12 Bilder, ein Tag. Die Irland-Ausgabe.

Gestern war es wieder so weit. Ganz Bloggersdorf sammelte 12 Bilder eines Tages und da will auch die Außenstelle: Kleinst-Gälisch-Bloggersdorf nicht fehlen.
Ganz Bloggersdorf zeigt seine zwölf Bilder schon immer bei Draußen nur Kännchen

Not a dark noir film but my way to work. #1v12 #12von12 #ireland #thisisireland

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Der Weg ins Unterland sieht im Januar so aus. Würde ich einen dieser Film sehen in denen in irischen und walisischen Dörfern, Menschen am laufenden Band erstochen und im Moor vergraben werden, so würde ich wahrscheinlich schreiend die Straße hinunterrennen, da Filme mit Isabelle Huppert selten in kleinen Dörfern spielen und in den von mir so geschätzten Bollywood-Filmen der 60er Jahre immer jemand anfängt zu singen, schlurfe ich gähnend und oft summend vor mich hin.

Waiting. #2v12 #12von12 #coffee #dublin

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Dann passieren für viele Stunden lauter Dinge, die ich nicht ins Internet schreiben kann, bis ich auf jemanden warte, mit dem es eine weitere Angelegenheit zu besprechen gibt, die Fräulein Bond nicht mitteilen kann. Der Jemand verspätet sich, ich trinke Milch mit Kaffee und höre zwei Freunden zu, die sich über New York unterhalten. Die Mieten. Die Kälte. The vibe. Dann kommt der Jemand doch.

Late, late lunch. #3v12 #12von12 #lunch #saladeniçoise #kosher

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Wieder vergeht Zeit, ich habe Hunger wie ein junger Wolf und esse den riesigen Teller  Salade  niçoise auf, hernach verwandle ich mich wieder in das altbekannte Shetlandpony. Sollte auch Sie hartnäckiger Hunger in Dublin überfallen, so lege ich Ihnen sehr, das “ Cocotte “ in der Alliance Francaise ans Herz. Die Salate sind die besten, die sie in Irland finden werden und so der Gastraum auch eher nüchtern ist, kann man dort sehr, sehr gut verschnaufen.

-Hier Einsetzen größerer Panik- erst drei Bilder. Himmel hilf.

Foggy. #4v12 #12von12 #dublin #river #randomsnaps

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Dublin nebelt unterdessen so vor sich hin.

Ich schreibe Karte Nummer 301 an Deniz Yücel. 301 Karten, sagt mir eine Stimme ganz leise ins Ohr, das ist ja fast schon ein Jahr. Es gibt noch immer keine Anklageschrift.

Die Letzte macht das Licht aus. #6v12 #12von12 #dublin #tgif

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Die Letzte macht das Licht aus, das bin dann wohl ich.

Dinner. #7v12 #12von12 #ice #icebabyice #nice

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Abendbrot! Liebe Eltern, was Sie hier sehen, ist was passiert, wenn man Kinder von Schokolade freihält, denn trotz gelegentlicher Nussschokoladenexzesse in den Sommerferien bei meiner Großmutter, bin ich süßigkeitenfrei aufgewachsen und habe mich davon nie erholt.

A long standing tradition before the concert. #8v12 #12von12 #nationalconcerthall #dublin

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Vor dem Konzert gilt es Pralinen zu erstehen. Dies ist eine altehrwürdige Tradition, denn damals als ich ein kleines Mädchen war und mit meiner Großmutter in die Philharmonie ging, da bestach sie mich mit Pralinen, damit ich auch wirklich mucksmäuschenstill wäre. Die Tradition führe ich natürlich fort und im Konzertsaal verfalle ich sofort in eine krokodilsartige Starre und mich haben schon Konzertbegeleiter angestoßen, um zu überprüfen , ob ich noch am Leben sei.

My happy place. #9v12 #12von12 #nationalconcerthall #dublin

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Auf ewig ist der Konzertsaal, der Ort den ich am liebsten mag. Mein Spa-Day und Detox von wirklich allem, überhaupt erlebt man im Konzert auch immer wieder völlig kuriose Dinge. Heuer saß nämlich ein Mann neben mir, der mitten im Konzert eine kleine hölzerne Kralle, die an einem Stiel befestigt war, hervorholte und sich damit kratzte. Fast lautlos, in geübten Bewegungen und ohne den Blick vom Orchester zu wenden, bediente sich der Mann seines hölzernen Helfers. Kurios.

Das Programm und ach, ich liebe die Symphonie fantastique auch nach all diesen Jahren, ich kann mich nicht satt hören an ihr und immer wieder falle ich auf ein Neues in sie hinein. Was für große und dabei leichte und schwermütige Musik zu gleich. Ma erzählt sich Berlioz sei damals in eine Schauspielerin-Harriet Smithson– aus Ennis verliebt gewesen, die Ophelia in Paris gab, allein es fehlte ihm an Mut sie auf ein Glas Champagner zu bitten.

Who can spot the vet? #11v12 #12von12 #dublin #dublinbynight

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Der Tierarzt hat unterdessen und sozusagen in Sichtweite an einer Geburtstagsfeier teilgenommen und so wurde mir aus vertraulichen Quellen zugetragen, eine halbe Weißweinschorle getrunken. (Wein hat doch Schrillionen Kalorien? Nicht wahr?) Der Tierarzt jedenfalls musste im Auto so derart über den Mann mit seiner Holzkralle lachen, dass selbst das Meer anfing zu kichern, die Schafe grölten und St Sylvester heiser, hustend lachte.

Book& tea and nitenite. #12von12 #nitenite #nowreading #book #vonnegut

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Der Tag wurde mit einer letzten Tasse Tee und einem Buch beschlossen.

