Im Schnee

img_1015-1Mit dem Winter und mir ist es ja so eine Sache. Aufgewachsen in Breiten in denen es oft seit Jahrzehnten nicht mehr geregnet hat und niemals schneit, ist der Winter mir mit seiner klirrenden Kälte, Schnee und spiegelglattem Eis immer fremd geblieben. Mich schaudert davor mit einem Schlitten, Berge herunterzurasen und mögen andere von Skiabenteuern schwärmen, sehe ich riesige Lawinen die Abhänge herunterrasen, die Bäume umknicken, nur um schliesslich auch Skifahrer wie Streichhölzer zu zerdrücken. Niemand konnte so wie Onkel A. vom Mädchen mit den letzten drei Schwefelhölzchen erzählen, noch heute erinnere ich wie mir frostige Schauer über den Rücken liefen, deklamierte er, dass sie nun gar kein Hölzchen mehr habe und meine Großmutter, die mir vom bucklicht Männlein und dem flackernden, blauen Irrlicht las, trug ihr übriges dazu bei, dass ich mir die Hölle nie als glühenden Kessel vorstellte, sondern immer als einen Palast aus Eis und Schnee, in dem die Einwohner nicht als Eiszapfen lutschen und vor Lawinen flüchten, aber natürlich angeführt vom Irrlicht im ewigen arktischen Eis verloren gehen.

So nimmt es nicht Wunder, dass schneit es selbst im flachen Berliner Randgebiet, mein Bein zuckt, selbst wenn die Uhr erst 5.15 Uhr zeigt. Vor meinem inneren Auge sehe ich Fußgänger auf dem Schnee vor der Straße ausgeleiten und mit verdrehten Gliedern um Hilfe schreien, Schulkinder schlagen sich die Nasen blutig und der von mir meist gehassteste Radfahrer Berlins, der grundsätzlich auf dem Fußweg fährt und anstatt zu klingeln, plärrt: „Hey, Sie Ziege, Platz da“ fällt kopfüber in eine Schneewehe und ich kann, sollte dieser Fall eintreten nicht dafür garantieren, dass ich ihm milde und nachsichtig aufhelfe. So hülle ich mich in Mantel und Schal und steige in ein Paar Stiefel, die so aussehen als sei Rübezahl in ihnen über das Riesengebirge gestiegen und kehre Schnee und streue Sand. Ganz still liegt die Straße im dichten Schnee und die Welt hat etwas Gedämpftes. Ganz hinten dort wo die Straße auf die Rehwiese mündet, flackert ein blaues Licht und bestimmt will mich das bucklicht Männlein in eine Tannenschonung locken. Aber dann gerade als ich mich vergewissern will, kommt der Nachbar zur Linken aus dem Haus. Er flucht. Er flucht sogar sehr. Sein Auto nämlich, auch genannt das Schlachtschiff, ein sehr, sehr alter Mercedes hat ein eingefrorenes Schloss. Nachbar sage ich, warten sie, ich hole T1-Spray. Wer T1 Spray und Tampons in der Tasche hat, ich schwöre ihnen überlebt selbst eine Nacht in der Lawinen dräuen und die Pinguine tanzen. Natürlich lässt das Schloss sich problemlos öffnen und freudig braust der Nachbar davon. Natürlich braust der Nachbar nicht, denn auf dem Schlachtschiff prangt ein roter Aufkleber: „Ich fahre nicht schneller als 100 km/h. Das nicht ist doppelt unterstrichen. Sollten sie also Fragen zum Benzin sparen haben, mit dem dem Nachbarn zur Linken können sie auch das abgelegenste Skigebiet mit minimalem Verbrauch erreichen. Dann aber ist es sechs Uhr und ich muss Frühstück richten für die Vogelgesellschaft die allmorgendlich auf dem Balkon erwartungsvoll die Schnäbel reckt.

Am Nachmittag klingeln die Kinder von nebenan. „Duuuuuu Read On“ können wir in deinem Garten, einen Schneemann bauen?” “Jaaaaa”, sage ich und dann kommt F. Der F. will auch einen Schneemann bauen und will natürlich, dass ich auch einen Schneemann baue. Ich steige wieder in die Rübezahlstiefel. Natürlich baut niemand einen Schneemann, sondern biege ich um die Ecke, fliegen mir lauter Schneebälle unter Gekicher entgegen. Angeführt wird die Bande natürlich von F. Ich werfe also Schneebälle und der F. schaufelt wie ein Besessener Schneebälle, die er der Kinderschar als Munition anreicht. Irgendwann liege ich im Schnee auf mir hüpfen sieben Kinder und F. springt wie ein Berserker um mich herum und kreisch,: „Ergib dich der Übermacht!“ “Niemand denke ich, während ich versuche ein Kinderknie aus meinen Rippen zu entfernen, ist so sehr acht Jahre alt wie Du F.” und für einen kurzen Moment denke, wie es wäre wenn, aber das verbietet sich von selbst, denn wenn ist schon lange vorbei.

Dafür lerne ich, dass wer von einer Schneeballarmee besiegt wird, Kakao und Waffeln anrichten muss und bald sitzen sieben Kinder und als achtes F. mit roten Wangen, vor Kakaotassen und verschlingen Waffelberge. Erzählst du uns eine Geschichte Read Ooooooon?, fragen sieben Kinder und natürlich F. Schon bald also sind wir nicht mehr in Berlin, sondern folgen dem bucklicht Männlein mit seiner flackernden Laterne und irgendwo im Riesengebirge treffen wir Rübezahl, den Herrn der Berge , der Lawinen schleudert, den Wilddieb verfolgt und noch im tiefsten Schneesturm- selbst ohne T1 Spray niemals verloren ist. Schließlich klopfen die Eltern und für einen Moment glauben sieben Kinder und auch der F., dass der Berggeist selbst Einlass begehrt. Dann beginnt es wieder zu schneien und ich nehme noch einmal Besen und Sandeimer mit vor die Tür.

