Blau

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Am Abend aber als ich die Dorfstraße hinaufgehe ist der Himmel noch blau. Nicht mehr so gleißend und glänzend wie noch am Morgen als ich die Straße zum Zug hinunterjagte, aber immer noch ein freundlicher, blauer Mantel den ich mir um die Schultern lege, wie ein feines Seidentuch. Als ich ein kleines Mädchen war, glaubte ich und war unbeirrbar darin, dass die Sonne nach getaner Arbeit sich auf ein goldenes Sofa legte und langsam Stück für Stück wie im Theater wenn der Vorhang fällt, käme ein blauer Vorhang herunter würde dunkler und dunkler und wenn schließlich, kurz bevor das Blaue ins Schwarze umschlüge, die Sterne und auch der Mond auf dem samtenen Vlies erschienen, dann machte die Sonne die Augen zu und erwachte mit blau geküssten Lippen am anderen Morgen. Ich hätte diese Geschichte nicht in der Physikprobe niederscheiben sollen, doch auch als der Physiklehrer vor Lachen über meine Dummheit schrie, hielt ich an der Sonne und ihren blauen Lippen fest. Heute aber auf den Sessel im Eck und die Blumen in der Vase leuchten mir blau entgegen, und auch die Notiz auf dem Tisch vom Tierarzt hinterlassen: „Bin an der See“ funkelte bläulich, wenn auch die Sonne schon zweimal gähnte und mich zur Eile mahnte. Ein weißes Handtuch indes, und alte Jeans, denn wer nicht durchs Unterland will um ans Meer zu kommen, der muss über die Ginsterhecke steigen, und sich nicht von den blauen Schatten zu allzu großen Sprüngen verführen lassen, denn mag das Meer von fern schon glitzern wie der Golf von Sorrent, so schlägt der Wind mit den Wellen um die Wette und mehr als ein Wanderer ist schon an den Klippen, die ich mich herunterangle, zerschellt, am besten geht man dort wo auch die Schafe die steile Wand hinunterklettern und atemlos unten angekommen, vor mir die wilde, wogende See. Der Tierarzt aber sitzt an einen Stein gelehnt und winkt mir zu. Auch ihm ist das Abendblau um den Hals gefallen, an die Schulter lehnt sich das Blau und ich renne schnell ins Meer hinein. Zum ersten Mal in diesem Jahr ist auch das Meer blau, kalt zwar noch immer, eben eisiger Atlantik mit zischenden Schaumkronen und harter Brandung, aber während das Meer im Januar und Februar schiefergrau über mich hinwegschlug und auch im März noch von solch schwarzer dunkler Tiefe war als sei ein Tintenfass ausgelaufen, so ist das Meer heute aquamarinblau, duftend und schimmernd verkleidet sich hier im äußersten Westen Europas als sei es heute Morgen noch in Nice oder Sizilien gewesen und habe sich nun zur Abendstunde doch noch einmal dazu entschlossen, auch uns zu einer blauen Stunde zu verhelfen. Ich in den Wellen halte die Luft an, denn unter dem Blau liegt die gleiche Kälte und doch für einen Moment bin ich wirklich zurück im liebenswürdigen Süden und weiter und weiter schwimme ich hinaus, denn wer weiß vielleicht dort bei der goldenen Sonne, mag auch das Meer wieder so leicht und warm sein, leise gurgelnd nur und niemals von dieser nördlichen, eisigen Schärfe, an die ich mich niemals recht habe gewöhnen können. Schon aber ruft der Tierarzt am Strand nach mir: „Komm doch zurück.“ Und ich drehe um. Blaue Perlen laufen mir über den Rücken und der Tierarzt wickelt mich in das Handtuch ein. Mir klappern die Zähne und der Tierarzt fährt mit dem Zeigfinger über meine blauen Lippen. „Was wolltest du so weit draußen, fragt er mich und schüttelt mit dem Kopf.“ „Das Blau suchen“, sage ich und dann sitzen wir doch noch einen Moment lang im kühlen Sand und sehen die Segelboote mit ihren weißen und roten Segeln auf den Wellen tanzen, zwei Frachtschiffe fahren am Horizont vorüber und ein Ruderboot sucht seinen Hafen. Langsam nur verschwindet das Blau und gibt der Dunkelheit nach. „Vielleicht fahren wir im Sommer doch auf eine Woche in den Süden?“, sage ich und der Tierarzt nickt. Eine ganze Woche mitten im gleißenden Blau, das es hier nur als Ausnahme gibt, denn schon zieht Wind auf, schon immer sind die Wolken schneller als noch die kräftigste Sonne und niemals hat die Sonne in diesen Breiten blaue Lippen. Der Tierarzt lacht. Dann müssen wir in den Süden,mein blaues Mädchen sagt er und streicht mir einen letzten Rest vom Blau des Tages aus dem Gesicht.

Zurück nach Haus aber klettern wir nicht die dunklen Klippen zurück, sondern gehen am Strand entlang ins Dorf und wandern zurück ins Oberland. Über der Kirch St. Sylester liegt dunkelblau, ein samtener Vorhang gebreitet und ich lege dem Tierarzt den Finger auf die Lippen. „Still“ sage ich, die Sonne macht gerade die Augen zu, der Mond steckt sich eine Pfeife an und die Sterne erzählen, wie damals in anderen Tagen die Wassernymphen versuchten das Blau mit dem Fischernetz einzufangen und doch Tag für Tag ernüchtert mit leeren Händen ins Schilf zurückkehrten.“ Anders als der Physiklehrer aber lacht der Tierarzt nicht, sondern andachtsvoll sehen wir über den Kirchturm hinauf in den unendlich weiten, dunkelblauen Himmel. Dann kommt die Frau des Krämers uns entgegengelaufen: „Fällt Geld vom Himmel, Fräulein Read On?“ „Nein, Frau des Krämers sage ich, der Tierarzt und ich wir machen bloß blau.“

