Was ich nicht mehr schreibe.

Ich schreibe keine Liebesbriefe mehr. Dabei habe ich so viele Jahre lang Liebesbriefe geschrieben, ich war fünfzehn vielleicht und schrieb Liebesbriefe gegen Bezahlung. Aber das ist schon lange her.

Ich schreibe keine Einkaufszettel mehr, murmele ich nicht beständig: Eier, Zucker, Milch vergesse ich die Dinge auch mit Notizblock.

Ich schreibe keine Träume mehr auf. Die letzten Seite des dicken Notizheftes sind leer. Vielleicht hat man irgendwann alle Träume gehabt.

Ich schreibe keine Gedichte mehr. Vielleicht fehlen mir die Gedichte am Meisten, manchmal fange ich noch einmal an. Dann fällt mir ein halbes Gedicht ein und ich suche nach Papier und Stift, aber dann sehe ich das Papier, das Gedicht und den Stift und nach einer halben Zeile, lege ich den Stift weg, zerreiße das Papier und dann ist auch das Gedicht schon wieder verschwunden.

Ich schreibe keine Dissertation mehr. Ein Glück.

Ich schreibe außerhalb des Büros so wenig Emails, dass es eigentlich keine mehr sind. Es fehlt mir nicht, obwohl ich einmal viele Emails geschrieben habe, vielleicht waren es auch Liebesbriefe, so genau will ich mich nicht mehr erinnern und das Postfach mache ich einmal im halben Jahr auf. Verpasst habe ich in keinem der halben Jahre etwas und immer, wenn ich doch wieder anfing diesem oder jenem eine Email zu schreiben, die nichts mit bürorelevanten Dingen zu tun, so habe ich es immer früher als später bereut. Ich schreibe keine Emails mehr.

Ich schreibe kein Tagebuch mehr.

Ich schreibe keine Kalendereinträge mehr, die Jahre sind alle gleich lang und ich habe kein Bedürfnis danach, nachzusehen, ob ich vor zwei Jahren in der Philharmonie war oder nicht. Irgendwann ist mir die Neugier verlorengegangen und der Kalender erinnert mich doch dann und wann an diesen Verlust. Jedes Jahr schenkt die liebe C. mir einen neuen Kalender, aber am Ende des Jahres sind alle meine Kalender leer.

Ich schreibe keine Wünsche mehr auf, falte sie nicht mehr in kleine Papierdreiecke und fädle die Dreiecke nicht mehr in einen Flaschenhals ein und ich fahre auch nicht mehr zum Fluss oder ans Meer, um eine Flaschenpost auf den Weg zu bringen.

Ich schreibe keine Noten mehr auf das Notenpapier, das sich noch immer in der Kommode stapelt.

Ich schreibe keine Notizen mehr für verstiegene Romane auf.

Ich schreibe keine Limericks mehr, keine Nonsenswörterfolgen, keine Post-It Klebezettel, keine Anleitungen mehr wie aus einer Cola-Flasche ein Segelboot wird.

Ich schreibe so selten Kommentare ins Internet, dass ich sagen kann: Ich schreibe keine Kommentare ins Internet.

Ich schreibe keine Rezepte mehr auf und nur noch selten schreibe ich Rezepte weiter.

Ich schreibe keine ganzen Nächte mehr durch.

Ich schreibe keine Fragen mehr auf die schwarze Schiefertafel. Ich habe die Schiefertafel den Nichten geschenkt. Wer weiß vielleicht fallen ihnen in die Antworten ein.

Ich schreibe keine Buchstaben mehr auf beschlagene Fensterscheiben.

Ich schreibe so wenig Nachrichten wie es nur geht. Es geht immer noch weniger.

Ich schreibe keine angefangen Sätze mehr mit dem blauen Kugelschreiber auf meinen Arm. Zwischen 16-22 waren meine Arme immer bedeckt mit blauen Notizen, sie sind alle längst gluckernd im Abfluss der Badewanne verschwunden. Das letzte was ich von ihnen sah, war eine blaue Schaumkrone.

Ich schreibe keine Geschichten mehr mit den Fingern zwischen die Rippen eines Anderen, früh am Morgen wenn die Welt und der Andere auch noch schläft.

Ich schreibe nicht mehr auf, was ich im Kaffeesatz lese. Viel getaugt hat die Wahrsagerei ohnehin nie.

Ich schreibe keine Märchen mehr auf für die Nichten 1-3 und den Neffen. Die Nichten und der Neffe suchen sich längst eigene Geschichten aus.

Ich beschreibe nur noch selten Bilder, Menschen, Dinge.

Warum schreiben Sie denn?, fragte mich jemand, unvermittelt, aber dann auch nicht so unverhofft.