Seitenscheitel

Am Freitag Morgen sitzt F. der freundliche Gefährte früherer Tage mit grimmiger Miene am Frühstückstisch und besieht sich im Teelöffel. Alles in Ordnung F.? frage ich also über den Rand der Zeitung hinweg, denn der ehemalige, geschätzte Gefährte hieße nicht so, läge mir sein Wohlergehen  nicht am Herzen. Der F. rauft sich die Haare. Der F. nämlich hat anders als ich nicht Haar wie ein Shetlandpony, das störrisch fällt wie es will, sondern einen Lockenkopf, der jeden Satyr vor Neid erblassen ließe. Gestern aber fuhr sich F. missmutig durch sein prächtiges Haar und befand, dass diese Locken zu unernst, ja unseriös wirkten und keinesfalls dazu geeignet seien, bei anderen Chefärzten, dem Verwaltungsdirektor, oder gar einem geschniegelten Vertreter der Ärztekammer einen festen, ernsthaften und seriösen Standpunkt zu vertreten. Ich falte die Zeitung zusammen und sehe dem F. beim Haare raufen zu. Ach, F. denke ich, Du, der du für die Kinder im Krankenhaus einen Luftballon hinter dem Ohr hervorzauberst und mit den Reinigungsfrauen schäkerst bis sie erröten wie die jungen Mädchen, du der du mit den alten Patientinnen, auf die Toilette gehst, weil die Schwester doch auch nach dem dritten Klingeln nicht kommt und dabei so hartnäckig mit ihnen flirtest, dass sie dir sagen: „Aber nicht gucken, junger Mann!“, du wirst doch niemals ein grauer Anzugträger werden mit glattem Haar und glitschigem Charakter. Weißt du nicht mehr, wie du nach einer diesen Höllenschichten, nach Hause kamst, um mich für eine Patientin, die das Krankenhaus nie wieder verlassen würde, einen Kuchen backen ließest? Du, der du den weinenden Schwesternschülerinnen erst Kakao und dann Nachhilfe im Kathederziehen oder Zugang legen gibst, glaubst es komme auf die Haarlänge an? Aber wohlweislich, nicke ich Dir nur zu, seufze mit dir und laufe los, denn der Tag wartet auch nicht auf mich. Spät am Abend, liegt ein Zettel auf dem Tisch: Friseurtermin, 17 Uhr, aber 17 Uhr ist lange schon vorbei, du im Krankenhaus und ich mit anderen Dingen befasst. Am Samstag Morgen schläfst du noch. Ich fahre auf den Markt und ratsche mit Herrn Yilmaz, kaufe Käse, Brot und einen Topf mit Traubenzillas. Dann treffe ich die B. auf ein Stück Torte und als ich zurück nach Hause komme, sitzt du am Schreibtisch. Von hinten siehst du aus wie ein frischgeschorenes Lamm. Sehr seriös sage ich, jeder Verwaltungsdirektor wird vor dir auf die Knie sinken und keine einzige Stelle einsparen. Der F. aber ächzt. Wo einmal wilde Locken waren, ist jetzt ein strammer Seitenscheitel. Der F. sieht mich unglücklich an. Vor ihm auf dem Schreibtisch steht das aufgeklappte Notebook. Der F. googelt Hitlerbilder. F. sage ich nun doch verwundert:“Warum googlest ausgerechnet du Hitlerbilder?“ Der F. ist starr vor stummen Entsetzen. Er deutet auf den Seitenscheitel und dann auf ein Hitlerbild. „Siehst du es nicht?“, fragt er mich mit vor Empörung bebender Stimme. „Was?“ frage ich und verräume den Käse in den Eisschrank und das Brot in den Kasten. Der F. befühlt den Scheitel und sieht erneut auf die zahlreichen Hitlerbilder. „Der Scheitel“ wispert er schockstarr, „ist doch exakt der gleiche“ und deutet mit zitternder Hand auf das Notebook bevor er sich den Kopf befühlt. Ich stelle die Traubenzillas auf die Fensterbank und der F. erhebt sich taumelnd und wankt ins Bad. Der Badezimmerspiegel zeigt ein Schaflamm mit hoher Stirn. Der F. aber nun geschlagen von höheren Mächten sinkt auf den Badewannenrand und flüstert: „Ich sehe aus wie Adolf Hitler.“ Ich versuche mehr zu hüsteln als zu kichern und erinnere das traurige Schaflamm auf dem Wannenrand an die Uhrzeit. Der F. taumelt zu Tasche und Kittel und verflucht sein Spiegelbild. „Eindeutig Hitler“ murmelt er, bevor die Tür hinter ihm ins Schloss fällt. Aber sorgen sie sich nicht, so sie sich heute auf einer Aufnahmestation einer großen Berliner Klinik befinden sollten. Der nun streng gescheitelte und kurzgeschorene daher gehende F. hat keine bösen Absichten und fasst er sich hinters Ohr zieht er keine bösen Pamphlete dahinter hervor sondern nur einen Luftballon, ob sie nun, acht, achtundzwanzig oder achtundachtzig Jahre alt sind oder gar als Verwaltungsdirektor befinden viereinhalb Minuten pro Patient seien doch ausreichend genug.

