Wenn er kommt

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Manchmal aber wenn ich auf dem alten roten Fauteuil sitze und alles ist still, selbst auf der Straße kein Hauch, keine Autotür klappt, die Kirchturmuhr schweigt, das Telefon bleibt stumm und ich halte nichts in den Händen selbst das Buch ist mir den Schoß gerutscht, und ich sehe aus dem Fenster in die Wipfel der alten Kiefer, durch die Wind normalerweise fegt und sehe so vor mich, ohne Sinn und ohne Verstand, dann frage ich mich doch wie es wäre, wenn er denn käme.

Nein, zu mir käme er wohl nicht als der kleine und schnelle Jenö Lakatos mit seinem Vertreterkoffer voller falscher Korallen und den Hosenträgern bis über den Bauch und ich bezweifle auch sehr, dass der dort im Eck mit überschlagenen Füßen säße, einem deutschen Philosophen ähnlich wäre. Der deutsche Philosoph erschien mir immer zu träge und auch zu behaglich, schlecht angezogen zudem mit einem braunen Pullover über dem karierten Hemd, um dem zu ähneln, von dem wir nicht wissen, ob er nicht auch über uns eine Liste führt. Einen Pudel hätte er keineswegs, denn ein Pudel reizte mich zum Lachen und ich weiß es genau, ich wäre spöttisch und er wäre verstimmt. Nein, ein hagerer hochgewachsener Mann säße dort auf dem Sofa neben dem Beistelltisch mit den zu vielen begonnen Büchern, den Notenblättern und den drei Rosen im Glas. Eng geschnittene, schwarze Hosen hätte er wohl an, dazu eine schwarze Bluse mit Knöpfen aus Perlmutt und einem spanischen Kragen aus Seidenspitze dazu. Einen Mantel trüge er wohl aus schwerem Kattun, verschlossen nur mit Hilfe einer Brosche, deren Initialien ich nicht zu entziffern vermöchte, so sehr ich es auch versuchte. Eine Zigarette zündete er sich an, meine Suche nach einem Aschenbecher aber, verwürfe er mit einer abweisenden Handbewegung. Schmale, lange Finger und endlich sähe ich auch seine gelblichen, ein wenig splittrigen Zähne. Setzen Sie sich doch, sagte er mit kühl-scharfer Stimme, so als sei er hier zu Haus und nicht. So sänke ich zurück auf das rote Fauteuil und er sähe mich an. Schöne stahlblaue Augen hätte er, aber ganz sicher wäre ich mir nicht, mag sein, dass seine Augen auch jadegrün oder rubinrot glänzten: je nachdem. Aus dem Mantel aber zöge er eine Flasche Wein: „Ob auch ich ein Glas tränke?“, fragte er mich, doch ich verneinte. Mit einem Fingerschnippen bloß löste sich der Korken und schon stünde eine Glas aus böhmischen Kristall vor ihm auf dem Beistelltisch, gleich neben den Noten. Seine Schuhe aber enge und spitze Schnürstiefel, klein und doch ungleichmäßig groß glänzten im Sonnenlicht. Maßanfertigung, sagte er und ich, die ich meine Zunge niemals und schon gar nicht wenn es um das Ganze geht, im Zaum zu halten wüsste, fragte: „Zur Schonung des Pferdefußes?“ Er verzöge wohl etwas mokiert die Brauen, ob ich glaubte er sei zu Fuß gekommen?“ Ich zuckte mit den Schultern , er straffte sich, leerte das Glas in einem Zug, zöge ein Notizbuch aus den Falten des Mantel hervor und nickte mir zu: Er sei in geschäftlicher Sache zu mir gekommen. Warm würde es plötzlich im Zimmer, nicht aber weil die Märzsonne so heftig durch die Fenster bräche, sondern wohl seinetwegen. „Ich bin eben ein Höllensohn“ sagte er und schlüge den Mantel ein wenig zurück.

Leise spräche er und fast ein wenig heiser: Der Idealismus der einen, sei fast so arg wie die Nachlässigkeit der Anderen. Denn die Welt faule von innen her, welchen Anstrich man ihr gäbe, ich sei doch verständig genug, spielte keine Rolle. Die Freiheit sei immer nur die Unfreiheit der Anderen und überhaupt seien die meisten ohnehin mit anderen Dingen beschäftigt. Alternativen gäbe es keine: Der Sozialismus sei einmal eine Romanze gewesen, eine mädchenhafte Verirrung fast und hier lächelte er, schon aber sei die und schließlich auch die Gewalt mit ihm gekommen, denn die kalte Logik allein, aber den Menschen noch nie vor Fehlern bewahrt. Dafür seien Gedichte da und auch die meist herzlich schlecht. Von roten Nelken halte er nichts und wie auf Befehl zerkrümelte die Rose endgültig, auch ohne, dass er sie berührte. Der Kapitalismus hingegen und er schüttelte den Kopf habe nie die besten Köpfe angezogen, sondern nur die mit der größten Gier. Aber auch die sein kein guter Ratgeber gewesen und das dumme Sprichwort vom aufhören, wenn es am Schönsten ist, sei nicht nur dumm, sondern auch eine einzige Begriffsstutzigkeit: Erfolg verführe zu Hochmut und noch niemals habe der Schöne sich um die Hässlichkeit verdient machen wollen. Sicherheiten gäbe es keine, dass müsste ich doch wissen. Sicherheitsgurte, doppelte Böden und hier keckerte er eine Hausratsversicherung gar, verzögerten das Unausweichliche nur, verlängerten die trügerische Sicherheit und seien doch immer Teil des Fehlers und niemals seine Lösung. Er lachte wieder und zeigte auf die vier Sparbücher für Neffen und Nichten. Ob ich gar so naiv wäre, deren Wert für real zu halten, ich müsse begreifen, dass morgen schon die Sparbücher nichts weiter wären als ein Haufen loses Papier. Ich solle ihn verschonen mit den schönen Künsten, getanzt würde immer ob nun zu einer Chaconne oder einem Lied aus der Konserve. Einen Unterschied hätte es nie gegeben und er schüttelte fast ein wenig bedauernd den Kopf: weder die Kunst noch die Liebe bewahrten uns vor uns selbst oder dem anderen. Noch im Rettungsboot auf eisiger See hätten Menschen Choräle gesungen, erfroren und ertrunken seien sie ohnehin. Der Unterschied sei ein theoretisches Problem und natürlich, das sähe er ein müssen Bücher geschrieben werden, warum dann nicht auch über den Bau von Booten? Langsam fährt er mit den spitzen Fingern über das zarte Glas, ob einen nun die kleine Meerjungfrau verlasse oder die schöne Müllerin, sei bedauerlich aber anderseits völlig einerlei. Für einem Moment ist mir, als würde er weinen, aber geblendet vom grellen Licht wüsste ich es nicht zu bezeugen. Es gälte nun, sagte er plötzlich laut und vernehmlich, das Leben bei den Hörnern zu packen, Champagner in Flaschen und die Hemmungen hinter der Haustür zu lassen, denn den Untergang hieße es mit beiden Händen zu umarmen. Schon läge vor mir, ohne das ich eine Hand hätte kommen sehen, ein Zettel vor mir, ein Vertragsdokument ganz eindeutig. Ab dato recessi stünde ganz oben auf dem schweren, weißen Papier. Beinahe lächelte er wohl mit seinen scharfen, splittrigen Zähnen und versicherte mir, er werde mit dem Lohn nicht geizen und anzüglich schnalzte er wohl mit der Zunge.

