Sonntag

„„Komm“ sagt der Tierarzt, die Sonne scheint. Ich ziehe mir die Decke über den Kopf. „Komm“, sagt der Tierarzt, Du bist doch das Mädchen, das den Sommer sucht.“ „Ich bin so müde“, will ich sagen, aber der Tierarzt zieht schon die Decke weg. „Komm“, sagt er und zieht mich hoch. Gliederpuppentaumelei. Der Tierarzt hält mir Kleid und dicke Strümpfe hin, mir tropft noch Wasser aus den Augen und den Armen. „Komm“, sagt der Tierarzt, wickelt mich in Schal und Wetterfleck und zieht mich aus der Tür heraus. Wirklich, vor der Tür ist Sonnenschein. „Komm“, sagt der Tierarzt wir klettern am Kliff hinunter. Schon stapfen wir durch die Heide, halten uns fest an den Steinen und am struppigen Dünengras, der Wind fährt uns durch die Haare. Wirklich die Sonne scheint, es glitzert der Himmel, der Wind spielt Sommerlieder auf einer blauen Mandoline und das Meer rollt flaschengrün an den Strand heran. „Tierarzt“, sage ich die Sonne scheint. Der Tierarzt lacht und taumelt meerestrunken an den Wasserrand. „Für Dich ist das Badewetter“, sagt er und ich nicke, denn bei solchem Wetter kann man nicht am Strand verharren und schon fliegen Kleid und dicke Strümpfe, Wetterfleck, Schal wie Schuhe in den weißen Sand . Augen zu und dann nehmen mich die Wellen mit, tief hinein und atemlos, taube Arme, taube Füße und doch wogt das Meer, kalt und klar und wunderbar. Das Meer greift nach der Müdigkeit und ich wünschte es würde auch nach der Nachtschicht zwischen meinen Rippen fassen, aber das bleibt auch im schäumenden Novembermeer leider Wunsch und niemals Wirklichkeit. Der Tierarzt lacht und lacht, lacht mit Wind und Sonnenschein, lacht flaschengrün und sommerhell und wickelt mich in ein dickes Handtuch ein. Ein lachender Schatten und ein Fräulein mit klappernden Zähnen wandern weiter am Meer, Muscheln knirschen unter unseren Füßen, der Tierarzt trägt einen Krebs ins Wasser zurück und wie immer suche ich nach einer Muschel mit der man das Meer hören kann, aber ich lege alle Muscheln wieder zurück, vielleicht findet man eine solche Muscheln niemals oder nur einmal im Leben. Hunde wie Kinder rennen zum Meer, die Hunde sind schneller, Kinder wie Hunde aber furchtlos und frei, das Meer ist mit Hunden wie Kindern geduldig und die Kinder werden bestimmt einmal Novembermeerschwimmer, denn schon fliegen die Gummistiefel davon, das Meer braucht freie Füße. Wir aber wandern durch Priele, klettern über die Schieferfelsen, der Tierarzt sucht einen blanken Stein, aber die blanken Steine verstecken sich gut, dafür Möwengeschrei und der Wind hält sich an unseren Ohrläppchen fest. Er lacht der Wind und der Tierarzt und ich fallen in den Sand hinein. Der Sand legt sich zwischen Haare und Zähne, fährt uns in die Haare, aber ist der Sand nicht dafür gemacht, der Tierarzt malt Sonnenkringel mit dem Zeigefinger, ich schreibe zwei Karten auf seinem Rücken. Dann ist mein Zähne klappern lauter als der Wind mit seinem Liederbuch und wir wandern in Schlangenlinien Richtung Dorf am Meer entlang.

„Weißt Du was?“, sagt der Tierarzt.

„Ich weiß nichts“, sage ich.

„Mädchen, nur Kälbchen ist noch verrätselter als Du.“

„Das wusste ich Tierarzt, das wusste ich wirklich.“

„Als Du schliefest heute am Morgen, da habe ich meinen Account bei Seriöse Singles gelöscht.“ Genau heute vor einem Jahr habe ich den dort angelegt.“

„Ich wusste gar nicht, dass Du einen Account bei Seriöse Singles hattest, Tierarzt.“

„Ich war so allein und Du warst so aussichtslos.“

„Ich dachte Du seist in die B. verliebt.“

„Wer ist die B?“

„Und sage ich, gibt es schöne Frauen bei Seriöse Singles?“

„Bestimmt“, sagt der Tierarzt.

„Bestimmt?“, frage ich.

Ich habe niemals nachgesehen, denn Du hast gesagt: Komm“ sagt der Tierarzt.“

„Ich habe wirklich: Komm gesagt?“

„Oh ja“, sagt der Tierarzt. „Kälbchen und Du ihr seid euch so ähnlich.“

Dann klettern wir das Kliff hinauf, Hände im Heidekraut und der Dünenhafer an den Beinen, der Wind weht, Sonnenstrahlen tanzen auf der Nasenspitze, der Tierarzt lacht und lacht und lacht, kann nicht aufhören zu lachen. Selbst das Heidekraut kichert über so viel Tierarztheiterkeit.

Zuhause dann warmes Wasser, gegen die klappernden Zähne, auch ins Bad fällt Sonnenlicht, und endlich habe ich wieder warme Füße.

„Mädchen, willst Du Deine Regenbluse?“, fragt der Tierarzt.

