Im Anflug

Am Ende eines langen Tages, das Flugzeug doch noch bekommen. Über Dublin breitet sich feuchter Nebel aus. Der Leuchtturm hinter dem das kleine Dorf liegt, ist verschwunden und der Pilot sagt, dass mache nichts und dann erzählt er vom Nebel über Connemara und wir alle wünschten uns wohl, wir könnten hier einfach sitzen bleiben und er erinnerte sich weiter und weiter. Aber dann fliegen wir doch los, der Tierarzt späht nach Kälbchen, aber das ist aussichtslos. Der Tierarzt winkt trotzdem. Irgendwann gibt der Nebel nach und wir fliegen in ein seltsames, verschwommenes Blau hinein. Ein Blau als wäre das Wasserglas über dem Tuschkasten ausgekippt und jetzt liefe das Wasser über die blaue Farbe hinweg. Blau, blau, blau ist alles was ich lieb. Im Fenster des Flugzeuges sind wir dunkle Schatten. Ich bin zu müde, selbst wir für die Schatten und lehne mich gegen das Fenster, auf einen Moment noch dem Blau hinterher. Der Tierarzt lehnt sich nicht gegen das Fenster oder die Lehne oder mich. Der Tierarzt lehnt sich in meinen ipod hinein. Er hört sich durch die Element of Crime und Kettcar Platten. Ein Deutschlandvorbereitungskurs in siebzig Liedern oder so. Er hört mit konzentriertem Blick zu und vor ihm liegt ein Notizbuch. In das Notizbuch schreibt er deutsche Wörter, die er versteht. Mädchen, natürlich, es ist das deutsche Wort, sein deutsches Wort, im Englisch-Deutsch-Wörterbuch ist das Wort angekreuzt, die Seite eingekniffen und oft fährt der Tierarzt mit dem Finger über das Wort und nickt. Das Wort gibt es ja wirklich. Später einmal, werde ich gefragt, da bin ich mir sicher, was ich so gemacht habe im Leben und dann werde ich an das Englische-Deutsche Wörterbuch denken und das unterstrichene Mädchen darin. Das werde ich sagen, das habe ich gemacht, diese Tür habe einmal aufgeschlossen für jemanden und er nahm den Schlüssel gleich an sich und fiel in die vielen, wundersamen deutschen Wörter hinein. Vielleicht ist der Tierarzt dann lange schon verheiratet mit Sabine aus Braunschweig, ein brauner Labrador, ein Bild von Kälbchen in einer Schublade, das Wörterbuch braucht er dann schon lange nicht mehr, eine Praxis mit angeschlossenem Hundewägelchenverleih und zwei Kinder, die spielen im Garten. Der Tierarzt schreibt noch immer, aber ich lehne am Fenster und obwohl wir doch nach Berlin fliegen und der Tierarzt Michaela sagt schreibt, denke ich nicht an Deutschland, und einmal ist mir Michaela ganz egal, denn es ist Diwali und ich bin nicht in Delhi, sitze nicht an meinem Platz, es gibt keine Gulab Jamun für mich und kein Kardamomeis, eine Diwali Spezialität von Frau Rajasthani. Und ich wünschte, ich säße nicht im Flugzeug nach Berlin, sondern auf dem Dach und sähe auf Delhi herunter. Unten auf dem Balkon, da rauchte der Nachbar und der Nachbar sagte: „Endlich verbieten dieses ewige Feuerwerk an Diwali.“ Die Luftverschmutzung. Dann zündete er sich eine Zigarette an und paffte vergnügt weiter und Frau Rajasthani und ich wetteten, wer von uns als erster begönne laut zu lachen. Aunty, in jedem indischen Haus gibt es eine Aunty, eine der Frauen, die alles wissen, selbst Geheimnisse, die sie noch gar nicht kennen für Aunty sind sie längst schon kalter Kaffee. Auch bei den Rajasthanis gibt es eine Aunty, die an Fest und Feiertagen wie selbstverständlich einen Platz am Tisch hat. Ich also, füllte mir eine zweite Schüssel mit Kardamomeis, Herr Rajasthani brächte mir Tee, und während ich Eis löffelte, rückte Aunty näher zu mir heran uns sagte:

„Frau Dripivati hat Frau Shrivati eine Kiste mit Galub Jamun aus dem Jahr 2013 geschenkt. Frau Dripivati aber markiert seit Jahren ihre Präsentpralinen mit bunten Bändern und hat sofort gemerkt, was hier gespielt wurde. Nächstes Holi wird sie sich rächen.“

„Herr Bhatia hat seiner Frau einen goldbestickten Sari machen lassen, aber seiner Geliebten hat er Schmuck zukommen lassen und weil er nicht nur dreist, sondern ein Tölpel ist und ein eitler Pfau, ein baboons-ke hat er das Preisschild für den Schmuck in das Sari-Paket gelegt und in das Schmuckpaket den Sari Preis.“ Nun hat Herr Bhatia weder Frau noch Geliebte und ein trauriges Diwali zu erwarten. Ein dunkles Diwali keckerte Aunty und verlangte, ich hätte das Eis ja inzwischen auch ausgelöffelt, Lohn für ihre Erzählungen, legte die Füße in meinen Schoß und hieße mich ihre Waden zu massieren und dann erzählte sie wie die Familie Preevati ein Diwali-Schnäppchen machen wollte und dabei doch drei- und vierfach auf die Nase fiel und dann lachte Aunty, denn Herr Preevati hatte über Aunty die Nase gerümpft, als sie ihn fragte, warum er einen neuen Kühlschrank brauchte, wo seine Frau doch sieben G*tter in der Küche zu stehen habe.

Aunty erschöpft von so viel Tratsch und Klatsch, schliefe im Sessel ein und wenn es doch nur immer noch so sein würde, wie ich einmal hoffte, so stünde der A. neben mir auf dem Balkon und wir zündeten die Tonlampen an und der A. sänge für mich von der Rückkehr Ramas und der G*ttin Lakshmi und die Kinder von Frau Rajasthani würden sich hinter den Blumentöpfen verstecken und rufen: „Küsst euch.“ Aber alles ist anders und auch dieses Jahr bin ich zu Diwali nicht in Indien. Ich weiß nicht, wo der A. zur Puja geht und ob er nicht inzwischen längst einer Frau einen Sari geschenkt hat und Frau Rajasthani schilt mich, weil ich nicht komme und weil ich das Detektivbüro Rajasthani und Partners in Angelegenheiten des A. nicht in Anspruch nehmen will.

