Vom Suchen und Finden

Manche Tage so glaubt man können gar nicht mehr schlimmer werden und während man so vom Bahnhof zurück ins Oberland mehr schwankt als geht, murmelt man vor sich hin: „Immerhin kann es heute nicht mehr schlimmer kommen“ und dann kickt man wie ich einen Stein vor sich hin und stößt sich den Zeh und lässt es lieber bleiben.

Aber als ich mit der Nasenspitze schon fast gegen den Kirchturm St Sylvester stoße, läuft mir der Tierarzt in offenen Hemdsärmeln entgegen. Der Tierarzt ist aufgelöst. Der Tierarzt ruft: „Der Hund ist verschwunden.“ Ich sage: „Hast Du gerade gesagt der Hund ist verschwunden?“ Man muss nämlich wissen, dass der tierärztliche Hund sehr alt ist. Der Hund hat eine graue Nasenspitze, graue Ohren und graue Pfoten. Am liebsten liegt der Hund auf dem Teppich vor dem Fenster mit Meerblick und ruht. Man muss dazu aber auch wissen, dass der tierärztliche Hund zwar wie alle tierärztlichen Tiere sehr eigensinnig, aber auch sehr gefräßig ist. Klappert man mit einer Schüssel, in der sich beispielsweise Weintrauben befinden, hat man sieben Sekunden später eine Hundeschnauze im Knie und siebzehn Sekunden später ist man in der Tat davon überzeugt, dass der tierärztliche Hund wirklich kurz vor dem Hungertod steht, bekommt er nicht sofort etwas zu fressen angereicht. Man muss weiter wissen, dass der tierärztliche Hund anders als alle anderen Tiere des Haushaltes, sehr viel Gefallen daran findet sich wie ein Mehlsack auf jedes Paar Füße in Reichweite fallen zu lassen, um dann sehr lange und ausgiebig gestreichelt zu werden. Ansonsten gibt es über den tierärztlichen Hund zu sagen, dass er eine Vorliebe für alle Form von Schlappen hat, die er mit Hingabe und großem Enthusiasmus zerkaut. Man kann also sagen für einen so seltsamen Haushalt wie den unsrigen ist der tierärztliche Hund wie gemacht. Der Hund ist immer da.

Aber der Hund ist nicht da.

Der Hund kommt nicht als wir gegen alle Töpfe im Küchenschrank klappern.

Der Hund liegt nicht halb unter dem grünen Sofa verborgen, wo er sich so gern am Abend die Pfoten im letzten Sonnenlicht wärmt.

Der Hund liegt nicht unter den Bettdecken vergraben, die er so liebt, nicht zuletzt auch deshalb weil es dem Hund strengstens untersagt ist, auf das Bett zu springen. Aber den Hund kümmert das natürlich nicht, wie alle Tiere im Haus und auf der Wiese ohnehin tun, was ihnen in den Kopf kommt.

Der Hund balgt sich nicht mit der Katze um eine Untertasse Milch.

Die Befragungen derselben Katze über den Verbleib des Hundes bleiben ergebnislos.

Der Tierarzt ruft: Oh liebster unter den Hunden so komm doch zurück.

Die Katze grinst hämisch.

Ich verwarne die Katze streng.

Die Katze springt eingeschnappt auf den Sessel und krallt sich in meine Lieblinsgsstrickjacke, ich fauche, die Katze faucht, die Katze gewinnt und dreht mir den Rücken zu.

„Müsst ihr immer streiten?“, schluchzt der Tierarzt.

Ich renne in den Garten.

Im Garten ist kein Hund.

Wir rennen auf die Schafweide hinter dem Haus.

Auf der Schafweide blöken die Schafe, aber unter den weißen Wollkugeln blitzt nirgendwo Hundefell hervor.

Ich habe Seitenstechen.

Wir rennen zum Strand.

Ich sage dem panischen Tierarzt lieber nicht, dass der Hund einen noch schlechteren Orientierungssinn hat als ich. (Das ist keine gute Nachricht.)

Am Strand ist kein Hund.

Wir rennen panisch ins Oberland zurück.

Wir drehen das Haus um und suchen auch im Eisschrank nach einem großen Retriever.

Im Eisschrank ist kein Hund. Auch nicht in der Speisekammer, im Bettkasten, oder im Kleiderschrank.

Der Tierarzt schluchzt nach seinem Hund.

Ich schlucke.

Inzwischen ist es dunkel.

Der Tierarzt schluchzt: „Vielleicht wollte der Hund ja Kälbchen besuchen?“

Aber ich glaube das nicht. Denn aus Kälbchens Kindertagen,als Kälbchen auf dem Sofa ruhte, da erinnere ich noch zu gut, wie der Hund glaubte in Kälbchen einen großen Hundebruder gefunden zu haben glaubte, nur um herauszufinden , dass von Kälbchens Dickschädel nicht nur metaphorisch zu sprechen ist.

 
Ich greife nach einer Taschenlampe und springe über die Gartenmauer. Stellen sie sich keine Gazelle vor, denken Sie an ein Shetlandpony, das mit gebleckten Zähnen über einen Wassergraben hechtet und weil es ja schon dunkel ist und der Tag besonders schrecklich war, bleibe ich an einer Mauerkante hängen. Rums. War das mein Kinn oder Knie? Knie entscheide ich, das ist nicht so schlimm.

Dann renne ich durch den Pfarrgarten und als ich wieder umdrehen will, stolpere ich über eine große Wurzel beim Fliederbusch. Diesmal ist es wirklich das Kinn. Die Wurzel ist ein großes Fellbündel. Für einen kurzen und sehr langen schrecklichen Moment fürchte ich, der Hund sei tot. Dann höre ich es schnarchen. Der Hund schnarcht. „Mäuschen“, rufe ich und kitzle den Hund unter dem Kinn. Der Hund rollt sich zur Seite und schleckt mir freudig mit der Zunge über die Hand und dann realisiert der Hund, dass er doch tatsächlich das Abendbrot verschlafen hat. Der Hund und ich tappen zurück in unseren Garten. Der Tierarzt wirft sich dem Hund entgegen, der Hund ist begeistert von so viel Aufmerksamkeit und der riesige Hund liegt auf dem Schoß des schmalen Tierarztes und der Hund ist außer sich vor Glück, denn das grüne Sofa ist für Vierbeiner strengstens verboten, vor allem scharfen Katzenkrallen ist dortiger Aufenthalt untersagt und der Hund wälzt sich triumphierend vor den Augen der Katze auf dem Sofa umher und kaut auf einem Pantoffel. Der Tierarzt schluchzt vor Seligkeit. Die Katze starrt mit ganzer Verachtung auf Tierarzt und Hund. Denn die Katze liebt den Tierarzt, aber gerade liebt die Katze den Tierarzt ganz und gar nicht.

