Am Strand

Die Ostsee spielt heute Adria #ostsee #balticsea #atlanticmeetsbalticsea

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Ich trockne ein Nichtenbein und die Nichte, die zum Nichtenbein gehört, jammert: „Oh wie das kitzelt.“ Dann fällt ein Nichtenkind in den Sand und das nächste Kind tropft vor sich hin. Schließlich liegen vier Nichten und ein Tierarzt im Sand und bis auf den Tierarzt essen alle dicke Scheiben Zitronenkuchen. Dann fällt ein Schatten auf mein Gesicht. Der Schatten ist etwas acht Jahre alt und sagt: „Ick bin der Jonny.“
Jonny ist strohblond und mit seiner Oma am Strand. Seine Oma aber will Kreuzworträtsel lösen und ein Mann, den Jonny Opa nennen soll, soll ihr den Rücken eincremen. Jonny nennt den Mann trotzdem Heinz. Jetzt steht Jonny vor uns und bohrt die Zehen in den Sand. Jonny’s Oma ruft: „Jonny was machst du da drüben bei die Ausländers?“ Denn wir sind die Einzigen am Strand, die nicht Deutsch sprechen. „Der Jonny hört wieder nicht“, ruft Jonny’s Oma, Heinz zu. Heinz grunzt und die kleine Königinnennichte, die für diplomatische Sonderfälle ein Händchen hat, lacht Jonny an und sagt: „Ich bin eine Prinzessin und Du?“ Jonny sagt noch einmal: „Ich bin Jonny“. Dann bekommt Jonny auch ein dickes Stück Zitronenkuchen und fünf Sekunden später, sitzen fünf Kinder im Sand und buddeln den Tierarzt ein. Jonny sagt: Du bist echt voll dünn Tierarzt. Den Tierarzt freut so etwas ja immer sehr und er würde wohl nicken, schippten nicht fünf Kinder Sand auf ihn drauf. Dann kommt Jonny’s Oma zu uns herüber. Ich schlafe gerade unter einem großen Strohhut und so sagt der Tierarzt zu Jonny’s Oma: „Mädchen weiß Deutsch.“ Jonny’s Oma schreit: Die Ausländers können nich mal Deutsch sprechen, Heinz.“ Heinz schreit: „Sind des Polacken?“ Dann tauche ich unter dem Strohhut auf: „ Wie kann ich ihnen helfen.“ Die Ausländers können doch Deutsch, schreit Jonny’s Oma. „Ick wollt nur sagen, dit wenn der Jonny sie stört, denn schicken se den rüber.“ Ich versichere ihr, dass Jonny uns keineswegs stört. Sie sagt: „Schon seit die DDR-Zeit sind wa hier an der Ostsee, aber dit is och nicht so einfach mit nem Kind wie dem Jonny. Die Mandy, Jonny’s Mutter hat sich nämlich von so nem Ausländer een Kind machen lassen. Das Kind ist Jonny. Der Tierarzt sagt: Jonny is a good guy. Jonny’s Oma sagt: „Lassen sie sich nicht frech kommen von dem Rotzlöffel. Der Tierarzt sucht „Rotzlöffel“ im Wörterbuch. Dann geht Jonny’s Oma wieder zu Opa Heinz. „Und sind des Polacken?, fragt Heinz sie?“ Jonny’s Oma schüttelt den Kopf: „Dit hab ick janz verjessen zu fragen.“ Dann ölt Heinz ihr den Rücken ein. „Bei den Ausländers weiß man dit nie“, sagt er. Die Nichten, mein Neffe und der Tierarzt wollen schwimmen. Jonny will auch schwimmen, aber als vier Nichten ins Wasser rennen, sagt Jonny: „Du ich kann nicht schwimmen.“ Ich nicke und der Tierarzt hält Jonny fest und ich zeige Jonny wie man Schwimmzüge macht und die Nichten und mein Neffe zeigen Jonny wie man paddelt und rudert und sich über Wasser hält. Eine kleine Königin und Jonny tauchen um die Wette.
Am Ende haben wir alle blaue Lippen und Jonny hat drei Schwimmzüge geschafft. Jonny lacht stolz und glücklich und prustet. Jonny’s Oma bringt ein Badehandtuch. Darauf ist ein 50 Euro Schein abgedruckt. „Ick gehe ja nich ins Wasser“, sagt sie, so prinzipiell nicht. In der DDR ham die Kinder ja in der Schule schwimmen jelernt.“ Aber dit is nich drin im Kapitalismus. Der Tierarzt sagt: Jonny is a great swimmer. Jonny’s Oma sieht ihn zweifelnd an. Great Swimmer, wiederholt der Tierarzt. Die Kinder suchen Muscheln und der Tierarzt und ich reiben fünf Kinder mit Sonnenmilch ein und dann verteilen wir grüne Gummifrösche, Cola-Schnüre und saure Würmer an die Kinder. Es herrscht internationale Seligkeit. Jonny kennt Harry Potter nicht. Die nächsten zwei Stunden vergehen damit, dass mein Neffe Jonny anhand einer komplizierten Sandskizze in die Welt von Hogwarts einführt. Jonny ist sichtlich beeindruckt. Jonny’s Oma schläft und Opa Heinz liest die B.Z. Die Kinder, der Tierarzt und ich bauen eine Sandburg am Wasser mit spitzen Zinnen und eine Brücke, die zwei Wassereimern standhält. Jonny strahlt und die kleine Prinzessin erklärt Jonny warum sie später mal Königin werden will. Jonny sagt: „Super.“ Die kleine Prinzessin strahlt. Ihr Badeanzug ist natürlich auch knallpink und auf ihrem Bademantel sind lauter Einhörner und viele Kinder glauben sie sei eine Fee. Jonny aber hat gleich verstanden, dass hier eine echte Königin mit zwei sauren Würmern in der Hand Audienz hält. Ich blase den vielgeliebten Gummidelfin auf und Jonny darf auf dem Delfin zuerst reiten und der Tierarzt zieht in durch das flache Wasser. Geschwister, die sich um einen grünen Haribo Frosch balgen können, sind erstaunlich großzügig, wenn es um Strandfreundschaften geht. Irgendwann wanken der Tierarzt und ich geschlagen aus dem Wasser, denn fünf Kinder auf einem Delfin zu ziehen, ist nichts anderes als Galeerenarbeit. Fünf Kinder liegen geschafft im Sand. Jonny’s Oma kommt von ihrer Sandmuschel herüber. „Dit ihnen dit nichts ausmacht mit dem Jonny.“ „Jonny ist prima“ sage ich und der Tierarzt und die Kinder nicken. „Dit die Mandy uns dit antut, mit dem Ausländer so’n Kind.“ Sie schüttelt den Kopf. Jonny übt derweil mit den Mädchen Handstand. „Jonny ist prima“ ,wiederhole ich und Jonny’s Oma sagt zu Opa Heinz, dass die Ausländers echt seltsam seien. Irgendwann packen wir unsere Handtücher, Bücher zusammen und ich klemme mir den Plastikdelfin unter den Arm. „Jonny, sage ich wir müssen jetzt los.“ Jonny nickt. „Kommt ihr morgen wieder?“ „Klar“ sage ich und Jonny strahlt. „Schwimmt ihr morgen wieder?, fragt Jonny. „Klar sage ich.“ Jonny nickt und umarmt drei Nichten, einen Neffen, mich und den Tierarzt. Jonny’s Oma ruft: „Jonny mach dich rüber, jetze.“ Opa Heinz ruft: „Voll dünne der eine von die Ausländers.“ Der Tierarzt winkt: „Mädchen weiß Deutsch.“