„Verschwinden Sie“, würde ich wohl rufen wollen, doch ihn kümmerte das wenig, schon wieder langte er in den Mantel zur Flasche, und nähme meine Hand in seine, küsste sie ruhig und sein angenehm warmer Atem, erinnerte mich an einen anderen Mann. Er wisperte mir wohl etwas ins Ohr von kommenden Tagen und Nächten aus klirrendem Gold. Das Blut rauschte mir durch den Kopf, zog er mich nicht schon an seine Brust?
Doch plötzlich schlüge die Balkontür zu, das Telefon klingelte wie üblich und im Hausflur Bewegung, die Kirchturmuhr schlüge schon Drei. Allein wäre ich wieder im Zimmer und so lange ich auch suchte, den Vertrag fände ich nirgendwo, die Flasche das Glas und auch der Besucher spurlos verschwunden, im Zimmer kein Schwefelgeruch, sondern süßer Maiglöckchenduft. Die drei Rosen im Glas jedoch wären auf einmal welk und vergangen.Warm wäre mir, die ich doch jahrein, jahraus friere ,geradezu heiß.

Der Stein des Anstoßes.

Meine Großmutter praktizierte nur für kurze Zeit in der Poliklinik der kleinen Stadt, in der sie lebte. Bald schon eröffnete sie eine eigene Praxis, zum Entsetzen des Direktors der Poliklinik. Ihre Approbation hatte meine Großmutter schließlich in Israel erhalten, ihren Facharzt am Hadassa-Hospital in Jerusalem gemacht und ihre Doktorarbeit zu einen Zeitpunkt verteidigt, als die DDR- Führung Frauen riet doch Traktoristin zu werden. Meine Großmutter hängte ein Bild von Magnus Hirschfeld in den Praxisraum, befestige ein Schild mit ihren Sprechzeiten an der Tür und kaufte ein gebrauchtes Vorkriegsmotorrad für Hausbesuche. Aus dem Fenster ihres Sprechzimmers konnte sie das Haus des Poliklinikdirektors sehen. Der Direktor der Poliklinik ließ Jalousien an seine Fenster anbringen um den Stein des Anstoßes, die Privatpraxis auf der anderen Marktseite nicht sehen zu müssen. Meine Großmutter machte die Fenster auf. „Frische Luft“ das war ihr stetes Credo „hat noch niemals geschadet.“ Am Anfang sah sie lange auf den Marktplatz, denn der Direktor der Poliklinik wollte ein Exempel statuieren, aber die Ausstattung der Poliklinik war schlecht und meine Großmutter hatte Medikamente aus dem Westen, einen sauberen Kittel und ehe man sich versah, war meine Großmutter Frau Doktor geworden und die Praxis von nun an immer voll.
Der Direktor der Poliklinik hasste meine Großmutter von ganzem Herzen. Meine Großmutter winkte ihm vom Motorrad aus zu. Sie trug maßgeschneiderte Lederhandschuhe , die ihr eine Patientin ohne Geld aber mit schwerer Diabetes schneiderte. Der Direktor der Poliklinik schäumte: „Dekadenz und Bourgeoisie.“ Meine Großmutter kräuselte ihre Oberlippe. Schon mit sechs Jahren hatte sie doch beherzt zur Küchenschere gegriffen und sich die schweren Zöpfe abgeschnitten. 1928. Ihr Vater war begeistert: „Die moderne Frau.“ Er ging mit ihr zum Friseur und sie bekam einen Bubikopf. In der ganzen Stadt ging er damals herum mit dem sechsjährigen Mädchen auf seinen Schultern: „Das Mädchen wird Matura machen.“ Er würde Recht behalten. Der Direktor der Poliklinik besorgte Lederhandschuhe aus dem Intershop für seine Frau. Meine Großmutter stellte seine Geliebte als Arzthelferin ein. Der Direktor schäumte. Meine Großmutter behandelte die Migräne seiner Frau: „ Der Herr Direktor darf davon nichts wissen.“ Meine Großmutter hielt still. Die Geliebte des Direktors bekam ein Kind. Der Herr Direktor wollte davon nichts wissen. Meine Großmutter besorgte einen weinroten Kinderwagen aus dem Westen, der in ihrem Fall eben Israel hieß. Die Jalousien im Haus gegenüber aber blieben unten. Meine Großmutter stellte einen jungen Mann ein, der als systemkritisch galt. „Was wollen sie mit dem?“ fragte der Direktor der Poliklinik. Meine Großmutter zog die linke Augenbraue nach oben. „Es braucht gutes Personal, eine Praxis zu führen.“ Der Direktor schlug die Tür hinter sich zu.
Der junge Mann aber übernahm die Anmeldung, vergab Termine, putzte das Messingschild vor der Tür und heiratete schließlich die Geliebte des Direktors. Der Direktor der Poliklinik schickte keine Blumen. So vergingen die Jahre, der Direktor der Poliklinik nahm sich eine neue Geliebte, die Arzthelferin bekam ein zweites Kind und an jedem 8. März sperrte meine Großmutter am Nachmittag die Praxis zu. Ihre Mitarbeiter aber lud sie ein zu sich nach Haus zu Sachertorte und Kaffee. Der Direktor der Poliklinik aber berief an jedem 8. März eine Versammlung der Poliklinik ein. Eine Tasse Kaffee und zwei Schinkenbrötchen pro Frau. So stellte sich der Staat der Werktätigen, Großzügigkeit vor. Lange Reden und kleine Prämien. Der Direktor aber der sich eins, zwei, drei, mehr Schnäpse in den Kaffee goss, schrie je länger der Abend dauerte, umso lauter gegen meine Großmutter an, die sich mit ihrer privaten Praxis am anderen Ende des Marktes als wahrer Schädling des Volkes erwiesen hatte, keine sozialistischen Werte verinnerlichte, dekadent sei und sich nicht einmal am Internationalen Frauentag solidarisch zu den Werktätigen verhalte. Meine Großmutter servierte derweil Kaffee in Meißener Tassen, mein Großvater spielte Klavier und die Kinder spielten Ball im Garten. Der Direktor der Poliklinik machte anzügliche Witze, und lachte laut über den Mann an der Anmeldung. Über sein Kind schwieg er sich aus. Wieder verging Zeit, am 8. März des folgenden Jahres saß meine Großmutter zum letzten Mal mit ihrer Arzthelferin, ihrem Mann und den beiden Kindern bei Kuchen und Kaffee zusammen. In der Nacht verließen sie das Land. Republikflucht, nannte man das im solidarischsten aller Länder, natürlich wurde das Paar verraten, denn nichts blieb verborgen in diesem Land, das mit besten Wissen und Gewissen, und ganz nach Belieben Menschen zerbrach, im Zeichen der internationalen Solidarität. Nur der Frau und ihren beiden Kindern gelang die Flucht. Ihren Mann aber fand man erhängt in seiner Zelle. Am nächsten Morgen durchsuchte die Staatssicherheit die Praxisräume. „Beihilfe zur Republikflucht.“ Grinsend sahen auch der Direktor der Poliklinik und seine Frau zur Tür herein. Das Gesicht von Magnus Hirschfeld hatte einen Sprung. Meine Großmutter trug es zum Glaser. Als sie schließlich aus dem Gewahrsam der Polizei entlassen wurde, räumten ihr Mann und sie die Praxis auf. Im Haus des Direktors der Poliklinik brannte noch immer Licht. Anderntags sperrte sie die Praxis wieder auf. Die neue Arzthelferin und die neue Sprechstundenhilfe und alle die ihnen folgten in den nächsten Jahren, die bald Jahrzehnte wurden, berichteten direkt an die Stasi und dem Direktor der Poliklinik, der ja nicht umsonst in die Staatspartei eingetreten war. Das Bild Magnus Hirschfelds aber blieb den Arzthelferinnen und auch der Stasi ein Rätsel. Sie vermochten einfach nicht herauszufinden, wer der Mann auf dem Bild gewesen sein könnte. Einmal fragte die Frau des Poliklinikdirektors, die noch immer ihre Migräne bei meiner Großmutter behandeln ließ. Meine Großmutter aber antwortet: „Ein Mann aus einem anderen Deutschland.“ In der Stasiakte hieß bald darauf: Die Ärztin stellt imperialistische und klassenfeindliche Propaganda in ihren Praxisräumen zur Schau. Meine Großmutter lachte und warf die Briefe, die ihr in dieser Sache zugingen, ungeöffnet in den Papierkorb.
Noch immer sperrte meine Großmutter ihre Praxis an jedem 8. März zu, aber die Arzthelferinnen und ihre Familien lud sie nicht mehr zu sich nach Hause ein. Die Arzthelferinnen erbaten sich von meiner Großmutter doch an den Feierlichkeiten zum Internationalen Frauentag in der Poliklinik teilnehmen zu dürfen. Meine Großmutter hielt niemanden von Schinkenbroten ab. Der Direktor der Poliklinik lobte den ehrlichen, sozialistischen Ethos der Arzthelferinnen. Eine Prämie bekamen sozialistisch akkurat die vorwiegend männlichen Kollegen und die Frauen warme Worte.
Meistens sperrte meine Großmutter am Abend des 8. Märzes noch einmal ihre Praxis auf,selten habe sie so viele betrunkene Männer auf den Straßen gesehen, wie am Internationalen Frauentag sagte sie, denn dem Brigadeethos der Männer ihren weiblichen Kolleginnen gegenüber sei nicht so sehr mit sozialistischem Schwung denn mit Alkohol auf die Sprünge geholfen worden und meine Großmutter klammerte eben die Wunden. Irgendwann wankte auch der Direktor der Poliklinik gestützt von seiner Geliebten über den Marktplatz seinem Zuhause zu, hinter den Jalousien die Ehefrau mit Hauptweh im Bett. Noch in der Nacht des Mauerfalls aber sagte meine Großmutter mir, habe der Direktor der Poliklinik die Stadt verlassen und auch seine Frau habe nie wieder von ihm gehört.

