Kosmisches Ungleichgewicht

Manchmal und noch immer hat die Wissenschaft nicht erwiesen wieso, da gerät das kosmische Gleichgewicht aus den Fugen. Meiner bescheidenden Ansicht nach, geschieht das immer in jenen Nächten in denen Sonne und Mond sich schlecht vertragen. Natürlich liebt die Sonne den Mond, aber manchmal vor allem in den langen Februarnächten, da zieht sie goldene Lackschuhe an und trifft Poseidon für einen Tanz oder zwei auf dem Meeresboden und erst gegen vier Uhr kehrt sie barfuß und mit den Schuhen in der Hand zurück. In diesen Nächten aber zürnt der Mond, schenkt sich Cognac ein und verflucht, dass er sich ausgerechnet so in die Sonne verliebte, wie er es eben tat, natürlich hat auch der Mond mehr als einen Stern geküsst, aber niemals , dass weiß er selbst zu genau, wird jemand die Sonne an seiner Seite ersetzen können. In diesen Nächten also in denen die Sonne tanzt und lacht, da streift der Mond sich einen roten Morgenmantel über, schenkt sich Cognac nach, beugt sich über den Balkon starrt finster auf das dunkle Meer herunter, dann fällt sein Blick auf ein windschiefes Haus, am Rande eines kleinen irischen Dorfes, dort gähnt ein Fräulein am Fenster und der Mond reibt sich die Hände: „Der will ich es schon zeigen“ , sagt der Mond und reibt sich die Hände.

Das Fräulein aber das eben noch gähnte, zieht die Beine zu sich heran und zieht sich ihr altes Schlaftuch über den Kopf und schläft nichtsahnend ein. Neben ihr atmet leise der Tierarzt auf dem Sessel neben dem Fenster träumt die Katze vom Mäusefasching, auf dem Teppich mit den alten Rosenranken schnarcht der Hund und schon schlafe auch ich. Aber auf dem Balkon steht eben auch der Mond, steckt sich eine Zigarre an, füllt noch einmal eine Handbreit Cognac in sein Glas und lacht.

Unten im Haus schreckt ein Fräulein aus dem Schlaf. Es erwacht mit schauderhaftem Durst, einem Durst der in der Kehle brennt und das Fräulein setzt sich auf, denn zu diesem Behufe ist doch eine Flasche Wasser neben dem Bett deponiert. Beim Versuch die Flasche zu erreichen, reiße ich den Bücherstapel um, die Flasche kippt um, das Wasser läuft aus. Ich fluche mit zusammengebissenen Zähnen, tappe ins Bad und wische das Wasser auf, dabei rutsche ich auf einem der Stoffschlappen aus, die der Hund stets mit voller Begeisterung zerkaut, krach, bumm, autsch. Ich reibe mir die Schulter. Von fern auf dem Balkon lacht der Mond heiser. „Da geht noch was“, sagt er, aber erst einmal schlafe ich wieder ein.

Dann wache ich auf, aber eigentlich schrecke ich auf, denn in meiner Vorstellung steht die Haustür offen und wahrscheinlich lauern schon Räuber mit einem Beutel in der Hand um die alte Standuhr wegzutragen, ich tappe die Treppe hinunter, die Haustür ist verschlossen, die alte Standuhr geht wie gewöhnlich zwei Minuten nach. Ich schüttle den Kopf über mich, der Mond schüttet sich aus vor lachen.

Ich schlafe zum dritten Mal ein und der Mond setzt Tee auf. „Warte nur „sagt er, dann kläfft ein Hund, der Hund so glaube ich kläfft direkt vor dem Fenster, ein schauderhaftes Kläffen, ein Bellen aus den Tiefen der Hölle, ein sich immer weiterschraubendes Gekläff, ohne Ziel und ohne Ende. Ich stehe auf und strecke den Kopf aus dem Fenster. Vor dem Fenster kläfft kein Hund, ich lege mich wieder hin, ich zähle Schäfchen und als Schäfchen No. 14 über das Weidegatter hüpft und ich kurz davor bin erneut zu entschlummern, setzt das Kläffen wieder ein. Ich murmele: „So nicht, so nicht“, angle nach den Pantinen und stürme hinaus in den Garten. Im Garten Stille. Selbst das Gras atmet lautlos, der Himmel schweigt, der Kirchturm St Sylvester ist nur ein dunkler Schatten, von nirgendwo tönt Hundegebell herüber. „Das ist doch nicht zu fassen“, murmele ich und krieche zurück ins Bett. Der Mond nimmt grinsend die Platte: Dantes Höllenhunde-Purgatorio in F-Dur vom Plattenspieler.

Ich drehe mich auf den Bauch und ziehe die Decke über den Kopf. Mögen die unsichtbaren Hund auch kläffen, was soll es mich kümmern, eine halbe Stunde knallt der hiesige Hund seine Pfote gegen meine Stirn, es ist halb vier, ich schrecke hoch. „Hund sage, ich was hast du?“ Der Hund jammert und seufzt. Ich angle erneut nach den Pantinen und der Hund und ich wandern in die Küche, ich besänftige den Hund mit Hundekeksen und trinke ein Glas Milch. Der Hund will aber auf keinen Fall mehr ins Schlafzimmer zurück, nun seufze ich, tappe nach oben und hole eine Decke, lege mich auf das Sofa und der Hund legt seinen schweren Hundeschädel auf mich und ich streichle den Hund in den Schlaf zurück. Der Mond grinst hämisch. Zu hübsch ist es doch den Hund mit kalten Fingern wieder und wieder am Schwanz zu ziehen.

