Frau Roman, 24 Hühner und die Ordnung der Dinge.

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Es begann mit einem Diebstahl. Der Dieb war mein Vater. Mein Vater war fünf Jahre alt und steckte sich ein braunes Hühnerei in die Tasche. Seine Mutter fand das Ei in seiner Jacke. Meine Großmutter und mein Vater brachten das Ei zurück. Meine Großmutter sagte: „Wir sind ehrliche Leut’.“ Mein Vater sagte: „Ich möchte mich entschuldigen, es war falsch von mir das Ei zu nehmen.“

Meine Großmutter hatte Kaffee mitgebracht.

Es war Kaffee aus dem Westen.

Meine Großmutter trank gerne Kaffee.

Ein Pfund Kaffee gegen ein Hühnerei.

„Wir sind ehrliche Leut’.“ Das hat seinen Preis, lernte mein Vater. Mein Vater ißt nur weiße Eier.

Das Ei gehörte Frau Roman.

Frau Roman ist die Eierfrau der kleinen deutschen Stadt in der meine Großmutter lebte und in der nach vielen Jahren auch mein Vater wieder lebt.

Frau Roman hat ihn gleich erkannt.

Frau Roman hat ein Fahrrad. Das Fahrrad ist noch aus der Zeit vor dem letzten Kriege. Es ist schwer. „Es ist verlässlich“ sagt Frau Roman.

Am Mittwoch und Samstag kommt Frau Roman mit dem Rad in die Stadt. Sie wohnt in der Vorstadt, dort hat sie ein Haus, einen Garten, einen Schuppen, ihrem Vater gehörte ein Wald, ein Teich und zwei Felder. Den Vater, den Wald, den Teich und die Felder haben sich die Kommunisten geholt, sagt Frau Roman. Frau Roman weiß etwas über Diebe.

Im Sommer hängen Blumeneimer an ihrem Lenker ,auf dem Gepäckträger klemmt ein Klapttisch und ein Schemel, die Eierpackungen sind in zwei verschlissenen Satteltaschen verstaut. In einem Plastikbeutel ist eine Kasse aus Metall. Den Schüssel trägt Frau Roman an einem Lederbändchen. Man kann nicht vorsichtig genug sein, sagt sie. Sie trägt im Sommer wie im Winter eine Kittelschürze,eine Strickjacke und Pulswärmer, im Sommer trägt sie keine Strumpfhosen im Winter schon. Im Winter sind in den Eimern am Lenker keine Blumen, sondern Zwiebeln, Kräuter und Gläser mit Honig. Die Bienen gehören ihrem Bruder. Ihr Bruder hat keine Ahnung von Geschäften, sagt Frau Roman. Ihr Bruder hat in der schlechten Zeit, Maurer gelernt, er sollte ein Beispiel sein für die Arbeiterklasse, die Mauer stürzte ein, noch bevor das rote Band durchschnitten war, das Blasorchester spielte einen Tusch, aber das machte die Mauer auch nicht wieder heil. Die Kreisbezirksleitung war blamiert.

Frau Roman und ihr Bruder sprachen nie wieder von dieser dummen Geschichte. Irgendwann fiel die andere Mauer und Frau Roman verschaffte ihrem Bruder die Bienen.

Verheiratet war Frau Roman nie, dafür hat sie zwei Töchter. Die Töchter sind im Westen, sie haben es gut, Frau Roman war noch niemals im Westen. Die Bäume sind überall grün, die Enkel sind verzogen, die Schwiegersöhne wüssten mit ihren Händen nichts anzufangen, sagt sie. Frau Roman hat vierundzwanzig Hühner, sie kennt sie mit Namen, nur der Hahn ist namenlos. „Ein Mann ist wie der Andere“ sagt Frau Roman. Die Hühner laufen im Garten, zwei Hühner hat der Fuchs geholt, aber das sei dem Fuchs nicht gut bekommen. Frau Roman lässt sich nichts gefallen, Frau Roman hat Prinzipien.

