Aufforderung zum Tanz

Der Tierarzt lehnt sich zu mir herüber. „Read On“ flüstert er, „bist du schon wach?“. Ich bin mir nicht sicher, denn ich bin wirklich sehr müde. Aber der Tierarzt gibt nicht nach: „Read On“ flüstert er wieder und kitzelt mich hinter den Ohren. Davon wache ich wirklich auf. „Tierarzt“ sage ich und sehe auf den Wecker, es ist noch nicht einmal sechs Uhr!“

Aber der Tierarzt will davon nichts hören: „Read On, wir brauchen einen Plan. „Ich kann unmöglich mit der Tochter der Frau des Krämers tanzen.“ Heute nämlich lässt das Dorf die Frau des Krämers hochleben. Bunte Wimpel schmücken die Dorfstraße, lange Tische sind schon aufgebaut, der Priester hat ein sehr, sehr langes Gedicht geschrieben, in dem sich „she is a rock/ and never loses a sock vortrefflich reimen. Der Elektriker hat für das Keyboard eine Steckdose und eine Verlängerungsschnur aufgetan und es gibt eine Sitzordnung, die nicht weniger komplex und kompliziert ist als die einer Adelshochzeit. Gestern Abend habe ich eine Schwarzwälder Kirschtorte gebacken, denn wer von der Frau des Krämers so charmant gefragt wird: „Fräulein Read On, wann bringen Sie denn ihren Kuchen?“- der kann ja gar nicht anders als sich den Abend mit einer Cremetorte um die Ohren zu schlagen. Das Dorf hat zusammengelegt und schenkt der Frau des Krämers und ihrem Gemahl eine Flussschiffahrt auf der Donau. Der Flieder für Madame wird frisch geschnitten und den Maiglöckchenstrauß aus dem Berliner Garten, den der Tierarzt der Tochter der Frau des Krämers seiner Tischdame nämlich überreichen soll, liegt schockgefroren im Gefrierfach damit er möglichst lange frisch bleibt.

Der Tierarzt aber schüttelt den Kopf: „Read On, ich schwöre Dir auf keinen Fall, kann ich mit dieser Tochter tanzen. Mir ist übel allein bei dem Gedanken Sie bei den Armen fassen zu müssen. Ich will nicht, alles, wirklich alles in mir sträubt sich einen ganzen, langen Nachmittag neben dieser Person mit ihren schauderlichen Witzen, ihrem enormen Appetit, ihren kleinen, gemeinen Augen und ihrer schadenfrohen Mutter zu verbringen. Ich konnte sie noch nie ausstehen, alles an ihr ist mir widerlich, und wenn ich mir vorstelle wie sich ihr Busen in meine Rippen drückt, wird mir schlecht und ich muss mich bestimmt übergeben. Ich habe dieser Person nichts zu sagen und ich will und will und will nicht mit ihr tanzen. Dann atmet der Tierarzt ein- und aus und sieht mich an: „Wir brauchen einen Plan.“ Ich ordne meine Knie, entknäule meine Füße und suche meinen linken Ellenbogen. „Ich brauche einen Tee“, sage ich. Fünf Minuten später komme ich mit zwei dampfenden Teetassen zurück und krieche wieder unter das warme Bett. Der Tierarzt lehnt gegen das Fußende und streckt seine Füße an meine Rippen. Ich puste zweimal über die Teetasse und seufze. Der Tierarzt seufzte auch und sagt noch einmal: „Wir brauchen einen Plan.“ Gut, sage ich und schlürfe Tee, lass mich dir eine Geschichte erzählen und wenn du findest, sie taugt dir nicht, dann gipse ich dir den Fuß ein.“ Der Tierarzt nickt und ich erzähle:

„Vor vielen Jahren zog ein Mädchen aus einem fremden Land in die große Stadt Berlin. Es war mittelgroß und sehr, sehr dünn. Hennaschwarz gefärbte Haare und alle Tage und Nächte war sie in dicke wollene Strickjacken gewickelt und am liebsten dazu noch in ein dickes, wollenes Tuch. Gelächelt hat das Mädchen kaum. Geld hatte das Mädchen auch nicht. Deswegen arbeitete das Mädchen als Nachtschwester in einer ziemlich großen Klinik in Berlin. Denn sie hatte ihrer Großmutter versprochen sich eine Erziehung angedeihen zu lassen und das hieß zunächst einen höheren Schulabschluss zu erlangen. Das versuchte das Mädchen tagsüber. Freunde hat das Mädchen kaum und einen Freund hatte das Mädchen erst recht nicht, denn niemand verliebt sich in verschlossene Schatten, die in noch größeren Strickjacken verschwinden. Mädchen müssen schön sein und leuchten und schillern, das wusste das Mädchen da schon. Auf der Station auf der sie arbeitete, aber hatte mit ihr ein junger Assistenzarzt angefangen. Blonde Locken und grüne Augen, und glänzende Aussichten wie selbst der ewig mürrische Oberarzt anerkennend feststellte. Natürlich verliebten sich alle Ärztinnen, selbst diejenigen die fünf Kinder hatten, Krankenschwestern, und Patientinnen in den aussichtsreichen Assistenzarzt. Das Mädchen war in jenen Jahren zu müde sich zu verlieben, aber auch das Mädchen sah dem schönen Assistenzarzt, der so schien es auch in den längsten Nächten nicht müde wurde, hinterher. Chancen hatte sie sich keine ausgerechnet und so fiel das Mädchen aus allen Wolken als eines Tages der Assistenzarzt zu ihr kam- das Mädchen desinfizierte gerade Nierenschalen- und  es zum Tanz in Clärchen’s Ballhaus einlud. Das Mädchen war sich sicher, es hätte sich verhört. Aber auch auf zweimalige Nachfrage hin, blieb der junge Arzt bei seinem Entschluss mit dem Mädchen am Samstag Abend tanzen zu gehen. Das Mädchen sah in den Spiegel und schüttelte sich. Es wickelte sich aus den Wolljacken und dem dicken Tuch. Es blickte seufzend in den Kleiderschrank. Damals hatte das Mädchen nicht genug Geld einfach so ein neues Kleid zu kaufen und so schlüpfte das Mädchen in einen indischen Sari, den das Mädchen von einer indischen Patientin geschneidert bekommen hatte. Bevor es vorsichtig auf dem Fahrrad durch Berlin zu Clärchen’s Ballhaus fuhr, kaufte es einen Maiglöckchenstrauß, denn die Großmutter des Mädchens, die ihm versicherte, es sähe fabelhaft aus in dem bunten Sari, sagte es sei gute Sitte einem Verehrer Maiglöckchen mitzubringen. Als das Mädchen ihr Rad vor Clärchen’s Ballhaus anschloss, war vom Assistenzarzt nichts zu sehen. Das Mädchen bestellte eine Limonade und wartete. Es wartete sehr lange. Zwar kamen immer wieder Männer vorbei, die das Mädchen in ihrem Sari verlachten aber der junge Arzt mit den grünen Augen kam nicht. Irgendwann begriff das Mädchen, das der Arzt nicht mehr kommen würde. Es schlich aus dem Garten des Ballhauses heraus und setzte sich auf den Bordstein, die zerknitterten Maiblumen hielt es noch immer in der Hand. Das Mädchen weinte und dann warf es die Maiglöckchen in den nächstbesten Mülleimer. Schluchzend traf das Mädchen zu Hause ein. In der folgenden Nachtschicht, das Mädchen stand auf einem Tritt in einem Vorbereitungsraum und suchte nach Medikamentausgabeschalen, die Tür war nur halb angelehnt. Der junge Arzt stand mit drei anderen Kollegen vor der Tür. Er lachte lauthals. Auf einer Digitalkamera zeigte er den Ärzten offenbar amüsante Bilder. „Damit habe ich die Wette gewonnen“, johlte er. Auf den Bildern war das erst wartende und dann das auf dem Bordstein schluchzende Mädchen zu sehen. „Hat die doch wirklich geglaubt“, sagte der junge Arzt, „ich würde mit so einer Vogelscheuche ausgehen!“ Wieder lachten die Ärzte laut und vernehmlich. So was Ungef*cktes habe ich noch nie gesehen. Wer Erbsen statt Brüste hat, muss sich ja auch nicht wundern.“ Dann johlten die Männer weiter über die naive Trutschen, die nach Armut röche und noch dazu ein albernes Nachthemd- den Sari- trüge. Niemals prahlte der junge Arzt mit den schönen, grünen Augen würde er so erbärmlich dran sein, mit so einer tanzen zu müssen. Das Mädchen aber war unterdessen vom Tritt heruntergestiegen und öffnete die Tür. Die Ärzte sahen entsetzt auf. Die Digitalkamera polterte zu Boden. Aber das Mädchen ging einfach weiter und teilte die Medikamente aus. „Das Mädchen, Tierarzt sage ich, war niemand anders als ich selbst.“ Dann trinke ich den Rest Tee aus. Der Tierarzt aber sieht mich nicht an. „Wenn Du ein Gipsbein willst, sag Bescheid.“

