Wenn er kommt

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Manchmal aber wenn ich auf dem alten roten Fauteuil sitze und alles ist still, selbst auf der Straße kein Hauch, keine Autotür klappt, die Kirchturmuhr schweigt, das Telefon bleibt stumm und ich halte nichts in den Händen selbst das Buch ist mir den Schoß gerutscht, und ich sehe aus dem Fenster in die Wipfel der alten Kiefer, durch die Wind normalerweise fegt und sehe so vor mich, ohne Sinn und ohne Verstand, dann frage ich mich doch wie es wäre, wenn er denn käme.

Nein, zu mir käme er wohl nicht als der kleine und schnelle Jenö Lakatos mit seinem Vertreterkoffer voller falscher Korallen und den Hosenträgern bis über den Bauch und ich bezweifle auch sehr, dass der dort im Eck mit überschlagenen Füßen säße, einem deutschen Philosophen ähnlich wäre. Der deutsche Philosoph erschien mir immer zu träge und auch zu behaglich, schlecht angezogen zudem mit einem braunen Pullover über dem karierten Hemd, um dem zu ähneln, von dem wir nicht wissen, ob er nicht auch über uns eine Liste führt. Einen Pudel hätte er keineswegs, denn ein Pudel reizte mich zum Lachen und ich weiß es genau, ich wäre spöttisch und er wäre verstimmt. Nein, ein hagerer hochgewachsener Mann säße dort auf dem Sofa neben dem Beistelltisch mit den zu vielen begonnen Büchern, den Notenblättern und den drei Rosen im Glas. Eng geschnittene, schwarze Hosen hätte er wohl an, dazu eine schwarze Bluse mit Knöpfen aus Perlmutt und einem spanischen Kragen aus Seidenspitze dazu. Einen Mantel trüge er wohl aus schwerem Kattun, verschlossen nur mit Hilfe einer Brosche, deren Initialien ich nicht zu entziffern vermöchte, so sehr ich es auch versuchte. Eine Zigarette zündete er sich an, meine Suche nach einem Aschenbecher aber, verwürfe er mit einer abweisenden Handbewegung. Schmale, lange Finger und endlich sähe ich auch seine gelblichen, ein wenig splittrigen Zähne. Setzen Sie sich doch, sagte er mit kühl-scharfer Stimme, so als sei er hier zu Haus und nicht. So sänke ich zurück auf das rote Fauteuil und er sähe mich an. Schöne stahlblaue Augen hätte er, aber ganz sicher wäre ich mir nicht, mag sein, dass seine Augen auch jadegrün oder rubinrot glänzten: je nachdem. Aus dem Mantel aber zöge er eine Flasche Wein: „Ob auch ich ein Glas tränke?“, fragte er mich, doch ich verneinte. Mit einem Fingerschnippen bloß löste sich der Korken und schon stünde eine Glas aus böhmischen Kristall vor ihm auf dem Beistelltisch, gleich neben den Noten. Seine Schuhe aber enge und spitze Schnürstiefel, klein und doch ungleichmäßig groß glänzten im Sonnenlicht. Maßanfertigung, sagte er und ich, die ich meine Zunge niemals und schon gar nicht wenn es um das Ganze geht, im Zaum zu halten wüsste, fragte: „Zur Schonung des Pferdefußes?“ Er verzöge wohl etwas mokiert die Brauen, ob ich glaubte er sei zu Fuß gekommen?“ Ich zuckte mit den Schultern , er straffte sich, leerte das Glas in einem Zug, zöge ein Notizbuch aus den Falten des Mantel hervor und nickte mir zu: Er sei in geschäftlicher Sache zu mir gekommen. Warm würde es plötzlich im Zimmer, nicht aber weil die Märzsonne so heftig durch die Fenster bräche, sondern wohl seinetwegen. „Ich bin eben ein Höllensohn“ sagte er und schlüge den Mantel ein wenig zurück.

Leise spräche er und fast ein wenig heiser: Der Idealismus der einen, sei fast so arg wie die Nachlässigkeit der Anderen. Denn die Welt faule von innen her, welchen Anstrich man ihr gäbe, ich sei doch verständig genug, spielte keine Rolle. Die Freiheit sei immer nur die Unfreiheit der Anderen und überhaupt seien die meisten ohnehin mit anderen Dingen beschäftigt. Alternativen gäbe es keine: Der Sozialismus sei einmal eine Romanze gewesen, eine mädchenhafte Verirrung fast und hier lächelte er, schon aber sei die und schließlich auch die Gewalt mit ihm gekommen, denn die kalte Logik allein, aber den Menschen noch nie vor Fehlern bewahrt. Dafür seien Gedichte da und auch die meist herzlich schlecht. Von roten Nelken halte er nichts und wie auf Befehl zerkrümelte die Rose endgültig, auch ohne, dass er sie berührte. Der Kapitalismus hingegen und er schüttelte den Kopf habe nie die besten Köpfe angezogen, sondern nur die mit der größten Gier. Aber auch die sein kein guter Ratgeber gewesen und das dumme Sprichwort vom aufhören, wenn es am Schönsten ist, sei nicht nur dumm, sondern auch eine einzige Begriffsstutzigkeit: Erfolg verführe zu Hochmut und noch niemals habe der Schöne sich um die Hässlichkeit verdient machen wollen. Sicherheiten gäbe es keine, dass müsste ich doch wissen. Sicherheitsgurte, doppelte Böden und hier keckerte er eine Hausratsversicherung gar, verzögerten das Unausweichliche nur, verlängerten die trügerische Sicherheit und seien doch immer Teil des Fehlers und niemals seine Lösung. Er lachte wieder und zeigte auf die vier Sparbücher für Neffen und Nichten. Ob ich gar so naiv wäre, deren Wert für real zu halten, ich müsse begreifen, dass morgen schon die Sparbücher nichts weiter wären als ein Haufen loses Papier. Ich solle ihn verschonen mit den schönen Künsten, getanzt würde immer ob nun zu einer Chaconne oder einem Lied aus der Konserve. Einen Unterschied hätte es nie gegeben und er schüttelte fast ein wenig bedauernd den Kopf: weder die Kunst noch die Liebe bewahrten uns vor uns selbst oder dem anderen. Noch im Rettungsboot auf eisiger See hätten Menschen Choräle gesungen, erfroren und ertrunken seien sie ohnehin. Der Unterschied sei ein theoretisches Problem und natürlich, das sähe er ein müssen Bücher geschrieben werden, warum dann nicht auch über den Bau von Booten? Langsam fährt er mit den spitzen Fingern über das zarte Glas, ob einen nun die kleine Meerjungfrau verlasse oder die schöne Müllerin, sei bedauerlich aber anderseits völlig einerlei. Für einem Moment ist mir, als würde er weinen, aber geblendet vom grellen Licht wüsste ich es nicht zu bezeugen. Es gälte nun, sagte er plötzlich laut und vernehmlich, das Leben bei den Hörnern zu packen, Champagner in Flaschen und die Hemmungen hinter der Haustür zu lassen, denn den Untergang hieße es mit beiden Händen zu umarmen. Schon läge vor mir, ohne das ich eine Hand hätte kommen sehen, ein Zettel vor mir, ein Vertragsdokument ganz eindeutig. Ab dato recessi stünde ganz oben auf dem schweren, weißen Papier. Beinahe lächelte er wohl mit seinen scharfen, splittrigen Zähnen und versicherte mir, er werde mit dem Lohn nicht geizen und anzüglich schnalzte er wohl mit der Zunge.

