Ein halbes Königreich für vier Tennisbälle.

Sechs Uhr: Das Fräulein Read On hat eine weitere Nachtschicht überstanden, ist nach jener im Meer geschwommen, hat sich die Shetlandponyhaare gewaschen, die Zähne geputzt, die Bettdecke aufgeschlagen, sich vom Tierarzt eine Wärmflasche ( die ewig kalten Füße ) ans Fußende legen lassen und seufzt. Das Fräulein seufzt noch einmal, denn dem Fräulein ist wohl zu Mute. Das Meerwasser war nicht zu kalt, die Bettwäsche ist frisch gewaschen und riecht nach Seewind und Garten, des Fräuleins Zehenspitzen sind warm und die Uhr zeigt gerade sechs Uhr. Das heißt, dass ganze vier selige Stunden Schlaf vor ihr liegen, denn um 11 bekommt das Fräulein Besuch von einer lieben Freundin, die auf dem Weg nach New York in Dublin Station macht, um das Fräulein zu besuchen. Der Kühlschrank ist angefüllt mit Käse und Marmeladen, Joghurt und Salaten, unter einem weißen Leintuch schläft der Hefezopf und der Tisch ist auch schon gedeckt. Der Volvo ist TÜV- geprüft und so kann die liebste Freundin vom Flughafen abgeholt werden, das Fräulein seufzt ein drittes Mal und vor ihren müden Augen wiegen sich Banyan Bäume sacht im Wind, Papageien kreischen leise und die Sonne scheint heiter und sacht auf des Fräuleins Nasenspitze. Von fern ist leises Rauschen zuhören ( kein Wasserfall, sondern ein sich brausender Tierarzt ) und darüber schläft das Fräulein ein. Ein Papagei landet auf des Fräulein’s Schulter, aber als sie mühsam blinzelt ist es gar kein grün-grau getupfter Papagei, sondern die Hand des Tierarztes, die an meine Schulter fasst.

„Oh Prinz aus dem Morgenland mit den silbergrauen Augen und dem Dolch aus Edelsteinen, murmele ich: Feuer, Wasser oder Wind?“

„Mädchen flüstert es an mein Ohr, ich suche meine Tennisbälle.“ Der Tierarzt muss man wissen spielt am Samstag Tennis mit dem R. Der Tennisplatz aber ist eher ein begradigter Acker mit einem Netz und man muss Schläger und Bälle mitbringen. Der R. und der Tierarzt sind zu meinem kompletten Unbegreifen strenge Anhänger des Tennissportes. Ich habe auf diesem Platz nur einmal einen Tennisschläger in die Hand genommen, dann traf mich ein Tennisball und ich fiel um. (Mehr braucht man über mich nicht zu wissen.) Der R. und der Tierarzt aber fröhnen dem Tennisspiel mit Hingabe und ächzen dabei wie die Galeerensklaven.

„Mädchen?“, flüstert der Tierarzt noch einmal. „Hmm“, murmele ich, denn ich schlafe ja und die Banyanbäume wiegen sich im Wind und die Papageien singen frohe Lieder.

„Kommode, Flur“ krächze ich und drehe mich nach links. Die Papageien singen schöner denn je. Der Tierarzt rennt die Treppe hinunter, aber vielleicht tappt ja auch ein Tiger durch meine Träume. Aber schon ist der Tierarzt zurück:

„Nein, Mädchen auf der Kommode sind die Tennisbälle auch nicht.“

„Prinz aus dem Morgenland, flüstere ich, irgendwo werden sie schon sein, dieses Haus ist ja nun weiß G*tt kein Palast. Damit will ich meine Schuldigkeit für getan erklären und rutsche noch ein Stück tiefer unter die Decke. Banyanbäume! Papageien! Inzwischen aber hat der Hund, das Wort Ball gehört, er hechtet nun seinerseits die Treppe hinauf und weil der Tierarzt noch immer murmelt: Oh, wo ist nur der Ball, Mädchen, wo nur ist der Ball, Mädchen?“, springt der Hund auf das Bett und leckt mir begeistert über das Gesicht. Vergessen sind Banyanbäume und Papageien und ich fahre hoch. Ich sehe einen ewartungsvoll hechelnden Hund und den Tierarzt: „ Mädchen, wenn Du jetzt wach bist, kannst du mir doch suchen helfen. Bitte.“

Ich strecke meine warmen Zehen ins kalte Zimmer. „Ein halbes Königreich für vier Tennisbälle, murmele ich und dann suche ich missgestimmt nach vier gelben Bällen. Es ist 7:02. Es sind schon Prinzen wegen geringerer Dinge in den Kerker geworfen worden und dann halte ich mir den Zeh, den ich mir am Bettpfosten stieß. Ich suche im Bettkasten, im Kleiderschrank, im Schmutzwäschekorb, bei den Putzmitteln, der Hund liegt inzwischen schlafend in der frisch gewaschenen Bettwäsche und träumt sehr sicher von Banyanbäumen und tirillierenden Papageien. Ich suche in den Taschen der Wintermäntel und in allen Taschen und Beuteln nach vier elenden Tennisbällen.

Der Tierarzt liegt unter dem Schuhbord, durchsucht die Papierkörbe, öffnet die Schreibtischschubladen, nur um sie ergebnislos zu schließen, steigt auf den Dachboden und rennt in den Garten hinaus. Ich mache inzwischen Tee.

„Wie kannst du jetzt an Tee denken?“, fragt der Tierarzt deutlich echauffiert.

Ich sage lieber nichts, sondern puste über den Rand der Teetaste. Der Blick, den ich dem Tierarzt zuwerfe, ist der Blick der dreizehnten Fee, nicht der Blick der lieben Fee. Der Tierarzt gräbt sich achtzigsten Mal durch seine Sporttasche. Aber auch in der Sporttasche sind keine vier gelben Bälle.

„Du solltest auch einen Tee trinken Tierarzt“, sage ich, das beruhigt. Dann stelle ich die leere Tasse in die Spüle und sage: „Ruf doch den R. an, soll er halt an die Bälle denken.

„Ich kann den R. doch nicht um 7. 41 wecken!“ ereifert sich der Tierarzt.

Ich zähle sehr langsam bis zwanzig. Dann schlägt die alte Standuhr dreiviertelacht. Als die Uhr aufhört zu schlagen, rollen vier gelbe Tennisbälle vom Schrank und knallen mir auf den Kopf. „Ach,ja ruft der Tierarzt“, ich hatte ja die Tennisbälle auf den Schrank gelegt, damit die Katze sie nicht erhascht.

„Soso“, grummele ich finster. Aber während ich mir noch den Kopf reibe, und der Tierarzt sich seiner abendlichen Klugheit rühmt, ist der Hund schon „Ball, Ball“ die Treppe heruntergestürzt und kaut begeistert auf einem der Bälle. „Aus, aus“, ruft der Tierarzt und der Hund speit den Tennisball endlich aus. Das Fräulein wäscht einen Tennisball mit ‚Rai aus der Tube’ und der Tierarzt föhnt den Tennisball trocken.