Dann gehe ich ins Bad wasche mir die Haare, suche die Skiunterwäsche, die ich unter dem Kleid tragen will, schneide Flieder im Garten, telefoniere mit Schwesterchen und meiner lieben C., trinke Milch mit Kaffee, arbeite für zwei Stunden und lese die Zeitung. Der Priester kommt herüber und braucht Hilfe beim Krawattenknoten. Der Tierarzt aber hat noch immer nichts gesagt, doch dan nimmt  er den Maiglöckchenstrauß, ich die Torte und der Priester den Flieder. Dann gehen wir ins Unterland hinab. Die Frau des Krämers trägt ein Ungetüm aus roter Seide genau wie ihre Tochter, beide strahlen wie Honigkuchenpferde. „Ach, unser Tierarzt“ rufen sie unisono. „ Er freue sich sehr, dass Sie seine Tischdame sei, höre ich den Tierarzt noch sagen und sehe, wie er der Tochter der Hauses die Maiglöckchen überreicht.
Dann spiele ich „Happy Birthday to you“ auf dem Keyboard. Das Dorf singt geschlossen, die Frau des Krämers lässt sich auch durch das schollernde „Muhahahahaha“ des Keyboards nicht davon abhalten Tränen der Rührung zu verdrücken.

Das Fräulein Read On spricht über Sex

Bekanntlich ist nichts schauderhaft als Menschen, die sich selbst über den grünen Klee loben und ihre Weltrettungsphantasien immerzu heraus zu posaunen. Das ist fast genau so anstrengend wie die langen Dia-Vorträge von Onkel über den Besuch einer alten Höhle in Zypern, in der einmal der Bruder des Ajax lang und herzhaft gegähnt haben sollte. Gegähnt haben vor allem wir und ich schlief auf dem Schoß meiner Großmutter ein. Trotzdem kann ich nicht verneinen, dass auch ich eitel und selbstgefällig bin und mit 19 Jahren glaubte ich fest daran, dass die Welt nur auf ihre Rettung und damit auf mich warten würde. Natürlich habe ich mich krachend geirrt und die Welt drehte mir eine lange Nase. So lange aber, seit dem ich damals in Indien begann zu arbeiten, beschäftigt mich Sexualaufklärung oder besser noch seitdem habe ich nie wieder aufgehört über Sex zu reden, zu arbeiten und über die Prävention sexueller Gewalt nachzudenken. Ausgerechnet ich, die immer unglücklich Verliebte. Manches ändert sich eben nie. Vieles ändert sich doch. Auch ich bin nicht mehr dieselbe, mein 19 Jähriges Ich ist mir irgendwann einmal verlustig gegangen und sitzt vielleicht irgendwo in Darjeeling und schreibt Gedichte. Seit dem ich aber eine Aufklärungssprechstunde für Flüchtlinge und vornehmlich Männer anbiete, aber lebe ich noch einmal anders mit diesem Thema und in Deutschland im Jahr 2017 lebt man nicht besonders gut, macht man Sexualität und Flüchtlinge zu seinem Thema. Ungefähr 200 Emails in der Woche bekomme ich, die mir versprechen, dass die Welt ein besserer Ort sein würde, läge mein Kopf abgeschlagen auf dem Trottoir. Was sich gegen die Wut und gegen den Wunsch die Welt am liebsten anzuzünden tun lässt, weiß ich nicht. Dagegen bräuchte es wohl viele Neunzehnjährige, das bin ich nicht mehr. Aber wenn Sie mir für 8 Minuten zuhören mögen, warum ich glaube das Aufklärung für uns alle gut ist, dann können Sie das hier tun.

Sie können aber auch und voller Verärgerung dreimal im Kreis laufen und rufen: „Pfui, so ein eitles Fräulein!“ Sie hätten natürlich Recht, oder besser noch sie bleiben in der Sonne liegen und lassen die Welt, Welt sein. Ich würde es Ihnen niemals verdenken.

