Unschicklichkeiten am offenen Fenster.

Am Morgen aber beginnt es zu schneien. Ich seufze. Der Tierarzt seufzt. „Woran liegt es Mädchen?“, fragt der Tierarzt. „Haben die Sterne gestritten, zanken wieder Sonne und Mond oder hat der Mars hartnäckigen Husten?“ „Es liegt an einem spöttischen Tierarzt, sage ich, der ein Mädchen ob ihrer kosmologischen Betrachtungen verlacht.“ Der Tierarzt kichert. Der Tierarzt kichert unverschämt mädchenhaft. „Niesprimel“, sage ich und der Tierarzt lacht bis ihm die Tränen laufen. „Oh holy moly German!“

„Die alte Freundin Wildtaube mag den Schnee auch nicht“, murmele ich und schütte Sonnenblumenkerne und natürlich Rosinen auf die weiße Untertasse mit Goldrand, aber einem Sprung an der Seite von der die alte Freundin Wildtaube seit Jahr und Tag ihr Frühstück einnimmt. „Ich schäme mich immer ein bisschen, sage ich zum Tierarzt herüber, der gähnt und sich in meinen Morgenmantel wickelt, ihr die angeschlagene Untertasse anzureichen.“ Der Tierarzt zieht eine Augenbraue hoch: „Mädchen, diese Taube ist das verwöhnteste Tier jenseits des Nils.“ Tierarzt sage ich, dass verwöhnteste Tier auf diesem Erdenrund ist niemand anders als Kälbchen.“ Der Tierarzt schäumt sich das Gesicht ein. „Mädchen, darf ich Dich erinnern, dass Du erst vorletzte Woche Kälbchen Apfelstücke verweigert hast? Aus erzieherischen Maßnahmen?
„Tierarzt sage ich und schraube das Rosinenglas auf: „Wenn ich Dich erinnern darf, Kälbchen stand mit dem ganzen Gewicht seines rechten Beines auf meinem Fuß.“ „Glaubst Du wirklich er sollte dafür Äpfel bekommen?“ Der Tierarzt greift nach dem Rasiermesser. „Auf jeden Fall hättest Du Kälbchen nicht mit dem Internat für schwer erziehbare Paarhufer unter der Leitung von Oberin Schaf drohen sollen.“ Ich verrate dem Tierarzt nicht, dass die Nummer von Oberin Schaf sehr weit oben in meinem Notizbuch, denn es wäre doch wirklich schrecklich, nähme die Wange des Tierarztes über dem Waschbecken Schaden.
Also setze ich Teewasser auf und stelle die Untertasse auf das Fensterbrett. Die Untertasse stelle ich so auf das Fensterbrett, dass meine alte Freundin die Wildtaube den Sprung am Rand nicht sieht. Die Wildtaube wohnt in den dichten Tannenzweigen, aber es dauert nur so lange, bis der Tierarzt sich das Gesicht abgetrocknet hat, bis sie erst zwei Äste nach oben hüpft, um dann langsam auf die Fensterbank zu segeln.

„Morgen schönes Mädchen“, sagte ich. Meine alte Freundin die Wildtaube gurrt leise und lockend. Der Tierrazt kichert. „Dieser alberne Herr, der sich in der Gegenwart von Damen nicht schämt nicht einmal ein Hemd zu tragen, ist der Tierarzt, alte Freundin Wildtaube. Die Taube legt den Kopf ein wenig zur Seite und dann sieht sie mich ernsthaft an: „Männerbesuch noch vor dem Frühstück, seriously?“ Aber der Tierarzt schaltet sein 1000 Volt Lächeln, jenes Lächeln von dem die Hühner und die Damen zwischen Dublin und Dingle wachsweiche Knie bekommen an. Ich halte den Atem an, aber auf die alte Freundin Wildtaube ist Verlass. Sie legt den Kopf auf die andere Seite und gurrt etwas von „Eitler Geck.“ Dann pickt sie eine Rosine auf. Der Tierarzt starrt mich verwundert an. „Berliner Mädchen“, sage ich, „sind eine andere Liga.“ Der Tierarzt schüttelt den Kopf: „Good grief, stubborn Berlin girls.“
Meine alte Freundin Wildtaube und ich zwinkern uns zu. Wir kennen das Leben. Die alte Freundin Wildtaube nämlich hat mich schon Rosinen mit gebrochenem Herzen auf den alten Teller legen sehen und ich habe den Uhu nie gemocht, der ihr nachstellte jahrelang, bis der Specht schließlich mit einem Herzanhänger aus Holz unter die Tannenschonung schlich.
Der Tierarzt cremt sich die Wangen, ich putze mir die Zähne und die alte Freundin Wildtaube frühstückt so vor sich hin.

Ehe ich mich aber versehe, hat der Tierarzt den Teller mit den Körnern und dem misslichen Sprung in Richtung der guten Taube gedreht. „Von wegen Freundin, sagt er zur Wildtaube, dieses Fräulein dort mit den Shetlandponyhaaren, gibt dir nur das schlechte Geschirr. Das ist als würde man Besuch in der Dienerloge abfertigen, als stünde man den armen Verwandten zwar auch ein Stück Kuchen zu, aber nur an jenem Tisch, der drei Beine hat.“ Der Tierarzt sieht streng zu mir herüber und ist da nicht auch erstes Misstrauen gegen mich in den Augen der teuren Freundin zu lesen. „Glaub ihm kein Wort“, rufe ich mit im wahrsten Sinne Schaum vor dem Mund zu ihr herüber. Aber die alte Freundin Wildtaube ahnt schon, dass der angeschlagene Teller und die Worte des Tierarztes miteinander zu Tun haben. Die alte Freundin Wildtaube fliegt seufzend davon. Der Tierarzt keckert, ich speie Schaum.

