Ein leeres Haus

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Stralsund ist eine ehrwürdige Stadt. Roter Backstein und die Hanse, ja die Hanse, der Reichtum der Stadt schon anno 1231 und auch die Kirchtürme ragen weit über die Giebel der Bürgerhäuser hinweg. Stralsunds Kirchen sehen hinaus in die Welt und die Bürgerhäuser haben noch immer noch heute deutlich sichtbare Kontore, obwohl auch in Stralsund kein Getreideschiff mehr anlegt. Aber die Hanse ist noch immer ein Grund zum Stolzsein und die Türen der Kirchen sind schwer und kalt liegen die Türgriffe in meinen Händen.

Mein Großvater ist in Stralsund geboren. Anno 1917, da hatte Deutschland noch einen Kaiser und der Vater meines Großvaters, war der kaisertreuste unter den deutschen Juden und lag in Frankreich im Schützengraben, da schrie sein Sohn in die Welt hinaus, der war das fünfte der Kinder, die alle Kaisernamen hatten, und Kaiser’s Geburtstag wurde genauso gefeiert wie die Geburststage der fünf Kinder. Shabbat hielt man weniger feierlich. In Stralsund lebten doch freie Bürger und der preußischste unter den deutschen Juden, der trank ohnehin lieber Bier.

Wir gehen ins Stralsund-Museum, das Museum war früher einmal ein Gymnasium und mein Großvater ging dort zur Schule und wir gehen durch die Räume. Es gibt Hanseobjekte und Piraterie und Stralsund hatte einmal eine Spielkartenfabrik erfahren wir und das Warenhaus Tieck wurde arisiert. Das erfährt man über die Juden der Stadt. Man erfährt das, was man immer schon wusste. Der Jude ist ein Händler und dann übernahm ein anderer das Geschäft. So waren die Zeiten damals und die Zeiten man konnte sie doch nicht ändern und damit ist im Museum der Stadt Stralsund das Kapitel Juden auch schon abgeschlossen. Die Juden waren eben weg. Dann im nächsten Raum kommt ein Wikingerschatz. Glänzendes Gold und der Reichtum der Stralsund wiederholt sich wieder und wieder. Aber ich will nichts vom Schatz und stehe in einem großen Raum mit hohen Decken, der sicher einmal die Aula der Schule war, in die mein Großvater ging. Und mein Großvater, spielte zum Entsetzen seines Vaters, Klavier. Sein Vater schrie: „Ein deutscher Jude klimpert nicht am Klavier herum.“ Aber mein Großvater spielte trotzdem, spielte auf Schulkonzerten, spielte und spielte und auch als mein Urgroßvater drohte, er würde das gebrauchte Klavier, das in das Haus zog mit der Axt zerschlagen, spielte er weiter und weiter. Es lag in seinen Händen. Mein Großvater war der letzte Jude, der am Gymnasium die Matura machte, denn die Schule war dann judenrein. Noch immer steht ein schöner schwarzer Flügel in der Aula. Zugedeckt ist der Flügel mit schwarzem Tuch. Es ist verboten auf dem Flügel zu spielen. Der Direktor.“ It is forbidden to use the piano“ sage ich zum Tierarzt, der Tierarzt versteht nicht, denn der Tierarzt will, dass ich auf dem Klavier spiele. Aber ich ziehe die schwere Decke nicht vom Flügel herunter. Im zweiten Stock des Museuems sind Bilder von Elisabeth Büchsel ausgestellt. Im Juni 1945 malte sie blonde Kinderköpfe. In Deutschland ist immer alles voller Unschuld und dann gehen wir aus dem Museum zurück in die Stadt. Stehen auf dem Marktplatz, trinken Tee in einem der ehemaligen Kontore, und der Kellner sagt er sei Tee-Sommelier und ich nicke zu allem, nicke zu der Hausmischung Stralsund Gold und nicke und nicke und nicke und sehe aus dem Fenster heraus und sehe meinen Großvater mit Notenpapier unter dem Arm und einem Koffer die Stadt verlassen, denn wer Pianist werden wollte, der blieb hier nicht und so blieben die Eltern und die Brüder zurück und in der Wohnung hing noch immer das Bild des Kaisers und mein Urgroßvater hielt ihm und dem erledigten Preußen die Treue. Der Kaiser in Doorn wusste davon nichts. Wir gehen am Moorteich entlang und man erzählt sich, dass mit der dräuenden Niederlage des tausendjährigen Reiches, nach zwölf langen Jahren, sich ein Menschenzug bildete, und all die Bürger sie warfen die vielen Devotionalien ihrer deutschen Jahre in den Moorteich hinein. Schon waren sie verschwunden die Hitler-Bilder und all die anderen Dinge, die man lieber schnell vergaß. Der Moorteich liegt in der Sonne. Ein Café ist am Ufer geöffnet und man fährt Boot auf dem Teich und die Boote sind Tretboote in Schwanengestalt. Wir aber gehen weiter, eine lange Allee entlang und die Häuser liegen im stillen Sonnenlicht. Wir gehen schweigend und ich zähle die Schritte, denn war dies nicht der Schulweg meines Großvaters und vielleicht stolperte er über seine Schnürsenkel und fiel über einen Stein, denn über dem Knie meines Großvaters verlief eine lange, zackige Narbe, aber vielleicht ist es auch ganz anders gewesen und dann stehen wir in der Straße, in der mein Urgroßvater noch vor dem Ausbruch des ersten großen Krieges hinzog.