Katz und Maus

Die beste Chefin der Welt liegt mit Grippe im Bett und so ziehe ich mit einem Stapel an Aktenordnern in ihr Büro um und für lange Zeit, höre ich nichts weiter als das leise Ticken der Uhr, das Klackern der Tastatur und den unvermeidlichen irischen Wind. Sonst ist es still. Die meisten Fellows des Instituts trudeln erst im Lauf der Woche wieder ein und die Auszubildende ist mit messerscharfen Anweisungen versehen im Kopierraum und schreddert alte Akten. So vergeht der Vormittag, ich gähne ein bisschen und gerade als ich darüber nachdenke, ob ich nicht doch Teewasser aufsetzen sollte, da fährt ein markerschütternder Schrei durch das Institut. Ein Schrei wie aus Horrorfilmen, ein Schrei, der wie ein Fingernagel über eine Tafel kratzt, und ich fahre derart zusammen, dass mir der Ordner aus den Fingern gleitet. Ich denke: Das ist ein bewaffneter Raubüberfall, dann springe ich auf schnappe mir einen Regenschirm und mein Telefon und überlege mir in wie vielen Sprachen ich sagen kann: „Hier ist kein Geld zu holen und die Polizei ist schon informiert. Ich hetze die Treppe nach oben und auf einem Tisch an dem die Fellows sich sonst über Kaffee und Keksen ihr Leid klagen, da steht die Auszubildende und schreit als seien die sieben Höllenhunde selbst hinter ihr her. Mir fällt der Regenschirm aus der Hand, denn ich erwarte ja noch immer einen Überfall, aber der Überfall kommt nicht, nur die Auszubildende schreit nach Kräften.

Auszubildende rufe ich also so laut ich kann: „Warum stehen Sie auf dem Tisch und schreien um ihr Leben?“

Die Auszubildende kreischt noch einmal so laut sie kann, bevor sie schluchzend herausbringt: „Fräulein Read On, ich habe ein Monster mit roten Augen gesehen.“

Auszubildende sage ich, ich schwöre ich bin schrecklicher als jedes rotäugige Monster, bitte kommen Sie runter vom Tisch.“ ( Mich stören weniger Monster mit einer Bindehautentzündung als die Erinnerung daran, dass die Auszubildende an ihrem zweiten Arbeitstag mit einem Tritt zwei Akten von einem Regal holen sollte, sich dabei vertrat, fiel und sich vier Wochen lang weigerte, die Halskrause, die ihre Mutter von einer Esoterik-Expertin empfohlen bekam, wieder abzulegen.

Die Auszubildende schüttelt den Kopf: „Nie wieder werde ich den Tisch verlassen“, sagt sie und schüttelt in großer, dramatischer Geste den Kopf.“

„Haben Sie etwas aufgehört zu rauchen, Auszubildende?, frage ich sie.

„Ich hasse sie, kreischt die Auszubildende.“

Aber das weiß ich schon und endlich nimmt die Auszubildende meine Hand und steigt vom Tisch herunter. Sie schnieft noch immer.

„Wo Auszubildende haben Sie das Monster zuletzt gesehen?“

Die Auszubildende starrt mich an und zeigt mit bebendem Finger auf den Kopierraum. Da drin hat es auf mich gelauert, sagt sie und ich gehe einmal nachsehen. Im Kopierraum liegen viele vollständige Aktenordner, halbherzig geschredderte Akten und dann sehe ich es auch: eine Reihe von Papieren ist angenagt und neben dem Papierkorb liegt Mäusekot. Im Papierkorb raschelt es und verängstigt blickt eine Maus zu mir herüber. „Tach, Maus“, sage ich und dann etwas leiser: „Moment, bitte.“

„Auszubildende“ sage ich und setze mein vertrauensbildenstes Lächeln aus, warum erholen Sie sich von dem Schrecken nicht einfach vor der Tür?“ Die Auszubildende starrt mich an. Mit klappernden Zähnen sagt sie: „Sie haben das Monster gefunden?“ Das Monster sage ich, ist eine kleine, graue Maus. Die Auszubildende sieht mich an und rast aus der Tür.“

Als ich in den Kopierraum zurückkehre, ist die Maus nicht länger im Papierkorb. „Ach Maus, sage ich“, das ist hier doch kein Leben. Aber dann denke ich, die Maus hat natürlich Recht, ich würde nach einem solchen Vormittag auch nicht ohne Käse gehen, natürlich liegt im Kühlschrank Käse, all meinen ewigen Mahnungen zum Trotz den Kühlschrank vor Ferien leer zu räumen. Ich richte Käse an und irgendwann kommt die Maus. „So sage ich Maus, jetzt gilt es und sehe die Maus etwartungsvoll an. Die Maus grinst und ist verschwunden. Ich lege eine Käsespur in einen schwarzen Müllsack und denke an die faule Katze auf dem Fensterbrett, den nichtsnutzigen Hund und an das verzogene Kälbchen in den Flegeljahren will ich gar nicht erst denken. Der Tierarzt nämlich, der sich bekanntlich nicht einmal vor zahnwehkranken Krokodilen fürchtet, bekommt beim Anblick einer Maus, Schüttelfrost vor Grausen und kann somit auch keine Fernhilfe anbieten. Mein Wissen über Mäuse beschränkt sich auf ein Kinderbuch namens Stadtmaus und Landmaus und so hoffe ich auf den Käse und den schwarzen Müllsack. Nach einer halben Stunde geht der Plan auf, die Maus trippelt dem Käse entgegen. Der Müllsack schnappt zu, ich renne mit der zappelnden Maus im Müllsack die Treppe hinunter, da raucht die Auszubildende und erzählt einem wachsenden Zuhörerkreis von ihrer Begegnung mit dem rotäugigen Monster.