Dann nicke auch ich noch einmal ein, ich träume erst von riesigen schwarzen Spinnen, die Strickmuster diskutieren und dann ist mir als drücke ein Schwall kalter Wind und eine Woge kalten Wassers die Wände und Fenster ein. Ich schrecke hoch, der Hund jault auf, bei meiner nächtlichen Suche nach dem kläffenden Hund muss ich die Terrassentür nicht richtig zugemacht haben und auffrischende Wind,Poseidon sieht natürlich danach, dass die Sonne sicher nach Hause kommt, traf die Tür und schon schwappten Wind und Wasser ins Haus hinein. Ich wische auf, der Hund zieht wieder ins Schlafzimmer zurück und der Mond hört nicht wie die Sonne barfuß und leise ins Haus zurückschleicht, die Schuhe fallen lässt, heftig gähnt, dem Mond die Hände auf die Augen legt und sagt:“Komm zwei Stunden haben wir noch.“ Ich aber gehe schwimmen, der Tierarzt stellt mir Tee und ein Stück Kuchen hin und ich erzähle ihm vom kosmischen Ungleichgewicht, der Sonne und Poseidon und dem Mond im roten Bademantel.

Der Tierarzt schweigt sich aus über den Zuckerberg in seiner Tasse und als ich meine Erzählung beende, sagt er: „Mädchen, man muss sich doch schon sehr wundern, dass Du keine Professur in Astrophysik hast.“

Der Hund schaut verdutzt, die Katze wie stets leicht ironisch amüsiert und ich nicke und seufze, denn schön wäre es doch der Frage des kosmischen Ungleichgewichts einmal näher als nur so am Frühstückstisch auf den Grund zu gehen.

Die letzte Karte

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Am Ende sind es 336 Karten geworden.

Die letzte Karte habe ich am westlichsten Zipfel Irlands in einen Briefkasten geworfen. Es war eine Karte über die atlantischen Winde.

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Westerly winds/ let that sink in.

Spät am Abend wieder in einem kleinen irischen Dorf, aber blieb die letzte Karte leer.

Die schönste Karte in ein Gefängnis ist immer die Karte, die nicht mehr geschrieben werden muss.

Jeden Abend am grünen oder gelben Postkasten, auf der Post gegenüber des Markusplatzes in Venedig, in einer Postfiliale in St. Germain in Paris oder einem Postamt an der Ostsee habe ich mich gefragt: Ist das die letzte Karte? Aber immer kam eine neue Karte.

Die Freiheit hat das letzte Wort und Deniz Yücel hat die Freiheit wieder. Er kann wieder selbst sprechen, reden, streiten und schreiben. Vor allem schreiben. Das vor allem.

Ich habe die Karten an Deniz Yücel und Mesale Tolu nicht gern geschrieben, die Karten waren Geschwister der Feder von Dolores Umbridge, jede Karte tat ein bisschen mehr weh, jeder Tag im Gefängnis wiegt schwerer, ein ganzes Jahr Leben hat man Deniz aus den Händen genommen.

Ich habe das Gefängnis von Silivri oft gegoogelt, ich habe niemals einen Briefkasten am Tor von Silivri gefunden. Das hat mich mehr beunruhigt als ich zugeben will.

Ich habe im Gefängnis von Bakirköy in dem Mesale Tolu inhaftiert war angerufen. Der Tierarzt sagte: „Du kannst doch nicht einfach in einem Gefängnis anrufen.“ Aber ich habe angerufen und so lange in meinem Kauderwelsch- Türkisch gefragt, bis sie mir eine Adresse nannten. Gefängnisse haben Telefone habe ich gelernt. In Silivri nahm niemand ab.

Alle zehn Tage habe ich einen neuen Zehnerblock Briefmarken gekauft. Der Postbeamte fragte alle zehn Tage: „Und gibt es etwas Neues?“ Ich schüttelte den Kopf.

Ich weiß nicht was aus den Karten wurde, vielleicht hat der Postbote sie in den Bosporus gekippt, vielleicht hat die Poststelle in Silivri die Karten geschreddert, vielleicht hat jeden Morgen ein Beamter der Zensurstelle unter einem Erdogan-Bild auf die Karten gestarrt und ein leichtes Zucken im linken Augenlid blieb den ganzen Tag kaum wahrnehmbar, aber doch spürbar. Auf jeden Fall weiß man in Silivri jetzt, wer Heinrich Zille ist, da bin ich mir sicher oder vielleicht wissen es auch nur die Fische auf dem Grunde des Bosporus. Ich weiß es nicht.

Nach 200 Briefen fragte Franz Kafka, Felice Bauer, ob sie überhaupt seine Handschrift lesen könne. Ich habe lieber gar nicht erst gefragt.

336 Mal habe ich mir versucht vorzustellen, wie man die Welt beschreiben kann, wenn man allein in einer Zelle ist und nur eine Handbreit Himmel sehen kann. Ich habe es mir nicht vorstellen können, in diesem Sinne sind die Karten auch die wiederholte Geschichte eines Scheiterns.

336 Karten habe ich geschrieben und ich habe nicht gewusst, dass man dafür auch 336 Mal beschimpft wird. Aber so ist das gerade in Deutschland, daran muss man sich wohl gewöhnen und so habe ich eben mit den Achseln gezuckt über: „Du-schreibst-einem-Deutschenhasser-der-soll-im-Knast-verrotten-Du-willst-Dich-nur-groß-tun-du-machst-dich-wichtig-auf-Kosten-des-Elends-anderer-du-schreibst-nur-zweien-warum-schämst-du-dich-nicht.

Wer sich wirklich fragt,warum ich nur zwei Karten am Tag geschrieben habe, der google einmal Auslandsporto Irland.

Das hat mich müder gemacht als ich zugeben will.

Ich habe mich jeden Tag gefragt, ob es etwas hilfloseres als eine Postkarte gibt.

Ich habe darauf keine eindeutige Antwort gefunden.

