Wie mein Vater einmal am Internationalen Frauentag die Zukunft des Sozialismus malte, aber das auch wieder nicht recht war.

Mein Vater konnte gut zeichnen, als er ein Kind war.

Meine Großmutter suchte einen Zeichenlehrer für ihn. Herr K. war ein Trinker und malte Kulissen für das Stadttheater. Er sah sich gern bereit meinen Vater in die Geheimnisse des Zeichnens einzuweihen.

Herr K. hatte eine Sammlung mit Heften von vor dem letzten Krieg. Die Hefte zeigten Frauen bei eindeutigen Handlungen. Mein Vater besah sich die Hefte, aber keine der Frauen so befand er, konnte mit der schönen Chemielehrerin mithalten, die neu an die Schule gekommen war.

Herr K. trank blaue Schnäpse, mein Vater fragte seine Mutter nach Josephine Baker. Meine Großmutter lobte den Musikgeschmack meines Vaters.

Der Zeichenlehrer des Gymnasiums ließ die Schüler Blumensträuße malen. Mein Vater malte den schönsten Blumenstrauß. Der Kunstlehrer war beeindruckt. Weniger beeindruckt war der Kunstlehrer davon, dass mein Vater nicht bei der FDJ war.

„Am nächsten Frauentag könne er sich als aufrechter Bürger der Deutschen Demokratischen Republik beweisen“, sagte der Kunstlehrer. Mein Vater nickte. Er wollte sich vor allem gern vor der Chemielehrerin beweisen. Die Chemielehrerin war Vorsitzende der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft.

Der Kunstlehrer sprach von einem Plakat auf dem die starken Frauen des Sozialismus zu sehen wären. Traktoristinnen, Melkerinnen, Fabrikarbeiterinnen. Die Frauen seien die Zukunft des Sozialismus sagte der Kunstlehrer. Seine Frau arbeitete nicht. Sie blieb mit den Kindern zu Hause. Darüber wollte der Kunstlehrer nicht reden. Der Kunstlehrer sprach lange über die Rolle der Frau und die Entwicklung des Marxismus-Leninismus.

Mein Vater nickte.

Zuhause fragte er seine Mutter: „Was macht den Internationalen Frauentag aus?“, fragte er sie. Meine Großmutter sagte: Am Internationalen Frauentag trinken die Männer Schnäpse und die Frauen bekommen warme Worte bevor sie wieder an die Arbeit gehen.“

Mein Vater nickte.

Dann fragte er seinen Vater: „Was macht den Internationalen Frauentag aus?“ Mein Großvater sagte jeder Tag sei Frauentag und es sei eine Schande einer Frau Nelken zu schenken.

Mein Vater nickte.

Dann malte mein Vater ein Bild.

Der Traktor war am schwierigsten, auch deshalb weil mein Vater sich damals wie heute nicht für technische Dinge interessierte und die Bilder, die der Kunstlehrer ihm zur Verfügung gestellt hatte, waren zudem schwarz-weiß und nicht besonders deutlich. Traktoristin bei der Ernte am Donbass, Dreherin an der Werkbank in der VEB Chemnitz, derlei Bilder waren in den Broschüren zu sehen. Mein Vater probierte lange am Traktor herum, bis es endlich klappte.

Mein Vater malte eine Frau, die Frau saß rittlings auf dem Traktor. Sie hatte die Beine von Josephine Baker, sie machte einen Mund wie Hedy Lamarr. In den Händen hielt sie eine riesige Sahnetorte. Auf der Sahnetorte war eine Kirsche. Die Frau trug einen Rock. Der Rock war sehr kurz. Der Rock ähnelte auffällig jenem Rock, den die Chemielehrerin im Sommer trug. Auf dem Rock waren Kirschen. Die Frau trug einen Zylinder auf dem Kopf wie Marlene Dietrich einstmals einen trug. Die Frau hatte einen blonden Bubikopf, nicht unähnlich jener Traktoristin vom Donbass in der Broschüre des Kunstlehrers. Die Frau auf dem Traktor hatte ein berauschendes Lächeln.

Im Hintergrund des Bildes standen Männer mit erhobenen Flaschen. Sie waren sichtlich angetrunken. Die Flaschen wie auch der Traktor waren grün. Zukunft hatte mein Vater auf den Traktor geschrieben. Die Frau lächelte genau so wie die Chemielehrerin, wenn sie sagte: Wasserstoffperoxid.

