Dresden.Unter der Asche.

Der Tierarzt sitzt am Küchentisch und liest. Konzentriert liest er , denn der Tierarzt ist ein ernsthafter Mann. Niemals würde er wie ich, drei Bücher auf einmal lesen und dazu noch einen Apfel und Nussschokolade essen. Der Tierarzt sitzt schweigend über das Buch gebeugt und liest. Victor Klemperers Tagebücher, mein Weihnachtsgeschenk an ihn. Ich indes stehe an der Anrichte und schäle Kartoffeln und Möhren, denn schon braust die Orgel und das heißt das bald der Priester zum Sonntagstisch kommt. Der Wind brüllt und im Radio spielt jemand das Dritte Klavierkonzert  von Rachmaninoff. Dann sieht der Tierarzt auf. „Ist Dresden eine schöne Stadt?“, fragt er und mir fällt das Messer aus der Hand. Aber der Tierarzt fragt mich noch einmal und ernsthaft: „Ist Dresden eine schöne Stadt?“ Ich sehe den Tierarzt an.

Vor drei Jahren war ich das letzte Mal in Dresden, auf dem Weg nach Prag wie so oft. Die Wohnung von A. zweifellos schön, an der Elbe gelegen und ich lief morgens am Fluss entlang, viele Kilometer. Natürlich möchte ich dem Tierarzt sagen, ist Dresden eine schöne Stadt. Ein Spaziergang auf dem Weißen Hirsch. Schöne Häuser, geleckte Straßen, überhaupt immer wieder das Elbufer, Schloss Pillnitz und abends zum Konzert in die Frauenkirche. Ich habe vergessen welches Konzert. Rachmaninoff aber war es nicht. Ich saß schräg links neben einem Engel mit Trompete. Das Grüne Gewölbe. Natürlich schön. Schön ist kein Wort für die Prachtentfaltung. Der Audioguide schallerte dementsprechend auch von Raum zu Raum lauter, dass jetzt das Schönste und Allerschönste und Besonders Schöne käme. Ich stellte ihn ab und bewunderte die halbautomatische Spinne und langweilte die liebe C. glaube ich gründlich mit Ausführungen über die Kakaokultur am sächsischen Hof. Wir fuhren nach Hellerau und ich war im Glück. Kafkas wegen und weil die Sonne schien. Die C. und ich aßen Eis und später saßen wir wieder an der Elbe mit A. und Freunden und aßen sehr, sehr guten Käse aus Pfund’s Molkerei. Der Tierarzt nickt und ich streiche mir über die Stirn, denn den Satz Dresden ist eine der schönsten Städte der Welt, den die Stadtführerin sagte, der blieb an mir hängen, ein Haken in der Haut.

Nicht nur weil er forsch vorgetragen war, trotzig fast, sondern weil er auf eine Frage antwortete. Meine Frage war: „Lesen Dresdner Schüler Viktor Klemperers Tagebücher?“ Die Antwort der Stadtführerin war: „Nein.“ Und dann „Dresden ist eine der schönsten Städte der Welt.“ Ich sah die Stadtführerin an und dann verließ ich die Stadtführung und als ich fortging, da fragte ich mich ob Dresden nur dann schön sein kann, wenn es andere Städte es nicht sind oder nur beinahe, ob die Schönheit, die teuer erkaufte Schönheit nur besteht, als ein Einzelnes. Ich weiß es nicht. Ich ging in die Loschwitzer Straße, dort standen die Judenhäuser in denen auch Klemperer und seine Frau auf das Ende warteten. Ihr Ende, nicht das der Stadt. Als Klemperer und seine Frau auf die Loschwitzer Straße hinuntersahen, da mögen sie vielleicht auch eine jener Jugendstil-Figuren gesehen haben, die so oft zwischen Paris, Dresden und Budapest Europa mit Stier zeigen. Aber vielleicht haben Victor und Eva Klemperer vor Angst gar nichts mehr gesehen. Ich erinnere mich noch genau wie ich vor vielen Jahren zum ersten Mal in Klemperers Tagebüchern las. Ich fand sie furchtbar. Banal und dann das ewige Damoklesschwert Hausbau. Ich hatte mir mehr versprochen. Mit vierzehn glaubte ich Leid seine heroische Erfahrung und dürfe niemals von fehlendem Klopapier berichten. Ich beschwerte mich bei meiner Großmutter und mit hochtrabendem, vierzehnjährigen Ton, anklagend also fragte ich sie warum sie kein Tagebuch geführt habe in jenen Jahren. Sie aber sah mich kühl an und schwieg lange: „Es habe in Auschwitz kein Papier gegeben“, sagte sie und ich schämte mich. Schämte mich zum Erbrechen. Erst Jahre später las ich die Tagebücher erneut, las sie als das nie geschriebene Tagebuch meiner Großmutter, wie Klemperer an der Assimilation zerbrochen, sie die preußischste unter den deutschen Juden, ich las mit klopfendem Herzen. Ich las und las und las und ich kann nicht sagen, dass Dresden eine schöne Stadt ist, gesehen von der Loschwitzer Straße aus, in der noch einige wenige Familien ausharren im Februar 1945. Ich komme nicht weg, mit den Füßen nicht und den Gedanken. Schließlich findet mich die C. Ich sitze auf dem Bordstein auf den Knien das aufgeschlagene Tagebuch. Die Dresdner Alte Synagoge abgebrannt 1938, die Steine zur Straßenpflasterung verwandt, sage ich zu C. und die C. zieht mich zu sich heran.