„Oh Prinz aus dem Morgenland mit den silbergrauen Augen, suchst du noch etwas, oder darf sich die Kammerzofe wohl zurückziehen?“

Doch der Tierarzt hört mich schon nicht mehr, draußen hupt der R. Ich wanke die Treppe hinauf, und sehe auf die Uhr: 9:01 Uhr. Die Wärmflasche ist kalt, im Bettbezig sind Hundehaare und die Papageien singen längst in anderen Träumen schöne Lieder.

Schaumbad

Am Küchenschrank hängt ein Zettel. Auf dem Zettel steht: TÜV, Volvo. Nicht vergessen. Drei Ausrufezeichen.Wann immer der Tierarzt eine Tasse aus dem Schrank nimmt, seufzt er. Der Tierarzt liebt den klapprigen, alten ,roten Volvo sehr. Auf der Liste der tierärztlichen Lieben steht ganz oben Kälbchen, dann folgt Stille und dann kommt der klapperige Volvo und irgendwo kurz bevor die Liste abreißt steht auch noch Mädchen. Der Tierarzt und der Volvo sind ähnlich unzertrennlich wie Stan und Olly und noch bevor ich den Tierarzt kennen lernte, wusste ich dass der Tierarzt im roten Volvo über die Dörfer klappert. Man erzählt, dass sogar die Tiger und Bären im Dubliner Zoo, Haltung annehmen, fährt der rote Volvo vor und der Tierarzt klettert mit Tierarztkoffer aus dem Wagen. Der Volvo und der Tierarzt sind unzertrennlich und als ich meinen Haustürschlüssel an den Tierarzt gab, erhielt auch ich Schlüsselgewalt über den Volvo. Sehr lange saßen wir im Auto und der Tierarzt sagte: „Volvo-Mädchen, Mädchen-Volvo. Ich deutete einen Knicks an und der Volvo akzeptierte mich als Co-Piloten. ( Ob es nun daran liegt, dass der Tierarzt mich dem treuen Gefährten vorstellte, oder mein Bedürfnis den Volvo immer mal wieder gründlich durchzusaugen, ist schwer zu entscheiden. Aber auch am Hang lässt der Volvo mich nie hängen. Ganze Generationen von Lämmern sind im Volvo geboren worden, Kälbchen ging im Volvo auf große Fahrt, eine Zebradame wurde im Volvo Mutter und die Hundehaare reichen garantiert zurück bis zu Christi Geburt. Der Volvo hat also viele Vorteile, ist heiß geliebt, und nur zwei Nachteile: er ist alt und wenn es sehr feucht ist, lässt sich die Beifahrertür nicht verschließen. Das ist an sich kein Problem, wer stiehlt schon ein altes Auto, das riecht wie eine fahrende Tierarztpraxis und nach von mir großzügig verteiltem Desinfektionsmittel? Einmal allerdings das sei nicht verschwiegen, gereichte das lose Türschloss dem Tierarzt doch zum Nachteil. Die Frau des Tierarzts hatte vor Jahr und Tag gesehen, wie der Tierarzt mein Haus verließ und fröhlich pfeifend den im Unterland geparkten Volvo auslöste und witterte Böses. Anderntags, es war im grauen Monat November, warf der Tierarzt die Tasche in den Kofferraum und neben ihm auf dem Beifahrersitz wartete die Tochter der Frau des Krämers. „She wanted to make a move at me, Mädchen“ sagte der Tierarzt und „I was quite taken aback.“ „This girl, Tierarzt, sagte ich, is in love with you since forever.“

Der Tierarzt bestellte von einem Händler in Hongkong ein neues Paar alter Volvo Schlösser und seitdem hat der Volvo nur noch ein Problem: er ist sehr alt und muss durch den TÜV. Letzte Woche war der Volvo in der Werkstatt zur Kur und heute begaben sich Tierarzt, Fräulein Read On und das treue Auto in den Waschsalon für Automobile. Ich sah ungefähr ungenau so aus, wie Karl Lagerfeld sich Menschen vorstellt, die die Kontrolle über ihr Leben verloren haben: Adidas Hosen mit Knöpfen an der Seite, Flip-Flops und ein indisches NAIK-statt Nike T-Shirt und auf meinem Schoss stand ein Eimer mit Hochglanzputzutensilien, die der Waschsalon bestimmt nicht vorrätig hat. ( Ich komme aus einer Familie preußischer Juden, ich komme vorbereitet. ) Dann also shampoonierten und polierten wir den treuen Gefährten. Wir wienerten die Scheiben, entkrusteten die Scheibenwischer, und der Tierarzt saugte mehre Löwenfelle aus den Polstern. Ich brachte Politur auf, hantierte mit einem Lackstift und der Volvo, ich schwöre, ich habe es selbst gehört, quiekte vor Freude und grunzte wie Kälbchen schrubbert der Tierarzt ihn mit dem Reisigbesen. Dann fiel mir auf, dass das Dach ja noch nicht glänzte wie eine Speckschwarte. Leider überfiel mich in diesem Moment auch der Übermut: Ich stieg auf einen umgedrehten Eimer und schwang mich auf das Dach und schrubbte das Dach. Der Schwamm indes hatte sich schon voller Wasser und Schaum gesogen und so war das Fräulein auf dem Dach ziemlich schnell sehr nass, aber alles für den Volvo, alles für den treuen, roten Gefährten des Tierarztes. Dann pfeift es vom Volvo her, da liege ich gerade auf dem Bauch und schrubbe die hintere Dachkante.