Das Hundewägelchen

Der Tierarzt, der von Deutschland nur Berlin, eine kleine Stadt und das Dessauer Bauhaus kennt, findet Rügen schön. Das Meer ist blau. Der Strand ist weiß und der Regen ist so irisch-grau, wie gehabt wenn auch wärmer, das so sagt die liebe C. der Tierarzt gemurmelt habe: „Heimwehregen.“ Vom Ferienhaus der lieben C. und meines Vater führt ein ausgetretener Weg zu einer Kuhherde hinunter und der Tierarzt geht morgens hinunter und spricht mit den braun-gefleckten Kühen. Dann und wann seufzt der Tierarzt, denn auch andere Kühe haben schöne Kälber und Tierarzt liebt doch sein irisches Kälbchen sehr. Aber dann kommt eine der Nichten angerannt und will vom Tierarzt in die Luft geworfen werden. Der Tierarzt sieht die Kreidefelsen und Walknochen vor einem Museum. Er pflückt wie der Rest der Familie Eimer voller Johannisbeeren und die liebe C. zeigt ihm die Lama-Farm. Der Tierarzt singt ein Wiegenlied für ein aufgeregtes Lama und das Lama sieht den Tierarzt dankbar an. Sogar mit dem alten Hofhund der Nachbarn von dem man sagt, er habe zwanzig Postbotenbeine angebissen, schließt der Tierarzt Freundschaft und der Hofhund lässt sich vom Tierarzt hinter den Ohren kraulen. Dann komme ich. „Mädchen“, sagt der Tierarzt und dann sagen wir eine ganze Weile erst mal nichts. Später, die Nichten suchen Badekram zusammen, kommt die liebe C. „Süße“ sagt sie, ich glaube der Tierarzt hat etwas.“ Zwar findet er alles „schön“ und hat sogar einen halben Matjes in Buttermilch verzehrt, aber etwas behagt dem Tierarzt nicht. Aber mir würde er es nicht sagen.“ Hmmm“, murmele ich und frage mich, ob der Tierarzt mir ein Unbehagen wohl mitteilen würde. Unsere Familie ist nämlich sehr laut und wild, alle reden durcheinander und das auch noch in fünf Sprachen, ständig kommen Leute vorbei und eine kleine Königin sucht elfmal am Tag lautstark nach ihrer Krone. In der Krachmacherstraße wohnte niemand anders als wir. Erst einmal aber fahren wir mit der johlenden Kinderherde an den Strand. Der Strand ist schön und die Sonne scheint. „Schön“, sagt der Tierarzt und dann renne ich mit den Kindern ins Wasser. Die Kinder verstehen unter einem gelungen Bad im Meer so oft es geht auf meinen Rücken zu klettern und mich ins Wasser zu tauchen. „Geh unter, schreit eine kleine Königin, dies ist ein königlicher Befehl“. Der Tierarzt hütet die Handtücher und den treuen Kanzler Bär, der kein Wasser verträgt und er verteidigt unseren Handtuchberg gegen eine Dame, die mit ihrem Mann eine Art Trutzburg aus Stoffplanen errichtet und den Tierarzt verscheuchen will. Aber der Tierarzt sagt: „Nein, hier Mädchen.“ Und er sagt es so bestimmt, dass die Stoffbahnenburg mit einer deutlichen Delle um unsere Handtücher herum errichtet wird. Schließlich trocknen wir vier Kinder ab, cremen vier Kinder ein, versorgen vier Kinder mit sauren Würmern ( eine vielgeliebte Süßigkeit) und verteilen den jeweils richtigen Harry Potter Band in die richtige Kinderhand und dann ist es plötzlich sehr still. Tierarzt sage ich und wringe meine Haare aus: „Die liebe C. sagt Dir sei etwas unbehaglich.“ Sind wir dir zu laut?“ Der Tierarzt reicht mir noch ein Handtuch an. „Mädchen, sagt er, nein, ihr seid genau richtig laut. Dann seufzt der Tierarzt. Das Meer schimmert blau, der Sand glitzert gelb, die Nichten und der Neffe murmeln behaglich Zaubersprüche. „Mädchen“ sagt der Tierarzt und flüstert fast: „Die Hunde der Deutschen sind alle malade.“ Ich sehe etwas verwundert zum Tierarzt herüber, denn der Deutsche liebt seinen Wauzi oft mehr noch als seine Ehefrau und fast so sehr, wie sein Automobil. „Allein gestern, sagt der Tierarzt und flüstert noch immer, habe ich vier Hunde gesehen, die nicht laufen konnten.“ Ein großer Labrador saß in einem Karren hinter einem Fahrrad und ließ sich ziehen. Ein großer, ganz ordinärer Labrador, in einem Karren, Mädchen. Als ich mit der lieben C. auf der Seebrücke war, habe ich genau gezählt: in der Hälfte aller Buggies auf der Brücke saßen keine, kleinen Kinder, sondern Hunde: Zwei Yorkshire-Terrier, ein Cockerspaniel und viele weitere Terrier. Lauter Hunde, Mädchen fuhren da spazieren.“ Dann war ich mit der lieben C. am Meer und wieder stand dort eine Familie mit vier Hunden und die liebe C. sagte sie diskutierten, wer der vier Hund im Fahrradanhänger kutschiert werden würde: „Emma kann laufen, Willy kommt in den Wagen.“ Der Tierarzt schüttelt den Kopf. Die deutschen Hunde müssen eine entsetzliche Krankheit haben oder Pfotenschwund, sonst müssten die armen Hunde doch nicht in Kinderwägen gefahren werden. „Tierarzt“ sage ich, weißt Du ich glaube die Hunde sind ganz quietschfidel und nur die Hundehalter leiden an ihrer Hundeliebe und fürchten vier Pfoten reichten nicht aus für einen Spaziergang am Meer entlang und dann ist der Deutsche ein findiger Kopf und konstruiert Hundewägelchen und so können die Hunde wie die Kinder ganz bequem liegender Weise umhergefahren werden. Weißt Du Tierarzt sage ich, der Deutsche erfindet sogar Dinge bevor es das Problem gibt und deswegen haben die deutschen Hunde niemals müde Pfoten und führen ein langes, gediegenes Hundeleben. Ganz bestimmt sind die Hunde wohlauf. Der Tierarzt sieht mich lange an. Dann zieht Regen auf. Wir stecken vier Kinder in Kleider, verteilen Fahrradhelme und Fahrradschlüssel und radeln zurück. Auf dem Weg sehen wir eine französische Bulldogge die majestätisch und wie auf einer Sänfte in einem Wägelchen liegt und aus einem Fahrradkorb hechelt ein Pudel. Daheim angekommen, kann ich die liebe C. beruhigen. „Dem Tierarzt waren die Hundewägelchen ein unbekanntes Phänomen, sage ich“ und er sorgte sich um das Wohl und Wehe der Tiere.“ Die liebe C. atmet erleichtert auf. Ich bürste vier Kindern Sand von den Füßen. Der Tierarzt liegt mit Buch in der Hängematte. Schön, sagt der Tierarzt, Rügen ist wirklich schön.“