Drei Jahre, danach.

An der Tür gibst du mir die Wohnungsschlüssel. Ich nicke und Du sagst nichts. „Ich melde mich“ sage ich und stehe noch einen Moment vor dem Haus. Kalt ist es, ein feuchter Nebel legt sich über alles und verschluckt bald schon dich. Ich drehe den Schlüssel in meinen Händen und gehe hinauf. Die ganze Wohnung ist schon leer. Nur dieses eine Zimmer ist noch immer verschlossen, noch immer da. Ich stecke den Schlüssel ins Schloss. Drei Jahre hat er bei mir im Schlüsselkorb gewartet, hat gewartet auf diesen Tag. Auf den Tag an den du mich anrufen würdest und sagtest: „Kannst du kommen“ und schon vor drei Jahren wusste ich, von wo auch immer, ich würde kommen.

Der Tag an dem du mir den Schlüssel gabst, war ein heißer, stickiger Junitag. Wir, die mit dir auf dem Friedhof standen, schwitzten in schwarzen Kleidern und Anzügen. Der Pfarrer fragte mit balsamierter Stimme: Wie beerdigt man ein Kind?“ Dann folgten lauter banale Sätze, die nichts mit deinem Kind und nicht mit dir und nichts mit uns allen zu tun hatten, die so obszön und falsch waren, wie die brennende Sonne, die uns alle schwindelig machte. Vielleicht war dieser bodenlose Schwindel das einzig angemessene Gefühl. Damals in den dunklen Wochen, die kamen, gabst du mir den Schlüssel zu seinem Zimmer. Ich verstand und ich sagte: ich werde kommen. Du gingst, fort aus Berlin, und natürlich ging alles unter. Deine Frau ging, dein Beruf ging und wir ich weiß nicht, ob wir dich hätten enger bei uns halten sollen, aber da warst du schon fort und immer wieder hörte ich von Dir aus Canada oder Neuseeland und irgendwann erzählte mir F., dass du wieder als Arzt arbeiten würdest. Ich wartete und du riefst an. Ich drehe den Schlüssel im Schloss herum und als ich die Tür öffne fliegt ein Krähenschwarm nach oben. Ich sage den Namen deines Kindes, das doch nicht denken soll, es würde nicht gefragt. Ich muss üben bis mir sein Namen wieder von den Lippen kommt und ich stehe im Türrahmen und sage: „Mäuschen, erinnerst du dich noch an mich, ich bin es Read On, die für dich das Faultiergesicht machte, diese schreckliche Grimasse über die du dich kringeln konntest vor lachen. Ich glaube du erinnerst dich. Ein halber Sonnenstrahl im Fenster. Mäuschen, sage ich, komm wir machen das zusammen und dann stehe ich im Zimmer. Drei Jahre. Auf dem Schrank sitzt das Äffchen, das schenkten F. und ich dir zur Geburt und es guckt so drollig ganz genau wie du. Die nächsten Stunden packe ich Kinderkleider ein, staple Bilderbücher in Kartons, sortiere Spielzeug in Kisten und erzähle mit dir Mäuschen, denn nichts ist unangenehmer als wenn jemand ungefragt in den eigenen Dingen wühlt. Ich erzähle dir von deinem Vater mit dem ich damals dein Zimmer strich und der die weltbeste Bolognese kochte. Ich erzähle dir alles was ich weiß von ihm und das ist weniger geworden in den letzten Jahren, aber niemand Mäuschen hat ein Recht so viel zu wissen, wie nur du. Unten auf der Straße kommt die Müllabfuhr und ich baue dein Bett auseinander. Du hast nicht gern in ihm geschlafen und das kann ich gut verstehen, denn als ich so klein war, wie damals du, schlief ich am liebsten neben meiner Großmutter und niemals habe ich besser geschlafen als neben ihr. Du warst ein weise Kind und schliefst wie alle Kinder es tun am liebsten und besten neben deinen Eltern ein. Ich nehme das Äffchen vom Schrank und es baumelt mit den Beinen. „Mäuschen“ sage ich und denke an dich, denke nur an dich, das ist der Schrank schon ein Berg voller Leisten. Denke an die quälenden Nächte im Krankenhaus und dein kleines Gesicht, so verloren und so unendlich mutig. Immer verlangtest du nach dem Faultiergesicht. Für niemanden, habe ich es seitdem gemacht und die Nichtenkinder gaben irgendwann auf. Das war mein Gesicht für dich und im leeren Zimmer mache ich es wieder für dich und für dich allein. Du lachst. Ich wusste es. Bilder, dein Lieblingsbuch, ein paar Sachen und Lieblingsstücke, kommen in einen extra Karton. Eines Tages, Mäuschen, es ist nur ein Frage der Zeit, kommt er zurück zu deinem Vater und deiner Mutter. Sie werden mich schelten, dass ich genau das Falsche behielt. Wie immer Mäuschen bin ich auf deine Nachsicht mit mir angewiesen. Irgendwo im Haus spielt jemand für Elise. Ich singe es also mit für dich. Damals Mäuschen, als da so viel Schmerzen waren in dir und wir so hilflos vor dir standen, da sangen wir alle wechselnd Nacht für Nacht. Wir singen anders heute und Mäuschen, wir singen lauter heute, damit du uns auch hören kannst. Dann kommen die schweren Jungs, die Karton um Karton verladen und in ein Kinderheim fahren. Du warst ein so großzügiges Kind und niemals habe ich dich sagen hören: „Meins“.

