Die Suche nach dem Korrektiv

13502669_1629001340749912_4533168184841867629_o

Als ich neunzehn Jahre alt war, da wusste ich das über Macht was man so weiß. Louis XIV im Schulbuch. Der Staat bin ich. Dass ich keine Macht hatte wusste ich auch, ich hätte aber auch viel lieber einen Zauberstab gehabt, für richtige Brüste, ein anderes Leben und das sich endlich der D. in mich verliebte. Er verliebte sich in jede Frau, nur nicht in mich. Als ich neunzehn Jahre alt war, wollte ich weg, so weit ich konnte und meinem besten Freund und ich fiel Indien ein ( natürlich war es komplizierter), aber dann kamen wir nach Neu-Delhi und die J. zeigte uns was irgendwann einmal eine Slumklinik gewesen war. Als ich neunzehn war, glaubte ich, die Welt würde sich von mir schon retten lassen. Ich war hochmütig damals als ich neunzehn Jahre alt war und schon damals klebte mir die Traurigkeit in den Haaren. Über Macht wusste ich nur, dass ich keine hatte, keine für ein anderes Leben, keine über andere Menschen, ich scheiterte wieder und wieder. Als ich neunzehn Jahre alt war, wollte ich vergessen. ( Das will ich noch immer, es gelingt mir nicht.)

Das erste Jahr in Indien war eine Überwältigung. Wir wussten nichts, wir verstanden nichts, wir begriffen nicht und unser vager Plan eine Klinik vor allem für Frauen zu machen, war so optimistisch wie hoffnungslos. Wir merkten es nicht. Wir glaubten damals, denn wir waren Kinder der Aufklärung, aber der aus den Romanen und langen Sommernächten, dass unsere Versuche die Welt nun wirklich einmal umzukrempeln schon gelängen. Es kam zum Glück alles ganz anders.

Irgendwann verstanden die Männer, worüber wir mit ihren Frauen zu sprechen versuchten, und das dass worüber wir sprachen kein Gesprächsthema war, sondern das nur Prostituierte über so etwas sprachen. Dann zündeten die Männer die Klinik an, nun muss man sich vorstellen, dass die Klinik damals eine bessere Wellblechhütte war und nicht die Charité, aber erst als ich da stand und versuchte zu retten, was zu retten war, da begriff ich, dass wir die Machtfrage gestellt hatten und das unsere Macht absolut war. Ich verstand, dass die Männer sich nicht vor uns fürchteten, denn wir waren verlorene Kinder, sondern vor dem Machtungleichgewicht, dass nun auch noch dort stattfand, wo sie lebten.

Machtungleichheit war das bestimmende Verhältnis der Männer und Frauen zur äußeren Welt.

Wer nicht lesen und schreiben kann, ist Betrügern und Behörden (in Indien ist das oft ein und dasselbe schutzlos ausgeliefert.)

Wer keine Papiere hat, ist der Willkür von Polizeibeamten ausgeliefert. Das heißt, dass die Polizei bei Bedarf die Hütte zertritt, die wenigen Dinge, die man besitzt beschlagnahmt, dass Widerspruch mit Schlägen und Fußtritten geahndet wird und das es keine Rechtssicherheit gibt, niemals, nirgendwo. Wenn ein Schuldoger gesucht wird, so wird er immer im Slum gefunden.

Wer in einer Hütte zwischen Bahngleisen und einer Müllhalde lebt, dessen Körper ist nicht selbstbestimmt und unantastbar, sondern wer dort lebt, wo die Frauen lebten, der war dem Zugriff von Männern ausgeliefert, für die ein Slum ein Abenteuerspielplatz ist, in dem man sich eine Frau greift, fickt und dann wegwirft. Die Männer waren nicht nur Inder.

Wer seine Rechte nicht kennt, kann sie nicht einfordern, nicht bei Arbeitgebern, nicht bei der Polizei, nirgendwo.

Die Menschen, die im Slum leben kommen von überall her: aus allen Teilen Indiens aber auch aus Bangladesh, Tibet, Nepal, Kathmandu, aus Sri Lanka, aus Afghanistan, jetzt kommen Menschen aus Myanmar, die Mehrheit spricht kein Hindi. Wer die Sprache nicht spricht, wer nicht versteht, was man ihn fragt, der ist immer im Nachteil.

Und dann waren da wir, die merkwürdigen Kinder, die in die Welt einbrachen, die die Menschen kannten und verstanden und als die Klinik brannte, verstand ich, dass sie aus Hilflosigekit brannte, darüber, dass wir alles in der Hand hielten und sie nichts.

Das verstand ich am anderen Morgen und ich verstand es noch mehr, als die Menschen im Slum zu uns kamen mit allen möglichen Problemen, die weit über
In ihrer Vorstellung waren wir mächtig, wir sprachen die Sprache der Behörden, wir hatten Papiere, wer mit uns sprach, gab uns die Hand und so fragten sie uns nach verschwundenen Kindern, nach ausstehenden Gehältern, nach bezahlbarem Strom und wir wussten nichts. Aber ich verstand in der Hilflosigkeit, die uns überfiel, dass wir diese Menschen in der Hand hatten, vollständig. Es war mir unheimlich.

Das ist das Problem in einem indischen Slum, im Sudan, auf Haiti, es gibt kein Korrektiv, sie sind die letzte Hoffnung und wo das Korrektiv fehlt, da ist die Macht eine große Versuchung, denn das was sie dort tun, auch wenn sie erst neunzehn Jahre alt sind, bleibt unkorrigiert, unangefragt, und vor allem bleibt es im Dunkeln. Die Menschen sind Ihnen ausgeliefert, so ist das und wir fürchteten uns. Vieles haben wir damals nicht verstanden, aber das wir mehr Macht hatten als Louis XIV haben wir begriffen, es gab keinen Mazarin und weil es keinen Mazarin gab, suchten wir uns ein Korrektiv.