Seitdem mein Vater ein Ei stahl, bekam meine Großmutter jede Woche eine Packung Eier. Es gibt in der kleinen Stadt drei Arten von Menschen. Diejenigen, die Eier von Frau Roman gebracht bekommen, diejenigen, die Eier bei Frau Roman auf dem Markt kaufen und diejenigen, die an den Klapptisch treten, auf eine Packung Eier zeigen und ohne Eier wieder gehen. „Sind reserviert“ sagt Frau Roman. Jeden Samstag versucht der Bürgermeister es wieder. Der Bürgermeister hat einmal vor Jahren Frau Roman dazu aufgefordert Standgebühren an die Stadt abzuführen, Frau Roman aber hat den Klapptisch 500 Meter weiter versetzt vor die Toreinfahrt meiner Großmutter. Der Bürgermeister ist längst ein Anderer, aber Frau Roman weiß es besser. „Bis auf die Krawatten ändert sich nichts“, sagt sie und der Bürgermeister fragt nach den Blumen im Eimer, oder einem Glas Honig im Winter. Frau Roman schüttelt den Kopf. Der Klapptisch steht in der Mitte des Marktplatzes, das Wasser für die Blumen, holt sie im Hof meiner Großmutter.

Die Eier sind die besten Eier im Umkreis von 500 Kilometer, das wusste auch der Betreiber des Cafés zu den „Goldenen Hörnchen“, über Jahrzehnte bekam er Eier von Frau Roman, dann ließ er seine Verlobte sitzen und heiratete eine Andere. Eier bekam er seit diesem Tag keine mehr, das Café zu den „Goldenen Hörnchen“ ist lange geschlossen. Dort wo einst das Café war, ist heute die Eisdiele von Familie Zingarelli. Ein halbes Jahr nach ihrer Ankunft bekamen auch sie Eier, pünktlich geliefert und Herr Zingarelli ruft seit dem: „Oh Amore, mia Signora Roman!“ Frau Roman sagt Herr Zingarelli sei eine Ausnahme. Ich vermute der Hahn mit den grünen Federn könnte Signore Zingarelli heißen.

Das Eiergeld nimmt Frau Roman einmal im Monat entgegen. Wie viel jeder im Monat an Frau Roman zahlt, ist ganz verschieden. Der Preis berechnet sich aus der Länge der Eierlieferungen, der persönlichen Beziehungen, etwaigem Verdruss und zu langen Urlauben. Wer nicht begreift, dass er am Dienstag, wenn Frau Roman beim Arzt ist, leere Eierpappen an ihr Fahrrad zu hängen, der hat sich der Eier nicht würdig erwiesen und ist ein windiger Hahn. Dann gibt es keine Eier mehr. Frau Roman hat Krampfadern, die Behandlung hat meine Großmutter begonnen, die Frau meines Vaters setzt sie fort. Zur Hochzeit schenkte Frau Roman ihr einen Hasen. Mein Vater nannte ihn Dostojevski, russische Romane sind ihm die Liebsten. Frau Roman hat niemals erfahren, dass Dostojevski ein langes und erfülltes Hasenleben lebte.

Frau Roman schlachtet selbst.

Wer öfter als zwei oder dreimal keine Eierpappen aushändigt, der bekommt keine Eier mehr. Frau Roman hat nichts zu verschenken und Verschwender, Großkopferte und Menschen, die einfach nicht begreifen, wie essentiell Eierkartons für die reibungslose Zirkulation der Eier sind, sollen zum Teufel gehen. Der Teufel das sind die Supermärkte. Frau Roman holt im Supermarkt eine Kiste Grünzeug für die Kaninchen ab, der Marktleiter bekommt natürlich Eier.

Der Marktleiter würde niemals Eier aus seinem Supermarkt essen.

Frau Roman verkauft Eier, Blumen und Honig, aber eigentlich handelt sie mit Informationen. Es gibt kein Geheimnis der Stadt, welches sie nicht kennt, die Frage ist nur wem sie es wann verrät. Frau Roman hat Ehen gestiftet, Scheidungen forciert, Frau Roman wusste, dass der Kind der D. niemals und nimmer vom E. sein würde, und nur Frau Roman weiß, wer damals in einer kalten Nacht, an ein Fenster klopfte, einen Brief hereinreichte, und am anderen Morgen schon wachte ein Mann auf und fand im Bett einen anderen Brief, aber nicht länger seine Frau. Frau Roman aber schweigt über vieles, weiß alles, und wer nur sehr kleine Eier in seiner Schachtel findet, der ahnt, dass er vorsichtig sein muss, manchmal legt Frau Roman eine Feder in eine Schachtel und wer sie öffnet, dem schwant, dass nicht nur das Wetter sich ändert.