Ich danke Frau Novemberregen,Frau ExcellensaMichaela,Winnie Rabensturmig,Antje und Nathalie, mit der schönsten Handschrift der Welt und all den anderen stillen „Postkartenschwestern“ für all ihre Karten und Worte, ihre Aufmerksamkeit und Zugewandheit und ihre stille Beharrlichkeit.  Von Herzen Dank, Sie sind so großartig wie wunderbar.

Der wunderbare The New Voice hat alle Karten zu einem Bild zusammengelegt.

Meine Schwester schreibt seit 280 Tagen an Ahmet Şık.

Der Tierarzt schreibt seit 300 Tagen an Mizgin Çay

Mein Vater und die liebe C. schreiben seit so vielen Tagen an Raif Badawi, dass ich mich nicht mehr traue zu frage, seit wie vielen genau.

Vielleicht schreibe auch ich noch einmal weiter. Ein richtiges, echtes Wort passt noch durch das kleinste Schlüsselloch, sagte meine Großmutter. Sie schrieb mir ein Leben lang.

An einem kühlen Sonntag Nachmittag habe ich die erste Karte geschrieben. Ich dachte, wenn es viele Karten werden, dann werden es vielleicht zehn.

Ein ganzes, langes Jahr lang hat Deniz Yücel im Gefängnis als Geisel der Regierung Erdogan verbracht.

336 Karten habe ich an ihn und 173 Karten an Mesale Tolu geschrieben.

Die letzte Karte blieb endlich leer.

Die Freiheit hat immer das letzte Wort.

Immer.

 

Szenen aus dem Leben eines seltsamen Fräuleins (3) oder Wiedersehen mit Stalin

Die Szene: Ein windschiefes Haus irgendwo in einem kleinen, irischen Dorf. Ein Küchentisch ( Eichenholz ), auf dem Küchentisch die Irish Times, das TLS Supplement (die beste Frauenzeitschrift der Welt), eine große Tasse mit Milch und Kaffee, ein Strauß Narzissen, ein Teller mit einem Croissant und ein Schälchen Himbeermarmelade aus dem Ostseegarten. Am Tisch sitzt das Fräulein Read On, das Fräulein liest behaglich die Zeitung, an ihrer Oberlippe kleben Croissantkrümel, das Fräulein summt. Im Hintergrund: Wasserrauschen, der Tierarzt nimmt ein Bad. Dann verstummt das Plätschern aus dem Badezimmer, der Tierarzt betritt in des Fräuleins Bademantel und mehrere Handtücher gehüllt, die Küche. Es folgt nachstehender Dialog:

Tierarzt (= T ), Fräulein Read On ( R )

T: „Mädchen, kann ich dich kurz bei der Lektüre unterbrechen?“
( Der Tierarzt knetet nervös mit den Fingern.) Ich müsste einmal mit Dir reden.

R: „Hmmm, ja ( das Fräulein legt die Zeitung zur Seite ), hat sich eine schöne Tierärztin namens Monika aus Witten-Herdecke gemeldet und will mit Dir ein neues Leben beginnen und Du musst mir jetzt schonend beibringen, dass ihr mit dem 12 Uhr Boot das Land verlasst?“

T: „Mädchen, am Samstag fährt das 12 Uhr Boot,  doch um 13.30 Uhr, aber nein, keine Monika und wo ist Witten-Herdecke? Aber ich will etwas anderes mit Dir bereden.“

R: „So rede!“ Das Fräulein schielt zur Zeitung.

T: „Heute ist doch das Spiel.“

Das Fräulein legt die Stirn in Falten ( im Winter finden ihres Wissens keine Tennisturniere statt).

R: „Was für ein Spiel, Tierarzt?“

T: „Aber Mädchen, heute spielt doch Irland gegen Frankreich.“

R: „Hmm ( zögerlich ) ist schon wieder Fußball?“

T:“ Mädchen, RUGBY, RUGBY, SIX NATIONS.“

R: „Oh!“ (Das Fräulein Read On interessiert sich wirklich kein kleines bisschen für Sport.)

R: „Tierarzt, was kann ich um Himmels Willen mit diesem Spiel zu schaffen haben, von dem ich nichts weiß als das erwachsene Männer und Frauen vergnügt durch den Schlamm robben.“

T: „Also, ich wollte folgendes mit Dir besprechen, ( der Tierarzt knetet schon wieder nervös mit den Händen ), du weißt es kommen nachher Rory, Gary and Jerry für ein Pre-Match-Zusammensein hierher.“

R: „Ich weiß,,es steht ein Kuchen auf der Bank im Garten, es sind Häppchen im Kühlschrank, Getränke im Keller, und wenn die Herren von der Quiche nehmen mögen, so gilt es diese auf 200 Grad im Backofen zu erhitzen.“

T: „Das ist genau das Problem, die Quiche.“

R: „Die Quiche ist biologisch-organisch- handgemacht und hervorragend, selbst Du hast eine halbe Ecke verzehrt, dann wird sie ja wohl gut genug sein für den feinen Besuch.“

T: „Mädchen verstehst Du nicht, es geht um die Quiche als solche.“

R: „Die Quiche als solche?“

T: „Versteh doch, es spielt FRANKREICH gegen Irland.“

R: „Ja, das sagtest du bereits.“

T: „Die Quiche ist aber ein Symbol Frankreichs, sozusagen ein rotes Tuch in den Augen von Rory, Gary und Jerry, die eben äh etwas empfindsam sind, in solchen Fragen, an denen es um Irland um alles geht und dieses Haus ist eben sehr Französisch und da wollte ich Dich fragen, ob wir äh, dieses Haus nicht ähm entfranzösisieren könnten, nur für diesen Tag natürlich.“

Das Fräulein Read On starrt den Tierarzt entgeistert an.

R: „Dieses Haus ist aber sehr Französisch?“

T: „Sieh Dich doch mal um.“

Der Tierarzt zeigt auf den Stapel französischer Bücher auf dem Tisch neben dem alten, grünen Sessel.

