Zwei Schwestern

In der S-Bahn sitzt ein Mädchen neben mir. Das Mädchen ist vielleicht acht Jahre alt. Das Mädchen wippt mit den Knien, es trägt lila Ballerinas und einen pinken Rock mit großen Blumen. Um den Rock beneide ich das Mädchen. Das Mädchen hat einen Schulranzen neben sich stehen, aus dem Schulranzen lugt ein abgewetzter Bär heraus. Dem Bären fehlt ein Ohr, aber er lächelt dem kleinen Mädchen zu.

Das Mädchen wippt mit den Knien und sieht aus dem Fenster der Bahn, das Mädchen hat fünf Gummibären in der Hand, die lutscht das Mädchen sehr langsam und sehr genießerisch. Die S-Bahn fährt an einem See vorbei und als die S-Bahn hält und die Türen sich öffnen, steigt eine Gruppe von Jugendlichen ein. Sie sind vielleicht fünfzehn oder sechzehn Jahre alt.
Drei Mädchen und drei Jungen, die Jungs tragen kurze Hosen und viel zu viel Deodorant. Die Mädchen tragen kurze Tops und viel zu süßes Parfüm. Ein Mädchen hat einen glitzernden Stein im Bauchnabel. Die Jungs machen Fotos mit den Mädchen, die Mädchen strecken die Zunge heraus und die Jungen lachen. Die Mädchen kichern, ein Telefon klingelt, der Junge mit weißen Hosen und schwarzen Sneakern öffnet eine Cola-Flasche zu schnell, in der S-Bahn ist jetzt auch ein See.
Die Jungs lachen, die Mädchen kreischen, ein Mädchen schüttelt sich die Haare, Cola- Schaum tropft aus ihren Haaren, sie hat wilde, schwarze Locken, der Junge mit den schwarzen Schuhen starrt sie an. Er starrt mit weit offenem Mund.

Vielleicht wird er sich in vielen Jahren nicht mehr an das Mädchen erinnern, eine andere Frau heiraten, in der Arktis mit Eisbären leben, aber dieser Moment, der wird ihm bleiben, ein warmer Tag im April und das lachende Mädchen, die Locken, die tropfende Cola.

Aber dann ist der Moment vorbei. Das kleine Mädchen neben mir nämlich ruft: „Mia!“ Sie ruft es so wie kleine Schwestern nach ihrer großen Schwester rufen. Es liegt etwas von jener ehrfürchtigen Bewunderung in ihrer Stimme, die jüngere Schwestern ihren großen Schwestern entgegenbringen und das weiß ich genau, denn ich bin auch eine kleine Schwester. Das Mädchen neben mir ruft noch einmal: „Mia“ und sie ruft es mit so viel Vorfreude, so viel Spannung, so viel Glück und Leichtigkeit, denn da ist ihre große Schwester und ganz bestimmt klettert das Mädchen nachts zu Mia ins Bett und lässt sich etwas erzählen von der großen Welt in die Schwester sich über eine fiese Physiklehrerin beklagt, ihr etwas ins Ohr flüstert von Hamdis grünen Augen und Andrés Sommersprossen, vielleicht schluchzt sie vor Gemeinheit darüber, dass Tina ein Piercing darf und sie nicht und ihre kleine Schwester wird ganz sicher den abgewetzten Bären in die Hand ihrer großen Schwester schieben, obwohl sie selbst sich manchmal fürchtet wenn die Dielen knacken nachts halb zwei. So und nicht anders ruft das kleine Mädchen, das neben mir sitzt nach Mia.

Der Junge mit den schwarzen Schuhen sieht zu dem kleinen Mädchen herüber, dreht sich zu Mia herüber und sagt: Kennst Du das Baby etwa?

