Der verschwundene Leuchtturm

Mitten in der Nacht wache ich auf. Etwas ist anders als sonst, aber mir will nicht gleich einfallen, was diese Nacht von anderen Nächten unterscheidet. Neben mir schläft leise seufzend der Tierarzt, eine Hand über seine Brust gelegt, so als wollte er sich selbst festhalten. Wer weiß, vielleicht segelt er gerade in unruhigen Träumen über ein wogendes, schäumendes Meer, und zwischen ihm und dem Felsen kantig und schiefergrau, nur er und sein Boot. Vor dem Bett schläft den Kopf auf die Pfoten gelehnt der Hund. Wie der Tierarzt so seufzt auch der Hund tief und mit gerunzelten Brauen. Mag sein, der Hund träumt von Enten im raschelnden Schilf, zu hören doch niemals ganz zu sehen, gut verborgen auch vor neugierigen Hundenasen. Aber was weiß was man schon über die Träume der Anderen? Aber dennoch etwas ist anders, der alte Reisewecker meines Großvaters, der schon seit vielen Jahren neben meinem Bettkasten tickt, ist es nicht, denn treu wie eh und je zeigt sein verblichener, einstmals grün schimmernder Zeiger auf dreiviertel drei. Auch der Bücherstapel, dem ich durchaus erhitzte nächtliche Diskussionen zutrauen würde, raschelt nicht einmal ein kleines bisschen mit den Seiten, sondern Buch auf Buch schläft tief und fest, selbst die London Review of Books, die doch des Diskutierens nicht müde wird, schlummert selig und ich drehe mich langsam und vorsichtig, um weder Tierarzt noch Hund aus den Träumen zu reißen, den tiefen Fenstern, die zum Meer zeigen zu. Dunkel ist es, aber auch das ist nicht ungewöhnlich, aber etwas ist ganz bestimmt nicht, wie sonst. Erst einmal aber angle ich nach dem Glas Wasser, denn immer tobt dieser Durst in mir und stets muss ich ein großes Glas Wasser in der Nähe haben, das leere Glas halte ich mir an die Stirn. Dann fällt es mir endlich ein, der Leuchtturm draußen vor der Küste, dessen warnender Schimmer doch kreisförmig in regelmäßigen Abständen durch unser Fenster fällt, ist nicht zu sehen. Zu dicht kleben die Wolken, als undurchdringlicher Vorhang gespannt vor dem Fenster, zu hart prasselt der Regen gegen die Scheiben und zu tief hat die Nacht ihre Arme über uns ausgebreitet, als das der Leuchtturm dort draußen im tobenden Meer noch bis zu uns heranreichen würde. Ein schwarzer Eimer voll Kohle, eine Wolkendecke aus Zement ist diese Nacht, selbst der Regen schimmert nicht blau, sondern läuft als sei ein Tintenfass umgestoßen worden über die Fensterscheiben hinab. Der Leuchtturm aber, den ich seit der ersten Nacht in diesem Haus jede Nacht sah, bleibt verschwunden, als hätte ihn die Nacht, der Regen oder die Wolken verschluckt. Immer war der Leuchtturm der Dreh- und Angelpunkt meiner Nächte, und in den ersten Nächten in diesem Haus und dem fremden Bett, sah ich auf Stunden zum Leuchtturm hinüber und überlegte, wer einem wohl die Richtung weist, liegt man plötzlich in einem fremden Leben, das nicht passt, nicht am Morgen und auch nicht in der Nacht. Damals lag niemand neben mir im stillen Zimmer, nur die Katze schlief unten auf dem Sessel. Der Tierarzt war mir nur ein ferner Begriff aus den Erzählungen der Frau des Krämers und ich war fest entschlossen, diesen merkwürdig abwesend-anwesenden Mann, der offenbar eng mit der Krämersfamilie verbandelt war, auf keinen Fall zu mögen. Lieber sah ich aufs Meer hinaus und mir war als zwinkerte der Leuchtturm mir aufmunternd zu. Aber der Leuchtturm bleibt heute Nacht verschwunden. Vom ersten Leuchtturm fernab indes vom Meer erzählte mir meine Großmutter, vielleicht