mann hatte doch eine Papiertüte auf dem Kopf.

Ich denke: Der Mann hatte wirklich eine Papiertüte auf dem Kopf.

Manchmal sagen Frauen über viel schönere Frauen: „Die würde auch noch mit einer Papiertüte bekleidet so aussehen wie man selbst niemand im Abendkleid.“

Da sitzt ein Mann auf dem Boden mit einer Papiertüte auf dem Weg.

Das ist rein reiches Land.

Das ist Europa.

Warum kann man hier denn nirgendwo abbiegen. Dann geht es doch, ich stelle den Volvo ziemlich verkehrswidrig ab.

Meine Großmutter sagte: Das erste Mal nachzugeben, ist am Schwierigsten, Kind, es gilt das erste Mal in dem man sich nachgibt, so lange heraus zu zögern, wie nur irgend möglich. Ich gebe häufiger nach als sie.

Dann steige ich aus und gehe zu dem Mann herüber. Hiya, sage ich, I was just wondering if you are alright?“

Was ist das für eine Frage?

Was fragt man jemanden, der eine Papiertüte über dem Kopf trägt.

Das ist was ich frage.

Der Mann kann kein Englisch.

Vielleicht hat er einmal English gesprochen, aber jetzt kann er nicht mehr sprechen, er sieht unter der Papiertüte hervor und sein Gesicht ist von Geschwüren bedeckt.

Ich rufe einen Krankenwagen.

Der Mann zieht sich seine Tüte über den Kopf zurück.

Neben dem Mann und mir steht eine Gruppe von Jungen und Mädchen. Die Mädchen haben übermalte Gesichter und makellose Augenbrauen, die Jungs riechen nach Deodorant und Bier. Sie hören Musik, sie halten die gleichen braunen Papiertüten in der Hand, die der Mann auf dem Kopf trägt, sie essen Fries und Burger aus den Tüten, sie schnipsen Chipsbröckchen in Richtung des Mannes, sie erwarten noch etwas vom Leben und der Welt, sie wissen, dass der Mann da auf dem Boden nichts mehr zu erwarten hat, sie lachen und die Jungs versuchen die Mädchen zu beeindrucken, die Mädchen lachen nur. Die Mädchen wollen keine Jungs aus der North Inner City.

Der Krankenwagen kommt und der Mann zieht sich die Papiertüte fester um den Kopf und dann helfen wir dem Mann auf. Zwei Plastiktüten, der Schlafsack, die Tüte.

Die Mädchen und Jungen lachen.

Alles Gute, sage ich zu dem Mann.

Ich starre dem Krankenwagen hinterher.

Du wirst dich noch daran gewöhnen, sagte die Freunde damals in Berlin, als ein Mann mit einer Federdecke und Sandalen aus Biederdosen über die Straße lief.

Ich gebe öfter nach als die Frau, die meine Großmutter war.

Ein Mann sitzt mit einer Papiertüte auf der Straße, denke ich und sehe dem Krankenwagen hinterher. Die Mädchen und Jungen spielen ein anderes Lied.

Ich gehe zurück, der Volvo steht noch immer im Halteverbot.

Im Radio wird noch immer Schubert gespielt.

Die Ampel ist grün, ich fahre nach links, schon liegt die Stadt hinter mir, die Sonne geht unter. Lila-Grau, dann dunkel der Himmel, die Straße führt auf das Meer zu, Weideland zur Rechten, ein Friedhof, eine verfallene Kirche, die enge Kurve, zwischen Waldesrand und Meer, schließlich das Dorf.

Es ist nicht mehr Schubert im Radio.

Der Tierarzt schläft noch immer.

Mittwoch: Papiertonne steht auf dem Zettel am Kühlschrank.

Der Zettel ist gelb.

 