„Weißt Du Mädchen, sagt der Tierarzt, ich muss sagen, ich hatte es bis heute wirklich nicht mit so Fraue-Schaum-und Autoszenarien, aber ich muss sagen…
Weiter kommt der Tierarzt nicht: „Tierarzt sage ich, Du starrst mich doch nicht auf den Hintern, während ich den treuen, alten Volvo grundreinige?“ Der Tierarzt schweigt. Ich werfe den Schwamm nach ihm und der Tierarzt singtdieses entwürdigende Lied: Ich rutsche vom Autodach herunter, leider verliere ich dabei das Gleichgewicht, glitsche auf dem feuchten Schaum aus und lade mit Schwung im bereitgehaltenen Wassereimer. Es macht: Wuuusch und aus den Fluten steigt nicht Venus, sondern etwas was verdächtig einer Wasserratte ähnelt. ( Das bin ich.) Der Tierarzt versucht nicht zu lachen. Natürlich lacht er. Er lacht bis er rot anläuft. Mit ihm lachen alle anderen Besucher des Waschsalons und die Nachbarjungs auf der Mauer, lachen und pfeifen johlend. Karl Lagerfeld hätte keine Worte mehr für mich übrig. Tierarzt wird all das Kälbchen erzählen, wenn Kälbchen es weiß, wissen es morgen die Schafe und wenn die Schafe es wissen, weiß es am Samstag das ganze Dorf. Die Frau des Krämers wird es mich nie vergessen lassen, der Tierarzt lacht, ich setze mich tropfnass auf einen schwarzen, nassen Müllsack und versuche weiterzuatmen, überlege ob es statt eines Zeugenschutzprogrammes wohl auch ein Programm gibt, in denen die peinlichsten Menschen der Welt eine neue Identität annehmen können? Beim Dachrutschmanöver sind die Knöpfe der Adidas Hosen aufgesprungen und die Hose schlottert nass um meine Beine. Neben mir kichert der Tierarzt und ich rieche nach altem Öl und Putzmitteln. „Tierarzt, sage ich, wenn Du nicht sofort aufhörst zu lachen, dann kannst du heute Nacht im Auto schlafen.“ Der Tierarzt aber erklärt mir, dass er seit Jahren, noch nie, never, ever, so gelacht habe wie heute. „I am quite taken aback“, sage ich. Dann verschwinde ich ins Badezimmer. Morgen muss der Volvo zum TÜV, bitte beten sie zu ihren G*ttern, beschwören sie ihre Hausheiligen, nehmen sie ein Bad im Ganges, verbrennen sie Weihrauch, drücken sie alles was sie haben und noch mehr.

Der treue, alte, rote Volvo muss durch den TÜV. Ich brauche ein Fluchtfahrzeug, sollte die Frau des Krämers ein Bild von mir im Dorfladen aufhängen, auf denen ich in Adidas-Hosen und NAIK Shirt ein Autodach shampooniere. Es geht nicht mehr nur länger um das Fortleben des guten Autos, es geht um alles.

Sonntag

Von der See zurückkommen. Kalt ist die See und alles schläft. Taube Fingerspitzen und taub trifft es vielleicht auch insgesamt sehr gut. Taube Fingerspitzen gegen die heiße Tasse Tee. Alles schläft, Dorf, Tierarzt, die Tiergemeinschaft, ich bin wach und meine Fingerspitzen geben der warmen Tasse nicht nach. 6.25 Uhr sagt die Uhr und ich wecke den Tierarzt. Der Tierarzt hat heute Notdienst. „Tierarzt“, sage ich und streiche ihm über die Stirn. Meine tauben Fingerspitzen tun den Rest. Der Tierarzt geht ins Bad und ich krieche in sein T-Shirt, meine Fingerspitzen liegen kalt gegen meine Rippen. Das Wasser rauscht und ich lege die Hände hinter dem Kopf zusammen. Wenn ich dich jetzt küsse, sagt der Tierarzt, höre ich nicht mehr auf“,und ich lege ihm die Finger auf die Lippen. Dann fällt die Tür ins Schloss und ich wickle mich in die Decke und in die Stille und schließe die Augen.

Dann klingelt mein Telefon. Das Telefon zeigt zehn Uhr und das Gesicht des Tierarztes. „Ja?“ sage ich. Der Tierarzt sagt: „Die Tierarzthelferin ist umgekippt und das Wartezimmer ist voll.“ Ich möchte schreien. Aber ich schreie nicht, sondern ziehe mich an, leihe mir das Auto des Priesters und fahre in die Praxis. Meine Hände sind kalt, ich habe noch nichts gegessen und ich bin so müde, so unendlich müde. Das Sprechzimmer ist voll und ich atme tief ein. „Es tut mir leid“, sagt der Tierarzt, dann stürzt der Computer ab und ich möchte jetzt sofort gleich ein anderes Leben kaufen. Wo macht man das?
Ich ziehe den Stecker und der Computer geht wieder. Das Wartezimmer ist so voll, dass wir Stühle aus dem Keller holen müssen. Mir wird übel von dem Geruch der Tiere. Eine Frau mit einer verfetteten Katze beschwert sich über die Wartezeit. Ihrer Katzen tränen seit vier Wochen die Augen. Mich überfällt hässlicher Ekel vor der Frau und ihrer Katze und ihre trommelnden Fingernägel auf der Tischplatte. Ich erkläre das Konzept Notdienst. Sie hört nicht zu, sondern hält mir die Katze immer näher ans Gesicht. „Bitte setzen Sie sich hin“, sage ich und öffne das Fenster. Es kommen Hundebesitzer, die keine Zecke selbst entfernen können, immer noch mehr Katzen, ein Pudel mit Angststörung, wie mir die Pudelhalterin erklärt. Der Pudel kaut indes selbstvergessen an der Teppichkante. Zwei Kanarienvögel pfeifen schrill und unermüdlich. Ein Mann in Lederhosen bringt eine schwarze, langbeinige Spinne an. Symptomatik unklar. Mein Verhältnis zu Spinnen ist nur in Teilen freundschaftlich. Im Land K. jagte ich Spinnen mit einer Bratpfanne und die Spinne starrt mich an, so als wüsste sie alles. Ich starre zurück. „Ich habe die Bratpfanne noch, Spinne“ denke ich und sage mit gespielter Freundlichkeit: „Bitte nehmen sie doch noch einen Moment Platz.“ Die Spinne heißt Lucy, sagt der besorgte Spinnenbesitzer. „Sie ist ja eine ganze Hübsche ihre Lucy“ sage ich und der Spinnenbesitzer nickt. „Nach meiner Ex benannt“, sagt er.

Ich habe wirklich Hunger aber in der Praxis gibt es nicht einmal eine Packung Cracker. In meiner Hosentasche finde ich ein angelutschtes Pfefferminz. Das muss das gute Leben sein. Die Spinne grinst hämisch zu mir herüber. In einem unbeobachteten Moment strecke ich ihr die Zunge heraus. Meine Hoffnungen auf Bhel Puri in der Mittagspause verfliegen, denn als endlich alle Hunde, Katzen, Kanaris und Lucy die Spinne verschwunden sind, klopft es schon wieder und ein Mann betritt die Prxis. Larry geht es nicht gut, sagt er und ich starre auf Larry. Larry ist eine Urzeitechse. Seine Augen haben etwas von spöttischer Verachtung. Ich sprinte ins Sprechzimmer. „Tierarzt, sage ich, der Mann da hat einen Drachen dabei.“ „Bartagame“, murmelt der Tierarzt. Larry ist inzwischen aus dem Transportbehältnis ausgebrochen und mit allerletzter Kraft und nur weil es mir so peinlich ist, springe ich nicht schreiend auf den Tisch oder noch schlimmer erhebe den Schuh gegen das Ungeheuer. Sein Besitzer kniet auf dem Boden und kreischt: „Larrylein, Darling komm zu Papa.“ Ich will mich dringend übergeben. „Mach was“, sage ich zum Tierarzt, aber der Tierarzt kann Larry auch nicht sehen. Ich verfluche mein Dasein. Larry springt auf meinen Schuh und ich umklammere die Hand des Tierarztes sehr fest und zische: „Mach es weg.“ „Larrylein, du bist wieder da“, sagt der Mann und strahlt mich an. „Er mag sie.“ Ich kann einen Fluch nicht unterdrücken. Immerhin fluche ich in Hindi. „Was haben sie gesagt?, fragt der stolze Drachenzähmer“ „Was für ein reizendes Tier, schon die G*ttin Laxmi soll sich Glück von diesen Tieren erhofft haben.“ Könnte ich doch einmal meinen Mund halten. Denn schon legt sein Besitzer, Larry hocherfreut in meine Arme. Ich bin kurz vor der Ohnmacht und zum Glück nimmt der Tierarzt mir den Untam ab. Dann snackt Larry zwei Fliegen und grinst hämisch. Ich zeige auf meinen Schuh. Larry muss schlucken. „Alles in Ordnung, Mädchen?“, fragt der Tierarzt. Ich nicke.