12 Bilder, ein Tag, Berlin.

See im Sonnenschein. Die Sonne putzt sich nur die Zähne. #1v12 #12von12 #schwimmen #swimming #nature #outdoors #berlin

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Wie viele Tage beginnt auch dieser Tag mit viel Gegähne, einem Handtuch über den Schultern und dem Weg zum See. Was hier so idyllisch aussieht, kann nur eine Täuschung sein. Im Wasser ertranken während ich schwamm fünf Wespen und über mir kreisten sieben, gewaltige Krähen. Sollte mich der Nöck morgen früh am Bein zu sich herunterziehen: es hat mich sehr gefreut.

Biokistenglück sortiert. #2von12 #12von12 #ökodorfbrodowin #biokiste #biokistenglück

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Mittwoch ist Biokistentag und Biokistentage sind immer glückliche Tage. Mein Missionseifer ist denkbar gering, aber haben Sie eigentlich schon eine Biokiste?

Nach der Nachbarschaftshilfe ist vor dem Eis. #3v12 #12v12 #magnumfürimmer #lieblingsnachbarn #iceicebaby #magnum

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Die Lieblingsnachbarn brauchen Hilfe und das Fräulein bekommt im Gegenzug den neuesten Nachbarschaftstratsch und ein Eis. What is not to like?

Süßer Brei mit Pflaumen. #4v12 #12v12 #grieskoch #pflaumen #alltagsessen

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Der ehemalige, geschätzte Gefährte, der liebenswürdige F. hat eine lange OP-Liste vor sich und wer eine lange OP-Liste vor sich hat, bekommt fast jeden Wunsch erfüllt und der F. findet, nichts stärke vor einer OP so wie ein Grießkoch mit Kompott und ich nicke treu. Manchmal wünscht sich der F. nämlich auch Fruchtsuppe und das mag ich noch weniger als den süßen Brei. Der F. aber ist selig.

Zeitung mit Regenbegleitung. #5v12 #12v12 #papieristmeingemüse #printprodukt #sommeraufdembalkon

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Berlin lässt kein Heimweh nach Irland aufkommen und so regnet es, aber der Balkon ist mit dichtem Weinlaub gut geschützt und nur meine großen Hobbit-Füße werden nass. In der Zeitung steht, dass Neo dick war und kein angenehmer Mensch ( kein Zusammenhang ) und Spiderman 6 sei große Klasse.( Ich kenne nicht mal Spiderman 1) also kann ich das nicht weiter verifizieren.

Das Fräulein kauft Karten, denn es schreibt weiter Karten an Deniz Yücel und inzwischen auch an Mesale Tolu und im Buchladen gibt es Kafka-Karten. Seligkeit, einer ansonsten traurigen Tatsache, noch immer sind Journalisten in der Türkei nahezu rechtlos und den Verdächtigungen Erdogans ausgeliefert.

Klavierstunde. #7v12 #12v12 #klavier #musik #einegrosseliebe

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Das Fräulein übt Klavier. Es ist ein Trauerspiel.

Frühlingsrollen gehen auch im Sommer, der sich wie November gibt prima. #8v12 #12v12 #dinner #vegetables

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Schon wieder wird gegessen. Frühlingsrollen, die eher an Backsteinquader erinnern, aber ich mag das sehr gern, nur die Soja-Wasabi Mischung missfällt. Aber ich weiß nicht genau warum. Seltsam.

Dann heißt es Karten schreiben. Ich stümpere immer ein Bild für das Kind von Mesale Tolu. zusammen.Kinder sollten ja überall sein, nur nicht im Gefängnis, aber in der neunen Türkei spielt das keine Rolle, deswegen eine Karte gegen die grauen Mauern.

Tagesordnungspunkt Karten schreiben II. Karte Nummer 121 für Deniz. #schreibdeniz #freedeniz #10v12 #12von12

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Die zweite Karte ist immer eine Karte an Deniz und von den Nummern, die ja immer für einen, neuen Tag stehen, wird mir schwindlig. Ich versuche und es fällt mir schwer und behagt mir nicht, denn ich kann kein Türkisch, irgendwie auf Türkisch zu schreiben, vielleicht kommt so eine Karte einmal ans Ziel? Heute Franz Kafkas erste beide Sätze aus der Verwandlung und schlimmes Radebrechen über Kafka darunter. Oy vey.

