Zu Boden gehen

Als die Nachtschicht am Freitag Morgen endet geht über Dublin die Sonne auf. Es lohnt sich nicht noch einmal zurück aufs Dorf zu fahren, beschließe ich und fahre in die Univresität. „Tierarzt“ sage ich, „es ist Birchermüsli im Kühlschrank, bitte iß doch ein Schälchen,ja?“ „Soll sein, Mädchen, soll sein, sagt der Tierarzt und dann: „Mädchen leg dich aber heute untertags wenigstens eine Stunde hin, ja?“ „Soll sein, Tierarzt, soll sein.“ Dann lege ich auf und ratsche mit der Zugehfrau, die um 6.30 Uhr fast fertig ist mit dem Saubermachen und deren Sohn gerade Schulabschlussprüfungen hatte. Er ist der erste in der Familie, der einen Schulabschluss macht. Ihre Schule wurde im Krieg zerstört und dann zerstörte der Krieg ein ganzes Land. Die Zugehfrau ist aus Sierra Leone und ihr Sohn macht gerade mehr als einen Schulabschluss. „Read On“ sagt sie streng „ sie müssen auch einmal schlafen.“ Ich nicke und gelobe Besserung. Dann fängt der Tag mich ein. Ich schreibe und telefoniere, ich renne Treppen hinauf und hinunter, und dann noch einmal hinauf ( den grünen Aktenordner hatte ich liegen lassen.) Wieder klingelt das Telefon, ich verschwinde in der Bibliothek, und tauche bücherbeladen wieder auf . Für einen grässlichen Moment glaube ich, mir sein der „WICHTIGWICHTIG“-USB Stick abhanden gekommen, aber er war nur in der linken statt rechten Rocktasche. Ich puste siebenundzwanzig Mal über den Tee und verbrenne mir doch die Zunge. Dann klingelt schon wieder das Telefon. Fast noch pünktlich rausche ich in das Konferenzzimmer hinunter. Für zwei Stunden versuche ich nicht zu gähnen und bloß keinen der Punkte auf dem grünen Zettel zu vergessen. Ein bisschen tanzen die Buchstaben, aber das mag auch am Wind liegen, der die Bäume vor dem Fenster tanzen lässt und Schatten über das Papier wirft. Bestimmt glühen die Augen des ungeliebten Kollegen auch nicht, weil ich so müde bin, sondern weil das Sonnenlicht schräg durch das Fenster fällt und er auf einmal gelbäugig zu mir herüberstarrt. Ich pfeife meiner wunderschönen Chefin hinterher, die im roten Leinenkleid vorüberläuft und sie wird wirklich rot. Zum ersten Mal an diesem Tag bin ich wirklich wach. Für zehn Minuten sitzen wir auf dem warmen Rasen vor der Universität. „Was Du für ein wunderschöner Mensch bist“, sage ich ihr und bin selbst überrascht wie ernst es mir ist. Jetzt ist sie wirklich so rot wie ihr leuchtend- rotes Kleid und muss sich eilen, um rechtzeitig zum Flughafen zu kommen. Ich klopfe mir das Gras ab, denn schon wieder klingelt das Telefon, ich beantworte eine E-Mail nach der anderen und habe das unheimliche Gefühl, dass es immer mehr werden, anstatt weniger. Dann hat die B. eine Frage und aus der Frage wird ein ziemlich, großes Problem, das gelöst werden muss. Die B. schluchzt und ich nehme eine Aspirin-Tablette bevor ich wieder nach dem Telefonhörer greife. Zum Glück hat die Frau am anderen Ende der Leitung irgendwo einen Vermerk mit: „Read On, stur wie der Esel sieben, Abschütteln sinnlos“ und als ich auflege, kann ein Formular auch noch am Montag nachgereicht werden. Die B. schluchzt wieder und dann höre ich ein dumpfes RUMMS. Ich jage wieder die Treppen nach oben. Dem G. ist es gelungen den vollbeladenen Geschirrspüler umzustoßen. „Read On“, ehrlich ich schwöre ich wollte mir nur einen Tee machen.“ „Im Geschirrspüler G.?“ Der G. schüttelt den Kopf: „Natürlich nicht. Ich brauchte halt eine Tasse.“ „Das hat ja gut funktioniert, sage ich und dann bin ich sehr lange, damit beschäftigt eine ganze Geschirrspülladung voller Scherben in Kartons zu stapeln und in den Müll zu schaffen. Der G. steht greinend daneben und beklagt sich über die Ungerechtigkeit der Welt, die ihm eine Tasse Tee verwehrt. Ich sauge Glassplitter auf und erinnere den G. wie er ganz ohne sein Zutun einen riesigen Aktenschrank zum Umfallen brachte. Dann endlich ist der G. still. Der Geschirrspülautomat rumst erst mürrisch und als ich denke, er ist kaputt hickst er und funktioniert wieder. Dann hole ich Ersatzgeschirr. Da ist der G. schon lange nicht mehr da. Ich packe meine Sachen zusammen und gehe einkaufen. Das geht nicht besonders gut, denn ich sehe auf den Blumenkohl in meiner Hand und weiß nicht mehr, was das eigentlich ist. Also trolle ich mich und warte auf den Zug. Der Zug hat Verspätung und mich befällt der unangenehme Gedanke etwas vergessen zu haben. Aber die Schlüssel, die Geldbörse und Unterlagen sind in der Tasche. Aber auch im Zug kann ich nicht aufhören immer wieder in der Tasche zu kramen, aber ich finde nicht was ich suche. Dann laufe ich durch das stille Dorf und winke der Frau des Krämers, die mir zuruft, dass ich aussehe wie einmal durch die Mangel gedreht. Die Frau des Krämers kann Komplimente. Dann öffne ich die Wohnungstür und zweimal fällt mir dabei das Schlüsselbund aus den Händen. Dann fällt mir ein, was ich vergessen habe: ich wollte mich doch wenigstens für eine Stunde hinlegen. Aber mehr erinnere ich nicht, denn als zwei Stunden später der Tierarzt aus dem Zoo zurückkommt, stolpert er über mich auf dem Flurläufer: WhatthehelljesusMädchenisthatyou? Sehr langsam mache ich die Augen auf. Neben mir liegt meine Tasche und ein Schuh liegt vor Tür. Aber auf das Sofa habe ich es nicht mehr geschafft, sondern muss direkt auf dem Kokosläufer eingeschlafen sein. „Ach Mädchen“, sagt der Tierarzt und zieht mich zu sich heran. Aus dem Flurspiegel sehen uns ein Mann, der nicht essen kann und ein Mädchen, das vergisst zu schlafen an. Das sind wohl wir.