„Ich will eigentlich zurück ins Bett“, sage ich.

„Später, Mädchen, später, wir fahren zum Tee ins Grandhotel.“

„Wirklich Tierarzt?“

„Komm Mädchen, komm.“

Im Grandhotel tanzen alte Pärchen Foxtrott und vor uns wogt das Meer, noch immer sommerblau, der Himmel ist noch immer himmelblau, die Sonne lacht uns strahlt und nur der Tierarzt strahlt ein bisschen mehr.

„Du hast nicht einziges Mal nachgesehen, bei Seriöse Singles?“

„Vielleicht hat die Kälberkönigin von Kerry dort auch ein Profil?“

„Nein, sagt der Tierarzt, nein, nein, nein.“

„Komm Mädchen, tanz mit mir.“ Komm Mädchen, komm.“

Falltreppe

Am Sonntag fahre ich den Tierarzt zum Flughafen. Der Tierarzt winkt, ich winke und der Tierarzt ruft: „Komm zurück Mädchen!“ „Bestimmt“ sage ich. Dann ist es still. Schön ist die Stille und ich mache erst einmal einen Tee. Denn wenn die Stille kommt, soll man sich angemessen nähern. Die Stille und ich nicken uns freundlich zu und das Herbstlaub weht vorm Fenster vorbei. Irgendwann so morgens gegen fünf, klingelt das Telefon. Am Telefon ist der F., der freundliche ehemalige, geschätzte Gefährte. Der F. urlaubt im Ostseesommerhaus und wintert nebenbei das treue Boot, die Arca ein.

Das Telefongespräch geht so:

( Das Telefon klingelt )

Ich: Jaaaaa, ehemaliger geschätzter Gefährte, was gibt es zu so früher Stunde:

F: Wimmer

Ich: Bist du in Ordnung?

F: Jaul

Ich: Himmel, was ist passiert?

F: gedämpft: Falltür. ( Das Sommerhaus hat eine Falltür über die man in den Keller gelangt, wir sind ja hier nicht in Österreich.

Ich: F. bist du die Kellertreppe hinuntergfallen?

F: Hmm, ja. Jaul. Komm…..mich….holen….bitte.

Ich tätschle das Oldsmobile und sage: Blaulich, Oldsmobile, Blaulicht. Dann brausen wir viele, viele Kilometer in den Norden und es sind wirklich sehr viele Baustellen auf dem Weg nach Norden und endlich biege ich in die Straße, die zum Sommerhaus führt ein.

Der ehemalige geschätzte Gefährte liegt schnaufend auf dem Boden. Seinen rechten Arm kann er nicht mehr bewegen, und sein Fuß ist siebenfach so groß wie sonst. Der F. kann aber immer noch zetern, als ich ihn zwinge eine alte Trainingshose meines Vaters anzuziehen. Der F. ist bekanntlich nicht eitel. Dann schiebe und hieve ich den F. ins Oldsmobile und wir fahren zurück nach Berlin. Als wir die Kreisstadt S. erreichen, sage ich: Liebenswürdiger, ehemaliger geschätzter Gefährte, warum hast du eigentlich nicht die Rettung der Stadt S. gerufen, sondern mich aus Berlin herbeigedordert

Der F. inzwischen mit Ibuprofen, Kaffee und Schokolade versorgt sagt:

„Darf ich Dich daran erinnern, dass Du mich einmal heiraten wolltest?“

Ich sage: „Darf ich daran erinnern, dass wir verheiratet wären, wenn“ und dann muss ich mich selbst unterbrechen, denn ein VW Passat Fahrer, der seine Heckscheibe mit einer Bulldogge und der Aufschrift: Mein Blut, mein Leben, meine Ehre für meine Familie beklebt hat, überholt das treue Oldsmobile so waghalsig, dass ich scharf bremsen muss.

„Also“ fange ich an, nachdem ich in sieben Sprachen, Verwünschungen ausgestoßen habe, du meinst dein Heiratsantrag verpflichtet mich auf ewig an Deine Seite zu eilen?“

Der F. sagt: „Zumindestens so lange bis Du mich ohnehin heiratest, dann stellt sich die Frage nicht mehr.“

Ich huste spöttisch. „Kann es sein F., dass die D. jetzt Radiologin in der Stadt S. ist?“ Der F. wird immerhin rot. Und ist es nicht viel wahrscheinlicher, dass Du unrasiert und ungeduscht und unbalsamiert der D. nicht gegenübertreten wolltest, während es bei mir auf so etwas nicht mehr ankommt? Der F. wird noch röter und seufzt und schnauft noch mehr als ohnehin schon.

„Bist Du etwa eifersüchtig auf die D.?“ sagt der F. nach einer ganzen Weile. Ich mache das Radio an.

Irgendwann wir fahren und fahren und fahren, kommen die Schilder mit Berlin näher.

Der F. greint: Ich will nicht ins Krankenhaus. Die Keime, die gemeinen Krankenschwestern und wie werden erst die Kollegen lachen.

Ich: Ich will davon nichts hören, F. natürlich fahren wir in die Klinik.

Trotziges Schweigen im Oldsmobile.

Endlich erreichen wir die Klinik und ich hieve den F. in die Notaufnahme.

Die Schwesternschülerinnen schlagen sich darum, wer den F. aufnehmen darf.

Die Krankenschwestern ziehen sich an den Haaren wer dem F. den Fuß neu verbinden darf.