 
Ich lasse dem Tierarzt die Seligkeit und der Katze die Eifersucht. Im Badezimmer besehe ich mein Kinn. Es ist ein angeschlagenes Kinn, morgen früh wird das Kinn blau sein, es ist ein Kinn wie gemacht für das Ende eines schrecklichen Tages. Dann mache ich das Licht aus, denn wer weiß ob einen ein schrecklicher Tag nicht auch noch unter der Bettdecke findet.

Sag Read On, was machst du eigentlich den ganzen Tag?

Frau Brüllen will es wissen. An jedem 5. eines Monats seit fünf Jahren ( Applaus!) fragt sie in Klein-Bloggersdorf herum und der Kleinbloggersdorfer schreibt auf was er so erlebt. Et voilà.

Am Morgen ist alles wie immer. Dunkelheit, das Meer rauscht von fern, der Teekessel pfeift nach drei Minuten, eine Schale Milch für die Katze, eine Schüssel Wasser für den Hund, drei Esslöffel Müsli in die blaue Schale, ein halber Apfel, eine halbe Tasse Milch dazu, für den Tierarzt, ich löffle Joghurt, Natur, eine halbe Zitrone darin. Der Tierarzt schläft noch. Der Morgen gehört mir ganz allein und dem Meer vor dem Fenster. Die Tasche auf dem Tisch, die Zeitung in der Tür, der Wetterfleck am Haken, die Schuhe im Bord. Auf Wiedersehen, Hund, Katze, Tierarzt.

Mit dem Fahrrad die Straße herunterrollen durch das schlafende Dorf, der Morgen gehört mir, im Unterland links abbiegen, im nächsten Dorf liegt der Bahnhof. Das Fahrrad anschließen, der Zug kommt, der Platz neben mir bleibt leer. Am Donnerstag sind die Pendler schon müder, treue Zirkuspferde mit der Aufsicht auf einen Zuckerwürfel. Der Zuckerwürfel heißt Freitag, aber noch ist Donnerstag. Müde Gesichter. Wasserflaschen, Kaffeebecher, geknitterte Anzüge, verstohlenes Gähnen, von fern Musik aus einem Kopfhörer, Leinenmäntel, öfter noch aber Schal, Mütze, Handschuhe. Es ist kalt. Die Sonne legt dafür die Wange ans Fenstern und sieht uns müde Gestalten an. Bürogangstellte sind wir. Ich frage mich oft, ob nicht Franz Kafka das Wort erfunden hat. 40 Minuten später Dublin. Arbeitsbeginn. Es ist 6. 45 Uhr.

Der Tag beginnt mit Listen, zieht Listen, Telefonanrufe, Protokollfragen, Eventbrite-Ärger nach sich. Das Telefon klingelt mit jeder Stunde energischer, wütender rascheln die Listen, der Protokollchef vertröstet mich. Ich telefoniere mit zwei Palastverwaltungen, einem Catering-Unternehmen, ich klopfe im Vorzimmer des lieben Herrg*tts selbst an. Dort schweigt man sich aus. Noch. Ich bin eine hartnäckige Anruferin.

Später kommt die Auszubildende zur Tür herein. Kaugummiblasen im Mund. „Bitte den Kaugummi in den Mülleimer“ sage ich, es vergehen zehn Minuten. Wir üben Mathe. Prozentrechnung. Die Auszubildende hasst Mathe, die Welt und mich. Nach einer halben Stunde. Geheul. Ich sitze da einfach und sehe auf die weinende Auszubildende. Früher habe ich oft versucht sie zu trösten, Taschentücher zu reichen, alles was mir das einbrachte war ein verlängertes Klagen: „Aber sie hasse ich noch mehr.“
Irgendwann ist die Auszubildende leer geweint. Ein letzter Schluckauf. Die Auszubildende sagt: „Sie finden mich dumm, nicht wahr?“ Ich schüttle den Kopf: „Nein sage ich, warum sollte ich, man weiß nichts über andere Menschen und ich habe nie verstanden, warum man so viel Freude dabei hat, dem Anderen klar zu machen, wie blöde er sei. Das einzige was ich mir denke, wenn immer wir üben ist, dass Sie keine Lust dazu haben, das zu machen, was Sie machen sollen und mir fällt nichts ein wie ich das ändern könnte. Die Auszubildende starrt mich an. Dann bekommt sie einen Schluckauf, sie geht ins Badezimmer. Weinkrämpfe bekommen dem Make-Up nicht gut, die Auszubildende lässt sich nicht gehen.

Ich telefoniere weiter.

Neue Listen.

Möwen vor dem Fenster. Aus der verpassten Mittagspause wird gar keine Pause mehr, dafür ein Möwenchor.
Irgendwann ist der Tag zu Ende. Das sagt die Uhr oder die Palastverwaltung. Die Auszubildende starrt auf den Bildschirm. „Es ist gut für heute“, sage ich. Ich suche den Mantel, die Tasche, ich nicke der B. und dem E. zu. Auf Wiedersehen, so lang, see ya, bye, die Straße hinunter zum Bahnhof. Der Zug ist verspätet, die Gesichter der Pendler verraten nichts. Quietschend kommt der Zug dann doch, ich stehe wie ein Flamingo, auf meinem Fuß steht meine Tasche, an meinem Ohr bespricht ein Mann das Abendbrot. „Nein, keinen Käse!“, ruft er, da bricht die Verbindung ab, zwanzig Minuten Ungewissheit für den Mann. Dann steigt er aus. Nach 52 Minuten erreiche ich das Dorf vor dem Dorf. Das Fahrrad steht da und schweigt sich aus über seinen Tag. Die Frau des Krämers sagt: „Es ist empörend wie lange Sie den Tierarzt von uns ferngehalten haben. Was da alles hätte passieren können.“ „Es ist empörend.“ Ich brauche Milch und Fenchel. Orangen sind noch da. Die Frau des Krämers empört sich. „Noch immer nicht verheiratet“, werfe ich in ihre Empörung hinein. Die Frau des Krämers wiegt den Fenchel zu meinen Gunsten ab. Ich fahre zurück ins Oberland. Der Hund ist noch mit dem Tierarzt unterwegs, die Katze schläft, einmal den Wind hineinlassen und das Meer. Fenster auf. Horowitz spielt Klavier im Radio. Die Katze starrt mich empört an. Fenchelsalat mit Orangen. Kosher for pessach, noch immer. Der Tierarzt starrt mich empört an. Ich mag den Salat.

Der Tierarzt erzählt mir etwas von einem Pelikan ohne Tränenflüssigkeit.

Ich erzähle von der weinenden Auszubildenden.

Noch immer spielt Horowitz im Radio Klavier.

Die Nachrichtensprecherin liest Nachrichten vor.

Der Tierarzt kocht Tee.

Ich liege auf dem grünen Sofa und gehe mit Durs Grünbein in der Hand durch Dresden Hellerau spazieren. Man kann vortrefflich mit Durs Grünbein durch die Gartenstadt laufen. Man trifft Kafka, Dresdner, die vom Indianersein träumen, Paul Adler, einen Großvater, Bahnhofstrinker, die Bewohner von Hellerau, den Dichter, der einmal ein Kind war und mit Wehmut schließe ich das Buch, denn man möchte gerne Weitergehen.