„Verschwinden Sie“, würde ich wohl rufen wollen, doch ihn kümmerte das wenig, schon wieder langte er in den Mantel zur Flasche, und nähme meine Hand in seine, küsste sie ruhig und sein angenehm warmer Atem, erinnerte mich an einen anderen Mann. Er wisperte mir wohl etwas ins Ohr von kommenden Tagen und Nächten aus klirrendem Gold. Das Blut rauschte mir durch den Kopf, zog er mich nicht schon an seine Brust?
Doch plötzlich schlüge die Balkontür zu, das Telefon klingelte wie üblich und im Hausflur Bewegung, die Kirchturmuhr schlüge schon Drei. Allein wäre ich wieder im Zimmer und so lange ich auch suchte, den Vertrag fände ich nirgendwo, die Flasche das Glas und auch der Besucher spurlos verschwunden, im Zimmer kein Schwefelgeruch, sondern süßer Maiglöckchenduft. Die drei Rosen im Glas jedoch wären auf einmal welk und vergangen.Warm wäre mir, die ich doch jahrein, jahraus friere ,geradezu heiß.

Regenguss

Schon auf dem Weg zum Bahnhof früh am Morgen werde ich nass. In Irland heißt das immer: nass bis auf die Knochen. Das Wasser tropft mir aus den Ohren, läuft aus den Schuhen und ich ähnle noch weniger als sonst einem respektablen Fräulein, sondern sehe aus wie eine ägyptische Tempelkatze nach dem rituellen Bade durch den Kämmerer des Pharaos selbst. Verkniffen spreche ich mir Trost zu: Immerhin hängt im Büro eine Zweitgarnitur. Im Büro angekommen trockne ich die Barbourjacke auf der Heizung und winde mich aus den durchweichten Sachen. Halbwegs trocken muss ich schon wieder los, denn ich treffe den Tierarzt, der jeden Donnerstag im Zoo den Blutdruck der Affen misst, sich um das asthmatische Zebra bemüht und nach der wunden Pfote des Wolfes sieht. Jeden Donnerstag hoffe ich indes, dass der Löwe doch bitte kein Zahnweh bekommen mag. Aber der Tierarzt und ich verabreden uns eben auch auf halber Strecke auf eine Stunde Gemeinsamkeit. Heute zudem bringt der Tierarzt mir einen Stapel Akten mit, denn am späten Nachmittag habe ich einen Termin in München. Erst einmal und wie könnte es auch anders sein, werde ich auf dem Weg zum Tierarzt nass. Die Regenwolken glaube ich haben sich gegen mich verschworen, kaum das sie sehen, dass ich das Büro verlasse, pfeifen sie sich schrill „Auf Drei“ zu und schon ergießt sich eine ganze Regenwand über mich. Die Regenwolken lachen laut und ich stapfe finster dem Tierarzt entgegen, der Regen läuft mir aus den Wechselschuhen. Mit klappernden Zähnen warte ich auf den Tierarzt, schon quietschen die Reifen des treuen Volvos und der Tierarzt betritt das Café: „Mädchen, Du frierst ja“, sagt er und schüttelt den Kopf und“ nass bist du auch.“ Ich klappere mit den Zähnen wie der Schneider sieben und der Tierarzt deutet auf seinen Wetterfleck. Der Wetterfleck des Tierarztes nämlich ist kein Regenmantel im eigentlichen Sinne, sondern ein als Mantel daherkommendes Zelt und schon sehr, sehr alt, hundertfach geflickt und mit breitem Kragen, 2 Meter hoch ist der Tierarzt und oh wie klein bin ich. Trotzdem mit blauen Lippen bibbere ich: Ja. Der Tierarzt entleert seinen Manteltascheninhalt in meine Barbourjacke und ich wickle mich in den Wetterfleck. Besser der Wetterfleck wickelt sich um mich bis nur noch meine Nasenspitze aus dem Mantelzelt hervorragt. Aber warm, oh wie warm ist der Wetterfleck, eine Kuhwärme hat der Wetterfleck an sich, denn ich weiß nicht wie viele Kälbchen und Lämmchen der Tierarzt schon in diesem Mantel erst auf die Welt gebracht und dann warm gehalten hat. So ausgerüstet, nebst dem alten braunen luggage holdall voller Akten also rase ich zum Flughafen. Unnütz zu Erwähnen, dass ich ein drittes Mal nass werde und wieder läuft mir das Wasser am Mantelsaum herab, meine Haare aber sind schon seit 11 Uhr ein nasser Klumpen der mir am Kopf klebt. Ich sehe inzwischen nicht mehr aus wie eine halbertrunkene Tempelkatze, sondern wie eine sehr, sehr nasse Mary Poppins.