Mein Vater konnte gut zeichnen. Mein Vater war sehr gut in Chemie.

Vor dem Traktor kniete ein Mann im Anzug. Er hielt einen Strauß roter Rosen in der Hand und lächelte zerknirscht. Auf dem Boden lagen lauter rote Nelken.

„Süßer wird der Sozialismus nie“, schrieb mein Vater unter das Plakat. Internationaler Frauentag 19XX.

Mein Vater hatte jede Nacht gemalt, um das Plakat rechtzeitig fertigzustellen.

Am Internationalen Frauentag hielt der Direktor des Gymnasiums eine Rede.

Frauen und Zukunft kam darin vor und öfter noch Frauen und die siegreiche Arbeiterklasse und Frauen und Sozialismus und heroische Zukunft, aber mein Vater sah aufgeregt zur Chemielehrerin herüber.

Dann war der Direktor endlich fertig mit seiner Rede. Der Direktor redete fast so lange wie der Direktor der Poliklinik. Eine Frau redete nicht.

Aktivisten der sozialistischen Arbeit des weiblichen Lehrerkollekivs wurden ausgezeichnet. Sie bekamen Nelken, eine Medaille, und ein Präsent.

Der Schulchor sang ein Lied und dann noch ein zweites Lied.

Der Direktor räusperte sich schließlich. Der Kunstlehrer blickte stolz nach vorn.

Der Direktor sagte: Der Schüler R. aus der Klasse 11c. präsentiert sein Plakat zum Internationalen Frauentag.

Mein Vater kam auf die Bühne.

Mein Vater sah zur Chemielehrerin, ob sie auch wirklich guckte.

Mein Vater entrollte sein Plakat.

Die Schüler kicherten.Manche Schüler machten eindeutige Handbewegungen.

Das Lehrekollektiv schwieg. Das Lehrerkollektiv schwieg geschlossen.

Der Direktor trat vor das Plakat.

Der Direktor schnappte nacht Luft.

Der Direktor schrie: Es ist eine Schande. Was für ein Schmutz!

Was bist du nur für ein Schmierfink?

Der Schüler R. befleckt die sozialistische Ordnung.

Der Schüler R. verhöhnt die Anstrengungen aller Werktätigen.

Der Schüler R. beschmutzt die Ehre der sozialistischen Frau und Mutter.

Der Schüler R. ist eine Schande für den Sozialismus.

Der Direktor bestellte meine Großmutter ein.

Meine Großmutter hatte an dem Plakat nichts auszusetzen.

„Traktoristin sei kein schlechter Beruf“, sagte meine Großmutter.

Der Direktor schrie: „Er lasse sich doch nicht für dumm verkaufen.“

Mein Vater wurde der sozialistischen Erziehung nicht für würdig empfunden. Er musste das Gymnasium verlassen. Meine Großmutter besorgte ihm eine Stelle bei der Post und meinem Vater, der gut zeichnen konnte, eröffneten sich ganz neue Vertriebswege für den von ihm gezeichneten Comic. Die Heldin hieß Johanna Kirsche. Johanna Kirsche war eigentlich Chemikerin, hatte einen zahmen Tiger und betrieb mit ihrer Mutter einen Nachtclub: Cherry on Top. Ihr Gegenspieler war Professor Apfel, er sah dem Direktor des Gymnasiums nicht ganz unähnlich.

Zwei Jahre später aber floh mein Vater aus der DDR, aber das ist schon wieder eine ganz andere Geschichte.

Das Plakat aber gelangte auf welchem Weg auch immer in die Hände des Buchhändlers der kleinen Stadt und man erzählt sich, dass jener gegen die Zahlung eines Handgeldes in unbestimmter Höhe Stammkunden einen Blick auf den süßen Sozialismus werfen ließ. Aber man erzählt sich viel in kleinen Städten und wo das Plakat heue ist, weiß niemand so ganz genau.

36 Gedanken zu “Wie mein Vater einmal am Internationalen Frauentag die Zukunft des Sozialismus malte, aber das auch wieder nicht recht war.