Wir gingen in eine Ausstellung. Paul Klee im Orient und in den Vitrinen liegen Postkarten, die Klee an seine Frau schrieb, ein Tagebuch der Liebe. Dresden hat mit dem Albertinum eine wunderschöne Kunstsammlung. Auf dem Balkon der A. sahen wir auf die Elbe hinunter und aßen Kuchen. Kreutzkamm. Einstmals königlicher Hoflieferant. Die Dresdner Silhouette im Sommerlicht. Canaletto Bilder. Dresden als glänzende Schönheit. Auf meinen Knien das Tagebuch. Der Sommer in Dresden 1943 ist auch schön. Nur die Verhaftungen, Mittwoch der und Donnerstag ein Anderer stören das Panorama und Klemperer beginnt in einer Tee-Ersatz Fabrik zu arbeiten. Natürlich haben wir uns in Dresden die berühmte Yenidze Zigaretten Fabrik angesehen. Heute frage ich mich, ob die Proteste auch die Minaretttürme mit einschließen, damals fragte ich mich das nicht. Ich überlegte ob Kafka die Türme wohl schon bei der Einfahrt aus Prag bemerkt hat oder auch nicht. Wir essen schlecht am Neumarkt zu Abend. Ein gräulicher Bänkelsänger scherzt grob und ich bin zu ungeduldig für seine Scherze und müde, vielleicht auch das.

„Klemperer hat, sagt der Tierarzt während des Krieges, Kartoffeln und Kohl gegessen.“ Ich denke an meine Großmutter, die in Auschwitz alles gegessen hat, auch Dinge, die man nicht essen kann. Meine Großmutter hat sich das nie verziehen, diesen rohen Hunger und niemals wieder hat meine Großmutter nur mit den Händen gegessen, sondern immer mit Besteck und Leinenserviette, selbst ein Ei auf der Zugfahrt. Am 13. Februar 1945 gibt es in Dresden noch hundert Juden. Am Abend des 13. Februars wird Dresden bombardiert. Am 13. Februar 1945 sind alle Juden Europas schon tot und meine Großmutter zieht mit den Gerippen der anderen aus Auschwitz fort und wird sich für Monate auf einem Friedhof verborgen halten, der sehr weit weg von Dresden liegt. Victor und Eva wiederlegen die Wahrscheinlichkeit des Todes und Victor Klemperer schreibt in sein Tagebuch diesen einen Satz, der sich mir eingegraben hat: „Dresden. Modernes Pompeji.“ Das schreibt der Jude Klemperer und es wird viele Jahre dauern, Jahrzehnte vielleicht bis die Deutschen oder die Dresdner vielleicht ist das gleich, etwas aufschreiben, aber dieser Satz ist das Wahrste was je geschrieben wurde über Dresden. Die Zerstörung Dresdens begann doch wie die Pompeijs nicht mit dem Knall der ersten Bomben, sondern als feiner Haarriss im Jahr 1933, zog sich langsam durch die Mauern, bis dann alles zerbarst in dem unfasslichen Schrecken jener Februarnacht. Nein, ich kann nichts weiter als düstere Fassungslosigkeit empfinden angesichts der zerborstenen Häuserwände und der abgebrannten Straßenzüge.