Warten auf Godot

Wir warten. Wir warten auf Eisenbahnen, Anschlusszüge, auf Anrufe, Lebenszeichen, wie lange ich schon darauf warte noch einmal warme Hände zu bekommen, weiß ich nicht mehr. Wir warten auf die Zukunft, wir warten auf den letzten Bus, wir warten auf Freunde und Feinde, Sonnenuntergänge und darauf, dass das Warten doch endlich einmal zu Ende geht. Am Montag Abend sitzen der Tierarzt und ich im Theater und warten auf den Beginn des Theaterstücks. Sie ahnen es schon wir „Warten auf Godot.“ Noch aber summt das Theater, denn auch hier wird gewartet. Der Mann neben uns wartet auf Ellis, die bestimmt gleich kommt, eine Frau wartet auf ihre Schwiegermutter, der sie hektisch Nachrichten schreibt und wir alle zusammen warten, dass der Theatergong den Beginn des Stückes ankündigt. Ellis wird schließlich kommen und über den Tierarzt und mich hinweg erst in die Arme ihres Freundes und dann auf den Stuhl fliegen, die Schwiegermutter aber bleibt verschwunden. Aufseufzend lässt die Frau ihr Telefon in einen kleinen aparten Seidenbeutel verschwinden. Die Bühne ist leer. Nur ein vertrockneter Baum steht am linken Rand ein runder Stein, einem sehr großen Straußenei nicht unähnlich. Auf ihm sitzt mit Kinn in der Hand ein Schauspieler und rührt sich nicht. Er wartet. Wartet schon einmal vor. Wartet darauf, dass Telefon endlich aufhören zu klingeln, wartet sich schon einmal warm für das was da kommt. Gewartet wird in den nächsten zweieinhalb Stunden. Gewartet wird auf jenen mysteriösen Godot, von dem einige sagen, dass es ihn gäbe, von dem keiner genau weiß was er ist, und niemand mag zu sagen, wann er kommt. Die beiden Landstreicher über die wir nichts wissen, außer dass sie auf Godot warten und über die wir nicht viel erfahren außer, dass sie auf Godot warten, warten und es ist ein quälendes Warten. Ein nervenaufreibendes, frustrierendes Warten. Ein Warten, dass sich im Kreis dreht, ein Warten, dass in jede einzelne Pore kriecht, sich in die Füße, die Gesichter und Gedanken einnistet, um nicht mehr zu verschwinden. In Paris hat Samuel Beckett Godot geschrieben, lange schon weit weg von Irland, 1948 im grauen Nachkriegsparis, keine Landstraße in Donegal, auf Französisch nicht mehr auf Englisch aber doch dieses Stück hat ein irisches Echo nicht nur weil wir in Dublin und nicht in Narbonne im Theater sitzen. Hier ist es wieder das irische Warten, denn in Irland hat das Warten eine lange Tradition. Da warten die Beiden also, warten auf den, der nicht kommt, foppen sich, beklagen sich und die Welt, werden des Wartens überdrüssig, hungrig macht das Warten und müde, so müde ist Estragon und je müder Estragon wird, desto schneller redet Wladimir. So vergeht Zeit und vergeht doch nicht. Wie schwer es ist zu warten, selbst in einem Theaterstück sieht man daran, dass jede Pointe, jeder gestoßene Zeh, jede Idee mit Gelächter und Gekicher vom Publikum bedacht wird, denn alles ist besser als das zähe Warten zu nah an sich herankommen zu lassen, denn wir alle, Sie und, der Tierarzt, ich und Ellis und die Schwiegermutter, die nicht kam, wir alle warten wohl auf unseren ganz eigenen Godot, der scheinbar manchmal näherkommt, nur um gleich darauf wieder in einer dunklen Seitengasse zu verschwinden. Ich habe niemals über Beckett lachen können und kann es bis heute nicht und auch hier in der Inszenierung der Druid Theatre aus Galway bleibt Samuel Beckett der Meister des Alptraumes. Dann nämlich wenn Pozzo und sein Diener Lucky auf die beiden Vagranten treffen, spätestens dann bleibt einem das Lachen im Halse stecken. Der an einem dicken Seil hinter seinem Herrn hereinstolpernde Diener, der nicht mehr Mensch ist, sondern nur noch Objekt, der auf Peitschenknall, Getränke und Stuhl anreicht, und mit gebücktem Rücken auf den nächsten Angriff wartet, ist von solcher Schrecklichkeit, der man sich nicht entziehen kann und schon warten wir nicht mehr auf Godot, sondern darauf, dass diese Folter deren Zuschauer wir sind, doch endlich ein Ende nimmt. Wir müssen lange warten. Nein Beckett lässt niemanden entkommen und es kann nicht überraschen, dass er im grauen Jahr 1948 Niemanden fand, der das Stück auf die Bühne bringen wollte. So nah dran am Schrecken, den doch alle Welt vergessen wollte, unerbittlich zwingt Samuel Beckett noch heute, noch immer nach so vielen Jahren, die schnell Jahrzehnte wurden, zum Blick zurück. Das habt ihr getan, sagt Beckett, und wir ahnen es wohl, das ist der Mensch, das sind wir. Eine Bube kommt schließlich vorbei, aber auch seine Nachrichten bleiben vage und leer. Eine Nacht vergeht. Estragon will alles vergessen, Waldimir will sich an alles erinnern. Beide zwingt das Warten in die Knie, man kann über das Warten den Verstand verlieren und ob es dazu einen oder einhundert Tage braucht, wer weiß das schon zu sagen. Das Warten lässt sich nicht verkürzen kein Rätsel, keine Geschichten, kein Walzer verringert die quälende Ungewissheit, den Wunsch mit dem Warten doch einfach aufhören zu können, weiterzugehen, ein neues Land, ein neues Leben, den Namen Godot doch einfach vergessen, nichts davon ist wahr. Wir warten wie Estragon und Waldimir. Wir warten noch immer und immer weiter und während wir nach Taschen und Mänteln suchen, ruft eine Frau: „Warte doch.“

Kurz vor zwölf  Uhr sind wir zurück im Dorf. Nur bei der Frau des Krämers ist noch Licht und leise bewegt sich die Gardine hinter dem Fenster. Dass die Frau des Krämers wartet ist nicht neu, „vielleicht bist du ja Godot“, sage ich zum Tierarzt. Der Tierarzt lacht und lacht und lacht. „Komm Mädchen“ sagt er, „es ist schon spät.“

Waiting for Godot ( der Ausschnitt zeigt eine Freiluftaufführung in Irland ) aber das extrem reduzierte Bühnenbild funktioniert auch im Abbey Theatre Dublin, noch zu sehen ist das Stück noch bis zum 20. Mai 2017.
Die Druid Theatre Company macht großartige und sehr intensive Stücke, nicht nur in Irland, nicht nur Beckett, sondern wenn Sie ein wenig warten sicher auch auf einem Theaterfestival bei Ihnen. Ich lege es Ihnen heiß ans Herz.

