Drei Jahre, danach.

An der Tür gibst du mir die Wohnungsschlüssel. Ich nicke und Du sagst nichts. „Ich melde mich“ sage ich und stehe noch einen Moment vor dem Haus. Kalt ist es, ein feuchter Nebel legt sich über alles und verschluckt bald schon dich. Ich drehe den Schlüssel in meinen Händen und gehe hinauf. Die ganze Wohnung ist schon leer. Nur dieses eine Zimmer ist noch immer verschlossen, noch immer da. Ich stecke den Schlüssel ins Schloss. Drei Jahre hat er bei mir im Schlüsselkorb gewartet, hat gewartet auf diesen Tag. Auf den Tag an den du mich anrufen würdest und sagtest: „Kannst du kommen“ und schon vor drei Jahren wusste ich, von wo auch immer, ich würde kommen.

Der Tag an dem du mir den Schlüssel gabst, war ein heißer, stickiger Junitag. Wir, die mit dir auf dem Friedhof standen, schwitzten in schwarzen Kleidern und Anzügen. Der Pfarrer fragte mit balsamierter Stimme: Wie beerdigt man ein Kind?“ Dann folgten lauter banale Sätze, die nichts mit deinem Kind und nicht mit dir und nichts mit uns allen zu tun hatten, die so obszön und falsch waren, wie die brennende Sonne, die uns alle schwindelig machte. Vielleicht war dieser bodenlose Schwindel das einzig angemessene Gefühl. Damals in den dunklen Wochen, die kamen, gabst du mir den Schlüssel zu seinem Zimmer. Ich verstand und ich sagte: ich werde kommen. Du gingst, fort aus Berlin, und natürlich ging alles unter. Deine Frau ging, dein Beruf ging und wir ich weiß nicht, ob wir dich hätten enger bei uns halten sollen, aber da warst du schon fort und immer wieder hörte ich von Dir aus Canada oder Neuseeland und irgendwann erzählte mir F., dass du wieder als Arzt arbeiten würdest. Ich wartete und du riefst an. Ich drehe den Schlüssel im Schloss herum und als ich die Tür öffne fliegt ein Krähenschwarm nach oben. Ich sage den Namen deines Kindes, das doch nicht denken soll, es würde nicht gefragt. Ich muss üben bis mir sein Namen wieder von den Lippen kommt und ich stehe im Türrahmen und sage: „Mäuschen, erinnerst du dich noch an mich, ich bin es Read On, die für dich das Faultiergesicht machte, diese schreckliche Grimasse über die du dich kringeln konntest vor lachen. Ich glaube du erinnerst dich. Ein halber Sonnenstrahl im Fenster. Mäuschen, sage ich, komm wir machen das zusammen und dann stehe ich im Zimmer. Drei Jahre. Auf dem Schrank sitzt das Äffchen, das schenkten F. und ich dir zur Geburt und es guckt so drollig ganz genau wie du. Die nächsten Stunden packe ich Kinderkleider ein, staple Bilderbücher in Kartons, sortiere Spielzeug in Kisten und erzähle mit dir Mäuschen, denn nichts ist unangenehmer als wenn jemand ungefragt in den eigenen Dingen wühlt. Ich erzähle dir von deinem Vater mit dem ich damals dein Zimmer strich und der die weltbeste Bolognese kochte. Ich erzähle dir alles was ich weiß von ihm und das ist weniger geworden in den letzten Jahren, aber niemand Mäuschen hat ein Recht so viel zu wissen, wie nur du. Unten auf der Straße kommt die Müllabfuhr und ich baue dein Bett auseinander. Du hast nicht gern in ihm geschlafen und das kann ich gut verstehen, denn als ich so klein war, wie damals du, schlief ich am liebsten neben meiner Großmutter und niemals habe ich besser geschlafen als neben ihr. Du warst ein weise Kind und schliefst wie alle Kinder es tun am liebsten und besten neben deinen Eltern ein. Ich nehme das Äffchen vom Schrank und es baumelt mit den Beinen. „Mäuschen“ sage ich und denke an dich, denke nur an dich, das ist der Schrank schon ein Berg voller Leisten. Denke an die quälenden Nächte im Krankenhaus und dein kleines Gesicht, so verloren und so unendlich mutig. Immer verlangtest du nach dem Faultiergesicht. Für niemanden, habe ich es seitdem gemacht und die Nichtenkinder gaben irgendwann auf. Das war mein Gesicht für dich und im leeren Zimmer mache ich es wieder für dich und für dich allein. Du lachst. Ich wusste es. Bilder, dein Lieblingsbuch, ein paar Sachen und Lieblingsstücke, kommen in einen extra Karton. Eines Tages, Mäuschen, es ist nur ein Frage der Zeit, kommt er zurück zu deinem Vater und deiner Mutter. Sie werden mich schelten, dass ich genau das Falsche behielt. Wie immer Mäuschen bin ich auf deine Nachsicht mit mir angewiesen. Irgendwo im Haus spielt jemand für Elise. Ich singe es also mit für dich. Damals Mäuschen, als da so viel Schmerzen waren in dir und wir so hilflos vor dir standen, da sangen wir alle wechselnd Nacht für Nacht. Wir singen anders heute und Mäuschen, wir singen lauter heute, damit du uns auch hören kannst. Dann kommen die schweren Jungs, die Karton um Karton verladen und in ein Kinderheim fahren. Du warst ein so großzügiges Kind und niemals habe ich dich sagen hören: „Meins“.

Die Kartons sind verladen und ich unterschreibe einen Zettel, den ich nicht wirklich sehe und dann ist der Raum leer, bis auf das Äffchen und Dich und dich und immer so weiter.Eine Taube gurrt auf der Fensterbank und ich denke an dich und denke und denke. Danke Mäuschen, sage ich dir noch einmal ins Ohr. Den Schlüssel lasse ich in der Kinderzimmertür und die Tür bleibt offen. Erst unten bei den Mülltonnen, weine ich und denke, damals in dieser klebrigen Hitze, dass ich hätte nach vor gehen müssen und dem schauderlichen Pfarrer hätte zur Seite drängen sollen, denn niemand kann ein Kind begraben, niemand kann Dich Mäuschen beerdigen, niemand kann über die Leere hinwegkommen, die ist seit dir und niemand hätte das über dich, dich lachendes, gurrendes, singendes Kind je sagen dürfen. Erwachsene glaube ich versagen immer an den wirklich entscheidenden Stellen, aber Mäuschen wir sind voller Sehnsucht nach Dir und später sitzen dein Vater und deine Freunde zusammen, deine Mutter ruft an und alle, Mäuschen, wir alle sitzen und lachen und weinen und irgendwo sitzt du, in der Mitte immer da, wo man am besten sieht, am sichersten schläft, alles hört und umgeben ist, von immer warmen Händen, unsere Hände, Mäuschen suchen nach dir und werden dich finden.