begann ja so überhaupt die Geschichte der Leuchttürme, damals ich in ihren Schoß gerollt, ähnlich wie die Katze unten in meine Strickjacke, ließ ich mir erzählen von jenem Dichter Aeschylus, in dessen Orestie ein eigens bestellter Wächter einen Leuchtturm in Flammen stehen sieht. Ein Zeichen sollte dieser brennende Leuchtturm sein, ein Zeichen für das Ende des schrecklichen Krieges um Troja die stolze Stadt. Doch schon damals, sicher und geborgen an meine Großmutter gelehnt schwante mir, dass ein brennender Leuchtturm ein Zeichen des Unheils ist, ein brennender Leuchtturm ebenso wie ein verschwundener Leuchtturm irgendwo im Dunkel der Nacht ist die Hoffnungslosigkeit selbst. Und die Geschichte, die meine Großmutter mir erzählte, die Geschichte nämlich in der Clytemnestra, die Frau Agamemnon, Aegisthus zum Liebhaber genommen hat, ist eine jener Geschichten, die so sehr ins Dunkle führen, dass kein Weg mehr ins Helle hinaus führen kann und der Heimkehrende Agamemnon findet keine Heimat, keine Penelope, sondern seine Frau würde ihn schließlich im Bade- ob er dabei wohl auf den Leuchtturm sah?- in einem Netz gefangen wie einen schlüpfrigen Fisch. Mich schauderte, aber meine Großmutter fand man müsse den Dingen ins Auge sehen. Auf einen Leuchtturm hatte sie aufgehört zu warten und wie immer wollte sie auch mich leise warnen, und wie immer verstand ich es erst viele Jahre später, vielleicht lerne ich es auch erst in den Nächten, in denen der Leuchtturm verschwunden bleibt. Damals aber wollte ich mehr über Clytemnestra hören, und meine Großmutter erzählte mir von der berauschend schönen Helena ihrer Halbschwester und ich verstand genau, denn meine Schwester ist immer die Schöne gewesen, noch immer noch heute ist Schwesterchen ein ganz eigener Leuchtturm. Doch dann jener Abend, jenes Fest für Helden zu dem auch der König von Mykene, Agamemnon geladen war und er Agamemnon sah sie Clytemnestra . Er sah sie und fiel vor ihr nieder, so kann ein Unglück beginnen und sie sagte: „Steh doch auf.“ Sie dreht sich um und Agamemnon läuft ihr hinterher und sie legt dem weinenden König die Hand auf den Kopf. Ihr Mann kommt herbei und Agamenon der weinende König, schlägt ihm den Kopf ab, tötet ihren Sohn und zwischen den abgeschlagenen Köpfen, zwang er sie mit ihm zu schlafen. „Du siehst Kind“, sagte meine Großmutter, nicht kann einen auf das Unglück vorbereiten.“ Ich sehe noch immer in die Nacht heraus. Agamemnon so heißt schliff sie an den Haaren nach Mykene, erst kamen die Kinder, dann kam der Krieg. 10 Jahre dauerte der Krieg um die stolze Stadt Troja und zehn Jahre hatte Clytemnestra hatte zehn Jahre lang Zeit den Hass wachsen zu lassen und schließlich, das brennende Feuer und der Leuchtturm von Atreus taten ihr übriges hatte sie Agamemnon im Netz und mit einem Beil den Kopf abgeschlagen. Das war das Ende nicht nur von Agamemnon, sondern auch seiner Frau. Dann schwieg meine Großmutter und strich mir über das Haar. Ich malte brennende Leuchttürme und fürchtete mich sehr. Der Leuchtturm aber mitten in der irischen See bleibt verschwunden, manche Nächte erinnern sich vielleicht an jene Nacht, in der ein Wächter ein Feuer sah. Weiter fällt der Regen gegen das Fenster, der Tierarzt dreht sich zur Seite und fährt mit einer Hand in meine Haare, mag sein, dass das wogende Boot seiner Träume einen Anker braucht, der Hund auf dem Teppich schnarcht inzwischen, die Uhr tickt und als ich am Morgen aufwache, steht der Leuchtturm stark und fest inmitten der grauen, wogenden See.

