Was ich über den Uhrmacher weiß.

Ein Jahr lang, lebte ich schon in Irland, da blieb der alte Reisewecker meines Großvaters einfach so stehen. Genau um 2.30 Uhr mitten in der Nacht. Bei Weir&Sons schüttelte man den Kopf: „Der Wecker sei schrott, aber sie könnten mir einen neuen Wecker verkaufen.“
Ich schüttelte den Kopf.
Der Wecker blieb stehen und ich suchte einen Uhrmacher.

Ich suchte vier Wochen bis ich den Uhrmacher fand.

Der Laden des Uhrmachers ist am Ende einer kleinen, dunklen Straße. Die Straße ist eng und fast hätte ich den Laden gar nicht gesehen.

Im Schaufenster des Uhrmachers liegen keine Uhren. Im Schaufenster des Uhrmachers steht eine Vase mit künstlichen Blumen. Plastikrosen im Sommer, Plastiksonnenblumen im Herbst, im Winter ein Tannenbaum aus Plastik natürlich, im Frühling eine Primel. Die Primel ist dunkelblau und nicht aus Plastik. Sonst ist die Auslage leer. Uhrmacher steht auf dem Schild. Das Schild ist schwarz. Eine kleine Papptafel klemmt an der Tür: Watch Batteries.

Die Tür des Uhrmachers ist verschlossen. Man muss an die Tür klopfen, dann kommt die Frau des Uhrmachers und betätigt einen Schnapper, erst dann öffnet sich die Tür.

Der Laden ist klein. Nicht viel größer als eine Küche in einer Berliner Altbauwohnung. Eine Vitrine steht im Uhrmacherladen, die Vitrine ist fast leer, ein paar Ringe, ein paar Halsketten, Armbänder, Uhren sind nicht in der Vitrine. Hinter der Vitrine hängt ein Kalender. Der Kalender ist von 2002 und neben dem Kalender hängt eine billige Küchenuhr.

Mehr Uhren gibt es im Geschäft des Uhrmachers nicht.

Es riecht immer nach Suppe im Geschäft des Uhrmachers, egal ob man um 9 Uhr oder um 17 Uhr zum Uhrmacher kommt. Nur um 13 Uhr muss man nicht zum Uhrmacher kommen, denn dann schläft er. Das Sofa ist blau und steht hinter einem Vorhang, der Vorhang ist grün wie das Linoleum.

Der Uhrmacher selbst sagt: My wife does the talkin.’

Aber auch die Frau des Uhrmachers spricht nicht viel.

Damals als ich mit dem alten Reisewecker meines Großvaters zum Uhrmacher kam, schwieg der Uhrmacher und ich redete auf den Uhrmacher ein. Ich wollte den Uhrmacher unbedingt davon überzeugen, den Wecker zu reparieren. Der Uhrmacher schwieg und klemmte sich eine Uhrmacherlupe in das rechte Auge.

„Das ist eine gute Uhr“ sagte er.

Damit war es besiegelt.

Die Frau des Uhrmachers schreibt die Reparaturaufträge in ein grünes Buch aus festem Karton. Der Uhrmacher diktiert ihr. Er beschreibt die Uhren genau. Er sagt nicht: Ein alter Wecker, metall, grüner Zeiger. Er sagt: Reisewecker, metall, beleuchtetes Ziffernblatt, vermutlich 1962, Deutschland, Federspannung. Der Uhrmacher diktiert mit geschlossenen Augen. Seine Frau fragt nie nach, sie schreibt mit langen geschwungenen Buchstaben.

„Mittwoch können Sie kommen und den Wecker wieder abholen“, sagte die Frau des Uhrmachers. Der Uhrmacher nickte.

Auf der Vitrine klebt ein Schild. „Wie möchten die Kundschaft darauf hinweisen, dass wir uns das Recht vorbehalten, eine Uhr, die auch drei Monate nach der Reparatur nicht abgeholt wurde, zu veräußern, um unsere Unkosten zu decken.

„Gibt es denn wirklich Menschen, die ihre Uhren nicht abholen?“, fragte ich den Uhrmacher oder seine Frau, man weiß ohnehin niemals wer einem antwortet.

Der Uhrmacher zog eine Schublade auf. Die Schublade war voller Uhren. Herren,-Damen und Kinderuhren, sogar ein kleiner Wecker in Form eines Hahnes aus Porzellan war darunter.

„Was machen Sie denn mit den Uhren, wenn Sie sie doch nicht verkaufen?“, fragte ich den Uhrmacher. „Ich ziehe sie auf, was denn sonst?“, sagte der Uhrmacher. Ich nickte.