Die Assistenzärztinnen versprechen dem F. Schultermassagen bis ans Ende aller Tage.

Der Stationsarzt fährt den F. höchstpersönlich in die Radiologie.

Ich fahre derweil zurück nach Haus um für den F. ein ordentliches Nachtgewand, Rasierzeug, sein Beutel mit Wässerchen, Ölen und Augencreme. Nebst dem guten Paar Pantinen, einer Tafel Nussschokolade kehre ich zurück. Der F. liegt wie ein Prinz im Bett, er ist umschwirrt von einer ganzen Heerschar von Frauen und selbst die gestrenge Oberschwester säuselt Beileid und Mitleid und brüht des F’s Lieblingstee und wirklich der liebenswürdige, ehemalige geschätzte Gefährte hat sich die Schulter gebroche, aber der Fuß ist heil geblieben.

Als der F. im feinen Seidenzwirn, frisch rasiert, onduliert, parfümiert und mit gecremten Augen im Bett liegt, sage ich: „Ich glaube du bist versorgt für die Nacht“, denn schon wieder stürmt eine Krankenschwester herein, dann fahre ich nach Haus und falle augenblicklich um, als ich mich wieder aufrapple ( eine heiße Dusche und eine Tafel Nussschokolade später also ) ruft der F. an. „Na sage ich F., habe ich die Nagelfeile im Kulturbeutel vergessen?“ Der F. aber kann nicht lachen vor Schulterweh. „Die Krankenhausbetten sind wirklich größer als ich immer dachte.“ Ich gähne immerhin solidarisch mit. Dann ist es kurz still. „Komm zurück“, sagt der F. „Ich komme morgen Früh vorbei“, sage ich.

 

Missliche Notizen

Schwierige Tage. Verwickelte und langwierige Arbeitsangelegenheiten, die sich nur mühsam auflösen lassen, sich weiterdrehen und doch immer weiter mühsam und misslich bleiben. Stundenlange Telefonate, verschwindende Dokumente, dann verschwinden auch die Zuständigen, zurück bleibe ich. Launisch und verwundert, schwarze Hände vom spuckenden Kopierer. Die Auszubildende ist krank.

Das Institut beehrt ein Schriftsteller. Der Schriftsteller muss irgendwo im Handbuch für Autoren, Band 4 gelesen haben: „Um die Aura des wahren und einzigen Schriftstellers zu erhalten, verhalte man sich als Autor möglichst misanthrop und feindlich.“ Der Schriftsteller setzt dies gekonnt um.

Ich zeige ihm sein Büro: Er starrt auf sein Telefon. Ich zeige ihm wie Computer, Drucker und das Institut an sich so funktionieren, er starrt auf sein Telefon. „Wenn es Ihnen jetzt nicht passt“, sage ich, der Satz verschwindet im Leeren, der Schriftsteller starrt auf sein Telefon. „Ich brauche Kopfschmerztabletten“, sagt er schließlich zu mir. Ums Eck hat es eine Apotheke sage ich.“ Worauf warten Sie noch?“, sagt der Schriftsteller. „Dass Sie die Tür hinter sich zu machen“, sage ich. Der Schriftsteller starrt mich an und geht.

Der Kollege B. aus der Stadt E. ruft mich an. Mit dem Kollegen B. aus der Stadt E. habe ich damals in Berlin, dass angefangen zu machen, was ich noch immer mache, wenn auch fast nur noch in den Nächten. Damals war der B. der größere Optimist von uns beiden.  Der B. hat gekündigt. „Der Umzug nach Australien sei schon organisiert, sagt er. Mehr Sonne, sagt er und er habe sich erkundigt in Australien sagt er, sei es nicht normal während des Dienstes mit Feuerwerkskörpern, Flaschen und Fäusten angegriffen zu werden.“ „Ich sage: Aber das ist doch auch in der Stadt E. nicht normal. „Der B. hustet trocken. „Ich habe Kinder“, sagt er und ich will sagen: „ Wird es nicht erst normal, wenn wir alle gehen B.?“ Ich sage: „Ich war noch nie in Australien.“ Der B. sagt: „Komm mich besuchen.“

Im Internet schreiben Frauen: #MeToo. In der Nachtschicht kommt eine Frau, deren Mann ihre Beine mit brühendem Wasser übergossen hat. Das Bein wird man nicht mehr retten können, sagt der Chirurg. Ich sage und klinge aufgeräumt und schrill dabei: „Wir kümmern uns jetzt um Sie.“ Sie sagt: „Aber er liebt mich doch.“ Schmerzmittel. Schlafmittel. „Hat er nach mir gefragt?“ Schichtende.

Wieder und wieder versuche ich die Familie in New York zu erreichen. Williamsburg. Englisch ist die erste Fremdsprache, ein kalter Klumpen Sorge in meiner Magengrube. Nach Stunden endlich eine Stimme am Telefon. „Wo seid ihr? Geht es euch gut?“ „Wir fahren doch kein Fahrrad“, sagt der G. Ich weiß nicht ob ich lachen oder schreien soll. Ich verzichte auf beides. „Warum geht niemand ans Telefon?“, sage ich stattdessen. Wir waren in der Shul. Warum frage ich überhaupt, frage ich mich. Ich denke daran wie ich nach Europa kam. In Berlin musste man im Supermarkt seine Tasche nicht aufmachen und in der Garage den Kofferraum nicht öffnen. Nur in Jerusalem flogen die Busse in die Luft. In einem Bus saß die Z. An die Z. will ich lieber auch nicht denken. „Wir fahren kein Fahrrad.“ „Passt auf euch auf, sage ich.“ Ich weiß nicht, ob sie mich hören können. Ich sage nicht: „Hör mir doch zu.“

Zwei Tage später lese ich diesen Artikel . Es waren neun Freunde. Man liest das und denkt an die acht Freunde, lachend auf den Rädern, auf den Bildern sind die Fahrräder verbogen und verdreht, Metallsplitter.

