Im Schnee

img_1015-1Mit dem Winter und mir ist es ja so eine Sache. Aufgewachsen in Breiten in denen es oft seit Jahrzehnten nicht mehr geregnet hat und niemals schneit, ist der Winter mir mit seiner klirrenden Kälte, Schnee und spiegelglattem Eis immer fremd geblieben. Mich schaudert davor mit einem Schlitten, Berge herunterzurasen und mögen andere von Skiabenteuern schwärmen, sehe ich riesige Lawinen die Abhänge herunterrasen, die Bäume umknicken, nur um schliesslich auch Skifahrer wie Streichhölzer zu zerdrücken. Niemand konnte so wie Onkel A. vom Mädchen mit den letzten drei Schwefelhölzchen erzählen, noch heute erinnere ich wie mir frostige Schauer über den Rücken liefen, deklamierte er, dass sie nun gar kein Hölzchen mehr habe und meine Großmutter, die mir vom bucklicht Männlein und dem flackernden, blauen Irrlicht las, trug ihr übriges dazu bei, dass ich mir die Hölle nie als glühenden Kessel vorstellte, sondern immer als einen Palast aus Eis und Schnee, in dem die Einwohner nicht als Eiszapfen lutschen und vor Lawinen flüchten, aber natürlich angeführt vom Irrlicht im ewigen arktischen Eis verloren gehen.

So nimmt es nicht Wunder, dass schneit es selbst im flachen Berliner Randgebiet, mein Bein zuckt, selbst wenn die Uhr erst 5.15 Uhr zeigt. Vor meinem inneren Auge sehe ich Fußgänger auf dem Schnee vor der Straße ausgeleiten und mit verdrehten Gliedern um Hilfe schreien, Schulkinder schlagen sich die Nasen blutig und der von mir meist gehassteste Radfahrer Berlins, der grundsätzlich auf dem Fußweg fährt und anstatt zu klingeln, plärrt: „Hey, Sie Ziege, Platz da“ fällt kopfüber in eine Schneewehe und ich kann, sollte dieser Fall eintreten nicht dafür garantieren, dass ich ihm milde und nachsichtig aufhelfe. So hülle ich mich in Mantel und Schal und steige in ein Paar Stiefel, die so aussehen als sei Rübezahl in ihnen über das Riesengebirge gestiegen und kehre Schnee und streue Sand. Ganz still liegt die Straße im dichten Schnee und die Welt hat etwas Gedämpftes. Ganz hinten dort wo die Straße auf die Rehwiese mündet, flackert ein blaues Licht und bestimmt will mich das bucklicht Männlein in eine Tannenschonung locken. Aber dann gerade als ich mich vergewissern will, kommt der Nachbar zur Linken aus dem Haus. Er flucht. Er flucht sogar sehr. Sein Auto nämlich, auch genannt das Schlachtschiff, ein sehr, sehr alter Mercedes hat ein eingefrorenes Schloss. Nachbar sage ich, warten sie, ich hole T1-Spray. Wer T1 Spray und Tampons in der Tasche hat, ich schwöre ihnen überlebt selbst eine Nacht in der Lawinen dräuen und die Pinguine tanzen. Natürlich lässt das Schloss sich problemlos öffnen und freudig braust der Nachbar davon. Natürlich braust der Nachbar nicht, denn auf dem Schlachtschiff prangt ein roter Aufkleber: „Ich fahre nicht schneller als 100 km/h. Das nicht ist doppelt unterstrichen. Sollten sie also Fragen zum Benzin sparen haben, mit dem dem Nachbarn zur Linken können sie auch das abgelegenste Skigebiet mit minimalem Verbrauch erreichen. Dann aber ist es sechs Uhr und ich muss Frühstück richten für die Vogelgesellschaft die allmorgendlich auf dem Balkon erwartungsvoll die Schnäbel reckt.

Am Nachmittag klingeln die Kinder von nebenan. „Duuuuuu Read On“ können wir in deinem Garten, einen Schneemann bauen?” “Jaaaaa”, sage ich und dann kommt F. Der F. will auch einen Schneemann bauen und will natürlich, dass ich auch einen Schneemann baue. Ich steige wieder in die Rübezahlstiefel. Natürlich baut niemand einen Schneemann, sondern biege ich um die Ecke, fliegen mir lauter Schneebälle unter Gekicher entgegen. Angeführt wird die Bande natürlich von F. Ich werfe also Schneebälle und der F. schaufelt wie ein Besessener Schneebälle, die er der Kinderschar als Munition anreicht. Irgendwann liege ich im Schnee auf mir hüpfen sieben Kinder und F. springt wie ein Berserker um mich herum und kreisch,: „Ergib dich der Übermacht!“ “Niemand denke ich, während ich versuche ein Kinderknie aus meinen Rippen zu entfernen, ist so sehr acht Jahre alt wie Du F.” und für einen kurzen Moment denke, wie es wäre wenn, aber das verbietet sich von selbst, denn wenn ist schon lange vorbei.

Dafür lerne ich, dass wer von einer Schneeballarmee besiegt wird, Kakao und Waffeln anrichten muss und bald sitzen sieben Kinder und als achtes F. mit roten Wangen, vor Kakaotassen und verschlingen Waffelberge. Erzählst du uns eine Geschichte Read Ooooooon?, fragen sieben Kinder und natürlich F. Schon bald also sind wir nicht mehr in Berlin, sondern folgen dem bucklicht Männlein mit seiner flackernden Laterne und irgendwo im Riesengebirge treffen wir Rübezahl, den Herrn der Berge , der Lawinen schleudert, den Wilddieb verfolgt und noch im tiefsten Schneesturm- selbst ohne T1 Spray niemals verloren ist. Schließlich klopfen die Eltern und für einen Moment glauben sieben Kinder und auch der F., dass der Berggeist selbst Einlass begehrt. Dann beginnt es wieder zu schneien und ich nehme noch einmal Besen und Sandeimer mit vor die Tür.