Der Tierarzt fragt mich: „Mädchen, what’s that Getränke Hoffmann?“ Frau Rajasthani sagt: „Du hast nie Zeit, das ist doch nicht neu, setz dich ins Flugzeug und komm.“ Ich sage ihr nicht, dass ich dann vielleicht nie mehr zurückkehrte oder schlimmer noch den A. suchte. Frau Rajasthani rächt sich in dem sie mir die schlimmsten aller Whatsapp Diwali Nachrichten schickt.

Dann aber landet das Flugzeug. „Delmenhorst“, sagt der Tierarzt. „Komm“, sage ich.

Sonntag

Nach der Nachtschicht gehe ich schwimmen und das Wasser ist schon winterkalt. Taube Zehen, aber auch das ganze Glück zwischen den klappernden Zähnen, dem Sand im Haar und dem Wind zwischen den Rippen. Erst ein warmer Bademantel- die Frau des Krämers- schreit: „Sie werden sich den sicheren Tod holen, Fräulein Read On- sie klingt nicht zu unglücklich über diesen Umstand. Ich winke ihr recht lebendig zu. Dann warmes Wasser, ein warmes Tierarzt T-Shirt, ein warmes Bett und fünf Stunden lang ist es ganz still. Nur der Tierarzt atmet leise, und der Wind der sich gegen die Fensterscheiben drückt, hält die Welt von uns fern. Fünf Stunden lang, ich bin nur noch halbmüde und habe fast wieder warme Füße. Der Tierarzt ist ganzwach und hat mir meine kalten Füße abgenommen. Die Glocken von St Sylvester läuten, der Teekessel pfeift, im Radio sagt die Nachrichtensprecherin, dass ein Sturm am Montag den Westen Irlands erreiche. Ich sehe hinauf auf das Dach, denn auch wenn wir nicht im Westen leben, so fürchte ich um den Verbleib des Daches. Aber der Tierarzt der zugegen war, als der Dachdecker das Dach auf Winterfestigkeit überprüfte, beruhigt mich: „wenn es zum Äußersten kommen würde“, sagt er „ dann flöge ja er davon“ und ich hätte endlich wieder mehr Zeit für mich. „ Tierarzt“, sage ich „mach dich nicht lächerlich“, die Katze liegt auf Dir, der Hund spränge bei dir, Kälbchen stemmte sich dem Wind entgegen und bevor der Wind sich auch nur umsehen könnte, setzte sich die Frau des Krämers, die nun in keiner Hinsicht ein Liechtgewicht ist auf deinen Brustkorb und der Wind sähe gleich ein, dass er hier nur verloren könne, packte mich bei den Schultern und spie mich über dem kalten Atlantik aus. Du aber hättest endlich wieder mehr Zeit für dich.“ Fragend sieht der Hund zu uns herüber und auch die Katze ansonsten nicht weiter interessiert am Leben von uns mere mortals, macht eine unegduldige Schwanzbewegung. Der Tierarzt aber triumphiert: Ha Mädchen, ich weiß was, wir stellen die beiden großen Regenschirme ins Schlafzimmer und wenn der Sturm das Dach abdeckt, und uns bei den Haaren packt, dann spannen wir die Schirme auf, halten uns gut fest und Du schreist dem Wind: „Aber bitte nach Deutschland“ ins Ohr. „Soll sein, Tierarzt, soll sein, sage ich und der Tierarzt nickt zufrieden. Der Hund rollt sich auf meinen Füßen zusammen, die Katze springt zum Tierarzt herüber und obwohl sich Hund und Katze nicht wirklich viel zu sagen haben, nickt man sich einander zu. Dann löffeln wir einträchtig Porridge, schlürfen Tee ( Tierarzt ) und Milchkaffee ( Fräulein Read On ) und lesen die Zeitung nach, ich ratsche mit der lieben C. und schiebe dem Tierarzt warmen Sanddornsaft herüber. Der Tierarzt stellt meine Milchkaffeemilch auf das Stövchen, gelbe Blätter fliegen vorbei, ich begutachte den Stapel Feuerholz, der Tierarzt schnuppert vorsichtig einer aus Berlin mitgebrachten Quitte und so sind wir sonntäglich beisammen.

Der Priester nämlich, unser sonntäglicher Gast, ist zu missgestimmt zu einem Priesterseminar nach Clonmel entschwunden, nicht ohen zu murmeln: „48 Stunden unter Idioten“. Für den Priester, dem das Fluchen ja quasi beruflich untersagt ist, war das ein so unerhört starker Ausdruck, dass ich ihm Äpfel und Kekse aufnötigte, um ihn milder zu stimmen. So aber spazieren der Tierarzt und ich zu Kälbchen herüber. Vorher aber viertele ich Äpfel und Karotten scharf beäugt vom Tierarzt, der Kälbchen ja nur das Beste vom Besten zugesteht. Sollten Sie in der Annahme leben, Kälbchen bekäme Fallobst angereicht, so irren Sie, Fallobst schneide nur ich mir in den Obstsalat. Unser Verhältnis zu Kälbchen entspricht in etwas dem alter Eltern, die noch den dreißigjährigen Kindern die Wohnung putzen, denn es ist ja ein Liebesdienst und die Kinder freuen sich ja auch so. Dann stehen wir an der Weide und Kälbchen kommt blökend angerannt und rammt seinen schweren Kalbsschädel in den dünnen Tierarzt, der sich zwar an mir und einem Zaunpfahl festklammern muss, um nicht umzufallen, aber der Liebe ist bekanntlich nichts zu schwer. Kälbchen blökt und verschlingt Äpfel und Möhren. Der Tierarzt strahlt: „Kälbchen hat sich so gebessert, sagt er.“ Denn diese Woche hat Kälbchen den Esel nur zweimal verhauen und heuer darf ich ihm sogar unter der Hand eine Mohrrübe und ein halbes Äpfeli zustecken. ( So muss sich Schweigegeld anfühlen. ). Der Tierarzt schwärmt von Sozialkompetenz und der Möglichkeit einer langen und erfüllten Freundschaft zwischen Kälbchen und dem Esel. „Du klingst wie ein Vater, der sich freut, dass sein Sohn nur Drogendealer und nicht auch bewaffneter Raubmörder geworden ist, lieber Tierarzt“, sage ich. „Still so young, but so cynical, world-weary and bitter“, sagt der Tierarzt zu Kälbchen und würdigt mich keines weiteren Blickes mehr. Dann laufen wir zurück und laufen der Frau des Krämers in die Arme: „Na Tierarzt waren Sie bei Kälbchen“, fragt sie. Wir nicken. Die Frau des Krämers verdreht schmachtend die Augen: „Sie sind ja ein richtiger Kuhflüsterer“ kräht sie und fügt hinzu wir lieben den Robert Redford ja alle, aber sie Tierarzt, sind ja auch ein richtiges Schnuckelchen.“ Dann eilt sie kichernd davon. Der Tierarzt schwört, dass er die Frau des Krämers eines Tages mit ins Affenhaus nähme.“ Durch den Nieselregen stapfen wir zurück nach Haus. „Hoffentlich holt Kälbchen sich keinen Schnupfen“ sagt der Tierarzt.“