Gelber Sand

img_1012Nach fünf Jahren ein Wiedersehen. Da stehst du also, ganz in grau. Graue Flanellhose, eine dicke, graue wattierte Jacke, ein grauer Schal fest um dich gewickelt und für einen Moment bin ich mir nicht sicher, ob Du es bist. Denn wer im Krieg auseinandergeht- im Süd-Sudan- der achtet auf vieles, aber nicht auf gebundene Schnürsenkel oder abgestimmte Farbverläufe. Langsam gehst du die Straße hinunter, auf mich zu, zwar nicht in grau, aber in rot blau gestreift, an der Straßenecke steht und wartet. Blaue Stiefel, ein blau-rot- gestreiftes Kleid, ein dicker blauer Mantel, blau-rot kariert. Deine Email las sich als seien wir Schulfreunde: Liebe Read On, ich bin auf drei Tage geschäftlich in Berlin, vielleicht reicht die Zeit für ein Essen? Ich antworte wie eine Schulfreundin: Lieber Freund, bei mir ginge eigentlich nur der 12. Januar ab 19 Uhr? Aber lass uns doch telefonieren. Du antwortest nicht wie ein alter Schulfreund. Du schreibst einfach Ja. Ich schreibe dir die Adresse des Restaurants und dann sehe ich dir zu wie du die Straße hinunterläufst. Im Zeitungskiosk liegt der Lettre International. Warum der Süd-Sudan das übelste Land der Welt ist, verspricht ein Autor zu erklären. Ich drehe mich weg und dann stehst du vor mir. Tief in den Taschen sind deine Hände vergraben. Ich muss mich auf die Zehenspitzen stellen, um dich zweimal rechts und zweimal links zu küssen. Ich muss die Augen schließen, denn auf einmal riecht die Straße nicht mehr nach Berlin im Januar, sondern nach gelbem Sand und verbrannten Gummireifen. „Es ist hier drüben, sage ich“ und du nickst. Das Restaurant ist fast leer. Nur ein russisches Pärchen sitzt am Tisch gegenüber. Er trägt ein enges und glänzendes Hemd und telefoniert. Seine schöne Freundin, die eine Pelzmütze auf dem Kopf trägt, obwohl es recht warm ist und Gianni noch Kerzen bringt, zieht sich die Lippen nach. Wir trinken Eiswasser mit Zitronenscheiben und Gianni bringt Rosamarinbrot  und erzählt von seinem Ärger mit Anna, der Köchin und dem Bandscheibenvorfall seiner Mutter. Du sitzt schweigend dabei und fährst mit der Hand über die rot-weiß karierte Tischdecke. Dann muss Gianni, Prosecco für das russische Paar öffnen und du erzählst mir von deiner Geschäftsreise. Ich nicke, und kann mir dich nicht als Handelsreisenden vorstellen. Du ziehst dein Ipad aus der Tasche und zeigst mir Frau und Kind. Ich nicke und bewundere Frau und Kind. Hübsch und ach und zauberhaft und ach und wunderbar und ach und freut mich sehr. Du wiederholst dich: „Alles ganz normal“, sagst du und Bild um Bild voller Normalität zieht an mir vorbei. Ich sehe gelben Sand und die Zeltstadt, dich zwischen zertretenen Plastikflaschen und Müll, die endlose Schlange aus Menschen, die immer länger wurde und über allem der sich vorwärtsschiebene Geruch des Krieges, der näher und näher rückte, auf Toyota Trucks mit den Kindergesichtern, die Maschinengewehre in den Händen hielten und überall und immer wieder die brennenden Reifen. „Ganz normal, alles ganz normal“ sagst du und nickst bekräftigend. Ich nicke mit und sehe weiter auf die Bilder, die Frau und Kind und dich Ski fahrend, badend, grillend, Haus bauend und lachend zeigen. Wunderbar, sehr schön, wirklich ganz herzig, höre ich mich sagen. Das Pärchen vom Nebentisch isst Muscheln und die Muschelbrühe macht mich schwindelig. Gianni bringt Feldsalat mit Calamretti für dich, mit Leber für mich. „Das ist sehr gut“, sagst du und Gianni strahlt. „Alles ganz frisch“ sagt er und schimpft über Anna, die den Schwertfisch verdorben habe. Ich sehe auf deinen fehlenden Daumen, denn der blieb zurück, blieb mit so vielen anderen Dingen im übelsten Land der Welt würde der Autor sagen und sagt es vielleicht nur, weil er den gelben Sand zwischen den Zähnen nicht ertrug. Alles frisch also heute Abend und alles normal. Zögernd siehst du mich über das Wasserglas an. Ich sehe weg. Da fällt doch gelber Sand aus deinen Haaren. Auf der Straße, die jetzt gegen halb zehn dunkel ist, fällt geduldig der Regen. Unter den Bögen der U-Bahn, die hier oberirdisch verläuft, am Straßenrand stehen die Prostituierten. Eine Frau, enge Glitzerjeans und eine bonbonfarbe Bomberjacke zu blondierten Haaren macht einen Kussmund, nicht nur für die Autos, die anhalten sollen, sondern für ihr Telefon, hier unter der Laterne, prüft sie ihre Lippen, variiert den Blick und dann erst drückt sie den Auslöser. Vielleicht behält sie das Bild für sich, vielleicht gibt es einen Mann in Bukarest oder einen kleinen Sohn in Warschau: „Mama liebt dich.“ Dann schiebt sie ihr Telefon in die Hosentasche und dreht sich zurück zur Straße. Alles ganz normal.

Wir wissen nichts über die Geschichten der Anderen und die Geschichten der Anderen, die mit der eigenen im gelben Sand vergraben liegen, sind gut verborgen. Du fährst dir durch das Haar und ich sehe auf die Uhr.“ Morgen ist ein langer Tag“, sage ich und du nickst. Ich bezahle und küsse erst Gianni, dann Anna und schließlich noch einmal dich. Da sind wir schon vor der Tür. Das russische Pärchen hat gerade Kaffee bestellt: „Dreh dich nicht um“, sagst du, „das war dein letzter Satz.“ Dann streichst du mir mit dem was von deinem Daumen noch übrig ist, über die Wange und ich sehe dir einen Moment zu lang in die Augen. „Dreh dich nicht um“, sagst du noch einmal und ich halte deinen Daumen an meine Wange gedrückt. Dann kommt dein Taxi. „Auf bald einmal wieder“ sagen wir, als seien wir Schulfreunde. Die Frau unter der Laterne mit ihrer glitzernden Bonbonjacke, beugt sich zu einem Autofenster hinunter, ich dreh mich nicht um. Zurück im Wald, niemand ist mehr auf der Straße, fällt, ich bin mir ganz sicher, gelber Sand aus meinen Stiefeln.