Wie oft habe ich mich mit dem G. gestritten: „Die Kinder müssen Rad fahren lernen.“ Der G. wehrte ab.

Lange in der National Library Mikrofilme durchgesehen. Charles Rex schreibt der König in schönen, geschwungenen Buchstaben, verschwommen das Siegel. Einige Wochen später ist der König tot. Einen Kopf kürzer machen, sagt man im Deutschen, merkwürdig, als hätte der Mensch noch einen Zweiten. Aber noch schreibt er und zeichnet Charles Rex und jemand hat den Brief versiegelt und der König schlief ein und war am nächsten Morgen noch einmal König. Ich aber suche andere Briefe und im dunklen, stillen Mikrofilmzimmer verschwindet Charles Rex wieder, neben mir flucht eine Frau in lila Hosen und Rosenbluse über das Mikrofilmgerät, schließlich wird sie wütend- wie schnell das geht- und reißt das Band aus der Rolle, ein Stück Film verfängt sich reißt- ein Bibliotheksmitarbeiter eilt herbei und besieht den Schaden: Große Scheiße, sagt er und die Frau flucht weiter laut und unerbittlich gegen die Tücken der Maschine. Später im hellen Licht schwer wieder in die Welt hineingefunden.

Müde und mutlos. Überall Risse.

Der große und der kleine Zeiger.

Die Sonne scheint. In Irland ist das immer ein Ereignis. Ich rufe also: „Tierarzt, Katze, Hund, die Sonne scheint.“ Die Katze dreht sich auf den Bauch, der Hund bringt mir einen Schuh, der Tierarzt gurgelt Unverständliches aus dem Badezimmer. Ich schleppe zwei Stühle nach draußen, reiße alle Fenster auf und reiche dem man of the house, eine dampfende Teetasse an und blinzle in die Sonne. Dann blinzeln wir gemeinsam in die Sonne und lesen die Zeitung nach. Bis auf leises Blätterrascheln hört man nichts. Dann aber fällt es mir ein: „Tierarzt, wir müssen die Uhr umstellen.“

Der Tierarzt sieht mich zögernd an: „Mädchen, müssen wir die Uhr jetzt umstellen?“

Ich sehe den Tierarzt an: „Es sind die kleinen Dinge, Tierarzt sage ich: „Stellt man die Uhr nicht mehr um, dann ist das nur die Spitze eines viel größeren Eisberges, der nicht aus gefrorenem Wasser, sondern der Nachlässigkeit besteht: gibt man erst nach, dann schraubt man die Zahnpastatube nicht mehr zu, am nächsten Tag putzt man sich die Zähne nicht mehr, am dritten Tag schiebt man ein gefrorenes Auftaugericht in die Mikrowelle, am vierten Tag kauft man gleich nur noch Zigaretten und drückt die Kippen in den Blechassietten aus, am sechsten Tag raucht man im Bademantel und nagt an kalten Pizzarinden und am siebten Tag stolpert man über die gestapelten Müllbeutel mit den Fertiggerichten in der Küchentür, die fauligen Essensreste laufen über die Fliesen, man glitscht aus und bricht sich das rechte Schienbein und die Sanitäter finden einen mit ungeputzten Zähnen und man hat ja auch die Uhr nicht umgestellt, schreiben Sie die falsche Uhrzeit in den Aufnahmebogen.

Der Tierarzt sieht mich lange an und sagt: Mädchen, warum hast du eigentlich keine Logikprofessur?“

„Lenk nicht ab“, sage ich und ziehe den Tierarzt in die Diele, wo die alte Standuhr steht. Tick-Tock macht die Standuhr und der Tierarzt seufzt: „Dieses störrische Biest.“ Leider hat der Tierarzt Recht. Die alte Standuhr ist wirklich sehr störrisch, das Glasfenster lässt sich nur schwer öffnen und man muss eine Feder an eine Vorrichtung klemmen, um die Zeiger zu bewegen, aber oft springt die Feder ab oder der Stundenzeiger klemmt, es gilt das Pendel zu justieren und so krempelt der Tierarzt die Ärmel hoch.

Tierarzt (T ): Auf geht’s . Der Tierarzt lehnt die Uhr nach vorn, ich halte die Uhr und der Tierarzt öffnet sehr vorsichtig das Uhrenkastel

Ich: YES.

T: Argh.

Ich: A little bit more left.

T: I can feel it.

Ich: You’re nearly there.

T: That’s so damn tight.

Ich: Your fingers are so…

T: Yes…..

Ich: Smooth. Elegant. Strong.

T: Don’t flatter me.

T: G*d I never got in so deep.

Ich: Just a tiny bit more. Can you feel it?

T: Ah. Ah. I don’t want to loose my grip.

