Wie der Februar riecht.

Der Februar riecht nach Eiszapfen an der Regenrinne und geforenen Tannennadeln auf dem Boden. Der Februar riecht noch einmal nach Schnee und Eis und klirrender Kälte. Der Winter zieht sich noch einmal die genagelten Stiefel an, lacht schallend, knackt mit den Knöcheln, dann bricht das Eis. Der Februar lacht. Der Februar riecht nach dem hellgelben Topf meiner Großmutter, im Februar wenn Purim kam, buk sie Schmalzgebäck, heiße Krapfen holte sie mit der Schaumkelle aus dem siedenden Öl. Ich durfte die Krapfen im Zucker wälzen, der Februar riecht nach Pflaumenmus und leicht karamellisierten Zucker. Der Februar riecht nach fahler Sonne, nach blassen Wangen, der Februar riecht immer ein bisschen nach Sanatorium, nach Linoleum und den roten Wangen der Schwestern, im Februar ist selbst im Flachland, Zauberbergwetter. Thomas Mann seufzte am 7. Februar 1936 über ein „Stößchen Ergebenheitsbriefe“. Der Februar riecht nach trockenem Papier, nach einem abgebrannten Streichholz, im Februar findet man die letzten Kastanien vom Vorjahr in den Taschen. Der Februar riecht nach dicken Mänteln, die zu lange im Schrank unten im Keller oder auf dem Boden lagen, nach Mottenpulver, Lavendelseife und dem Parfum von ältlichen Tanten, die Lieselotte oder Margarethe heißen und niemals bei Rot über die Straße liefen. Der Februar riecht nach Erkältungsbädern, nassen Socken, nach der siebenten Grippe, nach Eukalyptusbonbons und im Februar kann man die Armut so deutlich riechen, wie nirgendwann sonst.

Der Februar riecht nach Kräutertee, kratzigen Handschuhen und Sorgen, der Februar riecht nicht nach großen Romanzen und auch nicht dem Grand-Hotel. Der Februar riecht nach einer Pension am Stadtrand, einem feuchten Mantel am Haken, nach Katzenfell auf den Hosenbeinen, nach dem Ende, nach Auf Wiedersehen, ohne Telefonnummer und ohne Geigen. Der Februar riecht nach Waschmittel und dann nach gefrorener Wäsche auf der Leine im Garten. Die Nachbarin ruft : „Alles umsonst“. Der Februar riecht nach Tweed, nach Kernseife, nach Dreck an den Schuhen, nach Altmetall und in Irland riecht der Februar immer nach dem Torf im Ofen, der Februar riecht nach Birkenholz. Der Februar riecht nach der Dämmerung und nach dem Kinderlachen, das da war, bevor der Ball wegrollte, unauffindbar blieb einen ganzen Winter lang. Der Ball ist grün. Die Wiese ist es noch nicht. Der Februar riecht nach Brustbonbons, nach angebrannter Milch und dem letzten Rest Vanillezucker im grünen Glas. Der Februar riecht immer nach dem Mann, der in der S-Bahn in sein Telefon schreit, er riecht nach Angst vor dem Chef, nach scharfem Mundwasser, nach der gescheiterten Ehe, nach dem Anruf seiner Mutter von vor fünf Minuten: „Junge hast Du dich denn auch warm genug angezogen. Der Mann trägt Hosenträger, Schnürschuhe, einen Mantel mit Krümel an den Ärmeln, einen roten Schal, aber keine Mütze und Handschuhe hat er auch nicht. Dafür rote Knöchel, es sind Knöchel des Februars. Seine Mutter schimpft, der Februar riecht nach kaltem Rauch, nach altem Atem, nach abgelaufenen Konservendosen, nach Bewährungsproben, die man nie besteht, nach Blumenwasser, nach Senfeiern und langweiligen Leitartikeln. Der Februar riecht nach der Müdigkeit, nach billigem Schnaps, nach Spülwasser und einem Honigbrot.

Der Februar riecht nach nassem Hund.

Frau Roman, 24 Hühner und die Ordnung der Dinge.

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Es begann mit einem Diebstahl. Der Dieb war mein Vater. Mein Vater war fünf Jahre alt und steckte sich ein braunes Hühnerei in die Tasche. Seine Mutter fand das Ei in seiner Jacke. Meine Großmutter und mein Vater brachten das Ei zurück. Meine Großmutter sagte: „Wir sind ehrliche Leut’.“ Mein Vater sagte: „Ich möchte mich entschuldigen, es war falsch von mir das Ei zu nehmen.“

Meine Großmutter hatte Kaffee mitgebracht.

Es war Kaffee aus dem Westen.

Meine Großmutter trank gerne Kaffee.

Ein Pfund Kaffee gegen ein Hühnerei.

„Wir sind ehrliche Leut’.“ Das hat seinen Preis, lernte mein Vater. Mein Vater ißt nur weiße Eier.

Das Ei gehörte Frau Roman.

Frau Roman ist die Eierfrau der kleinen deutschen Stadt in der meine Großmutter lebte und in der nach vielen Jahren auch mein Vater wieder lebt.

Frau Roman hat ihn gleich erkannt.

Frau Roman hat ein Fahrrad. Das Fahrrad ist noch aus der Zeit vor dem letzten Kriege. Es ist schwer. „Es ist verlässlich“ sagt Frau Roman.

Am Mittwoch und Samstag kommt Frau Roman mit dem Rad in die Stadt. Sie wohnt in der Vorstadt, dort hat sie ein Haus, einen Garten, einen Schuppen, ihrem Vater gehörte ein Wald, ein Teich und zwei Felder. Den Vater, den Wald, den Teich und die Felder haben sich die Kommunisten geholt, sagt Frau Roman. Frau Roman weiß etwas über Diebe.