Werden und Sein

Auf den Steinen sitzen.jpgManchmal frage ich mich, wann weiß man wer man ist? An diesem Tag, dass weiß ich noch war ich ein Spion. Die anderen Kinder in der Straße lachten. Ich konnte kein Deutsch, wie ich da sitze auf den Steinen vor dem Haus. Ein bisschen neidisch war ich auf die Kinder, die da tobten in der sommerhellen Straße. Die Mädchen hatten HulaHoop Reifen und ich hatte keinen. Die Buben hatten einen neuen, glänzenden Ball und knallten den Ball gegen das Garagentor. Ich hatte keinen Ball. Ich musste mich mächtig zusammen nehmen, um nicht bei jedem bumm-bumm-bumm zusammenzuzucken. In Kenya nämlich wo ich lebte, kündigte bumm-bumm immer Gefahren an.

Aber ich hatte mir fest vorgenommen, dass ein richtiger Spion unbehelligt und unbeeindruckt von jedem noch so grässlichem Geräusch bleibt. Mein Freund war ein Russe. Das Haus nämlich stand im Russenviertel der kleinen Stadt in der ich meine Großmutter in den großen Sommerferien besuchte. Bald, aber das wusste ich noch nicht, würden die Russen zurück nach Russland gehen. Am Abend würde mein Großvater mir Russland auf dem Globus zeigen. Der Russe konnte auch kein Deutsch, das gefiel mir gut. Russisch konnte ich auch nicht, aber eben Jiddisch und der Russe verstand sofort, dass ich ein Spion war und ein großes Glas Zitronenlimonade äußerst wichtig für Nachwuchsspione ist. Der Russe lachte und hob mich auf die Schultern. Er galoppierte mit mir durch den Garten und ich glaubte, dies sei die wahre Freiheit und vielleicht war sie das auch. Der Russe nannte mich Superspion 007-Null Null Sjem. Erst viele Jahre später sollte mir klar werden, dass dieser Superspion James Bond war und nicht das kleine Mädchen auf den Steinen. Aber damals wusste ich das nicht und blieb in der festen Überzeugung, dass wenn ich nur geduldig ausharrte, sich ein Geheimnis vor meinen Augen entfalten würde. Damals als ich auf den Steinen saß liebte ich meine Großmutter. Meine Großmutter behandelte die Frau des Russen. Ich durfte ihren Arztkoffer tragen und meine Arme fielen fast ab, so schwer war der Koffer und so klein war ich. Aber ich wollte so sehr, dass meine Großmutter stolz auf mich war und so schleppte ich die schwere Tasche neben ihr her. Meine Großmutter verschwand in dem Haus und hieß mich warten. Ich wartete geduldig, damals war ich viel geduldiger als heute. Ich wartete also und kletterte auf die Steine. Ich konnte gut klettern, sogar hinauf bis in den großen Affenbrotbaum, in dessen Ästen ich in den nächsten Jahren sehr viel Zeit verbringen würde. Blau war meine Lieblingsfarbe, ich mochte nur Kuchen und zum Glück bestritt meine Großmutter zeitlebens die Existenz von Kalorien und war überzeugt es gebe nichts Besseres als eine Crèmeschnitte um die Stimmung zu heben. Ich liess mir vorlesen und in diesem Sommer las meine Großmutter mir die Reisen Odysseus vor. Ich verstand kein Wort. Aber das die Geschichte so groß wie die Welt selbst war, dass verstand ich doch, nie wieder habe ich so zugehört und nie wieder glaube ich habe ich danach eine Geschichte so verstanden, wie damals die lange Suche nach Ithaka von der ich objektiv betrachtet doch kein Wort verstand. Ich war das Kind mit dem niemand soielen sollte. In Kibera wo wir lebten, war ich das weiße Kind mit den kalten Händen. Die Frauen sagten in mir lebe der böse Geist des Kilimandscharo. Ich versuchte ihnen zu erklären, dass ich noch nie einen Geist persönlich getroffen hatte, sondern der einzige Geist, den ich kannte, erschreckte einen Müller im Märchenbuch meiner Großmutter. In der Schule war ich der Judenlümmel und die katholischen Schwestern warnten die anderen Kinder eindringlich genug vor einem Kind wie mir. Aber ich ging ohnehin nie gern zur Schule. Ich war ja auch ein Spion in einer geheimen Mission. Auf dem Bücherregal meiner Großeltern stand ein Krokodil aus schwarzem Stein, wenn man den Schwanz des Krokodils herunterdrückte konnte man Nüsse knacken. Ich knackte Nüsse am laufenden Band und aß immer eine Hand voll Nüsse und dann wieder eine Hand voll Schokolade. Leider gab es immer mehr Nüsse als Schokolade. Als Spion wusste ich aber natürlich, dass meine Großmutter in der Speisekammer stets Vorräte vor meinen Fingern versteckte. Aber ich kletterte mühelos auch auf die hohen Regalbretter und nur einmal blieb ich mit einem Bein im Gurkenfass stecken und meine Großmutter fürchtete ich würde ein eben solcher Gesetzesbrecher werden, wie Onkel A. Aber Onkel A. blieb unerreicht. In der Nacht aber musste ich auf dem Sofa schlafen wie ein gemeiner Dieb sagte meine Großmutter und ich fürchtete mich vor den Schatten und schlich mich mitten in der Nacht zu meiner Großmutter, die mich in ihre Arme zog und für mich sang, bis ich einschlief. Das Mädchen da auf den Steinen, das spielte damals schon Klavier, auf dem Schoß meines Großvaters sitzend und ich dachte mir niemand würde wohl annehmen, dass ein Mädchen am Klavier eigentlich ein Spion ist und ganz genau sieht, dass das Mädchen mit dem gelben Hula-Hoop Reifen, dem Mädchen mit dem blauen Reifen ein Bein stellt. Ich aber hatte es gesehen und dann endlich kam meine Großmutter aus dem Haus, mein Freund der russische Soldat gab mir ein Vanilleis mit und ich sah auch die Frau des Russen, die schüchtern lächlend mir dem Mädchen auf den Steinen zuwinkte. Ich winkte zurück. Superspion Null. Null. Sjem rief ich und sprang von den Steinen, denn da stand meine Großmutter und noch besser als ein Spion zu sein, war es in ihre Arme zu laufen und sie hob mich hoch und ich war das Mädchen in ihren Armen.Mehr wollte ich niemals sein.