Sonntag

Der Tierarzt ist von meinem Versuch den Tag durch frühes Aufstehen zu verlängern nicht sonderlich angetan, sondern kriecht nur tiefer unter die Decke. Aber nach drei Jahren Irland habe ich gelernt: was ein Ire ist, lässt sich mit einer Tasse Tee wie einst Alice nicht ins Wunderland, sondern zumindest in den Garten locken. Es muss aber, sollten Sie einmal selbst in die Verlegenheit geraten einen Iren aus einem komatösen Schlaf zu erwecken, Barry’s Tea sein, ein starkes Gebräu in dem der Teelöffel stecken bleibt, dazu ein Schlückchen Milch und dann sitzt auch der Tierarzt im Garten unter der Kastanie und links vom Fliederbusch und klimpert mit den schlafschweren Lidern. Was genau das Geheimnis von Barry’s Tea ist, habe ich nie herausfinden können, aber die grüne Dose mit der Jubilee’s Mischung für 12 Pfund bei Fortnum & Mason für den Tierarzt erstanden, steht unberührt im Schrank. Nur der Priester, Gäste und ich trinken dann und wann ein Tässchen, während der Tierarzt noch für ein Wochenende in Berlin eine Notfallration an Barry’s Teabags in das luggage holdall verschwinden lässt.

Der Tierarzt gähnt, ich lege meine Füße in seinen Schoss. Die Katze, die den Tierarzt liebt, springt nun ihrerseits obendrauf und mein Plan geht auf: endlich warme Füße. Wir sehen den Amseln beim Frühstück zu und zählen die Möwen, die sich auf dem Dachfirst sammeln. Der Hund kaut hingebungsvoll auf einem Gartenhandschuh und der Tierarzt erzählt mir einen schrägen Traum. Im Wald nämlich sei er gewesen, barfuß und nur mit einem Hut bekleidet, auf der Suche nach einem bestimmten Moos. Aber das Moos habe er nicht gefunden, dafür ein langes Gespräch mit Silberfischen geführt, die von überall her auf ihn zu gekrabbelt kamen. Aber was genau die Silberfische ihm hätten sagen wollen, wisse er nicht mehr, denn schließlich hätte ich ihn geweckt. Ich höre nur halb zu, denn gerade klettert die Sonne über die Kirchhofmauer, wandert am Haus entlang, stolpert über die Kastanie und den Fliederbusch und taumelt schließlich an meiner Nasenspitze entlang, fährt mir durch die Haare und malt mir goldene Kringel auf die Beine.

Dann müssen wir auch schon los. Denn der Tierarzt muss sich im Zoo einer erkrankten Giraffe annehmen und auf mich warten Stapel von Arbeit im Büro. In der Stadt trennen sich unsere Wege und für lange Stunden sehe ich die Sonne nur von fern durch die Fensterscheibe. Um 15 Uhr aber gehe ich ins Schwimmbad hinüber. Jeden Tag schwimme ich 50 Bahnen, denn das Gepaddel in der eiskalten Irischen See kann man kaum Schwimmen nennen und es sind diese 50 Bahnen am Tag, die nur mir gehören. Kein Telefon klingelt, kein- es-dauert-auch-nur-fünf-Minuten, kein dringend, eilig, bitte jetzt, sondern nur eine Schwimmhalle, Bahn für Bahn, der Geruch nach Chlor, Wasser plätschern, von Ferne das Radio aus dem Fitnesstudio über uns, nichts wird gewollt außer einatmen, ausatmen, Bahn für Bahn, Schwimmzug für Schwimmzug. Außer vier Männern bin ich ganz allein. Einatmen, Ausatmen, Weiteratmen, nichts zählen außer den Bahnen,21, 22, 23, die Augen schließen bei der Wende an jeder Seite des Beckens. Weiße Fliesen, grauer Sichtbeton, ein Stück blauer Himmel, die Bahn rattert vorüber, 27, 28, 29, immer weiter Bahn für Bahn. Als ich aus dem Schwimmbecken steige, immer mit weichen Knien, immer außer Atem, sehe ich vier Frauen hinter der Scheibe sitzen, die den Pool von den Umkleideräumen trennt. Alle vier sind verschleiert und die Luftfeuchtigkeit und Wärme des Schwimmbades kann nicht besonders angenehm sein. Sie warten auf die vier Männer, die wie ich Bahn um Bahn im Schwimmbecken ziehen. Als ich aus der Dusche komme und im Spind nach meinem Rucksack krame, nicken wir uns zu. „Schönes Wetter“ sage ich, „Schönes Wetter sagen die Frauen“. Sind sie aus dem Land A. ? fragen mich die vier Frauen. Ich zucke mit den Schultern. „Es ist lange her“, sage ich. Die vier Frauen nicken. „Es gibt auch Frauen Schwimmen“ sage ich schließlich. Die vier Frauen nicken. „Es gibt auch Schwimmkurse für Frauen“ sage ich. Die vier Frauen nicken. „ma’a as-salamah“, sage ich. ma’a as-salamah erwidern vier Frauen. Immer dann, wenn man ein Gespräch eigentlich beginnen müsste, sagt man „Auf Wiedersehen“, da bin ich nicht anders, und ich will den Zug nach Haus noch erwischen.

Der Tierarzt ist schon zurück. Ich bin hungrig, sagt der Tierarzt. Er isst zwei daumenbreite Stück grünen Sellerie und fünf Heidelbeeren. „Geben Sie den Mut nicht auf“ sagen die Ärzte. Man kann nichts aufgeben, was man nicht hat, sagte ich nicht, aber gedacht habe ich es auf dem grünen Resopalstuhl. Ich nicke und richte dem Tierarzt ein Käsebrot. Das Brot ist frischgebacken, die Butter vom Bauern nebenan, der Käse von der Frau des Krämers. Ein Brot in acht Würfel geschnitten. Eine Stunde für acht Käsebrotwürfel. Ich schaue aus dem Fenster, die Sonne wandert über die Kirchhofmauer, umarmt noch einmal den Fliederbusch, die Hollerstauden, den Rosenstock und die Kastanie. Der Priester winkt. Ich winke zurück. 10 Minuten später verliert der Tierarzt den Kampf gegen Käsebrot, zwei Stück Sellerie und fünf Heidelbeeren und übergibt sich. Es ist schwer zu sagen, was qualvoller ist mit anzusehen: wie der Tierarzt ißt oder wie der Tierarzt sich übergibt. Ich lege dem Tierarzt die Hand auf den Rücken und als es endlich vorbei ist, legt der Tierarzt seinen Kopf in meinen Schoß. „Ich kann nicht, sagt er. „Ich kann einfach nicht mehr essen.“

Ich will dich nicht verlieren, sage ich nicht. Ich kann doch nicht immer verlieren, denke ich. Der Tierarzt schließlich schläft vor Erschöpfung ein. Ich putze das Badezimmer. Dann wasche ich ab. Über Maria João Pires, die Beethoven spielt, wird das Abwaschwasser kalt. Der Hund erinnert mich an die Teetassen, die noch immer auf dem Spülbrett stehen und trägt das Geschirrhandtuch heran.