Für einen Moment sieht Mia zu ihrer kleinen Schwester herüber und noch immer strahlt das kleine Mädchen ihre große Schwester an, will fast schon aufspringen und auf sie zu rennen, sich in ihre Arme fallen lassen und sagen: „Ich bin kein Baby und wenn Du das noch mal sagst, dann bekommst Du Ärger mit Mia, meiner großen Schwester. Aber Mia sieht auf den Fußboden, holt ein Bubblegum aus ihrer Hosentasche, kaut zwei oder dreimal und macht eine große, pinke Blase und dann sagt: „Nee, kenne ich nicht, wie kommst du denn darauf?“ Der Junge zuckt mit den Schultern: „Nur so“, sagt er, weil die halt deinen Namen kannte. Aber jetzt zuckt Mia mit den Schultern: „Die verwechselt mich halt mit jemanden den sie kennt.“ Dann dreht Mia sich weg und der Junge stolpert ihr hinterher, er will ihr etwas auf dem mobile phone zeigen und sie lacht. Das Mädchen mit dem Piercing im Bauchnabel verdreht die Augen, aber tanzen der Junge und Mia zu der Musik aus dem Telefon: If you are under him / you ain’t getting over him.
Sie singt schöner als er und er tanzt sicherer als sie und das Mädchen das Mia heißt schließt die Augen als könnte sie nicht glauben, dass der Junge mit dne schwarzen Schuhen wirklich mit ihr tanzt.

Aber was sie nicht sieht, hinter dem Rücken des Jungen und den Fahrgästen, die einsteigen an der nächsten und übernächsten Station ist wie ihre kleine Schwester den Bären aus dem Ranzen zieht und ihren Kopf im abgewetzten Bärenfell vergräbt, damit niemand sieht, dass sie weint. Das sitzen das kleine Mädchen und der alte Bär und obwohl Mia ihre große Schwester nur sieben Meter entfernt steht, ist das kleine Mädchen ganz allein und hat zum ersten Mal keine große Schwester mehr. Zwei Stationen später steigen die Jugendlichen aus, denn sie wollen zusammen zu Vanessa, deren Eltern sind nicht da und das Haus ist groß. Mia fällt ein bisschen zurück als die anderen nach ihren Rucksäcken, Taschen und der Cola-Flasche suchen und sieht zu ihrer kleinen Schwester herüber. „Hey“ ruft sie, obwohl es kein Rufen ist, sondern ein zartes Flüstern, es ist ein Große Schwestern Flüstern, aber das kleine Mädchen sieht nicht auf, sondern presst die Hände fest in den Bären und starrt aus dem Fenster. „Mia, was machst du denn rufen?“ rufen ihre Freund und Mia dreht sich und geht. „Du kennst das Baby doch!“ ruft der Junge mit den schwarzen Schuhen, aber Mia schüttelt den Kopf und läuft ihm hinterher.

 

42 Gedanken zu “Zwei Schwestern

  1. Traurig – dieses Alter mit all seinen (vermeintlichen und vermeidbaren) Konventionen und Regeln, bevor man sich selber gefunden hat, ich erinnere mich noch sehr genau, ist so unendlich anstrengend und um nix in der Welt würde ich dahin zurück wollen.

  2. ‚Die große Schwester‘ wird vermutlich vom hohen Sockel herunterfallen, auf dem sie für ‚die kleine Schwester‘ bisher gestanden hat. Eine schmerzhafte Erfahrung, die das Schwesternband hoffentlich nicht
    zerreißen wird.

  3. Sie haben ja dieses Talent diese Geschichten zu erzählen, dass man hinterher einen dicken Kloß im Hals hat. Sie sind selbst kleine Schwester, oder?
    Ich bin kleiner Bruder und konnte lange nicht verstehen warum meine Schwester nie wollte, dass ich sie mit dem Babynamen rufe, den ich immer noch verwendete obwohl ich längst auch den richtigen Namen aussprechen konnte. Heute verstehe ich es.
    Wenn ich sehe wie meine pubertierende Tochter ihren kleinen Bruder wegen Nichtigkeiten runtermachen kann, dann blutet auch das Herz, wenn man sein enttäuschtes Gesicht sieht. Und trotzdem liebt er seine große Schwester, so wie ich meine Schwester liebe und Sie wahrscheinlich die Ihrige.

