Heiß, heißer, Suppe!

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In Ehren gehalten wie Onkel A. wird auch die einhenklige Suppenschüssel

Nach der Aufklärungssprechstunde aber laufe ich schnell über den Marktplatz, zweimal links, dreimal rechts, dann ums Eck und schon an der Straßenecke rieche ich es: meine liebe C. hat ihre berühmte Suppe gemacht. Einen Rindermarkknochen nämlich kocht die liebe C. über Stunden auf kleiner Flamme, wirft Möhren und Erbsen, dazu und macht die besten Grießklösschen mit frischem Thymian und Ei, aber die kommen erst ganz zum Schluss in die Suppe. Dann zieht die C. ein braunes Gewürzfässchen nach dem anderen vom Regal und salzt hier ein bisschen,pfeffert dort, greift in so viele Tiegel und Töpfe bis sie irgendwann ganz und gar zufrieden ist mit der Suppe und dann muss die Suppe ziehen. ( Die Suppe allerdings kann nur so lange ziehen, wie ich noch nicht zurück bin.)

Schon also renne ich die Treppe hinauf, werfe Schal und Mantel über einen Stuhl, küsse die C. zweimal rechts und zweimal links, greife nach dem Löffel und beuge mich über den Topf. Dann ist es für eine ganze Weile still. Die C. lacht. Wir werden dich bald in das Fräulein Suppentopf umbenennen sagt sie und ich werde rot. Die C. holt warmes Brot aus dem Ofen und ich schöpfe uns die heiße Suppe in die Teller, Shabbat Shalom und dann schlürfen wir die glühende, wunderbare Suppe. Denn das ist Teil des Ganzen: Heiß muss die Suppe sein, einem die Zungenspitze ansengen und einen durchwärmen von Kopf bis Fuß in nicht mehr als 30 Sekunden. Die Haare müssen einem zu Berge stehen vor wohliger Wärme und die Wangen glühen rot wie hundertjährige Äpfel. Nie habe ich verstanden, wie Leute Suppe essen können, die mit gespitzten Mund die Suppe kühlen und fürchten sie mögen vergehen an der Glut, die jedem richtigen, echten und wahren Suppentopf innewohnt.
Ich nämlich komme aus einer Familie der Heißesser, schon bei meiner Großmutter dampften die Kartoffeln, so dass die Fenster beschlugen, Wiener Schnitzel, die sie einer gewaltigen gusseisernen Pfanne in brutzelnder Butter briet, zischten und fauchten, landeten sie mit Schwung auf dem Teller, der Grießkoch blubberte unter dem schweren Federbett und meine Großmutter legte noch eine heiße Wärmflasche obendrauf, niemals hätte meine Großmutter einen Braten anders als resch aus dem Ofen auf den Tisch gebracht und das Chili, das meine Großmutter konnte brachte Bauarbeiter zum Weinen und Stahl zum Schmelzen. Der Tee ( mit Kandis natürlich ) ließ das Glas knacken und die Hühnersuppe meiner Großmutter war ein Vulkan, der selbst einem weitgereisten Rabbi Schweißperlen auf die Stirn trieb. Meine Großmutter blieb unbeeindruckt. Nur einmal bat ein Gast um Kühlung der Speise, meine Großmutter aber warf ihm einen Blick zu, der von nichts Gutem kündete und sonst für Gäste, die mit dem Fischmesser ein Steak teilen wollten, reserviert blieb . „Ich kann nicht kalt kochen, sagte sie und der Gast sah verzweifelt auf seinen brodelnden Teller hinab. Wir aber die Heißesser schlürften genüsslich und schüttelten verständnislos den Kopf. Später erst sind mir Kaltesser begegnet. Der F. zum Beispiel rennt regelmäßig mit dem Teller zum Fenster um- man stelle sich das einmal vor- die Suppe zu kühlen und als ich vor Jahren in Madrid zum ersten Mal überhaupt kalte Suppe kredenzt bekam, unwissend aber und voller Vorfreude den Löffel tief hineintauchte, nur um auf einmal kalte Gurken und Tomaten in meinem Mund zu finden, hielt mich nur die Erziehung meiner Großmutter-Contenance mein Kind- davon ab, die Suppe auf den Tisch zu speien. Kalte Suppen aber kann ich nichts anderes als Misstrauen entgegenbringen. Kalte Suppen sind nur dem Namen, nicht aber dem Wesen nach Suppen. Sie trösten nicht, sie riechen nicht nach der Speisekammer, in ihnen liegt keine Seele, keine Familiengeschichten, wie die von Onkel A., der uns Kindern den Suppenkasper verdeutlichen wollte, dabei zu arg am Tischtuch riß und geistesgegenwärtig, nicht Leib noch Leben rettete, sondern die Suppenschüssel packte und so will es die Legende noch im Flug, mit gewaltigem Schlürfen und Schmatzen die natürlich wie bei Heißessern üblich, kochende Suppe verschlang. Ob das nun wirklich wahr ist, weiß ich nicht. Wohl wahr ist aber, dass Onkel A. immer rote Ohren hatte und die auf den Verzehr der guten Suppen schob und auch die Suppenschüssel, die heute in meinem Geschirrschrank steht, hat nur mehr einen Henkel. Ach, was waren das für Zeiten als auch ich unter überzeugten Heißessern lebte. Der Tierarzt aber der nicht isst, sondern pickt wie ein Vögelchen, hat den ersten Löffel Suppe erst dann verzehrt, wenn die Suppe längst Kaltschale geworden ist. Der Priester, mein sonntäglicher Mittagsgast pustet wie der irische Nordwind über das Roastbeef und rührt die Katrtoffeln erst an, wenn sie kalte Steine auf dem Teller geworden sind. Manchmal sieht er zweifelnd zu mir herüber: „Fräulein Read On sagt er dann, Sie verbrennen sich doch die Zunge.“ Ich meinerseits sehe voll Unglauben auf seinen Teller, auf dem nichts mehr brutzelt, keine Butter schäumt und keine Kartoffeln mehr dampfen. Zwar nicke ich freundlich zum Priester hinüber, aber im Grunde meines Herzens bin ich erleichtert, ein wahrer und echter Heißesser zu sein, Teil einer langen Kette von Menschen, die Speisen nie anders als brennend heiß verzehren. Onkel A. schließlich war derjenige, der am lautesten mit dem Suppenlöffel auf den Tisch schlug und anhob zu singen : vos habn mir tsu mitog haynt, fragt Yossele der mamen./mir vilt zikh ezen mamenyu, kartofzup mit shvomen. Wir sangen mit ihm und zuckten nicht mit der Wimper als uns der erste Löffel die Augenbrauen versengte, denn so muss es sein, nur so findet man in das Herz einer jedenSuppe.
Schließlich sind es wir die Heißessser, die auf die Frage nach heiß, heißer…. nie mit am heißesten, sondern immer mit „ Suppe!“ geantwortet haben, das Gesicht immer schon tief über den dampfenden Teller gebeugt, während auf dem Herd schon die Kartoffeln bollern und die Butter laut brutzelnd und prasselnd in der Pfanne zu schmelzen beginnt.