Die Auszubildende sieht mich, den zuckenden Beutel in der Hand, neues Gekreisch, als ich über den Universitätshof laufe, lächle ich so unschuldig wie möglich, aber tun das nicht auch Leute, die ihre Schwiegermutter heimtückisch im Garten vergraben? Unter einer großen Magnolie öffne ich den Müllsack, die Maus nuschelt: Verräter und ist schon verschwunden. Zurück im Institut sagt die Auszubildende: „Fräulein Read On, ich bin jetzt voll traumatisiert.“ Auszubildende sage ich und halte zwei Cracker-Packungen hoch. Die Cracker Packungen hatte die Auszubildende zwar mit ihrem Namen beschriftet, aber nicht in den Schrank gestellt, sondern offen stehen lassen. „Was sage ich immer? „Schlüssel, Licht, Alarmanlage?“, fragt die Auszubildende. „Das auch.“ KEINE LEBENSMITTEL HERUMSTEHEN LASSEN.

Die Auszubildende schnaubt wütend und murrt: „Dabei machen das alle, nur immer ich bekomme geschimpft, aber ich sage: „Schreddern jetzt.“ Die Auszubildende will noch einmal eine posttraumatische Belastungsstörung anführen, aber ich sage ganz leise und sehr langsam: „Auszubildende Sie können auch neben mir im Büro schreddern und sich höchstselbst davon überzeugen, dass auch meine Augen rot glühen können, wenn ich nur will.“ Die Auszubildende verlässt sehr schnell den Raum, Stille senkt sich über das Institut, und für lange Zeit, höre ich nichts weiter als das leise Ticken der Uhr, das Klackern der Tastatur und dem unvermeidlichen irischen Wind, von fern surrt der Schredder und als ich wieder aufsehe, lehnt der Tierarzt im Türrahmen.

„Mädchen, ist alles in Ordnung mit der Auszubildenden? Sie ist heute gar nicht sie selbst und huscht umher wie ein schüchternes Mäuschen.

„Wie ein Mäuschen?, du musst Dich irren lieber Tierarzt“, sage ich und im Spiegelbild der dunklen Fenster, sehe ich für einen Moment nicht mich, sondern sehr deutlich, dass Bild der Grinsekatze mit auffallend rötlichen Augen, aber dann hält der Tierarzt die Tierarzt die Tür für mich auf und rufe der Auszubildenden zu: „Sie können Schluss machen, für heute.“

Sag Read On, was machst Du eigentlich den ganzen Tag?

Frau Brüllen will es wissen. An jedem 5. eines Monats fragt sie in Klein-Bloggersdorf herum und der Kleinbloggersdorfer schreibt auf was er so erlebt. Et voilà.

Am Morgen kommt der Heizungsinstallateur zur jährlichen Ablesung. Morgen Herr Installateur, sage ich und der Heizungsinstallateur knurrt Undeutliches zurück. Ich reiche Kaffee und sage: „Und schöne Feiertage gehabt?“ Der Installateur knurrt: Schwiegermuttern, noch bis zum 6. „Oh, sage ich, läuft nicht gut? Der Installateur schüttelt den Kopf und sagt: „Wissense Frollein Read On, die wollt halt dit Töchterchen n’en Studierten heiratet.“ Nicht so nen ollen Installateur.“ Ich schüttle den Kopf und sage: „Wissen Sie was, es zählt was innen drin ist und nicht was außen drauf steht.“ Der Installateur seufzt und ich sage: Honigbrot? Der Installateur seufzt aufgeräumter und kaut auf dem Honigbrot. „Süß hilft fast immer.“ Herr Installateur sage, ich wie sieht das denn bei Ihnen eigentlich aus mit Ausbildungsplätzen?“ Der Installateur sieht mich an. „Frollein Read On Sie wollen jetzt och noch unter die Heizer gehen? Ichs schüttle den Kopf und sage: „Einer meiner Jungs aus der Aufklärungssprechstunde…..“. Der Installateur sieht auf das Honigbrot und sagt: „Aber als Erpresserin hamse noch ne große Zeit vor sich.“ Ich nicke und frage: „Und?“ „Um Neune am Montag, soll der Knabe mich ma anrufen, aber um neun heißt um neun.“ „Alles klar“, sage ich und buttere ein zweites Brot und streiche Honig herauf: „Macht Schwiegermütter schwach“ sage ich und der Installateur lacht.

Dann rase ich stadteinwärts. In der Bahn sitzt eine Frau neben mir, die sich als Schamanin vorstellt. Sie interpretierte Rauchzeichen erklärt sie mir, sie riecht nach Rauch und billigem Parfüm, ihre nassen Haare hinterlassen, dicke schwarze Flecken auf meinem Mantel. Bevor sie aufsteht, zeigt sie in die Wolken: „Eines Tages, da flieg ich davon“, erklärt sie und ich nicke. „Alles Gute“, sage ich.

Angekommen bespreche mit dem G. und D. zukünftige Dinge.

„Um Punkt 11.20 Uhr muss ich hier raus sein, sage ich.“

„Dir auch einen guten Morgen werte Read On“, sagen G. und D.

„11.20 Uhr“, sage ich.

„Hast du jemanden bewusstlos geredet und heiratest?“

„Hahaha“, sage ich und ziehe die Augenbraue hoch.“

„Ich treffe um 12 Uhr eine Frau aus dem Internet und esse mit ihr Torte.“

„Du machst was?, fragt der G.