Zentralheizung und Warmwasser, das war das Deutschland des jungen Kaisers und das war des Deutschland dieser Familie und dann stehe auch ich dort und zähle die Hausnummern und dann stehe ich vor dem Haus und zähle die Stockwerke und obwohl ich es doch besser weiß, gehe ich über die Straße und suche auf dem Klingelschild meinen Namen. Aber der steht dort nicht und die Namen sagen mir nichts und ich sehe hinauf. In den Fensterscheiben spiegelt sich der Himmel und die Wolken sind schneeweiß und die Sonne glänzt und ich frage mich doch, ob mein Großvater hier in den Himmel sah, während sein Vater schrie, dass ein deutscher Jude doch nichts am Klavier verloren hätte. Ich sehe ihn nicht, denn ich kenne ihn nicht. Es gibt kein einziges Bild meines Urgroßvaters, meiner Urgroßmutter und ihrer Söhne mehr. Denn auch die preußischsten unter den deutschen Juden, auch der Primarschullehrer, mein Urgroßvater und seine Frau und die vier Söhne wurden deportiert, im Februar des Jahres 1940, standen sie da mit dem Koffer, jeder ein Koffer und vielleicht legte er das Kaiserbild hinein. Ich weiß es nicht, ich habe sie nie gekannt. Ich weiß nicht, ob ich den Schluckauf, den ich immer dann bekomme, wenn ich aufgeregt bin, nicht von meiner Urgroßmutter habe, oder ob mein Urgroßvater nicht heimlich doch die Augen schloss, wenn sein Sohn am Klavier saß und spielte. Ich weiß nicht ob wir uns nicht furchtbar anstrengend gefunden hätten oder ob wir uns in Zuneigung gegenüber gesessen hätten, bei seiner goldenen Hochzeit vielleicht, denn wir hatten niemals die Gelegenheit uns kennenzulernen. Meine Urgroßeltern und ihre vier Söhne waren unter jenen, die deportiert worden, so ging es in Deutschland, da holte man den Primarschullehrer aus der Wohnung und fuhr ihn nach Auschwitz und der Jude mit der Kaiserliebe und den vielen Söhnen und der einen Frau, der ging ins Gas und dann starb er, denn das taten die Juden im 20. Jahrhundert und in Deutschland zogen andere Nachbarn in die Häuser und ich stehe hier auf der Straße und meine Hände sind kalt und ich will sie herunterrufen, ich will Steine gegen ihre Fensterscheiben werfen, ich will rufen, lauft doch davon und ich will, sie über das Meer tragen, das Meer, das hier Sund heißt, soll sie davontragen. Bestimmt hätte es in New York Platz für eine Kaiser Wilhelm Gesellschaft gegeben und mein Urgroßvater hätte Kaisers Geburtstag feierlich begangen und ich müsste nicht so stumm auf der Straße stehen und ich stehe ja nur auf der Straße weil mein Großvater als einziger der Söhne aus Auschwitz zurückkam. Er kam nach seinen Eltern in das Lager, er wusste nicht, dass seine Eltern schon in der gleichen Schlange gestanden hatten, dass auch seine Brüder schon erstickt waren im Gas, in Auschwitz traf man niemanden mehr und mein Großvater, der Mann mit dem traurigen Lächeln, bekam in den Jahren nach Auschwitz, die für die Deutschen andere Jahre waren, als für meine Großeltern einen Brief des Gymnasiallehrer und der Jude, sollte dem Lehrer ein Leumundszeugnis ausstellen, darüber, dass er der Jude doch noch die Matura habe ablegen können. Und damit könnte es nicht so schlimm gewesen sein, wie man sich immer erzählte und man habe wirklich nichts gewusst davon. Aber mein Großvater antwortete nicht.
Und die Fenster des Hauses haben Gardinen und manchmal bewegt sich ein Schatten und ich drehe mich um und laufe davon und laufe zurück bis zum Auto und dann fahre ich los, fahre so schnell ich kann, fahre und fahre und denke wie der Tierarzt sagt: „Mädchen weiß Deutsch“, der Tierarzt sagt es bestimmt und ich im Auto, sehe die Hauswand und denke, nein, ich weiß nicht weiter, ich weiß es nicht, ich weiß nicht was das ist, ich weiß nicht wie man es wissen kann, es ist nichts mehr mit dem Deutsch der Juden und den Deutschen und Juden ist es zu Ende gegangen und die Straße im Rückspiegel ist schon eine andere, ist immer dieselbe und ich fahre weiter und weiter und sehe das Haus. Das Haus ist leer.

Schwarze Stunde

Unten auf der Straße bellt ein Hund. Der Hund bellt nicht für mich. Vielleicht bellt der Hund einer verflossenen Liebe hinterher oder der Hund bellt den Mond an. Vielleicht ist der Hund auch in die Katze verliebt. Die Katze liegt auf den Femsterbrett. Auf dem Fensterbrett liegt ein Plaid. Rot und blau ist das Plaid und ein bisschen fadenscheinig schon ist der Stoff. Schon lange liege ich nicht mehr auf dem Plaid. Als ich auf dem Plaid lag da war sein Stoff noch dunkelrot und indigoblau und kleine Goldfäden zogen sich am Stoff entlang. Als ich auf dem Plaid lag, sah ich den Himmel von Assam. Schwer war der Himmel, ein dunkles Tuch. Kurz bevor der Monsoon kam, lag ich auf dem Plaid und in meinem Haar lag eine Hand. Neben mir auf dem Plaid lagst du und wir sahen in den Himmel hinein und du lachtest als dir sagte, dass die meisten Menschen glauben, Assam sei eine Teesorte und dein Lachen flog in den Himmel hinein und schon damals habe ich es nicht auffangen können. Du auf dem Plaid last mir Gedichte vor. Sylvia Plath. Aber das Gedicht erinnere ich nicht mehr, nur noch den Buchrücken und deine Hände. Ein Himmel voller Gedichte und der Monsoon wartete bis du heiser warst und erst dann kam der Regen. Ich bin lange nicht mehr in Assam gewesen. Deine Hände sind unter der Erde, seit Jahren schon, es sind keine guten Jahre für Assam gewesen und ob es jemals gute Jahre für Dichter gab, weiß ich nicht. Das Plaid aber habe ich mitgenommen in alle Länder ohne dich. Die Goldfäden verschwanden zuerst, dann blichen die Farben dahin und wer weiß vielleicht wurde auch ich blass und blässer und mag sein ich bin heute so farblos wie das Plaid auf dem Fensterbrett liegt das Plaid und auf dem Plaid liegt die Katze. Die Katze schläft oder jedenfalls tut sie so als würde sie schlafen. Die Katze hält nichts von zudringlichen Fragen. Sie wird mir nicht sagen, ob in ihrer langen Ahnenreihe einmal eine Katze aus Assam kam. Wie viele Iren haben denn in den Kolonien als clerks and officers and officer’s ladies gedient? Unzählig viele und mag sein, dass ein clerk, ein officer oder eine lady eine Katze aus Assam mit sich brachte? Mag sein also, dass die Katze dort auf dem Fensterbrett mehr weiß über Bramaphutra als ich so denke. Wer weiß, denn die Katze hält die Augen geschlossen, und sagt mir nicht, ob sie vom Hund träumt, der noch immer unten auf der Straße bellt. Vielleicht träumt die Katze aber auch von einem Kater, den sie manchmal im Garten besucht unter den alten Bäumen. Die Bäume rauschen in der Nacht und wer weiß vielleicht hat vor Jahren ein officer unter der Kastanie gesessen und ein Bild angesehen mit einem Mädchen darauf. Assam 1885 oder so ähnlich. Aber ich stehe nicht auf um nach einem Bild von dir zu suchen. Du hättest gelacht: „Ever so sentimental“ und ich hätte genickt. Dabei schriebst du doch Gedichte, aber deine Gedichte waren niemals sentimental. Dafür waren dir die Wörter zu ernst und ich glaubte damals ich könnte auch ohne Wörter leben. Ich sprach damals nur in technischen und abstrakten Dingen. Du aber zogst mich zu dir auf die Decke und immer hattest du ein Buch bei Dir und ich hörte dir zu und manchmal schobst du eines deiner Gedichte unter die vielen, die du für mich last. Die Straße vor mir liegt im Dunkeln. Hier geht keine Straßenlaterne mehr und der Priester ist bei seiner Mutter in einem ähnlich abgelegenen Teil Irlands wie es Assam in Indien ist. Vier Tage braucht man von Delhi bis in das Dorf in dem du lebtest und manchmal, aber nicht heute Nacht sehe ich mir die Fahrpläne an und rechne aus, wie lange ich wohl bräuchte, flöge ich morgen früh los, aber eine andere Zeit als die der Reise, als die zwischen Dorf und Flughafen und Bahnhof hat sich zwischen uns gelegt und jeden Tag versinkst du ein Stück mehr oder laufe ich weiter von dir weg. Unten auf der Straße bellt der Hund. Die Katze sieht mich nicht. Ich sehe dich auf dem Plaid neben mir. Der Regen auf der Straße ist eine schwarze Pfütze und das Meer ist dunkelgrau. Der Brahmaputra war braun und manchmal auch indigoblau. Ein heiliger Fluss, ich weiß nicht, ob den Iren das Meer heilig ist, oder ob es nicht immer ein Weg heraus war, ein Fortkommen, diese schäumende See, vor meinem Fenster ist schwarz. Ich habe nie jemanden nach den G*ttern dieser See gefragt, nicht den Tierarzt, nicht den Priester, keinen der Freunde, keinen der Feinde, das Meer schäumt in der Nacht. Ein Wiegenlied, aber ich fürchte bis zu Dir reicht es nicht. Dann doch noch einmal das Licht anmachen. Neben dem Nachttisch stapeln sich die Bücher, aber ich muss lange im Regal suchen, bis ich doch einen Band von Sylvia Plath finde. Einen Daumen in eine Seite und vorsichtig nur mit den Augen über den Rand der Seite lesen:

Overnight, very
Whitely, discreetly,
Very quietly

Our toes, our noses
Take hold on the loam,
Acquire the air.

Nobody sees us,
Stops us, betrays us;
The small grains make room.

Soft fists insist on
Heaving the needles,
The leafy bedding,

Even the paving.
Our hammers, our rams,
Earless and eyeless,

Perfectly voiceless,
Widen the crannies,
Shoulder through holes. We

Diet on water,
On crumbs of shadow,
Bland-mannered, asking

Little or nothing.
So many of us!
So many of us!

We are shelves, we are
Tables, we are meek,
We are edible,

Nudgers and shovers
In spite of ourselves.
Our kind multiplies:

We shall by morning
Inherit the earth.
Our foot’s in the door.

Mushrooms nennt sie das Gedicht und ich schließe die Tür hinter mir, lasse den Band auf dem Tisch liegen, kaltes Wasser ins Gesicht und dann die Tür schließen. Die Treppe hinauf mit kalten Füßen und in der Fensterscheibe bin ich ein dunkler Schatten. Auf der Fensterbank lieht ein Plaid. Auf dem Plaid schläft die Katze. Unten auf der Straße hört ein Hund auf zu bellen.

Sylvia Plath, Mushrooms, in: Carol Ann Duff (ed), Sylvia Plath, Poems, London 2012, p.58

Herr Müller kommt nicht mehr zurück.

In der kleinen Stadt in der meine Großmutter und auch mein Großvater lebten gab es nicht nur den alten Kirchturm und das Rathaus mit dem Renaissance-Giebel, die Poliklinik und die Praxis meiner Großmutter am anderen Ende des Marktplatzes gelegen, ein Gymnasium und altes Kopfsteinpflaster, sondern auch Außenseiter. Meine Großeltern zählten zu ihnen, sie waren die Juden des Ortes, das sagte man aber nicht laut, sondern hinter vorgehaltener Hand und noch heute, gehe ich über den Marktplatz sprechen mich manchmal Einwohner der kleinen Stadt an: „Sie sind doch die Enkeltochter der Frau Judendoktor, nicht wahr? Manchmal riefen die viele Kinder der kleinen Stadt: „Brennt der Jude/ rappelts in der Bude.“ Aber meine Großmutter verzog nur die Lippen zu einem Lächeln, von dem man niemals wusste, ob es spöttisch oder traurig war und ging weiter. So war das in Deutschland und auch in jenem Deutschland, das für sich befand antifaschistischer Schutzwall zu sein. Mein Großvater leitete den Chor und die deutschen Frauen, die dort aus dem Gotteslob sangen, verliebten sich in den schmalen Mann mit den traurigen Augen. „Der Jude hat etwas“ sagten die Frauen und mein Großvater der niemals lächelte, sah den Frauen nicht hinterher.

Im Kirchenchor sang auch Richard Müller. Er war der einzige Mann, Lehrer für Musik am örtlichen Gymnasium und schwul. Das wussten alle Menschen in der kleinen Stadt und sie ließen Richard Müller wissen, dass sie es wussten, denn wenn auch alle Menschen, sahen sie Richard Müller, ganz besonders überdeutlich sagten: „Guten Tag, Herr Müller“, so nannten sie ihn, kaum wandte er sich ab  niemals anders als „Sweety Müller“. Die Mütter, die im Kirchenchor Richard Müllers voluminösen Bariton lobten, verwarnten ihre Kinder niemals, aber wirklich niemals auch nur das leiseste Wort mit Sweety Müller zu wechseln. Denn Sweety Müller täte in seiner Wohnung über dem Konsum Dinge, die so schrecklich wären, dass sie am Besten gar nicht ausgesprochen würden. Sweety Müller täte mit kleinen Buben noch viel schlimmere Dinge als die Juden, die ja auch Kinder fräßen. ( Aber das durfte man nicht mehr laut sagen.)