Pompeij die Mutter aller Zerstörung, das grundsätzliche und gänzliche Begraben alles Bestehenden und die Flucht, denn Victor und Eva Klemperer verschwinden aus dem Trümmerfeld und: „Ich bin wie ein Gespenst“ schreibt Klemperer. Ich bin wie ein Gespenst. Dresden ist eine Opferstadt hört man wieder und wieder sagen. Ich glaube nicht, dass diejenigen die das sagen als erstes an Victor Klemperer denken, und ich denke an jenen Nachmittag auf dem Balkon mit Elbblick zurück. In Hiroshima sagt der Tierarzt, der viele Jahre in Japan lebte, empfinden die Opfer Scham und sprechen nicht, in Dresden aber ist die Ursache des Krieges nur eine Nuance, ist die Schönheit, die über Pompeij gelegt worden ist, wie ein Tuch, das gegen die nagende und bohrende Erinnerung abschirmen soll. In all den aufgebauten und auch abgerissenen Dresdner Bauten liegen oft nur als winzige Splitter, plötzliche Erinnerungen und Gespenster verborgen. Dresden ist Pompeij geworden und niemand weiß, was passiert wäre, hätte man das vor Jahrhunderten zerstörte Pompeij wieder aufgebaut. Dresden ist wieder schön, ist wieder da und ist trotzdem Pompeij geblieben, unter dem Schutt und der Asche liegt Europa begraben, und jeder Neuankömmling so scheint es, sei allein schon durch seine Anwesenheit, durch seinen möglichen Zweifel an der Schönheit Dresdens in der Lage, die Stadt selbst zum Einsturz zu bringen. Es reichen drei Busse oder ein Jude, jedwede Erinnerung an den Haarriss, der sich in zwölf Jahren durch die Stadt zu ziehen begann.

Meine Großmutter sammelte Meissner Porzellan und mahnte zur Vorsicht. Ich liebte die Tasse mit den Rosen und meine Großmutter, die mit den Veilchen. Wir, die wir Weimar und Erfurt, Meissen und Görlitz und Dessau und Jena besuchten, nach Dresden sind wir nie gemeinsam gefahren. Ich weiß nicht warum.

Ein letztes Mal bevor wir nach Prag fuhren vor drei Jahren, die C. und ich, gingen wir in die Loschwitzer Straße und trafen Freunde in Tolkewitz, wieder nah an der Elbe. Warm war der Tag, wir kauften Granatapfelsaft und Orangen bei einem Gemüsehändler am Eck. Die C. wollte gern Erdbeeren haben und ich wartete im dunklen Ladenraum. Der Verkäufer Vietnamese, aber mehr noch Dresdner mit breitem sächsischen Akzent beklagte die Hakenkreuzschmierereien an seinem Laden. Über der Kasse hing ein vergilbter Zeitungsartikel. Ein grobkörniges Bild zeigt den Mann wie er zwei Buben, die auf dem Eis eingebrochen waren, herauszog. „Sie sind ein echter Held“, sagte die C., die solche Sätze sagen kann, und sie zum Glück auch sagt. Der Mann strahlte und schenkte uns eine riesige Melone. An anderen Morgen fuhren wir nach Prag. An einer Ampel halten wir neben einem italienischen Restaurant. Pizzeria Napoli. Dresden ist Pompeji geworden, niemals wieder wird es nur Dresden geben können, so ist das.

Niemand hat so über Dresden geschrieben, so schmerzhaft, so schön, so einfach und so selbstverständlich wie Victor Klemperer, den man in Dresden nicht liest. Doch er ist der tektonische Sockel dieser Stadt. Dresden. Modernes Pompeji, sage ich zum Tierarzt in der Küche, das Buch liegt aufgeschlagen auf dem Tisch, die Mohrrübenschalen neben mir, der Wind und die Orgel, Glockengeläut, das Klavierkonzert lange schon zu Ende. „Fahr mit mir nach Dresden, sagt der Tierarzt. Ich sehe ihn an und zögere zu lang. „Überleg es dir“, sagt der Tierarzt, streicht über meinen Rücken und deckt den Tisch.