Die Kartons sind verladen und ich unterschreibe einen Zettel, den ich nicht wirklich sehe und dann ist der Raum leer, bis auf das Äffchen und Dich und dich und immer so weiter.Eine Taube gurrt auf der Fensterbank und ich denke an dich und denke und denke. Danke Mäuschen, sage ich dir noch einmal ins Ohr. Den Schlüssel lasse ich in der Kinderzimmertür und die Tür bleibt offen. Erst unten bei den Mülltonnen, weine ich und denke, damals in dieser klebrigen Hitze, dass ich hätte nach vor gehen müssen und dem schauderlichen Pfarrer hätte zur Seite drängen sollen, denn niemand kann ein Kind begraben, niemand kann Dich Mäuschen beerdigen, niemand kann über die Leere hinwegkommen, die ist seit dir und niemand hätte das über dich, dich lachendes, gurrendes, singendes Kind je sagen dürfen. Erwachsene glaube ich versagen immer an den wirklich entscheidenden Stellen, aber Mäuschen wir sind voller Sehnsucht nach Dir und später sitzen dein Vater und deine Freunde zusammen, deine Mutter ruft an und alle, Mäuschen, wir alle sitzen und lachen und weinen und irgendwo sitzt du, in der Mitte immer da, wo man am besten sieht, am sichersten schläft, alles hört und umgeben ist, von immer warmen Händen, unsere Hände, Mäuschen suchen nach dir und werden dich finden.

Gelber Sand

img_1012Nach fünf Jahren ein Wiedersehen. Da stehst du also, ganz in grau. Graue Flanellhose, eine dicke, graue wattierte Jacke, ein grauer Schal fest um dich gewickelt und für einen Moment bin ich mir nicht sicher, ob Du es bist. Denn wer im Krieg auseinandergeht- im Süd-Sudan- der achtet auf vieles, aber nicht auf gebundene Schnürsenkel oder abgestimmte Farbverläufe. Langsam gehst du die Straße hinunter, auf mich zu, zwar nicht in grau, aber in rot blau gestreift, an der Straßenecke steht und wartet. Blaue Stiefel, ein blau-rot- gestreiftes Kleid, ein dicker blauer Mantel, blau-rot kariert. Deine Email las sich als seien wir Schulfreunde: Liebe Read On, ich bin auf drei Tage geschäftlich in Berlin, vielleicht reicht die Zeit für ein Essen? Ich antworte wie eine Schulfreundin: Lieber Freund, bei mir ginge eigentlich nur der 12. Januar ab 19 Uhr? Aber lass uns doch telefonieren. Du antwortest nicht wie ein alter Schulfreund. Du schreibst einfach Ja. Ich schreibe dir die Adresse des Restaurants und dann sehe ich dir zu wie du die Straße hinunterläufst. Im Zeitungskiosk liegt der Lettre International. Warum der Süd-Sudan das übelste Land der Welt ist, verspricht ein Autor zu erklären. Ich drehe mich weg und dann stehst du vor mir. Tief in den Taschen sind deine Hände vergraben. Ich muss mich auf die Zehenspitzen stellen, um dich zweimal rechts und zweimal links zu küssen. Ich muss die Augen schließen, denn auf einmal riecht die Straße nicht mehr nach Berlin im Januar, sondern nach gelbem Sand und verbrannten Gummireifen. „Es ist hier drüben, sage ich“ und du nickst. Das Restaurant ist fast leer. Nur ein russisches Pärchen sitzt am Tisch gegenüber. Er trägt ein enges und glänzendes Hemd und telefoniert. Seine schöne Freundin, die eine Pelzmütze auf dem Kopf trägt, obwohl es recht warm ist und Gianni noch Kerzen bringt, zieht sich die Lippen nach. Wir trinken Eiswasser mit Zitronenscheiben und Gianni bringt Rosamarinbrot  und erzählt von seinem Ärger mit Anna, der Köchin und dem Bandscheibenvorfall seiner Mutter. Du sitzt schweigend dabei und fährst mit der Hand über die rot-weiß karierte Tischdecke. Dann muss Gianni, Prosecco für das russische Paar öffnen und du erzählst mir von deiner Geschäftsreise. Ich nicke, und kann mir dich nicht als Handelsreisenden vorstellen. Du ziehst dein Ipad aus der Tasche und zeigst mir Frau und Kind. Ich nicke und bewundere Frau und Kind. Hübsch und ach und zauberhaft und ach und wunderbar und ach und freut mich sehr. Du wiederholst dich: „Alles ganz normal“, sagst du und Bild um Bild voller Normalität zieht an mir vorbei. Ich sehe gelben Sand und die Zeltstadt, dich zwischen zertretenen Plastikflaschen und Müll, die endlose Schlange aus Menschen, die immer länger wurde und über allem der sich vorwärtsschiebene Geruch des Krieges, der näher und näher rückte, auf Toyota Trucks mit den Kindergesichtern, die Maschinengewehre in den Händen hielten und überall und immer wieder die brennenden Reifen. „Ganz normal, alles ganz normal“ sagst du und nickst bekräftigend. Ich nicke mit und sehe weiter auf die Bilder, die Frau und Kind und dich Ski fahrend, badend, grillend, Haus bauend und lachend zeigen. Wunderbar, sehr schön, wirklich ganz herzig, höre ich mich sagen. Das Pärchen vom Nebentisch isst Muscheln und die Muschelbrühe macht mich schwindelig. Gianni bringt Feldsalat mit Calamretti für dich, mit Leber für mich. „Das ist sehr gut“, sagst du und Gianni strahlt. „Alles ganz frisch“ sagt er und schimpft über Anna, die den Schwertfisch verdorben habe. Ich sehe auf deinen fehlenden Daumen, denn der blieb zurück, blieb mit so vielen anderen Dingen im übelsten Land der Welt würde der Autor sagen und sagt es vielleicht nur, weil er den gelben Sand zwischen den Zähnen nicht ertrug. Alles frisch also heute Abend und alles normal. Zögernd siehst du mich über das Wasserglas an. Ich sehe weg. Da fällt doch gelber Sand aus deinen Haaren. Auf der Straße, die jetzt gegen halb zehn dunkel ist, fällt geduldig der Regen. Unter den Bögen der U-Bahn, die hier oberirdisch verläuft, am Straßenrand stehen die Prostituierten. Eine Frau, enge Glitzerjeans und eine bonbonfarbe Bomberjacke zu blondierten Haaren macht einen Kussmund, nicht nur für die Autos, die anhalten sollen, sondern für ihr Telefon, hier unter der Laterne, prüft sie ihre Lippen, variiert den Blick und dann erst drückt sie den Auslöser. Vielleicht behält sie das Bild für sich, vielleicht gibt es einen Mann in Bukarest oder einen kleinen Sohn in Warschau: „Mama liebt dich.“ Dann schiebt sie ihr Telefon in die Hosentasche und dreht sich zurück zur Straße. Alles ganz normal.