Einhundert Karten in das Gefängnis von Silivri

Man vergisst so schnell und mir geht es da nicht anders. Immer geht es weiter und immer geht es immer schneller. Boris Becker ist pleite und Helmut Kohl ist tot. In London verbrennen Menschen wie es sich nicht einmal Charles Dickens hat ausmalen können, in Deutschland ist es heiß und in Irland bläst ein kalter Wind. In Afrika hungern die Kinder schon immer, in Deutschland gibt es Antisemitismus-Experten und Anti-Antisemitismusexperten nur keine Juden mehr, vom Schlimmen geht es gleich weiter zum Schlimmsten und das Allerschlimmste muss am besten noch vor Redaktionsschluss komen.
in der Türkei aber werden jeden Tag Menschen verhaftet und immer wenn ich über neue Verhaftungen in der Türkei lese, frage ich mich ob es denn möglich ist ein ganzes Land gefangen zu nehmen, aber dann klingelt das Telefon und irgendwann klingelt mein Kopf und ich bin froh mich zu erinnern, welcher Wochentag eigentlich ist. Im März aber hat man auch Deniz Yücel verhaftet, einen deutschen Journalisten, der auch einen türkischen Pass hat und ich hörte die Nachricht früh am Morgen im Radio und es fuhr mir kalt durch die Glieder. So kalt wie bei vielen Nachrichten und ich beschloss einmal wenigstens nicht in das Kaninchenloch der Beschleunigung zu fallen, sondern mich einmal am Tag wenigstens für einen Moment lang zu erinnern, dass drei Flugstunden entfernt, Menschen im Gefängnis sitzen, weil sie kritisch berichten, weil sie Gedichte schreiben oder einen Roman, der nicht Recip Tayip Erdogan gewidmet ist. Seit dem 12. März habe ich jeden Tag eine Postkarte an Deniz Yücel in das Gefängnis Silivri nach Istanbul geschickt. Das Gefängnis ist keine osmanische Festung mit schwerttragenden Janitscharen, sondern Europas größtes Gefängnis. Eine Stadt in der Stadt, eine abgeschlossene Welt mit türkischem Nationalstolz und Sicherheitstechnik auf die sich stolz sein lässt. Stolz ist in Diktaturen ja eine besondere Kategorie. Stolz ist man auf harte Fäuste und scheppernde Hymnen und wenn man nicht weiter weiß, dann ist immerhin das Vaterland noch übrig, dass kann sich ja auch nicht mehr wehren. Nicht stolz ist man auf Dichter, Romanautoren und Dichter, die müssen deswegen hinter ausgefeilten, feuersicheren Türen und harten Wänden mit einer Handbreit Himmel verschlossen werden, denn die stolzen Vaterlandsfreunde bleiben am Liebsten unter sich und werden nicht behelligt. Gedichte lesen sie nur, wenn sie sich reimen, Bücher nur wenn sie auch wirklich langweilig sind und die Zeitungen schreiben sie lieber gleich selbst. Ich glaube ( und fürchte ) keine der Karten erreicht seinen Empfänger. Manchmal stelle ich mir vor, dass dort in Silivri in einer Amtsstube mit einem toten Gummibaum und einem Atatürkbild an der Wand ein Gefängnisbeamter, der seine spärlichen Haare quer über seine Glatze legt, die dort eintreffenden Karten in den Händen wiegt und vielleicht sind seine Hände auch ein bisschen feucht, denn selbst ein treuer Diener der Türkei kann wohl ein leichtes Unbehagen nicht verbergen über die Karten, die nicht ausgehändigt werden sollen, die sicherlich im offiziellen Sprachgebrauch der Gefängnisanstalt Silivri gar nicht existieren aber die doch Tag für Tag eintreffen. Die Karten sind übrigens denkbar simpel. Jeden Tag laufe ich quer über die Straße und kaufe eine Postkarte mit irischen Schafen oder den Klippen von Moher oder irgendeinem der vielen Naturmotive die Irland anbietet oder ich laufe hinunter in die National Gallery und kaufe Kunstpostkarten, so dass die Poststelle von Silivri inzwischen einen ganz guten Überblick über irische Flora und Fauna und europäische Malerei vom 15- 21. Jahrhundert haben müsste. Die Postkarten sind also an Harmlosigkeit nicht zu übertreffen und der Gefängniswärter oder der Gefängnispostellenbeamter, der die Karten vielleicht in eine Schublade wirft oder schreddert, vielleicht fragt er sich ja manchmal in einer stillen Stunde ob er wirklich Teil der globalen Terrorismusbekämpfung ist, die sich vor Postkarten fürchtet und aus Angst vor kritischen Artikeln nicht schlafen kann. Aber vielleicht hat man in Silivri gar keine Fragen mehr. Vielleicht ist der Postkartenbegutachter aber auch überzeugter AKP-Anhänger, trägt gewichste Lederstiefel, liest vor dem Frühstück Erdogan Zitate und bekommt feuchte Augen spricht dieser zum noch nicht verhafteten Volk und verspeist die Postkarten höchstpersönlich. Für das Vaterland muss man Opfer bringen.

Eine Karte am Tag ist nicht viel, aber manchmal sitze ich vor dieser Karte und bin mir nicht sicher, ob das Geschriebene nicht nur sehr banal, sondern auch eine Zumutung ist für jemanden, für den die Zeit nicht vergeht, für den nichts schneller geht, sondern der im Stillstand des Kosmos von Silivri lebt und Geschichten jener rasenden Welt erzählt bekommt, deren Teil er nicht mehr ist. Ich bin mir nicht sicher und die Karten sind kleine und winzig kleine Momentaufnahmen der Welt außerhalb von Silivri. Das ist die Idee, aber es ist auch die Hilflosigkeit und auch eine Notwendigkeit nicht. Ich kenne Deniz Yücel nicht und habe ihn auch vor seiner Verhaftung nicht weiter als aus dem Augenwinkel wahrgenommen. ( Was immer das über mich sagt. ) Es gibt also keine anknüpfende Ebene, sondern den Versuch mit einer Karte eine Tür zur Welt offenzuhalten. ( Es ist vor allem Hilflosigkeit ) Es ist aber auch eine Karte für die mehr als einhundert in Haft befindlichen Journalisten, wenigstens einmal am Tag irgendwo in Silivri soll sich jemand über diese Karte ärgern, denn Diktaturen werden so furchtbar ungern an das Unrecht für das sie sich so einsetzen, erinnert. Ich kann kein Türkisch schreiben und ich kann auch nicht einhundert Karten am Tag schreiben. So nüchtern ist es und ich wünschte es wäre anders. Der Tierarzt schreibt wie ich auch jeden Tag an eine Karte auf Englisch an einen Radio- Journalisten Mizgin Çay, Vorwurf: unklar.

