Sonntag

Müde und zerschlagen früh am Morgen von der Nachtschicht zurück. Endlich die schweren Schuhe von den Füßen streifen. Barfuß, die Füße ins nasse Gras gesteckt auf dem alten Gartenstuhl. Die Amseln tanzen unter dem Apfelbaum. Mir fallen Kirschblüten ins Haar. Der Tierarzt bringt eine Tasse Tee. „Du gehörst ins Bett, Mädchen“, sagt er. Er meint: „Nimm doch Vernunft an.“ Einmal wenigstens bin ich vernünftig und der Tierarzt schreckt ob meiner bloßen Füße nicht zurück. Wirre Träume, unruhiger Halbschlaf. Irgendwann stiehlt sich der Tierarzt davon. Um 14 Uhr haben sich Freunde angesagt. Zwar bin ich genau so jemand geworden, der den Tisch schon am Abend vorher eindeckt, aber auch liebe Freunde wollen sich nicht allein am Geschirr erfreuen, sondern haben Hunger und Lust auf Spiegelei. Aber ich bin immer noch zu müde, viel zu müde und so verstecke ich mich unter den warmen Kissen. Im Halbschlaf vertraute Geräusche: Der tropfende Wasserhahn der Spüle, das Kratzen des Messers auf dem hölzernen Schneidebrett, Stimmengewirr aus dem Radio, der Deckel der Teedose klirrt, Schranktüren werden geöffnet, das Telefon klingelt und der Tierarzt ruft: „Psst! Das Mädchen schläft“, in den Hörer. Das Surren der Saftpresse. Der Tierarzt flucht, er hat sich wohl an der alten und heimtückischen Schere den Finger eingeklemmt. Aber ich hänge an der Schere, ist sie doch einer der wenigen Gegenstände, die aus der Stadt A. mit in andere Länder und andere Städte gekommen ist. Dann rattert die Kaffeemühle, das Ofenrost wird in den Ofen geschoben und der Tierarzt zieht die Eieruhr auf. Dann kann ich mich wirklich nicht länger in den Federn vergraben, eine schnelle Dusche, das erstbeste Kleid, ein Stiefmütterchenstrauss im Garten abgeschnitten, den Tierarzt für den prächtigen Tisch gelobt und noch einmal Tee aufgesetzt. Schon schellt es und die Gäste stürmen die Treppe hinauf. Der Tisch ist pakistanisch-deutsch-türkisch-irisch-französisch-schwedisch besetzt und immer weitere Essensberge biegen den Tisch in der Mitte fast durch. Der Tierarzt kommt neben meiner resoluten Freundin R. zu sitzen, die dem Tierarzt den Kalorienbedarf eines Jahres auf den Teller lädt und ihm aufmunternd zu nickt: „So gut!“ Der Tierarzt schluckt, schon hat sie einen weiteren Löffel Hummus auf dem Teller platziert. Dann herrscht Spiegeleier -Seligkeit. Aber obwohl alle genauso laut und lustig wie immer durcheinander schreien, und fast alle Sätze mit: „Hast du schon gehört?“ oder „Nimm doch noch vom…“ beginnen, liegt doch ein Schatten über dem Tisch. Die I, verlässt immer wieder das Zimmer, um Verwandte in Istanbul, Izmir und Ankara anzurufen, es ist als überprüfe sie, ob wirklich alle Verwandten, Bekannten und Freunde mit „Nein“ abstimmen. Immer wieder machen wir die Nachrichten an. Einmal heißt es ein Mann habe in Istanbul dreimal mit „Ja“ abgestimmt. Es braucht ein gewaltiges Stück Osterbrot fingerdick mit Honig bestrichen, um die I, davon abzuhalten, stehenden Fußes einen Flug nach Istanbul zu buchen, den Mann aufzusuchen und kräftig zu schütteln. Die Nachrichten werden nicht besser und wir gehen auf eine Stunde nach draußen. Die R. und der B. spielen Federball im Garten, die I. hält ihre Nase in die Hyazinthen, um sich vor der Nachrichtenlage zu betäuben und die Nachbarskinder finden, Ostereier suchen, nicht halbs so spannend wie uns durch den Garten zu jagen, bis wir japsend auf dem Boden liegen. Erst Sonne, dann Wind und Regen, Hagel gar, ich fürchte um die Kirschen. Die I. hebt drohend die Hand zum Himmel. „Bei allem was Recht ist“, ruft sie. Die Kirschen bekommst du nicht.“ Ich glaube sie meint nicht den Wetterg*tt sondern Erdogan. Wir verteilen Lebensmittel gerecht zwischen Pakistan, Deutschland, Schweden, Frankreich und der Türkei. Immerhin hier ist der Weltfrieden möglich. Wohl auch wegen des Verzichts der irischen Seite. Jedes Jahr, denn das Osterfrühstück ist, obwohl ich doch am Osterbrot der Pesach-Speiseregeln wegen nur riechen kann, einer meiner liebsten Sonntage eines jeden Jahres. Denn jedes Jahr bin ich erstaunt, dass diese wunderbaren, eigensinnigen, streitbaren und liebevollen Menschen tatsächlich mit mir befreundet sein mögen und unendlich reich beschenkt, bin ich mit ihnen allen. Ich wasche ab, der Tierarzt trocknet Gläser, dann müssen wir schon los. Stadteinwärts nämlich. Im Deutschen Theater gibt es Arthur Millers „Tod eines Handlungsreisenden.“Der Tierarzt hat die englische Fassung in der Jacke und liest sich ein. Das Theater ist voll, denn es ist nicht so sehr das Stück selbst, sondern Ulrich Matthes, der das Stück trägt. Natürlich könnte Ulrich Matthes das Berliner Telefonbuch vorlesen und ich wäre immer noch entzückt, aber das Stück selbst, hat die Zeit nicht gut überstanden. Blutleer sind die Charaktere und die Tragik des Abstiegs, bleibt seltsam fern und leider mir ziemlich egal. Diese Art des Sozialdramas das glaubte, ein Schicksal sei schon genug und es bräuchte dafür nicht auch noch Charaktere oder gar eine Geschichte verfängt sich nicht recht, sondern bleibt abstrakte Belanglosigkeit. Für eine kleine Weile noch gehen wir noch durch das nächtliche Berlin. Erleuchtete Fenster, dunkel die Spree, von weitem Musik, Frauen auf überhohen Schuhen wanken auf den Arm ihres Begleiters gestützt einem Abenteuer von dem wir nichts wissen entgegen. Eine Männergruppe vergleicht die Preise eines Bierbikeanbieters. Ein Mann schwärmt vollmundig von den Waden einer gewissen Undine. Aber die Dame ist nicht an seiner Seite und auch am Telefon nicht zu erreichen. In einer Kneipe essen Menschen Kalbsschnitzel, der Tierarzt dreht sich schaudernd weg. Im Bahnhof Friedrichstraße wälzt sich ein Mann auf dem Boden. Alkohl und Krämpfe sind keine gute Mischung. Der Notdienst sagt, er sei gleich da. Wir warten und der Tierarzt sieht mich an. „ Es ist es etwas mit Dir, nicht wahr. Ich nicke. „Immer schon“, sage „ich von Anfang an.“ Ein nicht minder alkoholisierter Berlintourist mit Jeanshemd und Lederjacke erklärt uns ungefragt und demonstrativ laut, was so ein Mann, wie der auf dem Boden dem Gesundheitssystem, also ihn als Steuerzahler koste und das Beste sei doch ihn liegenzulassen, denn Morgen wiederhole sich das doch von vorn. Der Mann unterstreicht seine groben Reden mit deftigen Bierrülpsern, dann kommt der Rettungsdienst. Der Mann muss sofort in ein Krankenhaus. Wir aber fahren mit der Bahn zurück an den Rand der Stadt, laufen durch die schweigenden, stillen Straßen und hören nichts weiter als unsere eigenen Schritte, bis wir wieder vor der Haustür stehen. Die I. hat zweimal angerufen, sehe ich auf dem Telefon. „Nein zum Ja“ sagt sie als ich zurückrufe.

