Der letzte Sonntag

Vielleicht wird dieses Jahr, das Jahr der Abschiede, denke ich mir und sehe aus dem Fenster in den Kirchhof herüber. St Sylvester läutet 12 Uhr und die Kirchgemeinde läuft durch die Kirchentüren hinaus und die Straße herunter. Gleich wird der Priester die Kirche zusperren, den Talar auf einen Bügel hängen, sich die Hände waschen, in einer halben Stunde wird der Priester im Türrahmen stehen und sagen: Fräulein Read On, ich störe doch nicht?“ Ich werde sagen: „Aber Priester, nur zu, Sie stören doch nie.“ Der Priester begrüßt Katze wie Hund, nur um sich umzudrehen und zu sagen: „Fräulein Read On, wie kommt es, dass es jeden Sonntag noch besser duftet, als am vorherigen Sonntag? Ich werde etwas über das Auge des Betrachters anmerken, der Tierarzt befüllt unterdessen die Wasserkaraffe und ermahnt Hund wie Katze, wenigstens am Sonntag doch etwas Benehmen zu zeigen.

An jedem Sonntag in den vergangenen vier Jahren, an dem ich in Irland war, stand der Priester um 12.30 Uhr im Türrahmen. Gestern kam er zum letzten Mal, heute da kommen die Umzugswagen, denn der Priester verlässt das Dorf und auch Irland. Im Sommer, da kam er an einem gewöhnlichen Dienstag herüber, saß auf dem alten, grünen Sofa und sagte: „Fräulein Read On, Sie sollen es von niemand Anderem erfahren, aber der Orden ruft mich nach Italien zurück. Der Priester zeigte mir ein Bild, ich schluckte und sah auf den blauen Himmel, das Ocker der Häuser, die schneeweiße Kirche, die keine Ähnlichkeit hat mit dem trotzigen Kirchturm St Sylvester, und dachte wie oft der Priester sagte, den Blick zum Meer gewandt: „Es ist eine andere Erde.“ 35 Jahre hat der Priester in Italien verbracht und nun kehrt er zurück, St. Sylvester aber und der kleine Kirchsprengel, bleiben zurück, neu besetzt wird die Pfarrstelle nicht mehr, denn die Gemeinde ist viel zu klein.

Aber noch war die schneeweiße Kirche nur ein Bild und der Priester noch immer da. Aber gestern, da stand ich am Fenster und sah auf den Kirchhof und dachte daran, wie es war, als ich ins Dorf zog und so einsam war, wie nie zu vor. Da gab es den Tierarzt noch nicht, der in der Besteckschublade rumort, in der Uni kannte ich keinen und auch sonst war ich sehr allein und nichts war irisch-heimelig oder romantisch-global oder Expat-exciting. Die Frau des Krämers sagte: „Ausländer sehen wir hier nicht so gern“ und die Katze starrte feindselig zu mir herüber, ich war allein und die Stille war lauter als alles andere, lauter selbst das Meer vor dem Fenster. Eines Nachmittags hängte ich Wäsche im Garten auf und plötzlich rief jemand vor der Kirchenmauer herüber: „Darf ich mich vorstellen?“ „Ich bin der Priester.“ Ich schluckte und rief: „Ich bin der Jude.“ Der Mann am Gartenzaun lachte und sagte: „Hat der Jude auch einen Namen?“ Ich sagte: „Weiß ihr G*tt nicht alles?“ Der Mann auf der Gartenmauer lachte und ich sah ein schmales Gesicht, eine randlose Brille, zu kurz geschnittene Haare und einen schwarzen Rollkragenpullover, das was ich sah gefiel mir und in sein Lachen hinein sagte ich: „Wollen Sie am Sonntag zum Essen herüberkommen?“ Ich wartete auf sein Nein, denn bis zu jenem Nachmittag war nein, das häufigste Wort meines irischen Aufenthaltes gewesen, aber während ich noch auf das Unvermeidliche wartete, sagte er: „Sehr gern. Was darf ich mitbringen?“ „Auf keinen Fall Kochschinken“, sagte ich und der Priester lachte wieder und winkte mir zu. Am Sonntag brachte er Margariten mit. Wir stritten uns von der ersten Minute an, über alles über die Kirche als solche, über die unbefleckte Empfängnis, über alle Päpste, über Straßenbau und seine Affinität zu Nagetieren. Am Ende des ersten Mittagstisches sagte der Priester: „Wissen Sie was, Sie sind schlimmer als die Jesuiten.“ Diesmal lachte ich und sagte: „Kommen Sie wieder?“ Der Priester kam.