Frau Roman aber teilt die Welt in Mittwoch und Samstag, am Dienstag ist sie die erste im Sprechzimmer, die Zeiten ändern sich, sagt sie, die Menschen bleiben die gleichen. Eier haben die Menschen noch immer gebraucht und der Wetterhahn auf der Kirchturmspitze ist ihr die wichtigste Nachricht des Tages, den Wetterhahn kann man auch von der Vorstadt aus sehen, in die sie zurückfährt mit leeren Eimern und dem verlässlichen Rad. Zeitungen bewertet Frau Roman nur danach, ob sie schnell durchweichen oder an den Blumenstengeln kleben. Die Welt sieht sie vom Misthaufen her, der dümmste Hahn kräht immer am Lautesten, ein Hahn erfordert Strenge, die Hühner praktische Umsicht, damit ist alles gesagt über den Hühnerhof wie über die Welt.

Am Samstag gehen mein Vater und ich über den Markt und holen Gemüse, Käse und einen Rosinenzopf ein, die Eier hat Frau Roman da schon lange gebracht. „Ach sieh einer an, ruft sie, sobald sie meinen Vater erblickt, da kommt ja der kleine Eierdieb.“ Mein Vater wird auch nach einundsechzig Jahren immer noch rot.

Frau Roman hat ein gutes Gedächtnis, sie weiß alles über die Stadt, über uns und das was wir gern vergäßen.

Frau Roman sagt: Das wäre ja noch schöner und da könnte ja jeder kommen, tritt jemand an den Klapptisch und fordert, statt höflich zu fragen, Blumen, Eier oder ein Honigglas.

Frau Roman hat Mittel und Wege oder wenn Sie so wollen 24 Hühner und einen Hahn. In der Kasse liegt ein dickes, blaues Heft, Frau Roman macht mit einem Bleistift Notizen. Es ist die Geschichte der kleinen Stadt, die sie schreibt, Jahr für Jahr, im Sommer und auch im Winter.

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36 Gedanken zu “Frau Roman, 24 Hühner und die Ordnung der Dinge.

  1. Einmal mehr ein wunderbarer Text! Vielen Dank, liebe Fräulein Read on, dass Sie meinen Abend mit dieser Lektüre verschönert haben.

  2. Eine so schöne Geschichte wieder! Und über Ihren Vater, den kleinen Eierdieb, musste ich sehr lachen.
    Wir haben uns angewöhnt, altbackenes Brot nicht wegzuwerfen, sondern bringen es zum Bauern am Ende der Straße. Er weiß, dass er sich nicht verpflichtet fühlen soll, legt uns aber dann und wann (wenn die Hühner gut legen, wie er sagt) als Dankeschön ein paar Eier vor die Tür. Solche kleinen Dinge mag ich am Landleben und würde sie vermissen, wohnte ich in einer großen Stadt.

    Gerade stelle ich fest, dass ich wohl einem Irrtum erlegen bin; ich nahm an, Sie wohnten in Berlin im Haus Ihrer Großmutter. Da habe ich wohl etwas durcheinandergebracht.

    • Ja mein armer, roter Papa! Das ist schön, dass es bei Ihnen auch noch Hühner gibt und Brot bekommt Frau Roman für die Hühner auch…..

      Nein, das Haus meiner Großmutter steht in einer kleinen, deutschen Stadt. Aber in Berlin haben meine Großmutter und ich zusammen gewohnt…

  3. Hauptschulblues wuchs mit Hühnern und einem mittellauten Hahn auf. Er wurde uralt. H. durfte jeden Abend die Eier aus den bekannten Nestern einsammeln und neue Nester suchen, gefährlich hoch über der Tenne. Alle zwei Wochen kam der „Oarkarer“ (= innviertlerisch für „Eiermann“) mit einer großen Kraxe auf dem Rücken und holte Eier ab. Jedesmal wurde über den Preis gefeilscht: „Mei, die leng so schlecht zur Zeit!“ war der Oma Standardspruch. Aber er nahm immer die Eier mit, sie hatten sich stets geeinigt. Der Oarkarer hatte auch ein Vorkriegsrad, Marke Rixe, und wurde von Hauptschulblues bewundert, weil er mit der Kraxe voller Eier den Berg hinabfuhr, wo H. doch schon manchmal beim Einsammeln welche zerbrach.-

    Ihre Geschichten rühren an und setzen Erinnerungen in Gang, Fräulein Read On.