Die erste die Arbeit im Slum kritisch begleitete war Frau Rajasthani, mit ihr eine Gruppe von Freundinnen und Frauen, die alle in Indien in irgendeiner Art engagiert waren. Fraunerechtlerinnen, Anwältinnen, Ärztinnen, alle dreifach so alt wie wir. „Habt ein Auge darauf, was wir tun“, sagten wir und noch bevor die Klinik wieder ein festes Dach hatte, gab es ein Board wie Microsoft und direkte Kontrolle von außen. Ansprechpartner für uns und für die Einwohner, aber das viel wichtigere Korrektiv kam aus dem Slum selbst. Von dem Geld was wir hatten, bezahlten wir zwei Frauen eine Ausbildung, Sunita wurde Hebamme und Rani Krankenschwester, beide leiten heute nach zehn Jahren mit uns zusammen die Klinik. Das jährliche Budget was wir haben, diskutieren wir zusammen und die beiden haben das letzte Wort.

Einfach ist das nicht immer und genau so muss das sein. Zum ersten Mal habe ich gedacht, dass die Klinik eine Chance hat, als Sunita und ich stritten über die Notwendigkeit einen externen Zahnarzt zu beschäftigen. Damals sagte Sunita: Accha, ich habe dir zugehört, aber ich glaube du liegst falsch. Das war der Moment in dem das Machtungleichgewicht einfach kippte und sie entschied. Wir streiten uns immer noch um den Zahnarzt.

Das dritte Korrektiv aber, sind die Bewohner selbst. Sie entscheiden, was wir machen, was sie brauchen und nicht allein wir. Vor ein paar Monaten war Geld übrig und das ist Geld, über das wir nicht nach Gutsherrenart verfügen und deshalb lassen wir abstimmen. Jede Gruppe im Slum kann Vorschläge einbringen und dann gibt es Wahlen. Natürlich sind die Wahlen viel einfacher, als in der übrigen Welt. Es gibt große Kartons und die Stimmen werden ausgezählt. Es sind immer Piktogramme, denn nur weil man nicht lesen kann, heißt das noch lange nicht, dass man nicht entscheiden kann, Ideen hat und gehört werden muss. Mit einer Mehrheit die an SED Parteitage erinnerte, stimmten die Bewohner für das pflanzen von Bäumen und Sträuchern und für das Anlegen eines Nutzgartens im Klinikhof. Ich wäre niemals auf die Idee kommen, obwohl es doch so einleuchtend ist: alle Menschen haben Sehnsucht nach Grün. Jetzt pflanzen wir Bäume.
Das Gute daran ist nicht nur bessere Luft und Hummelgesumm, sondern Entscheidungsmöglichkeit und Macht darüber wie man leben will. Das hat übrigens größere Auswirkungen als wir dachten, denn als wir anfingen da waren die Raten häuslicher Gewalt sehr viel höher, wer selbst immer einstecken muss, teilt aus und das oft gegen die eigene Frau. Aber wer mitbestimmt, ist selbstbewusst und tritt nicht so fest zu. Weniger Macht für alle, ist wirklich gut und wenn Abstimmungen, Versammlungen, Streit und Neid auch mühsam sind, so machen sie am Ende alle stärker, selbstbewusster, aufmerksamer gegen Machtmissbrauch. Es hat anderthalb Jahre gedauert bis die ersten Bäume gepflanzt wurden, aber dafür sind es Bäume mit demokratischer Legitimation und kein Baum wir rausgerissen und zerstört.

Heute bin ich 30 und S. ist 42, es ist eine andere Klinik geworden als wir es uns damals vorstellten, es gibt keinen Chefarzt, dafür gibt Sunita, Rani, S. und mich, es gibt noch immer das Board von Frau Rajasthani, alle die in der Klinik arbeiten sind Frauen, alle die in der Klinik arbeiten entscheiden mit, alle die in die Klinik kommen, entscheiden mit und natürlich gibt es eine Beschwerdestelle, auch mit Piktogrammen, Rechte sind für alle da. Manchmal sitze ich vor einer Tür und höre mir an wer wen heiratet oder trinke einfach nur Tee, dann gehen Leute vorüber, sie sagen: „Das ist unsere Klinik“ Dann hüpft mein Herz doch noch einmal so, als wenn es noch immer 19 Jahre alt wäre.

Was schenken wir uns zum Jubiläum sagte der S. letztes Jahr. Wir tranken Tee in Paris. „Wir gründen eine Schule neben der Klinik“ sagte ich, „eine Schule ist noch ein Korrektiv und irgendwann müssen wir dann schrecklichen Notar nicht mehr bezahlen, der sich um die Dokumente der Einwohner kümmert.“ Der S. lachte, dann lass uns mal hören was Sunita und Rani sagen. Ich nickte und natürlich Frau Rajasthani. Mit der einstimmigen Zustimmung haben wir nicht gerechnet. Aber eins ist klar in das Klassenzimmer kommt ein Bild von Mazarin nicht vom Sonnenkönig.

Von den großen Entwicklungshilfsorganisationen haben wir uns immer fern gehalten. Leicht ist es uns nicht gefallen, manchmal war die Verantwortung trotz aller Korrektive zu groß, manchmal war das Geld einfach zu knapp, manchmal sind wir so müde, aber bereut haben wir es nie.

Für einen kurzen Moment dachte ich, es gäbe vielleicht wirklich endlich eine Debatte über die Machtstrukturen in der Entwicklungshilfe und Impulse für die Frage, die mich seit elf Jahren beschäftigt: wie schafft man sich selbst ein Korrektiv. Leider verläuft die Debatte wie so oft ganz woanders und wie so oft bleiben die Stimmen in Haiti ungehört, dafür tragen Wissenschaftlerinnen sehr weit weg von Port au Price, Juba oder Delhi lautstarke Konflikte der westlichen Welt aus, die in Indien keine sind.