Reisen in die deutsche Provinz-Aschersleben (II)

IMG_4395Still liegt die Stadt vor uns als die C. und ich die Straße queren.Wir gehen vorbei an alten Giebelhäusern aus dem sechzehnten Jahrhundert und stehen bald schon in einem Hof, der den Augenschein hat als sei der Dreißigjährige Krieg erst gestern zu Ende gegangen und die Landsknechte noch nicht weiter als bis Magdeburg gekommen. Die einzigen Zeichen der Moderne sind eine Vielzahl von Verbots- und Hinweisschildern: Parken verboten! Eltern haften für ihre Kinder! Vorsicht, bissiger Hund! Stop! Betreten verboten! Privatgrundstück! Eine hölzerne Treppe führt nirgendwohin und unbekümmert allen Verboten zum Trotz sitzen die C. und ich auf der Treppe und sehen hinauf in das strahlende  Blau. Niemand kommt uns zu mahnen und so gehen wir weiter, wir gehen durch enge Gassen und über Katzenkopfpflaster, auf einem Pfeiler schläft eine Katze, Menschen sehen wir erst als wir auf dem Marktplatz stehen. Einen Wochenmarkt aber gibt es nicht. Im Rathaus mit den schönen Malereien am Giebel ist jetzt die Stadtsparkasse. Die c. kühlt sich die Hände im Brunnenwasser,  misstrauisch beäugt von den Besuchern eines Cafés, die unter Sonnenschirmen sitzen und Bier trinken. Ich indes stehe vor der Apotheke, die zwar nicht „Zu den seligen Boten“ heißt aber doch in Gestalt jener Apotheke ähnelt, in der Wohlgemut Zeitblom  den Bürgern von Kaisersaschern Salben und Pillen verkaufte. Zu gern wäre ich hineingegangen und hätte mit allerunschuldigster Miene zu fragen, ob hier vor vielen Jahren einmal ein Apotheker namens Zeitblom ansässig gewesen sei. Aber das kann ich nicht tun, denn die Apotheke ist geschlossen. Geschlossen sind auch das italienische Restaurant „Il Torre“, der Thailänder ist zu, selbst der An- und Verkauf hat aufgegeben und je weiter wir in die Stadt hineingehen so leerer werden die Schaufenster. Geöffnet haben eine Rossmann Drogerie, ein Laden mit dem seltsamen Namen „NKD“, der Plastikschuhe für fünf Euro anpreist, geöffnet ist auch das Billard-Restaurant: „Das Loch“, wohingegen der Imbiß die Rolladen auf ewig geschlossen hat. Die Buchhandlung macht einen traurigen und staubigen Eindruck. Sie wirbt für ein Gerät namens togolino und scheint damit schon der eigenen Zukunft vorgegriffen zu haben. Woran in Aschersleben jedoch kein Mangel herrscht, das sind Friseure. An jeder Straße findet sich mindestens ein Friseursalon. Ob sich dieser Überfluss jedoch auf prächtig frisierten Köpfen der Ascherslebener Damen und Herren widerspiegelt, vermag ich nicht zu sagen, begegnet sind wir nur wenigen Menschen. Der Metzger hingegen hat noch Keramikschweine im Fenster, ansonsten, verkündet der Papierzettel: „Geschlossen“ Altbekanntes.  Ich frage mich, sage ich zur C. ob die Menschen, die hier leben, wohl nie Appetit auf ein Stück gutes Entrecôte haben, oder richtig guten Brie aus der Bretagne kosten wollen? Verlieben sich die Männer dieser Stadt nie so heftig, dass sie keinen Floristen brauchen, um der Angebeteten einen Strauß voller Lilien in die Arme zu legen? ‚Wollen die Frauen hier wirklich nichts weiter tragen als sackartige T-Shirts mit Zebrastreifen und niemals ein feuerrotes Kleid anprobieren, mit dem sie sich vor dem Spiegel drehen? Wacht in dieser Stadt wirklich keiner auf, mit dem unbändigen Wunsch, jetzt und sofort reife Papaya und Trauben  von den Hängen des Vesuv zu kaufen? Überhaupt was machen die Leute, die hier leben, eigentlich hinter den Gardinen? Lesen sie Gedichte im dämmrigen Halbschatten oder träumen sie beim Fernsehprogramm von der Südsee am Abend? Fahren sie manchmal tanzen oder wenigstens ins Kino?“