Dann wasche ich mir lange die Hände. Der Tierarzt legt mir die Hände auf die Schultern. Ich springe entsetzt zur Seite, bleibe am Stuhl hängen und krache gegen den Tisch. Irgendwo lachen Lucy, die Spinne und Larry, die Bartagame. „Oh Mädchen, sagt der Tierarzt, das wusste ich nicht.“ Ich finde mich peinlich, mein Schienbein tut weh und ich habe Hunger. Ich sage: „Bitte wasch Dir die Hände, ja?“ Ich möchte auf der Stelle in Tränen ausbrechen, aber dann klopft es schon wieder. Ich rapple mich hoch und erwarte, dass eine Würgeschlange oder ein Pinguin über mich herfallen, aber in der Tür steht ein Bube mit verschmierter Nase. Er hat einen Schuhkarton in der Hand. „Was ist da drin, krächze ich und der June schnieft: mein Kaninchen.“ Ich atme aus. „Es frisst nicht mehr,“ weint der Junge und ich sehe auf das Häschen herunter. Der Hase hat Schlappohren und sieht in etwas so aus, wie ich mich fühle. Der Junge greift in seine Hosentasche und zieht einen Plastiksack mit Münzen hervor. „Das ist alles Geld, was ich habe, sagt er und ich schüttle den Kopf. „Hör mal, sage ich, das Geld behältst du lieber für Mohrrüben, ja?“ Dann bekümmert sich der Tierarzt um den Hasen. „Der Tierarzt ist ein Held“, ruft der Bube und drückt den Hasen fest an sich. Ich lächle säuerlich.
Im Wartezimmer sabbert eine Dogge auf den Boden und eine Katze speit auf die Anmeldung. Der Geruch ist so widerwärtig, dass mir wenigstens der Hunger vergeht. „Sie dürfen ihrer Katze keine Pralinen geben“, sagt der Tierarzt. Die Frau ist empört. „Und Eis?“ Ich wische Katzenkotze auf und rutsche fast auf dem Sabberfleck der Dogge aus. Der Tierarzt muss der Dogge einen Dorn aus der Pfote ziehen und die Dogge sabbert immer mehr. Der Doggenbesitzer muss sich hinsetzen. Ich wünschte ein Prinz aus fernen Landen entführte mich auf sein Schloss, fütterte mich mit Erdbeertorte und massierte mir die Füße.Wenn Sie ein Prinz sind, gerade Erdbeertorte backen und keine Dogge haben, melden Sie sich doch. Wenn Sie ein Prinz sind, Erdbeertorte backen und eine Boa Constrictor namens Gretchen haben, melden Sie sich lieber nicht.
In der Realität aber tropft Doggenspeichel an mir herab und ich rieche nach Katze und Desinfektionsmittel. Die Dogge bekommt einen Verband und mein Magen ist ein schwarzes Loch.

Endlich ist das Wartezimmer leer. Wir putzen die Praxis und ich überlege ob ich die Jeans ausziehe und in Unterwäsche zurückfahre, aber es ist das Auto des Priesters.
Mädchen?, sagt der Tierarzt sehr, sehr leise. „Tierarzt, krächze ich, Schokoladentorte, jetzt, sofort.“

Dreizehn

Einmal will ich es richtig machen. Ich fahre nach der Nachtschicht nicht ins Büro, sondern zurück in das kleine, irische Dorf. Der Tierarzt steht auf und ich ziehe mich aus. Sein graues T-Shirt ist noch warm und während ich mir die Zähne putze, mache ich die Augen zu. Blauer Schaum im weißen Becken. Die Bodenfliesen glitzern und die Welt dreht sich langsamer, blauer Schaum und kaltes Wasser. Das Telefon höre ich nicht, aber der Tierarzt hört das Telefon und kommt ins Bad. Sein Gesicht im Spiegel hat dunkle Schatten, dann nehme ich das Telefon und zwei Minuten später ist mein Gesicht genau so schattig wie das Seine. Ich drehe mich um, ziehe das graue T-Shirt wieder aus und dunkelblaue Scrubs wieder an. Der Tierarzt und ich sagen nichts im Auto, die See zur Linken und zur Rechten ein grüner Tag, Sonnenschein, Vögelgebrüll, dichte, grüne Hecken, dann die graue Autobahn. Das Krankenhaus ist ein Krankenhaus wie es viele gibt. Der Tierarzt küsst mich auf die Stirn und ich lege meinen Kopf unter sein Kinn. Eine Viertelsekunde lang vielleicht. Kam man Wimpernschläge zählen?

Das erste was ich höre ist die Mutter. Meine Schuhe quietschen auf dem Flur. Desinfektionsmittel und immer noch der Zahnpasta Geschmack auf der Zunge und auch Rost und Eisen. Die Mutter hat kurze, schwarz gefärbte Haare und die schreit: Sie ist dreizehn. Sie schreit immer wieder und ich gehe weiter, dafür bin ich da, weitergehen. Das Kind ist dreizehn Jahre alt und bekommt ein Kind, dafür bin ich da. Ein Fall für dich Read On. Weißt du noch Read On, sagt mein Kopf, weißt du noch, damals im Sudan, aber dann gehe ich schon wieder weiter, mein Kopf ist eine Schublade voller abgeschlossener Kästen. Ich setze mich zu dem Kind auf dem Bett. Das Kind schreit vor Schmerzen und es schreit nach seiner Mutter. Die Mutter des Kindes schreit auf dem Flur:

SHE CAN’T BE PREGNANT. SHE IS THIRTEEN. YOU GOT IT FECKIN WRONG.
Die Hand des Kindes ist kalt.
I AM GOING TO FECKIN KILL HER. I KILL HER.
Ich streiche dem Kind über die Stirn.
FECKIN KILLIN HER.
Das Kind schreit nach seiner Mutter.
Die Mutter stürmt in das Zimmer: TELL ME THAT CAN’T BE TRUE.
Das Kind weint. Seine Fingernägel sind rosa und glitzern, das Kind drückt seine Fingernägel tief in meine Hand hinein.
Ich stehe auf. „Hören Sie, sage ich, ihre Tochter braucht ihre Unterstützung. Jetzt.
Die Mutter schreit: YOU ARE A WHORE. Das Kind schreit nach seiner Mutter. Bitte, sage ich zu der Mutter und sehe sie an, bitte verlassen sie das Zimmer, wenn sie nicht für ihre Tochter da sein können.
„YOU ARE SUCH A BITCH! Schreit die Mutter und stößt mich gegen den Türrahmen.
Das Kind schreit nach seiner Mutter.
Die Mutter dreht sich um und geht.
Das Kind schreit: MOMMY, MOMMY COME BACK.
Die Mutter dreht sich nicht um.
Das Kind schreit nach seiner Mutter und ich lege meine Arme und das Kind klammert sich an meinen Hals. HELP ME, schreit das Kind. Das Kind ist dreizehn und uns läuft die Zeit davon. Das Kind bekommt ein Kind und dafür bin ich hier. Durch meine Nächte laufen die Frauen, die noch immer Kinder sind, das ist der Krieg, in den Kriegen sind die Männer Soldaten und die Kinder bekommen Kinder, das Linoleum quietscht unter meinen Füßen.

I AM SCARED sagt das Kind und ich nicke. Dann singe ich ein Lied für das Kind. Zwischen dem Sudan und all den Ländern bis in ein irisches Krankenhaus hinein, singe ich alte und neue Bollywood Lieder, Chup Chup, Ke Chup, die Kinder müssen weiteratmen und ich muss es auch. „Mein Baby“ sagt das Kind und sieht auf das Bündel in seinen Armen. Das Kind hält das Kind fest.
Ich wasche mir die Hände und das Wasser ist kalt. Im Krankenhaus Kiosk kaufe ich ein blaues Stofftier. Ich lege das Stofftier neben das Kind ins Bett. Das Kind des Kindes wird nicht älter werden als ein oder zwei Tage. Das Kind im Bett schläft.

Auf dem Flur vor dem Zimmer wartet ein Mann. Fleckige, rote Wangen. Er sei ein Onkel. Ich stehe mit dem Rücken in der Tür. „Seine Nichte.“ Ich schüttle den Kopf. Ich sage irgendetwas mit Autorität. Der Mann geht zur Seite. Der Krieg, der in die Körper der Frauen tritt, ist nicht nur im Sudan, ist auch in irischen Wohnzimmern, hat Onkel, Väter und Brüder und schweigende Mütter, Tanten und Cousinen. Dann kommt die Polizei und der Arzt und ich stehen mit dem Rücken zur Wand. Ich gehe hinunter, in den kleinen Park. Der Himmel ist kühl und wieder geht die Sonne unter. Der Consultant legt seine Hand auf meine Schulter. Wir sagen nichts. Desinfektionsmittel klebt uns zwischen den Zähnen, der Pförtner sagt: „Endlich vorbei?“ Ich starre ihn an. Der Tierarzt wartet unter den Bäumen und meine Hände zittern. Die Sonne ist untergegangen. Ich mache das Fenster auf und der Tierarzt sieht mich an. „Bitte halt an“, sage ich oder höre ich mich sagen und dann stolpere ich eine Böschung hinunter. Brombeerhecken, Ginster und Efeu und meine Hände verfangen sich in den Brombeerdornen. Mir ist so schlecht und der Tierarzt hält mir die Haare aus dem Gesicht. „Es tut mir leid“, sage ich und der Tierarzt schüttelt den Kopf. Zuhause ziehe ich mich aus. Das graue T-Shirt fällt über meine Knie. Der Tierarzt zieht Brombeerdornen aus meinen Händen. Meine Hände sind kalt. In meinen Händen sind die Fingernägel des Kindes eingegraben. Der Tierarzt deckt mich zu und über mein Gesicht laufen die Frauen, neben mir liegt das Kind, dann wache ich auf und sitze auf dem kalten Rand der Badewanne, lehne den Kopf gegen das Waschbacken. In der Nacht stirbt das Kind des Kindes. Ich liege auf dem Badezimmerfußboden, die kalten Kacheln im Rücken. Der Tierarzt legt sich zu mir, bitte komm zurück, sagt er und ich suche nach einem Schlüssel für die Schubladen in meinem Kopf, mein Mund ist voller Papier und erst als der Tierarzt mich unter die Dusche zieht, geben meine Hände nach. „Dreizehn“, sage ich und das T-Shirt ist ein grauer, nasser Ball vor meinen Füßen und das Wasser schlägt kalt gegen meine Wange.

Sag Read On, was machst du eigentlich den ganzen Tag?

Frau Brüllen will es wissen. An jedem 5. eines Monats fragt sie in Groß-Bloggersdorf herum und der Großbloggersdorfer schreibt auf was er so erlebt. Et voilà.

5 AM: Um fünf Uhr in der Früh zum See hinunter fahren. Vorsichtig die Dielen zählen, um den Tierarzt nicht zu wecken. Aber der Tierarzt schläft und atmet leise und ich lege das Handtuch in den Korb und zehn Minuten später schon, steige ich ins Wasser. Das Wasser ist dunkelgrün, flackert hellgrün, lächelt zuweilen lindgrün, die ganze Welt um den See herum ist grün, so grün, grün, grün, grün sind alle meine Kleider, aber die Bäume summen nur stumm. Hier am Berliner Stadtrand gibt es keine Jäger. Der Schwan putzt sich und der See gurgelt leise und grün. Es ist ganz still. Ich schwimme langsam tiefer und tiefer in das stille Grün hinein und denke an meine Großmutter, die hier mit mir schwamm, immer war sie schneller, aber niemals war sie stumm, immer legte sie mir neue Wörter in den Mund und ließ mich probieren, sie die großzügigste Liebhaberin der deutschen Sprache hielt nichts zurück vor mir und neben mir nicht nur im See ist die sich täglich vergrößernde Lücke ihrer Abwesenheit und ich wünschte, sie schwömme noch einmal neben mir. Aber sie kommt nicht und schließlich wate ich ans Ufer zurück. Mein Handtuch ist grün wie der See und meine Hände sind immer kalt.

 
7 AM: Ich ernte Johannisbeeren im Garten und meine alte Freundin die Wildtaube pickt Rosinen und unterhält mich mit Neuigkeiten aus der Gartenwelt und Nachbarschaft. Den gelben Eimer mit roten und schwarzen Johannisbeeren bekommen die Nachbarn und die blau-weiß gestreifte Schüssel mit Beeren auf dem Tisch bleibt bei uns. Die Biokiste kommt und ich freue mich. Die Biokiste macht mich immer wieder froh. Für einen Moment sitze ich auf der Bank und sehe in den stillen Garten. Der Garten atmet leise ein und aus wie der Tierarzt oben in die dünne Sommerdecke gewickelt.