„What an evil ass you are“, fauche ich zum Tierarzt herüber, der kichert als sei ihm ein besonders guter Witz gelungen. Aber meine Flüche machen den Tierarzt noch viel fröhlicher, ganz wie der Teekessel gluckst auch der Tierarzt und kann sich nicht einkriegen vor Lachen über den gelungenen Streich. Ich aber bin ernstlich betrübt, denn ich hänge an der Freundschaft zur guten Taube, die seit so vielen Jahren schon ihre Aufwartung auf meinem Fensterbrett macht. „Was ist wenn sie nun nie wiederkommt“, zische ich zum Tierarzt herüber, der den Bademantel von den Schultern fallen lässt. „Ich möchte Dich außerdem daran erinnern, dass die Nachbarn zwar alt, aber nicht blind sind und Du splitterfasernackt.“ Ich habe hier auch einen Ruf zu verteidigen.“
Der Tierarzt läuft blau an vor Lachen. „Du hast selbst gesagt, Berliner Damen wollen wissen, was sie kaufen und fallen nicht auf den erstbesten Parvenu herein.“ Immerhin greift der Tierarzt nach einer Socke. „Ich aber sehe betrübt aus dem Fenster, die Tannenzweige sind dicht vor den Schnee gezogen.“

„Mädchen“, sagt der Tierarzt, keine Taube der Welt ist so verwegen einen goldenen Frühstücksteller auszuschlagen.“ Dann lässt der Tierarzt den Socken fallen und winkt der Nachbarin zu. Die Nachbarin läuft rot an und winkt zurück. „Die Frau ist 93 und feiert nächste Woche goldenen Hochzeit“, knurre ich. „Wie kann man nur ein so eitler, überkandidelter goldener Gockel sein, wie Du?“ Der Tierarzt heult auf vor Lachen: „Überkandidelter, goldener Gockel?“ Oh Mädchen, German is like heaven!“

Ich aber schwöre mir, dass ich mich bei nächster Gelegenheit bei der Oberin Schaf der gestrengen Leiterin des Internats für schwer erziehbare Paarhufer erkundigen will, ob sie in Ausnahmefällen auch Zweibeiner in ihr Institut auf nehmen.

Aller guten Torten sind Drei…

Am Freitag Nachmittag gehe ich in einen Schreibwaren-cum-Postversand Laden.Ich habe mir geschworen, dass dieses Jahr kein Debakel die Torte befallen wird.
Ich sage: Ich suche einen stabilen Pappkarton. Der Schreibwarenverkäufer nickt und holt Kartons hervor. Ich besehe die Kartons und schüttle den Kopf: „Nein, sage ich, ich brauche einen richtigen Karton, nicht diese windigen Dinger hier.“ Der Schreibwarenverkäufer seufzt und steigt eine Treppe hinab und kehrt mit mehr Kartons zurück. Ich schüttle den Kopf. Der Schreibwarenverkäufer sieht mich finster an und sagt: Sind Sie sicher, dass Sie keine Eisenkiste brauchen?“ Ich bin mir sicher und wiederhole mein Verlangen einen festen Karton aus Pappe zu erwerben. Der Mann seufzt noch einmal und dann fällt ihm ein Karton ein, den er doch eigentlich schon längst vergessen hat. Der Karton ist sehr stabil und vor allem hat der Karton fest verklebte Seiten und keine dünn gefalzten Ecken. Ich nicke begeistert und kaufe, Schnurband, breiten, braunen Tesafilm, noch mehr Band, Luftpolsterfolie und Packpapier. Der Schreibwarenverkäufer sieht mich sehr misstrauisch an, dann kommt der Tierarzt in den Laden, bewundert den Karton und sagt frohgemut: Der Karton wird das Biest schon halten. Der Schreibwarenverkäufer überlegt, wie wohl Bonnie und Clyde aussehen mögen. Ich lächle und zahle, aber der Mann hinter dem Tresen sieht mich an als sei ich Jack the Ripper.

Nachts um drei Uhr aber klingelt mein Wecker und ich schleiche in die Küche, dort sitzt nur die Katze auf dem Tisch ( streng verboten ) und liest die Zeitung, ich aber beginne mit der Herstellung der Geburtstagstorte für meine liebe C. Jedes Jahr schüttelt die C. den Kopf, nein Liebes sagt sie: „Ich wünsche mir nur, dass ihr kommt und wir haben es schön miteinander.“ Aber meine liebe C. liebt auch die Heidelbeercrèmetorte, die schon ihre Schwiegermutter, meine Großmutter also für sie buk und so steht auf dem Geburtstagstisch seit Jahr und Tag eben diese Torte. Ich schlage Eier für den Teig, pfeife beim Buttercreme Schlagen, aber nur leise es ist ja noch mitten in der Nacht, teile Tortenböden, streiche Heidelbeermarmelade auf die Tortenhälfte, füge Crème und Heidelbeeren hinzu und staple die Hälften aufeinander, hoffe das der Tortenring hält, bestreiche das ganze mit einer Joghurtsahnecreme, stelle den Kühlschrank so kalt es geht und sage zur Torte: „Augen zu.“

