In einer Reihe.

Heute Mittag, so gegen 12 Uhr, da saß ich im Flugzeug von Dublin nach Frankfurt. Ich sitze immer auf Platz 26 A. Es ist schon merkwürdig, dass ich die ich doch mehrere Pässe und keine Heimat besitze, auf einer Platznummer beharre, und immer wenn ich nicht auf dem Platz 26 A sitze, werde ich unruhig und mehr als einmal habe ich den Platzhalter auf 26 A dann schon gefragt, ob er nicht mit mir tauschen wolle. Aber heute, saß ich auf meinem Platz und hinter mir saß eine Familie. Ihr Arabisch ist mein Arabisch und so hörte ich, wie die Familie leise flüsternd ihren Heimaturlaub in Tunis plante. Dann aber kamen drei weitere Reisende und beanspruchten die Reihe 27 und eine Stewardess besah die Flugkarten der Familie und stellte fest, dass diese zwar tatsächlich in Reihe 27 sitzen würden, aber nicht auf dem Flug von Dublin nach Frankfurt, sondern auf der Weiterreise von Frankfurt nach Tunis. Der Mann der Familie sagte: Verzeihen Sie vielmals, wir wollen gleich aufstehen, sorry, so sorry. I am so sorry, wiederholte er wieder und wieder, deutete eine Verbeugung in Richtung der Stewardess an und wieder sagte er : We are so sorry, so very sorry.“

Dann gingen der Mann, seine Frau und ihre kleine Tochter nach vorn, ihre neuen Sitzplätze zu suchen und ich hörte ihnen zu, sah die Stewardess an, die ungeduldig über die Verwechslung, die langen Entschuldigungen und die nachdrängenden Passagiere, die Augen verdrehte und auch als ich den Mann und seine Familie schon nicht mehr sehen und auch nicht mehr hören konnte, da erinnerte ich mich, denn der Mann und seine Familie, das waren ja wir. Das waren meine Großmutter und ich. Als ich ein kleines Mädchen war und in den langen Sommerferien zu meiner Großmutter nach Deutschland kam, da fuhren auch wir zusammen in die Sommerfrische. Nicht mit dem Flugzeug, sondern mit dem Zug. Wir fuhren nach Norden und verbrachten vier Wochen auf Borkum oder tief in den Süden und wanderten durch Oberbayern, aber immer begannen unsere Reisen mit einer Zugfahrt. Immer warnte mich meine Großmutter, denn mein Deutsch war damals noch viel Schlechter als heute, dass ich im Zug doch so wenig wie möglich sprechen sollte. Auf keine Fall gälte es laute Fragen zu stellen, oder durch das Abteil zu krähen, am Besten sei es ich flüsterte ihr, wenn ich etwas wollte, leise in ihr Ohr. Besser noch aber sei es, während der Fahrt zu schweigen. So saßen wir nebeneinander im Zugabteil. Die schweigende Frau und das verstummte Kind. Meine Großmutter nahm meine Hand in ihre und so fuhren wir mit fest ineinander verschränkten Händen durch Deutschland. Meine Großmutter sprach das schönste Deutsch, das ich jemals hörte. Ihr Deutsch war makellos, sie verschluckte keine Silben, sie verachtete Redensarten und vieles verzieh sie aber niemals vergab sie Schlampereien mit der deutschen Sprache. Meine Großmutter sprach nicht einfach Deutsch, meine Großmutter liebte Deutsch, liebte jedes einzelne Wort, trug Gedichte, Romane und Novellen unter ihrer Zunge, und niemals gab sie meinen Fehlern nach. Noch mehr aber war sie die großzügigste Liebhaberin der deutschen Sprache, sie hielt kein Wort vor mir zurück, auch die Wörte, die ihr die teuersten waren, legte sie mir in die Arme, bis ich sie nicht mehr vergaß. Aber im Zug, auf jenen Reisen da sprach meine Großmutter ein künstliches Deutsch, das Deutsch des Mannes im Flugzeug. „Entschuldigen Sie bitte vielmals.“ Ich bitte um Verzeihung für die Verzögerung.“ Bitte entschuldigen Sie doch. Stumm reichte sie dem Schaffner die Fahrkarte an, ängstlich darauf bedacht diese nicht zu knicken, den Ausweis vorsichtshalber gleich mit bereit zuhalten und die Reservierungsnummer überprüfte meine Großmutter mindestens dreimal, bevor wir uns wirklich setzten. Einmal da hatten auch wir übersehen, dass die Wagenreihung geändert worden war und wir auf den falschen Plätzen saßen, da bekam meine Großmutter rote Flecken auf den Wangen und entschuldigte sich wieder und wieder für den begangenen Frevel nun einmal auf dem falschen Platz gelandet zu sein. Die roten Flecken wichen auf dieser Reise nicht mehr von ihrem Gesicht. Sprach einer der Reisenden aber meine Großmutter an und bat um ein zu öffnendes Fenster, eine Auskunft über die nächste Haltestelle oder um Aufsicht über das Gepäck, um auf die Toilette zu gehen, so antwortete meine Großmutter:“ aber selbstverfreilich“, gewiss doch, gehen Sie unbesorgt, gern haben wir ein Auge auf ihr Gepäck. Es fehlte nur noch, dass sie sich noch einmal entschuldigt hätte, die Gepäckbeaufsichtigung nicht schon vorauseilend angeboten zu haben. Auch wir hatten in unseren Rucksäcken und Taschen glänzende Äpfel und Käsebrote, Bad Lauchstädter Wasser und eine Thermoskanne voll Tee mit Zitrone. Aber gegessen oder getrunken haben wir niemals auf unseren Reisen, wie wir auch niemals sprachen. Denn in der Stimme meiner Großmutter lag das gleiche Bemühen des Mannes aus Tunis, bloß keinen Fehler zu machen, nur nicht die Deutschen und ihre Launen auf die Probe zu stellen, unter gar keinen Umständen aufzufallen, ein Aufsehen zu erregen und das Unbehagen des Schaffners oder der Mitreisenden zu erregen. „Kind, sagte meine Großmutter, es gilt das Stillschweigen zu bewahren, denn man weiß nie.“