Der Tierarzt hebt mit spitzen Fingern den Canard enchaîné auf, den die B. von einer Tagung in Paris mitgebracht hat.

Der Tierarzt zeigt auf die Eierwärmer in Form eines Hahns.

Der Tierarzt hebt die Augenbraue in Richtung Kupferstich, der den Ballhausschwur bebildert.

Der Tierarzt zeigt vorwurfsvoll auf das Poster, welches eine Ausstellung im Musée Picasso bewirbt.

Das Fräulein starrt den Tierarzt an.

R:“ Du willst das Haus einer stalinistischen Säuberung unterziehen und Gary, Jerry und Rory vorgauklen, ich hätte keine französische Mutter, ist das so?“

T: „Mädchen Du formulierst sehr scharf. Stalin, um Himmels Willen, ich will doch nur vermeiden, dass die Lads annähmen, ich sei nicht mit ganzem Herzen der irischen Sache zugetan, will ihnen an diesem speziellen Nachmittag kein französisches Salz in die Suppe streuen.“

R: „Aber mein französisches Herz bekümmert dich wenig, ja?“

T: „Mädchen, Dir ist Sport doch völlig gleichgültig. Es ist doch nur für diesen einen Nachmittag. Wir könnten einen Naturkalender über den Ballhausschwur hängen, die Bücher im Arbeitszimmer verstecken, das Plakat in der Küche verbergen und die Quiche als ähm Gemüsepie bezeichnen.“

R: „Picasso war Katalane, wir haben keinen Naturkalender, die Bücher haben niemanden etwas getan und dann- sehr langsam- das ist eine Quiche und kein Gemüsepie.“ Das Fräulein verschränkt die Arme vor der Brust.

T: „Aber das Rugbyherz ist eben auch sehr empfindlich, sogar die Katze schnarcht auf Französisch- die Katze, die bis dahin selig auf der Fensterbank schlief, erhebt sich und starrt den Tierarzt an, die Katze verg*ttert den Tierarzt, aber jetzt starrt die Katze den Tierarzt entsetzt an. Es ist unmöglich Rory, Gary und Jerry einen gallischen Hahn zuzumuten.“

Das Fräulein erhebt sich.

R: „Stalin.“

Tierarzt zuckt zusammen.

R: „Ich werde das Haus in zwanzig Minuten verlassen, um 18 Uhr bin ich zurück. Es liegt bei Dir, ob in diesem Haus dann ein Naturkalender hängt oder der Ballhausschwur. ( Leise, aber nicht ungefährlich ): Es ist eine Gemüsequiche.“

T: Mädchen, ich, äh, ich weiß nicht, ich wollte nicht, es ist nur…“

R: „Es ist alles gesagt.“

Die Katze begleitet das Fräulein nach oben, der Hund folgt dem Fräulein in Solidarität nach, das Fräulein verlässt zwanzig Minuten später das Haus, in der Handtasche liegen die Eierwärmer in Hühnerform, im Radio läuft Rameau, das Fräulein kauft auf dem Wochenmarkt Kartoffeln aus dem Roussillon und verschmäht den Stilton beim Käsehändler. Dann fährt das Fräulein in die Stadt, denn sie ist mit der K. zum Kammermusikonzert verabredet. Man küsst sich zweimal links und zweimal rechts.

Die K sagt: „Read On, Du bist ganz blass. Alles in Ordnung?“

R: „Alles gut, ich habe heute früh nur Stalin getroffen.“

K: „Stalin?“

R: „Ja, verrückt nicht wahr? Ausgerechnet bei mir Zuhause.“

K: „Bist Du Dir sicher?“

R: „Todsicher.“

Dann beginnt das Konzert.

Vergoldeter Dank

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Einen goldenen Dank an Sie alle, die so wunderbar mitreißend, Daumen und Tatzen gedrückt hielten, gute Gedanken, ihre Stimmen und überhaupt ihre Großzügigkeit in die Waagschale geworfen haben und dieses kleine Blog vergoldet haben. Ich danke Ihnen allen sehr und von Herzen, denn ohne sie ist dieses Blog ja nur eine Seite Papier im großen, weiten Internet und füllten Sie es nicht mit Leben, dann gäbe es dieses Blog zwar auch, aber nicht als einen Ort an dem man Tee trinkt, die Stirn runzelt, die Augenbraue hebt, lacht und erzählt, die Türen zu schlägt, doch wiederkommt und so ist dieser Preis, ein Preis für Sie alle, die sich einlassen mögen auf andere und vielleicht ungewohnte Perpsektiven auf die Welt und auf ein Leben. Dafür, dass Sie dies tun und damit das Internet selbst zu einem offenen Ort machen, in dem viele Geschichten, Platz haben, dafür kann es gar nicht genug Gold geben.

Oft ist „das Internet“ eine anonyme Riesenmaschine und auch diesem Blog weht immer wieder und immer anders kalter Wind entgegen, denn die Welt bleibt ja nicht außen vor, sondern findet auch hier statt, oft und mit Recht wird darüber geschrieben und geleitartikelt, dass es um Klicks und Werbung und und und und geht, und Blogs ohnehin tot seien, eine Art Fossil angespült an einem fernen Strand, längst überholt und längst überkommen. Aber dann steht während man dort und überlegt sich unter dem Tisch zu verstecken, da trifft man sie, die Erzähler des Internets. Die großartige, wortgewandte Chronistin der Tage und Dinge, die Kaltmamsell, die unermüdlich engagierte Juna , die fabulöse, zupackende und so herzenswarme Notaufnahmeschwester und kaum hat man sich versehen, schon schwatzt mit der so schnellen wie klaren Barbara Bierach aus Sligo und man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Geschichten und ihre Erzähler sehr lebendig und sehr, sehr eindrucksvoll sind und ist das nicht auch schon fast eine Geschichte für sich, dass man einem Abend vom Fröhlichen und Heiteren, zum Traurigen und Ernsten wandern und wechseln kann und die Welt mit anderen Augen sieht. Ein Dank von Herzen auch an die Organisatoren, die mit viel Engagement, Zeit und Kraft seit so vielen Jahren, die Blogs zu Wort kommen lassen und ihnen einen ganzen Abend widmen. Diese Arbeit, neben ihrer eigentlichen Arbeit lässt sich kaum in Gold aufwiegen. Danke.