„Accha, sagte Sunita, wie schön, dass ihr an eine Schule denkt, aber was ist mit einem Kindergarten?“ „Falls es euch noch nicht aufgefallen ist, aber es gibt Frauen, die arbeiten.“ „Accha, sagte ich, Sunita noch etwas Tee“ und dachte: „von wegen einstimmig.“

Kosmisches Ungleichgewicht

Manchmal und noch immer hat die Wissenschaft nicht erwiesen wieso, da gerät das kosmische Gleichgewicht aus den Fugen. Meiner bescheidenden Ansicht nach, geschieht das immer in jenen Nächten in denen Sonne und Mond sich schlecht vertragen. Natürlich liebt die Sonne den Mond, aber manchmal vor allem in den langen Februarnächten, da zieht sie goldene Lackschuhe an und trifft Poseidon für einen Tanz oder zwei auf dem Meeresboden und erst gegen vier Uhr kehrt sie barfuß und mit den Schuhen in der Hand zurück. In diesen Nächten aber zürnt der Mond, schenkt sich Cognac ein und verflucht, dass er sich ausgerechnet so in die Sonne verliebte, wie er es eben tat, natürlich hat auch der Mond mehr als einen Stern geküsst, aber niemals , dass weiß er selbst zu genau, wird jemand die Sonne an seiner Seite ersetzen können. In diesen Nächten also in denen die Sonne tanzt und lacht, da streift der Mond sich einen roten Morgenmantel über, schenkt sich Cognac nach, beugt sich über den Balkon starrt finster auf das dunkle Meer herunter, dann fällt sein Blick auf ein windschiefes Haus, am Rande eines kleinen irischen Dorfes, dort gähnt ein Fräulein am Fenster und der Mond reibt sich die Hände: „Der will ich es schon zeigen“ , sagt der Mond und reibt sich die Hände.

Das Fräulein aber das eben noch gähnte, zieht die Beine zu sich heran und zieht sich ihr altes Schlaftuch über den Kopf und schläft nichtsahnend ein. Neben ihr atmet leise der Tierarzt auf dem Sessel neben dem Fenster träumt die Katze vom Mäusefasching, auf dem Teppich mit den alten Rosenranken schnarcht der Hund und schon schlafe auch ich. Aber auf dem Balkon steht eben auch der Mond, steckt sich eine Zigarre an, füllt noch einmal eine Handbreit Cognac in sein Glas und lacht.

Unten im Haus schreckt ein Fräulein aus dem Schlaf. Es erwacht mit schauderhaftem Durst, einem Durst der in der Kehle brennt und das Fräulein setzt sich auf, denn zu diesem Behufe ist doch eine Flasche Wasser neben dem Bett deponiert. Beim Versuch die Flasche zu erreichen, reiße ich den Bücherstapel um, die Flasche kippt um, das Wasser läuft aus. Ich fluche mit zusammengebissenen Zähnen, tappe ins Bad und wische das Wasser auf, dabei rutsche ich auf einem der Stoffschlappen aus, die der Hund stets mit voller Begeisterung zerkaut, krach, bumm, autsch. Ich reibe mir die Schulter. Von fern auf dem Balkon lacht der Mond heiser. „Da geht noch was“, sagt er, aber erst einmal schlafe ich wieder ein.

Dann wache ich auf, aber eigentlich schrecke ich auf, denn in meiner Vorstellung steht die Haustür offen und wahrscheinlich lauern schon Räuber mit einem Beutel in der Hand um die alte Standuhr wegzutragen, ich tappe die Treppe hinunter, die Haustür ist verschlossen, die alte Standuhr geht wie gewöhnlich zwei Minuten nach. Ich schüttle den Kopf über mich, der Mond schüttet sich aus vor lachen.

Ich schlafe zum dritten Mal ein und der Mond setzt Tee auf. „Warte nur „sagt er, dann kläfft ein Hund, der Hund so glaube ich kläfft direkt vor dem Fenster, ein schauderhaftes Kläffen, ein Bellen aus den Tiefen der Hölle, ein sich immer weiterschraubendes Gekläff, ohne Ziel und ohne Ende. Ich stehe auf und strecke den Kopf aus dem Fenster. Vor dem Fenster kläfft kein Hund, ich lege mich wieder hin, ich zähle Schäfchen und als Schäfchen No. 14 über das Weidegatter hüpft und ich kurz davor bin erneut zu entschlummern, setzt das Kläffen wieder ein. Ich murmele: „So nicht, so nicht“, angle nach den Pantinen und stürme hinaus in den Garten. Im Garten Stille. Selbst das Gras atmet lautlos, der Himmel schweigt, der Kirchturm St Sylvester ist nur ein dunkler Schatten, von nirgendwo tönt Hundegebell herüber. „Das ist doch nicht zu fassen“, murmele ich und krieche zurück ins Bett. Der Mond nimmt grinsend die Platte: Dantes Höllenhunde-Purgatorio in F-Dur vom Plattenspieler.

Ich drehe mich auf den Bauch und ziehe die Decke über den Kopf. Mögen die unsichtbaren Hund auch kläffen, was soll es mich kümmern, eine halbe Stunde knallt der hiesige Hund seine Pfote gegen meine Stirn, es ist halb vier, ich schrecke hoch. „Hund sage, ich was hast du?“ Der Hund jammert und seufzt. Ich angle erneut nach den Pantinen und der Hund und ich wandern in die Küche, ich besänftige den Hund mit Hundekeksen und trinke ein Glas Milch. Der Hund will aber auf keinen Fall mehr ins Schlafzimmer zurück, nun seufze ich, tappe nach oben und hole eine Decke, lege mich auf das Sofa und der Hund legt seinen schweren Hundeschädel auf mich und ich streichle den Hund in den Schlaf zurück. Der Mond grinst hämisch. Zu hübsch ist es doch den Hund mit kalten Fingern wieder und wieder am Schwanz zu ziehen.

Dann nicke auch ich noch einmal ein, ich träume erst von riesigen schwarzen Spinnen, die Strickmuster diskutieren und dann ist mir als drücke ein Schwall kalter Wind und eine Woge kalten Wassers die Wände und Fenster ein. Ich schrecke hoch, der Hund jault auf, bei meiner nächtlichen Suche nach dem kläffenden Hund muss ich die Terrassentür nicht richtig zugemacht haben und auffrischende Wind,Poseidon sieht natürlich danach, dass die Sonne sicher nach Hause kommt, traf die Tür und schon schwappten Wind und Wasser ins Haus hinein. Ich wische auf, der Hund zieht wieder ins Schlafzimmer zurück und der Mond hört nicht wie die Sonne barfuß und leise ins Haus zurückschleicht, die Schuhe fallen lässt, heftig gähnt, dem Mond die Hände auf die Augen legt und sagt:“Komm zwei Stunden haben wir noch.“ Ich aber gehe schwimmen, der Tierarzt stellt mir Tee und ein Stück Kuchen hin und ich erzähle ihm vom kosmischen Ungleichgewicht, der Sonne und Poseidon und dem Mond im roten Bademantel.