Feste feiern

Große Ereignisse werfen auch in einem kleinen, irischen Dorf ihre Schatten voraus. Die Frau des Krämers nämlich hat bald Geburtstag. Natürlich weiß niemand- wohl nicht einmal der Krämer selbst- wie alt sie ist. Denn eine Frau wie die Frau des Krämers altert nicht wie wir Normalsterblichen, sondern gewinnt mit den Jahren nur an Würde und Macht. Unzweifelhaft ist nämlich auch: nicht die Frau des Krämers feiert ihren Geburtstag, sondern wir das Dorf feiern den Geburtstag der neben den Schafen mächtigsten Person des Dorfes. Die Frau des Krämers ist nämlich gleichzeitig auch die inoffizielle Bürgermeisterin des Ortes. Zwar trägt sie keine keine goldenen Kette und der Dorfladen ist auch kein Rathaus mit kupfernen Zinnen und einer Kettenbrücke, aber unmissverständlich ist es die Frau des Krämers die über Wohl und Wehe des Dorfes befindet. Die Frau des Krämers kennt jeden und weiß alles. Ihr Gedächtnis reicht bis in das 8. Jahrhundert zurück, und wem die Gilden des Mittelalters als strenge Institutionen sozialer Kontrolle erschienen, der hat niemals versucht einen Kuchen, der nicht auf der von der Frau des Krämers geführten Liste erschien, auf dem Kuchenbasar der Kirchgemeinde zu verkaufen. Die Frau des Krämers vergisst nichts und über jeden Dorfbewohner, da bin ich mir sicher führt sie mit strenger Feder Buch, mag anderswo gegen die Vorratsspeicherung demonstriert werden, hier werden geöffnete Briefe über den Ladentisch gereicht, denn hier ist der Absolutismus das, was er niemals war.
Und so nickte ich eines schönen Frühlingstages als ich nach dem Schwimmen in der eisig kalten Irischen See zwei ofenwarme Himbeerscones für das Frühstück einholte g’ttergeben als die Frau des Krämers mit Händen in die Hüften gestemmt verkündete: Fräulein Read On, wie Sie wissen mein Geburtstag naht und natürlich sind Sie und der Tierarzt eingeladen.“ Ich dankte artig. Aber die Frau des Krämers war noch nicht fertig: „Aber zusammen können sie nicht sitzen, das schickt sich nicht.“ Ihr Tischherr wird der Priester sein, und der Tierarzt sitzt natürlich neben meiner Tochter.“ Ich nickte noch einmal, denn das die Frau des Krämers inständig darauf hofft der Tierarzt würde sein Köfferchen nehmen, vor der Tochter der Frau des Krämers mit Diamantring auf die Knie fallen und noch am gleichen Tag würde Hochzeit gehalten, ist eine solch unumstößliche Tatsache, dass es nicht lohnt darüber auch nur ein Wort zu verlieren. Der Tierarzt sieht das naturgemäß anders und jammert und klagt über sein Schicksal. Der Tierarzt nämlich kann die Tochter des Hauses nicht ausstehen, dabei ist die Tochter der Königin ein wie die Mali-Tant sagen würde „Armes Hascherl“, aber der Tierarzt knurrte Böses und ich ging meiner Wege. Dann aber vor ein paar Tagen, ich stapelte gerade Zwiebeln, Salat und Honig auf die Ladentheke, warf die Frau des Krämers sich erneut in die Brust: „Fräulein Read On“ rief sie, mein Geburtstag nähert sich, wie sie vielleicht wissen.“ Aber Frau des Krämers“ erwiderte ich, „wie könnte ich Ihren Fest- und Ehrentag vergessen?“
Die Frau des Krämers nickte befriedigt. „Ich dachte mir“ fuhr sie fort, sie könnten ein wenig Klavier spielen“ ( es folgte eine sieben Meter lange Liste mit Titeln, die von den Beatles bis zu „It’s a long way to Tipperary alles umfasste, was die Frau des Krämers an Musikstücken kennt. ) „Der Priester jedenfalls“ sagte sie und lächelte in der ihr eigenen spöttisch- majestätischen Weise auf mich herab „findet sie klimperten doch ganz schön.“ Ich lächelte siebensüß zurück: „Nun übertreiben Sie aber wirklich, Frau des Krämers.“ Aber sagte ich weiter: „Ich habe hier kein Klavier.“ Die Frau des Krämers winkte ab. „Der Elektriker ( der ihrer Tochter den Hof macht ) kümmert sich.“ Ich wankte nach Haus und hängte die Liste an den Kühlschrank. Der Tierarzt suchte im Internet nach Häusern in anderen Dörfern und murmelte: „fort, nur fort von hier.“ Ich ging meinen Dingen nach und über der Liste hingen bald Briefmarken, Rezepte und ein Bild von Kälbchen. Gestern aber, ich hatte mich nach einer langen Nachtschicht gerade ins Bett gelegt, klopfte es an der Tür und der Tierarzt, der hartnäckig wiederholte: „Das Mädchen schläft aber!“, scheiterte am „Papperlapp“ der Frau des Krämers, die schon an die Schalfzimmertür bollerte: „Fräulein Read On, Aufgestanden!“ Das Klavier ist da.“ Der Elektriker schleppte ein schwarzes Ungetüm über die Schwelle. „Ebay, 30 Euro!“ „Was ist das?“ fragte ich und die Frau des Krämers schüttelte ob meiner Begriffsstutzigkeit den Kopf: „Na ein prima Klavier.“ Das Ungetüm entpuppte sich als Keyboard. „Das ist kein Klavier“, sagte ich zur Frau des Krämers. Selbige bebte vor Empörung und in ihrem Blick war sehr deutlich: „Sie undankbare Kröte“ zu lesen. Dann ging ich zurück ins Bett und zog mir die Decke bis über die Ohren. Am Abend kam der Priester, er darf die Fest- und Lobrede auf die Frau des Krämers halten- herüber und besah sich das Ungetüm. Bei näherer Betrachtung stellte sich das Monstrum als ein defektes Keyboard heraus. Diesen schauderhaften Geräten nämlich sind vorgefertigte Tonkonserven beigefügt, in diesem Falle ein blechern schepperndes „Muhahahaha“ oder ein die Töne verzerrendes „Ghost Theme“, während sich dies bei funktionierenden Geräten wohl abstellen oder zumindest einstellen lässt, ist dieses bei diesem Schnäppchen nicht vorgesehen und als ich „A yellow subamrine“ zu klimpern begann, durchbrach ein gellendes Konservengelächter das Stück.
Der Priester verschluckte sich am kalten Braten, der Tierarzt hielt sich die Ohren zu, der Hund heulte und die Katze, sonst nur schwer vom Sessel zu bewegen, verzog sich umgehend in den Oberstock. Ich machte mir erst einmal ein Käsebrot. Nach dem Stand der Dinge also werde ich wohl auf der Geburtstagsfeier der Königin wie Kaiserin unseres kleinen Dorfes fern von den Toren der großen Stadt „A long way to Tipperary“ unterlegt mit wieherndem Konservengelächter spielen. „Es darf so die Frau des Krämers“ heute morgen als ich Milch und Scones einholte mir getanzt werden.“ Natürlich sei es selbstverständlich, dass der Tierarzt ihr Töchterchen um den ersten Tanz bitte. „Sie sind ja ohnehin am Klavier verhindert.“
Der Tierarzt aber googelt energisch Immobilienangebote und der Priester, der die Rede auf die Frau des Krämers in Reimen vortragen soll, hat nach Rom geschrieben, ich aber backe einen Kuchen und lese ganz zufällig ein Buch, das sich mit Palastrevolutionen befasst.