Dann klingelt die Kinofreundin des Tierarztes. „Robert Redford“ rufe ich die D. ist daaaaa.“ Die D. sieht mich verwundert an. „Was für einen Film seht ihr denn?, frage ich die D. „Bladerunner 2049“ antwortet sie und mein Gesicht muss besonders ahnungslos aussehen, denn sie fügt etwas von einem Replikanten hinzu. „Replikant?“, frage ich den Tierarzt, der sich die Schuhe zubindet, ist das eine Art Auszubildender im Weltraum?“ Die Kinofreundin sieht mich entsetzt an und zieht den Tierarzt hinter sich her.
Dann gähne ich zweimal, ziehe mir das warme Plaid über die Schultern und schlafe wieder ein.

 

12 Bilder, ein Tag. Die Irland-Ausgabe.

Gestern war es wieder so weit. Ganz Bloggersdorf sammelte 12 Bilder und da will auch die Außenstelle: Kleinst-Gälisch-Bloggersdorf nicht fehlen.
Ganz Bloggersdorf zeigt seine zwölf Bilder schon immer bei Draußen nur Kännchen.

Porridge it is. #1v12 #12von12 #porridge #porridgeforthepeople

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Hier beginnt der Tag mit Porridge. Auf dem Porridge sollten sie sich wundern, ist nicht getrocknetes Blut zu sehen, sondern Beerenkompott, denn wir die wir im außertropischen Monsun ( auch bekannt als irischer Regen ) unser karges Dasein fristen, versuchen den Sommer wenigstens in Kompottform zu konservieren.

Klabautermann. Ähm. Klabauterfräulein. #2v12 #12von12 #klabautermänner

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Im Oktober aber verwandelt sich das Fräulein Read On in einen Klabautermann. Sie wickelt sich in einen gelben Wetterfleck, der ungefähr fünfmal so groß ist wie sie selbst, zwei Strickjacken trägt sie unter dem Wetterfleck und erschrickt so sehr zuverlässig, Möwen, Menschen und auch Katzen. Sollte Ihnen einmal ein Michelin Männchen mit Shetlandponyhaaren begegnen, der den Klabautermann alt aussehen lässt, das bin dann sehr wahrscheinlich ich.

The morning is still sound asleep. #3v12 #12von12 #dublin #dailycommute

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Meine Großmutter sagte, die Dinge, die man vor zehn Uhr schafft,sind das Siebenfache dessen, was man nach zehn Uhr schafft. Mit diesen Worten im Ohr eile ich vom Zug in die Stadt und vom Bahnhof ins Institut, seit Jahr und Tag komme ich nie später als 6.30 Uhr und wenn ich wild lebe gegen sieben Uhr zur Tür herein.Lachen Sie nur, ich kann nicht aus meiner Haut.

Suppenkasper. #4v12 #12von12 #spoonitup #blackeyedpeas

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Am Donnerstag ist der Tierarzt im Zoo und so trifft man sich zur Mittagsstunde in der Stadt und macht sich schöne Augen. Nebenbei schlürft man eine Suppe. Gestern gab es eine Tomatensuppe in der Black Eyed Peas schwammen, aber die Augen des Tierarztes sind doch schöner. Die Suppe nicht den Tierarzt können Sie in der Chocolate Factory selbst probieren.

At the crossroads. #5v12 #12von12 #crossroads #dublin

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Der Tierarzt fährt links zurück in den Zoo und ich laufe geradeaus ins Institut zurück. Das ist manchmal auch ein Zoo.

„Halt durch Mädchen“, sagt der Tierarzt. ( Die Auszubildende )

„Lass Dich nicht beißen“, sage ich. ( Der Löwe, das Krokodil, der missgelaunte Orang-Utan.

Gegen die Wand aus Stille.( Karte Nummer 106 ) für Mesale und Kitty für ihren Sohn. #freemesale #schreibmeşale #6v12 #12von12

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Jeden Tag eine neue Karte und jeden Tag fällt die Karte schwerer. Die fortgesetzte Untersuchungshaft für Mesale Tolu und ihren Sohn macht mir sehr zu schaffen und ich wünschte mir fiele etwas Besseres ein, als eine Karte. Eine Papierfliegerkette. Ein Luftballonsbefreiungskommando. Ein Brieftaubengeschwader, dass Sie dort endlich herausholte aus dieser Hölle.

Karte Nummer 210. Manchmal sehe ich auf die Zahlen und wie bei Mesale Tolu überfällt mich auch hier die gleiche rasende Hilflosigkeit. So weit ich es weiß, erreicht Deniz Yücel keine der Karten. Es gibt viele verschiedene Wege einen Menschen zum Verschwinden zu bringen, die Türkei zeigt gerade Wie.

Waiting, reading, eating. #8von12 #12von12

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Warterei mit sehr guter Zimtschnecke und einem Buch, über das mich auf Seite Drei schon sehr geärgert habe, das es nichts mehr werden wird mit uns beiden.