Zurück nach Ulverton. #11v12 #12von12 #nowreading #adamthorpe #ulverton #books

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Ich bin schwer begeiestert von Adam Thorpe’s Ulverton, wie konnte dieser Autor so lange völlig an mir vorbeigehen. Sehr großartig!

Das fast kopflose Fräulein winkt Ihnen: Gute Nacht. #12von12 #nitenite

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Das fast kopflose Fräulein wünscht eine gute Nacht und winkt.

Mehr Tage und mehr Bilder gibt es wie immer bei Caro.

Die Säuberung der neuen Augiasställe.

Im Sommer verlassen viele Gastwissenschaftler und Wissenschaftler, die ihr Buch fertig geschrieben haben, oder sich in eine Frau aus Connemara verlieben oder die genug von ewigen Fußnoten oder fünfstäbigen Jamben haben unser Institut.

Bevor sie aber auf zu neuen Ufern reisen, werfen sie ihren Büro- oder Schreibtisch-cum-Spindschlüssel in ein kleines Weidenkörbchen und schon sind sie verschwunden. Ich lange nach dem schwarzen Klemmbrett und mache ein Häkchen hinter Namen und Büro-Schrägstrich- Schreibtischnummer und eines schönen Tages kommt die beste Chefin dieser und wie ich vermute auch aller anderen Welten in mein Büro und murmelt mit Grabesstimme: „Read On, es ist wieder soweit.“ Ich seufze tief und nicke ihr zu.

Dann kaufe ich sehr viele, schwarze Müllsäcke und telefoniere mit der Firma „Rümpel&Krümpel Ltd. „Ach Du bist es Fräulein Read On“ sagt der Chef von Rümpel& Krümpel Ltd. mit dem ich einmal zum Essen aus war, wo er mir lebhaft und sehr detailreich von den Spezifika der Ratten- und Schadenbekämpfung berichtete und noch dazu Fotos von verdreckten Wohnungen, die er grundentkernt hatte, auf seinem Telefon zeigte. Ich war beeindruckt, aber nicht mehr hungrig. „Es ist also wieder einmal so weit“, sagt der Chef von Rümpel&Krümpel also und verspricht die Lieferung eines Containers so schnell als möglich. Gestern dann stand der Container vor dem Gebäude. Ich seufzte noch einmal tief, zog Handschuhe an und den Mundschutz auf, nahm das Weidenkörbchen mit den vielen Schlüsseln, schnappe mir ein scharfes Messer, greife nach den schwarzen Müllsäcken und und beginne mich von Büro zu Büro vorzuarbeiten, denn bevor die Zugehfrauen die Teppiche shampoonieren, die Fenster putzen und die Schreibtische mit Möbelpolitur wienern, müssen die Büros wie Schreibtische geleert werden und wenn sie bis hierhin dachten, die Wissenschaftler hätten die Schreibtische und Büros ‚besenrein’ hinterlassen, so irren sie und zwar sehr: ich greife als nach dem ersten Schlüssel, atme noch einmal tief ein, denke an meine Großmutter mit dem immer durchgedrückten Rücken und beginne die Säuberung der Augiaställe: in den kommenden Stunden picke ich verschimmelte Kaffeefilter aus den Büropflanzen, ich hole vergorene Apfelhälften und vermoderte Orangen aus Schreibtischschubladen, ich leere überquellende Aschebecher in einen extra dafür bereitgehaltenen, schwarzen Müllsack. Ich öffne eine Schrankschublade, die voller leerer Erdnussschalen ist und im Schrank daneben entsorge ich vollgeschneuzte Tempotaschentücher. Ich verfange mich in mehreren Metern aus einem Karton herausspringender Angelschnur und als ich den Karton anhebe, gibt der Boden nach: mehrere verschimmelte Käse haben den Pappboden aufgeweicht. Der Geruch ist infernalisch und ich überlege kurz den Karton auf der Stelle anzuzünden. Ich finde: Versicherungskarten, eine Heiratsurkunde ( Las Vegas ), einen schwarz verkrusteten Topf aus dem ein Gastwissenschaftler offensichtlich hingebungsvoll gespeist hat, ohne selben jedoch zu reinigen. Ich finde Münzsammlungen naher und ferner Länder, ich finde Berge von Coupons, geschnittene Nägel sorgfältig in Zeitungspapier eingewickelt, ich finde Fotos auf denen Männer wie Frauen weggeschnitten worden und ich finde Socken. Es sind immer, aber wirklich immer Männersocken. Ich werfe die Socken immer sofort weg. Ich finde Steuererklärungen und Führerscheine, ich stopfe derart Papiere in große, braune Papierumschläge, denn manchmal melden sich Gastwissenschaftler nach Jahren wieder und sind voller Empörung, dass ihnen nicht zentnerschwere Kartons nachgesandt worden sind oder ich nicht in der Lage bin aus den vielen, braunen Umschlägen, die ich nummeriert im Keller vorhalte, sofort einen abgerissenen Zettel mit allen, wichtigen Passwörtern herauszufischen. Der Müllcontainer unten im Hof füllt sich derweil mit versifften Tassen, Tellern, Wasserkochern von denen man sofort einen Stromschlag bekommt, einem zerbrochenen Wäscheständer, einer kaputten Angelausrüstung, acht schrottreifen Fahrrädern, einer vergilbten Matratze, einem Ledersessel mit Loch, kaputten Leitz-Ordnern, einer Schublade, in der die verschimmelten Äpfel sich durch das Holz gefräst haben, Pappaufstellern diverser Kinofiguren, Gummistiefeln ohne Sohle, einer Dose mit rostigen Nägeln, einem roten Gummischwein in Lebensgröße und Säcken voller Getränkedosen. Dann sortiere ich zurückgelassene Kleidungsstücke: löchrige Schalfanzughosen, mottenzerfressene Wintermäntel, achtfach geflickte Hosen, Unterwäsche in allen erdenklichen Stadien, befleckte und von Schweiß zersetzte T-shirts fliegen erst in Säcke und dann in den Container der Firma Rümpel& Krümpel. Alle anderen und noch gebräuchlichen Kleidungsstücke kommen in die Reinigung und dann in eine Kleiderkammer. Zehn Müllsäcke voller Lumpen werfe ich aus dem Fenster in den Container und an vier Müllsäcke tackere ich: „Reinigung“. Auch hier erinnern sich oft viele Monate später längst entschwundene Männer wie Frauen, dass ihr Lieblingsbademantel ( der mit den vielen, aparten Brandlöchern im Ärmel noch irgendwo sei müsse oder die Schlumpfhose mit den Koala-Bären so sehr vermisst sei, dass es ohne nicht einen Tag länger ginge. Ich huste in solchen Fällen nur missmutig ins Telefon und erinnere mich erschauernd, dass in den Taschen des Bademantels Zigarettenkippen schwammen.