 

Warum hast du mich verlassen?

Am Freitag Morgen sitze ich früh in der S-Bahn. In der Tasche, die Wohnungsschlüssel der F., deren Wohnung ich hüte, weilt sie doch über die Ostertage im Allgäu. Der Tierarzt zudem sitzt schon im Flugzeug und natürlich soll der Tierarzt abgeholt werden. Auf meinen Knien liegt Karl-Heinz Bohrers neues Buch , es geht vordergründig um die Phantasie, und sehr offensichtlich um Karl-Heinz Bohrer. In Steglitz steigt ein Pärchen zu. Eine junge Frau in einem Paillettenoverall und hohen weißen Schuhen mit dicken Plateausohlen. Eine falsche und dicke Goldkette um den Hals, lange blondgefärbte Haare, ein verwischtes Pink auf den Lippen, Tigerstreifen auf den Plastik-Nägeln, die nicht mehr vollständig sind. Ihr Telefon hat sie in den BH gesteckt, mehr trägt sie nicht unter dem glitzernden Overall, dabei ist so eine April-Nacht doch recht kühl. Süßes Parfüm und schaler Geruch von Alkohol wehen von ihr herüber. Ihr Freund, der seine Hand abwesend auf ihrem Oberschenkel reibt, hat sorgfältig zerrissene Jeans-Hosen an und ein dickes silbernes Kreuz baumelt zwischen dem weit geöffneten Hemd umher. Mit der anderen Hand aber tippt er hektisch auf sein Telefon und auch er verströmt den Geruch von billigem Schnaps und schwerem Parfum. Aber so genau, sehe ich nicht zu dem Pärchen herüber, denn Karl-Heinz Bohrer schreibt gerade über die Enttäuschung, die er angesichts des morgendlichen Zustandes seiner Geliebten empfindet. Er selbst so scheint es, hat sich im Spiegel nie mit den gleichen Augen gesehen, wie er die verquollenen Frauen mustert, denen er dann doch ein Frühstück macht. Für einen Moment überlege ich, ob ich amüsiert oder nur gelangweilt bin von der ästhetisch- beglaubigten Manieriertheit oder einfach nur gelangweilt. Vielleicht beides zugleich, aber dann beugt die junge Frau sich vor, hält sich die Hand vor den Mund und ich glaube erst, sie wolle nur einmal ein herzhaft gähnen, denn dass sie keinen Schlaf bekommen hat, das hätte Karl-Heinz Bohrer gleich gewusst und sofort die richtigen Schlüsse gezogen. Ich bin etwas langsamer und als ich wieder aufsehe, gähnt die junge Frau nicht, sondern erbricht sich in die geöffnete Hand. Ihr Freund, eben noch so begierig ihren Oberschenkel betastend, zieht seine Hand mit einem Ausdruck des Ekels fort, dann steht er wortlos auf uns setzt sich zwei Sitzreihen weiter weg von ihr wieder hin. Noch einmal sieht er flüchtig zu ihr herüber, nicht mehr interessiert als ein zufällig anwesender Fremder. Schon hat er sein Telefon wieder hervorgezogen und tippt hektisch in die Tastatur. Die junge Frau wimmert. Eine Hand wischt sie an ihrem Paillettenoverall ab, die andere Hand hält sie sich weiter vor den Mund und erbricht und erbricht und erbricht sich. Ich lege das Buch aus der Hand und krame in der Tasche nach Taschentüchern. Endlich finde ich eine Packung Tempos und endlich erinnere ich mich der FAZ von Donnerstag in meiner Zeitung und aus Rücksicht auf Karl-Heinz Bohrer falte ich hektisch aus dem Wirtschaftsteil und nicht aus dem Feuilleton eine Speitüte, denn der jungen Frau läuft das Erbrochene von den Händen in die Haare, tropft in ihr Dekolleté, rinnt ihr über die nur spärlich bedeckten Beine bis zu den offenen Schuhen. Mit einem Taschentuch halte ich der wimmernden Frau die Haare aus dem Gesicht, und sie speit würgend in die behelfsmäßige Tüte. Zwei Frauen ziehen ihre Kinder an uns vorbei. „Solche Schlampen“, rufen sie und schütteln den Kopf. Eine Musikantengruppe zieht durch den Wagen, einen Lautsprecher haben sie auf einem Handkarren montiert und so schallt: „Yellow Submarine“ unterlegt mit Mundharmonika durch die S-Bahn. Auch Sie bleiben stehen und starren auf die Frau, die sich weiter würgend übergibt. Ich falte eine zweite Tüte aus dem Politikteil. Am lautesten aber, lauter selbst als die sich langsam entfernenden Musikanten, hört man den jungen Mann, der doch vor zehn Minuten noch so begierig seine Hände in ihre Seite schob. Er schreit nun lauthals in sein Telefon: „Hey Alta, das glaubst du nicht, hier in der Bahn, is so ne Schlampe, die kotzt vor allen Leuten. Ey, voll peinlich, aber echt ey. Voll abgefuckt, die Alte. Der Freund am Telefon lacht. Beide, der junge Mann und sein Gesprächspartner stimmen ein ohrenbetäubendes Gelächter an, wiehern kreischend über die sich erbrechende Frau, die dem Mann doch keine Fremde war, sondern wohl auch Geliebte. Aber das ist schon vergessen, ausgelöscht schon die letzte Nacht, der Mann findet er hätte sich ein Foto verdient,aber da stehe auch ich, mit der zweiten Speitüte, den Taschentüchern und der Hand auf dem Rücken der Frau. „Lassen Sie das“, sage ich nur mühsam noch beherrscht. Er, schwankt weiter, am nächsten Halt verlässt er die S-Bahn und noch bevor die S-Bahn wieder anfährt, beugt er sich auf dem Bahnsteig über einen Papierkorb und übergibt sich wie die Frau, die einmal seine Freundin war. Sie aber sieht es nicht, sieht nur die Papiertüte vor sich, und die fremde Frau, die ich bin, mit den Taschentüchern zwischen Kinn und Wange. Ein Obdachloser schließlich versucht Zeitungen zu verkaufen. Ich kaufe ihm für 1, 50 Euro eine Plastiktüte ab. „ Ick würd dir helfen“, sagt er, aber ick bin gerade echt nicht jut bei Kasse.“ Ich nicke und werfe die beiden provisorischen Speitüten in die Plastiktüte, schon muss ich aussteigen, für fünf weitere Euro erklärt sich der obdachlose Mann bereit, mir zu helfen, die Frau aus dem Zug zu bugsieren, denn noch immer würgt und spuckt sie in die Plastiktüte. Auf drei also hieven wir die Frau nach draußen. Sie sieht uns an, unsere fremden Gesichter sagen ihr nichts und sie schreit nach ihrem Freund, der schon längst verschwunden ist. Wir schleppen die Frau, die Treppen hinunter zur Bahnhofsmission. Die Leute auf dem Bahnsteig starren uns an. Ich zähle die Stufen. Der obdachlose Mann- ick bin der Pico- sagt der Frau wieder und wieder, dass alles gut würde. Die Frau wimmert und ihre Beine geben nach. Die Bahnhofsmission will sich kümmern. Ich entsorge die Plastiktüte und gebe Pico 5 Euro. „Icke helfe echt jerne“, sagt er, „aber dit Leben is echt ne teure Tüte.“ Ich nicke und bedanke mich. „Sie sind ein echter Held Pico“, sage ich und meine das so. Ich muss mich beeilen, Blumen gießen und den Tierarzt nicht warten lassen. Noch einmal sehe ich nach der Frau, sie versucht sich mühsam aufzurichten und schreit markerschütternd: „Warum hast du mich verlassen?“

Ich gieße die Blumen und wasche mir lange die Hände, gerade noch rechtzeitig treffe ich auf dem Flughafen ein. „Mädchen, sagt der Tierarzt, du bist ganz blass und kalte Hände hast du auch. Ich lächle dem Tierarzt zu. Später am Nachmittag sehen wir in den Regen hinaus, auf dem Plattenspieler Felix Mendelssohn-Bartholdy. Mein G*tt warum hast du mich verlassen? Aber über den Chor hinweg, höre ich allein die junge Frau wimmernd schreien. Dann schließe ich für einen Moment die Augen. Meine Zunge klebt am Gaumen.