Der Hund gähnt, da schläft die Katze schon.

Zähne putzen, ein Glas Wasser ans Bett.

Der Tierarzt schließt Fenster, die Tür und die Welt aus.

So ist das bei uns am Ende der Welt. Ich bin für das Aufschließen des Tages verantwortlich, während nicht nur am 5. Eines Tages der Tierarzt den Schlüssel für die Nacht in die Kommode legt, gähnt und sagt: „Mädchen erzähl mir doch…“

Was ich nicht mehr schreibe.

Ich schreibe keine Liebesbriefe mehr. Dabei habe ich so viele Jahre lang Liebesbriefe geschrieben, ich war fünfzehn vielleicht und schrieb Liebesbriefe gegen Bezahlung. Aber das ist schon lange her.

Ich schreibe keine Einkaufszettel mehr, murmele ich nicht beständig: Eier, Zucker, Milch vergesse ich die Dinge auch mit Notizblock.

Ich schreibe keine Träume mehr auf. Die letzten Seite des dicken Notizheftes sind leer. Vielleicht hat man irgendwann alle Träume gehabt.

Ich schreibe keine Gedichte mehr. Vielleicht fehlen mir die Gedichte am Meisten, manchmal fange ich noch einmal an. Dann fällt mir ein halbes Gedicht ein und ich suche nach Papier und Stift, aber dann sehe ich das Papier, das Gedicht und den Stift und nach einer halben Zeile, lege ich den Stift weg, zerreiße das Papier und dann ist auch das Gedicht schon wieder verschwunden.

Ich schreibe keine Dissertation mehr. Ein Glück.

Ich schreibe außerhalb des Büros so wenig Emails, dass es eigentlich keine mehr sind. Es fehlt mir nicht, obwohl ich einmal viele Emails geschrieben habe, vielleicht waren es auch Liebesbriefe, so genau will ich mich nicht mehr erinnern und das Postfach mache ich einmal im halben Jahr auf. Verpasst habe ich in keinem der halben Jahre etwas und immer, wenn ich doch wieder anfing diesem oder jenem eine Email zu schreiben, die nichts mit bürorelevanten Dingen zu tun, so habe ich es immer früher als später bereut. Ich schreibe keine Emails mehr.

Ich schreibe kein Tagebuch mehr.

Ich schreibe keine Kalendereinträge mehr, die Jahre sind alle gleich lang und ich habe kein Bedürfnis danach, nachzusehen, ob ich vor zwei Jahren in der Philharmonie war oder nicht. Irgendwann ist mir die Neugier verlorengegangen und der Kalender erinnert mich doch dann und wann an diesen Verlust. Jedes Jahr schenkt die liebe C. mir einen neuen Kalender, aber am Ende des Jahres sind alle meine Kalender leer.

Ich schreibe keine Wünsche mehr auf, falte sie nicht mehr in kleine Papierdreiecke und fädle die Dreiecke nicht mehr in einen Flaschenhals ein und ich fahre auch nicht mehr zum Fluss oder ans Meer, um eine Flaschenpost auf den Weg zu bringen.

Ich schreibe keine Noten mehr auf das Notenpapier, das sich noch immer in der Kommode stapelt.

Ich schreibe keine Notizen mehr für verstiegene Romane auf.

Ich schreibe keine Limericks mehr, keine Nonsenswörterfolgen, keine Post-It Klebezettel, keine Anleitungen mehr wie aus einer Cola-Flasche ein Segelboot wird.

Ich schreibe so selten Kommentare ins Internet, dass ich sagen kann: Ich schreibe keine Kommentare ins Internet.

Ich schreibe keine Rezepte mehr auf und nur noch selten schreibe ich Rezepte weiter.

Ich schreibe keine ganzen Nächte mehr durch.

Ich schreibe keine Fragen mehr auf die schwarze Schiefertafel. Ich habe die Schiefertafel den Nichten geschenkt. Wer weiß vielleicht fallen ihnen in die Antworten ein.

Ich schreibe keine Buchstaben mehr auf beschlagene Fensterscheiben.

Ich schreibe so wenig Nachrichten wie es nur geht. Es geht immer noch weniger.

Ich schreibe keine angefangen Sätze mehr mit dem blauen Kugelschreiber auf meinen Arm. Zwischen 16-22 waren meine Arme immer bedeckt mit blauen Notizen, sie sind alle längst gluckernd im Abfluss der Badewanne verschwunden. Das letzte was ich von ihnen sah, war eine blaue Schaumkrone.

Ich schreibe keine Geschichten mehr mit den Fingern zwischen die Rippen eines Anderen, früh am Morgen wenn die Welt und der Andere auch noch schläft.

Ich schreibe nicht mehr auf, was ich im Kaffeesatz lese. Viel getaugt hat die Wahrsagerei ohnehin nie.

Ich schreibe keine Märchen mehr auf für die Nichten 1-3 und den Neffen. Die Nichten und der Neffe suchen sich längst eigene Geschichten aus.

Ich beschreibe nur noch selten Bilder, Menschen, Dinge.

Warum schreiben Sie denn?, fragte mich jemand, unvermittelt, aber dann auch nicht so unverhofft.

Weil mir nicht anderes einfällt, als das Wort, wenn ich darüber nachdenke, woran ich mich festhalten kann, sage ich. Was ich nicht sage ist: Eigentlich schreibe ich nicht mehr viel und vielleicht ist dieses Blog ja die letzte rostige Leiter, die mir geblieben ist.

Aber mein Gegenüber sieht mich verwundert an.

Ein Wort zum Festhalten, sagt er und schüttelt den Kopf.

Das gibt es doch gar nicht.

Wie mich einmal ein böses Schwein ritt

IMG-5619

 

Vor Jahr und Tag war ich einmal in Avignon. Ich war nicht allein, sondern wie so oft sehr und sehr unglücklich verliebt. An diesem Wochenende aber war ich glücklich, doch ich bin ja nicht umsonst das Fräulein, welches das Unglück anzieht und so sah auch das Schicksal in Avignon auf mich herunter, spuckte in die Hände und sah zu, wie ich ins Verderben lief.

Das Hotel in Avignon war so schön wie alt, es war ein Hotel wie vor der Französischen Revolution, ein Hotel mit schweren Spiegeln und Kommoden mit Marmorplatten, mit Blumenvasen die mir zum Kinn reichten und schwerem, schönen Silber auf den Tischen. Es war Sommer in Avignon und in einem Alkoven mit Blick auf den Fluss, da stand ein Tisch. In den Tisch verliebte ich mich fast so sehr, wie in den Begleiter jener Tage, der Tisch war zierlich, ohne zerbrechlich zu sein, seine Beine hatten etwas von jener lässigen Haltung, die jenen Adligen zu Teil war, die Marie Antoinette noch mit Schafen spielen sahen, geschnörkelt und dabei doch lässig hingeschwungen, die Tischplatte war rund, dabei aber keineswegs eierförmig, sondern vortrefflich gerundet, eine Tischplatte an der es unmöglich ist, sich einen blauen Fleck zu holen. Unter der Tischplatte aber verbarg sich eine Schublade für Liebesbriefe, Fischbesteck und getrocknete Rosen. Der Tisch war in einem dunklen Grün gestrichen. Der Begleiter jener Tage lehnte sich gegen den Tisch, lächelte zart, strich mit den Fingern über die Platte, das Schicksal stand in einer schattigen Ecke, lachte schon laut, bleckte die Zähne und schwor, dass mich ein böses Schwein reiten solle und dieser Tisch mein Verderben würde.