Schon geht es weiter: ich schleppe Berge vergilbter Zeitungen, Zeitschriften und Werbeprospekte in die Papiertonne, ich fülle Kartons mit Katalogen und entsorge weiter: Rasierschaum, Zahnbürsten, fast leere, aufgeschnittene Zahnpastatuben, gebrauchte Zahnseide, vor Haaren strotzende Bürsten wie benutzte Tampons wie benutzte Q-Tips und dreckstarrende Waschlappen. Ich kippen einen Bürotrolley voller gehorteter Namensschildchen in den Container und den Trolley gleich hinterher, denn in der untersten Lade war eine Flasche Pflaumenwein ausgelaufen. In einem Schrank glaube ich eine Schüssel Froschlaich zu entdecken, bei näherer Betrachtung stellt sich heraus, dass es verquaster Chia-Samen ist. Dafür, dass Chia nach nichts schmeckt, riecht vergammeltes Chia, so widerwärtig, dass ich für einen Moment meinen Namen vergesse. Ich entferne vertrocknete Blumen und zerbrochene Bleistifte, minenlose Kulischreiber und Stapel um Stapel von bekritzelten Notizen. Sollte auf einem Zettel die Weltformel stehen: ich bin schuld, wenn die Welt davon niemals Kenntnis erhält, denn ich weigere mich auf die kaffeeumrandeten Zettel auch nur einen Blick zu werfen. Ich befördere drei kaputte Rollkoffer in den Container, auch sie sind voller Dinge, aber ich will nicht wissen, was sich in ihnen verbirgt. Ein Koffer birst ungeachtet meiner Wünsche und eine Flut von dünnen Drahtbügeln, die man in der Reinigung bekommt, ergießt sich über meine Füße. Ich schaufle die Drahtbügel in einen neuen, schwarzen Müllsack, der Müllsack reißt auf der Treppe und die Bügel scheppern drei Stockwerke nach unten. Ich fluchte wie der Kutscher vier.Mit dem scharfen Messer kratze ich Kaugummireste von Tischplatten.

Nach acht Stunden ist der Container bis zum Bersten gefüllt und ich gebe dem Chef von Rümpel&Krümpel Ltd. Bescheid. Dann gehe ich ein letztes Mal durch die entkernten Augiaställe und sprühe auf alles Mengen von Desinfektionsmittel und atme langsam aus. Zurück in meinem Büro schließ ich die Tür und lege mich auf den Fußboden. Die Zimmerpalme fächelt mir milde Luft zu und schließlich kommt der Tierarzt nach einem langem Tag im Zoo vorbei mich einzusammeln.

„Mädchen“, sagt der Tierarzt, bist du in Ordnung?.

Ich ächze Undeutliches, denn ich bin beim besten Willen nicht mehr in der Lage, ein einziges Wort zu stammeln und schnaufe wie ein tödlich verwundeter Tiger.

„Mädchen, sagt der Tierarzt, ich glaube Du brauchst ein Eis.“

„Tierarzt, flüstere ich, diese Leute, die haben doch alle studiert.“ Vor dem Fenster fährt der Chef von Rümpel&Krümpel Ltd. den übervollen Container ab.

Lange schweigt der Tierarzt.

„Ein Eis mit Streuseln und heißen Kirschen“, sagt der Tierarzt schließlich, als der Container langsam den Hof verlässt.

Sonntag

In der Nacht zweimal vom vermeintlichen Tropfen eines Wasserhahnes aufgewacht. Weder in der Küche noch im Bad aber tropfte ein Hahn. Die Katze, die den Hahn aufbekommt, schlief tief und selig und der Hund käme nicht auf die Idee sich selbst zu Getränken zu verhelfen. Damit ist es also bewiesen: es spukt bei uns und da auch Gespenster nicht Durst leiden sollen, zucke ich mit den Schultern, trinke selbst ein großes Glas Wasser und gehe zurück ins Bett. Am Morgen sagt der Tierarzt:„Mädchen, mir war in der Nacht als hätte der Wasserhahn getropft.“ Eindeutig Gespenster.

Dann wickele ich mich in einen warmen Bademantel und gehe hinunter ans Meer. Lange schwimme ich im Regen, der fein und grau Meer und Himmel überzieht. Kalt ist das Wasser und doch von eisiger Schönheit. Erst als ich meine Füße nicht mehr spüre, schwimme ich zurück ans Ufer. Eine ganze Weile liege ich im feuchten Sand, dann kommt der Tierarzt und legt sich dazu. Wir zählen die Wolken und erzählen uns Dinge, die man sich nur an kühlen Sonntagmorgen erzählen kann, wenn das Meer die Geschichten sogleich mit sich in die dunkle Tiefe zieht. „Du bist ganz kalt, Mädchen“, sagt der Tierarzt schließlich und ich nicke. Langsam gehen wir zurück ins Dorf. Ich mache Tee und der Tierarzt röstet Scones, die Katze schlürft Milch und der Hund stolpert über seinen roten Gummiknochen. Die Untertasse mit Milch fliegt scheppernd um. Handgemenge zwischen Hund und Katze. Der Hund muss auf die stille Treppe, die Katze wird in den Garten geschickt. Wir trinken Tee und der Tierarzt quält sich mit einem Scone. Ich dusche heiß und während der Tierarzt mir aus der Zeitung vorliest, schlafe ich wieder ein. Dann geht der Tierarzt auf einen Sprung zu Kälbchen herüber, um es mit dem eigens angeschafften Reisigbesen unter dem Kinn zu kratzen. Zwei Tage war Kälbchen trotzig und hielt dem Tierarzt die Canada-Reise vor. Zwei Tage lang blökte Kälbchen verstimmt, schnaubte bitter und verweigerte die Annahme von- vorgeschnittenen Äpfeln und Möhren ( das Fräulein darf diese richten ) und der Tierarzt schwor mit tränenglänzenden Augen, dass Kälbchen ganz bestimmt: „Du liebst mich überhaupt nicht mehr“ geblökt habe. Aber am dritten Tag aber war Kälbchen wieder frech und guter Dinge und dem Tierarzt von Herzen zugetan.