Erscheinungen

Der Mittwoch aber war ein seltsamer Tag. Schon früh am Morgen im Zug saß ich einem Mann gegenüber, der unermüdlich Papiere in unendlich kleine Schnipsel zerriss. Briefe, Kontoauszüge, Einkaufszettel und Notizen waren bald nur noch lose Fetzen Papier. Damit indes nicht genug, denn kaum waren die Papiere zerrissen, nahm der Mann die Schnipsel zur Hand, um sie in nummerierte Briefumschläge einzusortieren. Während er ganz und gar vertieft in das Zerreißen und Ordnen der Schnipsel war, pfiff er ein fröhliches Lied vor sich hin, so als gäbe es nichts Hübscheres und Heiteres als unverdrossen Papier zu zerreißen. Gerade als der Zug hielt, hatte der Mann die Briefumschläge in seiner sonst vollständig leeren Aktenmappe verstaut und ging seiner Wege. Ob er noch immer pfiff, befriedigt und aufgerichtet und innerlich gestärkt von den nummerierten Schnipselbergen- ich weiß es nicht.

Auf dem Weg in die Universität passiere ich zwei Brücken. Steinerne Ungetümer, noch gebaut von der einstigen Kolonialmacht England, die ja niemals nur nach den Meeren griff, sondern Länder, Städte und Flussläufe mit harter Hand für sich reklamierte. Heute aber fahren kaum noch Handelsschiffe auf der Liffey und auch die Brücken sind längst Kulisse für italienische und spanische Touristen geworden, die sich mit ihren Selfiestöcken bewehrt, postieren und wahlweise auf die Straße oder fast in den Fluss stürzen beim Versuch Handstand auf dem Brückenkopf zu üben. Zu so früher Stunde aber schlafen die Touristen noch. Statt ihrer steht eine Frau auf der Brücke und langt in einen weißen Plastikbeutel. Der Beutel ist voller Wecken, die Frau teil diese in vier unregelmäßig große Brocken und wirft sie den Möwen zu. Die Möwen kreischen schrill, dass es noch die letzten Langschläfer hören: „Frühstück fassen.“ Mehr und mehr Möwen segeln kreischend auf die Brücke und die Frau mit ihrer Plastiktüte zu. Möwen scheinen ganz generell nicht besonders am Prinzip des Teilens und Teilhabens interessiert zu sein, sondern die Möwen, die sich gegenseitig den scharfen Schnabel zeigen, fordern nicht ein Viertel trockenes Brötchen, sondern eine ganze Wecke und das bitteschön jetzt und gleich. Die Frau inzwischen umzingelt von Möwen mit ihren scharfen gelben Schnäbeln, reißt Brötchen um Brötchen entzwei und wirft sie den Möwen zu, doch längst schon sind weit mehr Möwen als Wecken auf der Brücke zugegen. Zwei Möwen mit scharfem Blick und elegant gebogenen Schnäbeln haben verstanden, dass mit Diplomatie hier nichts zu erreichen ist, und nur kurz heben sie die Flügel an und schon hacken sie in die weiße Plastiktüte und schnappen nach den verbliebenen Wecken. Die Frau sieht entsetzt auf den Riss in der Plastiktüte und die scharfen Möwenschnäbel ganz dicht an ihrem Bein. Aufheulend lässt sie die Plastiktüte fallen und rennt ohne sich noch einmal umzusehen davon. Die Möwen aber balgen sich siegesgewiss um die auf die Straße kullernden Wecken. Die Frau ist nicht mehr zu sehen.