Im Gymnasium der kleinen Stadt hatte Richard Müller Disziplinprobleme. Denn die Mädchen kicherten sobald Richard Müller das Wort Flöte in den Mund nahm hemmungslos und die Buben schrien „Sweety, sweety Müller“, wenn immer der Lehrer sich ihnen näherte, warfen die Notenblätter aus dem Fenster und wann immer Herr Müller das Klassenzimmer betrat, war eine Schmiererei an der Tafel angebracht, die zwei kopulierende Strichmännchen zeigte: Sweet stand unter der Zeichnung. Immer wieder beschwerten sich Mütter und Väter über den Musiklehrer und fürchteten um die Unversehrtheit ihrer Söhne.
Eines Tages aber wurde Richard Müller in Begleitung eines Mannes auf dem Marktplatz mit seinem hohen Kirchturm gesehen. Die vielen Kinder des Ortes riefen: „Küssen, Küssen“ und am Ende des Tages klingelte Richard Müller bei meiner Großmutter. Er blutete aus der Stirn und meine Großmutter ging mit ihm hinüber in die Praxis und nähte die Platzwunde und klammerte die geplatzte Augenbraue. „Herr Müller, sagte meine Großmutter, kann ich etwas für sie tun?“ Herr Müller schüttelte den Kopf. „Er sei nur unglücklich gefallen.“ „Jetzt müsse er auch los, denn sein Bruder sei zu Besuch.“ Aber meine Großmutter wie alle Bürger der kleinen Stadt wussten, dass die Männer des Ortes, Richard Müller „eine verpasst hätten“, damit er nicht noch mehr solche „warmen Brüder“ hier anschleppte. Im Kirchenchor waren die Frauen sehr besorgt um Richard Müller mit der schönen Baritonstimme. So vergingen die Jahre und Richard Müller blieb Sweety Müller. Eines Tages als Richard Müller die Tür zum Klassenzimmer öffnete, hatte sich die Buben die Münder rot geschminkt und spitzten die Münder zum Kuss: „Sweety, sweety Müller, küss mich doch, wenn du dich traust.“ Richard Müller verließ schweigend das Klassenzimmer.
Wieder klingelte Richard Müller bei meiner Großmutter und saß in ihrem Sprechzimmer, hinter dem Schreibtisch meiner Großmutter hing das Bild von Magnus Hirschfeld, den der Direktor der Poliklinik für einen Klassenfeind hielt und wahrscheinlich war Richard Müller der einzige, der Magnus Hirschfeld als den erkannte der er war, einen brillanten Arzt und Vorkämpfer für die Rechte sexueller Selbstbestimmung und der Entkriminalisierung von Homosexualität. „Ich brauche ein Rezept“, sagte Richard Müller zu meiner Großmutter.

„Was brauchen Sie für ein Rezept Herr Müller?, fragte meine Großmutter.

Ich brauche ein Rezept gegen diese Krankheit“, sagte Herr Müller und zeigte zwischen seine Beine.

Meine Großmutter von der ich doch alle Worte habe und die niemals auch nur um ein einziges Wort verlegen war, sah Richard Müller schweigend an. Dann sagte sie all die Dinge die man so sagt: Dass er völlig in Ordnung sei, so wie er sei, dass Homosexualität doch, aber Richard Müller wollte ein Rezept gegen ein Leben, das ihm nicht aufhörte wehzutun, ein Rezept gegen die johlenden Kinder, gegen das „Einen wunderschönen, schönen guten Morgen Herr Müller, gegen die grinsenden Männer mit der Faust in der Tasche. Meine Großmutter hatte kein Rezept, sie suchte ja selber vergeblich gegen ein Rezept für die Schmerzen von Auschwitz. Lange saßen sie da, meine Großmutter und Richard Müller und der schweigende Magnus Hirschfeld an der Wand schwieg mit ihnen. Dann ging Richard Müller: „Danke Frau Doktor.“

Zwei Wochen später fand eine Nachbarin Richard Müller auf dem Wäscheboden.

Richard Müller hatte sich erhängt.

Kreischend stand sie auf dem Marktplatz: „Sweety Müller ist tot.“

Die Frauen heulten, die Männer sagten sie hätten es ja gewusst, dass es kein gutes Ende nehmen würde mit Einem wie diesen. Die Kinder johlten und wollten die Leiche des „warmen Bruders“ sehen.

Zur Beerdigung Richard Müllers kamen allein sein Bruder und meine Großeltern. Noch heute aber und längst gibt es schwule Paare in der kleinen Stadt, raunen die Bürger, wann immer ihnen jemand merkwürdig erscheint: „Ganz wie Sweety Müller.“

 
Heute am 30. Juni 2017 hat der Bundestag die „Ehe für Alle.“ beschlossen und auch wenn es keine späte Gerechtigkeit mehr für Richard Müller gibt, so gibt es doch ein Unrecht weniger.

Ein unendlicher Sommer

IMG_2300.jpgDie Juninächte in Kensington sind noch immer mild und regnerisch zugleich. Der Mond hängt tief über den Dächern und noch immer sind die Häuser so herrschaftlich wie englisch treu. Die Bäume der Straße sind eine Geschichte des Empires für sich. Die Bewohner der Häuser lächeln leise und nur manchmal öffnet sich ein Tor und ein Auto fährt fast geräuschlos davon.