Ansonsten gilt: Danke und wieder und wieder Danke und natürlich was der Bär sagt!

Da ich im gewinnen wirklich keine Übung habe, habe ich das gemacht, was ich seit 318 Tagen und so viele von Ihnen mir gemeinsam tun, nämlich eine Karte für Deniz geschrieben und  vorgelesen, denn darum geht es auch hier und heute, immer wieder an der Freiheit des Wortes festzuhalten:

Berlin, 29-01-2018 ( Karte No.318)

Merhaba Deniz,

ich habe noch nie etwas gewonnen, nicht einmal eine Papierrose auf dem Jahrmarkt, aber was man nie gewonnen hat, kann man nicht verlieren. Ich bin Meisterin im Verlieren. Gäbe es eine Olympiade ich wäre immer Erste. Vielleicht ist das der Grund dafür, dass ich selbst in den Mänteln ohne Taschen noch immer Worte eingenäht habe. Es ist seltsam pathetisch dies zu sagen, aber und man sieht es am deutlichsten blickt man vom Verlieren her, die Wörter erweisen sich am Ende und leider niemals am Anfang als hartnäckiger als alles Andere. 1000 und eine Nacht sprach Sherezade, noch immer gibt es die Zettel, die Briefe fast alle reißen mitten im Satz ab, die Männer und Frauen aus den Deportationszügen warfen, noch immer erzählen Mütter ihren Kindern, Geschichten, die sogar Monster unter den Betten vertreiben, noch immer werden Liebsbriefe geschrieben, meist zu später Stunde, in jedem Einkaufszettel lässt sich Goethe finden und wenn die „Hängt Sie alle auf-Schreier doch nur wüssten wer Karl Kraus wäre, dann da bin ich mir sicher, verstummten sie sofort und Karl Kraus gäbe nicht nach.

So schnell, wie man in ein Wort hineinfällt, so schwer ist es vergifteten Wörtern zu entkommen, jedes Wort hat seinen Preis und ob ein Wort zu spät kommt, weiß man immer erst hinterher oder man ist Harry Heine. Es gibt Wörter, die machen Seitenstechen vor Lachen und es gibt Wörter, die hören niemals auf weh zu tun. Jedes Wort hat Abgründe, einen doppelten Boden, klingt im Sommer anders als im Januar und auch deswegen fürchten sich Diktatoren so vor dem Wort, so vor Menschen, die wie wir hier alle heute Abend, um das Wort ringen, ob in 140 Zeichen oder 2000 Worten, alle hier setzen Worte aus mitten in die Landschaft und die Wörter laufen los, und man glaubt es nicht, aber die Furcht vor den Wortern, vor Postkarten, Liedern, Kochrezepten, Anleitungen für schöne Wimpern, und das Liebesleben der Oktopusse ist schon genug, damit sie zittern und die Worte versuchen zu ersticken, aber schon pfeift einer das nächste Lied und die persische Prinzessin liest auf den Zinnen ein langes Epos vor und der Armeegeneral träumt von langen Fliegenbeinwimpern, während er doch eigentlich Armeen gegen Wörter ins Feld führen soll und so gewinnen am Ende immer die Wörter, auch wenn das Warten einen so bange macht, so unruhig, schon kommen die Wörter, jeden Tag werden die Wände von Silvri und all den anderen Gefängnissen, dünner, immer werden die Wörter lauter und still und einsam wird es um die Diktatoren, die nicht verstanden haben, dass ein Echo immer weiter reicht, noch das kleinste Schlüsselloch brechen die freien Wörter herein. Deniz, die Wörter hören nicht auf und die Freiheit, die Freiheit, die kommt.

Immer herzlich,

Ihr,

Fräulein Read On

Wie ich einmal einen Dieb in Ausbildung traf, der F. sein Rad trotzdem behielt und ich einen vergnüglichen Abend in der Philharmonie verlebte

Eigentlich bin ich mit meinem Vater vor der Berliner Philharmonie verabredet, uneigentlich eile ich so schnell ich kann zu einer großen Berliner Klinik, dort steht das Fahrrad des ehemaligen geschätzten Gefährten unter einer Müllplane verborgen, denn F. der ehemalige geschätzte Gefährte hat Schloss und Schlüssel verkramt, so dass ich herbeieile, sein Rad vor herannahenden Dieben zu schützen. Während ich also eile, fauche und fluche ich in das arme Ohr meines Vaters, der geduldig zuhört wie ich erst über Clara Schumann, dann über den ehemaligen, geschätzten Gefährten und schließlich über die Männer im Allgemeinen klage. Mein Vater leiderprobt genug, sagt immer nur dann und wann: Hmm, SoSo, Jaja und sichert mir zu, ich solle mich bloß nicht hetzen, er wartete geduldig, wenn auch ungeduldig weiter meinen Ausführungen zu Clara und Robert Schumann zu lauschen. Dann rauscht der Verkehr, der strenge Berliner Wind und ich sage: „Bis gleich“, ziehe mir den Schal höher, stolpere über einen abgestellten Karton ( wieso steht da ein Karton?) der Müllplane entgegen unter der nach Angaben des F. sein Rad auf Schloss und Schlüssel wartet.

