Ein kurzer Blick ins Paradies

Der Jenaer Bahnhof heißt Paradies. Das Paradies hat viele Treppenstufen, einen Getränkeautomaten und zwei Bänke auf jedem Gleis. Auf den Bänken im Paradies sitzen gelangweilte Jugendliche und schnippen Asche von den Zigarettenspitzen und aus ihren Telefonen kracht Musik, die vom Leben aus der Bronx erzählt. Ein Paradies ist das nicht. Wir stehen. Ein Mann will eine Cola aus dem Automaten ziehen, der Automat im Paradies gibt nicht nach. Der Mann flucht, der Automat kichert hämisch. Andere Automaten, denkt er wohl, mögen sich von einer Schlange, die durchaus als Reisender verkleidet vorbei kommen mag, austricksen lassen, aber ich nicht, niemals, nicht heute und auch nicht an einem anderen Tag. Der Mann flucht. Der Automat macht ein gelangweiltes Gesicht. Er sucht nach einer Zigarette und findet keine. Ein Ehepaar schimpft über faule Bagage und meint die Jugendlichen. „Für das Paradies gibt es keine Alterschbeschränkung“ sage ich als der Mann endlich für einen Moment aufhört zu geifern. „Komm Hilde, wir gehen“, schreit er seine Frau an. Aber er geht gar nicht wirklich, sondern zieht nur seine Frau und seinen Koffer hinter den Getränkeautomaten. Vielleicht berät er dort weitere Schritte. Aber schon kommt der Zug und wir verlassen das Paradies.

Der Zug ist voll. Der Zug ist außerhalb des Paradieses falsch zusammengesetzt wurden und jetzt irren Menschen durch die Wagen und halten sich an ihrer Platzkarte fest. Der Rentner und seine Hilde hört man am Lautesten schreien. „Rechtsanspruch“ schallt es und „sich beschweren“. Ich wundere mich über darüber, wenn Menschen im Konjunktiv sprechen und dabei schon seit fünfzehn Minuten nichts anderes tun, als was sie in den Atempausen ununterbrochen ankündigen. Hilde jedenfalls will ihren Mann besänftigen, der aber will schreien und herrscht nun auch sie an: „ Du verstehst davon doch sowieso nichts.“ Der Schaffner wiederum versteht nicht, warum der Mann noch immer schreit, wo er ihm doch zum dritten Mal darauf hinweist, dass er sich sowohl in Wagen 23 und vor dem Plätzen 67 und 69 befände und doch bitte Platz nehmen möchte, denn die anderen Reisenden wollten doch auch noch einen Sitzplatz suchen. Der Mann also setzt sich noch immer geifernd hin, schon ist der Schaffner weitergegangen, doch noch immer tönt es: „mich beschweren“ und „Rechtsanspruch“ aus der Reihe vor mir. Vielleicht hat der Rentner ja in seinem Bauch eine Aufziehuhr und immer, wenn er die Einstellung“ Ärger & Behördenkram“ drückt jodelt es für 60 Minuten aus seiner Mitte?

Ein kleiner Hund hat seine Besitzerin verloren und läuft hektisch kläffend vorwärts und ruckwärts. Der Rentner endlich verstummt hat eine neue Quelle für Geschrei gefunden: „Verboten, absolut verboten“, da kommt die aufgeregte Besitzerin in den Wagon gestürmt: „Ach Spatzl“ ruft sie und der Hund rast voller Begeisterung auf die Dame zu, die ihre Arme so weit auf macht, als erwarte sie die Tochter, die von einer langen Überseereise endlich zurückgekehrt ist. Schön sieht sie da aus in ihrem hellen Sommerkleid, das mit großen Rosenblüten bedruckt ist und schon hält sie den kleinen Wuff in den Armen. Wir alle wischen uns Tränen aus den Augenwinkeln, denn Geschichten mit gutem Ende und einem fröhlichen Hund in den Armen sind immer die schönsten Geschichten. Nur der Rentner muss bellen: „Maulkorbpflicht.“ Aber da ist die Frau schon mit weiten, schwingenden Schritten aus seinem Blickfeld entschwunden. Schräg links von mir sitzt ein Ehepaar, die bis Hamburg-Altona fahren. Sie klagen über die unmenschliche Hitze und finden den Zug überhitzt, da hole ich gerade meine Strickjacke aus dem Rucksack heraus. Aber der Mann ist fest entschlossen, es mit 27 Grad aufzunehmen. Erst schickt er seine Frau in die Zugtoilette, die darf dort Herrenschneuztücher befeuchten ( gleich vier, denn man weiß ja nicht, ob das Klo dann nicht ständig besetzt ist, nech Mudding!) Bevor die beiden sich aber die befeuchteten Schneuztücher auf die Stirn legen können, hat der Mann noch eine zweite findige Idee. Er spannt einen mit vielen, kleinen bunten Pünktchen bedruckten Regenschirm auf und positioniert ihn vor dem getönten Fenster. Mögen die Fensterscheiben auch getönt sein, hier verlässt man sich allein auf sich und den guten, festgeklemmten Schirm. Zwar müssen der Mann und seine Frau zusammengeduckt und eng aneinander gepresst, schwitzend unter dem Regenschirm ausharren, doch immerhin können sie sich die triefend- nassen Schneuztücher auf die Stirn legen. Es ist noch weit bis Altona.

Mir gegenüber sitzt ein Mann mit weißem Bart und festen Wanderstiefeln, seinen Koffer hat er zwischen die Beine geklemmt und mir scheint diese Sitzhaltung denkbar unbequem. „Da vorn“ sage ich also, „ können Sie Ihren Koffer in ein Gepäckfach tun.“ Der Mann sieht mich an als raubte ich ihm sein Erstgeborenes und umklammert den Koffer noch fester. Das Verhältnis des deutschen Reisenden- ich vergesse es immer wieder- ist ein äußerst Intimes. Immer vermutet man die Leute hätten sieben Kilo Silber und die großmütterlichen Perlenohrringe eingepackt, so besorgt sind sie um den Koffer, das er nicht zwei Meter von ihnen entfernt stehen kann. Ich zucke mit den Schultern und drehe meine Knie nach links, denn ich finde es keineswegs heiter und schön nur zehn Zentimeter für meine Beine zu haben. Das Buch auf dem Schoß langweilt mich obwohl die Lieblingsbuchhändlerin es mir so empfohlen hat, müde erzählt bin ich nach dem langen Tag und ein wenig dämmere ich so vor mir hin. Ich denke an eine Zugfahrt zwischen Neu-Delhi und Lucknow, da landete mein Überseekoffer auf dem Dach und gänzlich unbesorgt verbrachte ich viele Stunden ohne Gepäck beschwert, aß reichlich vergnügt Pistazien und schlürfte einen Becher Chai nach dem anderen, denn eine Frau erzählte eine sehr verwickelte Geschichte eines Paares, die sich auf einer noch viel längeren Bahnreise als dieser verliebt und auf einem Bahnhof, er war nur eben auf den Perron getreten, um sich während einer schon zwei Stunden dauernden Zwangspause des Zuges die Beine zu vertreten, da fuhr der Zug einfach an und so er auch noch dem Zug hinterherjagte, er war entschwunden und leider musste auch ich als die Geschichte an dieser Stelle angekommen war den Zug verlassen und weiß noch immer nicht, ob sich durch eine Fügung der G*tter oder der indischen Bahn doch noch alles ins Gute wandte. Mein Koffer aber wurde in Lucknow mit Hilfe einer Holzstange vom Bahndach gezogen und die D. würde in dem nur ein ganz klein wenig geknitterten, importierten Kleid aus Berlin heiraten. Als ich aus dem indischen Dämmerschlaf erwache, streiten sich der ärgerliche Rentner und seine Hilde, ob wohl erst Südkreuz oder Spandau käme, er baldowert: „Spandau.“ Sie beharrt auf Südkreuz, ich hangle nach Rucksack und Tasche, der gepunktete Regenschirm indes hat sich ungünstig zwischen Klapptisch und Brillenbügeln des überhitzten Ehepaars verfangen. Auch diese Krise aber verpasse ich, denn inzwischen hat der Zug Südkreuz erreicht. Der Rentner schimpft, dass dies nicht sein könne, und nur an den verdrehten Wagen liege, er würde sich in Berlin doch auskennen. Hilde lacht triumphierend und mein Sitznachbar umklammerte, weiterhin fest entschlossen seinen Koffer gewillt diesen auch gegen Berliner Reisende zu verteidigen. In Berlin wartet zwar nicht das Paradies, aber der F. mit einem Pistazieneis für mich.