Wir wissen nichts über die Geschichten der Anderen und die Geschichten der Anderen, die mit der eigenen im gelben Sand vergraben liegen, sind gut verborgen. Du fährst dir durch das Haar und ich sehe auf die Uhr.“ Morgen ist ein langer Tag“, sage ich und du nickst. Ich bezahle und küsse erst Gianni, dann Anna und schließlich noch einmal dich. Da sind wir schon vor der Tür. Das russische Pärchen hat gerade Kaffee bestellt: „Dreh dich nicht um“, sagst du, „das war dein letzter Satz.“ Dann streichst du mir mit dem was von deinem Daumen noch übrig ist, über die Wange und ich sehe dir einen Moment zu lang in die Augen. „Dreh dich nicht um“, sagst du noch einmal und ich halte deinen Daumen an meine Wange gedrückt. Dann kommt dein Taxi. „Auf bald einmal wieder“ sagen wir, als seien wir Schulfreunde. Die Frau unter der Laterne mit ihrer glitzernden Bonbonjacke, beugt sich zu einem Autofenster hinunter, ich dreh mich nicht um. Zurück im Wald, niemand ist mehr auf der Straße, fällt, ich bin mir ganz sicher, gelber Sand aus meinen Stiefeln.

Werden und Sein

Auf den Steinen sitzen.jpgManchmal frage ich mich, wann weiß man wer man ist? An diesem Tag, dass weiß ich noch war ich ein Spion. Die anderen Kinder in der Straße lachten. Ich konnte kein Deutsch, wie ich da sitze auf den Steinen vor dem Haus. Ein bisschen neidisch war ich auf die Kinder, die da tobten in der sommerhellen Straße. Die Mädchen hatten HulaHoop Reifen und ich hatte keinen. Die Buben hatten einen neuen, glänzenden Ball und knallten den Ball gegen das Garagentor. Ich hatte keinen Ball. Ich musste mich mächtig zusammen nehmen, um nicht bei jedem bumm-bumm-bumm zusammenzuzucken. In Kenya nämlich wo ich lebte, kündigte bumm-bumm immer Gefahren an.