Seitenscheitel

Am Freitag Morgen sitzt F. der freundliche Gefährte früherer Tage mit grimmiger Miene am Frühstückstisch und besieht sich im Teelöffel. Alles in Ordnung F.? frage ich also über den Rand der Zeitung hinweg, denn der ehemalige, geschätzte Gefährte hieße nicht so, läge mir sein Wohlergehen  nicht am Herzen. Der F. rauft sich die Haare. Der F. nämlich hat anders als ich nicht Haar wie ein Shetlandpony, das störrisch fällt wie es will, sondern einen Lockenkopf, der jeden Satyr vor Neid erblassen ließe. Gestern aber fuhr sich F. missmutig durch sein prächtiges Haar und befand, dass diese Locken zu unernst, ja unseriös wirkten und keinesfalls dazu geeignet seien, bei anderen Chefärzten, dem Verwaltungsdirektor, oder gar einem geschniegelten Vertreter der Ärztekammer einen festen, ernsthaften und seriösen Standpunkt zu vertreten. Ich falte die Zeitung zusammen und sehe dem F. beim Haare raufen zu. Ach, F. denke ich, Du, der du für die Kinder im Krankenhaus einen Luftballon hinter dem Ohr hervorzauberst und mit den Reinigungsfrauen schäkerst bis sie erröten wie die jungen Mädchen, du der du mit den alten Patientinnen, auf die Toilette gehst, weil die Schwester doch auch nach dem dritten Klingeln nicht kommt und dabei so hartnäckig mit ihnen flirtest, dass sie dir sagen: „Aber nicht gucken, junger Mann!“, du wirst doch niemals ein grauer Anzugträger werden mit glattem Haar und glitschigem Charakter. Weißt du nicht mehr, wie du nach einer diesen Höllenschichten, nach Hause kamst, um mich für eine Patientin, die das Krankenhaus nie wieder verlassen würde, einen Kuchen backen ließest? Du, der du den weinenden Schwesternschülerinnen erst Kakao und dann Nachhilfe im Kathederziehen oder Zugang legen gibst, glaubst es komme auf die Haarlänge an? Aber wohlweislich, nicke ich Dir nur zu, seufze mit dir und laufe los, denn der Tag wartet auch nicht auf mich. Spät am Abend, liegt ein Zettel auf dem Tisch: Friseurtermin, 17 Uhr, aber 17 Uhr ist lange schon vorbei, du im Krankenhaus und ich mit anderen Dingen befasst. Am Samstag Morgen schläfst du noch. Ich fahre auf den Markt und ratsche mit Herrn Yilmaz, kaufe Käse, Brot und einen Topf mit Traubenzillas. Dann treffe ich die B. auf ein Stück Torte und als ich zurück nach Hause komme, sitzt du am Schreibtisch. Von hinten siehst du aus wie ein frischgeschorenes Lamm. Sehr seriös sage ich, jeder Verwaltungsdirektor wird vor dir auf die Knie sinken und keine einzige Stelle einsparen. Der F. aber ächzt. Wo einmal wilde Locken waren, ist jetzt ein strammer Seitenscheitel. Der F. sieht mich unglücklich an. Vor ihm auf dem Schreibtisch steht das aufgeklappte Notebook. Der F. googelt Hitlerbilder. F. sage ich nun doch verwundert:“Warum googlest ausgerechnet du Hitlerbilder?“ Der F. ist starr vor stummen Entsetzen. Er deutet auf den Seitenscheitel und dann auf ein Hitlerbild. „Siehst du es nicht?“, fragt er mich mit vor Empörung bebender Stimme. „Was?“ frage ich und verräume den Käse in den Eisschrank und das Brot in den Kasten. Der F. befühlt den Scheitel und sieht erneut auf die zahlreichen Hitlerbilder. „Der Scheitel“ wispert er schockstarr, „ist doch exakt der gleiche“ und deutet mit zitternder Hand auf das Notebook bevor er sich den Kopf befühlt. Ich stelle die Traubenzillas auf die Fensterbank und der F. erhebt sich taumelnd und wankt ins Bad. Der Badezimmerspiegel zeigt ein Schaflamm mit hoher Stirn. Der F. aber nun geschlagen von höheren Mächten sinkt auf den Badewannenrand und flüstert: „Ich sehe aus wie Adolf Hitler.“ Ich versuche mehr zu hüsteln als zu kichern und erinnere das traurige Schaflamm auf dem Wannenrand an die Uhrzeit. Der F. taumelt zu Tasche und Kittel und verflucht sein Spiegelbild. „Eindeutig Hitler“ murmelt er, bevor die Tür hinter ihm ins Schloss fällt. Aber sorgen sie sich nicht, so sie sich heute auf einer Aufnahmestation einer großen Berliner Klinik befinden sollten. Der nun streng gescheitelte und kurzgeschorene daher gehende F. hat keine bösen Absichten und fasst er sich hinters Ohr zieht er keine bösen Pamphlete dahinter hervor sondern nur einen Luftballon, ob sie nun, acht, achtundzwanzig oder achtundachtzig Jahre alt sind oder gar als Verwaltungsdirektor befinden viereinhalb Minuten pro Patient seien doch ausreichend genug.

Eine große Liebe

Das Nichtenkind zieht meine Augenlider nach oben: „Du bist wach“ sagt sie. Es ist halb sechs sagt der Wecker und auf meinem Brustkorb kniet ein kleines Mädchen im Schlafanzug, darüber trägt es ein lila Tutu und natürlich dürfen die obligatorischen Feenflügel nicht fehlen. In der Hand hält sie den alten Bären, den ich ihr, als sie geboren wurde ans Kopfkissen setzte. Auf ihrem Kopf etwas schief eine golden-glänzende Krone. „Was wollen wir machen?“, frage ich die kleine Königin. „Zeig mir das Buch“ sagt sie und ich gähne, greife nach dem Morgenmantel und ziehe das große, schwere Buch, das eigentlich ein Ausstellungskatalog über die Tudors ist aus dem Regal. Wir besehen Elisabeth I und ich darf nur sehr, sehr langsam blättern und soll zu jedem Bild eine Geschichte erzählen. Zum Glück bekommen auch kleine Königinnen irgendwann einmal Appetit. Das Nichtenkind frühstückt Honigsemmeln und Kakao. Auch Bär, ihr Kanzler bekommt ein Gedeck. Schließlich taucht auch Kater Mau in der Küchentür auf und macht große Augen. Als Palastköchin sollen auch die Katzen nicht darben und so schleckt Mau Milch von einer Untertasse mit Goldrand. Im Badezimmerspiegel übt die kleine Königin den Herrschaftsgestus Elisabeths. Ernsthaft und hochkonzentriert. Es staunen Bär, Kater Mau und ich.