Erst aber fuhr ich zurück nach Berlin und in mir war der dringende Wunsch erwacht, auch so einen Tisch zu besitzen und von nichts zu entmutigen, suchte ich Tandler und Tandler auf, beschrieb den Tisch und eines Tages, das Schicksal johlte, wurde ich fündig. Zwar waren die Füße mehr brandenburgisch-preußisch als südfranzösisch, die Platte ein bisschen gröber als jener Tisch in Avignon, aber auch der Tisch beim Berliner Tandler besaß eine verborgene Schublade, ich sah mich an jenem Tisch Tee trinken, die Zeitung lesen und dann und wann küsste die Liebe mich schon vor zehn Uhr. Ich bezahlte den Tisch, der Tandler lieferte und voll glücklichen Staunens strich ich über die Tischplatte. Der Tisch war in einem rostbraun gestrichen, aber ich sah den Tisch schon in einem matten Dunkelgrün glänzen und lächelte still. Das Schicksal hingegen gröhlte und lud sich Gäste ein.

Ich kaufte Abbeizmittel, Schaber, und Schleifpapier. Nach zwei Dosen Abbeizmittel war der Tisch dunkelblau, nach vier Dosen war der Tisch wieder braun. Das Schicksal und seine Freunde saßen auf dem Sofa und hielten sich die Rippen vor Lachen. Nach sechs Dosen war der Tisch noch brauner, ich hatte rote Kaninchenaugen, entzündete Hände, aber mich ritt das Schwein von Avignon, ich kratzte einen halben halben Ölsockel vom Tisch, ich warf den Spatel in die Ecke, ich kratzte Farbschichten vom Tisch mit Rasiermessern,die mir die Fingerkuppen zerschlitzten, aber der Tisch blieb braun, denn der Vorbesitzer des Tisches, muss ein Freund von erdigen Tönen gewesen sein, die man in Steuerbehörden oder Kasernen erwartet aber nicht auf einer Tischplatte. Als die Rasierklingen nichts mehr vermochten, nahm ich Glasscherben zu Hilfe und endlich schien mir als sei ich an einem Naturzustand des Tisches angekommen. Darüber war ein halbes Jahr vergangen und ich sah aus, wie man sich Pestkranke vorstellt, aber das Schwein von Avignon hörte nicht auf mich zu reiten und ich sah mich noch immer am dunkelgrünen Tisch sitzen und die Zeitung aufschlagen. Das Schicksal johlte lauter. Ich strich den Rand des Tisches dunkelgrün. Grün wie das Moos am Rande des Waldes. Dann ging ich schlafen, endlich schien mir sei das Wunder von Avignon nahe. Am nächsten Morgen hatte der Tisch einen grünen Rand mit rostbraunen Flecken. Ich experimentierte mit Laugen, ich verschliss kiloweise Bimmsstein, ich verbrauchte Kilometer an Schleifpapier. Ich lag fluchend über dem Tisch, ich flehte, ich bettelte, ich beschwor die G*tter, aber kaum war eine Ecke abgeschliffen, schon drückte sich neues rostbraun durch die Tischplatte hindurch. Nach anderthalb Jahren unentwegten Werkens hatte ich Hände, die den Klauen von Alligatoren ähnelten, meine Augen waren rot wie die eines Kaninchens, ich hustete rostbraune Flecken und unbändiger Zorn überkam mich und ich trat gegen den Tisch. Ich brach mir den Zeh. Vier Wochen später beehrte mich die L. sie hachzte und seufzte, was für ein Kunstwerk dieser Tisch, das rohe, das abgeschliffe- unfertige, die Marmorierung der Platte, sag Read On, hängst Du sehr an dem Tisch? Ich knirschte bitter mit den Zähnen, das Schicksal krakeelte, nimm das Ding, sagte ich zur L. und die L. sagte: „Aber ich will es nicht geschenkt, hörst Du, ich leihe es mir, bis du den Tisch zurückhaben willst.“ Ich murmelte etwas von „Niemals und nur über meine Leich“, aber die L. nahm den Tisch wirklich und anders als ich, frühstückt sie mit dem O. an jenem Tisch, liest die Zeitung, bewahrt Fischbesteck in der Schublade auf, fährt über das gemaserte Holz und die schenkt Tee nach. Immer wieder bin auch ich bei der L. zugegen, sitze am Tisch und sehe missmutig auf die rostbraunen Flecken, das graue Holz und den dunkelgrünen Rand. Die L. sieht dann zu mir herüber und sagt: „Aber Read On, wenn Du Deinen Tisch zurückhaben willst, dann sag es mir jederzeit.“ Ich aber schüttle den Kopf, den auf dem Sideboard das sitzt Schicksal, stopft sich die Faust in den Mund, um vor Lachen nicht zu platzen, denn ich bin mir sicher, wenn der Tisch wieder beim mir stünde, es dauerte kaum vierzehn Tage, da kaufte ich wieder Abbeizmittel, dunkelgrüne Farbe und scharfe Rasierklingen, um doch noch einen Tisch wie jenen in Avignon mein Eigen zu nennen, denn wenn einen erst einmal ein böses Schwein reitet, dann lässt es einen niemals mehr los und ganz sicher bin ich mir, dass wenn die Schicksale Schulstunde haben, ich als Exempel diene, für Tücke und List und die Macht des Schicksals anhand eines einfachen Tisches, an dem vielleicht Marie Antoinette Torte aß, oder ein Marquis einer Comtesse die Finger küsste. In Avignon aber bin ich seither niemals mehr gewesen und auch an Tandlern mit Tischen in der Auslage gehe ich schnurstracks und sehr schnell vorbei. Den das Schicksal ist niemals fern meiner Wege und Tische.