Aber dieses Jahr ist es damit noch nicht getan und selbst die Katze, die doch Milch schlürft, in der Zeitung blättert, und mich ansonsten links liegen lässt, springt auf den Küchenschrank ( strengstens verboten ) und sieht zu mir herunter, denn Klebeband, Schnüre und ein Karton können aus Katzensicht nichts Gutes bedeuten. ( Als wäre ich wahnsinnig genug, diese Katze in einen Karton zu zwängen?) Inzwischen kommt auch der Hund in die Küche getapst und sieht auf Karton und Utensilien, ich schüttle den Kopf und der Hund kaut sorgenvoll auf einem Pantoffel ( allerstrengstens verboten ), als ich den Karton mit Paketklebeband versehe, stolpert auch der Tierarzt in die Küche und besorgter noch als Hund und Katze starrt er auf das feste Band. „Du willst doch nicht Kälbchen?“ „Kälbchen?“, sage ich, du nimmst doch nicht an, als ließe sich das verzogenste aller Tierchen am Strick zum Markte führen?“ Der Tierarzt seufzt erleichtert und dann stelle ich die Torte ganz vorsichtig in einen Tortenkarton, der Tortenkarton kommt in den Transportkarton, in den Transportkarton kommt Luftpolsterfolie, Papier, gute Wünsche, einige Flüche, dann kommt Packpapier um den Transportkarton, darauf folgt Klebeband, darauf Schnüre. Ich nicke zufrieden, treibe den Tierarzt zur Eile an, denn einmal gilt es pünktlich loszufahren, um langsam zum Flughafen zu gondeln, um bloß den Karton nicht zu beschädigen. Der Tierarzt holt das luggage holdall, ich ermahne die Tiere nett zur E. zu sein, die das Haus einhütet und ich ermahne besonders die Katze, denn die Katze kann gar nicht genug ermahnt werden. Dann fahren wir langsam zum Flughafen. Ich umklammere den Karton und langsam, sehr langsam, erkläre ich den Sicherheitsbeamten, die Sache mit der Heidelbeertorte, die Herren nicken und ganz langsam fährt die Torte durch das Durchleuchtungsgerät, mein Herz klopft, der Tierarzt atmet schneller, der Karton bewegt sich keinen Zentimeter, die Buttercreme ist hart wie ein Stein, die Torte ist hindurch. Ich umklammere die Torte auf meinem Schoß, bis wir aufgerufen werden, ich schiebe den Karton vorsichtig unter den Vordersitz, ich schlinge mir einen Schnur um die Hand, damit der Karton nicht wegrutscht, oder um die Torte im Notfall schnell zu mir ziehen zu können.
Wir haben einen Direktflug gebucht, ich starre zwei Stunden auf die Torte, der Tierarzt starrt zwei Stunden auf mich, wie ich auf die Torte starre. Der Pilot landet wie auf Samtpfoten, wir gehen ganz langsam aus dem Flughafen hinaus, ich umklammere die Torte, der Tierarzt schreit jeden Flugreisenden, der sich zu schnell nähert ein schrilles „Hallöchen“ zu, der Effekt ist enorm: Die Leute springen zur Seite und vor dem Flughafen erspähen wir den ehemaligen geschätzten Gefährten F. Mein Finger sind steif und kalt, aber ich umklammere den Tortenkarton auf der Fahrt in die kleine deutsche Stadt.

Ich flüstere: Bloß nicht stolpern, Read On, jetzt bloß nicht stolpern“ und dann sind Torte und ich tatsächlich im Haus. Die liebe C. strahlt: „Süüüße!, Du sollst doch nicht. Es ist eisig kalt, die Torte wird in eine Holzkiste auf den Balkon gestellt.“ Dann fallen die Nichten über mich her und ich falle ins Bett. Draußen pfeift der Wind, ich krieche noch einmal aus dem Bett und tappe auf den Balkon. Der Karton steht sicher und fest auf dem Balkon. Ich schlafe wieder ein. Der Wecker am Morgen zeigt sieben Uhr: „Himmel Hilf, denke ich, schon so spät!“ Dann tappe ich in die Küche. In der Küche sitzen Schwesterchen, Schwager, das Geburtstagskind, die Mali-Tant, mein Vater, der Tierarzt und starren mich an. „Was ist denn?“, sage ich und küsse meine liebe C. „Mazal tov!“ Jetzt gibt es Torte. Die Mali-Tant sagt: „Geh Mädi, es is halt a kleines Malheur geschehen.“ Ich höre Malheur, ich sehe zu den Nichten herüber, die Kinder haben blauverschmierte Gesichter. Die Kinder sehen so aus als seien sie in eine Heidelbeertorte gefallen.

„Nein“, sage ich, aber die liebe C. sagt: „Süße, die Torte war hervorragend!“ „Köstlich“, sagt Schwesterchen, „Superb“, sagt mein Schwager, „Wie beim Dehmel“, sagt die Mali-Tant, wie einmal in Versailles, sagt mein Vater. Der Tierarzt sagt: Mädchen, die Torte roch wirklich sehr gut. „Wir haben dir ein Stück aufgehoben“, heulen die Nichten und schieben mir einen Teller blauen Kuchengatsch hin, aber dann haben wir um das Tortenmesser gestritten und dann ist die Torte heruntergefallen.

Ich muss mich setzen und als alle durcheinanderschreien, schwöre ich mir: „Nächstes Jahr, da kaufe ich ein Schloss und mit dem Schlüssel verschließe ich den Karton und den Schlüssel verstecke ich meinem Strumpf und dann sehe ich betrübt auf den Rest der stolzen Heidelbeercrèmetorte hinüber.

Doktortörtchen!

Doktortörtchen! #phdone #phd #aberbittemitsahne🍓 #erdbeertörtchen #teamkuchen

A post shared by FräuleinReadOn (@mademoisellereadon) on

„Ich warte im Le Petit Parisien auf Dich“, sagt der Tierarzt. Ich nicke. Der Tierarzt liebt das Le Petit Parisien. Das Le Petit Parisien ist hat filigrane Stühle und in jeder zweiten Lampe fehlt eine Birne. Hinter der Theke steht die schöne Jacinta. Der Tierarzt war einmal sehr verliebt in die schöne Jacinta. Aber die schöne Jacinta wollte den schattenschmalen Tierarzt nicht, sondern einen Mann, der sie schmeißen kann. Die schöne Jacinta kommt aus einer Familie von Ringern aus der Normandie. Der Tierarzt nahm Abstand von dem Versuch, die schöne Jacinta für sich zu gewinnen. Aber jetzt sagt die schöne Jacinta zu mir: Read On, ich gebe auf den Tierarzt acht. Ich nicke, dabei ist mir doch selbst speiübel und würde ich trinken oder wäre es nicht kurz vor zehn Uhr am Morgen, ich verlangte wohl einen Absinth, aber dann gehe ich hinüber in die Uni und beantworte zwei Stunden lang alle Fragen, die den einbestellten Professoren zu meiner Doktorarbeit so einfallen. Es sind erstaunlich viele Fragen und die Augen der Professoren glitzern, so wie die Augen des Jägers kommt ihm die Hirschukuh endlich vor die Flinte. Mit sehr zittrigen Knien verlasse ich nach zweieinhalb Stunden die ehrwürdige Universität und gehe hinüber ins Petit Parisien. Um die Mittagszeit ist das Café voll. Frauen mit falschen Gucci-Handtaschen unterhalten sich über die Mängel ihrer Liebhaber, die Aussichten am St Patricks Day eine neue Liebe zu finden und natürlich über Chanel, Gucci und Louis Vuitton Handtaschen.