Im letzten Licht, sitze ich noch einmal an die Hauswand gelehnt ganz nah bei den Rosen. Da fällt sie mir nach Jahren wieder ein diese eine Strophe aus Paul Celans Psalm:

„Ein Nichts

waren wir, sind wir, werden

wir bleiben, blühend:

die Nichts-, die

Niemandsrose.“

Die Rosen neben mir halten sich bedeckt, ein Nichts sind wir und keine Rosen liegen in unseren Händen, die Kirchturmuhr schlägt sieben Uhr und ich sitze vor dem Notebook: Election Présidentielle 2017: Emmanuel Macron élu président.

Beschwerdeführer

Der Student stürmt in mein Büro. „Fräulein Read On“ sagt er triumphierend und grinst: Mein Vater will sie sprechen.“ Ich nicke und lächle. Der Student sieht irritiert zu mir herüber. Offenbar nimmt er an, dass die bloße Erwähnung seines Vaters mir Tränen in die Augen treibt. Da dem nicht so ist, legt er nach: „Fräulein Read On“ und grinst nicht mehr: „mein Vater hat ein Autohaus.“ Ich nicke wieder: „Ich spreche mit Autohausbesitzern, Wurstfabrikanten und Kakteenzüchtern, keine Sorge.“ Irritiert verlässt der Student das Büro und ich vergesse den Autohausbesitzervater sofort und unmittelbar. Vier Tage später aber, gerade machen die Kopfschmerzen und ich, es uns über einem Problem gemütlich, donnert eine Faust gegen die Tür und auf mein „Herein“ stürmen der Student und sein Vater herein. Der Vater, ein Zwei Meter Mann mit zwanzig Kilo Muskeln trägt einen zu engen Anzug, der wohl virile Männlichkeit symbolisieren soll: Kraft und Pferdestärken und dazu eine dicke, golden-glänzende Uhr. Alles in mir zieht sich bei solchen Anzügen sofort zusammen und ich muss mich sehr beherrschen nicht sofort im Adressbuch nach einem Herrenausstatter zu suchen, der enge Seidenhosen, Westen mit aufgesprengten Knöpfen und taillierten Jackettjacken für zarte Epheben nicht an Männer mit der Statur des G*ttes Zeus verkaufen. Der Mann, der ins Zimmer stürmt, aber fasste dieses Angebot sicher nicht als hilfreich auf und außerdem donnert er schon los: „Ich will mich beschweren!“ „Davon hörte ich schon“, sage ich und der Autohausbesitzer schnaubt und stemmt sich mit beiden Händen auf der Schreibtischplatte ab. Fast fällt dabei die Blumenvase von der Tischplatte, da ich aber die zartrosa Tulpen gerne mag, will ich das verhindern: „Möchten Sie sich nicht setzen?“ frage ich und der Autobesitzervater sieht mich irritiert an. Offenbar hatte er erwartet, dass ich wie der Porschefahrer mit ungedecktem Scheckbuch sofort wimmernd unter dem Schreibtisch verschwände und zu weinen begönne. Ich deute stattdessen auf die beiden Stühle vor dem Tisch. Der Autohausbesitzervater muss zunächst einmal sein Geldbörserl, ein schwarzes Herrenportemonnaie, das ähnlich wie sein Anzug fast vor grünen Geldscheinen platzt nebst Autoschlüsseln ( Landrover Cherokee ) auf die Schreibtischplatte knallen. Dann setzt er sich doch und schreit wieder los: „Ich müsse verstehen, er sei Team No nonsense talk und dann erklärt er mir lauthals und mit pochender Ader an der Schläfe worauf er alles keinen f*ck gäbe: Politiker ( Schwächlinge, allesamt ), Banker ( keine Eier in der Hose ), Umweltlobby ( faule Kröten ) und Frauen wie mich natürlich, die aus purer Bosheit und weil sie keine ordentlichen Titten hätten, seinem Sohn das Leben zerstörten. Sein Sohn kichert hinter vorgehaltener Hand. Der Autohausbesitzervater plärrt weiter und erklärt mir dröhennd, dass er seinen Sohn eben zu keinem Weichei erzogen habe, sondern zu einem Mann. Einem Mann, der wisse, was ihm zustünde. Ein Mann, der sich nähme was ihm ohnehin gehörte und nicht frage, sondern tue. Ein Macher eben. Er sei stolz auf seinen Sohn. Sein Sohn, der bis dahin schweigend neben seinem Vater saß, grinst triumphierend. Wenn sein Sohn eben ein Essay aus dem Internet kopiere, zeige das nur einmal mehr seine Intelligenz, denn er wisse eben- und darauf käme es an im Leben, zwischen wichtig und unwichtig zu unterscheiden. Wichtig sei es sich durchzusetzen und nicht die Zeit in der Bibliothek zu vetrödeln.