Ich: I hold you down. You need to push a tiny bit harder.

T: That’s good. That’s so good.

Ich: You are so close.

T: I am coming closer still.

Ich: That must be it. One last tiny push.

T: Oh yes, yes, yeeeeeees. Here I go. Here I come. Oh yeah.

Ich: Hell yeah.

T: I can still hold it. Can you hold it?

Ich: I can.

T: I let go now. Oh, that’s so good. So damn good.

Ich: You nailed it.

T: I so do. That’s just the right spot. Oh my!

Ich: You do fantastic.

T: I never lasted for so long, didn’t I?

Ich: You really never did. Simply amazing. Yor fingers are so good.

T: G*d. I just did it. That feels so, so good.

Der Tierarzt verschließt das Gehäuse der alten Uhr und sehr vorsichtig kippen wir die Uhr gegen die Wand. Die Uhr macht Tick-Tack-Tock. Ich strahle den Tierarzt an. Der Tierarzt strahlt zurück. Die Uhr glitzert im Sonnenschein. Die Sonne scheint durch die weit geöffneten Fenster. Vor dem Fenster stehen die Frau des Krämers und ihre Tochter. Die beiden Damen kehren so eben vom Kirchgang zurück. Die Frau des Krämers ist kalkweiß. Ihre Tochter ist krebsrot. Sie starren uns an. Der Tierarzt rollt sich die Hemdärmel wieder herunter. „Morgen die Damen Krämer, ruft er herüber, haben Sie schon die Uhren umgestellt. Der Tierarzt zwinkert ihnen zu und hebt neckisch den Zeigefinger: „Nicht, dass Sie noch zu spät kommen.“

Die Damen Krämer eilen wortlos davon. „Die wissen auch nie was Sie wollen“, sagt der Tierarzt kopfschüttelnd. Mädchen, fährt er fort, die Sonne scheint, kommst du mit zu Kälbchen?“ „Klar“, sage ich.

 

Pariser Szenen: Erinnerungsorte

Am Morgen mit der Mali-Tant, dem Jean, der lieben C. und dem Tierarzt in die Rue de Tournon spaziert. Im Hotel Foyet lebte Joseph bis er an gebrochenem Herzen und der verlorenen Heimat starb. Das Hotel gibt es nicht mehr, aber das Café de Tournon gibt es noch. Es ist noch immer ein Trinker-Café, es riecht nahc Zigaretten und Schnaps und die Spiegel sind schlierig. Der Kaffee ist dünn und die Mali-Tant trinkt Sekt. Der Jean trinkt Weißwein und der Jean und die Mali-Tant rollen die Ärmel auf. Die Nummern auf ihren Armen sind blass, aber noch immer sind sie da und wir setzen zwischen den Trinkern und die Mali-Tant und der Jean zählen auf: wen sie haben verschossen im 38er Jahr, wenn sie haben geholt im 42er Jahr und wie sie wiedergekommen sind im 53er Jahr, da hat es nimmer mehr Juden gehabt in Europa und wir trinken auf Joseph Roth und all die, die man hat verschossen. Ich gehe noch 300 Meter weiter, da steht das Hotel „Trianon Rive Gauche.“ In dieses Hotel ist der Schriftsteller Ernst Weiß geflohen, den hat man lang schon vergessen in Wien und Berlin und als die Deutschen im Juni 1940 in Paris marschierten, da sah Ernst Weiß aus dem Fenster, nahm Morphium, legte sich in die Badewanne und schnitt sich die Pulsadern auf.
„Gehen Sie nur“, sagt der Mann an der Rezeption und ich geh die engen Treppen hianuf, neben mit quietscht der alte Fahrstuhl und ich lehne an der Wand und denke an Ernst Weiß und die kalte, weiße Badewanne. Zurück im Café de Tournon zählt die Mali-Tant noch immer auf “ wen sie haben verschossen.“

Am Nachmittag treffe ich die E. Wir essen Suppe in einem Laden, Regen-Sonne-Schauer, französischer Hip-Hop, Obama auf dem T-Shirt des Kellners, die Frauen sehen alle aus, wie aus der Vogue, ich möchte unter den Tisch kriechen, aber die E. lässt mich nicht. Die E. sieht auch aus wie aus einem Modemagazin, aber es hilft ja nichts. Die E. erzählt von Istanbul, bevor sie zurück nach Paris kam, war sie mit ihrer Schwester bei IKEA: Lampen, Servietten, einen Hocker für das Bad. Die E. und ihre Schwester beluden das Auto und wie sie das Auto beluden, da drehten sie sich noch einmal um. Vor dem IKEA fielen ihnen Kinder auf. Keine Kinder aber, die mit ihren Eltern einen Schreibtisch ausprobierten, sondern syrische Jungs, zehn oder elf vielleicht, die den Einkäufern beim Schleppen der Regale und dem Wuchten derselben in die Autos zur Hand gehen. Dafür bezahlt man sie, wenn sie Glück haben und wenn sie kein Glück haben, eben nicht. So sieht das Flüchtlingsabkommen mit der Türkei vor dem Ikea in Istanbul aus. Die E. sieht mich an und fragt nach den Postkarten. Ich nicke. „You never struck me
as optimistic“, sagt sie und ich sage lieber nichts. Ich will ihr nicht sagen, wie sehr ich mich fürchte, dass die Karten immer nur Symbole bleiben und niemals Karten werden. Wir küssen uns auf Wiedersehen.