Dort liegt der Tierarzt unter einer Zeitung begraben, Wirtschaft, Sport und Politik sind schon ein Haufen kleiner Schnipsel, die schöne Jacinta stellt dem Tierarzt einen neuen Tee auf den Tisch und verdreht die Augen. „Herzlichen Glückwunsch“ sagt sie und der Tierarzt springt auf. Ein Stuhl fällt um. Noch niemals ist im Le Petit Parisien um die Mittagsstunde ein Stuhl umgestoßen worden, aber heute fällt er wirklich um. Mädchen, sagt der Tierarzt. Tierarzt sage ich und dann atmen der Tierarzt und ich aus. „Wirklich?, sagt der Tierarzt. Oh, ja, sage ich und der Tierarzt nickt. „Was wird erst Kälbchen sagen!“ Aber das bliebt noch abzuwarten, denn erst einmal gilt es ein Erdbeertörtchen zu verzehren. Die schöne Jacinta lacht und sagt: „Es muss alles seine Ordnung haben.“ „Erst Prüfung, dann Erdbeertörtchen“ und ich sehe selig wie ein Schaf auf das Törtchen hinunter. Die Frauen reden schon lange wieder über Männer und Handtaschen, die schöne Jacinta verwarnt den Kellner nicht immer Tisch 12 mit Tisch 27 zu verwechseln, die Chansons im Hintergrund singen von der Liebe, eine weitere Glühbirne geht aus, dafür kommt die Sonne zurück und der Tierarzt sagt: „Mädchen, was würde deine Großmutter sagen?“

Ich muss lachen, denn sie hätte ein zweites Törtchen bestellt, gelacht und gesagt, „aber weißt Du Kind, was ich Dir wirklich übel nehme ist, dass Du die Promotion nicht auf Deutsch verfasst hast. Englisch ist doch keine Sprache für einen preußischen Juden.“ Er Tierarzt lacht, die schöne Jacinta lacht, die Sonne lacht, aber ich lächle nur, denn das hätte sie wirklich gesagt und ich wünschte sie würde es sagen können und wer weiß vielleicht zwinkert sie von irgendwoher der schönen Jacinta zu, die die besten Erdbeertörtchen in Dublin bäckt und meine Großmutter wusste Talent zu würdigen, wo immer sie es traf. Der Tierarzt aber überlegt, wie es denn nun eigentlich geht: Mädchen Doktor? Doktor Mädchen? Deutsch ist eine verflixt schwere Sprache, aber ich schüttle den Kopf „Fräulein Doktor, Tierarzt it is.“ „So sei es“, sagen die schöne Jacinta, der vergessliche Kellner und auch der Tierarzt. Für einen Moment, erinnere ich mich noch einmal an Frau S., die mir erklärte, dass jemand der so dumm sei wie ich niemals auch nur einen Schulabschluss schaffen würde, wie schön ist es doch, dass Menschen sich wieder und wieder irren.

Es ist geschafft, denke ich. Es ist geschafft. Darauf ein Doktortörtchen.

Postscript im Nebel

Am Morgen als der Tierarzt mich von der Klinik abholt, dämmert der Tag schon. Aber über dem Tag liegt dichter Nebel. Alles ist grau. Der dunkelblaue Mantel des Tierarztes ist grau, der rote Volvo ist grau, grau bin auch ich. Aber das ist nicht nur der Nebel.An der Haltestelle vor der Klinik warten zwei Männer auf einen Bus.Sie ziehen die Schultern so hoch es geht, als versteckten sie sich vor dem Nebel. Der Nebel findet auch sie.
Der Nebel verschluckt die Bäume und die Straße vor uns ist grau. Auf den Bäumen sieht man die Krähen nicht, aber man kann sie hören, so früh am Morgen sind die Krähen trotzdem schon wach. Die Krähen sind lauter als sonst, aber vielleicht ist das auch nur das Echo, das sich durch den dichten Nebel schickt. Mit den Krähen kommt das Unheil, aber das sage ich nicht. Der Tierarzt und ich kennen uns aus mit dem Unheil. Wir schweigen über die Krähen, dort auf den Bäumen. Der Tierarzt riecht nach der Kühle der Nacht, nach dem Regen auf seinen Wangen und nach dem Hunger, der Tierarzt riecht nach dem Hunger und auch nach dem Moos, das man manchmal noch findet tief im Wald. Aber heute ist der Wald grau und wir fahren die lange Straße entlang. Es ist ein weiter Weg, am Morgen nach der Nachtschicht ist der Weg besonders lang.

Der Tierarzt fragt nicht. Das wird mir fehlen, die meisten Menschen bohren mit ihren Fragen ungerührt in einem herum, der Tierarzt kann warten. In einem einzigen Haus in der Straße ist schon Licht. Ein gelber Fleck mitten im Nebel. Vielleicht steht dort eine Frau im Fenster und malt sich die Augen nach, vielleicht rasiert sich ein Mann, vielleicht trinkt ein anderer Mann durstig aus dem Wasserhahn, vielleicht sucht eine andere Frau nach einer Kopfschmerztablette. Aber schon verschluckt der Nebel das kleine, gelbe Licht.

„Ein Mann ist die Treppe hinuntergefallen“, sage ich und der Tierarzt sieht mich an. „Nein, sage ich.“ Ich sage nicht: Genickbruch. Das schreibe ich nur auf später, vielleicht schluckt der Nebel auch diesen Satz herunter.

Die Treppe war eine selbstgebaute Treppe.

Die Treppe hat dreiundzwanzig Stufen.

Die Treppe hat kein Geländer.

„Er ist die Treppe doch jede Nacht zwei oder dreimal hinuntergegangen“, sagt die Frau, die jetzt auch eine Witwe ist.

Jede Nacht.

Der Mann schlief auf dem Dachboden schon seit Jahren.

Die Treppe hat er selbst gebaut.

Wir wissen nichts über die Ehen anderer Leute.

Die Frau hat gut geschlafen.

Der Mann fiel und die Frau schlief.

Der Mann hat geschnarcht.

Es war einfacher so.

Sie hat ferngesehen.

Der Mann saß in der Nacht lange am Computer.

Sei sei immer aufgewacht, kam er spät ins Bett.

So sei es besser gewesen.

Auf der Treppe stehen leere Flaschen.

Die Flaschen sind grün.

Die Flachen stehen noch alle. Oder schon wieder.

Es sind viele Flaschen auf der Treppe.

So sei es einfacher gewesen in der Nacht.