Der Tierarzt schweigt sich aus über den Zuckerberg in seiner Tasse und als ich meine Erzählung beende, sagt er: „Mädchen, man muss sich doch schon sehr wundern, dass Du keine Professur in Astrophysik hast.“

Der Hund schaut verdutzt, die Katze wie stets leicht ironisch amüsiert und ich nicke und seufze, denn schön wäre es doch der Frage des kosmischen Ungleichgewichts einmal näher als nur so am Frühstückstisch auf den Grund zu gehen.

Die letzte Karte

Version2.jpg

Am Ende sind es 336 Karten geworden.

Die letzte Karte habe ich am westlichsten Zipfel Irlands in einen Briefkasten geworfen. Es war eine Karte über die atlantischen Winde.

O_qJiFRi.jpg-large

Westerly winds/ let that sink in.

Spät am Abend wieder in einem kleinen irischen Dorf, aber blieb die letzte Karte leer.

Die schönste Karte in ein Gefängnis ist immer die Karte, die nicht mehr geschrieben werden muss.

Jeden Abend am grünen oder gelben Postkasten, auf der Post gegenüber des Markusplatzes in Venedig, in einer Postfiliale in St. Germain in Paris oder einem Postamt an der Ostsee habe ich mich gefragt: Ist das die letzte Karte? Aber immer kam eine neue Karte.

Die Freiheit hat das letzte Wort und Deniz Yücel hat die Freiheit wieder. Er kann wieder selbst sprechen, reden, streiten und schreiben. Vor allem schreiben. Das vor allem.

Ich habe die Karten an Deniz Yücel und Mesale Tolu nicht gern geschrieben, die Karten waren Geschwister der Feder von Dolores Umbridge, jede Karte tat ein bisschen mehr weh, jeder Tag im Gefängnis wiegt schwerer, ein ganzes Jahr Leben hat man Deniz aus den Händen genommen.

Ich habe das Gefängnis von Silivri oft gegoogelt, ich habe niemals einen Briefkasten am Tor von Silivri gefunden. Das hat mich mehr beunruhigt als ich zugeben will.

Ich habe im Gefängnis von Bakirköy in dem Mesale Tolu inhaftiert war angerufen. Der Tierarzt sagte: „Du kannst doch nicht einfach in einem Gefängnis anrufen.“ Aber ich habe angerufen und so lange in meinem Kauderwelsch- Türkisch gefragt, bis sie mir eine Adresse nannten. Gefängnisse haben Telefone habe ich gelernt. In Silivri nahm niemand ab.

Alle zehn Tage habe ich einen neuen Zehnerblock Briefmarken gekauft. Der Postbeamte fragte alle zehn Tage: „Und gibt es etwas Neues?“ Ich schüttelte den Kopf.

Ich weiß nicht was aus den Karten wurde, vielleicht hat der Postbote sie in den Bosporus gekippt, vielleicht hat die Poststelle in Silivri die Karten geschreddert, vielleicht hat jeden Morgen ein Beamter der Zensurstelle unter einem Erdogan-Bild auf die Karten gestarrt und ein leichtes Zucken im linken Augenlid blieb den ganzen Tag kaum wahrnehmbar, aber doch spürbar. Auf jeden Fall weiß man in Silivri jetzt, wer Heinrich Zille ist, da bin ich mir sicher oder vielleicht wissen es auch nur die Fische auf dem Grunde des Bosporus. Ich weiß es nicht.

Nach 200 Briefen fragte Franz Kafka, Felice Bauer, ob sie überhaupt seine Handschrift lesen könne. Ich habe lieber gar nicht erst gefragt.

336 Mal habe ich mir versucht vorzustellen, wie man die Welt beschreiben kann, wenn man allein in einer Zelle ist und nur eine Handbreit Himmel sehen kann. Ich habe es mir nicht vorstellen können, in diesem Sinne sind die Karten auch die wiederholte Geschichte eines Scheiterns.

336 Karten habe ich geschrieben und ich habe nicht gewusst, dass man dafür auch 336 Mal beschimpft wird. Aber so ist das gerade in Deutschland, daran muss man sich wohl gewöhnen und so habe ich eben mit den Achseln gezuckt über: „Du-schreibst-einem-Deutschenhasser-der-soll-im-Knast-verrotten-Du-willst-Dich-nur-groß-tun-du-machst-dich-wichtig-auf-Kosten-des-Elends-anderer-du-schreibst-nur-zweien-warum-schämst-du-dich-nicht.

Wer sich wirklich fragt,warum ich nur zwei Karten am Tag geschrieben habe, der google einmal Auslandsporto Irland.

Das hat mich müder gemacht als ich zugeben will.

Ich habe mich jeden Tag gefragt, ob es etwas hilfloseres als eine Postkarte gibt.

Ich habe darauf keine eindeutige Antwort gefunden.

Ich danke Frau Novemberregen,Frau ExcellensaMichaela,Winnie Rabensturmig,Antje und Nathalie, mit der schönsten Handschrift der Welt und all den anderen stillen „Postkartenschwestern“ für all ihre Karten und Worte, ihre Aufmerksamkeit und Zugewandheit und ihre stille Beharrlichkeit.  Von Herzen Dank, Sie sind so großartig wie wunderbar.

Der wunderbare The New Voice hat alle Karten zu einem Bild zusammengelegt.

Meine Schwester schreibt seit 280 Tagen an Ahmet Şık.

Der Tierarzt schreibt seit 300 Tagen an Mizgin Çay

Mein Vater und die liebe C. schreiben seit so vielen Tagen an Raif Badawi, dass ich mich nicht mehr traue zu frage, seit wie vielen genau.

Vielleicht schreibe auch ich noch einmal weiter. Ein richtiges, echtes Wort passt noch durch das kleinste Schlüsselloch, sagte meine Großmutter. Sie schrieb mir ein Leben lang.

An einem kühlen Sonntag Nachmittag habe ich die erste Karte geschrieben. Ich dachte, wenn es viele Karten werden, dann werden es vielleicht zehn.

Ein ganzes, langes Jahr lang hat Deniz Yücel im Gefängnis als Geisel der Regierung Erdogan verbracht.

336 Karten habe ich an ihn und 173 Karten an Mesale Tolu geschrieben.

Die letzte Karte blieb endlich leer.

Die Freiheit hat immer das letzte Wort.

Immer.