Im Wohnzimmer knien der Neffe und die beiden großen Nichten, neben F. auf dem Boden. Um sie herum ein Meer von Legosteinen. Die Mali-Tant thront im Sessel und macht der kleinen Königin eine elegante Frisur: „Geh fesch bist Du, viel schöner wie die Sissi.“ Schwesterchen will Chia-Brei, der Schwager lieber Porridge, F. und alle anderen ein Ei und gebratene Tomaten. Die Mali-Tant dann auch. Die Palastköchin serviert Frühstück ohne auf einem Legostein auszugleiten. Die Lego-Bauer essen hastig und kehren sogleich an ihre Baustelle zurück, die in etwa den Umfang des Assuan-Staudamms erreicht hat. Was genau das Bauwerk auf dem Boden einmal sein mag, kann ich nicht sagen. Es ist weder Polizeistation noch Ritterburg, sondern ein seltsames Gerät aus dem mir gänzlich fremden Star Wars Kosmos. Auf dem Bild sieht es aus wie eine sehr große, fahrende Suppenschüssel. Für diese Bemerkung ernte ich entsetzte Blicke. Der Neffe teilt die Lego Sklaven Bauer in kleinere Arbeitsgruppen ein. Die Mali-Tant feuert an. Die Königin malt lieber an einer Schlossparkskizze, ich reiche dann und wann Erfrischungen und halte Kater Mau ab, die Baustelle zu stürmen. Mau ist beleidigt. Vorwurfsvoll mauzend liegt er auf der Fensterbank und lässt eine Pfote zornig gegen die Fensterscheibe knallen. Von der Mali-Tant lasse ich mir Großmuttergeschichten erzählen. Für einen schönen langen Moment bin ich noch einmal acht Jahre alt. Dann bricht Mau aus der Küche aus und stürmt entschlossen den Steineberg. Aufregung. Geheul. Geschrei. Nur die kleine Königin vertieft ins Zwiegespräch mit Kanzler Bär ist unbeeindruckt vom Tumult und der erneuten Exilierung Kater Maus’.

Am Nachmittag gehen Schwesterchen und Kinderschar zum Besuch von Freunden. Ich lege mich vor der Nachtschicht noch einmal hin. Die Mali-Tant tut es mir gleich und selig schlafen wir beide. Kater Mau allein liegt grimmig im Arbeitszimmer und hadert mit dem Schicksal. Später längst wieder wach und Latkes bratend erzählt mir Schwesterchen vom Ausflug. Der Bub der Familie nämlich ob nun überfordert von Festlichkeit oder nur im Schokoladenkoma lag heulkreischend vor dem imposanten Tannenbaum und tobte. Die umstehenden Geschwister, Familie und eben auch Schwesterchen nebst Kindern war nun hineingeworfen in einer jener Szenen, die Weihnachten zu Katastrophen werden lassen, weil sie wohl nur schlecht ins Selbstbild feiner Festlichkeit zu passen scheinen. Der Bub also rollte sich auf dem Boden kreischte und schrie und heulte. Die Mutter peinlich berührt, der Vater hilflos, die Geschwister hämisch und die Gäste zu Eis erstarrt. Plötzlich aber tritt eine kleine Königin vor. Nicht mehr im Schlafanzug, sondern in voller Montur: ein grellpinkes Rüschenkleid, blinkende lila Schuhe, natürlich die goldene Krone und die geliebten Feenflügel. Fest in einer Hand natürlich Kanzler Bär. Die kleine Königin also setzt sich neben den Buben und tippt ihm auf die Schulter. „Du” sagt sie, willst du nicht lieber mit mir spielen?“ Der Bub, so meine Schwester drehte sich auf den Rücken und sah die kleine, glitzernde Königin. Dann rappelte er sich auf und das Nichtenkind stellte ihm Bär vor. Einträchtig verzogen sich die Kinder und die Erwachsenen, so die Königin später zu mir, redeten sehr langweilige Erwachsendinge. Von der Nachtschicht heute früh zurückgekehrt, liegt die kleine Königin in meinem Bett. Sehr vorsichtig nehme ich die Krone von ihrem Kopf und sehe erst dann den Teller mit Marzipankartoffeln und Latkes auf dem Bücherstapel stehen: Du sollst nicht hungrik ins Bett, steht da drauf. Die königliche Notiz ist natürlich auf einem pinken Papier geschrieben. Sehr vorsichtig ziehe ich die kleine Königin in meine Arme, Bär der Kanzler sitzt auf dem Kopfkissen und am Fußende zusammengerollt, schläft Mau, inzwischen trägt er eine rosa Schleife und neben ihm liegen mehrere erjagte Legosteine. Die kleine Königin schläft tief und fest.

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Der treue Kanzler Bär in Diensten der kleinen Königin.