Just in case you wonder how dark our village truly is. It is that dark. #9v12 #12von12 #dark #thisisireland

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Wenn Sie sich fragen, wie dunkel es eigentlich ist in einem kleinen, irischen Dorf. So dunkel ist es. Seit Jahren schon sind die Straßenlaternen abgestellt oder kaputt.

Ich muss noch eine Birne wechseln. #10von12 #12von12 #hahahahahahahahahahahahahahahahahahahahahahahahahahahahahahahahahahahaha

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Im Schlafzimmer muss eine Glühbirne gewechselt werden und ja, ich kann darüber wirklich sehr lachen. Immer noch. Schon wieder. Noch viel mehr als Sie glauben. Hihihihihihihihih.Hahahahahahahahaha.

Clean teeth. #11von12 #12von12

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Zähne putzen nicht vergessen. Wieder einmal ein Bild von bestechender Aussagekraft und dem wiederholten Beweis: ich mache die schlechtesten Bilder der Welt.

Book and bed. Nite-Nite. #12von12 #book #vikramseth #nowreading #asuitableboy

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Dieses Buch ist mir ein heimatlicher Hafen. Meine alte Ausgabe war so zerlesen, dass ich mir eine Neue anschaffen musste. Lesen Sie Vikram Seth. Sie werden es nicht bereuen.

Die Sache mit dem Yoga

Bekanntlich habe ich eine große Schwäche für Briefkästen. Der Briefkasten für meine Aufklärungssprechstunde so predige ich jedem, der nicht schnell genug wegläuft sei eine formidable Sache und überhaupt freue ich mich auch, wenn im Berliner Hausbriefkasten richtige Briefe und Karten liegen. In Irland gibt es leider nur eine Briefschlitzklappe in der Tür. Vor der Tür schläft aber auch der Hund und die Briefe fallen auf ihn herauf, der Hund erschrickt sich und reißt dann immer irgendetwas herunter, die Katze kugelt sich hämisch lachend und reißt etwas herunter, am Abend ist daher das halbe Haus zerschlagen und die Briefe sind verschwunden. Aber im Institut hängt auch ein interner Briefkasten, in dem die Fellows angehalten sind, Vorschläge zur Verbesserung ihres Aufenthaltes einzuwerfen. Die meisten Vorschläge sind eher frugaler Natur: „Der Kaffee ist zu dünn.“ „Von dem Kaffee bekomme ich Herzrasen“ oder „NIE WIEDER DIE HARTEN ITALIENISCHEN KEKSE! ( Sieben Ausrufezeichen.) Wir tun unser Bestes. Am häufigsten genutzt aber wurde der Briefkasten von der Auszubildenen, die ihre Zigarettenkippen dort versenkte,immer in der Hoffnung ich fände nicht heraus, dass sie im Gebäude rauchte, aber die Kippen begannen zu qualmen, der Rauchmelder schlug an und dann kam die Feuerwehr. Die Auszubildende kam hernach in das seltene Privileg mich wütend zu sehen und seitdem flieht sie mit der Zigarettenschachtel nach draußen.

Über den Sommer aber mehrten sich die Zettel in denen die Fellows den Wunsch nach körperlicher Ertüchtigung äußerten, denn wir leben ja in fitten Zeiten. Wer heute noch keinen Marathon gelaufen ist oder sich einen Hexenschuss am Bungeeseil geholt hat oder ohne Wasser und nur mit einem Eispickel in der Tasche auf den Everest gestürmt ist, der hat nicht richtig gelebt und auch die Wissenschaftler drehen sich nicht mehr nur auf dem Bürostuhl, sondern wollen sporteln und gut durchgeschwitzt zu den Schreibtischen zurückkehren. ( Das die Universität ein Sportcenter unterhält, zu dem die Fellows Zutritt haben, sei nur der Vollständigkeit halber erwähnt.)

Die beste Chefin der Welt und ich, wir saßen also zusammen und die beste Chefin der Welt sagte: „Read On, das einzige was geht ist Yoga.“ Ich hustete böse. Denn obwohl mir schon klar ist, dass Yoga längst schon ein Lifestyle ist, so etwas hat man ja heute, so ist mein Unbehagen über Yoga nie ganz gewichen, dazu verbringe ich zu viel Zeit in Indien, wo Yoga lange schon zum gezielten Mittel der Modi-Regierung wurde, eine Hinduvata Ideologie zu propagieren, die Yoga zur nationalen Sache erklärte und Yoga am Morgen zum Dienst am Vaterland erklärte. Die von der Regierung Modi so geschätzten Unterstützer, scheuten auch nicht davor zurück, Leute in den Parks zu verprügeln, weil sie lieber picknickten als den Sonnengruß zu erbieten oder zwangen Spaziergänger an den staatlich verordneten Übungen teilzunehmen, aber ich weiß schon:Yoga ist so gut für den Blutdruck, und so friedlich und ommmm. Die beste Chefin der Welt seufzte auch, und sagte: „Komm Read On, wie probieren es.“ Ich knurrte finster und telefonierte mich durch die Dubliner Yogastudios, denn es galt einen Yogi zu finden, der bereit ist in das Institut zu kommen und mit sensiblen Wissenschaftlern den Hund zu üben. Das alles hat sich am Morgen abzuspielen, also vor neun Uhr, denn im Institut ist täglich Betrieb. Die meisten Yogis winkten ab.
Zu zwei Yogastudios fuhr ich hin, ich schlürfte Süßholztee und meine Augen tränten von den vielen ätherischen Ölen, die Yogis erläuerteten ihre Philosophie, schwärmten von augenöffnenden Erfahrungen in einem Ashram und strichen einem Keramikbuddha zärtlich über den Kopf. Ich nickte und riet dem Yogi das Bild an der Wand andersherum aufzuhängen, Devanagari liest sich doch leichter hängt es nicht kopfüber. “Ist doch nur Deko”, sagte der Yogi und ich entschied mich für seine Kollegin.

Der Tierarzt sagte als ich ihm Zuhause die Plakate zeigte: Oh Yoga im Institut. Kann ich da auch ankommen?” Dann zwinkerte er mir zu und fuhr sich elfmal durch das Haar.

“Tierarzt sagte ich: Kundalini, nicht Kamasutra.”

“Man könnte sich beim Handstand küssen”, fand der Tierarzt.

„In deinen Träumen“, knurrte ich.