Fast immer ist noch alles genau so, wie in jenem Sommer vor vielen Jahren, als der D. und ich, das Haus seiner Eltern hüteten. Auch jener Sommer begann mit einem Vollmond und dicken Regentropfen. Der D. küsste mich unter einem Frangipani-Baum und wir sprachen nicht davon, dass die neue Freundin seines Vaters, mit dem Lieblingskleid seiner toten Mutter in der Stadt spazieren ging und vermutlich auch im Koffer den sie mit in den Urlaub nahm mehr als eines ihrer Kleider eingepackt hatte. Wir winkten dem Bentley bis er um die Ecke bog. Dann küssten wir uns und später saßen wir auf den Steinen, die das Bassin mit den Seerosen umschlossen. Wir wären gern aufgestanden, denn der Regen wurde heftiger und schon klebte uns die Kleidung an den Knochen. Aber wir waren wie festgewachsen, die Seerosen leuchteten weiß und schwer zu unseren Füßen. Später habe ich zähneklappernd in der großen, schwarzen Badewanne gelegen und in den Regen hinausgesehen. Der D. saß auf der Fensterbank und wir beide schwiegen, der Regen war ja laut genug. An einem anderen Abend da sprang die G., in einem goldenen Paillettenkleid, das ungefähr so viel gekostet hatte, wie ich damals in einem Jahr verdiente in den Pool, als eine goldene Nixe tauchte sie wieder auf. Schon damals ging die G. niemals einer Wette aus dem weg und als der betrunkene F2 seinen Siegelring in den Swimmingpool warf, war sie die erste, die wettete diesen auch in goldenem Kleid und goldenen, hochhackigen Sandalen herausholen zu können und natürlich die G. ihr Versprechen eingelöst. Getanzt haben wir in diesem Sommer als ob es um unser Leben ginge und vielleicht ging es das ja auch. Alte Platten in dunkel getäfelten Wohnzimmern mit Tischen an denen ohne Mühe die Queen samt Hofstaat beköstigt werden könnte und wer weiß, vielleicht kommt sie noch immer in eines jener Häuser zum Tee. Wir aber drehten uns nächtelang zur kratzenden Nadel der Plattenspieler und verliebten uns wechselseitig ineinander und trennten uns zwischen Atempausen. Obwohl es uns doch vor allem an Atem fehlte. Vielleicht zogen wir deshalb auch durch die Gärten. Lampions und kalter Wein. Mit dem D. ganz oben auf einem Dachfirst balancieren. Mit geschlossenen Augen und eng verschränkten Händen. Der D. drehte die Bilder seines Vaters um und ich hängte weiße Lampions im Garten auf. Die G. trug ein feuerrotes Kleid in jener Nacht und wir alle hörten erst ihr Lachen und dann spät in der Nacht, die Kerzen in den Lampions schimmerten nur schwach ein leises Platschen und plötzlich schwamm die G. stumm und still im Bassin und verschwand fast ganz in den Seerosen. Ophelia dachte ich und der D. sprang ins Wasser und zog sie heraus. Ophelia sagte sie und wir nickten, denn auch wir wollten mit dem Leben im eigentlichen Sinne nichts zu tun haben. Irgendwann war die G. wieder warm und trocken. Vielleicht war daran auch der 200 Jahre alte Brandy schuld und der D. wickelte die G. in einen Bademantel seiner Mutter. Manchmal verschwand der D. für Tage und manchmal war er nicht zurück, wenn es schon dunkel. Es dauerte ein paar Tage bis ich herausfand, wo der Friedhof war und der D. lag auf dem Grab seiner Mutter, verdeckt und kaum zu erkenne, zwischen all dem Efeu und den weißen Lilien, die ein Gärtner brachte. Ich zog den D. an beiden Händen wieder in die Welt zurück. Wie zwei Schlafwandler taumelten wir zurück und der D. hatte kalte Hände. Der Sommer aber , jener Sommer war warm und wir glaubten, dieser Sommer müsste reichen für ein ganzes Leben. Vielleicht ist das ja wahr. Am Ende des Sommers kehrte der Vater des D. schließlich zurück. Da hatten wir die die Sachen seiner Mutter schon in das Haus, in das er schließlich ziehen würde, gebracht. Sein Vater sagte nichts zu den leeren Schränken und schwieg über die geleerten Flaschen. Der D. fuhr auf zwei Jahre ins ewige Eis. Die G. packte eine leichte Tasche und eines Tages lag eine Karte aus Los Angeles in meinem Briefkasten. Es würden viele Sommer vergehen, bis ich sie schließlich wiederträfe. Ein jadegrünes Kleid trug sie am Flughafen und ich sah sie sofort. Ich aber begann nach jenem Sommer zu studieren und über meinem Schreibtisch hängt noch immer ein Bild von D. und seiner Mutter. Nach Kensington bin ich für viele Jahre nie wieder zurückgekehrt, bis zu dieser Woche. Auch in dieser Woche ist Sommer, aber niemand trägt ein goldenes Kleid und auch den Bentley habe ich nicht gesehen. Dazu habe ich zu viel gearbeitet und kaum aus dem Fenster gesehen. Drei Tage, dreimal 18 Stunden und doch als endlich alles erledigt ist, laufe ich durch die regenschwere Nacht, über den Kaminen steht der Mond und laufe die Straße hinunter. Das Haus des D. liegt dunkel in der Nacht. Nur hinter einem Vorhang schimmert ein kleines Licht. Aber der Frangipani Baum steht noch immer an gleicher Stelle und meine Hände finden unsere Namen. Eine ganze Weile lege ich meine Hände auf den Baumstamm und schließe die Augen. Dieser Sommer hört nicht auf zu sein, flüstere ich und denke an D. und G. Dann gehe ich zurück durch das stille Viertel. Schließlich fängt es an zu regnen, denn die Juninächte in Kensington sind noch immer mild und regnerisch zugleich.

Hineingefallen

Gestern lag in der Regenrinne ein ertrunkener Vogel. Begraben ist der Vogel, der so tief fiel unter der alten Kastanie, die direkt an das Kirchhofmäuerchen grenzt. Eine der mattschwarzen, glänzenden Federn liegt nun in der Tonschale auf dem Küchenschrank. Das Küchenfenster geht direkt zur Kastanie heraus. Heute zwischen zwei langen Sitzungen hatte ich Zeit für dreißig schnelle Bahnen im Schwimmbad der Universität. 30 Bahnen lang Zeit um zu überlegen wo ich schon überall hineingefallen bin, nicht genug Zeit um zu überlegen, ob ich aus allen Untiefen wohl auch wieder herausgekommen bin, aber es hilft ja nichts, wenn die Zeit eben schneller läuft als man selbst. Hineingefallen also in Pfützen, große und kleine, in einen Priel an der Nordsee, beinahe nur in ein Moor, mehrmals bekleidet in Seen und einmal von einer heftigen Böe erfasst von der Arca ins Mittelmeer hinein. Hineingefallen in offene Arme. Ebenso oft habe ich mich in fest verschlossene, brettharte Arme fallen lassen. Die Arme gaben niemals nach. Hineingefallen bin ich in Bücher und ihre Bewohner: „Nein, blieb doch bei Anna dem Blumenmädchen“ rief ich Thomas Buddenbrook voller Entsetzen zu, doch er war schon weiter, und später sah ich ihm zu, wie er toll vor Schmerzen auf die Straße fiel. Vom Rad auf Straßen gefallen, ja das kann ich gut, einmal gefährlich nah an eine Böschung. Hineingefallen in Menschen, in ‚sone und solche ‚und zu oft in solche, die alles fallen ließen, am Ende auch mich. Hineingefallen in Franz Kafka mit einer erschreckenden Wucht. Noch immer stehe ich eigentlich auf einem Prager Bahnhof und rufe ihm zu: „Fahren Sie doch, so fahren Sie doch“ und dass Franz Kafka und Milena Jesenská sich buchstäblich verpassten, ist mir niemals aus dem Kopf gegangen. Hineingefallen in Geschichten in so vielen Nächten und hingefallen über scharfe Ecken in ihnen und in denen, die sie schrieben oder lebten, manchmal ist das ja wirklich dasselbe. Hineingefallen in Herzen und Rippen und hineingefallen bis tief unter die Haut. „Du bist mir zu viel“ schrie mehr als einer und wieder war ich hingefallen und sah nur die blauen Flecken noch nicht. Hineingerollt oder zusammengerollt in einen Straßengraben, da flogen Schüsse ( Islamabad, 2011 ). Mit dem Gesicht in die Erde gedrückt, in die geöffnete Hand atmend, ein kleiner, brauner Vogel, bewegungslos und irgendwann doch wieder aufgestanden. Vielleicht sind in jenem Straßengraben ja braune Federn von mir liegen geblieben und jemand hat sich eine aufgehoben, wer weiß das schon? Niemals jedoch hineingefallen in eine dreistöckige Hochzeitstorte, dafür in einen Eimer Brennesselsud. Hineingefallen in einen Berge Schnee und viele, viele Male in eine duftende Wiese. Gefallen auch in einen Schober mit Heu. Hineingefallen auch in Federbetten und nie wieder so gern in ein Bett, wie das meiner Großmutter. Hineingefallen in Alpträume, die so regelmäßig über mich herfallen wie der Wecker früh am Morgen.