Im Flugzeug bin ich kurz davor die Stewardessen um einen Wasserabtropfeimer zu bitten, zum Glück bleibt der Mittelplatz frei und der Gangnachbar trinkt Rotwein und hört sehr, sehr laut Eros Ramazotti, aber die Liebe soll man laut besingen und der Sitznachbar zeigt mir sogleich das Bild einer Frau, die weder Mary Poppins noch einer zerzausten Fledermaus gleicht, sondern aussieht wie ich mir die amtierende Miss Ukraine vorstelle. Er strahlt. Neapel. Freundin. Good vibes lässt er mich wissen, ich tropfe säuerlich vor mich hin. In München angekommen, sieht der Taxifahrer mich skeptisch an und legt eine Plastiktüte auf den Sitz. Ich tropfe. Der Taxifahrer aber erzählt mir, dass München voller Räuber sei. Nicht aber im herkömmlichen Sinne, keinen Kaninchendiebe mit grünem Seppelhut oder gewiefte Fallensteller mit genagelten Schuhen. Nein, die wahren Münchener Räuber seien die Zahnärzte dieser Stadt. Der Taxifahrer fletscht die Schneidezähne und erzählt eine Horrorodyssee, die weniger von seinen zwei überkronten Schneidezähnen handelt, als von dem mit rythmischen Schlägen auf das Lenkrad begleiteten Versuch die Schlechtigkeit der Welt mit dem Tun und noch mehr dem Lassen der Zahnärzte zu erklären. Er verabschiedet sich mit einem zünftigen: „Saubuan alle!“ Ich steige tropfend aus dem Taxi.
Das Gebäude aber dem ich nun zu eile, möge mich bloß niemand sehen, denn in München sind die Frauen allesamt immer sehr gut angezogen mit passender Handtasche zum Twinset, ist einer dieser typischen Glas-Marmor-Metall Ungetümer und so tropfe ich auf dem blanken Boden hin zur Rezeption, wo sich eine schneeweiße Orchidee, die bestimmt nur mit Morgentau gewässert wird, angewidert von mir abwendet. Die wirklich ausnehmend schöne Dame an der Rezeption aber lächelt zuvorkommend: „Noch einen Moment Geduld Fräulein Read On“ sagt Sie, der Herr C-E-O ist auf dem Weg zu Ihnen. Darf ich Ihnen den Mantel abnehmen. Ich winde mich aus dem triefenden Wetterfleck und sitze nunmehr in feuchter Bluse und nassem Rock ganz zu Schweigen von den durchweichten Schuhen auf dem weichen Lederpolster. Mir gegenüber sitzt ein geschniegelter Hipster. Ein sorgfältig gemachter Bart, pomadierte Haare, Nadelstreifen mit Anzugträgern, Hornbrille, grasgrüne Socken, ein eng auf Taille geschnittenes Jackett. Mitleidig lächelnd sieht er auf mich herab und zieht die linke Augenbraue nach oben, alles an ihm schreit „Ich bin ein Macher von Morgen.“ Ich hingegen das ewig gestrige Fräulein richte meine Aktenstapel, da klingelt das Hipsterhandy und der Hipster lästert unverholen über meine tropfende Gestalt ihm gegenüber. Eine Lachnummer….Vogelscheuche….ein Trampel…..und vor allem chancenlos. Aha, denke ich der Hipster also sucht einen Job. Aber schon kommt der Herr C-E-O durch die Halle gelaufen und noch bevor ich Aktenstapel auf die Arme gehoben habe, steht der Hipster auf und stramm. Der Herr C-E-O aber sieht ihn nicht, sondern ruft unter der Andeutung eines Handkusses: „Ach mein sehr verehrtes Fräulein Read On, wie schön, dass Sie es einrichten konnten. Dann übernimmt sein Assistent die Aktenberge, wir fahren hinauf in das C-E-O Büro: es gibt Kuchen und harte Verhandlungen. Zwei Stunden später, lächelt der Herr C-E-O: „Fräulein Read On darf ich Sie zum Flughafen fahren.“ Ich nicke beglückt und der C-E-O beauftragt die schöne Assistentin meinen Wetterfleck zu holen, bedauert meine Regenepisoden und der Assisstent holt den Wagen. Der einzige Grund einmal selbst ein Fräulein C-E-O zu werden, wäre die Anwesenheit eines Assistenten, der mir das Auto aus der Gararge holte. Auf dem Weg zum selbigen passieren wir noch einmal das gläserne Entrée. Dort wird der Hispter von einer weiteren schönen und wie ich weiß sehr klugen Frau zur Tür herauskomplimentiert. Als freundlichen Gruss des Hauses erhält er das Firmenmagazin mit dem strahlenden Antlitz des Herrn C-E-O. Ich nicke ihm freundlich zu, mit der Andeutung eines Lächelns bloß, denn der Herr C-E-O hilft mir selbstredend in den Wetterfleck. Der Hipster steht fassungslos danbeben. Aber wir sind schon vorbei. Das Auto, eines jener Autos, die ich nicht einmal anbekäme hat Heizung an allen möglichen Orten und zurück am Flughafen bin ich von der Taille abwärts zerknittert, aber trocken. Der Herr C-E-O und ich verabschieden uns bis zum nächsten Mal und mit der letzten Maschine fliege ich zurück nach Berlin. Mädchen, sagt der am Telefon, vielleicht solltest du ein heißes Bad nehmen, aber mir schaudert, noch einmal von Kopf bis Fuß durchzuweichen, ist mir selbst in warmen Lavendelwasser zu viel. So krieche ich unter das Federbett und nur der Wetterfleck tropft weiter über der Badewanne ab.

