Eine halbe Morgenstunde

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Morgens, kurz vor halb sechs für vier Minuten auf den Balkon. Noch liegt die Nacht mit beiden Armen und gebeugtem Kopf über der Straße. Auf Zehenspitzen also, denn die Nacht soll man nicht wecken, Körner streuen für die alte Freundin Wildtaube, die seit Jahren schon mit Leinenserviette unter dem Flügel früh am Morgen auf dem Balkonsims, erst frühstückt und dann die Zeitung liest. Ich aber die Kälte der Nacht noch unter den Sohlen, leise und die knarrenden Dielen auslassend also ins Bad. Kalt läuft mir das Wasser über die Hände, selbst die Kiefern vor dem Badezimmerfenster schütteln den Kopf. Gänzlich unerwartet aber sitzt du mit angezogenen Knien auf der Fensterbank. Legst mir eine Hand zwischen die Rippen. Fällst mit deinem Kopf auf meinen Rücken und wanderst mit deinen Händen bis hinter mein Ohr. Merkwürdig ist das flüsterst du leise und deine Hand hält meine Rippen fest, dass du dich nicht vor kaltem Wasser erschrickst, aber immer vor warmen Händen. „Ich bin nicht handzahm“ sage ich und du lachst leise , „Nein, sagst das bist du nicht, deine Rippen noch scheuen zurück“, du ziehst die andere Hand aus meinen Haaren zurück, mir tropft kaltes Wasser vom Gesicht über die Zehen und du hältst mir das Handtuch hin. Die andere Hand aber wandert noch einmal von den Rippen den Rücken hinauf und bleibst dort liegen. Ich putze die Zähne, und du sitzt auf der Fensterbank mit wippenden Beinen, siehst mich Wasser trinken aus dem Hahn, immer ein wenig zu gierig, eine alte Gewohnheit aus einem anderen Land, da versiegte der Hahn auch schon früh am Morgen und ich habe das nie vergessen können. Ob aus der Wasserflasche, der Karaffe oder dem Hahn am Morgen, das erste Glas Wasser muss ich herunterstürzen, der ewige Durst jener Jahre lebt immer noch in mir, lebt vielleicht genau zwischen den Rippen, auf denen deine Hand noch immer liegt. Eine Spur des verschütteten Wassers bleibt auf den Fliesen zurück. Ausziehen, den Morgenmantel an den Haken. Kommode auf. Kommode zu. Alles unter deinen Augen, die Kiefernzweige können an mir nichts mehr Finden. „Störe ich dich?“ fragst du. „Ansichtssache“, sage ich und wieder lachst du und wieder wandern deine Hände von meinem Schlüsselbein zu meinen Rippen. „Ich weiß“ nicht sage ich, ob du dich an mir festhalten kannst. Du nickst und dein warmer Atem legt sich zu meinen kalten Rippen. Dann Strümpfe und Kleid, um endlich die Haare zu entwirren, du wärmst dir das Wasser für die Rasur, wickelst dich in meinen Morgenmantel, gähnst und lachst schon wieder:  „Deine Rippen, sagst Du sind selbst in diesen Mantel eingegraben.“ „Mag sein sage ich“, lege die Uhr um, denn die Uhr tickt, vielleicht auch zwischen meinen Rippen. Ich nicke der alten Freundin Wildtaube zu, die geruhsam Körner pickt, setze Wasser auf, hole die Zeitung herein, als der Wasserkessel gerade pfeift. Drei Löffel Kaffeepulver in die eine Kanne, zwei Löffel Tee aus der silbernen Dose in die alte Kanne, Müsli in die Schalen, die Zeitung aufgeschlagen, Apfel und Banane in die Tasche geworfen, die Schuhe geputzt, zwei Seiten Zeitung, Kaffee und Tee aufgiessen, den letzten Granatapfel aufschneiden, du pfeifst aus dem Bad, ich trage dir eine Tasse hinüber, aber schnell nur im Vorüberlaufen eben, deine Hände sind beschäftigt, meine Rippen atmen auf. Schlüssel und Telefon, dann schlägt es Sechs Uhr. Die Nachrichtensprecherin verliest, dass der Journalist Deniz Yücel in Untersuchungshaft genommen wurde. In der Türkei fürchtet man sich vor Worten wie vor einem fliegenden Stein, sage ich dir und lege mir die Nachricht zwischen die Rippen, man vergisst so schnell. Du lehnst in der Tür und ich laufe los. Sieben Minuten nach Sechs, sagt die Uhr.