Das Fräulein ist recht schadenfroh.

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Nein, ich gebe es offen zu ein angenehmer Zug meines Wesens ist es nicht: und doch nach der ewigen Pessachputzerei, dem gähnend leeren Brotfach, der Überzahl an gekochten Eiern und dem schauderhaften Rezept für Selleriesalat, den die A. mir empfohlen hatte, und einer gewissen Grundmiesepetrigkeit darüber, dass die gesamte Familie nach Israel reiste und nur ich zurückblieb und der Seder-Abend zwar durch Kälbchen, den Tierarzt und den Priester erhellt wurde, aber nicht das war, was ich gern gehabt hätte, tragen noch zu dieser Lust an hundsgemeiner Schadenfreude bei. Zudem reist der Tierarzt erst morgen an und als ich den Einkaufskorb schnappte, schlief der ehemalige geschätzte Gefährte noch selig und so konnte ich voller Glück und Seligkeit meinem gemeinen Wesen freien Lauf lassen. Mit dem Fahrrad nämlich radelte ich nicht wie sonst üblich gleich zum Markt, sondern in einen Supermarkt. Der Supermarkt ist am Gründonnerstag um 10 Uhr ein wahres Fest für Menschen wie mich, die nach den Dramen anderer Familien und  ihrer Feiern lechzen. So sie heute morgen also ein Fräulein in Mantel und Tuch und pinken Schuhen sehr langsam mit einem roten Korb durch den Einkaufsmarkt haben wandern sehen, so war das sehr wahrscheinlich niemand anders als ich selbst.

Schon am Gemüsestand- ich inspizierte Avocados zur Tarnung-, wurde ich fündig. Ein älteres Ehepaar-er mit Segelschuhen und blauem Matrosenpullover um die Schultern geschwungen- und sie mit in die Haare geschobener Sonnenbrille funkelten sich über kilometerlange Einkaufszettel an- „Deine Tochter“ schrie er während er empört eine Orange schüttelte: „Deine Tochter hat in ihrem Leben noch nie nicht am Essen gemäkelt. Wir schulden ihr gar nichts. “ Seine Frau aber weiß, wer jetzt nachgibt, hat auf immer verloren: „Dein Sohn“ ätzt sie zurück „duscht so lang wie alle meine drei Töchter zusammen.“ Ihrem Mann fällt die Orange aus der Hand. „Jetzt ist mein Sohn schuld, ja?“ Sie steht mit verkniffenen Lippen vor den Auberginen und wirft wahllos Salatköpfe in den Einkaufswagen. Er indes streicht den Posten Orangen vom Einkaufszettel und stapft in Richtung Käseregal. Und auch ich laufe weiter. Weit muss ich nicht gehen. Vor dem Regal mit gefärbten Eiern stapelt ein Mann Eierkarton um Eierkarton in den Einkaufswagen. „Mehr, mehr wir brauchen mehr Eier, Günther“ feuert sie ihren Mann an. Der sieht nach dem fünften Karton skeptisch zu ihr herüber. „Echt jetzt?“ Sie nickt bekräftigend. „Ick will aber nich bis Pfingsten die Eier uffessen“, sagt er, aber sie winkt nur ab. „Dein Vater, sagt sie, mit seine vier Hunde, hat sich letztes Jahr uffjeregt ohne Ende, dit wir keine Nester im Garten mit Eiern hatten für die Viecher. Dit mach ick nicht noch mal mit. „Der Mann der Günther heißt und auf dessen dunkler Jogginghose ein Löwe sein Maul aufreißt, lädt weitere Eierkartons in den Einkaufswagen. „Die Scheißköter“ höre ich ihn murmeln als ich vorbeigehe. Ein Drama ganz anderer Natur spielt sich am Stand mit den Lindt-Hasen ab, eine ältere Dame, zählt ab: zehn Lindt-Hasen braucht siefür:LEOANNIKAJOHANNAJAKOBTHEALIAYANNICKPETERMAJALEA. Das Lindt-Regal jedoch weist schon große Lücken auf. Zwar gibt es noch Hasen mit goldenem Glöckchen, doch es gibt nicht mehr zehn Hasen, die identisch gleich groß sind. Sondern nur noch Zwerg- oder Riesenhasen. Die alte Dame steht wie vom Blitz getroffen vor dem geplünderten Hasenregal und sieht das Drama, das sich entfaltet wenn LEOANNIKAJOHANNAJAKOBTHEALIAYANNICKPETERMAJALEA realisieren, dass ihr jeweiliger Hase kleiner oder größer ist als derjenige der anderen. Denn auch großmütterliche Liebe will bewiesen werden und wird aufgewogen in Schokoladenhasen eingewickelt in goldenes Staniolpapier und einem Glöckchen mit rotem Band um den Hals. Die alte Dame jedenfalls ist zu allem entschlossen, den familiären Ernstfall: „Du hast mich nie geliebt und selbst deine Enkelkinder liebst du weniger als die des Goldsohnes“ gilt es unbedingt zu vermeiden. Hektisch und mit roten Flecken auf den Wangen, sucht sie erst eine Verkäuferin, die abweisend den Kopf schüttelt: „Dit sind die Letzten.“ „Da kommt nüscht mehr nach.“ Die alte Dame aber ist zu allem entschlossen. Sie beginnt sofort andere Ostereinkäufer, in deren Wagen auch Goldhasen sitzen anzusprechen und größere wie kleinere Hasen gegen ihre mittelgroßen Wunschhasen einzutauschen. Auch ich tausche meinen Hasen gegen einen der ihren ein. Noch einmal zählt die Dame durch und endlich geht die Rechnung auf und für
LEOANNIKAJOHANNAJAKOBTHEALIAYANNICKPETERMAJALEA gibt es je einen identischen Hasen. Die Frau atmet durch, sie sieht aus als hätte sie einen Marathon absolviert, fester umklammert sie den Einkaufswagen und murmelt entschlossen: Milka-Eier: Vollmilch, Zartbitter, keine weiße Schokolade. Es klingt wie ein Stoßgebet. Wahrscheinlich ist es das.