Unvergänglichkeit

Fast alles habe ich schon von dir vergessen. Nur manchmal schickt mir die B. ein Bild von dir. Die Vernissage des Malers X heißt es dort war gut besucht und auch der Künstler selbst mischte sich unter die Anwesenden. Oft muss ich zwei- oder dreimal auf das Bild sehen, bevor ich dich unter den Anwesenden finde. Merkwürdig, kommt es mir vor, dass aus dir dem Verschwiegenen jetzt ein Anwesender geworden sein soll, mit Weinglas in der Hand und rotem Tuch um den Hals. Das Weinglas hältst du mit gespreizten Fingern, ich suche nach der Narbe auf deinem Handrücken, aber ich sehe sie nicht. Vielleicht irre ich mich nun auch schon in deinen Händen, denn warum sollten ausgerechnet deine Hände meine Erinnerungen an dich aufbewahrt haben.
Wenn ich mich an dich erinnern will, muss ich die Zeitungsausschnitte weglegen, die die B. mir mit beiläufigen Bemerkungen unterschiebt. Erst dann sehe ich dich noch einmal in deiner Wohnung, die auch einmal meine gewesen ist, aber vielleicht geht meine Erinnerung hier schon fehl, denn nur weil ich auch einmal dort gewohnt habe und deine Weinflaschen zum Altglas an der Ecke trug, machte das deine noch lange nicht zu meiner Wohnung. Trotzdem seitdem stelle ich mir vor, wie in der Küche, diesem schlauchartigen, langen Raum die Weinflaschenberge wüchsen wie Zimmerpflanzen anderswo, bis sie schließlich an die Decke reichten, ein turmhoher Wald aus grünem Glas. Aber wer weiß. Bestimmt tragen heute andere Frauen deine Flaschen zum Altglascontainer an der Yehuda / Ecke Malakoffstraße, oder du hast doch irgendwann eine Zugehfrau eingestellt, am unwahrscheinlichsten aber, du trinkst Wein aus Gläsern und stehst in deiner Küche mit abgespreizten Finger und suchst nach dem roten Schal. Deine Küche also, erinnere ich noch immer. Das gelbe Trockengestell für Geschirr, das immer tropfte, auch wenn gar keine Tasse oder ein Teller mehr dort standen. Der stete Tropfen blieb. Meinen Versuchen dem Tropfen doch auf den Grund zu gehen, traf auf dein Stirnrunzeln. Ich gab es auf und wachte manchmal nachts auf von dem leisen pling, pling, pling und stand auch ein- oder zweimal auf mitten in der Nacht, um dem Tropfen auf den Grund zu gehen. Immer aber wachtest du auf, bevor ich endlich und immer war ich kurz davor, dem Tropfen auf den Grund gehen konnte. Du zogst mich zurück ins Zimmer. Dein Zimmer war damals voller Abbildungen der Portraits von Fayum. Immer sahen sie uns an, die mumifizierten Frauen deren Porträt man auf einem Stück Holz festhielt. Später, da wohnte ich schon lange woanders, habe ich in einer Ausstellung einmal gelesen, dass diese Porträts an den Mumien selbst befestigt wurden, sie dienten als eine Art Personalausweis, vorzulegen offenbar beim Eintritt in die Unterwelt. Die Porträtmaler von Fayum malten nie lebendige Menschen, sondern sollten Erinnerungen an ein Mädchen oder einen Mann konservieren. Mir waren die Toten unheimlich und du lachtest. Immer schon lag ein Schweigen in den Gesichtern und sehe ich heute deine Bilder an, erinnert mich keines von ihnen an die Portraits von Fayum. Damals aber als ich dich liebte, suchtest du nach der Unvergänglichkeit der Schönheit in den Bildern: in denen die du ansahst und in denen die du malen wolltest. Ich erinnere mich wie wir gemeinsam in einer Ausstellung vor den Bildern von Peter Paul Rubens standen: „Sie altern noch während man sie nur ansieht“ , sagtest du und gingst schon wietre nur um über Giacometti dasselbe zu sagen. Alt schon noch vor dem Trocknen der Farbe. Ich aber behielt mir die schweren Rubens-Mädchen. Noch immer glaube ich, würde ich auf sie zählen, traute ihnen die Beherztheit zu auch mir zu Hilfe zu kommen, auf die Rubens-Frauen scheint mir ist Verlass, die Passbilder der Toten aber, verschwimmen schon und nachts, damals im Zimmer, ich bin mir ganz sicher, lachten sie spöttisch und keineswegs nachsichtig über uns. Dein Zimmer erinnere ich nur im Dunkeln, dabei war es das hellste Zimmer der Wohnung. Hellblaue Gardinen und Pinsel in Honigtöpfen. Der Geruch von Terpentin zwischen allen. Dabei maltest du nie in der Wohnung, sondern immer nur in deinem Atelier. Drei Farben: Rot, Ocker und Braun, daran erinnere ich mich. Alle anderen Farben ließest du aus. Heute sind auf deinen Bildern alle Farben, nur das Rot ist verschwunden, nur noch als rotes Tuch liegt es um deinen Hals. Aber wenn ich mich erinnere, sehe ich das Rot deiner Bilder überall, in deinen Haaren, deiner Haut, irgendwann auch auf meiner und noch immer, noch heute macht mich roter Nagellack sofort und so unmittelbar nervös, das ich ihn abmachen muss, kaum ist er getrocknet. Da unter meinen Nägeln bist du also noch. Ich habe dich fast schon vergessen. Ich weiß noch, dass wenn Du dir Kaffee mit Honig süßtetst und ich habe nach dir niemanden mehr gekannt, der zwei Teelöffel Honig in die Tasse gab, immer blieb eine Spur von Honig auf deiner Oberlippe kleben. Kaffee schwarz, keine Milch, kein Zucker, dafür mit Honig. Ich sah deinem Löffel in der Tasse zu und ließ dich schwören, dass der Oberlippenhonig auf ewig mir gehöre. Du machtest ein feierliches Gesicht. Auf dem Zeitungsbild aber nur ein scharfgeschnittener Mund, ein glattrasiertes Kinn und nirgendwo ein Hauch Honig an Dir. Einmal rauschte durch das Küchenfenster eine Taube herein, aufgeregt flatterte sie auf der anrichte umher, schlug mit den Flügeln, gurrte und schrie, du aber nahmst die Taube in beide Hände und stiegst mit ihr in den Händen aufs Dach, dort hoch über Jerusalem schließlich standest du und mit der verirrten Taube, und auch nachdem sie lange schon davon war, verschwunden im weiten und gleißenden Himmel, sahst du ihr nach. Eine Feder blieb von ihr in deinen Händen zurück und mit ihr strichst du mir über mein Schlüsselbein, dann nahmst du dir einen Finger zu Hilfe. Vielleicht war das der Moment in dem du begannst mich zu vergessen. Es ist das letzte Bild von dir, was ich erinnere. Verwaschen blau, war die Hose, auf dem Zeitungsbild trägst du ein weißes Hemd. Keine Feder, keine Taube, kein Honigtopf ist auf deinen Bildern zu sehen, in der Hand ein Weinglas, es ist weder halbvoll noch halbleer, kein einziger Tropfen an seinem Rand.Ich hatte dich schon fast vergessen. „Unvergänglichkeit“ sagt der Zeitungsartikel, so hieße die neue Ausstellung von dir.

Reisen in die deutsche Provinz-Das Museum Barberini, Potsdam

 

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Museum Barberini

Am Samstag Nachmittag aber langweilt sich die kleine Königin, die auch meine Nichte ist, furchtbar. Mögen ganz normale Menschen, denen langweilig ist auf dem Sofa sitzen und in der Nase bohren, so verhält es sich mit königlicher Langweile ganz anders. Bär der treue Kanzler nämlich fliegt in hohem Bogen durch die Luft und das eben begonnene Memory-Spiel wird unter Wutgeheul vom Tisch gefegt, finde ich die siebente Kammerzofe das Paar roter Äpfel und nicht die kleine Regentin. Überhaupt muss eine Königin auch dann und wann die Grenzen des Königreiches verlassen, und verwandten Herrscherhäusern einen Besuch abstatten. So holen wir das Oldsmobile aus dem Schuppen, hinterlassen der Königinmutter eine royale Depesche und fahren nach Potsdam herüber. Wir singen italienische Liebeslieder, denn der Himmel ist grau und der Lido ist fern der Spree und außerdem kann man gar nicht laut genug singen im Leben. Schließlich stellen wir das Oldsmobile sicher ab und die kleine Königin richtet ihre Krone, ich reiche den Roller ( viel praktischer als die ewige Kürbiskutsche und ich trage den rehabilitierten Kanzler Bär, und renne neben der kleinen Königin her. Grau ist Potsdam, da trifft es sich gut, dass die kleine Königin einen glitzernden Tüllrock und eine pinke Daunenjacke trägt und ich immerhin einen dunkelroten Mantel, denn der Potsdamer selbst hält es eher preußisch nüchtern und fast alle Potsdamer haben beige Anoraks und etwas missmutige Gesichter, dabei ist es doch Samstag. Aber schon sind wir am Schloss, das jetzt Landtag ist vorbei und stehen vor dem Museum Barberini, denn das wollen wir besehen. Die kleine Königin findet zwar, dass das Museum kein richtiges Schloss ist, aber die hohen Treppen und der Museumswächter, der eine Verbeugung vor der kleinen Königin andeutet, können etwaige Zweifel zerstreuen und das Museum Barberini ist wirklich schön. Hell und luftig, fast schon als wehte wirklich ein italienischer Wind durch die Räume.