Ich habe in einem anderen Land und in einem anderen Leben schon einmal über Jahre hinweg Karten und Briefe in ein Gefängnis geschrieben, ich kannte aber anders als dieses Mal den Inhaftierten ( Vaterlandsverrat ) sehr gut und schrieb lange Briefe. Eines Tages bekam ich meinen letzten Brief zurück. Da habe ich gewusst, dass ich nicht mehr schreiben muss. Auch daran denke ich jeden Tag, wenn ich vor der Postkarte sitze.

Auf ein Wort will ich es ankommen lassen. Weiter im Text also, weiter mit Karte 101.

Der kanadische Sägefisch

„Wie war es in Canada?“, frage ich den Tierarzt, der in Tegel in meine Arme läuft. Der Tierarzt gähnt und kaum liegt die große Stadt Berlin hinter uns, schläft der Tierarzt tief und fest. Der Tierarzt schläft auch noch als ich in der Aufklärungssprechstunde erkläre, dass Fidgetspinner auf gar keinen Fall irgendeine potzenssteigernde Wirkung entfalten können und als die liebe C. die Praxisttür endgültig zuschließt und wir auf dem Marktplatz sitzen und Eis bei Familie Zingarelli essen, kommt auch der Tierarzt zu sich und zu uns herunter. Signora Zingarelli überreicht dem Tierarzt eine Waffel mit ihrem berühmten Schokoladeneis. Der Tierarzt ist wohl einzige Mensch auf der lieben, weiten Welt, der ein Eis der Familie Zingarelli mit etwas anderem als Wohlwollen betrachtet. Über den Kirchttürmen geht die Sonne langsam unter. Die Sonne ist ein dunkelroter, glühender Ball. Der Tierarzt sagt: „In Canada sind die Sonnenuntergänge viel spektakulärer.“ Mehr erfahren wir an diesem Abend nicht über Canada, denn die liebe C. und ich wir sind wirklich sehr müde. Am Samstag fahren der Tierarzt und ich mit dem Oldsmobile zurück nach Berlin. Wir fahren über Landstraßen weil ich das lieber mag und außerdem kann man dann anhalten und auf wogende Weizenfelder sehen und Erdbeeren am Straßenrand kaufen. So tuckern wir durch die Gegend. „In Canada“ sagt der Tierarzt sind die Straßen viel breiter. Die Straße unter uns holpert beachtlich, denn wir fahren durch einen Ort in dem noch altes Kopfsteinpflaster liegt. Dann halte ich an und wir sehen auf ein Weizenfeld. Die Halme rascheln, Kornblumen und Mohn blüht und ich glaube in der Ferne hoppelt ein Hase. Der Tierarzt sagt: Weißt Du in Canada“, da sind die Felder so groß wie die Stadt Berlin.“ Ich nicke ehrfurchtsvoll. Dann man soll dem Deutschlandbesucher ja großes Kulturgut nicht vorenthalten, singe ich für den Tierarzt und vielleicht auch den Feldhasen: Ein Bett im Kornfeld „Leider nimmt der Tierarzt meine Darbietung nicht zum Anlass mit mir ins Weizenfeld zu fallen. Vielleicht muss ich eine Gitarre in den Kofferraum des Oldsmobile legen? Doch der der Tierarzt sich schon um: „ Die Mähdrescher, Mädchen sind in Canada viel höher als hier, ungefähr so hoch wie der Kirchturm.“ Der Kirchturm ist aus Backstein und oben auf dem Turm hat ein Storchenpaar Quartier genommen. Dann fahren wir zurück in die große Stadt Berlin. Der Tierarzt sitzt im Garten und liest. Ich rupfe Unkraut und ernte Kirschen. „Ach, sage ich Tierarzt sieh: die Kröte, langjährige Untermieterin hier im Garten ist zurückgekehrt“ und adrett hüpft die Kröte in das steinerne Bassin und nimmt ein Bad. Ich bin entzückt und die alte Gießkanne ist wirklich ein vortreffliches Krötenhotel. Der Tierarzt sieht auf die Kröte und sieht mich mitleidig an: „In Canada gibt es ja noch richtige Wildtiere. Da kommst du morgens in den Garten und ein Braunbär tollt im Gras.“ Oder ein Seeadler baut sich ein Nest und in einer Tannenschonung leben Elche.“ Die Erdkröte quakt spöttisch und meine alte Freundin die Wildtaube und ich verdrehen die Augen. Dann koche ich Erdbeermarmelade. Am nächsten Morgen fahren mit dem Rad zweimal links, einmal rechts und dann geradeaus zum Schlachtensee. Der See liegt und kühl und dunkel vor uns. „In Canada“ sagt der Tierarzt sind die Seen so groß , dass man nicht einmal wenn man ein ganzes Jahr lang schwömme einen solchen See durchqueren könnte.“ Ich hüpfe ins Wasser. „In Canada fährt der Tierarzt fort und fischt eine kleine Alge aus dem Wasser sind die Seen klar bis auf den Grund. Aber ich höre schon nicht mehr zu, sondern schwimme einfach los. Der Tierarzt zetert und kreischt über das kalte Wasser und wäre nicht plötzlich der Schwan, der auf dem Schlachtensee wohnt keckernd über ihn hinweggeflogen, so dass der Tierarzt einfach ins Wasser fiel, so stünde der Tierarzt wohl immer noch zeternd am Ufer. „In Canada“ sagt er missmutig als er mich endlich einholt, „da warten die Mädchen und schwimmen nicht einfach weg.“ „Ach sage ich, machen das die kanadischen Mädchen, ja?“ Der Tierarzt schweigt lieber und eine ganze Weile schwimmen so langhin. „In Canada“ sagt der Tierarzt sind die Seen natürlich von dichten Wäldern umgeben, so dass das Wasser bläulich schimmert. Natürlich sind die Ahornbäume nicht so mickrig wie diese hier, sondern der kanadische Ahorn ist ein G*tt unter den ohnehin so imposanten Bäumen. „Hmm, hmmm, hmmm,“ mache ich und paddle auf dem Rücken. Natürlich ist auch das Schilf dichter, die Schwäne haben zwei Meter lange Schwingen und Schuhgröße 49 und die Paddelboote der Canadier können sogar durchs Eismeer gleiten. In den kanadischen Seen sind die Fische so zahlreich, dass der hungrige Canadier nur einmal ins Wasser greift und schon hält er sieben Lachsforellen in den Händen. „Sag Mädchen, gibt es denn auch in diesem See, Fische? „Ach Tierarzt“ sage ich, wo du gerade von Fischen sprichst, hier tief unten auf dem Grund des Sees, wo der Nöck regiert auf seinem Muschelthron, da lebt auch ein sehr, sehr alter Sägefisch. Dieser Sägefisch die Chronisten sagen, er sei vor vielen, vielen Jahren in Canada geboren worden und auf Umwegen, die jetzt nur schwer erläutert werden können, denn die Angelegenheit ist lang und verworren, nach Berlin gekommen, er berät den Nöck in Regierunsgfragen, kennt die Gesetze des Sees wie kein zweiter und an sommerhellen Tagen wie diesem, da treibt er still wie ein Schatten dicht unter der Oberfläche des Sees und belauscht die Gespräche der Schwimmer und Ruderer und berichtet dem Nöck.“Der Tierarzt zieht eine Augenbraue nach oben. „Nie kann man dich ernsthaft etwas fragen“, knurrt er und sieht doch immer mal wieder angestrengt ins Wasser. Dann schwimmen wir ans Ufer zurück und ich lasse den Tierarzt an mir vorbeiziehen. „Als er wieder ansetzt und sagt: „Also in Canada“ da fährt etwas, ich vermute der Sägefisch- ich würde ja niemals untertauchen und den Tierarzt am Zeh kitzeln- aber so ein kanadischer Sägefisch hat natürlich Schneid- dem Tierarzt unter den Fuß. Der Tierarzt kreischt, schlägt mit den Armen um sich, strampelt mit den Beinen und schnell wie ein Blitz hechtet der Tierarzt ans Ufer. „Mädchen“ schreit er wie von Sinnen: „der Sägefisch hat mich gebissen“. Ich huste in mein Handtuch und nicke bedauernd. „Weißt Du Tierarzt“ sage ich, „die Macht des Muschelthrons ist unergründlich.“
Zurück im Garten telefoniert der Tierarzt mit meiner lieben C. „ Nein, sagt die liebe C. von einem kanadischen Sägefisch sei sie noch nie gebissen worden.“ Der Tierarzt sieht streng zu mir herüber. Ich mache mein unschuldigstes Fräuleingesicht und reiche dem Tierarzt die Erdbeermarmelade an. Aber der Tierarzt erzählt der C. wie eine gewaltige, dunke Faust mit stumpfen Zähnen sich um seinen Knöchel geschlossen habe, einzig von dem Willen beseelt ihn nach unten in die Tiefe zu ziehen. Ich streue meiner alten Freundin Wildtaube Rosinen hin und sie zwinkert mir zu.