Auf der Suche nach Carl von Sternheim-Die Villa ‚Belle Maison‘ in Höllriegelskreuth

Nach einem langen Tag in Großhardern wollen der ehemalige geschätzte Gefährte und der D. unter Kastanien in einem Biergarten sitzen, der F. hat zu diesem Behufe sogar ein blau-weiß kariertes Hemd angezogen und ob er sobald ich außer Sichtweite bin, auch noch die Krachledernen anlegt weiß ich nicht, denn ich will nicht mit in den Biergarten. Stattdessen fahre ich mit der U-Bahn zum Münchener Hauptbahnhof verirre mich gründlich bis ich endlich die S-Bahn in Richtung Wolfratshausen finde. Dann endlich doch im richtigen Zug. Mit mir fahren heimkehrende Wallfahrer, die lila und weißen Flieder um die Holzkreuze gewunden haben und so riecht der Zug ein bisschen so wie ich mir das Paradies vorstellte. Die Pilger haben müde Füße, aber Lust auf einen Ratsch: „Wo woist du hin?“ Nach Pullach sage ich und lächle, von dort aus will ich zur Villa Belle-Maison, die Carl Sternheim baute, besehen. Die Pilger sehen mich verwundert an: Sternheim, sogst Du? Den sein Noamen hab’n wia noch nia gehört! München is halt einmal die Thomas Mann Stadt. Ich nicke den Pilgern zu, denn ich weiß ja schon lange, dass man in Deutschland gerne und viel vergisst. Dann steige ich aus. Pullach liegt im Sonnenschein. Am Bahnhof ein leeres Haus, zwar kündet noch ein Schild davon, dass man hier Obst und Gemüse kaufen könne, doch alle Läden sind heruntergelassen und auch das Schild ist schon lange verblichen. Drei Kilometer also eine lange Straße hinunter. Viele Häuser sind gerade erst neugebaut, noch steht ein Zementmischer in der Einfahrt und ein Bauzaun ersetzt den Jägerzaun. Hohe Hecken und dichte Gardinen. Zu jedem Haus gehört mindestens eine Garage. Schön sind die Häuser nicht und ich frage mich ob die Leute, die hier leben und die doch für Grundstück und Haus viel bezahlt haben müssen, wohl glücklich sind mit dem Ergebnis. Halbe Küchenfenster nur, merkwürdige enge Balkone, keine Fensterläden und an keinem Haus auch nur einziger Blumenkasten. Aber hin und wieder ein schöner alter Fliederbaum. Der Flieder nämlich ist hier keine buschige Hecke, sondern hat ein knorriges Stämmchen, ich halte meine Nase in jeden einzelnen Fliederbaum und jedes Jahr aufs Neue wünsche ich mir, dass sich der Fliederduft wie Riechsalz in einem kleinen Fässchen konservieren ließe für die langen Novemberabende, die doch auch wiederkommen. Ein einziges, altes Haus entdecke ich schließlich hinter einer Hecke verborgen, abgeplatzt ist die Farbe von den Fensterläden, die Stufen sind zerbrochen und auch der Garten ist verlassen, verwildert und völlig verloren in der Glattheit der neuen Häuser ringsherum. Auf dem Weg nach Höllriegelskreuth aber obwohl ich doch durch ein Wohngebiet laufe, begegne ich keinem einzigen Menschen. In den Gärten spielt kein Kind Ball, keine Frau liegt im Stuhl und liest ein Buch, kein Mann macht Handstand an der Gartenmauer. Niemand ist zu sehen. Das einzige Geräusch ist ein ferner Rasenmäher und eine Säge, die kreischend durch Holzplanken fährt. Sonst ist es absolut still. Unheimlich ist mir das schon und ich pflücke ein paar Pusteblumen und singe mir ein Lied vor, denn man muss sich Mut machen im Leben. Schließlich passiere ich das letzte Haus und dann laufe ich bestimmt für anderthalb Kilometer am Werksgelände von LINDE vorbei. Lange verschlossene Tore, hohe Zäune, praktisch-quadratische Bürogebäude, auch dort keine Menschenseele und irgendwann zu meiner linken eine Straße mit tosendem Verkehr. Eine komplizierte Überführung und für einen Moment der bange Gedanke, ich möge längst schon in die Irre gegangen sein, völlig fehlgegangen und längst schon verloren und dann doch endlich zeigt das Straßenschild an, dass ich mich in der Zugspitzstraße befinde, die doch geradewegs auf die Villa Belle Maison erbaut 1908 von Gustav von Cube. Aber es ist noch ein Stück Weg und immer noch noch Büros von LINDE, noch immer so funktional wie quadratisch und dann schließt sich nicht minder funktional und quadratisch SIXT an, ergänzt nur um das grelle Orange mit dem die Firma um die Gunst des Kunden wirbt und wieder die Straße verengt sich schließlich frage mich, ob ich nicht einer Schimäre hinterherlaufe, ob ich nicht besser daran täte umzukehren und doch gehe ich weiter, schließlich öffnet sich die Straße nach links, auf einmal heißt sie nicht mehr Zugspitzstraße sondern Schoellerallee, obwohl ich nicht weiß wer dieser geheimnisvolle Schoeller wohl sein mag. Plötzlich mitten im Dickicht, zwischen LINDE, SIXT und einem Wertstoffhof steht sie da, die Villa Belle-Maison, ein Gebäude so unwirklich in seiner Anlage, so aus der Zeit gefallen, so überirdisch, so weit weg von der funktionalen Nüchternheit, die einen zu diesem Ort begleitet.