Worüber ich rede, wenn ich über Sex rede

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Meine liebe C. ist Ärztin in der kleinen Stadt in der schon meine Großmutter Ärztin war. Die C. behandelt den Jäger, der mit der Schrotflinte Unfug trieb, nimmt sich Zeit für die Mütter, die nicht mehr weiter wissen mit dem schreienden Kind und hat auch für die alten Leute, für die der Arztbesuch, oft die einzige Art des sozialen Kontakts ist, immer Zeit. Die C. steht nachts halb zwei auf und sieht nach dem Herzinfarkt, der sieben Schnäpse, aber sonst nichts im Magen hat und vor dem Frühstück hat die C. schon Erbsen aus der Nase gezogen und verrenkte Schultern gerichtet.

Vor etwas über einem Jahr rief die C. mich an und sagte: „Süße, ich brauche deine Hilfe.“ Wie in so viele kleine und größere Städte kamen nämlich auch in diese Stadt, Flüchtlinge. Es sind die übrigens nicht die ersten Flüchtlinge, die in die kleine Stadt kamen, in den 1990er Jahren kamen die Spätaussiedler, die die Bewohner aber nur die Russen nannten. Damals nämlich fragte meine liebe C. meinen Vater um Hilfe, der des Russischen kundig, Schilder malte, die den Neuankömmlingen halfen sich in der Praxis zurechtzufinden. Das wichtigste Schild war: „Bitte kommen sie nüchtern zur Behandlung.“ Mein Vater malte einen Bären, der mit brummendem Schädel vor lauter leeren Flaschen saß und später als die Schilder abgenommen werden sollten, entbrannte Streit unter den Spätaussiedlern, wer das Bild bekommen würde- aber schon schweife ich ab- in der Zwischenzeit heiratete mein Vater ( oh, der Glückliche ) die liebe C. und es verging Zeit so wie sie eben vergeht, bis zu jenem Anruf der lieben C.
„Süße“, sagte die C. also, ich brauche deine Hilfe. Könntest du Schilder auf Arabisch machen, nach Art des Praxisleitfadens, den wir damals für die Spätaussiedler hatten? Ich machte Schilder und die C. verlängerte die Müttersprechstunde.
Das ging eine Weile so und manchmal rief die C. an und ich übersetzte ihr, was die Flüchtlinge eben nur auf Arabisch sagen konnten. Nach der Kölner Silvesternacht, rief der Bürgermeister die Leute der Stadt zusammen, die mit Flüchtlingen zu tun haben. „Wir wollen hier kein Köln“ sagte der Bürgermeister, wie Bürgermeister eben so etwas sagen. Es kamen viele Vorschläge zusammen, die alle mehr oder weniger mit Sicherheit zu tun hatten und bei mir klingelte wieder das Telefon: „ Süße, sagte die C. ich brauche noch einmal deine Hilfe.“ Könntest Du dir vorstellen, dass Du deine Aufklärungssprechstunde auch bei mir in der Praxis machst?“
Ich lachte. „Sicher“, sagte ich und seitdem mache ich einmal Monat genau das. Ich sitze in der Praxis und auf lauter bunten Stühlen sitzen Männer um mich herum und wir reden über Sex. Damals als ich vor vielen Jahren in Indien als die kleine Slum-Klinik noch viel kleiner war als heute mit der Frage konfrontiert war, wie sich den rasend hohen Vergewaltigungsfällen begegnen lässt, kam ich auf die Idee, Sexualkunde zum Thema zu machen. Ich mache es bis heute, aber das ist schon wieder eine andere Geschichte.
In der kleinen , deutschen Stadt jedenfalls montierte der Schlosser einen zusätzlichen Briefkasten neben den Eingang der Praxis und jeder der will und mag kann seine Frage aufschreiben, dort- anonym- hineinwerfen und wenn wir dann alle versammelt auf den Stühlen sitzen, und alle Männer auf den Boden starren, beantworte ich die Fragen. Bevor aber auch nur die erste Frage beantwortet wird, erkläre ich wieder und wieder die männliche wie die weibliche Anatomie.
Ich weiß nicht in vielen Sprachen ich Penis und Vagina sagen kann, aber es sind sehr viele. Es ist für viele Männer übrigens nicht nur Flüchtlinge ein Schock, aber auch ein befreiender Moment ihre Geschlechtsteile richtig benennen zu können. Das mütterliche Schniedelwutz und das kumpelhafte F*ckkanone das es in allen Sprachen gibt, ist nämlich mehr als hinderlich, um Wünsche und Bedürfnisse zu formulieren. Ich singe ein ewiges Mantra davon, dass der Penis kein Knochen ist, was fast alle Männer fest annehmen und wieder und wieder spreche ich darüber, dass ein Penis der hart ist wie Stahl kein anatomisches Merkmal, sondern ein nicht ( hahahaha) weichzukriegender Mythos. Ich male einen Frauenkörper auf ein großes Blatt Papier und lasse einen jeden zeichnen, wo die Vagina ist. Die meisten vermuten sie auf Höhe des Bauchnabels.
Wieder und wieder versuche ich zu erklären, dass sexuelle Bedürfnisse etwas völlig normales sind, nur man muss sie steuern lernen und Menschen haben eben sehr unterschiedliche Bedürfnisse. Es geht um Verhütung und Infektionskrankheiten und immer wieder um den Versuch darüber nachzudenken, wie man Intimität eigentlich herstellt. Es geht um die Frage: Wie spreche ich jemanden an und auch wann ziehe ich mich eigentlich aus.
Nein, leicht ist das nicht immer und vor allem in den ersten Stunden redet man gegen eine Wand aus Gekicher, Zungenschnalzen, Zoten und „warte bis du meinen gesehen hast“ an. Natürlich rufen mir viele auf der Straße Fräulein Fikki-Fikki hinterher. Man zahlt für das was man tut einen Preis und man hat mir schon viel schlimmere Dinge gesagt. Es mir ernst.
Die Fragen und ja ich beantworte alle, sind sobald sie aufhören Zoten zu sein, meistens braucht es ein Vierteljahr, lehrreich. Eine Auswahl:
Woran erkennt man, dass eine Frau Sex will?
„Aus dem Penis meiner Freundin kommt ein weißes Sekret- was heißt das ?
Wenn ich Sex in der Badewanne habe, brauche ich dann ein Kondom?
Ich habe unreine Haut/ bin kurzsichtig/ habe starken Haarwuchs / esse gern Gurken-masturbiere ich zu viel?
Ich träume von Oralsex: bin ich pervers?
Der Penis meines besten Freundes ist zwei Meter lang-warum ist meiner so klein?
Mein Vater sagt Frauen wollen hart rangenommen werden-stimmt das?
Mein bester Freund sagt, er hat jeden Tag zwei Stunden Sex?
Mein bester Freund sagt er hat sieben Stunden lang eine Erektion
Wird mein Penis härter reibe ich ihn mit Sperma/ Kokosöl/Klebstoff ein?
Ich hatte noch nie Sex-Bin ich unnormal?
Wie oft kann ich ein Kondom benutzen?

