Ein unendlicher Sommer

IMG_2300.jpgDie Juninächte in Kensington sind noch immer mild und regnerisch zugleich. Der Mond hängt tief über den Dächern und noch immer sind die Häuser so herrschaftlich wie englisch treu. Die Bäume der Straße sind eine Geschichte des Empires für sich. Die Bewohner der Häuser lächeln leise und nur manchmal öffnet sich ein Tor und ein Auto fährt fast geräuschlos davon.

Fast immer ist noch alles genau so, wie in jenem Sommer vor vielen Jahren, als der D. und ich, das Haus seiner Eltern hüteten. Auch jener Sommer begann mit einem Vollmond und dicken Regentropfen. Der D. küsste mich unter einem Frangipani-Baum und wir sprachen nicht davon, dass die neue Freundin seines Vaters, mit dem Lieblingskleid seiner toten Mutter in der Stadt spazieren ging und vermutlich auch im Koffer den sie mit in den Urlaub nahm mehr als eines ihrer Kleider eingepackt hatte. Wir winkten dem Bentley bis er um die Ecke bog. Dann küssten wir uns und später saßen wir auf den Steinen, die das Bassin mit den Seerosen umschlossen. Wir wären gern aufgestanden, denn der Regen wurde heftiger und schon klebte uns die Kleidung an den Knochen. Aber wir waren wie festgewachsen, die Seerosen leuchteten weiß und schwer zu unseren Füßen. Später habe ich zähneklappernd in der großen, schwarzen Badewanne gelegen und in den Regen hinausgesehen. Der D. saß auf der Fensterbank und wir beide schwiegen, der Regen war ja laut genug. An einem anderen Abend da sprang die G., in einem goldenen Paillettenkleid, das ungefähr so viel gekostet hatte, wie ich damals in einem Jahr verdiente in den Pool, als eine goldene Nixe tauchte sie wieder auf. Schon damals ging die G. niemals einer Wette aus dem weg und als der betrunkene F2 seinen Siegelring in den Swimmingpool warf, war sie die erste, die wettete diesen auch in goldenem Kleid und goldenen, hochhackigen Sandalen herausholen zu können und natürlich die G. ihr Versprechen eingelöst. Getanzt haben wir in diesem Sommer als ob es um unser Leben ginge und vielleicht ging es das ja auch. Alte Platten in dunkel getäfelten Wohnzimmern mit Tischen an denen ohne Mühe die Queen samt Hofstaat beköstigt werden könnte und wer weiß, vielleicht kommt sie noch immer in eines jener Häuser zum Tee. Wir aber drehten uns nächtelang zur kratzenden Nadel der Plattenspieler und verliebten uns wechselseitig ineinander und trennten uns zwischen Atempausen. Obwohl es uns doch vor allem an Atem fehlte. Vielleicht zogen wir deshalb auch durch die Gärten. Lampions und kalter Wein. Mit dem D. ganz oben auf einem Dachfirst balancieren. Mit geschlossenen Augen und eng verschränkten Händen. Der D. drehte die Bilder seines Vaters um und ich hängte weiße Lampions im Garten auf. Die G. trug ein feuerrotes Kleid in jener Nacht und wir alle hörten erst ihr Lachen und dann spät in der Nacht, die Kerzen in den Lampions schimmerten nur schwach ein leises Platschen und plötzlich schwamm die G. stumm und still im Bassin und verschwand fast ganz in den Seerosen. Ophelia dachte ich und der D. sprang ins Wasser und zog sie heraus. Ophelia sagte sie und wir nickten, denn auch wir wollten mit dem Leben im eigentlichen Sinne nichts zu tun haben. Irgendwann war die G. wieder warm und trocken. Vielleicht war daran auch der 200 Jahre alte Brandy schuld und der D. wickelte die G. in einen Bademantel seiner Mutter. Manchmal verschwand der D. für Tage und manchmal war er nicht zurück, wenn es schon dunkel. Es dauerte ein paar Tage bis ich herausfand, wo der Friedhof war und der D. lag auf dem Grab seiner Mutter, verdeckt und kaum zu erkenne, zwischen all dem Efeu und den weißen Lilien, die ein Gärtner brachte. Ich zog den D. an beiden Händen wieder in die Welt zurück. Wie zwei Schlafwandler taumelten wir zurück und der D. hatte kalte Hände. Der Sommer aber , jener Sommer war warm und wir glaubten, dieser Sommer müsste reichen für ein ganzes Leben. Vielleicht ist das ja wahr. Am Ende des Sommers kehrte der Vater des D. schließlich zurück. Da hatten wir die die Sachen seiner Mutter schon in das Haus, in das er schließlich ziehen würde, gebracht. Sein Vater sagte nichts zu den leeren Schränken und schwieg über die geleerten Flaschen. Der D. fuhr auf zwei Jahre ins ewige Eis. Die G. packte eine leichte Tasche und eines Tages lag eine Karte aus Los Angeles in meinem Briefkasten. Es würden viele Sommer vergehen, bis ich sie schließlich wiederträfe. Ein jadegrünes Kleid trug sie am Flughafen und ich sah sie sofort. Ich aber begann nach jenem Sommer zu studieren und über meinem Schreibtisch hängt noch immer ein Bild von D. und seiner Mutter. Nach Kensington bin ich für viele Jahre nie wieder zurückgekehrt, bis zu dieser Woche. Auch in dieser Woche ist Sommer, aber niemand trägt ein goldenes Kleid und auch den Bentley habe ich nicht gesehen. Dazu habe ich zu viel gearbeitet und kaum aus dem Fenster gesehen. Drei Tage, dreimal 18 Stunden und doch als endlich alles erledigt ist, laufe ich durch die regenschwere Nacht, über den Kaminen steht der Mond und laufe die Straße hinunter. Das Haus des D. liegt dunkel in der Nacht. Nur hinter einem Vorhang schimmert ein kleines Licht. Aber der Frangipani Baum steht noch immer an gleicher Stelle und meine Hände finden unsere Namen. Eine ganze Weile lege ich meine Hände auf den Baumstamm und schließe die Augen. Dieser Sommer hört nicht auf zu sein, flüstere ich und denke an D. und G. Dann gehe ich zurück durch das stille Viertel. Schließlich fängt es an zu regnen, denn die Juninächte in Kensington sind noch immer mild und regnerisch zugleich.