Sonntag

Früh am Morgen aufwachen. Zu früh selbst für die Vögel. Verschlafene Schatten in den Bäumen sind die Vögel. Ich putze mir die Zähne, die Schatten in den Bäumen tauchen die Schnäbel in eins, zwei, drei Tropfen Regenwasser, schütteln das Gefieder, frühstücken auf dem Balkon, plustern das Gefieder, nicken sich zu, einer stimmt an, alle stimmen ein. Ein singender Baum vor dem Fenster. Das Haus schläft, Kater Maus Ohren zucken, die Vögel singen ein Spottlied auf die schläfrigen Katzen. Warme Socken, einen alten Pullover, selbstgestrickt, schon lange ist mir die Geduld dafür schon abhanden gekommen, aber den Pullover gibt es noch immer, warm ist der Pullover, ein ganzes Schaf auf meinem Rücken. Im Türrahmen steht der Tierarzt gähnt erst, lächelt mir zu, legt die Ohren ans Fenster, die Vögel sind schon in der achten Strophe des Katzenchorals angekommen. Morgen Mädchen, sagt der Tierarzt, legt mir die Hand auf die Wange, Pfefferminz in meinem Atem, der Tierarzt riecht von fern nach Osterlamm, von Nahem immer nach Orangen und Muskat, der Tierarzt erzählt mir von einem Traum. Die ganze Nacht hindurch habe er komplizierte Gleichungen gelöst. Atemlos und immer sei schon die nächste gefolgt. Dann sitzen wir beide auf der breiten Fensterbank, meine Füße liegen in seinen Händen.

„Vermisst Du Ostern?“, frage ich ihn. Das habe ich mich gefragt in der Nacht, in der der Tierarzt Gleichungen löste, ob es ihm nicht fehlen würde, die Messe, ein Osterlamm auf dem Frühstückstisch, wenigstens zum Ansehen, Ostereier an grünen Sträuchern, Messdiener, eine Osterkerze und all das was ich nicht weiß über Ostern. Ich bin über Ostern niemals in Deutschland gewesen, auch meine Großmutter, die über mich lachte, wenn ich das Brot über Pessach aus dem Haus verbannte, stand Ostern fern, die einzige Erinnerung, die ich an Ostern habe, ist ein Buch. Das Buch hieß: „Die Häschenschule“ und ich gruselte mich vor der Stimme meiner Großmutter, die den gestrengen Hasenlehrer mit Rohrstock unter dem Arm mimte und Hasenhans und Hasengrethe und nicht zuletzt der böse Fuchs machten mich über Wochen schauern vor den Abgründen der Welt in den Wiesen. Aber mehr verbinde ich nicht mit Ostern, keine Bräuche, keine Lieder, außer Bach, die Liebe meines Vaters zu Marzipan und meinen Unwillen einen Goldhasen zu schlachten.

Der Tierarzt schüttelt den Kopf. „Nein, sagt er, er vermisse nichts. Damals als er ein Kind war, da buk seine Mutter Hot Cross Buns, sein Vater trank nach der Messe mit Freunden und immer weinte seine Mutter irgendwann Abends, weil der Stew ansetzte und der Vater noch immer trank. Seine Großmutter aber habe den ganzen Tag in einem Stuhl am Ofen geschlafen. Ich lege meinen Kopf auf seine Knie und der Tierarzt legt seine Hände auf meinen Rücken. Tee, und Matzot mit Honig, die Mali-Tant kommt dazu, Mau schlürft Milch, die Mali trinkt schwarzen Kaffee.

Grau ist der Himmel, wir legen bunte Eier für die Nachbarskinder ins Gras. Kinderlachen, die alte Freundin Wildtaube macht einen Osterspaziergang im Gras. Die Mali-Tant aber will etwas erleben. Wir laufen zur Bahn, es ist nicht weit bis nach Potsdam, die Mali läuft schneller als wir beide zusammen, Schneeregen, der Atlas mit der Welt auf seinen Schultern leuchtet über den grauen Dächern der Stadt.

Wir gehen ins Museum Barberini hinüber. Dort kann man Max Beckmann sehen. Welttheater heißt die Ausstellung. Max Beckmann hat überall auf der Welt Circus-Vorstellungen und Varité Abende besucht, hat in den Kneipen und Cafés der Städte seines Lebens gesessen und die dünnen Kulissen gezeichnet und gemalt und wir stehen vor seinen Bildern. Er, der Maler mit den traurigen Augen, der im Ersten Weltkrieg in Belgien fast den Verstand verlor, er der Maler, der die Huren zeichnete, denen das Gesicht in den Spiegel fällt, er der die Trinker malte mit den Scherben im Glas und den Auegnklappen, er malte die großen Ganoven und die Hütchenspieler, er der Maler, der der Welt nicht auswich, nicht den Mietskasernen, nicht den Varietés, die eigentlich Bordelle waren und auch nicht den Gescheiterten, den Verbogenen, den Zerbrochenen, die seine Bilder bewohnen, er verkleidete sich in Weimar einmal als Jesuit und malte sich später als einen traurigen Clown. Gemalt hat Beckmann auch (1868-1935) Sie war die erste deutsche Luftschifferin- was für ein Wort-und wohl auch ein ausgestorbener Beruf. Aber damals im Kaiserreich als in Potsdam ein König lebte, da wurde sie Ballonfahrerin und Fallschirmspringerin und ein Talent hatte sie für den freien Fall und so wurde sie auch Luftakrobatin, stürzte sich aus dem Fallschirm in die Tiefe und irgendwo im Publikum stand der Maler Max Beckmann und zeichnete sie in sein Skizzenbuch. In der Vitrine vor dem Bild, sieht man Käthe Paulus in Pluderhosen und mit Schiffermützchen, wie sie dabei ist sich aus dem Ballonkorb zu hangeln, eine zierliche Frau sieht man auf dem Foto, aber auf dem Bild von Max Beckmann sieht man eine entschlossene Frau, eine Frau, die ohne zu Zögern Atlas seine Kugel abnähme und auch ihn auf dem Rücken trüge und Atals vielleicht wäre die Last seines Lebens endlich los.

In einer anderen Vitrine liegt eine Broschüre des Hotel Hotel Eden. Grün ist die Broschüre auf dem Bild sieht man einen Wintergarten und am rechten Rand steht eine Flasche Champagner. Max Beckmann soll dort gewesen sein, aber die Mali-Tant steht lange vor der Broschüre, lehnt sich an meinen Arm, zieht meinen Kopf zu sicher herunter und sagt: Geh Mädi, hier haben meine Eltern Logis genommen, nach ihrer Hochzeit, damals im 13er Jahr und dann stehen wir beide vor der Broschüre und die Hände der Mali in meiner sind kalt. Das Hotel Eden, aber wie die Welt von Max Beckmann und der Mali aber gibt es schon lange nicht mehr. Dann gehen wir weiter, ich gehe noch einmal zurück, um ein Bild anzusehen auf dem ein Seiltänzer über ein Seil balanciert, unter dem Seil liegt ein Mann auf dem Boden. Er trägt ein rotes Trikot. Als ich zurückkomme, da steht der Tierarzt mit der Mali vor einem anderen Bild, Quappi und Max Beckmann haben sich in einem Fasching als Pferd verkleidet und vor dem Bild stehen der schmale Tierarzt, der nur noch Schatten ist, nur noch Augen und Haar, wie die Vögel vor Anbruch des Tages, und die zierliche Mali, 96 Jahre alt, sie legt ihm die Hand an den Rücken und sie hält ihn fest.