Der Reisende

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Pearse Station Dublin, Abends so gegen Sechs Uhr

Einen Reisenden gilt es zur Bahn zu begleiten. Der Reisende steht schon parat. Hut, Schirm, Mantel und Überseekoffer und ein missmutiges Gesicht gleich mit dazu. Ich bewundere den Überseekoffer. Der Reisende knurrt verächtlich: „Ein sperriges Ding. Besser wäre ich ohne ihn dran.“ Ich bezweifle das, aber so verächtlich wie der Reisende den Koffer durch den Kies zieht, schweige ich mich lieber aus.

Draußen scheint die Sonne. Das ist in Irland immer wieder ein Bemerknis wert. Niemand würde hier über den Regen sprechen, denn der Regen, Wind und Wellen schlagen uns doch ständig über die Füße. Die Sonne aber hier immer vermisst und als wahrhafte G*ttin verehrt, wird euphorisch begrüßt und völlig fremde Menschen auf der Straße werfen sich Sonnenkusshände und Sonnengrüße zu. Der Reisende will aber davon nichts wissen. „Die Sonne könnte ihm egaler nicht sein“, erwidert er auf mein euphorisches Juchzen und holte seine Sonnenbrille hervor und reicht mir Hut, Koffer und Stock an, um die Sicht auf die Dinge zu verdunkeln. Ich halte das Gesicht in die Sonne und einem stummen Diener gleich, Hut, Stock und Koffer. Dann gehen wir weiter. Eine Schulklasse spielt Fangen und der Reisende, nein der Reisende lächelt nicht großväterlich-milde, sondern seufzt und zieht heftiger an seinem Koffer, der den weißen Kies in hohem Bogen spritzen lässt. Der Reisende verzieht keine Miene, nicht über meine Ausführungen zum Bahnhofsnamen und der Irischen Revolution von 1916. Pádraig Pearse von dem man erzählt, er habe auf dem Weg zu seiner Hinrichtung gepfiffen, ist hier Namensgeber. Der Reisende schüttelt den Kopf. „Reichlich morbide, finden sie nicht?“ „Der Tod ist doch ernst genug“, sage ich aber der Reisende verscheucht Tauben mit dem Spazierstock und sorgt sich um den Erwerb einer Fahrkarte. Ich suche ihn zu beruhigen und betone in bester Gouvernantenart, dass ich ihm persönlich zusichere, ihm beim Erwerb einer Fahrkarte beizustehen. Der Reisende packt seinen Spazierstock fester und murmelt Undeutliches. Offenbar sieht er meine Fähigkeiten nicht primär im Erwerb von Fahrkarten. Dabei kann ich dem Reisenden doch versichern, dass ich jeden Tag den Zug benutze und stets eine gültige Fahrkarte in der Tasche habe. Der Reisende grunzt. Meine Ausführungen zur Pendelei zwischen dem kleinen Dorf und Dublin machen auf ihn keinerlei Eindruck. „Was wohnen Sie auch so weit draußen?“ bellt der Reisende und schüttelt den Kopf. Ich lache,“ die frische Luft“ sage ich und schon kommt der Wind mir zur Hilfe und weht den Hut vom Kopf des Reisenden herunter. Leider ist kein Hund zur Stelle, der fröhlich kläffend den Hut mit sich nähme und im hellen Sonnenlicht verschwände. So klopft der Reisende den Hut ab und beschwert sich über den Wind und die Welt, die allein darauf aus seien ihm das Leben schwer zu machen. Ich zucke mit den Schultern. Mit der scharfen Spitze seines Spazierstocks spießt der Reisende ein Stück loses Papier auf, das auf dem Weg vor uns herfliegt auf. „Überall dieser Dreck“ schimpft der Reisende und ich bewundere die Bestimmtheit und Geschicklichkeit mit der der Reisende, das Papier von der Spazierstockspitze in den Mülleimer befördert. Ich denke an Delhi, wo in den kalten Januar und Februarnächten die Menschen, die auf den Müllkippen leben, und sich mit Papierfetzen zu decken und Müll in Brand setzen gegen die Kälte und oft noch bevor sie die Wärme in den Fingern spüren, verbrennen. Der Zündfunken oft nicht größer als ein Bonbonpapier.