Aber ich hatte mir fest vorgenommen, dass ein richtiger Spion unbehelligt und unbeeindruckt von jedem noch so grässlichem Geräusch bleibt. Mein Freund war ein Russe. Das Haus nämlich stand im Russenviertel der kleinen Stadt in der ich meine Großmutter in den großen Sommerferien besuchte. Bald, aber das wusste ich noch nicht, würden die Russen zurück nach Russland gehen. Am Abend würde mein Großvater mir Russland auf dem Globus zeigen. Der Russe konnte auch kein Deutsch, das gefiel mir gut. Russisch konnte ich auch nicht, aber eben Jiddisch und der Russe verstand sofort, dass ich ein Spion war und ein großes Glas Zitronenlimonade äußerst wichtig für Nachwuchsspione ist. Der Russe lachte und hob mich auf die Schultern. Er galoppierte mit mir durch den Garten und ich glaubte, dies sei die wahre Freiheit und vielleicht war sie das auch. Der Russe nannte mich Superspion 007-Null Null Sjem. Erst viele Jahre später sollte mir klar werden, dass dieser Superspion James Bond war und nicht das kleine Mädchen auf den Steinen. Aber damals wusste ich das nicht und blieb in der festen Überzeugung, dass wenn ich nur geduldig ausharrte, sich ein Geheimnis vor meinen Augen entfalten würde. Damals als ich auf den Steinen saß liebte ich meine Großmutter. Meine Großmutter behandelte die Frau des Russen. Ich durfte ihren Arztkoffer tragen und meine Arme fielen fast ab, so schwer war der Koffer und so klein war ich. Aber ich wollte so sehr, dass meine Großmutter stolz auf mich war und so schleppte ich die schwere Tasche neben ihr her. Meine Großmutter verschwand in dem Haus und hieß mich warten. Ich wartete geduldig, damals war ich viel geduldiger als heute. Ich wartete also und kletterte auf die Steine. Ich konnte gut klettern, sogar hinauf bis in den großen Affenbrotbaum, in dessen Ästen ich in den nächsten Jahren sehr viel Zeit verbringen würde. Blau war meine Lieblingsfarbe, ich mochte nur Kuchen und zum Glück bestritt meine Großmutter zeitlebens die Existenz von Kalorien und war überzeugt es gebe nichts Besseres als eine Crèmeschnitte um die Stimmung zu heben. Ich liess mir vorlesen und in diesem Sommer las meine Großmutter mir die Reisen Odysseus vor. Ich verstand kein Wort. Aber das die Geschichte so groß wie die Welt selbst war, dass verstand ich doch, nie wieder habe ich so zugehört und nie wieder glaube ich habe ich danach eine Geschichte so verstanden, wie damals die lange Suche nach Ithaka von der ich objektiv betrachtet doch kein Wort verstand. Ich war das Kind mit dem niemand soielen sollte. In Kibera wo wir lebten, war ich das weiße Kind mit den kalten Händen. Die Frauen sagten in mir lebe der böse Geist des Kilimandscharo. Ich versuchte ihnen zu erklären, dass ich noch nie einen Geist persönlich getroffen hatte, sondern der einzige Geist, den ich kannte, erschreckte einen Müller im Märchenbuch meiner Großmutter. In der Schule war ich der Judenlümmel und die katholischen Schwestern warnten die anderen Kinder eindringlich genug vor einem Kind wie mir. Aber ich ging ohnehin nie gern zur Schule. Ich war ja auch ein Spion in einer geheimen Mission. Auf dem Bücherregal meiner Großeltern stand ein Krokodil aus schwarzem Stein, wenn man den Schwanz des Krokodils herunterdrückte konnte man Nüsse knacken. Ich knackte Nüsse am laufenden Band und aß immer eine Hand voll Nüsse und dann wieder eine Hand voll Schokolade. Leider gab es immer mehr Nüsse als Schokolade. Als Spion wusste ich aber natürlich, dass meine Großmutter in der Speisekammer stets Vorräte vor meinen Fingern versteckte. Aber ich kletterte mühelos auch auf die hohen Regalbretter und nur einmal blieb ich mit einem Bein im Gurkenfass stecken und meine Großmutter fürchtete ich würde ein eben solcher Gesetzesbrecher werden, wie Onkel A. Aber Onkel A. blieb unerreicht. In der Nacht aber musste ich auf dem Sofa schlafen wie ein gemeiner Dieb sagte meine Großmutter und ich fürchtete mich vor den Schatten und schlich mich mitten in der Nacht zu meiner Großmutter, die mich in ihre Arme zog und für mich sang, bis ich einschlief. Das Mädchen da auf den Steinen, das spielte damals schon Klavier, auf dem Schoß meines Großvaters sitzend und ich dachte mir niemand würde wohl annehmen, dass ein Mädchen am Klavier eigentlich ein Spion ist und ganz genau sieht, dass das Mädchen mit dem gelben Hula-Hoop Reifen, dem Mädchen mit dem blauen Reifen ein Bein stellt. Ich aber hatte es gesehen und dann endlich kam meine Großmutter aus dem Haus, mein Freund der russische Soldat gab mir ein Vanilleis mit und ich sah auch die Frau des Russen, die schüchtern lächlend mir dem Mädchen auf den Steinen zuwinkte. Ich winkte zurück. Superspion Null. Null. Sjem rief ich und sprang von den Steinen, denn da stand meine Großmutter und noch besser als ein Spion zu sein, war es in ihre Arme zu laufen und sie hob mich hoch und ich war das Mädchen in ihren Armen.Mehr wollte ich niemals sein.

Vereinigung zur Verteidigung der Unmoral oder der Club „Aux bonnes moeurs“

Meine Erinnerungen an das Land A. beginnen mit einer Ohrfeige. Unten im Hof des Hauses ohrfeigte ein Junge eine Frau. Ich sah hinunter in den Hof. Der Hof war staubig und in einer Ecke lag ein Stapel mit alten Brettern, ein verrostetes Gitterbett stand im Schatten eines verwachsenen Baumes. Sonst war der Hof leer. Sah die Hand des Jungen, der sie hoch über seinen Kopf hob, bevor er ausholte und das Gesicht der Frau nach hinten flog. Ich glaube noch immer das Klatschen seiner Hand auf ihrer Wange höre zu können. Aber vielleicht irre ich mich. Wer kann sich schon auf seine Erinnerung verlassen? Die roten Streifen auf ihrer Wange aber meine ich wirklich gesehen zu haben und noch heute bin ich mir sicher, das der Ton welcher der Ohrfeige folgte, genau derselbe ist wie jener der von der letzten Taste eines jeden Klaviers ausgeht und der ein längeres Echo hat als alle anderen Töne. Dann drehte sich der Junge um und ging. Die Frau hielt sich die Wange, dann ging auch sie. Ich starrte noch lange auf den Hof, der wieder heiß und staubig im Sonnenlicht lag. Auf dem verrosteten Bett sonnten sich die Katzen. Damals hinter den Fenstern wusste ich nicht, dass dort unten im Hof ein Sohn seine Mutter ohrfeigte. Eins aber hatte ich verstanden, dort unten auf dem Hof war etwas geschehen war, das sich nicht wiedergutmachen ließ. Dann drehte ich mich um.

Die Frau aber unten im Hof, die im zweiten Stock wohnte, brachte mir meine ersten arabischen Wörter bei. Eines der ersten war حرب ( harb) Krieg. Damals nämlich als wir nach A. zogen war der Krieg schon lange angekommen, hatte sich durch Häuserwände geschossen, hatte Söhne, Väter, Schwager, Onkel erst zu Feinden, dann zu Gegnern, dann zu Volksfeinden oder zu Islamisten gemacht und schließlich erst die einen, dann die anderen so oder so oder auch ganz anders getötet. Krieg also lernte ich und sprach der Frau (harb) nach. Ihre Wange (وجنة ) wadzna war nicht mehr rot. Dafür war der Kopf des Mannes der mit dem Gesicht auf das Lenkrad fiel أحمر, (ahmar) rot. Wieder stand ich am Fenster, diesmal aber am Fenster das auf die Straße zeigte. Bestimmt standen alle Nachbarn der langen Straße am Fenster und sahen hinunter auf das Auto. Die zersplitterte Windschutzscheibe, ein großes, gläsernes Spinnennetz und dann der Kopf auf dem Lenker. Blutfäden rannen dem Mann aus dem Mund und wir sahen zu. Damals wusste ich schon, das der Krieg tote Männer meint, aber ich lernte erst am Fenster, das der Krieg vor allem Stille meint. Denn nirgendwo wurde so laut geschwiegen wie im Land A. Das Schweigen der Mütter war lauter als nächtliche Klopfen an der Tür. Hartnäckig schwiegen die Mütter. Am Endes des Tages zählten die Mütter die Kinder, denn am Abend konnte sich niemand sicher sein, dass noch die gleiche Anzahl von Kindern in den سرير ( sa’rir ) Betten lag wie am Morgen. Die Mütter hinter den Fenstern schwiegen. Niemand ging auf die Straße hinunter, kein Krankenwagen kam, kein Polizeiauto bog um die Ecke. Die wenigen Passanten auf der Straße liefen an dem Auto und dem Mann tief über das Lenkrad  gebeugt vorbei. Bis sich die Dämmerung über die Stadt, das Viertel und die Straße legte, schwiegen die Mütter. Dann im Dunkeln zogen sie denn Mann, der ja auch einer Mutter Sohn war aus dem Auto heraus. Da stand ich schon nicht mehr am Fenster, sondern saß längst schon wieder am Klavier. Mag sein, dass ich die letzte Taste des Klaviers einmal angeschlagen hatte, aber ich weiß es nicht mehr. Immer aber wenn ich glaube, dass ich das Gesicht des Mannes und die Bluttropfen in seinen Mundwinkeln vergessen habe ( Kann ich das wirklich gesehen haben?),erinnere ich mich wieder an ihn. Damals als Krieg war schwiegen die Mütter, das weiß ich ganz genau.