An jedem Sonntag kam der Priester, wir aßen, ich kochte seine Kindheitserinnerungen nach ( nur den Schinken ließen wir aus ), und wir stritten kaum waren Kartoffeln und Stew verteilt, stritten so heftig, so beißend, so herzhaft lachend, dass die alte Standuhr quietschte, und während der Priester abwusch, setzte ich Tee auf und dann spielten wir Schach, natürlich nicht ohne fortgesetzte Streitereien über Irland an sich, Angela Merkel, das Konkordat von 1870, und einmal da erzählte mir der Priester von einer Frau im roten Kleid und ich im von einem Schatten in meinem Rücken und wir waren ganz still. Irgendwann, aber dazwischen lagen zwei Jahre, kam der Tierarzt dazu saß mit uns am Tisch und sprach vielleicht nach einem halben Jahr den ersten Satz: „Mir war nicht klar, dass es Menschen gibt, die so viel reden.“ Da lachten wir beide und inzwischen streitet auch der Tierarzt mit, streitet um Kopf und Kragen und der Priester und ich lachten und der Priester flüstert mir zu: „Ein Jesuit.“ Vier Jahre und viele Sonntage und immer öfter auch Mittwochs oder Donnerstags kam der Priester auf einen Sprung herüber und immer hoffte ich er bliebe noch länger.

Gestern stand der Priester noch einmal in der Tür: „Fräulein Read, ich störe doch nicht?, sagte er, ich schüttelte den Kopf. Der Tierarzt stellte die Gläser auf den Tisch, aber sein Platz blieb leer. „I leave you to it“, sagte er und nahm den Hund mit heraus. „Ich kann heute nicht mit Ihnen streiten, Priester“, sage ich und der Priester nickt. Ich schenke dem Priester ein Bild von St Sylvester, dem Kirchhof und dem kleinen windschiefen Haus. „Vergessen Sie uns nicht“, Priester. „Kommen Sie mich besuchen“, sagt er und ich nicke. Der Priester schenkt mir das Bild einer Amsel. „Fräulein Amsel“, so habe ich Sie genannt, bevor Sie erklärten, Sie seien der Jude“, sagt der Priester und legt mir den Schlüssel für St Sylvester in die Hände. „Bei Ihnen ist er in guten Händen“, sagt er. Ich sage: „Der Jude hat den Kirchturmschlüssel.“ Der Priester lacht, lacht so wie damals, als wir uns zum ersten Mal trafen an der Mauer, die den Kirchhof vom Garten trennt, der Priester lacht bis er weinen muss. Das Essen wird kalt und meine Hände sind es auch. Der letzte Sonntag im Jahr ist manchmal schon im Januar.

 

32 Gedanken zu “Der letzte Sonntag

  1. Abschiednehmen. Ein Gräuel.
    Manchmal scheint das Leben eine einzige Loslassübung zu sein.
    Ich wünsche Ihnen viel Kraft und das Glück, weiteren Weggefährten zu begegnen, die Ihnen Ihr großes Herz wärmen.

  2. Traurig, traurig, dass St. Sylvester und vermutlich auch ein wenig das Fräulein sich verwaist fühlen, wenn
    der sympathische, kluge Priester das Dorf verlässt.
    Welchem Orden gehört der gute Mann eigentlich an?
    Ich frage, weil ich einige Ordenspriester kenne, die nicht (mehr) dem Ruf des Ordens, sondern
    einer ‚Frau im roten Kleid‘ gefolgt sind. 😉

  3. Oh, wie traurig. Für die (wenn auch kleine) Kirchgemeinde, besonders aber für den Priester und Sie. Ich bin auch gar nicht gut im Abschied nehmen und Loslassen und wünsche Ihnen viel Kraft.