 

Der Lauf der Zeit

Der Zeit wohnt heute kein Geheimnis mehr inne. Vielmehr ist die Zeit nur noch eine Kategorie präziser Organisation. Das Leben verläuft anhand von Fahrplänen, schon haben digitale Zeiterfassungsprogramme die fast noch gemütlich wirkende Stechuhr abgelöst, Autovermietungen berechnen naimg_0771ch Minuten, es gibt Zeitschaltuhren, Uhren messen längst nicht mehr nur Sekunden, Minuten und Stunden sondern auch Schritte, Pulsfrequenzen und wäre es mir nicht so vollständig egal, dann könnte ich auch sagen was genau die Apple Watch alles misst und zählt. Selbst die gute alte Tante Rolex klingt etwas hilflos, bewirbt sie sich als zeitlos. Der Echtzeitmodus hat den Stundenzeiger längst abgelöst und wer wie ich die alte und vielgeliebte großväterliche Taschenuhr zum Aufziehen aus einer kleinen Schweizer Manufaktur zum Uhrmacher trägt, erntet nichts als Kopfschütteln. „Lange schon“ sagt der Uhrmacher „reparierten sie nichts mehr, längst schon sei alles digital.“ Fossil das ich bin, seufzte ich schwer und schrieb an die kleine Schweizer Manufaktur ob ich die Uhr wohl einschicken könne. Fast zeitgleich als James Cox in England für seine mechanischen Wunderwerke, Weltruhm erlangte, nahm auch die Schweizer Manufaktur ihre Arbeit auf. Zwar gibt es eine Philosophie der Beschleunigung und allerhand Ratgeber wie man Zeit einteilt oder Zeitverschwendung in Grenzen hält aber niemand ordert mehr einen ganz in Gold gefassten Schwan, der in erratischen Abständen mit den Flügeln schlägt oder einen goldenen Fisch aufpickt. Allenfalls gilt eine als solche Apparatur als Kuriosität vergangener Tage. Christoph Ransmayr aber erfindet die Zeit noch einmal neu und auch wenn James Cox selbst niemals am Hofe Qianlongs des wohl berühmtesten der chinesischen Kaiser gewesen ist, so hätte er es sehr gut sein können. Die Reise aber lang und gefährlich führt den Reisenden und seine Handwerker zunächst einmal aus der ihren bekannten Zeit hinaus und hinein in das chinesische Kaisertum. Hier wird dem Fall einer Schneeflocke eine ebenso große Bedeutung beigemessen wie bewaffneten Unruhen in fernen Provinzen. Denn wo der Kaiser ist vergeht Zeit und vergeht doch nicht. Die Zeit über die die Kaiser herrscht hat nichts Profanes an sich, sondern macht sich selbst zur Messlatte, die das Leben der Untertanen ganz jenseits von messbaren Einheiten bestimmt. Cox selbst lebt in der Trauer um seine Tochter und die verstummte Frau und so vergeht Zeit in den unendlichen Gängen der Verbotenen Stadt und in der eigenes für die Reisenden eingerichteten Werkstatt bevor der Kaiser James Cox, der im Buch Alistair heißt zu sich ruft, eine Uhr will er haben, welche die Zeit von Kindern misst. Alistair Cox wird sie bauen und die Uhr wird keine Zeiger haben und auch kein Stundglas sein, sondern versuchen die Kindheit als Zeitraum ganz eigener Größe festzuhalten. Der Kaiser aber setzt der Zeit auch ein Ende und die zweite Uhr, die er fordert, soll die Zeit, die einem zum Tode verurteilten noch zum Leben bleibt messen und Cox wird auch die Zeit bis zum Schafott für den Kaiser messen, der auch der Herr der Zehntausend Jahre ist. Cox und seine Gefährten werden durch Schnee und Eis zu jener Mauer reiten, die für das chinesische Kaisertum schließlich auch vermisst wo die Zivilisation endet und die Barbarei beginnt. Wieder vergeht Zeit, denn nicht der Kalender, sondern der Kaiser bestimmt wann Sommer ist und schließlich reist der Hof von Peking aus in die Berge. Einer der Engländer kommt zu Fall und für einen Tag und eine Nacht lang steht die Zeit still. Im Sommerpalast aber scheint es, dass der Kaiser selbst der unendlichen Zeit der Dynastie zu entkommen sucht und liebt und spricht und schreibt wie es sonst nie geschehen darf. Die Meister aus England aber beginnen die Arbeit an der dritten Uhr, die laut des Willens des Kaisers niemals stillstehen soll und so selbst die Unendlichkeit, diese niemals messbare Größe miteinberechnen soll in ihren Lauf. Es ist die gefährlichste Uhr denn ihre Ewigkeit misst das Unaussprechliche: das Ende des Kaisers. Mit Staunen und Wunder lässt sich diese große Buch lesen, dass noch einmal so nah es nur geht in das 18. Jahrhundert zurückführt und uns an die Schwelle treten lässt in der die Zeit voller Geheimnis war und keineswegs nur ein tickender Zeiger oder ein klingelnder Wecker. Was misst die Zeit eigentlich und woran werden wir uns wohl messen lassen müssen, besehen wir die eigene Lebensuhr? Qianlong schließlich der einzige der seine Regentschaft freiwillig beendete war ein leidenschaftlicher Uhrensammler und vielleicht war es eine der Uhren James Cox’ die in ihm die Erkenntnis hatte wachsen lassen, dass niemand keine Uhr und auch kein unsterblicher Kaiser, die Zeit zu beherrschen mag. Christoph Ransmyr aber hat einen Roman geschrieben der weit über die Zeit hinausgeht und die Zeit wieder in etwas erstaunlich Geheimnisvolles und niemals Profanes verwandeln zu mag. Die kleine Schweizer Manufaktur übrigens will die Uhr gern reparieren. Es sei nur eine Frage der Zeit.