Sie seien schon lange verheiratet gewesen.

Der Mann hat die Treppe selbst gebaut.

Dann kommt die Polizei.

Es sind viele Stunden vergangen, nachdem der Mann fiel und die Frau den Notruf wählte.

Die Polizei hat Fragen.

Die Frau zeigt den Polizisten die Treppe.

Die Treppe hat noch immer dreiundzwanzig Stufen.

Die Treppe ist steil.

Auf dem Boden, das Blut, Haare, auf dem Boden liegt auch ein Pantoffel. Der Pantoffel ist kariert. Das ist ein Loch im Schuh denke ich. Warum sehe ich auf das Loch im Pantoffel?

Später sagt die Polizei etwas von Ungereimtheiten.

Es gibt viele Möglichkeiten die Treppe hinunterzufallen.

Ein Mann ist die Treppe hinuntergefallen.

Wir sind lange schon aus der Stadt herausgefahren, nach der nächsten Kurve sieht man das Meer, aber das Meer ist grau, der Nebel hat das Meer verschlungen und der Tierarzt hält nicht an und ich schwimme nicht in das Meer hinein und die Kälte behält die Nacht, sondern wir fahren weiter, im Radio spielt jemand Hammerklavier, die Mondscheinsonate, aber auch den Mond, der sonst am Morgen noch blass ist, hat der Nebel verschluckt. Die Häuser im Unterland sind grau, und grau ist auch der Weg hinauf ins Oberland, der Kirchturm St Sylvester ist nur ein grauer Schatten, aber ich weiß auf den Bäumen im Kirchturm und auf den Bäumen vor dem Haus, da sitzen die Krähen, mit den Krähen kommt das Unheil immer nur näher. Dann sind wir zu Haus. Grau ist das Haus. Grau ist die schwere Gartentür. Ich ziehe mich aus, der Tierarzt macht Tee. Ich stelle die Waschmaschine an, vielleicht nimmt die Waschmaschine die Nacht mit. Ich esse ein Honigbrot. Der Tierarzt sieht mir zu. Ich gehe ins Bad und das Wasser ist warm. Danke, Tierarzt für das warme Wasser und das Schweigen. Der Tierarzt zieht sich aus und ich lege meinen Kopf an seinen Rücken. Wie lernt man das Leben, frage ich ihn, aber der Tierarzt und ich wir haben keine Antwort, nicht auf diese Frage und auch nicht auf viele andere Fragen.

Der Tierarzt bringt Tee und ich ziehe die Vorhänge zu. Die Vorhänge sind blau, auf den Vorhängen spazieren Pfauen umher und Mädchen in rosa Kleidern tanzen. Ich mag die Vorhänge, die Pfauen, die Mädchen, das Zimmer schimmert hellblau und nicht mehr Grau. Der Tee wird nur langsam kalt in den großen Tassen. Der Pullover des Tierarztes in den ich mich wickle ist blau, mein Pullover den der Tierarzt auf sein Kopfkissen legt ist grün, blau und grün schimmert das Zimmer. Die Tassen sind weiß. Draußen vor dem Fenster sitzen die Krähen noch immer in den Bäumen. Die Krähen werden niemals heiser. Wo ist nur die Nachtigall geblieben. Ich weiß nichts über Nachtigallen, über Krähen weiß ich immerhin, dass mit ihnen das Unglück kommt. Das ist schon etwas. Der Tierarzt und ich trinken Tee. Schlaf, sagt der Tierarzt. Meine Hände sind kalt, sage ich. Der Tierarzt nickt. Ich schlafe ein.

Ein Mann ist die Treppe hinuntergefallen, fällt mir ein als ich aufwache später, der Tierarzt hängt die Wäsche auf, der Nebel lehnt sich an die Hauswand. Ein Mann ist die Treppe hinuntergefallen, erinnere ich mich. Was ist das nur für ein Satz.

Kosmisches Ungleichgewicht

Manchmal und noch immer hat die Wissenschaft nicht erwiesen wieso, da gerät das kosmische Gleichgewicht aus den Fugen. Meiner bescheidenden Ansicht nach, geschieht das immer in jenen Nächten in denen Sonne und Mond sich schlecht vertragen. Natürlich liebt die Sonne den Mond, aber manchmal vor allem in den langen Februarnächten, da zieht sie goldene Lackschuhe an und trifft Poseidon für einen Tanz oder zwei auf dem Meeresboden und erst gegen vier Uhr kehrt sie barfuß und mit den Schuhen in der Hand zurück. In diesen Nächten aber zürnt der Mond, schenkt sich Cognac ein und verflucht, dass er sich ausgerechnet so in die Sonne verliebte, wie er es eben tat, natürlich hat auch der Mond mehr als einen Stern geküsst, aber niemals , dass weiß er selbst zu genau, wird jemand die Sonne an seiner Seite ersetzen können. In diesen Nächten also in denen die Sonne tanzt und lacht, da streift der Mond sich einen roten Morgenmantel über, schenkt sich Cognac nach, beugt sich über den Balkon starrt finster auf das dunkle Meer herunter, dann fällt sein Blick auf ein windschiefes Haus, am Rande eines kleinen irischen Dorfes, dort gähnt ein Fräulein am Fenster und der Mond reibt sich die Hände: „Der will ich es schon zeigen“ , sagt der Mond und reibt sich die Hände.

Das Fräulein aber das eben noch gähnte, zieht die Beine zu sich heran und zieht sich ihr altes Schlaftuch über den Kopf und schläft nichtsahnend ein. Neben ihr atmet leise der Tierarzt auf dem Sessel neben dem Fenster träumt die Katze vom Mäusefasching, auf dem Teppich mit den alten Rosenranken schnarcht der Hund und schon schlafe auch ich. Aber auf dem Balkon steht eben auch der Mond, steckt sich eine Zigarre an, füllt noch einmal eine Handbreit Cognac in sein Glas und lacht.