Der Reisende aber mahnt zu Eile und verkneift sich nur schwer ein „Was bummeln Sie so? Sie wissen doch, ich brauche noch eine Fahrkarte.“ Also hasten wir weiter. Vorbei an den schönen alten Magnolienbäumen der Universität für die der Reisende keine Augen hat, auch die Liebespaare auf der Bank sind dem Reisenden nichts und schon sind wir vorbei. Hut, Stock und Überseekoffer sind hier eine Einheit, sind Mauer gegen Welt und Sonnenschein. Auf dem Bahnhof sodann bekümmere ich mich um eine Fahrkarte für den Reisenden, der mit Argusaugen über seinen so gescholtenen Überseekoffer wacht und ungeduldig mit dem Spazierstock auf die Bodenplatten pocht. Mit Fahrkarte in der Hand kehre ich zurück, die der Reisende genau prüft, so als fürchte ich er, ich hätte eine Fahrt nach Genua bezahlt und nicht nach Belfast. „Zeitung?, Kaffee?“ frage ich und voller Entsetzen sieht der Reisende mich an. „Geldverschwendung“ erklärt und unterbreitet mir, dass er für schlechte Nachrichten nicht auch noch bezahlen müsse und führt aus, warum Kaffee zu den Nervengiften zu zählen sei und er einzig Getreidekaffee als Stimulanz zu sich nähme. Ich kaufe aus Trotz ein buttertriefendes Croissant und schwöre bei mir einmal ein Parfüm aus Druckerschwärze, Kaffeebohnen und der Großstadt frühmorgens um sechs zu entwerfen. Dann fährt der Zug ein, der Reisende greift erneut nach Hut, Stock und Überseekoffer und eilt dem Zug entgegen- eine Platzreservierung hat er natürlich, aber das heißt doch nur, dass der Reisende mit der ganzen Härte eines Fetzens Papier erworbene Recht mögliche Bösewichte vom Platz zu vertreiben, in Anspruch zu nehmen gedenkt und schon entfernt sich der Reisende aus meinem Blick. Meine Abschiedshonneurs nimmt er mit einem kurzen Nicken entgegen und steigt in den kaum zum Halten gekommenen Zug.

Ich beiße in das Croissant, und sehe in die Zeitung, dann rollt der Zug langsam aus dem Bahnhof heraus und ich nicke noch einmal: „Leben Sie wohl“, sage ich leise, denn nur dazu sind Bahnhöfe eigentlich erfunden worden: für Abschiedsszenen, für ein weißes Taschentuch, für das kurze Zurücktreten von der Bahnsteigkante, für ein geflüstert, gehauchtes, gebrülltes, „Lebewohl“ in dem der Traum von der großen Welt, Schiffspassagen und dem Glück am anderen Ende der Welt, so wirklich ist, wie selten sonst. Erst dann drehe ich mich um, und trete zurück in die Welt in der noch immer die Sonne scheint.Der Zug hat den Bahnhof bereits verlassen.

Zum goldenen Kalb

Manchmal aber besonders heute, schniefend und hustend auf dem Sofa liegend, neben mir ein Everest von Taschentüchern und eine Schale selbstgebrauten Tees des Tierarztes in der Hand haltend, in dem Birkenrinde und altes Moos mir angeblich zur Genesung verhelfen wollen, stelle ich mir vor ich wäre jemand ganz anders. Auf keinen Fall wäre ich nämlich dann das immer etwas angestrengt umher eilende Fräulein Read On.img_0417-2