Hineingefallen

Gestern lag in der Regenrinne ein ertrunkener Vogel. Begraben ist der Vogel, der so tief fiel unter der alten Kastanie, die direkt an das Kirchhofmäuerchen grenzt. Eine der mattschwarzen, glänzenden Federn liegt nun in der Tonschale auf dem Küchenschrank. Das Küchenfenster geht direkt zur Kastanie heraus. Heute zwischen zwei langen Sitzungen hatte ich Zeit für dreißig schnelle Bahnen im Schwimmbad der Universität. 30 Bahnen lang Zeit um zu überlegen wo ich schon überall hineingefallen bin, nicht genug Zeit um zu überlegen, ob ich aus allen Untiefen wohl auch wieder herausgekommen bin, aber es hilft ja nichts, wenn die Zeit eben schneller läuft als man selbst. Hineingefallen also in Pfützen, große und kleine, in einen Priel an der Nordsee, beinahe nur in ein Moor, mehrmals bekleidet in Seen und einmal von einer heftigen Böe erfasst von der Arca ins Mittelmeer hinein. Hineingefallen in offene Arme. Ebenso oft habe ich mich in fest verschlossene, brettharte Arme fallen lassen. Die Arme gaben niemals nach. Hineingefallen bin ich in Bücher und ihre Bewohner: „Nein, blieb doch bei Anna dem Blumenmädchen“ rief ich Thomas Buddenbrook voller Entsetzen zu, doch er war schon weiter, und später sah ich ihm zu, wie er toll vor Schmerzen auf die Straße fiel. Vom Rad auf Straßen gefallen, ja das kann ich gut, einmal gefährlich nah an eine Böschung. Hineingefallen in Menschen, in ‚sone und solche ‚und zu oft in solche, die alles fallen ließen, am Ende auch mich. Hineingefallen in Franz Kafka mit einer erschreckenden Wucht. Noch immer stehe ich eigentlich auf einem Prager Bahnhof und rufe ihm zu: „Fahren Sie doch, so fahren Sie doch“ und dass Franz Kafka und Milena Jesenská sich buchstäblich verpassten, ist mir niemals aus dem Kopf gegangen. Hineingefallen in Geschichten in so vielen Nächten und hingefallen über scharfe Ecken in ihnen und in denen, die sie schrieben oder lebten, manchmal ist das ja wirklich dasselbe. Hineingefallen in Herzen und Rippen und hineingefallen bis tief unter die Haut. „Du bist mir zu viel“ schrie mehr als einer und wieder war ich hingefallen und sah nur die blauen Flecken noch nicht. Hineingerollt oder zusammengerollt in einen Straßengraben, da flogen Schüsse ( Islamabad, 2011 ). Mit dem Gesicht in die Erde gedrückt, in die geöffnete Hand atmend, ein kleiner, brauner Vogel, bewegungslos und irgendwann doch wieder aufgestanden. Vielleicht sind in jenem Straßengraben ja braune Federn von mir liegen geblieben und jemand hat sich eine aufgehoben, wer weiß das schon? Niemals jedoch hineingefallen in eine dreistöckige Hochzeitstorte, dafür in einen Eimer Brennesselsud. Hineingefallen in einen Berge Schnee und viele, viele Male in eine duftende Wiese. Gefallen auch in einen Schober mit Heu. Hineingefallen auch in Federbetten und nie wieder so gern in ein Bett, wie das meiner Großmutter. Hineingefallen in Alpträume, die so regelmäßig über mich herfallen wie der Wecker früh am Morgen.

Hineingefallen in Briefe und nicht nur in solche, die von der Liebe handeln. Gut bekommen sind mir die wenigsten und eines Tages hoffe ich, lasse ich sie gehen. Hineingefallen in den Abgrund: Abschiedsbrief. Kein Ende dieses Abgrunds in Sicht. Hineingefallen vor Müdigkeit in einen Wäschekorb und öfter als mir lieb ist auch in die Badewanne. Hineingefallen in Notenpapier. Schumann. Chopin. Beethoven. Schönberg. Bach. Wie kann man in Bach nicht hieninfallen wie in einen unendlichen Strudel? Ich konnte es nicht und meine Hände klebten zitternd auf der Klaviatur.

Hineingefallen mitten in mich hinein, oder sollte man besser sagen hineingefahren, ein blankes, scharfes Messer, Süd-Sudan 2013. 8 Zentimeter lang war die Klinge. Die Narbe ist länger. Das Messer habe ich behalten. Es liegt in der Werkzeugkiste. Fahre ich mir über die Narbe, und das tue ich oft, glaube ich manchmal ein Loch täte sich auf, dort liegt die Angst noch immer vergraben, nicht die Angst vor dem Messer, sondern die ganze Angst, die Angst die ich hatte und die ich haben werde, ist wohl damals als mir für einen langen Moment die Rippen offen standen, die Angst in mich hineingefahren und haust jetzt zur Untermiete zwischen Zwerchfell und Rippenbögen. Wer würde es ihr schon verwehren? Hinein gefallen wieder und wieder in schöne Wörter ( alldieweil, Morgentau und Regenwand), in grün-blau-grau-braune Augen, in einen Wasserfall, in warme Hände und eiskalte Zehen. Hineingefallen wieder und wieder in alles und nichts. Hineingefallen in Bergseen ohne Grund und in die Vergangenheit, auch ohne Grund. Hineingefallen in Indien, wirklich hineingefallen, nahezu ahnungslos und das hieß hingefallen wieder und wieder hingefallen. Immer wieder aufgestanden. Irgendwann verstanden, dass man hinfallen muss. Leichter geworden ist es nicht. Hineingefallen also auch in die Leben der Anderen. Ich hoffe: nicht überfallen. Hineingefallen in die ersten Atemzüge meiner Nichte. Noch immer atme ich mit ihr mit. Das kleine Bündel Mensch in meinen Armen. Die große Schwester in meinen Armen und hineinfallen in das kleine, neue Leben auf dem Arm, so viel Glück, so viel Liebe, dass wir vergessen haben, welcher Arm zu wem gehört und auf dem ersten Bild meiner Nichte, die heute eine kleine Königin ist, glaubt man ein Tintenfisch umarme sie. Überall Arme. In die Welt hineinfallen, das tun wir alle, ich wünschte es wären mehr Arme für alle da. Hineingefallen in Windböen, echte und solche mit metaphorischer Note. Gemocht habe ich sie nie diese Böen und Menschen, die sich am Gegenwind erfreuen, stellen mir meistens ein Bein. Hineingefallen noch in die dümmste Falle und hineingefallen seit vielen Jahren in ungezählte Ströme Wasser. Heute in ein ganz leeres Schwimmbad. 30 Bahnen aber sind schon um und ich muss weiter.

Auf der Anrichte aber liegt eine schwarze Feder bis zum nächsten Mal. Hineinfallen.