Am Fleischstand an dem ich mich unauffällig vorbeischlängele, holt ein Frau Hahn ihre Bestellung ab. „13 Paar Weißwürste“ ruft der Fleischhauer ihr zu:“Dit is richtig wa?“ Die Frau nickt. Der Fleischhauer aber bleibt ungläubig. „Dit sind ganz schön viele, wa!“ Die Frau mustert ihn ungerührt, während sie die Tüte mit den Würsten entgegen nimmt. „Haben Sie eine Schwiegermutter?“, fragt sie den Fleischhauer schließlich. Der nickt. „Eben darum“ sagt sie und Rache kann nicht nur süß, sondern auch ein Paket voller Weißwürste sein.
Ich lächele milde und gehe weiter. Über die Tiefkühltruhe unterhalten sich zwei Pärchen. „Was macht ihr Schönes“ fragen sie sich gegenseitig, in dieser aufgeräumten Tonlage, mit denen man sich das eigene Leben schönzureden versucht. „Osterbrunch am Samstag“ seufzt der Mann bei „ihren Eltern“ und nickt in Richtung seiner Frau. „Mit der Schlagerparade“ seufzt sie zurück, nur um gleich zu drohen: „Weihnachten waren wir ja bei ihm, das war auch kein Fest.“ Er schmollt beleidigt. Das andere Pärchen lächelt honigsüß. „Meine Frau“ sagt sie und legt ihre Hand auf die Schulter der Frau im violetten Kleid neben ihr, hat uns ein Überraschungswochenende in Heiligendamm gebucht. Wir brauchen nur ein bisschen Reiseproviant.“ Das andere Pärchen lächelt nicht mehr, sondern bemerkt mit dem letzten Rest an Kraft und Willen: „Ach ihr seid zu beneiden, wir planen das auch Jahr für Jahr.“ Ciao und Tschüssi. Luftküsse knallen über die Tiefkühltruhen hinweg. Die beiden Frauen, die Hand in Hand zur Kasse schlenkern haben das vorösterliche Gesellschaftstennis haushoch für sich entschieden.

Dann stelle auch ich mich an eine Kasse an. Vier Lindt-Hasen und zwei Avocados lege ich aufs Band. Hinter mir streitet eine Frau mit ihrem Sohn. „Das kann doch nicht dein Ernst sein“,“ sagt sie und zeigt auf das Band: „Toastbroat und Nutella und das zu Ostern.“ Doch ihr vielleicht 16 jähriger Sohn zuckt nur ungerührt mit den Achseln. „Feiertage sind zum Schlafen da“, sagt er und gähnt überdeutlich. „Undankbare Brut“ murmelt die Mutter und lädt weitere Lebensmittel aus dem Wagen. Ich aber schwinge mich vergnügt aufs Rad und fahre zum Markt. „Nein, für mich noch kein Brot“ rufe ich dem Bio-Bäcker zu und kaufe Gemüse bei Herrn Yilmaz ein.
Fast ist mir als pfiffe ich ein fröhlich-schadenfroh ein Lied, während ich zurück nach Hause radle, denn leider, leider vertreibt nichts meine Pessachmüdigkeit und meinen Seder-Kummer so gut wie ein wenig vorösterliche Schadenfreude es vermag. Sie haben Recht, und ich kann es Ihnen nicht verdenken, schüttelten sie den Kopf und sagten: „Nein Fräulein Read On, dies schickt sich nicht.“ Natürlich haben Sie Recht, aber vergessen sie nicht, morgen haben die Geschäfte zu und der Schwiegervater freut sich schon so.

Sonntag

Am Morgen ist der Himmel noch unentschieden. Ich blinzele in das frühe Licht. Noch ist mehr Grau denn Blau, doch schon schiebt die Sonne die Wolken zur Seite und ich gehe zu Herrn Zingarelli hinüber und Herr Zingarelli überreicht mir galant eine Schüssel Walnuss- und Pistazieneis. Die Sonne klettert über den Dachfirst, ich steige die knarrende, alte Holztreppe zum Trockenboden hinauf. Dort trocknet im Winter noch immer die Wäsche, die Zitronenbäume überwintern dort und auch die Fahrräder lagern dort ein. Das Schönste am Trockenboden aber sind die Fenstergauben mit ihren breiten Balken. Ein Kissen im Rücken, die Schüssel mit Eis auf dem Schoss und ein Buch in der Hand, baumeln meine Beine aus dem Fenster. Ungefähr auf halber Höhe des Kirchturms sitze ich und direkt neben mir funkelt die Sonne auf den roten Dachschindeln. Aber unten auf dem Kirchplatz ist viel zu viel zu entdecken, als das ich meine Buch wirklich aufklappen würde. Ein Pudel hat sich in seiner Leine verheddert und ein Dackel lacht hämisch. Eine Frau ruft: „Heinrich, Heinrich!“ und meint ihren Mann, aber ihr Mann hat wohl andere Pläne, denn sie ruft vergebens nach ihm. Immer mehr Stühle füllen sich vor der Trattoria der Familie Zingarelli und auch vor der Eisdiele: lange Schlangen. Ein Bube heult: „A-B-E-R D-A-S E-I-S I-S-T J-A K-A-L-T. Seine Schwester frohlockt und versucht ihm die Waffel zu entreissen. Das geht schief. Zwei Waffeln liegen auf dem Pflaster schon kommen die Elstern, Erdbeereis krächzen sie und schon ist das Eis Vergangenheit. Entsetzte Kinderaugen. Gemeinsames Geheul. Der Vater schüttelt den Kopf: „Ich habe euch doch gesagt!“ Zum Glück ist Frau Zingarelli schon zur Stelle und streicht den Kindern über den Kopf, schon halten sie eine neue Waffel in den Händen und Frau Zingarelli winkt zu mir nach oben. Ich winke zurück. Ein Mann läuft mit einem Blumenstrauß gedankenverloren über den Marktplatz. Der Blumenstrauß sagt: „Sabine, ich liebe nur dich- verzeih mir- es wird nie wiedervorgekommen- du bist das Licht, mein Leben- Sabine, was soll neben dir eine Annika sein?“ Der Mann probt in Gedanken noch einmal seine Entschuldigungsrede, sein Jackett ( hellblau ), seine Jeans dunkelblau und seine Schuhe frisch gewienert, er ist die Reue selbst. Fast er übersieht er eine Frau auf dem Fahrrad, die böse klingelt, aber der Mann sieht nicht einmal auf: „Liebe Sabine, ohne dich sind alle Tage grau, alle Tauben verflogen und mein Leben nur Ödnis.“ Er trägt den Bluemnstrauß wie ein Schutzschild vor der Brust. Schon biegt er um die Ecke. Jeder Schritt ein Schritt zurück zu Sabine.
Eine Ehepaar schließt ein Tandem an. Der Wirt vom „Goldenen Krug“ schickt den Lehrling ihnen mit dem Gepäck zu helfen. Dem Lehrling ist das Tandem nicht geheuer. Aber das Tandempaar teilt sich nicht nur ein Fahrrad, sondern auch das gleiche Sportdress. Rote Hosen und ein weißes Laiberl. Der Lehrling zieht das Käppi tiefer. Mit dem Tandempaar will er lieber nicht gesehen werden von den Freunden, die auf dem Marktbrunnen sitzen und johlen. Der Tandembesitzer hat endlich das komplizierte Nummernschluss richtig hingefummelt und er und sie humpeln im Gleichschritt, dem „Goldenen Krug“ entgegen. Schon stehen zwei Stadtführer auf dem Marktplatz. Waren für Jahre Regenschirme ihr beliebtestes Accessoire, so schwenken sie jetzt Länderfahnen, um ihre Gruppen zu sammeln. Einmal Spanien gegen Italien. Die Stadtführer schreien „Una città vecchia“ und „la ciudad vieja“. Die Touristen knipsen Marktplatz und Kirchturm, aber eigentlich sehen sie sehnsüchtig in Richtung Eisdiele, wo die Schlangen immer länger werden. Endlich muss der Stadtführer einmal Luft holen, seine Atempause wird sofort in Eiskugeln umgesetzt. Der Stadtführer wischt sich den Schweiß von der Stirn und ich muss an mich halten, um nicht: „Nehmen Sie Walnuss und Pistazie“ vom Dach zu schreien. Zwei ältere Damen tauchen ihre Taschentücher in das Brunnenwasser und kühlen sich die Arme. Der Pfarrer noch im Talar läuft mit Bibel unter dem Arm raschen Schrittes über den Kirchplatz hinüber. Beliebt ist er nicht. Die Leute sagen, er würde den Gläubigen nach dem Gottesdienst nicht mehr die Hand geben. Er fürchtete sich vor Keimen. Die Gläubigen aber fühlen sich eines Händedrucks würdig und wünschen sich den alten Pastor zurück, der alle Frauen zwischen fünf und fünfundfünzig in die Wangen kniff. Mit der Kantorin soll sich der alte Pastor noch ganz andere Zärtlichkeiten herausgenommen haben, so jedenfalls habe es die Frau Pastorin, Frau Zingarelli im Vertrauen erzählt, die aber habe es bei der Beichte dem katholischen Priester sagen müssen und anderntags wusste die ganze Stadt, dass der Pfarrer auf dem Sofa schlafen musste. Dann wurde der Pfarrer versetzt. „Vom Regen in die Traufe“ sagen die Leute und ich kratze den letzten Rest Walnusseis aus der Schüssel und gähne im warmen Sonnenlicht. Die Kantorin schließt die Kirchentür ab. Herr Zingarelli serviert knusprig heiße Pizza. Mürrisch sieht der Wirt vom „Goldenen Krug“ herüber. Seine Gaststube ist nur für diejenigen zu empfehlen, die sich ihres Erzfeindes erledigen wollen. Es gibt Leute die sagen, dass sie rostige Nägel im Kartoffelpüree gefunden hätten. Aber meine Großmutter sagte, noch nie haben die Wirte vom „Goldenen Krug“ zu kochen verstanden. Das Tandemehepaar will es trotzdem wagen und diskutiert die Speisekarte. Inzwischen haben alle Touristen eine Kugel Eis erstanden und trotten dem Stadtführer mit seiner Fahne hinterher: „Il castello vecchio!“ Ein Auto, das in der Innenstadt gar nicht fahren dürfte, fährt langsam vorüber, denn auch die Oberstufenschönste mit ihren blonden Engelslöckchen und dem goldenen Overall steht an der Eisdiele an. Der BMW hält und die Musik knallt über den Marktplatz. Die Stufenschönste ( Erdbeereis ! ) dreht sich langsam auf dem Hacken um, ihr Lächeln knallt gegen die Musik, langsam fährt sie mit der Zungenspitze über die Eiskugel, kostet ganz langsam und fährt sich mit der Zunge über die Mundwinkel. Dann aber wendet sie sich ab und geht auf einen jungen Mann zu, der mit einem klapprigen Fahrrad am Brunnen wartet, steigt auf den Gepäckträger, er tritt an und sie schleckt Erdbeereis, der wind fährt durch ihre Locken. Der BMW-Fahrer aber steht als verlassenes Hündchen am Straßenrand. Er isst kein Eis mehr.
Ein Mädchen läuft einem roten Luftballon hinter her, der BMW-Fahrer fährt mit heulendem Motor davon und die große Schwester des kleinen Mädchens zeigt nach oben, wo ich noch immer mit den Beinen baumelnd im Sonnenschein sitze: „Guck mal ruft sie, Karlsson auf dem Dach.“ Mutter, Vater und Kinder starren mit offenem Mund zu mir herauf. Ich zwinkere dem Mädchen zu.