    • Genau, ich bin die kleine Schwester und meine Schwester ist in jeder Hinsicht groß und ich glaube es ist genau so wie Sie sagen, manchmal tut man denen weh, die man am meisten liebt, weil man mit sich selbst noch nicht fertig ist.

  4. Sie haben mich (wieder einmal) mitten ins Herz getroffen.
    Niemals hätte ich meinen Bruder verleugnet und auch meine Kinder würden das miteinander nicht tun, aber wieder frage ich mich: bin ich verrückt oder der Rest der Welt?

    • Ach, ich weiß nicht. Ich muss zugeben, ich habe Menschen, die ich sehr liebe,auch schon sehr wehgetan und ich fürchte es gehört zum Großwerden dazu, dass man sich und anderen wehtut, auch wenn man sich liebt.

  5. Hoffentlich ist es keine wahre Geschichte. Wenn sie nur so gewesen sein könnte, ist sie nicht mehr ganz so traurig als wenn sie tatsächlich passiert ist. Wir Menschen sind schon arm dran mit der Pubertät und dem Herdentrieb und sonstigen Konstruktionsfehlern ……

      • Also für mich ist die Mali-Tant eine ganz eindeutig wirkliche Person, ich sehe sie richtig vor mir. Das liegt einerseits an deinem Erzähltalent andererseits daran, dass ich eine alte Dame kenne, die zwar keine Mali sondern eine Mitzi-Tant ist, von der ich aber annehme, dass sie der von dir liebevoll beschriebenen Dame sehr ähnlich ist.

    • Ich bin ältere Schwester und kann das verstehen. Die jüngeren Kinder werden logischerweise immer in Schutz genommen und behütet. Nicht, dass ich das toll finde wie Mia „drauf“ war, aber ich kann sie verstehen…

      • Ich glaube, dass Mia sich selbst genau so wehgetan wie ihrer Schwester und das wir alle immer wieder vor solchen Situationen stehen in denen wir uns entscheiden müssen und oft ist das gar nicht so einfach.

  6. Das ist nicht schön, ich habe meine kleine Schwester geliebt. Ich habe sie eher zu sehr bemuttert. Und meine beiden großen Jungs haben ihre kleine Schwester auch sehr gern, zwar nervt sie manchmal, aber sie verwöhnen sie auch. Niemals würden sie sie verleugnen.

    • Ich liebe meine große Schwester über alles. Aber ich kann den Konflikt verstehen und die Zerrissenheit und die Einsamkeit der beiden Schwestern und ich habe auch schon Menschen sehr verletzt, die ich sehr liebe. Beziehungen und auch das Größer Werden sind mit vielen Schmerzen verbunden.

  7. Ich habe eine kleine Schwester, die sehr viel jünger als ich ist. Irgendwie hatten wir nie dieses Geschwisterband, weil wir uns, altersbedingt, nie für dieselben Dinge interessiert haben. Verleugnet habe ich sie zwar nie, aber besonders nett war ich zu ihr halt auch nicht, das muss ich ganz klar eingestehen. Für Mia war wahrscheinlich in dem Moment die Anerkennung der Gruppe wichtiger, als ihre kleine Schwester. Das ist bei Jugendlichen manchmal so, dass sie ihre Prioritäten nicht richtig setzen. Ich hoffe, dass dem Mädchen das jemand erklären konnte, vielleicht hat Mia es an dem Abend ja noch getan.

    • Ich glaube, dass das wohl zum Erwachsen Werden dazugehört, dass man jemand anders sein will, dass man jemanden beeindrucken will, dass man sich unsicher ist wer man ist, dass man nicht Schwester sein will, sondern frei und ganz allein, ich glaube Mia hat sich selbst nicht weniger wehgetan als ihrer Schwester.