Vereinigung zur Verteidigung der Unmoral oder der Club „Aux bonnes moeurs“

Meine Erinnerungen an das Land A. beginnen mit einer Ohrfeige. Unten im Hof des Hauses ohrfeigte ein Junge eine Frau. Ich sah hinunter in den Hof. Der Hof war staubig und in einer Ecke lag ein Stapel mit alten Brettern, ein verrostetes Gitterbett stand im Schatten eines verwachsenen Baumes. Sonst war der Hof leer. Sah die Hand des Jungen, der sie hoch über seinen Kopf hob, bevor er ausholte und das Gesicht der Frau nach hinten flog. Ich glaube noch immer das Klatschen seiner Hand auf ihrer Wange höre zu können. Aber vielleicht irre ich mich. Wer kann sich schon auf seine Erinnerung verlassen? Die roten Streifen auf ihrer Wange aber meine ich wirklich gesehen zu haben und noch heute bin ich mir sicher, das der Ton welcher der Ohrfeige folgte, genau derselbe ist wie jener der von der letzten Taste eines jeden Klaviers ausgeht und der ein längeres Echo hat als alle anderen Töne. Dann drehte sich der Junge um und ging. Die Frau hielt sich die Wange, dann ging auch sie. Ich starrte noch lange auf den Hof, der wieder heiß und staubig im Sonnenlicht lag. Auf dem verrosteten Bett sonnten sich die Katzen. Damals hinter den Fenstern wusste ich nicht, dass dort unten im Hof ein Sohn seine Mutter ohrfeigte. Eins aber hatte ich verstanden, dort unten auf dem Hof war etwas geschehen war, das sich nicht wiedergutmachen ließ. Dann drehte ich mich um.

Die Frau aber unten im Hof, die im zweiten Stock wohnte, brachte mir meine ersten arabischen Wörter bei. Eines der ersten war حرب ( harb) Krieg. Damals nämlich als wir nach A. zogen war der Krieg schon lange angekommen, hatte sich durch Häuserwände geschossen, hatte Söhne, Väter, Schwager, Onkel erst zu Feinden, dann zu Gegnern, dann zu Volksfeinden oder zu Islamisten gemacht und schließlich erst die einen, dann die anderen so oder so oder auch ganz anders getötet. Krieg also lernte ich und sprach der Frau (harb) nach. Ihre Wange (وجنة ) wadzna war nicht mehr rot. Dafür war der Kopf des Mannes der mit dem Gesicht auf das Lenkrad fiel أحمر, (ahmar) rot. Wieder stand ich am Fenster, diesmal aber am Fenster das auf die Straße zeigte. Bestimmt standen alle Nachbarn der langen Straße am Fenster und sahen hinunter auf das Auto. Die zersplitterte Windschutzscheibe, ein großes, gläsernes Spinnennetz und dann der Kopf auf dem Lenker. Blutfäden rannen dem Mann aus dem Mund und wir sahen zu. Damals wusste ich schon, das der Krieg tote Männer meint, aber ich lernte erst am Fenster, das der Krieg vor allem Stille meint. Denn nirgendwo wurde so laut geschwiegen wie im Land A. Das Schweigen der Mütter war lauter als nächtliche Klopfen an der Tür. Hartnäckig schwiegen die Mütter. Am Endes des Tages zählten die Mütter die Kinder, denn am Abend konnte sich niemand sicher sein, dass noch die gleiche Anzahl von Kindern in den سرير ( sa’rir ) Betten lag wie am Morgen. Die Mütter hinter den Fenstern schwiegen. Niemand ging auf die Straße hinunter, kein Krankenwagen kam, kein Polizeiauto bog um die Ecke. Die wenigen Passanten auf der Straße liefen an dem Auto und dem Mann tief über das Lenkrad  gebeugt vorbei. Bis sich die Dämmerung über die Stadt, das Viertel und die Straße legte, schwiegen die Mütter. Dann im Dunkeln zogen sie denn Mann, der ja auch einer Mutter Sohn war aus dem Auto heraus. Da stand ich schon nicht mehr am Fenster, sondern saß längst schon wieder am Klavier. Mag sein, dass ich die letzte Taste des Klaviers einmal angeschlagen hatte, aber ich weiß es nicht mehr. Immer aber wenn ich glaube, dass ich das Gesicht des Mannes und die Bluttropfen in seinen Mundwinkeln vergessen habe ( Kann ich das wirklich gesehen haben?),erinnere ich mich wieder an ihn. Damals als Krieg war schwiegen die Mütter, das weiß ich ganz genau.

Ein einziges Mal, im Land A. nämlich war ich Mitglied eines Clubs. Wir nannten uns „Le club aux bonnes moeurs”. Das schien uns clever und ironisch. Den Namen borgten wir uns von Voltaires “Essai sur les moeurs.” Der Club und das schien uns der große Clou hatte nichts mit Sitte und Moral zu tun, sondern erlaubt war nur, was sonst verboten war. Voltaire, den wir lasen und natürlich nicht verstanden, schien uns hatte uns nicht vergessen, wir hier im Land A., vergessen von allen. Auf den Straßen konnte man damals nicht unbehelligt gehen, aber über die Dachterrassen immer mal wieder zwar in einem Betttuch gefangen aber sonst im Dämmerlicht unbehelligt wanderten wir von Haus zu Haus und trafen uns auf dem Dach vom S. dessen Haus uneinsehbar an eine Mauer grenzte. Wir waren ein Club verzweifelter Liebhaber, natürlich verliebten wir uns wechselseitig ineinander, trennten uns unter infernalischem Getöse und küssten uns vorsichtig. So viel wussten selbst wir. Aber auch wenn ich dem S. verfiel und der S. der D. und die D. der E. und der Y. wiederum die L. eng umschlungen hielt, vor allem aber liebten wir die Ideen Europas.Wir, die verzweifelt Liebenden aber lasen uns vor. Auf Französisch wohlgemerkt. Denn wir die Clubmitglieder hatten feierlich und mit starkem und zuckersüßen Tee auf Europa geschworen.