An allem,( wirklich) allem sind nur die Ärztinnen schuld.

Neulich einmal habe ich gelesen, dass das Unglück der Welt im Grunde darauf zurückzuführen ist, dass es zu viele Ärztinnen und nicht genug Ärzte gäbe. Denn wie alle Welt wisse, so der Tenor interessieren sich Frauen nur für Schuhe und Handtaschen nicht aber mehr für eine Praxis in der Provinz und so sie sich doch durch das Physikum schlafen, arbeiten sie dann nur von Montag bis Mittwoch und das auch nur von 9-12, denn am Nachmittag gilt es die Nägel zu lackieren und beim Tänzchentee eine gute Figur zu machen. Nun ist es aber auch so, dass ich nicht nur auf katastrophale Liebesgeschichten mit Chirurgen zurückblicken kann und der zweite von meinen drei Berufen etwas mit Medizin zu tun hat, sondern meine liebe C. ist genau eine solche als faul und feige gescholtene Landärztin und, da bekanntlich stimmt was in der Zeitung steht, lohnt es sich doch die Probe aufs Exempel zu machen und da trifft es sich gut, dass ich heuer aushelfe in der Praxis meiner lieben C., deren drei Grazien ( anderswo bekannt als medizinische Fachangestellte ) momentan unpässlich sind.

Um 6.30 Uhr trinken wir beide also einen Becher Kaffee, und sperren die Praxis auf. Um Sieben Uhr ist die Praxis voller Patienten und meine liebe C. hat schon zehnmal gesagt: „Der Nächste bitte.“ Ich nehme Blut ab, springe zwischen Sprechzimmer und Anmeldung hin-und her und schreie nebenher ins Telefon. Dazwischen gehe ich der lieben C. zur Hand. Es kommt eine Frau mit akuten Magenkrämpfen, der Dachdecker zum Verband wechseln, eine ältere Frau bekommt schlecht Luft, ein Mittvierziger klagt über Herzrasen, und dann kommt eine aufgeregte Mutter mit ihrem Bub an der Hand, der seinen Asthmainhalator verlegt hat. Der Kinderarzt der kleinen Stadt hat nämlich am Freitag zu. Ich drucke Rezepte aus und als der Dachdecker sich einen Termin zum Fäden ziehen geben lässt, beugt er sich vor: „Du Read On sagt er“ ich weiß was du immer sagst, aber meiner ist wirklich länger als alle anderen.“ „Ach Dachdecker“ sage ich während das Telefon schon wieder klingelt, der bundesdeutsche Penis ist sechzehn Zentimeter lang.“ Der Dachdecker verlässt die Praxis mit roten Ohren, aber einem neuen Verband. Es kommen: Verdacht auf eine Prellung, Verdacht auf Krätze, eine nässende Wunde, Salmonellen, und einer Frau fällt ein, das sie doch Vorgestern zum Impfen bestellt war. Der Hautarzt und der Orthopäde wie auch alle anderen Fachärzte der kleinen Stadt haben Freitag schon seit Jahr und Tag keine Sprechstunde mehr und so kommen die Leute eben zur lieben C. „Kannst du den Lungenfunktionstest machen, ruft die C. Ich nicke und weiter geht es. Ein Mann mit schwerer Diabetes kommt zur ‚Madentherapie’, Fliegenlarven werden dabei zur Entfernung nekrotischen Gewebes eingesetzt. Ein anderer Mann hat seine Überweisung zum Physiotherapeuten verloren und benötigt eine Neue. Eine Frau übergibt sich in eine eilige hingehaltene Nierenschale: „Ich habe Angst, dass ich schwanger bin“, weint sie. Sie habe doch gerade erst einen neuen Job angefangen. Die. C. zieht sie vor. Eine demenzkranke Patientin, weiß nicht mehr ob sie ihre Tabletten genommen hat. Ein Mann ist von der Leiter gefallen und kann sich nicht mehr erinnern, wie es zu dem Unfall kam. Verdacht auf Lungenentzündung. Eine schwangere Patientin hat Krämpfe und keine Kinderbetreuung. Die Kinder bekommen Stifte und Papier und malen, bis Oma kommt, der Mann arbeitet auf Montage in den Niederlanden. Aber immer geht es weiter und weiter: Bronchitis, chronische Rückenschmerzen, ein eingeklemmter Nerv, Ohrenschmerzen, ein zugeschwollenes Auge ( der Augenarzt geht Freitags Nachmittags immer zum Angeln. Denn am Freitag Nachmittag beißen die Fische am Besten.) Der Parkinson-Patient war im Krankenhaus, dort hat man bei der Entlassung vergessen, ihm die Braunüle aus dem Handrücken zu entfernen. Nun macht es die C. Gleich nach ihm kommt eine Frau, die schweres Rheuma und eine papierdünne Haut hat. Beim Versuch sich ein grossflächiges Pflaster abzuziehen, hat sie sich die Haut abgerissen und das Pflaster hängt noch immer an ihrem Ellenbogen. Eine halb Stunde judiziere ich an dem Pflaster herum. Derweil überschlägt sich das Telefon. Inzwischen hat die C. die Medikation einer Krebspatientin neu eingestellt, zweimal Fäden gezogen und ein EKG gemeinsam mit dem Patienten ausgewertet. Es folgen Patienten mit enorm erhöhten Blutdruck, und die Frau, die seit Jahr und Tag von ihrem Mann „ eine fängt“, kommt für einen Verband und eine Tasse Tee. „ Er meint es nicht so“, sagt sie seit Jahr und Tag.