Ich sah sie an und meine Hand lag in ihrer, und meine Großmutter sah aus dem Fenster und vor ihr zog Deutschland vorbei am Fenster und so wie ich ihre Hand umfasste, umklammerte sie meine , so fest, dass die Abdrücke ihrer Finger noch Tage später auf meiner Haut zu sehen waren, „man weiß nie, mein Kind“ sagte meine Großmutter, dann schloss sie sich für lange Stunden im Schlafzimmer ein und ich lag vor der Tür, und wollte sie zurück in meine Arme ziehen. „Man weiß nie mein Kind!, sagte meine Großmutter und schlug auf den Tisch als ich das ch, nicht vom sch unterscheiden konnte, die Tassen wackelten und ich übte mit verknoteter Zunge. Meine Großmutter hatte ja einmal auch im Zug nach Auschwitz gesessen, vielleicht hielt ihre Hand, die Hand ihres Vaters, wie ich mich an ihrer Hand festhielt und als sie gen Auschwitz fuhren, erzählte mir meine Großmutter, später, da war ich kein Kind mehr, da habe ihr Vater noch einmal erzählt die Mädchen seiner Kindheit, die Lieder seiner Jugend, die Gedichte, die er lernte, um ihre Mutter, seine Frau zu beeindrucken, als wusste er schon, dass er nicht mehr zurückkehren würde von dieser letzten Fahrt. Und meine Großmutter legte sich seine Lieder, seine Geschichten, seine Gedichte unter die Zunge und meine Wiener Wörter, meine Wiener Geschichten, meine Wiener Lieder und meine Wiener Gedichte sind einmal seine gewesen. „Man weiß nie“, sagte meine Großmutter und sah die Mitreisenden, den Schaffner und den Mann der Kaffee servierte niemals an. „In Deutschland weiß man nie“, sagte sie und wir schwiegen auf der Reise. Erst als wir ausstiegen, um in eine Pension oder ein Hotel zu gehen, da öffnete meine Großmutter ihre Handtasche, brach uns beiden ein gewaltiges Stück Nussschokolade ab, und kehrte zurück zu ihrem Deutsch, das immer ironisch und liebevoll, floskelfrei und zärtlich war, erzählte mir vom Schwabinger Fasching 1910, von der Kaiserkrönung in Aachen, von der Rosstrappe und Goethe, der in Weimar mit dem Herzog auf dem Marktplatz Peitschen knallte, aber als wir einmal nach vielen Stunden in Florenz ausstiegen, da hob sie mich hoch und lachte: „Oh wie dürstet mich nach der Sonn.“ Und so lernte ich Albrecht Dürer kennen. Bis ganz zum Ende aber sind wir beide schweigend durch Deutschland gefahren und als ich dem Mann aus Tunis zuhöre, höre ich meine Großmutter reden, höre ich mich, denn auch ich rede mit deutschen Autoritäten anders als üblich, immer in der Vorstellung lebend, etwas grundsätzlich falsch zu machen, so fundamental falsch zu sein, die Sitzordnung zu empfindlich zu stören und auch ich halte zur Fahrkarte immer auch schon die Bahncard bereit, denn in ihr und auch in mir, lebt noch immer die Frage, wie es denn sein konnte, dass ihr Vater, der Wiener Jude mit der Liebe zum Meer und dem Herzen voller Geschichten in einen Zug nach Auschwitz stieg, um nie wieder zurückzukehren. Kalt waren die Hände meiner Großmutter während unserer Reisen und schlief ich neben ihr ein schlug ihr Herz laut und schnell und heute im Flugzeug von Dublin nach Frankfurt, Platz 26 A, da blieben meine Hände noch lange so ineinander verschränkt, wie damals auf jenen Reisen, als ihre Hand meine hielt.

( Back then I wished I would have screamed or shouted or at least having spilled some tea. But I never did and I did not scream or shout today either. I was a quiet, a rather solemn child back then.)

Fünf vor Zwölf

Kalt ist der Morgen und kalt ist mir nach der Nachtschicht. So kalt, dass mir die Zähne klappern, die Kälte hat sich irgendwann in der Nacht in meine Knochen gegraben, hat sich unter meine Haut gelegt, sich in die Fingernägel verbissen, krallt sich in meine Kopfhaut und hält sich fest an meinen Zähnen. Kalt ist mir und noch ist es dunkel, aber die Wolken wärmen nicht und der Mond ist anders als gestern Abend nicht mehr mild und sonnengelb, sondern ein grauer, ein dunkler Schatten, mit kalten Augen und wer weiß das schon, vielleicht auch einem erkalteten Herzen. Der Tierarzt steht auf dem Parkplatz und alles an mir klappert, denn mir ist so unendlich kalt. „Komm“, sagt der Tierarzt und im alten Volvo beschlagen die Scheiben. „Willst du mir von der Nacht erzählen?“, fragt der Tierarzt. Aber ich schüttle den Kopf und klappere mit den Zähnen.

„Komm“, sagt der Tierarzt, wir machen etwas Verrücktes.“ Der Tierarzt hält an einer Tankstelle an, Apple Green heißt sie, es riecht nach Benzin und im Laden der Tankstelle singt eine Frau von glücklichen Nächten. Der Tierarzt, kauft zwei Becher heiße Schokolade, ausgerechnet der Tierarzt, der noch drei Heidelbeeren die Kalorien zählt. Wir nippen am Kakao und der Tierarzt legt seine Hand auf mein Knie: „Damals als wir Kinder waren, hat meine Mutter Kakao gekocht, eine himmelblaue Kanne, und ein zerbeulter Emailletopf, und dann bricht der Tierarzt den Satz einfach ab und ich starre auf den roten Pappbecher mit der süßen Milch, der Tierarzt schüttelt den Kopf. Die Sätze über unsere Mütter führen nirgendwohin. Der Tierarzt wirft die Pappbecher in den Mülleimer und wir fahren weiter, bis ans Meer. „Jetzt im September ist das Wasser so warm wie nie sagst du Mädchen, und ich nicke. Ich binde mir die Haare fester zusammen und der Tierarzt hält Hose, T-Shirt, Wäsche, Socken und Pullover und ich laufe in das Wasser hinein. Das Meer leckt an meinen Füßen und das salzige Wasser legt sich mit der Kälte über meine Knochen. Ich schwimme immer in dieselbe Richtung, fast immer mit geschlossenen Augen und über mir reißt der Himmel auf. Eine kalte, blaue Wand, so als würde der Mond zum Ende der Nacht, die Schatten mit einer langen, kalten Dusche vertreiben wollen. Dass versuche ich ja auch schon seit Jahren, aber das kalte Wasser hilft nicht gegen die Schatten meiner Nächte und ich schwimme zurück ans Ufer und wenn schon nicht warm, dann bin ich wenigstens gut betäubt.