Lange sehe ich auf das Bild der beiden und durch sie das Bild von Max Beckmann und Mathilde von Kaulbach, seiner zweiten Frau und dieses Bild, die Hand der Mali auf dem Rücken des Tierarztes, das werde ich mitnehmen durch die Jahre, die kommen werden ohne sie.

IMG-5636

In der Bahn zurück in den südlichen Vorort der großen Stadt sind wir fast allein, eine Mutter mit ihrem Kind, und vier Russen. Sie trinken klaren Schnaps und einer der Männer beginnt erst mit schwerfälligen Bewegungen, dann aber mit schneller kreisenden Hüften eine Art trunkenen Lap dance an der silbernen Stange, langsam vor und zurück kreisen seine Hüften, seine Zunge schnalzt leckend und immer wieder nimmt er einen Schluck aus der Flasche. Es ist als habe eine Figur von Max Beckmann den Rahmen verlassen und führe nun mit uns durch die Lande, aber als der Mann sich kreiselnd an die Stange hängt, steigen wir aus, gehen zurück in den Wald, dort rauschen die Kiefer. Die Mali schläft, der Tierarzt macht Tee, ich lese ein Buch aus und dann sehen wir in die tropfenden Bäume hinaus und warten auf die Eule, die am späten Nachmittag in der Kiefer erwacht. Heiß ist der Tee an unseren Lippen, der Winter will nicht enden in diesem Jahr.

Der lange Weg aus Ägypten

Die liebe C sagt: “Süße, dein Vater kann seinen Pass nicht finden.

Mein Vater sagt: „Kind, ich habe den Schlüssel für die Wohnung in Jerusalem gefunden!

Die A. sagt: Ich kann mit vollem Stolz behaupten meine Wohnung ist kosher für Pessach. Wie schaut es denn bei Dir aus?

Ich denke: Angeberin! Und esse einen Keks, aber vorsichtig, so dass die A. mich am Telefon nicht hört!

Die Nachbarin zur Rechten sagt: „Read On, der Peter trägt nachher die Kisten mit den verbotenen Lebensmitteln zu uns herüber. Es tut uns wirklich sehr leid, dass der Schweigervater letztes Jahr so derart in deinen Vorräten geplündert hat. Kriegsteilnehmer, was soll man machen?“

Ich sage: Danke und drücke der Nachbarin zur Rechten einen Blumenstrauß in die Hand.

Der ehemalige geschätzte Gefährte F: sagt: Weißt Du, das ich als Kind immer heimlich ein Baguette im Nachtschrank versteckte, um G*tt herauszufordern?

Ich sage: Wärst Du mal beim Baguette geblieben.

Meine Schwester sagt: Die Kinder mögen keine Matzot. Wie erkläre ich das der A.?

Die liebe C. sagt: Süße, ich erkläre der A. alles, wenn Du nur Deinem Vater hilfst seinen Reisepass zu finden.

Mein Vater sagt: Ich habe eine Packung Kekse und Käsecracker in meiner Tasche verstaut. Die A. kocht erbärmlich schlecht.

Der Tierarzt sagt: Mädchen, war das Pessach wo ein goldenes Kälbchen geschlachtet werden sollt?

Ich sage schnaubend: Verfluchter Mist, ich habe den Meerettich vergessen.

Die A. sagt: Bodensteins essen Reis zu Pessach. Was sind das nur für Barbaren! Aber eine Hut mit Feder trägt Selima Bodenstein in der Shul. Was für Angeber.
Tsk Tsk Tsk

Meine Nichten heulen: Alle Kinder bekommen Goldhasen und wir dürfen nur Kaninchenfutter

Die liebe C. sagt: Süße, Dein Vater hat Marzipaneier im Handgepäck, sprich du doch noch einmal mit ihm. Die A. vergisst sich sonst wirklich.

Ich sage: Papa, lass das doch mit den Marzipaneiern sein.

Mein Vater sagt: „Ich lasse mich doch nicht von religiösen Hardlinern unterjochen. Ich bin ein freier Jude.

Der F. sagt: Hier war doch gestern noch ein halber Kuchen?

Die Mali-Tant sagt: Also geh Mädi, ich brauch meine Semmel am Morgen!

Mali-Tant sage ich, ist es nicht merkwürdig, dass Du ausgerechnet immer an Pessach deine Vorliebe für Weißgebäck entdeckst?

Die Mali-Tant sagt: Damit Du es nur weißt Champagner ist immer und grudsätzlich kosher.

Der Tierarzt sagt: Also ich verstehe das nicht, der Pharao hat ein Kälbchen gefordert und als ihr ihm kein Kälbchen gegeben habt, hat er euch mit Fröschen beworfen.

Mein Neffe sieht den Tierarzt zweifelnd an und sagt: „Weißt Du Tierarzt, das alles ist wirklich schon sehr lange her.

Der Tierarzt seufzt und murmelt etwas von Geheimnissen vor Kälbchen und allgemeinen Unwohlsein.

Die liebe C. sagt: Süße, Du musst uns wirklich nicht zum Flughafen fahren, wahrscheinlich bleiben wir ohnehin hier, wenn Dein Vater nicht endlich seinen Pass findet.

Die D: sagt: Wo seid ihr zu Pessach?

Der A. sagt: Ist bei noch Platz an Pessach?

Der F. sagt: Müssen wir in die Shul?

Die A. sagt: Wann seid ihr in der Shul?

Die G. sagt: Ich probiere dieses Jahr lauter, neue Rezepte aus. Pessach kommt ja nun wirklich nicht überraschend. Und Read On, was hast du denn für Meerrettich?

Ich schweige bedrückt.

Die Mali-Tant sagt: Meerrettich, wir sind doch keine Armenhäusler!

F. sagt: Das Date-Ale ist definitiv kosher for passover.

Ich sage: Urks!

Die A. sagt: Selena Bodenstein hat einen goldenen Pessach-Teller.

Nichten 1-3 heulen: WIR WOLLEN GOLDHASEN!

Ich sage: Himmel, in dem Schrank ist ja auch noch Mehl!

Der T. sagt: Wir backen unsere Matzot ja selbst! Der T. hält einen sehr langen Vortrag über die Verunreinigungen der Bäckerei aus der ich Matzot beziehe.

Ich funkle den T. böse an und sage: Papperlapp.

Die A. sagt: Keine der Töchter von Selina Bodenstein können grüßen! Ha, was Besseres, aber sie essen Reis zu Pessach.

Die liebe C. sagt: „Wenn Dein Vater seinen Pass nicht gleich findet, dann packe ich den Koffer wieder aus.“

Die Nichten 1-3 heulen: GOLDHASEN!

Der F. sagt: Mein Bruder hat einmal über Pessach Sarah Silbermann einen Frosch ins Bett gelegt.

Ich sage: Wie ist dein Bruder an das Bett von Sarah Silbermann gekommen?

Der F. sagt: Mein Bruder hat sich über sieben Balkone geangelt, ist durch das Badezimmerfenster der alten Tante Chana über eine Terrasse auf das Dach der Silbermanns geklettert, hat das angekippte Fenster von Sarah geöffnet und den Frosch unter ihr Kopfkissen getan als die gesamte Familie Silbermann bei Tische saß. Wusstest du, dass Sarah Silbermann einen schrecklich langweiligen Rabbi geheiratet hat und vier schrecklich,langweilige Töchter hat?