 
Später am Tage bekommt ein Kollege, der doch als ausnehmend besonnen, zurückhaltend und als ausgesucht höflich bekannt ist, einen Wutanfall über einen defekten Fahrstuhl. Neben dem Fahrstuhl befindet sich die Treppe doch der Kollege denkt gar nicht daran nachzugeben, sondern schreit wie von Sinnen erst den Fahrstuhl und dann mich an, die ich zufällig vorbeilaufe. „Frechheit“ und „Liederlicher Saftladen“ schallt es mir entgegen und dann läuft der Kollege auch schon rot an, Tränen spritzen aus seinen Augenwinkeln, so überfällt ihn die Wut, er stampft mit dem Fuß, hämmert gegen die Fahrstuhltür, und will nichts wissen, von meinen Versuchen ihn doch zu beruhigen. Schließlich aber nachdem nur noch Wut da ist und keine Worte mehr, kehrt er auf dem Ansatz um und eilt schnellen Schrittes davon. Für den Rest des Tages habe ich nicht weiter gesehen. Alldieweil Telefonate und auch hier behält das Sonderbare die Oberhand. Ein langes Gespräch über ein kompliziertes Gespräch bricht mitten im Satz ab. „Hallo?“ rufe ich mehrfach vergeblich in den Hörer. Doch die Leitung bleibt stumm. Alle weiteren Versuche eine erneute Verbindung herzustellen, scheitern. Am anderen Ende nur stummes, endloses und dunkles Tuten.

 
Schließlich stehe ich bei der Post in einer langen Schlange um Briefmarken an. Etwas so scheint mir hat sich in meinem Haar verfangen und unwillig schüttle ich den Kopf, doch kaum habe ich das vermeintliche Insekt vertrieben, fährt schon wieder etwas in mein Haar und ich drehe mich um. Eine ältliche Frau in fliederfarbenem Trenchcoat befühlt mit ihren Fingern meine Haare. „Lassen Sie doch bitte mein Haar los“ sage ich und glaube die Angelegenheit damit für erledigt. Die Frau aber mustert mich mit offensichtlicher Empörung; „Stellen Sie sich doch nicht so an!“ ruft sie und schon wieder streckt sie ihre Hände nach meinen Haaren aus. „Hören Sie“ erwidere ich, ich möchte nicht, dass Sie meine Haare befummeln.“ Die Frau blinzelt wütend zu mir herüber: „ Wer so lange Haare hat wie sie, muss das eben aushalten, zischt sie und faselt etwas von ihrem guten Recht, bevor sie erneut versucht eine Haarflechte zu sich heran zu ziehen. Sehr unwirsch, trete ich einen Schritt zurück und die Hände der Frau angeln ins Leere. Schließlich gibt sie auf, nicht jedoch ohne mir einen bösen Blick zuzuwerfen. „Sie werde sich beschweren, tönt sie lauthals.“ Einem einfach die Haare zu verweigern, das sei doch unverschämt und überhaupt ihr gutes Recht. Ich kaufe Briefmarken. Die Frau sehe ich nicht noch einmal wieder.

Spät in der Nacht erst, nach Ende der Nachtschicht kehre ich ins lange schon schlafende Dorf zurück. Es ist schon zu spät, um sich noch einmal ins Bett zu legen und so krieche ich nur unter das wollene Plaid auf dem Sofa. Die alte Standuhr tickt, vor dem Fenster rascheln die Bäume, im Oberstock schläft fest der Tierarzt, der Hund auf dem Boden zuckt mit den Ohren, nur die Katze liegt nicht auf dem Fensterbrett. Dies scheint mir sonderbar, denn die Katze ist mit einem sehr gesunden Schlaf gesegnet und verlässt nach 20 Uhr grundsätzlich nicht mehr das Haus. Doch als ich noch einmal aufstehe und in den Garten sehe, sitzt die Katze auf dem Gartenmäuerchen, welches mein Haus vom Kirchhof trennt, neben ihr hockt der von ihr schon immer verachtete Kater des Priesters, beide scheinen in ein inniges Zwiegespräch vertieft. Ich krieche zurück unter das Plaid, als drei Stunden später der Wecker klingelt, liegt die Katze regungslos auf der Fensterbank und auf der Gartenmauer singt nur eine Amsel dem Morgen ein Lied.

 

Woanders ist es auch schön.

Frau Coco war auf Malta und nimmt uns mit aufs Boot und zieht uns durch die Straßen. Neben einem Becher warmen Tee hilft das ganz wunderbar gegen den Winter, der hämisch lacht und dem April eine Nase dreht. In Irland dazu noch Regen und Wind von allen Seiten.

Die verehrte Kiki stellt ihre Lieblingsblogs vor und Frau Kelef ist eine grandiose Entdeckung und überhaupt Wien, ach Wien!

Rassisten sind immer nur die Anderen, das ist doch klar.

In Irland geht so schnell nichts verloren.

Andernorts.

Der Tierarzt bringt Lämmer auf die Welt und singt im Moment für Schafe, Hühner, Kälbchen und Mädchen dieses Lied.