Der Maibaum

„Mädchen, wo bist du in Gedanken?“ fragt der Tierarzt als wir im Auto sitzen, um vom Flughafen zurück in das kleine irische Dorf zu fahren. Ich lege meine Hand auf sein Knie, denn selbst wenn man nur drei Tage weg war, muss man sich versichern, dass der Tierarzt nicht verschwunden ist.

„Einmal vor vielen Jahren, beginne ich, da war der F. noch nicht der ehemalige, geschätzte sondern der ganz und gar geschätzte Gefährte, da waren wir bei Freunden von ihm in einem Göttinger Garten. Damals war mein Deutsch noch viel miserabler als heute und vor lauter Angst einen Fehler zu machen, sprach ich nur wenig und wenn dann seltsam gestelzte Sätze: „Wenn Sie mir bitte das Wasser reichen würden?“ „Dürfte ich Sie wohl um ein Stück Brot ersuchen?“ Die Freunde von F. starrten mich an und starrten ihn an. Was wollte er wohl mit diesem merkwürdig verschrobenen Mädchen, das trotz des heißen Maitages in eine schwarze Strickjacke, ein schwarzes Wollkleid und einen dicken Wollschal gewickelt war. Ausgerechnet F., dem die Mädchen in die Arme fielen und der niemals einem Mädchen seine Arme verwehrte. Die Freunde also und unter ihnen selbstverständlich und strahlend der F. Es ging um Maibäume und ich verstand nicht, denn meine Großmutter, von der ich alle meine deutschen Wörter habe, hatte zwar Ahorn, Buche, den Lindenbaum, Kastanie und Eiche und viele, viele andere Bäume an mich weitergegeben, aber an einen Maibaum konnte ich mich, so sehr ich es auch versuchte einfach nicht erinnern. Erst nach und nach bekam ich mit, dass ein Maibaum keine Mischung aus Rosenstock und Fliederbusch war, sondern eine Liebesgabe, ein mit Schleifen und Herzen und Liebesbekundungen geschmücktes Bäumchen, welches der Herzdame unter das Fenster getragen wurde. Die anwesenden Damen erinnerten sich an Thomas und Michael, die sich besonders hervorgetan hatten, mit Kassetten und Liebesliedern und Kieselsteinen gegen die Fensterscheiben, damit die Angebeteten nicht etwa Andreas und Kai zu den Urhebern des Maibaums erklärten und Andreas und Kai warteten bis zum nächsten Jahr und stellten ihrerseits wiederum prächtig geschmückte Birken mit allerlei Zuckerwerk behängt im Garten der Damen, die allesamt wunderschön, blondgelockt und strahlend heiter seufzend vor Vergnügen an ihre Verehrer dachten, auch wenn keine von ihnen später Andreas, Kai, Thomas oder Michael heiraten würden. Niemals erzählte eine der Damen und sichtlich stolz lächelte sie in die Runde, seien zwischen ihrem 14. und 19. Lebensjahr kein Maibäumchen unter ihr Fenster getragen worden und selbst als sie ein Schuljahr in Missouri verbrachte, seien immerhin noch drei Maibäume in ihrem Garten über Nacht aufgestellt wurden. Ihr Vater habe ihr die Fotografien zugeschickt. Dann sah sie mich an und schüttelte den Kopf: „Du Read On, sagte sie mit Silberlächeln, kannst dir natürlich nicht vorstellen, was das heißt bekommt man einen Maibaum verehrt.“ Mir war schon klar, dass sie damit nicht allein auf meine fremde Herkunft anspielte und ich rückte ein Stück näher an F. heran. Dann aber wandte sie sich schon einer Freundin zu, die obgleich ihr Deutsch makellos war, ebenso wenig gesagt hatte wie ich selbst. Die Frau war wunderschön. Blauschwarze Haare, ein Porzellanteint und Sommersprossen auf den Wangen. Ich versteckte mich noch ein ganzes Stück weiter unter meinem weiten Schal, denn sehr schöne Menschen machen mich immer verlegen. „Na sagte die Blonde, die bestimmt den Rekord im Guinessbuch der Rekorde nach Anzahl der verehrten Maibäume hält, wie viele Maibäume hast du bekommen. Die schöne Frau aber errötete und sah auf ihre Fingernägel: Niemals sagte sie, habe sie einen Maibaum erhalten, stattdessen hätten wohl Michael, Kai oder Thomas, vielleicht auch Jens und Paul, Jahr für Jahr einen vertrockneten Tannenbaum oder einen toten Stecken mit Tampons und Toilettenpapier behängt in den Garten ihrer Eltern gestellt. Einmal hatten die jungen Männer einen ganzen Mistkübel über dem Baum ausgeleert und in einem anderen Jahr, verdreckte Konservenbüchsen in die Zweige gehängt, um deren verdorbene Inhalte sich die Krähen die Augen aushackten. Im folgenden Jahr war die Schandbaum mit Kondomen bestückt und jemand hatte eine stinkende Matratze über den Gartenzaun gewuchtet. Die Frau zuckte mit den Schultern und schüttelte noch einmal den Kopf. „Bis heute wüsste sie nicht, was der Grund für diese Schandmaien gewesen sei. Ob es schon ausreichte, dass sie Cello-Unterricht nahm und ihr Vater in der Bank und nicht in der Fabrik arbeitete, wisse sie nicht. Dann zuckte sie mit den Achseln und sah ins Leere. Ihre laute Freundin aber, die Maikönigin wollte das nicht so stehen lassen, denn schließlich habe sie doch Michael, Kai, Thomas und Andreas gut gekannt, das seien doch niemals herzlose Rabauken gewesen, sondern halt Jungs, die sich eben einmal einen Spaß erlaubt hätten. Überhaupt man müsste doch auch einmal über die Stränge schlagen dürfen und im Grund sei doch so ein Baum mit Kondomen ein irrsinniger Spaß. Die Maibaumkönigin redete sich weiter in Rage und ich sah die schöne Frau an, längst nicht mehr 16 Jahre alt, wie sie da saß im Garten, Sonnenschein und Weißwein, mit zitternder Unterlippe und verschwimmenden Augen, mit dem gleichen klammen Gefühl in der Magengrube wie an jedem 1. Mai Morgen, an dem sie aus dem Fenster sah hinunter auf die Schandmaie des Jahres, um anderntags in die Schule zu gehen, an den kichernden, grinsenden, tuschelnden Gesichtern von Andreas, Kai, Michael und Thomas vorbei und auch an Paul und Peter, die doch die Matheprobe von ihr abschrieben an allen anderen Tagen im Jahr. Vorbei auch an der blonden Königin, mit sechs Maibäumen im Garten und einem Monat Zeit, sich zu überlegen, wer sie wohl auf ein Eis einladen dürfte und wer wohl auf eine Pizza und wer dann im Sommer das Privileg erteilt bekäme, sie zum Baggersee zu kutschieren. Aber die Frau mit den Sommersprossen auf der Nase sagte nichts weiter, schon drehte sich das Gespräch weg vom Maibaum und hin zu fiesen Professoren, und den bevorstehenden Prüfungen. Aber ich, die ich doch nur des F. wegens eingeladen war, mich befiel eine so plötzliche Übelkeit, das ich aufstand und davonlief, weg vom Gartentisch, der Maibaumkönigin, den Freunden hinaus auf die Straße und immer weiter die Straße hinunter, die in einem Parkplatz endete, kein Baum und Strauch weit und breit. Der F. aber fand mich und strich mir über den Rücken. „Wir müssen nicht zurück gehen, hörst du?“ sagte er und ich nickte. Die Maibaumkönigin und auch die wunderschöne Frau mit den blauschwarzen Haaren habe ich wirklich nie wieder gesehen. Ob der F. noch manchmal von ihnen hört, habe ich ihn nie gefragt.“