Auf der Straße fällt mir ein, wie nah wir am Bataclan sind. Ich sage zum Tierarzt: „Wir sind ganz nah am Bataclan.“ Wir kaufen fünfzehn weiße Rosen. Dann gehen wir zweimal ums Eck. Arcade Fire spielt im Dezember und fast jeden Abend spielen Bands, die ich nicht kenne. Zwei Frauen rauchen, ein Mann telefoniert, ein bisschen komisch komme ich mir vor mit meinen Rosen, aber ich lege sie trotzdem hin, obwohl ich mich doch vor Symbolen fürchte. Das Leben geht weiter, ist ja auch so ein Symbolsatz, dabei verschweigt er doch nur, dass nur das Leben derjenigen weitergeht, die nicht warten auf den Schlüssel im Schloss und die Leere am Tisch. Wir stehen da einfach und wir stehen dort fast ein bisschen im Weg herum. Am 12. November ist der Anschlag zwei Jahre her. Ich denke an die Mali-Tant: „Wie man sie hat verschossen.“ Am Abend sitze ich mit der Mali-Tant auf einem alten Fauteuil, meine Hände umklammern ihren Arm, den Arm mit der Ziffernfolge und ich atme in ihr Haar. Lavendel, Chanel und ein Hauch Marzipan. „Weißt Mädi, wenn’s doch mich nur verschossen hätten und net die Mama.“ Meine Hand liegt auf ihrem Arm.

Pariser Szenen: In den Bildern

Jeder Paris Besuch beginnt im Museé d’Orsay. „Man muss Prinzipien haben im Leben Mädi“, sagt die Mali-Tant und der Rest der Reisegesellschaft seufzt wohlmöglich heimlich, aber sagen tun sie nichts und so wandern wir an der Seine entlang dem Museum zu.

„Oh Mädchen“, sagt der Tierarzt. Die Schule von Barbizon, das klingt doch nach Kultur und frischer Luft.“ Ich lächle milde und stimme ihm zu. „Du wirst entzückt sein Liebling“, flöte ich und die Mali-Tant hängt sich beim Tierarzt ein und die beiden wandern nach links. „Wohin hast Du die Mali und den Tierarzt geschickt?“, fragt mich meine liebe C. „Nach Barbizon“, sage ich und die liebe C. jault: „Oh Süße, Du bist gemein.“ „Mag sein, sage ich mag sein“, aber dann gehen wir nach rechts, denn rechts hängen die Bilder von Pierre Bonnard und Eduard Vuillard und ich liebe doch Bonnard und Vuillard so sehr. Niemand nämlich hat witziger gemalt als die beiden, die wohl die albernsten unter den Impressionisten waren. Wer hat denn je mit ernster Miene vor den Bildern der Fräulein Faucheron stehen können? Wer muss sich nicht die Rippen halten vor Lachen, über die Matrone, die die Geliebte besuchte und wer hat nicht vor Entzücken gequiekt über den Hund mit den flatternden Ohren , der im Garten vor einer Frau Männchen macht und nicht losreißen kann ich mich von den vielen Porträts der Pariser Gesellschaft, die ich niemals müde werden zu betrachten und immer habe ich Tränen in den Augen vor Lachen und auch meine liebe C. kichert vergnüglich und wir suchen uns auf den Bildern die schönsten Männer aus für einen Tanz am Nachmittag. Männer mit einem Schnurrbart und einem weißen Anzug aus Leinen, der tanzen kann, aber auch die richtigen Gedichte von Verlaine zu zitieren wüsste und der es nicht übel nähme, riefe man am Sonntag nicht mehr zurück. Lachen muss ich über das Essen bei der Frau Großmama und bedauere noch heute den Schwiegersohn, der Hündchen macht, wie der Hund im Garten, aber nur ein bisschen, denn ich muss doch so lachen über den Schalk und den Witz und die Sonne, die in all ihren Bildern liegt. Ich habe nie ganz verstanden, warum in Museen so wenig gelacht wird, eigentlich machen die Leute immer nur ernste Gesichter und immer die gleichen Fotos. Click. Click, und sehen ein bisschen strafend zu mir und der lieben C. herüber, die wir prustend vor einem Gemälde mit stehen.