  4. Das Fräulein hat den Kirchturmschlüssel! (Aber nicht ständig läuten, okay?)
    Und jetzt auch leider sonntags wieder mehr Zeit.
    Ach wäre doch Irland nicht immer so weit weg, ich würde vorbeikommen, auch sonntags.
    Und wir könnten kochen und ein bisschen streiten, und Musik machen, Schach kann ich nicht, aber singen?
    Wir könnten unsere Kindheitserinnerungen kochen, und Indisch, und meinetwegen auch Irisch und Schottisch, und Latkes.
    Ich schick erstmal einen großen, langen Knuddel über die Irische See, vielleicht hilfts ja ein wenig, das entstandene Loch zu füllen. x

  5. Ich bin wirklich traurig über diesen Abschied. Können nicht mal Dinge einfach so bleiben wie sie sind?! Alles Liebe ❤

  6. Was für ein schrecklicher, wunderbarer Text. Darauf erst mal einen Schubert, auf dass die Tränen fließen. Good-bye, Reverend! And good luck in Italy. May Italy deserve you.

  7. Ich hasse Abschiede, besonders solche, die einem den Magen umkehren und das Licht scheinbar löschen.Einen Augenblick dachte ich, das rote Kleid mit der Frau darin zu sehen, dann war es verschwunden im irischen Grau. Halten Sie den Schlüssel fest, man weiß nie, wozu er passen mag!Sunni

  8. ach ach, ich weine. das tut weh. bei ihnen ist der schlüssel gut aufgehoben. wie das lachen und streiten des priesters. besuchen sie ihn bald. herzlichen abendgruß, eva

  9. Oh nein. Ich hoffe, es wird ihm gut ergehen. Und ich hoffe, Sie werden noch viele (andere) schöne Sonntage verbringen, und jemanden zum Streiten finden.

  10. Ich habe einen Kloß im Hals. Möge es den Priester gut gehen, wo auch immer er hingeht und mögen Sie einen neuen Sonntagsgast finden, mit dem man ähnlich gut streiten kann.

  11. Nein, doch nicht der Priester! Ich fühle mich, wie wenn einer meiner Lieblingscharaktere aus meiner Lieblingsfernsehserie aussteigt. Und frage mich gleichzeitig, ob das sehr unangemessen ist, so zu empfinden. Oder ob es sich durch die gewisse Distanz und Anonymität des Internets erklären lässt.

  12. Und so wurde in einem kleinen windschiefen Haus in einem kleinen irischen Dorf das jüdisch-christliche Abendland en miniature doch noch flüchtige Wirklichkeit. Den Beteiligten zur Freude, den Feinden zum Trotz und den Vor- und Nachgeborenen zur Mahnung.
    Ich gratuliere zu einem wahren Freund. Wie werden Sie es ohne ihn dort aushalten? Ich mache mir ernstlich Sorgen.

  13. Hier will dich jemand verletzen, der selber in Not ist. Hackordnung eben. Lass das nicht zu!

    Ich liebe Dein Blog, deine Geschichten, die Wärme, den Tierarzt, den Priester, das Kälbchen, die Katze, auch ein bisschen die Krämerin, und natürlich die Großmutter und und und all diese liebenswerten Kreaturen, von denen ich immer mehr erfahren will.

    Und am meisten liebe ich Deine kluge Herzenswärme, die mich rührt und von der ich nicht genug bekommen kann. I definitely MUST read on!

  14. Dieser Abschied tut mir sehr Leid für Sie. Vielleicht wird 2018 ja doch eher ein Jahr der Veränderungen als der Abschiede?

  15. Sonntags beim Mittagessen denke ich seitdem an Sie und den Priester, wo auch immer er sein mag. Denn so traurig der Abschied, so traurig sind doch auch die Sonntage danach, wenn man auf die Uhr blickt und weiß: „Jetzt müsste er eigentlich klingeln …“

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