Atemzug

Nach der Nachtschicht gleich zum Flughafen. Die Idee sich noch für zwei Stunden aufs Sofa zu legen, ist schon lange verschwunden in der Nacht, hat sich aufgelöst und kommt nicht mehr zurück. Dafür steht der Tierarzt am Flughafen, ein stiller Schatten, ich sehe mich im Autofenster und sehe lieber nicht hin. Also Nachtdienst abstreifen, Taschen ins Auto und Taschen aus dem Auto heraus und den klapprigen, alten Volvo ins Parkhaus bringen. In den Glasscheiben des Flughafens spiegeln wir uns, der stille und verschwindend, dünne Mann und ich. Der Schatten im Spiegel verzieht spöttisch die Lippen: „du hast mir gerade noch gefehlt.“ Im Flugzeug kann ich nicht schlafen, zu nah sind die Bilder der Nacht und ich sehe in ein Buch hinein. Jede Seite ein Stück weiter weg von der Nacht? Kann man denn wirklich Seiten zwischen sich legen? Über Amsterdam färbt sich der Himmel lila. Der Tierarzt schüttelt denn Kopf als die Stewardess ihm ein Stück Kuchen offerieren will. Der Mann der am Gang sitzt, sieht den Tierarzt kopschüttelnd an. „Sie sind ja ein richtiger Hungerhaken“, bemerkt er und mustert den Tierarzt von oben bis unten. Seine Frau schreit vom anderen Gangplatz herüber: „Wegen Ihnen ist schlechtes Wetter, Sie haben nicht aufgegessen.“ Der Tierarzt sieht irritiert zu mir herüber. „Lassen Sie das doch „sage ich zu dem Mann und der Mann blafft: Sie haben wohl keinen Humor, was?“ Der Tierarzt fragt: „Finden die mich dick?“ Ich schüttle den Kopf. Man kann die Welt auch nicht im Flugzeug von sich fernhalten. Erst Frankfurt. Dann Berlin.

In der S-Bahn gibt Berlin alles. Flaschensammler streiten sich um zwei Sternburg Bierflaschen, die durch die S-Bahn rollen, ein Mann in Badeschlappen und Fellweste,aber ohne Hose schreit „Jesus liebt dich“, eine Gruppe betrunkener Australier schreit auch, aber mit Jesus haben sie es nicht so. Ein Straßenfegerverkäufer kommt mit seinem Hund. Ich krame nach Münzen und der Tierarzt will, dass ich dem Mann sage, dass sein Hund die Krätze hat. Ihr Hund hat die Krätze sage ich. Der Mann funkelt mich böse an. Dann entlädt sich ein Fluch von Schimpfwörtern über mir. Der Mann glaubt ich wolle seinen Hund entführen. Dann zieht er den Hund fort von mir. „Dit is Berlin“, sagt der der Tierarzt beeindruckt. Neben „Gesundheit“ ist dies des Tierarzts liebster deutscher Satz. Dann kommt eine Kindergartengruppe in die S-Bahn. Die Kindergärtnerinnen zählen durch. „Das ist jetzt Preußen in der DDR-Version“ sage ich zum Tierarzt, denn die Kindergärtnerinnen bellen „Zweierreihen“ und haben so schon den Kindergarten „Roter Stern“ auf die Zukunft einegschworen. Aber zacki-zacki Marcel ruft die Kindergärtnerin, Marcel aber inspiziert den Fußboden und die Kindergärtnerin schreit: „Pfui“ und „Schluss jetzt“. In der Berliner S-Bahn kann man so Deutsch lernen, dass man sich nach spätestens einer Woche als Offiziersanwärter melden kann. Dann am Grunewald vorbei und schon steigen wir aus, leiser Landregen.

Meine Augen tränen vor Müdigkeit. Zuhause angekommen, deckt der Tierarzt mich zu und setzt sich auf die Bettkante und legt mir die Hand auf die Stirn. Ich bin doch nicht mehr acht Jahre alt sage ich, aber der Tierarzt will davon nichts hören. „Mach die Augen zu sagt der Tierarzt“ und schon verschwimmt die Welt. Ich träume von einem Ozeandampfer, auf dem ich auf einem schlingernden Klavier Chopinwalzer spiele, denn nur die Musik so sagt mir der Kapitän hielte das Schiff über Wasser. Ich halte den Atem an und wache hustend auf. Einatmen. Ausatmen.Weiteratmen.
Inzwischen ist die Sonne über die Hausdächer gestiegen und sitzt mit baumelnden Beinen auf der Regenrinne. Unten im Garten sitzt der Tierarzt auf dem Gartenstuhl, die Füße verschränkt und die Augen geschlossen, die Hände hinter dem Kopf verschränkt, kahl ist der Garten noch immer, aber für einen Moment ist der Tierarzt kein Schatten, sondern einzig und allein goldenes, glänzendes, warmes Licht.

Ein Spalt im Universum

Manchmal verschiebt sich das Universum um einige Zentimeter und wer in den Spalt gerät, der sich dann auftut, der nehme sich besser in Acht. Mit dem Universum selbst sollte man es sich besser nicht verscherzen. Die Ursachen für ein missgestimmtes Universum kenne auch ich nicht. Mag sein, dass die Sterne sich beschimpfen, den Mond ein böser Husten plagt oder vielleicht G*tt selbst feststellt, dass die letzte Kopfschmerztablette von 2014 ist, aber das Universum ist uns keine Rechenschaft schuldig und so bleibt uns wohl nichts anderes übrig als die Zähne zusammen zu beissen bis das Universum sich wieder beruhigt.