Sonntag

Müde und zerschlagen früh am Morgen von der Nachtschicht zurück. Endlich die schweren Schuhe von den Füßen streifen. Barfuß, die Füße ins nasse Gras gesteckt auf dem alten Gartenstuhl. Die Amseln tanzen unter dem Apfelbaum. Mir fallen Kirschblüten ins Haar. Der Tierarzt bringt eine Tasse Tee. „Du gehörst ins Bett, Mädchen“, sagt er. Er meint: „Nimm doch Vernunft an.“ Einmal wenigstens bin ich vernünftig und der Tierarzt schreckt ob meiner bloßen Füße nicht zurück. Wirre Träume, unruhiger Halbschlaf. Irgendwann stiehlt sich der Tierarzt davon. Um 14 Uhr haben sich Freunde angesagt. Zwar bin ich genau so jemand geworden, der den Tisch schon am Abend vorher eindeckt, aber auch liebe Freunde wollen sich nicht allein am Geschirr erfreuen, sondern haben Hunger und Lust auf Spiegelei. Aber ich bin immer noch zu müde, viel zu müde und so verstecke ich mich unter den warmen Kissen. Im Halbschlaf vertraute Geräusche: Der tropfende Wasserhahn der Spüle, das Kratzen des Messers auf dem hölzernen Schneidebrett, Stimmengewirr aus dem Radio, der Deckel der Teedose klirrt, Schranktüren werden geöffnet, das Telefon klingelt und der Tierarzt ruft: „Psst! Das Mädchen schläft“, in den Hörer. Das Surren der Saftpresse. Der Tierarzt flucht, er hat sich wohl an der alten und heimtückischen Schere den Finger eingeklemmt. Aber ich hänge an der Schere, ist sie doch einer der wenigen Gegenstände, die aus der Stadt A. mit in andere Länder und andere Städte gekommen ist. Dann rattert die Kaffeemühle, das Ofenrost wird in den Ofen geschoben und der Tierarzt zieht die Eieruhr auf. Dann kann ich mich wirklich nicht länger in den Federn vergraben, eine schnelle Dusche, das erstbeste Kleid, ein Stiefmütterchenstrauss im Garten abgeschnitten, den Tierarzt für den prächtigen Tisch gelobt und noch einmal Tee aufgesetzt. Schon schellt es und die Gäste stürmen die Treppe hinauf. Der Tisch ist pakistanisch-deutsch-türkisch-irisch-französisch-schwedisch besetzt und immer weitere Essensberge biegen den Tisch in der Mitte fast durch. Der Tierarzt kommt neben meiner resoluten Freundin R. zu sitzen, die dem Tierarzt den Kalorienbedarf eines Jahres auf den Teller lädt und ihm aufmunternd zu nickt: „So gut!“ Der Tierarzt schluckt, schon hat sie einen weiteren Löffel Hummus auf dem Teller platziert. Dann herrscht Spiegeleier -Seligkeit. Aber obwohl alle genauso laut und lustig wie immer durcheinander schreien, und fast alle Sätze mit: „Hast du schon gehört?“ oder „Nimm doch noch vom…“ beginnen, liegt doch ein Schatten über dem Tisch. Die I, verlässt immer wieder das Zimmer, um Verwandte in Istanbul, Izmir und Ankara anzurufen, es ist als überprüfe sie, ob wirklich alle Verwandten, Bekannten und Freunde mit „Nein“ abstimmen. Immer wieder machen wir die Nachrichten an. Einmal heißt es ein Mann habe in Istanbul dreimal mit „Ja“ abgestimmt. Es braucht ein gewaltiges Stück Osterbrot fingerdick mit Honig bestrichen, um die I, davon abzuhalten, stehenden Fußes einen Flug nach Istanbul zu buchen, den Mann aufzusuchen und kräftig zu schütteln. Die Nachrichten werden nicht besser und wir gehen auf eine Stunde nach draußen. Die R. und der B. spielen Federball im Garten, die I. hält ihre Nase in die Hyazinthen, um sich vor der Nachrichtenlage zu betäuben und die Nachbarskinder finden, Ostereier suchen, nicht halbs so spannend wie uns durch den Garten zu jagen, bis wir japsend auf dem Boden liegen. Erst Sonne, dann Wind und Regen, Hagel gar, ich fürchte um die Kirschen. Die I. hebt drohend die Hand zum Himmel. „Bei allem was Recht ist“, ruft sie. Die Kirschen bekommst du nicht.“ Ich glaube sie meint nicht den Wetterg*tt sondern Erdogan. Wir verteilen Lebensmittel gerecht zwischen Pakistan, Deutschland, Schweden, Frankreich und der Türkei. Immerhin hier ist der Weltfrieden möglich. Wohl auch wegen des Verzichts der irischen Seite. Jedes Jahr, denn das Osterfrühstück ist, obwohl ich doch am Osterbrot der Pesach-Speiseregeln wegen nur riechen kann, einer meiner liebsten Sonntage eines jeden Jahres. Denn jedes Jahr bin ich erstaunt, dass diese wunderbaren, eigensinnigen, streitbaren und liebevollen Menschen tatsächlich mit mir befreundet sein mögen und unendlich reich beschenkt, bin ich mit ihnen allen. Ich wasche ab, der Tierarzt trocknet Gläser, dann müssen wir schon los. Stadteinwärts nämlich. Im Deutschen Theater gibt es Arthur Millers „Tod eines Handlungsreisenden.“Der Tierarzt hat die englische Fassung in der Jacke und liest sich ein. Das Theater ist voll, denn es ist nicht so sehr das Stück selbst, sondern Ulrich Matthes, der das Stück trägt. Natürlich könnte Ulrich Matthes das Berliner Telefonbuch vorlesen und ich wäre immer noch entzückt, aber das Stück selbst, hat die Zeit nicht gut überstanden. Blutleer sind die Charaktere und die Tragik des Abstiegs, bleibt seltsam fern und leider mir ziemlich egal. Diese Art des Sozialdramas das glaubte, ein Schicksal sei schon genug und es bräuchte dafür nicht auch noch Charaktere oder gar eine Geschichte verfängt sich nicht recht, sondern bleibt abstrakte Belanglosigkeit. Für eine kleine Weile noch gehen wir noch durch das nächtliche Berlin. Erleuchtete Fenster, dunkel die Spree, von weitem Musik, Frauen auf überhohen Schuhen wanken auf den Arm ihres Begleiters gestützt einem Abenteuer von dem wir nichts wissen entgegen. Eine Männergruppe vergleicht die Preise eines Bierbikeanbieters. Ein Mann schwärmt vollmundig von den Waden einer gewissen Undine. Aber die Dame ist nicht an seiner Seite und auch am Telefon nicht zu erreichen. In einer Kneipe essen Menschen Kalbsschnitzel, der Tierarzt dreht sich schaudernd weg. Im Bahnhof Friedrichstraße wälzt sich ein Mann auf dem Boden. Alkohl und Krämpfe sind keine gute Mischung. Der Notdienst sagt, er sei gleich da. Wir warten und der Tierarzt sieht mich an. „ Es ist es etwas mit Dir, nicht wahr. Ich nicke. „Immer schon“, sage „ich von Anfang an.“ Ein nicht minder alkoholisierter Berlintourist mit Jeanshemd und Lederjacke erklärt uns ungefragt und demonstrativ laut, was so ein Mann, wie der auf dem Boden dem Gesundheitssystem, also ihn als Steuerzahler koste und das Beste sei doch ihn liegenzulassen, denn Morgen wiederhole sich das doch von vorn. Der Mann unterstreicht seine groben Reden mit deftigen Bierrülpsern, dann kommt der Rettungsdienst. Der Mann muss sofort in ein Krankenhaus. Wir aber fahren mit der Bahn zurück an den Rand der Stadt, laufen durch die schweigenden, stillen Straßen und hören nichts weiter als unsere eigenen Schritte, bis wir wieder vor der Haustür stehen. Die I. hat zweimal angerufen, sehe ich auf dem Telefon. „Nein zum Ja“ sagt sie als ich zurückrufe.