 
Zurück im Oberland, schließt der Priester gerade die Kirchentür zu. Der Priester geht zum Beten vier oder fünfmal am Tag nach St. Sylvester herüber und irgendwann fragte ich ihn einmal, ob er G*tt wohl eher im Kirchenschiff denn am Schreibtisch erwarte. Aber der Priester schüttelte den Kopf und sah mich an: „Fräulein Read On, als ich damals im Priesterseminar war, da habe ich das geglaubt, dass G*tt sich hereinschliche zu einer selbstgewählten Stunde, aber wenn das so einfach wäre und G*tt nichts weiter als ein höhergestellter Verwaltungsbeamter, der sich unserer Anliegen annähme, dann wären die Kirchen doch voll und die Frau des Krämers müsste nicht wieder und wieder mir erklären, dass sie gern eine neue Couchgarnitur hätte. Nach St. Sylvester hinüber gehe ich wegen des Lichts. Ich nickte und nicke auch heute Morgen und der Priester schneidet eine gelbe Rose für mich ab. „Für Sie Fräulein Read On“ sagt er, ich danke und dann fast schon scheu: „G*ttes Segen für Sie.“ Ich nicke noch einmal und der Priester und ich, die wir beide Gefühligkeiten misstrauen noch dazu religiös parfümierten, sind ernster als sonst miteinander.

Ich putze mir die Zähne und heißes Wasser läuft über meinen Rücken hinunter, ich leihe mir ein Tierarzt-T-Shirt und der Tierarzt deckt mich zu. „Wann musst Du los?“, frage ich und der Tierarzt sieht auf den alten Wecker, der auf dem Nachtkastel steht. Eine Stunde, sagt er und zieht sich den Pullover über die Schultern und ich drehe meine Füße in seine Knöchel hinein. Der Tierarzt riecht nach Kakao, Sandelholz und ihm selbst. „Danke“, sage ich und der Tierarzt vergräbt sein Gesicht in meinem Nacken. Ich bin so müde, aber noch nicht müde genug, um nicht noch einmal zu fragen: „Tierarzt, deine Mutter, die himmelblaue Kanne, der Emailletopf.“ Für eine ganze Weile sagt der Tierarzt nichts, nur sein Herz schlägt gegen meinen Rücken und ich bin mir nicht sicher, ob ich nicht doch schon eingeschlafen bin, aber dann sagt der Tierarzt, das was ich schon ahnte, denn es sind die Geschichten meiner langen Nächte: „immer, wenn mein Vater mich oder meinen Bruder schlug, kochte meine Mutter Kakao.“ „Vielleicht murmelt der Tierarzt“ hat es damals angefangen, aber ich weiß es nicht mehr genau, nur, dass ich mich übergeben musste von der warmen Milch und der süßen, immer klumpigen Schokolade.“ Dann schlug meine Mutter mich: „Was bist du nur für ein undankbares Kind“ und der Tierarzt, der doch so viel größer ist als ich, vergräbt sich für eine dreiviertel Stunde in mir, so als könnte man sich auch noch nachträglich, viele Jahrzehnte später, verstecken, vor den Schlägen und dem Kakao in der himmelblauen Kanne.

Dann klingelt der Wecker und der Tierarzt geht ins Bad, als er zurückkommt, zieht er den Wecker für mich auf. „Wann willst Du geweckt werden, Mädchen?“. „Fünf vor 12 Uhr“ sage ich und der Tierarzt sieht mich lange an.

 

 

Aufgewacht

Immer wache ich vom Regen auf. Der Regen läuft durch die schwarze Nacht und hält sich an den Fensterscheiben fest. Der Regen hat eine dichte Haut und feste Fingerknöchel, ich starre in den Regen hinaus und der Regen gibt nicht nach. Kalte Hände hat der dunkle Regen und kalte Hände habe auch ich.

Immer weckt mich der gleiche Alptraum auf und wache ich auf, erinnere ich mich, dass der Alptraum niemals vergehen wird. Mit der Zeit verblassen die Träume sagen die Leute, aber die Leute irren, nur ich werde blässer und der Alptraum bleibt einfach vor mir stehen. Der Alptraum hat genau so kalte Hände wie ich. Vielleicht hat der Alptraum mir ja seine Kälte in die Seiten gelegt. An eine Zeit ohne den Alptraum erinnere ich mich nicht. Der Alptraum und ich wir sind alte Freunde. Treffen wir uns tagsüber auf der Straße, sehen wir schnell zur Seite. Im Hellen wollen wir uns lieber nicht kennen.

 
Mich wecken weinende Frauen und Männer auf. Immer. Ich habe Frauen und Männer weinen gehört, von denen ich glaubte sie seien schon tot, aber sie weinten noch immer und ich bin mir nicht sicher, ob sie je wieder aufgehört haben. Wo immer sie weinen ob auf einer Liege im Krankenhaus oder in einem weißen Plastikzelt oder in einer alten Wohnung mit Dielenboden, ich wache auf und ich kann auch lange nach den Taschentüchern und der Hand auf der Stirn oder nach all den anderen vergeblichen Versuchen, dem Weinen zu begegnen nicht mehr einschlafen. Ich wache einfach auf.

Aufgewacht bin ich von Schüssen, die tief flogen und die mich immer nur fast trafen. Ich wache auf von klingelnden Telefonen, von einem Schlüsselbund in der Tür, von den Schatten an der Wand. Die Schatten erinnern sich gern an mich. Ich würde sie gern vergessen. Aufgewacht von Händen an meinen Rippen und aufgewacht vor lauter Müdigkeit. Nein lachen Sie nicht, dass ist eine ernste Angelegenheit. Aufgewacht bin ich von Hundegebell und Hummelgesumm, einmal mit einem Sonnenbrand, den ich für Tage mit Melonenscheiben kühlte am Strand von Cannes. Aufgewacht bin ich immer erst, wenn die Tür schon hinter mir zu geschlagen war. Es gibt Menschen, die sagen: ich habe die Gefahr schon kommen sehen. Mir ist es niemals so ergangen. Ich habe am Besten in den Armen eines hartnäckigen Lügners geschlafen. Aber ich glaube den Lügnern auch immer noch, wenn sie es wohl selbst nicht mehr tun. Tun Sie es nicht.

Ich bin aufgewacht als sich der Mond durch das dunkle Zimmer schob und die Sonne schon wieder unterging. Gestört haben mich weder Sonne noch Mond und oft wache ich nicht vom Wecker auf, sondern weil der Hund findet, die beste Art das Frühstück serviert zu bekommen, sei mit der Pfote an meine Stirn zu klopfen.