Wäre alles ganz anders als es ist, dann wäre ich Fleischhauerin und hätte eine eigene Metzgerei. Niemals wäre ich, wie es in der Tat der Fall ist, immer fast schon zu spät, sondern in einem kleinen Dorf in der Wetterau oder im Hochschwarzwald, schlüge die Kirchturmuhr immer genau dann neun Uhr, schlösse ich mit einem großen Schlüssel die Ladentür auf. Groß wäre ich und natürlich stattlich. Blonde Haare hätte ich, die zu schweren Flechten um den Hinterkopf gelegt, auf das Vortrefflichste zu der gestärkten weißen Schürze passte, die ich trüge. Auf der Schürze aber stünde nicht etwa eitel, der Name meines Geschäfts, sondern zwei goldene Rostbratwürstel zeugten von meiner Profession, wie beim Bäcker die vergoldete Brezen vor der Tür. Die Metzgerei hieße „Zum Goldenen Kalb.“ Weiß gekachelt wäre der Ladenraum und nur eine Zierleiste mit blauen Delfter Kacheln auf denen unter Windmühlen, Kühe grasen, sorgten dafür das es im „Goldenen Kalb“ ganz und gar nicht steril aussähe. Alberne Porzellanschweinchen aber hätten dort nichts suchen. Schwere Schinken und geräucherte Würste hingen an glänzenden Kupferhaken aufgereiht anstelle von Urkunden und Meisterprüfungen hinter der Vitrine. In der Schaufensterauslage aber läge wöchentlich wechselnd ein Paradestück. Prächtige Schweinshaxn und dann wieder ein gespickter Rehrücken oder auch ein prächtiger Kapaun. Befriedigt stützte ich die Arme in die Hände, ob der appetitlichen Sauberkeit und der Fülle der Auslage und winkte täglich um 9.10 Uhr dem Bürgermeister auf dem Weg ins Rathaus zu. Natürlich führten alle Wege der kleinen Stadt am „Goldenen Kalb“ vorbei, denn so war es schon immer gewesen und immer würde es genau so sein. Berühmt wäre das „Goldene Kalb“ natürlich wegen seiner hauchdünn gesäbelten Kalbschnitzel, seines Kalbsgulasches und seinem in Milch geschmorten Kalbsfilet. So ein Name kommt ja nicht von ungefähr und von weit her kämen die Leute angereist, nur um auch einmal ein in weißes Papier gewickeltes Stück Fleisch in Empfang zu nehmen. An der Ladentheke selbst aber stünde ich nur noch selten, etwa wenn der Bürgermeister am Freitag nach Ende der letzten Sitzung eine Leberwurst wünschte oder gar nach etwas Hausgeselchtem verlangte. Trotzdem hätte ich die beiden Ladenmädchen aus den Augenwinkeln genau im Blick. Natürlich würden sie es niemals zu der Meisterschaft bringen, die es nur den Inhabern des „Goldenen Kalbs“ erlaubt 500 Gramm Gehacktes exakt und auf den Punkt abzuwiegen, ohne auch nur die alte Messingwaage anzusehen. Gleiches gilt auch für das Absäbeln der Kalbsschnitzel, durch die das Messer wie durch Butter fahren muss, atemlos sähen Kunden wie Ladenmädchen zu und mit wohlwollenden Lächeln, nickte ich den Ladenmädchen beim Einschlagen der Ware zu und schnitte derweil eine Scheibe Lyoner für den vor der Tür hechelnden Hund der Zugehfrau des Bürgermeisters ab. Eigentlich aber versuchte ich mich an neuen Rezepten: eine mit Kräutern gefüllte Bratwurst vielleicht oder eine Sülzenvariante mit Äpfeln und Speck. Schon Urgroßmutter Kalb selig pflegte zu sagen: „Ein jeder muss sich sein goldenes Kalb verdienen.“ „Das Goldene Kalb“ war schließlich schon immer fest in Frauenhand gewesen und wer je Großmutter Kalb mit dem Fleischbeschauer hat verhandeln sehen, der weiß auch warum. Fragen an die Welt hätte ich keine. Ist die Welt nicht vortrefflich geordnet in Keule und Filet, Kotelett und Nierenstück? Sind nicht Schulter und Vorderkeule exakt aufeinander abgestimmt? Ist die Wohlgeordnetheit von Speck, Rippe und Bauch denn zu übertreffen? Für etwagige Fragen gibt es ja immer noch das von Generation zu Generation überlieferte Rezeptbuch derer zu Kalb. Begonnen anno 1703 mit dem denkwürdigen Motto: „Kalb sei unser Leben!“ Von dort an sorgsam geführt und achtsam bewahrt für die kommenden Generationen. Hatten sich die dort begonnenen Rezepte nicht bewährt? War dort nicht alles aufgeschrieben, was es braucht um das „Goldenen Kalb“ sicher und ohne allzu arges Schwanken durch die Zeit zu führen?“ So ausgerüstet, wäre ich kaum der elende Zweifler und Zauderer, der Lippenbeisser und Nachtswachlieger geworden, der ich schließlich noch immer bin. Nein das „Goldene Kalb“ erforderte Strenge und praktische Umsicht. Schließlich kommt des Mittags genau Schlag Zwölf das Rathaus geschlossen zum Mittagstisch. Montags: Rostbratwürstel mit Sauerkraut aus dem großen Fass unten im Keller, Dienstags, Kalbsleber mit Kartoffelstampf, Mittwoch: Tafelspitz mit Kren, Donnerstags: ein resches Gulasch und Freitags schließlich: ein Markknochen in deftiger Brühe. Nicht nur zu Weihnachten oder zu Ostern stünden die Käufer, Schlange, sondern selbst die Kurreisenden der Umgebung ließen sich sozusagen auf Rezept einen Zipfel Salami oder eine gewaltige Scheibe Apfelleberpastete mitgeben. Manchmal erreichten mich Karten aus fernen Weltgegenden und man bestellte mir Grüße versehen mit der Bemerkung, das der Schinken auch hoch auf dem K2 vorzüglich mundete und die Blutwurst im Glas auch in Südafrika gut angekommen sei. Ein ganzer Wäschekorb solch bunter Karten stünde in der Remise und ich wäre wohl doch mehr geschmeichelt als ich es mir selbst eingestünde. Vielleicht sänge ich Donnerstags Abends im Kirchenchor, auch wenn der schönste Choral niemals so mein Herz erweichte, als es das Surren des Fleischwolfs vermag.

Verheiratet wäre ich wohl auch als Fleischhauerin nicht. Dafür aber käme der Bürgermeister jeden Freitag Abend gegen Acht Uhr zu mir nach Haus. Ein paar Kalbsschnitzel holte ich resch aus der Pfanne und der Bürgermeister breitete eine weiße Serviette auf seinen Knien aus. Ich ließe mir etwas aus dem Rathaus erzählen und fügte Klatsch aus dem „Goldenen Kalb“ hinzu. Da säßen wir beiden und manchmal aber nicht öfter als zwei- oder dreimal im Monat küssten wir uns auch. Bevor wir begönnen, verlegen zu werden, holte ich schnell Wellfleisch und Grahambrot aus der Küche und schon wäre alles beim Alten. Sonntags führen wir manchmal in die Berge und schauten in die Ferne. Kritisch beäugte ich die Speisekarten und äße nur Käsespätzle machten wir Rast, denn niemals würde ich je ein Stück Fleisch anrühren, dass nicht unter meinen Händen kritisch geprüft und für gut befunden worden wäre.
In der Nacht aber schliefe ich tief und fest und nur manchmal stünde ich auf, träte ans Fenster und sähe hinüber auf die andere Seite des Marktplatzes, wo seit Jahrhunderten schon und unverändert in großen Lettern „Zum Goldenen Kalb“ auf das Geschäft verwiese, für dessen Namen ich selbstverständlich stünde ununterscheidbar und unbeirrt, das alte Buch in der Lade gleich rechts, neben der Kasse beständiger Beweis.

Über diese Gedanken aber ist viel Zeit vergangen und der Tierarzt sieht etwas verwundert zu mir herüber: „Woran denkst Du?“ fragt er und zeigt auf den Tee, den es möglich heiß zu trinken gilt. „An ein Dasein als Fleischhauerin, genauer gesagt als Inhaberin der Metzgerei „Zum Goldenen Kalb“. Äußerst irritiert, sieht der Tierarzt mich an: „Eindeutig Fieber“ murmelt er auf dem Weg in die Küche, um erneut Tee anzusetzen.

Drei Jahre, danach.

An der Tür gibst du mir die Wohnungsschlüssel. Ich nicke und Du sagst nichts. „Ich melde mich“ sage ich und stehe noch einen Moment vor dem Haus. Kalt ist es, ein feuchter Nebel legt sich über alles und verschluckt bald schon dich. Ich drehe den Schlüssel in meinen Händen und gehe hinauf. Die ganze Wohnung ist schon leer. Nur dieses eine Zimmer ist noch immer verschlossen, noch immer da. Ich stecke den Schlüssel ins Schloss. Drei Jahre hat er bei mir im Schlüsselkorb gewartet, hat gewartet auf diesen Tag. Auf den Tag an den du mich anrufen würdest und sagtest: „Kannst du kommen“ und schon vor drei Jahren wusste ich, von wo auch immer, ich würde kommen.