Schon als ich in aller Frühe im Taxi zum Flughafen fuhr, schwante mir nichts Gutes. Nicht nur, dass das Taxi stank als sei es eigentlich ein Testlabor für die Konsistenz blauen Rauchs, nein der Taxifahrer selbst, der bellend hustete und in einem langen Monolog wirre Thesen über das Wesen des Rechtssatates aufstellte, dabei die Zähne bleckend als sei er eine Hyäne auf Urlaub, ließ mich weiteres Unbill erwarten. Natürlich stritt ich heftig mit dem Taxifahrer, der erregt aufs Lenkrad hieb über meinen Unwillen zu akzeptieren, dass die Todesstrafe doch die Lösung nahezu aller Probleme wäre. Dann machte ich das Fenster auf, um dem Qualm loszuwerden und mir war, als funkelte der Mond hämischer als sonst, aber ich mag mich irren, war ich doch abgelenkt von der Tirade des Taxifahrers. Auch auf dem Flughafen angekommen, wollte es nicht besser werden. Fliegt man sonst mit einem der ersten Flüge, ist es still und sehr freundlich, alle Welt gähnt, und überhaupt ist man nachsichtig und freundlich mit den eigenen Unzulänglichkeiten und denen der anderen alle Gürtel, Flaschen und Geräte preußisch-zackig in die grauen Wannen zu kippen. Gestern aber war alles anders. Kaum reihte ich mich in die Schlange ein brüllte und schrie ein Mann am Schalter auf die Schalterdame ein. Frechheit, Frechheit also und Unverschämtheit und Beschwerde bei allen Chefs aller Flughäfen, beim Regierenden persönlich ( er kenne den gut ), und ja wenn es sein müsse ginge er bis in die aller-allerhöchste Instanz ( wäre das G*tt und wie gut kann man diesen kennen? ), die Schalterdame sah den Mann müde an, wiederholte die 8kg-nicht 25kg für Handgepäckregelung und als das alles nichts nützte gegen den Beschwerdefluss und den Mann, der mit rotem Gesicht drohte und brüllte, blies sie rosa Blasen mit ihrem Kaugummi und dann kam der Mann vom Sicherheitsdienst und bald schon hörte man den Mann nur noch von Weitem schreien: Frechheit.

Im Flugzeug aber hat das Universum noch immer kein Nachsehen. Kaum sitze ich also und ziehe ein Buch aus der Tasche, nähert sich ein Mann. Ende dreißig mag er sein, einen Rucksack oder eine Tasche hat er nicht, dafür aber mehrere ALDI Plastiktüten, die er vor die Brust gedrückt hält und auf den Mittelsitz wirft. „Er sitze hier“, lässt er mich wissen und ich nicke. „Warum auch nicht, sage ich.“ Aber der Mann hat keinen Sinn für Späße, sondern verfrachtet einige der Tüten in die Anlagefächer, zwei Tüten aber behält er bei sich und als ich aufsehen, fällt mir auf, dass der Mann nur einen Schuh anhat. Nun bin ich so hemmungslos altmodisch, dass es mir der Trend zum Ein-Schuh natürlich entginge, aber verwundert bin ich doch, schließlich ist es noch immer erst Februar.“ Ihnen fehlt ein Schuh“, sage ich also zu dem Mann, der gerade sehr vertieft in einer der Tüten wühlt. „Auf meine Frage antwortet er zunächst nicht. Er sei Schriftsteller sage er und hält mir eine laminierte Broschüre hin: „Mein Kampf mit dem Andromedanebel“ oder so ähnlich lautet der Titel. 9 Euro das Stück, aber er würde sie mir auch für sieben Euro verkaufen. Ich lehne bedauernd ab und zeige auf mein Buch. Der Mann sieht mich verständnislos an, ungefähr so als hätte ich einen Zettel mit Lottogewinn zerrissen. „Ihr Schuh“ versuche ich es noch einmal, um es dann für die nächsten eineinhalb Stunden zu bedauern. „Mein Schuh“ echot der Mann. „Mir fehlt ja ein Schuh.“ Der Mann zieht daraufhin alle Tüten aus dem Gepäckablagefach nach unten und durchwühlt sie auf das Grundsätzlichste. Neben einer Tüte voller Müll ( alte Kabel, Bonbonpapier und verschiedene Kleidungsstücke ) sind alle anderen Beutel bis zum Rand mit Broschüren über Ufo-Invasionen und andere außerirdische Erscheinungsformen angefüllt. Ich wiederum krieche ganz Schatzsucherin auf dem Boden herum, um den zweiten Schuh etwa in einer der Vorderreihen zu lokalisieren. Als ich wieder auftauche ist mein Platz unter Broschüren und Müll begraben. Der Mann schwitzt inzwischen stark und wühlt weiter verzweifelt in den Tüten. „Hören Sie sage ich“, haben sie ihre Schuhe bei der Sicherheitskontrolle noch angehabt? Der Mann weiß es nicht. Er ruft seine Mutter an. Inzwischen drängen immer mehr Menschen in das Flugzeug und die Tüten belegen inzwischen zwei Sitzreihen. Die Mutter bläkt durch das Telefon: Ramon-Jürgen ick hab hier selbst ne Krise. Über den Verbleib der Schuhe weiß sie nichts beizutragen: Wie oft hab ick dir schon jesacht, du musst dich endlich selber kümmern?“ Der Mann springt auf und tippt wahllos Passagieren auf die Schulter: „Haben sie meinen Schuh gesehen?“ Ich werfe die Broschüren zurück in die Tüten. Die Stewardess schreit durch das Telefon: „Hat jemand einen weißen Turnschuhe in Größe 48 gesehen?“ Niemand hat einen Turnschuh gesehen und auch ein Anruf der Stewardess bei der Sicherheitskontrolle führt zu keinem Ergebnis. Der Schuh ist und bleibt verschwunden. Schließlich kehrt der Mann zurück und beginnt erneut in den Tüten zu graben. Ich sitze auf ungefähr zehn Zentimetern Sitzfläche der Rest ist bedeckt von den Habseligkeiten des Mannes neben mir. Der wiederum beginnt nun zu weinen ob des verlorenen Schuhs. Ich suche hektisch nach Taschentüchern und finde natürlich nur Kopfschmerztabletten ( abgelaufen natürlich seit 2014, da sage noch einer G*tt habe keinen Humor.) Der Mann schluchzt und ich finde endlich die Taschentücher. „Finden sie den Schuh“ flehe ich die Stewardess an.“ Die Stwardess sieht verstört auf den Mann und die Broschüren hinab. „Andromeda-Nebel“ sage ich, 9 Euro, die Stewardess verspricht ihr Bestes zu tun. Der Mann inzwischen etwas beruhigter, rennt wieder durch das Flugzeug und befragt jeden nach dem Verbleib seines Schuhs. Ich hingegen durchwühle noch einmal das Gepäckfach, und zieh die verbliebene Plastiktüte hervor. Darin mehr Müll, als ich einen weiteren Stapel Broschüren hervorziehe, macht das Flugzeug einen Satz und ich stoße mir das Knie an der Sitzlehne und etwa dreißig Sekunden später, bevor ich noch angemessen fluchen kann, trifft mich ein weißer Turnschuh am Kopf.
Der Mann strahlt. Ich nicht.
Bevor wir dann aber das Flugzeug verlassen, flüstert er mir verschwörerisch zu, dass er eigentlich einen kleinen Kühlschrank habe mitnehmen wollen, aber er habe keine passende Tüte gefunden. Ich danke dem Universum, dass es mir die Stirn nicht mit einem Kühlschrank zerschmettert hat.
Der Tag aber der sich in Dublin anschließt verläuft so gewöhnlich, so unspektakulär, so normal, so ganz und gar in den vorgegebenen Bahnen, selbst der ewig verspätete Zug ist pünktlich, dass ich annehme die Sterne haben sich vertragen, der Mond einen klaren Schnaps getrunken und nicht zuletzt G*tt selbst endlich die Notfallapotheke erreicht und das Universum verläuft in den ruhigen, immer gleichen Bahnen, die sich um uns nicht bekümmern und gänzlich unberührt sind von unseren Wegen.