Im Sommer hängen Blumeneimer an ihrem Lenker ,auf dem Gepäckträger klemmt ein Klapttisch und ein Schemel, die Eierpackungen sind in zwei verschlissenen Satteltaschen verstaut. In einem Plastikbeutel ist eine Kasse aus Metall. Den Schüssel trägt Frau Roman an einem Lederbändchen. Man kann nicht vorsichtig genug sein, sagt sie. Sie trägt im Sommer wie im Winter eine Kittelschürze,eine Strickjacke und Pulswärmer, im Sommer trägt sie keine Strumpfhosen im Winter schon. Im Winter sind in den Eimern am Lenker keine Blumen, sondern Zwiebeln, Kräuter und Gläser mit Honig. Die Bienen gehören ihrem Bruder. Ihr Bruder hat keine Ahnung von Geschäften, sagt Frau Roman. Ihr Bruder hat in der schlechten Zeit, Maurer gelernt, er sollte ein Beispiel sein für die Arbeiterklasse, die Mauer stürzte ein, noch bevor das rote Band durchschnitten war, das Blasorchester spielte einen Tusch, aber das machte die Mauer auch nicht wieder heil. Die Kreisbezirksleitung war blamiert.

Frau Roman und ihr Bruder sprachen nie wieder von dieser dummen Geschichte. Irgendwann fiel die andere Mauer und Frau Roman verschaffte ihrem Bruder die Bienen.

Verheiratet war Frau Roman nie, dafür hat sie zwei Töchter. Die Töchter sind im Westen, sie haben es gut, Frau Roman war noch niemals im Westen. Die Bäume sind überall grün, die Enkel sind verzogen, die Schwiegersöhne wüssten mit ihren Händen nichts anzufangen, sagt sie. Frau Roman hat vierundzwanzig Hühner, sie kennt sie mit Namen, nur der Hahn ist namenlos. „Ein Mann ist wie der Andere“ sagt Frau Roman. Die Hühner laufen im Garten, zwei Hühner hat der Fuchs geholt, aber das sei dem Fuchs nicht gut bekommen. Frau Roman lässt sich nichts gefallen, Frau Roman hat Prinzipien.

Seitdem mein Vater ein Ei stahl, bekam meine Großmutter jede Woche eine Packung Eier. Es gibt in der kleinen Stadt drei Arten von Menschen. Diejenigen, die Eier von Frau Roman gebracht bekommen, diejenigen, die Eier bei Frau Roman auf dem Markt kaufen und diejenigen, die an den Klapptisch treten, auf eine Packung Eier zeigen und ohne Eier wieder gehen. „Sind reserviert“ sagt Frau Roman. Jeden Samstag versucht der Bürgermeister es wieder. Der Bürgermeister hat einmal vor Jahren Frau Roman dazu aufgefordert Standgebühren an die Stadt abzuführen, Frau Roman aber hat den Klapptisch 500 Meter weiter versetzt vor die Toreinfahrt meiner Großmutter. Der Bürgermeister ist längst ein Anderer, aber Frau Roman weiß es besser. „Bis auf die Krawatten ändert sich nichts“, sagt sie und der Bürgermeister fragt nach den Blumen im Eimer, oder einem Glas Honig im Winter. Frau Roman schüttelt den Kopf. Der Klapptisch steht in der Mitte des Marktplatzes, das Wasser für die Blumen, holt sie im Hof meiner Großmutter.

Die Eier sind die besten Eier im Umkreis von 500 Kilometer, das wusste auch der Betreiber des Cafés zu den „Goldenen Hörnchen“, über Jahrzehnte bekam er Eier von Frau Roman, dann ließ er seine Verlobte sitzen und heiratete eine Andere. Eier bekam er seit diesem Tag keine mehr, das Café zu den „Goldenen Hörnchen“ ist lange geschlossen. Dort wo einst das Café war, ist heute die Eisdiele von Familie Zingarelli. Ein halbes Jahr nach ihrer Ankunft bekamen auch sie Eier, pünktlich geliefert und Herr Zingarelli ruft seit dem: „Oh Amore, mia Signora Roman!“ Frau Roman sagt Herr Zingarelli sei eine Ausnahme. Ich vermute der Hahn mit den grünen Federn könnte Signore Zingarelli heißen.

Das Eiergeld nimmt Frau Roman einmal im Monat entgegen. Wie viel jeder im Monat an Frau Roman zahlt, ist ganz verschieden. Der Preis berechnet sich aus der Länge der Eierlieferungen, der persönlichen Beziehungen, etwaigem Verdruss und zu langen Urlauben. Wer nicht begreift, dass er am Dienstag, wenn Frau Roman beim Arzt ist, leere Eierpappen an ihr Fahrrad zu hängen, der hat sich der Eier nicht würdig erwiesen und ist ein windiger Hahn. Dann gibt es keine Eier mehr. Frau Roman hat Krampfadern, die Behandlung hat meine Großmutter begonnen, die Frau meines Vaters setzt sie fort. Zur Hochzeit schenkte Frau Roman ihr einen Hasen. Mein Vater nannte ihn Dostojevski, russische Romane sind ihm die Liebsten. Frau Roman hat niemals erfahren, dass Dostojevski ein langes und erfülltes Hasenleben lebte.

Frau Roman schlachtet selbst.

Wer öfter als zwei oder dreimal keine Eierpappen aushändigt, der bekommt keine Eier mehr. Frau Roman hat nichts zu verschenken und Verschwender, Großkopferte und Menschen, die einfach nicht begreifen, wie essentiell Eierkartons für die reibungslose Zirkulation der Eier sind, sollen zum Teufel gehen. Der Teufel das sind die Supermärkte. Frau Roman holt im Supermarkt eine Kiste Grünzeug für die Kaninchen ab, der Marktleiter bekommt natürlich Eier.

Der Marktleiter würde niemals Eier aus seinem Supermarkt essen.