Vielleicht hatte sie von der Aufregung auch einfach genug für den Rest ihres Lebens, frage ich, aber der F. schwenkt sein Telefon vor meiner Nase herum. Hier die schöne Myra macht Macarons die Kosher für Pessach sind. Das ist schon etwas anderes als deine Matzo-Ball Suppe, die es Jahr für Jahr gibt.

„Du kannst gerne die schöne Myra mit deiner Anwesenheit beehren“, knurre ich finster.

„Vielleicht sollte ich auch noch einen Frosch fangen, lacht der F.

Mein Vater sagt: Kinder streitet euch nicht. Bei der A. müssen wir Rote Bete Salat essen.

Die liebe C. sagt: „HEUREKA!“ ICH HABE DEN PASS!

Mein Vater sieht so aus als wolle er, ähnlich wie die Nichten auch gleich anfangen zu schluchzen.

Die liebe C. sagt: Telefon, Pass, Schlüssel-Jerusalem, Geschenke. Alles da.

Nichte No. 3 heult: Und wo ist Kanzler Bär?

Schwesterchen sagt: Das Schönste an Feiertagen ist, wenn sie vorbei sind.

Die Mali-Tant sagt: Matzot. Ich verstehe das nicht, wenn ich Papier essen will, dann esse ich Papier.

Der Jean sagt: Liebes, ich finde deine Suppen wunderbar!

Ich sehe den Jean dankbar an.

Der Tierarzt murmelt: Mah nishtanah, ha-laylah ha-zeh,
mi-kol ha-leylot. Heißt das: Kälbchen sei dahingeschlachtet?

Nein, sage ich, Tierarzt niemand schlachtet ein Kälbchen.

Der Tierarzt atmet erleichtert aus.

Ich reiche dem Tierarzt die Kinder Haggadah.

Ich google: Macarons kosher passover.

Die liebe C. ruft: Himmel, wo sind die Autoschlüssel?

Der F. sagt: Sarah Silbermann hatte die längsten Beine im Stadtviertel.

Ich zähle langsam bis 29.

Süße, rufe ich, ich habe die Autoschlüssel!

Schwesterchen zählt die Kinder.

Mein Schwager zählt die Kinder.

Mein Vater zählt die Kinder.

Die liebe C., zählt die Kinder.

Die Mali-Tant sagt: Ich habe eine ganze Sachertorte im Koffer.

Der Tierarzt sagt: Der Pharao war ein wirklich unangenehmer Mensch.

Mein Vater sagt: Die A. hätten sie ruhig in Ägypten behalten können.

Der F. sagt: „Los jetzt, sonst verpasst ihr nur das Flugzeug. Ich fahre euch!“

Türenschlagen, Tumulte, noch mehr Tränen.

Dann Stille.

Ich sage: Endlich! Die Haus, Küche und Hof sind kosher für Pessach.

Dann fällt mir eine Packung Kekse auf den Kopf.

Katzen, Menschen, Bäume

Es gibt Menschen, die mögen Hunde.

Andere Menschen mögen Katzen.

Es gibt den Tierarzt, der Tierarzt ist vernarrt in ein Kalb in den Flegeljahren, liebt die Katze und verehrt den Hund.

Ich mag weder Katzen, noch Hunde oder Kälber. Ich mag Kinder und Shetlandponys und Nussschokolade.

Ich habe eine Nachbarin. Die Nachbarin ist sehr alt. Die Nachbarin ist ungefähr 97 Jahre alt , aber eine Dame fragt man nicht nach dem Alter.

Einmal hat eine ferne Bekannte, die Mali-Tant nach ihrem Alter gefragt. Die ferne Bekannte ist heute eine sehr ferne Bekannte, die lieber die Straßenseite wechselt trifft sie die Mali auf dem Inneren Ring.

Die Mali-Tant hat einen Kater namens Mau. Wie alle Katzen behandelt mich Mau mit Geringschätzung und Verachtung.

Die alte Nachbarin winkt mir am Morgen: „Fräulein Read On, ich kann den Frühling schon riechen. Ich winke zurück. „Die guten Vorzeichen häufen sich.“

Die alte Nachbarin hat auch eine Katze. Die Katze ist rot gestreift und hat einen durchdringenden Blick, die Katze der alten Nachbarin wiegt ungefähr so wie ein kleines Schaf und die Katze der Nachbarin heißt Maria. Nach Maria Callas. Wie alle Katzen verachtet Maria auch mich und zischt wenn immer sie mich trifft, wie es Maria Callas bestimmt niemals tat.

Ich habe einen Garten und im Garten steht ein Walnussbaum. Der Garten ist groß und wild und immer wenn der Frühling beginnt, schwöre ich die Wildnis einzuhegen.

Es gibt Menschen, die besitzen Kleidung mit der sie in allen Lebenslagen schön ausschauen, selbst im Garten. Ich gehöre nicht zu dieser Gruppe von Menschen. Ich trage ein paar indische Hosen, ein Swetashirt mit einem verwaschenen Snoopy, alte Tennisschuhe, grüne Gartenhandschuhe und ein gelbes turbanartiges Tuch aus dem Kopf, um der Shetlandponyhaare Herr zu werden und so wühle ich also in der Wildnis umher und vor allem beschneide ich die Apfelbäume. Ich singe für meine alte Freundin die Wildtaube lauter alte Bollywood-Lieder und die alte Freundin Wildtaube wippt entspannt auf einem Ast. Dann aber verschwindet die alte Freundin Wildtaube in den dichten Tannenzweigen.

Ich drehe mich um und mir gegenüber steht Maria. Maria sieht mich an, wie sonst nur sehr schöne Frauen mich ansehen, mit der gleichen leichten Verachtung, die sehr schöne Frauen für Shetlandponys übrig haben.

„Morgen Maria“, sage ich, denn Abneigung, sagte meine Großmutter ist keine Entschuldigung für Unhöflichkeit.

Maria aber findet nicht, dass ich eines Grußes würdig sein und stapft über den Rasen zum alten Wasserbassin.

Maria ist eine eitle Katze.

Jetzt grinse ich. „Hey, rufe ich herüber, die alte Nachbarin hätte dich lieber Narcissa-Maria nennen sollen.“

Maria schwenkt ihren Schwanz als sei ich nichts weiter als eine lästige Fliege.

Aber natürlich rumort es in ihr. Sie ist schließlich eine Katze und dann
ist da ja noch der alte Walnussbaum.

Maria starrt mich an, dann den Baum und dann klettert sie sehr behäbig, eher wie ein Faultier denn eine Katze auf den Baum. Ich denke: „Aus den Augen, aus dem Sinn“ und warne die alte Freundin Wildtaube, auch wenn die schwerfällige Maria wohl kaum eine Gefahr für die schlanke, schnelle Wildtaube ist.