Ich stapfe durch den Klinikpark, es ist dunkel, neblig, ich fluche und knurre, eine Katze mit glühenden Augen hockt auf einem Papierkorb und wäre ich nicht so eilig, ich gruselte mich bestimmt, aber so renne ich auf die Plane zu und als ich die Müllplane endlich sehe, steht dort ein Mann. Ich halte den Mann für den Kollegen B. „Holla B. rufe ich, hat der F. Dich zum Wachschutz seines Rades verdonnert?“
Der Mann, der sich umdreht, ist nicht der B.
Der Mann, der sich umdreht, macht sich am Fahrrad des ehemaligen geschätzten Gefährten zu schaffen.
Ich rufe also: „Hey Sie, was machen Sie da am Fahrrad?“
Der Mann starrt mich an und erhebt eine ebenfalls zum Fahrrad gehörende Luftpumpe und bedeutet mir ich möge ihn nicht unterbrechen.
Ich denke für zwanzig Sekunden an Karachi und denke, Read On, Du hast doch nicht in Delhi, Lahore und Karachi den Kopf hingehalten, um dich vor einem Mann mit Luftpumpe zu fürchten und sage: „Seien Sie nicht albern und nehmen Sie die Luftpumpe herunter und verschwinden Sie vom Fahrrad.“
Der Mann nimmt die Luftpumpe herunter und ich trete näher an die Müllplane heran und sehe, dass der Mann noch ein anderes Fahrrad am Wickel hat.

Neben sich herum liegt lauter Werkzeug mit dem sich offenbar Fahrradschlösser knacken lassen sollen. Ich sage, „dass kann doch nicht ihr Ernst sein, dass Sie ihr Fahrräder knacken, das ist doch völliger Wahnsinn, das Rad hier gehört der Oberschwester, die brät sie bei lebendigen Leib und hören Sie mal haben Sie noch alle Tassen im Schrank, das macht man doch nicht, man klaut keine fremden Fahrräder und schon gar nicht macht man Räder kaputt. Das ist wirklich das Letzte vom Letzten, das Allerletzte.“
Der Mann starrt mich noch immer an und sagt: „Schickt dich Cheffe, ey?

Ich sage: „Was reden Sie da, ich habe eine Chefin und die ist die beste der Welt.“
Der Mann fängt an zu schmimpfen: „Allet scheiße, ey, dit Werkezug, dit haut allet nicht hin ey, und jetzt schickt der mir die Olle auf nen Hals.“

Ich sage: „Sie sind hier wohl in einer Maßnahme für Möchtegernverbrecher, oder was? Das ist doch alles nicht zu glauben“ und da ich gerade und ich kann es jedem nur raten, denn ich bin schon so anstrengend genug, aber wenn ich meine pädagogisch- belehrende Art herauskehre ist es für niemanden schön, fahre ich fort und sage, „sofort geben Sie mir das Werkzeug nd ich muss mich unendlich zusammennehmen, aber auch meine pädagogische Art hat ihre Grenzen, dem Mann nicht zu zeigen, wie man Werkzeug benutzt, aufräumt und transportiert und vor allem, dass ein 15er Skalpell sich am besten eignet um Schlösser zu öffnen.

Der Mann baldowert weiter in einer ziemlich weinerlichen Art, von Missverständnissen, Kumpels, die gleich kämen und dann würde ich aber sehen, wieder schwenkt er F.’s Luftpumpe und bedauert sich, während er über meine Anwesenheit schimpft, „die allet, aber wirklich allet verdürbe.“ Aber ich bin ja eilig, wütend, und habe kalte Füße und sage: „So wie das hier aussieht, rate ich Ihnen sich dringend ein neues Betätigungsfeld zu suchen, denn wo immer Ihre Begabungen liegen im naturwissenschaftlich-technischen Feld liegen sie es nicht.“ Der Mann schüttelt denn Kopf und blökt: „Sie sind echt übel.“Dann stülpt er sich seine Kapuze über, schnappt einen Rucksack, ich sage die „Luftpumpe, aber sofort“, die Luftpumpe fällt klappernd auf den Boden und dann rennt der Fahrraddieb in Ausbildung davon als seien der Polizisten sieben hinter ihm her.Ich rufe den F. an, der F. eilt herbei und hinter ihm eilt der Hausmeister hinterher.

„Ick globe ick bin besoffen“, sagt der Hausmeister, der F. feiert Wiedersehen mit seinem Fahrrad, ich sage: „Der Fachkräftemangel in Deutschland ist noch schlimmer als befürchtet, selbst die Diebe taugen nichts mehr.“ Der Hausmeister bescheinigt mir, dass ich bestimmt einen Clown gefrühstückt hätte, der F. erklärt mir was alles hätte passieren können, aber ich muss nun wirklich weiter, denn mein Vater wartet ja noch immer in der Philharmonie.

Endlich sehe ich ihn und mein Vater winkt: „Kind, sagt er bei jedem anderen hätte ich geglaubt, er sei überfallen worden“, dann nehmen wir unsere Plätze ein, ich sage: „Wo waren wir stehen geblieben?“ Mein Vater sagt: Clara und ich führe die komplizierten Verhältnisse zwischen Clara, Robert und Claras Vater aus und mein Vater schüttelt den Kopf: „Dass es wirklich Väter gibt, die glauben Ihre Töchter ließen sich von etwas abhalten!“ Dann kichert mein Vater und ich lache mit, so sehr, dass die beiden Herren, die sich hinter uns über Karajan streiten sich räuspern und wir betreten zu Boden blicken. Aber dann spielt Daniil Trifonov Schumanns Klavierkonzert in A-Moll, op. 54 und ich denke daran, wie meine Großmutter mir erzählte, dass Clara und Robert an unterschiedlichen Orten, des Nachts in Leipzig die Fenster öffneten und für den anderen spielten und spielten und der Nacht die Stunden raubten, ganz ohne Dietrich, Schraubenzieher und das berühmte 15er Skalpell.