Frau Roman verkauft Eier, Blumen und Honig, aber eigentlich handelt sie mit Informationen. Es gibt kein Geheimnis der Stadt, welches sie nicht kennt, die Frage ist nur wem sie es wann verrät. Frau Roman hat Ehen gestiftet, Scheidungen forciert, Frau Roman wusste, dass der Kind der D. niemals und nimmer vom E. sein würde, und nur Frau Roman weiß, wer damals in einer kalten Nacht, an ein Fenster klopfte, einen Brief hereinreichte, und am anderen Morgen schon wachte ein Mann auf und fand im Bett einen anderen Brief, aber nicht länger seine Frau. Frau Roman aber schweigt über vieles, weiß alles, und wer nur sehr kleine Eier in seiner Schachtel findet, der ahnt, dass er vorsichtig sein muss, manchmal legt Frau Roman eine Feder in eine Schachtel und wer sie öffnet, dem schwant, dass nicht nur das Wetter sich ändert.

Frau Roman aber teilt die Welt in Mittwoch und Samstag, am Dienstag ist sie die erste im Sprechzimmer, die Zeiten ändern sich, sagt sie, die Menschen bleiben die gleichen. Eier haben die Menschen noch immer gebraucht und der Wetterhahn auf der Kirchturmspitze ist ihr die wichtigste Nachricht des Tages, den Wetterhahn kann man auch von der Vorstadt aus sehen, in die sie zurückfährt mit leeren Eimern und dem verlässlichen Rad. Zeitungen bewertet Frau Roman nur danach, ob sie schnell durchweichen oder an den Blumenstengeln kleben. Die Welt sieht sie vom Misthaufen her, der dümmste Hahn kräht immer am Lautesten, ein Hahn erfordert Strenge, die Hühner praktische Umsicht, damit ist alles gesagt über den Hühnerhof wie über die Welt.

Am Samstag gehen mein Vater und ich über den Markt und holen Gemüse, Käse und einen Rosinenzopf ein, die Eier hat Frau Roman da schon lange gebracht. „Ach sieh einer an, ruft sie, sobald sie meinen Vater erblickt, da kommt ja der kleine Eierdieb.“ Mein Vater wird auch nach einundsechzig Jahren immer noch rot.

Frau Roman hat ein gutes Gedächtnis, sie weiß alles über die Stadt, über uns und das was wir gern vergäßen.

Frau Roman sagt: Das wäre ja noch schöner und da könnte ja jeder kommen, tritt jemand an den Klapptisch und fordert, statt höflich zu fragen, Blumen, Eier oder ein Honigglas.

Frau Roman hat Mittel und Wege oder wenn Sie so wollen 24 Hühner und einen Hahn. In der Kasse liegt ein dickes, blaues Heft, Frau Roman macht mit einem Bleistift Notizen. Es ist die Geschichte der kleinen Stadt, die sie schreibt, Jahr für Jahr, im Sommer und auch im Winter.

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Ein fehlendes Bett

Immer ist die Müdigkeit schon da, wartet auf mich und in der S-Bahn zurück in den südlichen Vorort der großen Stadt Berlin, da legt die Müdigkeit ihre Arme um mich. Die Müdigkeit ist ein Schal aus undurchdringlicher Wolle. Auf dem Bahnsteig gefriert der Atem, die Männer trinken Bier, die Frauen trinken aus kleinen Flaschen mit grünem Verschluss. Die Frauen und Männer sind nicht müde, sie wollen etwas erleben, die Nacht fängt doch gerade erst, halb eins ist, die Müdigkeit drückt sich mir in die Rippen. Auf der anderen Seite, mir gegenüber sitzt eine Frau. Älter schon, vielleicht Ende Fünfzig, neben ihr steht ein Paar roter Lackschuh. Billige Schuhe, das sieht man auch von weitem, der rote Bezug hat Risse, die Hacken sind abgetreten, die Riemen mit Tesa-Film geflickt. Es ist zu kalt für rote Schuhe, denke ich mir und wieder steigen Leute aus. Die Frau hat dunkelrot gefärbtes Haar, aber das stimmt nicht, die Frau hatte einmal dunkelrotes Haar, die Farbe ist lange schon herausgewachsen, nur ein paar Strähnen sind noch dunkelrot. Die Frau trägt einen Mantel, aber den zieht sie aus, sie trägt eine Strickjacke aus Wolle, die vielleicht einmal weiß war, vor ein paar Jahren in einem anderen Leben, jetzt ist die Strickjacke fleckig und grau. Die Frau seufzt, die S-Bahn fährt durch die Nacht, die Frau massiert sich ihre Zehen, vorsichtig reibt sie sich über die Ballen, vielleicht ist das Paar Socken an den Füßen das letzte Paar Socken, welches sie hat, dann kramt sie in einer Tasche, eine kleine Reisetasche, nicht viel größer als eine Tasche in die man Schuhe, ein Handtuch und ein neues T-Shirt wirft, geht man zum Sport.

Aber die Frau mir gegenüber, hat nur noch diese Tasche und vielleicht irgendwo noch einen Koffer. Sie zieht sich ein Paar Schlafanzughosen über die Leggins. Die Frau trägt ein Kleid unter dem Mantel und jetzt trägt sie Schlafanzughosen über den Leggins. Kleine Bären mit einem roten Herz sind dort draufgedruckt und der Bär hat ein Pflaster über dem Ohr. Dann wühlt die Frau noch einmal in ihrer Tasche und zieht ein paar Bettpuschen hervor, auch sie waren einmal rosa oder pink, jetzt sind sie grau und dann legt die Frau sich über die Sitze, streckt sich aus, schüttelt den Mantel auf, als sei er ein Deckbett, schüttelt ihn auf so gut sie kann, sie langt nach einem Pullover in ihrer Tasche, faltet ihn in ein Quadrat, jetzt ist er kein Pullover mehr, sondern ein Kissen,sie murmelt etwas, was ich nicht hören kann: „Lieber G*tt mach mich fromm, dass ich in den Himmel komm“, sagten die Kinder, mit gefalteten Händen, vielleicht erinnert sie sich daran noch, das weiß ich nicht, meine Großmutter legte mir die Hand auf die Stirn als ich ein Kind war, ich fürchtete mich vor Frau Holle, die im Himmel, die Kissenbezüge aufschüttelte, deren Bettdecken so schwer waren, dass es schneite, klopfte sie nur heftig genug. Selbst der Mond mein alter Freund, fürchtete sich vor Frau Holle und dem Zorn ihrer Nächte.