Sonntag

Am Morgen, endlich wird es früher hell im Garten, Zweige verschnitten. Allem Sonntag zum Trotz. Erst die Apfel- und Quittenbäume, schließlich die Kirsche und all die anderen Obstbäume. Eine reichlich wacklige Angelegenheit auf der alten Holzleiter mehr schwankend als stehend. Die Krähen hocken gespannt auf der Kastanie. Ich bin mir sicher, sie haben längst Wetten abgeschlossen, ob ich wohl in den Ästen der Kirsche hängenbleibe oder den Apfelbaum herunterrausche. Ra-Ra-Ra schreien sie kreischend und trotz ihres schwarzen Gefieders und den eleganten Flügeln, klopften sie sich lauthals lachend auf die Schenkel, über so jemanden wie mich. Für heute aber noch einmal Glück gehabt, die alte Leiter hält durch.

Hinüber zu den Rosen, die wild, ach allzu wild über Zaun und Gartentor ranken, ungestört und unbeeindruckt, all meinen Versuchen zum Trotz ihrer Herr zu werden. Trotz Handschuhen schneide ich mir die Hände blutig an den langen und spitzen Dornen. Lang ist die Rosenhecke und selbst die Krähen in der Kastanie beginnen sich zu langweilen und fliegen eine um die andere davon. Schließlich habe ich mich bis zum Gartentor vorgeschnitten, klipp-klapp macht die Schere und die Ranken winden sich tückisch um meine Füße. „Mag sein zischen die Rosen, dass du Geduld du mit deiner Schere, aber wir waren schon immer hier, wir werden bleiben, und eines Tages vielleicht nicht heute aber einmal doch, bringen wir dich zu Fall“ Wahrscheinlich haben sie Recht. Für den Moment aber liegen die Rosenranken vor mir auf dem Weg und die rote Nachbarskatze sitzt auf dem Pfeiler und gähnt. Ein Nach-der-Jagd Gähnen ist das, ein Gähnen das sagt: man kann zufrieden sein und ich gähne gleich mit, denn es mag nicht mehr früh sein, aber lang war der Morgen mit der Schere, den Bäumen und den Rosenzweigen.