Auf der Suche nach Thomas Mann-Polling

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Dorfkern 

Endlich also gehen wir nach Polling hinein. Vorbei an vielen, immer gleichen Häusern und einem der wenigen Bauernhöfe. Die Kühe sehen uns verwundert an, wir wünschen gutes Wiederkäuen und niemals ganz habe ich aufgehört mich zu wundern, nicht nur auf dieser Wanderung, sondern immer wieder gefragt, warum in den Dörfern keine alten Scheunen und Bauernhäuser mehr stehen, sondern nur mehr glatte Häuser ohne Gesicht und dafür mit zwei Garagen. Keine Blumengärten, sondern meterhohe Koniferen und nirgendwo Klaviermusik, Kinder lachen oder auch nur ein Hofhund der im Sonnenlicht schläft. Dann aber habe ich keine Zeit mehr mich zu wundern, denn schon stehen wir vor der Kirche St. Salvator in Polling mitten auf dem alten Dorfplatz, der leider heute Parkplatz ist. Aber noch immer, noch heute dominieren Kirche und das Kloster der Augustiner, das seit 1100 in Polling ansässig ist den Ort. Keineswegs war der Ort immer abgelegen und schwer zu erreichen, im 18. Jahrhundert schon hatte Polling eine Sternwarte, der Bibliothekssaal noch immer ein Kleinod hatte 80,000 Bände vorzuweisen und die erste wissenschaftliche Zeitung Bayerns wurde hier im „Pfaffenwinkel“ herausgegeben. Erst das Jahr 1803 machte der Blüte ein Ende und die Schließung des Bahnhofes 1984 macht Polling zu einem vergessenen Winkel. Niemand steht wohl auch darum neben uns auf dem Kirchhof und sieht zur Inschrift hinauf: Liberalitas Bavaria lesen wir, ein Erinnerungsschild an die Liberalität, die Freigeistigkeit die ebenso bayerischer Wesenszug sein soll wie Trachtenverein und Blasmusikkapelle. Ein Motto, welches man nicht ohne den Wunsch lesen kann, dass auch diejenigen die dröhnend laut fordern sich hier erinnern, dass die Freiheit und die Freigebigkeit Geschwisterkinder sind.

Hergekommen aber sind wir nicht allein des Kirchturms, des gluckernden Baches und der Klosteranlage wegen, sondern weil Thomas Mann seinen letzten großen Roman Dr Faustus in weiten Teilen in Pfeiffering also in Polling spielen lässt und dieses Buch wie kaum ein Zweites mich verändert hat. Wie oft habe ich mit Else Schweigestill, deren Vorbild Katharina Schweighart sich um Thomas Manns Mutter Julia bemühte auf Adrian Leverkühn und Rüdiger Schildknapp gewartet, die mit dem Rad nach Polling fuhren und dort Limonade und Pfundskuchen bekamen. Als ich ein Mädchen war vor vielen Jahren und das Buch zum ersten Mal las, weit weg von Deutschland, da schien mir im Wort Pfundskuchen alles zu liegen, was Deutschland war, Pfundskuchen das schmeckte beim Lesen nach Sommer, nach einem Kuhhirten, nach dunklen undurchdringlichen Wäldern, nach einem Weiher in dem die Nymphen wohnten, nach herber Luft und kühlen Tonkrügen, einen Pfundskuchen in dem lag die große Verheißung und doch auch etwas was ich nicht deuten konnte, etwas so exotisches, fremdes, etwas Verlorenes und niemals habe ich selbst ein Stück Pfundskuchen probiert.

 

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„Haus Schweigestill“-Wohnort Adrian Leverkühns und Domizil Thomas Manns in Polling 

Nach dem verhängnisvollen Zwiegespräch im Steinernen Saal schließlich bezieht Leverkühn dieses Genie im Unglück die Abtsstube und ein Zimmer im Oberstock und auch wir wenden uns von der Kirche hinüber zu jenem Hof in dem zuletzt auch der Teufel die Seele des Komponisten holen würde. Ich krame in meiner Tasche nach dem Buch, der F. schaut über den Gartenzaun, denn das Haus, welches im Roman der Familie Schweigestill gehört liegt verborgen und abseits hinter blühenden Hecken. Da kommt eine Frau aus der Pforte und grüßt uns sehr freundlich. „Seit’s ihr wegen dem Thomas Mann da?“ Wir nicken begeistert und ehe wir uns versehen, sitzen wir schon im Nike-Saal, wo tatsächlich eine Nike-Figur auf dem Schrank steht, ein Klavier im Eck und wirklich hier hast es wohl stattgefunden das Ende des Tonsetzers, der Wegbegleiter hierher eingeladen hatte- Freunde hatte Leverkühn wohl nie gehabt, denn auch Serenus Zeitblom war ihm wohl ergeben, aber ein Freund, war er ihm denn auch ein Freund? Dr Fausti Weheklag so hieß das Stück, das ihm unter den Händen versagte, und ein Gast nach dem Anderen verließ den Saal, ließ Adrian Leverkühn im Stich und schließlich kam er der Speivogel und holte sich mit kalten Händen die arme Seele. Es ist die gute Seele, Else Schweigestill, die schließlich die Umstehenden angeht: „ Macht’s daß weiter kommt’s alle miteinand. Ihr habt’s ja ka Verständnis net, ihr Stadtleut, und da g’hert a Verständnis her.“ Die Frau , die uns hereinbat in ihr Wohnzimmer und uns die Absstube zeigte, und auch die wunderschöne, alte Küche, sie ist eine Schwester im Geiste, sie hat ein Verständnis und erzählt von ihrem Leben mit Adrian Leverkühn diesem Hausgeist, der immer im Schatten im Eck sitzt und sie bewegen sich vorsichtig mit der Geschichte und den Geschichten, die in Haus und Dorf mehr oder weniger sichtbar verborgen liegen. Gerettet ,erzählt sie aber hat das völlig verfallene Gebäude niemand aus dem Dorf, sondern vor Jahren ein junger Mann aus München, der einen Platz für seine Oldtimersammlung suchte und das Anwesen in Polling entdeckte und es restaurierte. Noch immer fährt der nicht immer junge Mann über die Dörfer sucht alte Schindeln, Türblätter und Dielen. So ist die Rettung des Hofes Schweigestill einem Mann zu verdanken, der Autos repariert, nachbaut und mit zähem Mut nichts gab auf die Meinung jener, die glaubten der Vierseithof sei am besten dran, wäre er planiert. Ein Autoliebhaber also als Bewahrer und ein Ehepaar, die völlig fremde Menschen in ihr Haus bitten, offen und zugewandt und nach fünf Minuten schon sind wir keine Fremden mehr, sondern stecken schon mitten im Buch, in den Figuren und bedauern das fürchterliche Ende des kleinen Nepomuk Schneidewein, dem engelhaften Kind, das alle Welt nur Echo rief. Denn wie das so ist, man mag Häuser suchen, aber findet Menschen und ihre Geschichten.