Der Tag an dem du mir den Schlüssel gabst, war ein heißer, stickiger Junitag. Wir, die mit dir auf dem Friedhof standen, schwitzten in schwarzen Kleidern und Anzügen. Der Pfarrer fragte mit balsamierter Stimme: Wie beerdigt man ein Kind?“ Dann folgten lauter banale Sätze, die nichts mit deinem Kind und nicht mit dir und nichts mit uns allen zu tun hatten, die so obszön und falsch waren, wie die brennende Sonne, die uns alle schwindelig machte. Vielleicht war dieser bodenlose Schwindel das einzig angemessene Gefühl. Damals in den dunklen Wochen, die kamen, gabst du mir den Schlüssel zu seinem Zimmer. Ich verstand und ich sagte: ich werde kommen. Du gingst, fort aus Berlin, und natürlich ging alles unter. Deine Frau ging, dein Beruf ging und wir ich weiß nicht, ob wir dich hätten enger bei uns halten sollen, aber da warst du schon fort und immer wieder hörte ich von Dir aus Canada oder Neuseeland und irgendwann erzählte mir F., dass du wieder als Arzt arbeiten würdest. Ich wartete und du riefst an. Ich drehe den Schlüssel im Schloss herum und als ich die Tür öffne fliegt ein Krähenschwarm nach oben. Ich sage den Namen deines Kindes, das doch nicht denken soll, es würde nicht gefragt. Ich muss üben bis mir sein Namen wieder von den Lippen kommt und ich stehe im Türrahmen und sage: „Mäuschen, erinnerst du dich noch an mich, ich bin es Read On, die für dich das Faultiergesicht machte, diese schreckliche Grimasse über die du dich kringeln konntest vor lachen. Ich glaube du erinnerst dich. Ein halber Sonnenstrahl im Fenster. Mäuschen, sage ich, komm wir machen das zusammen und dann stehe ich im Zimmer. Drei Jahre. Auf dem Schrank sitzt das Äffchen, das schenkten F. und ich dir zur Geburt und es guckt so drollig ganz genau wie du. Die nächsten Stunden packe ich Kinderkleider ein, staple Bilderbücher in Kartons, sortiere Spielzeug in Kisten und erzähle mit dir Mäuschen, denn nichts ist unangenehmer als wenn jemand ungefragt in den eigenen Dingen wühlt. Ich erzähle dir von deinem Vater mit dem ich damals dein Zimmer strich und der die weltbeste Bolognese kochte. Ich erzähle dir alles was ich weiß von ihm und das ist weniger geworden in den letzten Jahren, aber niemand Mäuschen hat ein Recht so viel zu wissen, wie nur du. Unten auf der Straße kommt die Müllabfuhr und ich baue dein Bett auseinander. Du hast nicht gern in ihm geschlafen und das kann ich gut verstehen, denn als ich so klein war, wie damals du, schlief ich am liebsten neben meiner Großmutter und niemals habe ich besser geschlafen als neben ihr. Du warst ein weise Kind und schliefst wie alle Kinder es tun am liebsten und besten neben deinen Eltern ein. Ich nehme das Äffchen vom Schrank und es baumelt mit den Beinen. „Mäuschen“ sage ich und denke an dich, denke nur an dich, das ist der Schrank schon ein Berg voller Leisten. Denke an die quälenden Nächte im Krankenhaus und dein kleines Gesicht, so verloren und so unendlich mutig. Immer verlangtest du nach dem Faultiergesicht. Für niemanden, habe ich es seitdem gemacht und die Nichtenkinder gaben irgendwann auf. Das war mein Gesicht für dich und im leeren Zimmer mache ich es wieder für dich und für dich allein. Du lachst. Ich wusste es. Bilder, dein Lieblingsbuch, ein paar Sachen und Lieblingsstücke, kommen in einen extra Karton. Eines Tages, Mäuschen, es ist nur ein Frage der Zeit, kommt er zurück zu deinem Vater und deiner Mutter. Sie werden mich schelten, dass ich genau das Falsche behielt. Wie immer Mäuschen bin ich auf deine Nachsicht mit mir angewiesen. Irgendwo im Haus spielt jemand für Elise. Ich singe es also mit für dich. Damals Mäuschen, als da so viel Schmerzen waren in dir und wir so hilflos vor dir standen, da sangen wir alle wechselnd Nacht für Nacht. Wir singen anders heute und Mäuschen, wir singen lauter heute, damit du uns auch hören kannst. Dann kommen die schweren Jungs, die Karton um Karton verladen und in ein Kinderheim fahren. Du warst ein so großzügiges Kind und niemals habe ich dich sagen hören: „Meins“.

Die Kartons sind verladen und ich unterschreibe einen Zettel, den ich nicht wirklich sehe und dann ist der Raum leer, bis auf das Äffchen und Dich und dich und immer so weiter.Eine Taube gurrt auf der Fensterbank und ich denke an dich und denke und denke. Danke Mäuschen, sage ich dir noch einmal ins Ohr. Den Schlüssel lasse ich in der Kinderzimmertür und die Tür bleibt offen. Erst unten bei den Mülltonnen, weine ich und denke, damals in dieser klebrigen Hitze, dass ich hätte nach vor gehen müssen und dem schauderlichen Pfarrer hätte zur Seite drängen sollen, denn niemand kann ein Kind begraben, niemand kann Dich Mäuschen beerdigen, niemand kann über die Leere hinwegkommen, die ist seit dir und niemand hätte das über dich, dich lachendes, gurrendes, singendes Kind je sagen dürfen. Erwachsene glaube ich versagen immer an den wirklich entscheidenden Stellen, aber Mäuschen wir sind voller Sehnsucht nach Dir und später sitzen dein Vater und deine Freunde zusammen, deine Mutter ruft an und alle, Mäuschen, wir alle sitzen und lachen und weinen und irgendwo sitzt du, in der Mitte immer da, wo man am besten sieht, am sichersten schläft, alles hört und umgeben ist, von immer warmen Händen, unsere Hände, Mäuschen suchen nach dir und werden dich finden.