Schließlich aber nähern sich auch die Mali-Tant und der Tierarzt. „Mädchen, Du bist gemein!“, sagt der Tierarzt und die Mali-Tant sagt: Mädi, des is schoa arg dunkel im Wald von Barbizon. Aber ich halte mir ja noch immer die Seiten vor lautem Gelächter und der Tierarzt sieht missmutig zu mir herüber. „Gemein, bist du Mädchen“, ruft er und eine wilde Locke fällt ihm in die Stirn. „Du weißt wie sehr ich Kälbchen liebe.“ „Wer wüsste das nicht, Tierarzt, wer wüsste das nicht?“ Der Tierarzt ist kurz davor mit dem Fuß wütend aufzustampfen. „Man führt keinen Verliebten so in Versuchung.“ Denn selbst der Tierarzt muss nun wohl oder übel eingestehen, dass nicht nur Kälbchen schöne, feuchte Augen hat, sondern das herrliche Kälber unter den Bäumen Äpfeli kauten als die Maler ihre Staffeleien ins Freie trugen. Vor allem aber sind die Kälber wohlerzogen, niemals sieht man auf den Bildern, Kälber mit erhobenen Hufen über die Wiesen stürmen, oder gar den Esel verprügeln, noch patschen die Kälber durch tiefe Pfützen und anders als des Tierarztes Kälbchen sind die Kälber von Barbizon sanftmütig, verständig und tiefsinniger Gedanken fähig. Sie wiederkäuen pittoresk und kommt die Milchmagd so sind die Kühe wie Kälber umsichtig, geduldig und keines bleckt die Zähne und schnappt nach eines Fräuleins Finger. Die Kälber auf den Gemälden, strecken niemanden die Zunge heraus, sondern dann und wann verirrt sich einmal eine Apfelblüte zwischen die Ponyfransen und man möchte so ein Kälbchen sofort mit „von Kalb“ anreden. Der Tierarzt jedenfalls ist grünstichig im Gesicht und niemals zu vor war die Einsicht so deutlich wie heute: auch andere Kühe haben schöne Kälber, die schönsten Kälber aber malten die Maler von Barbizon. „Geh Mädi“, sagt die Mali-Tant, wo der Bua doch soa Herz a die Bestie g’hängt hoa.

( Wir wollen froh sein, dass der deutsche Wortschatz des Tierarztes noch nicht all zu groß ist.)

Dann fängt es an zu regnen und die Mali-Tant und meine liebe C. treffen den Jean bei Ladureé, aber ich mag keine Macarons und bin ja außerdem ein Mensch mit Prinzipien und wie jedes Mal in Paris gehen wir weiter ins Les Deux Magots . Viele finden, das Deux Magots sei nichts weiter als eine Touristenfalle, aber ich liebe es. Ich mag die grünen Markisen und die Stühle, die einen zur Haltung zwingen, die alten Ober und die goldene Platte von der man sich das schönste Törtchen erwählt. ( Aprikose mit Pistazienschmand ) und die dicke heiße Schokolade im weißen Krug. Das „Deux Magots“ ist ein Ort wie im Märchen. Aber vor allem ist das „Deux Magots“ eine Art Vogue nur als Tableau. Als Fräulein kann man sich dort eingehend über die Mode der Saison informieren. Das „Deux Magots“ meldet: Perlenketten ( zweireihig ) und auf jeden Fall mit großen, goldenen Verschlüssen. Die Hèrmes Tücher sind orange-hellblau, kubistische Formen auf keinen Fall aber Schlüssel, Ketten oder Trensenringe und ehe nachlässig umgebunden als in die Bluse gesteckt. Die Herren tragen marineblau und einen Salt und Pepper Bart, Ray Ban Sonnebrillen gehen immer noch, Männer wie Frauen tragen große goldene Ringe und wirklich keiner der Männer trägt mehr einen Dutt. Die Frauen haben dunkelrote fast lila Lippen und tragen dicke Pullover zu sehr dünnen Hosen und natürlich kommen zwei Frauen in einem fast identischen, goldenen Kleid. Wie die beiden Damen sich niederstarren, sollte in jedem Management-Seminar unterrichtet werden. Der Tierarzt nippt zwar nur an der Schokolade und quält sich an einer halben Aprikose, aber seine Laune bessert sich doch. Auf dem Trottoir hat er eine Dame erspäht, die einen Mantel aus weißen Wollknäueln trägt, der auf das Haar genau dem Fell ihres Pudels, der auf den Namen Hektor hört, gleicht.

„Mädchen“, sagt der Tierarzt und strahlt wieder heiter: „ du solltest einen Mantel aus Kuhfell tragen, stell dir das vor, Kälbchen und du ihr flaniert im Partnerlook die Dorfstraße entlang. Der Tierarzt hat glänzende Augen vor Glück: „Kann es denn etwas Schöneres geben?“