    • Was für eine schöne Eiergeschichte Sie mir hier schenken. Ich freue mich sehr und kann es vor mir sehen und da ich doch Wörter sammle, freue ich mich, dass Sie mir Kraxe geschenkt haben. Ich bin leider sehr sentimental, und kann nicht aufhören mich zu erinnern.

      • Wir erleben gerade, wie die alten Damen ihren Platz im Internet finden. Darüber ob das gut ist, kann man geteilter Meinung sein. Aber verschwinden werden die alten Damen nicht. Alten Herren können das nicht so.

  4. Ich bin fasziniert von ihrer Fähigkeit, mit Humor und Feinfühligkeit aus Erinnerungen, Bemerkungen, Beobachtungen, Fakten, Zeitläuften, die für sich genommen nicht ungewöhnlich wären, eine Geschichte zu weben voller Poesie. Was war das wieder ein Vergnügen am heutigen Morgen!
    Sie bereiten so viel Freude, verdienen so viel Respekt, wie wohltuend, dass es Sie gibt!

  5. In einem federleichten Ton erzählt, aber für mich schwingt auch ein bedrohlicher Unterton mit: Was ist mit denen, die für zu leicht befunden wurden, gibt es keine Chance auf Vergebung oder einen Neuanfang? Wer ist (so habe ich es ja vor kurzem erst gelernt 😉 ) das Korrektiv der Krämers- oder Eierfrauen dieser kleinen Welten?
    Wahrscheinlich leben in Frau Roman die Gene und das Gesicht der weißem Hexen weiter.
    Über das puterrote Gesicht Ihres Vaters amüsiere ich mich schon den ganzen Abend.

  6. @andreas
    Wie meinen Sie das? Ist Alter bzw. “alte Dame“ in Ihren Augen ein Kriterium, das ausschließen sollte? Helfen Sie mir zu verstehen!

    Ich habe mir in meinem ganzen Leben zu vielem eine Meinung gebildet, sollte ich damit im Alter etwa aufhören? Mit Kindern und Enkeln lebe ich seit je eine Diskussionskultur, alle Seiten profitieren davon.

  7. Sehr geehrtes Fräulein Read On,
    die Geschichte Ihres eierraubenden Vaters erinnert mich an die Geschichte als die Nahbarsfreundin und ich mit etwa 7 bei der etwas unheimlichen Nachbarin in den Garten geschlichen sind. Dort wollten wir wissen, was im Haus vorgeht. Da wir zu klein waren, haben wir uns aus dem Garten die herumstehenden großen Schüsseln geholt, die Erde ausgekippt, uns drauf gestellt und reingelunst. Als wir so schauten hörten wir plötzlich die Tür zum Garten, sind schnell wie der Wind weggerannt und glaubten uns unentdeckt. Am Abend kam die erboste Nachbarin zu unseren Eltern und schimpfte: Was wir Kinder bloß für Teufelszeug machen würden. Ihre ganzen vorgezogenen Samen wären jetzt für die Katz! Am Abend erklärte ich meiner Mutter, dass wir wissen wollten wie es im Haus aussieht und die Nachbarin ja immer so grantig und böse war. Am nächsten Morgen gingen wir hin, wir entschuldigten uns, erklärten, dass wir ins Haus schauen wollten und die Schüsseln für uns nur Erde enthielten. Wir halfen der Nachbarin im Sommer im Garten um es wieder gut zu machen.
    Seitdem waren wir jedes Jahr bei der Nachbarin mit Blumensenkern und Samen zum Geburtstag.
    Darum viele Grüße an Ihren Vater. Ihnen vielen Dank für Ihre Geschichte.

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