Zu Besuch bei Sigmund und Anna Freud in Hampstead.

Am Nachmittag fahre ich nach Hampstead hinaus. Immer wieder habe ich mir das schon vorgenommen und immer wieder kam etwas dazwischen, aber diesmal nicht. In Hampstead tragen die Männer hellblaue Leinenhemden und kaufen Lotus und Pak Choi auf dem Markt. Die Kinder rollern die Straßen hinunter und die Frauen trinken sehr gesunde Säfte und winken Männern wie Kindern zu. Ich aber gehe schon weiter, schnaufe eine steile Straße hinauf und zähle die Hausnummern herunter, aber das Haus welches ich suche, braucht keine Hausnummer, sondern hat eine blaue Plakette. 20 Maresfield Garden. Roter Stein und pinke Kletterrosen.

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Sigmund und Anna Freud in Hampstead

Hier hinein nämlich, in die sonnige Straße, rettete sich Sigmund Freund und hier lebte für lange Jahrzehnte seine Tochter Anne. Der Boden knarrt, betritt man das Haus und dann ist man ganz allein mit Sigmund Freud. Damals im 1938er Jahr da war Sigmund Freud 81 Jahre alt und die Wiener Berggasse verdunkelte sich mehr und mehr, denn die Nazis sie traten schon die Türen ein und mit dem 12. März 1938 schlossen sich die Türen der Freiheit für lange Jahre. Eine Berühmtheit war jener Sigmund Freund da schon lange, nicht nur der Begründer der Psychoanalyse, sondern ihre Verkörperung selbst. Aber Sigmund Freud war eben auch Jude und das wird einem nie verziehen, schon gar nicht im 1938er Jahr und Freud, der nicht glauben wollte, was sich da unten auf der Berggasse und in der ganzen, großen Stadt Wien abspielte, musste es glauben, als die Gestapo schließlich seine Tochter Anna verhaftete. Freud, der doch Träume sammelte, fand sich in einem nimmer endenden Alptraum wieder. Max Schur, Freund und Hausarzt hatte sie mit einer tödlichen Dosis, Gift versorgt, denn obwohl nach 1945 keiner wissen wollte, was sich in deutschen Konzentrationslagern abgespielt hatte, machte sich niemand im 1938iger Jahr noch Illusionen. Sigmund Freud, der sich um Anna sorgte stimmte der Ausreise zu, dieser aber ging ein diplomatisches Tauziehen voraus und ohne das unermüdliche Insistieren englischer und amerikanischer Botschaften wäre die Flucht wohl kaum gelungen. 32.000 Mark zahlt Freud mit Hilfe seiner betuchten Freundin Marie Bonaparte als ‚Reichsfluchtsteuer‘ und kurz bevor der rettende Zug Wien verlässt, steht wieder einmal die Gestapo vor der Tür. Die Herren wollen sich bestätigen lassen, dass Familie Freud keinen Groll im Herzen gegen die neuen Herren trüge. Freud schrieb: „Ich kann die Gestapo jedermann nur auf das Beste empfehlen.“ Natürlich haben sie es nicht bemerkt.Drei Waggons für ein ganzes Leben. Die Bibliothek konnte nur als Bruchstück mitgenommen werden, dafür der Schreibtisch und all die G*tter die auf jenem wohnen und die heute im angedunkelten Zimmer in Hampstead überirdisch und gelassen ihrer eigenen Wege gehen. Hell ist das Haus und lichtgeschwängert, weiße Geländer und bunte Teppiche liegen auf dem Boden. Natürlich steht die Couch, dieses Sofa, in dem sich die Geschichten eingegraben haben, im Arbeitszimmer. Ein Kissen mit verblichener hebräischer Schrift, eine schwere teppichartige Decke und ein Stich an der Wand, das Freud mit seinem Lehrer Charcot in Paris zeigt. Am Kopfende des Sofas steht ein bescheidener Sessel. Zuhören ist anstrengende Arbeit, sagt der Stuhl.

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Das Sofa aller Sofas.