 

Das Herz eines Bären

„Komm Mädchen, sagt der Tierarzt, Du sollst ein Erdbeertörtchen haben, es ist Valentinstag.“ Hmmmjaaaoh, sage ich, denn ich mag Erdbeertörtchen furchtbar gern- „Einen Anruf noch, ja?“ Der Tierarzt nickt und überreicht der J., der besten Chefin der Welt einen roten Tulpenstrauß. Die J. strahlt und der Tierarzt strahlt auch. „Er habe lange überlegt bei den Tulpen sagt er, aber er fände rot stünde ihr doch am Besten.“ Die J. strahlt wie ein Honigkuchenpferd. Ich greife nach dem Wetterfleck und der Tierarzt überreicht der Auszubildenden Pralinen in Herzform. Die Auszubildende fällt fast in Ohnmacht.
„Gibt es irgendeine Frau, Tierarzt sage ich, der Du noch keine Valentinsgaben üebrreicht hast?“ „Ja, sagt der Tierarzt, Dich, deswegen sollst Du jetzt ein Erdbeertörtchen haben. Oder auch zwei oder drei.“
Die naturwissenschaftliche Logik ist unverkennbar.
Der Tierarzt trinkt Tee, ich esse- selig- ein Erdbeertörtchen. Neben uns am Tisch sitzt eine Frau mit einem riesigen, roten Plüschbären. Mit einer Hand hält sie den Bären fest mit der anderen Hand ihren Gefährten. Gemeinsam teilen sie sich ein Schokotörtchen.
„Habe ich Dir einmal die Geschichte erzählt, wie ich mich einmal wegen eines solchen Bären derartig blamiert habe, dass ich nicht nur das Gespött der Schule wurde, sondern auch meine erste große Liebe verlor?“ „Nein, sage ich Tierarzt, das hast Du noch nie erzählt.“ Der Tierarzt aber winkt den Kellner herbei und sagt: „Ein zweites Erdbeertörtchen für die Dame, bitte.“ Der Kellner sieht etwas verdattert auf das gefräßige Shetlandpony vor ihm herab, bringt dann aber doch ein zweites Törtchen an den Tisch. „Erzähl“, sage ich und der Tierarzt erzählt.

Damals vor vielen Jahren als ich einmal sehr jung war, so ungefähr, siebzehn Jahre alt, da war ich seit ungefähr 37 Tagen mit einem Mädchen zusammen, das Nora hieß. Nora war damals ein so ungewöhnlicher Name in der kleinen Stadt B. in der ich aufwuchs, dass ich mich allein schon ihres Namens wegen in sie verliebt hätte, denn damals hießen alle Mädchen Kate oder Meg oder Niamh. Aber Nora hieß Nora und hatte goldgelbe Ringellocken und trug einen echten Trenchcoat. Ich schrieb ihr einen Liebesbrief, steckte ihn ihr heimlich in eine ihrer Trenchcoattaschen und schlief drei Nächte lang nicht. Dann hatte auch ich einen Brief in der Schulmappe und zwei Tage später küsste ich sie hinter der Scheune des alten Paddy O’Toole. Dort küsste man sich damals in der kleinen Stadt B. Und oh dear, diese gelben Ringellocken. Eine Woche später war Valentinstag und der kleinen, aber etwas größeren Stadt D. war Kirmes. Ich beschloss mit Nora dort hinzufahren und ihr zum Valentinstag einen roten Plüschbären zu schießen, sie mit einem roten Liebesapfel zu füttern und vielleicht sogar mit ihr gemeinsam Kettenkarussell zu fahren- allein die Vorstellung wie ihre blonden Locken im Wind flogen. Oh dear.

Ich borgte mir das Moped meines älteren Bruders, damals hatte niemand in Irland auf dem Land einen Führerschein, sondern jeder fuhr halt irgendwann einfach mit einem alten Moped eines älteren Bruders los. Ich holte Nora ab und ich war der glücklichste Mensch auf der ganzen Welt als ich mit ihr auf dem Rücksitz der Stadt D. entgegenfuhr, allein ihr Kopf an meinen Rippen-oh Dear! Als wir die Stadt D. erreichten, war der Kirmes in vollem Gang und alle männlichen Besucher der Kirmes fielen fast in Ohnmacht vor Neid, alle Damen am Platze aber zischten Böses, über einen gewissen Trenchcoat und gelbe Schnittlauchlocken. Aber ich wurde noch ein bisschen mehr stolz und nahm Noras Hand. Dann kaufte ich ihr einen knallroten Liebesapfel und oh dear, die buttergelben Locken und das Apfelrot. „Komm sagte ich zu ihr, wie man so etwas sagt, wenn man 17 Jahre alt ist, ich schieße Dir jetzt den Bären den Du willst und dann zog ich sie herüber zur Schießbude. Dort saßen unendlich viele Bären, kleine, große, dicke, Bären mit Herzen und Bären mit einer Plastikrose im Arm. Ich flüsterte ihr ins Ohr: Darling,ich werde dir immer die Sterne vom Himmel holen und mit dem Bären fange ich an.
Das einzige Problem war nur: Ich hatte noch nie auf irgendwas geschossen. Ich wusste nicht einmal richtig, was eigentlich ein Luftgewehr ist, aber ich war schwer verliebt und fest entschlossen. Sie zeigte auf den größten Bären mit einer Flasche Liebesperlen um den Hals. Der Bär war aus schweinchenrosa Plüsch.
Aber dann war ein Mädchen im Trenchcoat eben doch etwas Besonderes und alle männlichen Besucher der Kirmes der Stadt versammelten sich um die Schießbude, um zu sehen_ how the lad was doing. The lad war ich und der Schießbudenbesitzer überreichte mir das Gewehr. Ich nahm das Gewehr falsch herum in die Hand. Der Schießbudenbesitzer grinste, ich strahlte Nora an: Du wirst sehen. Die Bären fuhren auf einer Art Rollband langsam im Kreis herum. Der riesige Bär, mit dem Schild: ‚I love you’ in den Pfoten und den Liebesperlen um den Hals saß in der Mitte des Bandes und war so groß, dass er nicht zu übersehen war.