Es kommt eine Frau mit Schwindelanfällen, die sich als Angstattacken herausstellen und natürlich ist die Aufnahmestation der Psychiatrie überlastet. Aber ich kann gut Krach machen, und schließlich findet sich wenigstens für das Wochenende ein Bett. So geht das weiter und weiter. Es kommen große und kleine Krankheiten, es kommen Sorgen und Unsicherheiten und Schmerzen. Es kommen immer wieder Geschichten durch die Tür. Es kommen müde und traurige, wütende und entspannte, ungeduldige und natürlich- ICH BIN ABER PRIVATPATIENT-Rufer. Eine Frau bringt eine Packung Eier. Herr Zingarelli, der die Eisdiele des Ortes betreibt, hat sich die Hand am Eisspatel verletzt. Erst gibt es einen Verband und verspricht uns einen himmelhohen Eisbecher für später. Den ganzen Tag kommen und gehen Menschen. Es kommen auch die Menschen, die man sonst nur bei RTL vorführt, aber die haben auch ein richtiges Leben und kranke Kinder. In diesem Falle fünf Kinder, eines mit Magenschmerzen, ein anderes schreit. Die Kinder heißen natürlich Jakkeline und Kevin-Matteo und die Eltern haben Mühe mit dem Lesen, dem Schreiben und dem Leben an sich. Aber die Eltern und man wird erinnert an einem Nachmittag in einer kleinen Praxis lieben ihre Kinder genauso wie die Eltern der Kinder, die auf keinen Fall mit Jakkeline spielen sollen. Jakkeline brüllt wie am Spieß und ihr Vater, dessen Deutsch ich nicht verstehe, obwohl es seine und nicht meine Muttersprache ist, himmelt Jakkeline an und sagt immer wieder: Was du für eine schöne Stimme hast, Jakki. Wir können dann feststellen, dass nicht nur Anhimmelei, sondern auch eine frische Windel gegen das Geschrei hilft und Fencheltee müsste auch gegen die Magenschmerzen helfen, besonders wenn das Kind sehr viel Cola getrunken hat.

Die C. aber verzieht nicht ein einziges Mal das Gesicht, sondern die C. hat für jeden, selbst für den Privatpatientenrüpel noch ein Wort übrig. In der Mittagspause teilen wir uns eine Avocado und trinken kalten Kamillentee. Ich esse meine Avocado am Telefon. „Ich habe schon zehn Mal angerufen“ schreit die Frau am Telefon, die doch morgen verreisen will und der nun einfällt, dass ihr noch eine Impfung fehlt. Ich rufe bei der Apotheke an. Um fünf Uhr am Nachmittag, mache ich meine Aufklärungssprechstunde. Um fünf Uhr sitzen also die Jungs auf den Stühlen, aber niemand will über Penislängen sprechen, sondern alle zeigen mir verwackelte Videos aus Schweden. Alle schreien und reden und alle wollen wissen, wo Schweden ist. Und dann erzählen sie wie es war, als die Bomben bei ihnen explodierten, in Städten und Dörfern, die uns so unbekannt sind, wie ihnen Schweden. Der älteste Teilnehmer, der in den Aufklärungssprechstunden nie spricht, aber beugt sich plötzlich vor und krempelt die Jeanshose hoch, dort wo sie und ich ein Knie haben, hat er einen Stumpf und eine Prothese und wir sehen auf den Stumpf und wir wissen schon und wissen doch nicht und überhaupt gibt es nicht genug Worte für das was hinter den Videos und den Stümpfen liegt.

Die liebe C. macht unterdes die Hausbesuche für die sie kein Auto braucht. Dann machen wir die Hausbesuche für die man ein Auto braucht. 12 Namen stehen auf der Liste und die letzte Patientin, es ist kurz vor halb acht Uhr am Abend. Die Frau ist demenzkrank und eigentlich sollte ihre Betreuerin uns die Tür öffnen. Aber die Tür öffnet niemand, dafür hören wir die alte Frau rufen. Der Nachbar hat einen Schlüssel und es stellt sich heraus, dass die Betreuerin schon seit zwei Tagen nicht mehr aufgetaucht sei. Die Frau liegt verängstigt, eingenässt und verwirrt im Bett. Haben sie schon einmal versucht Kurzzeitpflege an einem Freitag Abend kurz vor Acht zu organisieren? Ich schon. Um 21 Uhr fahren wir über die Dörfer zurück in die kleine Stadt. Komm Liebe, sagt die C. lass uns auf einen Teller Spaghetti zu Herrn Zingarelli gehen. Ich nicke und müde lächeln wir uns an.

Dafür, dass Ärztinnen alle nur halbtags arbeiten und den Berufsstand selbst ruinieren sind wir seit dreizehn Stunden auf den Beinen. Aber natürlich ist das nichts im Vergleich zur guten, alten, zur goldenen Zeit als man Ärzte niemals nach fünf Uhr am Abend zu stören hatte, denn gestorben wird bekanntlich immer und wirklich es waren Halbgötter in Weiß, die vollmundig tönten: „Hier rettet der Chef noch selbst“, nur nicht am Wochenende und schon gar nicht am Freitag Abend, wenn Doppelkopf gegen den Bürgermeister gespielt wird. Als Frau Zingarelli um 21. 30 Uhr zwei Teller mit dampfenden Spaghetti vor uns hinstellt, und wir gerade zur Gabel greifen, kommt Herr Zingarelli mit blutender Hand im Geschirrtuch angelaufen. „Ich geh schon“, sage ich zu meiner lieben C. und hole die Arzttasche aus dem Auto.