Aber vor allem die Geschichten, die Träume, die Ängste, die Wünsche und die vielen Leben, die hier versuchten sich an das zu erinnern, was in der repressiven Wiener Luft, in der selbst der alte Kaiser kaum atmen keinen Platz haben sollte. Bis zu 10 Stunden heißt es, soll Freud den Patienten zugehört haben. Vor dem Schreibtisch der maßgefertigte Stuhl, denn Freud war ein liegender Leser und vor allem auch ein begabter Zuhörer. Alles in diesem Arbeitszimmer wispert eine Geschichte, mag sie auch noch so abgebrochen sein, noch immer sind alle Geschichten hier sorgsam behütet und aufbewahrt.

Im Oberstock des Hauses aber sind die G*tter nicht ganz so zahlreich, denn hier geht es um Anna, die praktisch, pragmatisch und lebensklug hier lebte und arbeitete, viele Jahre lang nach dem Tod ihres Vaters. Am meisten beeindrucken mich ihre robusten Wanderstiefel, die genau so aussehen als könnte man in ihnen problemlos, einmal die ganze Welt umrunden, ohne auch nur eine einzige wehe Stelle am Fuß zu haben. Aber Anna war nicht nur Sigmund Freud’s Tochter. Weit gefehlt Anna Freud war begabte und begeisterte Psychologin, streitbar und spezialisiert auf die Analyse von Kindern und Jugendlichen. Gemeinsam mit ihrer Lebensgefährtin Dorothy Burlingham gründete sie die Hampstead Nursery und kümmerte sich während des Krieges um Waisen und Kinder in Not. Auf einer Photographie beugt sie sich über ein Gitterbettchen und lacht dem Kind zu, aber nicht auf so eine schrill-überdrehte Weise, wie sie Erwachsenen so oft eigen ist, mit ihrem Dutzitzidu—-sondern ein wissendes, ein mitnehmendes, ein so ernstliches Lachen, dass man nicht genug staunen kann über jene Anna Freud, die mit einer Selbstverständlichkeit genagelte Schuhe trug und eine Frau nicht nur küsste, sondern auch mit ihr lebte. Auf allen Fotos schein sie genau das gerade sagen zu wollen: „So ist das nun einmal. Nun aber weiter zu anderen, ernsthafteren Dingen. Still staunt der Besucher und kann sich nur schwer losreißen, vom hellen Zimmer und der starken Anna.

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Im Garten

Das Museum ist ein sehr offenes Haus, wie seine Bewohner es gewesen sein mussten, mit der Freiheit die im Denken liegt und so stört sich niemand daran, als ich mich in den sonnigen Garten setze und in die rauschenden Bäume sehe, hier im Freud Museum in Hampstead sind Besucher wirklich willkommen. Bevor ich schließlich im Sonnenschein einschlafen kann, gehe ich noch einmal in die Diele, über die man das Haus betritt zurück. Dort in einem Glaskastel hängt der Mantel mit dem Freud Wien verließ, neben seiner Brille und dem Menü der Hochzeit mit Martha Bernays. Der Biesenmantel ist weder grün, noch grau oder braun, sondern ein starres Stück Stoff mit runden, dicken Knöpfen und scharf geschnittenem Kragen. Ein Stück Mantel, das auch ein Panzer ist, eine Hülle gegen die feindliche Welt, eine borstige Außenhaut, um das Innen des 1938iger Jahres irgednwie doch noch heraus zu retten, aus den Untiefen jener Jahre. Mit einem solchen Mantel, der einem die Wange zerkratzt, mit einem solchen Mantel rettet man wenn alles gut geht, die eigene Haut. Ich kenne den Mantel gut, denn es ist der gleiche Mantel der im Kleiderschrank meiner Großmutter hing. Es war der erste Mantel, den sie in einem DP Camp bekam, der erste Mantel nach Auschwitz. Meine Großmutter hat den Mantel ein ganzes Leben lang behalten, im Kragen des Mantels eingenäht der Name einer Frau, die sehr wahrscheinlich deportiert wurde. Die Adresse lautete Berggasse 4. Die eigene Haut retten gelingt nur selten ganz. Das kann man lernen, wenn man an einem Samstagnachmittag nach Hampstead in das Wohnhaus von Sigmund und Anna Freud fährt.

 
Freud Museum London, 20 Marshfield Gardens, Hampstead, London, Öffnungszeiten: Mittwoch bis Sonntag, 12-17 Uhr, Eintritt: 8 ermäßigt 4 Pfund, Tube: Finchley Road

( Wie immer gilt: Selbstbezahlt, Selbstgeknipst und Selbstgeschrieben ist es auch.)
 

 

Sag Read On, was machst Du eigentlich den ganzen Tag?

Die verehrte Frau Brüllen fragt an jedem 5. des Monats was man so macht und da in Irland Feiertag ist, kann ich endlich einmal mitmachen. Voilà, ein Tag im Leben des seltsamen Fräuleins:

Um 6 Uhr in der Früh falle ich nachtschichtmüde kopfüber ins Bett. Ich träume von einem spitzem Metallkegel, der kopfüber mitten im Garten steht und den ich hartnäckigzu erklimmen versuche. Daraus aber wird nichts, denn der riesige Kegel ist so glatt, dass ich wieder und wieder abrutsche und in das nasse Gras falle. Gerade als mir im Traum die Idee kommt doch eine Leiter an den Kegel heranzustellen, macht es RUMMS. Schlagartig bin ich wach. Nachdem im letzten Jahr bei einem heftigen Sturm die Schindeln vom Dach flogen, fürchte ich beständige Wiederholung. Mit wirren Haaren, dicken Wollsocken, einem ausgeleierten T-Shirt und pinken Hosen bekleidet, stürze ich die Treppe hinunter und kreische: „Das Dach, das Dach!“ Doch das Dach zuckt nicht einmal mit der Wimper.
In der Küche treffe ich dafür auf den Tierarzt. Vor ihm liegt der Karton mit der Küchenmaschine, die auf dem Flurschrank lagert. „Mädchen“ sagt der Tierarzt erschrocken „habe ich dich geweckt?“ „Tierarzt“ sage ich, „dieser Rumms hat selbst Neptun und seinen Hofstaat geweckt.“ Der Tierarzt sieht unglücklich auf den Karton zu seinen Füßen. „Mädchen“ sagt er, „ich bin verzweifelt“. „Gleich“, sage ich „Tierarzt, erst muss ich Zähne putzen.“ Die Uhr zeigt Elf. Ich putze mir die Zähne und während ich meinem Spiegelbild die Zunge herausstrecke, erinnere ich mich, dass ich doch am Freitag Cottage Cheese und Ananas gekauft habe und dies ein formidables Frühstück abgäbe. Ich stecke meinem Spiegelbild etwas vergnügter die Zunge heraus und ziehe mir etwas an.