Unten im Haus schreckt ein Fräulein aus dem Schlaf. Es erwacht mit schauderhaftem Durst, einem Durst der in der Kehle brennt und das Fräulein setzt sich auf, denn zu diesem Behufe ist doch eine Flasche Wasser neben dem Bett deponiert. Beim Versuch die Flasche zu erreichen, reiße ich den Bücherstapel um, die Flasche kippt um, das Wasser läuft aus. Ich fluche mit zusammengebissenen Zähnen, tappe ins Bad und wische das Wasser auf, dabei rutsche ich auf einem der Stoffschlappen aus, die der Hund stets mit voller Begeisterung zerkaut, krach, bumm, autsch. Ich reibe mir die Schulter. Von fern auf dem Balkon lacht der Mond heiser. „Da geht noch was“, sagt er, aber erst einmal schlafe ich wieder ein.

Dann wache ich auf, aber eigentlich schrecke ich auf, denn in meiner Vorstellung steht die Haustür offen und wahrscheinlich lauern schon Räuber mit einem Beutel in der Hand um die alte Standuhr wegzutragen, ich tappe die Treppe hinunter, die Haustür ist verschlossen, die alte Standuhr geht wie gewöhnlich zwei Minuten nach. Ich schüttle den Kopf über mich, der Mond schüttet sich aus vor lachen.

Ich schlafe zum dritten Mal ein und der Mond setzt Tee auf. „Warte nur „sagt er, dann kläfft ein Hund, der Hund so glaube ich kläfft direkt vor dem Fenster, ein schauderhaftes Kläffen, ein Bellen aus den Tiefen der Hölle, ein sich immer weiterschraubendes Gekläff, ohne Ziel und ohne Ende. Ich stehe auf und strecke den Kopf aus dem Fenster. Vor dem Fenster kläfft kein Hund, ich lege mich wieder hin, ich zähle Schäfchen und als Schäfchen No. 14 über das Weidegatter hüpft und ich kurz davor bin erneut zu entschlummern, setzt das Kläffen wieder ein. Ich murmele: „So nicht, so nicht“, angle nach den Pantinen und stürme hinaus in den Garten. Im Garten Stille. Selbst das Gras atmet lautlos, der Himmel schweigt, der Kirchturm St Sylvester ist nur ein dunkler Schatten, von nirgendwo tönt Hundegebell herüber. „Das ist doch nicht zu fassen“, murmele ich und krieche zurück ins Bett. Der Mond nimmt grinsend die Platte: Dantes Höllenhunde-Purgatorio in F-Dur vom Plattenspieler.

Ich drehe mich auf den Bauch und ziehe die Decke über den Kopf. Mögen die unsichtbaren Hund auch kläffen, was soll es mich kümmern, eine halbe Stunde knallt der hiesige Hund seine Pfote gegen meine Stirn, es ist halb vier, ich schrecke hoch. „Hund sage, ich was hast du?“ Der Hund jammert und seufzt. Ich angle erneut nach den Pantinen und der Hund und ich wandern in die Küche, ich besänftige den Hund mit Hundekeksen und trinke ein Glas Milch. Der Hund will aber auf keinen Fall mehr ins Schlafzimmer zurück, nun seufze ich, tappe nach oben und hole eine Decke, lege mich auf das Sofa und der Hund legt seinen schweren Hundeschädel auf mich und ich streichle den Hund in den Schlaf zurück. Der Mond grinst hämisch. Zu hübsch ist es doch den Hund mit kalten Fingern wieder und wieder am Schwanz zu ziehen.

Dann nicke auch ich noch einmal ein, ich träume erst von riesigen schwarzen Spinnen, die Strickmuster diskutieren und dann ist mir als drücke ein Schwall kalter Wind und eine Woge kalten Wassers die Wände und Fenster ein. Ich schrecke hoch, der Hund jault auf, bei meiner nächtlichen Suche nach dem kläffenden Hund muss ich die Terrassentür nicht richtig zugemacht haben und auffrischende Wind,Poseidon sieht natürlich danach, dass die Sonne sicher nach Hause kommt, traf die Tür und schon schwappten Wind und Wasser ins Haus hinein. Ich wische auf, der Hund zieht wieder ins Schlafzimmer zurück und der Mond hört nicht wie die Sonne barfuß und leise ins Haus zurückschleicht, die Schuhe fallen lässt, heftig gähnt, dem Mond die Hände auf die Augen legt und sagt:“Komm zwei Stunden haben wir noch.“ Ich aber gehe schwimmen, der Tierarzt stellt mir Tee und ein Stück Kuchen hin und ich erzähle ihm vom kosmischen Ungleichgewicht, der Sonne und Poseidon und dem Mond im roten Bademantel.

Der Tierarzt schweigt sich aus über den Zuckerberg in seiner Tasse und als ich meine Erzählung beende, sagt er: „Mädchen, man muss sich doch schon sehr wundern, dass Du keine Professur in Astrophysik hast.“

Der Hund schaut verdutzt, die Katze wie stets leicht ironisch amüsiert und ich nicke und seufze, denn schön wäre es doch der Frage des kosmischen Ungleichgewichts einmal näher als nur so am Frühstückstisch auf den Grund zu gehen.

Die letzte Karte

Version2.jpg

Am Ende sind es 336 Karten geworden.

Die letzte Karte habe ich am westlichsten Zipfel Irlands in einen Briefkasten geworfen. Es war eine Karte über die atlantischen Winde.

O_qJiFRi.jpg-large

Westerly winds/ let that sink in.

Spät am Abend wieder in einem kleinen irischen Dorf, aber blieb die letzte Karte leer.

Die schönste Karte in ein Gefängnis ist immer die Karte, die nicht mehr geschrieben werden muss.

Jeden Abend am grünen oder gelben Postkasten, auf der Post gegenüber des Markusplatzes in Venedig, in einer Postfiliale in St. Germain in Paris oder einem Postamt an der Ostsee habe ich mich gefragt: Ist das die letzte Karte? Aber immer kam eine neue Karte.

Die Freiheit hat das letzte Wort und Deniz Yücel hat die Freiheit wieder. Er kann wieder selbst sprechen, reden, streiten und schreiben. Vor allem schreiben. Das vor allem.

Ich habe die Karten an Deniz Yücel und Mesale Tolu nicht gern geschrieben, die Karten waren Geschwister der Feder von Dolores Umbridge, jede Karte tat ein bisschen mehr weh, jeder Tag im Gefängnis wiegt schwerer, ein ganzes Jahr Leben hat man Deniz aus den Händen genommen.