Christoph Ransmayr, Cox oder der Lauf der Zeit, Fischer Verlag 2016, 22 Euro

Vereinigung zur Verteidigung der Unmoral oder der Club “Aux bonnes moeurs”

Meine Erinnerungen an das Land A. beginnen mit einer Ohrfeige. Unten im Hof des Hauses ohrfeigte ein Junge eine Frau. Ich sah hinunter in den Hof. Der Hof war staubig und in einer Ecke lag ein Stapel mit alten Brettern, ein verrostetes Gitterbett stand im Schatten eines verwachsenen Baumes. Sonst war der Hof leer. Sah die Hand des Jungen, der sie hoch über seinen Kopf hob, bevor er ausholte und das Gesicht der Frau nach hinten flog. Ich glaube noch immer das Klatschen seiner Hand auf ihrer Wange höre zu können. Aber vielleicht irre ich mich. Wer kann sich schon auf seine Erinnerung verlassen? Die roten Streifen auf ihrer Wange aber meine ich wirklich gesehen zu haben und noch heute bin ich mir sicher, das der Ton welcher der Ohrfeige folgte, genau derselbe ist wie jener der von der letzten Taste eines jeden Klaviers ausgeht und der ein längeres Echo hat als alle anderen Töne. Dann drehte sich der Junge um und ging. Die Frau hielt sich die Wange, dann ging auch sie. Ich starrte noch lange auf den Hof, der wieder heiß und staubig im Sonnenlicht lag. Auf dem verrosteten Bett sonnten sich die Katzen. Damals hinter den Fenstern wusste ich nicht, dass dort unten im Hof ein Sohn seine Mutter ohrfeigte. Eins aber hatte ich verstanden, dort unten auf dem Hof war etwas geschehen war, das sich nicht wiedergutmachen ließ. Dann drehte ich mich um.

Die Frau aber unten im Hof, die im zweiten Stock wohnte, brachte mir meine ersten arabischen Wörter bei. Eines der ersten war حرب ( harb) Krieg. Damals nämlich als wir nach A. zogen war der Krieg schon lange angekommen, hatte sich durch Häuserwände geschossen, hatte Söhne, Väter, Schwager, Onkel erst zu Feinden, dann zu Gegnern, dann zu Volksfeinden oder zu Islamisten gemacht und schließlich erst die einen, dann die anderen so oder so oder auch ganz anders getötet. Krieg also lernte ich und sprach der Frau (harb) nach. Ihre Wange (وجنة ) wadzna war nicht mehr rot. Dafür war der Kopf des Mannes der mit dem Gesicht auf das Lenkrad fiel أحمر, (ahmar) rot. Wieder stand ich am Fenster, diesmal aber am Fenster das auf die Straße zeigte. Bestimmt standen alle Nachbarn der langen Straße am Fenster und sahen hinunter auf das Auto. Die zersplitterte Windschutzscheibe, ein großes, gläsernes Spinnennetz und dann der Kopf auf dem Lenker. Blutfäden rannen dem Mann aus dem Mund und wir sahen zu. Damals wusste ich schon, das der Krieg tote Männer meint, aber ich lernte erst am Fenster, das der Krieg vor allem Stille meint. Denn nirgendwo wurde so laut geschwiegen wie im Land A. Das Schweigen der Mütter war lauter als nächtliche Klopfen an der Tür. Hartnäckig schwiegen die Mütter. Am Endes des Tages zählten die Mütter die Kinder, denn am Abend konnte sich niemand sicher sein, dass noch die gleiche Anzahl von Kindern in den سرير ( sa’rir ) Betten lag wie am Morgen. Die Mütter hinter den Fenstern schwiegen. Niemand ging auf die Straße hinunter, kein Krankenwagen kam, kein Polizeiauto bog um die Ecke. Die wenigen Passanten auf der Straße liefen an dem Auto und dem Mann tief über das Lenkrad  gebeugt vorbei. Bis sich die Dämmerung über die Stadt, das Viertel und die Straße legte, schwiegen die Mütter. Dann im Dunkeln zogen sie denn Mann, der ja auch einer Mutter Sohn war aus dem Auto heraus. Da stand ich schon nicht mehr am Fenster, sondern saß längst schon wieder am Klavier. Mag sein, dass ich die letzte Taste des Klaviers einmal angeschlagen hatte, aber ich weiß es nicht mehr. Immer aber wenn ich glaube, dass ich das Gesicht des Mannes und die Bluttropfen in seinen Mundwinkeln vergessen habe ( Kann ich das wirklich gesehen haben?),erinnere ich mich wieder an ihn. Damals als Krieg war schwiegen die Mütter, das weiß ich ganz genau.

Ein einziges Mal, im Land A. nämlich war ich Mitglied eines Clubs. Wir nannten uns „Le club aux bonnes moeurs”. Das schien uns clever und ironisch. Den Namen borgten wir uns von Voltaires “Essai sur les moeurs.” Der Club und das schien uns der große Clou hatte nichts mit Sitte und Moral zu tun, sondern erlaubt war nur, was sonst verboten war. Voltaire, den wir lasen und natürlich nicht verstanden, schien uns hatte uns nicht vergessen, wir hier im Land A., vergessen von allen. Auf den Straßen konnte man damals nicht unbehelligt gehen, aber über die Dachterrassen immer mal wieder zwar in einem Betttuch gefangen aber sonst im Dämmerlicht unbehelligt wanderten wir von Haus zu Haus und trafen uns auf dem Dach vom S. dessen Haus uneinsehbar an eine Mauer grenzte. Wir waren ein Club verzweifelter Liebhaber, natürlich verliebten wir uns wechselseitig ineinander, trennten uns unter infernalischem Getöse und küssten uns vorsichtig. So viel wussten selbst wir. Aber auch wenn ich dem S. verfiel und der S. der D. und die D. der E. und der Y. wiederum die L. eng umschlungen hielt, vor allem aber liebten wir die Ideen Europas.Wir, die verzweifelt Liebenden aber lasen uns vor. Auf Französisch wohlgemerkt. Denn wir die Clubmitglieder hatten feierlich und mit starkem und zuckersüßen Tee auf Europa geschworen.