Das klappt garantiert. Aufgewacht vor Zahnschmerzen und vor immer neuen Sorgen. Aufgewacht auf einer satten Wiesen, auf Betonböden, in einer Badewanne. Die Badewanne stand frei im Raum. Aufgewacht mit kalten Füßen. Aufgewacht und manchmal trotz besseren Wissens die Augen lieber geschlossen gelassen. Aufgewacht mit Händen auf meinen Rippen. Die Hände immer wieder fortgeschoben. Unter meinen Rippen liegt zu viel vergraben.

Aufgewacht mit der Aussicht auf Schwimmen im kühlen See. Aufgewacht bei einer indischen Hochzeit. Ein Dorf in Himchal Pradesh. Mit dem Rücken an einen Dachvorsprung gelehnt unten auf der Straße gingen die Frauen des Dorfes, in der Hand ein Gefäß mit Wasser, in die Felder gingen die Frauen, denn die Felder sind ihre Toiletten. Erst da bin ich aufgewacht, da waren wir mit der Klinik schon zwei Jahre im Slum und niemals fragten wir uns, wo eigentlich die Toiletten waren. Hart aufgewacht in der Realität. Aufgewacht von Steinen gegen die Fensterscheibe, aufgewacht im festen Glauben, der neben mir liebte mich. Ich sollte mich irren.

Aufgewacht von den Toten, die durch die Flure laufen, still und schweigend sehen sich mich an, wieder und wieder kehren sie zu mir zurück und legen mir ihre kalten Hände auf die Stirn. Aufgewacht von vielen Nichtenfüßen auf meinen Rippen und dem Klingeln des Telefons nachts um halb drei. Aufgewacht, wenn es zu spät war und aufgewacht, obwohl es doch noch immer so früh ist. Aufgewacht vom Monsun und wieder fällt in Mumbai der Regen. Aufgewacht von den Dachschindeln, die in Irland herabpolterten, da sind in Assam und Bihar schon wieder 500 oder mehr Menschen in den Fluten ertrunken oder vom Sturm erschlagen worden. Aufgewacht, da war der Zug an der Endhaltestelle angekommen und ich musste doch eigentlich in eine andere Richtung. Aufgewacht mit Angst in der Magengrube, noch immer ist die Angst, das erste was mir morgens einfällt. Wir haben uns aneinander gewöhnt. Aufgewacht in den Armen meiner Großmutter, ich kenne keine sicheren Arme als die ihren. Immer legte meine Großmutter mich in ihre Arme hinein und am anderen Morgen waren sie noch immer da. Ich habe mich an die Abwesenheit ihrer Arme nie gewöhnen können. Auch davon wieder und wieder aufgewacht.

Ein leeres Haus

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Stralsund ist eine ehrwürdige Stadt. Roter Backstein und die Hanse, ja die Hanse, der Reichtum der Stadt schon anno 1231 und auch die Kirchtürme ragen weit über die Giebel der Bürgerhäuser hinweg. Stralsunds Kirchen sehen hinaus in die Welt und die Bürgerhäuser haben noch immer noch heute deutlich sichtbare Kontore, obwohl auch in Stralsund kein Getreideschiff mehr anlegt. Aber die Hanse ist noch immer ein Grund zum Stolzsein und die Türen der Kirchen sind schwer und kalt liegen die Türgriffe in meinen Händen.

Mein Großvater ist in Stralsund geboren. Anno 1917, da hatte Deutschland noch einen Kaiser und der Vater meines Großvaters, war der kaisertreuste unter den deutschen Juden und lag in Frankreich im Schützengraben, da schrie sein Sohn in die Welt hinaus, der war das fünfte der Kinder, die alle Kaisernamen hatten, und Kaiser’s Geburtstag wurde genauso gefeiert wie die Geburststage der fünf Kinder. Shabbat hielt man weniger feierlich. In Stralsund lebten doch freie Bürger und der preußischste unter den deutschen Juden, der trank ohnehin lieber Bier.

Wir gehen ins Stralsund-Museum, das Museum war früher einmal ein Gymnasium und mein Großvater ging dort zur Schule und wir gehen durch die Räume. Es gibt Hanseobjekte und Piraterie und Stralsund hatte einmal eine Spielkartenfabrik erfahren wir und das Warenhaus Tieck wurde arisiert. Das erfährt man über die Juden der Stadt. Man erfährt das, was man immer schon wusste. Der Jude ist ein Händler und dann übernahm ein anderer das Geschäft. So waren die Zeiten damals und die Zeiten man konnte sie doch nicht ändern und damit ist im Museum der Stadt Stralsund das Kapitel Juden auch schon abgeschlossen. Die Juden waren eben weg. Dann im nächsten Raum kommt ein Wikingerschatz. Glänzendes Gold und der Reichtum der Stralsund wiederholt sich wieder und wieder. Aber ich will nichts vom Schatz und stehe in einem großen Raum mit hohen Decken, der sicher einmal die Aula der Schule war, in die mein Großvater ging. Und mein Großvater, spielte zum Entsetzen seines Vaters, Klavier. Sein Vater schrie: „Ein deutscher Jude klimpert nicht am Klavier herum.“ Aber mein Großvater spielte trotzdem, spielte auf Schulkonzerten, spielte und spielte und auch als mein Urgroßvater drohte, er würde das gebrauchte Klavier, das in das Haus zog mit der Axt zerschlagen, spielte er weiter und weiter. Es lag in seinen Händen. Mein Großvater war der letzte Jude, der am Gymnasium die Matura machte, denn die Schule war dann judenrein. Noch immer steht ein schöner schwarzer Flügel in der Aula. Zugedeckt ist der Flügel mit schwarzem Tuch. Es ist verboten auf dem Flügel zu spielen. Der Direktor.“ It is forbidden to use the piano“ sage ich zum Tierarzt, der Tierarzt versteht nicht, denn der Tierarzt will, dass ich auf dem Klavier spiele. Aber ich ziehe die schwere Decke nicht vom Flügel herunter. Im zweiten Stock des Museuems sind Bilder von Elisabeth Büchsel ausgestellt. Im Juni 1945 malte sie blonde Kinderköpfe. In Deutschland ist immer alles voller Unschuld und dann gehen wir aus dem Museum zurück in die Stadt. Stehen auf dem Marktplatz, trinken Tee in einem der ehemaligen Kontore, und der Kellner sagt er sei Tee-Sommelier und ich nicke zu allem, nicke zu der Hausmischung Stralsund Gold und nicke und nicke und nicke und sehe aus dem Fenster heraus und sehe meinen Großvater mit Notenpapier unter dem Arm und einem Koffer die Stadt verlassen, denn wer Pianist werden wollte, der blieb hier nicht und so blieben die Eltern und die Brüder zurück und in der Wohnung hing noch immer das Bild des Kaisers und mein Urgroßvater hielt ihm und dem erledigten Preußen die Treue. Der Kaiser in Doorn wusste davon nichts. Wir gehen am Moorteich entlang und man erzählt sich, dass mit der dräuenden Niederlage des tausendjährigen Reiches, nach zwölf langen Jahren, sich ein Menschenzug bildete, und all die Bürger sie warfen die vielen Devotionalien ihrer deutschen Jahre in den Moorteich hinein. Schon waren sie verschwunden die Hitler-Bilder und all die anderen Dinge, die man lieber schnell vergaß. Der Moorteich liegt in der Sonne. Ein Café ist am Ufer geöffnet und man fährt Boot auf dem Teich und die Boote sind Tretboote in Schwanengestalt. Wir aber gehen weiter, eine lange Allee entlang und die Häuser liegen im stillen Sonnenlicht. Wir gehen schweigend und ich zähle die Schritte, denn war dies nicht der Schulweg meines Großvaters und vielleicht stolperte er über seine Schnürsenkel und fiel über einen Stein, denn über dem Knie meines Großvaters verlief eine lange, zackige Narbe, aber vielleicht ist es auch ganz anders gewesen und dann stehen wir in der Straße, in der mein Urgroßvater noch vor dem Ausbruch des ersten großen Krieges hinzog.