Es ist kalt draußen, das Thermometer, auf dem Balkon, das sehe ich nach, später Zu Hause auf dem Balkon, es zeigt minus 8 Grad, aber vielleicht sagt die Frau auch jemanden Gute Nacht, den es nicht mehr gibt, oder nur noch in Gedanken, dann schläft sie ein und die S-Bahn fährt durch die Nacht und ich sehe nur noch ihre Beine, die über dem Sitz hängen, die Beine in den Schlafanzughosen mit den Bären und den Herzen.

Sie schläft, unter dem Mantel, der keine Decke ist, auf zwei Sitzen, die kein Bett sind, in einer S-Bahn, die eine Endstation hat und ich weiß nicht, ob die Frau dann aufwacht, ob ein Bahnmitarbeiter kontrolliert, ob alle Fahrgäste ausgestiegen sind, ob sie auf einen anderen Zug wartet, in dem sie sich wieder ein Bett macht, ob Betrunkene sie anrempeln, ob eine Hand nach ihrer Tasche greift, und dann sehe ich noch einmal auf ihre Schuhe, rote Lackschuhe aus Plastik oder so, keine Schuhe für eine kalte Nacht. Ich lege sieben Euro in ihre Tasche, ich weiß nicht, ob sieben Euro einem helfen in der Nacht, lege das Geld ganz vorsichtig in die Tasche.Schlafende soll man nicht stören, aber ich bin beschämt, Frau Holle aber lässt keine Daunen vom Himmel fallen, der kleine Häwelmann steht nicht mit seinem Bett am Bahnhof, da wie man sich bettet so liegt man, ist ein deutsches Sprichwort, es verheißt nichts Gutes.

Die S-Bahn hält an, ich steige aus, die Frau schläft, es ist dunkel, hier leuchtet die Stadt nicht, die Häuser sind dunkel, auf meinem Bett liegt eine dunkle Decke, es ist kalt und ich kann nicht schlafen, die Müdigkeit ist ein graues Tuch. 52.000 Menschen habe ich neulich gelesen, leben in Deutschland auf der Straße, eine Frau liegt in der S7 und schläft, für zwanzig Minuten vielleicht, ich sehe auf den Wecker, viertel nach eins, zeigt die Uhr, ich sehe die Frau und die Nacht ist dunkel und kalt.Die Frau hat kein Bett.

Woanders ist es auch schön.

Vor vielen Jahren als ich noch ein Kind war, da las mir meine Großmutter vor und mir war egal was sie las, so lange sie nur nicht aufhörte und später als meine Großmutter nicht mehr lebte, da fragte ich andere Männer, die ich liebte oder so, mir doch vorzulesen, wenn es Nacht wurde und dunkel, aber sie lasen zu schnell oder zu langsam, oder die Geschichten die sie auswählten, gefielen mir nicht und irgendwann fragte ich nicht mehr, ob mir jemand vorlesen würde, aber dieser Beitrag, obwohl schon älter ist eine große Liebeserklärung an das gesprochene Wort.

Bekanntlich bin ich ja ein Shetlandpony mit dem Herz einer Glucke. Lese ich lange nichts von geschätzten Kommentatoren, dann sorge ich mich und mache mir Gedanken und bin überfroh, sind sie zurück. So geht mir das auch mit Blogs und manchmal wippe ich dann ungeduldig mit den Zehen und hoffe alles ist gut. So bin ich sehr erleichtert, dass auch die wunderbare Greta wieder da ist.

Liisa macht sich Gedanken über das Alt werden und wie das geht und ich glaube wir alle, egal wie alt wir nun sind, müssen uns darüber Gedanken machen, denn früher oder später betrifft es und doch.

Wenn Sie die beste Chefin der Welt kennenlernen wollen, dann gibt es hier Gelegenheit . Es gibt nur wenig Menschen, die ich so bewundere wie diese große und großartige Frau.

Monika Scheele-Knight schreibt über den Verlust ihres Sohnes, die Trauer und über den Tod. Schweres Herz so fängt es an und es sind drei Kapitel, die man festhält, die man mitnimmt in das eigene Herz hinein.

Mesale Tolu erzählt von dem Versuch wieder im Alltag Fuß zu fassen.

Der Freiheit endlich Beine machen und man vergisst es so leicht, denn die Zeiten in denen wir leben sind schnell, aber jeder Tag im Gefängnis für Ahmed Altan ist einer zu viel.

Der Tierarzt referiert in Manchester zu tierärztlichen Dingen, Mademoiselle klärt auf, aber natürlich würde der Tierarzt niemals ohne Musik das Haus verlassen und so reiche ich seine Kopfhörer einfach an Sie alle weiter .

Shabbat Shalom.

Die Suche nach dem Korrektiv

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Als ich neunzehn Jahre alt war, da wusste ich das über Macht was man so weiß. Louis XIV im Schulbuch. Der Staat bin ich. Dass ich keine Macht hatte wusste ich auch, ich hätte aber auch viel lieber einen Zauberstab gehabt, für richtige Brüste, ein anderes Leben und das sich endlich der D. in mich verliebte. Er verliebte sich in jede Frau, nur nicht in mich. Als ich neunzehn Jahre alt war, wollte ich weg, so weit ich konnte und meinem besten Freund und ich fiel Indien ein ( natürlich war es komplizierter), aber dann kamen wir nach Neu-Delhi und die J. zeigte uns was irgendwann einmal eine Slumklinik gewesen war. Als ich neunzehn war, glaubte ich, die Welt würde sich von mir schon retten lassen. Ich war hochmütig damals als ich neunzehn Jahre alt war und schon damals klebte mir die Traurigkeit in den Haaren. Über Macht wusste ich nur, dass ich keine hatte, keine für ein anderes Leben, keine über andere Menschen, ich scheiterte wieder und wieder. Als ich neunzehn Jahre alt war, wollte ich vergessen. ( Das will ich noch immer, es gelingt mir nicht.)