Wir lasen die Odyssee. Unser Herz schlug für Odysseus, der heimatlos geworden und fern von Ithaka durch die Welt irrte, waren das nicht auch wir, waren nicht auch wir Treibholz und vor allem heimatlos? Wir sahen in Penelope die schweigend das Leichentuch webte doch auch die stummen Mütter mit denen wir zu leben hatten. Wir lasen „La Montagne Magique“ und natürlich zerstritten wir uns sofort über Kunst und Krankheit. Die anderen pochten auf Settembrinis Aufklärung und ich verteidigte Naphta, nicht weil ich ihn mochte, sondern weil die anderen ihn nicht mochten und wir alle schwärmten natürlich  für Clawdia Chauchat und nachdem wir das Buch zuklappten, konnte niemand von uns schlafen. Wir lasen, nein wir tranken Bücher. Sartre und Camus, ich schrieb hektisch an meine Großmutter, die alles gab und Bücher über Bücher schickte. Nie waren es genug. In den Mauerritzen der Steine versteckten wir unser „J’accuse“, wir glaubten die Mauern wankten, als wir es vielfach gefaltet unter die Steine schoben. Was wollten wir denn? Wir wollten uns ungestört küssen, wir hatten keine Lust auf Vaterland, wir wollten das dieser Krieg uns endlich in Frieden ließe, wir wollten an nichts glauben müssen, wir wollten eine Ende der Phrasen, wir wollten richtige Zeitungen und richtige Universitäten, wir wollten auch im Hellen tanzen, wir wollten die Freiheit und wollten sie ganz. Wir verabscheuten Moralapostel und Glaubenswächter. Wir machten uns betrunken an “unveräußerlichen Rechten”. Ich sage wir, auch wenn ich die Fremde war, aber ich war doch schließlich auch vollständiges Mitglied des Clubs „Aux bonnes moeurs” mit allen Rechten und Pflichten. Gemeinsam ertranken wir doch in ihren Zeilen chez moi j’ai un piano bleu/ mais je ne sais aucune note/il se tient dans le noir de la porte de la cave,/depuis le jour où le monde est devenu brutal/les étoiles jouaient jadis à quatre mains/ la femme lune chantait dans le bateau /maintenant des rats dansent dans sa gorge. Else Lasker Schülermon piano bleu.

Das waren doch unsere Geschichten, das waren doch wir und auch unsere Lippen, die sich aneinander verbrannten, nur um immer weiterzulesen, näher so glaubten wir näher und näher kämen wir an Europa heran. Der S. den ich doch liebte, dachte an einer Sozialgeschichte des Landes A. herum und hatte Reformen im Kopf, die Hardenberg blass aussehen ließen. Der D. übersetzte Else Lasker-Schüler ins Arabische, die L. bekniete mich Rosa Luxemburgs Briefe aus dem Gefängnis für sie zu übertragen. Der Y. aber kehrte immer wieder zu Voltaire zurück und konnte nicht aufhören sich an Candide zu erfreuen und ich sehe ihn noch immer noch heute, wie er keine Luft bekam vor dem schnellen Witz, dem tiefen Sarkasmus und den absurden Überdrehtheiten auf dem Boden lag und sich schüttelte vor Begeisterung. Die E. las Simone de Beauvoir und seufzte tief. Dort oben auf dem Dach, da bin ich mir noch heute sicher, dort oben war Europa. Europa war eine Landkarte aus Büchern, Europa war unsere Insel. Von den Mitgliedern des Club “Aux bonnes moeurs” haben die E. und ich als das einzige seiner Mitglieder Europa, unser Ithaka erreicht. Denn unten auf der Straße war immer noch Krieg, unten auf der Straße schwiegen noch immer die Mütter und sie schweigen bis heute. Von den Mitgliedern des Club “Aux bonnes moeurs” sind nur noch die E. und ich am Leben.

Die E. und ich sind nie wieder zurückgekehrt ins Land A. nachdem ich früher und sie später das Land verließ. Noch immer lesen wir uns vor, wann immer wir uns sehen, denn die Mitgliedschaft im Club „Aux bonnes moeurs” erlischt hat man sie einmal abgeschlossen nie. Manchmal schütteln die E. und ich dann den Kopf, über uns und über die europäische Liebe, von der wir nicht ahnten, das sie niemals erwidert würde, aber oft und immer öfter auch darüber, dass man in Europa alles verteidigt, die Positionen der religiösen Rechthaber, die wir so gut kennen, nicht weil wir wollten, sondern weil wir mussten. Wir staunen manchmal über die offene Verachtung all jener Werte nach denen wir eine so unendlich große Sehnsucht hatten, denn noch immer beginnt diese Geschichte unten im Hof, die fliegende Hand des Sohnes, die rote Wange der Mutter,die Stille danach. Schon damals, elfeinhalb Jahre alt, hatte ich verstanden, dass dort etwas geschehen war, das sich nicht wiedergutmachen ließ.

Das Postauto

Als ich ein kleines Mädchen war, damals vor vielen Jahren, da war die Ankunft des gelben Postautos eine Sensation. Meine Großmutter erwartete nämlich regelmäßig ein Paket aus Israel. Darin Datteln und Feigen, Honig aus dem Kibbuz von Onkel A., Kardamomkaffee und natürlich Briefe und Bilder aus Jerusalem. Im Gegenzug versorgte meine Großmutter fast ganz Rehavia, da bin ich mir sicher, mit Lübecker Marzipan und Dresdner Christstollen. Onkel A. indes bezog über meine Großmutter allerlei Saatgut, denn Onkel A. wollte die Wüste zum Blühen bringen. Die Ankunft des Postautos durfte also auf gar keinen Fall verpasst werden. So wurde ich zum Postspion ernannt, erhielt eine Handvoll Kekse und stieg aufs Fensterbrett um meiner Großmutter, die Ankunft desselben zu verkünden. Dann hieß es aushalten, ob das Postauto auch tatsächlich vor dem großmütterlichen Haus anhalten würde oder doch nur bei den Nachbarn klingeln würde. Hielt das Auto aber, nahm meine Großmutter zwei Mark in die Hand und ich hüpfte vor ihr die Treppen hinunter. Der Postbote legte das Paket auf den steinernen Pfeiler und schüttelte den Kopf: „Aber nicht doch Frau Doktor“, sagte er und nahm das Geldstück dann doch nicht ungern. Dann ratschten meine Großmutter und er. Über seine geschwollenen Füße, die geplatzte Matura des Sohnes oder über das heiße Wetter. War es besonders heiß, hieß meine Großmutter mich eine Flasche Sprudel holen und war es besonders kalt, brachte die Zugehfrau ein Glas Tee hinunter. Dann trug meine Großmutter das Paket hinauf, und offerierte mir die erste Dattel.” Denn das Amt des Postspions” sagte meine Großmutter, “sei ein besonders Bedeutsames”. Dann schloss sie sich ins Schlafzimmer ein und öffnete die Briefe aus Jerusalem und anderswo.