8AM Der Tierarzt wickelt sich in meinen Bademantel, der ihm etwa bis zum Bauchnabel reicht und seufzt behaglich. Der Tierarzt hegt eine etwas seltsame Obsession zu meinem alten Bademantel und welch Glück, dass die Frau des Krämers nicht sehen kann, dass der Tierarzt zum allen Überfluss indische Schnabelschuhe an den Füßen trägt und unter dem Bademantel eine Kurta anhat. „Fräulein Read On“ schrie sie, was machen sie nur mit unserem Tierarzt?“ Ich zuckte die Schultern und verwiese auf die Bequemlichkeit der Schnabelschuhe. Neben meinem Bademantel hat der Tierarzt warmen Sanddornsaft für sich entdeckt. Mich kann man mit Sanddorn jagen, aber der Tierarzt schlürft mit sichtlichem Wohlgefallen täglich zwei Gläser und ich bin fassungslos vor Wunder und Glück.

11 AM Nach einem Vortrag über, wer wunderte sich noch- Aufklärung als Präventionsmittel für eine große internationale Organisation belehrt mich ein Mann über das richtige Einführen eines Tampons in langer Ausführlichkeit. Er erzählt etwas von Beschleunigung und hygienischer Ausrichtung aber leider kommt er meinem Vorschlag mir das ganze auf der Toilette doch zu demonstrieren nicht nach, sondern entschuldigt sich mit einem „dringenden Termin.“ Ich bin enttäuscht, nicht einmal mehr auf einen Mansplainer ist Verlass.

4PM Ich breche den Versuch ab ein Sommerkleid zu erstehen, frustriert ab. Es ist erstaunlich wie ein simples Kleid mit Zitrone bedruckt jemanden wie mich entstellen kann. Das Spiegelbild fördert ein so entsetzliches Bild zu Tage, dass ich auf der Stelle in Tränen ausbrechen könnte zu Tage. Ich schüttle mich vor mir selbst und hänge das Kleid zurück auf den Bügel.
Dann kaufe ich Kalbsalsiccia und T-Bone Steaks, denn der F. und zwei weitere Freunde wollen abends zum Grillen im Garten vorbeisehen. Ich meide alle Spiegel und schleppe mich gebückt zurück nach Haus.

 
6.30 PM Der Tierarzt ist am Telefon. Er spricht mit der Mali-Tant. Die Mali-Tant hat ungefähr 7 Englische Vokabeln und der Tierarzt zwanzig deutsche Wörter zur Verfügung. Der Tierarzt flötet „Mali-Darling“ und die Mali-Tant haucht: „Tierarzt Sweetheart“ und die beiden kichern und trillern und der Tierarzt säuselt als hätte er sich ein Honigfass einverleibt. Die Mali-Tanz zwitschert wie sonst nur nach dem dritten Glas Champagner und mit sichtlichem Bedauern und vielfachen in die Hörer geschnalzten Luftküssen, reicht der Tierarzt das Telefon an mich weiter. „Read On“ sagt die Mali-Tant weißt, wenn ich den Jean nicht hät, ich tät dir den Tierarzt glatt abnehmen. „Wie außerordentlich zuvorkommend von Dir Mali-Tant“, sage ich und die Mali-Tant schimpft mich eine fade Blunzen. Als ich auflege, stapelt der Tierarzt gerade Geschirr auf das schwarze Lacktablett. „Weißt Du Mädchen, sagt er, wenn die Mali-Tant den Jean nicht hätte, ich glaube ich würde schwach werden.“ „Oh“, sage ich, dann will ich einmal hoffen, dass der Jean noch lange lebt. „Deinen Bademantel“, sagt der Tierarzt, aber würde ich mitnehmen nach Wien.“ Aha, erwidere ich, nur du wirst dich mit F. dem liebenswürdigen, ehemaligen geschätzten Gefährten einigen müssen, denn er hat vor Jahr und Tag schon den Bademantel zu seinem persönlichen Erbstück erklärt.“ Der Tierarzt zieht einen Flunsch. „Oh dear.“

 
8 PM: Der F. grillt, der Tierarzt steckt die Lampions an. Der J. und die B. streiten über das Dieselauto der abwesenden G. Die Y. erzählt von einer Wanderung durch Portugal, ich esse grüne Chillies und als alle essen und lachen und die alte Freundin Wildtaube sich zu uns setzt unter die Lampions und die Mückenkerzen, da stehe ich auf und gehe nach oben, um die zwei täglichen Karten an Mesale Tolu und Deniz Yücel zu schreiben, in einem zusammengesetzten Türkisch aus dem PONS Intensivkurs „Türkisch in vier Wochen“ und diversen Wörterbüchern. Peinlich und verlegen macht mich das und ich muss mich ermahnen nicht nachzugeben. Auf dem Fensterbrett steht ein Bild meiner Großmutter und ich sehe sie an. „Komm doch zurück“ will ich ihr sagen, komm doch zurück“, doch sie sieht schweigend zu mir herüber und dann kommt der Tierarzt ins Zimmer und legt mir die Hand auf die Schulter: „Mädchen kommst du zurück?“ Ich nicke und klebe die Briefmarken auf die Karten. Dann gehe ich zurück in den Garten. Der J. und die B. streiten darüber, ob ein Glühwürmchen zwischen den Gläsern tanzte, der F. grillt Pfirsiche und meine alte Freundin Wildtaube nickt mir zu.