 

Dann aber offene Türen soll man nicht überstrapazieren, wenden wir uns der anderen Seite des Dorfplatzes zu. Im weißen Haus gegenüber wohnte Julia Mann, ab 1903 immer öfter und schließlich ab 1906 dauerhaft. Eine Idylle aber, die es doch eigentlich ist, mit rauschendem Bach und dem Kirchturm gegenüber hat es hier nie gegeben, denn im Juli 1910 nahm sich ihre Tochter Carla, kaum 29 Jahre alt das Leben. Nachgestellt ist dieses entsetzliche Szene im Buch und es ist Clarissa Rodde, die im Schlafzimmer ihrer Mutter mit Gift gurgelt und tot auf dem Kanapee gefunden wird. Julia Mann wird den Tod ihrer Mutter nicht verwinden und das Dr Faustus kein heiteres Buch ist, sondern eine Geschichte an Abgründen reich, kann nicht überraschen. Wir aber folgen dem Wanderweg, der vor einigen Jahren in Angedenken an Thomas Manns Leben und Werk eingerichte wurde. Vom Ammerberg aus sehen wir auf das Dorf und den Kirchturm hinunter. Eigentlich ist es noch zu kühl aber trotzdem wir fallen ins Gras, der F. zählt Wolken und ich lese ihm vor. Schließlich dräut ein Gewitter, aber die dunklen Wolken lassen uns einmal aus. Stattdessen Vogelgesang, ein stiller Weiher, grasende Kühe, von fern die Alpen, grün wiegen sich die Wipfel im Wind und für fünf Kilomter wandern wir noch einmal durch ein Deutschland, das es nicht mehr gibt und vielleicht auch nur in einem Schreibtisch in Pacific Palisades erfunden wurde als schimmernder Abglanz mit unergründlichen Tiefen, die sich in Pfeiffering, auch Pfeffering gennant, eigentlich aber Polling verdichtet haben, noch immer, noch heute.

Polling liegt abseits der Wege, dennoch es lässt sich kaum ein schönerer Sonntag als dort verbringen. Von München aus mit der Bahn nach Weilheim ( am Wochenende gibt es keinen Busverkehr zwischen den beiden Orten.) Wir wanderten zu Fuß die 3, 7 km auf dem Prälatenweg nach Polling. Der Dr Faustus Wanderweg, der im Ort beginnt, umfasst 5 Kilometer und bietet Ausblicke und Geschichten. Im Wirtshaus des Ortes gibt es mannshohe Torten und sehr guten Apfelstrudel.

Wie immer gilt: selbstbezahlt, selbstgeknipst und selbstgeschrieben ist es auch.

 

Unterwegs zwischen Weilheim und Polling.

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Weilheim, Marktplatz 

Um 6 Uhr 30 ziehe ich vorsichtig an der Zehenspitze des ehemaligen, geschätzten Gefährten der selig schläft. Der F. knurrt wie ein alter Kettenhund und schlägt dann doch die Augen auf. „ Warum murmelt er, kann man mit dir nicht ein einziges Mal etwas wie normale Menschen machen? Ausschlafen und dann in der Sonne sitzen? „F. sage ich, mach schon, der Zug fährt bald.“ Der F. rappelt sich müde hoch und verschwindet knurrend im Badezimmer. „Ein Wanderer bestimmt der F. braucht sich nicht rasieren.“ Ich nicke. „Soll sein“ sage ich und der F. schlüpft gähnend in blaues Hemd und derbe Schuh. „Wir werden einregnen“ knurrt der F. noch immer finster und sieht auf die regennasse Straße. „Ach was sage ich, da hinten wird es schon heller.“ Was der F. darauf erwidert, das will ich lieber nicht wiederholen. Haidhausen schläft noch und der F. gähnt demonstrativ. Der F. findet die U-Bahnwagen alt und gräulich und äußert seine Meinung zum Zustand der Münchner Verkehrsbetriebe so laut und deutlich, dass ein Mann mit gewaltig, gezwirbeltem Schnurrbart verächtlich zu uns herübersieht. Den Bahnhofscafé findet der F. verwässert und das Kipferl behagt ihm nicht, zu wenig Nussfüllung und zu viel Streuzucker. Dann geraten wir in eine Gruppe gestrandeter Junggesellen, die ihre Trunkenheit zu rosa Tutus über schwarzen Jeans tragen und mehr taumeln als gehen, einer der Herren speit dem F. vor die Füße. „Du bist schuld“ war noch einer der harmlosesten Bemerkungen. „Weißt Du das Du mich einmal heiraten wolltest F.?, sage ich. Der F. schüttelt den Kopf: „ Ich habe nie aufgehört dich heiraten zu wollen“ erwidert er, nur Du wolltest mich nicht heiraten.“ Ich verzichte darauf den F. an die Umstünde seines Heiratsersuchens zu erinnern. Dann kommt der Zug. Der F., sieht sehr gierig auf meine Butterbrezel. „ Magst Du die Hälfte? Der F. knurrt Zustimmendes und ich reiche die Brezel weiter. Aber auch die Brezel findet wenig Gnade: „Die Butter ist ja kalt und steinhart“ klagt der F. und ich seufze. Aber was ich nicht kann, können ab Starnberg die Alpen und F. eben noch grummelnd und finster die Brauen verziehend, strahlt. Wir Flachländler kennen das ja nicht: Schneebdeckte Berge und F. strahlt und drückt die Nase ans Fenster und schwärmt vom Alpenland. Ich atme aus. Vergnügt ißt F. die Laugenbrezel, trinkt meinen Kaffee gleich mit aus und wenigstens einer von uns beiden erreicht wohlgestärkt Weilheim.

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Kirchturm 

Gerade läuten die Glocken zur Messe und wir eilen zur Kirche Mariä Himmelfahrt, denn unsere Wanderungen durch Deutschland haben uns eins gelehrt: will man in eine Kirche, dann gelingt das am Besten wenn Messe ist, denn fast immer rüttelt man vergeblich an den schweren Kirchentüren und so sitzen auch wir in den Kirchbänken. Mit uns sitzen dort nur alte Leute. Frauen trotz der schwülen Wärme mit Wollhüten und die Männer tragen schwere Janker. Prächtig ist die Kirche von Innen. Glitzer und Gold und mitten im Kirchschiff eine goldene Uhr. Ob sie wohl die Gläubigen an die nimmermüde Sanduhr die unser Leben bemisst erinnert, oder den Pfarrer an den Fortgang der G*ttesdienstes mahnt, weiß ich nicht. Der F. jedenfalls singt dröhnend und freudig die angeschlagenen Lieder. Leider wird das Ganze auf dem Keyboard begleitet und niemand spielt auf der schönen Orgel. Immer habe ich das am F. bewundert, seine Fähigkeit nämlich an jedem Ort, sich unmittelbar hineinversetzen zu können und immer ist es als sei F. in Weilheim der Vorsitzende des Männergesangsvereins. Der Priester wird später bedauern, dass der F. nicht etwa in Weilheim lebt, sondern im g*ttlosen Berlin, auch die Frau des Krämers die es wohl in jedem Ort gibt mache ich aus, eine energische Person, die jedem die Hand gibt, und sich ganz genau wie ihr irisches Pendant mit scharfem Blick auf die Wunden der Anderen stürzt. „Na, wie geht es denn dem Herrn Sohn?“ Noch einmal sehen wir zur Kuppel der Kirche hinauf, die ganz anders als St. Sylvester über dem Ort steht, und gerne schriebe ich dem Priester in Irland eine Karte, aber es gibt leider keine und die Geschäfte, die eventuell, unter Umständen eine Karte haben könnten, haben alle geschlossen. Geschlossen hat auch die erste Konditorei am Platze und vor den Häusern gibt es wenig Blumen aber dichte Gardinen. Wir aber drehen nur eine kleine Runde, sehen der hiesigen Frau des Krämers zu wie sie sieben Schritte vor ihrem Mann einherschreitet. Alles an ihr ist Würde und wohl kalkulierte Macht. Im Sportgeschäft des Ortes kann man gerne auch noch mit D-Mark bezahlen, im Brunnen kühlen wir uns die Hände, in der Bäckerei kaufen die Leute Semmeln und die Bild am Sonntag, die Eisdiele hat auch geschlossen und gerade stellt die Inhaberin des Cafés Rosalie die Stühle heraus. Nicht viel aber erinnert mehr daran, dass Weilheim für viele Jahre, ja Jahrhunderte fast das Zentrum der Schnitzkunst und Bildhauerei war. Hans Krumpper ist nur mehr ein Straßenname.