„Ich treffe eine Frau aus dem Internet und esse mit ihr Torte.“

„Darf ich Dich daran erinnern, dass ich Dich auch schon eingeladen habe?“

„Du lieber G. hast mich dazu eingeladen, die Datsche deines Großvaters zu entrümpeln und das Wort Torte fiel in diesem Zusammenhang wirklich nicht ein einziges Mal.“

Der G. schweigt.

Der D. lacht.

Ich suche meinen Kugelschreiber.

Um 11.23 Uhr stürme ich heraus und treffe die wunderbare Sabrina.

Es gibt Zitronecremetorte, alte Türklinken, Baumkuchentorte und vor allem so viele, schöne Geschichten und Gesprächsfäden, die ich mir alle in die Manteltasche schiebe, und vorsichtig in Seidenpapier einwickeln will. Es ist so leicht es zu vergessen, aber es gibt grandiose Menschen in diesem Internet.

Dann fahre ich zurück in den Süden, laufe um drei Ecken, ein Hund setzt mit sehnsüchtigen Augen vor einem Fleischhauerladen, zwei alte Damen in pinken Bomberjacken ratschen über einem Bier und natürlich is punk not yet dead, der Gemüsehändler preist Mangos und Blumenkohl an, eine Frau hupt immer wieder, aber nichts passiert, ich hole zwei Bücher ab, die Bücher riechen nach Tabak und Einsamkeit, die Widmung ist längst schon verblasst und mir ist als seufzten die Bücher in der Tasche nicht wenig. Dann gehe ich Blut spenden. Es ist niemand dort, die so netten Blutspendendamen erzählen mir von einem umgekippten Weihnachtsbaum, vergleichen Kartoffelsalatrezepte, beschweren sich über den Müll auf den Straßen, nehmen mir ganz nebenbei Blut ab, wir schenken uns gegenseitig kleine Marzipanschweine und die Blutspendendamen nötigen mich zu Bechern gräulich süßen Tees. Keiner der Damen und auch ich nicht sind in den Grenzen Deutschlands von 1937 von denen so viele träumen, geboren. Sie alle fallen mir als erstes ein, denk ich an Deutschland, nicht nur in der Nacht.

Ich trinke einen halben Liter Apfelschorle, für zwanzig Minuten lege ich mich unter einen Schreibtisch, dann Arbeit und Marzipan. Einem Weihnachtsmann den Kopf abzubeißen, das bringe ich dann doch nicht über das Herz. In der Schreibtischschublade sitzt auch noch ein Lindt-Hase.

Fast alles habe ich schon vergessen aus jenen Jahren oder will mich nicht erinnern, manchmal ist das fast schon dasselbe, aber doch spät Abends in einem leeren Büro, da springt noch einmal ein Plattenspieler an. Ich war siebzehn, er war älter, der Himmel war blau, oder fast schon schwarz, und am Ende der Nacht, da hatte mein Kleid keinen Reißverschluss mehr.

Aber heute Nacht tanze ich nicht mehr.

 

Fast schon eine Weihnachtsgeschichte

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SÜÜÜÜ-SSSE schreit die liebe C. J-AH, rufe ich zurück, denn ich bin gerade am Telefon und versuche eine Überweisung für Frau Berger zu organisieren. Frau Berger hat sich den Arm gebrochen. Frau Bergers Tochter holt ihre Mutter aber in zwei Stunden für das Weihnachtsfest in Oldenburg ab und Frau Berger braucht ein Röntgenbild, Schmerztabletten und einen Gips. Frau Bergers Katze steht in einem rosa Katzenkorb auf der Anmeldung und miaut herzerweichend. In der Radiologie geht niemand ans Telefon, ich probiere eine neue Nummer, Frau Bergers Tochter ruft an und sagt: „Mutter auf keinen Fall kann die Katze mit nach Oldenburg, die Liesi hat eine Allergie auf Katzenhaare und der Helmut hasst Katzen und vor dreizehn Jahren hat sich eine Katze in das Berger-Tochter Auto übergeben und das passiert einem nur einmal. In der Radiologie geht endlich jemand ans Telefon. Frau Berger schreit: „nur über meine Leiche“, meint aber den Vorschlag die Katze in ein Heim zu geben und nicht meinen endlich erhörten Anruf in der Radiologie. „SÜÜÜÜ-SSSE schreit die C. noch einmal und will Frau Berger einen Stützverband machen. „Kannst Du mir Marcel abnehmen?“ Jaaahh, rufe ich zurück und Marcel stürmt in die Praxis. „Guten Morgen Deutsche Front“ schreit er. „Hallo Marcel“, sage ich. Marcel umarmt mich. „Morgen“ murmelt er. „Frau Doktor hat gesagt, ich soll noch mal zum Verband wechseln vorbeikommen.“ „Ich fürchte Du musst mir Vorlieb nehmen Marcel“ sage ich. „Okédoké“ sagt Marcel und krempelt seinen Ärmel hoch. Auf Marcels Armen sind lauter Tattoos. Tattoos, die man eigentlich nicht haben darf. SS Runen und Nazi Geschmiere. Marcel wird rot. Viele der selbstgestochenen Tattoos sind entzündet und eitrig. „Schöne Scheiße“, sagt Marcel und wird noch ein bisschen röter. „Schöne Scheiße“, sage ich und wir beide meinen nicht die Wunden. Ich säubere die Wunden und sage:

„Und Marcel, bist Du Weihnachten bei Mutti?“

Marcel schüttelt den Kopf. Muttern will mich nicht mehr sehen, nach der Scheiße mit dem Knast.