Die Reihe ließe sich ins Unendliche fortsetzen- Was ich gelernt habe aus den Fragen ist, vor allem die tiefe Verunsicherung nicht normal zu sein und nicht gängigen Klischees pornographischer Darstellungen zu entsprechen. Sexualität ist noch immer vor allem Vergleich, der sich in dem Moment erübrigt in dem jeder Einzelne verstanden hat, was sein Penis kann und mehr noch was alles nicht. Beantworte ich die Fragen aus dem Zettelkasten ist es immer ganz still und manchmal zeigt jemand auf und sagt: „Das wollte ich auch schon immer fragen.“
Nein, ich frage nie: nicht nach sexuellen Wünschen, nicht nach Ausrichtungen, nicht nach Erfahrungen. Das Fräulein Read On ist ein pragmatisches Fräulein und lässt Männer, auch üben ein Kondom aufzurollen und wieder abzuziehen. Bananen eignen sich dafür immer noch am besten. Die sind vor allem auch nicht aus Stahl. Nein, ich werde nie rot, auch wenn den Männern noch so sehr die Ohren glühen.

Ich finde es ja eklig, was du da machst“, sagen viele Freunde, Männer wie Frauen zu mir, erfahren sie was ich da mache „Mit lauter fremden Männern“, sagen sie und schütteln sich. „Igitt“, sagen die Frauen und Männer dann oft. „Schämst du dich nicht?“ Nein, sagte ich und schüttle den Kopf. Ich schäme mich nicht. Ich weiß nicht, wie oft ich in den letzten zehn Jahren gefragt worden bin, ob ich mich nicht schäme. Aber damals als ich in Indien mit einer Aufklärungssprechstunde begann, da fragte ich vorher meine Großmutter, was sie davon hielte: „Man muss tun, was getan werden muss“, sagte meine Großmutter, die 1922 geboren ohne rot zu werden, mir erklärte was der Unterschied zwischen Penis und Hoden ist.
Dem Zweifel sei entgegnet, dass sexuelle Gewalt stumm macht und das Vergewaltigung Scham und Schweigen über die Opfer bringen will. Solange man über Sex spricht und nachdenkt, beherrscht sexuelle Gewalt das Terrain nicht allein.

Nach zehn Jahren Reden über Sex weiß ich übrigens, die die am lautesten Fikki-Fikki schreien, schämen sich bald am meisten und bringen irgendwann Blumen. Der Junge, der vor zehn Jahren Steine im Slum nach mir warf, zog seinen kleinen Bruder fest am Ohr, als er nicht in die Aufklärungssprechstunde kommen wollte. Zweifellos bleibt nicht nur in Indien viel zu tun, aber im letzten Jahr ist im Slum in dem die kleine Klinik steht, keine Frau mehr im Straßengraben gefunden worden. Aber wie gesagt, das ist schon wieder eine andere Geschichte.

Der junge Mann, der in der kleinen Stadt am lautesten pöbelte, kicherte und hoffte, er brächte mich doch endlich in Verlegenheit, hat inzwischen eine Freundin und wieder rief die C. mich an: „Süße, sagte sie, er hat mir Grüße an das Fräulein Read On aufgetragen, irgendwann will er auch mal Sexologe werden so wie du.“ Dann müssen wir beide lachen. Von fern aber höre ich meine Großmutter sagen: „Man muss tun, was getan werden muss.“ So einfach ist das und auch so schwer.