Ein Blick zurück

Zum letzten Mal in diesem Jahr, das Handtuch vom Halter, um die Schultern gelegt, der Ginster gähnt müde und müde bin ich auch, den steilen Pfad zum Meer herunterklettern. Vorsicht gilt es zu bewahren, denn der Pfad ist steil, das Meer aber rauscht so kalt und flaschengrün, wie ich es liebe. Noch einmal schlägt das Meer seine Hände über meinem Kopf zusammen und noch einmal wird alles leicht und schwerelos, am Ende auch ich. Der Wind lächelt spöttisch über die Frau im kalten Meer, das Meer aber ist unbekümmert, das zehn Uhr Schiff legt ab, nach dem 10 Uhr Schiff kann man die Uhr stellen, das 12 Uhr Schiff ist unzuverlässiger, das habe ich gelernt in den Jahren, in denen die Schiffe vorbeiziehen am rückwärtigen Fenster des kleinen, windschiefen Hauses. Einen Stein nehme ich mit, blank poliert für das Grab meiner Großmutter, die ich besuche, dabei ist der Friedhof wohl der letzte Ort an dem meine Großmutter sich aufhalten würde, sie und der Tod waren erbitterte Gegner, aber ich gehe doch wieder und wieder zum Friedhof, lege einen Stein auf den Stein mit ihrem Namen und fahre mit den Händen über den Namen, der mir am meisten fehlt. Noch aber läuft mir das Wasser aus den Haaren, blaue Füße und blaue Lippen, der Klabautermann würde mich als seine Schwester erkennen. Die Frau des Krämers erkennt mich auch so: „So long Fräulein Read On!“, „So long, Frau des Krämers“ rufe ich. Ein letztes Mal in diesem Jahr, das lugagge holdall packen, Bücherstapel vom Nachtisch nach unten tragen, das Kleid mit dem Norwegermuster zusammenrollen, die letzten Blumen aus der Vase nehmen, eine letzte Tasse Tee aus der blauen Tasse mit den weißen Tupfen trinken. Der Tee geht zur Neige. Der Priester lehnt in der Tür. „ Sie sehen nach Abschied aus, Fräulein Read On“, sagt er und ich nicke: „Kein Abschied ohne Tee und Gebäck“, sage ich und der Priester sieht müde aus und zwei müde Menschen sitzen am Tisch, der Blick geht aufs Meer und das Meer wird nicht müde Wellen gegen die Klippen schlagen zu lassen. Weißschäumend und wild ist die Welt unter dem Haus, eine Kirche auf Wellen gebaut, ist St. Sylvester, der Kirchturm so grau wie die tiefen Wolken. Möwengeschrei, in meinem Kopf verschwimmen die Weihnachtskantaten Johann Sebastian Bachs mit der Stimme des Priesters, nicht unangenehm, sondern fast überweltlich heiter. Auf dem grünen Sofa aber schläft der Tierarzt noch einmal auf eine halbe Stunde, nach dem langen Dienst der Nacht zusammengerollt an seinem Fußende liegt der Hund, die Katze aber schläft wie üblich auf der Sofalehne. Der Priester aber wird für die nächste Zeit zu allem auch noch Tierpension, aber von meinen Entschuldigungen über die schlechten Manieren des Hundes und die Manieriertheit der Katze will er nichts hören. Der Priester muss weiter, sein wehender Mantel flattert noch lange im Wind, da ist er längst schon im Unterland und ich lege das Plaid zusammen, gieße die Alpenveilchen in der Diele, lila Köpfe nicken mir zu, die alte Standuhr tickt, ein verirrter Sonnenstrahl wandert durch die Diele und für einen letzten Moment sitze ich auf dem Fensterbrett und schließe die Augen.

Auf dem Tisch, das weiß ich auch mit geschlossenen Augen, steht noch immer die blaue Schale mit den Äpfeln, rot, gelb und grün, Mandarinen daneben, ein Stapel mit Briefen, auf der Tischdecke laufen grüne Elefanten umher, neben der blauen Schale, steht die silberne Dose, schwere Ranken, in der Dose sammle ich Telefonnummern, verpasste Gelegenheiten, eine alte Rose, fast unlesbar gewordene Briefe, Schlüssel zu es denen das Schloss nicht mehr gibt und dann fällt mir ein, dass dieses Jahr nicht ein einziger Traum in die Dose gewandert ist. Geträumt habe ich nichts dieses Jahr, ich habe mir nichts vorgestellt, sondern durchgearbeitet und durchgehalten, die Dose blieb leer. Neben dem Tisch steht das alte Sideboard, auf dem Sideboard mehr Bücher und eine Kiste mit Mince Pies, Bilder aus diesen und anderen Tagen und eine Muschel mit abgeschürften Kanten. Eine Fallmuschel sozusagen. Noch einmal sage ich Bett und Tisch und Stuhl, Standuhr und silberne Dose. Man kann sich festhalten an Wörtern wie Tisch und Stuhl, kann sich am Bettrand festkrallen und an den Bücherschrank hängen. Dieses Jahr mit seinen langen Schatten aus Angst vor fast allem und vor allem dafür doch zu dumm zu sein, wie die Lehrer sagten, wann immer sie mich sahen, für etwas das Dissertattion heißt und für andere Leute da ist, aber nicht für mich, hieß es nicht, das Schicksal herauszufordern und ist das Schicksal nicht ein harter, ein unnachgiebiger Gegner? Ich weiß es nicht, im nächsten Jahr werde ich es wissen, die Verteidigung steht noch aus. Ein merkwürdiges Wort, eines jener Schauerwörter, dieses Jahr habe ich mich wieder und wieder an Tisch und Bett und Stuhl und der Schale mit Äpfeln festgehalten, in all den Nächten den einen wie den anderen. Zwei müde Schatten in einem Haus. Das Haus liegt im Schatten St Sylvesters, St Sylvester liegt im Schatten des Meeres. Dann aber wirklich Pass, Schlüssel, den Wollmantel, Keksdosen, Mince Pies, die Äpfel obenauf, noch einmal durch das Haus gehen, der Tierarzt stellt den Plattenspieler aus, Fenster zu, Licht aus, die Uhr schlägt. „Komm“ sagt der Tierarzt. Die Tür fällt ins Schloss.