Heute sitze ich am Schreibtisch und ich kann die Uhr stellen, irgendwann so gegen 11 Uhr klingelt es zum ersten Mal. Es ist das gelbe Postauto, das fast noch genauso aussieht wie damals als ich Postspion war. Aber ich bekomme sehr selten Pakete, denn weder bestelle ich Dinge noch ist Onkel A. oder einer der Anderen am Leben. Dafür bestellen meine Nachbarn, endlose Schuhpakete und Kleidertaschen, Weinkisten, Bücherregale, Rasenmäher, Sonnenschirme, Fahrräder, Kinderwägen, Fernsehapparate und Kinderrutschen. Dies weiß ich nicht, weil ich immer noch Postspion bin, sondern weil niemand sonst die Türen öffnet und besonders zwischen November und Weihnachten sieht meine Diele oft aus wie ein Warenlager. Das Ganze setzte sich am Nachmittag munter fort, da kommen Hermes und UPS und DPD und noch immer ist niemand außer mir daheim. Wahrscheinlich sind die Nachbarn gerade auf der Post bestellten Kramuri, den man dann doch nicht brauchte, wieder zurückzusenden. Kostet ja nichts. Ich laufe also zehnmal treppauf und treppab und schleppe die oft sehr schweren Pakete zu mir hinauf. Oft sehe ich aus dem Fenster wie die Männer, es sind ausschließlich Männer, fast in die Knie gehen vor dem Stapel schwerer Pakete und ich sehe sie oft an den Haustüren klingeln an denen doch niemand öffnet und dann den ganzen Stapel die Straße hinunterzutragen bis zu mir. Die Paketboten haben keine Zeit für einen Plausch mehr und ich weiß nicht ob die Söhne den Abschluss schaffen, die Frauen geduldig zu Hause warten oder die Schwiegermutter von ihrem Mann verlassen wurde. 90 Sekunden hat ein Paketzusteller Zeit, habe ich einmal gelesen, um ein Paket zuzustellen. Wann immer ich per Zufall einmal in die geöffnete Ladeluke sehe, sind die Autos bis zum Bersten gefüllt. Was ich auchweiß ist, dass die Paketboten alle müde aussehen und im Sommer erst sah ich einen Paketboten, dessen Kleidung nass an ihm klebte. Eine Familie hatte sich einen Sessel bestellt.

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DPD bringt Paket No. 15 des heutigen Tages.

Soweit ich es übersehe, haben nur die DHL-Zusteller eine Sackkarre und die anderen stapeln sich die Gewichte eben auf die Arme. Irgendwann so gegen Abend klingelt es dann wieder. Dann kommt die halbe Straße, um Ihre Pakete einzusammeln. Sie alle schwören, dass Sie natürlich zu Hause wären, wie ich damals als Kind lägen Sie auf der Lauer und warteten auf nichts anderes als die Ankunft des gelben Postautos, welches nicht käme. Natürlich seien an allem die Paketboten schuld. Liederliche Burschen seien es, die aus purer Böswilligkeit nicht schellten, missverständliche Nachrichten oder am liebsten gar keine Nachrichten im Briefkasten hinterließen und wer sich einmal für fünf Minuten Kommentare im Internet über Paketboten liest, der wird sich wundern, wie Menschen, die sonst zur Achtsamkeit mahnen, sehr schnell wütenden Megären ähneln, die nun endlich einmal Leistung einfordern. Schließlich ist man doch Amazon Prime Kunde. Dass die Paketzusteller nur 5 Prozent aller Pakete in die Filialen zurückgeben können, spielt dabei natürlich keine Rolle, auch nicht, dass die meisten Paketzusteller, vor allem die nicht für die Deutsche Post ausliefern zu Sklavenlöhnen treppauf, treppab rennen. Erstaunt nehmen die Nachbarn dann zu Kenntnis wie schwer die Pakete sind, die inzwischen bei mir in der Diele lagern. Dann schimpfen sie weiter, denn es scheint als erwarteten sie tatsächlich, dass die neuen Diener, die man heute gern Dienstleister nennt, vor ihren Türen warten, bis die hohen Herren, ihre unendliche Menge an Dingen dann doch entgegen nehmen können. Niemand findet jedoch, dies sei ein Anlass das eigene Konsumverhalten vielleicht einmal zu überdenken. Allein heute habe ich bis 16 Uhr siebzehn Pakete angenommen. Das UPS-Auto war da noch nicht einmal nicht da.

Ob die Bestellwütigen und neuen Primaner den Paketboten zwei Euro oder mehr geben für die Gartenerde, die in den achten Stock muss, weiß ich nicht, denn ich bestelle nichts. Aber schon damals, als ich noch mit Begeisterung auf das Postauto wartete und dann später mit beklommenen Blick in Richtung Schlafzimmertür sah, da wusste ich das meine Großmutter, wenn sie sagte, dass alles seinen Preis hätte, Recht behalten würde.

Woran ich mich erinnern will

Als ich dich zum ersten Mal traf, mochte ich dich nicht. Oder wahrer noch, ich war fest entschlossen dich nicht zu mögen. Es gelang mir ganz hervorragend. Du verabschiedest dich, um zu einer Hochzeit zu fahren und ich fand mich wie selten in einer Abneigung bestätigt. Kurz bevor Du aus der Tür gingst, drehtest Du Dich noch einmal um: ich verdrehte die Augen und -oh ich kann das sehr gut- verdrehte sie langsam und genau, ich schickte sie deinem Rücken hinterher. Du aber lächeltest leise und fingst meine Augen ein. Von da an ging ich Dir aus dem Weg. In Indien warst du anderswo, aber kamst dann doch auch nach Delhi. Du wolltest den Slum sehen. Ich wollte dich nicht sehen. Schon gar nicht führe ich Leute durch den Slum, die einmal große Augen vor der Armut machen wollen. Ich fluchte. Frau Rajasthani strich mir über den Rücken: „Read On sei nicht so streng.“ Wie immer gab ich ihr nach. Ich verdrehte die Augen und sagte Dir zu. Ich war wie stets blutverschmiert und verschwitzt, meine Haare ein Knäuel und auf meinem Rücken schlief ein Kind. Deine Hände waren kühl.