Ein weißes Hemd

Der ehemalige geschätzte Gefährte, der liebenswürdige F. sitzt mit einigermaßen finsterer Miene am Frühstückstisch. „Ich bin sagt der F., als kommissarischer Chefarzt berufen wurden. “Mazal tov! F.”, sage ich und erinnere mich wie wir, so lange ist das noch gar nicht her, für die Facharztprüfung lernten. Aber als ich das warme Brot auf den Tisch stelle, sieht der F. noch immer sehr finster drein. Das ist doch wunderbar sage ich und nicke dem F. aufmunternd zu. Der F. knurrt. „Ich habe keine weißen Hemden“, sagt er schließlich und als Chefarzt kann ich ja nicht mehr so herumlaufen und zeigt auf sein Polo-Shirt. Der F. trägt nämlich seit vielen Jahren unter dem weißen Kittel ein Poloshirt von Lacoste. In seinem Büro hängen weiter identische Poloshirts, selbst im Auto für Notfälle sozusagen liegt ein weiteres Poloshirt der benannten Firma bereit. Komme was wolle, mag Blut den F. bespritzen oder Kinder auf ihn speien, noch niemand hat den F. je anders als in gestärktem und auf Kante gebügelten Polohemden durch die Krankenhausflure eilen sehen. Jetzt aber schüttelt er sich vor heißem Degout. „So kann ich wirklich nicht mehr gehen, greint er und zupft am Poloshirt ( lindgrün) herum und schüttelt sich vor Ärger. Ich sehe ja aus wie ein Strolch, ein Scharlatan, jeder Barbier hat mehr Schick als ich und der F. schlägt jammernd die Arme über dem Kopf zusammen: „Schande werde ich über die Klinik bringen und man wird sagen, das Unglück begann mit dem Tag als der Chefarzt keine weißen Hemden mehr trug.“ “Überhaupt” sagt der F. “habe ich den Professor, noch nie in etwas anderem als einem weißen Hemd gesehen.” Ich esse derweil ein Marmeladenbrot, aber nicht mehr lange, denn der F. ist wild entschlossen, hier, jetzt und heute weiße Hemden zu erstehen. Wenig später also, ich esse das zweite Brot mit Brombeermarmelade eben im Gehen, sitzen wir im Auto und fahren stadteinwärts. Dann betreten wir das Lafayette und sehr zielstrebig eilen wir in die Herrenabteilung. Eine sehr freundliche Verkäuferin, die noch nicht weiß, was sie erwartet, nimmt sich unser an. „Ich suche “sagt der F. ein weißes Hemd.“ Die Verkäuferin strahlt. Wenig später, ich suche mir inzwischen eine Sitzgelegenheit, kehrt die Verkäuferin mit einem weißen Hemd zurück. „Nein”, sagt der F. und schüttelt den Kopf. “Dies sei kein weißes Hemd, dies ist eine Schande.” Die Verkäuferin nickt. Noch immer lächelnd bringt sie zwei, neue Hemden. “Aus Frankreich” sagt sie, “Seidenzwirn.” Der F. besieht die Hemden misstrauisch und probiert immerhin eines der Hemden an. Aus der Kabine tönt ein Klagelaut. “F. frage ich, ist alles in Ordnung?” Der F. tritt aus der Kabine hervor und schüttelt den Kopf: „Ich sehe doch aus wie ein drittklassiger Versicherungsvertreter!“ “Es gibt sehr nette Versicherungsvertreter” sage ich, aber der F. bedeutet der Verkäuferin, neue weiße Hemden hervorzuholen. Die Verkäuferin nun mit einem etwas angestrengterem Lächeln, bringt einen Stapel neuer Hemden. Alle sind weiß, glänzend, schön und neu. Hemd um Hemd probiert der F. an, nur um Hemd um Hemd zu verwerfen. “Der Kragen kneift, das ist kein Weiß sondern Creme, solch ein Hemd trüge ich nicht auf meiner eigenen Beerdigung , kein Hemd, sondern ein Zumutung, die Brusttaschen kratzen, die Ärmel sind mir widerlich, dieses Hemd hat keine Seele, ich sehe aus wie der Preisprüfer eines Kaninchenschauwettbewerbs, ein Lumpen von einem Hemd, dieses Hemd macht mir einen dicken Hals, in diesem Hemd habe ich eine Hühnerbrust, die Knöpfe sind jämmerlich, das Hemd fasst sich widerlich an”, sind nur einige der wenigen Bemerkungen, die der F. in den nächsten Stunden aus der Umkleidekabine greint, raunt, flucht und schnauft. Ich lese die Zeitung und die Verkäuferin schleppt inzwischen mit immer verzweifelterer Miene, unterstützt von einer Kollegin immer neue Hemden heran. Ein Hemd nach dem anderen aber wird vom F. als vollkommen inakzeptabel verworfen. Schließlich stürmt er verdrossen aus der Umkleidekabine heraus. „Hemden schnaubt er, kann überhaupt nur in London kaufen” und dann stürmt er davon.Ich packe die Zeitung ein, lächele die Verkäuferin an und kaufe zehn Hemden des ersten Modells. Schmaler Schnitt, blütenweiß, breiter Kragen, runde Knöpfe, Seidenzwirn aus Frankreich. Die Verkäuferin sieht mich an und räuspert sich: „Kompliziert, ja? „fragt sie, aber ich schüttle den Kopf, „Ach was sage ich, Sie waren noch nie mit ihm Schuhe kaufen.“ Dann suche ich den F. Der ehemalige, geschätzte Gefährte und kommissarische Chefarzt ist in der Lebensmittelabteilung und isst Macarons. „Die sind für dich“, sagt er und schiebt den Teller zu mir herüber. Ich überreiche ihm im Gegenzug die Tüte mit den Hemden.Später im Auto sieht der F. zu mir herüber.”Schreibst Du das alles in Internet?, fragt der F. seufzend. Ich nicke. Der F. seufzt noch einmal wie ein Galeerensklave.Dann sind wir endlich wieder zu Haus.

Der F. probiert die Hemden vor dem Spiegel an und dreht sich vorwärts, rückwärts und seitwärts, zieht am Kragen, öffnet und schließt die Knöpfe, bevor er sich endlich den weißen Kittel über das Hemd zieht.Damals in Göttingen dachte ich mit der Facharztprüfung sei das Schlimmste überstanden, wer konnte da schon ahnen, wie schwer es ist, wird man zum Chefarzt berufen. „Kommissarisch”, ruft der F. aus dem Badezimmer, “nur kommissarisch” und sucht nach Stethoskop, den Schlüsseln und dem Herold für Innere Medizin.