Ich bezahlte für sechs Schüsse, nur um nicht kleinlich auszusehen. Der erste Schuss schoss über die Ohren des Bären hinweg. Die Menge um die Schießbude grinste. Der zweite Schuss prallte an der Wand der Schießbude ab, die Menge lachte, der dritte Schuss streifte das Ohr des Bären, die Menge johlte, der vierte Schuss ging auf den Boden, die Menge grölte, der fünfte Schuss prallte am Rollband ab, die Menge schrie vor Vergnügen, der sechste Schuss schlug ein Loch in die Markise und als ich mich umsah, stand Nora nicht länger neben mir. Allein die johlende Menge, es kamen immer neue Leute dazu, umstanden die Schießbude und schlossen Wetten ab, wie viele Schüsse ich noch brauchen würde, um endlich den Bären zu bekommen. Am Ende waren es dreizehn Schüsse und das wohl auch nur, weil aus reinem Zufall der Bär endlich vom Rollband fiel. Die gesamte Kirmes brüllte, johlte und schrie vor Lachen über den Schießvogel an der Schießbude. Mit dem Bären im Arm suchte ich Nora. Sie fuhr Autoscooter mit einem Jungen in blauem Blouson. Er hatte einen Arm um ihre Schultern gelegt und fütterte sie mit Zuckerwatte. Mich hat sie keines Blickes mehr gewürdigt. Ich stopfte den Bär in einen Mülleimer, aber die johlende Menge trug ihn mir nach. In der kleinen Stadt D. blieb nichts ungesehen. So klemmte ich mir schließlich den Bären auf den Rücksitz des Mofas und als ich auf der Straße zum Dorf zurück war, begann es in Strömen zu gießen. Irgendwann überholte mich ein weißer Passat, er hupte dreimal, aus dem Fenster streckte Nora mir die Zunge heraus. Am nächsten Tag wusste es die ganze Schule und Nora sprach nie wieder ein Wort mit mir.“

„Oy vey Tierarzt“ sage ich als der Tierarzt geendet hat, wie schrecklich, der arme Bär und Du.
„Ich wusste, dass Du das sagst“, lacht der Tierarzt, das Pärchen mit dem Bären am Nebentisch ist schon lange gegangen, und später dann als wir mit dem alten roten Volvo, zurück auf das kleine irische Dorf zurückschaukeln, da nickt er mir zu, „ich wünschte ich hätte dich damals gekannt Mädchen“, aber ich schüttle den Kopf. „Nein Tierarzt sage ich, ich war nicht mit 17 und auch nie danach ein Mädchen, mit dem man auf die Kirmes fährt.“
„Das meine ich nicht“, sagt der Tierarzt und wir fahren am Laden der Frau des Krämers vorbei. Happy Valentine’s Day steht auf einem Herz aus rotem Papier.

Was ich über den Uhrmacher weiß.

Ein Jahr lang, lebte ich schon in Irland, da blieb der alte Reisewecker meines Großvaters einfach so stehen. Genau um 2.30 Uhr mitten in der Nacht. Bei Weir&Sons schüttelte man den Kopf: „Der Wecker sei schrott, aber sie könnten mir einen neuen Wecker verkaufen.“
Ich schüttelte den Kopf.
Der Wecker blieb stehen und ich suchte einen Uhrmacher.

Ich suchte vier Wochen bis ich den Uhrmacher fand.

Der Laden des Uhrmachers ist am Ende einer kleinen, dunklen Straße. Die Straße ist eng und fast hätte ich den Laden gar nicht gesehen.

Im Schaufenster des Uhrmachers liegen keine Uhren. Im Schaufenster des Uhrmachers steht eine Vase mit künstlichen Blumen. Plastikrosen im Sommer, Plastiksonnenblumen im Herbst, im Winter ein Tannenbaum aus Plastik natürlich, im Frühling eine Primel. Die Primel ist dunkelblau und nicht aus Plastik. Sonst ist die Auslage leer. Uhrmacher steht auf dem Schild. Das Schild ist schwarz. Eine kleine Papptafel klemmt an der Tür: Watch Batteries.

Die Tür des Uhrmachers ist verschlossen. Man muss an die Tür klopfen, dann kommt die Frau des Uhrmachers und betätigt einen Schnapper, erst dann öffnet sich die Tür.

Der Laden ist klein. Nicht viel größer als eine Küche in einer Berliner Altbauwohnung. Eine Vitrine steht im Uhrmacherladen, die Vitrine ist fast leer, ein paar Ringe, ein paar Halsketten, Armbänder, Uhren sind nicht in der Vitrine. Hinter der Vitrine hängt ein Kalender. Der Kalender ist von 2002 und neben dem Kalender hängt eine billige Küchenuhr.

Mehr Uhren gibt es im Geschäft des Uhrmachers nicht.

Es riecht immer nach Suppe im Geschäft des Uhrmachers, egal ob man um 9 Uhr oder um 17 Uhr zum Uhrmacher kommt. Nur um 13 Uhr muss man nicht zum Uhrmacher kommen, denn dann schläft er. Das Sofa ist blau und steht hinter einem Vorhang, der Vorhang ist grün wie das Linoleum.

Der Uhrmacher selbst sagt: My wife does the talkin.’

Aber auch die Frau des Uhrmachers spricht nicht viel.

Damals als ich mit dem alten Reisewecker meines Großvaters zum Uhrmacher kam, schwieg der Uhrmacher und ich redete auf den Uhrmacher ein. Ich wollte den Uhrmacher unbedingt davon überzeugen, den Wecker zu reparieren. Der Uhrmacher schwieg und klemmte sich eine Uhrmacherlupe in das rechte Auge.

„Das ist eine gute Uhr“ sagte er.

Damit war es besiegelt.

Die Frau des Uhrmachers schreibt die Reparaturaufträge in ein grünes Buch aus festem Karton. Der Uhrmacher diktiert ihr. Er beschreibt die Uhren genau. Er sagt nicht: Ein alter Wecker, metall, grüner Zeiger. Er sagt: Reisewecker, metall, beleuchtetes Ziffernblatt, vermutlich 1962, Deutschland, Federspannung. Der Uhrmacher diktiert mit geschlossenen Augen. Seine Frau fragt nie nach, sie schreibt mit langen geschwungenen Buchstaben.

„Mittwoch können Sie kommen und den Wecker wieder abholen“, sagte die Frau des Uhrmachers. Der Uhrmacher nickte.

Auf der Vitrine klebt ein Schild. „Wie möchten die Kundschaft darauf hinweisen, dass wir uns das Recht vorbehalten, eine Uhr, die auch drei Monate nach der Reparatur nicht abgeholt wurde, zu veräußern, um unsere Unkosten zu decken.