Pariser Szenen: Ankunft

„Paris“, sage ich. Der Tierarzt seufzt tief. „Paris ist nicht Deutschland“, sagt er. Ich sage besser nichts. „Aber, sage ich wir fahren mit dem Zug und Du wirst so viel von Deutschland sehen als wanderten wir eine Woche durch den Harz. Der Tierarzt, meine liebe C. und ich wir packen also, ich backe einen Reisekuchen ( ein Reisekuchen ist ja essentiell für Unternehmungen wie diese, denn ich erinnere mich immer jener Nacht in der Bahnreisenden über Weihnachten im Schneesturm im ICE ausharren mussten und aus Verzweiflung über die Gesamtsituation, die mitgebrachten Stollen aufaßen. Meine liebe C. macht ihre hervorragenden Reisebrote, und natürlich liegt obenauf im luggage holdall des Tierarztes eine Flasche Sanddornsaft. Der Schaffner pfeift und wir fahren los. Ich wippe mit den Füßen, denn ich bin schrecklich gern in Paris und mit den Mitreisenden bin ich noch viel lieber in Paris und außerdem hat die Mali-Tant sich einverstanden erklärt, in Strasbourg zuzusteigen und die Mali-Tant liebe ich sehr. Lang ist die Zugfahrt und ich stelle mir vor, dass wir endlich Zeit haben für einen ausführlichen Schwatz. Irische Philosophen in Frankreich zum Beispiel. Die Sache mit dem Weltfrieden ist ja auch noch immer ungeklärt, wie macht man die perfekte Sauce Hollandaise und wer ist eigentlich dieser Herr Lindner. Erwartungsvoll sehe ich also die Reisegemeinschaft an. Der Tierarzt klebt mit der Nase am Fenster: „Oh sie mal Mädchen: ein deutscher Baum, ein deutsches Haus, eine deutsche Tankstelle, ein deutscher Baumarkt, eine deutsche Eiche, oh, oh,oh, ein deutscher Spatz. Ich seufze tief. Der Tierarzt kramt den Fotoapparat aus dem luggage holdall und am Ende der Reise werden wir 2000 Bilder verwischter Bäume, Häuser und Tankstellen haben und vor allem verwischte: Hundeopos, Katzenhintern und Kuhallerwerteste. Meine Versuche den Tierarzt von der Fensterscheibe wegzubekommen, verlaufen ins Leere: „Du siehst doch ich bin beschäftigt“, zischt er ohne auch nur eine einzige Wimper in meine Richtung zu drehen. Dann höre ich vom Tierarzt nur noch Click, Click, Click. In Frankfurt allerdings- wir müssen- umsteigen, springt der Tierarzt kurz über den Bahnhof und murmelt:“Frankfurter Luft“ und die „Alte deutsche Messestadt.“ Mir aber liegt vor allem daran den TGV zu erreichen und so ziehe ich den widerstrebenden Tierarzt hinter mir her.
Aber auch meine liebe C. will von einem Tratsch nichts wissen. Kurz nach dem wir abfahren, zieht sie einen Stapel Dokumente aus der Handtasche. Endlich Zeit etwas zu tun, verkündet sie strahlend und dann klappt sie ihr Notebook auf, nimmt ihre oh so ordentlichen Notizhefte zur Hand und vertieft sich in die Endfassung eines Aufsatzes zur Behandlung fortgeschrittener Diabetes II bei Risikopatienten in einer Allgemeinarztpraxis. Die liebe C., die ein systematischer, wie gründlicher Mensch ist, hakt Listen ab, prüft Bildmaterial dreifach, kontrolliert ihre Hervorhebungen dreifach und versinkt nach wenigen Minuten in eine Sphäre arbeitsamer Stille und wird in dieser bis Paris verharren. „Was schon in Frankfurt?“ sagt sie, als ich sie vorsichtig an unseren Umstieg erinnere: „es passt gerade gar nicht.“ „Wären wir nur in Deutschland geblieben“, pflichtet der Tierarzt ihr bei. Ich beschließe einmal „Kälberinternate“ zu googlen.

Die Fahrt aber verbringe ich still und über ein Buch gebeugt. Dann und wann verzehre ich ein Stück Reisekuchen und kaue missmutig auf einem Käsebrot. „Banausen“ murmele ich finster, und setze alle Hoffnungen auf die Mali-Tant. Und wirklich die Mali-Tant, steht in Strasbourg am Bahnsteig und schimpft über Österreich. Das stimmt mich hoffnungsvoll. Kaum sitzt die Mali-Tant aber und legt ihren Hut ab, greift sie in ihre gewaltige Handtasche und befördert ihr Strickzeug hervor. „Der Tierarzt,“ sagt sie hat sich ja einen Norwegerpullover bei mir gewünscht!“ „So, so“, murmle ich finster, denn ich besitze keinen Norwegerpullover von der Mali-Tant. „Ja, der arme Bub“, sagt die Mali-Tant und dann liegt das wollene Ungetüm auf dem Tisch. „Geh Mädi, ich muss mi scho halt konzentrieren“, sagt sie, hält mir Wollfäden hin, die ich ihr anzureichen habe und für die nächsten zwei Stunden murmelt sie nichts anderes als: „zwei links, zwei quer und Kruzifix, wos fia a Sauerei.“ Der Tierarzt indes ist hinter der Grenze eingeschlafen. Es gibt ja für ihn auch nichts mehr zu sehen. Nur einmal erwacht er als der Schaffer sagt man möge auf seine Wertsachen achtgeben. „Es seien Diebe an Bord.“ Da erhebt der Tierarzt das Haupt wie einstmals Medusa und knurrt: „Diese Franzosen.“ Die liebe C. tippt und die Mali-Tant strickt. In Paris angekommen, winke ich ein Taxi herbei, der Taxifahrer sieht aus wie in Deutschland, Philosophieprofessoren und ich sehe meine Chance gekommen, denn der Mann spricht nicht nur Französisch, sondern das gleiche Arabisch wie ich. Keiner der Mitreisenden aber spricht Arabisch. Der Taxifahrer und ich schwatzen über: Macron, die geplante Reform des Gesundheitswesens, das Wetter, die beste Art Huhn im Tontopf zuzubereiten, die Probleme der banlieues und die schwierigen Antworten darauf. Hinten im Fond sagt der Tierarzt:

„Ich glaube Sie erzählt über die vielen verwackelten Hundepopos auf den Bildern.“

„Ich fürchte sie beklagt sich über die Hingabe zur Wissenschaft und den elenden Aufsatz“, sagt die liebe C.“

Die Mali-Tant sagt: „Eh Mädi, aba bitteschön tu mi net verkaufen in a Karawanserei, ich moch di halt auch so eana Pullover.“

„Ist alles in Ordnung bei den Damen und dem dünnen Schatten auf der Rückbank?“, fragt der Taxifahrer. „Welche Rückbank?“, denke ich, aber ich sage: „In allerbester Ordnung.“