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Damals aber als Carl und Thea Sternheim hier eine Villa bauten, die eher ein Palais ist, da konnten sie es nicht ahnen, wie es ausgehen würde, hier in der Idylle am Rande von München. An Louis XVI diesem unglücklichen Königssohn nahmen sich ein Vorbild und bauten groß und weit und im Garten ein Bassin und überhaupt ein Garten für Feste gemacht mit Lampions und livrierten Dienern, mit Champagner und kaltem Lachs. Und sie alle, das ganze München kam damals heraus in diesen heute von allen Geistern verlassen Winkel. Es kamen Max Reinhardt. Es kamen Tilly und Frank Wedekind. Es kam Mathilde von Lichnowsky. Es kamen die Manns, es kamen Walther Rathenau und Harry Graf Kessler, es kamen alle, Kunsthändler, die van Gogh und Picasso and die Sternheims verkauften und leichte Mädchen, denn Carl Sternheim liebte die Mädchen und die Mädchen verfielen dem Mann und wohl auch dem Haus. Aber Glück hat das Haus schon damals vor so vielen Jahren den Sternheims nicht gebracht, denn was heute Linde ist, begann damals als ein elektro-chemischer Betrieb. Carl Sternheim der kein Gemüt hatte für den parvenühaften Aufstieg Deutschlands und der seltsamen Mischung aus Helm am zum Gebet und Jagdausflug klagte vergeblich, verlor und verzog schließlich nach Brüssel. In Deutschland das sollte er sich merken verzeiht man fast alles, nur einem Juden, der über den Kaiser Witze macht, zu viel Geld und zu viel Sex hat, dem vergisst man nichts. Die Villa Belle Maison, dieses Kleinod, vergessen und zugebaut, das wurde nie wieder Anziehungspunkt deutscher Kultur. Nicht nur die DDR brachte mit Vorliebe Kranke und Alte in Herrenhäusern unter, sondern auch die BRD ließ sich nicht lumpen und schon wurde Belle Maison 1965 in einen Krankenhaus umfunktioniert. Naturheilkunde. Carl Sternheim hätte es mit Spott vergessen und gelacht über jene die mit Birkenwasser, Krebs heilen wollen.

Aber Carl von Sternheim war da schon lange tot. Irgendwann brauchte das Naturheilkundliche Spital ein größeres Gelände und heute während ich also die Auffahrt hinaufgehe, steht Schoeller am Haus, aber was oder wer das sein mag, weiß ich nicht. Kein Blatt rührt sich. Ein verkitschter Springbrunnen plätschert vor dem Haus. Ein Mansardenfenster steht offen. Eine Videokamera über der Tür. Ob also ein Hausmeister in der Mansarde schläft oder ein Mann in schwarzem Anzug meine vorsichtigen Bewegungen überwacht, weiß ich nicht. Ein merkwürdiges Gefühl also beschleicht mich, denn wer weiß schon, ob nicht auch gleich sechs Rottweiler aus dem Nirgendwo springen und mir den Mantel zerreißen. Aber niemand kommt und keiner fragt und so gehe vorsichtig um das Haus herum, auf der Terrasse verwitterte Gartenmöbel. Niemand sitzt dort im Sonnenschein. Das alte Bassin führt kein Wasser mehr. Ein Gärtner vielleicht hat die Rosen versucht über den Winter zu retten und ob je jemand Gäste in einem der vielen Zimmer empfängt, wer kann das schon sagen. An Carl und Thea vonSternheim aber erinnert nichts. Kein Plakette, keine Tafel, kein noch so kleiner Hinweis, das hier einmal die deutsche Moderne begann, sondern nur ein dichtes Schweigen liegt über dem Haus. Für eine ganze Weile sitze ich an einen Baumstamm gelehnt vor dem Haus und sehe über die Wipfel der Bäume, die vielleicht der Architekt damals vor so vielen Jahren pflanzte zum Haus herüber und neben mir lehnt die Traurigkeit.