Im Schnee

img_1015-1Mit dem Winter und mir ist es ja so eine Sache. Aufgewachsen in Breiten in denen es oft seit Jahrzehnten nicht mehr geregnet hat und niemals schneit, ist der Winter mir mit seiner klirrenden Kälte, Schnee und spiegelglattem Eis immer fremd geblieben. Mich schaudert davor mit einem Schlitten, Berge herunterzurasen und mögen andere von Skiabenteuern schwärmen, sehe ich riesige Lawinen die Abhänge herunterrasen, die Bäume umknicken, nur um schliesslich auch Skifahrer wie Streichhölzer zu zerdrücken. Niemand konnte so wie Onkel A. vom Mädchen mit den letzten drei Schwefelhölzchen erzählen, noch heute erinnere ich wie mir frostige Schauer über den Rücken liefen, deklamierte er, dass sie nun gar kein Hölzchen mehr habe und meine Großmutter, die mir vom bucklicht Männlein und dem flackernden, blauen Irrlicht las, trug ihr übriges dazu bei, dass ich mir die Hölle nie als glühenden Kessel vorstellte, sondern immer als einen Palast aus Eis und Schnee, in dem die Einwohner nicht als Eiszapfen lutschen und vor Lawinen flüchten, aber natürlich angeführt vom Irrlicht im ewigen arktischen Eis verloren gehen.

So nimmt es nicht Wunder, dass schneit es selbst im flachen Berliner Randgebiet, mein Bein zuckt, selbst wenn die Uhr erst 5.15 Uhr zeigt. Vor meinem inneren Auge sehe ich Fußgänger auf dem Schnee vor der Straße ausgeleiten und mit verdrehten Gliedern um Hilfe schreien, Schulkinder schlagen sich die Nasen blutig und der von mir meist gehassteste Radfahrer Berlins, der grundsätzlich auf dem Fußweg fährt und anstatt zu klingeln, plärrt: „Hey, Sie Ziege, Platz da“ fällt kopfüber in eine Schneewehe und ich kann, sollte dieser Fall eintreten nicht dafür garantieren, dass ich ihm milde und nachsichtig aufhelfe. So hülle ich mich in Mantel und Schal und steige in ein Paar Stiefel, die so aussehen als sei Rübezahl in ihnen über das Riesengebirge gestiegen und kehre Schnee und streue Sand. Ganz still liegt die Straße im dichten Schnee und die Welt hat etwas Gedämpftes. Ganz hinten dort wo die Straße auf die Rehwiese mündet, flackert ein blaues Licht und bestimmt will mich das bucklicht Männlein in eine Tannenschonung locken. Aber dann gerade als ich mich vergewissern will, kommt der Nachbar zur Linken aus dem Haus. Er flucht. Er flucht sogar sehr. Sein Auto nämlich, auch genannt das Schlachtschiff, ein sehr, sehr alter Mercedes hat ein eingefrorenes Schloss. Nachbar sage ich, warten sie, ich hole T1-Spray. Wer T1 Spray und Tampons in der Tasche hat, ich schwöre ihnen überlebt selbst eine Nacht in der Lawinen dräuen und die Pinguine tanzen. Natürlich lässt das Schloss sich problemlos öffnen und freudig braust der Nachbar davon. Natürlich braust der Nachbar nicht, denn auf dem Schlachtschiff prangt ein roter Aufkleber: „Ich fahre nicht schneller als 100 km/h. Das nicht ist doppelt unterstrichen. Sollten sie also Fragen zum Benzin sparen haben, mit dem dem Nachbarn zur Linken können sie auch das abgelegenste Skigebiet mit minimalem Verbrauch erreichen. Dann aber ist es sechs Uhr und ich muss Frühstück richten für die Vogelgesellschaft die allmorgendlich auf dem Balkon erwartungsvoll die Schnäbel reckt.

Am Nachmittag klingeln die Kinder von nebenan. „Duuuuuu Read On“ können wir in deinem Garten, einen Schneemann bauen?“ „Jaaaaa“, sage ich und dann kommt F. Der F. will auch einen Schneemann bauen und will natürlich, dass ich auch einen Schneemann baue. Ich steige wieder in die Rübezahlstiefel. Natürlich baut niemand einen Schneemann, sondern biege ich um die Ecke, fliegen mir lauter Schneebälle unter Gekicher entgegen. Angeführt wird die Bande natürlich von F. Ich werfe also Schneebälle und der F. schaufelt wie ein Besessener Schneebälle, die er der Kinderschar als Munition anreicht. Irgendwann liege ich im Schnee auf mir hüpfen sieben Kinder und F. springt wie ein Berserker um mich herum und kreisch,: „Ergib dich der Übermacht!“ „Niemand denke ich, während ich versuche ein Kinderknie aus meinen Rippen zu entfernen, ist so sehr acht Jahre alt wie Du F.“ und für einen kurzen Moment denke, wie es wäre wenn, aber das verbietet sich von selbst, denn wenn ist schon lange vorbei.

Dafür lerne ich, dass wer von einer Schneeballarmee besiegt wird, Kakao und Waffeln anrichten muss und bald sitzen sieben Kinder und als achtes F. mit roten Wangen, vor Kakaotassen und verschlingen Waffelberge. Erzählst du uns eine Geschichte Read Ooooooon?, fragen sieben Kinder und natürlich F. Schon bald also sind wir nicht mehr in Berlin, sondern folgen dem bucklicht Männlein mit seiner flackernden Laterne und irgendwo im Riesengebirge treffen wir Rübezahl, den Herrn der Berge , der Lawinen schleudert, den Wilddieb verfolgt und noch im tiefsten Schneesturm- selbst ohne T1 Spray niemals verloren ist. Schließlich klopfen die Eltern und für einen Moment glauben sieben Kinder und auch der F., dass der Berggeist selbst Einlass begehrt. Dann beginnt es wieder zu schneien und ich nehme noch einmal Besen und Sandeimer mit vor die Tür.