Schon aber sind wir auf dem Dorf angekommen, der Tierarzt stellt den Motor aus und legt seine Hand auf meine, die noch immer sein Knie festhält. Die Dorfstraße liegt still in der Mittagssonne, die Schafe stehen hinter dem Haus, der Flieder geht langsam auf hoch über dem Dorf allein St Sylvester und nirgendwo in einem Garten ist ein Maibaum zu sehen.

 

Wenn er kommt

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Manchmal aber wenn ich auf dem alten roten Fauteuil sitze und alles ist still, selbst auf der Straße kein Hauch, keine Autotür klappt, die Kirchturmuhr schweigt, das Telefon bleibt stumm und ich halte nichts in den Händen selbst das Buch ist mir den Schoß gerutscht, und ich sehe aus dem Fenster in die Wipfel der alten Kiefer, durch die Wind normalerweise fegt und sehe so vor mich, ohne Sinn und ohne Verstand, dann frage ich mich doch wie es wäre, wenn er denn käme.

Nein, zu mir käme er wohl nicht als der kleine und schnelle Jenö Lakatos mit seinem Vertreterkoffer voller falscher Korallen und den Hosenträgern bis über den Bauch und ich bezweifle auch sehr, dass der dort im Eck mit überschlagenen Füßen säße, einem deutschen Philosophen ähnlich wäre. Der deutsche Philosoph erschien mir immer zu träge und auch zu behaglich, schlecht angezogen zudem mit einem braunen Pullover über dem karierten Hemd, um dem zu ähneln, von dem wir nicht wissen, ob er nicht auch über uns eine Liste führt. Einen Pudel hätte er keineswegs, denn ein Pudel reizte mich zum Lachen und ich weiß es genau, ich wäre spöttisch und er wäre verstimmt. Nein, ein hagerer hochgewachsener Mann säße dort auf dem Sofa neben dem Beistelltisch mit den zu vielen begonnen Büchern, den Notenblättern und den drei Rosen im Glas. Eng geschnittene, schwarze Hosen hätte er wohl an, dazu eine schwarze Bluse mit Knöpfen aus Perlmutt und einem spanischen Kragen aus Seidenspitze dazu. Einen Mantel trüge er wohl aus schwerem Kattun, verschlossen nur mit Hilfe einer Brosche, deren Initialien ich nicht zu entziffern vermöchte, so sehr ich es auch versuchte. Eine Zigarette zündete er sich an, meine Suche nach einem Aschenbecher aber, verwürfe er mit einer abweisenden Handbewegung. Schmale, lange Finger und endlich sähe ich auch seine gelblichen, ein wenig splittrigen Zähne. Setzen Sie sich doch, sagte er mit kühl-scharfer Stimme, so als sei er hier zu Haus und nicht. So sänke ich zurück auf das rote Fauteuil und er sähe mich an. Schöne stahlblaue Augen hätte er, aber ganz sicher wäre ich mir nicht, mag sein, dass seine Augen auch jadegrün oder rubinrot glänzten: je nachdem. Aus dem Mantel aber zöge er eine Flasche Wein: „Ob auch ich ein Glas tränke?“, fragte er mich, doch ich verneinte. Mit einem Fingerschnippen bloß löste sich der Korken und schon stünde eine Glas aus böhmischen Kristall vor ihm auf dem Beistelltisch, gleich neben den Noten. Seine Schuhe aber enge und spitze Schnürstiefel, klein und doch ungleichmäßig groß glänzten im Sonnenlicht. Maßanfertigung, sagte er und ich, die ich meine Zunge niemals und schon gar nicht wenn es um das Ganze geht, im Zaum zu halten wüsste, fragte: „Zur Schonung des Pferdefußes?“ Er verzöge wohl etwas mokiert die Brauen, ob ich glaubte er sei zu Fuß gekommen?“ Ich zuckte mit den Schultern , er straffte sich, leerte das Glas in einem Zug, zöge ein Notizbuch aus den Falten des Mantel hervor und nickte mir zu: Er sei in geschäftlicher Sache zu mir gekommen. Warm würde es plötzlich im Zimmer, nicht aber weil die Märzsonne so heftig durch die Fenster bräche, sondern wohl seinetwegen. „Ich bin eben ein Höllensohn“ sagte er und schlüge den Mantel ein wenig zurück.