Ich habe das Gefängnis von Silivri oft gegoogelt, ich habe niemals einen Briefkasten am Tor von Silivri gefunden. Das hat mich mehr beunruhigt als ich zugeben will.

Ich habe im Gefängnis von Bakirköy in dem Mesale Tolu inhaftiert war angerufen. Der Tierarzt sagte: „Du kannst doch nicht einfach in einem Gefängnis anrufen.“ Aber ich habe angerufen und so lange in meinem Kauderwelsch- Türkisch gefragt, bis sie mir eine Adresse nannten. Gefängnisse haben Telefone habe ich gelernt. In Silivri nahm niemand ab.

Alle zehn Tage habe ich einen neuen Zehnerblock Briefmarken gekauft. Der Postbeamte fragte alle zehn Tage: „Und gibt es etwas Neues?“ Ich schüttelte den Kopf.

Ich weiß nicht was aus den Karten wurde, vielleicht hat der Postbote sie in den Bosporus gekippt, vielleicht hat die Poststelle in Silivri die Karten geschreddert, vielleicht hat jeden Morgen ein Beamter der Zensurstelle unter einem Erdogan-Bild auf die Karten gestarrt und ein leichtes Zucken im linken Augenlid blieb den ganzen Tag kaum wahrnehmbar, aber doch spürbar. Auf jeden Fall weiß man in Silivri jetzt, wer Heinrich Zille ist, da bin ich mir sicher oder vielleicht wissen es auch nur die Fische auf dem Grunde des Bosporus. Ich weiß es nicht.

Nach 200 Briefen fragte Franz Kafka, Felice Bauer, ob sie überhaupt seine Handschrift lesen könne. Ich habe lieber gar nicht erst gefragt.

336 Mal habe ich mir versucht vorzustellen, wie man die Welt beschreiben kann, wenn man allein in einer Zelle ist und nur eine Handbreit Himmel sehen kann. Ich habe es mir nicht vorstellen können, in diesem Sinne sind die Karten auch die wiederholte Geschichte eines Scheiterns.

336 Karten habe ich geschrieben und ich habe nicht gewusst, dass man dafür auch 336 Mal beschimpft wird. Aber so ist das gerade in Deutschland, daran muss man sich wohl gewöhnen und so habe ich eben mit den Achseln gezuckt über: „Du-schreibst-einem-Deutschenhasser-der-soll-im-Knast-verrotten-Du-willst-Dich-nur-groß-tun-du-machst-dich-wichtig-auf-Kosten-des-Elends-anderer-du-schreibst-nur-zweien-warum-schämst-du-dich-nicht.

Wer sich wirklich fragt,warum ich nur zwei Karten am Tag geschrieben habe, der google einmal Auslandsporto Irland.

Das hat mich müder gemacht als ich zugeben will.

Ich habe mich jeden Tag gefragt, ob es etwas hilfloseres als eine Postkarte gibt.

Ich habe darauf keine eindeutige Antwort gefunden.

Ich danke Frau Novemberregen,Frau ExcellensaMichaela,Winnie Rabensturmig,Antje und Nathalie, mit der schönsten Handschrift der Welt und all den anderen stillen „Postkartenschwestern“ für all ihre Karten und Worte, ihre Aufmerksamkeit und Zugewandheit und ihre stille Beharrlichkeit.  Von Herzen Dank, Sie sind so großartig wie wunderbar.

Der wunderbare The New Voice hat alle Karten zu einem Bild zusammengelegt.

Meine Schwester schreibt seit 280 Tagen an Ahmet Şık.

Der Tierarzt schreibt seit 300 Tagen an Mizgin Çay

Mein Vater und die liebe C. schreiben seit so vielen Tagen an Raif Badawi, dass ich mich nicht mehr traue zu frage, seit wie vielen genau.

Vielleicht schreibe auch ich noch einmal weiter. Ein richtiges, echtes Wort passt noch durch das kleinste Schlüsselloch, sagte meine Großmutter. Sie schrieb mir ein Leben lang.

An einem kühlen Sonntag Nachmittag habe ich die erste Karte geschrieben. Ich dachte, wenn es viele Karten werden, dann werden es vielleicht zehn.

Ein ganzes, langes Jahr lang hat Deniz Yücel im Gefängnis als Geisel der Regierung Erdogan verbracht.

336 Karten habe ich an ihn und 173 Karten an Mesale Tolu geschrieben.

Die letzte Karte blieb endlich leer.

Die Freiheit hat immer das letzte Wort.

Immer.

 

Szenen aus dem Leben eines seltsamen Fräuleins (3) oder Wiedersehen mit Stalin

Die Szene: Ein windschiefes Haus irgendwo in einem kleinen, irischen Dorf. Ein Küchentisch ( Eichenholz ), auf dem Küchentisch die Irish Times, das TLS Supplement (die beste Frauenzeitschrift der Welt), eine große Tasse mit Milch und Kaffee, ein Strauß Narzissen, ein Teller mit einem Croissant und ein Schälchen Himbeermarmelade aus dem Ostseegarten. Am Tisch sitzt das Fräulein Read On, das Fräulein liest behaglich die Zeitung, an ihrer Oberlippe kleben Croissantkrümel, das Fräulein summt. Im Hintergrund: Wasserrauschen, der Tierarzt nimmt ein Bad. Dann verstummt das Plätschern aus dem Badezimmer, der Tierarzt betritt in des Fräuleins Bademantel und mehrere Handtücher gehüllt, die Küche. Es folgt nachstehender Dialog:

Tierarzt (= T ), Fräulein Read On ( R )

T: „Mädchen, kann ich dich kurz bei der Lektüre unterbrechen?“
( Der Tierarzt knetet nervös mit den Fingern.) Ich müsste einmal mit Dir reden.

R: „Hmmm, ja ( das Fräulein legt die Zeitung zur Seite ), hat sich eine schöne Tierärztin namens Monika aus Witten-Herdecke gemeldet und will mit Dir ein neues Leben beginnen und Du musst mir jetzt schonend beibringen, dass ihr mit dem 12 Uhr Boot das Land verlasst?“

T: „Mädchen, am Samstag fährt das 12 Uhr Boot,  doch um 13.30 Uhr, aber nein, keine Monika und wo ist Witten-Herdecke? Aber ich will etwas anderes mit Dir bereden.“

R: „So rede!“ Das Fräulein schielt zur Zeitung.