Hineingefallen in Briefe und nicht nur in solche, die von der Liebe handeln. Gut bekommen sind mir die wenigsten und eines Tages hoffe ich, lasse ich sie gehen. Hineingefallen in den Abgrund: Abschiedsbrief. Kein Ende dieses Abgrunds in Sicht. Hineingefallen vor Müdigkeit in einen Wäschekorb und öfter als mir lieb ist auch in die Badewanne. Hineingefallen in Notenpapier. Schumann. Chopin. Beethoven. Schönberg. Bach. Wie kann man in Bach nicht hieninfallen wie in einen unendlichen Strudel? Ich konnte es nicht und meine Hände klebten zitternd auf der Klaviatur.

Hineingefallen mitten in mich hinein, oder sollte man besser sagen hineingefahren, ein blankes, scharfes Messer, Süd-Sudan 2013. 8 Zentimeter lang war die Klinge. Die Narbe ist länger. Das Messer habe ich behalten. Es liegt in der Werkzeugkiste. Fahre ich mir über die Narbe, und das tue ich oft, glaube ich manchmal ein Loch täte sich auf, dort liegt die Angst noch immer vergraben, nicht die Angst vor dem Messer, sondern die ganze Angst, die Angst die ich hatte und die ich haben werde, ist wohl damals als mir für einen langen Moment die Rippen offen standen, die Angst in mich hineingefahren und haust jetzt zur Untermiete zwischen Zwerchfell und Rippenbögen. Wer würde es ihr schon verwehren? Hinein gefallen wieder und wieder in schöne Wörter ( alldieweil, Morgentau und Regenwand), in grün-blau-grau-braune Augen, in einen Wasserfall, in warme Hände und eiskalte Zehen. Hineingefallen wieder und wieder in alles und nichts. Hineingefallen in Bergseen ohne Grund und in die Vergangenheit, auch ohne Grund. Hineingefallen in Indien, wirklich hineingefallen, nahezu ahnungslos und das hieß hingefallen wieder und wieder hingefallen. Immer wieder aufgestanden. Irgendwann verstanden, dass man hinfallen muss. Leichter geworden ist es nicht. Hineingefallen also auch in die Leben der Anderen. Ich hoffe: nicht überfallen. Hineingefallen in die ersten Atemzüge meiner Nichte. Noch immer atme ich mit ihr mit. Das kleine Bündel Mensch in meinen Armen. Die große Schwester in meinen Armen und hineinfallen in das kleine, neue Leben auf dem Arm, so viel Glück, so viel Liebe, dass wir vergessen haben, welcher Arm zu wem gehört und auf dem ersten Bild meiner Nichte, die heute eine kleine Königin ist, glaubt man ein Tintenfisch umarme sie. Überall Arme. In die Welt hineinfallen, das tun wir alle, ich wünschte es wären mehr Arme für alle da. Hineingefallen in Windböen, echte und solche mit metaphorischer Note. Gemocht habe ich sie nie diese Böen und Menschen, die sich am Gegenwind erfreuen, stellen mir meistens ein Bein. Hineingefallen noch in die dümmste Falle und hineingefallen seit vielen Jahren in ungezählte Ströme Wasser. Heute in ein ganz leeres Schwimmbad. 30 Bahnen aber sind schon um und ich muss weiter.

Auf der Anrichte aber liegt eine schwarze Feder bis zum nächsten Mal. Hineinfallen.

Der Maibaum

„Mädchen, wo bist du in Gedanken?“ fragt der Tierarzt als wir im Auto sitzen, um vom Flughafen zurück in das kleine irische Dorf zu fahren. Ich lege meine Hand auf sein Knie, denn selbst wenn man nur drei Tage weg war, muss man sich versichern, dass der Tierarzt nicht verschwunden ist.