Manchmal kommen Kunden mit Uhren, die dem Uhrmacher nichts taugen. Uhren aus Plastik für drei Euro. „Das ist keine Uhr, sondern eine Schande“ sagt der Uhrmacher dann. Die Frau des Uhrmachers sagt: „Sie können die Uhr wieder mitnehmen“ Dann knallen die Kunden mit den Türen.

Der Uhrmacher repariert Uhren, aber Uhren verkauft er nicht.

Der Uhrmacher sagt: „Jede Uhr hat einen Charakter, die meisten Menschen haben keinen.“

Manchmal verkauft der Uhrmacher eine Kette, einen Ring oder ein Armband. Aber auch das macht der Uhrmacher nicht gern.
Der Uhrmacher sagt: Er hat schon viele Bräute auf Hochzeiten weinen sehen. Dann seufzt der Uhrmacher und seine Frau streicht ihm über die Hand.

„Die Uhr ist an ihrem Ende angekommen“, sagte der Uhrmacher einmal zu einer alten Frau, die zum dritten Mal ihre Uhr zur Reparatur zu ihm brachte. Die alte Frau seufzte, die alte Frau sah nicht so aus, als ob sie Geld für eine neue Uhr gehabt hätte, der Uhrmacher öffnete die Schublade mit den tickenden Uhren und legte der Frau eine Uhr in die Hand. So ist der Uhrmacher.

Heute brauchte meine Armbanduhr nur eine neue Batterie.

Der Uhrmacher sagt: „Die Uhr werden Sie lange haben, aber sie wird immer ein bisschen vor gehen, die Uhr ahmt ihren Träger nach.“
Ich muss lachen.

Vier Euro will der Uhrmacher für die Batterie haben.

Fünf Euro werfe ich in die Trinkgeldkasse des Uhrmachers. Die Trinkgeldose ist eine rostige Keksdose. Big Ben.

„Der Tierarzt, Uhrmacher sage ich, kommt nächste Woche, er braucht ein neues Armband für seine Uhr.“

Der Uhrmacher mag die Uhr des Tierarztes besonders gern. Die Uhr ist aus Frankreich. Der Uhrmacher war einmal mit seiner Frau in Lourdes. Der Uhrmacher ist ein frommer Mann. In der Vitrine des Uhrmachers neben den niemals abgeholten Uhren liegt ein Fotoalbum. Die Bilder im Album sind alle schwarz-weiß. Auf den Bildern ist der Uhrmacher zu sehen, neben einem alten Mann mit langem Bart. „Oben in Belfast bin ich Uhrmacher geworden“ sagte er, der alte Uhrmacherjude ist dann nach Israel. Der Uhrmacherjude war ein frommer Mann. Der Uhrmacherjude verstand sein Handwerk.

Ja, sagte ich.

Einmal fragte ich den Uhrmacher, wie lange es sein Geschäft noch gäbe und ob er denn Kinder hätte. „Kinder hätte er keine“, sagte der Uhrmacher, das Geschäft aber würde es geben, bis und dann zeigte der Uhrmacher auf seine Brust, bis die Uhr hier drin aufhört zu schlagen.“

„Ziehen Sie die Tür fest hinter sich zu“, sagt die Frau des Uhrmachers.

Manchmal macht sie dann noch eine Bemerkung über das Wetter, der Uhrmacher nickt. Der Uhrmacher macht niemals eine Bemerkung über das Wetter.

Das ist alles,was ich über den Uhrmacher weiß.

35 Gedanken zu “Was ich über den Uhrmacher weiß.

  1. Hier gibt es nur noch einen Uhrmacher mit Apothekenpreisen. Letzteres wusste ich, als ich heute mit der Armbanduhr meiner Großtante, die sich nicht mehr aufziehen läßt, in seinen Laden trat.
    Er sah die an meinem Arm und quängelte, das Armband sei nicht Original. Dem ist so. Es stammt aus dem letzten Kaufhaus dieser Stadt, hat zwölf statt sechsundzwanzig gekostet. So bleibt mir Geld, um Kinderschuhe zu verschenken.
    Ich hätte mir gewünscht, er hätte, den Boden geöffnet und sich die Lupe ums Auge gerückt. Achtzig wollte er für einen Kostenvoranschlag, dreißig rechnete er bei Auftragseingang an.
    Ich ging hinaus. U braucht neue Gummistiefel und dank der Reform im Unterhaltsrecht ist seiner Mutter das Wohngeld, gestrichen und damit auch der Zuschuss zur nächsten Klassenfahrt.
    U ist mir wichtiger als eine Uhr, die ich nur selten trage.
    Sollte ich, was gerade nicht geplant, Nach Irland kommen. frage ich nach der Adresse.