 

Wir aber wenden uns stadtauswärts, gehen ein bisschen irr, bevor wir dann doch den Prälatenweg finden, der auf direkter Linie und abseits der Autostraße Weilheim und Polling miteinander verbinden, denn immer schon seit ich vor vielen Jahren zum ersten Mal Dr Faustus in den Händen hielt, wollte ich einmal nach Pfeiffering auch Pfeffering genannt wandern, in das Polling also, das Thomas Mann sich zur Vorlage nahm für einen guten Teil der Lebens- und Leidensgeschichte des so unglücklich beladenen Adrian Leverkühn, dessen Genie eben nicht für sich stehen durfte, sondern im Bunde mit dem Teufel war. Ähnlich also, wenn auch zu Fuß und nicht mit dem Fahrrad, gehen auch wir wie einstamals Rüdiger Schildknapp und Adrian nach Polling herüber und wem auf dem Prälatenweg nicht das Herz aufgeht, ich glaube dem ist nicht mehr zu helfen in der Welt, denn schöner könnte es kaum sein. Eine lange gerade Straße, links und rechts blühende Wiesen, Streuobstbäume zu beiden Seiten, vor uns aber majestätisch im ewigen Eis die Alpen, geradewegs auf sie zu wandern wir, stecken uns Löwenzahn ins Haar und teilen uns Nussschokolade auf einer der vielen Bänke. Niemand außer uns beiden wandert die Strecke entlang, so können wir Lieder pfeifen, unsere Schatten jagen und schließlich ehe wir uns recht versehen, passieren wir schon das Ortsschild von Polling. Hoch steht die Sonne, obschon sich die Wolken dramatisch türmen es rauscht ein Bach und vorsichtig treten wir ein in einen Ort der Geschichten, der Geschichte und der Phantasie. Wie es uns aber in Polling erging, ob wir vielleicht sogar Else Schweigestill trafen und ob das Gewitter uns am Ende doch noch erwischte, davon sei morgen erzählt, denn für heute ist es genug.

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Reisen in die deutsche Provinz-Das Museum Barberini, Potsdam

 

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Museum Barberini

Am Samstag Nachmittag aber langweilt sich die kleine Königin, die auch meine Nichte ist, furchtbar. Mögen ganz normale Menschen, denen langweilig ist auf dem Sofa sitzen und in der Nase bohren, so verhält es sich mit königlicher Langweile ganz anders. Bär der treue Kanzler nämlich fliegt in hohem Bogen durch die Luft und das eben begonnene Memory-Spiel wird unter Wutgeheul vom Tisch gefegt, finde ich die siebente Kammerzofe das Paar roter Äpfel und nicht die kleine Regentin. Überhaupt muss eine Königin auch dann und wann die Grenzen des Königreiches verlassen, und verwandten Herrscherhäusern einen Besuch abstatten. So holen wir das Oldsmobile aus dem Schuppen, hinterlassen der Königinmutter eine royale Depesche und fahren nach Potsdam herüber. Wir singen italienische Liebeslieder, denn der Himmel ist grau und der Lido ist fern der Spree und außerdem kann man gar nicht laut genug singen im Leben. Schließlich stellen wir das Oldsmobile sicher ab und die kleine Königin richtet ihre Krone, ich reiche den Roller ( viel praktischer als die ewige Kürbiskutsche und ich trage den rehabilitierten Kanzler Bär, und renne neben der kleinen Königin her. Grau ist Potsdam, da trifft es sich gut, dass die kleine Königin einen glitzernden Tüllrock und eine pinke Daunenjacke trägt und ich immerhin einen dunkelroten Mantel, denn der Potsdamer selbst hält es eher preußisch nüchtern und fast alle Potsdamer haben beige Anoraks und etwas missmutige Gesichter, dabei ist es doch Samstag. Aber schon sind wir am Schloss, das jetzt Landtag ist vorbei und stehen vor dem Museum Barberini, denn das wollen wir besehen. Die kleine Königin findet zwar, dass das Museum kein richtiges Schloss ist, aber die hohen Treppen und der Museumswächter, der eine Verbeugung vor der kleinen Königin andeutet, können etwaige Zweifel zerstreuen und das Museum Barberini ist wirklich schön. Hell und luftig, fast schon als wehte wirklich ein italienischer Wind durch die Räume.

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Blick auf die Nikolaikirche

Da gerade erst eröffnet, ist das Museum auch sehr, sehr voll, aber eine kleine Königin ist sehr geschickt dabei, im Slalom den Beinen auszuweichen, die finden, man müsse sich am Samstag Nachmittag mit der Kamera vor den Bildern postieren, damit auch noch der Letzte merkt, dass hier ein ambitionierter Hobbyfotograf am Werk ist, aber dann stehen wir schon vor den Bildern und die kleine Königin zieht mich zu einem Sommerbild von Max Liebermann: „Guck mal sagt sie, die Frau mit dem Hut, die sieht auch die ganze Zeit auf ihr Telefon.“

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Max Liebermann, vielleicht der eigentliche Erfinder des gesenkten Smartphone Blicks?

Wir überlegen dann doch noch einmal, ob man um 1900 vielleicht auf ganz andere Sachen geschaut haben mag und die kleine Königin befindet mit Inbrunst: „Bestimmt haben die Frauen alle dem König geschrieben.“ Warum nicht, dann will die kleine Königin wissen, warum die Frauen alle Hüte trugen und niemand sonst im Raum, wir wandern durch die Räume und die kleine Königin und ich planen anhand von Liebermann und Monets Gartenbildern einen Schlosspark: Gladiolen auf jeden Fall, Schwertlilien aber nur in feuerrot, eine Margeritenwiese, natürlich ein Seerosenteich und von Gustav Klimt lässt sich selbst die kleine Königin überzeugen, dass drei Birken auf einer Wiese eine gute Sache sind. Liebermann aber bleibt ihr Favorit: sie steht lange vor dem Bild des Küchengartens mit seinen Kohlköpfen und Obstbaumspalieren und neigt den Kopf zur Seite: Dann will sie wissen, warum so viele Menschen auf der Welt Hunger haben. Die kleine Königin hört mir seufzend zu und schließlich gehen wir zu den Segelbooten, die immer wieder Motiv der Impressionisten waren, hier aber nicht im Süden, sondern in Nordfrankreich im hellen Licht in den Wellen schaukeln. Wir suchen uns ein Boot aus, von dem wir glauben, es trüge uns sicher um die Welt. Ich erzähle der kleinen Königin von meinem Urgroßvater, der um die ganze Welt fuhr und mein Großmutter und ihren Schwestern das Segeln beibrachte. Wir vergleichen Bootstypen und als wir vor den großen schweren Schonern stehen, die erst mit der Dampfschifffahrt von den Weltmeeren verschwinden, erzähle ich vom Sklavenhandel und die kleine Königin sagt zum treuen Bär ganz entrüstet: „Das darf man doch nicht machen.“ Bär und ich nicken. Dann wird die kleine Königin müde und klettert in meine Arme und mit ihr auf den Armen, sehe ich die Skulpturen der Sammlung an und stehe noch einmal lange vor dem Denker, so oft reproduziert, so oft gesehen, aber immer wieder und vollständig weggerissen von dem was in dieser Figur liegt. Als ich einen abschließenden Blick auf die DDR-Kunst werfe, wacht die kleine Königin wieder auf und wir versuchen draußen an Mattheuers Jahrhundertschritt, bevor wir in die Nikolaikirche gehen. Dort singe ich für die kleine Regentin: „Oh wie wohl ist mir am Abend“, aber schon zischt es von hinten: „Ruhe bitte.“ Protestanten haben es auch nicht immer nur leicht und wir gehen lieber hinaus besehen Atlas mit der goldenen Kugel auf dem Rücken, und von der Last der Welt kommen wir zu den Gesetzen der Schwerkraft und dann auch zu Fortuna, die nicht minder glänzend sich im Wind vor- und zurückdreht, denn nicht umsonst ist sie die Wankelmütigste unter den G*ttinnen. Noch einmal sehen wir hinüber zum Museum Barberini, neu und glänzend im späten Licht.

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Gekrönte Lampen.