Um elf Uhr kommt die Nachbarin herüber: „Fräulein Read On“ ruft sie, „haben sie Maria gesehen?“

„Ja, sage ich, Maria hm ruht auf dem Walnussbaum.“

„HimmelHerrg*ttthilf“, schreit die alte Nachbarin und eilt herüber in den Garten, Maria kommt doch nicht allein vom Baum herunter.

„Was?“, frage ich.

Die alte Nachbarin seufzt: „Maria ist nicht schwindelfrei.“

Ich huste und sage: „Vielleicht könnte ja ein Leberwurstbrot Maria vom Baum locken?“

Die alte Nachbarin schüttelt den Kopf. „Das hat keinen Sinn, sagt sie, die arme Maria fürchtet sich zu sehr.“

Die alte Nachbarin sieht zu mir herüber und sagt ganz wie Maria Callas: „Fräulein Read On bitte helfen sie mir.“ Maria ist doch mein ein und alles. Ich starre auf das rote Monstrum im Walnussbaum. Ich bin mir sicher, dass Maria hämisch grinst.

Ich seufze noch einmal und ziehe die Leiter aus dem Schuppen.

Die Leiter ist alt. Der Baum ist sehr hoch. Die alte Nachbarin sagt: „Himmel, Fräulein Read On, solche Leiter habe ich das letzte Mal beim Volkssturm im 45r Jahr gesehen.“

„Na, wollen wir hoffen, dass die Leiter nicht so viel vom Volkssturm gesehen hat“, sage ich.

Ich stelle die Leiter an den Walnussbaum und klettere die knarrenden Sprossen hinauf.

„Reden sie Maria gut zu, ruft die alte Nachbarin, das Mäuschen fürchtet sich so.“

Ich zische in Richtung Maria: „Komm sofort her du hinterhältige Schlange, sonst wirst du dich wundern.

Maria springt auf den nächstbesten Ast.

Ich klettere schnaubend hinterher.

Maria grinst.

„Wirst Du wohl sofort deine Pfoten zu mir bewegen“, knurre ich.

Unten knallt eine Autotür.

Natürlich ist es der schöne Nachbar.

Die alte Nachbarin ruft: „Schöner Nachbar, das Fräulein Read On rettet Maria vom Walnussbaum.“

Der schöne Nachbar ruft: „Nice and slow Read On!“

Ich denke ein sehr nicht jugendfreies Wort.

Maria grinst und springt auf den nächsten Ast.

Ich habe die letzte Leitersprosse erreicht.

Maria wägt ab, ob der nächsthöhere Ast, sie wohl trägt.

Das ist meine Chance.

Ich greife nach der Katze.

„Hab ich dich du blödes Biest“, knurre ich.

Die alte Nachbarin ruft: „ Ach meine süße Maria.“

Der schöne Nachbar ruft: „Ist die Leiter aus dem Mittelalter?“

„Nein vom Volkssturm“, ruft die alte Nachbarin.

Der schöne Nachbar lacht.

Maria zappelt als sei sie ein Fisch und keine Katze vom Gewicht eines Schafs.

Ich zische: „Wirst Du wohl stillhalten Du undankbare Kröte.“

Die alte Nachbarin schnurrt: „Komm in meine Arme Liebes.“

Ich halte das schwere Biest in einem Arm und mit der anderen Hand klammere ich an der Leiter und steige so vorsichtig es geht, herunter.

Maria sieht mich missmutig an.

Ich sehe Maria noch viel missmutiger an.

Dann komme ich nicht weiter. Denn irgendetwas hält mich fest. Ein Ast des Walnussbaumes hat sich in dem gelben Turban verfangen.

Ich fluche etwas sehr Unanständiges.

Der schöne Nachbar sagt: „Read On, ich wusste gar nicht, dass Du solche Wörter kennst.“

Die alte Nachbarin fragt: „Was hat Fräulein Read On gesagt?“

Der schöne Nachbar sagt: „Fräulein Read On sagt, Maria ist die schönste Katze, die sie jemals gekannt hat.

Die alte Nachbarin schnurrt schon wieder: „Maria, gleich hast du es geschafft.“

Ich reiße am Turban, der Ast gibt nach, der Ast gibt sogar sehr nach, ich rutsche ab, die Leiter schwankt, Maria rutscht aus meinem Arm, Maria fällt, die alte Nachbarin schreit auf, der schöne Nachbar fängt Maria auf.

Der schöne Nachbar säuselt: „Komm her Du Süße, es ist ja nichts passiert.“

Die Leiter schwankt wie ein Weidenzweig.( Kein Wunder, dass das mit dem Volkssturm nichts wurde.) Ich lasse die Leiter los, die Leiter knallt nach hinten, ich umklammere den Baum mit beiden Beinen.

Die alte Nachbarin ruft: „Himmel Hilf, Fräulein Read On!“

Der schöne Nachbar lacht: „Koala steht Dir Read On.“

Ich knurre Böses und hangle mich sehr vorsichtig am Baum hinunter. Mit einer Hand hänge ich an einem Ast und der Ast knackt, dann gibt der Ast nach, ich plumpse auf den Boden.

Das Snoopy T-Shirt hat einen Riss. Die indische Hose ist voller Walnussbaumrindenstücke. Sie Sohle der alten Tennisschuhe flappt. Flapp. Flapp. Der gelbe Turban ist nur ein gelbes Elend und hat sich im Shetlandponyhaar verfangen.

Eine zweit Autotür klappt.

Es ist die Freundin des schönen Nachbarn.

An der Leine hechelt ihr schöner Hund.

„Was ist denn hier los?“, fragt sie und die alte Nachbarin erzählt ihr von Maria, dem Walnussbaum und der Leiter.

Dann dreht die schöne Nachbarin sich zu mir um.

Sie sieht mich mit jener leichten Verachtung und Amüsiertheit an, mit der sehr schöne Frauen, Shetlanponys betrachten.

Dann küsst sie den schönen Nachbarn.

Maria schläft auf seinem Arm.

Aber als er sie der alten Nachbarin zurückgibt, da öffnet sie sie Augen und grinst.

Ich strecke ihr die Zunge heraus.

Der schöne Nachbar grinst.

Die alte Nachbarin turtelt mit Maria.

Ich klopfe mir Dreck von den Sachen.

Der schöne Nachbar und seine Freundin drehen sich tuschelnd um. Sie ruft: Hektor bei Fuß. Aber ich bin mir sicher, noch in zwanzig Jahren wird sie ihre perfekte Braue leicht anheben und bei einer Abendgesellschaft erzählen, wie einmal ein Shetlandpony mit Snoopy T-Shirt vom Baum fällt.

Die alte Nachbarin seufzt: „Der Mann hat wirklich einen hübschen Po.“

Maria schnurrt zustimmend und lässt sich von der alten Nachbarin zurück in das Haus tragen.

Höhnisch bickt sie zu mir herüber.

„Eines Tages“, murmele ich finster, aber erst einmal brauche ein Stück Nussschokolade.