Leise spräche er und fast ein wenig heiser: Der Idealismus der einen, sei fast so arg wie die Nachlässigkeit der Anderen. Denn die Welt faule von innen her, welchen Anstrich man ihr gäbe, ich sei doch verständig genug, spielte keine Rolle. Die Freiheit sei immer nur die Unfreiheit der Anderen und überhaupt seien die meisten ohnehin mit anderen Dingen beschäftigt. Alternativen gäbe es keine: Der Sozialismus sei einmal eine Romanze gewesen, eine mädchenhafte Verirrung fast und hier lächelte er, schon aber sei die und schließlich auch die Gewalt mit ihm gekommen, denn die kalte Logik allein, aber den Menschen noch nie vor Fehlern bewahrt. Dafür seien Gedichte da und auch die meist herzlich schlecht. Von roten Nelken halte er nichts und wie auf Befehl zerkrümelte die Rose endgültig, auch ohne, dass er sie berührte. Der Kapitalismus hingegen und er schüttelte den Kopf habe nie die besten Köpfe angezogen, sondern nur die mit der größten Gier. Aber auch die sein kein guter Ratgeber gewesen und das dumme Sprichwort vom aufhören, wenn es am Schönsten ist, sei nicht nur dumm, sondern auch eine einzige Begriffsstutzigkeit: Erfolg verführe zu Hochmut und noch niemals habe der Schöne sich um die Hässlichkeit verdient machen wollen. Sicherheiten gäbe es keine, dass müsste ich doch wissen. Sicherheitsgurte, doppelte Böden und hier keckerte er eine Hausratsversicherung gar, verzögerten das Unausweichliche nur, verlängerten die trügerische Sicherheit und seien doch immer Teil des Fehlers und niemals seine Lösung. Er lachte wieder und zeigte auf die vier Sparbücher für Neffen und Nichten. Ob ich gar so naiv wäre, deren Wert für real zu halten, ich müsse begreifen, dass morgen schon die Sparbücher nichts weiter wären als ein Haufen loses Papier. Ich solle ihn verschonen mit den schönen Künsten, getanzt würde immer ob nun zu einer Chaconne oder einem Lied aus der Konserve. Einen Unterschied hätte es nie gegeben und er schüttelte fast ein wenig bedauernd den Kopf: weder die Kunst noch die Liebe bewahrten uns vor uns selbst oder dem anderen. Noch im Rettungsboot auf eisiger See hätten Menschen Choräle gesungen, erfroren und ertrunken seien sie ohnehin. Der Unterschied sei ein theoretisches Problem und natürlich, das sähe er ein müssen Bücher geschrieben werden, warum dann nicht auch über den Bau von Booten? Langsam fährt er mit den spitzen Fingern über das zarte Glas, ob einen nun die kleine Meerjungfrau verlasse oder die schöne Müllerin, sei bedauerlich aber anderseits völlig einerlei. Für einem Moment ist mir, als würde er weinen, aber geblendet vom grellen Licht wüsste ich es nicht zu bezeugen. Es gälte nun, sagte er plötzlich laut und vernehmlich, das Leben bei den Hörnern zu packen, Champagner in Flaschen und die Hemmungen hinter der Haustür zu lassen, denn den Untergang hieße es mit beiden Händen zu umarmen. Schon läge vor mir, ohne das ich eine Hand hätte kommen sehen, ein Zettel vor mir, ein Vertragsdokument ganz eindeutig. Ab dato recessi stünde ganz oben auf dem schweren, weißen Papier. Beinahe lächelte er wohl mit seinen scharfen, splittrigen Zähnen und versicherte mir, er werde mit dem Lohn nicht geizen und anzüglich schnalzte er wohl mit der Zunge.

„Verschwinden Sie“, würde ich wohl rufen wollen, doch ihn kümmerte das wenig, schon wieder langte er in den Mantel zur Flasche, und nähme meine Hand in seine, küsste sie ruhig und sein angenehm warmer Atem, erinnerte mich an einen anderen Mann. Er wisperte mir wohl etwas ins Ohr von kommenden Tagen und Nächten aus klirrendem Gold. Das Blut rauschte mir durch den Kopf, zog er mich nicht schon an seine Brust?
Doch plötzlich schlüge die Balkontür zu, das Telefon klingelte wie üblich und im Hausflur Bewegung, die Kirchturmuhr schlüge schon Drei. Allein wäre ich wieder im Zimmer und so lange ich auch suchte, den Vertrag fände ich nirgendwo, die Flasche das Glas und auch der Besucher spurlos verschwunden, im Zimmer kein Schwefelgeruch, sondern süßer Maiglöckchenduft. Die drei Rosen im Glas jedoch wären auf einmal welk und vergangen.Warm wäre mir, die ich doch jahrein, jahraus friere ,geradezu heiß.

Der Stein des Anstoßes.