Weil mir nicht anderes einfällt, als das Wort, wenn ich darüber nachdenke, woran ich mich festhalten kann, sage ich. Was ich nicht sage ist: Eigentlich schreibe ich nicht mehr viel und vielleicht ist dieses Blog ja die letzte rostige Leiter, die mir geblieben ist.

Aber mein Gegenüber sieht mich verwundert an.

Ein Wort zum Festhalten, sagt er und schüttelt den Kopf.

Das gibt es doch gar nicht.

56 Gedanken zu “Was ich nicht mehr schreibe.

  1. Ach. Ach. Das klingt alles (fast alles, das mit der Dissertation nicht) sehr schade und traurig. Ich geniesse, dass Sie hier noch schreiben und hoffe, das hört nicht auf.

  2. Worte fließen durch einen durch und kommen irgendwo wieder raus. Das machen sie, wenn außen nicht gelebt wird, nur innen. Sobald das Leben Fahrt aufnimmt, ist das keine Zeit für geschriebene Worte. So ist es zumnindest bei mir.

  3. Vielleicht ist es mit dem Schreiben auch so, dass es in Phasen kommt und geht. Gerade schreibe ich auch so viel weniger als früher. Eine Zeitlang war es mir egal, aber jetzt fehlt es mir langsam wieder und ich überlege, wie ich es mir zurückholen kann. Also wird es vielleicht bald wieder eine Viel-Schreibe-Zeit. Aber – etwas ganz anderes – kennen Sie „Baby“ von Patricia MacLachlan? Ein Buch, das ich unheimlich mag, weil es so schön und furchtbar traurig ist und vor allem davon handelt, wie wir uns an Wörtern festhalten unser ganzes Leben lang.

  4. Das zu lesen macht mich traurig …

    Aber doch, es gibt Wörter zum dran festhalten, ich mußte meine lange suchen. Da ist ein „Du“, ein Lagerfeuer, Freunde — und noch ein paar mehr, die ich für mich behalte.

    Ich wünsche Dir, daß Deine rostige Leiter stabil bleibt, lange genug, für alle Zeit — oder daß Du über sie etwas (anderes?) erreichen kannst.

  5. Ich würde mich jedoch sehr freuen wenn Sie den Harry Breisacher (ich glaube so hieß er, gell?) wieder hervor kramen. Das fing so genial an, und ich hatte mir schon Tee gekocht und alles….
    Ich möchte sie aber keineswegs unter Druck setzen denn ich weiß selbst wie sch…. schwer es ist eine Fortsetzungsgeschichte zu schreiben. Aber der Harry, fand ich, hatte ziemlich viel Potenzial.

  6. Wird hier geduzt oder gesiezt oder je nachdem? Jedenfalls denke ich, dass ein so langer so guter Text über das Nicht-Schreiben eine großartige Basis für einen Neubeginn ist. Rostige Leitern halten ja auch oft viel länger als glänzende neue und führen vielleicht auf luftige Dächer mit großartiger Aussicht ……

  7. Hach.
    Worte, an denen man sich festhalten kann. Ich denke an Hilde Domin und die Rose als Stütze, an der ich mich viele Jahre festgehalten habe. Ich halte mich auch an Worten fest, aber fast immer an den Worten der anderen. Die eigenen wollen irgendwie nicht tragen.
    Dieser Blog trägt mich auch, nun schon eine ganze Weile, und dafür möchte ich Ihnen sehr danken.

  8. Wir lesen hier mit Ihnen, liebes Fräulein Readon, Texte und Worte, Romananfänge, Märchen, Nonsens, Gedichte, Limericks… Ihre Worte malen uns Bilder, egal in welcher Form. Ich bin sehr froh darüber und hoffe, Sie schreiben weiter. Was auch immer. Write on, dear! ♥

  9. Liebes Fräulein Dr. Read On, Sie schreiben Ihre Liebesbriefe, Träume, Tagebucheinträge, Fragen, Märchen, Wünsche nunmehr ins Internet, auf Postkarten an die vergessenen Nicht-zu-Vergessenden, Ihre Noten und Musik schreiben Sie mit Worten in die Ohren Ihre LeserInnen, Ihre Kommentare direkt in unsere Herzen.

  10. Dieser Text macht mich sehr traurig. Dass gerade Sie, die mit Worten malen kann wie sonst niemand, den ich kenne, dass gerade Sie des Schreibens müde sind. Vielleicht ist das egoistisch von mir, aber Ihre lustigen, traurigen, nachdenklichen, schrägen, Ihre amüsanten, berührenden – kurz: alle Ihre Geschichten würden mir hier sehr fehlen und dieses Internet wäre eine Spur dunkler ohne Sie.
    Und da Sie keine Emails mehr schreiben und lesen, werde ich es mit einer Karte versuchen (wenn Sie erlauben).