Ein einziges Mal, im Land A. nämlich war ich Mitglied eines Clubs. Wir nannten uns „Le club aux bonnes moeurs”. Das schien uns clever und ironisch. Den Namen borgten wir uns von Voltaires “Essai sur les moeurs.” Der Club und das schien uns der große Clou hatte nichts mit Sitte und Moral zu tun, sondern erlaubt war nur, was sonst verboten war. Voltaire, den wir lasen und natürlich nicht verstanden, schien uns hatte uns nicht vergessen, wir hier im Land A., vergessen von allen. Auf den Straßen konnte man damals nicht unbehelligt gehen, aber über die Dachterrassen immer mal wieder zwar in einem Betttuch gefangen aber sonst im Dämmerlicht unbehelligt wanderten wir von Haus zu Haus und trafen uns auf dem Dach vom S. dessen Haus uneinsehbar an eine Mauer grenzte. Wir waren ein Club verzweifelter Liebhaber, natürlich verliebten wir uns wechselseitig ineinander, trennten uns unter infernalischem Getöse und küssten uns vorsichtig. So viel wussten selbst wir. Aber auch wenn ich dem S. verfiel und der S. der D. und die D. der E. und der Y. wiederum die L. eng umschlungen hielt, vor allem aber liebten wir die Ideen Europas.Wir, die verzweifelt Liebenden aber lasen uns vor. Auf Französisch wohlgemerkt. Denn wir die Clubmitglieder hatten feierlich und mit starkem und zuckersüßen Tee auf Europa geschworen.

Wir lasen die Odyssee. Unser Herz schlug für Odysseus, der heimatlos geworden und fern von Ithaka durch die Welt irrte, waren das nicht auch wir, waren nicht auch wir Treibholz und vor allem heimatlos? Wir sahen in Penelope die schweigend das Leichentuch webte doch auch die stummen Mütter mit denen wir zu leben hatten. Wir lasen „La Montagne Magique“ und natürlich zerstritten wir uns sofort über Kunst und Krankheit. Die anderen pochten auf Settembrinis Aufklärung und ich verteidigte Naphta, nicht weil ich ihn mochte, sondern weil die anderen ihn nicht mochten und wir alle schwärmten natürlich  für Clawdia Chauchat und nachdem wir das Buch zuklappten, konnte niemand von uns schlafen. Wir lasen, nein wir tranken Bücher. Sartre und Camus, ich schrieb hektisch an meine Großmutter, die alles gab und Bücher über Bücher schickte. Nie waren es genug. In den Mauerritzen der Steine versteckten wir unser „J’accuse“, wir glaubten die Mauern wankten, als wir es vielfach gefaltet unter die Steine schoben. Was wollten wir denn? Wir wollten uns ungestört küssen, wir hatten keine Lust auf Vaterland, wir wollten das dieser Krieg uns endlich in Frieden ließe, wir wollten an nichts glauben müssen, wir wollten eine Ende der Phrasen, wir wollten richtige Zeitungen und richtige Universitäten, wir wollten auch im Hellen tanzen, wir wollten die Freiheit und wollten sie ganz. Wir verabscheuten Moralapostel und Glaubenswächter. Wir machten uns betrunken an „unveräußerlichen Rechten“. Ich sage wir, auch wenn ich die Fremde war, aber ich war doch schließlich auch vollständiges Mitglied des Clubs „Aux bonnes moeurs” mit allen Rechten und Pflichten. Gemeinsam ertranken wir doch in ihren Zeilen chez moi j’ai un piano bleu/ mais je ne sais aucune note/il se tient dans le noir de la porte de la cave,/depuis le jour où le monde est devenu brutal/les étoiles jouaient jadis à quatre mains/ la femme lune chantait dans le bateau /maintenant des rats dansent dans sa gorge. Else Lasker Schülermon piano bleu.

Das waren doch unsere Geschichten, das waren doch wir und auch unsere Lippen, die sich aneinander verbrannten, nur um immer weiterzulesen, näher so glaubten wir näher und näher kämen wir an Europa heran. Der S. den ich doch liebte, dachte an einer Sozialgeschichte des Landes A. herum und hatte Reformen im Kopf, die Hardenberg blass aussehen ließen. Der D. übersetzte Else Lasker-Schüler ins Arabische, die L. bekniete mich Rosa Luxemburgs Briefe aus dem Gefängnis für sie zu übertragen. Der Y. aber kehrte immer wieder zu Voltaire zurück und konnte nicht aufhören sich an Candide zu erfreuen und ich sehe ihn noch immer noch heute, wie er keine Luft bekam vor dem schnellen Witz, dem tiefen Sarkasmus und den absurden Überdrehtheiten auf dem Boden lag und sich schüttelte vor Begeisterung. Die E. las Simone de Beauvoir und seufzte tief. Dort oben auf dem Dach, da bin ich mir noch heute sicher, dort oben war Europa. Europa war eine Landkarte aus Büchern, Europa war unsere Insel. Von den Mitgliedern des Club „Aux bonnes moeurs“ haben die E. und ich als das einzige seiner Mitglieder Europa, unser Ithaka erreicht. Denn unten auf der Straße war immer noch Krieg, unten auf der Straße schwiegen noch immer die Mütter und sie schweigen bis heute. Von den Mitgliedern des Club „Aux bonnes moeurs“ sind nur noch die E. und ich am Leben.

Die E. und ich sind nie wieder zurückgekehrt ins Land A. nachdem ich früher und sie später das Land verließ. Noch immer lesen wir uns vor, wann immer wir uns sehen, denn die Mitgliedschaft im Club „Aux bonnes moeurs” erlischt hat man sie einmal abgeschlossen nie. Manchmal schütteln die E. und ich dann den Kopf, über uns und über die europäische Liebe, von der wir nicht ahnten, das sie niemals erwidert würde, aber oft und immer öfter auch darüber, dass man in Europa alles verteidigt, die Positionen der religiösen Rechthaber, die wir so gut kennen, nicht weil wir wollten, sondern weil wir mussten. Wir staunen manchmal über die offene Verachtung all jener Werte nach denen wir eine so unendlich große Sehnsucht hatten, denn noch immer beginnt diese Geschichte unten im Hof, die fliegende Hand des Sohnes, die rote Wange der Mutter,die Stille danach. Schon damals, elfeinhalb Jahre alt, hatte ich verstanden, dass dort etwas geschehen war, das sich nicht wiedergutmachen ließ.