Wir lasen die Odyssee. Unser Herz schlug für Odysseus, der heimatlos geworden und fern von Ithaka durch die Welt irrte, waren das nicht auch wir, waren nicht auch wir Treibholz und vor allem heimatlos? Wir sahen in Penelope die schweigend das Leichentuch webte doch auch die stummen Mütter mit denen wir zu leben hatten. Wir lasen „La Montagne Magique“ und natürlich zerstritten wir uns sofort über Kunst und Krankheit. Die anderen pochten auf Settembrinis Aufklärung und ich verteidigte Naphta, nicht weil ich ihn mochte, sondern weil die anderen ihn nicht mochten und wir alle schwärmten natürlich  für Clawdia Chauchat und nachdem wir das Buch zuklappten, konnte niemand von uns schlafen. Wir lasen, nein wir tranken Bücher. Sartre und Camus, ich schrieb hektisch an meine Großmutter, die alles gab und Bücher über Bücher schickte. Nie waren es genug. In den Mauerritzen der Steine versteckten wir unser „J’accuse“, wir glaubten die Mauern wankten, als wir es vielfach gefaltet unter die Steine schoben. Was wollten wir denn? Wir wollten uns ungestört küssen, wir hatten keine Lust auf Vaterland, wir wollten das dieser Krieg uns endlich in Frieden ließe, wir wollten an nichts glauben müssen, wir wollten eine Ende der Phrasen, wir wollten richtige Zeitungen und richtige Universitäten, wir wollten auch im Hellen tanzen, wir wollten die Freiheit und wollten sie ganz. Wir verabscheuten Moralapostel und Glaubenswächter. Wir machten uns betrunken an „unveräußerlichen Rechten“. Ich sage wir, auch wenn ich die Fremde war, aber ich war doch schließlich auch vollständiges Mitglied des Clubs „Aux bonnes moeurs” mit allen Rechten und Pflichten. Gemeinsam ertranken wir doch in ihren Zeilen chez moi j’ai un piano bleu/ mais je ne sais aucune note/il se tient dans le noir de la porte de la cave,/depuis le jour où le monde est devenu brutal/les étoiles jouaient jadis à quatre mains/ la femme lune chantait dans le bateau /maintenant des rats dansent dans sa gorge. Else Lasker Schülermon piano bleu.

Das waren doch unsere Geschichten, das waren doch wir und auch unsere Lippen, die sich aneinander verbrannten, nur um immer weiterzulesen, näher so glaubten wir näher und näher kämen wir an Europa heran. Der S. den ich doch liebte, dachte an einer Sozialgeschichte des Landes A. herum und hatte Reformen im Kopf, die Hardenberg blass aussehen ließen. Der D. übersetzte Else Lasker-Schüler ins Arabische, die L. bekniete mich Rosa Luxemburgs Briefe aus dem Gefängnis für sie zu übertragen. Der Y. aber kehrte immer wieder zu Voltaire zurück und konnte nicht aufhören sich an Candide zu erfreuen und ich sehe ihn noch immer noch heute, wie er keine Luft bekam vor dem schnellen Witz, dem tiefen Sarkasmus und den absurden Überdrehtheiten auf dem Boden lag und sich schüttelte vor Begeisterung. Die E. las Simone de Beauvoir und seufzte tief. Dort oben auf dem Dach, da bin ich mir noch heute sicher, dort oben war Europa. Europa war eine Landkarte aus Büchern, Europa war unsere Insel. Von den Mitgliedern des Club „Aux bonnes moeurs“ haben die E. und ich als das einzige seiner Mitglieder Europa, unser Ithaka erreicht. Denn unten auf der Straße war immer noch Krieg, unten auf der Straße schwiegen noch immer die Mütter und sie schweigen bis heute. Von den Mitgliedern des Club „Aux bonnes moeurs“ sind nur noch die E. und ich am Leben.

Die E. und ich sind nie wieder zurückgekehrt ins Land A. nachdem ich früher und sie später das Land verließ. Noch immer lesen wir uns vor, wann immer wir uns sehen, denn die Mitgliedschaft im Club „Aux bonnes moeurs” erlischt hat man sie einmal abgeschlossen nie. Manchmal schütteln die E. und ich dann den Kopf, über uns und über die europäische Liebe, von der wir nicht ahnten, das sie niemals erwidert würde, aber oft und immer öfter auch darüber, dass man in Europa alles verteidigt, die Positionen der religiösen Rechthaber, die wir so gut kennen, nicht weil wir wollten, sondern weil wir mussten. Wir staunen manchmal über die offene Verachtung all jener Werte nach denen wir eine so unendlich große Sehnsucht hatten, denn noch immer beginnt diese Geschichte unten im Hof, die fliegende Hand des Sohnes, die rote Wange der Mutter,die Stille danach. Schon damals, elfeinhalb Jahre alt, hatte ich verstanden, dass dort etwas geschehen war, das sich nicht wiedergutmachen ließ.