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Blick auf die Nikolaikirche

Da gerade erst eröffnet, ist das Museum auch sehr, sehr voll, aber eine kleine Königin ist sehr geschickt dabei, im Slalom den Beinen auszuweichen, die finden, man müsse sich am Samstag Nachmittag mit der Kamera vor den Bildern postieren, damit auch noch der Letzte merkt, dass hier ein ambitionierter Hobbyfotograf am Werk ist, aber dann stehen wir schon vor den Bildern und die kleine Königin zieht mich zu einem Sommerbild von Max Liebermann: „Guck mal sagt sie, die Frau mit dem Hut, die sieht auch die ganze Zeit auf ihr Telefon.“

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Max Liebermann, vielleicht der eigentliche Erfinder des gesenkten Smartphone Blicks?

Wir überlegen dann doch noch einmal, ob man um 1900 vielleicht auf ganz andere Sachen geschaut haben mag und die kleine Königin befindet mit Inbrunst: „Bestimmt haben die Frauen alle dem König geschrieben.“ Warum nicht, dann will die kleine Königin wissen, warum die Frauen alle Hüte trugen und niemand sonst im Raum, wir wandern durch die Räume und die kleine Königin und ich planen anhand von Liebermann und Monets Gartenbildern einen Schlosspark: Gladiolen auf jeden Fall, Schwertlilien aber nur in feuerrot, eine Margeritenwiese, natürlich ein Seerosenteich und von Gustav Klimt lässt sich selbst die kleine Königin überzeugen, dass drei Birken auf einer Wiese eine gute Sache sind. Liebermann aber bleibt ihr Favorit: sie steht lange vor dem Bild des Küchengartens mit seinen Kohlköpfen und Obstbaumspalieren und neigt den Kopf zur Seite: Dann will sie wissen, warum so viele Menschen auf der Welt Hunger haben. Die kleine Königin hört mir seufzend zu und schließlich gehen wir zu den Segelbooten, die immer wieder Motiv der Impressionisten waren, hier aber nicht im Süden, sondern in Nordfrankreich im hellen Licht in den Wellen schaukeln. Wir suchen uns ein Boot aus, von dem wir glauben, es trüge uns sicher um die Welt. Ich erzähle der kleinen Königin von meinem Urgroßvater, der um die ganze Welt fuhr und mein Großmutter und ihren Schwestern das Segeln beibrachte. Wir vergleichen Bootstypen und als wir vor den großen schweren Schonern stehen, die erst mit der Dampfschifffahrt von den Weltmeeren verschwinden, erzähle ich vom Sklavenhandel und die kleine Königin sagt zum treuen Bär ganz entrüstet: „Das darf man doch nicht machen.“ Bär und ich nicken. Dann wird die kleine Königin müde und klettert in meine Arme und mit ihr auf den Armen, sehe ich die Skulpturen der Sammlung an und stehe noch einmal lange vor dem Denker, so oft reproduziert, so oft gesehen, aber immer wieder und vollständig weggerissen von dem was in dieser Figur liegt. Als ich einen abschließenden Blick auf die DDR-Kunst werfe, wacht die kleine Königin wieder auf und wir versuchen draußen an Mattheuers Jahrhundertschritt, bevor wir in die Nikolaikirche gehen. Dort singe ich für die kleine Regentin: „Oh wie wohl ist mir am Abend“, aber schon zischt es von hinten: „Ruhe bitte.“ Protestanten haben es auch nicht immer nur leicht und wir gehen lieber hinaus besehen Atlas mit der goldenen Kugel auf dem Rücken, und von der Last der Welt kommen wir zu den Gesetzen der Schwerkraft und dann auch zu Fortuna, die nicht minder glänzend sich im Wind vor- und zurückdreht, denn nicht umsonst ist sie die Wankelmütigste unter den G*ttinnen. Noch einmal sehen wir hinüber zum Museum Barberini, neu und glänzend im späten Licht.

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Gekrönte Lampen.

Kurz bevor die gekrönten Straßenlaternen angehen, machen wir uns auf den Weg zurück zum Oldsmobile. Auf dem Wege jedoch machen wir natürlich bei einem Eissalon Halt, denn eine kleine Königin muss sich stärken und der verständige Eisverkäufer erkennt sofort, dass auf den Eisbecher mit Früchten eine Extra Portion bunte Streusel gehören. Die kleine Königin nickt erfreut und lässt auch Kanzler Bär und mich probieren. So gestärkt schließlich gondeln wir zurück, zufrieden und ganz und gar nicht mehr gelangweilt, drehen wir das Autoradio lauter. Immerhin ist dieses Oldsmobile eine königliche Karosse. Zurück daheim malt die kleine Königin sofort einen Plan für die künftige Schlossparkgestaltung und nur Schwesterchen sieht mich kritisch an: „Habt ihr etwas Ordentliches gegessen, ihr beiden?“ Ich nicke: „Viel Obst, Süße“ sage ich und zwinkere der kleinen Königin zu, dann falle ich zurück auf das Sofa, wie es sich für etwas erschöpfte Kammerzofen nicht ganz gehört.

Museum Barberini, Humboldtstraße 5-6, 14467, Potsdam, täglich außer Dienstag, alles weitere hier.

 

Die Mali-Tant wundert sich über die Frauen.

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Die Mali-Tant als junge Frau.

Die Mali-Tant, war eine der liebsten Freundinnen meiner Großmutter. Wie meine Großmutter scheiterte die Mali-Tant an Israel. Die beiden Damen waren sich einig: die Hitze, der Staub, das schlechte Theater, die barbarische Sprache, die seichten Opern, da könne man trotz allem also auch nicht bleiben. Meine Großmutter ging zurück nach Deutschland und die Mali-Tant zog zurück in ihre Geburtsstadt Wien. Damals also im 1950er Jahr sagten die Nachbarn zur Mali-Tant: “Wir dachten die Juden sind alle durch den Rauchfang gegangen.” „Ja, sagte die Mali-Tant damals, das habt ihr euch wohl so gedacht.“ Die Nachbarn haben nicht widersprochen. Die Mali-Tant aber ist geblieben und noch immer, noch heute lebt die Mali-Tant in Wien. Jeden Samstag seit vielen Jahren also, rufe ich die Mali-Tant an.