Meine Großmutter praktizierte nur für kurze Zeit in der Poliklinik der kleinen Stadt, in der sie lebte. Bald schon eröffnete sie eine eigene Praxis, zum Entsetzen des Direktors der Poliklinik. Ihre Approbation hatte meine Großmutter schließlich in Israel erhalten, ihren Facharzt am Hadassa-Hospital in Jerusalem gemacht und ihre Doktorarbeit zu einen Zeitpunkt verteidigt, als die DDR- Führung Frauen riet doch Traktoristin zu werden. Meine Großmutter hängte ein Bild von Magnus Hirschfeld in den Praxisraum, befestige ein Schild mit ihren Sprechzeiten an der Tür und kaufte ein gebrauchtes Vorkriegsmotorrad für Hausbesuche. Aus dem Fenster ihres Sprechzimmers konnte sie das Haus des Poliklinikdirektors sehen. Der Direktor der Poliklinik ließ Jalousien an seine Fenster anbringen um den Stein des Anstoßes, die Privatpraxis auf der anderen Marktseite nicht sehen zu müssen. Meine Großmutter machte die Fenster auf. „Frische Luft“ das war ihr stetes Credo „hat noch niemals geschadet.“ Am Anfang sah sie lange auf den Marktplatz, denn der Direktor der Poliklinik wollte ein Exempel statuieren, aber die Ausstattung der Poliklinik war schlecht und meine Großmutter hatte Medikamente aus dem Westen, einen sauberen Kittel und ehe man sich versah, war meine Großmutter Frau Doktor geworden und die Praxis von nun an immer voll.
Der Direktor der Poliklinik hasste meine Großmutter von ganzem Herzen. Meine Großmutter winkte ihm vom Motorrad aus zu. Sie trug maßgeschneiderte Lederhandschuhe , die ihr eine Patientin ohne Geld aber mit schwerer Diabetes schneiderte. Der Direktor der Poliklinik schäumte: „Dekadenz und Bourgeoisie.“ Meine Großmutter kräuselte ihre Oberlippe. Schon mit sechs Jahren hatte sie doch beherzt zur Küchenschere gegriffen und sich die schweren Zöpfe abgeschnitten. 1928. Ihr Vater war begeistert: „Die moderne Frau.“ Er ging mit ihr zum Friseur und sie bekam einen Bubikopf. In der ganzen Stadt ging er damals herum mit dem sechsjährigen Mädchen auf seinen Schultern: „Das Mädchen wird Matura machen.“ Er würde Recht behalten. Der Direktor der Poliklinik besorgte Lederhandschuhe aus dem Intershop für seine Frau. Meine Großmutter stellte seine Geliebte als Arzthelferin ein. Der Direktor schäumte. Meine Großmutter behandelte die Migräne seiner Frau: „ Der Herr Direktor darf davon nichts wissen.“ Meine Großmutter hielt still. Die Geliebte des Direktors bekam ein Kind. Der Herr Direktor wollte davon nichts wissen. Meine Großmutter besorgte einen weinroten Kinderwagen aus dem Westen, der in ihrem Fall eben Israel hieß. Die Jalousien im Haus gegenüber aber blieben unten. Meine Großmutter stellte einen jungen Mann ein, der als systemkritisch galt. „Was wollen sie mit dem?“ fragte der Direktor der Poliklinik. Meine Großmutter zog die linke Augenbraue nach oben. „Es braucht gutes Personal, eine Praxis zu führen.“ Der Direktor schlug die Tür hinter sich zu.
Der junge Mann aber übernahm die Anmeldung, vergab Termine, putzte das Messingschild vor der Tür und heiratete schließlich die Geliebte des Direktors. Der Direktor der Poliklinik schickte keine Blumen. So vergingen die Jahre, der Direktor der Poliklinik nahm sich eine neue Geliebte, die Arzthelferin bekam ein zweites Kind und an jedem 8. März sperrte meine Großmutter am Nachmittag die Praxis zu. Ihre Mitarbeiter aber lud sie ein zu sich nach Haus zu Sachertorte und Kaffee. Der Direktor der Poliklinik aber berief an jedem 8. März eine Versammlung der Poliklinik ein. Eine Tasse Kaffee und zwei Schinkenbrötchen pro Frau. So stellte sich der Staat der Werktätigen, Großzügigkeit vor. Lange Reden und kleine Prämien. Der Direktor aber der sich eins, zwei, drei, mehr Schnäpse in den Kaffee goss, schrie je länger der Abend dauerte, umso lauter gegen meine Großmutter an, die sich mit ihrer privaten Praxis am anderen Ende des Marktes als wahrer Schädling des Volkes erwiesen hatte, keine sozialistischen Werte verinnerlichte, dekadent sei und sich nicht einmal am Internationalen Frauentag solidarisch zu den Werktätigen verhalte. Meine Großmutter servierte derweil Kaffee in Meißener Tassen, mein Großvater spielte Klavier und die Kinder spielten Ball im Garten. Der Direktor der Poliklinik machte anzügliche Witze, und lachte laut über den Mann an der Anmeldung. Über sein Kind schwieg er sich aus. Wieder verging Zeit, am 8. März des folgenden Jahres saß meine Großmutter zum letzten Mal mit ihrer Arzthelferin, ihrem Mann und den beiden Kindern bei Kuchen und Kaffee zusammen. In der Nacht verließen sie das Land. Republikflucht, nannte man das im solidarischsten aller Länder, natürlich wurde das Paar verraten, denn nichts blieb verborgen in diesem Land, das mit besten Wissen und Gewissen, und ganz nach Belieben Menschen zerbrach, im Zeichen der internationalen Solidarität. Nur der Frau und ihren beiden Kindern gelang die Flucht. Ihren Mann aber fand man erhängt in seiner Zelle. Am nächsten Morgen durchsuchte die Staatssicherheit die Praxisräume. „Beihilfe zur Republikflucht.“ Grinsend sahen auch der Direktor der Poliklinik und seine Frau zur Tür herein. Das Gesicht von Magnus Hirschfeld hatte einen Sprung. Meine Großmutter trug es zum Glaser. Als sie schließlich aus dem Gewahrsam der Polizei entlassen wurde, räumten ihr Mann und sie die Praxis auf. Im Haus des Direktors der Poliklinik brannte noch immer Licht. Anderntags sperrte sie die Praxis wieder auf. Die neue Arzthelferin und die neue Sprechstundenhilfe und alle die ihnen folgten in den nächsten Jahren, die bald Jahrzehnte wurden, berichteten direkt an die Stasi und dem Direktor der Poliklinik, der ja nicht umsonst in die Staatspartei eingetreten war. Das Bild Magnus Hirschfelds aber blieb den Arzthelferinnen und auch der Stasi ein Rätsel. Sie vermochten einfach nicht herauszufinden, wer der Mann auf dem Bild gewesen sein könnte. Einmal fragte die Frau des Poliklinikdirektors, die noch immer ihre Migräne bei meiner Großmutter behandeln ließ. Meine Großmutter aber antwortet: „Ein Mann aus einem anderen Deutschland.“ In der Stasiakte hieß bald darauf: Die Ärztin stellt imperialistische und klassenfeindliche Propaganda in ihren Praxisräumen zur Schau. Meine Großmutter lachte und warf die Briefe, die ihr in dieser Sache zugingen, ungeöffnet in den Papierkorb.
Noch immer sperrte meine Großmutter ihre Praxis an jedem 8. März zu, aber die Arzthelferinnen und ihre Familien lud sie nicht mehr zu sich nach Hause ein. Die Arzthelferinnen erbaten sich von meiner Großmutter doch an den Feierlichkeiten zum Internationalen Frauentag in der Poliklinik teilnehmen zu dürfen. Meine Großmutter hielt niemanden von Schinkenbroten ab. Der Direktor der Poliklinik lobte den ehrlichen, sozialistischen Ethos der Arzthelferinnen. Eine Prämie bekamen sozialistisch akkurat die vorwiegend männlichen Kollegen und die Frauen warme Worte.
Meistens sperrte meine Großmutter am Abend des 8. Märzes noch einmal ihre Praxis auf,selten habe sie so viele betrunkene Männer auf den Straßen gesehen, wie am Internationalen Frauentag sagte sie, denn dem Brigadeethos der Männer ihren weiblichen Kolleginnen gegenüber sei nicht so sehr mit sozialistischem Schwung denn mit Alkohol auf die Sprünge geholfen worden und meine Großmutter klammerte eben die Wunden. Irgendwann wankte auch der Direktor der Poliklinik gestützt von seiner Geliebten über den Marktplatz seinem Zuhause zu, hinter den Jalousien die Ehefrau mit Hauptweh im Bett. Noch in der Nacht des Mauerfalls aber sagte meine Großmutter mir, habe der Direktor der Poliklinik die Stadt verlassen und auch seine Frau habe nie wieder von ihm gehört.

Drei Jahre, danach.

An der Tür gibst du mir die Wohnungsschlüssel. Ich nicke und Du sagst nichts. „Ich melde mich“ sage ich und stehe noch einen Moment vor dem Haus. Kalt ist es, ein feuchter Nebel legt sich über alles und verschluckt bald schon dich. Ich drehe den Schlüssel in meinen Händen und gehe hinauf. Die ganze Wohnung ist schon leer. Nur dieses eine Zimmer ist noch immer verschlossen, noch immer da. Ich stecke den Schlüssel ins Schloss. Drei Jahre hat er bei mir im Schlüsselkorb gewartet, hat gewartet auf diesen Tag. Auf den Tag an den du mich anrufen würdest und sagtest: „Kannst du kommen“ und schon vor drei Jahren wusste ich, von wo auch immer, ich würde kommen.