Zurück in der Küche sitzt der Tierarzt mit verzweifeltem Gesicht am Küchentisch und rauft sich die Haare. „Read On“ ruft er „du musst mir helfen.“ Sagt der Tierarzt Read On zu mir, muss etwas wirklich Schwerwiegendes vorgefallen sein. „Ich finde den Zettel nicht mehr“, klagt der Tierarzt. Der Tierarzt müssen Sie wissen hält übermorgen einen Vortrag in Toronto und schreibt seit Tagen schon fluchend an seinem Vortrag. Nun hatte der Tierarzt also während ich schlief, einen Geistesblitz, einen Einfall dergestalter Natur, dass er diesen Gedanken auf ein gelbes Post-It notiert habe, um diesen ja nicht wieder zu vergessen. Dann habe er die Katze gefüttert und den Hund gekrault und als er sich umdrehte sei der Zettel verschwunden gewesen. „Ach was“, sage ich, „ein Zettel verschwindet nicht einfach so.“ Der Tierarzt greint. Dann suchen wir. Ich sehe in den Toaster und in den Ofen, ich durchwühle den Kühlschrank und hebe alle Teppiche an, ich sehe in den Schmutzwäschekorb und in die Kleiderschränke, der Tierarzt hebt alle Blumentöpfe an und durchwühlt die Besteckschublade, ich sortiere alle vortragsvorbereitenden Papierhaufen auf dem Küchentisch, der Tierarzt schüttelt alle Kissen auf, doch auch um 12 Uhr 30 bleibt der Post-It Zettel spurlos verschwunden. Der Tierarzt greint etwas von Weltformel, die er Unglücksrabe auf diesem Zettel notiert habe. Ich seufze, denn ich würde sehr gern Cottage Cheese mit Ananas essen und Milchkaffee trinken. Aber es hilft ja nichts, ich nehme einen Tritt und durchwühle draußen im Garten die Papiertonne. In der Papiertonne sind jedoch sehr viele, gelbe Post-It’s zu finden, denn ich notiere unter der Woche sehr viele, sehr banale Dinge und leider nie die Weltformel auf den Klebezetteln und grabe mich durch „ Buch abholen“, „Brief D.“, „Eier, Zucker, Mehl“ und das gleich bergeweise. Gerade als ich nach einem zusammengeknüllten Zettel taste, muss die faulste aller Katzen, die ganze Nachmittage verschläft zwischen meine Beine springen, ich verliere den Halt und falle kopfüber in die Papiertonne. Die Papiertonne kracht mit einem lauten „RUMMS“ nach hinten und der Deckel der Papiertonne knallt mir mit Schwung auf den Kopf. Der Tierarzt kommt aus dem Haus gelaufen: „Hast du den Zettel?“ fragt er mich noch Atem holend. Ich zähle sehr langsam bis 30 bevor ich aus der Papiertonne herausklettere. „Liebling, sage ich, „ich schlage vor du gehst jetzt und zwar jetzt sofort zu Kälbchen, bevor ich etwas sage oder tue , was ich nicht heute, oder morgen aber vielleicht in zehn Jahren bereuen könnte.“ „Der Katze sage ich, „kannst du gern den Weg in den Garten zeigen.“ Der Tierarzt verlässt den Garten rückwärts. Als ich das Papier zurück in die Tonne geschaufelt habe, ist das Haus leer und sehr, sehr ruhig. Der Hund hat sich in den Oberstock verkrochen. Die Katze sitzt mit verdrossener Miene im Garten. Ich fülle einen Waschlappen mit Eiswürfeln und kühle mir die angehauene Nase und Oberlippe. Dann endlich Milchkaffee. Ich zähle noch vier Mal sehr langsam bis dreißig, dann lässt das hartnäckige Gefühl die Sachen des Tierarztes auf die Straße pfeffern zu wollen nach. Ich hebe ein Sofakissen auf und bis die Milch warm ist, spüle ich die Teetasse des Tierarztes aus. Unter der Teetasse klebt ein gelbes Post-It. Darauf stehen vier erratische Abkürzungen. Ich klebe den Zettel mit Tesa auf der Tischplatte fest, mit Milchkaffee und einem Marmeladenbrot krieche ich auf das Sofa, auf dem sonst die Katze residiert und schließe die Augen. So fühlt sich die Freiheit an. Dann rufe ich die C. an und lasse mich von ihr trösten. Es ist 14.00 Uhr und der Tierarzt klopft sehr vorsichtig an. „Mädchen, es tut mir so leid.“ Aber ich sage nichts, sondern schiebe sehr, sehr langsam, so wie die italienischen Mafiosi im Film, den Zettel zu ihm herüber. Der Tierarzt wird wirklich rot. Ich lege mich noch einmal hin und der Tierarzt bringt endlich diesen Vortrag zu Ende.
Dann packt der Tierarzt seinen Koffer. Ich sehe ihm zu und lese ein bisschen in Sally Rooney’s „Conversations with Friends“ herum. Zu meiner Überraschung ist mir das Buch ziemlich egal. Dann laden wir Koffer und Tasche in den treuen, alten Volvo und ich fahre den Tierarzt zum Flughafen. Der Tierarzt streicht sehr vorsichtig das Haar hinter meine Ohren als wir vor dem Check-in Schalter von British Airways stehen. „Mädchen“, sagt er „darf man dich denn küssen?“ Ich nicke und irgendwann pfeifen die Jugendlichen, die des Spracherwerbs wegen nach Spanien fahren. Der Tierarzt gibt seinen Koffer auf und ich fahre zurück aufs Dorf. Am Hafen sehe ich auf die Segelschiffe. Klabautermannwetter, denke ich und bete für das Dach. Zurück zu Haus, esse ich Cottage Cheese mit Ananas und hole neue Eiswürfel aus dem Gefrierfach, als ich mit der Zeitung in Richtung Sofa wanke, rückt die Katze respektvoll zur Seite und der Hund kaut auf einem Gummiknochen. Als ich aufwache ist es 19 Uhr, ich rieche an den Rosen und als ich nach oben sehe, fliegt ein Flugzeug genau über dem Haus hinweg. Ich winke dem Tierarzt hinterher.