Einfach mal Ja sagen

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Weißt Du, was Dein Problem ist, sagt Schwesterchen ins Telefon hinein, während sie eine saure Gurke verzehrt, Du musst einfach mal „JA“ sagen.

„Ja“, sage ich.

Das ist genau, das was ich meine, fährt Schwesterchen fort, selbst wenn Du ja sagst, klingt das immer noch wie ein Nein.

„Na was denn nun, sage ich ja oder nein?“

Schwesterchen seufzt: „Es ist immer dasselbe mit Dir.“ „So wird Dich ganz bestimmt niemand heiraten und dann noch diese Haare.“ „Weißt du“-Schwesterchen beißt wieder herzhaft in die Gurke „ Du musst wirklich positiver, zugewandter, offener und vor allem bejahender werden, sonst wird es noch schlimm mit dir enden.“

„Du klingst schon wie Kommentatoren im Internet“, sage ich, aber Schwesterchen wiegelt ab: „Papperlapapp, sagt sie. Ich bin deine Schwester. „Versuch es doch einmal, sag doch einen ganzen Tag lang einfach mal „Ja.“

„In Ordnung“ seufze ich und Schwesterchen beschwört mich sie am Abend unbedingt anzurufen. Dann greift sie nach einer zweiten Gurke und ich lege auf.

„Hab einen schönen Tag“, murmelt der Tierarzt verschlafen unter der Decke hervor und schon springt der Hund auf die eine und die Katze auf die andere Bettseite.

„Ja“, sage ich, Dir auch.“ Eine Antwort bleibt aus.

Im Institut treffe ich auf die Auszubildende. Die Auszubildende sagt: „Fräulein Read On, ich hab da mal eine Frage. Wenn ich bei der Prüfung in der Berufsschule durchfalle, bin ich dann durch die ganze Ausbildung gefallen?“

Ich überlege kurz und sage : „Ja.“

Die Auszubildende starrt mich an, heult auf und verschwindet schluchzend im Bad.

Zwanzig Minuten später klopft die beste Chefin der Welt an die Tür.

„Was meinst Du ist der G. nicht völlig falsch hier?“

Ich nicke und sage: „Ja.“

Die J. wiegt den Kopf hin und her. „Ich hatte auf eine etwas diplomatischere Antwort von Dir gehofft, sagt sie etwas in der Art von „Nein, aber….“

Schwesterchen hat mich zum Ja verdonnert, sage ich und die J. lacht bis ihr die Knie wackeln, wir trinken Tee und ich sage, um zu deiner Frage zurückzukommen: „Ja, aber…“

Um die Mittagsstunde herum, kontrolliere ich mit dem Hausmeister die Lampen. In der Institutsküche rumort der Praktikant an der Spülmaschine herum.

„Fräulein Read On, kann ich Sie einmal etwas fragen?“

„Ja, bitte“, sage ich, so dass bestimmt selbst Schwesterchen nichts auszusetzen hätte.

„Fräulein Read On, ich habe herausgefunden, dass wenn man den zweiten Spülmaschinenkorb zu schwer belädt, und dann ganz schnell zieht, dann kann man verhindern, dass er vorn herüberkippt. Dann reißt der Praktikant am Korb und die Mittelschiene der Spülmaschine bricht heraus, der Spülmaschinenkorb donnert auf den Boden.

Ich sehe den Praktikanten an und sage: „Ja, jetzt ist die Spülmaschine richtig kaputt.“

Der Praktikant starrt mich an.

Ich sage nicht: „Was fummeln Sie an der Spülmaschine herum?“

Ich sage nicht: „Nein, das ist doch alles nicht wahr!“

Ich sage nicht: „Warum sitzen Sie nicht am Schreibtisch und stellen die Namensschilder für die Tagungsteilnehmer fertig?“

Ich sage: „Ja, Hausmeister dann nehmen Sie die Spülmaschine doch gleich noch mit.“

Hinter dem Praktikanten feixt hämisch die Auszubildende. Sie lacht wie nur sehr schöne Frauen lachen können und als der Hausmeister und ich weitergehen, da fragt der Praktikant: Du ist die immer so drauf?“ Meine Schwester würde ihre Freude an der Auszubildenden haben: „Ja, ruft sie nämlich und sagt: und noch viel schlimmer.“

Ja, sage ich viele Male in viele, verschiedene Telefone und erkläre jedem einzelnem Fellow des Instituts wie die neue Spülmaschine funktioniert.

Ja, bitte schließen sie die Tür fest.

Ja, bitte nur ein Tab.

Ja, wenn der Spülvorgang beendet ist, dann ist das Geschirr noch heiß.

„Na Fräulein Read On, ruft die Frau des Krämers später als ich zur Tür des Ladens hereinkomme, Sie sieht man ja auch nur von hinten.“

„Ja, sage ich, das kann Ihnen doch nur Recht sein.“

Die Frau des Krämers spitzt die Lippen.

„Sie wissen doch, wie ich das meine.“

Ja, sage ich und lege Eier, Paprika und Cheddar Cheese auf die Ladentheke.

Die Frau des Krämers erklärt mir, dass alle Politiker faule Bratzen seien und ergeht sich in einer langen Litanei, die ich mit einem „Ja, was bin ich ihnen schuldig abkürze?“

Die Frau des Krämers schüttelt den Kopf. Sie haben Fieber, Fräulein Read On, Sie sind der personifizierte Widerspruch, Sie widersprechen sogar sich selbst, wenn es Ihnen zu langweilig ist. „Ist das so, Ja?“ sage ich und die Frau des Krämers ist endgültig davon überzeugt, dass ich nicht nur Fieber habe, sondern längst in ein Fieberdelirium eingetreten bin.