  11. Ach, wie klingt das traurig und resigniert! Bitte schreiben Sie hier dennoch weiter. Ich liebe Ihre Geschichten und sie bzw. Sie würden mi wirklich sehr fehlen. Ich weiß aber auch, dass man nur schreiben kann um seiner selbst oder um des Schreibens willen, so hoffe ich, dass Ihnen diese rostige Leiter weiterhin Halt gibt, Sprosse um Sprosse.

  12. Am Schreiben kann man sich gut festhalten. Wahrlich. Auch dann, wenn alles drum herum, drüber an und hinunter hinauf läuft, dreht und wirbelt. Und manchmal, da hält einen das Schreiben fest, wenn man sich selbst in Strudeln verwirbeln wollte. Manchmal sind die Worte, die durch einen hindurch, durch die Fingerkuppen hinaus laufen, die am dankbarsten wurzelnden Anker für die Wörter, Minuten und Stunden eines jeden neuen Tages.
    Ich schicke Ihnen eine feste Umarmung mit dem nächsten Lufthauch, der Sie umweht.

  13. Doch, man hält sich an Worten fest, Worten und Bildern. Und „Read on“ setzt die Worte und Bilder ja voraus. Doch! Ja! Doch! Und es wird Frühling….

  14. „Ein Wort zum Festhalten, sagt er und schüttelt den Kopf.“
    Statt dessen: Worte zum loslassen.
    Treibenlassen.
    Flaschenpost.
    Aus purem Trotz.
    Ich so.

  15. Was Sie hier schreiben ist mit all dem Zauber der anderen Sachen erfüllt.
    Finde ich.

    Die Gegenwart ist sehr wichtig.

    Gut erkannt.
    Finde ich.

    Danke.

  16. „Was ich nicht mehr schreibe“, zeigt an, worüber Sie sich Klarheit verschafft haben.
    Ob und was Sie, liebe Read on, noch schreiben werden, welche Worte Ihnen dabei Beistand leisten werden,
    nun, das wird sich zeigen. Jedenfalls wünsche ich von Herzen, dass Ihnen das Wort *Zuversicht* bei all Ihren (Schreib)Unternehmungen nicht abhanden kommt.

  17. Und wenn ich keine Worte fassen kann, dann halte ich mich an Bildern fest. Und Linien auf Strassen, Wegen, Papieren. Oder ich fahre mit der Hand ueber familiaere Oberflaechen, um Halt zusuchen und Freude zu finden, einen Wegweiser im Nebel zu dem mein Bewusstsein geworden ist, bis der sich lichtet.

  18. Ich schreibe, weil ich nicht nicht schreiben kann. Es ist die Gabe, die mir geschenkt wurde, es ist die Last, die mir auferlegt wurde. Ich schreibe, auch wenn keiner liest. Ich schreibe, weil ich es liebe mit Worten und Wörtern zu spielen wie Kinder mit Bauklötzchen. Und wenn ich nicht schreibe, lese ich was andere geschrieben haben. Ich lese, ich schreibe, ich bin. Einfach so.

  19. Oh, was ist das für ein schöner Text! Schon lange nicht mehr so etwas … gelesen. So etwas …. Trauriges, Melancholisches .. Ich weiß nicht wie ich es sagen soll… Zum Festhalten, genau!

  20. Diese rostige Leiter ist eine wunderbar-rostige Leiter. Zum Festhalten, so unvergleichlich, wie nur Sie die Worte festhalten können. Halten Sie sich bitte weiterhin daran fest!

  21. Das klingt mir nach abgrundtiefer Erschöpfung. Bedenken Sie, was sie alles leisten: das ständige hin- und her zwischen den Ländern, die Dissertation, die ständige Sorge im persönlichen Umfeld, ihr „Sich Verströmen“ für die gewählten Aufgaben… vielleicht ist gerade jetzt der Tank leer? Denken Sie auch genug an sich selbst? Ich wünsche es Ihnen so sehr…. Alles Gute!

    • Danke für alle guten Wünsche, aber ich lebe ja schon immer so und manches ist einfach, wie es ist und wer weiß vielleicht kommt manches auch noch einmal anders wieder.

  22. Manchmal – manchmal – erschöpft man sich auch, bis man innerlich leer ist und einfach nicht mehr genug da ist, was raus will, auch nicht mehr genug Druck, der es raustreibt.
    Dann, vielleicht, braucht man mal fünf oder zehn Jahre, bis wieder genug da ist. Und wieder raus will.
    Ich wünsche Dir, daß es wiederkommt. Denn ich mag die Bilder,d ei du malst.

    • Mit der Zeit glaube ich, verliert man Wörter und bekommt andere hinzu. Wer weiß vielleicht schreibe ich irgendwann ja doch noch einmal einen Liebesbrief.

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