Kurz bevor die gekrönten Straßenlaternen angehen, machen wir uns auf den Weg zurück zum Oldsmobile. Auf dem Wege jedoch machen wir natürlich bei einem Eissalon Halt, denn eine kleine Königin muss sich stärken und der verständige Eisverkäufer erkennt sofort, dass auf den Eisbecher mit Früchten eine Extra Portion bunte Streusel gehören. Die kleine Königin nickt erfreut und lässt auch Kanzler Bär und mich probieren. So gestärkt schließlich gondeln wir zurück, zufrieden und ganz und gar nicht mehr gelangweilt, drehen wir das Autoradio lauter. Immerhin ist dieses Oldsmobile eine königliche Karosse. Zurück daheim malt die kleine Königin sofort einen Plan für die künftige Schlossparkgestaltung und nur Schwesterchen sieht mich kritisch an: „Habt ihr etwas Ordentliches gegessen, ihr beiden?“ Ich nicke: „Viel Obst, Süße“ sage ich und zwinkere der kleinen Königin zu, dann falle ich zurück auf das Sofa, wie es sich für etwas erschöpfte Kammerzofen nicht ganz gehört.

Museum Barberini, Humboldtstraße 5-6, 14467, Potsdam, täglich außer Dienstag, alles weitere hier.

 

Reisen in die deutsche Provinz-Bauhaus in Dessau.

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Vor vielen Jahren aber als ich zum ersten Mal im Dessau im Bauhaus war, da ging ich enttäuscht von dannen: dieser karge Block dort also mit Direktorenzimmer und einer Ausstellung zu Industriedesign machte mich gähnen und nur weil es meine Großmutter war, murrte ich nicht, sondern starrte durch die Fensterfront und hörte abwesend zu wie sie von den damals noch unrestaurierten Meisterhäusern wie von einem gebrochenen Herzen sprach.
Ich glaubte damals meine Großmutter würde sich irren. Das Bauhaus war doch in Tel Aviv, war die Wohnung von Y. gleißend, hell und weiß, mit einem Balkon und schreienden Katzen im Hinterhof. Wie viele Shabbat-Wochenenden habe ich dort verbracht, auf dem Sofa durch das die Sonne langsam wanderte, bewegungslos fast, immer nur hin und wieder die Platte auf dem Plattenspieler umdrehend. Jacqueline du Pré spielte Brahms. Y. erzählte mir Geschichten aus einer fernen, lang untergegangen Welt und mein Kopf lag auf ihrem Schoss. Im Hof spielten Kinder, in der Küche nebenan sang eine Frau, Wäsche wurde hastig abgenommen vor dem Entzünden der Kerzen, wir aßen Wassermelonen und Feta-Käse mit getrockneten Tomaten. Warm waren die Nächte und ich schlief auf dem Sofa, an der Wand ein Bild von Paul Klee und in der Küche ein Druck von Lyonel Feininger. Bevor der Shabbat begann aber holte der D. die schöne Frau Sheinkin mit dem Motorrad ab, und die ganze Nachbarschaft sah zu wie sie mit weiten, fliegenden Röcken die Treppen herunterlief und dem D. in die Arme fiel. Hinter den Fenstern kicherten die Frauen hämisch und die Männer sahen neidisch auf das Motorrad und schon waren die beiden verschwunden. Die schöne Frau Sheinkin aber, die man öfter im Treppenhaus traf, hatte etwas Irritierendes an sich. Trug sie einen karierten Rock, so konnte man sicher sein, dass ihre Bluse gestreift war und trug sie Hosen, so doch niemals passende Socken und auch heute im Zug nach dem Tierarzt, mir gegenüber der Tierarzt in rahmengenähten Schuhen und die liebe C. im blauen Kleid muss ich an die schöne Frau Sheinkin denken mit ihren klimpernden Armreifen und den schnellen Schritten im Treppenhaus, das war das Bauhaus, ein bisschen verwohnt, warm dabei, Kräutergärten auf den Balkonen, Bücher zum Mitnehmen im Treppenhaus und Geheimnissen, großen und kleinen in den Wohnungen, und immer die Sehnsucht nach den fernen Ländern, die lag auch zwischen der Y. und mir.
Später erst, fand ich zurück zum Bauhaus fern von Tel Aviv und schon hält der Zug in Dessau und wir wenden uns linkerhand vom Bahnhof dem Bauhaus zu, schon lösen wir Karten und gehen die lange Straße hinunter die heute wieder nach Walter Gropius heißt. Zu unserer Rechten, Wohnungsbau der 30er Jahre. Die letzten Häuser, die einmal Junckers für seine Mitarbeiter baute, stehen leer und sind so stumm wie die Straße selbst.

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Im Dreieck über dem Fenster der „Fliegende Mensch“, das Junckers Symbol 1924 von Peter Drömmer entworfen.

Schon aber nähern wir uns der halbhohen, weißen Mauer, welche die Meisterhäuser umrahmt und heute gibt es sie wieder, die einmal von Mies von der Rohe erdachte Trinkhalle ( 1970 abgerissen ). Mies im Herzen wohl immer Rehinländer geblieben, glaubte an der damals wohl staubigen Straße ließe sich gut Limonade verkaufen.

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Trinkhalle nach Mies van der Rohe

Und dann steht man schon unmittelbar vor den Häusern, die eine andere deutsche Geschichte erzählen. Diese Häuser eben die vom Beginn der Moderne künden und die nicht so sehr funktional wie human vom Wohnen erzählen. Aber es wäre nicht deutsche Geschichte, läge nicht auch zwischen diesen Häusern ein Fleck von großer Dunkelheit. Das Direktorenhaus, das Haus von Walter Gropius also nämlich ist eine Replik, ein Hohlkörper, denn das Original wurde vom Druck einer Mine zerstört, genau wie das Haus von Laszlo Moholy-Nagy. Die Ruine des einstigen Gropiusbaus erwarb ein Ehepaar 1954, doch verbot ihnen die DDR das Gebäude wieder aufzubauen. Stattdessen ging alles seinen sozialistischen Gang. Ein DDR geprüftes Eigenheim entstand über dem Weinkeller von Walter Gropius. In den anderen Häusern wohnten noch bis weit nach 1990 Mieter, die ob nun mit gutem Gewissen oder auch nicht, das Haus in Grund und Boden wohnten, er einistige Kern ließ sich nur mehr erahnen.

Im Haus aber von Lyonel Feininger, dem einzigen der Bauhausdirektoren, die nicht 2.000 Reichsmark Miete an die Stadt zahlen mussten, weil er Walter Gropius beruhigen konnte und die Stadtväter bei ihm Kunst aussuchten, praktizierte bis in die 1960er Jahre ein Arzt und dann wurde das Haus Poliklinik. Die DDR brauchte keine Meister, sondern Werktätige und die sollten bloß nicht auf Ideen kommen, schon gar nicht auf Ideen, die wenn auch nur noch im Entfernten nach New York und freier Welt rochen. Wir aber beginnen mit dem Haus in dem Paul Klee und Wassily Kandinsky wohnten. Eine Künstler WG der anderen Art und oh so schön. Hier ist sie wieder die Sonne aus Tel Aviv, nur anders eben in Form einer goldenen Wand. Hellrosa Wände und ein Raum einmal ganz in schwarz, nur noch als Fotografie, aber was für wilde Jahre und die schöne Frau Sheinkin hätte es geliebt. Wassily Kandinsky brachte barocke Bauernschränke mit aus Murnau hier ins nüchterne Mitteldeutschland. Ich habe es Wassily Kandinsky nie vergeben, dass er Gabriele Münter so hängen ließ, aber man verliebt sich sofort in die Wohnung, in die Treppenläufe und die schönen schweren Klinken. In das Atelier mit seinen Fenstern, in das Blau und Rot und in das Schlafzimmer, das nicht groß aber auch nicht klein, sondern genauso geschnitten ist, dass nur die Liebe durch das Schlüsselloch passt, aber nicht die Alpträume und erst recht nicht die kalte Angst. Der Balkon schient geradewegs ins Freie zu führen, ein Schritt und schon ist man hinaus in die Welt getreten. Was so ein Haus alles kann. Ein Haus für Träumer mit ernsten Absichten, eins nach dem anderen, einst gebaut für das andere Deutschland. 1932 Kandinsky war schon in Düsseldorf und seine Frau Nina im Sanatorium, kamen die Nazis und verwüsteten die Wohnung, zertraten die Bilder, zerschlugen die Möbel und so kommen in Deutschland die Alpträume immer durch die Haustür hinein, nie durch das Schlüsselloch.