Wir, aber gehen zur Stephanikirche, die alt und groß über der Stadt thront, aber wir sind schon längst nicht mehr verwundert: die Kirche ist zu. Verschlossen und verriegelt sind ihre großen Portale. Das Klingeln am Pfarrhaus bringt nichts. Ob sich wohl auch der Pfarrer hinter den hier üblichen gestärkten Gardinen versteckt? Aber wenn ja, wovor eigentlich? Besonders gefährlich sehen die C. und ich nun wirklich nicht aus. Dann sitzen wir unter den alten Bäumen des Kirchplatzes, der heute vor allem als Parkplatz dient. Die C. schließt die Augen und ich denke an Kaisersaschern, denn alles, alles ist ja hier. Sitzt man im Schatten der Bäume und im Schatten der Kirche, da versteht man, dass dies keine moderne Stadt ist, sondern alles ist hier von einer verlangsamten Gegenwart nur mäßig verdeckten Vergangenheit. Alles ist hier vorbeigezogen, die Scheiterhaufen des späten Mittelalters, diese Kriege und jene Kriege, stillgehalten hat diese Stadt und stillgehalten haben diese Menschen schon immer und das gedenken sie weiterhin zu tun. Stillgehalten haben sie als die verbliebenen 27 Juden aus der Stadt deportiert wurden, achselzuckend und wohl und dann murrend wurde auch die Nachkriegsordnung angenommen, ebenso wie alle Ordnungen solange es nur Ordnungen waren, eben angenommen wurden. Nichts läge hier ferner als den Charakter dieser Städte mit DDR-Nostalgie zu beschreiben und zu kurz greift auch die Vorstellung, dass die AfD hier deshalb Fuß fassen kann, weil sie das Bild einer Vergangenheit heraufzubeschwören vermöge. Hier hat die Neuzeit nie Fuß fassen können, vielmehr hat hier der Begriff des Volkes überdauert, nicht so sehr in einem nationalen Charakter, sondern in einer konservierten Fassung von trotziger Gemeinschaft die sich zu behaupten weiß gegen den Wandel, den es als etwas ihrer Verfasstheit fremdes wahrnimmt. Und wenn die Bürger Kaiseraschern’s in der Lage waren sich vor einem alten Mütterchen erschauernd abzuwenden, so sind es die Bernburger und Ascherslebener heute, predigt ihnen irgendein Hänselein von abendländischer Bedrohung. Es ist mehr der Trotz des Kindes, als intelligente Ideologie und das doch und ja auch nur schwerlich zu bestreitende Wissen, dass die Zeiten und Ideen an Städten wie den ihren vorbeigehen werden und nichts hinterlassen, als einen oberflächlichen Kratzer aber nicht mehr als das.

Ironisch ist dabei, dass diese Städte mich mehr an die Dörfer um Essaouira oder Bikaner erinnern, als an Berlin oder Köln. Mit ihnen, nicht mit den deutschen Metropolen teilen sie Anlage wie Ausschlusskriterien, soziale Kontrolle ist hier so präsent wie dort. Streitet man sich dort über die grasende Ziege, geht es hier um Parkplätze, auf dem Friedhof und bei Hochzeiten trifft man sich in Aschersleben wie auch in Raqqa, bewegen sich hier die Gardinen leise hinter den Fenstern sind es dieselben wie sie auch in Damaskus oder Algier, Auskunft geben über die Nachbarn und ihr Gebaren. Im Restaurant zahlen auch hier die Männer und die Frauen fahren nie selbst Auto sondern öffnen den Männern das Garagentor. Sonderlinge und Außenseiter sind hier wie dort Zielscheibe des Spottes und der Ausgrenzung. Die Familie, die über den Kirchplatz läuft, offenbar zu einer Jugendweihfeier erinnert mich so stark an die geputzten Familien die sie am Abend des Fastentages im Ramadan überall zwischen Istanbul und Tunis antreffen können. Und überhaupt, Friseursalons gibt es auch in Cairo und all jenen arabischen Mittelstädten, die ich wie Aschersleben lieber Kasiersaschern nenne, zuhauf.