Ich liege auf dem roten Kanapée und meine Füße liegen auf der Fensterbank in der Hoffnung die Sonne käme noch einmal ums Ecke gebogen und wärmte sie mir, denn die ewig kalten Füße setzen mir zu. Eingewickelt bin ich das warme, gelbe Plaid aus der Toskana, das ich nicht einmal an Schwesterchen verleihe. In einer Hand Tee aus der Lieblingstasse, Melonenstücken auf dem Teller vor mir und den Telefonhörer in der Hand, und wie mein Großvater vor vielen Jahren zu sagen pflegte als meine Großmutter die Mali-Tant anrief, telefoniere ich mit Wien.

Ich: Shavua tov! Shavua tov! A gite Woch dir liebe Mali-Tant.

Mali-Tant: Shavua tov, Mädi!

Ich: Geh, Mali-Tant, geht es dir gut?

Mali-Tant: Ja geh, Mädi, nichts ist so fad wie die Leit ,die nichts tun als jammern und greinen. Es geht sich scho aus.

Wir wechseln weitere Bemerkungen über das Wetter, das Leben, die Gerti ( die Tochter der Mali-Tant, Schwesterchen und dies und das.) Dann schnauft die Mali-Tant laut und vernehmlich und sagt Mädi man muss sich scho einmal wundern üba die Frauen.

Mali-Tant: Wie ich jung war, Mädi da han die Leit gesagt: A Frau muas imma woas duan, sonst schdesed sche deppert do.

Ich: Ach, Mali-Tant den Leuten kann man es eh nie Recht machen.

Mali-Tant: Geh Mädi, a Frau de ins Romanbiachl schaud, han die Leit gesagt is a oame Haud (= arme Haut ). So a Frau han die Leit gesagt is ka Ea ( =Ehre ) fia unsa Gschlechd.

Ich: Aber Mali-Tant, deine Mama hat doch alle Tage einen neuen Roman verschlungen, und du liest noch immer mehr Bücher in der Woche als ich.

Mali-Tant ( lacht): Ja, die Mama! Scho recht Mädi, aber frieha da han die Leit gesagt: A Frau muass scho a Oabeid han, weil auf an Mann is eh kein Verlass.

Ich: Aber Mali-Tant, dein ganzes Leben hat du eh in der Klinik gearbeitet. Lass die Leut doch reden, das machen die Leut eh.

Mali-Tant: Scho klar Mädi, I komm schoa zu ein Punkt, wiast scho sehen. Fria Mädi han die Leit gesagt, a Frau, die sich um si söba scheat, is a Seidene Person (= Prostituierte ). Die Leit han gesagt, dass die Frau aufn Mann hean muass a wenn er a bissl bled is und ana Frau muass eben a einmal a Opfa bringen fia de Mann. Ihre Däg ghean de Kinder und ihre Nächt de ghean de Mann. A Frau han die Leit gesagt muass den Haushoid füahn und mid kana Wimpa zuckt was a Frau is.
All die Jahr, Mädi han die Fraun gesagd: Ah Frau Mali-Tant bled is da Mann, unds Geld trägt er nimma nach Haus, sondern in die Wirtschaft, nimma weiß man wann der Mann hamkummd und is a doa, red er nigs und schaut ewig fern, und nimma gean haod der Mann die Frau, sondern imma nur einen Hemdknopf hat der Mann hingehalten und nimma vum Heiradn geredet, sondern a anderer Frau in die Augn geschaut. All die Jahr Mädi, bis zu dem heitigen Tag Mädi greinen die Fraune üba die Männer. Am Donnerstag bei da Erika, han die Fraun wieder angefangen von die Männer und von wos a Frau is zu greinen
Da hab I gesogt: Jetzt aba is es einmal genug. I hob gesogt: All die Jahr hab I a Liebhaber gehabt. A guada dazu. Des is schoa a wichtig. Der Geri ( = Gereon, der Mann der Mali-Tant ) hat a Gspusi gehabt und a blitzgescheite Person is das geweasn. Der Geri hat imma a Blick gehobt fia de Fraun. Und ned hamlich hab I gelebt all die Jahr mit dem Jean und net alla daham gesessen all die Jahr. Der Geri und der Jean sind mir a schenes Glik gewesen, hab I gesogt zu die Fraun. Die han geschaut Mädi als hätt i wos von fliegenden Elefanten gesogt. Aba hab I gesagt zu die Fraun do an Tisch: A Zugehfrau könnt ihr euch a nehmen, wenn ihr schoa zu feig seid füa a Liebhaber, a guadn. Mädi, die Leit sind schlimma wie wenn die Mama üba den oidn Kaiser gelacht han. Frau Mali-Tant han die Fraun gesogt: Des macht a anständige Frau net. Frau Mali-Tant des schickt sich net fia a anständige Frau, Frau Mali-Tant des is a Schand was sie dan han gemacht all die Jahr’, a Frau han die Frauen gesogt muass sich scho einmal aufopfern fia den geliebtn Ehemann. A Frau han die Fraun gesogt muass imma a Ea sein fia ihr Gschlechd. Da Mädi hab I lachen müssen, dann hab I denn Jean angerufen fia a Runde Tarock und heit Abend gehen mia in die Oper, Mädi. Die Leit Mädi, sind mia zu fad.

Ich: Sieh Mali-Tant, die meisten Männer und Frauen haben eben Angst vor dem Leben da kann man nichts machen.

Mali-Tant: Schoa Recht Mädi, aba eins kannst glauben deina alten Mali-Tant: gauns genau musst schaun bei a Mann: de Schuitan net zu breit, de Hagsn net zu schmal und der Gaung Mädi, der muss schwingen und nimma geh mit a Mann aus, do schlurft oda wo galoppiert wie a Esel.

Ich: Das Mali-Tant will ich berücksichtigen und dann lachen die Mali-Tant und ich, so lange bis die Uhr im Wiener Wohnzimmer gongt. Mädi sagt die Mali-Tant: I muss mir die Haare richten, geh, du bist mir nicht bös?

Ich: Ach geh, Mali-Tant, Liebende soll man nicht warten lassen.

Der Jean nämlich nennt die Mali-Tant eine fesche Katz und wo er Recht hat, hat er Recht der Jean.