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Ds Fräulein sieht so vor sich hin.

Die Villa Belle Maison lässt sich am einfachsten mit der S7 Richtung Wolfratshausen erreichen. Der nächste Halt ist Höllriegelskreuth, die Villa liegt mitten in einem Industriepark, aber sie lässt sich wirklich in der Zugspitzstraße 15 finden. 

Berliner Bahnhofsklage 

Vieles in Indien ob nun Gewalt gegen Frauen, Gewalt gegen Kinder, Korruption oder die nicht funktionierende Wasservesorgung um nur die wenigsten zu nennen gibt Anlass zur Klage und oft entfährt einem ob all des Elends und all des Jammers ein „Oh Mutter Indien“ und man seufzt schwer. Eins aber gibt niemals Anlass zu Klage und Wehgeschrei: die Bahnhöfe Indiens ob nun in Mumbai oder Delhi gelegen oder gar im fernen Shrinagar oder hoch oben im kühlen Mussoori befindlich, sie alle sind auf das Vortrefflichste auf die Bedürfnisse des bahnreisenden Menschen eingestellt. Steigen sie also spät am Abend aus dem Zug so werden Sie sofort von chai-wallhas umringt, die ihnen heißen Tee andienen, Zeitungshändler wollen ihnen Kurzweil verschaffen, ein anderer wallah verkauft geröstete Kichererbsen, sie können zwischen heißen, gerösteten Maiskolben wählen, die auf kleinen Grills vor sich hin schmoren oder einen paratha mit Kartoffeln gefüllt verzehren. Gelüstet es Ihnen nach etwas Süßem so werden sie nicht enttäuscht zurückbleiben, sofort bringt man ihnen Mango oder Anansschnitze und müssen sie lange warten, setzen Sie sich neben den paan-wallah, der Geruch des Betels vertreibt die Fliegen und der paan-wallah kennt die besten, die traurigsten und natürlich immer nur wahren Geschichten und erzählt sie gern. Kommt dann ihr Zug so reisen sie wohlgestärkt und auf das Beste gestimmt ihrem eigentlichen Ziel entgegen. Oh, gepriesen Mutter Indien, sagen sie dann und grübeln noch nach über die Geschichte, die sie eben hörten und in der eine Frau erst in der Hochzeitsnacht entdeckte, dass ihr Mann, allem Bartwuchs zum Trotz so männlich nicht wahr, wie die Schwiegermutter es wollte. Oder gerade wollte, wer weiß das schon?

Ganz anders aber ergeht es Ihnen, erreichen sie gegen zehn Uhr am Abend die Stadt Berlin, die eben nur an der Spree und nicht am großen Ganges gelegen ist und der es an vielem, insbesondere aber an der so vortrefflichen Bahnhofskultur des indischen Subkontinents mangelt. Durstig sind sie und natürlich haben sie auf dem Flug von Dublin nach Berlin nur einen Salzcracker gegegessen doch keiner der Händler ist bereit ihnen auch nur eine Flasche Wasser zu verkaufen von einem belegten Brot ganz abgesehen. Durstig, hungrig und staubig irren Sie also zur S-Bahn, die sie vom Bahnhof Zoo nach Nikolassee befördern soll, doch schon zeigt sich: von diesem Gleis wird keine Bahn fahren, sie stürzen also in die U-Bahn, fahren zum nächsten Bahnhof, inzwischen ausgedörrt wie ein Kamel nach dem Marsch durch die Wüste Gobi, doch nirgendwo biegt ein Chai-Wallah um die Ecke ihnen Tee einzuschenken, keine Frauen wollen Ihnen Wassermelonen zur Erfrischung reichen und nirgendwo wird an einem Stand Zuckerrohrsaft gepresst. Sie sind ganz allein nur ein Obdachloser murmelt Unverständliches, wahrscheinlich ähnlich wie sie selbst: Durst, Durst, Durst. Alle Geschichten aber hat er anders als der paan-wallah schon vergessen. Sie eilen also zum Automaten, kein Ersatz natürlich für die vielen indischen Möglichkeiten der Erfrischung, denn natürlich lässt der Zug auf sich warten. Der Automat schnappt nach ihren Münzen, aber im Gegenzug erhalten Sie nicht einmal eine Flasche Wasser. Schließlich gibt der Automat alle Münzen bis auf ein Fünfzig-Cent-Stück zurück, jenes behält er wohl aus Ärger darüber so spät noch geweckt zu werden. Nach weiteren zwanzig Minuten fährt die Bahn ein und nachdem ihnen forsche Rentner nur beinahe die Zehen mit ihren Elektromrädern abgemäht haben, erreichen Sie Ihr Ziel.