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Sonntag

Um fünf Uhr rufe ich mein Schwesterchen an. Schwesterchen wohnt in London mitten in der Stadt. Schwesterchen seufzt und dann schweigen wir lange am Telefon und ich höre lange und ganz genau meiner großen Schwester beim Atmen zu. Es gibt nur wenig Geräusche die mich so beruhigen wie das ein- und ausatmen meiner Schwester. Atem holen, wenn einem schon die Worte fehlen, nach dieser Nacht.

Um 6 Uhr gehe ich hinunter zum Meer. Grau und kalt ist das Meer und auch als ich in die kalten Wellen laufe, das Wasser über meinem Kopf zusammenschlägt und ich hinausschwimme in die morgenkalte See bin ich anders als sonst nicht getröstet vom Wind und dem salzigen Wasser, der rauschenden Brandung und dem weiten Himmel über mir. Nur kalt und taub krallt sich das Wasser an meine Fersen und als ich schließlich schon fast wieder das Ufer erreiche, zieht mir eine Welle den Boden unter den Füßen fort. Vielleicht ist das die gefürchtete neunte Welle. Ich habe nicht genug Atem und nicht die richtigen Worte, die Welle zu fragen. Am Strand bohre ich die Füße in den kalten Sand. Der Muschelkalk knirscht unter meinen Füßen. Ein scharfe Muschel schneidet mir die Fußsohle auf. Ich sehe nicht hin, sondern laufe einfach weiter und weiter, bis zu mir nach Haus.

Der Tierarzt und ich tragen den Tisch in den Garten. Das bunte Tischtuch flattert im Wind. Sonnenschein und Vogelzwitschern. Dabei verlangt so ein Tag doch nach tiefen, grauen Wolken und schwarzen Regentropfen. Ein großes Tuch der Trauer müsste sich doch über die Erde legen, ein Tuch so dicht und von so unendlicher Größe, dass die Welt innehielte, sich nicht weiterdrehte, stehenbliebe unweigerlich und unverrückbar und sich die Trauer, die Verzweiflung und die Schmerzen zwischen Kabul und London Bahn brechen könnten. Die Welt selbst bliebe stehen und legte ein schützendes Tuch über die Toten.
Der Himmel aber bleibt blau, ich gieße Tee auf und der Tierarzt sitzt auf dem Küchenstuhl und hört die Nachrichten im Radio. Wir haben keinen Fernseher und das Internet hier auf dem Land reicht mit ein bisschen Glück für einen geschrieben Text, aber nicht für ein Bild. So sitzen wir vor dem Radio und der Tee wird kalt. Das Tischtuch flattert im Wind. Wir tragen die Teetassen hinaus und sehen schweigend in die große Kastanie, Blätterrauschen, Rosenblüten fallen auf den Tisch und in der Küche noch immer die Stimme des Radiosprechers: die neuesten Erkenntnisse. Wir drehen die Teetassen in unseren Händen. Im Kirchhof, der an den Garten grenzt läuft der Priester wieder und wieder an der Mauer entlang, vorbei an der langen Reihe verwitterter Grabsteine. Hier liegt James O’Neill, Carpenter, Verdun 1916, der Priester bliebt stehen und sieht lange auf die verwitterte Tafel und James O’Neill. Schließlich kommt er zu uns herüber. Ich hole eine dritte Teetasse. Der Priester schüttelt den Kopf: „Ich muss etwas sagen, ich muss etwas sagen in der Predigt, ich weiß nicht was ich sagen kann.“ Wir nicken und der Priester zeigt mit dem Kopf herüber zu James O’Neill, Carpenter, Verdun 1916. „Nachgesehen, habe ich einmal sagt er, was es auf sich hatte mit jenem James O’Neill und einen Brief habe ich gefunden, den letzten Brief vielleicht an seine Mutter, er schrieb ihr: Mutter, dieser Krieg wird niemals enden, denn es gibt zu viele Lebende. „Der Priester schlägt die Hände vor die Augen. Wir schweigen still. Die Lebenden und die Toten. Der Priester ringt nicht nur nach Worten, der Priester in den langen, einsamen Runden um den Kirchhof herum, ringt um G*tt. Von fern die Radiosprecherstimme, wieder wird der Tee kalt und der Tierarzt und ich stehen vor der Platte für James O’Neill, stehen still vor den Toten dieser Nacht, die so lebendig waren, wie James O’Neill, der dem Krieg nicht entkommen sollte.

Ich schneide einen Strauß gelber Rosen ab. Dann fahren der Tierarzt und ich ins Krankenhaus. Eine Freundin von ihm liegt im Sterben. Leukämie. Ich lege ihr Rosenblüten in die Hände. Wir sitzen neben ihr und der Tierarzt hält ihre Hand. Das Zimmer ist hellgelb gestrichen, die Sonne taucht ihr Gesicht in goldenes Licht und der Tierarzt erzählt ihr flüsternd von einem spannenden Fall in dem ein Wolf an Heimweh erkrankte. Es ist eine lange und komplizierte Geschichte und doch ist mir als sei ihr Händedruck fester als vorher, als wolle sie den traurig-erschütterten Wolf selbst einmal gründlich examinieren und vielleicht gar dem Tierarzt aus der Verlegenheit zu helfen, kein Rezept zur Heilung eines untröstlichen Wolfes zu haben. Der Tierarzt küsst ihre Hand und dann gehen wir schweigend durch das fast leere Krankenhaus zurück auf den Parkplatz. Keiner von uns will den ersten Satz sagen. Keiner will sagen, was wir beide wissen, seine Freundin wird nicht mehr aufwachen, nicht heute, nicht morgen und auch nicht bald.

Dann fährt der Tierarzt mich in die Stadt, ein anderes Krankenhaus, eine neue Nachtschicht. Regen zieht auf und ich steige aus. „Gib auf Dich acht“, sagt der Tierarzt. Ich nicke. „Bis morgen früh“, sage ich , steige aus und laufe los.