Der 9.November

Der 9. November, noch immer nach so vielen Jahren, die doch längst schon Jahrzehnte sind, beginnt wie in jedem Jahr in meiner Magengrube. Schlecht ist mir, aber nicht als hätte ich etwas Schlechtes gegessen, sondern die Beklemmung liegt mir in Haut und Haaren und auch im Magen. Meine Großmutter stoppte an jedem 9.November die Uhr. Alle Uhren des Hauses, der Nachttischwecker wie die große Standuhr im Wohnzimmer und auch die zierliche Armbanduhr standen still. Still waren auch meine Großeltern, so als erlaubte einzig die Stille das Fortkommen von jenem Tag, an dem die Geschichte der Deutschen und der Juden uneinholbar und unwiederbringlich zerbrach. Meine Uhr tickt. Aber das Echo dieses Tages ist lauter als die Armbanduhr, das Telefon, die Nachrichtenlage, der Zug und die Straßen. Ich sehe meine Großmutter am Fenster, einen ganzen langen Tag lang, sah sie hinunter auf die Straße. Das Kopfsteinpflaster des Kirchplatzes, die Straße der kleinen, deutschen Mittelstadt in der sie lebte, es war nicht mehr ihre Heimatstadt. Ich lese die Zeitung, ich beantworte Emails, ich zucke mit den Schultern, die amerikanische Kollegin weint. Ich denke an meinen Großvater, stumm und hager auf dem Sessel, so weit es ging vom Fenster entfernt. „Nur einen Steinwurf entfernt“, sagt man auf Deutsch, will man ausdrücken etwas sei ganz in der Nähe. Wie viel Zeit vergeht zwischen einem geworfenen Stein und der zersplitterten Scheibe? Seitdem sei so viel Zeit vergangen sagen die Vielen und ich wundere mich, was das eigentlich heißt. Reicht es denn, dass Zeit vergeht, der Glaser kommt und ist es genug, dass sie sich nicht mehr erinnern müssen, sondern nur noch wir? Ist Zeit eine gültige Antwort auf die Stille? Dann wird sich doch erinnert, aber lieber nicht zu deutlich. Schlimme Zeiten seien es gewesen und dazu lässt sich immer verständig nicken. Meine Großeltern nickten nie. „Eine Brandwunde“ sagte mein Großvater zu der Nummer auf seinem Arm, die unter gestärkten, weißen Hemden verschwand. Für sie, die sie vergessen wollen, nicht für ihn, der sich erinnern musste. Ein geschichtsträchtiges Datum wird dann gern gesagt über diesen 9.November, der dann gern Anlass wird zu Ausrufezeichen und Warnschildern. Zuletzt ein Hinweis in Richtung USA: Die Deutschen hätten es einmal probiert, aber doch verstanden. Nun versteht auch ihr. Ist das nicht auch eine Flucht vor der Erinnerung, die gemessen in Porzellanservices, Bilderrahmen, Silberbesteck, Daunenbetten, allgefälliger Gewalt und dem Ende der Juden Europas seltsam verzogen erscheint, so als sei wieder einmal genug Zeit vergangen um letzte Lehren zu ziehen. Ich weiß nicht, ob die Erinnerung überhaupt schon begonnen hat. Da niemand etwas gesehen, keiner etwas genommen und niemand etwas angesteckt haben will, sondern es eine schlimme Nacht war, blieb meine Großmutter am Fenster stehen. Ich sehe auf das Bild vor mir auf dem Tisch, das Bild zeigt auch eine Straße. Die Straße auf dem Bild hat das gleiche Kopfsteinpflaster wie der Kirchplatz auf den meine Großmutter starrte. Das Pflaster ist feucht und das Bild ist schwarz-weiß. Das Bild ist eine Fotografie. In der Mitte des Bildes kniet ein Mann. Der Mann trägt einen Dreireiher. Jackett, Weste, Taschenuhr, Einstecktuch, Manschettenknöpfe, Lederschuhe. Der Mann trug einen Hut. Der liegt zerknautscht auf dem feuchten Pflaster. Der Mann auf dem Bild trägt einen Siegelring und einen Ehering. Der Mann kniet auf dem Pflaster. Der Mann hält eine Zahnbürste und der Mann putzt die Straße. Vor dem Mann und um den Mann herum steht eine johlende Gruppe von Männern und Frauen. Hinter dem Mann eine Häuserzeile. Hinter einem der Fenster steht meine Großmutter und sieht ihren Vater auf der Straße knien. Der Mann der zurückkehrt am Abend hat keinen Siegelring, keinen Ehering, keine Taschenuhr mehr, der Anzug hängt in Fetzen an ihm herunter. Ich sehe auf das Bild. „Steh doch auf“ will ich ihm sagen, diesem Mann der mein Urgroßvater ist und das Bild des Mannes der auf der Straße kniet in seiner Hand eine Zahnbürste, was ist das eigentlich? Ein Familienbild? Der Mann auf dem Bild steht nicht auf. Der Mann bewegt sich nicht mehr. „Steh doch auf.“ Der Mann der am Abend zurückkehrt zu seiner Familie wird sich noch immer nicht abbringen lassen von seiner Heimatliebe, von seiner Überzeugung doch Nachbarn und Freunde zu haben und wusch sich die Hände. Seine Kinder zog er fort vom Fenster. Meine Großmutter stand bewegungslos am Fenster an diesem und an allen folgenden Novembertagen, auf der Straße gingen indes Menschen über den Kirchplatz lachend und scherzend, vielleicht auch schweigend und stumm. Vor mir auf dem Tisch die Fotografie. Der Mann auf der Straße. Die glänzenden Steine des Pflasters, in Dublin scheint die Sonne, in Deutschland putzen Menschen Stolpersteine, die einmal mehr den Mann auf dem Bild in die Knie zwingen. Ich sehe meinen Großvater im Winkel des Zimmers und sehe meine Großmutter unbeweglich am Fenster stehen. Meine Versuche sie wegzuziehen, scheiterten immer: an jedem 9.November wartete sie wohl jemand käme und endlich, endlich stünde ihr Vater auf, setzte den Hut auf, klopfte sich den Anzug ab und endlich hörte der 9.November auf zu sein, endlich kehrte die Zeit zurück, gingen die Uhren wieder richtig, führte die Erinnerung nicht durch Scherben und Splitter hinweg, drängte sich nicht durch die lachende Menge der Menschen hin zu dem Mann auf den Knien, der dort nicht knien würde, sondern wie an jedem Abend Nachbarn und Freunde grüßte, bevor er zurück nach Hause käme, vorsichtigen Schrittes, aber nicht wegen des grölenden Mobs, sondern allein der Glätte des Kopfsteinpflasters geschuldet, so typisch für späte Nachmittage im November in Deutschland, damals als anders als heute in den Städten noch Juden lebten, etwas also woran man sich kaum noch erinnern kann. Es bleibt das stumme Bild meiner Großmutter vor dem Fenster, noch immer kniet der Mann unbeweglich auf dem Pflaster und die kalte Hand in meiner Magengrube reicht nicht aus um ihn endlich zum Aufstehen zu bewegen.

Shostakovich im Seminar

Lisaweta Issajewa, so jedenfalls hieß sie, als ich sie kennen lernte, wenn andere Menschen sie auch anders nannten, lebte im Oberstock des Hauses, in dem auch Alexej Tuchinski mit seiner Mutter lebte. Dort in Jerusalem lebte auch ich, für eine Weile jedenfalls. Im Erdgeschoss wohnte der Anarchist und Geigenbauer, den alle, nicht nur die Bewohner des Hauses, sondern alle die ihn kannten nur Onkel Buma riefen. Lisaweta Issajewa ging so weit ihn Bumale zu nennen. Gemocht hat er diesen Namen nie, aber wie er eigentlich hieß, hat er uns nie verraten. Im zwanzigsten Jahrhundert sind ja ganz andere Dinge abhanden gekommen, als bloß ein Name. Mich riefen damals schon alle das Fräulein Read On, wohl weil meine Nase immer in einem Buch steckte und wohl auch weil sich in meiner Wohnung überall die Bücher stapelten. Selbst auf dem Klavier lagen Bücher. Das brachte mir von Lisaweta Issajewa einen scharfen Verweis ein. Tss, tsss, zischte sie keckernd und schüttelte den Kopf. Damals besuchte mich die alte Dame jeden Nachmittag. Denn in der Wohnung in der sich außer Bücherstapeln, einem etwas staubigen Gummibaum und dem Klavier nicht viel von Bedeutung befand, unternahm ich den letzten und erfolglosen Versuch doch Pianistin zu werden. Gewusst habe ich es von Anfang an, dass dies nichts mehr werden würde und auch wenn ich mir die Apparaturen, in die Robert Schumann seinen kleinen Finger spannte, sehr genau besehen hatte, wusste ich es würde nichts helfen, gegen die einmal zu heftig zerbrochene linke Hand, die das Versäumte nie wieder aufholen konnte. Noch einmal aber betrog ich mich selbst, besseren Wissens und spielte, ach quälte mich durch die Klavierliteratur. Das ganze Haus kam zusammen und hörte mir zu. Alexej Tuchinski brachte seinen Korbstuhl mit und schloss die Augen bei Chopin. Seine Mutter hörte die Musik durch die geöffneten Balkontüren, Onkel Buma stand im Türrahmen, die Hände tief in den Hosentaschen vergraben. Die beiden ältlichen Fräuleins aus Litauen saßen mit durchgestrecktem Rücken auf zwei Hockern und sahen mit scharfen Augen auf meine Hände. In der Mitte des Raumes aber saß, nein, thronte Lisaweta Issajewa, die geschwollenen Füße hielt sie einen Zuber mit kalten Wasser getaucht. Sie fand das tat ihren Füßen wohl. Lisaweta Issajewa hatte ein dünnes Bein, nicht dicker als ein Kinderarm, weiß wie Schnee und doch übersät mit dunklen Löchern, wie sie auch meine Großmutter auf den Beinen trug. Hungerlöcher, die sich als schwarze Stellen tief in Haut und Knochen eingegraben hatten. Meine Hände kannten als ich ein Kind war keine Gnade und immer wieder fuhr ich an den Beinen meiner Großmutter entlang. Sie hielt still. Das dünne Bein von Lisaweta Issajewa aber habe ich niemals anders berührt als mit einem Handtuch, denn wenn die Klavierstunde beendet war, trocknete ich ihr die Beine, half ihr in die Pantoffeln und Onkel Buma geleitete sie zurück in ihre Wohnung. Ihr anderes Bein indes war auf seine dreifache Größe angeschwollen, von blauen und schwarzen Äderchen überzogen, und wassergefüllte Ödeme zogen sich von den Knöcheln bis zu den Oberschenkeln hinauf. Lisaweta Issajewa seufzte dann und wann und als ich sie zum ersten Mal traf, zeigte sie auf ihre Beine. „Ein Bein holten sich die Deutschen, das andere die Russen, Fräulein Read On.“ Wer wie Lisaweta Issajewa in Charkow zu Beginn des 20. Jahrhunderts geboren wurde, der musste zu sehen, mit dem Leben davonzukommen. Sie entkam, nur ihre Beine konnten nicht mithalten mit dem Schrecken, dem einen nicht und dem anderen erst Recht nicht.