Selbst ich würde ja wohl einsehen müssen, dass sein Sohn sich damit im Grunde einen Orden verdient habe und nicht, dass ich ihn durchfallen ließe. Der Autohausbesitzervater sieht mich triumphierend an, aber ich gähne, denn ich hatte mir von einem so verheißungsvoll angekündigtem Autohausbesitzervater mehr versprochen. Aber es hilft ja nichts. „Gut sage ich, ein Beispiel. Stellen sie sich vor ich sei auch Autohausbesitzer am anderen Ende der Stadt und käme bei Ihnen vorbei, gäbe mich als Kunde aus, und bestellte ein Auto. Sonderanfertigung. Goldene Türgriffe. Ein Lenkrad aus purem Silber. Felgen mit Diamanten, Sitzpolster aus Gazellenleder. „Der Autohausbesitzervater nickt. „Mit einem Jaguar könnte das gut gehen sagt er. Ich nicke. „Sie, also fahre ich fort, sie zerbrechen sich den Kopf. Nächtelang. Sie vergleichen Kataloge und rufen den Kunden zwölfmal an, und diskutieren, ob Antilopenleder nicht doch geeigneter sei, sie lesen sich ein in silberne Lenkräder und testen dreißig Felgen bei Schlamm, Eis, Schnee, Wind und Hagel. Sie ruhen nicht eher, bevor sie sichergestellt haben, das die goldenen Türgriffe eine limitierte Auflage haben und schließlich, bevor der Kunde, das Auto abholt, kleben sie das Logo Ihres Autohauses an die Windschutzscheibe, denn das ist nicht irgendein Auto, sondern Sie haben dieses Auto für den Kunden aus vielen Einzelteilen zusammengestellt, und alle Welt soll wissen, dass wer ein außergewöhnliches Auto sucht, es in Ihrem Autohaus finden wird.“ Der Autohausverkäufervater nickt zufrieden. „Aber sage ich, Sie erinnern sich ich bin ja kein gewöhnlicher Kunde, mit zu viel Geld und schlechtem Geschmack, sondern mir gehört ja das Autohaus am anderen Ende der Stadt. Ihr Logo hinter der Windschutzscheibe habe ich schnell abgekratzt. Am Nachmittag schon steht das funkelnde Auto inmitten meiner Schaufensterscheibe. Schmuckstück und Prunkstück, ich verkaufte es zum dreifachen Preis schon am nächsten Tag. „Was würden Sie tun?“ frage ich den Autohausbesitzervater und er enttäuscht mich nicht: „Die Hölle würde ich dem heiß machen, bis ihm die Zähne wackeln, die Scheibe zerschlagen, die Frau ausspannen und dem das Leben ruinieren, bis ich mir mein Auto zurückholte. Der Autohausbesitzervater donnert mit der flachen Hand auf den Schreibtisch. Eine Sauerei ist das!

„Sehen Sie“ sage ich, wir mögen uns in den Methoden unterscheiden, denn ich glaube nicht an die Kraft ausgeschlagener Zähne, aber in der Sache verstehen wir uns doch, denn für das Essay, das ihr Sohn kopiert hat, hat irgendwo vielleicht am anderen Ende der Stadt ein Student Tage und Nächte investiert, in der Bibliothek gesessen, sich Gedanken gemacht, verglichen und abgewägt und schließlich sich genug Zeit genommen all das aufzuschreiben, und allein deswegen ist ihr Sohn durchgefallen und nicht weil ich kleinere Brüste habe, als ich gerne hätte. Ich lächle dem Autohausbesitzervater und seinem Sohn aufmunternd zu. Es ist plötzlich sehr still im Zimmer und der Autohausbesitzervater sieht mich sprachlos an. „Ich hatte, sage ich, noch keine Gelegenheit mich vorzustellen, Fräulein Read On, Angenehm.“ Der Autohausbesitzervater aber starrt mich noch immer fassungslos an. Dann springt er auf und das so heftig, dass der Stuhl erst klappert und dann umfällt. Sein Sohn starrt auf den Boden. Sein Vater aber zieht ihn hoch und schreit: „ Wir sprechen uns gleich.“ Schon will der Autohausbesitzervater aus dem Büro stürmen. „Vergessen Sie Ihren Geldbörse nicht sage ich und deute auf das prall gefüllte Portemonnaie. Das Gesicht des Autohausbesitzervaters ist rot und das sein Sohnes sehr blass. „Alles Gute“ sage ich, dann fällt die Tür hinter Vater und Sohn zu, noch auf dem Flur beginnt der Vater ein großes Geschrei, das sich nur langsam entfernt. Dann sind das Problem, die Kopfschmerzen und ich wieder allein im stillen Zimmer.

Brüchiger Boden

Zwei merkwürdige Tage, ein helles Zimmer, Berlin-Mitte und ich dort eine so Andere als ich es eigentlich bin. So lange schon habe ich die Andere in den Schrank gehängt, dort ist sie geblieben in all den Jahren seit denen mir die Worte auf die Straße fielen und der dem sie gehörten, nicht mehr kam um sie aufzuheben. Ich ließ sie liegen.
Die Zweifel immerhin in die Schuhe geschoben und versucht sie dort liegen zu lassen. Zu viel und zu schnell geredet, ich lerne das nie, die Zweifel kitzeln mich an der Fußsohle. Auf dem Weg zurück an einer obdachlosen Frau vorbei, ihr Schild dreisprachig: „I am homeless, please help.“ Das Elend hört nie auf, es lernt nur die Umstände kennen, hier sind es die Touristen mit ihren Kameras. „Epic“ ruft ein Mann in einer glänzenden Ballonjacke an dem noch das Preisschild baumelt.

Im Garten am Rande der Stadt dann im kalten Gras eine Stunde in den Himmel gesehen. Wolken gezählt, mir Apfelblüten in die Haare regnen lassen, zwei Sonnenstrahlen sahen vorbei, einem Passagierflugzeug gewunken, dem Gras beim Wachsen zugehört und die Kastanien bewundert, die eine nach der anderen beginnt zu blühen, aber trotzdem die Erde hört nicht auf sich zu drehen und ich weiß nicht genau, wo der Boden unter den Füßen eigentlich ist. Eine Amselfamilie geht im Gras spazieren, das Amselpaar sieht in mir wohl ein Beispiel der Warnung. Energisch zwitschern sie und ich verstehe wohl was sie meine: „Der Mensch dort auf dem Boden ist ein schlechtes Beispiel.“ In Amselkreisen ist Mäßigung alles, denn die nächste Katze ist niemals fern. Gern würde ich zum See fahren auf eine halbe Stunde wenigstens, aber dafür bleibt keine Zeit. Hochrapplen also und auf dem weißen Gartenstuhl sitzt meine alte Freundin Wildtaube. „Hast Du einen Rat für mich, Wildtaube?“ frage ich sie und die treue Freundin gurrt beruhigend. „Wird schon Mädchen“ gurrt sie und ich nicke ihr zu. Bis morgen, sage ich und ziehe das Gartentor hinter mir zu.