Das erste Jahr in Indien war eine Überwältigung. Wir wussten nichts, wir verstanden nichts, wir begriffen nicht und unser vager Plan eine Klinik vor allem für Frauen zu machen, war so optimistisch wie hoffnungslos. Wir merkten es nicht. Wir glaubten damals, denn wir waren Kinder der Aufklärung, aber der aus den Romanen und langen Sommernächten, dass unsere Versuche die Welt nun wirklich einmal umzukrempeln schon gelängen. Es kam zum Glück alles ganz anders.

Irgendwann verstanden die Männer, worüber wir mit ihren Frauen zu sprechen versuchten, und das dass worüber wir sprachen kein Gesprächsthema war, sondern das nur Prostituierte über so etwas sprachen. Dann zündeten die Männer die Klinik an, nun muss man sich vorstellen, dass die Klinik damals eine bessere Wellblechhütte war und nicht die Charité, aber erst als ich da stand und versuchte zu retten, was zu retten war, da begriff ich, dass wir die Machtfrage gestellt hatten und das unsere Macht absolut war. Ich verstand, dass die Männer sich nicht vor uns fürchteten, denn wir waren verlorene Kinder, sondern vor dem Machtungleichgewicht, dass nun auch noch dort stattfand, wo sie lebten.

Machtungleichheit war das bestimmende Verhältnis der Männer und Frauen zur äußeren Welt.

Wer nicht lesen und schreiben kann, ist Betrügern und Behörden (in Indien ist das oft ein und dasselbe schutzlos ausgeliefert.)

Wer keine Papiere hat, ist der Willkür von Polizeibeamten ausgeliefert. Das heißt, dass die Polizei bei Bedarf die Hütte zertritt, die wenigen Dinge, die man besitzt beschlagnahmt, dass Widerspruch mit Schlägen und Fußtritten geahndet wird und das es keine Rechtssicherheit gibt, niemals, nirgendwo. Wenn ein Schuldoger gesucht wird, so wird er immer im Slum gefunden.

Wer in einer Hütte zwischen Bahngleisen und einer Müllhalde lebt, dessen Körper ist nicht selbstbestimmt und unantastbar, sondern wer dort lebt, wo die Frauen lebten, der war dem Zugriff von Männern ausgeliefert, für die ein Slum ein Abenteuerspielplatz ist, in dem man sich eine Frau greift, fickt und dann wegwirft. Die Männer waren nicht nur Inder.

Wer seine Rechte nicht kennt, kann sie nicht einfordern, nicht bei Arbeitgebern, nicht bei der Polizei, nirgendwo.

Die Menschen, die im Slum leben kommen von überall her: aus allen Teilen Indiens aber auch aus Bangladesh, Tibet, Nepal, Kathmandu, aus Sri Lanka, aus Afghanistan, jetzt kommen Menschen aus Myanmar, die Mehrheit spricht kein Hindi. Wer die Sprache nicht spricht, wer nicht versteht, was man ihn fragt, der ist immer im Nachteil.

Und dann waren da wir, die merkwürdigen Kinder, die in die Welt einbrachen, die die Menschen kannten und verstanden und als die Klinik brannte, verstand ich, dass sie aus Hilflosigekit brannte, darüber, dass wir alles in der Hand hielten und sie nichts.

Das verstand ich am anderen Morgen und ich verstand es noch mehr, als die Menschen im Slum zu uns kamen mit allen möglichen Problemen, die weit über
In ihrer Vorstellung waren wir mächtig, wir sprachen die Sprache der Behörden, wir hatten Papiere, wer mit uns sprach, gab uns die Hand und so fragten sie uns nach verschwundenen Kindern, nach ausstehenden Gehältern, nach bezahlbarem Strom und wir wussten nichts. Aber ich verstand in der Hilflosigkeit, die uns überfiel, dass wir diese Menschen in der Hand hatten, vollständig. Es war mir unheimlich.

Das ist das Problem in einem indischen Slum, im Sudan, auf Haiti, es gibt kein Korrektiv, sie sind die letzte Hoffnung und wo das Korrektiv fehlt, da ist die Macht eine große Versuchung, denn das was sie dort tun, auch wenn sie erst neunzehn Jahre alt sind, bleibt unkorrigiert, unangefragt, und vor allem bleibt es im Dunkeln. Die Menschen sind Ihnen ausgeliefert, so ist das und wir fürchteten uns. Vieles haben wir damals nicht verstanden, aber das wir mehr Macht hatten als Louis XIV haben wir begriffen, es gab keinen Mazarin und weil es keinen Mazarin gab, suchten wir uns ein Korrektiv.

Die erste die Arbeit im Slum kritisch begleitete war Frau Rajasthani, mit ihr eine Gruppe von Freundinnen und Frauen, die alle in Indien in irgendeiner Art engagiert waren. Fraunerechtlerinnen, Anwältinnen, Ärztinnen, alle dreifach so alt wie wir. „Habt ein Auge darauf, was wir tun“, sagten wir und noch bevor die Klinik wieder ein festes Dach hatte, gab es ein Board wie Microsoft und direkte Kontrolle von außen. Ansprechpartner für uns und für die Einwohner, aber das viel wichtigere Korrektiv kam aus dem Slum selbst. Von dem Geld was wir hatten, bezahlten wir zwei Frauen eine Ausbildung, Sunita wurde Hebamme und Rani Krankenschwester, beide leiten heute nach zehn Jahren mit uns zusammen die Klinik. Das jährliche Budget was wir haben, diskutieren wir zusammen und die beiden haben das letzte Wort.

Einfach ist das nicht immer und genau so muss das sein. Zum ersten Mal habe ich gedacht, dass die Klinik eine Chance hat, als Sunita und ich stritten über die Notwendigkeit einen externen Zahnarzt zu beschäftigen. Damals sagte Sunita: Accha, ich habe dir zugehört, aber ich glaube du liegst falsch. Das war der Moment in dem das Machtungleichgewicht einfach kippte und sie entschied. Wir streiten uns immer noch um den Zahnarzt.

