Wie mich einmal ein böses Schwein ritt

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Vor Jahr und Tag war ich einmal in Avignon. Ich war nicht allein, sondern wie so oft sehr und sehr unglücklich verliebt. An diesem Wochenende aber war ich glücklich, doch ich bin ja nicht umsonst das Fräulein, welches das Unglück anzieht und so sah auch das Schicksal in Avignon auf mich herunter, spuckte in die Hände und sah zu, wie ich ins Verderben lief.

Das Hotel in Avignon war so schön wie alt, es war ein Hotel wie vor der Französischen Revolution, ein Hotel mit schweren Spiegeln und Kommoden mit Marmorplatten, mit Blumenvasen die mir zum Kinn reichten und schwerem, schönen Silber auf den Tischen. Es war Sommer in Avignon und in einem Alkoven mit Blick auf den Fluss, da stand ein Tisch. In den Tisch verliebte ich mich fast so sehr, wie in den Begleiter jener Tage, der Tisch war zierlich, ohne zerbrechlich zu sein, seine Beine hatten etwas von jener lässigen Haltung, die jenen Adligen zu Teil war, die Marie Antoinette noch mit Schafen spielen sahen, geschnörkelt und dabei doch lässig hingeschwungen, die Tischplatte war rund, dabei aber keineswegs eierförmig, sondern vortrefflich gerundet, eine Tischplatte an der es unmöglich ist, sich einen blauen Fleck zu holen. Unter der Tischplatte aber verbarg sich eine Schublade für Liebesbriefe, Fischbesteck und getrocknete Rosen. Der Tisch war in einem dunklen Grün gestrichen. Der Begleiter jener Tage lehnte sich gegen den Tisch, lächelte zart, strich mit den Fingern über die Platte, das Schicksal stand in einer schattigen Ecke, lachte schon laut, bleckte die Zähne und schwor, dass mich ein böses Schwein reiten solle und dieser Tisch mein Verderben würde.

Erst aber fuhr ich zurück nach Berlin und in mir war der dringende Wunsch erwacht, auch so einen Tisch zu besitzen und von nichts zu entmutigen, suchte ich Tandler und Tandler auf, beschrieb den Tisch und eines Tages, das Schicksal johlte, wurde ich fündig. Zwar waren die Füße mehr brandenburgisch-preußisch als südfranzösisch, die Platte ein bisschen gröber als jener Tisch in Avignon, aber auch der Tisch beim Berliner Tandler besaß eine verborgene Schublade, ich sah mich an jenem Tisch Tee trinken, die Zeitung lesen und dann und wann küsste die Liebe mich schon vor zehn Uhr. Ich bezahlte den Tisch, der Tandler lieferte und voll glücklichen Staunens strich ich über die Tischplatte. Der Tisch war in einem rostbraun gestrichen, aber ich sah den Tisch schon in einem matten Dunkelgrün glänzen und lächelte still. Das Schicksal hingegen gröhlte und lud sich Gäste ein.