Ich schäle Karotten, salze und pfeffere den Lachs, gebe Rosmarin, Zitronensaft, Knoblauch und Za’atar dazu und schiebe den Fisch mit Kartoffeln und Möhren in den Ofen. „Ach, Read On“, ruft der Priester, „riecht das gut.“ Ich bin eitel genug mich zu freuen und der Tierarzt deckt den Tisch. Gerade als ich die Platte mit dem Fisch zum Priester reiche, klingelt es an der Tür. Ein älteres Ehepaar aus Dänemark wandert durch Irland und sie hat sich eine böse Blase gelaufen: „Ob wir wohl…?“ Ich suche den Verbandskasten und der Wandersmann bittet um ein Glas Wasser und die Benutzung des Badezimmers. Das letzte Haus im Dorf zu sein, ist nicht nur von Vorteil, sondern Wanderer, Radfahrer, Reiter und Schatzsucher, die sich aber Geocacher nennen, fällt immer bei uns ein, was sie alles vergessen haben oder brauchen könnten und klopfen gegen die Tür. Wir reichen Wasser, pflastern Füße und legen ein Gästehandtuch ins Bad. Als sich die Tür hinter den Wanderern wieder schließt, fehlt im Bad die Seife. ( Bergamotte-Lavendel). Die Beiden werden sie wohl nötiger haben als wir.

Dann aber doch Gabelkratzen und hymnisches Juchzen des Priesters. Der Priester sieht sehr glücklich aus und das macht mich sehr froh. Endlich einmal bleibt nichts übrig. Das wiederum macht den Tierarzt sehr froh. ( Zwei Kartoffeln, Baby!) Der Priester und der Tierarzt waschen erst ab und gehen dann zum Priester hinüber irgendeinen Sport im Fernsehen ansehen. Ich rolle mich wieder auf dem Sofa zusammen und der Hund und ich schlafen seufzend ein. Dann klingelt das tierärztliche Telefon.

„Tierärztliches Telefon, Fräulein Read On am Apparat, wie kann ich Ihnen helfen?“ Ähm, Fräulein Read On, hier ist der Zoodirektor ein Känguru plagt heftiger Rückenschmerz. Ob der Tierarzt wohl…?“ Ich seufze und eine halbe Stunde später rollen wir mit dem Volvo erst in der Tierarztpraxis vorbei und fahren in die Stadt zum Zoo. Das Känguru sieht sehr grimmig drein und hat sehr große Füße. „Read On, kannst du mir helfen?“, fragt der Tierarzt und ich muss mich wirklich sehr überwinden mit anzufassen. Das Känguru schwingt unlustig seinen Schwanz und starrt mich missmutig an. Der Zoodirektor erklärt uns, dass das Känguru sich den ganzen Tag den Rücken gehalten habe und dann fiel es einfach um. So ein Känguru ist ziemlich schwer und dann die seltsamen Füße. Der Tierarzt macht tierärztliche Dinge und ich reiche tierärztliche Dinge an und Kängurus riechen nicht wirklich gut, aber ich finde meine Abneigung auch ein bisschen peinlich und nehme mich zusammen, das kann ich ja so gut. Irgendwann nickt der Tierarzt und ein Zoopfleger wird die Rekonvaleszenz des Kängurus begleiten. Ich wasche mir sehr lange die Hände und der Zoodirektor bedankt sich wortreich. Immerhin bekommt man als Tierarzthilfskraft ein Grantapfeleis und der Tierarzt murrt fast gar nicht über seine Kugel Erdbeereis und erzählt begeistert über andere verunfallte Kängurus. Ich nicke und versuche die grausigen Kängurufüße zu vergessen. Dann fahren wir zurück nach Hause. Die Katze starrt uns tödlich beleidigt an, so lange war sie schon lange nicht mehr im Garten, der Hund jault vor Begeisterung über unsere Rückkehr und der Tierarzt zieht mich auf das Sofa zurück. „Komm sagt er Mädchen, Sonntage sind zum Küssen da.“