Gerade als ich mit dem Rechen die Zweige zusammenharke, steht ein Mann vor dem Gartentor. Ein Anzug aus heller Wolle, über einem alten Regenmantel, etwas zu derbe Schuhe aber um ein feiner Herr genannt zu werden. „Hier sagt er“ und zeigt auf die Rosen über dem Torbogen, hier habe ich vor vielen, vielen Jahren einmal ein Mädchen geküsst. Die Rosenzweige auf dem Boden seufzen theatralisch, die Katze auf dem Pfeiler stellt die Ohren auf, ich nicke, aber der Mann fährt sich über die Wange. „Es ist nicht gut gegangen“ sagt er und schüttelt den Kopf. Der Name des Mädchen, das heute wohl eine alte Frau sein muss, sagt mir nichts. „Nein sage ich, ich bin keiner Nachbarin Tochter“ und der Mann bückt sich schließlich und hebt eine Rosenranke auf, lange dreht der den Rosenzweig in den Händen, „ihre Augen sagt er waren anders als alle anderen Augen.“ Noch einmal nickt er mir zu, dann dreht er sich um und schon ist verschwunden. Selbst als ich ein paar Schritte den Gartenweg hinunterlaufe, um ihm hinterher zu sehen, kann ich ihn nirgendwo entdecken. Verraten sich Gespenster an ihren Schuhen?

Kalt ist mir plötzlich, trotz der fahlen Wintersonne, die in der Erle hängt und schon ein bisschen Frühling spielt. Ich versperre das Gartentor und trinke heißen Tee. Bücherstapel vom Tisch in den Rucksack, denn morgen früh geht es zurück. Ein Telefonat mit Schwesterchen, ein kleiner Narzissenstrauß auf dem Tisch, für F.’s Mutter am Telefon ein Geburtstagslied singen. Ich wünsche mir nur, dass hier doch heiratet, sagt sie mir. Ich lache und sage nicht: „Ja, ich auch.“ „Der Bäcker sagt sie unverdrossen, macht auch sehr feine Hochzeitstorten.“ Ich singe noch einmal für sie und spreche mit dem ehemaligen geschätzten Gefährten. „Nein, sage ich, nichts Neues, nur zerschnittene Hände, Wintersonne und die dürren Rosenzweige auf dem Boden.“

Müde bin ich und doch habe ich den Nachbarn Krapfen versprochen, also doch wieder aufstehen und weiter und weiter. Schließlich ein Krapfenberg auf dem Tisch, endlich auch er bei den Nachbarn.

Krapfen für die Nachbarn. #bake #krapfen #berliner #sonntagssüß #süßesachen #sonntag #yummy #kosher #kosherkitchen #pareve

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Lange in der Badewanne gelegen, immer noch müder und immer nur müde, mit halbgeschlossenen Augen aus dem Fenster in die Baumwipfel sehen. Leiser Landregen. Schon lange sitzt die Katze nicht mehr auf dem Pfeiler.

 

Reisenotizen

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Frankfurt im Vorüberwehn

Am Morgen zum siebenten Mal nachsehen: Pass, Schlüssel, Telefon und Bücherstapel. Geschirrgeklapper, die Müllabfuhr kommt, der Priester hat sich ausgeschlossen und sucht Trost. Immerhin bekommt er Tee und Hefezopf. Ich sehe zum achten Mal in die Tasche, der Tierarzt sucht die Autoschlüssel. Dann fahren wir los.

„Komm zurück, sagt der Tierarzt.“ Ich nicke. Für zwei Minuten, meine Hand an seiner Wange, dann hupen Taxifahrer und ich muss los. Im Flugzeug fällt ein Mann schlafend auf meine Schulter und wen die G*tter lieben, der wacht auch nicht auf, erwehrt man sich des fremden Kopfes auf der Schulter. Gläser klirren, eine Frau sucht einen Ring, ich lese in Paul Austers neuem Buch. Immer wieder vergesse ich, wie sehr ich Paul Auster mag.

In Frankfurt kommen zwei Stewardessen mit ernsten Gesichtern auf mich zu. Der Flug nach Berlin ist gestrichen. Ich renne. Zuerst zur S-Bahn zum Frankfurter Hauptbahnhof und dann weiter und schneller, treppauf und treppab, an den Gleisen entlang und schließlich der Zug fährt gerade ein, falle ich dem Schaffner vor die Füße. „Hoppla“ sagt er und ich atme zischend aus. Rückwärts aus Frankfurt heraus, den Blick erst auf die graue Stadt und dann in den Taunus hinein. Deutscher Märchenwald, dichte Tannen und irgendwo zwischen den Hängen ein Haus aus Lebkuchen oder eine Köhlerhütte und des Nachts tanzen die Irrlichter in den Schluchten. Fulda und Kassel und ich erinnere mich genau an die Reisen mit meiner Großmutter. Wir, die wir beide auf Wanderschaft gingen, Göttingen natürlich, wir standen vor dem Haus von Max Planck und in Göttingen strandete meine Großmutter nach dem Krieg, ein paar Wochen bloß, ein DP-Camp, wir suchen den Ort vergeblich. Noch immer sehe ich sie im hellen, gestreiften Sommerkleid auf einem Felsstein sitzend. Noch einmal deutsche Gedichte, deutsche Geschichten, ihre und meine Geschichte. Sie nahm mich bei der Hand und wir liefen und liefen, kilometerweit kaum einmal trafen wir Menschen. Später noch und noch immer noch heute bin ich in dem Versuch gescheitert jemanden zu finden, in dessen Schritt ich einfiel wie in den ihren, selbstverständlich und ohne zu Zögern. Weimar und die Wartburg, Bad Tölz und Kochel am See, wir gingen noch einmal durch Deutschland, ein Land aus ihren Geschichten, das es nicht mehr gab, aber noch einmal zwischen Seen und Tälern, zwischen Rhein und Main waren wir Juden auf Wanderschaft, taten wir so als sei die Liebe der Juden zu Deutschland nicht schon lange nur noch Geschichte. Es waren die Sommer unserer Wanderschaften, die einzigen Male in denen ich in Deutschland nicht die Fremde war und meine Großmutter, die mir Kompass geblieben ist, wurde mir Landkarte. Erst später las ich Lenz’ Spaziergang im Gebirg und noch später Paul Celans Gespräch im Gebirg. Ich verstand sofort.
In Göttingen wird der Zug wieder voller und der Mann, der neben mir sitzt, sieht medizinische Ratgebervideos und fährt sich sorgenvoll wieder und wieder über den Bauch.