Das dritte Korrektiv aber, sind die Bewohner selbst. Sie entscheiden, was wir machen, was sie brauchen und nicht allein wir. Vor ein paar Monaten war Geld übrig und das ist Geld, über das wir nicht nach Gutsherrenart verfügen und deshalb lassen wir abstimmen. Jede Gruppe im Slum kann Vorschläge einbringen und dann gibt es Wahlen. Natürlich sind die Wahlen viel einfacher, als in der übrigen Welt. Es gibt große Kartons und die Stimmen werden ausgezählt. Es sind immer Piktogramme, denn nur weil man nicht lesen kann, heißt das noch lange nicht, dass man nicht entscheiden kann, Ideen hat und gehört werden muss. Mit einer Mehrheit die an SED Parteitage erinnerte, stimmten die Bewohner für das pflanzen von Bäumen und Sträuchern und für das Anlegen eines Nutzgartens im Klinikhof. Ich wäre niemals auf die Idee kommen, obwohl es doch so einleuchtend ist: alle Menschen haben Sehnsucht nach Grün. Jetzt pflanzen wir Bäume.
Das Gute daran ist nicht nur bessere Luft und Hummelgesumm, sondern Entscheidungsmöglichkeit und Macht darüber wie man leben will. Das hat übrigens größere Auswirkungen als wir dachten, denn als wir anfingen da waren die Raten häuslicher Gewalt sehr viel höher, wer selbst immer einstecken muss, teilt aus und das oft gegen die eigene Frau. Aber wer mitbestimmt, ist selbstbewusst und tritt nicht so fest zu. Weniger Macht für alle, ist wirklich gut und wenn Abstimmungen, Versammlungen, Streit und Neid auch mühsam sind, so machen sie am Ende alle stärker, selbstbewusster, aufmerksamer gegen Machtmissbrauch. Es hat anderthalb Jahre gedauert bis die ersten Bäume gepflanzt wurden, aber dafür sind es Bäume mit demokratischer Legitimation und kein Baum wir rausgerissen und zerstört.

Heute bin ich 30 und S. ist 42, es ist eine andere Klinik geworden als wir es uns damals vorstellten, es gibt keinen Chefarzt, dafür gibt Sunita, Rani, S. und mich, es gibt noch immer das Board von Frau Rajasthani, alle die in der Klinik arbeiten sind Frauen, alle die in der Klinik arbeiten entscheiden mit, alle die in die Klinik kommen, entscheiden mit und natürlich gibt es eine Beschwerdestelle, auch mit Piktogrammen, Rechte sind für alle da. Manchmal sitze ich vor einer Tür und höre mir an wer wen heiratet oder trinke einfach nur Tee, dann gehen Leute vorüber, sie sagen: „Das ist unsere Klinik“ Dann hüpft mein Herz doch noch einmal so, als wenn es noch immer 19 Jahre alt wäre.

Was schenken wir uns zum Jubiläum sagte der S. letztes Jahr. Wir tranken Tee in Paris. „Wir gründen eine Schule neben der Klinik“ sagte ich, „eine Schule ist noch ein Korrektiv und irgendwann müssen wir dann schrecklichen Notar nicht mehr bezahlen, der sich um die Dokumente der Einwohner kümmert.“ Der S. lachte, dann lass uns mal hören was Sunita und Rani sagen. Ich nickte und natürlich Frau Rajasthani. Mit der einstimmigen Zustimmung haben wir nicht gerechnet. Aber eins ist klar in das Klassenzimmer kommt ein Bild von Mazarin nicht vom Sonnenkönig.

Von den großen Entwicklungshilfsorganisationen haben wir uns immer fern gehalten. Leicht ist es uns nicht gefallen, manchmal war die Verantwortung trotz aller Korrektive zu groß, manchmal war das Geld einfach zu knapp, manchmal sind wir so müde, aber bereut haben wir es nie.

Für einen kurzen Moment dachte ich, es gäbe vielleicht wirklich endlich eine Debatte über die Machtstrukturen in der Entwicklungshilfe und Impulse für die Frage, die mich seit elf Jahren beschäftigt: wie schafft man sich selbst ein Korrektiv. Leider verläuft die Debatte wie so oft ganz woanders und wie so oft bleiben die Stimmen in Haiti ungehört, dafür tragen Wissenschaftlerinnen sehr weit weg von Port au Prince, Juba oder Delhi lautstarke Konflikte der westlichen Welt aus, die in Indien keine sind.

„Accha, sagte Sunita, wie schön, dass ihr an eine Schule denkt, aber was ist mit einem Kindergarten?“ „Falls es euch noch nicht aufgefallen ist, aber es gibt Frauen, die arbeiten.“ „Accha, sagte ich, Sunita noch etwas Tee“ und dachte: „von wegen einstimmig.“

Kosmisches Ungleichgewicht

Manchmal und noch immer hat die Wissenschaft nicht erwiesen wieso, da gerät das kosmische Gleichgewicht aus den Fugen. Meiner bescheidenden Ansicht nach, geschieht das immer in jenen Nächten in denen Sonne und Mond sich schlecht vertragen. Natürlich liebt die Sonne den Mond, aber manchmal vor allem in den langen Februarnächten, da zieht sie goldene Lackschuhe an und trifft Poseidon für einen Tanz oder zwei auf dem Meeresboden und erst gegen vier Uhr kehrt sie barfuß und mit den Schuhen in der Hand zurück. In diesen Nächten aber zürnt der Mond, schenkt sich Cognac ein und verflucht, dass er sich ausgerechnet so in die Sonne verliebte, wie er es eben tat, natürlich hat auch der Mond mehr als einen Stern geküsst, aber niemals , dass weiß er selbst zu genau, wird jemand die Sonne an seiner Seite ersetzen können. In diesen Nächten also in denen die Sonne tanzt und lacht, da streift der Mond sich einen roten Morgenmantel über, schenkt sich Cognac nach, beugt sich über den Balkon starrt finster auf das dunkle Meer herunter, dann fällt sein Blick auf ein windschiefes Haus, am Rande eines kleinen irischen Dorfes, dort gähnt ein Fräulein am Fenster und der Mond reibt sich die Hände: „Der will ich es schon zeigen“ , sagt der Mond und reibt sich die Hände.