Ein neues Jahr

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Das Fräulein Read On wünscht Ihnen ein heiteres, gutes, neues Jahr!

Ach, denke ich mir und sehe auf das noch leere Kalenderblatt und noch einmal ach, denn der Neujahrsmorgen eben noch blau verzieht sich schon wieder und graue Wolken lassen mich gähnen. Ach, denke ich und strecke die Arme, wie schön wäre das jetzt einen Stapel Bücher einzupacken, in einen alten Überseekoffer zu stapeln, diesen gut festzuzurren auf dem Gepäckträger und dann führe ich einfach los. Natürlich fährt das Fräulein Read On ein höchst unpraktisches, im Grunde längst von den Straßen verbanntes Automobil. Groß ist es nicht, dafür aber natürlich furchtbar unpraktisch. Das Verdeck lässt sich nur mit Kurbel bedienen, das Auto kann natürlich nicht mit 200km/h durch Brandenburg rasen und es säuft Benzin wie einstmals die Kutschpferde, Hafer fraßen. Ein richtiges Oldsmobile also und wie dafür gemacht, und oh wie lange bin ich nicht dort gewesen, die südfranzösische Küste entlangzufahren. Endlich einmal wieder von Nice bis nach Port Bou fahren, nein gondeln, denn so ein Fräulein im Oldsmobile hat es nicht eilig. Lieber also die Landstraßen entlang und über die Raser nur müde lächeln. Lieber von einer alten Frau am Straßenrand einen Korb Kirschen kaufen, auf dem Markt am Samstag, völlig falsch parken und sehr lange zwischen den verschiedenen Törtchen schwanken. Die Männer des Ortes indes bewundern das Oldsmobile diesen treuen Gefährten. Endlich einmal wieder zurück nach Banyuls-sur-Mer und mit Buch in der Hand das Meer beschauen. Von Ort zu Ort also wandern, denn fahren mit dem Oldsmobile ist beschaulich und niemals überhastet zu nennen. Hier und da einen the la menthe trinken und im sommerlichen Morgenlicht einen Café au lait. Den Fischern winken und Mittags unter Zypressen schlafen, gut bewacht vom Mitfahrer, denn wichtig ist es auf Wanderschaft gute Begleitung zu haben. Reifen wechseln kann das Fräulein selber, aber unterhaltlicher ist doch, reist man mit Vorleser, der einem eine hübsche Geschichte, warum nicht auch eine alte ägyptische Sage verliest, hier und dann ein paar Bilder knipst und nicht abgeneigt ist, in den späten Abendstunden noch einmal über den Marktplatz zu schlendern. Ziel hätte die Reise keines, jeder Oldsmobilebesitzer kann ja nur den Kopf schütteln über die verwegenen Recken, die 900 Kilometer fensterblind rasen, lieber kauft man sich in Avignon ein hübsches Tuch, denn nichts ist lästiger als wehen einem die Haare fortwährend vor die Augen. Überhaupt muss man natürlich bis nach Monte Carlo fahren, denn einmal im Leben muss man wenn auch mit geschlossenen Augen, so lachen, so lieben und so fahren wie damals Grace Kelly, die zum Tuch sogar noch weiße Handschuhe trug, die ich leider nicht besitze. Dafür aber sind im Kofferraum neben Bücherstapeln und leichten Sommerkleidern, auch ein Set von Tennisschlägern aus Holz, denn bestimmt, gibt es zwischen Aix-en-Provence und Arles kundige Herren, die dann und wann, so ein Oldsmobile braucht ja auch Ruhepausen, vor dem Fünf Uhr Tee nichts einzuwenden hätten gegen eine Partie Rasentennis. Ein Oldsmobile das hat so seine Tücken, Montage zum Beispiel schätzt es wenig, deswegen bieten sich ausführliche Galerienbesuche an solchen Tagen an. Am wichtigsten aber, wie könnte es anders sein, ist es immer dann anzuhalten und niemand wäre verlässlicher als das alte und Fahrten erprobte Auto, sieht man eine Geschichte am Straßenrand stehen. Im Handschuhfach liegen natürlich Stift und Papier bereit und erst wenn die Notizen auch dem Krokodil behagen geht es weiter und weiter, immer nach Süden. Ihnen also, ein solches, neues Jahr, nicht zu schnell mag es an Ihnen vorbei rauschen, ich hoffe Sie finden sich öfter auf Alleen wieder als auf sechsspurigen Straßen, ich wünsche Ihnen eine heitere und leichte Fahrt, mögen Sie aus Umwegen stets herausfinden und bloß nicht Verzweifeln weil der Motor anfängt zu rauchen. Ein Oldsmobile ist unzerbrechlich. Umwege und falsche Abkürzungen wird es wohl geben und manchmal muss noch einmal nachsehen, ob man noch auf der richtigen Straße ist, trotzdem wie meine Großmutter sagte, am Ende wird nicht alles gut, aber vieles endlich besser. Lassen Sie sich den Mut und den Eigensinn nicht nehmen und sehen Sie ein Fräulein, das sehr langsam fährt und über das die Rennfahrer hupend spotten, winken Sie ruhig, das Fräulein Read On nimmt Sie gern ein Stück mit. Natürlich ist auch Nussschokolade im Handschuhfach- zögern Sie bloß nicht zu fragen und wo immer Sie fahren, wandern, gehen und stehen, behalten Sie sich wohl in diesem, neuen Jahr.