Am Ende der Nacht

Am Ende der Nachtschicht schlägt das Wetter um und als ich um kurz nach fünf Uhr nach oben sehe, ziehen dunkle Wolken zusammen und schon fällt der Regen. Zehn Minuten später aber kommt der Tierarzt mit dem alten, treuen Volvo um die Ecke gebogen, um mich einzusammeln. Immer will ich dem Tierarzt sagen, dass er nicht um vier Uhr aufstehen muss, um mich um fünf Uhr einzusammeln, aber nie will der Tierarzt etwas davon hören. Immer fühle ich mich schlecht, denn noch nie war ich um fünf Uhr fertig und der Tierarzt wartet immer geduldig, bis ich schließlich müde um die Ecke biege. Auch heute ist es eigentlich schon dreiviertelsechs und der Tierarzt liegt auf der Rückbank und schläft. „Tierarzt!“ klopfe ich vorsichtig gegen die Fensterscheibe und der Tierarzt wacht auf: „Mädchen, da bist du ja.“ Ich nicke und dann tun der Tierarzt und ich, beide so als sei er gar nicht eingeschlafen und gerade eben erst vor fünf Minuten quasi um die Ecke gebogen. „Ich konnte ohnehin nicht schlafen, sagt der Tierarzt und ich tue so als würde ich ihm glauben. Ich werfe die blutigen Arbeitshosen, die Tasche und die schwere Jacke in den Kofferraum und der treue, alte Volvo fährt langsam los. Ich lehne mich mit dem Kopf gegen das kühle Fenster. Alles spült der irische Regen davon, Apfelblüten, Bananenschalen, gebrauchte Spritzen, leere Chips-Tüten, einen halb aufgeweichten Koffer gar, Zeitungspapier, Hundekot, Glasscherben und Bierbüchsen, einen hohen Damenschuh,nur die Nachtschicht spült es mir nicht von den Knochen, sondern immer wie früher im Biologieunterricht wenn die Lehrerin den Film, falsch herum in den Projektor legte und der Film: „Kakteen Nordafrikas “ eben von hinten nach vorn abschnurrte, läuft mir die Nacht in umgedrehter Reihenfolge vor den geschlossenen Lidern ab. Damals zeigte niemand in der Klasse auf, denn der Film kam so regelmäßig zum Einsatz wie die Lehrerin vergaß den Unterricht vorzubereiten. So ähnlich also läuft die Nacht noch einmal vor meinen Augen zurück, verheddert sich, ruckelt vorwärts, überspringt Anfänge und lässt sich nicht anhalten. Glasscherben in Füßen, ein geplatztes Auge, der Geruch von zu viel Wut auf zu viel Alkohol, ‚Wohlstandseinsätze‘ nannte das einmal ein Kollege, der irgendwann die Bilder nicht mehr zum Anhalten brachte. Ich lehne den Kopf lieber an das kühle Fenster, der Film zeigt: eine Braut mit gebrochenem Fuß, ein Bräutigam, nicht der, der Braut mit gebrochener Nase, ein verwirrter Mann auf der Straße umherirrend, ein betrunkenes Mädchen, die in ihrer bis obenhin mit Erbrochenem gefüllten Handtasche nach einem Deo-Roller sucht, bevor sie sich schluchzend auf mich übergab. Immer an irgendeinem Punkt reißt der Film, damals im Klassenzimmer und heute auf der Straße, dann sind da nur noch Scherben und das Blut auf meinen Hosen. Vielleicht schlafe ich darüber ein, vielleicht auch nicht. Aber dann muss der Tierarzt anhalten, denn der Regen, der eben noch der lang schon gewohnte, ewige irische Regen war, hat sich zu einer grauen Wand verdichtet, hinter der man nichts mehr sieht. Ein Parkplatz, völlig leer nur ein Lastwagen mit Milch rangiert vor und zurück. Der Tierarzt legt mir eine Hand auf den Arm und küsst mich auf die Stirn, die Augenbraue, legt mir seine Lippen auf den Mund und ich lasse meine Lippen einfach liegen, einfach so. „Du bist wieder da.“ sagt der Tierarzt als er Atem holen muss. Er meint: „Komm zurück.“ „Kommst du zurück?“ Ich bewege meine Lippen nicht.
Draußen rauscht der Regen an uns vorbei und der treue, alte Volvo, eine Art von Arche. Vor uns dieser dichte, schwarze Himmel, hinter uns, über uns und gegen uns, rauscht der Regen und der Tierarzt schiebt seine Hand unter meine Rippen. „Komm zurück.“ Ich lege mein Gesicht auf seine Hand. Der Milchlastwagenfahrer flucht und als eine Windböe, eine Lücke in die schwere Wolkenwand reißt, fahren wir weiter und endlich nach Haus. Im Dorf schließt die Frau des Krämers den Laden auf, wir halten nicht an und endlich schließt der Tierarzt die Haustür auf. Zuhause ist alles so wie vor der Nacht. Die Zeitung liegt noch immer ungelesen auf dem Tisch. Die Katze schläft in den Wetterfleck des Tierarztes gewickelt selig auf dem alten Sessel. Die Standuhr ist wie immer genau um 4.25 Uhr stehen geblieben, und im Obstkorb liegen noch immer vier Orangen, drei Bananen und zwei glänzende, rote Äpfel.Ein Bücherstapel. Es riecht nach Regen und Tee, dem Lodenmantel des Tierarztes, Lavendelseife und dem Hefezopf, es ist alles wie immer und doch ist nach der Nacht immer auch alles anders. Ich ziehe die Schuhe aus, der Tierarzt zieht mir das T-Shirt aus, knöpft sich das Hemd auf, zieht mich aus den Hosen, macht den Gürtel auf und hält mich unter der heißen Dusche fest,Schaum in den Haaren, den Augen, Zitronenduschgel auf dem Rücken und der Tierarzt lässt seine Hände auf meinen Hüften noch immer nicht los. Einmal, ein einziges Mal nur bestehe ich nicht auf Frühstück, jetzt, sofort, sondern lasse mich vom Tierarzt in ein dickes Handtuch wickeln. „Komm Mädchen“ sagt der Tierarzt und zieht mich die Treppe hinauf und hält mir das Nachthemd hin, aber ich schüttle den Kopf und krieche einfach mit unter sein T-Shirt, das ist lang genug, denn gegen die zweimeterundachtzentimeter-Tierarzt bin ich mit einmeterundsiebenundsechzigzentimern durchaus unterschlupfberechtigt. Ein Glas Wasser.Der Tierarzt nickt und zieht mich zu sich heran. Ein T-Shirt, zwei Decken und wieder sucht der Tierarzt meine Rippen und ich lege meinen Kopf an seinen Hals. Ich stelle den Wecker auf zwölf Uhr und der Tierarzt streicht mir mit der freien Hand über den Kopf. „Komm Mädchen, schlaf ein“ sagt der Tierarzt, aber vielleicht irre ich mich auch, vielleicht hat der Tierarzt auch noch einmal „Komm zurück“ gesagt, denn ich bin so müde, von der Nacht und von all den Filmen, die langsam und verdreht rückwärts, vorwärts, abgerissen durch meinen Kopf zu laufen begannen. Das letzte was ich sehe, ist das graue, schäumende Meer und die dicke schwarze Regenwand, der Regen oder das ganze Meer, so genau weiß ich es nicht,läuft über die Fensterscheiben. Dann legt der Tierarzt seine Hand über meine Augen. „Komm zurück Mädchen, komm doch zurück.“