Seitenscheitel

Am Freitag Morgen sitzt F. der freundliche Gefährte früherer Tage mit grimmiger Miene am Frühstückstisch und besieht sich im Teelöffel. Alles in Ordnung F.? frage ich also über den Rand der Zeitung hinweg, denn der ehemalige, geschätzte Gefährte hieße nicht so, läge mir sein Wohlergehen  nicht am Herzen. Der F. rauft sich die Haare. Der F. nämlich hat anders als ich nicht Haar wie ein Shetlandpony, das störrisch fällt wie es will, sondern einen Lockenkopf, der jeden Satyr vor Neid erblassen ließe. Gestern aber fuhr sich F. missmutig durch sein prächtiges Haar und befand, dass diese Locken zu unernst, ja unseriös wirkten und keinesfalls dazu geeignet seien, bei anderen Chefärzten, dem Verwaltungsdirektor, oder gar einem geschniegelten Vertreter der Ärztekammer einen festen, ernsthaften und seriösen Standpunkt zu vertreten. Ich falte die Zeitung zusammen und sehe dem F. beim Haare raufen zu. Ach, F. denke ich, Du, der du für die Kinder im Krankenhaus einen Luftballon hinter dem Ohr hervorzauberst und mit den Reinigungsfrauen schäkerst bis sie erröten wie die jungen Mädchen, du der du mit den alten Patientinnen, auf die Toilette gehst, weil die Schwester doch auch nach dem dritten Klingeln nicht kommt und dabei so hartnäckig mit ihnen flirtest, dass sie dir sagen: „Aber nicht gucken, junger Mann!“, du wirst doch niemals ein grauer Anzugträger werden mit glattem Haar und glitschigem Charakter. Weißt du nicht mehr, wie du nach einer diesen Höllenschichten, nach Hause kamst, um mich für eine Patientin, die das Krankenhaus nie wieder verlassen würde, einen Kuchen backen ließest? Du, der du den weinenden Schwesternschülerinnen erst Kakao und dann Nachhilfe im Kathederziehen oder Zugang legen gibst, glaubst es komme auf die Haarlänge an? Aber wohlweislich, nicke ich Dir nur zu, seufze mit dir und laufe los, denn der Tag wartet auch nicht auf mich. Spät am Abend, liegt ein Zettel auf dem Tisch: Friseurtermin, 17 Uhr, aber 17 Uhr ist lange schon vorbei, du im Krankenhaus und ich mit anderen Dingen befasst. Am Samstag Morgen schläfst du noch. Ich fahre auf den Markt und ratsche mit Herrn Yilmaz, kaufe Käse, Brot und einen Topf mit Traubenzillas. Dann treffe ich die B. auf ein Stück Torte und als ich zurück nach Hause komme, sitzt du am Schreibtisch. Von hinten siehst du aus wie ein frischgeschorenes Lamm. Sehr seriös sage ich, jeder Verwaltungsdirektor wird vor dir auf die Knie sinken und keine einzige Stelle einsparen. Der F. aber ächzt. Wo einmal wilde Locken waren, ist jetzt ein strammer Seitenscheitel. Der F. sieht mich unglücklich an. Vor ihm auf dem Schreibtisch steht das aufgeklappte Notebook. Der F. googelt Hitlerbilder. F. sage ich nun doch verwundert:“Warum googlest ausgerechnet du Hitlerbilder?“ Der F. ist starr vor stummen Entsetzen. Er deutet auf den Seitenscheitel und dann auf ein Hitlerbild. „Siehst du es nicht?“, fragt er mich mit vor Empörung bebender Stimme. „Was?“ frage ich und verräume den Käse in den Eisschrank und das Brot in den Kasten. Der F. befühlt den Scheitel und sieht erneut auf die zahlreichen Hitlerbilder. „Der Scheitel“ wispert er schockstarr, „ist doch exakt der gleiche“ und deutet mit zitternder Hand auf das Notebook bevor er sich den Kopf befühlt. Ich stelle die Traubenzillas auf die Fensterbank und der F. erhebt sich taumelnd und wankt ins Bad. Der Badezimmerspiegel zeigt ein Schaflamm mit hoher Stirn. Der F. aber nun geschlagen von höheren Mächten sinkt auf den Badewannenrand und flüstert: „Ich sehe aus wie Adolf Hitler.“ Ich versuche mehr zu hüsteln als zu kichern und erinnere das traurige Schaflamm auf dem Wannenrand an die Uhrzeit. Der F. taumelt zu Tasche und Kittel und verflucht sein Spiegelbild. „Eindeutig Hitler“ murmelt er, bevor die Tür hinter ihm ins Schloss fällt. Aber sorgen sie sich nicht, so sie sich heute auf einer Aufnahmestation einer großen Berliner Klinik befinden sollten. Der nun streng gescheitelte und kurzgeschorene daher gehende F. hat keine bösen Absichten und fasst er sich hinters Ohr zieht er keine bösen Pamphlete dahinter hervor sondern nur einen Luftballon, ob sie nun, acht, achtundzwanzig oder achtundachtzig Jahre alt sind oder gar als Verwaltungsdirektor befinden viereinhalb Minuten pro Patient seien doch ausreichend genug.