Dann schlägt die C. die Augen auf, wir essen Spargelsuppe und wir laufen zurück zur Bahn. Im immer noch filmkulissenhaften Park sitzen drei syrische Männer, sie trinken Tee aus einer gelben Kanne. Parallel etwas fünfzig Meter von ihnen entfernt sitzen vier deutsche Männer, sie trinken Bier, allerdings aus Flaschen, nicht aus einer Teekanne. Jeden Moment warte ich darauf, dass der Regisseur ins Bild tritt und ruft: „Cut“ aber niemand kommt, es wird nur mehr Tee und Bier getrunken. Es ist ein warmer Sommertag, die Kinder, die aussehen wie Statisten springen in die Wasserfontänen, noch einmal wende ich mich zurück zur Kirche, zu den Giebelhäusern und engen Gassen. Kaisersaschern, denke ich wieder und wieder. Die C. zieht an meinem Arm, komm sagt sie, in zehn Minuten geht unser Zug.

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Berlin-Aschersleben, 2: 50h, Schönes Wochenende Ticket für zwei Personen: 44 Euro. Hübsch sitzt man im „Tontopf“, das Essen ist mittelmäßig, aber nicht katastrophal, die Bedienung ist ausnehmend freundlich; Hinter dem Turm 24, 06449 Aschersleben ( keine Website ) 

Alles selbstbezahlt, selbstgeknipst, selbsterlaufen, selbsterlebt-selbst geschrieben ist es auch. 

Reisen in die deutsche Provinz-Aschersleben(I)

Wir sind die einzigen im Zug der sehr früh, sie kennen das ja schon, aus Berlin losfährt. Noch ist alles still und frisch, noch ist die Luft nicht abgestanden und erst eine gute Stunde später, zieht eine Gruppe von Männern durch den Zug, die mit Bierdosen in der Hand, ihren Junggesellenabschied mit dem Öffnen von Bierdosen einläuten. Leider entdecken sie nach zwei Bier auch die C. und mich. Sie fordern uns auf ‚Penisring’ zu sagen und wollen uns überzeugen ihnen Schnäpse oder Badeschlappen abzukaufen. Wir indes wollen nichts von alledem wissen. Sie grölen Zoten und ziehen ab. Dann sind wir schon in Dessau und müssen den Zug wechseln. Als wir losfahren, lacht die C. und zeigt in Richtung Bauhaus. „Weißt du noch?“ Ich weiß es noch und werde rot. Vor Jahren schon zu einer Ausstellung über Porzellan im Bauhaus, redete ich mich so in Schwung und zog die C. von Tasse zu Teller und wollte kein Ende finden vor Staunen und Glück.  Drei Stunden oder nochlänger verbrachten wir vor zwei Vitrinen und immer noch war die C. geduldig mit mir. Niemand als die C. hätte dies mitgemacht und noch viele erstaunlicher ist es, dass die C. noch immer mit mir verreist. Heute aber lassen wir die kurze deutsche Moderne hinter uns. „Du suchst noch immer nach Kaisersaschern“, sagte die C. als ich ihr antrug doch nach Aschersleben zu fahren. Natürlich hat die C. Recht, ich suche noch immer nach jenem unsterblich gewordenem Ort, den Thomas Mann im Doktor Faustus erfand, irgendwo zwischen Halle und Leipzig gelegen, dabei sowohl gegen die Elbe als auch gen Thüringen gewandt. Dabei ist Kaisersaschern weniger ein Ort als vielmehr eine Landschaft über die wir wenig wissen und vielleicht auch zu wenig wissen wollen. Was wissen wir schon über Bernburg, einen Ort in dem mehr als 50 Prozent der Bürger, die AfD gewählt haben? Vom Bahnhof aus jedenfalls sehen wir die hohen Kirchtürme und chinesische Studenten, die sich lachend gegenseitig fotografieren. Auf den ersten Blick sieht man nicht viel. Aber mir scheint, es ist an der Zeit sich zu fragen, wie es um Kaisersaschern wohl bestellt ist. Aschersleben aber betritt man, steigt man aus dem Zug quasi durch die Hintertür. Der Weg in die Stadt führt furch einen Park, dessen artifizielle Anlage etwas Eigentümliches hat. Fast glaubt man, die Menschen, die auf Parkbänken sitzen oder sich über die Rosen beugen seien bezahlte Statisten, die in einem großen Film mitwirken. Sie wirken eher wie Zaungäste, die sich ihrer Rolle noch nicht recht bewusst sind. Wir aber lassen den Park bald hinter uns liegen und schon nur durch eine Straße getrennt stehen wir wo der Grafikstiftung Neo Rauch. Groß, viel größer als ich dachte ist der Neubau, und deutlich getrennt vom historischen Kern der Stadt. Ein Ort, der in der Membran der Stadt seinen Platz noch nicht gefunden hat, aber von dem ich glaube, dass diese Stadt ihn braucht. Tritt man hinein, ist man gleich gefangen vom IMG_4371verstörenden Zauber der Bilder und ihrer Geschichten. „Vater und Sohn“ heißt die Ausstellung und schon der Titel verweist auf die Lücke: Neo Rauch hat seinen Vater nie gekannt. Seine Eltern kamen 1960 bei einem der schwersten Zugunglücke der DDR ums Leben. Der vier Wochen alte Sohn wuchs bei den Großeltern in Aschersleben auf. Jetzt in und mit ihren Bildern begegnen sich Vater und Sohn. Max Beckmann, der Hotels und schöne Frauen liebte, soll einmal gesagt haben: das Schicksal begegnet einem manchmal in Form eines Liftboys. Neo Rauch sagt: das Schicksal begegnet einem manchmal in Form eines Stellwerkers. Und es ist das große Porträt „Stellwerk 2“, das hier zur ewigen Klage wird. Das Schicksal wird hier übergroß und tonnenschwer. Es ist durch nichts zurückzunehmen und bleibt wohl dem Liftboy gleich immer zur Stelle.Berührend sind die Bilder in ihrer Schwere. Der kühle und unverstellte Blick des Vaters auf die DDR und ihr ewiges Grau. Daneben Zeichnungen des Sohnes, der vielleicht in seinen Bildern auch nach Kaisersaschern fragt und dessen Bilder nichts auslassen, sich nicht wegducken, nicht vor dem Hässlichen, nicht vor dem Kleinen, sondern es groß machen, so dass wir es sehen können, bis wir in einer Ecke vielleicht auch uns entdecken. Überhaupt ist Max Beckmann nie ganz fern, die Aktbilder Hanno Rauch’s sind ähnlich intensiv wie Quappi. Sie alle zeigen wohl Hanno Rauch’s Frau Helga, in betörend schöner Weise. Es nicht nur ein liebender Blick, sondern und das macht die Traurigkeit nicht kleiner, ein Blick der sich die Zukunft in dieser, seiner Frau vorstellt, ja sich von ihr ein Bild macht.Von anderer Schönheit aber sind die Porträts zweier Affen, die zwar ganz in Schwarz-Weiß gehalten doch ganz lebendig zu uns hinübersehen und wir zwinkern zurück.