 

Warum hast du mich verlassen?

Am Freitag Morgen sitze ich früh in der S-Bahn. In der Tasche, die Wohnungsschlüssel der F., deren Wohnung ich hüte, weilt sie doch über die Ostertage im Allgäu. Der Tierarzt zudem sitzt schon im Flugzeug und natürlich soll der Tierarzt abgeholt werden. Auf meinen Knien liegt Karl-Heinz Bohrers neues Buch , es geht vordergründig um die Phantasie, und sehr offensichtlich um Karl-Heinz Bohrer. In Steglitz steigt ein Pärchen zu. Eine junge Frau in einem Paillettenoverall und hohen weißen Schuhen mit dicken Plateausohlen. Eine falsche und dicke Goldkette um den Hals, lange blondgefärbte Haare, ein verwischtes Pink auf den Lippen, Tigerstreifen auf den Plastik-Nägeln, die nicht mehr vollständig sind. Ihr Telefon hat sie in den BH gesteckt, mehr trägt sie nicht unter dem glitzernden Overall, dabei ist so eine April-Nacht doch recht kühl. Süßes Parfüm und schaler Geruch von Alkohol wehen von ihr herüber. Ihr Freund, der seine Hand abwesend auf ihrem Oberschenkel reibt, hat sorgfältig zerrissene Jeans-Hosen an und ein dickes silbernes Kreuz baumelt zwischen dem weit geöffneten Hemd umher. Mit der anderen Hand aber tippt er hektisch auf sein Telefon und auch er verströmt den Geruch von billigem Schnaps und schwerem Parfum. Aber so genau, sehe ich nicht zu dem Pärchen herüber, denn Karl-Heinz Bohrer schreibt gerade über die Enttäuschung, die er angesichts des morgendlichen Zustandes seiner Geliebten empfindet. Er selbst so scheint es, hat sich im Spiegel nie mit den gleichen Augen gesehen, wie er die verquollenen Frauen mustert, denen er dann doch ein Frühstück macht. Für einen Moment überlege ich, ob ich amüsiert oder nur gelangweilt bin von der ästhetisch- beglaubigten Manieriertheit oder einfach nur gelangweilt. Vielleicht beides zugleich, aber dann beugt die junge Frau sich vor, hält sich die Hand vor den Mund und ich glaube erst, sie wolle nur einmal ein herzhaft gähnen, denn dass sie keinen Schlaf bekommen hat, das hätte Karl-Heinz Bohrer gleich gewusst und sofort die richtigen Schlüsse gezogen. Ich bin etwas langsamer und als ich wieder aufsehe, gähnt die junge Frau nicht, sondern erbricht sich in die geöffnete Hand. Ihr Freund, eben noch so begierig ihren Oberschenkel betastend, zieht seine Hand mit einem Ausdruck des Ekels fort, dann steht er wortlos auf uns setzt sich zwei Sitzreihen weiter weg von ihr wieder hin. Noch einmal sieht er flüchtig zu ihr herüber, nicht mehr interessiert als ein zufällig anwesender Fremder. Schon hat er sein Telefon wieder hervorgezogen und tippt hektisch in die Tastatur. Die junge Frau wimmert. Eine Hand wischt sie an ihrem Paillettenoverall ab, die andere Hand hält sie sich weiter vor den Mund und erbricht und erbricht und erbricht sich. Ich lege das Buch aus der Hand und krame in der Tasche nach Taschentüchern. Endlich finde ich eine Packung Tempos und endlich erinnere ich mich der FAZ von Donnerstag in meiner Zeitung und aus Rücksicht auf Karl-Heinz Bohrer falte ich hektisch aus dem Wirtschaftsteil und nicht aus dem Feuilleton eine Speitüte, denn der jungen Frau läuft das Erbrochene von den Händen in die Haare, tropft in ihr Dekolleté, rinnt ihr über die nur spärlich bedeckten Beine bis zu den offenen Schuhen. Mit einem Taschentuch halte ich der wimmernden Frau die Haare aus dem Gesicht, und sie speit würgend in die behelfsmäßige Tüte. Zwei Frauen ziehen ihre Kinder an uns vorbei. „Solche Schlampen“, rufen sie und schütteln den Kopf. Eine Musikantengruppe zieht durch den Wagen, einen Lautsprecher haben sie auf einem Handkarren montiert und so schallt: „Yellow Submarine“ unterlegt mit Mundharmonika durch die S-Bahn. Auch Sie bleiben stehen und starren auf die Frau, die sich weiter würgend übergibt. Ich falte eine zweite Tüte aus dem Politikteil. Am lautesten aber, lauter selbst als die sich langsam entfernenden Musikanten, hört man den jungen Mann, der doch vor zehn Minuten noch so begierig seine Hände in ihre Seite schob. Er schreit nun lauthals in sein Telefon: „Hey Alta, das glaubst du nicht, hier in der Bahn, is so ne Schlampe, die kotzt vor allen Leuten. Ey, voll peinlich, aber echt ey. Voll abgefuckt, die Alte. Der Freund am Telefon lacht. Beide, der junge Mann und sein Gesprächspartner stimmen ein ohrenbetäubendes Gelächter an, wiehern kreischend über die sich erbrechende Frau, die dem Mann doch keine Fremde war, sondern wohl auch Geliebte. Aber das ist schon vergessen, ausgelöscht schon die letzte Nacht, der Mann findet er hätte sich ein Foto verdient,aber da stehe auch ich, mit der zweiten Speitüte, den Taschentüchern und der Hand auf dem Rücken der Frau. „Lassen Sie das“, sage ich nur mühsam noch beherrscht. Er, schwankt weiter, am nächsten Halt verlässt er die S-Bahn und noch bevor die S-Bahn wieder anfährt, beugt er sich auf dem Bahnsteig über einen Papierkorb und übergibt sich wie die Frau, die einmal seine Freundin war. Sie aber sieht es nicht, sieht nur die Papiertüte vor sich, und die fremde Frau, die ich bin, mit den Taschentüchern zwischen Kinn und Wange. Ein Obdachloser schließlich versucht Zeitungen zu verkaufen. Ich kaufe ihm für 1, 50 Euro eine Plastiktüte ab. „ Ick würd dir helfen“, sagt er, aber ick bin gerade echt nicht jut bei Kasse.“ Ich nicke und werfe die beiden provisorischen Speitüten in die Plastiktüte, schon muss ich aussteigen, für fünf weitere Euro erklärt sich der obdachlose Mann bereit, mir zu helfen, die Frau aus dem Zug zu bugsieren, denn noch immer würgt und spuckt sie in die Plastiktüte. Auf drei also hieven wir die Frau nach draußen. Sie sieht uns an, unsere fremden Gesichter sagen ihr nichts und sie schreit nach ihrem Freund, der schon längst verschwunden ist. Wir schleppen die Frau, die Treppen hinunter zur Bahnhofsmission. Die Leute auf dem Bahnsteig starren uns an. Ich zähle die Stufen. Der obdachlose Mann- ick bin der Pico- sagt der Frau wieder und wieder, dass alles gut würde. Die Frau wimmert und ihre Beine geben nach. Die Bahnhofsmission will sich kümmern. Ich entsorge die Plastiktüte und gebe Pico 5 Euro. „Icke helfe echt jerne“, sagt er, „aber dit Leben is echt ne teure Tüte.“ Ich nicke und bedanke mich. „Sie sind ein echter Held Pico“, sage ich und meine das so. Ich muss mich beeilen, Blumen gießen und den Tierarzt nicht warten lassen. Noch einmal sehe ich nach der Frau, sie versucht sich mühsam aufzurichten und schreit markerschütternd: „Warum hast du mich verlassen?“