Das Wagenrad der Assimilation

Es ist eine Katastrophe“, sagt die liebe C.

„Es ist ein Wagenrad“, sage ich.

Die liebe C. lacht. Sie sagt: „Deiner Großmutter wäre das nicht passiert.“

„Niemals im Leben“, sage ich und lache auch. Meine Großmutter verstand sich wie niemand sonst auf die Assimilation. Meine Großmutter gehörte ja schließlich, wie sie niemals müde wurde zu betonen, zur zweiten Generation der assimilierten Juden. Keine Ghettoluft, sondern erst österreich-ungarische, dann deutsche Bürger. Aber wir, was sind wir eigentlich, die Generation 1 und 2 nach Auschwitz? In jedem Fall machen wir Fehler, die meine Großmutter niemals gemacht hätte.

Meine Großmutter wusste ganz genau, wie groß der Adventskranz für das Wartezimmer sein musste, damit niemand sagte:

„Die Frau Doktor ist aber knausrig.“

Oder

„Die Juden protzen ja wieder mächtig.“

Letztes Jahr hatte die liebe C. den Adventskranz völlig vergessen.

Die Leute der Stadt sagten: „Bei der alten Frau Doktor hätte es das nicht gegeben und die Frau Doktor hat eben nur noch die Flüchtlinge im Kopf. Die liebe C. aber vertrat einen an Krebs erkrankten Kollegen, der die Dörfer versorgt an den Wochenenden. Aber gesagt hat die liebe C. nichts, denn „Es ist doch klar, dass die Juden bei jeder Gelegenheit noch mehr Geld scheffeln.“

Dieses Jahr aber ist der Adventskranz nichts weiter als eine Zumutung. Der Jude lernt es eben nicht.

Meine Großmutter wusste, dass man auch als Jud bei der Christmette zu erscheinen hatte, aber ging niemals zu der Christmette bei der die kleine Stadt unter sich sein wollte.

Meine Großmutter wusste, dass der Jude Karfreitag und auch an Ostern nichts in der Kirche zu suchen hat.

Nur mein Großvater hatte keine Wahl, er war der Kantor der Kirche und folgerichtig sagte Fräulein Patensky, die Diakonin, dass es eine Sünd sei, dass der Jud die heiligen Lieder spiele, aber die Zeiten waren eben so und Fräulein Patensky kniff die Lippen zusammen.

Meine Großmutter wusste, dass auch wenn man Schubert aus dem Kopf spielen konnte, immer die Noten auf dem Halter liegen ließ, damit man die Nicht-Juden nicht vorführte.

Meine Großmutter ließ mich die Aussprache aller deutschen Worte üben, das-h- das ich jahrelang nicht richtig sprechen konnte, üben bis mir die Ohren bluteten. Es gilt die Deutschen nicht mit dem schlechten Gebrauch ihrer Sprache zu reizen, sagte sie. Ihr Deutsch und unser Deutsch ist verschieden sagte sie und gab zu, dass auch sie niemals bis auf den Grund der deutschen Sprache vorgedrungen sein, denn wie konnte es sein, dass dieselben Nachbarn, die eben noch grüßten, schwiegen als die Familie nach Auschwitz fuhr?

Meine Großmutter hatte von ihrem Vater, der so stolz war, dass sie auf das Gymnasium kam, dass man als Jude am besten immer nur Klassendritter ist, um nicht dem Bild des vorwitzigen Juden zu entsprechen und so war meine Großmutter immer Klassendritte und dass meine Großmutter wirklich promoviert worden war und nicht nur aus Gewohnheit Frau Doktor gerufen wurde, verschwieg sie sogar vor sich selbst.

In einer und mag sie auch noch so freundschaftlich geführten Auseinandersetzung sagte meine Großmutter, hat der Jude niemals zu vorlaut zu widersprechen, immer gilt es im Gegenüber kein unangenehmes Gefühl hier mit einem Juden zu sitzen aufkommen zu lassen, im Zweifelsfall hat der Jude immer Unrecht, sagte meine Großmutter.