Das Fräulein aber das eben noch gähnte, zieht die Beine zu sich heran und zieht sich ihr altes Schlaftuch über den Kopf und schläft nichtsahnend ein. Neben ihr atmet leise der Tierarzt auf dem Sessel neben dem Fenster träumt die Katze vom Mäusefasching, auf dem Teppich mit den alten Rosenranken schnarcht der Hund und schon schlafe auch ich. Aber auf dem Balkon steht eben auch der Mond, steckt sich eine Zigarre an, füllt noch einmal eine Handbreit Cognac in sein Glas und lacht.

Unten im Haus schreckt ein Fräulein aus dem Schlaf. Es erwacht mit schauderhaftem Durst, einem Durst der in der Kehle brennt und das Fräulein setzt sich auf, denn zu diesem Behufe ist doch eine Flasche Wasser neben dem Bett deponiert. Beim Versuch die Flasche zu erreichen, reiße ich den Bücherstapel um, die Flasche kippt um, das Wasser läuft aus. Ich fluche mit zusammengebissenen Zähnen, tappe ins Bad und wische das Wasser auf, dabei rutsche ich auf einem der Stoffschlappen aus, die der Hund stets mit voller Begeisterung zerkaut, krach, bumm, autsch. Ich reibe mir die Schulter. Von fern auf dem Balkon lacht der Mond heiser. „Da geht noch was“, sagt er, aber erst einmal schlafe ich wieder ein.

Dann wache ich auf, aber eigentlich schrecke ich auf, denn in meiner Vorstellung steht die Haustür offen und wahrscheinlich lauern schon Räuber mit einem Beutel in der Hand um die alte Standuhr wegzutragen, ich tappe die Treppe hinunter, die Haustür ist verschlossen, die alte Standuhr geht wie gewöhnlich zwei Minuten nach. Ich schüttle den Kopf über mich, der Mond schüttet sich aus vor lachen.

Ich schlafe zum dritten Mal ein und der Mond setzt Tee auf. „Warte nur „sagt er, dann kläfft ein Hund, der Hund so glaube ich kläfft direkt vor dem Fenster, ein schauderhaftes Kläffen, ein Bellen aus den Tiefen der Hölle, ein sich immer weiterschraubendes Gekläff, ohne Ziel und ohne Ende. Ich stehe auf und strecke den Kopf aus dem Fenster. Vor dem Fenster kläfft kein Hund, ich lege mich wieder hin, ich zähle Schäfchen und als Schäfchen No. 14 über das Weidegatter hüpft und ich kurz davor bin erneut zu entschlummern, setzt das Kläffen wieder ein. Ich murmele: „So nicht, so nicht“, angle nach den Pantinen und stürme hinaus in den Garten. Im Garten Stille. Selbst das Gras atmet lautlos, der Himmel schweigt, der Kirchturm St Sylvester ist nur ein dunkler Schatten, von nirgendwo tönt Hundegebell herüber. „Das ist doch nicht zu fassen“, murmele ich und krieche zurück ins Bett. Der Mond nimmt grinsend die Platte: Dantes Höllenhunde-Purgatorio in F-Dur vom Plattenspieler.

Ich drehe mich auf den Bauch und ziehe die Decke über den Kopf. Mögen die unsichtbaren Hund auch kläffen, was soll es mich kümmern, eine halbe Stunde knallt der hiesige Hund seine Pfote gegen meine Stirn, es ist halb vier, ich schrecke hoch. „Hund sage, ich was hast du?“ Der Hund jammert und seufzt. Ich angle erneut nach den Pantinen und der Hund und ich wandern in die Küche, ich besänftige den Hund mit Hundekeksen und trinke ein Glas Milch. Der Hund will aber auf keinen Fall mehr ins Schlafzimmer zurück, nun seufze ich, tappe nach oben und hole eine Decke, lege mich auf das Sofa und der Hund legt seinen schweren Hundeschädel auf mich und ich streichle den Hund in den Schlaf zurück. Der Mond grinst hämisch. Zu hübsch ist es doch den Hund mit kalten Fingern wieder und wieder am Schwanz zu ziehen.

Dann nicke auch ich noch einmal ein, ich träume erst von riesigen schwarzen Spinnen, die Strickmuster diskutieren und dann ist mir als drücke ein Schwall kalter Wind und eine Woge kalten Wassers die Wände und Fenster ein. Ich schrecke hoch, der Hund jault auf, bei meiner nächtlichen Suche nach dem kläffenden Hund muss ich die Terrassentür nicht richtig zugemacht haben und auffrischende Wind,Poseidon sieht natürlich danach, dass die Sonne sicher nach Hause kommt, traf die Tür und schon schwappten Wind und Wasser ins Haus hinein. Ich wische auf, der Hund zieht wieder ins Schlafzimmer zurück und der Mond hört nicht wie die Sonne barfuß und leise ins Haus zurückschleicht, die Schuhe fallen lässt, heftig gähnt, dem Mond die Hände auf die Augen legt und sagt:“Komm zwei Stunden haben wir noch.“ Ich aber gehe schwimmen, der Tierarzt stellt mir Tee und ein Stück Kuchen hin und ich erzähle ihm vom kosmischen Ungleichgewicht, der Sonne und Poseidon und dem Mond im roten Bademantel.

Der Tierarzt schweigt sich aus über den Zuckerberg in seiner Tasse und als ich meine Erzählung beende, sagt er: „Mädchen, man muss sich doch schon sehr wundern, dass Du keine Professur in Astrophysik hast.“

Der Hund schaut verdutzt, die Katze wie stets leicht ironisch amüsiert und ich nicke und seufze, denn schön wäre es doch der Frage des kosmischen Ungleichgewichts einmal näher als nur so am Frühstückstisch auf den Grund zu gehen.