Du brachtest 500 Zahnbürsten und Zahnpastatuben mit. Ich war sprachlos. Das bin ich nicht so gern. Wir saßen auf dem Dach und sahen hinunter auf die endlosen Hütten und Plastikplanen. Ich ratterte herunter was es hier alles nicht gibt. Du sahst mich an und fragtest : „ Wie machen Sie das hier?“ Ich zuckte mit den Schultern. „Ich gelte als stur und ich breche alle Regeln, vor allem die des guten Geschmacks“, sagte ich. Du lachtest. „Das Gefühl kenne ich“, sagtest du und du sahst mich an:“ es ist doch erstaunlich was ein Mensch alles erreichen kann.“ So hatte ich das noch nie gesehen. Am meisten aber behielt ich dein Lachen im Ohr. Außer den Kindern lacht niemand im Slum. Natürlich wusste ich das, aber vor dir war es mir noch nie so überdeutlich aufgefallen. Am Abend kamst Du mit zu Familie Rajasthani, die seit so vielen Jahren schon meine Familie ist und die so wild und laut, so überschwenglich liebenswürdig und unverfroren neugierig auf dich losging, wie das in den besten Familien der Fall ist. Du schlugst Dich tapfer. Aber ich wollte nicht beeindruckt sein und dann war doch immer noch dein Lachen in meinem Hinterkopf. Ein zweites Mal haben wir uns nicht gesehen. Zurück in Irland ging ich dir aus dem Weg. Ich habe Übung im Ausweichen. Wie hätte ich mit deiner Hartnäckigkeit rechnen können? Ich tat es nicht. Selten hat mich der Satz: „Ich will mit Dir zusammenarbeiten“ so kalt erwischt, wie an jenem Nachmittag in deinem Büro. „Ich bin vier Wochen nicht da“, sagtest du, überleg es dir. Ich nickte. Nach vier Wochen sagte ich zu. Wie hat mir das denn so lange nicht auffallen können, frage ich mich seitdem, wie großartig du bist? Habe ich wirklich übersehen können, wie bestimmt du an das Gute glaubst, wie sehr Du funkelst, du mit deinen Plänen und Ideen, die immer handfest sind und niemals Luftschlösser? Dein Rückgrat macht mich manchmal atemlos. Ich habe noch nie in so angenehmer Gesellschaft, Regeln gedehnt und gebrochen wie mit dir. Ich habe von Dir gelernt wie man offen und doch sehr verschwiegen sein kann. Wie liebenswürdig du bist, wie sorgfältig und wie klar, macht mich jeden Tag aufs Neue staunen. Du hast diese Sätze in dir. „Ich bin im Belfast der 70er Jahre aufgewachsen.“ Dann ist es still. Ich werde es nie vergessen. Wir standen mit anderen zusammen unter gräulichem Himmel irgendwo zwischen Belfast und Bangor und Du machtest einen sehr guten Witz der niemanden verschonte, Protestanten nicht und Katholiken nicht. Wir waren die einzigen, die lachten. Inmitten der betretenen Gesichter der anderen standen wir und lachten. Wir lachten mitten in diesem bleiernen Nordirland, in dem niemand über diese Dinge lacht und ich wunderte mich, ob dies nicht das indische Echo war. Später hattest Du nasse Füße. Ich bot dir ein Paar Schuhe an und du nahmst an. Später längst wieder auf eigenen Füßen, nahmst du mich zu Seite. „Ich mache mir immer Sorgen“, hörte ich mich sagen und vergrub die Hände in den Taschen. „Kalte Füße so fängt es ja meistens an.“ Du sahst mich an. „Einverstanden“ sagtest du und weiter: „Ich will mir auch Sorgen um dich machen dürfen.“ Ich nickte. Vielleicht war das der Moment in dem ich mich in dich verliebte. Dass Du meine Sorgen nicht abschütteln wolltest, dafür danke ich dir. Du bist von scharfsinniger Klugheit und bestechender Ernsthaftigkeit. Noch niemanden habe ich so deutlich wie dich so kritisch über Irland reden hören. Selten ist jemand so konstruktiv gewesen und ich wünschte es gäbe mehr Menschen wie Dich deren Wörter echte Zähne haben. Schön bist du und zauberhaft. Du bist sehr witzig und ich glaube du weißt es nicht. Aber du bist es trotzdem. Überhaupt bist du die erste, ernstzunehmende Konkurrenz in Sachen, Augen verdrehen. Du kannst das auch, sehr, sehr langsam und sehr genau und ich finde es sehr fantastisch, dass wir beide absolut parallel die Augen verdrehen können und niemand bemerkt es. Ich weiß nicht wie lange wir gemeinsam die Augen verdrehen, ob wir uns nicht eines Tages furchtbar verkrachen oder uns einfach aus den Augen verlieren. Aber festhalten will ich, wie viel ich Dir verdanke und was für eine große und überwältigend großartige Frau Du bist. Irgendwann auch noch einmal anders mit Blumen und mit richtigem Tee und nicht diesem gefärbten Wasser, vielleicht sogar auf dem indischen Dach und ganz bestimmt mit deinem Lachen. Es ist das Lachen Josephs dieses Träumers und Realisten, dem du so ähnlich bist. Immer sagen die Menschen, sie würden nicht vergessen, und schon während sie es sagen haben sie die Hälfte vergessen, aber ich will es nicht vergessen, ich will es schwarz auf weiß haben, ich will mich erinnern, was für ein Glück es ist, Dich zu kennen.