„Gibt es denn wirklich Menschen, die ihre Uhren nicht abholen?“, fragte ich den Uhrmacher oder seine Frau, man weiß ohnehin niemals wer einem antwortet.

Der Uhrmacher zog eine Schublade auf. Die Schublade war voller Uhren. Herren,-Damen und Kinderuhren, sogar ein kleiner Wecker in Form eines Hahnes aus Porzellan war darunter.

„Was machen Sie denn mit den Uhren, wenn Sie sie doch nicht verkaufen?“, fragte ich den Uhrmacher. „Ich ziehe sie auf, was denn sonst?“, sagte der Uhrmacher. Ich nickte.

Manchmal kommen Kunden mit Uhren, die dem Uhrmacher nichts taugen. Uhren aus Plastik für drei Euro. „Das ist keine Uhr, sondern eine Schande“ sagt der Uhrmacher dann. Die Frau des Uhrmachers sagt: „Sie können die Uhr wieder mitnehmen“ Dann knallen die Kunden mit den Türen.

Der Uhrmacher repariert Uhren, aber Uhren verkauft er nicht.

Der Uhrmacher sagt: „Jede Uhr hat einen Charakter, die meisten Menschen haben keinen.“

Manchmal verkauft der Uhrmacher eine Kette, einen Ring oder ein Armband. Aber auch das macht der Uhrmacher nicht gern.
Der Uhrmacher sagt: Er hat schon viele Bräute auf Hochzeiten weinen sehen. Dann seufzt der Uhrmacher und seine Frau streicht ihm über die Hand.

„Die Uhr ist an ihrem Ende angekommen“, sagte der Uhrmacher einmal zu einer alten Frau, die zum dritten Mal ihre Uhr zur Reparatur zu ihm brachte. Die alte Frau seufzte, die alte Frau sah nicht so aus, als ob sie Geld für eine neue Uhr gehabt hätte, der Uhrmacher öffnete die Schublade mit den tickenden Uhren und legte der Frau eine Uhr in die Hand. So ist der Uhrmacher.

Heute brauchte meine Armbanduhr nur eine neue Batterie.

Der Uhrmacher sagt: „Die Uhr werden Sie lange haben, aber sie wird immer ein bisschen vor gehen, die Uhr ahmt ihren Träger nach.“
Ich muss lachen.

Vier Euro will der Uhrmacher für die Batterie haben.

Fünf Euro werfe ich in die Trinkgeldkasse des Uhrmachers. Die Trinkgeldose ist eine rostige Keksdose. Big Ben.

„Der Tierarzt, Uhrmacher sage ich, kommt nächste Woche, er braucht ein neues Armband für seine Uhr.“

Der Uhrmacher mag die Uhr des Tierarztes besonders gern. Die Uhr ist aus Frankreich. Der Uhrmacher war einmal mit seiner Frau in Lourdes. Der Uhrmacher ist ein frommer Mann. In der Vitrine des Uhrmachers neben den niemals abgeholten Uhren liegt ein Fotoalbum. Die Bilder im Album sind alle schwarz-weiß. Auf den Bildern ist der Uhrmacher zu sehen, neben einem alten Mann mit langem Bart. „Oben in Belfast bin ich Uhrmacher geworden“ sagte er, der alte Uhrmacherjude ist dann nach Israel. Der Uhrmacherjude war ein frommer Mann. Der Uhrmacherjude verstand sein Handwerk.

Ja, sagte ich.

Einmal fragte ich den Uhrmacher, wie lange es sein Geschäft noch gäbe und ob er denn Kinder hätte. „Kinder hätte er keine“, sagte der Uhrmacher, das Geschäft aber würde es geben, bis und dann zeigte der Uhrmacher auf seine Brust, bis die Uhr hier drin aufhört zu schlagen.“

„Ziehen Sie die Tür fest hinter sich zu“, sagt die Frau des Uhrmachers.

Manchmal macht sie dann noch eine Bemerkung über das Wetter, der Uhrmacher nickt. Der Uhrmacher macht niemals eine Bemerkung über das Wetter.

Das ist alles,was ich über den Uhrmacher weiß.

Sonntag

In der Nacht zieht der Sturm vorüber, am Morgen ist der Himmel klar. Der Himmel ist blau und kalt ist die Welt früh am Morgen, die Möwen sitzen auf dem Gartenzaun, die Katze liegt auf der Fensterbank. Der Tierarzt schläft, der Tierarzt schläft viel in diesen Tagen, das sagte ich schon, ich wiederhole mich oft. Der Hund will mit ans Meer. Die Katze interessiert sich nicht für nasse Pfoten. Der Hund ist zu alt für den Weg an den Klippen hinunter, wir gehen ins Unterland. Die Frau des Krämers steht schon im Laden: „Sie sind vom Wahnsinn gebissen“ schreit sie Fräulein Read On, „Sie holen sich den Tod.“ Die Frau des Krämers hat Lockenwickler im Haar, ihre Schwester feiert Geburtstag im Golf-Hotel. Es darf getanzt werden, die Frau des Krämers schüttelt den Kopf, Fräulein Read On, was soll nur aus ihnen werden. Ich trage keine Lockenwickler sondern einen alten Schafswollpullover des Tierarztes, der mir bis zu den Knien reicht, Kniestrümpfe und alte Pantinen, über allem trage ich einen Wetterfleck. „Was macht der Tierarzt?“ fragt mich die Frau des Krämers. „Der Tierarzt schläft viel, wiederhole ich in diesen Tagen.“ Die Frau des Krämers schüttelt den Kopf. Wenn Sie doch nicht ins Dorf gekommen wären, sagt die Frau des Krämers, dann hätte der Tierarzt schon längst meine Tochter geheiratet , wir hätten einen Studierten in der Familie, wir hätten ihn uns schon groß gefüttert.“ Ich sehe die Frau des Krämers müde an, „der Tierarzt, Frau des Krämers heiratet niemanden mehr.“

Dann stehen wir im Laden und sehen dem schmalen Sonnenstreifen zu der durch das Fenster fällt, so schmal wie der Tierarzt, lehnt er im Rahmen der Tür. Dann gehen der Hund und ich zum Meer herunter, das Meer ist spiegelglatt und himmelblau, das Meer ist so kalt. Der Hund taucht seine Pfoten ins Wasser schüttelt den Kopf und legt sich in den Sand. Ich aber renne ins Wasser, findet man erst den Atem wieder, wird es schön, ich schwimme gemeinsam mit hier überwinternden Vögeln zur roten Boje hinaus, auf der roten Boje frühstückt eine Möwe und nickt mir kurz zu. Das Wasser schlägt über meinem Kopf zusammen, für einen Moment ist die Freiheit grenzenlos. Blaue Lippen, blaue Zehen, den Kopf im Handtuch, der Hund schüttelt den Kopf. Später wird er trotzdem mit den feuchten Pfoten vor der Katze promenieren, man kennt das ja.