Irgendwann endlich hält der Zug in Berlin. Der Bahnhof ist fast menschenleer, in der S-Bahn schließlich bin ich bald allein, nur eine Bierflasche rollt durch den Zug. Schließlich steigt ein Straßenfegerverkäufer ein, ich krame nach einem 2 Eurostück und der Mann erklärt mir er könne Musik machen. Talent soll man bekanntlich loben, wo immer man es trifft und der Mann holt eine Mundharmonika heraus und spielt „Alle meine Entchen“. Ich bedanke mich und schon verschwindet der Mann irgendwo in der Nacht.

Endlich Schlüssel in Schloss und der Bücherstapel auf den Tisch. Müde bin ich, zum Umfallen müde, aber für einen Moment sitze ich doch noch im Sessel. Eine alte Zeitung vor meinen Füßen, die Rosen lange schon vertrocknet, es knarren die noch immer die sechste und die achte Diele, dunkel ist es im Zimmer, nur von der Straßenlaterne fällt Licht herein, still ist es hier am Ende der großen Stadt, eine einsame Katze mag sich hierher verirren, doch kein Wanderer wartet und schon streckt die Nacht ihre Finger aus, findet mich hier im Sessel und zieht mich zu sich heran.

Unter der Matratze

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Manchmal hat man ja so Ideen. Man sieht sich um und bemerkt grummelnd die Misslichkeiten des trauten Heims. Die Bilder an den Wänden haben hässliche Rahmen, das Sofa passt nicht zum Esstisch. Längst gehörten die Stühle neu lackiert und die Bücherstapel an allen Ecken und Enden sind überhaupt eine Schande. Dann blättert man durch Zeitschriften in denen sehr gut aussehende Menschen in perfekt abgestimmten Wohnungen sogar die Äpfel nach der Farbe des Strickzeugs auswählen und nimmt sich vor nun auch endlich in eine Ära größerer Ästhetik einzutreten und nicht mehr einfach so aus Bequemlichkeit vor sich hin zu schludern und endlich ernst zu machen mit dem dekorativen Dasein.

Ich zum Beispiel träume alle paar Monate von der Anschaffung eines Bauernschranks. 1700 und handbemalt mit weißen Rosen auf der Zierleiste, moosgrünes Holz und vor allem groß soll der Schrank meiner Träume sein, so groß das eine dreizehnköpfige Familie, die mit schweren Wintermänteln anreist den Schrank nicht gefüllt bekommt. Ein Schrank für die Diele, mit Intarsien und einem G*tt vergelt’s auf dem Türblatt in schöner, geschwungener Schrift. Ach, Stunden habe ich schon mit dem Besehen von Anzeigen verbracht und doch den Schrank, den ich so klar vor meinem inneren Auge sehe nie gefunden.