Marcel ist seit fünf Wochen aus dem Gefängnis raus. Autodiebstahl, Einbrüche, Schlägereien, wieder Auto knacken, keine Bewährungsauflagen erfüllt, zu viel Schnaps und so viel Drogen. Neun Monate. Marcel ist 21. Dünn und hochgewachsenen, ein Jungengesicht, immer noch der Junge, der zu oft Massnahme und niemals angenommen war. Marcels Mutter hat sieben Kinder. Marcel hat sie erzählt, sein Vater sei Amerikaner gewesen, aber in der kleinen Stadt sagen alle, Marcels Vater sei Uwe der Penner von der Tankstelle und Marcels Mutter eine Assi-Schlampe. Marcel war Nummer Fünf von Sieben und Marcels Mutter hatte keine Kraft mehr und bald auch keine Wohnung. Den größten Teil seiner Kindheit hat Marcel in den Obdachlosenbaracken am Stadtrand verbracht.

„Und Maria?“, frage ich. Maria war Marcels Freundin.

„Geschrieben hab ich der aus’m Knast“ sagt Marcel, „aber geantwortet hat sie nicht. Jetzt ist sie weg.“

Niemand aus der C. hat Marcel im Gefängnis besucht und es war die C. die Marcel gesagt hat, dass seine Oma gestorben war, während der neun Monate.

„Is nix mit Weihnachten“ sagt Marcel und starrt auf den Boden. Bei Omma war es schön. Omma hatte ne Katze und bei Omma war es warm.

„Die Kumpels bauen nur Scheiße“, sagt Marcel und er hat doch der lieben C. versprochen, dass das weniger wird mit den blöden Sachen.

„Mensch Marcel“, sage ich, „wo bist du denn Weihnachten?“

„In der Maßnahme“, sagt Marcel und sagt: „is schon okay so.“

„Sind echt nett da“, sagt er und ich denke an die sparsam möblierten Zimmer der Massnahme. Aber is schwer, wenn du nen Knacki bist.“

„Na ja, sage ich, aber Du bist ja auch Marcel.“

Marcel sieht mich verwundert an. „Die Frau Doktor hat mir gesagt Du hast die mittlere Reife geschafft im Gefängnis?“

Marcel nickt.

„Alle mal herhören“, rufe ich, Marcel hat den Abschluss.“ Alle klatschen. Marcel ist ja ohnehin schon rot.

Dann klingelt das Telefon und Marcel nickt: „Geht in Ordnung, geh ran.“

Der Radiologe ist dran, Frau Berger kann zum Röntgen und Gipsen kommen.

„Wir brauchen einen Ü-Schein für Frau Berger“, rufe ich. J-A-A, ruft die liebe C.

Inzwischen ist auch Tochter Berger eingetroffen. Tumult zwischen Mutter und Tochter um die Katze im pinken Korb.

Marcels Arm ist verbunden. „Die Frau Doktor will dich nochmal sehen“, sage ich und kehre zum Berger- Katzenproblem zurück.

Frau Berger weint.

Tochter Berger schweigt verstockt.

Miezi jammert.

‚Marcel‘, hauche ich der lieben C. zu.

Die liebe C. versteht sofort.

„Damen Berger“sagt sie, das ist Marcel. Marcel ist immer noch rot. Die Damen Berger starren Marcel an. „Der macht doch nur Ärger“, sagt die alte Frau Berger. Aber die liebe C. ist unbeirrt. „Marcel und Miezi“, sagt sie „sind beide gerade ein bisschen allein und könnten ein bisschen Gesellschaft vertragen und dann lächelt die liebe C. Es ist das Arztlächeln der lieben C. und sie neigt den Kopf, die liebe C. hat goldene Locken, sie sieht aus wie ein Engel und sagte: „Es ist doch Weihnachten.“ Mutter Berger nickt. Tochter Berge sagt: „Aber auch das Katzenklo säubern. Marcel macht den Käfig auf und Miezi sieht Marcel und Marcel sieh Miezi und die Damen Berger sehen Miezi und Marcel und die Damen Berger sehen was wir sehen, hier befreundet man sich Hals über Kopf.“

„Rufst Du in der Massnahme an?“, fragt die liebe C.

„Mach ich“, sage ich und bezirze die Massnahmenmadame eine Katze zuzulassen. Ich sage: Therapiekatze Miezi, Weihnachten, Kontakt, Nähe, Sozial, ich sage Wunder, ich sage, Mensch der Marcel ist doch so allein.“ Es sind harte 20 Minuten, dann knickt die Massnahmenmadame ein.

Marcel strahlt.

Die Damen Berger strahlen.

Tochter Berger fährt Mutter Berger ins Krankenhaus.

Tochter Berger fährt Marcel, Mizi, Katzenfutter und Streu in die Massnahme.

Wir machen die Praxis sauber.

Katzenhaare stöhnen die liebe C. und ich!“

Kurz bevor wir zusperren, ruft die Massnahmenmadame an.

„Seit fünf Wochen ist der Marcel hier“, sagt sie und ich habe ihn heute zum ersten Mal lächeln sehen.“

„Das ist doch fast eine Weihnachtsgeschichte“, sage ich zu meiner lieben C.

Die liebe C. nickt und lächelt mir zu: „Wirklich sagt sie, das ist fast eine Weihnachtsgeschichte, sie stellt den Anrufbeantworter an. Auf dem Tresen liegt der Ü-Schein für Frau Berger.“

„Ich geh schon“, sage ich und für einen Moment glaube ich eine große, weiße Katze und ein schmaler Engel im blauen Kleid balancieren über das Fensterbrett, der kleinen Praxis am Rand des Marktplatzes der kleinen Stadt. Aber mit ausschließlicher Sicherheit vermag ich es nicht zu sagen. Katzen wie Engel sind wohl verschwiegene Wesen und so bleibt mir nur Ihnen ein gesegnetes, ein fröhliches, ein wunderbares Weihnachtsfest zu wünschen.