Zu Boden gehen

Als die Nachtschicht am Freitag Morgen endet geht über Dublin die Sonne auf. Es lohnt sich nicht noch einmal zurück aufs Dorf zu fahren, beschließe ich und fahre in die Univresität. „Tierarzt“ sage ich, „es ist Birchermüsli im Kühlschrank, bitte iß doch ein Schälchen,ja?“ „Soll sein, Mädchen, soll sein, sagt der Tierarzt und dann: „Mädchen leg dich aber heute untertags wenigstens eine Stunde hin, ja?“ „Soll sein, Tierarzt, soll sein.“ Dann lege ich auf und ratsche mit der Zugehfrau, die um 6.30 Uhr fast fertig ist mit dem Saubermachen und deren Sohn gerade Schulabschlussprüfungen hatte. Er ist der erste in der Familie, der einen Schulabschluss macht. Ihre Schule wurde im Krieg zerstört und dann zerstörte der Krieg ein ganzes Land. Die Zugehfrau ist aus Sierra Leone und ihr Sohn macht gerade mehr als einen Schulabschluss. „Read On“ sagt sie streng „ sie müssen auch einmal schlafen.“ Ich nicke und gelobe Besserung. Dann fängt der Tag mich ein. Ich schreibe und telefoniere, ich renne Treppen hinauf und hinunter, und dann noch einmal hinauf ( den grünen Aktenordner hatte ich liegen lassen.) Wieder klingelt das Telefon, ich verschwinde in der Bibliothek, und tauche bücherbeladen wieder auf . Für einen grässlichen Moment glaube ich, mir sein der „WICHTIGWICHTIG“-USB Stick abhanden gekommen, aber er war nur in der linken statt rechten Rocktasche. Ich puste siebenundzwanzig Mal über den Tee und verbrenne mir doch die Zunge. Dann klingelt schon wieder das Telefon. Fast noch pünktlich rausche ich in das Konferenzzimmer hinunter. Für zwei Stunden versuche ich nicht zu gähnen und bloß keinen der Punkte auf dem grünen Zettel zu vergessen. Ein bisschen tanzen die Buchstaben, aber das mag auch am Wind liegen, der die Bäume vor dem Fenster tanzen lässt und Schatten über das Papier wirft. Bestimmt glühen die Augen des ungeliebten Kollegen auch nicht, weil ich so müde bin, sondern weil das Sonnenlicht schräg durch das Fenster fällt und er auf einmal gelbäugig zu mir herüberstarrt. Ich pfeife meiner wunderschönen Chefin hinterher, die im roten Leinenkleid vorüberläuft und sie wird wirklich rot. Zum ersten Mal an diesem Tag bin ich wirklich wach. Für zehn Minuten sitzen wir auf dem warmen Rasen vor der Universität. „Was Du für ein wunderschöner Mensch bist“, sage ich ihr und bin selbst überrascht wie ernst es mir ist. Jetzt ist sie wirklich so rot wie ihr leuchtend- rotes Kleid und muss sich eilen, um rechtzeitig zum Flughafen zu kommen. Ich klopfe mir das Gras ab, denn schon wieder klingelt das Telefon, ich beantworte eine E-Mail nach der anderen und habe das unheimliche Gefühl, dass es immer mehr werden, anstatt weniger. Dann hat die B. eine Frage und aus der Frage wird ein ziemlich, großes Problem, das gelöst werden muss. Die B. schluchzt und ich nehme eine Aspirin-Tablette bevor ich wieder nach dem Telefonhörer greife. Zum Glück hat die Frau am anderen Ende der Leitung irgendwo einen Vermerk mit: „Read On, stur wie der Esel sieben, Abschütteln sinnlos“ und als ich auflege, kann ein Formular auch noch am Montag nachgereicht werden. Die B. schluchzt wieder und dann höre ich ein dumpfes RUMMS. Ich jage wieder die Treppen nach oben. Dem G. ist es gelungen den vollbeladenen Geschirrspüler umzustoßen. „Read On“, ehrlich ich schwöre ich wollte mir nur einen Tee machen.“ „Im Geschirrspüler G.?“ Der G. schüttelt den Kopf: „Natürlich nicht. Ich brauchte halt eine Tasse.“ „Das hat ja gut funktioniert, sage ich und dann bin ich sehr lange, damit beschäftigt eine ganze Geschirrspülladung voller Scherben in Kartons zu stapeln und in den Müll zu schaffen. Der G. steht greinend daneben und beklagt sich über die Ungerechtigkeit der Welt, die ihm eine Tasse Tee verwehrt. Ich sauge Glassplitter auf und erinnere den G. wie er ganz ohne sein Zutun einen riesigen Aktenschrank zum Umfallen brachte. Dann endlich ist der G. still. Der Geschirrspülautomat rumst erst mürrisch und als ich denke, er ist kaputt hickst er und funktioniert wieder. Dann hole ich Ersatzgeschirr. Da ist der G. schon lange nicht mehr da. Ich packe meine Sachen zusammen und gehe einkaufen. Das geht nicht besonders gut, denn ich sehe auf den Blumenkohl in meiner Hand und weiß nicht mehr, was das eigentlich ist. Also trolle ich mich und warte auf den Zug. Der Zug hat Verspätung und mich befällt der unangenehme Gedanke etwas vergessen zu haben. Aber die Schlüssel, die Geldbörse und Unterlagen sind in der Tasche. Aber auch im Zug kann ich nicht aufhören immer wieder in der Tasche zu kramen, aber ich finde nicht was ich suche. Dann laufe ich durch das stille Dorf und winke der Frau des Krämers, die mir zuruft, dass ich aussehe wie einmal durch die Mangel gedreht. Die Frau des Krämers kann Komplimente. Dann öffne ich die Wohnungstür und zweimal fällt mir dabei das Schlüsselbund aus den Händen. Dann fällt mir ein, was ich vergessen habe: ich wollte mich doch wenigstens für eine Stunde hinlegen. Aber mehr erinnere ich nicht, denn als zwei Stunden später der Tierarzt aus dem Zoo zurückkommt, stolpert er über mich auf dem Flurläufer: WhatthehelljesusMädchenisthatyou? Sehr langsam mache ich die Augen auf. Neben mir liegt meine Tasche und ein Schuh liegt vor Tür. Aber auf das Sofa habe ich es nicht mehr geschafft, sondern muss direkt auf dem Kokosläufer eingeschlafen sein. „Ach Mädchen“, sagt der Tierarzt und zieht mich zu sich heran. Aus dem Flurspiegel sehen uns ein Mann, der nicht essen kann und ein Mädchen, das vergisst zu schlafen an. Das sind wohl wir.