Mit brüllenden Durst schließlich, endlich eilen sie nach Hause, dort denn Durst ist ja schlimmer als Heimweh fällt ihnen just die eben geöffnete Flasche aus der Hand und das Wasser läuft nicht in ihre Kehle, sondern über ihre Füße. Dies ist der Moment in den Ihnen ein tiefes und gestöhntes, ein jaulendes und hartes, ein flehendes und beschwörendes „Oh Mutter Indien“ entfährt, in ihm eingeschlossen der tiefe Wunsch, dass allen Problemen des großen Indiens, die vielen Götter doch wenigstens einen chai-wallah mitsamt seiner Frau und Kindern und einen paan-wallah nach Berlin schicken mögen, um sofort den dort grassierenden Mangel an zivilisierter Bahnreisen ein für allemal zu beheben. Oh, Bharat Mata, Oh Mutter Indien, hilf deinen Kindern an der Spree.

Questions, unanswered.

Why?

More prayers or no more g*ds?

More trust or trust no more?

Whom do you trust? Why not?

Why are there so many experts and what does a „terrorism expert“ wants to explain?

Why are we talking about ‚individual terrorists‘? Do those individuals live all by themselves?

Why is „angry young men“ another category of its own? Where are the angry mothers, desperate sisters, outraged fiancées, loud daughters, confident grandmothers, concerned aunts and out-shouting nieces?

How are the relatives, who lost their loved ones looked after?

Does someone protect them from the pictures?

Does someone protect them from the rumors?

Can they bid farewell in silence?

Who are all those men or women who are able to explain the world behind their notebook screen?

When I was in Pakistan it turned out I was really in Afghanistan, how do you all know about the borders of states that ceased to exist quite a while ago even when the map producers did not notice it yet?

Are you sure you know what you are asking when shouting for the introduction of the death sentence? In New-Delhi where I spend quite a lot of time, Yakub Memon the lone death row convict of the Mumbai blasts of 1993 was sentenced to death. The  execution was reported live on TV. Outside of the hospital a crowd gathered, they were shouting: „Hang them, hang them“. The Muslim nurses did not dare to leave the hospital that day. I paid for the taxis taking them home. Are you really sure, you know what you are asking for?

Did the media outside of Delhi and Karachi cover those events? Are you listening?

Who are they? Who are we? Is there an us?

Who are they?

What are our values?

Do they have any values?

Why do they dream of blood and death and never of warm hands and sunshine in the afternoon?

Are we defensive? Defended? Who defends us?

Do we live in cynical times?

If you call for a 17- foot high wall today, don’t you believe that there will be an 18- foot ladder by tomorrow?

Is Paris a stand-in for where we are right now?

If so, how do we got there?

Will there be a way out?

What does Beirut stand for?

How far from Paris is Nairobi?

Do we care? Really?

What do the policemen and policewomen tell their wives and husbands?

Who listens to the policemen and nurses, who asks if the doctors and psychologists get on well, today and tomorrow and the day after tomorrow?

Why?

When we, you and I, met in Kabul, you on your way to the south of the country and I on my way back to Karachi you asked me: are you afraid? I said: no. You said: me neither. We both knew, we were not telling the truth. I still am stubborn enough to say: I am not afraid.

Am I just a gambler?

Are you afraid?

What are you afraid of?

Do you read Voltaire?

Are we still here?

Before opening the fire, did the men in the car smoke a last cigarette, turned the radio louder and is there really, really not a bit of doubt before shooting people right into the face?

Why not?

Why?

Do we really want to know?

Are we allowed to hide away?

How to answer all the questions?