‚Der deutsche Mann ist ein Esel.‘

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Der Tierarzt und ich sitzen auf einer weißen Bank auf der Kurpromenade. Im Kurpavillon führt ein Mann Zaubertricks vor. Meine Neffe und die Nichten 1 und 3 besehen die Zauberei. Meinen Neffen habe ich eindringlich verwarnt: unter Androhung der Höchstrafe: „Nur zwei Kugeln Eis“ ist es ihm untersagt auf die Bühne zu springen und die Zaubertricks des schwitzenden Zauberers mit seinem blauen Hut zu enttarnen. Mein Neffe schiebt schmollend die Unterlippe vor: „Aber ist das nicht Betrug?“ Aber ich wiederhole nur drohend: „Nur zwei Kugeln Eis“ und hoffe der Zauberer wird nicht von meinem naturwissenschaftlich enthusiasmierten Neffen gestellt. Nichte Nummer 2 lehnt an mir und liest ein Buch über Moorleichen. Niemand anders als Nichte 2 hätte in der Buchhandlung-, in der wir für Jonny, Harry Potter besorgten- dieses Buch aufgetan. Jetzt also murmelt sie fasziniert, welche Konservierungstechniken Moore bieten. Den Zauberer hatte sie gleich abgetan. Der Tierarzt und ich sehen also auf die belebte Kurpromenade, die direkt zum Strand führt. Es sind Ferien und die Kurpromenade ist gut gefüllt. Vor uns bewegt sich eine Gruppe von Lasteseln die Promenade hinauf. Aber nicht, dass Sie denken, langohrige Fellnasen trotteten die Straße hinauf, nein es sind Männer, die Bollerwagen aus Holz oder Stoffplanen ziehen. Die Männer schwitzen. Die Wägen sind nämlich voll beladen: Angeln, Käscher, Luftmatratzen, Proviantboxen, Handtücher, Kinderspielzeug, Wechselsachen, Getränkekisten und Laufräder türmen sich auf den Wägen. Die Männer ziehen trotzig und verbissen die schweren Karren. Die Kinder, wie die Mütter, die so mutmaßen wir, wohl zu den Männern gehören sind nirgendwo zu sehen. Vielleicht sind sie schon am Strand oder föhnen sich noch die Haare. Die Kurpromenade ist recht steil, die Wägen schwer, die Sonne sticht und es ist eine lange wie langsame Promenade, die still und schweigend die Karren zieht. Es hat, das lässt sich nicht anders sagen, etwas von der berühmten Seidenstraße, nur eben sind hier nicht die Kamele bepackt. Eine Frau sehen wir doch. Sie ruft: „Mensch Jochen, wo bleibst Du denn?“ Jochen schnauft. Die Frau dreht sich weg. Ich bewundere die Karrenzieher sehr, denn ich verweigere mich solcher Dienste. Mit an den Strand kommt, was sich ans Rad hängen lässt, was sich nicht ans Rad hängen lässt, bleibt daheim. ( Vielleicht lebe ich erziehungstechnisch gesehen noch in den 50er Jahren? Aber ich habe gar keine Erziehungsambitionen, mein Schwesterchen hat einfach vier formidable Kinder ). Die Männer jedenfalls ziehen die Karren und dabei kommt das Schlimmste ja noch: auf der gepflasterten Promenade lassen sich die Handwägen ja noch ziehen, aber auf dem feuchten Strand muss das ein schauderliches Geschleppe und Geziehe sein. Aber dann ist der Zauberer mit seinen magischen Tricks schon fertig und auch wir laufen zum Strand hinunter. Bevor die Lastenmänner ankommen, sind wir schon zweimal im Wasser gewesen und Jonny ist vertieft in die Geschehnisse im Ligusterweg, die kleine Königin bespricht sich mit Kanzler Bär, Nichte 2 liest weiter über Moorleichen, Nichte 3 kaut auf einer Waffel und mein Neffe und der Tierarzt sind in Mendels Theorien vertieft. Die Lastenmänner aber die inzwischen den Strand erreicht haben, sitzen nicht wie wir auf Strandtüchern, sondern sie kramen in den Wägen nach Gummihämmern und Heringen um die Strandstoffburgen in den Sand zu hämmern. Das ist nicht einfach, denn der Sand ist mal tiefer, mal hindert Muschelkalk oder ein Stein die erfolgreiche Befestigung oder ein Kind rennt in das fast vollbrachte Werk. Die Männer schwitzen und kloppen verzweifelt mit dem Gummihammer auf die Heringe ein oder versuchen sich zu erinnern, wie die verfluchte Strandmuschel gleich noch aufgebaut gehörte. Die Damen der Familie liegen auf Luftmatratzen und halten das Gesicht in die Sonne. Stehen die Muscheln und so fällt der Lastenmann nicht in einen Liegestuhl, sondern ölt die Frauen der Familie ein und teilt rote Schaufeln und grüne Käscher an die Kinder aus. „Jochen was machst du da nur so lange?“ ruft eine Frau.

Sitzt der Lastenmann endlich auch, so ist die Mittagsstunde herangekommen und der Lastenmann eilt los, um an einer Strandbude Fischfrikadellen und Pommes zu holen. Da sind die Schlangen lang, denn da stehen schon all die anderen Männer mit dem gleichen Auftrag an. Endlich stolpert der Lastenmann mit beiden Armen voll Esswaren zurück zu den Seinen, da verteile ich gerade Obstspieße und Samosas ( bestes Strandessen immer ) an Neffen, Nichten und Jonny. ( Jonny’s Oma schreit: Dit is ja nen Ding wat die Ausländers da essen. Jonny wenn dich dit nicht schmeckt, musst du dit nicht essen.) Jonny greift zum zweiten Samosa. Die Damen der Männer aber futtern selig Fischbuletten und Pommes, die Lastenmänner aber mit vollen Händen und Durchzählen beschäftigt: Pommes mit Ketchup für Lisa-Marie, ohne alles für Leon-Lucas, und Buletten mit Krautsalat für die liebe Frau haben darüber vergessen, etwas für sich selbst einzuholen und Lisa-Marie, Leon-Lucas und die geliebte Ehefrau haben kein Mitleid mit Papas hungrigen Magen. Immerhin kann der Lastenmann sich jetzt setzen.

Ich pfeife die Kinder zusammen und wir fahren zum Eismann, der Eismann glaube ich seufzt wenn wir kommen. Denn mein Neffe verlangt Tag für Tag vier Kugeln Schokoladeneis ( die Eiserlaubnishöhe hängt mit überprüftem: Mir wird speiübel Level zusammen, der Neffe führt bei Weitem ), die kleine Königin will eine Kugel Erdbeereis und sehr viel bunte Streusel, Nichte Nummer 2 ißt Lakritzeis ( so ähnlich Read On sahen die Moorleichen aus ) und Nichte Nummer 1 hat den Flitz Eiskugeln ( immer drei ) nach Länderfahnen zusammenzustellen. Heute ist Island dran: Blaubeer-Erdbeer-Vanille-Eis, der Tierarzt hat mit einer Kugel Pfirischeis zu tun und ich habe Pisatzieneis auf der Nasenspitze wir sitzen so ähnlich gestapelt auf einer Bank wie unsere Räder an einer Kiefer lehnen, da kommt eine andere Familie zum Eismann. Mutter, Tochter, Vater und Hund. Mutter und Tochter lehnen das Rad an eine Kiefer und stellen sich beim Eismann an, doch der Wuff reißt sich vom Fahrradkorb los, und die Fahrräder kippen um. Aus den Fahrradkörben kippen Tüten und Taschen und der Mann hebt mit Geduld und Nachsicht die Sachen auf, faltet Handtücher, sortiert die Räder und beruhigt den Hund. Frau und Tochter schlecken Eis und die Tochter braucht irgendetwas aus ihrem Rucksack: Dabei fährt sie zu hastig in die Taschen und wieder kippen die Räder krachend um. Die Mutter sagt achselzuckend zu ihrem Mann: „Ich hab Urlaub.“ Der Mann hebt die Räder auf und sortiert die Sachen wieder neu zusammen. Wir bestaunen den Mann und seinen Gleichmut stumm. Dann fahren wir nach Haus. Auf der Kurpromenade bewegt sich die Lastenmannkarawane wieder ortseinwärts.