Ich gieße die Blumen und wasche mir lange die Hände, gerade noch rechtzeitig treffe ich auf dem Flughafen ein. „Mädchen, sagt der Tierarzt, du bist ganz blass und kalte Hände hast du auch. Ich lächle dem Tierarzt zu. Später am Nachmittag sehen wir in den Regen hinaus, auf dem Plattenspieler Felix Mendelssohn-Bartholdy. Mein G*tt warum hast du mich verlassen? Aber über den Chor hinweg, höre ich allein die junge Frau wimmernd schreien. Dann schließe ich für einen Moment die Augen. Meine Zunge klebt am Gaumen.

Zu viele Rosen.

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Meine Großmutter glaubte nicht an Bücher für Kinder und Literatur für Erwachsene. Meine Großmutter befand es gäbe gute und schlechte Literatur. Sie werden es ahnen. Karl May, Bücher über Ponies oder die Mickey Mouse waren ihr abstraktes Dunkel und überhaupt fand sie man könnte Kinder gar nicht genug fordern. Überhaupt taugte meine Großmutter nicht zum Vorbild moderner Pädagogik. Sie bestritt hartnäckig die Existenz von Kalorien, fand ganzjähriges Draußen Baden für Kinder völlig in Ordnung, verabscheute schlechte Tischmanieren und glaubte das Lernen langer Balladen sei genau so gut für die Charakterbildung wie das Wissen, um die Herstellung einer guten Sachertorte und so las ich mich durch ihre Bibliothek und später dann schickte ich ihr lange Bücherwunschlisten und ohne je auch nur einmal mit der Wimper zu zucken, schickte sie mir Bücherstapel um Bücherstapel und doch auch in der Wohnung meiner Großmutter gab es ein Regal in der sich hinter Aktenordnern verborgen, Bücher befanden, die nicht in meine Hände gelangen sollten und die meine Großmutter wohl auch vor sich selbst verbarg. Georg Trakl stand dort, denn meine Großmutter, die doch selbst der Liebe zu Deutschland verfallen war, fürchtete sich vor dem Sog, merkwürdigerweise auch Isaak Babel, aber den meisten Platz hinter den Ordnern nahm Gottfried Benn ein. Natürlich fiel mir nichts Besseres ein, als die Bände aus dem Regal zu ziehen, in den Sessel zu sinken und schon ertrank ich, sank tiefer und tiefer und merkte nicht wie die Schatten länger wurden, und auch nicht, dass meine Großmutter längst zurück war. „Zu viele Rosen“, sagte sie und sah mich nicht an. Die Bände stellte sie ins Regal zurück. Über Gottfried Benn kein Wort. Ich aber im Auswendig Lernen deutscher Balladen geübt, memorierte nun Benn. Allen Rosen zum Trotz. Aber im Bücherregal, gut verborgen, stand auch der andere Benn, stand der mit den Dornen, der Benn der Jahre 1933 und 1935, der Benn der von der Züchtung des Geistes schwärmte und auch sein Loblied auf den neuen Staat, der nach neuen Intellektuellen riefe. Meine Großmutter schrieb an den Rand: Auch Benn. Zwei Ausrufezeichen. Über Benn wurde geschwiegen, meine Großmutter schnitt nur selten Rosen im Garten ab und schenkte ihr jemand Rosen so drehte sie den Kopf zur Seite. Dass aber auch meine Großmutter zu den Bänden wieder und wieder zurückfand, verschwieg sie nicht nur mir, sondern auch sich. „Zu viele Rosen, mein Kind.“