Ich indes holperte noch einmal als käme es noch immer darauf an durch Beethoven’s Klaviersonaten, verfluchte die lahme Linke über Schubert’s teuflisch vertrackte Impromptus und humpelte durch Bachs Klavierschule, die man gemeinhin das Wohltemperierte Klavier nennt und verzweifelte schier am Klavierauszug des 2. Klavierkonzerts von Camille Saint-Saëns. Die Zuhörer aber hielten aus . Stumm und oft mit geschlossenen Augen saßen oder standen sie um das Klavier herum gruppiert. Unbeeindruckt von meinem Gestümper, fielen sie mitten hinein in die Musik. Eines Tages aber der Sommer war schon weit fortgeschritten, schlug ich ein neues Notenblatt auf. Shostakovich, denn schon mein Großvater, der bevor alles anders wurde, Pianist gewesen war, schloss die Augen über dem Klavier, als könne man die Schönheit und den Grandeur des russischen Komponisten nur mit Demut überhaupt ertragen. Ich biss die Zähne zusammen und wollte die vermaledeite Linke so gern überzeugen mich doch nicht im Stich zu lassen, aber sie tat es doch. Aber als ich mehr bemüht als gekonnt die Noten anschlug, die wie mein Großvater sagte bei Shostakovich stets zunächst einmal in die Tiefe führen. Damit meinte er nicht die Tonleiter, sondern sofort hinein in das Unmittelbare der Musik selbst. Niemals ob man Shostakovich nun hört oder spielt kann man sich ausruhen in seinen Noten. Damals aber im stillen Zimmer, wandte sich Onkel Buma ab, noch bevor ich mit dem ersten Satz zu Ende war. „Verräter“ zischte er und verließ türenschlagend die Wohnung. Wenig später folgte ihm Alexej Tuchinski, der doch für seine ruhige und besonnene Art bekannt war und der jedes noch so schwierige Argument in fünfzehn Sprachen zu elaborieren wusste. An jenem Nachmittag aber als die schleppende linke Hand und ich durch die Noten wanderten und Shostakovich vom Keller über das Parterre bis hinauf zu den Tauben im Dachgeschoss stieg, da stritten sich Onkel Buma und Alexej, dass man es noch im Laden am Ecke hören konnte. Stritten sich über Shostakovich der für Stalin komponierte. „Diese verdammte Fünfte!“, schrie Onkel Buma. Alexej Tuchinski schrie zurück. „Ob er ,Buma, nicht fände, dass die drei Schwestern des Komponisten, die im Gulag zu Grunde gingen, noch immer nicht genug seien?“ Sie stritten dann weiter und lange über die Frage, ob die russischen Juden, die Schiller liebten oder die deutschen Juden, die Goethe liebten dümmer gewesen sein, zankten sich über die Frage der sozialistischen Internationale, und immer schlossen sich dem großen Streitgespräch an, selbst die so sonst so stummen Schwestern aus Litauen und alle möglichen und unmöglichen Nachbarn bekämpften das eine Argument so vehement wie die anderen es verteidigten. Noch einmal zog das blutige Grauen des 20. Jahrhunderts unten in der Straße vorbei. Noch einmal, tat man so als seinen die apokalyptischen Reiter dadurch abzuwenden gewesen, hätte Tschechow nur mehr die Sache der kleinen Leute zu seiner gemacht und Shostakovich die fünfte Symphonie niemals geschrieben. Oben im Zimmer spielte noch immer ich und neben mir saß Lisaweta Issajewa und weinte.

Anderntags Onkel Buma und Alexej Tuchinski schwiegen sich hartnäckig an, räumte ich die Noten zusammen, zerriss den Zettel zur Anmeldung für die Aufnahmeprüfung, entsorgte den Gummibaum und ließ die lahme Linke endlich in Ruh’. Bald schon zog ich fort und nur aus der Ferne höre ich manchmal etwas von Alexej Tuchinski, der noch immer dort wohnt, wo einmal spielte. Seltener noch spiele ich Klavier und in den letzten Jahren habe ich weniger und weniger Musik gehört und fast niemals Shostakovich. So viele Jahre später aber stehe ich in Dublin in einem engen Seminarraum und vor mir sitzen Studenten, denen ich nichts von Lisaweta Issajewa oder Onkel Buma oder gar Alexej Tuchinski erzähle, wenn auch der Terror im Russland der 1930er Jahre auf dem Lehrplan steht und ich mich doch sonst aus guten Gründen von 20. Jahrhundert fernzuhalten suche. So aber schreibe ich den Namen Dimitri Shostakovich an die Tafel und die Studenten schreiben den Namen, der ihnen nichts sagt ab. Shostakovich sage ich, schrieb die schönsten Klavierkonzerte, das weiß ich weil ich einmal Pianistin werden wollte und es nicht dafür reichte. Das gefällt den Studenten, sie mögen Niederlagen, besonders meine. Dann erzähle ich ihnen von der 5. Symphonie, die der Komponist mit der Kinderbrille und dem jungenhaften Blick, zwischen April und Juli 1937 schrieb und nicht wusste ob er am Ende für die Musik nicht mit dem Leben bezahlt. Zweimal spiele ich die letzten drei Minuten des 4. Satzes , dieses ungeheure Ende dieser unerhörten Symphonie. Für einen langen und kurzen Moment laufen also Lisaweta Issejawa, Onkel Buma, Alexej Tuchinski und all die anderen, die Lebenden und die Toten durch das Seminar und legen ihre Hände auf die Schultern der Studenten, die aufschreiben sollen, was sie dort hören und die in der kommenden Stunde, wie damals auf der Straße und im Haus versuchen das 20. Jahrhundert in Wort zu fassen und mit der lahmen Linken fasse ich zusammen was sie sagen und spiele ganz zum Schluss noch einmal die letzten Minuten und sehe, dass die Studenten verstehen, was es heißt spielt, komponiert und schreibt man um Leben und Tod.