Der Tierarzt erzählt mir mit überschlagener Stimme vom klugen Kälbchen, das mit Verstand und hängender Unterlippe den Riegel vom Stall gelöst und über die Dorfstraße bis zu uns nach Haus geprescht ist und dem Tierarzt geradewegs in die Arme lief. Es ist schwer zu sagen, welcher der beiden in größere Verzückung geriet über dieses Wiedersehen. „Kälbchen kommt aufs Gymnasium“ beschließe ich und hoffe, dass der Flieder und mein geliebter Holunderbusch Kälbchens Annäherungsversuchen überstehen. Auf den Tierarzt ist dabei nicht zu zählen, denn Liebende kennen keinen Fehl und Tadel. „Komm zurück“ sagt der Tierarzt und ich nicke. Aber erst einmal muss ich weiter, die Stiefmütterchen und den Rhabarberkuchen für die liebe C. nicht vergessen, das Oldsmobile murrt etwas nach langem Winterschlaf und ist sich ohnehin zu schade für gemeine Kutschfahrten über Land und ohne Aussicht. Alle Welt aber fährt in die entgegengesetzte Richtung und noch bevor die Kirchturmuhr 16 Uhr schlägt bin ich in der kleinen Stadt angekommen.
Frau Zingarelli winkt mir freundlich zu, Herr Zingarelli ruft: „Ciao bella“ aber ich bin nicht vermessen genug, um zu glauben, er meinte wohl mich, sondern natürlich meint Herr Zingarelli das Oldsmobile. Die liebe C. und ich tauschen Küsse, Kuchen und Stiefmütterchen, sie beginnt Hausbesuche und ich sehe für einen Moment über den Marktplatz. Die bunte Markise der Eisdiele weht im Wind, zwei Buben jagen sich mit Stöcken und ein Hund hält ein Bein an eine Laterne, zwei alte Damen gehen hinüber zur Konditorei und in ihrem Gesicht steht groß: „Aber bitte mit Sahne geschrieben.“ Ein Mann mit Hut und Aktentasche stopft sich eine Pfeife und schon steigt blauer Rauch auf und der Mann geht raschen Schrittes davon. Eine Frau mit kariertem Rock und gestreifter Bluse steht vor dem Konfektionshaus, der Inhaber ein Mann, den ich nie anders als im Dreihreiher mit Uhrenkette und Einstecktuch gesehen habe, überwacht mit scharfen Handbewegungen und wild gestikulierend das Umkleiden der Schaufensterpuppen. Unbeweglich steht die Frau im Rock vor der Schaufensterscheibe, die Anziehpuppen aber bekommen weder ein kariertes Kleid noch eine gestreifte Hose angezogen, sondern gepunktete Blusen und unifarbene Röcke. Enttäuscht wendet die Frau sich ab. Ein Hochzeitspaar hält sich fest an den Händen und zeiht entschlossen Richtung Rathaus weiter. Die Frau trägt ein wallendes Brautkleid und der Mann einen Anzug der hätte eine Nummer größer sein können. „Der Cousin des Bürgermeisters“ weiß Frau Zingarelli, aber ich wende mich ab, setze mich an den Sekretär meiner Großmutter und ziehe die Lade mit den Briefen auf, denn meine Großmutter hatte eine Korrespondenzschublade und immer lag ein Brief für mich darinnen. Heute ist die Schublade bis auf ein paar vertrocknete Rosenblüten leer. Trotzdem wundere ich mich jedes Mal auf ein Neues, dass wirklich und nie wieder ein Brief von ihr an mich liegt. „Ich brauche deinen Rat“ rufe ich laut ins stille Zimmer. Aber die Standuhr, die Bücherregale und der Flügel antworten nicht. Dafür zeigt der Zeiger bedenklich auf vier Uhr. Aufstehen, umziehen, Mappe nehmen, ein Glas Wasser trinken, der lieben C. einen Zettel hinterlegen, nach dem Kugelschreiber fummeln, wo sind die weißen Pantinen? Den Schlüsselbund in die Tasche werfen, die knarrenden Treppen hinunter, Tür auf, Tür zu, über den Marktplatz laufen, dreimal winken, viermal Hallo, die Praxistür aufschließen, zwanzigmal Salam aleikum und herzlich willkommen, zwei Stunden lang Aufklärungssprechstunde, endlich wieder sicheres Fahrwasser, endlich wieder eindeutig zu beantwortende Fragen, die Wörter Funktion und ohne Fragezeichen. Aussagesätze und klar zu bennende Fakten. Bin das nicht ich? Ich nicke mir zu nach den zwei Stunden, fremder aber sieht mir mein Gesicht entgegen, zurück über den Marktplatz, am Brunnen stehen bleiben, mein Gesicht verschwimmt im dunklen Wasser. Die C. macht die Tür auf und wir wiederholen uns: Küsse und Neuigkeiten, Shabbat Shalom. Später dann, längst ist die Markise der Eisdiele eingerollt, schon liegt der Marktplatz im Dunkeln und nur der Mann mit der Pfeife geht schnellen Schrittes noch einmal vom einen zum anderen Ende der Stadt. Sonst ist da nur die Stille und ich auf der breiten Fensterbank. Noch einmal ist mir als säße hinter mir auf dem roten Sofa meine Großmutter, wie sie es so viele Jahre tat und hielte mich bei den Schultern: „Am Ende sagte mein Großmutter, galt es sich zu konzentrieren.“ Ich fragte sie nie, nicht ein einziges Mal, was das Ende war.