„Man wird ja wohl noch träumen dürfen“, sagte der Tierarzt.

Ich druckte Plakate. Ich verschickte Emails. Ich legte jedem Fellow einen Zettel und ein Packerl Yogitee auf den Schreibtisch. Yoga, 7.30 Uhr, immer Dienstags, coffee afterwards ( am Ende sind es ja doch Wissenschaftler ), Ehepartner, Schwiegermütter, Kinder, all very welcome.

Alle sagten begeistert zu. Am lautesten kreischte die Auszubildende: „Das kommt alles auf Youtube.“ Ich betete stumm.

Dann beantwortete ich 250 Emails: „Ich habe nur zwei verschiedene Wollsocken, kann ich trotzdem kommen“- „ich bin selbst Yogi-Master und möchte nur durch die Ohren atmen, ist das ein Problem?“- warum soll ich 2 Euro Leihgebühr für eine Yogamatte bezahlen. Das ist doch dreiste Abzocke“- ohne Kaffee kann ich keinen Sport machen, wann stellst du die Kaffeemaschine an?“-Kann ich während der Stunde, Wasser trinken- ich muss Wasser trinken, sonst sterbe ich.“

Am Dienstag um 7.25 Uhr , wir gehen ja mit gutem Beispiel voran, sind die beste Chefin der Welt, ihr Gefährte, der Tierarzt und ich anwesend. Von den Fellows keine Spur. Die Yoga-Vorturnerin strahlt uns an. Der Tierarzt strahlt zurück:

„Wann machen wir Handstand?“, fragt er. Ich knuffe ihn in die Rippen.

Eine dreiviertel Stunde lang, verdrehen wir unsere Knochen in alle möglichen Himmelsrichtungen. Dann endlich darf der Tierarzt Handstand machen und auch ich schwinge mühsam meine Beine über den Kopf: Ommmmm, macht die Yoga-Vorturnerin. Nomnomnom macht der Tierarzt und küsst mich wirklich. Ohhhhhhh machen die beste Chefin der Welt und ihr Gefährte.

Um zehn Uhr stehen die Fellows mit Wasserflaschen, Matten, Kaffeetassen und Wasserkanistern vor meinem Büro. „Wann geht es denn los?“, fragen sie: 7.30 Uhr sage ich und zeige auf die Plakate, die überall hängen. Die Fellows brauchen erst einmal einen Kaffee. Um 10.15 Uhr kommt die Auszubildende: „Fräulein Read on, sagt sie, ich hatte mir den Wecker fast pünktlich gestellt, aber dann habe ich das Passwort für meinen Youtube Channel nicht mehr gefunden und dann war ich ganz verzweifelt und wusste nicht mehr, wann ich zur Arbeit kommen sollte.

Ommm. Shanti Ommm.

Völlerei

Am Montag Abend beschliessen der Tierarzt und ich fein essen zu gehen. Also richtig fein. Servietten mit Silberringen, festes Tischtuch und Fischarten auf der Speiskarte, die ich in keiner Sprache entziffern kann. Außerdem stelle ich mir vor, dass die Teller zwar sehr groß und gewärmt- auch das Fräulein Read On übrigens besitzt Tellerwärmer- die Portionen aber sehr klein sind, und so die Chancen höher sind, dass auch der Tierarzt sich nicht sofort schaudernd abwendet. Die liebenswürdige P. empfahl uns ein entzückendes Restaurant, berühmt für seine exquisiten Fische, ich bestellte in meinem schauerlichen Italienisch einen Tisch für zwei und Arm in Arm erreichen wir das Restaurant, das hier einmal zu den „Silbernen Langustinen“ heißen soll. Alles ist genau so wie es sein soll: die Gläser glänzen, im Silber der Messer kann man Grimassen ziehen, und die Teller sind warm. Das Restaurant gehört dem Patron, er steht hinter der Kasse, seine Frau strahlt aus der Küche und die Söhne, drei an der Zahl bemühen sich um die Gäste. Die Söhne sind von atemberaubender Schönheit. Es ist schon sehr ungerecht, wie gut Männer mit einer grünen Schürze über dem weißen Hemd aussehen können. Ich sehe mit einer Schürze immer aus wie auf einem Bild von Zille. Der Tierarzt starrt den Mann also an, wie sonst nur Kälbchen und ich starre den Mann an, wie sonst nur den Tierarzt. Aber eigentlich sollen wir uns ja der Speisekarte zuwenden. Das tun wir auch prompt. Dickes, schweres Papier und eine schwere rote Kordel. Ich kann nur ein Drittel überhaupt entziffern und der Tierarzt und ich wir beschließen, dass doch ein Menü wohl das Beste wäre und überhaupt, soll man ja offen sein im Leben für neue Erlebnisse und kulinarische Erkenntnisse. Der schöne Mann nickt und fragt nach dem Wein. Ich schüttle den Kopf, denn ich trinke ja nicht. Der Tierarzt ( hier Jubelchöre ) will sich an einem Glas Rotwein versuchen. Der schöne Mann starrt uns an und ich bin sicher, er flüstert: „Barbaren.“ Denn weder Wasser noch Rotwein gelten ihm als Begleitung zu fünf Gängen Fisch. Wir sehen betreten auf unsere Fingerspitzen und mit ironisch-gekräuselten Mundwinkeln lässt der schöne Mann, den Tierarzt Rotwein probieren. Der Tierarzt nickt. ( Hier bitte Jubelchöre.)

Wir plaudern so vor uns hin und dann stellt der schöne Mann einen kleinen, weißen, warmen Teller vor uns auf den Tisch. Auf dem Teller liegen, zwei rote, rosige, lange Langustinen und der schöne Mann erklärt uns in welchen Ölen und Salzen dieses Tier mariniert worden sei und welche rohe Köstlichkeit da vor uns liege. Wir sind sprachlos, aber nicht vor Glück. Der Tierarzt starrt auf das rote Tier und seine schwarzen Augen. „Es guckt wie Kälbchen,“ sagt er und schüttelt den Kopf. Ich starre noch immer auf das Tier und finde es starrt besonders aufmüpfig zurück. Neben Schwein würde ich niemals Krustentiere essen und schon das leichte Zucken der Fühler im Kerzenlicht macht mir Unbehagen. Von Fern höre ich meine Großmutter kichern, die nichts albernder fand, als mein Bestehen auf koscheren Speiseregeln und albern war in ihrem Sprachgebrauch, ein derart verächtliches Wort, dass es kaum auszuhalten war. Aber ich kann dieses Tier einfach nicht essen. Der schöne Mann starrt uns entgeistert an, als wir die Tiere unberührt zurückgehen lassen. „Es tut mir wirklich leid“, sage ich doch der schöne Mann wendet die Augen ab. „Banausen“ knurrt er da bin ich mir sicher, als er die Teller in die Küche zurück zu seiner Mutter bringt und vielleicht essen sie dann beide mit langen, eleganten Handbewegungen die roten Tiere.