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Treppenhaus

Der Tierarzt fragt indes die Frau an der Kasse, ob Lyonel Feininger wohl eine Katze besessen habe oder Walter Gropius morgens mit dem Hund über den Hof gegangen sei? Die Dame weiß nichts über die Hausiere der Bauhausbewohner. „Zwei Söhne hat Feininger gehabt und Oskar Schlemmer kam mit drei Kindern.“ Irritiert fragt mich der Tierarzt ob in Deutschland Kinder auch als Haustiere gälten. Ich verneine dies und der Tierarzt schaut beruhigter umher. Wir stehen vor Fenstern und Treppenaufgängen, Lichtschaltern und Terrassentüren, die Februarsonne schließlich kommt doch und taucht alles in goldenes Licht. Die Sonne wirft Kiefernschatten an die Häuserwände und ich stehe noch einmal oben im Zimmer von Paul Klee. Unten im Haus höre ich den Tierarzt und die liebe C. miteinander lachen. Für einen Moment halte ich das Gesicht in die Sonne und schließe die Augen. Mag sein es läuft eine Katze über den Hof und fährt dort drüben nicht ein Motorrad um die Ecke. Für einen Moment bin ich ganz sicher, die Frau dort unten im Garten wo einmal Nina Kandinsky Rosen pflanzte, dort steht die schöne Frau Sheinkin, mit Ringelstrümpfen zum gepunkteten Kleid. „Kommst Du?“, fragt der Tierarzt gegen den Türrahmen gelehnt. Ich nicke und laufe endlich die Treppe hinunter und wir gehen langsam am Haus von Oskar Schlemmer und El Muche vorbei, zurück zum als Kubus restaurierten Haus Walter Gropius und sehen noch einmal zurück auf die sonnenbeschienen Häuser des anderen Deutschlands, das einmal hier in Dessau liebte und lebte und träumte und uns, wenn auch mit gebrochenem Herzen mitzieht zu seinen Splittern und einer Wand aus Gold.

Sie ahnen schon, ich lege Ihnen einen Besuch der Dessauer Meisterhäuser sehr ans Herz. Alles was es zu wissen und zu bedenken gilt, findet sich hier.

Dresden.Unter der Asche.

Der Tierarzt sitzt am Küchentisch und liest. Konzentriert liest er , denn der Tierarzt ist ein ernsthafter Mann. Niemals würde er wie ich, drei Bücher auf einmal lesen und dazu noch einen Apfel und Nussschokolade essen. Der Tierarzt sitzt schweigend über das Buch gebeugt und liest. Victor Klemperers Tagebücher, mein Weihnachtsgeschenk an ihn. Ich indes stehe an der Anrichte und schäle Kartoffeln und Möhren, denn schon braust die Orgel und das heißt das bald der Priester zum Sonntagstisch kommt. Der Wind brüllt und im Radio spielt jemand das Dritte Klavierkonzert  von Rachmaninoff. Dann sieht der Tierarzt auf. „Ist Dresden eine schöne Stadt?“, fragt er und mir fällt das Messer aus der Hand. Aber der Tierarzt fragt mich noch einmal und ernsthaft: „Ist Dresden eine schöne Stadt?“ Ich sehe den Tierarzt an.

Vor drei Jahren war ich das letzte Mal in Dresden, auf dem Weg nach Prag wie so oft. Die Wohnung von A. zweifellos schön, an der Elbe gelegen und ich lief morgens am Fluss entlang, viele Kilometer. Natürlich möchte ich dem Tierarzt sagen, ist Dresden eine schöne Stadt. Ein Spaziergang auf dem Weißen Hirsch. Schöne Häuser, geleckte Straßen, überhaupt immer wieder das Elbufer, Schloss Pillnitz und abends zum Konzert in die Frauenkirche. Ich habe vergessen welches Konzert. Rachmaninoff aber war es nicht. Ich saß schräg links neben einem Engel mit Trompete. Das Grüne Gewölbe. Natürlich schön. Schön ist kein Wort für die Prachtentfaltung. Der Audioguide schallerte dementsprechend auch von Raum zu Raum lauter, dass jetzt das Schönste und Allerschönste und Besonders Schöne käme. Ich stellte ihn ab und bewunderte die halbautomatische Spinne und langweilte die liebe C. glaube ich gründlich mit Ausführungen über die Kakaokultur am sächsischen Hof. Wir fuhren nach Hellerau und ich war im Glück. Kafkas wegen und weil die Sonne schien. Die C. und ich aßen Eis und später saßen wir wieder an der Elbe mit A. und Freunden und aßen sehr, sehr guten Käse aus Pfund’s Molkerei. Der Tierarzt nickt und ich streiche mir über die Stirn, denn den Satz Dresden ist eine der schönsten Städte der Welt, den die Stadtführerin sagte, der blieb an mir hängen, ein Haken in der Haut.

Nicht nur weil er forsch vorgetragen war, trotzig fast, sondern weil er auf eine Frage antwortete. Meine Frage war: „Lesen Dresdner Schüler Viktor Klemperers Tagebücher?“ Die Antwort der Stadtführerin war: „Nein.“ Und dann „Dresden ist eine der schönsten Städte der Welt.“ Ich sah die Stadtführerin an und dann verließ ich die Stadtführung und als ich fortging, da fragte ich mich ob Dresden nur dann schön sein kann, wenn es andere Städte es nicht sind oder nur beinahe, ob die Schönheit, die teuer erkaufte Schönheit nur besteht, als ein Einzelnes. Ich weiß es nicht. Ich ging in die Loschwitzer Straße, dort standen die Judenhäuser in denen auch Klemperer und seine Frau auf das Ende warteten. Ihr Ende, nicht das der Stadt. Als Klemperer und seine Frau auf die Loschwitzer Straße hinuntersahen, da mögen sie vielleicht auch eine jener Jugendstil-Figuren gesehen haben, die so oft zwischen Paris, Dresden und Budapest Europa mit Stier zeigen. Aber vielleicht haben Victor und Eva Klemperer vor Angst gar nichts mehr gesehen. Ich erinnere mich noch genau wie ich vor vielen Jahren zum ersten Mal in Klemperers Tagebüchern las. Ich fand sie furchtbar. Banal und dann das ewige Damoklesschwert Hausbau. Ich hatte mir mehr versprochen. Mit vierzehn glaubte ich Leid seine heroische Erfahrung und dürfe niemals von fehlendem Klopapier berichten. Ich beschwerte mich bei meiner Großmutter und mit hochtrabendem, vierzehnjährigen Ton, anklagend also fragte ich sie warum sie kein Tagebuch geführt habe in jenen Jahren. Sie aber sah mich kühl an und schwieg lange: „Es habe in Auschwitz kein Papier gegeben“, sagte sie und ich schämte mich. Schämte mich zum Erbrechen. Erst Jahre später las ich die Tagebücher erneut, las sie als das nie geschriebene Tagebuch meiner Großmutter, wie Klemperer an der Assimilation zerbrochen, sie die preußischste unter den deutschen Juden, ich las mit klopfendem Herzen. Ich las und las und las und ich kann nicht sagen, dass Dresden eine schöne Stadt ist, gesehen von der Loschwitzer Straße aus, in der noch einige wenige Familien ausharren im Februar 1945. Ich komme nicht weg, mit den Füßen nicht und den Gedanken. Schließlich findet mich die C. Ich sitze auf dem Bordstein auf den Knien das aufgeschlagene Tagebuch. Die Dresdner Alte Synagoge abgebrannt 1938, die Steine zur Straßenpflasterung verwandt, sage ich zu C. und die C. zieht mich zu sich heran.