T: „Heute ist doch das Spiel.“

Das Fräulein legt die Stirn in Falten ( im Winter finden ihres Wissens keine Tennisturniere statt).

R: „Was für ein Spiel, Tierarzt?“

T: „Aber Mädchen, heute spielt doch Irland gegen Frankreich.“

R: „Hmm ( zögerlich ) ist schon wieder Fußball?“

T:“ Mädchen, RUGBY, RUGBY, SIX NATIONS.“

R: „Oh!“ (Das Fräulein Read On interessiert sich wirklich kein kleines bisschen für Sport.)

R: „Tierarzt, was kann ich um Himmels Willen mit diesem Spiel zu schaffen haben, von dem ich nichts weiß als das erwachsene Männer und Frauen vergnügt durch den Schlamm robben.“

T: „Also, ich wollte folgendes mit Dir besprechen, ( der Tierarzt knetet schon wieder nervös mit den Händen ), du weißt es kommen nachher Rory, Gary and Jerry für ein Pre-Match-Zusammensein hierher.“

R: „Ich weiß,,es steht ein Kuchen auf der Bank im Garten, es sind Häppchen im Kühlschrank, Getränke im Keller, und wenn die Herren von der Quiche nehmen mögen, so gilt es diese auf 200 Grad im Backofen zu erhitzen.“

T: „Das ist genau das Problem, die Quiche.“

R: „Die Quiche ist biologisch-organisch- handgemacht und hervorragend, selbst Du hast eine halbe Ecke verzehrt, dann wird sie ja wohl gut genug sein für den feinen Besuch.“

T: „Mädchen verstehst Du nicht, es geht um die Quiche als solche.“

R: „Die Quiche als solche?“

T: „Versteh doch, es spielt FRANKREICH gegen Irland.“

R: „Ja, das sagtest du bereits.“

T: „Die Quiche ist aber ein Symbol Frankreichs, sozusagen ein rotes Tuch in den Augen von Rory, Gary und Jerry, die eben äh etwas empfindsam sind, in solchen Fragen, an denen es um Irland um alles geht und dieses Haus ist eben sehr Französisch und da wollte ich Dich fragen, ob wir äh, dieses Haus nicht ähm entfranzösisieren könnten, nur für diesen Tag natürlich.“

Das Fräulein Read On starrt den Tierarzt entgeistert an.

R: „Dieses Haus ist aber sehr Französisch?“

T: „Sieh Dich doch mal um.“

Der Tierarzt zeigt auf den Stapel französischer Bücher auf dem Tisch neben dem alten, grünen Sessel.

Der Tierarzt hebt mit spitzen Fingern den Canard enchaîné auf, den die B. von einer Tagung in Paris mitgebracht hat.

Der Tierarzt zeigt auf die Eierwärmer in Form eines Hahns.

Der Tierarzt hebt die Augenbraue in Richtung Kupferstich, der den Ballhausschwur bebildert.

Der Tierarzt zeigt vorwurfsvoll auf das Poster, welches eine Ausstellung im Musée Picasso bewirbt.

Das Fräulein starrt den Tierarzt an.

R:“ Du willst das Haus einer stalinistischen Säuberung unterziehen und Gary, Jerry und Rory vorgauklen, ich hätte keine französische Mutter, ist das so?“

T: „Mädchen Du formulierst sehr scharf. Stalin, um Himmels Willen, ich will doch nur vermeiden, dass die Lads annähmen, ich sei nicht mit ganzem Herzen der irischen Sache zugetan, will ihnen an diesem speziellen Nachmittag kein französisches Salz in die Suppe streuen.“

R: „Aber mein französisches Herz bekümmert dich wenig, ja?“

T: „Mädchen, Dir ist Sport doch völlig gleichgültig. Es ist doch nur für diesen einen Nachmittag. Wir könnten einen Naturkalender über den Ballhausschwur hängen, die Bücher im Arbeitszimmer verstecken, das Plakat in der Küche verbergen und die Quiche als ähm Gemüsepie bezeichnen.“

R: „Picasso war Katalane, wir haben keinen Naturkalender, die Bücher haben niemanden etwas getan und dann- sehr langsam- das ist eine Quiche und kein Gemüsepie.“ Das Fräulein verschränkt die Arme vor der Brust.

T: „Aber das Rugbyherz ist eben auch sehr empfindlich, sogar die Katze schnarcht auf Französisch- die Katze, die bis dahin selig auf der Fensterbank schlief, erhebt sich und starrt den Tierarzt an, die Katze verg*ttert den Tierarzt, aber jetzt starrt die Katze den Tierarzt entsetzt an. Es ist unmöglich Rory, Gary und Jerry einen gallischen Hahn zuzumuten.“

Das Fräulein erhebt sich.

R: „Stalin.“

Tierarzt zuckt zusammen.

R: „Ich werde das Haus in zwanzig Minuten verlassen, um 18 Uhr bin ich zurück. Es liegt bei Dir, ob in diesem Haus dann ein Naturkalender hängt oder der Ballhausschwur. ( Leise, aber nicht ungefährlich ): Es ist eine Gemüsequiche.“

T: Mädchen, ich, äh, ich weiß nicht, ich wollte nicht, es ist nur…“

R: „Es ist alles gesagt.“

Die Katze begleitet das Fräulein nach oben, der Hund folgt dem Fräulein in Solidarität nach, das Fräulein verlässt zwanzig Minuten später das Haus, in der Handtasche liegen die Eierwärmer in Hühnerform, im Radio läuft Rameau, das Fräulein kauft auf dem Wochenmarkt Kartoffeln aus dem Roussillon und verschmäht den Stilton beim Käsehändler. Dann fährt das Fräulein in die Stadt, denn sie ist mit der K. zum Kammermusikonzert verabredet. Man küsst sich zweimal links und zweimal rechts.

Die K sagt: „Read On, Du bist ganz blass. Alles in Ordnung?“

R: „Alles gut, ich habe heute früh nur Stalin getroffen.“

K: „Stalin?“

R: „Ja, verrückt nicht wahr? Ausgerechnet bei mir Zuhause.“

K: „Bist Du Dir sicher?“

R: „Todsicher.“

Dann beginnt das Konzert.