Zentralheizung und Warmwasser, das war das Deutschland des jungen Kaisers und das war des Deutschland dieser Familie und dann stehe auch ich dort und zähle die Hausnummern und dann stehe ich vor dem Haus und zähle die Stockwerke und obwohl ich es doch besser weiß, gehe ich über die Straße und suche auf dem Klingelschild meinen Namen. Aber der steht dort nicht und die Namen sagen mir nichts und ich sehe hinauf. In den Fensterscheiben spiegelt sich der Himmel und die Wolken sind schneeweiß und die Sonne glänzt und ich frage mich doch, ob mein Großvater hier in den Himmel sah, während sein Vater schrie, dass ein deutscher Jude doch nichts am Klavier verloren hätte. Ich sehe ihn nicht, denn ich kenne ihn nicht. Es gibt kein einziges Bild meines Urgroßvaters, meiner Urgroßmutter und ihrer Söhne mehr. Denn auch die preußischsten unter den deutschen Juden, auch der Primarschullehrer, mein Urgroßvater und seine Frau und die vier Söhne wurden deportiert, im Februar des Jahres 1940, standen sie da mit dem Koffer, jeder ein Koffer und vielleicht legte er das Kaiserbild hinein. Ich weiß es nicht, ich habe sie nie gekannt. Ich weiß nicht, ob ich den Schluckauf, den ich immer dann bekomme, wenn ich aufgeregt bin, nicht von meiner Urgroßmutter habe, oder ob mein Urgroßvater nicht heimlich doch die Augen schloss, wenn sein Sohn am Klavier saß und spielte. Ich weiß nicht ob wir uns nicht furchtbar anstrengend gefunden hätten oder ob wir uns in Zuneigung gegenüber gesessen hätten, bei seiner goldenen Hochzeit vielleicht, denn wir hatten niemals die Gelegenheit uns kennenzulernen. Meine Urgroßeltern und ihre vier Söhne waren unter jenen, die deportiert worden, so ging es in Deutschland, da holte man den Primarschullehrer aus der Wohnung und fuhr ihn nach Auschwitz und der Jude mit der Kaiserliebe und den vielen Söhnen und der einen Frau, der ging ins Gas und dann starb er, denn das taten die Juden im 20. Jahrhundert und in Deutschland zogen andere Nachbarn in die Häuser und ich stehe hier auf der Straße und meine Hände sind kalt und ich will sie herunterrufen, ich will Steine gegen ihre Fensterscheiben werfen, ich will rufen, lauft doch davon und ich will, sie über das Meer tragen, das Meer, das hier Sund heißt, soll sie davontragen. Bestimmt hätte es in New York Platz für eine Kaiser Wilhelm Gesellschaft gegeben und mein Urgroßvater hätte Kaisers Geburtstag feierlich begangen und ich müsste nicht so stumm auf der Straße stehen und ich stehe ja nur auf der Straße weil mein Großvater als einziger der Söhne aus Auschwitz zurückkam. Er kam nach seinen Eltern in das Lager, er wusste nicht, dass seine Eltern schon in der gleichen Schlange gestanden hatten, dass auch seine Brüder schon erstickt waren im Gas, in Auschwitz traf man niemanden mehr und mein Großvater, der Mann mit dem traurigen Lächeln, bekam in den Jahren nach Auschwitz, die für die Deutschen andere Jahre waren, als für meine Großeltern einen Brief des Gymnasiallehrer und der Jude, sollte dem Lehrer ein Leumundszeugnis ausstellen, darüber, dass er der Jude doch noch die Matura habe ablegen können. Und damit könnte es nicht so schlimm gewesen sein, wie man sich immer erzählte und man habe wirklich nichts gewusst davon. Aber mein Großvater antwortete nicht.
Und die Fenster des Hauses haben Gardinen und manchmal bewegt sich ein Schatten und ich drehe mich um und laufe davon und laufe zurück bis zum Auto und dann fahre ich los, fahre so schnell ich kann, fahre und fahre und denke wie der Tierarzt sagt: „Mädchen weiß Deutsch“, der Tierarzt sagt es bestimmt und ich im Auto, sehe die Hauswand und denke, nein, ich weiß nicht weiter, ich weiß es nicht, ich weiß nicht was das ist, ich weiß nicht wie man es wissen kann, es ist nichts mehr mit dem Deutsch der Juden und den Deutschen und Juden ist es zu Ende gegangen und die Straße im Rückspiegel ist schon eine andere, ist immer dieselbe und ich fahre weiter und weiter und sehe das Haus. Das Haus ist leer.