Alte Fragen

IMG_0945 (1).jpgDer Himmel ist verwaschen und von einem milchigen Grau. Verabschiedet sind Familie samt Kinderschar, nur die Mali-Tant, Kater Mau, der ehemalige geschätzte Gefährte und ich bleiben zurück in Berlin. Seltsam still ist es auf einmal, so als sei nach einem heftigen Sturm das Fenster klappernd zugeschlagen. Die Mali-Tant, aber die bei sich in Wien-Döbling täglich ausführliche Spaziergänge unternimmt und überhaupt kein schlechtes Wetter kennt, steht schon im Lodenmantel an der Tür, da suchen der F. und ich noch nach den Schuhen. Unten auf der Straße wollen die Nachbarn natürlich mit der Mali-Tant, die schon seit vielen Jahren hierher zu Besuch kommt, ratschen und die 93-jährige Mali-Tant verblüfft die Nachbarn mit ihrer Gesundheit, denn die Mali-Tant obwohl Ärztin wie meine Großmutter hat die meisten Krankheiten mit einem: “ach geh”, zur Seite geschoben und behauptet noch mit 39 Fieber, dass man doch nicht wegen jeden “Wehwehchens gleich ein G’schrei” machen müsste. Endlich also sind die Nachbarn abgeschüttelt und wir laufen entlang der alten Häuser, die hier die Geschichte des aufstrebenden Bürgertums erzählen, die um 1900 hier Grundstücke kauften. Es waren Familien wie die des Vaters der Mali-Tant, die hier zu bauen begannen und so ist ein Spaziergang durch dieses Viertel auch immer eine Reise zurück in die Kindheit der zierlichen Dame, die schnellen Schritts neben dem F. und mir herläuft. Schließlich aber verlassen wir die breite Straße und biegen in einen kleinen Schleichweg, aber der hinunter zum See führt, den einmal Leistikow malte, auch wenn er heute schemenhaft verborgen nichts von dessen Leuchten hat. Über uns rauschen die Kiefern und unter unseren Füßen knirscht märkischer Sand. Der F. hat die Hände tief in den Taschen vergraben. Im Krankenhaus sagt er und sieht auf den Boden, habe es einen Vorfall gegeben. Ein Patient habe, sobald er des F.’s ansichtig geworden sei, angefangen zu zetern: „Deutsche Ärzte für deutsche Krankenhäuser“ sei noch das Harmloseste gewesen und dann habe der Mann lauthals begonnen zu krakeelen, dass er sich beschweren werde, über die Zustände hier, „denn der Araber da“, damit meinte er den F. hätte neben einem gefälschten Pass doch gefälschte Zeugnisse und sollten endlich wieder abhauen. Dann schrie er weitere Obszönitäten, die darin endeten, dass solche wie der F. den einstmaligen Weltruf deutscher Kliniken zu Schanden gerichtet hätten. Immer noch nicht erstickt an Wut und Ekel schrie der Mann nach dem Oberarzt. „Der bin ich“, sagte der F. und klärte den Mann über die vortags verlaufene Operation auf. Schon gestern war der Mann dadurch aufgefallen, dass er die polnische Krankenschwester ebenso übel verfluchte wie dann den F.

„Weißt du noch?“ fragt der F. dort unten am Ufer des Sees und dreht sich zu mir. Natürlich weiß ich es noch. Damals in Göttingen, frisch promoviert, beschwerten sich Patienten, die gern Medizintouristen genannt werden, dass da ein Arzt mit Kippa auf dem Kopf zur Visite erschien. Sie wollten nicht von einem Juden behandelt werden. Der Chefarzt nahm damals den F. ins Gebet: „Junger Mann, verstehen Sie doch, er persönlich hätte nichts gegen das Hütchen da auf seinem Kopf, aber die Patienten gingen eben vor.“ Nehmen Sie doch Vernunft an. Der F. nahm Vernunft an und wechselte nach Berlin.

Da stehen wir also, am Ufer an einem grauen und mürben Dezembertag, wir drei Juden, und sehen uns an. Der F. zuckt mit den Schultern. “Man wird darüber lachen müssen”, sagt er und die Mali-Tant zieht seine Hand aus der Manteltasche und hält sie ganz fest. Hält sie noch immer als wir schließlich zurücklaufen, an den stattlichen Häusern vorbei, die noch immer groß und schön unter nicht minder imposanten Bäumen stehen. Hier, wo die deutschen Juden einmal glaubten, sie dürften Deutsche sein, laufen auch wir und die Frage warum das nicht geht, warum noch immer die Wut, das Gebrüll und die Verachtung derjenigen, gegenüber denjenigen die nicht in den Grenzen Deutschlands von 1937 geboren sind, so groß ist, geht uns noch immer hinterher.

Kaum zurück Zuhaus, geht das Telefon und der F. fährt in die Klinik. Still, denn es ist ein stummer Tag sehen die Mali-Tant und ich hinaus in das matte Blau des Himmels.