Geschwiegen wurde auch in der Familie von Mopsa Sternheim, nicht nur über Gottfried Benn, der auf einmal mitten im Weltkrieg auftaucht, die Gerüchte über Edith Cavell kamen mit und auch die Fingerkuppen, weiß und fett blieben dem nicht mehr Kind nicht verborgen. Es beginnt eine Geschichte, die man mit Liebe nicht beschreiben kann, und ob es mit Obsession getan werden kann, weiß ich noch immer nicht. Das Spannungsfeld jedenfalls, zwischen den beiden Sternheim-Frauen und Gottfried Benn ist noch einmal und immer wieder die schmerzliche Geschichte Deutschlands und seiner Dichter. Benn träumt von Apfelkuchen und Schlagobers, Mopsa Sternheim von den Händen des Dichters auf ihrem Rücken, ihre Mutter Thea schreibt Briefe an Doktor Benn, kauft Bilder von Picasso und Doktor Benn behandelt Geschlechtskrankheiten und wohnt möbliert: Deutsche Eiche, dunkel. Er der Dichter, sucht keine Muse, sondern Frauen für eine Nacht und Rosen schenkt er nur Frauen mit knielangen Röcken, aber nicht der kosmopolitischen, zerbrechlichen, zähen und ringenden Mopsa Sternheim. Benn trinkt Pils und Mopsa seine Worte. Eine Heirat, eine Familie mit Abgründen, immer auf der Suche, immer unterwegs, Benn bleibt in Berlin-Schöneberg. 1933 aber trennen sich die Wege. Mopsa und Thea sind in Paris und Gottfried Benn hat endlich Ruhe und Schlagsahne gleich mit dazu. Benn schwadroniert von kernigen Kerlen und deutschen Mädels. Mopsa geht in den Widerstand und überlebt bis 1945 im KZ Ravensbrück. Benn bedauert sich und nein, keine Rosen, nicht einmal Astern. Ein spätes Wiedersehen, noch einmal Mutter und Tochter, noch einmal Benn und Bürgerglück. Die Frau heißt Ilse, man hat sich eingerichtet. Mopsa schließlich stirbt an Krebs, ein letzter Brief an Benn. Mag sein, dass sie auch an Krebs gestorben ist, aber vor allem wohl an einem vielfach gebrochenen Herzen. Lea Singer hat die Scherben und die Schnitte von Mopsa von Sternheim zusammengetragen. Es sind viele schmerzhafte Splitter, ein Kaleidoskop von Bildern, Briefen, Gesprächen, von dem Versuch die Worte in einen Menschen zu verwandeln, vom Scheitern und von der Zebrechlichkeit dessen was wir Liebe nennen. Es ist auch die Geschichte einer erbitterten Konkurrenz zwischen Mutter und Tochter und Freundschaften, die schleißlich immer wieder an Morphin zerbrechen. Erika Mann und Pamela Wedekind laufen hin und wieder durch das Bild. René Crevel stirbt und Rudolph Carl von Ripper entkommt gerade noch einmal so. Aber wer kann schon Deutschland im 20. Jahrhundert entkommen, auch wenn es manchmal in Gestalt eines Dichters mit schlaffen Augenlidern und schweren Lidern daherkam. Mopsa Sternheim kommt nicht davon. Lea Singer aber hat Mopsa Sternheim noch einmal zurückgeholt, endlich einmal ihre Geschichte aufgeschrieben, die nicht nur eine Geschichte mit Gottfried Benn war, sondern ein deutsches Leben, was es nicht mehr gibt.

„Niemand“ sagte meine Großmutter, „ ist jemals ganz aus Auschwitz zurückgekommen.“ Sie rieb sich über den Arm. Das 20. Jahrhundert hatte seine Spuren hinterlassen, auch wir lebten zwischen den Scherben. Meine Großmutter aber stellte die Gedichte Gottfried Benns ins Regal zurück, es war wohl eine Vorsichtsmaßnahme, aber es war schon zu spät, ich kehrte wieder und wieder zurück. Meine Großmutter aber das würde ich erst viel später lernen, als wir zusammenzogen und ich meine Benn-Bände neben Ihre stellte, konnte alle seine Gedichte auswendig und versuchte doch beständig sie zu vergessen. Damals aber schüttelte sie noch einmal den Kopf. „Zu viele Rosen mein Kind.“ Heute in meinem Bücherregal stehen die Bücher Gottfried Benns, auch die Reden von 1933 und 1935 hinter den Bildbänden, gut verborgen vor allen Augen und vor allem wohl auch vor mir selbst.

Lea Singer, Die Poesie der Hörigkeit, Hoffman und Campe 2017, 20 Euro.