Ich aber wandere zurück ins Oberland. Dort gähne ich ins Spiegelbild, quirle Eier, schneide Paprika, Koriander, reibe Cheddar Cheese und greife nach den indischen Gewürzen, die man für ein Garam Masala Omlette eben braucht.

Der Tierarzt lehnt an der Küchentür.
Der Tierarzt verzieht das Gesicht.
Der Tierarzt sieht Ei, Paprika, Käse und Gewürze.
Der Tierarzt verzieht das Gesicht noch weiter.

Ich richte Salat in eine Schüssel, stelle Teller, Gläser und Besteck auf den Tisch und verteile Omlette, Bon Appétit, Tierarzt.

Der Tierarzt stochert im Ei.
Der Tierarzt schiebt den Salat an den Rand des Tellers.

„Mädchen sagt er, nur theoretisch angenommen, ich würde nie wieder etwas essen , dann würde ich doch sterben?“

„Ja“, sage ich, wenn Du auch noch aufhörst zu trinken, dann geht es noch schneller.“

Der Tierarzt starrt mich an.

„Ich meinte das doch nur theoretisch.“

Ja?, sage ich und der Tierarzt würgt an zwei Gabeln Omlette.

Dann ruft Schwesterchen an: „Süße und hast Du Ja gesagt?“ Ja, sage ich und Schwesterchen seufzt: „Nun sag schon. Eine heulende Auszubildende, eine lachende Chefin, ein verstummter Praktikant, eine ungläubige Frau des Krämers und ein bemauzter Tierarzt, berichte ich.

Schwesterchen seufzt. „Wirklich Süße, das schaffst nur du.

Ja, sage ich.

Zu später Stunde

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Der Berlin Besuch ist müde. Mein Anteil daran ist kein ganz kleiner, denn wenn ich erst einmal anfange über Franz Kafka und Max Brod und ihre Reise nach Leipzig, die dann auch nach Berlin führte ( Max Brod hatte ja eine Geliebte in der Stadt ) anfange zu reden, dann höre ich so schnell nicht wieder auf. Es hält sich auch das hartnäckige Gerücht und der Tierarzt tut sein Übriges dazu es zu verbreiten, dass ich einmal den Hund so müde geredet hätte, dass jener alle vier Pfoten von sich gestreckt in einen tiefen Schlaf gefallen sei. ( Es war natürlich alles ganz anders.)

Aber der Berlin Besuch gähnt nun wirklich, man verabschiedet sich und ich fahre mit der wirklich letzten Bahn zurück in den Wald. In der Bahn sind alle betrunken außer mir. Alle aber reden vom wirklich letzten Bier und erzählen Betrunkenengeschichten, in denen immer alles möglich ist. Mannshohe Mauern in einem Sprung genommen, ein Weltmeer durchschwommen, einen Helikopter selbst gelandet und die Betrunkenen lachen über ihre Geschichten, die sie schleppend und langsam erzählen, denn es ist immer noch Bier da und morgen sind die Geschichten egal und schon wieder vergessen und die Nacht ist dunkel vor dem Fenster und ein Mann versucht ein Lied zu singen, das Lied ist für eine Frau bestimmt, die ich nur als verschwommenen Schatten im Fenster sehen kann, ein Fußballlied singt der Mann für die Frau, auch wenn die Wörter ihm im Mund verlaufen und die Frau lacht, ein bisschen hohl ist ihr Lachen, es riecht nach Bier und Parfum und Currywurst, die Frau hat blonde Haare und einen Mannschaftsschal um den Hals und doch lacht sie, wie Frauen lachen, die wissen, dass man sie liebt und der Mann öffnet ein zweites Bier für sie. Wie lange das schon her ist, denke ich, dass jemand für mich gesungen hat, spät in der Nacht oder früh am Morgen. Aber ich steige aus, halb zwei zeigt die Bahnhofuhr an, eine Katze sitzt neben der Laterne unter der mein Fahrrad steht und ich fahre noch weiter in den Wald hinein, fahre Schlangenlinien auf der Straße, denn der kleine Vorort der großen Stadt schläft schon tief und fest und wenigstens ein paar Takte lang pfeife ich vor mir her.

Tür auf, Schuhe aus, den Schlüssel in den Korb und einen letzten Tee auf dem Fensterbrett, die rauschende Kiefer vor dem Fenster, das glatte Kopfsteinpflaster unter der Laterne, die stumme Nacht, der Mond raucht eine letzte Zigarette, aber er raucht sie allein und nicht mit mir, irgendwo hinter den Wolken oder vielleicht auf der Kirchturmspitze, die sieht man nicht, mitten in der Nacht. Noch einmal sehe ich der Nacht hinterher, denn die Zeiten in denen die Nächte mit mir an der Hand durch die Straßen liefen, sind lange schon vorbei, aber manchmal kommt noch einmal ein kleiner Ausschnitt zurück und Berlin ist für eine halbe Stunde New York und Tel Aviv zugleich. Immer noch hofft man auf dem Fensterbrett, dann kommt der Schnee, oder das Eis, da hilft auch die warme Teetasse nicht, denn ich weiß wohl um die Katastrophen, die unter meinen Fingerspitzen verborgen liegen, mit einem Mal hat man graues Haar und die Tasse ist leer, auch meine alte Freundin die Wildtaube schläft schon gut verborgen in den dichten Zweigen der Tanne. „Gute Nacht“ rufe ich ihr dennoch zu, denn sie hat mich kommen und gehen sehen in all diesen Jahren, mit all den abgerissenen und angefangen, den zusammengenähten und den offenen Geschichten und denen die kein Ende haben, aber die Nacht hat ein Ende, ich spüle die Teetasse aus, putze die Zähne, lese zwei Seiten, bevor der Tag wieder auf dem Fensterbrett sitzt und nicht mehr ich.