Meist aber bin ich bescheidener und so sagte ich heute Abend als ich die Betten frisch bezog zum Tierarzt, der die Bücherstapel auf dem Nachtkastel sortierte: „Sag Tierarzt, glaubst du nicht, wir sollten eine neue Matratze anschaffen?“ „Hört man nicht allerorten, dass schauderhafte Milben in den Matratzen siedeln und des Nachts hämisch kichernd über ahnungslose Menschen herfallen und ihnen im Schlaf die Pest andrehen?“ „Überhaupt sind wir nicht furchtbar unmodern und altmodisch und hat nicht heute jedermann der auf sich hält Matratzen mit Gelkern und Härtegraden und allerlei Schikanen?“ Der Tierarzt, der gerade: „Charles I-An abbreviated life“ in der Hand hält, sieht mich verwundert an. „Read On sagt er und legt das Buch vorsichtig auf das Nachtkastel zurück, störe ich Dich in der Nacht?“ Was?, frage ich nun verwundert zurück und lasse das Kopfkissen fallen, das nur mit ein bisschen Glück die Lampe auf dem Fensterbrett verfehlt. Der Tierarzt aber sieht verzweifelt zu mir herüber: „Bestimmt“ fährt er fort,“wälze und wühle ich auf das Schauderhafteste, werfe mit Kissen nach dir, trete dich ununterbrochen und die Matratze wogt wie ein Segelboot draußen auf dem Meer nun auf dem Bett umher.“ „Tierarzt“ sage ich und sage es sehr, sehr langsam, „ich erwäge doch nur die Anschaffung einer neuen Matratze.“ Doch der Tierarzt schüttelt den Kopf: „Niemand erwägt einfach so den Kauf einer neuen Matratze, immer liegen schon in der Formulierung des Matratzenkaufs tiefe und schreckliche Ursachen begraben. Noch bevor die Erkenntnis, dass ich dich störe und dir die Nächte verderbe zu dir vorgedrungen ist, hat sie dir dein Unterbewusstsein schon eingeflüstert und dich gewarnt vor der schnarchenden und schnaubenden Gefahr, die neben dir wälzt und eröffnet dir mit einer neuen Matratze einen Ausweg in eine heitere Zukunft gesegnet mit festem Schlaf.“ „Tierarzt“ setze ich noch einmal an und betone die beruhigende Wirkung des leise atmenden Tierarztes auf meine unruhigen Nächte, und will doch nur für milbenfreie und rückenschonende Nächte sorgen mit meinem Matratzenkaufbegehr doch der Tierarzt schüttelt den Kopf. „Es beginnt, fährt er fort ganz harmlos mit einer Matratze, doch schon der Matratzenverkäufer unterzieht die Käufer einer derart inquistorischen, einer hochnotpeinlichen Befragung, dass es noch dem naivsten Matratzenkäufer einleuchtet, nicht die Matratze ist das Problem, sondern die neben ihm schlafende Susi. Die nämlich störe seit Jahr und Tag schon sein seelisches Gleichgewicht und an dieser Stelle machen Matratzenverkäufer eine lange und sorgenvollen Kunstpause und zehn Minuten später verlässt Susi weinend das Geschäft und 10 Monate später ist Susi längst ausgezogen und der Nachtschlaf des Matratzenkäufers süßer denn je zuvor.“ Inzwischen bin ich rückwärts auf die Matratze gefallen und atme vorsichtig ein und aus. Der Tierarzt sitzt noch immer auf dem Bettrand und starrt auf das Kissen neben mir. „Tierarzt“ sage ich, es tut mir sehr leid für Susie aber vielleicht hatte sie auch einfach genug von den Milben, die ihr über den Rücken liefen oder der Matratzenverkäufer roch nach Mentholzigaretten. Dann ziehe ich die Füße zu mir heran und hüpfe ein wenig auf dem Bett herum. „Eigentlich sage ich Tierarzt, wenn ich es also Recht bedenke ist die Matratze doch noch ganz gut und nicht zu hart und auch nicht zu weich.“
„Ach mein Mädchen, sagt der Tierarzt und lässt sich neben mich fallen, „immer kommt das Unglück in Kleinen daher, immer wechselt man erst die Gardinen und dann schon ist man ein Fremder im eigenen Leben. „Oder kennst du etwa jemanden der ein Lächeln gegen eine Meinung eintauschen würde? Selbst wir, wie wir hier legen, Kopf an Kopf rücken wir schon auch immer ein Stück voneinander weg und mit der Nacht kommt immer schon neuer und schärferer Wind. „Ach Tierarzt“ sage ich und ziehe seinen Kopf noch näher zu mir, „die Nacht hat doch andere Sorgen als Dich und mich.“

Dann sage ich nichts mehr, sondern singe dem Tierarzt ein Lied ins Ohr, bevor ich mich aufrapple und die Betten fertig beziehe, der Tierarzt sortiert die Bücherstapel, ich mache die Lampe auf dem Fensterbrett an und die Fenster noch einmal weit auf. So schnell werde ich wohl keine Matratze kaufen und so bleibt nur zu hoffen, dass die Milben sich vor der kalten Seeluft fürchten oder wenigstens die Traurigkeit des Tierarztes weit hinaus weht, weiter und weiter und weit über das Meer hinaus.

Sonntag

img_1230Über Nacht kommt der Frost zurück. Eiskristalle an den Fenstern und das gestern abgeschnittene Efeu funkelt ,selbst früh am Morgen als stünde die Sonne schon hoch über dem Wasser.
Dabei gähnt die Nacht noch einmal herzhaft über dem Garten und alles, alles schläft, Tierarzt wie Katze und nur unten im Unterland ist die Frau des Krämers wie ich in der Küche zu Gange. Albern ist das natürlich, denn die G*tter bekümmern sich unser nicht, aber doch in der letzten Stunde zwischen Tag und Nacht, glaube ich immer die Welt beginnt von vorn und noch einmal ist alles auch ganz anders möglich. Vielleicht hoffe sogar ich in dieser Stunde auf ein Wunder.
Abgesehen aber von zehn Minuten auf dem Fensterbrett mit warmem Tee in der Hand, bereite ich einen Nusszopf für das Frühstück vor, denn der lässt sich bitten, lese die Zeitung nach, richte Dinge für den Mittagstisch und endlich sehe ich mit mehr Tee in der Hand der Sonne beim Aufgehen zu. Ein bisschen unverschämt ist das schon, denn wer lässt sich schon gern mit zerzausten Haaren und Zahnpasta in den Mundwinkeln anstarren? Aurora aber nimmt es nicht übel, ich nehme die Teetasse und schleiche nach oben. Der Tierarzt tief unter Kissen und Decken vergraben, hört mich nicht und so ziehe ich ihm am Zeh. Erschrocken fährt der Tierarzt auf. „“Komm“ sage ich, „die Sonne ist da, lass uns ein Stück gehen.“ Der Tierarzt wirft ein Kissen nach mir und knurrt: „“Du bist mein Ende.“ Ich lache und zeige auf die Teetasse.