Einhundert Karten in das Gefängnis von Silivri

Man vergisst so schnell und mir geht es da nicht anders. Immer geht es weiter und immer geht es immer schneller. Boris Becker ist pleite und Helmut Kohl ist tot. In London verbrennen Menschen wie es sich nicht einmal Charles Dickens hat ausmalen können, in Deutschland ist es heiß und in Irland bläst ein kalter Wind. In Afrika hungern die Kinder schon immer, in Deutschland gibt es Antisemitismus-Experten und Anti-Antisemitismusexperten nur keine Juden mehr, vom Schlimmen geht es gleich weiter zum Schlimmsten und das Allerschlimmste muss am besten noch vor Redaktionsschluss komen.
in der Türkei aber werden jeden Tag Menschen verhaftet und immer wenn ich über neue Verhaftungen in der Türkei lese, frage ich mich ob es denn möglich ist ein ganzes Land gefangen zu nehmen, aber dann klingelt das Telefon und irgendwann klingelt mein Kopf und ich bin froh mich zu erinnern, welcher Wochentag eigentlich ist. Im März aber hat man auch Deniz Yücel verhaftet, einen deutschen Journalisten, der auch einen türkischen Pass hat und ich hörte die Nachricht früh am Morgen im Radio und es fuhr mir kalt durch die Glieder. So kalt wie bei vielen Nachrichten und ich beschloss einmal wenigstens nicht in das Kaninchenloch der Beschleunigung zu fallen, sondern mich einmal am Tag wenigstens für einen Moment lang zu erinnern, dass drei Flugstunden entfernt, Menschen im Gefängnis sitzen, weil sie kritisch berichten, weil sie Gedichte schreiben oder einen Roman, der nicht Recip Tayip Erdogan gewidmet ist. Seit dem 12. März habe ich jeden Tag eine Postkarte an Deniz Yücel in das Gefängnis Silivri nach Istanbul geschickt. Das Gefängnis ist keine osmanische Festung mit schwerttragenden Janitscharen, sondern Europas größtes Gefängnis. Eine Stadt in der Stadt, eine abgeschlossene Welt mit türkischem Nationalstolz und Sicherheitstechnik auf die sich stolz sein lässt. Stolz ist in Diktaturen ja eine besondere Kategorie. Stolz ist man auf harte Fäuste und scheppernde Hymnen und wenn man nicht weiter weiß, dann ist immerhin das Vaterland noch übrig, dass kann sich ja auch nicht mehr wehren. Nicht stolz ist man auf Dichter, Romanautoren und Dichter, die müssen deswegen hinter ausgefeilten, feuersicheren Türen und harten Wänden mit einer Handbreit Himmel verschlossen werden, denn die stolzen Vaterlandsfreunde bleiben am Liebsten unter sich und werden nicht behelligt. Gedichte lesen sie nur, wenn sie sich reimen, Bücher nur wenn sie auch wirklich langweilig sind und die Zeitungen schreiben sie lieber gleich selbst. Ich glaube ( und fürchte ) keine der Karten erreicht seinen Empfänger. Manchmal stelle ich mir vor, dass dort in Silivri in einer Amtsstube mit einem toten Gummibaum und einem Atatürkbild an der Wand ein Gefängnisbeamter, der seine spärlichen Haare quer über seine Glatze legt, die dort eintreffenden Karten in den Händen wiegt und vielleicht sind seine Hände auch ein bisschen feucht, denn selbst ein treuer Diener der Türkei kann wohl ein leichtes Unbehagen nicht verbergen über die Karten, die nicht ausgehändigt werden sollen, die sicherlich im offiziellen Sprachgebrauch der Gefängnisanstalt Silivri gar nicht existieren aber die doch Tag für Tag eintreffen. Die Karten sind übrigens denkbar simpel. Jeden Tag laufe ich quer über die Straße und kaufe eine Postkarte mit irischen Schafen oder den Klippen von Moher oder irgendeinem der vielen Naturmotive die Irland anbietet oder ich laufe hinunter in die National Gallery und kaufe Kunstpostkarten, so dass die Poststelle von Silivri inzwischen einen ganz guten Überblick über irische Flora und Fauna und europäische Malerei vom 15- 21. Jahrhundert haben müsste. Die Postkarten sind also an Harmlosigkeit nicht zu übertreffen und der Gefängniswärter oder der Gefängnispostellenbeamter, der die Karten vielleicht in eine Schublade wirft oder schreddert, vielleicht fragt er sich ja manchmal in einer stillen Stunde ob er wirklich Teil der globalen Terrorismusbekämpfung ist, die sich vor Postkarten fürchtet und aus Angst vor kritischen Artikeln nicht schlafen kann. Aber vielleicht hat man in Silivri gar keine Fragen mehr. Vielleicht ist der Postkartenbegutachter aber auch überzeugter AKP-Anhänger, trägt gewichste Lederstiefel, liest vor dem Frühstück Erdogan Zitate und bekommt feuchte Augen spricht dieser zum noch nicht verhafteten Volk und verspeist die Postkarten höchstpersönlich. Für das Vaterland muss man Opfer bringen.

Eine Karte am Tag ist nicht viel, aber manchmal sitze ich vor dieser Karte und bin mir nicht sicher, ob das Geschriebene nicht nur sehr banal, sondern auch eine Zumutung ist für jemanden, für den die Zeit nicht vergeht, für den nichts schneller geht, sondern der im Stillstand des Kosmos von Silivri lebt und Geschichten jener rasenden Welt erzählt bekommt, deren Teil er nicht mehr ist. Ich bin mir nicht sicher und die Karten sind kleine und winzig kleine Momentaufnahmen der Welt außerhalb von Silivri. Das ist die Idee, aber es ist auch die Hilflosigkeit und auch eine Notwendigkeit nicht. Ich kenne Deniz Yücel nicht und habe ihn auch vor seiner Verhaftung nicht weiter als aus dem Augenwinkel wahrgenommen. ( Was immer das über mich sagt. ) Es gibt also keine anknüpfende Ebene, sondern den Versuch mit einer Karte eine Tür zur Welt offenzuhalten. ( Es ist vor allem Hilflosigkeit ) Es ist aber auch eine Karte für die mehr als einhundert in Haft befindlichen Journalisten, wenigstens einmal am Tag irgendwo in Silivri soll sich jemand über diese Karte ärgern, denn Diktaturen werden so furchtbar ungern an das Unrecht für das sie sich so einsetzen, erinnert. Ich kann kein Türkisch schreiben und ich kann auch nicht einhundert Karten am Tag schreiben. So nüchtern ist es und ich wünschte es wäre anders. Der Tierarzt schreibt wie ich auch jeden Tag an eine Karte auf Englisch an einen Radio- Journalisten Mizgin Çay, Vorwurf: unklar.

Ich habe in einem anderen Land und in einem anderen Leben schon einmal über Jahre hinweg Karten und Briefe in ein Gefängnis geschrieben, ich kannte aber anders als dieses Mal den Inhaftierten ( Vaterlandsverrat ) sehr gut und schrieb lange Briefe. Eines Tages bekam ich meinen letzten Brief zurück. Da habe ich gewusst, dass ich nicht mehr schreiben muss. Auch daran denke ich jeden Tag, wenn ich vor der Postkarte sitze.

Auf ein Wort will ich es ankommen lassen. Weiter im Text also, weiter mit Karte 101.