Schwarze Stunde

Unten auf der Straße bellt ein Hund. Der Hund bellt nicht für mich. Vielleicht bellt der Hund einer verflossenen Liebe hinterher oder der Hund bellt den Mond an. Vielleicht ist der Hund auch in die Katze verliebt. Die Katze liegt auf den Femsterbrett. Auf dem Fensterbrett liegt ein Plaid. Rot und blau ist das Plaid und ein bisschen fadenscheinig schon ist der Stoff. Schon lange liege ich nicht mehr auf dem Plaid. Als ich auf dem Plaid lag da war sein Stoff noch dunkelrot und indigoblau und kleine Goldfäden zogen sich am Stoff entlang. Als ich auf dem Plaid lag, sah ich den Himmel von Assam. Schwer war der Himmel, ein dunkles Tuch. Kurz bevor der Monsoon kam, lag ich auf dem Plaid und in meinem Haar lag eine Hand. Neben mir auf dem Plaid lagst du und wir sahen in den Himmel hinein und du lachtest als dir sagte, dass die meisten Menschen glauben, Assam sei eine Teesorte und dein Lachen flog in den Himmel hinein und schon damals habe ich es nicht auffangen können. Du auf dem Plaid last mir Gedichte vor. Sylvia Plath. Aber das Gedicht erinnere ich nicht mehr, nur noch den Buchrücken und deine Hände. Ein Himmel voller Gedichte und der Monsoon wartete bis du heiser warst und erst dann kam der Regen. Ich bin lange nicht mehr in Assam gewesen. Deine Hände sind unter der Erde, seit Jahren schon, es sind keine guten Jahre für Assam gewesen und ob es jemals gute Jahre für Dichter gab, weiß ich nicht. Das Plaid aber habe ich mitgenommen in alle Länder ohne dich. Die Goldfäden verschwanden zuerst, dann blichen die Farben dahin und wer weiß vielleicht wurde auch ich blass und blässer und mag sein ich bin heute so farblos wie das Plaid auf dem Fensterbrett liegt das Plaid und auf dem Plaid liegt die Katze. Die Katze schläft oder jedenfalls tut sie so als würde sie schlafen. Die Katze hält nichts von zudringlichen Fragen. Sie wird mir nicht sagen, ob in ihrer langen Ahnenreihe einmal eine Katze aus Assam kam. Wie viele Iren haben denn in den Kolonien als clerks and officers and officer’s ladies gedient? Unzählig viele und mag sein, dass ein clerk, ein officer oder eine lady eine Katze aus Assam mit sich brachte? Mag sein also, dass die Katze dort auf dem Fensterbrett mehr weiß über Bramaphutra als ich so denke. Wer weiß, denn die Katze hält die Augen geschlossen, und sagt mir nicht, ob sie vom Hund träumt, der noch immer unten auf der Straße bellt. Vielleicht träumt die Katze aber auch von einem Kater, den sie manchmal im Garten besucht unter den alten Bäumen. Die Bäume rauschen in der Nacht und wer weiß vielleicht hat vor Jahren ein officer unter der Kastanie gesessen und ein Bild angesehen mit einem Mädchen darauf. Assam 1885 oder so ähnlich. Aber ich stehe nicht auf um nach einem Bild von dir zu suchen. Du hättest gelacht: „Ever so sentimental“ und ich hätte genickt. Dabei schriebst du doch Gedichte, aber deine Gedichte waren niemals sentimental. Dafür waren dir die Wörter zu ernst und ich glaubte damals ich könnte auch ohne Wörter leben. Ich sprach damals nur in technischen und abstrakten Dingen. Du aber zogst mich zu dir auf die Decke und immer hattest du ein Buch bei Dir und ich hörte dir zu und manchmal schobst du eines deiner Gedichte unter die vielen, die du für mich last. Die Straße vor mir liegt im Dunkeln. Hier geht keine Straßenlaterne mehr und der Priester ist bei seiner Mutter in einem ähnlich abgelegenen Teil Irlands wie es Assam in Indien ist. Vier Tage braucht man von Delhi bis in das Dorf in dem du lebtest und manchmal, aber nicht heute Nacht sehe ich mir die Fahrpläne an und rechne aus, wie lange ich wohl bräuchte, flöge ich morgen früh los, aber eine andere Zeit als die der Reise, als die zwischen Dorf und Flughafen und Bahnhof hat sich zwischen uns gelegt und jeden Tag versinkst du ein Stück mehr oder laufe ich weiter von dir weg. Unten auf der Straße bellt der Hund. Die Katze sieht mich nicht. Ich sehe dich auf dem Plaid neben mir. Der Regen auf der Straße ist eine schwarze Pfütze und das Meer ist dunkelgrau. Der Brahmaputra war braun und manchmal auch indigoblau. Ein heiliger Fluss, ich weiß nicht, ob den Iren das Meer heilig ist, oder ob es nicht immer ein Weg heraus war, ein Fortkommen, diese schäumende See, vor meinem Fenster ist schwarz. Ich habe nie jemanden nach den G*ttern dieser See gefragt, nicht den Tierarzt, nicht den Priester, keinen der Freunde, keinen der Feinde, das Meer schäumt in der Nacht. Ein Wiegenlied, aber ich fürchte bis zu Dir reicht es nicht. Dann doch noch einmal das Licht anmachen. Neben dem Nachttisch stapeln sich die Bücher, aber ich muss lange im Regal suchen, bis ich doch einen Band von Sylvia Plath finde. Einen Daumen in eine Seite und vorsichtig nur mit den Augen über den Rand der Seite lesen:

Overnight, very
Whitely, discreetly,
Very quietly

Our toes, our noses
Take hold on the loam,
Acquire the air.

Nobody sees us,
Stops us, betrays us;
The small grains make room.

Soft fists insist on
Heaving the needles,
The leafy bedding,

Even the paving.
Our hammers, our rams,
Earless and eyeless,

Perfectly voiceless,
Widen the crannies,
Shoulder through holes. We

Diet on water,
On crumbs of shadow,
Bland-mannered, asking

Little or nothing.
So many of us!
So many of us!

We are shelves, we are
Tables, we are meek,
We are edible,

Nudgers and shovers
In spite of ourselves.
Our kind multiplies:

We shall by morning
Inherit the earth.
Our foot’s in the door.

Mushrooms nennt sie das Gedicht und ich schließe die Tür hinter mir, lasse den Band auf dem Tisch liegen, kaltes Wasser ins Gesicht und dann die Tür schließen. Die Treppe hinauf mit kalten Füßen und in der Fensterscheibe bin ich ein dunkler Schatten. Auf der Fensterbank lieht ein Plaid. Auf dem Plaid schläft die Katze. Unten auf der Straße hört ein Hund auf zu bellen.

Sylvia Plath, Mushrooms, in: Carol Ann Duff (ed), Sylvia Plath, Poems, London 2012, p.58

Herr Müller kommt nicht mehr zurück.