IMG_4368IMG_4366Am erstaunlichsten aber an dieser so erschütternd- intimen Ausstellung ist wie der Sohn sich vor dem Vater zurücknimmt, anders als doch Söhne und auch Töchter es üblicherweise halten, wenn sie sich den Eltern nähern. Es kann dann oft nicht scharf konträr und abgrenzend genug sein, aber hier lässt ein Sohn dem Vater, den Vortritt, lässt ihn hinein in den Raum und lässt ihn den Unbekannten erzählen, in Bildern. Ganz am Ende der Ausstellung schon hängt ein Holzschnitt des Vaters: Ein Wartesaal, über den Reisenden, die große Bahnhofsuhr, nein sie zeiht nicht fünf vor zwölf, Koffer, ein Gepäckwagen im Vordergrund, Aufbruch und Langweile, von beidem nicht wenig. Ein Mitropa -Restaurant, müde Gesichter, eine Szene so banal, so alltäglich, ihnen allen so vertraut und nirgendwo eine Warnung, nicht einmal eine Kappe des Liftboys oder ein Handschuh eines Bahnwärters sind zu sehen. Nichts wird passieren und doch alles, alles kann passieren und manchmal geschieht es wirklich und unumkehrbar, und nichts bleibt übrig von dem was einmal war.

Ganz leise gehen die C. und ich aus der Ausstellung heraus, für eine ganze Weile sitzen wir auf einer der Parkbänke und sehen dem so künstlich-wirkenden Leben zu. Später gehen wir über die Straße, Kaisersaschern sage ich zur C. und die C. nickt mir zu. Davon aber soll morgen erzählt werden, für heute ist es genug.

„Hanno & Neo Rauch, Vater und Sohn“, Wilhelmstraße 21–23, D-06449 Aschersleben, Öffnungszeiten: Mittwoch- Sonntag, 11- 17 Uhr, Eintritt: 4 Euro. 

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