Auf der Fensterbank

Nach der Aufklärungssprechstunde laufe ich müde die Treppen hinauf. In der Tür steht die liebe C. und küsst mich auf die Stirn. „Eine halbe Stunde“, sagt sie und lächelt mir zu, „allein für dich.“ Dann ruft die liebe C. die Kinderschar, Schwesterchen und Schwager, meinen Vater, den geschätzten ehemaligen Gefährten und den Tierarzt zusammen, der Tierarzt fragt: „Aber das Mädchen weint nicht?“ Das ist sein neuster deutscher Satz, die liebe C. schüttelt den Kopf und schon Treppengetrappel, dann fällt die Haustür ins Schloss. Ich sitze auf dem breiten Fenstersitz auf dem ich schon als Kind, ganze Tage verlas, nur das Sofa auf dem meine Großmutter saß, das steht längst woanders. In dreißig Minuten kann alles passieren. Nichts muss in dreißig Minuten passieren. Unten auf dem Markt schreit eine kleine Königin: ERDBEEREIS. Dann verliere ich sie aus den Augen. Still liegt der Marktplatz da, mit dem blanken Kopfsteinpflaster und dem Kirchturm, dessen goldene Kugeln im Abendlicht schimmern. Aber dann geht eine Frau über den Marktplatz. Ein weißes Leinenkleid trägt sie und eine rote Kette dazu um den Hals. Dicke Perlen. Holz vielleicht aber auch ein seltener Stein. Eine Hand aber hält ein Telefon, die Hülle glitzert fast so sehr wie das Tutu meiner Nichte. Für einen Moment scharrt sie nervös mit den Füßen, aber dann endlich geht jemand ans Telefon. Die Frau lacht sofort, unverhohlen und mit geöffnetem Mund. Obwohl das Fenster geschlossen ist, kann ich sie hören, das laute Lachen der Frau, die sich ganz deutlich bemüht, wenigstens für heute Abend für einen anderen, der lustigste Mensch der Welt zu sein. Noch immer zirkeln ihre Füße nervös über das Pflaster, aber die Stimme am anderen Ende des Telefons scheint guter Dinge. Noch einmal lacht sie schallend, lässt die Hand von den roten Perlen zu ihrer Brust gleiten, dann gestikuliert sie als solle die Stimme am Telefon noch einmal in ihr Bekräftigung finden, dann legt sie auf, noch einmal richtet sie ihre Frisur, in der leider eine große und hässliche, schwarze Plastikklammer steckt, sieht auf die Uhr und mit geröteten Wangen stolpert sie mehr als das sie rennt über das glatte Kopfsteinpflaster, schwankend und dabei doch sehr lebendig, denn die Nacht, wenigstens diese eine, verspricht etwas von einem Glück mit scharfen Zähnen vielleicht, oder auch nur warme Hände, die später einmal den Reissverschluss des weißen Leinenkleides herunterziehen und langsam, bei schwachem Licht im hohen Zimmer, schließlich die Frau, die schon aus meinem Blickfeld verschwindet zwischen die Schulterblätter zu küssen.
Dann wieder liegt der Marktplatz still vor mir im dämmrigen Licht. Ein Mann mit Schnurrbart schiebt sein Rad über das Pflaster auf dem Gepäckträger ist eine Kiste mit Gemüse befestigt, schützend hält er eine Hand über Tomaten und Paprika und doch springt ihm ein Salatkopf vom Karton und rollt über das Trottoir. Kopfschüttelnd lehnt der Mann sein Fahrrad an eine Hauswand und läuft dem Widerspenstigen hinterher. Fast sieht es so als als ermahne er den Ausreißer, aber dann klemmt er den Salat mit drei Mohrrüben fest und festen Schrittes biegt er über den Marktplatz und verschwindet in einer kleinen Gasse. Tiefer und tiefer sinkt die Sonne schon und dann erst sehe ich das Mädchen, das schon eine ganze Weile vor der gelben Villa steht, die früher einmal einem Marmeladenfabrikanten gehörte und von dem mein Großvater den Konzertflügel erwarb, der noch immer, noch heute hinter mir im Zimmer steht. Der Marmeladenfabrikant ging in den Westen und gab meinen Großeltern zwei Koffer in Verwahrung. Meine Großeltern trugen die Koffer auf den Speicher und nickten. Das 20. Jahrhundert ist vielleicht das Jahrhundert der Koffer gewesen. Reisekoffer, Deportationskoffer, Persilkoffer, Überseekoffer, Fluchtkoffer, überall abgebrochene Geschichten. Aber heute steht ein Mädchen mit einem Veilchenstrauß vor der gelben Villa. Sie hat keinen Koffer bei sich, auch keine Handtasche, kein luggage holdall oder einen Rucksack. Nur einen senfgelben Mantel über dem Arm und das Veilchensträußchen fest an ihre Brust gedrückt. Sie drückt auf die Klingel. Aber die gelbe Villa liegt verschwiegen, schon fast völlig im Dunkeln. Kein Licht geht an, keine Gardine bewegt sich und auch das eiserne Gartentor summt nicht, bevor es sich öffnet. Noch einmal beugt das Mädchen sich vor und legt all ihre Hoffnungen auf den Klingelknopf, aber alles bleibt stumm. Dann tritt das Mädchen zur Seite und tritt vor das Fenster. Sie legt ihren Kopf in den Nacken, schönes kastanienbraunes Haar fällt ihr in Wellen über den Rücken. Was sie ruft, kann ich nicht hören. Vielleicht: „Mach auf, ich will dir etwas sagen! Oder: „ Wie kannst du die Nacht vergessen, in der du nach mir riefst?“ Aber vielleicht ist alles auch ganz anders und das Mädchen bleibt stumm und sieht hinauf in das Fenster, das sich im allerletzten Sonnenstrahl spiegelt und mag sein, wie der Mann dem sie Herz und Veilchen antrug, die Hände schon längst in anderen Haaren, blonden Locken vielleicht vergraben hatte. Dann dreht das Mädchen sich zur Seite, verschwindet fast ganz im senfgelben Mantel, vergräbt das Gesicht für einen Moment in den Veilchen, dann holt sie Luft und wirft die Veilchen in den Papierkorb, der zehn Meter vielleicht von der gelben Villa entfernt steht und für einen langen Moment sieht sie dem Veilchenstrauß, der durch die Luft schleudert, bevor er mit dumpfen Knall im Papierkorb landet hinterher. Dann strafft sie die Schultern und schon hat sie den Marktplatz verlassen und erst jetzt geht ein Licht in einem Zimmer der gelben Villa an.

Schon aber höre ich wie sich unten im Haus der Schlüssel im Schloss dreht, Fußgetrappel, fliegende Schuhe, die Tür fliegt auf, eine kleine Königin stürmt auf mich zu. Glitzernd und funkelnd, den geliebten Kanzler Bär in einer Jackentasche und strahlend hält sie mir ein Erdbeereis hin. „Fast ungeschmolzen“ sagt sie und ich teile es mit ihr. Schwesterchen winkt, ihr Mann und F. streiten über irgendeinen Sport, mein Vater trägt seinen Enkel auf den Schultern die Treppe hinauf und singt ein Räuberlied, die liebe C. verspricht den Nichten 2 und 3, dass sie mich mit dem Stethoskop untersuchen dürfen und der Tierarzt kommt zu mir auf die Fensterbank und küsst mich auf die Stirn. „Das Mädchen weint nicht“, sagt er und ich lege mein Gesicht an seine Schulter. Der Marktplatz aber ist dunkel und nur die Straßenlaternen werfen einen blassen Schimmer auf das Pflaster. Ein Zimmer der gelben Villa aber bleibt hell erleuchtet.