In der kleinen Stadt in der meine Großmutter und auch mein Großvater lebten gab es nicht nur den alten Kirchturm und das Rathaus mit dem Renaissance-Giebel, die Poliklinik und die Praxis meiner Großmutter am anderen Ende des Marktplatzes gelegen, ein Gymnasium und altes Kopfsteinpflaster, sondern auch Außenseiter. Meine Großeltern zählten zu ihnen, sie waren die Juden des Ortes, das sagte man aber nicht laut, sondern hinter vorgehaltener Hand und noch heute, gehe ich über den Marktplatz sprechen mich manchmal Einwohner der kleinen Stadt an: „Sie sind doch die Enkeltochter der Frau Judendoktor, nicht wahr? Manchmal riefen die viele Kinder der kleinen Stadt: „Brennt der Jude/ rappelts in der Bude.“ Aber meine Großmutter verzog nur die Lippen zu einem Lächeln, von dem man niemals wusste, ob es spöttisch oder traurig war und ging weiter. So war das in Deutschland und auch in jenem Deutschland, das für sich befand antifaschistischer Schutzwall zu sein. Mein Großvater leitete den Chor und die deutschen Frauen, die dort aus dem Gotteslob sangen, verliebten sich in den schmalen Mann mit den traurigen Augen. „Der Jude hat etwas“ sagten die Frauen und mein Großvater der niemals lächelte, sah den Frauen nicht hinterher.

Im Kirchenchor sang auch Richard Müller. Er war der einzige Mann, Lehrer für Musik am örtlichen Gymnasium und schwul. Das wussten alle Menschen in der kleinen Stadt und sie ließen Richard Müller wissen, dass sie es wussten, denn wenn auch alle Menschen, sahen sie Richard Müller, ganz besonders überdeutlich sagten: „Guten Tag, Herr Müller“, so nannten sie ihn, kaum wandte er sich ab  niemals anders als „Sweety Müller“. Die Mütter, die im Kirchenchor Richard Müllers voluminösen Bariton lobten, verwarnten ihre Kinder niemals, aber wirklich niemals auch nur das leiseste Wort mit Sweety Müller zu wechseln. Denn Sweety Müller täte in seiner Wohnung über dem Konsum Dinge, die so schrecklich wären, dass sie am Besten gar nicht ausgesprochen würden. Sweety Müller täte mit kleinen Buben noch viel schlimmere Dinge als die Juden, die ja auch Kinder fräßen. ( Aber das durfte man nicht mehr laut sagen.)

Im Gymnasium der kleinen Stadt hatte Richard Müller Disziplinprobleme. Denn die Mädchen kicherten sobald Richard Müller das Wort Flöte in den Mund nahm hemmungslos und die Buben schrien „Sweety, sweety Müller“, wenn immer der Lehrer sich ihnen näherte, warfen die Notenblätter aus dem Fenster und wann immer Herr Müller das Klassenzimmer betrat, war eine Schmiererei an der Tafel angebracht, die zwei kopulierende Strichmännchen zeigte: Sweet stand unter der Zeichnung. Immer wieder beschwerten sich Mütter und Väter über den Musiklehrer und fürchteten um die Unversehrtheit ihrer Söhne.
Eines Tages aber wurde Richard Müller in Begleitung eines Mannes auf dem Marktplatz mit seinem hohen Kirchturm gesehen. Die vielen Kinder des Ortes riefen: „Küssen, Küssen“ und am Ende des Tages klingelte Richard Müller bei meiner Großmutter. Er blutete aus der Stirn und meine Großmutter ging mit ihm hinüber in die Praxis und nähte die Platzwunde und klammerte die geplatzte Augenbraue. „Herr Müller, sagte meine Großmutter, kann ich etwas für sie tun?“ Herr Müller schüttelte den Kopf. „Er sei nur unglücklich gefallen.“ „Jetzt müsse er auch los, denn sein Bruder sei zu Besuch.“ Aber meine Großmutter wie alle Bürger der kleinen Stadt wussten, dass die Männer des Ortes, Richard Müller „eine verpasst hätten“, damit er nicht noch mehr solche „warmen Brüder“ hier anschleppte. Im Kirchenchor waren die Frauen sehr besorgt um Richard Müller mit der schönen Baritonstimme. So vergingen die Jahre und Richard Müller blieb Sweety Müller. Eines Tages als Richard Müller die Tür zum Klassenzimmer öffnete, hatte sich die Buben die Münder rot geschminkt und spitzten die Münder zum Kuss: „Sweety, sweety Müller, küss mich doch, wenn du dich traust.“ Richard Müller verließ schweigend das Klassenzimmer.
Wieder klingelte Richard Müller bei meiner Großmutter und saß in ihrem Sprechzimmer, hinter dem Schreibtisch meiner Großmutter hing das Bild von Magnus Hirschfeld, den der Direktor der Poliklinik für einen Klassenfeind hielt und wahrscheinlich war Richard Müller der einzige, der Magnus Hirschfeld als den erkannte der er war, einen brillanten Arzt und Vorkämpfer für die Rechte sexueller Selbstbestimmung und der Entkriminalisierung von Homosexualität. „Ich brauche ein Rezept“, sagte Richard Müller zu meiner Großmutter.

„Was brauchen Sie für ein Rezept Herr Müller?, fragte meine Großmutter.

Ich brauche ein Rezept gegen diese Krankheit“, sagte Herr Müller und zeigte zwischen seine Beine.

Meine Großmutter von der ich doch alle Worte habe und die niemals auch nur um ein einziges Wort verlegen war, sah Richard Müller schweigend an. Dann sagte sie all die Dinge die man so sagt: Dass er völlig in Ordnung sei, so wie er sei, dass Homosexualität doch, aber Richard Müller wollte ein Rezept gegen ein Leben, das ihm nicht aufhörte wehzutun, ein Rezept gegen die johlenden Kinder, gegen das „Einen wunderschönen, schönen guten Morgen Herr Müller, gegen die grinsenden Männer mit der Faust in der Tasche. Meine Großmutter hatte kein Rezept, sie suchte ja selber vergeblich gegen ein Rezept für die Schmerzen von Auschwitz. Lange saßen sie da, meine Großmutter und Richard Müller und der schweigende Magnus Hirschfeld an der Wand schwieg mit ihnen. Dann ging Richard Müller: „Danke Frau Doktor.“

Zwei Wochen später fand eine Nachbarin Richard Müller auf dem Wäscheboden.

Richard Müller hatte sich erhängt.

Kreischend stand sie auf dem Marktplatz: „Sweety Müller ist tot.“

Die Frauen heulten, die Männer sagten sie hätten es ja gewusst, dass es kein gutes Ende nehmen würde mit Einem wie diesen. Die Kinder johlten und wollten die Leiche des „warmen Bruders“ sehen.