  1. Pingback: Kleinigkeiten – Fädenrisse

  2. Als sei das Plakat Ihres Vaters nötig gewesen, um die sozialistische Ordnung lächerlich zu machen. Noch heute höre ich die Geschichten über alte DDR-Plakate; „Alle raus zum 1. Mai“ klebte an der Friedhofsmauer, am VEB prangte ein Plakat mit der Aufschrift „Jeder zweite Spinner ein Genosse“. Das mit der Lächerlichkeit hat also auch ganz ohne Zutun ihres Vaters funktioniert.
    Ich aber hätte liebend gerne einen Blick auf sein Plakat geworfen.
    Und Ihr Großvater hatte natürlich Recht, jeder Tag sollte ein Frauentag sein. Überall.

    • Wunderbar und ihre Plakatgeschichten sind so wahr. Dieses sich Übertreffen in hohlen Phrasen war eine Kernkompetenz des real existierenden Sozialismus, nur gelacht hat am Ende keiner mehr. Mein Großvater war ein Mann, der Männer fürchtete und am liebsten mit Frauen zusammen war. Das Plakat würden wir alle gern einmal sehen, aber mein Papa hat seitdem viele, sehr witzige und subversive Plakate gemacht….

  3. Wie schade, wie schade, ach, Weiss man wirklich nicht, wo das Plakat ist? Tolle Geschichte, tolle Grossmutter!

  4. Cherry on top… das ist das Sahnehäubchen für den realexistierenden Sozialismus. Wie schade, dass der Sozialismus so humorlos war. Marx hätte sicherlich laut aufgelacht.

  5. „Eine Frau redete nicht.“ So war das damals, und niemand dachte sich was dabei. Jetzt ändern sich die Zeiten. Einen schönen Frauentag! ✊

    • Damals?

      Unser Kleingartenverein macht natürlich auch was zum Frauentag. Dafür durfte unter anderem meine Frau letztes Wochenende schon mal ihre Arbeitsstunden für dieses Jahr ableisten; beim Putzen der Vereinskneipe, zusammen mit ein paar anderen Frauen. Zum Frauentag gab es dann ein Sektchen und eine Blume für die Frauen sowie eine Rede des Vereinsvorsitzenden.

      Fairerweise sollte man allerdings auch erwähnen, dass dies mehr ist als zum Männertag geschieht. Und dass der Vorsitzende ein Mann ist liegt auch nur daran, dass noch nie eine Frau Lust gehabt hätte für den Vorsitz zu kandidieren. Der ist mit reichlich Arbeit verbunden und die will eigentlich niemand machen.

      Insofern hat sich schon was geändert. Früher durften die Damen nicht, heute wollen sie nicht 😉

  6. Ach, wie isses nu‘ wieder schön!!
    Was für eine herrliche Geschichte.
    Und ich wußte es doch schon immer, als Lehrer(in) ist man einfach influencer.

  7. Herrlich! Und so durch und durch nachvollziehbar. Mein Vater brachte zu einem Frauentag für meine Mutter – und eigentümlicher Weise auch für mich, 14,- je drei Alpenveilchenstiele. Mich wunderte immer, dass diese ihren Namen behalten durften. Von meiner Mutter argwöhnisch beschaut, kam die Frage: „Wie bist du denn an die gekommen?“ “ Im Tausch, gegen eine funktionierende Gartenschere…“. Realer konnte der Sozialismus auch nicht sein…

    • Ja, Alpenveilchen gab es zu vielen Gelegenheiten und fast immer wurden sie an ältere Damen verschenkt. Deshalb glaubte ich als Kind auch jahrelang, es hieße Altenveilchen, was mir durchaus logisch erschien.

  8. Pingback: Dies und das | dame.von.welt

  9. Ganz große Klasse, diese Sozialismus-Vision Ihres Vaters, der schon als junger Mensch
    wusste, dass Brot und Rosen zusammen gehören. 🙂

  10. Und keiner hat das Kind gefragt, warum das Bild so geworden ist?
    Unterstützen muss ich allerdings den Wunsch, die wunderschöne Chemielehrerin zu verewigen.
    In einer Diktatur von der Schule zu fliegen wegen angeblichem Fehlverhaltens, oh, das kenne ich. Das war Lebenstrauma meines Vaters.

    • Mein Vater war schon ein ziemlich großes Kind und schon damals war er ein Nachtarbeiter und nie vor der allerletzten Abgabe fertig, die schöne Chemielehrerin, die ist von ihm wirklich verewigt worden und Dein wie mein Papa haben einen hohen Preis bezahlt.

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