We are

We are tired. We are alert. We search for a beginning and always for more sun. We sing, most often half a tone to high. We cry. We think of you and you and you. We are lonely. We are many. We search for answers and never let the old questions go. We get lost. We want to go home. We search for direction. We never arrive. We look back. We have cold feet. We love books. We take things personal. We miss you and you and you. We begin, we run away and we come back. We never fall back on our feet but stumble over open shoelaces. We leave things open. We write. We open the postbox and hope to find your letter. We lose keys and never saw Lost in Translation. We sleep, we dream and too often we wake up from a nightmare. We came to stay and moved on. We hurt and why can we not hear you? We love you and you and you. We read. We close our eyes. We wait and we come too late. We find a penny, but the luck promised never reached out for our hands. We love, desperately. We run away. We are haunted. We are fast and so, so slow. We are so many, so few, so much more, we are.

In search for….

Today I searched for my keys, no, not once but twice, my glasses who tend to disappear to most awkward places, leaving me behind blind  as a snake, books due to be returned, pairs of matching socks, but who doesn’t? I searched for a street and had to ask an unbelievable high number of people passing by till I finally arrived. I searched for security needles to fix colleague B.’s skirt, then searched for missing lines of a song learned many years ago ( no success so far ), then started to look for a pile of paper, which I swear had I laid upon the table yesterday before I left ( Paper thieves hide where at best ? ) I searched further for recipes with white cabbage, unfortunately a too common visitor in my weekly organic box ( no success ), searched for words, didn’t help much, remind myself to better stay silent, searched for a good excuse, didn’t find one and will have to join, but at least I tried. Searched for a Korean Restaurant in Dublin, will try soon, searched with D. under a table a missing earring, hit my head badly, earring was not to be found. At least he made his re-appearance later in the bathroom. I searched for cookies, good against headache aren’t they and liked them a lot. I looked for the sun, but the sun looked for someone else, the pretty man on the train I looked in the eyes ( green-brown ) didn’t notice mine ( very ordinary brown ), Queen Cat looks for another tin of  that cat food with salmon in it and so at least someone searches for me.

Itanyesha : It will rain

Where I grew up it never rained. There were clouds in the sky, big ones and small ones, storms arrived often and brought sand with them, so much sand you could not open the doors or windows anymore. But the clouds or the storm never brought rain. Where I grew up, people said prayers for the rain to come, they sang songs for the rain to arrive and danced for the rain to start but the rain never came. Most of the people never saw the rain, even if everyone often spoke about the rain. There was only one woman left, who did not only sang, prayed and danced but who, even if it was long time ago knew the rain by herself. Even if I met her everyday, I don’t know her name, she was called Bibi Mvua, Grandmother Rain by everyone. She was the slimmest and strongest woman I ever met, she chewed betel all day and spat on the floor, she had nearly no teeth left but when she smiled she looked like a queen, she did not liked to be asked for stories but I did ask her anyway, coming back to her door across the street, day after day, sitting next to hear, waiting till she started to tell the old stories, till she told me from the rain, described to me the smell of the rain, the green around and showed me a single photo, depicting her father who had some cattle, but then the war came and the rain stopped and she too, did not speak further, did not tell me more about the war, the cattle and the missing rain.

In the long summer holidays I visited my grandmother in Germany, my grandmother was called Ami and I thought maybe my grandmother could tell me more about the rain and maybe show me the rain itself. And when she asked me, picking me up from the airport, if I had a wish for the long holidays to come, I asked her to show me the rain. But the sky outside the window was blue and crisp clear, everyday, when I woke up, I drew my grandmother to the window, asking her when the rain would begin, but my grandmother shook her head, not even a single cloud appeared on the sky. But she took me upon her lap, put up a record on the old, vibrating player and the tempest began. I was frightened, this should be the sound of the rain? My grandmother told me the story of Donar, the frightful ruler, standing on his billy-goat drawn carriage ruling with lightening and thunder. But I preferred the much more friendly rain pouring down on the streets, the cattle and the strawberries of my grandmother’s garden beyond the house. And finally after a long time of waiting, one day, very early in the morning my grandmother woke me up, the rain she said, it is here. And we both hand in hand ran barefoot down the stairs into the garden, she turning me around till we both were soaking wet, me licking the raindrops running down my cheeks away, she with undone hair, both of us standing in the rain, laughing and singing silly rhymes. And later that day I filled a bottle with rainwater for Bibi Mvua, the woman who knew the rain when no one else did anymore and when I was back, I ran to her house across the street and without in need of saying a word, she saw the bottle, full of grey, mouldy water and knew that the rain was back in a place, where after the war, the rain did stop coming and like her father probably would never return.