Wir gingen in eine Ausstellung. Paul Klee im Orient und in den Vitrinen liegen Postkarten, die Klee an seine Frau schrieb, ein Tagebuch der Liebe. Dresden hat mit dem Albertinum eine wunderschöne Kunstsammlung. Auf dem Balkon der A. sahen wir auf die Elbe hinunter und aßen Kuchen. Kreutzkamm. Einstmals königlicher Hoflieferant. Die Dresdner Silhouette im Sommerlicht. Canaletto Bilder. Dresden als glänzende Schönheit. Auf meinen Knien das Tagebuch. Der Sommer in Dresden 1943 ist auch schön. Nur die Verhaftungen, Mittwoch der und Donnerstag ein Anderer stören das Panorama und Klemperer beginnt in einer Tee-Ersatz Fabrik zu arbeiten. Natürlich haben wir uns in Dresden die berühmte Yenidze Zigaretten Fabrik angesehen. Heute frage ich mich, ob die Proteste auch die Minaretttürme mit einschließen, damals fragte ich mich das nicht. Ich überlegte ob Kafka die Türme wohl schon bei der Einfahrt aus Prag bemerkt hat oder auch nicht. Wir essen schlecht am Neumarkt zu Abend. Ein gräulicher Bänkelsänger scherzt grob und ich bin zu ungeduldig für seine Scherze und müde, vielleicht auch das.

„Klemperer hat, sagt der Tierarzt während des Krieges, Kartoffeln und Kohl gegessen.“ Ich denke an meine Großmutter, die in Auschwitz alles gegessen hat, auch Dinge, die man nicht essen kann. Meine Großmutter hat sich das nie verziehen, diesen rohen Hunger und niemals wieder hat meine Großmutter nur mit den Händen gegessen, sondern immer mit Besteck und Leinenserviette, selbst ein Ei auf der Zugfahrt. Am 13. Februar 1945 gibt es in Dresden noch hundert Juden. Am Abend des 13. Februars wird Dresden bombardiert. Am 13. Februar 1945 sind alle Juden Europas schon tot und meine Großmutter zieht mit den Gerippen der anderen aus Auschwitz fort und wird sich für Monate auf einem Friedhof verborgen halten, der sehr weit weg von Dresden liegt. Victor und Eva wiederlegen die Wahrscheinlichkeit des Todes und Victor Klemperer schreibt in sein Tagebuch diesen einen Satz, der sich mir eingegraben hat: „Dresden. Modernes Pompeji.“ Das schreibt der Jude Klemperer und es wird viele Jahre dauern, Jahrzehnte vielleicht bis die Deutschen oder die Dresdner vielleicht ist das gleich, etwas aufschreiben, aber dieser Satz ist das Wahrste was je geschrieben wurde über Dresden. Die Zerstörung Dresdens begann doch wie die Pompeijs nicht mit dem Knall der ersten Bomben, sondern als feiner Haarriss im Jahr 1933, zog sich langsam durch die Mauern, bis dann alles zerbarst in dem unfasslichen Schrecken jener Februarnacht. Nein, ich kann nichts weiter als düstere Fassungslosigkeit empfinden angesichts der zerborstenen Häuserwände und der abgebrannten Straßenzüge.

Pompeij die Mutter aller Zerstörung, das grundsätzliche und gänzliche Begraben alles Bestehenden und die Flucht, denn Victor und Eva Klemperer verschwinden aus dem Trümmerfeld und: „Ich bin wie ein Gespenst“ schreibt Klemperer. Ich bin wie ein Gespenst. Dresden ist eine Opferstadt hört man wieder und wieder sagen. Ich glaube nicht, dass diejenigen die das sagen als erstes an Victor Klemperer denken, und ich denke an jenen Nachmittag auf dem Balkon mit Elbblick zurück. In Hiroshima sagt der Tierarzt, der viele Jahre in Japan lebte, empfinden die Opfer Scham und sprechen nicht, in Dresden aber ist die Ursache des Krieges nur eine Nuance, ist die Schönheit, die über Pompeij gelegt worden ist, wie ein Tuch, das gegen die nagende und bohrende Erinnerung abschirmen soll. In all den aufgebauten und auch abgerissenen Dresdner Bauten liegen oft nur als winzige Splitter, plötzliche Erinnerungen und Gespenster verborgen. Dresden ist Pompeij geworden und niemand weiß, was passiert wäre, hätte man das vor Jahrhunderten zerstörte Pompeij wieder aufgebaut. Dresden ist wieder schön, ist wieder da und ist trotzdem Pompeij geblieben, unter dem Schutt und der Asche liegt Europa begraben, und jeder Neuankömmling so scheint es, sei allein schon durch seine Anwesenheit, durch seinen möglichen Zweifel an der Schönheit Dresdens in der Lage, die Stadt selbst zum Einsturz zu bringen. Es reichen drei Busse oder ein Jude, jedwede Erinnerung an den Haarriss, der sich in zwölf Jahren durch die Stadt zu ziehen begann.

Meine Großmutter sammelte Meissner Porzellan und mahnte zur Vorsicht. Ich liebte die Tasse mit den Rosen und meine Großmutter, die mit den Veilchen. Wir, die wir Weimar und Erfurt, Meissen und Görlitz und Dessau und Jena besuchten, nach Dresden sind wir nie gemeinsam gefahren. Ich weiß nicht warum.

Ein letztes Mal bevor wir nach Prag fuhren vor drei Jahren, die C. und ich, gingen wir in die Loschwitzer Straße und trafen Freunde in Tolkewitz, wieder nah an der Elbe. Warm war der Tag, wir kauften Granatapfelsaft und Orangen bei einem Gemüsehändler am Eck. Die C. wollte gern Erdbeeren haben und ich wartete im dunklen Ladenraum. Der Verkäufer Vietnamese, aber mehr noch Dresdner mit breitem sächsischen Akzent beklagte die Hakenkreuzschmierereien an seinem Laden. Über der Kasse hing ein vergilbter Zeitungsartikel. Ein grobkörniges Bild zeigt den Mann wie er zwei Buben, die auf dem Eis eingebrochen waren, herauszog. „Sie sind ein echter Held“, sagte die C., die solche Sätze sagen kann, und sie zum Glück auch sagt. Der Mann strahlte und schenkte uns eine riesige Melone. An anderen Morgen fuhren wir nach Prag. An einer Ampel halten wir neben einem italienischen Restaurant. Pizzeria Napoli. Dresden ist Pompeji geworden, niemals wieder wird es nur Dresden geben können, so ist das.

Niemand hat so über Dresden geschrieben, so schmerzhaft, so schön, so einfach und so selbstverständlich wie Victor Klemperer, den man in Dresden nicht liest. Doch er ist der tektonische Sockel dieser Stadt. Dresden. Modernes Pompeji, sage ich zum Tierarzt in der Küche, das Buch liegt aufgeschlagen auf dem Tisch, die Mohrrübenschalen neben mir, der Wind und die Orgel, Glockengeläut, das Klavierkonzert lange schon zu Ende. „Fahr mit mir nach Dresden, sagt der Tierarzt. Ich sehe ihn an und zögere zu lang. „Überleg es dir“, sagt der Tierarzt, streicht über meinen Rücken und deckt den Tisch.

Reisen in die deutsche Provinz-Aschersleben (II)