Hören Sie nicht auf an Wunder zu glauben.

Es ist ein Fest vor dem Fest oder so.

Die letzte irische Nachtschicht in diesem Jahr. Der an 363 Tagen des Jahres schlecht gelaunte Oberarzt, trägt einen Christmas Jumper unter dem Kittel. Der Jumper ist rot und ein Elf hält eine Proseccoflasche: „Prosecco Ho-Ho-Ho-Ho steht auf dem Pullover. „Na Oberarzt“ sage ich, sind ja schon richtig frohgestimmt und in festäglicher Feierlaune. „Oh, Proseccccc-oooo!“ Ich wusste, dass Sie nicht ohne Bemerkung an diesem Pullover vorbeigehen konnten, Fräulein Read On. „Genau genommen, Oberarzt“, bin ich ja gar nicht an dem Pullover vorbeigegangen, dies ist ja kein Fachgeschäft für Herrenmode sage ich, sondern habe Sie auf dem Flur erblickt.“ „Ich weiß nicht, wie der Tierarzt es mit Ihnen aushält!“, stöhnt der Oberarzt. „Ich habe trotzdem eine Tüte Kekse für Sie missgelauntester Oberarzt aller Zeiten.“ Der Oberarzt schüttelt die Kekstüte in einer Art und Weise, die sich schon als Drohgebärde auslegen ließe. Wollen wir also froh sein, dass die Feier- und Festtage schon vor der Tür stehen.

Nach der Nachtschicht rase ich zum Flughafen, denn ich halte einen Vortrag an dessen Zusage ich mich nicht mehr erinnern kann. Auf dem Flughafen steht der Tierarzt mit dem luggage holdall und strahlt: „Mädchen, ich bin mir ganz sicher, Kälbchen hat heute ein Weihnachtslied geblökt.“ „Tierarzt“, sage ich, mag sein, mag sein, aber wo zur Hölle ist mein Vortrag. Ich wühle im luggage holdall und endlich sehe ich die blaue Mappe. Einatmen. Ausatmen. Der Tierarzt ist von meinem Beinahe-Infarkt entsetzlich ungerührt und führt die Gesangskünste Kälbchens weiter aus. Meine Shetlandponyhaare haben sich derweil im Stethoskop verheddeert. Ich bin kurz davor auch ein Lied zu singen, bloß kein Weihnachtslied. Im Flugzeug schlafe ich mit einem Snickers-Riegel in der Hand ein. Der Tierarzt hält eine verwackelte Videoaufnahme mit dem blökenden Flegel von einem Riesenkalb an mein Ohr und ich stoße mir den Kopf an der Lehne des Vordersitzes. „Wäre es nicht schade, Tierarzt, sage ich, wäre dies Kälbchens erstes und letztes Weihnachtsfest?“ Der Tierarzt schluckt und ich kühle meinen Kopf an der Fensterscheibe. Ein sehr stiller Tierarzt folgt einem Fräulein aus dem Flughafen der großen Stadt Berlin. Das Fräulein eilt zu einem BVG Automaten und füllt einen Beutel voll Kleindgeld in den Automaten. Der Automat gröhlt hämisch und speit das Kleingeld in einem wütenden Schwall wieder aus. „Da kannst du sehen, Tierarzt, wie es bestellt ist, um den deutschen Ingenieur.“

Der Tierarzt tritt lieber einen Schritt zurück.“ Ich fülle erneut das Kleindgeldsäckel in den Automaten, Hohohoho, röhrt der Automat, der Automat spuckt zwei Fahrkarten aus, wir rennen zum Bus, ich winke mit beiden Armen, der Busfahrer grinst, wir warten. Ich zische Böses. Im zweiten Bus telefoniert ein Mann mit einer Hannelore und Hannelore soll jetzt doch mal sagen, wie das Buch heißt mit dem Frank Elstner und den ausgestorbenen Tierarten. Hannelore, ja die AUSGESTORBENEN TIERARTEN. Die Nini, die mag doch die Tiere so. Und dann mit dem Frank Elstner. Ja. ALLE TIERE, DIE BALD AUSSTERBEN SIND DA DRIN IN DEM BUCH MIT DEN TIEREN. Hannelore nun sag doch mal wie das hieß. SO EIN SCHÖNES BUCH, JA AUCH ÜBER DIE TIERE, DIE SCHON AUSGESTORBEN SIND UND MIT DEM FRANK ELSTNER. Weihnachten, Tierarzt, sage ich dem verstörten Tierarzt ins Ohr ist in Deutschland das Fest der Liebe, des Lichts, der Familie und der AUSGESTORBENEN TIERE, JA HANNELORE, ICH HABE DAS AUFGESCHRIEBEN. JA, AUF EINEN ZETTEL HANNELORE, JA HANNELORE MIT DEM FRANK ELSTNER. EIN GANZES BUCH ÜBER DIE AUSGESTORBENEN TIERE FÜR NUR 19,90. Dann steigen wir aus, ich dränge zur Eile, denn der Tagungsveranstalter findet es sei doch schön mit meinem Vortrag zu beginnen. Ich eile, ich rase aufs Gleis, ich halte Ausschau nach dem Tierarzt, der Tierarzt ist nirgends zu sehen, ich renne die Treppen wieder herunter. Der Tierarzt streichelt einen völlig verfetteten Labrador. Der Labrador heißt Harry. Harrys Frauchen sagt sie heiße Corinna. „These lovely German names“, haucht der Tierarzt, Harry sabbert auf meine Schuh. Corinna trägt Dubarry-Stiefel und hat blonde Haare. Corinna hat aber keine Haare, sondern eine Frisur. Nur Frauen wie ich haben Haare und die stehen zur Berge und ich zische: Tierarzt, jetzt komm. Corinna winkt. Der Tierarzt winkt. Harry grunzt. Der Tierarzt schnalzt: Hallöchen. Corinna hat weiche Knie. Das Fräulein Read On eher nicht so. „Stell dir das vor Mädchen, die Corinna hat ein Outdoorwägelchen für den Harry.“ „Wie schön für die Corinna“, huste ich böse. Der Tierarzt ist verzückt. These Germans amzaing, simply amazing. Wir rennen zum Vortragsort. Ein Shetlandpony referiert. Der Tierarzt klatscht strahlend und sagt zu seinem Nachbarn: „Das ist Mädchen, fast so klug wie Kälbchen.“ Der Nachbar setzt sich lieber weg. Ich aber bin so hungrig wie ein junger Wolf, aber da wir so spät kamen, sind nur noch Schinkenbrote da. Das Karma ist eben so ausgestorben wie die Tiere in dem Buch mit dem Frank Elstner. Sehr hungrig verlassen wir die Tagung, ich kaufe Käse und Stollensterne, der Tierarzt atmet Berliner Luft, wir erstehen Bienenwachskerzen und allerlei Dinge. Die Mali-Tant hat indes 16 Mal angerufen und ist eingeschnappt als ich endlich zurückrufe.