Der 9.November

Der 9. November, noch immer nach so vielen Jahren, die doch längst schon Jahrzehnte sind, beginnt wie in jedem Jahr in meiner Magengrube. Schlecht ist mir, aber nicht als hätte ich etwas Schlechtes gegessen, sondern die Beklemmung liegt mir in Haut und Haaren und auch im Magen. Meine Großmutter stoppte an jedem 9.November die Uhr. Alle Uhren des Hauses, der Nachttischwecker wie die große Standuhr im Wohnzimmer und auch die zierliche Armbanduhr standen still. Still waren auch meine Großeltern, so als erlaubte einzig die Stille das Fortkommen von jenem Tag, an dem die Geschichte der Deutschen und der Juden uneinholbar und unwiederbringlich zerbrach. Meine Uhr tickt. Aber das Echo dieses Tages ist lauter als die Armbanduhr, das Telefon, die Nachrichtenlage, der Zug und die Straßen. Ich sehe meine Großmutter am Fenster, einen ganzen langen Tag lang, sah sie hinunter auf die Straße. Das Kopfsteinpflaster des Kirchplatzes, die Straße der kleinen, deutschen Mittelstadt in der sie lebte, es war nicht mehr ihre Heimatstadt. Ich lese die Zeitung, ich beantworte Emails, ich zucke mit den Schultern, die amerikanische Kollegin weint. Ich denke an meinen Großvater, stumm und hager auf dem Sessel, so weit es ging vom Fenster entfernt. „Nur einen Steinwurf entfernt“, sagt man auf Deutsch, will man ausdrücken etwas sei ganz in der Nähe. Wie viel Zeit vergeht zwischen einem geworfenen Stein und der zersplitterten Scheibe? Seitdem sei so viel Zeit vergangen sagen die Vielen und ich wundere mich, was das eigentlich heißt. Reicht es denn, dass Zeit vergeht, der Glaser kommt und ist es genug, dass sie sich nicht mehr erinnern müssen, sondern nur noch wir? Ist Zeit eine gültige Antwort auf die Stille? Dann wird sich doch erinnert, aber lieber nicht zu deutlich. Schlimme Zeiten seien es gewesen und dazu lässt sich immer verständig nicken. Meine Großeltern nickten nie. „Eine Brandwunde“ sagte mein Großvater zu der Nummer auf seinem Arm, die unter gestärkten, weißen Hemden verschwand. Für sie, die sie vergessen wollen, nicht für ihn, der sich erinnern musste. Ein geschichtsträchtiges Datum wird dann gern gesagt über diesen 9.November, der dann gern Anlass wird zu Ausrufezeichen und Warnschildern. Zuletzt ein Hinweis in Richtung USA: Die Deutschen hätten es einmal probiert, aber doch verstanden. Nun versteht auch ihr. Ist das nicht auch eine Flucht vor der Erinnerung, die gemessen in Porzellanservices, Bilderrahmen, Silberbesteck, Daunenbetten, allgefälliger Gewalt und dem Ende der Juden Europas seltsam verzogen erscheint, so als sei wieder einmal genug Zeit vergangen um letzte Lehren zu ziehen. Ich weiß nicht, ob die Erinnerung überhaupt schon begonnen hat. Da niemand etwas gesehen, keiner etwas genommen und niemand etwas angesteckt haben will, sondern es eine schlimme Nacht war, blieb meine Großmutter am Fenster stehen. Ich sehe auf das Bild vor mir auf dem Tisch, das Bild zeigt auch eine Straße. Die Straße auf dem Bild hat das gleiche Kopfsteinpflaster wie der Kirchplatz auf den meine Großmutter starrte. Das Pflaster ist feucht und das Bild ist schwarz-weiß. Das Bild ist eine Fotografie. In der Mitte des Bildes kniet ein Mann. Der Mann trägt einen Dreireiher. Jackett, Weste, Taschenuhr, Einstecktuch, Manschettenknöpfe, Lederschuhe. Der Mann trug einen Hut. Der liegt zerknautscht auf dem feuchten Pflaster. Der Mann auf dem Bild trägt einen Siegelring und einen Ehering. Der Mann kniet auf dem Pflaster. Der Mann hält eine Zahnbürste und der Mann putzt die Straße. Vor dem Mann und um den Mann herum steht eine johlende Gruppe von Männern und Frauen. Hinter dem Mann eine Häuserzeile. Hinter einem der Fenster steht meine Großmutter und sieht ihren Vater auf der Straße knien. Der Mann der zurückkehrt am Abend hat keinen Siegelring, keinen Ehering, keine Taschenuhr mehr, der Anzug hängt in Fetzen an ihm herunter. Ich sehe auf das Bild. „Steh doch auf“ will ich ihm sagen, diesem Mann der mein Urgroßvater ist und das Bild des Mannes der auf der Straße kniet in seiner Hand eine Zahnbürste, was ist das eigentlich? Ein Familienbild? Der Mann auf dem Bild steht nicht auf. Der Mann bewegt sich nicht mehr. „Steh doch auf.“ Der Mann der am Abend zurückkehrt zu seiner Familie wird sich noch immer nicht abbringen lassen von seiner Heimatliebe, von seiner Überzeugung doch Nachbarn und Freunde zu haben und wusch sich die Hände. Seine Kinder zog er fort vom Fenster. Meine Großmutter stand bewegungslos am Fenster an diesem und an allen folgenden Novembertagen, auf der Straße gingen indes Menschen über den Kirchplatz lachend und scherzend, vielleicht auch schweigend und stumm. Vor mir auf dem Tisch die Fotografie. Der Mann auf der Straße. Die glänzenden Steine des Pflasters, in Dublin scheint die Sonne, in Deutschland putzen Menschen Stolpersteine, die einmal mehr den Mann auf dem Bild in die Knie zwingen. Ich sehe meinen Großvater im Winkel des Zimmers und sehe meine Großmutter unbeweglich am Fenster stehen. Meine Versuche sie wegzuziehen, scheiterten immer: an jedem 9.November wartete sie wohl jemand käme und endlich, endlich stünde ihr Vater auf, setzte den Hut auf, klopfte sich den Anzug ab und endlich hörte der 9.November auf zu sein, endlich kehrte die Zeit zurück, gingen die Uhren wieder richtig, führte die Erinnerung nicht durch Scherben und Splitter hinweg, drängte sich nicht durch die lachende Menge der Menschen hin zu dem Mann auf den Knien, der dort nicht knien würde, sondern wie an jedem Abend Nachbarn und Freunde grüßte, bevor er zurück nach Hause käme, vorsichtigen Schrittes, aber nicht wegen des grölenden Mobs, sondern allein der Glätte des Kopfsteinpflasters geschuldet, so typisch für späte Nachmittage im November in Deutschland, damals als anders als heute in den Städten noch Juden lebten, etwas also woran man sich kaum noch erinnern kann. Es bleibt das stumme Bild meiner Großmutter vor dem Fenster, noch immer kniet der Mann unbeweglich auf dem Pflaster und die kalte Hand in meiner Magengrube reicht nicht aus um ihn endlich zum Aufstehen zu bewegen.