Sonntag

Schon wieder ist es früh und der Tierarzt reibt sich verschlafen die Augen, selbst der treue Volvo murrt ob der frühen Stunde. Die Tierarzttasche in den Kofferraum. Notenpapier auf meinem Schoß. Wieder nach Norden. Der Tierarzt vertritt einen Kollegen, dem eine missmutige Kuh die Kniescheibe zertrat und ich vertrete eine vor Husten keuchende Cembalistin. Das grundlegende Problem des Protestantismus scheint mir noch immer vor allem in der schlichten Tatsache zu bestehen, dass die Kirchen zwar reinweiss gekalkt aber immer unbeheizt sind. Die Cemabalistin jedenfalls hustet verzweifelt und Irland, wäre nicht Irland, hätte nicht der Vater der Dame als Messdiener beim Priester viele Sonntage verbracht. Das Flehen der Geige, das Klagen des Cellos und der bellende Husten der Dame endeten mit dem Priester vor meiner Tür: Fräulein Read On? Könnten sie nicht…?“ Das Fräulein Read On, wäre ja nicht das Fräulein Read On, knickte es nicht nach zwei Minuten ein und nickte. „Natürlich Priester.“ So sitzt das Fräulein also in aller Frühe neben dem Tierarzt und jammert und greint. „Ich weiß gar nicht ob ich noch Cembalo spielen kann. Der Tierarzt, der in der Schule nur das Triangel schlagen durfte, bevor er zum Notenwart ernannt wurde, nickt mir beruhigend zu: Mein Mädchen, das ist wie Rad fahren.“ Ich schnaufe zweifelnd und sehe mich von einer kopfschüttelnden Konzertgemeinde ausgelacht und aus dem Saal vertrieben und am schlimmsten im Zustand der Schande in das kleine Dorf in dem ich eben wohne zurückkehren, wo die Frau des Krämers mich dies niemals vergessen liesse. „Hör zu, sagt der Tierarzt, sollte es so schlimm kommen, dann gehe ich mit ihrer Tochter tanzen und das ist mir Ansporn und Beunruhigung zugleich. Der Tierarzt legt seine Hand auf mein Knie. Nordwärts also nach Armagh, die lange gerade Autobahn, einzelne Häuser nur, dann Drogheda, schon fliegt Dundalk vorbei. Anders aber als noch vor ein paar Wochen, überall entlang des Weges Schilder: „No hard border.“

Als ich ein Kind war, sagt der Tierarzt, als wir uns der Grenze nähern, die man nicht sieht, da gab es hier keine Autobahn, sondern nur eine sich verengende Straße, die schließlich schmaler und schmaler wurde, der Tierarzt zeigt nach Rechts, dort in ungefähr 500 Metern Abstand sagt er, eingegraben, fast unsichtbar und zum Übersehen gedacht, war der britische Armeekontrollpunkt. Ebenerdig fast, um Heckenschützen keine Angriffsflächen zu bieten. Der Tierarzt schüttelt den Kopf. Kalt ist seine Hand auf meinem Knie. Über uns mildes Licht, gelber Ginster und die Ravendale Mountains, grün-und schiefergrau. In den Bergen liegen noch heute ungezählte Leichen jener Jahre, vergraben und verscharrt zwischen Ginster und Moos, oder mit Steinen beschwert. Schon sind wir weiter. Hinter der Grenze dominieren die Nationalists, irische Fahnen, weiße Holzkreuze am Straßenrand, in memoriam 1. April 1983, Hungerstreik, immer wieder hat es Tote gegeben, immer wieder die Toten zählen. Immer nur die, der einen, die Toten der Anderen, werden lieber vergessen, hinter den Bergen.Fünf Kilometer weiter: Union Jack um Union Jack, bemalte Bürgersteige, Lämmer und Kühe hinter den Gardinen bewegt sich nichts. Die Polizeistation von Armagh eingefasst von doppelten Zäunen, Stacheldraht und Videokameras an allen Seiten. Spiegel vor der Einfahrt. Ein Wachhäuschen. So sieht der Frieden aus.

In Armagh trennen sich unsere Wege. Der Tierarzt wird schon in der Praxis erwartet und ich gehe in den Ort hinein. An 15 Kirchen vorbei, schließlich stehe ich vor einem alten Pfarrhaus. Der Pfarrer selbst öffnet die Tür. „Das Fräulein Read On?“ fragt er und ich nicke. Zeit hatte ich mir erbeten, mich mit dem Instrument anzufreunden. Die Bibliothek mit dem Cembalo wie sollte es anders sein: eiskalt. „Guten Morgen Cembalo sage ich leise. Zu mir selbst sage ich viermal: Es ist doch auch nur ein Klavier. Dann hören meine Hände auf zu zittern. Aber kalt ist mir trotzdem, aber dann muss ich mich wirklich konzentrieren, denn so ein Instrument muss man kennenlernen. Der Pfarrer sitzt am Fenster und sieht mir zu. Protestantische Pfarrhäuser riechen immer nach nassen Wollpullovern, dünnem Tee mit Milch, staubigem Papier und immer glaube ich irgendwo eine Katze zu sehen, die aber niemals kommt. Der Pfarrer findet ich hätte Recht und erzählt von dem Pfarrer, der 15 Katzen auf dem Speicher hielt. Noch immer fänden sich an unmöglichen Stellen Katzenhaare an. Wir müssen beide lachen.

Die Haushältern bringt mir Tee, und auch zwei Cherry Scones. Eine Spezialität der Gegend. In den Teig kommen nämlich Belegkirschen. Die Frau des Krämers kann über so etwas nur die Nase rümpfen: „Typisch Proddies“,sagte sie und keiner käme auf die Idee, dies für ein Kompliment zu halten. So hört sich der Frieden an.

Dann kommen das Cello und die Geige. Endlich erinnern sich meine Finger und das Cembalo hört auf zu buckeln. Für eine halbe Stunde gehe ich noch einmal nach draußen. Dann kommen die Gäste. Es kommen nur Mitglieder der Kirchgemeinde und Mitglieder einer befreundeten Kirchgemeinde. Der Priester nur, der aus dem kleinen irischen Dorf heraufgekommen ist, wird der einzige Katholik sein und der Pfarrer eröffnet das Konzert mit den Worten: „wir freuen uns auf das Konzert, aber noch mehr darüber, dass drei Religionen heute hier zusammengekommen sind.“ Es ist ganz still. Stiller als es in Konzertsälen oder Pfarrhäusern sein kann. So ist das mit dem Frieden hier. Dann spricht Bach und meine Finger werden warm und mein Herz auch, denn der Pfarrer hat ein Taschentuch in der Hand, der Priester den Kopf zur Seite gelehnt, als spielten wir Schach und der Tierarzt, der eigentlich nur Musik mit singenden Mädchen hört hat sich hereingeschlichen und klatscht so laut, dass ich am Liebsten unter das Cembalo kriechen würde. Am Schluss kommt eine alte Frau zu mir. „Fräulein Read On“, sagt sie, meine Enkeltochter will Klavier spielen lernen. Was muss man dafür können?„Zuhören“, sage ich, man muss zuhören können. Mehr nicht. Sie nickt und ich bin mir nicht sicher, ob es wirklich eine Enkeltochter gibt und sie nicht eigentlich über den Frieden spricht.

Aber dann kommt der Priester mit Blumen, der Pfarrer mit einem Buch über die Stadtgeschichte, der Tierarzt lehnt lächelnd an der Tür und ich bedanke mich bei Cello und Geige und richte die besten Wünsche an die erkrankte Cembalistin aus. Unten im Hof aber zieht der Tierarzt mich zu sich heran und tanzt mit mir eine Runde über den Hof. „Gerade nochmal gut gegangen“, sagt er und ich atme endlich wieder aus.

Ungeduld

Schon früh am Morgen packt mich die Ungeduld, denn der Zug kommt nicht. Zu früh aber stehe ich auf Tag für Tag, um gedankenverloren und tänzerisch träumend auf dem Bahnhof zu stehen und heitere Gedanken zu hegen. Noch dazu fegt mir ein scharfer Wind ins Gesicht und die Ungeduld brennt mir unter den Fußsohlen. Erst zehn, dann zwanzig Minuten Verspätung schnarrt eine Lautsprecherstimme hämisch hervor, dann hören die Ansagen auf. Ich entwerfe böse und geschliffen scharfe Briefe an die Vorstandsetage von Ianród Éireann, die ja schon lange kein Unternehmen mehr führen, sondern nur Missstände verwalten und sich wohl erfolgreich selbst belügen: alte Züge, ein noch älteres Schienennetz und der Bahnhof des nächstgelegenen Dorfes hat nicht einmal mehr ein Dach.
Nur wenn ich zu spät die Straße herunterrenne, dann ist die Bahn pünktlich aber an vier von fünf Tagen ist die Bahn zu spät. Inzwischen hat es zu regnen begonnen, vom Zug ist auch nach 40 Minuten nichts zu sehen, ich renne zum Bus, steige dreimal um und bin 1,5 Stunden später als sonst im Büro. Ianród Éireann apologizes for the inconvenience. In meinem Kopf hat der Brief inzwischen zehn Seiten Stärke erreicht und auf der Stelle bräche die Vorstandsetage in Tränen aus, hätte ich nur Stift, Papier und eine Briefmarke zur Hand.