Es kommen Seeschnecken. Der Tierarzt probiert eine Schnecke und belässt es bei dem Versuch. Ich esse das artistisch angerichtete Schnittlauch, und einen sehr wohlschmeckenden Pilz. Der schöne Mann schickt seinen Bruder, um die vollen Teller abzuräumen.

Es folgt Seeteufel in Orangensauce an Polenta. Ich greife begeistert zu Messer und Gabel, denn ich esse wirklich sehr gern Fisch und Orangensauce mag ich natürlich auch. Der Tierarzt nippt an seinem Rotwein ( Jubelchöre ) und auch er nimmt Messer und Gabel zur Hand und probiert die Polenta (lautere Jubelchöre). Der schöne Mann starrt misstrauisch von der anderen Seite des Raumes zu uns herüber. Der Tierarzt probiert vorsichtig von der Orangensauce. „Aha“, sagt er und pickt noch ein Scheibchen Polenta auf.“ (Dreifache Jubelchöre.) Ich esse ein sehr scharfes Basilikumblatt und mein Messer nähert sich dem Fisch. Mein Messer zögert, dann fallen mir Messer und Gabel aus der Hand: Der Fisch ist in Schinken eingewickelt. Hinten im Raum zuckt der schöne Mann zusammen. Der Tierarzt isst die Polenta und eine Ecke Fisch. Für ihn ist das viel. Um nicht zu sagen enorm. Aber der schöne Mann blitzt uns mit kalten Augen an. Wir loben das Essen über den grünen Klee. Der schöne Mann schnappt nach Luft.

Dann gibt es Jakobsmuscheln. Ich esse das Gemüse und der Tierarzt isst die Brotchips, die mit den Jakobsmuscheln kommen und ich esse sein Gemüse gleich mit. Inzwischen, der schöne Mann hat der gesamten Familie mitgeteilt, was für grauslige Gäste wir sind, kommt auch der Patron und besieht sich uns aus der Nähe. Wir lächeln bis die Mundwinkel schmerzen. Dann kommt Panna Cotta. Ich liebe Panna Cotta. Das Panna Cotta kommt mit Walderdbeeren, Pistazienkernen und Walderdbeersoße. Das Panna Cotta ist sehr großartig. Ich esse den ganzen Teller leer. Der Tierarzt tritt mir freundlicherweise auch seinen Teller ab, aber immerhin isst er die Walderdbeeren und Pistazienkerne. Der schöne Mann starrt auf die leeren Teller und dann starrt er uns an. Ich krame alle meine sieben italienischen Lobesvokabeln zusammen und preise das Panna Cotta. Der schöne Mann versucht die Fassung zu bewahren. Der Tierarzt nippt an seinem Rotwein, da ist das Ehepaar am Nebentisch bereits bei der zweiten Flasche Weißwein angekommen. Wir zahlen und der schöne Mann starrt auf das noch immer gut gefüllte Rotweinglas. Als wir zahlen und das Restaurant zu den „Silbernen Langustinen“ verlassen, starrt uns die ganze Familie hinterher. Ich drehe mich noch einmal um und zwinkere dem schönen Mann zu. Er wird ein kleines bisschen rot und an der Ecke kaufen wir ein Viertel heiße Margarita Pizza mit frischem Basilikum für mich und einen Erdbeermilchshake für den Tierarzt.

Dann müssen wir lachen und zwar so sehr, dass wir uns eine Bank suchen müssen, um uns richtig auszulachen: „Gehen ein Jude und ein Magersüchtiger in ein Sterne-Restaurant…,“ sagt der Tierarzt als er wieder genug Luft zum Sprechen hat.

( Die Pizza und der Milchshake von der Trattoria ums Eck waren, wirklich sehr gut. )