Der Tag an dem du mir den Schlüssel gabst, war ein heißer, stickiger Junitag. Wir, die mit dir auf dem Friedhof standen, schwitzten in schwarzen Kleidern und Anzügen. Der Pfarrer fragte mit balsamierter Stimme: Wie beerdigt man ein Kind?“ Dann folgten lauter banale Sätze, die nichts mit deinem Kind und nicht mit dir und nichts mit uns allen zu tun hatten, die so obszön und falsch waren, wie die brennende Sonne, die uns alle schwindelig machte. Vielleicht war dieser bodenlose Schwindel das einzig angemessene Gefühl. Damals in den dunklen Wochen, die kamen, gabst du mir den Schlüssel zu seinem Zimmer. Ich verstand und ich sagte: ich werde kommen. Du gingst, fort aus Berlin, und natürlich ging alles unter. Deine Frau ging, dein Beruf ging und wir ich weiß nicht, ob wir dich hätten enger bei uns halten sollen, aber da warst du schon fort und immer wieder hörte ich von Dir aus Canada oder Neuseeland und irgendwann erzählte mir F., dass du wieder als Arzt arbeiten würdest. Ich wartete und du riefst an. Ich drehe den Schlüssel im Schloss herum und als ich die Tür öffne fliegt ein Krähenschwarm nach oben. Ich sage den Namen deines Kindes, das doch nicht denken soll, es würde nicht gefragt. Ich muss üben bis mir sein Namen wieder von den Lippen kommt und ich stehe im Türrahmen und sage: „Mäuschen, erinnerst du dich noch an mich, ich bin es Read On, die für dich das Faultiergesicht machte, diese schreckliche Grimasse über die du dich kringeln konntest vor lachen. Ich glaube du erinnerst dich. Ein halber Sonnenstrahl im Fenster. Mäuschen, sage ich, komm wir machen das zusammen und dann stehe ich im Zimmer. Drei Jahre. Auf dem Schrank sitzt das Äffchen, das schenkten F. und ich dir zur Geburt und es guckt so drollig ganz genau wie du. Die nächsten Stunden packe ich Kinderkleider ein, staple Bilderbücher in Kartons, sortiere Spielzeug in Kisten und erzähle mit dir Mäuschen, denn nichts ist unangenehmer als wenn jemand ungefragt in den eigenen Dingen wühlt. Ich erzähle dir von deinem Vater mit dem ich damals dein Zimmer strich und der die weltbeste Bolognese kochte. Ich erzähle dir alles was ich weiß von ihm und das ist weniger geworden in den letzten Jahren, aber niemand Mäuschen hat ein Recht so viel zu wissen, wie nur du. Unten auf der Straße kommt die Müllabfuhr und ich baue dein Bett auseinander. Du hast nicht gern in ihm geschlafen und das kann ich gut verstehen, denn als ich so klein war, wie damals du, schlief ich am liebsten neben meiner Großmutter und niemals habe ich besser geschlafen als neben ihr. Du warst ein weise Kind und schliefst wie alle Kinder es tun am liebsten und besten neben deinen Eltern ein. Ich nehme das Äffchen vom Schrank und es baumelt mit den Beinen. „Mäuschen“ sage ich und denke an dich, denke nur an dich, das ist der Schrank schon ein Berg voller Leisten. Denke an die quälenden Nächte im Krankenhaus und dein kleines Gesicht, so verloren und so unendlich mutig. Immer verlangtest du nach dem Faultiergesicht. Für niemanden, habe ich es seitdem gemacht und die Nichtenkinder gaben irgendwann auf. Das war mein Gesicht für dich und im leeren Zimmer mache ich es wieder für dich und für dich allein. Du lachst. Ich wusste es. Bilder, dein Lieblingsbuch, ein paar Sachen und Lieblingsstücke, kommen in einen extra Karton. Eines Tages, Mäuschen, es ist nur ein Frage der Zeit, kommt er zurück zu deinem Vater und deiner Mutter. Sie werden mich schelten, dass ich genau das Falsche behielt. Wie immer Mäuschen bin ich auf deine Nachsicht mit mir angewiesen. Irgendwo im Haus spielt jemand für Elise. Ich singe es also mit für dich. Damals Mäuschen, als da so viel Schmerzen waren in dir und wir so hilflos vor dir standen, da sangen wir alle wechselnd Nacht für Nacht. Wir singen anders heute und Mäuschen, wir singen lauter heute, damit du uns auch hören kannst. Dann kommen die schweren Jungs, die Karton um Karton verladen und in ein Kinderheim fahren. Du warst ein so großzügiges Kind und niemals habe ich dich sagen hören: „Meins“.

Die Kartons sind verladen und ich unterschreibe einen Zettel, den ich nicht wirklich sehe und dann ist der Raum leer, bis auf das Äffchen und Dich und dich und immer so weiter.Eine Taube gurrt auf der Fensterbank und ich denke an dich und denke und denke. Danke Mäuschen, sage ich dir noch einmal ins Ohr. Den Schlüssel lasse ich in der Kinderzimmertür und die Tür bleibt offen. Erst unten bei den Mülltonnen, weine ich und denke, damals in dieser klebrigen Hitze, dass ich hätte nach vor gehen müssen und dem schauderlichen Pfarrer hätte zur Seite drängen sollen, denn niemand kann ein Kind begraben, niemand kann Dich Mäuschen beerdigen, niemand kann über die Leere hinwegkommen, die ist seit dir und niemand hätte das über dich, dich lachendes, gurrendes, singendes Kind je sagen dürfen. Erwachsene glaube ich versagen immer an den wirklich entscheidenden Stellen, aber Mäuschen wir sind voller Sehnsucht nach Dir und später sitzen dein Vater und deine Freunde zusammen, deine Mutter ruft an und alle, Mäuschen, wir alle sitzen und lachen und weinen und irgendwo sitzt du, in der Mitte immer da, wo man am besten sieht, am sichersten schläft, alles hört und umgeben ist, von immer warmen Händen, unsere Hände, Mäuschen suchen nach dir und werden dich finden.