 Ungeduldig sitze ich im Bus, denn nichts macht mich so ungeduldig wie Bus fahren, das ewige Geruckel, das quietschende Halten, die quäkende Stimme der Haltestellenansagestimme. Ungeduldig wippe ich mit den Füßen. Vor mir isst zu meinem Erschauern ein Mann ein Butterbrot und beißt von einer Dauerwurst ab und ungeduldig und mit knirschenden Zähnen, warte ich bis auch das letzte Stück Wurstzipfel von ihm verschlungen ist. Die Frau, die ganz vorn im Bus sitzt plärrt in ihr Telefon so als sei ihr Gesprächspartner nicht am Ende des Telefons, sondern stünde 200 Meter entfernt am anderen Ende der Straße und versuchte ihre Stimme über den Autoverkehr hinweg zu verstehen. Mit würgender Ungeduld höre ich die nächsten zwanzig Minuten zu wie sie schrill beklagt, dass ihr Leben eine Katastrophe, ihr Mann ein fauler Apfel, ihre Kinder undankbar und die Busfahrt eine Zumutung sei, außerdem hätte sie eine Warze an prominenter Stelle. Ich bin kurz davor, die Wasserflasche aus meiner Tasche zu ziehen und über da Telefon gießen. Dann steigt sie aus. Noch von der Straße höre ich ihre Stimme über einen Gordon zetern, der ihr Geld schulde. Ich knirsche mit den Zähnen.

Die Ungeduld aber ist nur schon einmal vorgelaufen. Im Büro hat sie mich schon wieder. „Fräulein Read On heißt es, Sie sind die einzige mit genug Geduld für diese Besprechung.“ Ich balle die Fäuste und für drei geschlagene Stunden erklärte ich einen Sachverhalt zum zehnten Mal, die Ungeduld zieht mir an den Haaren und nur mit Mühe kann ich mich selbst daran hindern aufzuspringen mit der Faust auf den Tisch zu hämmern und zu schreien: LESEN SIE DAS DOKUMENT DOCH ENDLICH ,bevor sie mir zum zehnten Mal mitteilen, was sie auf keinen Fall können. Ich atme so tief ein wie ich kann, scheppernd lacht die Ungeduld in meinen Ohren, ich lese sehr, sehr langsam noch einmal die Kernpunkte vor und beantworte noch viel langsamer und mit vor Ungeduld zitternder Zunge die selben 100 Fragen. Endlich zückt mein Gegenüber umständlich und mit verkniffener Miene seinen Füllfederhalter und unterschreibt.

Ich kann mich nur mit allerletzter Mühe beherrschen die Tinte nicht trocken zu pusten und ihm den Füller aus der Hand zu reißen. Durst habe ich, einen glühenden und rasenden in der Kehle brennenden Durst zudem, natürlich habe ich vergessen, dass die Thermoskanne Tee auch über Stunden siedend heiß bewahrt und gierig den Tee herunterstürzend, verbrenne ich mir den Gaumen und gieße wutentbrannt den Tee in den Ausguss. Ungeduldig hacke ich auf die Tastatur, schnaubend beantworte ich Emails und muss mich bremsen, um nicht hinter jeden zweiten Satz sieben dicke Ausrufezeichen zu setzen. Selbst die Büropalme schnarre ich an, weil sie ihre Palmenarme zu langsam zur Seite bewegt, als ich das Fenster öffnen will, beleidigt schnellt die Palme zurück und fegt mir die Brille von der Nase, in meiner reizbaren Ungeduld aber schmettere ich im Versuch die Brille zu finden und somit dreiviertelblind die Wasserflasche vom Schreibtisch, die am Papierkorb zerschellt. Flüche murmelnd und der Palme herzhaft mit Vergeltung drohend fege ich die Scherben auf, beleidigt verschränkt die Palme ihre Arme. Endlich stecke ich meinen Kopf aus dem Fenster, natürlich erleichtert sich eine Taube genau in dieser Zehntelsekunde in der ich die Nase durch den Fensterrahmen stecke. Ich brülle ihr sehr textsicher: „Tauben vergiften im Park.“ hinterher.„Du brauchst gar nicht so dumm zu kichern“, fahre ich die Palme an. Dann renne ich ins Bad. Ungeduldig drehe ich den Wasserhahn auf und natürlich schießt mir ein gewaltiger Wasserstrahl ins Gesicht. Die Frau im Spiegel ähnelt verdächtig einer Erinnye.

 
Knurrend sitze ich Stunden später im Zug nach Haus. Ungeduldig staple ich Milch, Butter und Brot auf dem Ladentisch. Die Frau des Krämers tippt die Beträge quälend langsam in die Kasse ein und erzählt mir umständlich vom Wasserrohrbruch ihrer Schwester. Die Frau des Krämers und ihre Schwester sind sich in herzlicher Abneigung zugetan und ich wippe mit den Füßen, denn ich kenne die Geschichte vom Liebesbrief, den die Schwester dem Krämer zukommen ließ, obwohl er da schon zweimal mit seiner zukünftigen Frau zum Tanz auf der Tenne gegangen war zur Genüge. Ich sage etwas unwirsch: „Ja, ja, ja“ und zum ein Glück bemerkt die Frau des Krämers es nicht und schon steht der nächste Kunde am Ladentisch, der über die späte Gerechtigkeit G*ttes in Form eines Wasserrohrbruches in Kenntnis gesetzt wird. Aber besser wird es mit mir und der tobenden Ungeduld nicht. Fest sitzt mir die Ungeduld in den Rippen noch als wir zu Abend essen. Scharfe Spagetti mit selbstgemachtem Ragù. Der Tierarzt zerkleinert die Spagetti bis nur noch hellgelber Gatsch auf dem Teller liegt und schiebt seit einer halben Stunde das Ragù mit dem Löffel vom Tellerrand zur Tellermitte und wieder zurück. Ich balle die Fäuste unter dem Tisch. Mit einem zum Zerreißen gespannten Geduldsfaden nehme ich mich zusammen und stehe nicht auf, ziehe den Teller nicht weg und werfe ihn nicht gegen die Wand. Ich stehe auch nicht auf und schreie: „WARUM KOCHE ICH NACH EINEM 12 STUNDEN TAG EIGENTLICH?“ Für einen Sekunde steht mir das Bild eines Fräuleins vor Augen, dass mit Spagetti-Ragù Matsch um sich wirft. Dann geht es wieder und ich sage auch nicht: „Iß den verdammten Teller leer.“ Ich grabe mir die Fingernägel in die Handflächen und überlege mir was andere Menschen wohl in der Zeit machen, in denen der Tierarzt an einer Gabel Spagetti würgt. Dann stehe ich auf und werfe nicht einmal den Stuhl um. Ich richte dem Tierarzt einen Obstalat und koche Grießbrei und trage den Rest Ragù und die Spagetti zum Priester hinüber. Der Priester wenigstens freut sich.

Im Bett liegend aber fange ich nach zwei Seiten an mit den Protagonisten des Romans an zu streiten, als ich mich dabei ertappe die Seiten böse anzuzischen gebe ich auf und lösche das Licht. Die Ungeduld tobt weiter und mit zuckenden Zehenspitzen schlafe ich endlich ein.