Herbstanfang

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Der Herbst begann immer dann, wenn meine Großmutter die schwere Holzleiter vom Boden holte und in den Garten trug. In den Wochen zuvor war meine Großmutter dann und wann schon an die Quittenbäume herangetreten und fuhr mit prüfenden Händen über die glatte und samtene Schale der Früchte. Aber wenn ich sie fragend ansah, schüttelte sie den Kopf: „Geduld mein Kind“, sagte sie und ging mit mir zu den Himbeeren hinüber, die überreif und voll an den Sträuchern hingen. Aber dann eines Tages war es soweit, die Leiter lehnte am Baum und meine Großmutter stieg hinauf und pflückte Quitten. Die Quitten legte sie vorsichtig in große Körbe und mein Großvater trug die schweren Stiegen die Treppe hinauf. Später würde mein Großvater Quitten zerteilen und die harten Kerngehäuse vorsichtig auslösen, meine Großmutter würde Zucker und Zitronensaft abwiegen, Gläser spülen und mit einem riesigen Holzlöffel in einem noch größeren Topf rühren, um erst Quittengelee und dann Quittenkompott zu machen. Mich grausten die Weckgläser in denen die gelblichen Quittenstücke neben Anis und Nelken, Zimtstangen und Kardamom schwammen und stieg ich auf den Tritt in der Speisekammer um hinter dem Rumtopf ein Stück Nussschokolade zu erhaschen, war mir als sähen mich gelbliche Schrumpfköpfe höhnisch an. Fast war mir als flüsterten sie: „Schokoladendieb.“ Aber ich mochte Nussschokolade so furchtbar gern. Waren alle Weckgläser gefüllt, machte meine Großmutter, Quittenbrot, welches genau bis Chanukka in der Speisekammer kühlte, um dann auf einem großen Porzellanteller auf dem Tisch zu stehen. Gemocht habe ich die klebrigen Rauten, die einem schier die Zähne zogen nie. Aber gegessen habe ich sie doch, immer im Wechsel mit einem großen Stück Nussschokolade, denn ich habe meine Großmutter sehr geliebt und blinzelte ihr verschwörerisch zu, wenn alle außer uns beiden, das Quittenbrot verschmähten. Die ersten Quitten aber und meine Großmutter war wählerisch in solchen Fragen, es mussten also nicht nur die ersten, sondern immer die schönsten sein, die wählte sie aus. Lange hielt, sie die Quitten in den Händen, strich mit dem Daumen beinahe zärtlich über das samtige Vlies und legte die Quitten erst dann in eine Porzellanschüssel, die auf der wuchtigen Anrichte stand. Oft habe ich meine Großmutter verstohlen beobachtet, wie sie im späten Sonnenlicht, ihre Wange fast bis an die Quitten schmiegte, sie der doch alle Sentimentalität fremd war, verschwand für eine Minute oder vielleicht nicht einmal das, in dem zarten süßen und doch so herben Duft der Quitten. Dann nahm sie mehrere Quitten in die Hände und legte sie in den Kleiderschrank, bevor sie eine weitere Schüssel mit Quitten auf die Fensterbank des Schlafzimmers stellte, um schließlich zwei Quitten in die Kommode mit Handtaschen und allerlei anderen Lederwaren zu legen. Besuch, der kam konnte mit den harten, pelzigen und fremdartig duftenden Früchten nichts anfangen. Viele fragten meine Großmutter nach dem Namen der seltsamen Früchte und schüttelten den Kopf bot meine Großmutter ihnen Quittengelee oder ein Glas Quittensaft zum Frühstück an. Zu sonderlich und zu exotisch muteten die Früchte wohl an, die weder Birnen noch Äpfel sind, sondern ein ganz eigenes Ganzes.

Viele Jahre später, stand ich mit meiner Großmutter im Garten des Hauses, der einmal ihr Elternhaus war und in dem ihr Vater zur Geburt jeder seiner Töchter einen Obstbaum pflanzte. Für meine Großmutter hatte er einen Quittenbaum aus Österreich seiner alten Heimat kommen lassen, aber nie haben er oder eine seiner Töchter davon geerntet oder im Schatten der Obstbäume geschlafen. Meine Großmutter blieb als einzige der Töchter am Leben. Der Garten war fast zu betoniert, der Quittenbaum längst gefällt, nur ein Kirschbaum stand noch am äußersten Rand des Gartens, sonst war alles wie auch die Juden des kleinen Ortes schon lange verschwunden. In diesem Jahr aber hörte meine Großmutter auf, Quittengelee, Quittenbrot und Quittenkompott zu machen und sie legte auch keine Quitten mehr zwischen ihre Kleider. Aber lag ich in ihren Armen war mir, als duftete sie noch immer süß und herb und ganz besonders eigen, als läge der Duft der Quitten noch immer in ihr, längst Teil von ihr und nicht zu trennen von ihrer Haut.

Heute aber, noch einmal und wieder ist Zeit vergangen, hole ich die schwere, hölzerne Leiter aus dem Keller, fuhr mit den Fingern schon etliche Male über die Quitten und hörte sie sagen: „Geduld mein Kind.“ Heute aber stieg ich hinein in die Bäume und pflückte zwei große Körbe voll. Ich kochte Quittengelee und Quittensaft, aß nebenher eine Tafel Nussschokolade und machte zwei Bleche Quittenbrot, das jetzt Zeit zu kühlen bis Chanukka. Erst dann nahm ich die schönsten und beiseite gelegten Quitten in die Hand und fuhr mit den Fingerspitzen über den pelzigen Flaum der Früchte. Eine Schale voll Quitten steht auf dem Wohnzimmertisch, drei Quitten liegen im Kleiderschrank, zwei bei den Lederwaren und ich liege auf dem Sofa neben mir mehr Nussschokolade und vor mir das Bild meiner Großmutter, neben dem die schönste der Quitten liegt. Schließe ich die Augen liege ich noch einmal in ihren Armen und höre sie noch einmal beginnen: „Damals mein Kind, als ich noch ein Kind war, begann der Herbst immer dann wenn mein Vater, die schwere Holzleiter in den Garten trug.“