„Mädchen“, sagt der Tierarzt, ich glaube der deutsche Mann ist ein Esel.“

Morgenstunde

In den Dünen rauscht das Meer und steckt sich in die Kiefernwälder. #ostsee #rügen #dünen #meer

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Am Morgen aber früh aufwachen, der alte Reisewecker meiner Großmutter zeigt dreiviertelfünf. Vorsichtig eine kleine Königin von meinem Bauch herunterschieben und wieder zudecken mit dem bunten Plaid. Den Tierarzt sieht man kaum, denn zwei Nichten und ein Neffe liegen kreuz und quer auf ihm herum. Die Luft anhalten, ein Kleid und die Schuhe nehmen und auf Zehenspitzen die alte, knarrenden Bodentreppe heruntertappen. Die Treppe schläft zum Glück wie das ganze Haus. Dem Tierarzt lege ich einen Zettel unter den blauen Milchtopf. Dann drehe ich den Schlüssel noch immer mit angehaltenem Atem im Schloss herum. Regennass ist das Gras und vom Reeetdach taumeln noch immer Wassertropfen herunter, die Stockrosen lehnen schwer gegen den Zaun und ich hole ein Fahrrad aus dem Schuppen. Aber noch immer mit angehaltenem Atem, denn es gilt weder den Hofhund der Nachbarn zur Rechten noch den Hahn der Nachbarn zur Linken zu wecken. Denn wenn der Hofhund erwacht, kläfft er den Hahn auf der Stange wach und ist der Hahn wach, so steigt er schnurstracks auf den Misthaufen und steht der Hahn auf den Misthaufen, dann verwandelt er sich augenblicklich in Enrico Caruso und schmettert eine Arie und dann eine zweite und spätestens dann ist das ganze Dorf wach, vor allem aber springen dann auch drei Nichten und ein Neffe aus dem Bett und krakeelen und niemals käme ich allein an die See. Der Hofhund aber schnarcht noch selig und der Hahn und mit ihm seine Hühnerdamen schlummert heiter. Ich springe endlich aufs Rad und atme aus. Die Kühe, die der Tierarzt so schätzt, haben noch Schlaf in den Augen und blinzeln ins frühe Sonnenlicht, die Straße ist menschenleer und kein einziges Auto fährt mir entgegen. Ich fahre Schlangenlinien und pfeife ein Lied. Links von mir liegt der See, das Schilf macht Morgengymnastik und wiegt sich taktvoll von links nach rechts und wieder zur Seite und in die Mitte und dann wieder von vorn. Im Wasser schwappen Segelboote, weiß und blau, Masten knarren und die Taue gähnen müde. Ich jedoch, ich fahre weiter, schneller, schneller ruft der Wind und klingt ganz entfernt wie eine kleine Königin, die unter einem bunten Plaid selig weiterschläft. Zum Meer fährt man durch ein Kiefernwäldchen. Auf dem Boden Sand und Tannennadeln, über mir rauschen die Wipfel der Bäume. Auch sie sind noch immer reichlich verschlafen und gähnen mir Nadeln ins Haar. Am Strand liegen Fischerboote. Schwere Kähne, schwarz von Teer, alte Bohlen, am Bug klebt fester Muschelkalk. Die Boote heißen Undine, Suntje und Margarethe. Feste Namen für schweren Seegang. Die Netze der Fischer trocknen schon und nur zwei gelbe Kisten erzählen noch vom Sturm der Nacht. Ich aber fahre noch ein Stück weiter, noch ein Stück tiefer hinein in den Kiefernwald, und lehne schließlich das Rad an einen Stamm. Im Stamm sind zwei Herzen eingeschnitten: R. und J. und ein grobes Herz. Immer lehne ich hier das Rad an den Baum aber noch niemals habe ich R und J getroffen und wer weiß vielleicht hat J. R. schon aus dem Herzen gestrichen und R. J. nicht einmal mehr im Adressbuch zu stehen. Dann werfe ich die Pantinen in den Fahrradkorb, und unter meinen Füßen knacken Tannennadeln, Kienäpfel liegen im kühlen Sand, der Strandhafer und das Dünengras wiegen die Köpfe, ich streife mir das Kleid über den Kopf und renne schon los und hinein in das schäumende Wasser, kalt schlägt die Ostsee über meinem Kopf zusammen und für einen Moment sind da nur noch Meer und Luft und kalte Seligkeit. Dann aber doch auftauchen und weit und weiter hinaus in die See hinein, die See schimmert flaschengrün und weißer Schaum tanzt auf den Wellen. Bis zu den weißen Bojen schwimme ich, der Strand ist nur noch ein schmaler Streifen, fast vergessen lässt sich das Land, fern und fern entschwindet die Welt und ich schwimme nur langsam ans Ufer zurück. Zurück durch den Kiefernwald, ein letzter Blick auf die Fischerboote, die Straße zum See einschlagen an den alten Bädervillen vorbei mit ihren Verranden auf denen noch niemand sitzt mit einer Tasse Tee in der Hand, zurück an der Kuhweide vorbei, die Kühe sehen gutmütig zu mir herüber und schon biege ich ein in das Dorf und von fern schon blitzt das Reetdach herüber. Natürlich kläfft der Hofhund schon wie von Sinnen, fahre ich die Dorfstraße entlang, der Hahn schreit als ginge es ihm ans Leben und auf dem Walnussbaum übt der Krähenchor für das nächste Sängerfest. Ich lehne das Fahrrad gegen den Schuppen und schließe vorsichtig die Haustür auf. Ich komme bis zur Küchentür. Auf dem Küchenstuhl sitzt eine kleine Königin mit strengem Gesicht. Die kleine Königin sieht finster zu mir herüber: „Wer sich wegschleicht, der muss in den Kerker.“ Ich fasse mir erschrocken ans Herz. „Aber wenn ich im Kerker lande, kann ich dir keinen Kakao mehr machen und keine Waffeln backen.“ Die kleine Königin zieht sich zur Beratung mit Kanzler Bär zurück. Ich koche einen riesigen Topf Kakao und rühre Waffelteig an. „Knarrend öffnet sich die Küchentür. „Dir sei vergeben, murmelt eine kleine Königin.“ Ich bin sehr erleichtert nicht im Kerker zu landen und siebe vorsichtig Kakao und Puderzucker auf die königliche Waffel. In Ermangelung eines Gongs schlägt die Königin mit einem Löffel gegen einen Topf. Dreißig Sekunden später rennen zwei Nichten und ein Neffe, gefolgt vom gähnenden Tierarzt die Treppe hinunter und stürzen sich wie die jungen Raubtiere auf Waffelberge und Kakaobecher, dazu singen sie so schief wie schön Räuberlieder und die kleine Königin schlägt den Topf dazu. Endlich verstummen der bellende Hofhund und der kreischende Hahn gegen die Kinder aus der Krachmacherstraße haben sie nicht den Hauch einer Chance.