 „Geh Mali sage ich, es war halt die Tagung und dann war der Hunger und dann mussten wir einkaufen und geh das Telefon war halt irgendwo in der Tasche.

„Geh Mädi“, du musst es mir nua eomal sogn wenn I dia lästig bin.

Aber Mali-Tant, säusle ich, Du mir lästig? Niemals.

Die Mali-Tant und das ist immer ein sehr schlechtes Zeichen, denn die Mali-Tant ist fast so alt wie die Stadt Wien selbst, wechselt ins Hochdeutsche hinüber. Nur wen die Mali sehr verachtet oder wem sie gram ist, so wie gerade mir, den straft sie mit Hochdeutsch.

„Mädi, der Mau ( der Siamkater der Mali ) und der Jean ( der Geliebte der Mali ) kommen mit dem Zug ( die Mali, der Mau und der Jean kommen seit Jahr und Tag mit dem gleichen Zug ), aber wenn es Dir nicht passt, dann muss uns niemand abholen, dann kommen wir ganz allein, wir haben ja-Pause-längere Pause-Seufzen- kaum Gepäck.

„Geh Mali, natürlich holen wir euch ab.“

„Ach weißt Mädi, es ist bestimmt ohnehin mein letztes Weihnukka, einmal muss man ja doch sterben und dann kommt der Mau in ein Tierheim und der Jean, na der Jean ist ja immer noch recht fesch und Du hast eine Sorge weniger.“

Aber Mali-Tant sage ich, Du bist doch nicht alt.

Die Mali-Tant aber hat genug von mir, verlangt nach dem Tierarzt und soweit ich dem Gespräch aus Gurren, Luftküssen und Liebesschwüren folgen kann, stimmt die Mali mit dem Tierarzt überein: „Eine Corinna könne man sofort heiraten, bei einer Read On hingegen, müsse man sich die Sache wirklich gut überlegen.“

Chanukka Sameach und einen gesegneten 3.Advent Ihnen!

Die Freiheit, die Freiheit und wieder die Freiheit.

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wünsche ich Meşale Tolu, die heute Geburtstag hat und seit 224 immer im Frauengefängnis von Bakirköy in Untersuchungshaft ist. Bei jeder Karte hoffe ich, dass es die Letzte wäre und das die Freiheit endlich die Tür eindrückte, der Wind die Fenster klirren ließ, das Meer, das Meer sie endlich wieder lachend umarmte.

Sag Read On, was machst du eigentlich den ganzen Tag?

Frau Frau Brüllen will es wissen. An jedem 5. eines Monats fragt sie in Klein-Bloggersdorf herum und der Kleinbloggersdorfer schreibt auf was er so erlebt. Et voilà.

Sechs Uhr: Aufgewacht zu Regen auf dem Dach und Wind in den Kiefern. Die alte Wildtaube ist misslich gestimmt. Rheumawetter sagt sie und ich nicke. Eine Hand von der Nusskernmischung streue ich ihr zu den Rosinen dazu. Missliche Tage soll man wenigstens mit einem guten Frühstück beginnen, sage ich ihr. Die alte Freundin Wildtaube nickt zustimmend, dann fliegt sie zurück unter das dichte Geäst der Tannen. Ein Tag für Buch und Bett, denke ich mir. Dann packe ich doch Handtuch und Schuhe ein und fahre hinunter zum See. Grau ist der See, aber immerhin der Regen hat aufgehört, der Wind fährt den Bäumen durch das schüttere Haar. Kalt ist das Wasser, aber warm ist der See im Vergleich zur irischen See. Vor der Kälte fürchte ich mich nicht so sehr ,wie vor dem Nöck. Aber der Nöck schläft vielleicht noch oder ihn rufen dringende Amtsgeschäfte mich behelligt er nicht. Lang sind die Tage seit so vielen Jahren, immer gehören meine Tage anderen als mir und eine halbe, kalte Stunde im See ist alles was für mich bleibt. Einatmen. Austamen. Weiteratmen. Blaue Lippen und das dicke Handtuch um die Schultern geschlungen. Als ich aus dem See steige ist es viertel vor Acht. Eine Kindergärtnerin und mir ihr viele Kinder kommen mir entgegen. „Der Hulk“ ruft ein Bub, ich wringe mir die Haare aus. Die Kindergärtnerin zeigt mit dem Finger auf mich. „Die Tante da spinnt ja“, sagt sie und zeigt mit dem Finger auf mich. Liebe Kindergärtnerinnen bitte zeigen sie doch nicht mit dem Finger auf andere Menschen, auch wenn sie selbst niemals im Winter schwimmen gehen. Die Kinder sehen alle aus, als führen sie gleich an den Polarkreis, dabei kommt schon ein Bus vorgefahren und die Kindergärtnerin schreit: DA KOMMT DER ONKEL GÜNTHER. Ich zwinkere dem Buben zu. Ich sagte ihm gern, dass eines Tages auch auf ihn die Freiheit wartet und das die Freiheit am größten ist, weht der Wind über den See. So winken wir uns zu.