Gelber Sand

img_1012Nach fünf Jahren ein Wiedersehen. Da stehst du also, ganz in grau. Graue Flanellhose, eine dicke, graue wattierte Jacke, ein grauer Schal fest um dich gewickelt und für einen Moment bin ich mir nicht sicher, ob Du es bist. Denn wer im Krieg auseinandergeht- im Süd-Sudan- der achtet auf vieles, aber nicht auf gebundene Schnürsenkel oder abgestimmte Farbverläufe. Langsam gehst du die Straße hinunter, auf mich zu, zwar nicht in grau, aber in rot blau gestreift, an der Straßenecke steht und wartet. Blaue Stiefel, ein blau-rot- gestreiftes Kleid, ein dicker blauer Mantel, blau-rot kariert. Deine Email las sich als seien wir Schulfreunde: Liebe Read On, ich bin auf drei Tage geschäftlich in Berlin, vielleicht reicht die Zeit für ein Essen? Ich antworte wie eine Schulfreundin: Lieber Freund, bei mir ginge eigentlich nur der 12. Januar ab 19 Uhr? Aber lass uns doch telefonieren. Du antwortest nicht wie ein alter Schulfreund. Du schreibst einfach Ja. Ich schreibe dir die Adresse des Restaurants und dann sehe ich dir zu wie du die Straße hinunterläufst. Im Zeitungskiosk liegt der Lettre International. Warum der Süd-Sudan das übelste Land der Welt ist, verspricht ein Autor zu erklären. Ich drehe mich weg und dann stehst du vor mir. Tief in den Taschen sind deine Hände vergraben. Ich muss mich auf die Zehenspitzen stellen, um dich zweimal rechts und zweimal links zu küssen. Ich muss die Augen schließen, denn auf einmal riecht die Straße nicht mehr nach Berlin im Januar, sondern nach gelbem Sand und verbrannten Gummireifen. „Es ist hier drüben, sage ich“ und du nickst. Das Restaurant ist fast leer. Nur ein russisches Pärchen sitzt am Tisch gegenüber. Er trägt ein enges und glänzendes Hemd und telefoniert. Seine schöne Freundin, die eine Pelzmütze auf dem Kopf trägt, obwohl es recht warm ist und Gianni noch Kerzen bringt, zieht sich die Lippen nach. Wir trinken Eiswasser mit Zitronenscheiben und Gianni bringt Rosamarinbrot  und erzählt von seinem Ärger mit Anna, der Köchin und dem Bandscheibenvorfall seiner Mutter. Du sitzt schweigend dabei und fährst mit der Hand über die rot-weiß karierte Tischdecke. Dann muss Gianni, Prosecco für das russische Paar öffnen und du erzählst mir von deiner Geschäftsreise. Ich nicke, und kann mir dich nicht als Handelsreisenden vorstellen. Du ziehst dein Ipad aus der Tasche und zeigst mir Frau und Kind. Ich nicke und bewundere Frau und Kind. Hübsch und ach und zauberhaft und ach und wunderbar und ach und freut mich sehr. Du wiederholst dich: „Alles ganz normal“, sagst du und Bild um Bild voller Normalität zieht an mir vorbei. Ich sehe gelben Sand und die Zeltstadt, dich zwischen zertretenen Plastikflaschen und Müll, die endlose Schlange aus Menschen, die immer länger wurde und über allem der sich vorwärtsschiebene Geruch des Krieges, der näher und näher rückte, auf Toyota Trucks mit den Kindergesichtern, die Maschinengewehre in den Händen hielten und überall und immer wieder die brennenden Reifen. „Ganz normal, alles ganz normal“ sagst du und nickst bekräftigend. Ich nicke mit und sehe weiter auf die Bilder, die Frau und Kind und dich Ski fahrend, badend, grillend, Haus bauend und lachend zeigen. Wunderbar, sehr schön, wirklich ganz herzig, höre ich mich sagen. Das Pärchen vom Nebentisch isst Muscheln und die Muschelbrühe macht mich schwindelig. Gianni bringt Feldsalat mit Calamretti für dich, mit Leber für mich. „Das ist sehr gut“, sagst du und Gianni strahlt. „Alles ganz frisch“ sagt er und schimpft über Anna, die den Schwertfisch verdorben habe. Ich sehe auf deinen fehlenden Daumen, denn der blieb zurück, blieb mit so vielen anderen Dingen im übelsten Land der Welt würde der Autor sagen und sagt es vielleicht nur, weil er den gelben Sand zwischen den Zähnen nicht ertrug. Alles frisch also heute Abend und alles normal. Zögernd siehst du mich über das Wasserglas an. Ich sehe weg. Da fällt doch gelber Sand aus deinen Haaren. Auf der Straße, die jetzt gegen halb zehn dunkel ist, fällt geduldig der Regen. Unter den Bögen der U-Bahn, die hier oberirdisch verläuft, am Straßenrand stehen die Prostituierten. Eine Frau, enge Glitzerjeans und eine bonbonfarbe Bomberjacke zu blondierten Haaren macht einen Kussmund, nicht nur für die Autos, die anhalten sollen, sondern für ihr Telefon, hier unter der Laterne, prüft sie ihre Lippen, variiert den Blick und dann erst drückt sie den Auslöser. Vielleicht behält sie das Bild für sich, vielleicht gibt es einen Mann in Bukarest oder einen kleinen Sohn in Warschau: „Mama liebt dich.“ Dann schiebt sie ihr Telefon in die Hosentasche und dreht sich zurück zur Straße. Alles ganz normal.

Wir wissen nichts über die Geschichten der Anderen und die Geschichten der Anderen, die mit der eigenen im gelben Sand vergraben liegen, sind gut verborgen. Du fährst dir durch das Haar und ich sehe auf die Uhr.“ Morgen ist ein langer Tag“, sage ich und du nickst. Ich bezahle und küsse erst Gianni, dann Anna und schließlich noch einmal dich. Da sind wir schon vor der Tür. Das russische Pärchen hat gerade Kaffee bestellt: „Dreh dich nicht um“, sagst du, „das war dein letzter Satz.“ Dann streichst du mir mit dem was von deinem Daumen noch übrig ist, über die Wange und ich sehe dir einen Moment zu lang in die Augen. „Dreh dich nicht um“, sagst du noch einmal und ich halte deinen Daumen an meine Wange gedrückt. Dann kommt dein Taxi. „Auf bald einmal wieder“ sagen wir, als seien wir Schulfreunde. Die Frau unter der Laterne mit ihrer glitzernden Bonbonjacke, beugt sich zu einem Autofenster hinunter, ich dreh mich nicht um. Zurück im Wald, niemand ist mehr auf der Straße, fällt, ich bin mir ganz sicher, gelber Sand aus meinen Stiefeln.