Eine große Liebe

Das Nichtenkind zieht meine Augenlider nach oben: „Du bist wach“ sagt sie. Es ist halb sechs sagt der Wecker und auf meinem Brustkorb kniet ein kleines Mädchen im Schlafanzug, darüber trägt es ein lila Tutu und natürlich dürfen die obligatorischen Feenflügel nicht fehlen. In der Hand hält sie den alten Bären, den ich ihr, als sie geboren wurde ans Kopfkissen setzte. Auf ihrem Kopf etwas schief eine golden-glänzende Krone. „Was wollen wir machen?“, frage ich die kleine Königin. „Zeig mir das Buch“ sagt sie und ich gähne, greife nach dem Morgenmantel und ziehe das große, schwere Buch, das eigentlich ein Ausstellungskatalog über die Tudors ist aus dem Regal. Wir besehen Elisabeth I und ich darf nur sehr, sehr langsam blättern und soll zu jedem Bild eine Geschichte erzählen. Zum Glück bekommen auch kleine Königinnen irgendwann einmal Appetit. Das Nichtenkind frühstückt Honigsemmeln und Kakao. Auch Bär, ihr Kanzler bekommt ein Gedeck. Schließlich taucht auch Kater Mau in der Küchentür auf und macht große Augen. Als Palastköchin sollen auch die Katzen nicht darben und so schleckt Mau Milch von einer Untertasse mit Goldrand. Im Badezimmerspiegel übt die kleine Königin den Herrschaftsgestus Elisabeths. Ernsthaft und hochkonzentriert. Es staunen Bär, Kater Mau und ich.

Im Wohnzimmer knien der Neffe und die beiden großen Nichten, neben F. auf dem Boden. Um sie herum ein Meer von Legosteinen. Die Mali-Tant thront im Sessel und macht der kleinen Königin eine elegante Frisur: „Geh fesch bist Du, viel schöner wie die Sissi.“ Schwesterchen will Chia-Brei, der Schwager lieber Porridge, F. und alle anderen ein Ei und gebratene Tomaten. Die Mali-Tant dann auch. Die Palastköchin serviert Frühstück ohne auf einem Legostein auszugleiten. Die Lego-Bauer essen hastig und kehren sogleich an ihre Baustelle zurück, die in etwa den Umfang des Assuan-Staudamms erreicht hat. Was genau das Bauwerk auf dem Boden einmal sein mag, kann ich nicht sagen. Es ist weder Polizeistation noch Ritterburg, sondern ein seltsames Gerät aus dem mir gänzlich fremden Star Wars Kosmos. Auf dem Bild sieht es aus wie eine sehr große, fahrende Suppenschüssel. Für diese Bemerkung ernte ich entsetzte Blicke. Der Neffe teilt die Lego Sklaven Bauer in kleinere Arbeitsgruppen ein. Die Mali-Tant feuert an. Die Königin malt lieber an einer Schlossparkskizze, ich reiche dann und wann Erfrischungen und halte Kater Mau ab, die Baustelle zu stürmen. Mau ist beleidigt. Vorwurfsvoll mauzend liegt er auf der Fensterbank und lässt eine Pfote zornig gegen die Fensterscheibe knallen. Von der Mali-Tant lasse ich mir Großmuttergeschichten erzählen. Für einen schönen langen Moment bin ich noch einmal acht Jahre alt. Dann bricht Mau aus der Küche aus und stürmt entschlossen den Steineberg. Aufregung. Geheul. Geschrei. Nur die kleine Königin vertieft ins Zwiegespräch mit Kanzler Bär ist unbeeindruckt vom Tumult und der erneuten Exilierung Kater Maus’.

Am Nachmittag gehen Schwesterchen und Kinderschar zum Besuch von Freunden. Ich lege mich vor der Nachtschicht noch einmal hin. Die Mali-Tant tut es mir gleich und selig schlafen wir beide. Kater Mau allein liegt grimmig im Arbeitszimmer und hadert mit dem Schicksal. Später längst wieder wach und Latkes bratend erzählt mir Schwesterchen vom Ausflug. Der Bub der Familie nämlich ob nun überfordert von Festlichkeit oder nur im Schokoladenkoma lag heulkreischend vor dem imposanten Tannenbaum und tobte. Die umstehenden Geschwister, Familie und eben auch Schwesterchen nebst Kindern war nun hineingeworfen in einer jener Szenen, die Weihnachten zu Katastrophen werden lassen, weil sie wohl nur schlecht ins Selbstbild feiner Festlichkeit zu passen scheinen. Der Bub also rollte sich auf dem Boden kreischte und schrie und heulte. Die Mutter peinlich berührt, der Vater hilflos, die Geschwister hämisch und die Gäste zu Eis erstarrt. Plötzlich aber tritt eine kleine Königin vor. Nicht mehr im Schlafanzug, sondern in voller Montur: ein grellpinkes Rüschenkleid, blinkende lila Schuhe, natürlich die goldene Krone und die geliebten Feenflügel. Fest in einer Hand natürlich Kanzler Bär. Die kleine Königin also setzt sich neben den Buben und tippt ihm auf die Schulter. „Du” sagt sie, willst du nicht lieber mit mir spielen?“ Der Bub, so meine Schwester drehte sich auf den Rücken und sah die kleine, glitzernde Königin. Dann rappelte er sich auf und das Nichtenkind stellte ihm Bär vor. Einträchtig verzogen sich die Kinder und die Erwachsenen, so die Königin später zu mir, redeten sehr langweilige Erwachsendinge. Von der Nachtschicht heute früh zurückgekehrt, liegt die kleine Königin in meinem Bett. Sehr vorsichtig nehme ich die Krone von ihrem Kopf und sehe erst dann den Teller mit Marzipankartoffeln und Latkes auf dem Bücherstapel stehen: Du sollst nicht hungrik ins Bett, steht da drauf. Die königliche Notiz ist natürlich auf einem pinken Papier geschrieben. Sehr vorsichtig ziehe ich die kleine Königin in meine Arme, Bär der Kanzler sitzt auf dem Kopfkissen und am Fußende zusammengerollt, schläft Mau, inzwischen trägt er eine rosa Schleife und neben ihm liegen mehrere erjagte Legosteine. Die kleine Königin schläft tief und fest.

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Der treue Kanzler Bär in Diensten der kleinen Königin.