Auf der Suche nach Thomas Mann-Am Lido

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Zu den vielen unrealisierten Projekten meines Lebens gehört ein völlig verstiegenes Buch über Hotels, Pensionen und Zugfahrten im alten Europa. Ich besitze Baedeker Ausgaben für Österreich-Ungarn von vor 1914 und habe schon Zugfahrpläne ersteigert, weil ich die gleiche Streckenverbindung ausprobierte, mit der Max Brod von Prag nach Berlin zu seiner Geliebten eilte. Menschen, die mich ertragen, seufzen tief, wann immer sie mit mir verreisen, denn die eigentlichen Attraktionen der meisten Städte lassen mich kalt. Ich bin in böhmische Dörfer, die hohe Tatra, französische Marktflecken und englische Weiher gefahren, weil dort Thomas Mann in ein Taschentuch hustete, oder der Prager Kreis sich dort verliebte, trennte oder manchmal auch Beides. Fragen Sie mich niemals nach Restaurantempfehlungen, denn sie enden in einem Lokal in dem Egon Erwin Kisch Fischsuppe schlürfte und wären am Ende furchtbar enttäuscht, denn mir ist egal ob das Lamm nun zäh ist oder der Kuchen trocken, so lange ich nur auf eine halbe Stunde zurückfinde in das alte Europa, in dem meine Großmutter geboren war. So nimmt es auch nicht Wunder, dass als die liebe C. anruft, ich putze gerade meine Zähne, der Tierarzt ins Telefon ruft: „Liebe C. wir fahren an den Lido und suchen Thomas Mann.“ Das machen wir dann, wir nehmen ein Vaporetto und fahren hinüber zur Anlegestelle. Der Lido, das Seebad, ist so charmant wie unaufgemöbelt, ist nicht mehr wie 1900, nein, mehr wie ein Seebad der 1960er Jahre, und doch es hat etwas von der großen Vergänglichkeit unserer Tage und wir gehen die Hauptstraße hinunter, vorbei am Zeitungskiosk NuovoNuovo, der alle deutschen Zeitungen führt, hinunter an den Pizzerien in den die Kellner Hochdeutsch sprechen, und auch die Ernährungsmoden sind den deutschen Touristen schon nachgereist: auch glutenfrei steht auf den Tafeln. Wir aber essen ein Pistazieneis und sehen den jungen Herren zu, die die jungen Damen beeindrucken wollen: sie rejustieren Sonnebrillen, Schnürsenkel und Telefone, aber die jungen Damen lächeln nur blasiert und vergleichen Nagellackfarben. Ich schlage dem Tierarzt vor, er könnte den jungen Herren, doch den Trick mit den Haaren zeigen. Aber der Tierarzt befindet, dass Fräulein’s mit Shetlandponyhaaren, sich über dieses Thema lieber ausschweigen sollten und schon sind wir am Ende der Hauptstraße angekommen und dann wenden wir uns nach Rechts: zu übersehen ist es nicht das „Hotel des Bains“, das um 1900 eröffnet wurde, da war der Lido ein mondänes Seebad und das ganze Europa fuhr hier in die Sommerfrische. Hierher fuhr kam zum ersten Mal 1911 auch Thomas Mann und 1912 erschien jenes Buch, dem noch heute der Ruf des Skandals vorauseilt, das Buch über Gustav von Aschenbach, der erst das Herz an Tadzio, den vollkommen Schönen verlor, bevor ihm der Verstand entglitt und dann das Leben selbst. Hier also saß Thomas Mann und verlor ja selbst das Herz, aber Thomas Mann gab wohl niemals ganz und ob er mit dem jungen Baron Wladyslaw Moes je mehr als ein Kopfnicken gewechselt hat, weiß ich nicht. Aber damals vor vielen Jahren, als mir meine Großmutter den Tod in Venedig zu lesen gab, da traf es mich wie mich nur selten danach ein Buch getroffen hat. Denn es ist jenes Buch mit dem ich verstand, dass die Liebe eine verbotene, ja eine tödliche Seite haben kann und es ist eines der Bücher, die cih auswendig kann, ich habe nie darum bemüht, sondern das Buch ist in meinem Kopf geblieben und so viele Jahre später, stehen wir vor dem Hotel, vor dem Strandbad in dem Gustav Aschenbach lange in die Wellen sah. Aber das Hotel ist still und verschlossen, eine grüne Mauer umzieht es, fast als sei der ganze Blick auf den Verfall, etwas was der Welt besser verborgen bliebe. Wir stehen aber lange vor dem ausladenden Gebäude, der Tierarzt, steigt auf eine Bank und fotografiert und ich sehe hinauf auf die Uhr und die alten Lettern, die Schindeln liegen lose auf dem Dach, die grünen Fensterläden sind morsch, es wird vor Rattengift verwarnt und der Garten ist vewildert. Noch kann man lesen, wie damals die Gäste auf der Auffahrt: Hotel des Bains, aber es ist ein trauriges Wiederkennen und das Herz wird einem schwer, dass dieses Haus, nur noch Ruine ist, ein loser Backenzahn ausgehöhlt. Ein Investor habe ich gelesen, wollte Eigentumswohnungen aus dem Hotel machen. Er zerschlug die Möbel, dann zerschlugen sich die Pläne. Sieben Jahre rottet das Hotel schon vor sich hin und angeblich, ja angeblich, gäbe es neue Pläne, aber von denen sieht man nichts vor den verriegelten Toren. Das Schloss an der Seite, denn wir laufen um das Gebäude herum ist verrostet und keine Baumaschine wartet auf einen Einsatz. Es ist ein verlassener Ort, und wenn so oft der Geist Europas beschworen wird auf großen Pressekonferenzen, Dann wünschte man sich die Europaabgeordneten würden einmal ins Hotel des Bains fahren, denn hier kann man einatmen, wie es ist, wenn die europäische Idee verlischt, wenn sie einfach preisgegeben wird, dann kann man sich ansehen, wie man sie beerdigt. Oft wird die Interantionalität beschworen, aber in den Grand-Hotels des alten Europas ist sie gelebt worden, und doch noch einmal anders als auf Studentenfeiern in Lissabon. Denn der Tod in Venedig ist ja ein Buch über eine fatale Obsession eines deutschen Literaten mit einem polnischen Jungen, in einem italienischen Strandbad,es gibt einen englischen Konsularbeamten, französische Bonnen und russische Badegäste. Kein deutscher Gegenwartsautor aber sieht weiter als bis nach Berlin. Da stehen wir also und dann gehen wir hinunter zum Strand. Die Badehütten sind schon verschlossen, ein paar Spaziergänger sind am Meer und werfen Stöcker für die Hunde und wir setzen uns auf einen Stapel Bretter, wir sehen hinüber zum alten Europa, zum Hotel des Bains, die Uhr in der Mitte ist lange schon stehengeblieben und ich beginne noch einmal zu erzählen: „Gutav Aschenbach or von Aschenbach, as he had offically been known“. Denn hier, hier ist es, wo es begann und wo es wohl endete, jenes Europa, in dem meine Großmutter geboren wurde, und nach dem ich suche, wieder und wieder und immer mit einem alten, roten Baedeker von vor 1914 in der Tasche.

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Adresse:  Hotel des Bains, Lungomare Guglielmo Marconi, 17, 30100 Venezia. Vaporetto Station: Lido. 