Ich kaufte Abbeizmittel, Schaber, und Schleifpapier. Nach zwei Dosen Abbeizmittel war der Tisch dunkelblau, nach vier Dosen war der Tisch wieder braun. Das Schicksal und seine Freunde saßen auf dem Sofa und hielten sich die Rippen vor Lachen. Nach sechs Dosen war der Tisch noch brauner, ich hatte rote Kaninchenaugen, entzündete Hände, aber mich ritt das Schwein von Avignon, ich kratzte einen halben halben Ölsockel vom Tisch, ich warf den Spatel in die Ecke, ich kratzte Farbschichten vom Tisch mit Rasiermessern,die mir die Fingerkuppen zerschlitzten, aber der Tisch blieb braun, denn der Vorbesitzer des Tisches, muss ein Freund von erdigen Tönen gewesen sein, die man in Steuerbehörden oder Kasernen erwartet aber nicht auf einer Tischplatte. Als die Rasierklingen nichts mehr vermochten, nahm ich Glasscherben zu Hilfe und endlich schien mir als sei ich an einem Naturzustand des Tisches angekommen. Darüber war ein halbes Jahr vergangen und ich sah aus, wie man sich Pestkranke vorstellt, aber das Schwein von Avignon hörte nicht auf mich zu reiten und ich sah mich noch immer am dunkelgrünen Tisch sitzen und die Zeitung aufschlagen. Das Schicksal johlte lauter. Ich strich den Rand des Tisches dunkelgrün. Grün wie das Moos am Rande des Waldes. Dann ging ich schlafen, endlich schien mir sei das Wunder von Avignon nahe. Am nächsten Morgen hatte der Tisch einen grünen Rand mit rostbraunen Flecken. Ich experimentierte mit Laugen, ich verschliss kiloweise Bimmsstein, ich verbrauchte Kilometer an Schleifpapier. Ich lag fluchend über dem Tisch, ich flehte, ich bettelte, ich beschwor die G*tter, aber kaum war eine Ecke abgeschliffen, schon drückte sich neues rostbraun durch die Tischplatte hindurch. Nach anderthalb Jahren unentwegten Werkens hatte ich Hände, die den Klauen von Alligatoren ähnelten, meine Augen waren rot wie die eines Kaninchens, ich hustete rostbraune Flecken und unbändiger Zorn überkam mich und ich trat gegen den Tisch. Ich brach mir den Zeh. Vier Wochen später beehrte mich die L. sie hachzte und seufzte, was für ein Kunstwerk dieser Tisch, das rohe, das abgeschliffe- unfertige, die Marmorierung der Platte, sag Read On, hängst Du sehr an dem Tisch? Ich knirschte bitter mit den Zähnen, das Schicksal krakeelte, nimm das Ding, sagte ich zur L. und die L. sagte: „Aber ich will es nicht geschenkt, hörst Du, ich leihe es mir, bis du den Tisch zurückhaben willst.“ Ich murmelte etwas von „Niemals und nur über meine Leich“, aber die L. nahm den Tisch wirklich und anders als ich, frühstückt sie mit dem O. an jenem Tisch, liest die Zeitung, bewahrt Fischbesteck in der Schublade auf, fährt über das gemaserte Holz und die schenkt Tee nach. Immer wieder bin auch ich bei der L. zugegen, sitze am Tisch und sehe missmutig auf die rostbraunen Flecken, das graue Holz und den dunkelgrünen Rand. Die L. sieht dann zu mir herüber und sagt: „Aber Read On, wenn Du Deinen Tisch zurückhaben willst, dann sag es mir jederzeit.“ Ich aber schüttle den Kopf, den auf dem Sideboard das sitzt Schicksal, stopft sich die Faust in den Mund, um vor Lachen nicht zu platzen, denn ich bin mir sicher, wenn der Tisch wieder beim mir stünde, es dauerte kaum vierzehn Tage, da kaufte ich wieder Abbeizmittel, dunkelgrüne Farbe und scharfe Rasierklingen, um doch noch einen Tisch wie jenen in Avignon mein Eigen zu nennen, denn wenn einen erst einmal ein böses Schwein reitet, dann lässt es einen niemals mehr los und ganz sicher bin ich mir, dass wenn die Schicksale Schulstunde haben, ich als Exempel diene, für Tücke und List und die Macht des Schicksals anhand eines einfachen Tisches, an dem vielleicht Marie Antoinette Torte aß, oder ein Marquis einer Comtesse die Finger küsste. In Avignon aber bin ich seither niemals mehr gewesen und auch an Tandlern mit Tischen in der Auslage gehe ich schnurstracks und sehr schnell vorbei. Den das Schicksal ist niemals fern meiner Wege und Tische.

15 Gedanken zu “Wie mich einmal ein böses Schwein ritt

  1. Ach, er ist aber auch wirklich wunderschön der Tisch, zumindest der auf dem Foto 🙂 Und vielen Dank für die ausführlichen Heimwerkeranleitungen und den Ausdruck vom Schwein, das einen reiten kann, das habe ich noch nie gehört

  2. Oh oh, das kenne ich mein liebes Fräulein, und wie ich das kenne. Da war ein entzückendes Schränkchen, vor dem Sperrmüll gerettet. Ich weiß nicht, welcher Art die lackschichten waren. Sie stanken erbärmlich, ich bekam Migräne davon. Sie machten das Schleifpapier schmierig, der Gestank wurde stärker, die Migräne auch. Ein Handwerker-Gast meinte ich schaff das und bekam das Schränkchen geschenkt. Ich trauere ihm nicht nach.

    • Ich fühle mit Ihnen. Lackschichten sind wirklich der Horror selbst. Ein Alptraum, aber ich hoffe sehr das noch einmal ein anderes Schränkchen zu Ihnen findet….

  3. Das Leben verleiht wohl von alleine Patina – sich gegen das Unvermeidliche zu stemmen, wäre eine Aufgabe eines griechischen Helden würdig… einen schönen Oster-Montag, Fräulein Readon! Und Avignon ist wirklich hübsch… 😉

  4. Oh ja, schwer auszuhalten, wenn man etwas so dringend will und es partout nicht haben kann. Wenn man dann noch zur Sturköpfigkeit neigt, kann es schnell richtig anstrengend werden (Ich spreche da aus Erfahrung).
    Aber da es hier ja „nur“ um einen Tisch geht, können Sie dem Schicksal bestimmt ein Schnippchen schlagen. Ein Tischler (und evtl. ein Schlosser für die Beine) kann Ihnen sicher einen Tisch zaubern, über den nachfolgende Generationen noch ins Schwärmen geraten.

    • Es ist die Hölle. Vor allem, wenn man das Idealbild so vor sich sieht und es doch nie erreicht. Aber natürlich erde ich hier berichten, wenn mich das Schwein doch noch einmal reitet oder ich das Schicksal geschickt ablenken kann.

  5. „In den Tisch verliebte ich mich fast so sehr, wie in den Begleiter jener Tage,….“.
    Zum Glück haben Sie sich ja nur an dem alten Möbelstück abgearbeitet 😉.

  6. Oh, ich bin auch einmal daran gescheitert, einen Tisch völlig von alter Farbe zu befreien. Die letzten Placken wollten einfach nicht weichen, egal, was ich anstellte. Irgendwann verlor ich die Geduld und pinselte einfach darüber.

    Ich kann gut vestehen, dass Sie sich in diesen Tisch so verguckt haben.

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