Eine große Liebe

Das Nichtenkind zieht meine Augenlider nach oben: „Du bist wach“ sagt sie. Es ist halb sechs sagt der Wecker und auf meinem Brustkorb kniet ein kleines Mädchen im Schlafanzug, darüber trägt es ein lila Tutu und natürlich dürfen die obligatorischen Feenflügel nicht fehlen. In der Hand hält sie den alten Bären, den ich ihr, als sie geboren wurde ans Kopfkissen setzte. Auf ihrem Kopf etwas schief eine golden-glänzende Krone. „Was wollen wir machen?“, frage ich die kleine Königin. „Zeig mir das Buch“ sagt sie und ich gähne, greife nach dem Morgenmantel und ziehe das große, schwere Buch, das eigentlich ein Ausstellungskatalog über die Tudors ist aus dem Regal. Wir besehen Elisabeth I und ich darf nur sehr, sehr langsam blättern und soll zu jedem Bild eine Geschichte erzählen. Zum Glück bekommen auch kleine Königinnen irgendwann einmal Appetit. Das Nichtenkind frühstückt Honigsemmeln und Kakao. Auch Bär, ihr Kanzler bekommt ein Gedeck. Schließlich taucht auch Kater Mau in der Küchentür auf und macht große Augen. Als Palastköchin sollen auch die Katzen nicht darben und so schleckt Mau Milch von einer Untertasse mit Goldrand. Im Badezimmerspiegel übt die kleine Königin den Herrschaftsgestus Elisabeths. Ernsthaft und hochkonzentriert. Es staunen Bär, Kater Mau und ich.

Im Wohnzimmer knien der Neffe und die beiden großen Nichten, neben F. auf dem Boden. Um sie herum ein Meer von Legosteinen. Die Mali-Tant thront im Sessel und macht der kleinen Königin eine elegante Frisur: „Geh fesch bist Du, viel schöner wie die Sissi.“ Schwesterchen will Chia-Brei, der Schwager lieber Porridge, F. und alle anderen ein Ei und gebratene Tomaten. Die Mali-Tant dann auch. Die Palastköchin serviert Frühstück ohne auf einem Legostein auszugleiten. Die Lego-Bauer essen hastig und kehren sogleich an ihre Baustelle zurück, die in etwa den Umfang des Assuan-Staudamms erreicht hat. Was genau das Bauwerk auf dem Boden einmal sein mag, kann ich nicht sagen. Es ist weder Polizeistation noch Ritterburg, sondern ein seltsames Gerät aus dem mir gänzlich fremden Star Wars Kosmos. Auf dem Bild sieht es aus wie eine sehr große, fahrende Suppenschüssel. Für diese Bemerkung ernte ich entsetzte Blicke. Der Neffe teilt die Lego Sklaven Bauer in kleinere Arbeitsgruppen ein. Die Mali-Tant feuert an. Die Königin malt lieber an einer Schlossparkskizze, ich reiche dann und wann Erfrischungen und halte Kater Mau ab, die Baustelle zu stürmen. Mau ist beleidigt. Vorwurfsvoll mauzend liegt er auf der Fensterbank und lässt eine Pfote zornig gegen die Fensterscheibe knallen. Von der Mali-Tant lasse ich mir Großmuttergeschichten erzählen. Für einen schönen langen Moment bin ich noch einmal acht Jahre alt. Dann bricht Mau aus der Küche aus und stürmt entschlossen den Steineberg. Aufregung. Geheul. Geschrei. Nur die kleine Königin vertieft ins Zwiegespräch mit Kanzler Bär ist unbeeindruckt vom Tumult und der erneuten Exilierung Kater Maus’.

Am Nachmittag gehen Schwesterchen und Kinderschar zum Besuch von Freunden. Ich lege mich vor der Nachtschicht noch einmal hin. Die Mali-Tant tut es mir gleich und selig schlafen wir beide. Kater Mau allein liegt grimmig im Arbeitszimmer und hadert mit dem Schicksal. Später längst wieder wach und Latkes bratend erzählt mir Schwesterchen vom Ausflug. Der Bub der Familie nämlich ob nun überfordert von Festlichkeit oder nur im Schokoladenkoma lag heulkreischend vor dem imposanten Tannenbaum und tobte. Die umstehenden Geschwister, Familie und eben auch Schwesterchen nebst Kindern war nun hineingeworfen in einer jener Szenen, die Weihnachten zu Katastrophen werden lassen, weil sie wohl nur schlecht ins Selbstbild feiner Festlichkeit zu passen scheinen. Der Bub also rollte sich auf dem Boden kreischte und schrie und heulte. Die Mutter peinlich berührt, der Vater hilflos, die Geschwister hämisch und die Gäste zu Eis erstarrt. Plötzlich aber tritt eine kleine Königin vor. Nicht mehr im Schlafanzug, sondern in voller Montur: ein grellpinkes Rüschenkleid, blinkende lila Schuhe, natürlich die goldene Krone und die geliebten Feenflügel. Fest in einer Hand natürlich Kanzler Bär. Die kleine Königin also setzt sich neben den Buben und tippt ihm auf die Schulter. „Du“ sagt sie, willst du nicht lieber mit mir spielen?“ Der Bub, so meine Schwester drehte sich auf den Rücken und sah die kleine, glitzernde Königin. Dann rappelte er sich auf und das Nichtenkind stellte ihm Bär vor. Einträchtig verzogen sich die Kinder und die Erwachsenen, so die Königin später zu mir, redeten sehr langweilige Erwachsendinge. Von der Nachtschicht heute früh zurückgekehrt, liegt die kleine Königin in meinem Bett. Sehr vorsichtig nehme ich die Krone von ihrem Kopf und sehe erst dann den Teller mit Marzipankartoffeln und Latkes auf dem Bücherstapel stehen: Du sollst nicht hungrik ins Bett, steht da drauf. Die königliche Notiz ist natürlich auf einem pinken Papier geschrieben. Sehr vorsichtig ziehe ich die kleine Königin in meine Arme, Bär der Kanzler sitzt auf dem Kopfkissen und am Fußende zusammengerollt, schläft Mau, inzwischen trägt er eine rosa Schleife und neben ihm liegen mehrere erjagte Legosteine. Die kleine Königin schläft tief und fest.

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Der treue Kanzler Bär in Diensten der kleinen Königin.