„Einmal vor vielen Jahren, beginne ich, da war der F. noch nicht der ehemalige, geschätzte sondern der ganz und gar geschätzte Gefährte, da waren wir bei Freunden von ihm in einem Göttinger Garten. Damals war mein Deutsch noch viel miserabler als heute und vor lauter Angst einen Fehler zu machen, sprach ich nur wenig und wenn dann seltsam gestelzte Sätze: „Wenn Sie mir bitte das Wasser reichen würden?“ „Dürfte ich Sie wohl um ein Stück Brot ersuchen?“ Die Freunde von F. starrten mich an und starrten ihn an. Was wollte er wohl mit diesem merkwürdig verschrobenen Mädchen, das trotz des heißen Maitages in eine schwarze Strickjacke, ein schwarzes Wollkleid und einen dicken Wollschal gewickelt war. Ausgerechnet F., dem die Mädchen in die Arme fielen und der niemals einem Mädchen seine Arme verwehrte. Die Freunde also und unter ihnen selbstverständlich und strahlend der F. Es ging um Maibäume und ich verstand nicht, denn meine Großmutter, von der ich alle meine deutschen Wörter habe, hatte zwar Ahorn, Buche, den Lindenbaum, Kastanie und Eiche und viele, viele andere Bäume an mich weitergegeben, aber an einen Maibaum konnte ich mich, so sehr ich es auch versuchte einfach nicht erinnern. Erst nach und nach bekam ich mit, dass ein Maibaum keine Mischung aus Rosenstock und Fliederbusch war, sondern eine Liebesgabe, ein mit Schleifen und Herzen und Liebesbekundungen geschmücktes Bäumchen, welches der Herzdame unter das Fenster getragen wurde. Die anwesenden Damen erinnerten sich an Thomas und Michael, die sich besonders hervorgetan hatten, mit Kassetten und Liebesliedern und Kieselsteinen gegen die Fensterscheiben, damit die Angebeteten nicht etwa Andreas und Kai zu den Urhebern des Maibaums erklärten und Andreas und Kai warteten bis zum nächsten Jahr und stellten ihrerseits wiederum prächtig geschmückte Birken mit allerlei Zuckerwerk behängt im Garten der Damen, die allesamt wunderschön, blondgelockt und strahlend heiter seufzend vor Vergnügen an ihre Verehrer dachten, auch wenn keine von ihnen später Andreas, Kai, Thomas oder Michael heiraten würden. Niemals erzählte eine der Damen und sichtlich stolz lächelte sie in die Runde, seien zwischen ihrem 14. und 19. Lebensjahr kein Maibäumchen unter ihr Fenster getragen worden und selbst als sie ein Schuljahr in Missouri verbrachte, seien immerhin noch drei Maibäume in ihrem Garten über Nacht aufgestellt wurden. Ihr Vater habe ihr die Fotografien zugeschickt. Dann sah sie mich an und schüttelte den Kopf: „Du Read On, sagte sie mit Silberlächeln, kannst dir natürlich nicht vorstellen, was das heißt bekommt man einen Maibaum verehrt.“ Mir war schon klar, dass sie damit nicht allein auf meine fremde Herkunft anspielte und ich rückte ein Stück näher an F. heran. Dann aber wandte sie sich schon einer Freundin zu, die obgleich ihr Deutsch makellos war, ebenso wenig gesagt hatte wie ich selbst. Die Frau war wunderschön. Blauschwarze Haare, ein Porzellanteint und Sommersprossen auf den Wangen. Ich versteckte mich noch ein ganzes Stück weiter unter meinem weiten Schal, denn sehr schöne Menschen machen mich immer verlegen. „Na sagte die Blonde, die bestimmt den Rekord im Guinessbuch der Rekorde nach Anzahl der verehrten Maibäume hält, wie viele Maibäume hast du bekommen. Die schöne Frau aber errötete und sah auf ihre Fingernägel: Niemals sagte sie, habe sie einen Maibaum erhalten, stattdessen hätten wohl Michael, Kai oder Thomas, vielleicht auch Jens und Paul, Jahr für Jahr einen vertrockneten Tannenbaum oder einen toten Stecken mit Tampons und Toilettenpapier behängt in den Garten ihrer Eltern gestellt. Einmal hatten die jungen Männer einen ganzen Mistkübel über dem Baum ausgeleert und in einem anderen Jahr, verdreckte Konservenbüchsen in die Zweige gehängt, um deren verdorbene Inhalte sich die Krähen die Augen aushackten. Im folgenden Jahr war die Schandbaum mit Kondomen bestückt und jemand hatte eine stinkende Matratze über den Gartenzaun gewuchtet. Die Frau zuckte mit den Schultern und schüttelte noch einmal den Kopf. „Bis heute wüsste sie nicht, was der Grund für diese Schandmaien gewesen sei. Ob es schon ausreichte, dass sie Cello-Unterricht nahm und ihr Vater in der Bank und nicht in der Fabrik arbeitete, wisse sie nicht. Dann zuckte sie mit den Achseln und sah ins Leere. Ihre laute Freundin aber, die Maikönigin wollte das nicht so stehen lassen, denn schließlich habe sie doch Michael, Kai, Thomas und Andreas gut gekannt, das seien doch niemals herzlose Rabauken gewesen, sondern halt Jungs, die sich eben einmal einen Spaß erlaubt hätten. Überhaupt man müsste doch auch einmal über die Stränge schlagen dürfen und im Grund sei doch so ein Baum mit Kondomen ein irrsinniger Spaß. Die Maibaumkönigin redete sich weiter in Rage und ich sah die schöne Frau an, längst nicht mehr 16 Jahre alt, wie sie da saß im Garten, Sonnenschein und Weißwein, mit zitternder Unterlippe und verschwimmenden Augen, mit dem gleichen klammen Gefühl in der Magengrube wie an jedem 1. Mai Morgen, an dem sie aus dem Fenster sah hinunter auf die Schandmaie des Jahres, um anderntags in die Schule zu gehen, an den kichernden, grinsenden, tuschelnden Gesichtern von Andreas, Kai, Michael und Thomas vorbei und auch an Paul und Peter, die doch die Matheprobe von ihr abschrieben an allen anderen Tagen im Jahr. Vorbei auch an der blonden Königin, mit sechs Maibäumen im Garten und einem Monat Zeit, sich zu überlegen, wer sie wohl auf ein Eis einladen dürfte und wer wohl auf eine Pizza und wer dann im Sommer das Privileg erteilt bekäme, sie zum Baggersee zu kutschieren. Aber die Frau mit den Sommersprossen auf der Nase sagte nichts weiter, schon drehte sich das Gespräch weg vom Maibaum und hin zu fiesen Professoren, und den bevorstehenden Prüfungen. Aber ich, die ich doch nur des F. wegens eingeladen war, mich befiel eine so plötzliche Übelkeit, das ich aufstand und davonlief, weg vom Gartentisch, der Maibaumkönigin, den Freunden hinaus auf die Straße und immer weiter die Straße hinunter, die in einem Parkplatz endete, kein Baum und Strauch weit und breit. Der F. aber fand mich und strich mir über den Rücken. „Wir müssen nicht zurück gehen, hörst du?“ sagte er und ich nickte. Die Maibaumkönigin und auch die wunderschöne Frau mit den blauschwarzen Haaren habe ich wirklich nie wieder gesehen. Ob der F. noch manchmal von ihnen hört, habe ich ihn nie gefragt.“

Schon aber sind wir auf dem Dorf angekommen, der Tierarzt stellt den Motor aus und legt seine Hand auf meine, die noch immer sein Knie festhält. Die Dorfstraße liegt still in der Mittagssonne, die Schafe stehen hinter dem Haus, der Flieder geht langsam auf hoch über dem Dorf allein St Sylvester und nirgendwo in einem Garten ist ein Maibaum zu sehen.

 

Wenn er kommt

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Manchmal aber wenn ich auf dem alten roten Fauteuil sitze und alles ist still, selbst auf der Straße kein Hauch, keine Autotür klappt, die Kirchturmuhr schweigt, das Telefon bleibt stumm und ich halte nichts in den Händen selbst das Buch ist mir den Schoß gerutscht, und ich sehe aus dem Fenster in die Wipfel der alten Kiefer, durch die Wind normalerweise fegt und sehe so vor mich, ohne Sinn und ohne Verstand, dann frage ich mich doch wie es wäre, wenn er denn käme.