Eine Jude geht nicht bei Rot über die Ampeln.

Eine Jude lärmt nicht auf der Straße.

Eine Jude trennt den Müll vorbildlich.( Die Orientalen schmeißen ja den Dreck auf die Straße.)

Ein Jude erinnert die Nichtjuden nicht ständig daran, dass er Jude ist.

Ein Jude spricht niemals über Antisemitismus.

Wiederfährt einem Juden ein Unrecht, so beklage er sich nicht. Es gibt keinen Anspruch auf Gerechtigkeit, sagte meine Großmutter.

Nichts empört den Nicht-Juden so sehr, wie einen über Antisemitismus jammernden Juden. Erwarte niemals irgendeine Form der Unterstützung. Jude Sein, sagte meine Großmutter ist Einsamkeit als Lebensform. Sie hat Recht. Mag in Stockholm eine Synagoge angebrannt werden, mögen in Berlin Chöre rufen, stirb du Judenschwein, so ist auch das eine Sache der Juden und niemals eine Sache der Gesellschaft selbst.

Ein Jude hat seine Dinge stets griffbereit, packt den Nicht-Juden die Wut, so gilt es vorbereitet zu sein.

Diese Woche schrieb mir jemand eine Email. In der Email stand, finden Sie es nicht komisch, dass sie als Jude dem Muslim und Türken Deniz Yücel und Mesale Tolu ins Gefängnis schreiben? Das könnte doch sehr unangenehm sein, dass ihnen ein Jude schreibt.
Na dann wollen wir mal froh sein, dass die Karten wohl nicht ankommen. Im Gefängnis sein, ist ja schon schlimm genug, aber im Gefängnis zu sitzen und dann bekommt man Post vom Juden ist wirklich unaushaltbar schlimm.

Warum schämst Du Dich so Jude zu sein, schrie ich meine Großmutter an, da war ich achtzehn Jahre alt und wollte die Chanukkia ins Fenster stellen und meine Großmutter verweigerte sich und sagte: „Was ist nur in Dich gefahren Kind?“ Aber als ich nicht aufhörte zu schreien: „Warum schämst Du Dich so ein Jude zu sein, da hielt meine Großmutter erst meine Hände und dann mich so fest, bis ich glaubte, ich würde ersticken und sagte: „Ich halte das nicht aus, wenn Sie Dich auch noch erschlagen.“ Ich habe niemals aufgehört mich zu schämen.

Die Chanukkia steht auf dem Tisch und niemals am Fenster.

Meine Vater besorgte Marzipan und rote Schleifen. Geleesterne und solche mit Zuckerrand. Mein Vater kaufte dicke rote Kerzen und Tannenzapfen aus Schokolade. Mein Vater malte ein Schild: „Bitte greifen Sie zu.“ Wir wünschen Ihnen eine gesegnete und gesunde Adventszeit.“

Die Leute sagen: „Niederegger Marzipan- die Juden haben es eben.“

Die Leute sagen: „ Die glauben das doch gar nicht. Aber der Jude lügt ja gern.“

Die Leute sagen: Solche Angeber, die Juden.“ „Da kannste nichts machen.“

Die liebe C. am Telefon lächelt. „Immerhin originell“ sagt sie.

Ich sage: „Also hübsch ist er schon.“

Mein Vater sagt: „Er riecht nach Winter und Wald und Schnee.“

Der F. der ehemalige liebenswürdige Gefährte sagt: „Ich wette niemand traut sich den goldenen Tannenzapfen zu nehmen.“

Die liebe C. sagt zu mir am Telefon: Sie hat Dich geliebt Süße, sie hat Dich so geliebt.“

Ich nicke und schlucke.

Die Mali-Tant ruft an und sagt: Geh Mädi, hast gehört wie es den Juden ist ergangen in Göteborg? Geh Du musst mir halt scho versprechen, dass Du net gehst in a Shul fir a Tanz.

Es hat keine Juden in Irland, Mali-Tant, sage ich.

Die Mali-Tant sagt: „Geh Mädi, ich bin a oide Frau, i will net sehen Dich verschossen.“

Geh Mali-Tant, es wird scho gut gehen, sage ich.

Meine Großmutter sagte: Der Erfolg eines Juden misst sich in seiner Unsichtbarkeit. Sie musste es wissen, sie war ja schließlich die Tochter eines assimilierten Juden der ersten Generation.

Die Leute sagten, wenn die Schlangen in der Poli-Klinik zu lange war: „Na geh halt zum Judendoktor, die nimmt dich dran.“

Die Juden das sind eben die Anderen.