  8. Diese Geschichte ist ebenso wichtig wie zeitlos.
    „Zwei Schwestern“ sollte in Schulbüchern Aufnahme finden.
    _______________________________________________

    Und auch wir selbst sollten uns nach der Lektüre befragen (lassen).

    Auch uns ist Verleugnung nicht fremd.
    (Wie so oft gerade denjenigen nicht, die dies heftig bestreiten.)

    P.S.:
    Lukas erwähnt übrigens als einziger Evangelist, daß Jesus sich nach der dritten Verleugnung durch Petrus zu diesem umgewandt und ihm einen erinnernden Blick zugeworfen habe (Lk 22,61).

    • Der Kommentar von Herrn Fischer spricht mir aus der Seele. Die Geschichte ist ganz bemerkenswert. Vielen Dank. Ich finde jede(r) sollte sich die Mühe machen und sich in beide Schwestern hineinversetzen. Mein Mitgefühl gilt klar auch der kleinen Schwester. Aber diejenigen, die sich über Mias Verhalten entsetzt zeigen sollten wirklich mal in sich reinhören, ob sie nicht auch schon in Situationen waren, in denen sie jemanden “ verraten“ haben? Seid ihr wirklich solche Heilige? Dann ziehe ich meinen Hut vor euch. Habe leider schon öfters die Erfahrung gemacht, dass Heilige eher Scheinhelige sind. Sorry, das müsste ich jetzt mal loswerden.

      • Ich empfinde das ähnlich. Beziehungen sind sehr komplex und man verletzt immer die Menschen, die man am Meisten liebt und ich bin ganz bestimmt auch schon einmal Mia gewesen und auch einmal das kleine Mädchen.

    • Ich bin da ganz bei Ihnen, Verrat hat viele Formen und gerade, die Menschen die wir lieben, verletzen wir oft am Meisten. Danke an den erinnernden Blick aus dem Lukas Evangelium, das ist eine gute Erinnerung nicht nicht selbst als allzu wohlfeil zu fühlen.

  9. Ich bin eine große Schwester. Aber mein Bruder hätte niemals Bewunderung für mich gehabt und umgekehrt war es immer genauso. Schon als Stöpsel habe ich anderen Eltern meinen Bruder zum Tausch gegen ihre Kinder angeboten und immer haben alle gelacht: Ach wie niedlich, sie will ihren Bruder tauschen! Nie hat jemand verstanden, dass ich es bitterernst gemeint habe. Lieber wollte ich gar kein Geschwister als diesen Bruder. Bis heute kommen wir miteinander aus, aber mögen tun wir uns nicht. Er lebt ohne mich, wie ich ohne ihn lebe. Mein Freund sagte neulich: Ihr habt euch ja wirklich nichts zu sagen, wenn ihr euch seht – endlich hat es mal einer verstanden.

    • Danke für Ihre so offenen Worte. Ich glaube, dass gibt es viel öfter als man glaubt. Es gibt einfach Menschen mit denen man sich nichts zu sagen hat, ob man nun mit Ihnen verwandt ist oder nicht.

      • Danke liebe read on. Sie sehen in die Wunden aller (!) Menschen. Mir gefällt, dass Sie nicht bewerten und beurteilen. Sie haben einen riesengroßes Herz. Tut gut hier zu lesen. Herzlichen Dank dafür.

  10. Ach ja, Menschen in der Peergroup sind so leicht zu manipulieren.
    Ich glaube, dass die kleine Schwester das sehr gut alleine verstehen und, da sie die große Schwester liebt, auch schnell verzeihen kann (es sei denn, der Vertrauensbruch trifft sie allzuschwer). Die große aber, so sie es reflektiert, wird sich ihr ferngesteuertes Verhalten ihr Leben lang nicht verzeihen können.
    Jeder schwache Moment dieser Art macht ein Stückchen was kaputt, die wenigsten von uns sind immer Helden, man muss daraus lernen, sich ertappen, beim nächsten Mal anders handeln und aufpassen, dass es nicht zuviel wird, wiedergutmachen kann man es nicht, glaube ich.

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