Die letzte Karte

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Am Ende sind es 336 Karten geworden.

Die letzte Karte habe ich am westlichsten Zipfel Irlands in einen Briefkasten geworfen. Es war eine Karte über die atlantischen Winde.

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Westerly winds/ let that sink in.

Spät am Abend wieder in einem kleinen irischen Dorf, aber blieb die letzte Karte leer.

Die schönste Karte in ein Gefängnis ist immer die Karte, die nicht mehr geschrieben werden muss.

Jeden Abend am grünen oder gelben Postkasten, auf der Post gegenüber des Markusplatzes in Venedig, in einer Postfiliale in St. Germain in Paris oder einem Postamt an der Ostsee habe ich mich gefragt: Ist das die letzte Karte? Aber immer kam eine neue Karte.

Die Freiheit hat das letzte Wort und Deniz Yücel hat die Freiheit wieder. Er kann wieder selbst sprechen, reden, streiten und schreiben. Vor allem schreiben. Das vor allem.

Ich habe die Karten an Deniz Yücel und Mesale Tolu nicht gern geschrieben, die Karten waren Geschwister der Feder von Dolores Umbridge, jede Karte tat ein bisschen mehr weh, jeder Tag im Gefängnis wiegt schwerer, ein ganzes Jahr Leben hat man Deniz aus den Händen genommen.

Ich habe das Gefängnis von Silivri oft gegoogelt, ich habe niemals einen Briefkasten am Tor von Silivri gefunden. Das hat mich mehr beunruhigt als ich zugeben will.

Ich habe im Gefängnis von Bakirköy in dem Mesale Tolu inhaftiert war angerufen. Der Tierarzt sagte: „Du kannst doch nicht einfach in einem Gefängnis anrufen.“ Aber ich habe angerufen und so lange in meinem Kauderwelsch- Türkisch gefragt, bis sie mir eine Adresse nannten. Gefängnisse haben Telefone habe ich gelernt. In Silivri nahm niemand ab.

Alle zehn Tage habe ich einen neuen Zehnerblock Briefmarken gekauft. Der Postbeamte fragte alle zehn Tage: „Und gibt es etwas Neues?“ Ich schüttelte den Kopf.

Ich weiß nicht was aus den Karten wurde, vielleicht hat der Postbote sie in den Bosporus gekippt, vielleicht hat die Poststelle in Silivri die Karten geschreddert, vielleicht hat jeden Morgen ein Beamter der Zensurstelle unter einem Erdogan-Bild auf die Karten gestarrt und ein leichtes Zucken im linken Augenlid blieb den ganzen Tag kaum wahrnehmbar, aber doch spürbar. Auf jeden Fall weiß man in Silivri jetzt, wer Heinrich Zille ist, da bin ich mir sicher oder vielleicht wissen es auch nur die Fische auf dem Grunde des Bosporus. Ich weiß es nicht.

Nach 200 Briefen fragte Franz Kafka, Felice Bauer, ob sie überhaupt seine Handschrift lesen könne. Ich habe lieber gar nicht erst gefragt.

336 Mal habe ich mir versucht vorzustellen, wie man die Welt beschreiben kann, wenn man allein in einer Zelle ist und nur eine Handbreit Himmel sehen kann. Ich habe es mir nicht vorstellen können, in diesem Sinne sind die Karten auch die wiederholte Geschichte eines Scheiterns.

336 Karten habe ich geschrieben und ich habe nicht gewusst, dass man dafür auch 336 Mal beschimpft wird. Aber so ist das gerade in Deutschland, daran muss man sich wohl gewöhnen und so habe ich eben mit den Achseln gezuckt über: „Du-schreibst-einem-Deutschenhasser-der-soll-im-Knast-verrotten-Du-willst-Dich-nur-groß-tun-du-machst-dich-wichtig-auf-Kosten-des-Elends-anderer-du-schreibst-nur-zweien-warum-schämst-du-dich-nicht.

Wer sich wirklich fragt,warum ich nur zwei Karten am Tag geschrieben habe, der google einmal Auslandsporto Irland.

Das hat mich müder gemacht als ich zugeben will.

Ich habe mich jeden Tag gefragt, ob es etwas hilfloseres als eine Postkarte gibt.

Ich habe darauf keine eindeutige Antwort gefunden.

Ich danke Frau Novemberregen,Frau ExcellensaMichaela,Winnie Rabensturmig,Antje und Nathalie, mit der schönsten Handschrift der Welt und all den anderen stillen „Postkartenschwestern“ für all ihre Karten und Worte, ihre Aufmerksamkeit und Zugewandheit und ihre stille Beharrlichkeit.  Von Herzen Dank, Sie sind so großartig wie wunderbar.

Der wunderbare The New Voice hat alle Karten zu einem Bild zusammengelegt.

Meine Schwester schreibt seit 280 Tagen an Ahmet Şık.

Der Tierarzt schreibt seit 300 Tagen an Mizgin Çay

Mein Vater und die liebe C. schreiben seit so vielen Tagen an Raif Badawi, dass ich mich nicht mehr traue zu frage, seit wie vielen genau.

Vielleicht schreibe auch ich noch einmal weiter. Ein richtiges, echtes Wort passt noch durch das kleinste Schlüsselloch, sagte meine Großmutter. Sie schrieb mir ein Leben lang.

An einem kühlen Sonntag Nachmittag habe ich die erste Karte geschrieben. Ich dachte, wenn es viele Karten werden, dann werden es vielleicht zehn.

Ein ganzes, langes Jahr lang hat Deniz Yücel im Gefängnis als Geisel der Regierung Erdogan verbracht.

336 Karten habe ich an ihn und 173 Karten an Mesale Tolu geschrieben.

Die letzte Karte blieb endlich leer.

Die Freiheit hat immer das letzte Wort.

Immer.