Ein Morgen in Venedig

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Früh am Morgen, kurz vor sechs Uhr, da schläft Venedig noch, aber auch dies ist eigentlich nicht wahr. Natürlich schlafen nur die Touristen. Das Wasser schwappt gegen die Pfähle, gegen die Stufen, gegen das Ufer. Wir gehen eine dunkle Gasse hinunter. In einem Hauseingang raucht ein Mann eine erste Zigarette. Er lehnt mit dem Rücken an die Tür, und nickt uns freundlich zu. Wir nicken zurück und so leise, wie er raucht, gehen auch wir über eine Brücke mit Eisengeländer, halten uns links, um dann doch nach rechts zu gehen und schon liegt er vor uns der Marcusplatz. Leer, nämlich und still. Das Café Florian hat die Markisen noch eingerollt, die Stühle sind noch aufeinander gestapelt, nur eine Kehrmaschine kreist über den Platz und wir gehen durch die Torbögen hindurch und da ist das Wasser, dunkel, fast als träumte die Adria in der Nacht vom Atlantik und ich träume doch das ganze Jahr von südlichen Gefilden. Riva del Schiavoni und in den Hotels sind die Gardinen alle zugezogen, wir wandern weiter, weiter und weiter und mit uns geht das erste Licht. Ein Mann läuft mit seinem Hund und pfeift, ich glaube ein paar Takte Verdi, wir stehen am Ufer und am Ufer liegen die Gondeln, schwarz und mit gebogener Nase, gut verhüllt und die Sonne sie ist uns gewogen und legt uns einen goldenen Schal über die Arme, denn wir frösteln.

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Dann stehen wir vor dem Hotel Gabrielli-Neuwirth. Ein Portier gähnt. Dann legt ein Boot an, es sammelt die Hotelwäsche ein und dann tuckert ein Gemüsekahn vorbei und das Müllschiff kommt und der Portier macht ein wichtiges Gesicht. Aber wir bleiben hier nicht stehen, um endlich zu begreifen, wie eine Stadt wohl funktioniert, die auf Wasser gebaut ist und ob der Gemüsebootmann wohl frischen Mangold oder Spinat oder Jerusalemartischocken in den Kisten hat, sondern wir bleiben stehen, wegen Franz Kafka. Der blickte nämlich von einem der Fenster hinüber nach San Giorgio Maggiore. Franz Kafka nämlich löste hier seine Verlobung mit Felice Bauer. Auf Hotelbriefpapier. Damals hatte Hotelbriefpapier noch Illustrationen, aber ob Felice dafür Augen hatte, bezweifle ich sehr. „Ich laufe Traurigkeit fast über“ schrieb er ihr am 15. September 1913, der Blick ging weit über die Lagune hinaus und hier in dieser unwirklichen Stadt, kann man sich doch nicht verloben, nicht wenn einem der Boden doch beständig unter den Füßen schwankt, nicht wenn man doch kleiner und kleiner noch wird angesichts der Ewigkeit dieser Stadt. Und doch hat die P. meine Freundin, nach langen Minuten, denn die P. ist eine überlegte Frau, „JA“ gesagt in der Kirche, klein und stickig und dem Priester verrutschte der Schal und doch bleibt das Nein, von Franz Kafka mir eindrucksvoller in der Erinnerung, dabei ist es doch nur ein Blatt Papier. Die Sache mit Felice Bauer wollte ja auch bis 1917 hinein keine Ende nehmen. Da stehen wir also und ich schüttle den Kopf über mich, eine merkwürdige Sache ist es ja schon, diesem Franz Kafka so hinterherzulaufen, dann legt das Gemüseboot wieder ab und das Milchboot kommt an und wir gehen weiter und weiter am Ufer entlang.

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Am Ufer stehen jetzt Angler. Alte Männer, eine Thermosflasche, abgeschnittene Handschuhe, Sonnenbrillen und Angeln natürlich. Eine Frau macht Yoga und wir setzen uns auf eine Bank. Immer weiter steigt die Sonne. Dann plötzlich ein Schatten. Aber keine Wolken, kein plötzlicher Regenschauer, sondern vom Meer her, kommt der Schatten. Der Schatten ist ein riesiges Kreuzfahrtschiff. AIDA irgendwas. Auf jeden Fall aber riesenhaft groß. Ein dumpfes Brummen begleitet das riesige Schiff, das sich weiter und weiter in die Lagune hineindrängt, eine unheimliche Erscheinung, ein trojanisches Pferd, die Kirchenglocken beginnen zu läuten, vielleicht wie damals als die Serinissima sich vor Angriffen Zeit verschaffte, heute aber kommen Touristen und wir sitzen am Ufer und das Schiff schiebt sich an uns vorbei. Es ist gerade erst sieben Uhr. Die Touristen aber stehen in weißen Bademänteln oder bunten Schlafröcken auf den Balkonen oder an der Reling. Ein riesiger Bildschirm plärrt auf einem Deck und die Leute auf dem Schiff halten Selfiestangen in Richtung San Marco, eine andere Armee als die früherer Jahre, aber hochgereckt auch ihre Arme, hier gilt es Bilder zu erlegen, und viele Male blitzt es aus den vielen aufgeklemmten Fotoapparaten. Für einen langen Moment sitzen wir im Schatten des Schiffes und das Schiff verdeckt alles, verschluckt die ganze Stadt, saugt die Kulisse in sich hinein, ein langer Schatten, dumpfes Brummen und es schweigen die Angler, es pausiert die Frau mit ihren Yogaübungen und auch wir sitzen schweigend vor dem langen Schiff, und sind so erschrocken wie atemlos.

Dann aber kommen Sie, die Touristen. Sie kommen mit Fotoapparaturen. Ich glaube die teuren Kaffeemaschinen und Grillapparate werden jetzt von Kameras abgelöst, die jedem professionellen Fotografen die Schau stehlen könnte. Mit verbissener Begeisterung wird nun justiert, Freundinnen werden justiert, die Sonne beschimpft, für ihren dummen Winkel, und schwer sind die Apparate ja noch dazu. Tauben erdreisten sich das Motiv zu stören und werden hektisch verscheucht und auch unsere Rücken, wir sitzen ja noch immer auf der Bank am Ufer verursacht Unbehagen. Dann kommt ein chinesisches Pärchen, sie in Federboa und feinem Kleid, er in einem glänzenden Anzug, sie wollen Tauben um jeden Preis, die Verbotsschilder sind ihnen nichts, sie streuen Brot und schon umflattern, graue Straßentauben die Frau mit Federboa und es folgen viele Fotos. Die Amateurfotografen schließlich schleppen ihre Ausrüstung weiter und auch wir gehen zurück am Ufer entlang, in Richtung San Marco und schon sind auch wir verschwunden, in einer Traube aus Reiseführern, Reisegruppen, Souvenirverkäufern und einem Kölner Junggesellenabschied: „Downtown Ehrenfeld“ steht auf ihren T-Shirts.