    • Ach, wie schade. Ich würde Sie so gern mit dem hiesigen Uhrmacher bekannt machen und sie überhaupt zu Tee und Kuchen bitten, für ein kleines bisschen Trost.

  2. „Die Uhr werden Sie lange haben, aber sie wird immer ein bisschen vor gehen, die Uhr ahmt ihren Träger nach.“ Der Uhrmacher ist ein weiser Mann. Ihre Gedanken sprudeln immer etwas voraus, das macht alles so lebendig, lässt einen so teilhaben, dabei sein – bei all diesen Geschichten, Beobachtungen, Rückblicken, Vorausahnungen…and so on. Bleiben Sie so, bitte.

  3. Ich finde du weißt mehr über den Uhrmacher als manch einer über seine Nächsten.
    Und wie immer wunderschön beschrieben.
    Danke dafür

  4. Eine wunderschöne Erzählung. Ich habe hier einige Wecker stehen, die auch auf den Gang zum Uhrmacher warten. Ich habe einen gefunden und gerade hoffe ich sehr, er wird deinem ähneln.

  5. Ich muss auch gleich zum Uhrmacher. Brauche „nur“ eine neue Batterie. Aber ich liebe dieses Lädchen: Der Uhrmacher heißt „Lorbeer“. Schön, finde ich.

  6. Ich lese Ihre Geschichten jetzt schon eine ganze Weile und liebe sie. Sie haben einen zärtlichen Blick auf die Menschen. Anrührend. Danke.

  7. Es ist mit dem Uhrmacher genau wie mit so vielem aus dieser Welt: Er ist aus der Zeit gefallen. Die Uhr seiner Preise und seiner Ansprüche ist irgendwann stehengeblieben. Deshalb kann er leisten, was er leistet. Wir haben ähnliches im Städtchen, wenige nur noch. Und Besuche in solchen Läden haben etwas magisches.

    Aber ein Uhrmacher, dessen Kinder neue Gummistiefel brauchen, kann so nicht arbeiten – der muss 80 für den Kostenvoranschlag verlangen, sonst geht er Pleite. Und die Zeit sagt, dass es Chinauhren gibt, die 2 Euro Kosten und ein paar Jahre lang zuverlässig die Zeit anzeigen, ehe man sie wegwirft.

    Die Zeit sagt übrigens auch, dass es für weniger als 300 Euro mechanische Automatikuhren gibt, die aufgrund der Fortschritte in der Werkstofftechnik viel langlebiger und wartungsärmer sind als das, was vor 50 Jahren verkauft wurde.

    Kurz: Oma’s Uhr ist wie Oma’s Wecker heute das, was sie damals waren: Ein Luxus. Es ist schön, wenn das Frollein das zu schätzen weiß. Aber der Zeit und ihren Protagonisten ist unrecht getan, wenn man den Uhrmacher im deutschen Städel verurteilt, weil er realistische Preise für seine Arbeit an einem Gegenstand verlangt, der heute wieder das ist, was er früher mal war: Luxus.

    • Ich bin bereit Arbeitszeit zu bezahlen, wenn ich zu einem Handwerker gehe. Wenn einer eine Pauschale fordert um überhaupt mal anzuschauen, wo das Problem liegt, von 80, bei der ich nicht nachvollziehen kann, wie hoch sein Zeitaufwand, wenn er bei einem Reperaturauftrag mir 3/8 davon anrechnen mag. Ich hatte mir gewünscht, er würde mir sagen können, was er pro Stunde berechnet und wie lange er glaubt zu brauchen, was Teile kosten …
      Das gleiche Modell lag im Fenster für 1200.
      Was ist da realistisch Männlein?
      Für die Großtante, von der ich sie geerbt, war diese Uhr, Luxus und hart erarbeiter Versuch zurück in ein altes Leben, das es nach vier Jahren sibirischer Gefangenschaft und den Vergewaltigungen auf dem Weg dahin, nie mehr gelang.
      Sie hat ihren Mann, bevor er einberufen wurde, acht Monate „normal“ gelebt. „Nach dem Krieg“, gab es nur wenige gemeinsame Jahre, die schwierig gewesen sein müssen. Heute weiß ich, wo er an Massenerschießungen sich beteiligt.
      Getroffen habe ich ihn nie. Er starb elf Jahre, bevor ich geboren.
      Seit zwanzig Jahren trage ich alltäglich die gleiche Uhr. Erinnere mich, wer sie mir einst geschenkt.
      Die Tantenuhr. Luxus? Geschichtsgedächtnishilfe.

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