IMG_4395Still liegt die Stadt vor uns als die C. und ich die Straße queren.Wir gehen vorbei an alten Giebelhäusern aus dem sechzehnten Jahrhundert und stehen bald schon in einem Hof, der den Augenschein hat als sei der Dreißigjährige Krieg erst gestern zu Ende gegangen und die Landsknechte noch nicht weiter als bis Magdeburg gekommen. Die einzigen Zeichen der Moderne sind eine Vielzahl von Verbots- und Hinweisschildern: Parken verboten! Eltern haften für ihre Kinder! Vorsicht, bissiger Hund! Stop! Betreten verboten! Privatgrundstück! Eine hölzerne Treppe führt nirgendwohin und unbekümmert allen Verboten zum Trotz sitzen die C. und ich auf der Treppe und sehen hinauf in das strahlende  Blau. Niemand kommt uns zu mahnen und so gehen wir weiter, wir gehen durch enge Gassen und über Katzenkopfpflaster, auf einem Pfeiler schläft eine Katze, Menschen sehen wir erst als wir auf dem Marktplatz stehen. Einen Wochenmarkt aber gibt es nicht. Im Rathaus mit den schönen Malereien am Giebel ist jetzt die Stadtsparkasse. Die c. kühlt sich die Hände im Brunnenwasser,  misstrauisch beäugt von den Besuchern eines Cafés, die unter Sonnenschirmen sitzen und Bier trinken. Ich indes stehe vor der Apotheke, die zwar nicht „Zu den seligen Boten“ heißt aber doch in Gestalt jener Apotheke ähnelt, in der Wohlgemut Zeitblom  den Bürgern von Kaisersaschern Salben und Pillen verkaufte. Zu gern wäre ich hineingegangen und hätte mit allerunschuldigster Miene zu fragen, ob hier vor vielen Jahren einmal ein Apotheker namens Zeitblom ansässig gewesen sei. Aber das kann ich nicht tun, denn die Apotheke ist geschlossen. Geschlossen sind auch das italienische Restaurant „Il Torre“, der Thailänder ist zu, selbst der An- und Verkauf hat aufgegeben und je weiter wir in die Stadt hineingehen so leerer werden die Schaufenster. Geöffnet haben eine Rossmann Drogerie, ein Laden mit dem seltsamen Namen „NKD“, der Plastikschuhe für fünf Euro anpreist, geöffnet ist auch das Billard-Restaurant: „Das Loch“, wohingegen der Imbiß die Rolladen auf ewig geschlossen hat. Die Buchhandlung macht einen traurigen und staubigen Eindruck. Sie wirbt für ein Gerät namens togolino und scheint damit schon der eigenen Zukunft vorgegriffen zu haben. Woran in Aschersleben jedoch kein Mangel herrscht, das sind Friseure. An jeder Straße findet sich mindestens ein Friseursalon. Ob sich dieser Überfluss jedoch auf prächtig frisierten Köpfen der Ascherslebener Damen und Herren widerspiegelt, vermag ich nicht zu sagen, begegnet sind wir nur wenigen Menschen. Der Metzger hingegen hat noch Keramikschweine im Fenster, ansonsten, verkündet der Papierzettel: „Geschlossen“ Altbekanntes.  Ich frage mich, sage ich zur C. ob die Menschen, die hier leben, wohl nie Appetit auf ein Stück gutes Entrecôte haben, oder richtig guten Brie aus der Bretagne kosten wollen? Verlieben sich die Männer dieser Stadt nie so heftig, dass sie keinen Floristen brauchen, um der Angebeteten einen Strauß voller Lilien in die Arme zu legen? ‚Wollen die Frauen hier wirklich nichts weiter tragen als sackartige T-Shirts mit Zebrastreifen und niemals ein feuerrotes Kleid anprobieren, mit dem sie sich vor dem Spiegel drehen? Wacht in dieser Stadt wirklich keiner auf, mit dem unbändigen Wunsch, jetzt und sofort reife Papaya und Trauben  von den Hängen des Vesuv zu kaufen? Überhaupt was machen die Leute, die hier leben, eigentlich hinter den Gardinen? Lesen sie Gedichte im dämmrigen Halbschatten oder träumen sie beim Fernsehprogramm von der Südsee am Abend? Fahren sie manchmal tanzen oder wenigstens ins Kino?“

Wir, aber gehen zur Stephanikirche, die alt und groß über der Stadt thront, aber wir sind schon längst nicht mehr verwundert: die Kirche ist zu. Verschlossen und verriegelt sind ihre großen Portale. Das Klingeln am Pfarrhaus bringt nichts. Ob sich wohl auch der Pfarrer hinter den hier üblichen gestärkten Gardinen versteckt? Aber wenn ja, wovor eigentlich? Besonders gefährlich sehen die C. und ich nun wirklich nicht aus. Dann sitzen wir unter den alten Bäumen des Kirchplatzes, der heute vor allem als Parkplatz dient. Die C. schließt die Augen und ich denke an Kaisersaschern, denn alles, alles ist ja hier. Sitzt man im Schatten der Bäume und im Schatten der Kirche, da versteht man, dass dies keine moderne Stadt ist, sondern alles ist hier von einer verlangsamten Gegenwart nur mäßig verdeckten Vergangenheit. Alles ist hier vorbeigezogen, die Scheiterhaufen des späten Mittelalters, diese Kriege und jene Kriege, stillgehalten hat diese Stadt und stillgehalten haben diese Menschen schon immer und das gedenken sie weiterhin zu tun. Stillgehalten haben sie als die verbliebenen 27 Juden aus der Stadt deportiert wurden, achselzuckend und wohl und dann murrend wurde auch die Nachkriegsordnung angenommen, ebenso wie alle Ordnungen solange es nur Ordnungen waren, eben angenommen wurden. Nichts läge hier ferner als den Charakter dieser Städte mit DDR-Nostalgie zu beschreiben und zu kurz greift auch die Vorstellung, dass die AfD hier deshalb Fuß fassen kann, weil sie das Bild einer Vergangenheit heraufzubeschwören vermöge. Hier hat die Neuzeit nie Fuß fassen können, vielmehr hat hier der Begriff des Volkes überdauert, nicht so sehr in einem nationalen Charakter, sondern in einer konservierten Fassung von trotziger Gemeinschaft die sich zu behaupten weiß gegen den Wandel, den es als etwas ihrer Verfasstheit fremdes wahrnimmt. Und wenn die Bürger Kaiseraschern’s in der Lage waren sich vor einem alten Mütterchen erschauernd abzuwenden, so sind es die Bernburger und Ascherslebener heute, predigt ihnen irgendein Hänselein von abendländischer Bedrohung. Es ist mehr der Trotz des Kindes, als intelligente Ideologie und das doch und ja auch nur schwerlich zu bestreitende Wissen, dass die Zeiten und Ideen an Städten wie den ihren vorbeigehen werden und nichts hinterlassen, als einen oberflächlichen Kratzer aber nicht mehr als das.

Ironisch ist dabei, dass diese Städte mich mehr an die Dörfer um Essaouira oder Bikaner erinnern, als an Berlin oder Köln. Mit ihnen, nicht mit den deutschen Metropolen teilen sie Anlage wie Ausschlusskriterien, soziale Kontrolle ist hier so präsent wie dort. Streitet man sich dort über die grasende Ziege, geht es hier um Parkplätze, auf dem Friedhof und bei Hochzeiten trifft man sich in Aschersleben wie auch in Raqqa, bewegen sich hier die Gardinen leise hinter den Fenstern sind es dieselben wie sie auch in Damaskus oder Algier, Auskunft geben über die Nachbarn und ihr Gebaren. Im Restaurant zahlen auch hier die Männer und die Frauen fahren nie selbst Auto sondern öffnen den Männern das Garagentor. Sonderlinge und Außenseiter sind hier wie dort Zielscheibe des Spottes und der Ausgrenzung. Die Familie, die über den Kirchplatz läuft, offenbar zu einer Jugendweihfeier erinnert mich so stark an die geputzten Familien die sie am Abend des Fastentages im Ramadan überall zwischen Istanbul und Tunis antreffen können. Und überhaupt, Friseursalons gibt es auch in Cairo und all jenen arabischen Mittelstädten, die ich wie Aschersleben lieber Kasiersaschern nenne, zuhauf.

Dann schlägt die C. die Augen auf, wir essen Spargelsuppe und wir laufen zurück zur Bahn. Im immer noch filmkulissenhaften Park sitzen drei syrische Männer, sie trinken Tee aus einer gelben Kanne. Parallel etwas fünfzig Meter von ihnen entfernt sitzen vier deutsche Männer, sie trinken Bier, allerdings aus Flaschen, nicht aus einer Teekanne. Jeden Moment warte ich darauf, dass der Regisseur ins Bild tritt und ruft: „Cut“ aber niemand kommt, es wird nur mehr Tee und Bier getrunken. Es ist ein warmer Sommertag, die Kinder, die aussehen wie Statisten springen in die Wasserfontänen, noch einmal wende ich mich zurück zur Kirche, zu den Giebelhäusern und engen Gassen. Kaisersaschern, denke ich wieder und wieder. Die C. zieht an meinem Arm, komm sagt sie, in zehn Minuten geht unser Zug.

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Berlin-Aschersleben, 2: 50h, Schönes Wochenende Ticket für zwei Personen: 44 Euro. Hübsch sitzt man im „Tontopf“, das Essen ist mittelmäßig, aber nicht katastrophal, die Bedienung ist ausnehmend freundlich; Hinter dem Turm 24, 06449 Aschersleben ( keine Website ) 

Alles selbstbezahlt, selbstgeknipst, selbsterlaufen, selbsterlebt-selbst geschrieben ist es auch.