Zur Beerdigung Richard Müllers kamen allein sein Bruder und meine Großeltern. Noch heute aber und längst gibt es schwule Paare in der kleinen Stadt, raunen die Bürger, wann immer ihnen jemand merkwürdig erscheint: „Ganz wie Sweety Müller.“

 
Heute am 30. Juni 2017 hat der Bundestag die „Ehe für Alle.“ beschlossen und auch wenn es keine späte Gerechtigkeit mehr für Richard Müller gibt, so gibt es doch ein Unrecht weniger.

Ein unendlicher Sommer

IMG_2300.jpgDie Juninächte in Kensington sind noch immer mild und regnerisch zugleich. Der Mond hängt tief über den Dächern und noch immer sind die Häuser so herrschaftlich wie englisch treu. Die Bäume der Straße sind eine Geschichte des Empires für sich. Die Bewohner der Häuser lächeln leise und nur manchmal öffnet sich ein Tor und ein Auto fährt fast geräuschlos davon.

Fast immer ist noch alles genau so, wie in jenem Sommer vor vielen Jahren, als der D. und ich, das Haus seiner Eltern hüteten. Auch jener Sommer begann mit einem Vollmond und dicken Regentropfen. Der D. küsste mich unter einem Frangipani-Baum und wir sprachen nicht davon, dass die neue Freundin seines Vaters, mit dem Lieblingskleid seiner toten Mutter in der Stadt spazieren ging und vermutlich auch im Koffer den sie mit in den Urlaub nahm mehr als eines ihrer Kleider eingepackt hatte. Wir winkten dem Bentley bis er um die Ecke bog. Dann küssten wir uns und später saßen wir auf den Steinen, die das Bassin mit den Seerosen umschlossen. Wir wären gern aufgestanden, denn der Regen wurde heftiger und schon klebte uns die Kleidung an den Knochen. Aber wir waren wie festgewachsen, die Seerosen leuchteten weiß und schwer zu unseren Füßen. Später habe ich zähneklappernd in der großen, schwarzen Badewanne gelegen und in den Regen hinausgesehen. Der D. saß auf der Fensterbank und wir beide schwiegen, der Regen war ja laut genug. An einem anderen Abend da sprang die G., in einem goldenen Paillettenkleid, das ungefähr so viel gekostet hatte, wie ich damals in einem Jahr verdiente in den Pool, als eine goldene Nixe tauchte sie wieder auf. Schon damals ging die G. niemals einer Wette aus dem weg und als der betrunkene F2 seinen Siegelring in den Swimmingpool warf, war sie die erste, die wettete diesen auch in goldenem Kleid und goldenen, hochhackigen Sandalen herausholen zu können und natürlich die G. ihr Versprechen eingelöst. Getanzt haben wir in diesem Sommer als ob es um unser Leben ginge und vielleicht ging es das ja auch. Alte Platten in dunkel getäfelten Wohnzimmern mit Tischen an denen ohne Mühe die Queen samt Hofstaat beköstigt werden könnte und wer weiß, vielleicht kommt sie noch immer in eines jener Häuser zum Tee. Wir aber drehten uns nächtelang zur kratzenden Nadel der Plattenspieler und verliebten uns wechselseitig ineinander und trennten uns zwischen Atempausen. Obwohl es uns doch vor allem an Atem fehlte. Vielleicht zogen wir deshalb auch durch die Gärten. Lampions und kalter Wein. Mit dem D. ganz oben auf einem Dachfirst balancieren. Mit geschlossenen Augen und eng verschränkten Händen. Der D. drehte die Bilder seines Vaters um und ich hängte weiße Lampions im Garten auf. Die G. trug ein feuerrotes Kleid in jener Nacht und wir alle hörten erst ihr Lachen und dann spät in der Nacht, die Kerzen in den Lampions schimmerten nur schwach ein leises Platschen und plötzlich schwamm die G. stumm und still im Bassin und verschwand fast ganz in den Seerosen. Ophelia dachte ich und der D. sprang ins Wasser und zog sie heraus. Ophelia sagte sie und wir nickten, denn auch wir wollten mit dem Leben im eigentlichen Sinne nichts zu tun haben. Irgendwann war die G. wieder warm und trocken. Vielleicht war daran auch der 200 Jahre alte Brandy schuld und der D. wickelte die G. in einen Bademantel seiner Mutter. Manchmal verschwand der D. für Tage und manchmal war er nicht zurück, wenn es schon dunkel. Es dauerte ein paar Tage bis ich herausfand, wo der Friedhof war und der D. lag auf dem Grab seiner Mutter, verdeckt und kaum zu erkenne, zwischen all dem Efeu und den weißen Lilien, die ein Gärtner brachte. Ich zog den D. an beiden Händen wieder in die Welt zurück. Wie zwei Schlafwandler taumelten wir zurück und der D. hatte kalte Hände. Der Sommer aber , jener Sommer war warm und wir glaubten, dieser Sommer müsste reichen für ein ganzes Leben. Vielleicht ist das ja wahr. Am Ende des Sommers kehrte der Vater des D. schließlich zurück. Da hatten wir die die Sachen seiner Mutter schon in das Haus, in das er schließlich ziehen würde, gebracht. Sein Vater sagte nichts zu den leeren Schränken und schwieg über die geleerten Flaschen. Der D. fuhr auf zwei Jahre ins ewige Eis. Die G. packte eine leichte Tasche und eines Tages lag eine Karte aus Los Angeles in meinem Briefkasten. Es würden viele Sommer vergehen, bis ich sie schließlich wiederträfe. Ein jadegrünes Kleid trug sie am Flughafen und ich sah sie sofort. Ich aber begann nach jenem Sommer zu studieren und über meinem Schreibtisch hängt noch immer ein Bild von D. und seiner Mutter. Nach Kensington bin ich für viele Jahre nie wieder zurückgekehrt, bis zu dieser Woche. Auch in dieser Woche ist Sommer, aber niemand trägt ein goldenes Kleid und auch den Bentley habe ich nicht gesehen. Dazu habe ich zu viel gearbeitet und kaum aus dem Fenster gesehen. Drei Tage, dreimal 18 Stunden und doch als endlich alles erledigt ist, laufe ich durch die regenschwere Nacht, über den Kaminen steht der Mond und laufe die Straße hinunter. Das Haus des D. liegt dunkel in der Nacht. Nur hinter einem Vorhang schimmert ein kleines Licht. Aber der Frangipani Baum steht noch immer an gleicher Stelle und meine Hände finden unsere Namen. Eine ganze Weile lege ich meine Hände auf den Baumstamm und schließe die Augen. Dieser Sommer hört nicht auf zu sein, flüstere ich und denke an D. und G. Dann gehe ich zurück durch das stille Viertel. Schließlich fängt es an zu regnen, denn die Juninächte in Kensington sind noch immer mild und regnerisch zugleich.