Das Tortendebakel

Wenn Sie heute so gegen 16. 28 Uhr ein still schluchzendes Fräulein auf dem Frankfurter Flughafen haben sitzen sehen, dann war das mit sehr großer Wahrscheinlichkeit niemand anders als ich selbst.
Eigentlich weine ich selten, vor allem aber weine ich nicht in derÖffentlichkeit. Nicht einmal als ich mich vor ein paar Wochen mit dem Fuß im Fahrradpedal verhakte und die Treppe herunterfiel und für einen Moment glaubte ich hätte mir mal wieder die Nase gebrochen, jammerte und greinte zwar, aber geweint habe ich nicht. Ich sehe nämlich nie so aus wie die Frauen im Film, denen man ein Taschentuch reicht und über die Schultern streicht. Ich sehe aus wie ein Krähenjunges, welches erst ins Wasserfass fiel, nur um dann auch noch die Katze zu treffen. Genau so nämlich saß ich auf einem der grauen Stühle und neben mir der nicht minder traurig hereinsehende Tierarzt, der der schluchzenden Krähe Taschentücher anreichte.

Das Ganze kam nämlich so: Gestern Nacht klingelte um drei Uhr mein Wecker. Siebenmal gähnte ich, streckte die Knie, angelte nach den Pantinen und schlich mich leise aus dem Schlafzimmer um weder Tierarzt, Hund oder gar die Königin-Katze zu wecken und machte das kleine Licht in der Küche an. Dann begann ich mit der Herstellung der Geburtstagstorte für meine liebe C., die an diesem Freitag ein Jahr älter wird. Jedes Jahr schüttelt die C. den Kopf, nein Liebes sagt sie: „ich wünsche mir nur, dass ihr kommt und wir haben es schön miteinander.“ Aber meine liebe C. liebt auch die Heidelbeercrèmetorte, die schon ihre Schwiegermutter, meine Großmutter also für sie buk und so steht auf dem Geburtstagstisch seit Jahr und Tag eben diese Torte. Ich schlage Eier für den Teig, pfeife beim Buttercreme Schlagen, aber nur leise es ist ja noch mitten in der Nacht, teile Tortenböden, streiche Heidelbeermarmelade auf die Tortenhälfte, füge Crème und Heidelbeeren hinzu und staple die Hälften aufeinander, hoffe das der Tortenring hält, bestreiche das ganze mit einer Joghurtsahnecreme, stelle den Kühlschrank so kalt es geht und sage zur Torte: „Augen zu.“ Zum Tierarzt, denn inzwischen ist es halb sechs Uhr morgens sage ich „Augen auf“ und reiche Tee. Dann muss ich mich beeilen, der Zug wartet nicht und der Tag zieht mich schon an den Armen. Auf dem Küchentisch liegt ein großer Zettel: „Torte nicht vergessen.“ Denn der Tierarzt, so der Plan bringt die Torte mit zum Flughafen, nebst Geschenken und feinen Kleidern. Bevor auch ich zum Flughafen fahre, rufe ich den Tierarzt öfter an als nötig: „Die Torte.“ Der Tierarzt und die Torte und ich passieren die Sicherheitskontrolle, das Sicherheitspersonal in Dublin ist liebenswürdig wie eh und je und der Tortenkarton und bald schon sitzen wir im Flugzeug nach Frankfurt. Die Torte sicher verstaut unter dem Sitz. Wir lernen unseren Text, denn die Nichten und Neffen haben der lieben C. ein Theaterstück geschrieben, so will es die Festtradition. Ich spiele einen bösen Prinzen, eine ältliche Hexe und einen Stein. Der Tierarzt ist die gütige Fee, ein einsames Dromedar und die gute Amme. Der Tierarzt will nicht mit mir tauschen und so übe ich Sätze wie: „Komm her du feiger Hund und stell dich dem Duell.“ Der Tierarzt hingegen säuselt Liebesworte vor sich hin und ehe wir uns versehen sind wir in Frankfurt. Ich atme leise auf und drücke dem Tierarzt den Tortenkarton in den Arm, denn es gilt ein Badezimmer aufzusuchen. Als ich aus dem Badezimmer zurückkehre gibt es keine Torte mehr.
Ein eilender Geschäftsreisender mit einem Rucksack als Brustschild bewaffnet, war in den Tierarzt gerannt, der groß zwar aber dünn wie ein Bambus den Halt verlor und schon fiel ihm der Tortenkarton aus den Händen. Das letzte was ich von der Torte sehe, ist wie eines der Flughafentransportautos über den Karton fährt und wie sich auf dem Boden lauter Heidelbeer-Joghurt-Sahne Gatsch ausbreitet. In diesem Moment wäre ich gern eine großzügige und gelassene Freundin, die milde lächelt und sagt: „Alles nicht so schlimm.“ Aber ich bin nur ein reichlich merkwürdiges Fräulein und das einzige wa sich tue, ist eine der Reinigungsfrauen herbeizurufen und dann knie ich mit der Reinigungsfrau auf dem Boden und wische den Gatsch auf. Die Zugehfrau will mich überzeugen, sie das doch machen zu lassen, aber ich wische einfach weiter, auch als schon gar kein Tortengatsch mehr auf dem Boden klebt. Der Tierarzt schließlich zieht mich und sagt: „Sag doch was.“ Aber ich kann nichts sagen, ich kann nicht einmal ans Telefon gehen, um der lieben C. zu sagen, dass wir in Frankfurt angekommen sind und auf den Flug nach Berlin warten. Ich sitze da und weine und schluchze: „Die schöne Torte.“
Die Leute sehen mich sehr unangenehm berührt an, der Tierarzt sieht mich sehr besorgt an und sucht nach den Taschentüchern. Ich sehe, wie ich die Torte um 5.25 Uhr in den Kühlschrank schob. Dann ist das Flugzeug da. In Berlin sage ich alles ab. F. der ehemalige geschätzte Gefährte, nimmt nur den Tierarzt mit. Ich fahre in den nächsten Supermarkt. Ich kaufe Zucker, Mehl und Sahne, Joghurt, Heidelbeeren und Heidelbeermarmelade, Eier und all das was es zu einer Torte eben so braucht. Dann fahre ich nach Haus. Es ist 21 Uhr, der Tierarzt hat mir dreizehnmal auf die Mailbox gesprochen, ich schlage Eier in die Schüssel und weine immer weiter, noch einmal also von vorn. 200 Gramm Zucker mit 250 Gramm gestückelter Butter…