Gearbeitet, dann ein schwarzes Kleid angezogen. Einen Blumenstrauß abgeholt und auf einen Friedhof gefahren. Nur wenige sind gekommen und das tut mir leid, denn er war für so viele da. Die Worte des Trauerredners sind von schleppender Länge, eine lange Kette von Banalitäten, ein Mann wie ein Fels sagt dieser Redner wirklich, fasst sich an den Schlips, gefällt sich in Redewendungen von der Humanmedizin und der Demut vor dem Leben. Ich starre auf meine Schuhe, der Mann dort im Sarg verachtete die Redensarten und sprach am liebsten nur mit den Frauen, die auf seiner Station Mütter wurden. Die anderen, auch die, die mit Sozialer Arbeit auf dem Zeugniskopf, nannten die Frauen die Assi-Mütter. Er sagte Schakkeline ohne Ironie, ohne Bedauern, er sagte Schakkeline wir machen das jetzt. Es wird kälter ohne ihn. Erde auf Erde. Dumpf fällt der Sand auf den Sarg. Ungehörig scheint mir das, dieses Jahr wird sein Name zum ersten Mal nicht neben meinem auf dem Weihnachtsdienstplan stehen. Ich muss schlucken. Der Redner sagt: „Er gab das Leben, nun ist es ihm genommen.“ Die liebe C. übernimmt ihre Schicht, flüstere ich ihm zu, dort am offenen Grab. Weiße Rosen dazu. Das hätte er gern gehört, da bin ich mir sicher.

Gearbeitet, dann die Tasche nach Irland gerichtet, ein Stück Käse gegessen, immer noch ist mir übel von dem Gerede des Mannes mit Schlips und dem Geruch der schweren, feuchten Erde. Die liebe C. angerufen, nur zehn Sekunden so getan als müsste ich nicht weinen. Die liebe C. hört zu. Es ist halb vier.

Im Bus zum Flughafen sitzt ein Mann neben mir. Ein Tweed-Jacket, grüne Cordhosen, Schnürstiefel, ein roter Schal, so unauffällig, dass ich den tätowierten Raben auf seiner rechten Schläfe erst spät bemerke, neben seinem linken Auge fliegen Vögel in den Süden, bewegt sich sein Augenlid, dann hebt der Vogelzug seine Flügel. Auf seinem linken Ringfinger sitzt ein blaues Rotkehlchen. Ich wünschte ich hätte ein Bild meiner alten Freundin der Wildtaube dabei.

Das Flugzeug nach Frankfurt ist voll. Hinter mir sitzen zwei Männer, die in Bitcoins machen: Super-Margen, bin auch voll der Typ, der auf Risiko geht. 2018 wird erst richtig geilo, dann geht Bitcoin an die Börse. Da wirst du transactions sehen, die sind unique. Jo, erst mal nur an der Online Börse, die mit den fünf Buchstaben. Ich vergesse immer welche das sind. So viel potential, das muss man abschöpfen. Wir sind dabei gewesen. Es geht voll ab. Dann wird das Flugzeug lauter und die Stimmen der Männer verschwinden, wie auch Berlin kleiner und kleiner wird. Als ich die Männer wieder hören kann, besprechen sie Fotoapparate. Spiegelreflexkameras sind voll banal. Ich habe eine Systemkamera. Ab 1500 Euro bist du dabei. Hab mir neulich ein Objektiv geholt, für 1600, so geil. Ich fotografiere die Milchstraße, sagt der andere, denn es ist schwer gegen diese Zahlen anzukommen, der andere lacht und empfiehlt einen Youtube Coach, der dir hilft voll krass zu performancen. Website Ranking ist essential. Kannst mich ja mal adden, sagt er großzügig zum Milchstraßenmann. Der schweigt nun beleidigt. In Frankfurt angekommen, macht er erstmal ein Uber klar.

In Frankfurt ist es still. Kehrmaschinen kreiseln langsam über den grauen Boden. Ich schreibe diesen Text, rufe den Tierarzt an, lese in Walter Kempowskis Echolot, wippe mit dem Fuß, beantworte Emails, um 21.25 Uhr geht es weiter nach Dublin.

Am Flughafen steht der Tierarzt, ‚Komm‘ sagt der Tierarzt und wir fahren durch die Dunkelheit zurück in das Dorf. Im Dorf ist es still, das Meer rauscht vor dem Fenster, aus meinen Haaren liest der Tierarzt Kiefernnadeln, hält sie zwischen den Händen, legt sie zwischen die Seiten eines geöffneten Buches.

„Deutscher Wald“, sagt er mit dem Lächeln aller Verliebten, sagt es leise und legt mir die Hand auf die Stirn, „deutscher Wald“ sage ich und weiß nicht ob die Deutschen sich noch so verlieben in eine Hand voll Kiefernnadeln, wie der Tierarzt und wie es einmal vor vielen Jahren in einem anderen Land mein Urgroßvater tat, der als Wiener Jud vor Sehnsucht nach dem deutschen Meer verging.

St Sylvester schlägt zwölf Uhr. Nur beim Priester ist noch Licht.