Nein, zu mir käme er wohl nicht als der kleine und schnelle Jenö Lakatos mit seinem Vertreterkoffer voller falscher Korallen und den Hosenträgern bis über den Bauch und ich bezweifle auch sehr, dass der dort im Eck mit überschlagenen Füßen säße, einem deutschen Philosophen ähnlich wäre. Der deutsche Philosoph erschien mir immer zu träge und auch zu behaglich, schlecht angezogen zudem mit einem braunen Pullover über dem karierten Hemd, um dem zu ähneln, von dem wir nicht wissen, ob er nicht auch über uns eine Liste führt. Einen Pudel hätte er keineswegs, denn ein Pudel reizte mich zum Lachen und ich weiß es genau, ich wäre spöttisch und er wäre verstimmt. Nein, ein hagerer hochgewachsener Mann säße dort auf dem Sofa neben dem Beistelltisch mit den zu vielen begonnen Büchern, den Notenblättern und den drei Rosen im Glas. Eng geschnittene, schwarze Hosen hätte er wohl an, dazu eine schwarze Bluse mit Knöpfen aus Perlmutt und einem spanischen Kragen aus Seidenspitze dazu. Einen Mantel trüge er wohl aus schwerem Kattun, verschlossen nur mit Hilfe einer Brosche, deren Initialien ich nicht zu entziffern vermöchte, so sehr ich es auch versuchte. Eine Zigarette zündete er sich an, meine Suche nach einem Aschenbecher aber, verwürfe er mit einer abweisenden Handbewegung. Schmale, lange Finger und endlich sähe ich auch seine gelblichen, ein wenig splittrigen Zähne. Setzen Sie sich doch, sagte er mit kühl-scharfer Stimme, so als sei er hier zu Haus und nicht. So sänke ich zurück auf das rote Fauteuil und er sähe mich an. Schöne stahlblaue Augen hätte er, aber ganz sicher wäre ich mir nicht, mag sein, dass seine Augen auch jadegrün oder rubinrot glänzten: je nachdem. Aus dem Mantel aber zöge er eine Flasche Wein: „Ob auch ich ein Glas tränke?“, fragte er mich, doch ich verneinte. Mit einem Fingerschnippen bloß löste sich der Korken und schon stünde eine Glas aus böhmischen Kristall vor ihm auf dem Beistelltisch, gleich neben den Noten. Seine Schuhe aber enge und spitze Schnürstiefel, klein und doch ungleichmäßig groß glänzten im Sonnenlicht. Maßanfertigung, sagte er und ich, die ich meine Zunge niemals und schon gar nicht wenn es um das Ganze geht, im Zaum zu halten wüsste, fragte: „Zur Schonung des Pferdefußes?“ Er verzöge wohl etwas mokiert die Brauen, ob ich glaubte er sei zu Fuß gekommen?“ Ich zuckte mit den Schultern , er straffte sich, leerte das Glas in einem Zug, zöge ein Notizbuch aus den Falten des Mantel hervor und nickte mir zu: Er sei in geschäftlicher Sache zu mir gekommen. Warm würde es plötzlich im Zimmer, nicht aber weil die Märzsonne so heftig durch die Fenster bräche, sondern wohl seinetwegen. „Ich bin eben ein Höllensohn“ sagte er und schlüge den Mantel ein wenig zurück.

Leise spräche er und fast ein wenig heiser: Der Idealismus der einen, sei fast so arg wie die Nachlässigkeit der Anderen. Denn die Welt faule von innen her, welchen Anstrich man ihr gäbe, ich sei doch verständig genug, spielte keine Rolle. Die Freiheit sei immer nur die Unfreiheit der Anderen und überhaupt seien die meisten ohnehin mit anderen Dingen beschäftigt. Alternativen gäbe es keine: Der Sozialismus sei einmal eine Romanze gewesen, eine mädchenhafte Verirrung fast und hier lächelte er, schon aber sei die und schließlich auch die Gewalt mit ihm gekommen, denn die kalte Logik allein, aber den Menschen noch nie vor Fehlern bewahrt. Dafür seien Gedichte da und auch die meist herzlich schlecht. Von roten Nelken halte er nichts und wie auf Befehl zerkrümelte die Rose endgültig, auch ohne, dass er sie berührte. Der Kapitalismus hingegen und er schüttelte den Kopf habe nie die besten Köpfe angezogen, sondern nur die mit der größten Gier. Aber auch die sein kein guter Ratgeber gewesen und das dumme Sprichwort vom aufhören, wenn es am Schönsten ist, sei nicht nur dumm, sondern auch eine einzige Begriffsstutzigkeit: Erfolg verführe zu Hochmut und noch niemals habe der Schöne sich um die Hässlichkeit verdient machen wollen. Sicherheiten gäbe es keine, dass müsste ich doch wissen. Sicherheitsgurte, doppelte Böden und hier keckerte er eine Hausratsversicherung gar, verzögerten das Unausweichliche nur, verlängerten die trügerische Sicherheit und seien doch immer Teil des Fehlers und niemals seine Lösung. Er lachte wieder und zeigte auf die vier Sparbücher für Neffen und Nichten. Ob ich gar so naiv wäre, deren Wert für real zu halten, ich müsse begreifen, dass morgen schon die Sparbücher nichts weiter wären als ein Haufen loses Papier. Ich solle ihn verschonen mit den schönen Künsten, getanzt würde immer ob nun zu einer Chaconne oder einem Lied aus der Konserve. Einen Unterschied hätte es nie gegeben und er schüttelte fast ein wenig bedauernd den Kopf: weder die Kunst noch die Liebe bewahrten uns vor uns selbst oder dem anderen. Noch im Rettungsboot auf eisiger See hätten Menschen Choräle gesungen, erfroren und ertrunken seien sie ohnehin. Der Unterschied sei ein theoretisches Problem und natürlich, das sähe er ein müssen Bücher geschrieben werden, warum dann nicht auch über den Bau von Booten? Langsam fährt er mit den spitzen Fingern über das zarte Glas, ob einen nun die kleine Meerjungfrau verlasse oder die schöne Müllerin, sei bedauerlich aber anderseits völlig einerlei. Für einem Moment ist mir, als würde er weinen, aber geblendet vom grellen Licht wüsste ich es nicht zu bezeugen. Es gälte nun, sagte er plötzlich laut und vernehmlich, das Leben bei den Hörnern zu packen, Champagner in Flaschen und die Hemmungen hinter der Haustür zu lassen, denn den Untergang hieße es mit beiden Händen zu umarmen. Schon läge vor mir, ohne das ich eine Hand hätte kommen sehen, ein Zettel vor mir, ein Vertragsdokument ganz eindeutig. Ab dato recessi stünde ganz oben auf dem schweren, weißen Papier. Beinahe lächelte er wohl mit seinen scharfen, splittrigen Zähnen und versicherte mir, er werde mit dem Lohn nicht geizen und anzüglich schnalzte er wohl mit der Zunge.

„Verschwinden Sie“, würde ich wohl rufen wollen, doch ihn kümmerte das wenig, schon wieder langte er in den Mantel zur Flasche, und nähme meine Hand in seine, küsste sie ruhig und sein angenehm warmer Atem, erinnerte mich an einen anderen Mann. Er wisperte mir wohl etwas ins Ohr von kommenden Tagen und Nächten aus klirrendem Gold. Das Blut rauschte mir durch den Kopf, zog er mich nicht schon an seine Brust?
Doch plötzlich schlüge die Balkontür zu, das Telefon klingelte wie üblich und im Hausflur Bewegung, die Kirchturmuhr schlüge schon Drei. Allein wäre ich wieder im Zimmer und so lange ich auch suchte, den Vertrag fände ich nirgendwo, die Flasche das Glas und auch der Besucher spurlos verschwunden, im Zimmer kein Schwefelgeruch, sondern süßer Maiglöckchenduft. Die drei Rosen im Glas jedoch wären auf einmal welk und vergangen.Warm wäre mir, die ich doch jahrein, jahraus friere ,geradezu heiß.