Ich wickle mich wieder in den Schafwollpullover, in Strümpfe, Schuhe und Wetterfleck, die Sonne steigt höher, der Wind nimmt zu, grün bemoost sind die Steine. Vorsicht sage ich zum Hund, das sind schlafende Riesen, weck sie nicht auf. Der Hund und ich wandern mit äußerster Vorsicht an den Zehen der Riesen entlang. Der Schiefer ist rutschig und glatt, in einem Priel finde ich eine rosa Muschel. Perlmuttglanz denke ich und lasse sie vorsichtig in den Wetterfleck gleiten. Der Hund und ich teilen geschwisterlich einen warmen Himbeerscone, kaufen zwei weitere, winken dem alten Joe Reilly, der repariert die Taue, damit es kein Unglück gibt, Fräulein Read On, wärmen sie sich gut auf.

Zurück im Oberland bekommt die Katze Milch, der Hund Wasser, dann zieht der Tee und ich steige die knarrende Treppe hinauf. „Bist Du wach?“, flüstere ich dem Tierarzt ins Ohr? Salzwasser tropft mir aus den Haaren. Der Tierarzt lacht: seit wann kommen die Meermmsellen ans Land. Seitdem die Meermamsellen nur mehr Beine habe, sage ich und reiche dem Tierarzt: T-Shirt, Pullover, Hose und Socken an. „Komm in die Sonne“, sage ich und wir ziehen die Stühle an die Mauer, die das Haus von der Kirche St. Sylvester trennt, der Rasenfleck vor der Mauer konserviert den Sommer selbst im Februar. Der Tierarzt schlürft Tee und schweigt sich aus über den kleinen Zuckerberg auf dem Grund der Tasse. Ich lege ihm die rosa Muschel aufs Knie. Sie Tierarzt, wer weiß vielleicht hat diese Muschel Eltern aus der Südsee gehabt, vielleicht lag die Muschel einmal in der Hand einer schönen Frau auf einem Ausflugsdampfer irgendwo im milden Süden.
„Liebling sagte sie: Diese Muschel will ich haben. Diese oder keine. Einen Ohrring lass mir daraus machen. Einen Ohrring ganz allein für mich. Einen Ohrring um dem mich alle Frauen beneiden. Aber dann schwankte das Boot, von einer heftigen Welle getroffen, der Mann dessen Namen von der Geschichte lang schon vergessen ist, hielt sich in seiner Not an einer ganz anderen Frau fest und alles kam anders, als einmal gedacht, die Muschel aber ging über Bord und so viele Jahre später fiel sie mir ausgerechnet unten am Strand in die Hand.“

Der Tierarzt lacht: Mädchen sagt er, Mädchen , versprich mir, hör niemals auf die Dinge nach ihren Geschichten zu befragen.

Ich schüttle den Kopf. „Tierarzt sage ich nur Du und ich sind so sentimental, der Welt verlangt es nach anderen Dingen.“ „Eigentlich wollte ich Dir etwas ganz anderes erzählen.“ Der Tierarzt schweigt über den nächsten Löffel Zucker, der in seiner Teetasse verschwindet und sagt: „Erzähl.“ Die Katze stolziert über die Steine und hopst auf seinen Schoß, der Hund schleppt verbotenerweise einen Pantoffel heran und legt mir den Kopf auf das Knie.

„Ich war doch vorhin bei der Frau des Krämers, die heute auf einen Geburtstag im Golfhotel geht, ich bezahle Scones, ich ratsche mit ihr, ich wende mich schon zum Gehen, da sehe ich ein Schild im Schaufenster kleben: „Final Blitz“ steht auf dem Schild. Die Frau des Krämer sagt: „Nehmen Sie es mir nicht übel Fräulein Read On, nichts gegen Sie, aber am Montag kommt eine deutsche Touristengruppe und das verstehen die Deutschen sofort.“

DVwePpOX0AARtwi

„Oh Dear“ ruft der Tierarzt und lacht sein Sommerlachen, die Katze grinst, der Hund hechelt, ich lächle mit und die Sonne hoch über dem Kirchturm St Sylvester schüttelt den Kopf. „Derartige Albereien an der Kirchhofmauer“, sagt sie.

Bestimmt.

Woanders ist es auch schön

Die Wissenschaft, das Geld und überhaupt.

Die verehrte Miss Kitty, die bald, da bin ich mir sicher geadelt wird, baut um, baut auf und macht einfach und wir dürfen mit durch das Schlüsselloch schauen.

Heute beginnen, so ließ der Tierarzt mich wissen, beginnen die Olympischen Winterspiele, ich hatte schon wieder vergessen, dass es auch im Winter Olympiaden gibt und war zu nachtschichtmüde, um dem Tierarzt in der Annahme zu widersprechen, dass Kälbchen sich auf dem Eis sicher hervorragend machte. Hervorragend aber ist diese Recherche über das systematische Doping im russischen Staatssport.

Frau Frische Brise weiß etwas über die Liebe und Torten. Beides steht in jeder Hinsicht in einem nicht zu unterschätzendem Zusammenhang.

Herr Buddenbohm hat den Offline-Knopf zum Bloggen gefunden. Man staunt.

Einmal Herzwärme zum Freitag.

Ich hoffe trotzdem, dass bald wieder Drachen fliegen in Lahore

Tierarzt, hast Du Musik für uns? Der Tierarzt tanzt schon die Treppe hinunter, dreht eine Pirouette, wirft sich den Schal um den Hals und summt: aber immer doch. Sollte Kälbchen je auf dem Eise reüssieren, dann zur Musik von Sudan Archives. Well then.