Sonntag

Müde und zerschlagen früh am Morgen von der Nachtschicht zurück. Endlich die schweren Schuhe von den Füßen streifen. Barfuß, die Füße ins nasse Gras gesteckt auf dem alten Gartenstuhl. Die Amseln tanzen unter dem Apfelbaum. Mir fallen Kirschblüten ins Haar. Der Tierarzt bringt eine Tasse Tee. „Du gehörst ins Bett, Mädchen“, sagt er. Er meint: „Nimm doch Vernunft an.“ Einmal wenigstens bin ich vernünftig und der Tierarzt schreckt ob meiner bloßen Füße nicht zurück. Wirre Träume, unruhiger Halbschlaf. Irgendwann stiehlt sich der Tierarzt davon. Um 14 Uhr haben sich Freunde angesagt. Zwar bin ich genau so jemand geworden, der den Tisch schon am Abend vorher eindeckt, aber auch liebe Freunde wollen sich nicht allein am Geschirr erfreuen, sondern haben Hunger und Lust auf Spiegelei. Aber ich bin immer noch zu müde, viel zu müde und so verstecke ich mich unter den warmen Kissen. Im Halbschlaf vertraute Geräusche: Der tropfende Wasserhahn der Spüle, das Kratzen des Messers auf dem hölzernen Schneidebrett, Stimmengewirr aus dem Radio, der Deckel der Teedose klirrt, Schranktüren werden geöffnet, das Telefon klingelt und der Tierarzt ruft: „Psst! Das Mädchen schläft“, in den Hörer. Das Surren der Saftpresse. Der Tierarzt flucht, er hat sich wohl an der alten und heimtückischen Schere den Finger eingeklemmt. Aber ich hänge an der Schere, ist sie doch einer der wenigen Gegenstände, die aus der Stadt A. mit in andere Länder und andere Städte gekommen ist. Dann rattert die Kaffeemühle, das Ofenrost wird in den Ofen geschoben und der Tierarzt zieht die Eieruhr auf. Dann kann ich mich wirklich nicht länger in den Federn vergraben, eine schnelle Dusche, das erstbeste Kleid, ein Stiefmütterchenstrauss im Garten abgeschnitten, den Tierarzt für den prächtigen Tisch gelobt und noch einmal Tee aufgesetzt. Schon schellt es und die Gäste stürmen die Treppe hinauf. Der Tisch ist pakistanisch-deutsch-türkisch-irisch-französisch-schwedisch besetzt und immer weitere Essensberge biegen den Tisch in der Mitte fast durch. Der Tierarzt kommt neben meiner resoluten Freundin R. zu sitzen, die dem Tierarzt den Kalorienbedarf eines Jahres auf den Teller lädt und ihm aufmunternd zu nickt: „So gut!“ Der Tierarzt schluckt, schon hat sie einen weiteren Löffel Hummus auf dem Teller platziert. Dann herrscht Spiegeleier -Seligkeit. Aber obwohl alle genauso laut und lustig wie immer durcheinander schreien, und fast alle Sätze mit: „Hast du schon gehört?“ oder „Nimm doch noch vom…“ beginnen, liegt doch ein Schatten über dem Tisch. Die I, verlässt immer wieder das Zimmer, um Verwandte in Istanbul, Izmir und Ankara anzurufen, es ist als überprüfe sie, ob wirklich alle Verwandten, Bekannten und Freunde mit „Nein“ abstimmen. Immer wieder machen wir die Nachrichten an. Einmal heißt es ein Mann habe in Istanbul dreimal mit „Ja“ abgestimmt. Es braucht ein gewaltiges Stück Osterbrot fingerdick mit Honig bestrichen, um die I, davon abzuhalten, stehenden Fußes einen Flug nach Istanbul zu buchen, den Mann aufzusuchen und kräftig zu schütteln. Die Nachrichten werden nicht besser und wir gehen auf eine Stunde nach draußen. Die R. und der B. spielen Federball im Garten, die I. hält ihre Nase in die Hyazinthen, um sich vor der Nachrichtenlage zu betäuben und die Nachbarskinder finden, Ostereier suchen, nicht halbs so spannend wie uns durch den Garten zu jagen, bis wir japsend auf dem Boden liegen. Erst Sonne, dann Wind und Regen, Hagel gar, ich fürchte um die Kirschen. Die I. hebt drohend die Hand zum Himmel. „Bei allem was Recht ist“, ruft sie. Die Kirschen bekommst du nicht.“ Ich glaube sie meint nicht den Wetterg*tt sondern Erdogan. Wir verteilen Lebensmittel gerecht zwischen Pakistan, Deutschland, Schweden, Frankreich und der Türkei. Immerhin hier ist der Weltfrieden möglich. Wohl auch wegen des Verzichts der irischen Seite. Jedes Jahr, denn das Osterfrühstück ist, obwohl ich doch am Osterbrot der Pesach-Speiseregeln wegen nur riechen kann, einer meiner liebsten Sonntage eines jeden Jahres. Denn jedes Jahr bin ich erstaunt, dass diese wunderbaren, eigensinnigen, streitbaren und liebevollen Menschen tatsächlich mit mir befreundet sein mögen und unendlich reich beschenkt, bin ich mit ihnen allen. Ich wasche ab, der Tierarzt trocknet Gläser, dann müssen wir schon los. Stadteinwärts nämlich. Im Deutschen Theater gibt es Arthur Millers „Tod eines Handlungsreisenden.“Der Tierarzt hat die englische Fassung in der Jacke und liest sich ein. Das Theater ist voll, denn es ist nicht so sehr das Stück selbst, sondern Ulrich Matthes, der das Stück trägt. Natürlich könnte Ulrich Matthes das Berliner Telefonbuch vorlesen und ich wäre immer noch entzückt, aber das Stück selbst, hat die Zeit nicht gut überstanden. Blutleer sind die Charaktere und die Tragik des Abstiegs, bleibt seltsam fern und leider mir ziemlich egal. Diese Art des Sozialdramas das glaubte, ein Schicksal sei schon genug und es bräuchte dafür nicht auch noch Charaktere oder gar eine Geschichte verfängt sich nicht recht, sondern bleibt abstrakte Belanglosigkeit. Für eine kleine Weile noch gehen wir noch durch das nächtliche Berlin. Erleuchtete Fenster, dunkel die Spree, von weitem Musik, Frauen auf überhohen Schuhen wanken auf den Arm ihres Begleiters gestützt einem Abenteuer von dem wir nichts wissen entgegen. Eine Männergruppe vergleicht die Preise eines Bierbikeanbieters. Ein Mann schwärmt vollmundig von den Waden einer gewissen Undine. Aber die Dame ist nicht an seiner Seite und auch am Telefon nicht zu erreichen. In einer Kneipe essen Menschen Kalbsschnitzel, der Tierarzt dreht sich schaudernd weg. Im Bahnhof Friedrichstraße wälzt sich ein Mann auf dem Boden. Alkohl und Krämpfe sind keine gute Mischung. Der Notdienst sagt, er sei gleich da. Wir warten und der Tierarzt sieht mich an. „ Es ist es etwas mit Dir, nicht wahr. Ich nicke. „Immer schon“, sage „ich von Anfang an.“ Ein nicht minder alkoholisierter Berlintourist mit Jeanshemd und Lederjacke erklärt uns ungefragt und demonstrativ laut, was so ein Mann, wie der auf dem Boden dem Gesundheitssystem, also ihn als Steuerzahler koste und das Beste sei doch ihn liegenzulassen, denn Morgen wiederhole sich das doch von vorn. Der Mann unterstreicht seine groben Reden mit deftigen Bierrülpsern, dann kommt der Rettungsdienst. Der Mann muss sofort in ein Krankenhaus. Wir aber fahren mit der Bahn zurück an den Rand der Stadt, laufen durch die schweigenden, stillen Straßen und hören nichts weiter als unsere eigenen Schritte, bis wir wieder vor der Haustür stehen. Die I. hat zweimal angerufen, sehe ich auf dem Telefon. „Nein zum Ja“ sagt sie als ich zurückrufe.