Dann endlich hinaus in die sonnige Kälte. Die Schafe hinterm Haus glitzern und funkeln, mit Eis in der dichten Wolle und den etwas hochnäsigen Nasen, sie sehen durch uns hindurch und wir steigen höher hinauf zu den Felsen, über das Heidekraut und die Stechpalmen an der anderen Seite des Weges vorbei, die krüppeligen Bäume, das ganze Jahr mitten in Sturm und Wind und Regen und über uns die Sonne, weich und mild gestimmt und warm trotz der Kälte. Ich stecke eine Hand in die Jackentasche des Tierarztes. Weiße Wolken vor unserem Gesicht und der Tierarzt legt sein Kinn auf meinen Kopf. Schon stehen wir am Rand der Felsen unter uns tobt und brüllt das Meer, das was hier in gewaltigen Wellen gegen die Felsen schlägt, ist im Haus nur als ein beständiges Murmeln und Flüstern, das niemals verstummt, zu vernehmen. „Erzähl mir etwas von dir“, sage ich zum Tierarzt herüber oder vielleicht sage ich es auch dem Wind ins Ohr, denn hier schreien der Wind und das Meer um die Wette. Von seiner ersten Liebe erzählt mir der Tierarzt. Einem Mädchen aus dem gleichen Dorf wie er, groß und mit roten Schleifen im Haar. Ein Mädchen mit Pferdepostern im Zimmer und Bettwäsche mit Katzenköpfen. Eine laute Stimme und feste Ansichten, schon damals als es noch gar keine brauchte. „Wie sie“, sagt der Tierarzt habe er sich seine Mutter als junges Mädchen vorgestellt und sei vielleicht deshalb mit ihr ausgegangen und nicht mit einem anderen Mädchen. Schon damals aber hat sie sich beschwert, dass er zu maulfaul sei und schließlich, vielleicht sogar zwangsläufig das Großmaul des Ortes geheiratet. Weihnachten habe er sie zum ersten Mal nach Jahren wiedergesehen. Erkannt habe er sie nicht mehr, nur ihre Stimme mit der sie den Supermarkt zumammenschrie: „Rory will ya put them cookies down.“ „Damals als sie ihn verließ, sagt der Tierarzt und schüttelt den Kopf habe er eine ganze Tüte Bonbons gegessen.“ „Eine ganze Tüte.“ Er schüttelt den Kopf nimmt den Kopf von meinem Kinn.
Ich kann es mir nicht vorstellen. Der Tierarzt mit verweinten Augen auf dem Bett sitzend und ihm herum Bonbonpapier, scheint so fern von hier und jetzt wie die Sonne selbst. Schon sind wir zurück und im Garten entdecke ich die allerersten Schneeglöckchen. „Morgen Fräulein Read On“ ruft der Priester über die Gartenmauer. „“Morgen Priester“ rufe ich zurück und der Priester staunt mit mir über die weißen Tupfen, die gestern noch völlig verborgen waren. „Fräulein Read On“, sagt der Priester, kann ich jemanden mitbringen, nachher zum Sonntagstisch?“ „Immer, Priester“, sage ich, „Sie wissen doch meine Großmutter sagte: „wo Zehn satt werden, ist auch genügend für Elf da und wir sind ja auch nur zu viert.“ „“Ein Glaubensbruder“, sagt der Priester und nickt mir zu, „Sie werden ihn mögen Fräulein Read On, er ist Jesuit und hat wie Sie Eisenspäne auf der Zunge.“

Der Jesuit, klein und untersetzt mit listigen Augen und etwas feuchten Händen, ist ein Freund des Priesters aus italienischen Tagen und erzählt atemlos und mit einer fast unmerklichen Schärfe und auch Genugtuung vom Scheitern der Reformation in Irland, der Krise des Papsttums und italienischer Politik. Wir essen erst Suppe, dann Zitronenhuhn mit Rosmarinkartoffeln, und bevor ich das Griesflammeri auf den Tisch stelle, mitten im Satz, unterbricht sich der Jesuit selbst und sagt: „Im Kolleg damals bekamen nur die zu essen, die die Vokabeln fehlerfrei herbeten konnten.“ „Also niemand“ und dann lächelt der Jesuit leise und schnell, als hätte er uns eine hübsche Anekdote erzählt und nicht Gewalt verschwiegen. Lächelt so wie der Tierarzt bei seiner Erzählung über das Mädchen mit den roten Schleifen und der Tüte Bonbons und wir alle drehen den Löffel in den Händen und es braucht einen tanzenden Vogel vor dem Fenster, der das Gespräch wieder in jene Bahn zu lenken, die einem Sonntagessen unter sich beinahe fremden Menschen wohl zuträglich ist.

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Später streiten der Jesuit und ich vortrefflich über Thomas von Aquin, denn seine Eisenspäne auf der Zunge muss man sich verdienen, der Tierarzt und der Priester spielen Schach, die Katze streckt über die ganze Fensterbank und durch das Fenster lacht die Sonne, lacht über unser Schweigen und unser Gerede und noch später gehen der Jesuit und der Priester spazieren und ich lege mich zum Tierarzt aufs Sofa, der malt mit seinen Händen, Sonnenkringel auf meinen Rücken und meine Stirn.